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5 x 3 Antworten auf Fragen zum Videoladen-Bestand (SozArch F 9049)

Vor zwölf Jahren sicherte das Sozialarchiv in einem Schreiben an die Geschäftsleitung des Videoladens seine Unterstützung für dessen Archivierungsvorhaben zu. In der Regel werden solche Übernahmen in ein paar Monaten abgewickelt. Beim Videoladen dauerte es ein bisschen länger. Jetzt konnten wir das Projekt erfolgreich abschliessen: Dank Memoriav (Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und der Ausdauer aller Beteiligten verfügt das Sozialarchiv nun über einen für Forschung und Öffentlichkeit gleichermassen interessanten Bestand. Über 200 Stunden Videomaterial aus den späten 1970er bis in die 1990er Jahre stehen online zur Verfügung.

Der Videoladen Zürich entstand im Winter 1976/77. Die erste Produktion «Studenten und Arbeiterklasse» ist leider verschollen, der Titel aber macht klar, wo sich die Genossenschaft ideologisch positionierte. Der Videoladen Zürich war Teil einer weltweiten Bewegung aus einem urbanen, akademischen, politisch links zu verortenden Milieu, welche die Videokamera für sich entdeckte, um damit für ihre Anliegen Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Während der unruhigen Zeit der Jugendbewegung anfangs der 1980er Jahre war die Crew fast ununterbrochen unterwegs. Der Videoladen rutschte in die Rolle des unermüdlichen Chronisten der Ereignisse. Kaum eine Vollversammlung oder Demonstration auf Zürichs Strassen fand ohne Begleitung des Videoladens statt. Aus dieser Phase stammen die aufschlussreichsten und ergiebigsten Quellen. Das Rohmaterial dürfte für die Forschung und für die Aufarbeitung dieser Zeit wertvolle Dienste leisten.

1981 gelang dem Videoladen mit «Züri brännt», einer Art Zwischenbilanz der Jugendbewegung, ein Coup. Das Video war in aller Munde, sogar die NZZ musste darauf reagieren, das Video wurde selbst im Ausland nachgefragt. Nach dem Abbruch des Autonomen Jugendzentrums 1982 verlagerten sich die Aktivitäten der Genossenschaft zuerst auf die Häuserbesetzerbewegung und die Dokumentation des aufblühenden Musik- und Konzertbetriebs in der Stadt Zürich. Dann folgten erste Spielfilmversuche und Musikclips. Namhafte Filmschaffende wie Samir, Martin Witz, Christoph Schaub oder Werner Schweizer starteten ihre Karrieren im Videoladen.

Die Videotechnik ist im Vergleich zum Film günstig in der Anschaffung und relativ einfach in der Handhabung. Die Aufnahmen müssen nicht entwickelt und können zeitnah aufgeführt werden. Ins Gewicht fällt allerdings ein entscheidender Nachteil: Das Videoband altert schnell und kann nur vor dem Zerfall bewahrt werden, wenn man die Videos digitalisiert. Dank Memoriav kam 2009 ein Inventarisierungsprojekt zustande. 2013 startete das Berner Atelier für Videokonservierung die aufwändige Reinigung und Vorbereitung der Bänder für die Digitalisierung. Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen haben die Bänder digitalisiert und erschlossen: Sie sind nun mit ausführlichen Metadaten versehen. Dass der Aktivist Mischa Brutschin kurz zuvor für sein Mammutprojekt «Allein machen sie dich ein» über die Zürcher Besetzerszene mit demselben Material gearbeitet hatte, befruchtete den Arbeitsprozess zusätzlich.

Der Bestand umfasst rund 180 Videobänder. Überwiegend handelt es sich dabei um ungeschnittenes Rohmaterial, das aus dem Videoladen selber stammt. Besonders gut dokumentiert sind die frühen 1980er Jahre. Ergänzt werden diese Eigenproduktionen durch eine Handvoll Fremdproduktionen, die wegen des hohen Informationswerts im Bestand belassen wurden.

Es ist sehr erfreulich, dass sich die Geschichtswissenschaften bereits für die Videos interessieren. So hat das Online-Lernangebot ad fontes der Uni Zürich den Videoladen-Bestand in sein Angebot integriert.

Als Einstieg in den Videoladen-Bestand eignen sich:

  • «Vollversammlung 04.06.1980»: legendäre Vollversammlung der Jugendbewegung in Anwesenheit der Stadträtin Emilie Lieberherr und des Stadtpräsidenten Sigmund Widmer (auf 3 Bändern: SozArch F 9049-003, -014, -021)
  • «AJZ-Eröffnung»: Am 28.6.1980 wird das Autonome Jugendzentrum eröffnet. Verschiedene Aussagen auf diesem Band wirken rückblickend erschreckend prophetisch (SozArch F 9049-047)
  • «No Futter»: Dokumentation zu den besetzten Liegenschaften am Stauffacher (inkl. Spitzköpfe!), 1984 (SozArch F 9049-083)
  • «Videoladen-Portrait für russisches TV»: hervorragende Dokumentation von 1991 (SozArch F 9049-178)

Anlässlich des Projektabschlusses habe ich mich mit vier am Projekt Beteiligten sowie mit Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Uni Zürich, schriftlich unterhalten:

