16.2. bis 23.3.2026: Teilweiser Bestell-Stopp von ausgelagerten Beständen wegen Zügelarbeiten: Die vom Umzug betroffenen Bestände sind vom 16. Februar bis und mit 23. März 2026 nicht verfügbar. Wir entschuldigen uns für die temporären Umstände und bitten Sie um Verständnis.
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Across the Universe zum Walgesang

Das Audioarchiv des WWF

Die letzten Nachzügler sind im audiovisuellen Bestand des WWF integriert. Es handelt sich vor allem um Tonträger aus den 1970er und 1980er Jahren.

Der WWF versteht es bekanntlich meisterlich, seine Anliegen einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Das Logo mit dem Pandabären gehört zu den weltweit bekanntesten Brands. Die intensive Öffentlichkeitsarbeit mit Sammelaktionen, eigenen Zeitschriften, Kinowerbung, Briefmarken etc. spricht vor allem Kinder und Jugendliche an. Bis vor wenigen Jahren existierten in der Schweiz in mehreren Städten Panda-Boutiquen, die Plüschtiere, Kleider und Gadgets mit dem Panda-Logo verkauften. Etwas weniger bekannt und massenwirksam waren die Bemühungen des WWF, akustisch auf sich aufmerksam zu machen. Immerhin gelang es aber bis in die 1980er Jahre immer wieder, mehr oder weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler an Bord zu holen, die sich mit ihren Tonträgern in den Dienst des WWF stellten.

Bereits 1969 erschien die LP „No one’s gonna change our world“. Angestossen hatte das Projekt der britische Komiker Spike Milligan. Die LP vereinigt Songs von bekannten Bands wie den Hollies, den Bee Gees oder Cliff Richard. Besonders aufsehenerregend war, dass es Milligan gelungen war, einen bislang unveröffentlichten Song der Beatles als Opener zu präsentieren. Die Lennon-Komposition „Across the Universe“ sollte im Jahr darauf in einer etwas süsslichen Version auf dem letzten Beatles-Album „Let it be“ erneut erscheinen. Der für den US-amerikanischen und europäischen Markt konzipierte Sampler steht am Anfang einer neuen Ära von Benefizanlässen und Charity-Plattenveröffentlichungen. Allgemein gilt das von George Harrison initiierte Concert for Bangla Desh (1971 im Madison Square Garden in New York) als Auftakt für eine Reihe von ähnlichen Veranstaltungen, bei denen sich Musikstars auf die Bühne stellen, um den Hunger in Afrika oder AIDS zu bekämpfen.

Auch der WWF Schweiz sprang – in bescheidenem Ausmass – auf diesen Zug auf. 1970 veröffentlichten die Minstrels eine Single namens „Dodo“, und zwar auf dem neuen, WWF-eigenen Label Panda-Records. Die Minstrels waren die Shooting Stars der Schweizer Pop- und Folkszene, die 1969 mit „Grüezi wohl, Frau Stirnimaa“ ihren ersten und grössten Hit hatten. Die Jazzfreunde bediente der WWF Schweiz mit drei Tonträgern von Roland Fisch’s Wild Life Jazz Band. Zwischen 1970 und 1975 erschienen die drei Platten „Listen to the Tigers“ (Panda Records), „Swinging Dixieland Evergreens“ (Tell Records) und „Roland Fisch’s Wild Life Jazz Band plays for the World Wild Life Found“ (Panda Records). Als Support für die WWF-Kampagne „Das Meer muss leben“ veröffentliche der Bündner Liedermacher Walter Lietha 1977 die Single „Delphin“. Und 1979 nahm der ex-Sauterelles Toni Vescoli die fortschrittskritische Single „s’chunt immer druf aa“ auf. Damit war das Popmusik-aktive Jahrzehnt des WWF aber auch schon wieder vorbei, diesen Schluss legt zumindest die aktuelle Archivsituation nahe. Als Ausklang erschienen 1983 noch der Schlager „Lasst die Tiere Tiere sein“ der mässig populären Sängerin Bea Abrecht und 1986 die LP „Special Session für WWF“ einer Formation namens d’Wöschbrätt Band.

Inhaltlich geben die wenigsten Beiträge etwas her. Wer griffige Parolen, kluge Reflexionen oder eine substanzielle Auseinandersetzung mit ökologischen Themen der 1970er Jahre sucht, wird enttäuscht. Beim Sampler „No one’s gonna change our world“ reichten offenbar Titelreizworte wie „Universe“, „Tiger“ oder „Wings“, damit das Stück berücksichtigt wurde. Die Minstrels setzen sich immerhin mit dem Thema von aussterbenden Tierarten auseinander. Mit dem titelgebenden „Dodo“ fokussieren sie allerdings auf ein Tier, das bereits im 17. Jahrhundert ausgestorben war, und kleiden das Ganze in einen munteren Folksong. Die B-Seite („That Hippo Feeling“) ist ein Instrumental. Die Musik des Jazzers Roland Fisch (mit Unterstützung der Sängerin Sonja Salvis) ist ohne jeden Bezug zu Ökologie; Fisch will nach eigenen Aussagen mit seinen Werken nicht Jazzgeschichte schreiben, sondern „erhalten – durch unterhalten“. Dafür warten die Linernotes mit einem ideellen Bekenntnis auf: „Die Wild Life Jazz Band sind die akustischen Mitstreiter des WWF.“ Umweltschutz sei das Gebot der Stunde, der Einsatz für aussterbende Tierarten dringend nötig. Die Band unternahm sogar eine Tour in Afrika, bei der auch die Unterweisung lokaler Machthaber nicht zu kurz kam: „Auf einer Ostafrika-Tournee erläuterten die weissen Musiker mit den schwarzen Rhythmen Staatspräsident Kenyatta und den Eingeborenen der Tierreservate, was die Erhaltung der natürlichen Umwelt und der Tiere wert ist.“