René Baumann, Mitbegründer und Co-Geschäftsleiter Videoladen

1. René, du warst sehr oft hinter der Kamera, wenn der Videoladen unterwegs war. Wo hast du das gelernt?

Ich habe schon als Jugendlicher immer eine Fotokamera mit mir herumgetragen und bei allen möglichen Gelegenheiten fotografiert. Auch habe ich mir ein eigenes kleines Fotolabor eingerichtet, wo ich meine Filme selber entwickelt und die Fotos vergrössert habe. Ich brachte also schon eine gewisse Affinität zur Kameraarbeit mit, als ich später mit anderen die Genossenschaft Videoladen gründete.
Aber das Arbeiten mit der Videoladen-Kamera in den 80er Jahren war eigentlich ein klassisches Learning by Doing. Ich habe an den Demos gedreht, oft gleich nachher das Material in Ruhe angeschaut und mir überlegt, was ich das nächste Mal anders oder besser machen könnte. Dabei habe ich vor allem aus Fehlern gelernt. Zudem haben wir uns unter den Videoladen-Mitgliedern immer ausgetauscht und unsere Arbeitsweisen und filmischen Standpunkte diskutiert, oft stundenlang.
Später, nach dem Film «Züri brännt», habe ich quasi einen Schritt zurück gemacht und zwei Jahre als Kameraassistent gearbeitet. Ich wollte vor allem von der technischen Seite her das Handwerk nochmals von Grund auf neu lernen. Ich habe vor allem auf Sets gearbeitet, wo wir mit analogem Filmmaterial gedreht haben und nicht auf Video. Dieses Wissen und diese Erfahrung hatten mir vorher noch gefehlt. Diese Zeit hat mir für die Zukunft auf meinem späteren Weg als Kameramann sehr viel gebracht.

2. Wenn man das Material in chronologischer Reihenfolge anschaut, bekommt man den Eindruck, dass der Videoladen nach dem Highlife als konstanter Begleiter der Zürcher Jugendbewegung in eine Sinnkrise stürzte. Stimmt das?

Das ist eine gute Beobachtung von dir, das stimmt absolut. Für viele von uns stellte sich nach «Züri brännt» die Frage, wie weiter. Plötzlich konnten wir nicht nur mehr das dokumentieren, was auf der Strasse, an Demos oder im AJZ gerade passierte. Wir mussten selber eigene Ideen entwickeln oder neue Themen finden. Das führte zu einer längeren Suche und unzähligen harten Diskussionen unter uns Videoladen-Mitgliedern. Es war damals eine schwierige Zeit. Wir mussten uns neu oder anders erfinden und vor allem musste das jeder zuerst mal für sich selber definieren, bevor wir wieder als Kollektiv funktionieren konnten.
Auch stellte sich für einige von uns die existenzielle Frage: Wollen wir in Zukunft von dieser Arbeit finanziell leben können? In den Anfangszeiten des Videoladens waren die meisten Videoladen-Mitglieder noch Studenten. Wir hatten entweder Stipendien oder gingen auf der Sihlpost arbeiten, um so unser Studium zu finanzieren.
Ich entschied mich dafür, vom Film leben zu können. Ich habe damals mein Studium abgebrochen und wählte den Weg als Kameramann, um mir so meine Existenz zu finanzieren. Das gab mir schliesslich die finanzielle Unabhängigkeit für zukünftige eigene Projekte.

3. Du machst heute noch Filme. Ist überhaupt irgendetwas gleich geblieben wie im ersten Videoladen-Jahrzehnt, aus dem die meisten Aufnahmen des Bestandes stammen?

Was gleich geblieben ist, ist mein politischer Anspruch. Im Videoladen produzieren wir immer noch Filme, die sich mit sozialen und kulturellen Themen auseinandersetzen und die neue, ungewohnte Einblicke in Zusammenhänge und Strukturen unserer Gesellschaft ermöglichen sollen. Was auch geblieben ist, ist die Zusammenarbeit mit einigen damaligen Freunden. Jeder hat sich auf einem anderen Gebiet weiterentwickelt und wir arbeiten noch heute bei Filmprojekten zusammen.
Der Videoladen hat sich in den 45 Jahren seines Bestehens sehr verändert. Viele Videoladen-Mitglieder arbeiten heute anderswo im Filmbereich. Andere sind neu dazugekommen (oft von der Zürcher Filmschule) und irgendwann wieder weitergezogen. In den Anfangszeiten des Videoladens haben wir alles inhouse produziert, heute arbeiten wir viel mehr projektbezogen mit Freelancern.
Vor allem im technischen Bereich hat sich in dieser Zeit unglaublich viel und in immer schnellerem Tempo verändert, z.B. die Transformation von analog zu digital oder die Entwicklung der Montagearbeit (vom Steenbeck-Schneidetisch mit Klebepresse zum Schnitt zu Hause auf dem Laptop). Zu jedem neuen – noch besseren – Bandformat benötigte man die entsprechende neue Kamera. Die grossen unhandlichen ¾-Zoll-U-Matic-Kassetten von damals schrumpften über mindestens fünf Formatstufen bis zum Speicherchip in der Grösse eines Fingernagels heute.
Was aber immer gleich bleibt, ist die Idee, die Leidenschaft für ein Filmprojekt zu haben. Aber der Weg bis zum Endprodukt ist ein völlig anderer geworden.

Rahel Holenstein, Co-Geschäftsleiterin Videoladen

1. Rahel, du hast mehr als 200 Stunden Video-Rohmaterial visioniert und den ganzen Bestand nach formalen und inhaltlichen Kriterien erschlossen. Was ist das für eine Erfahrung?

Da wir im Prozess des Digitalisierens wirklich alle Bänder von Anfang bis Ende mitschauen mussten bzw. durften, um allfällige technische Probleme sofort zu erkennen, und die Metadaten dazu erfassten, tauchte ich jeweils richtig ein in die Atmosphäre, die Konflikte, die Fragestellungen und die auch witzigen und schrägen Momente, die in diesem Material vorhanden sind. Es war eine ganz besondere Zeitreise, die immer wieder bis heute nicht abgeschlossene Fragestellungen aufwarf. Die Arbeit an diesem Archiv hat meine Überzeugung bestätigt, dass Archive nicht nur Vergangenheit konservieren, sondern auch immer wieder lebendige und interessante Perspektiven für unsere Zukunft bereitstellen. Wenn man denn offen und neugierig genug ist, sich die diversen und spannenden Stimmen aus der Vergangenheit anzuhören bzw. anzuschauen.

2. Welches sind die Highlights? Gibt’s auch Totalausfälle?

Man würde es kaum glauben – aber die endlosen Vollversammlungen und andere Sitzungen waren für mich tatsächlich ein Highlight. Erst durch die Länge, das Chaos, die Unstrukturiertheit dieser Aufzeichnungen habe ich verstanden, dass diese Bewegung etwas Genialisches in sich trug. Da waren zum Beispiel 1’000 Leute in einem Raum, also dem Volkshaus, die versucht haben, sich gemeinsam auf etwas zu einigen: Wann findet die nächste Demo statt? Welche Aktionen sind geplant? Wie soll man mit Polizei und Behörden umgehen? Eine grosse Leistung, finde ich. Man kann niemandem aufzwingen, diese Langatmigkeit zu erdulden. Dennoch würde ich sagen, dass es sich lohnt, sich auf diese Dokumente einzulassen, sich die Zeit zu nehmen, um sehr Essentielles von dieser Bewegung zu begreifen.
Aber auch in den Aufnahmen vor und nach «Züri brännt» gibt es Bänder, die ebenfalls diese lebendige Herangehensweise an gesellschaftliche und soziale Fragen aufzeigen. Viele dieser Dokumente würde ich als «Oral history» bezeichnen. Eine, wie ich finde, so wichtige Art der Geschichtsschreibung.
Als Totalausfall würde ich jetzt wohl nichts bezeichnen wollen. Ich denke, das müssen die Forscherinnen und Generationen nach uns entscheiden.

3. Du gehörst zur Generation, die bei den allermeisten der festgehaltenen Ereignisse «nicht dabei war». Besonders gut dokumentiert sind ja die Jahre 1980 und 1981. Wie würdest du diese Zeit anhand des Gesehenen charakterisieren?

Ich war knapp zu jung, um selber aktiv dabei zu sein. Allerdings habe ich kurioserweise alle wichtigen «Auftritte» der Bewegung tatsächlich am Fernsehen gesehen: «Herr und Frau Müller», Antigone in der Telearena u.v.m. Das hatte auch damit zu tun, dass meine Eltern, insbesondere mein Vater, die Kreativität und das Engagement der «Bewegung» sehr genau beobachteten und wahrnahmen. Beim Nachtessen hat er uns jeweils erzählt, welch witzige neue Sprayereien er auf seinem Arbeitsweg entdeckt hatte. Auch in meiner Schule gab es «die Älteren», die tatsächlich in der Band TNT mitspielten und als Punks die Szene aufmischten.
Als ich viel später – während meiner Ausbildung in der Videofachklasse an der HSLU wieder mit dem Videoladen in Kontakt kam – in Form von Dozentinnen (!) – war es für mich klar, dass ich da arbeiten möchte.

Bonusfrage: Wieso hat das Projekt so lange gedauert?

Zwar sind die audiovisuellen Medien nun digitalisiert und online zugänglich – das Projekt ist aber dennoch nicht abgeschlossen. Es gibt ein sehr interessantes Papier- und Foto-Konvolut, das noch auf seine Aufarbeitung wartet. Um diese Dokumente dem audiovisuellen Konvolut als wichtige Ergänzung hinzufügen zu können, werden wir wiederum auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein.
Da wir im Videoladen als kleines Team arbeiten und nebst der Archiv-Arbeit auch noch andere Projekte hatten, konnten wir nicht einfach durchgehend fünf Tage pro Woche am Archiv arbeiten.
Dazu kamen viele technische Herausforderungen, die mehr Zeit in Anspruch nahmen als ursprünglich vorausgesehen: Der Aufbau der Digitalisierungs-Station, das Reinigen der Originalbänder, das Anpassen der Technik oder die immer wieder auftretenden Probleme in Bezug auf die problematische Qualität der Original-Bänder. Wir mussten unsere Arbeitsweise stetig den Herausforderungen des Materials anpassen. Unter dem Strich möchte ich sagen: Gut Ding will Weile haben! Und das Sozialarchiv ist um einen wertvollen Bestand reicher geworden.

Agathe Jarczyk, Konservatorin-Restauratorin FH, Atelier für Videokonservierung

1. Agathe, du hast die Videobänder für die Nachwelt haltbar gemacht. Welche Schritte braucht es dazu?

Wir haben die Kassetten aufbereitet, d.h. sie dokumentiert und gereinigt, aber die dauerhafte Erhaltung der Inhalte war erst mit der Digitalisierung möglich.
Die meisten Kassetten des Videoladens zeigten das sogenannte „Sticky-Tape-Syndrome“, das heisst, wir konnten sie gar nicht oder nur für einige Sekunden abspielen, bevor sie mit einem lauten Quietschen im Abspielgerät steckenblieben. Gerade in den 1970er und 1980er Jahren waren die Zusammensetzungen der Magnetbandbeschichtungen teilweise unbeständig oder gar etwas experimentell. Das hat zu einer schlechten Alterung geführt und die Magnetbänder zeigen heute Ausblühungen von Gleitmitteln oder eine erhöhte Klebrigkeit der (Rückseiten-)Beschichtung. Häufig sind solche Magnetbänder nach einer Reinigung und Trocknung wieder abspielbar, wenn auch nicht in allen Fällen.
Dass die Inhalte nun weiter zugänglich bleiben und die digitalen Dateien bei Bedarf in Zukunft vielleicht auch mal umformatiert werden, liegt nun in der Zuständigkeit des Sozialarchivs. Wichtig ist, dass wir die Verbindung zwischen dem originalen, physischen Material, nämlich den Bändern und Kassetten mit all ihren Beschriftungen, Kommentaren und Arbeitsspuren, und den nun digital vorliegenden Inhalten in Form von Dateien nicht verlieren. So bleibt nicht nur der Inhalt, sondern auch sein Kontext für die Nachwelt erhalten.