Walter Liethas Loblied auf die Delphine war perfekt auf die Kampagne „Das Meer muss leben“ abgestimmt. Die Meeressäuger sind „guet und gschied“ und haben gar eine eigene Sprache, um unter Wasser zu kommunizieren. Merkwürdigerweise erschien die Single nicht bei Panda Records, sondern beim Label des Trio Eugster. Toni Vescolis „s’chunt immer druf aa“ vermittelt noch am ehesten die zeitgenössische Öko-Moral: Die Umwelt kann nur genesen, die Tiere nur überleben, wenn alle ihr Verhalten ändern.

Eine der letzten akustischen Veröffentlichungen des WWF Schweiz gelangte 1987 auf den Markt. Kurz vor der Lancierung der Zweitauflage der Kampagne „Das Meer muss leben“ entstand die Kassette „Der Gesang der Wale“. Ursprünglich als Prämie für die Neuanwerbung von Mitgliedern gedacht, konnte die Kassette während der Kampagne im Herbst 1987 auch käuflich erworben werden, als der WWF (wie bereits 1977) wieder zu Ausstellungszwecken mit einem präparierten Finnwal durch die Lande zog. Die Kassette vereint Aufnahmen von Buckelwalen, Pottwalen und Delphinen. Der WWF versuchte damit an den kommerziellen Erfolg anderer Walgesangskonserven anzuknüpfen. Vorbild war insbesondere die LP „Songs of the Humpback Whales“, mit der dem US-amerikanischen Zoologen Roger Payne 1970 ein Bestseller gelungen war: Innert kurzer Zeit wurden über 100‘000 Tonträger verkauft. 2010 wurde die LP sogar ins National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen. Die Faszination für die akustischen Äusserungen von Walen und Delphinen riss auch nach Paynes Grosserfolg nicht ab. Die Gründe dafür sind vielfältig. Paynes Aufnahmen waren eine Sensation, weil man erst seit wenigen Jahren überhaupt Kenntnis von diesen Lauten hatte. Die Walstimmen konnten isoliert aufgenommen werden, es gab keine anderen störenden Laute. Daraus entstanden tatsächlich liedähnliche Strukturen mit einem gewissen Wohlklang, der auch den tiefen Tonfrequenzen geschuldet ist. In den 1970er Jahren lancierte der WWF mehrere grosse Kampagnen zum Schutz von Tierarten, die vom Aussterben bedroht waren. Die Wale standen im Zentrum der Kampagne „Rettet die Meere“ (1977). Im Zuge dieser Aktion wurden neue biologische Erkenntnisse popularisiert: Die grossen Meeressäuger erhielten das Image von klugen, in matriarchalen Familienverbänden lebenden Tieren. Mit ihren Lautäusserungen waren sie ganz offensichtlich fähig, untereinander zu kommunizieren. Ihre Friedfertigkeit zeigte sich auch darin, dass sich die meisten Wale ausschliesslich von Krill ernährten. Früher gebräuchliche Zuschreibungen wie „Killerwal“ für diejenigen Wale, die sich nicht an diesen Speiseplan hielten, wurden mit einem Bann belegt. Akustischer Ausdruck all dieser positiven Attribute war der Walgesang. Dass seine Entzifferung nicht bis in Detail möglich war, tat der Faszination keinen Abbruch, sondern verlieh dem Phänomen noch eine zusätzliche, geheimnisvolle Aura. Der Walgesang gehört bis heute zu den wenigen tierischen Stimmen, die ausschliesslich positiv konnotiert sind.

Der kurze Einblick ins Tonarchiv des WWF Schweiz zeigt, dass populäre Musik offenbar nur bedingt geeignet ist, tierschützerische Anliegen zu transportieren. Was bis heute von den Anstrengungen des WWF auf dem Gebiet bekannt ist, deutet nicht darauf hin, dass man dem Medium (im Gegensatz zu anderen audiovisuellen Propagandamitteln) allzu grosses Entwicklungspotenzial zugestanden hätte. Das eigene Label Panda Records wurde offenbar in den 1980er Jahren wieder eingestellt.

> Das Tonarchiv des WWF Schweiz ist online: https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_1023

Digitalisiert wurden alle Eigen- oder Fremdproduktionen im Auftrag des WWF Schweiz. Auf die Digitalisierung von Eigenproduktionen wurde in den wenigen Fällen verzichtet, wo die Tonträger in den Findmitteln der Fonoteca Nazionale nachgewiesen sind.

Anspieltipps:
> Der Gesang der Wale
> Toni Vescoli: S’chunt immer druf aa

Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter erzählen

Abschluss des Oral-History-Projekts

Zwischen 2012 und 2017 führten die beiden Historikerinnen Nicole Peter und Anja Suter im Auftrag der UNIA ausführliche Gespräche mit Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern. Sie befragten Männer und Frauen, die in den 1930er und 1940er geboren wurden und in verschiedenen Funktionen jahrzehntelang für Schweizer Gewerkschaften tätig waren: als Zentralpräsidentin, Geschäftsleitungsmitglied, Vertrauensmann oder Migrationssekretärin.

Insgesamt führten Nicole Peter und Anja Suter 42 Interviews. Die mehrstündigen Gespräche folgen einem lebensgeschichtlichen Aufbau und sind grundsätzlich gleich strukturiert. Die Interviewten geben Auskunft über ihre Herkunft und den beruflichen und gewerkschaftlichen Werdegang. Besonders gut dokumentiert sind die sozialpolitischen und arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Entstehen von neuen Mitgliedersegmenten (MigrantInnen) und die sich verändernde Rolle von Frauen in den Gewerkschaften. Aus inhaltlichen Gründen wurde der Bestand ergänzt mit den 7 Interviews, die Rita Schiavi bereits in den 1980er Jahren mit GewerkschaftsexponentInnen geführt hatte.

Die Gespräche fanden wenn immer möglich in der jeweiligen Muttersprache der Interviewten statt. Die französisch und italienisch geführten Gespräche unterstützten Fabienne Kühn und Anna Luisa Ferro Mäder.

> Die Interviews sind in voller Länge an den PC-Stationen im Lesesaal des Sozialarchivs abrufbar. Online verfügbar sind aus vertraglichen Gründen nur kurze Ausschnitte.

Übersicht über die interviewten Personen:

Serie 1 (16 Interviews):
Yolanda Cadalbert, Henri Chanson, Heinz Dreyer, Rita Gassmann, Fernando Gianferrari; Marijan Gruden, Peter Küng, Dario Marioli, Peter Nabolz, Josiane Pasquier, Fritz Reimann, Roland Roost, Pierre Schmid , Vincenzo Sisto, Gilbert Tschumi , Max Zuberbühler.
Serie 2 (9 Interviews):
Christiane Brunner, Bruno Cannellotto, François Favre, Ruth Jäggi Ernst Jordi, Raffaelle Maffei, Martin Meyer, Hans Schäppi, Claude Vaucher.
Serie 3 (17 Interviews):
Renzo Ambrosetti, Peter Baumann, Manuel Beja, Franz Cahannes, Antonio de Bastiani, Daniel Heizmann, Francine Humbert-Droz, Bernd Körner, Fabienne Kühn, Beda Moor, Alfiero Nicolini, Vasco Pedrina, Andreas Rieger, Jacques Robert, Rita Schiavi, Fabio Tarchini, Vreny Vogt.
Interviews von Rita Schiavi aus den 1980er Jahren (7 Interviews):
Eduard Blank, Männi Gloor, Elsi Hasler, Walter Kobi, Elsi Hasler, Traugott Hasslauer, Ewald Käser

Gertrud Vogler mit Kamera auf dem Gelände des Autonomen Jugendzentrums Zürich, Oktober 1981 (Foto: Michel Fries; SozArch F 5111-013-012)
Gertrud Vogler mit Kamera auf dem Gelände des Autonomen Jugendzentrums Zürich, Oktober 1981 (Foto: Michel Fries; SozArch F 5111-013-012)

Gertrud Vogler (1936-2018)

Aus Gertrud Voglers Wohnung im Lochergut blickt man weit über die Gleisanlagen und über Aussersihl. Vor einem halben Jahrzehnt war ich dort zum ersten Mal zu Besuch – vorausgegangen war ein scheues Telefonat, das ich in meiner Funktion als Archivar des Sozialarchivs machte: ob sie sich vorstellen könnte, dereinst ihr fotografisches Werk im Sozialarchiv zu deponieren? Was bei anderen komplizierte Verhandlungen mit unwägbarem Ende zur Folge haben könnte, war bei Gertrud Vogler nach drei Zigaretten erledigt: Sie, die mich vorher nicht kannte, war nach dem Besuch einverstanden, ihr gesamtes Archiv dem Sozialarchiv zu schenken. Ein unschätzbarer Fundus für die Sozialgeschichte der Schweiz, Resultat von 25 Jahren aufmerksamem, kritischem und empathischem Schauen durch die Linse!

Gertrud Vogler begann Mitte der 1970er Jahre mit Fotografieren: Sie regte sich über die Qualität der Fotos auf, die in Publikationen der Frauenbewegung kursierten, und griff selbst zur Kamera. Ihr Augenmerk galt von Anfang an den sozialen Bewegungen, die sie dokumentieren wollte, «weil es sonst niemand macht». Als Auftragsfotografin arbeitete sie zuerst für verschiedene Publikationen, von der «Annabelle» bis zum «Vorwärts». Kurz nach der Gründung der WoZ kam die Anfrage, ob sie die Bildredaktion übernehmen wolle. Dort blieb sie bis zur Pensionierung 2003.

In diesen Jahren sind – teils im Auftrag der WoZ, teils aus ureigenem Interesse – eine Viertelmillion Fotos entstanden. Man kennt ihre Aufnahmen vom Platzspitz oder der Pariser Défense. Sie war in der Zürcher Jugendbewegung präsent und hat in besetzten Häusern fotografiert. Mit gleichem Engagement hat sie aber auch die Veränderungen des öffentlichen Raums durch penetrante Werbetafeln und die Vergitterung der Stadt dokumentiert. Und falls sie mal für einen Auftrag die Aktionärsversammlung einer grossen Bank fotografieren musste, hat sie neben Erwartbarem eben auch die Aushilfskräfte fotografiert, die mit den Stimmurnen durch die Massen eilten oder das Catering vorbereiteten.

Gertrud Vogler konnte Aufnahmen machen, wo den einen der Zutritt verwehrt war oder andere sich gar nicht mehr hin getrauten. In einer Zeit, in der Fotografen oft skeptisch beäugt oder als Spitzel verdächtigt wurden, genoss sie das Vertrauen der Szenen, die sie fotografierte – und die ihr am Herzen lagen.