2. Man weiss, dass in den Räumlichkeiten des Videoladens nie ein Rauchverbot herrschte. Hast du das den Bändern angemerkt?

Einige der Kassetten aus dem Videoladen haben im Laufe der Jahre ihre Schutzhüllen verloren und wurden in der Folge ohne Hüllen aufbewahrt. Die gelbliche Verfärbung dieser Kassetten hatte ich zunächst auf eine Vergilbung durch Sonnenlicht oder Ähnliches zurückgeführt. Erst bei näherer Betrachtung und insbesondere bei der Reinigung der Kassetten kamen wir dem Rätsel der gelben Patina auf die Spur: Vor der Digitalisierung wurden alle U-matic-Kassetten in einem speziellen Gerät gereinigt. Bei diesem Vorgang werden Staub und Schmutz sowie mögliche Ausblühungen aus der Magnetschicht mit Hilfe eines Reinigungsvlieses entfernt. Als wir die vermeintlich vergilbten Kassetten reinigten, blieb ein hartnäckiger gelber Belag auf dem Vlies zurück. Beim Öffnen der Reinigungsmaschine konnten wir das Rätsel „lüften“ und haben herzlich gelacht: Es roch eindeutig nach Aschenbecher. Die Patina war ein Nikotinschleier!

3. Du kümmerst dich sonst vor allem um Videokunst. Hast du während der Konservierung und Digitalisierung überhaupt die Musse, dich um die Inhalte zu kümmern?

Ja! Häufig passiert dies aber erst auf den zweiten oder dritten Blick. Während des Prozesses der Konservierung fokussieren wir uns auf den Zustand der Kassetten und Bänder, auf die optimalen Einstellungen aller Geräte und den besten Digitalisierungsweg. Dabei betrachten wir Bild und Ton oftmals durch verschiedene Messinstrumente und sehen in erster Linie Graphen und Kurven. Ist die Digitalisierung abgeschlossen, gibt es eine abschliessende Qualitätskontrolle. Teil dieser Kontrolle ist auch eine Sichtung des Digitalisats von Anfang bis Ende auf einem Kontrollmonitor. Dann werden die vorher überwachten Kurven von Video- und Audiosignalen wieder zum grossen Ganzen und es gibt einen besonderen Moment der Nähe, wenn wir zum Abschluss jedes Band in voller Länge sehen und hören.

Felix Rauh, Vizedirektor Memoriav

1. Felix, du hast während Jahren das Dossier Videoladen betreut. Auch an dich die Frage: Wieso dauern solche Projekte so lang?

Erhaltungsprojekte mit Partnern, die nicht primär mit der Erhaltung von Kulturgut beauftragt sind, riskieren, länger zu dauern. Bei diesem Projekt spielten die Finanzen und das exklusive Wissen von René Baumann und Rahel Holenstein über diesen Bestand eine Rolle. Memoriav darf höchstens 50% der Projektkosten finanzieren, der Rest muss mit Eigenleistungen oder Drittmitteln gedeckt werden. Das Videoladen-Team kompensierte die fehlenden Geldmittel mit aufwändigen Vorbereitungsarbeiten, die aufgrund von anderen Projekten immer wieder unterbrochen werden mussten.

2. Memoriav unterstützt jährlich mehrere Videoprojekte mit finanziellen Beiträgen. Was ist das Spezielle am Videoladen-Bestand?

Die meisten Videoprojekte konzentrieren sich auf die Erhaltung von fertigen Produkten (Fernsehsendungen, Kunstvideos, Auftragsproduktionen). Hier handelt es sich um eine einmalige Sammlung von Aufnahmen, die als Rohmaterial für Videoproduktionen wie «Züri brännt» dienten oder den Bewegten unmittelbar nach der Produktion zur Dokumentation ihrer Aktionen zur Verfügung standen.

3. Gibt es in der Schweiz vergleichbare Projekte?

Ausser dem Projekt «Stadt in Bewegung», das bereits in den 1990er Jahren eine grosse Sammlung an Bewegungsvideos ins Sozialarchiv spülte, ist mir nichts Vergleichbares bekannt. Zwar gab es gleichzeitig auch in der Romandie Bemühungen, Videos der Jugendbewegung zu finden und zu sichern. Guy Milliard, Leiter des Projekts «Vidéos de Suisse romande 1970-1985», konstatierte im Memoriav-Bulletin Nr. 5 (1999) allerdings, dass keines der Videos von «Lôzanne bouge» überlebt hat. Ich weiss leider zurzeit nicht, ob die anderen Schweizer Videokollektive, die in den 1980er Jahren z.B. in Basel oder Bern aktiv waren, ihre Bänder von damals sicherten. Dieses Interview gibt mir den Anstoss, mich zu erkundigen.

Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit, Uni Zürich

1. Monika, die Geschichte der Medien gehört zu deinen Forschungsschwerpunkten. Welche Rolle spielt Video im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts?

Alexander Kluge und Oskar Negt hatten zu Beginn der 1970er Jahre in ihrem Buch «Öffentlichkeit und Erfahrung» mit Gegenöffentlichkeit einen neuen Begriff etabliert. Mit dem Medium Video stand seit den 1970er Jahren ein neues Medium zur Verfügung, welches das Ideal Kluges und Negts verkörperte und den Neuen sozialen Bewegungen ein audiovisuelles Medium in die Hand gab, mit dem dezentral, schnell und mobil alternative Sichtweisen auf die Welt produziert und distribuiert werden konnten. Das Bewegungsvideo öffnete das Tor zu einer neuen Medienwelt, in der nicht mehr bloss zentrale Medienanstalten über die sozialen Bewegungen berichten, sondern – wie wir fünfzig Jahre später sehen können – Handyvideos quasi live aus den Manifestationen auf der Strasse auf den Social-Media-Kanälen senden.

2. Welche Chancen siehst du für den Videoladen-Bestand in der Lehre? Können Studierende im Jahr 2021 überhaupt etwas damit anfangen?

Die Filme des Videoladens sind dank der Digitalisierung wahrscheinlich populärer und mit Bestimmtheit einfacher zugänglich als in den 1980er Jahren, als sie produziert wurden. Auch deshalb ist die Mediengeschichte so wichtig geworden, weil sie die technischen, ökonomischen, politischen und rechtlichen Umgebungen von verschiedenen Formaten wieder in Erinnerung ruft. Dass ein Medium der Gegenwart fremd geworden ist, ist in diesem Sinne ganz normal, entspricht dem Lauf der Geschichte und ermöglicht neue Sichtweisen auf altes Material. Als wir uns im Sommer 2021 im BA Seminar zur Einführung in die Mediengeschichte durch das neu zugängliche Material des Videoladens wühlten, ist den Studierenden unter anderem die Geschlechterordnung an den Vollversammlungen der Bewegung aufgefallen, wo männliche Redner lautstark und episch lang das Mikrofon okkupierten und das Wort ergriffen.

3. Beim vorliegenden Material handelt es sich um historisches Quellenmaterial. Welchen Gewinn kann es bringen, wenn man sich wissenschaftlich mit bewegten Bildern auseinandersetzt?

Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch hat den Quellencharakter von bewegten Bildern (und zwar diesseits von Gattungsunterscheidungen wie Spiel- oder Dokumentarfilm) in einem Essayband zu den visuellen Konstruktionen des Judentums besonders akzentuiert auf den Punkt gebracht: «Die Einstellung ist die Einstellung.» Die Kamera ist nie neutral, sondern wird eingestellt. Ihre Linse wird präpariert, der Standpunkt bestimmt, Schwenks und Fahrten ermöglichen ihre Bewegung. In diesem Sinn ist das Bewegungsvideo ein hypermobiles, bewegliches Medium, welches sich mitten in der Bewegung selbst befand und die Sicht der Bewegung paradigmatisch zum Ausdruck brachte. Audiovisuelle Quellen vermögen Einstellungen und Blickweisen einer Zeit genauso zu transportieren wie ihr Sound. Das vermag keine schriftliche Quelle.

Ein herzliches Dankeschön an Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen für die Geduld und Ausdauer, an Agathe Jarczyk für die sorgfältige Videokonservierung, an Felix Rauh als Kooperationspartner von Memoriav sowie an Monika Dommann für ihre Würdigung des Videomaterials aus mediengeschichtlicher Sicht.

Filme aus dem Sozialarchiv auf ruralfilms.eu

Seit wenigen Wochen ist das Portal ruralfilms.eu online. Es bietet fast 500 Filme zu landwirtschaftlichen Themen – von Tierkrankheiten über die Mechanisierung bis zur Genderfrage in der Landwirtschaft – als Streaming an. Zugänglich sind auch historische Filme mit einigem Aktualitätsbezug, zum Beispiel über den Einsatz von Pestiziden oder über die Schattenseiten der Obstverwertung. Die inhaltliche Vielfalt ist beeindruckend!

Das Portal ist eine Initiative der «European Rural History Film Association». Dahinter steht u.a. das Archiv für Agrargeschichte in Bern. Das Portal führt Informationen über Filme in europäischen Archiven zusammen und fördert die Erhaltung von historischem Filmmaterial aus dem Bereich der Landwirtschaft.

Das Sozialarchiv partizipiert aktuell mit sechs Filmen, die aus gewerkschaftlichen Beständen stammen.

„Siebenjähriges Mädchen am Spulrad, Schwyz“

Hintergründe eines Bestsellers

Die Aufnahme zeigt ein Mädchen bei der konzentrierten Arbeit an einem Spulrad, offensichtlich in häuslicher Umgebung: Rechts ist ein Kachelofen erkennbar, an der Wand hängt ein Werbegeschenk einer Schuhhandlung. Die Fotografie war Teil der Schweizerischen Heimarbeit-Ausstellung, die 1909 in Zürich stattfand. Sie gehört seit Jahren zu den am meisten bestellten Bildern aus den Beständen des Sozialarchivs und wird in erstaunlich vielfältigen Kontexten verwendet. Wieso wurde aus der schlichten Aufnahme ein Bestseller?

Heimarbeit gehörte seit der Industrialisierung zur wirtschaftlichen Realität. In der Schweiz war sie in vielen Branchen verbreitet: in der Stickerei und Weberei, beim Holzschnitzen, Strohflechten und Bürstenbinden, in der Tabakverarbeitung und in der Uhrenindustrie. Die Mechanisierung verdrängte zwar in gewissen Branchen wie der Spinnerei schon früh die häusliche Produktion. Trotzdem kam die eidgenössische Betriebsstatistik 1905 auf die Zahl von rund 100’000 in der Heimindustrie Beschäftigten. In der Regel handelte es sich um einen Zusatzverdienst, für den häufig auch die Arbeitskraft von Frauen und Kindern mobilisiert wurde. Die tatsächliche Zahl der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter dürfte allerdings um einiges höher gelegen haben. Die Erhebungen für die Betriebsstatistik wurden im Sommer durchgeführt, also ausgerechnet dann, wenn die Heimarbeit wegen saisonaler Beanspruchung durch landwirtschaftliche Arbeiten sowieso eher in den Hintergrund trat. Zudem hatte man darauf verzichtet, unter 14-Jährige mitzuzählen. Die Vernachlässigung der Kinderarbeit führte dazu, dass die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft nachträglich versuchte, diese Zahl zu eruieren. Allerdings verweigerte mehr als die Hälfte der Kantone ihre Zusammenarbeit bei dieser Enquête. Schliesslich legte man sich auf eine Schätzung von 25’000 Kindern fest, die in der Hausindustrie beschäftigt waren. Das entsprach fast 10% aller schulpflichtigen Kinder!