Erschienen im P.S. vom 9. Feb. 2018

Erste-Hilfe-Kasten des Fahrwarts Walter Bachmann (SozArch F Oa-5242)
Erste-Hilfe-Kasten des Fahrwarts Walter Bachmann (SozArch F Oa-5242)

Bild + Ton: Neu online

Arbeiter-Touring-Bund

Der bestehende reichhaltige Bestand des Arbeiter-Touring-Bundes (ATB) konnte weiter ergänzt werden: Hinzugekommen sind 15 Sektionsfahnen sowie mehrere Objekte aus dem Alltag der Arbeiterradfahrer, zum Beispiel ein Erste-Hilfe-Kasten, der im Fahrradrahmen befestigt wurde und alle notwendigen Utensilien für medizinische Notfälle enthält. Das Material stammt grösstenteils aus der ATB-Sektion Wollishofen, die per Ende 2017 aufgelöst wurde, einen Teil der Aktivitäten aber unter dem neuen Namen Freizeitclub Wollishofen weiterführt.

Filme der Naturisten-Bewegung

1937 richteten Eduard Fankhauser und Elsa Fankhauser-Waldkirch das Naturistengelände in Thielle am Neuenburgersee ein. Der Mitgliederbestand wuchs bis 1948 auf 2’500 an, wozu die erstmals 1928 erschienene Zeitschrift «Die neue Zeit» wesentlich beitrug. Auch die 1961 gegründete gleichnamige Stiftung verfolgte als Ziel die Förderung einer gesunden Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreform. Der Film „neu hellas – I. weltsporttreffen und V. inter. kongress der fkk 1939“ zeigt NaturistInnen aus verschiedenen Ländern während der Wettkämpfe und in der Freizeit am Seeufer. Erhalten sind auch Sequenzen zur Vorgeschichte und zum Betrieb des Geländes zwischen 1935 und 1937. Zwei weitere kurze Filme geben Einblick in den Alltag in Thielle in den 1970er Jahren.

> https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_9072

Ebenfalls neu online

Folgende kleinere Film- und Videobestände konnten in den letzten Wochen ebenfalls digitalisiert und erschlossen werden:

Frauenbewegungsgeschichte digital

Ende August ist die interaktive Website „Neue Frauenbewegung 2.0“ mit einem grossen Launch-Event im Schweizerischen Sozialarchiv online gegangen. Die Seite wurde in einjähriger Arbeit von einem Forschungsteam der Universität Bern unter Leitung von Kristina Schulz im Rahmen eines Agora-Projekts des Schweizerischen Nationalfonds entwickelt und wird vom Sozialarchiv gehostet. An der Entwicklung hat ein Beirat mit Spezialistinnen und Spezialisten des Sozialarchivs, der Pädagogischen Hochschule Bern, der British Library, von lernetz.ch und weiteren Institutionen mitgewirkt.

Die Seite enthält thematisch geordnete Video-Clips von 18 Oral-History-Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie weitere Materialien, Hintergrundinformationen, didaktische Vorschläge und ein Quiz zur Schweizer Frauenbewegung seit 1968. Dabei werden die folgenden Themenfelder abgedeckt: Aktivismus und Emanzipation, Körper, Kunst und Kultur, Politik und Institutionen, feministische Räume, Netzwerke, Wirtschaft, Wissenschaft sowie Familie und Beziehungen.

Die Website vermittelt nicht nur historisches Grundlagenwissen, sondern bietet auch eine Plattform, die einen übergreifenden Dialog zwischen Forschung und Öffentlichkeit ermöglicht. Das Publikum erhält auf unterhaltsame Weise Gelegenheit, sich über die Neue Frauenbewegung in der Schweiz zu informieren, kann interaktiv eigene Erfahrungen hinzufügen und Diskussionen lancieren. Die Website ist primär für den Unterricht auf der Sekundarstufe II konzipiert, kann aber auch für die universitäre Lehre sowie die individuelle Bildung genutzt werden.

> www.neuefrauenbewegung.sozialarchiv.ch

Buch zur Website:
Kristina Schulz, Leena Schmitter, Sarah Kiani: Frauenbewegung – Die Schweiz seit 1968: Analysen, Dokumente, Archive. Baden 2014

Porträt von Fritz Schwarz, Aufnahmedatum unbekannt (SozArch F 5051-Fx-011)
Porträt von Fritz Schwarz, Aufnahmedatum unbekannt (SozArch F 5051-Fx-011)

Der Nachlass von Fritz Schwarz im Sozialarchiv

Mit dem Nachlass von Fritz Schwarz (1887-1958) befinden sich Unterlagen eines der wichtigsten Schweizer Vertreter der Freiwirtschaftsbewegung im Sozialarchiv. Der Grossteil des Bestandes wurde 2008 übergeben. Nun ist er um zwei Nachlieferungen erweitert und bietet verschiedene Ansätze für wissenschaftliche Arbeiten.

 

Freiwirtschaftliche Ideen gestern und heute

Die Freiwirtschaftsbewegung entstand in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie fusst auf den Ideen von Silvio Gesell. Die zentralen Forderungen: Grundbesitz sollte in Gemeineigentum übergehen und gegen Abgaben von Einzelpersonen genutzt werden können. Durch eine Regulierung der Geldmenge und sogenanntes Freigeld, das periodisch an Wert einbüsst, sollten Konjunkturschwankungen gemindert und Krisen verhindert werden. Geld sollte demnach nicht gehortet werden (was passiert, wenn es genügend Zinsen abwirft), sondern ständig in Umlauf bleiben.
Den grössten Zulauf hatte die Bewegung in den 1930er Jahren. In der Schweiz standen ihr etliche prominente Personen vor allem auch aus Kulturkreisen nahe, wie die archivierte Korrespondenz von Fritz Schwarz zeigt. Ihre Ideen wurden hingegen von Politikern des gesamten Parteienspektrums und auch von Ökonomen in der Regel ignoriert, belächelt oder bekämpft.
Trotzdem sind öffentliches Baurecht oder die Aufgabe des Goldstandards seit Jahrzehnten Tatsache, ebenso wie Negativzinsen heute von verschiedenen Finanzinstituten praktiziert werden. Auch aktuelle Regionalgeld-Projekte, die Idee einer bargeldlosen Gesellschaft oder die Vollgeld-Initiative, die vermutlich 2018 zur Abstimmung gelangt, knüpfen zumindest teilweise an freiwirtschaftliche Theorien an oder stehen in deren Tradition. Ob die Freiwirtschaft auf einzelne finanzpolitische Massnahmen reduziert werden kann oder als umfassendes Konzept gesellschaftlicher Organisation jenseits des Schemas Kapitalismus/Marktwirtschaft und Kommunismus/Planwirtschaft betrachtet werden muss, darf diskutiert werden.

Zur Person Fritz Schwarz

Soziale Gerechtigkeit war jedenfalls das Hauptanliegen von Fritz Schwarz. Er wurde am 1. Mai 1887 im oberen Krautberg (Oberthal) geboren. Zwischen 1902 und 1906 besuchte er das Lehrerseminar in Hofwil, Klassenkollege war unter anderem der spätere SP-Bundesrat Ernst Nobs. Zunächst noch überzeugter Sozialdemokrat, wandte sich Fritz Schwarz der Freiwirtschaft zu und war ab 1917 Geschäftsführer des Freiland-Freigeld-Bunds (später Liberalsozialistische Partei) sowie Redaktor der „Freistatt“ (später „Freiwirtschaftliche Zeitung“ und „Freies Volk“). Der definitive Bruch mit der SP manifestierte sich 1922 in einem Disput zwischen Schwarz und seinem früheren Kollegen Nobs. Schwarz kritisierte vermeintliche Inkonsistenzen in der marxistischen Wirtschaftstheorie. Nicht das Eigentum an Produktionsmitteln sei Hauptursache von Ungleichheit, sondern ganz im Sinne der Freiwirtschafter der Boden- und der Geldzins, welcher den Besitzenden Einnahmen ohne Arbeitsaufwand erlaube.
Umgekehrt werten marxistische Kritiker auch heute die Fokussierung auf den Zins als verkürzte Kapitalismuskritik, die zudem im Falle von Gesells Schriften anschlussfähig an antisemitische und sozialdarwinistische Ideen sei. Tatsächlich biederten sich in Deutschland in den 1920er und 1930er Jahren Teile der Freiwirtschaftsbewegung (vergeblich) bei den Nationalsozialisten an. In der Schweiz ist keine solche Tendenz auszumachen.

Finanz- und Sozialpolitik

Von 1934 bis 1958 sass Fritz Schwarz für den Schweizer Freiwirtschaftsbund bzw. die Liberalsozialistische Partei im Berner Kantonsparlament, von 1936 bis 1958 im Stadtrat von Bern. Er kritisierte die Deflationspolitik, welche die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre verschärfte. Daneben machte er sich für die Rechte von Frauen und Flüchtlingen stark, kritisierte Administrativversorgung ebenso wie die Zensur, von welcher auch die Freiwirtschaftlichen Publikationen betroffen waren.
Als Redaktor und Verleger zeichnete Schwarz für eine Vielzahl von Publikationen verantwortlich. In seinen Hauptwerken setzte er sich mit den Ursachen von Finanzkrisen auseinander und formulierte seine Idee von einer neuen Geld- und Bodenpolitik. Als Referent versuchte Schwarz die Bevölkerung mit unzähligen Vorträgen von den Ideen der Freiwirtschafter zu überzeugen.
Dass trotz ausbleibendem Durchbruch in der nationalen Politik einzelne Aspekte der Freiwirtschaftslehre durchaus Umsetzung durch ihre „Gegner“ fanden, illustriert folgende (nicht datierte) Anekdote aus der Biografie „Lebensbild eines Volksfreundes“, verfasst von Werner Schmid: „Einmal traf Fritz Schwarz … mit Jean Hotz, dem späteren Minister, zusammen. Etwas herablassend fragte Hotz, der einst die Freiwirtschaftslehre als ,Mist› definiert hatte, ob Fritz immer noch daran glaube. Darauf Fritz Schwarz ,Nume-no halb›. (Nur noch halb.) Erstaunt erkundigte sich Hotz nach dem Grund. Darauf Fritz: ,Will mer die angeri Hälfti afe im Bundeshus gloubt.› (Weil man die andere Hälfte schon im Bundeshaus glaubt.)“

Pädagoge, Reformer, Verleger

Schwarz stand Reformbewegungen nahe. Er ernährte sich zeitweise vegetarisch und war abstinent, leitete als Pädagoge das Institut „Pestalozzi-Fellenberg-Haus“ mit zugehörendem Verlag und Buchhandlung. Finanziell lebte Schwarz in schwierigen Verhältnissen. Er investierte viel Zeit unentgeltlich in seine politische und publizistische Tätigkeit und verschuldete sich u.a. mit den Druckkosten für die Werke des Schriftstellers Carl Albert Loosli.
Schwarz war ab 1910 verheiratet mit Anna Zaugg, aus der Ehe gingen die zwei Töchter Anny und Hedy hervor. Anna Schwarz-Zaugg litt an Lähmungen. Noch während der Ehe mit ihr verliebte sich Fritz Schwarz in Elly Glaser (1897-1978), welche er 1929 heiratete. Elly Schwarz übernahm die Leitung der zum Verlag gehörenden Buchhandlung. Kinder aus dieser Ehe sind Hans Schwarz und Ruth Binde, welche den Nachlass ihrer Eltern zusammenstellte und dem Sozialarchiv übergab.
Fritz Schwarz verstarb 1958. Seine Hauptwerke wurden in den letzten Jahren vom Synergia-Verlag neu publiziert. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich exemplarisch, wie stark sich die Wertung freiwirtschaftlicher Theorien geändert hat: Der damalige Nationalbank-Präsident Philipp M. Hildebrand liess sich 2010 wie folgt zitieren: „In der Tat sollten sich viele Ideen und Ansichten von Fritz Schwarz als visionär erweisen.“