Die weitverbreitete Kinderarbeit war ein zentraler Kritikpunkt an der Heimarbeit. Miserable Löhne, unhygienische Verhältnisse wegen des Zusammenfallens von Wohn- und Arbeitsräumen, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und die fehlenden sozialen Absicherungen bei Arbeitsausfällen waren zwar schon lange bekannt, gerieten aber nach der Jahrhundertwende in den Fokus des öffentlichen Interesses. 1906 fand in Berlin eine erste Ausstellung zur Heimarbeit statt, die europaweit Aufsehen erregte. 1907 richtete die Schweizerische Vereinigung für die Förderung des internationalen Arbeiterschutzes ein Gesuch an den Bundesrat, eine grossangelegte Enquête zur Heimarbeit durchzuführen und endlich für ihre gesetzliche Regulierung zu sorgen. 1908 schliesslich begannen unter der Führung des Schweizerischen Arbeiterbundes die Vorbereitungen für eine Schweizerische Heimarbeit-Ausstellung. Deren Ziel sollte es sein, Arbeitsprodukte auszustellen, das Leben der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter bildlich darzustellen und die Problematik mit statistischen Angaben zu Produktionsbedingungen und Löhnen zu beleuchten.

Dem Arbeiterbund gelang es, die Finanzierung der Ausstellung durch die Eidgenossenschaft sicherzustellen. Im Juli 1909 öffnete die erste Schweizer Heimarbeit-Ausstellung im Zürcher Hirschengraben-Schulhaus ihre Tore. Wie geplant hatte man eine Fülle von Heimarbeit-Produkten zusammengetragen und jedes mit ausführlichen Angaben zum Herstellungsprozess und zur Entlöhnung versehen. Die Turnhalle funktionierte man zur Arbeitshalle um, wo man in kleinen Kojen Seidenbandweberinnen, Holzschnitzlern, Stickerinnen und Tabakarbeitern bei ihren Tätigkeiten zuschauen konnte. Im Rahmen der Ausstellung engagierte sich auch das Sozialarchiv (damals noch «Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz») mit einer Literaturzusammenstellung zum Thema Heimarbeit.

Eine wichtige Rolle spielten die eigens für die Ausstellung hergestellten Fotografien. Über 30 Sujets ermöglichten es den Besucherinnen und Besuchern, Menschen bei der Heimarbeit zu sehen. Das war durchaus ein Novum. Arbeitende Menschen wurden kaum fotografiert, traditionell standen Produkte oder Maschinen im Fokus der Industrie- und Gewerbefotografie. Auf den Fotos war nun aber zu sehen, in welch beengten und oft ärmlichen Verhältnissen die Heimarbeiten verrichtet wurden.

Die Fotos verfehlten ihre Wirkung nicht. Viele Ausstellungsrezensionen der Arbeiterpresse erwähnen sie lobend, etwa auch in der Zeitung «Die Vorkämpferin»: «Gar viel wissen sie zu erzählen dem, der mit warmempfindendem Herzen sich ihrer Betrachtung hergibt.» – Leider sind nur wenige Originalabzüge erhalten geblieben, die einen Rückschluss auf die Urheberschaft erlauben würden. Immerhin ist klar, dass in der Zentralschweiz der Fotograf Adolf Odermatt aus Brunnen für die Ausstellungsmacher unterwegs war. Er fotografierte auch den eingangs erwähnten Sozialarchiv-Besteller, dessen offizielle Bildlegende lautete: «Siebenjähriges Mädchen am Spulrad, Schwyz».

Die Fotografien dienten als Vorlage für eine Postkartenserie, die in einer Auflage von 170’000 Exemplaren produziert wurde. Sie konnte an der Ausstellung erworben werden; eine einzelne Postkarte zum Preis von 20 Rappen galt als Eintrittskarte. Das damals äusserst populäre Kommunikationsmedium als Billett umzufunktionieren erwies sich als kluger Schachzug. Für einen bescheidenen Preis erstand man sich neben dem Eintritt eine Postkarte und verbreitete später per Post das Bild der Heimarbeit in der Schweiz und in der Welt.

Die bis heute anhaltende Beliebtheit des Mädchens am Spulrad liegt vor allem in ihrer vielfältigen Verwendbarkeit. Die Aufnahme dokumentiert einen damals vertrauten Arbeitsvorgang in der Heimweberei: Die Spulen, die später im Webstuhl verwendet werden, müssen auf dem Spulrad mit dem entsprechenden Faden bestückt werden. Dieser Vorgang galt als eher anspruchslos, repetitiv und mühselig, weshalb er oft alten Frauen oder eben Kindern übertragen wurde. Das auf der Aufnahme zentral postierte Mädchen wirkt ernst und konzentriert. Man darf annehmen, dass es aufgrund des Fototermins in gute Kleider gesteckt und frisiert wurde. Der Arbeitsplatz ist lichtdurchflutet und in Nähe einer Wärmequelle. Diese Art der Inszenierung ermöglichte später eine Verwendung auch in anderen Kontexten als der Thematisierung von Kinderarbeit in der Heimindustrie. Die Verharmlosung kann so weit auf die Spitze getrieben werden, dass die Aufnahme «die gute alte Zeit» illustriert, in der auch die jüngsten Familienmitglieder in gemütlicher Umgebung einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen.