Die Unterlagen im Sozialarchiv (Ar 162)

Der Nachlass gibt Einblick in das von Idealismus geprägte Schaffen eines der führenden Köpfe der Schweizer Freiwirtschaftsbewegung. Er enthält u.a. umfangreiche private und politische Korrespondenz mit prominenten Zeitgenossen (u.a. diverse Bundesräte, General Guisan, Albert Einstein), Freiwirtschaftern (u.a. Silvio Gesell, Hans Bernoulli, Werner Zimmermann, Theophil Christen, Friedrich Salzmann, Max Bill), Schriftstellern und Journalisten (Emil Ludwig, Hermann Hesse, Meinrad Liener, Jakob Bührer, Carl Albert Loosli). Zudem enthält der Bestand Werke, Fotografien, Zeichnungen und Objekte. Ebenfalls vorhanden sind die Korrespondenz von Ruth Binde rund um die Publikationen der Werke von Fritz Schwarz nach dessen Tod sowie Unterlagen zur Rezeption und zur Familiengeschichte.

Als konkrete Ansatzpunkte für wissenschaftliche Arbeiten bieten sich folgende Themen an:

  • Freiwirtschaft und Sozialdemokratie (Archivalien/Publikationen: Korrespondenz zwischen Fritz Schwarz und Ernst Nobs / Fritz Schwarz’ Ausführungen „Robert Grimm gegen Silvio Gesell!“ sowie „Der grosse Irrtum der Sozialdemokratie“)
  • Freiwirtschaft in der Schweizer Politiklandschaft während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre: Kritik an Deflationspolitik / Appellation an Bundesrat / Verhältnis zu anderen Parteien (div. Korrespondenz u. Publikationen)
  • Journalisten, Architekten, Lebensreformer, Abstinenzler? Die Schweizer Freiwirtschafter in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Korrespondenz zw. Schwarz u. div. Exponenten der Bewegung)
  • Das „Experiment von Wörgl“ und seine Rezeption in der Schweizer Freiwirtschaftsbewegung (Dossier mit Korrespondenz / Publikation)
  • Fritz Schwarz als Verleger von Carl Albert Loosli (Korrespondenz Schwarz-Loosli)
  • Fritz Schwarz, die Schweizer Freiwirtschafter und ihr Vordenker Silvio Gesell: Adaption der Gesell‘schen Lehre / Verhältnis Schwarz-Gesell (Korrespondenz zw. Schwarz u. Gesell)
  • Privatkorrespondenz eines Politikers: Welchen Stellenwert nimmt das Politische in Fritz Schwarz’ Briefwechsel mit Elly Schwarz-Glaser ein? (Korrespondenz zw. Fritz Schwarz u. Elly Glaser)

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl):

Archiv

  • Ar 162 Schwarz, Fritz und Elly, Privatarchiv

Bild + Ton

  • F 5051 Schwarz, Fritz (1887-1958)

Sachdokumentation

  • KS 32/229 Liberalsozialistische Partei der Schweiz LSP
  • KS 332/45 bis KS 332/49 Freiwirtschaft, z.B.:
    KS 332/45b-5 Schwarz, Fritz: Der grosse Irrtum der Sozialdemokratie. Erfurt, 1922.
    KS 332/45b-7 Schwarz, Fritz (Hg.): Robert Grimm gegen Silvio Gesell!, oder, Der Kampf gegen Freiland-Freigeld. Bern, 1921.
  • QS 38.31 Liberalsozialistische Partei der Schweiz LSP
  • ZA 38.31 Liberalsozialistische Partei der Schweiz LSP

Bibliothek

Zeitschriften

  • Die Freistatt: Zeitschrift für Kultur und Schulpolitik (1917-1921); Das Freigeld: Zeitschrift des Schweizer Freiland-Freigeld-Bundes (1922-1923) (Signatur: NN 64)
  • Freiwirtschaftliche Zeitung: Organ des Schweizer Freiland-Freigeld-Bundes (Signatur: Z 47 A)
  • Freies Volk: Wochenzeitschrift für das Schweizervolk (Signatur: Z 47)

Bücher

  • Schmid, Werner: Fritz Schwarz: Lebensbild eines Volksfreundes. Darmstadt 2008. (Signatur: 119611)
  • Schwarz, Fritz: Autosuggestion – die positive Kraft. Darmstadt 2007 (Signatur: 119165)
  • Schwarz, Fritz: Das Experiment von Wörgl. Darmstadt 2007 (Signatur: 119162)
  • Schwarz Fritz: Der Christ und das Geld. Darmstadt 2008 (Signatur: 119164)
  • Schwarz Fritz: Morgan: der ungekrönte König der Welt. Darmstadt 2008 (Signatur: 119166)
  • Schwarz, Fritz: Segen und Fluch des Geldes in der Geschichte der Völker, 2 Bde. Darmstadt 2010-2012 (Signaturen: 122447:1 / 122447:2)
  • Schwarz, Fritz: Vorwärts: zur festen Kaufkraft des Geldes und zur zinsbefreiten Wirtschaft. Darmstadt 2007 (Signatur: 119163)
  • Schwarz, Fritz: Wenn ich an meine Jugend denke. Darmstadt 2010 (Signatur: 122691)

Neu im Archiv: Urs Eigenmann, gesellschaftskritischer «Fernsehpfarrer» (Ar 192)

«Sie sind als gemein-gefährlicher Hetzer geboren – und mischen sich in Sachen, die Sie nichts angehen – an Stelle für den Frieden zu beten.» So und noch heftiger konnten Reaktionen auf das «Wort zum Sonntag» ausfallen, wenn Priester Urs Eigenmann dieses hielt. Der Theologe römisch-katholischer Konfession mischte sich in Sachen ein, die ihn in seinem Verständnis sehr wohl etwas angingen. Er scheute sich nicht, auch vor grossem Publikum pointiert Stellung zu aktuellen sozialpolitischen Themen zu beziehen. Entsprechend interessant ist der Vorlass, der sich neu im Sozialarchiv befindet.

Eigenmann (*1946) steht in der Tradition der Befreiungstheologen und der religiösen Sozialisten. Nach seinem Studium in Theologie und Philosophie an den Universitäten Luzern und Münster promovierte Eigenmann in Freiburg mit einer Arbeit über den brasilianischen Erzbischof und Befreiungstheologen Dom Hélder Câmara. Als Pfarrer amtete Eigenmann unter anderem zwischen 1984 und 1996 in Neuenhof und Killwangen. Von 1986 bis 1991 war er Sprecher der Sendung «Wort zum Sonntag» am Schweizer Fernsehen.

«Ich gehöre zu dem Teil der 68er-Generation, dessen Marsch durch die Institutionen noch nicht in der Toscana geendet hat», pflegte sich Eigenmann zuweilen vorzustellen, wie er in einem Interview mit Willy Spieler ausführte (Neue Wege, Band 100, 2006). Zentraler Begriff in Eigenmanns Leben ist das «Reich Gottes». Die «Reich-Gottes-Theologie» war von Leonhard Ragaz (1868–1945), dem Pionier der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz, entworfen worden. Eigenmann diskutiert den Begriff und seine Konsequenzen für das Christentum und die Gesellschaft in der Publikation «Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit auf Erden» (SozArch Hf 1587) ausführlich. Im Interview mit Willy Spieler beschreibt er das «Reich Gottes» nicht als fixen Zustand oder «in sich geschlossenes Modell, das es zu verwirklichen gilt». Vielmehr enthalte es «Perspektiven, Leitlinien, Optionen», um «Verhältnisse heute zu beurteilen und zu gestalten». Die sozial-politischen Folgerungen: «Für Jesus geht es nicht um eine Verbesserung, sondern um eine Umkehr unserer Verhältnisse. Wenn er den Armen, und zwar den Bettelarmen, das Reich Gottes verheisst, dann sind Verhältnisse, in denen es diese Bettelarmen gibt, mit dem Reich Gottes nicht vereinbar. Dann bedeutet die radikale Umkehr, dass die Letzten die Ersten, die Ersten die Letzten sein werden.»

Seine politisch-religiöse Position, seine Kritik am «mittelständisch-bürgerlichen Christentum» sowie an Teilen der katholischen Kirche selbst trugen Eigenmann neben viel Lob zuweilen harsche Kritik ein. Im «Wort zum Sonntag» thematisierte Eigenmann etwa: Asylpolitik, die Schweiz im 2. Weltkrieg, Patriotismus, Imperialismus, Militarismus, die Abschaffung der Armee, Rassismus, Sexismus, Umwelt und Gentechnik, Energiepolitik, Armut und Chancengleichheit, die Ernennung von Bischof Wolfgang Haas. Die umfangreichen Reaktionen reichten von Beifall bis hin zu Morddrohungen, und die Programmverantwortlichen beim Schweizer Fernsehen sahen sich mit Konzessionsbeschwerden konfrontiert.

Sämtliche 33 Reden von Eigenmann im Rahmen des «Wortes zum Sonntag», die Reaktionen darauf und diesbezügliche Korrespondenz sowie Zeitungsartikel zu Kontroversen finden sich im Vorlass von Urs Eigenmann. Ebenfalls enthält der Bestand die Manuskripte von über 650 Predigten und von zahlreichen Vorträgen. Umfangreich dokumentiert ist auch das Wirken von Dom Hélder Câmara (1909– 1999). Verschiedene Publikationen von Urs Eigenmann werden in die Bibliothek des Sozialarchivs aufgenommen.

Bild + Ton: Neu online

Radioschule klipp+klang (SozArch F 1032)

Die Radioschule klipp+klang organisiert in der Schweiz seit 1995 im Auftrag der Union nicht-kommerzorientierter Lokalradios (UNIKOM) und mit Unterstützung des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM) Aus- und Weiterbildungskurse für die Programmschaffenden der freien Radios und weitere Interessentinnen und Interessenten. Projekte im soziokulturellen und schulischen Bereich ergänzen das Profil von klipp+klang. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums 2015 entschied sich die Radioschule, das Audiomaterial aus Kursen, Kooperationen und Lehrgängen zu digitalisieren und zu erschliessen. Das Archivprojekt fand in Zusammenarbeit mit Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, statt. Online verfügbar sind nun fast 800 Aufnahmen aus den Bereichen Aus- und Weiterbildung, Empowerment, Kinder-/Jugendradio und Kunstradio.