Die an der Ausstellung gezeigten Fotos verfolgten grundsätzlich aufklärerische Zwecke: Dank der Detailtreue der Aufnahme sollte der Arbeitsablauf erkenn- und rekonstruierbar werden. Und wegen des Einbezugs des räumlichen Kontextes sollte klar werden, wie miserabel die Arbeitsbedingungen oft waren. In vielen Fällen gelang dies. Im Fall des Mädchens am Spulrad machte die Ästhetik den Absichten vielleicht einen Strich durch die Rechnung. Das gewinnende Aussehen des Mädchens am Spulrad und die an sich heimelige Umgebung machten es möglich, unangenehme Aspekte auszublenden: Sollte ein Kind in diesem Alter nicht eigentlich in der Schule sein? Erhält es einen Lohn? Oder wird seine Arbeitskraft ausgebeutet, um den ohnehin kargen Heimarbeitsverdienst nicht noch mehr zu schmälern? Wenn die Stube gleichzeitig Arbeitsort ist, wo bleibt dann der Platz fürs gemütliche Beisammensein, Essen, Spielen?

Die Wirkung der Fotos an der Ausstellung kann nur noch bruchstückhaft rekonstruiert werden. Immerhin erwähnen alle Rezensionen der vielfältigen Arbeiterpresse den eindrücklichen dokumentarischen Wert der Aufnahmen. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass diese Form der bildlichen Wiedergabe von Arbeitsprozessen unter Einbezug der Arbeitenden neu und höchst willkommen war. Lediglich die Zeitung «Der Textil-Arbeiter» merkte kritisch an: «Was sie freilich nicht zeigen, das ist das Elend. Es sind Künstlerkarten, deren Wert nicht auf agitatorischer Seite, sondern viel mehr darin liegt, dass die Bilder unsere Kenntnisse von der Heimarbeit erweitern und deren Verzweigtheit und Vielseitigkeit aufdecken. Die Karten werden gewiss grossen Absatz finden.»

Im Hirschengraben-Schulhaus wurden die Fotos kombiniert mit Tafeln, auf denen neben der Art der Heimarbeit und Angaben zur ausführenden Person auch der Lohn vermerkt war. Die Stundenlöhne schwankten zwischen 6 und 50 Rappen und waren rot hervorgehoben, um dem Anliegen einer besseren Entlöhnung Nachdruck zu verleihen.

Im Rahmen der Ausstellung fand der erste Schweizerische Heimarbeiterschutzkongress statt. Die vorwiegend männlichen Referenten zählten am zweitägigen Anlass die Hauptkritikpunkte auf: die niedrigen Verdienstmöglichkeiten, die weitverbreitete Kinderarbeit, die durch Heimarbeit bedingten unhygienischen Arbeits- und Wohnformen sowie die fehlende Gesetzgebung. Einer der Redner war übrigens Paul Pflüger, der Gründer des Schweizerischen Sozialarchivs. Er hielt ein flammendes Plädoyer für eine gesetzliche Regelung der Heimarbeit auf eidgenössischer Ebene. Ausserdem sprach er sich dafür aus, die Arbeiterschaft endlich zu organisieren, auch wenn er gewisse Zweifel am Erfolg hegte. Er zweifelte an der Organisierbarkeit von Frauen, die den grössten Teil der Heimarbeit erledigten, weil ihr «Berufs- und Kollegialitätssinn äusserst minim entwickelt» sei.

Nach dem Publikumserfolg in Zürich wurde die Heimarbeit-Ausstellung im Herbst 1909 in Basel gezeigt. Die Bemühungen, auf legislativer Ebene den Missständen einen Riegel zu schieben, wurden 1910 mit einem ersten internationalen Heimarbeit-Kongress in Brüssel weiterverfolgt. 1912 fand in Zürich die zweite Austragung statt. Einem kontinuierlichen Druckaufbau versetzte dann der Erste Weltkrieg – wie so vielen anderen sozialpolitischen Anliegen – einen empfindlichen Dämpfer.

Ein kleiner Teil des Ausstellungsmaterials – u.a. ein paar «Etiquetten» mit wichtigen Daten zur Heimarbeit – landete im Sozialarchiv. Dazu gehört auch ein Originalabzug des Mädchens am Spulrad. Die Postkarte mit demselben Motiv taucht immer wieder in Archivablieferungen auf; die hohe Auflage hatte für eine zuverlässige Verbreitung gesorgt. Vor wenigen Jahren schliesslich haben wir den Archivbestand der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit übernommen. Bestandteil ist eine Serie von 31 Glasdias, die mit «Heimarbeit-Ausstellung» beschriftet sind. Ob an der Ausstellung 1909 in Zürich und Basel noch mehr Fotos gezeigt wurden, lässt sich nicht mehr eruieren. Die 31 Aufnahmen erlauben aber einen einmaligen Einblick in ein düsteres Kapitel Schweizer Industriegeschichte.

Material zum Thema im Sozialarchiv:

  • Sachdokumentation
    KS 331/21a-d: Ausführliche Dokumentation zum Thema Heimarbeit in der Schweiz; enthält u.a. den Führer zur schweizerischen Heimarbeit-Ausstellung 1909 von Jacob Lorenz und die Verhandlungen des ersten allgemeinen Schweizerischen Heimarbeiterschutzkongresses vom 7. und 8. August.
  • Bild + Ton
    F 5099: Der Bestand der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit ist online, darunter auch die 31 Glasdias mit den an der Ausstellung gezeigten Motiven.

Weiteres Bildmaterial ist in der Datenbank Bild + Ton mit einer Abfrage «Heimarbeit 1909» zu finden.

Ein neuer Blick auf die Vollversammlungen der 80er Bewegung

Vor vierzig Jahren rebellierte die Jugend in verschiedenen Schweizer Städten. Die Ereignisse sind bekannt, weil die Auseinandersetzungen in ihrer Intensität das bisher bekannte Mass sprengten. Zudem gibt es für diese Jugendbewegung eine eindrückliche Fülle historischer Quellen. Mit dem Rohmaterial des Videoladens Zürich sind nun fast 200 Stunden Aufnahmen aus einer bewegten Zeit neu im Sozialarchiv zugänglich. Besonders aufschlussreich sind die Vollversammlungen.