„We are family“ (SozArch F 1040)

Margit Bartl-Frank hat 2015 und 2016 ausführliche Interviews mit ehemaligen Angestellten der Viscosuisse Widnau und Emmenbrücke geführt. Acht davon sind in Absprache mit den Interviewten im Sozialarchiv zugänglich.
Zwischen 1924 und 2005 produzierte das Werk in Widnau die Kunstfaser Viscose. Schweizweit waren auf dem Höhepunkt der Produktion Mitte der 1970er Jahre über 5‘000 Arbeiterinnen und Arbeiter bei der Viscosuisse tätig.
Margit Bartl-Frank hat in den Interviews den Schwerpunkt auf die Beziehungen der Arbeiter/innen untereinander gelegt – die Viscosuisse förderte den Austausch mit einem breiten Freizeitangebot. Ausserdem hat sie nach dem Gemeinschaftsleben der ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach der Pensionierung gefragt. Die Interviews waren Basis ihrer Master-Thesis unter dem Titel «We are family» an der HSLU (Design & Kunst, Master of Fine Arts, Art in Public Spheres).

Bild + Ton: Karl Hofmaier

Karl Hofmaier wurde am 17. Mai 1897 als Sohn deutscher Staatsangehöriger in Basel geboren. Er machte eine Lehre als Schriftsetzer und schloss sich 1918 den sogenannten Altkommunisten an. Im Jahr 1921 gehörte Karl Hofmaier zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei Schweiz (KPS) und war von 1922 bis 1924 Mitglied der Parteizentrale. Anschliessend zog er mit seiner Frau Hedwig Hofmaier-Dasen nach Moskau, wo er in der Informationsabteilung der Komintern als Referent für Frankreich, Italien und Spanien arbeitete. 1925 wurde er von der Komintern zuerst nach Belgien und dann nach Italien delegiert. In Italien wurde er 1927 verhaftet und zu 21 bzw. 15 Jahren Gefängnis verurteilt, sieben Jahre später aber aufgrund einer Teilamnestie entlassen. Zurück in der Schweiz übernahm er verschiedene Leitungsfunktionen in der KPS. Seine letzte Reise führte ihn 1939 in die Sowjetunion. Während des Zweiten Weltkriegs übernahm Karl Hofmaier die alleinige Leitung der Partei. 1944 wurde er Zentralsekretär der neu gegründeten Partei der Arbeit (PdA), von der er 1946 wegen Veruntreuung von Parteigeldern abgesetzt und 1947 ausgeschlossen wurde. Er starb am 19. März 1988 in Zürich.

Die überwiegend privaten Aufnahmen aus dem Bestand Karl Hofmaier (SozArch F 5149) erstrecken sich über eine Zeitspanne von ca. 1880 bis in die späten 1980er Jahre. Neben zahlreichen Porträts von Karl Hofmaier und seiner Ehefrau Hedwig Hofmaier-Dasen sind einige Fotografien von Hedwigs Eltern und weiteren Familienmitgliedern vorhanden. Zudem zeigen viele Aufnahmen Karl Hofmaier während Auslandaufenthalten (oft in Begleitung seiner Frau) oder im Kreis von Familie, Freunden und Bekannten.

Neu im Archiv: Sonos: Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen

Der Schweizerische Dachverband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen, Sonos, zählt aktuell 46 Mitglieder, darunter diverse Fürsorgevereine, Sprachheilschulen, Stiftungen, Genossenschaften, Heilpädagogische Zentren und Dienste. Sonos wurde 1911 unter dem Namen «Schweizerischer Fürsorgeverein für Taubstumme» (später: Schweizerischer Verband für Taubstummen- und Gehörlosenhilfe bzw. Schweizerischer Verband für das Gehörlosenwesen) in Olten gegründet.

Seit über 100 Jahren setzt sich der Verband dafür ein, Barrieren für Hörbeeinträchtigte und Gehörlose abzubauen und den betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben zu ermöglichen. Diesem Zweck dient ein breites Dienstleistungsangebot: von der Unterstützung der wirtschaftlichen und sozialen Eingliederung Hörbehinderter über die Koordination der beruflichen Aus- und Weiterbildungen bis hin zur Führung von Wohnheimen und spezialisierten Berufsfachschulen.

Diese Aktivitäten sind im Archiv von Sonos, das dem Schweizerischen Sozialarchiv Anfang 2017 übergeben wurde, in Textdokumenten, aber auch in Fotografien und Filmen hervorragend dokumentiert. Speziell zu erwähnen ist das sogenannte Sutermeister-Archiv. Dabei handelt es sich um Dokumente, die Eugen Sutermeister (1862-1931) zusammengetragen hat. Sutermeister war ein herausragender Pionier der Gehörlosenfürsorge. Selbst hörbehindert, wirkte er als Reiseprediger für Taubstumme, als Dichter und Journalist und seit 1911 auch als Zentralsekretär des «Fürsorgevereins für Taubstumme». Seine Sammlung enthält eine Fülle sozialgeschichtlicher Quellen zum Gehörlosenwesen, die bis ins frühe 19. Jahrhundert und teilweise sogar ins 18. Jahrhundert zurückreichen: Berichte, Eingaben, Briefwechsel, handgeschriebene Protokolle, Gesetze zu Taubstummenanstalten und Dokumente zu deren Organisation und vieles mehr. Den Alltag in Anstalten und Schulen hat Eugen Sutermeister auch fotografisch minutiös festgehalten.

Das Sonos-Archiv (SozArch Ar 621) wird zurzeit geordnet und neu verpackt. Es wird nach Abschluss der Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten allen Interessierten ohne Benutzungsbeschränkungen zur Verfügung stehen.