Vor bald einem Jahrzehnt lancierte der Videoladen Zürich zusammen mit Memoriav (dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und dem Sozialarchiv das Projekt zur Digitalisierung seines Rohmaterials. Im Zentrum sollten die Aufnahmen stehen, die im Zusammenhang mit der Jugendbewegung der 1980er Jahre entstanden sind. Berücksichtigt wurden aber auch die Vorläufer und Nachwehen, so dass der Bestand die zwei Jahrzehnte zwischen 1976 und 1995 abdeckt. Insgesamt wurden rund 200 Videobänder von Spezialistinnen gereinigt und anschliessend digitalisiert. Inzwischen ist der Bestand online zugänglich: bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_9049.

Video-Rohmaterial geniesst keinen allzu hohen Stellenwert in der Forschung. Weder bei Filmwissenschaftlern noch bei Historikerinnen steht es als Quellenmaterial hoch im Kurs. Es gilt als Vorstufe zu einem Werk, ästhetisch unausgereift und inhaltlich wenig aussagekräftig. Hier sei die Prognose gewagt, dass der Bestand des Videoladens diese Einschätzung verändern könnte.

Die Videoladen-Crew war in den «heissen» Jahren von 1980 bis 1982 fast pausenlos unterwegs. So sind viele Stunden Aufnahmen entstanden, die sehr wohl neue Aufschlüsse über die achtziger Ereignisse ermöglichen könnten. Das Bewegtbild gibt zudem Informationen frei, die andere Quellen nicht liefern können: Die Aufnahmen der «Wohn-Demo» vom 30. August 1980 (SozArch F 9049-026 und F 9049-058) zeigen beispielsweise, wie sich die Jugendlichen auf die Demonstration vorbereiten oder welche Diskussionen über Routenwahl und Gewaltbereitschaft geführt werden. An der Demo selbst kommt es zu Konflikten mit der Polizei, die in stundenlange, gewalttätige Scharmützel münden. Jugendliche, die von einem Tränengaseinsatz betroffen sind, werden notversorgt. Passanten beobachten die Vorgänge neugierig und mischen sich teilweise verbal in die Auseinandersetzungen ein. Der Kameramann des Videoladens bekommt die Ladung eines Wasserwerfers ab. Wenige Meter voneinander entfernt finden zeitgleich ein Strassenmusikauftritt und ein Polizeieinsatz statt. Nichts von dem findet sich in der Presseberichterstattung, in den Polizeirapporten oder in Erlebnisberichten von Beteiligten. Das bewegte Bild übertrifft an Informationsdichte alle anderen Quellengattungen.

Natürlich bildet auch dieses Rohmaterial nicht «die Realität» ab. Die Ereignisse der erwähnten Wohn-Demo zogen sich über Stunden hin. Die beiden Bänder decken davon nur rund 60 Minuten ab. Die Kamera wird laufend aus- und eingeschaltet. Längere Phasen (der Ereignislosigkeit?) fehlen ganz. Zudem filmt die Videoladen-Crew nicht neutral, sondern aus der Perspektive der Bewegung. Gewalttätigkeiten der Gegenseite werden nach Möglichkeit genau dokumentiert, zertrümmerte Schaufenster und der Barrikadenbau der Jugendlichen scheinen hingegen eher nur zufällig ins Bild zu geraten. Die Kamera sucht immer wieder eine bisweilen fast aufdringliche Nähe zur Polizei. Man belauert sich gegenseitig und spart nicht mit Provokationen.

Einen besonders intimen Einblick ins Funktionieren der Jugendbewegung bieten die Aufnahmen der Vollversammlungen. Diese Form des Zusammenkommens und Diskutierens hatte sich ab dem ersten Tag der Ereignisse etabliert und wurde von den Bewegten nie in Frage gestellt. Die Vollversammlung galt als einziges Organ mit Entscheidungsgewalt. Die Delegierung an eine Gruppe mit Leitungsfunktionen wurde zwar ansatzweise diskutiert, aber jedes Mal verworfen. Der Widerstand dagegen war wohl nicht zuletzt deshalb so radikal, weil genau dies von den Behörden immer wieder gefordert wurde: Sie waren bereit, mit einer Delegation zu verhandeln, aber sicher nicht mit einer anonymen Menge. Die Vehemenz, mit der die Jugendlichen auf dieser Form beharrten, hatte auch mit dem Vertrauensverlust in gängige politische Abläufe zu tun. Die älteren Jugendlichen mit einem 68er-Hintergrund fühlten sich durch die jahrlange Hinhaltetaktik der Behörden verschaukelt, den jüngeren fehlte jede Geduld, noch Jahre auf die Realisierung ihres Begehrens zu warten. Allen gemeinsam war eine tiefgehende Abneigung gegen einen parteipolitischen Weg: Sowohl den etablierten Parteien als auch den Parteien der Neuen Linken schlug heftige Abwehr entgegen, wenn diese versuchten, sich den Anliegen der Jugendlichen anzunehmen. Die ganze Energie lag im Kollektiv, jeder Versuch einer Vereinnahmung wurde äussert argwöhnisch beäugt. Das musste auch das Aushängeschild der Ausgestossenen und Randständigen, Pfarrer Ernst Sieber, erleben, dessen Einstehen für die Jugendbewegung auf kontroverse Reaktionen stiess, wie Pfeifkonzerte nach seinen Voten an Vollversammlungen belegen.

An den Treffen, die nach dem Opernhaus-Krawall vom 30. Mai 1980 in kurzer Abfolge stattfanden, diskutierten die Jugendlichen also so lange, bis eine Entscheidung über das weitere Vorgehen mittels Abstimmung möglich war – oder die Teilnehmenden vom stundenlangen Hin und Her so zermürbt waren, dass sich die Versammlung ohne Beschluss auflöste. Die Vollversammlungen fanden an verschiedenen Orten statt: im Volkshaus, auf dem Platzspitz und später auch im autonomen Jugendzentrum. Grundsätzlich stand das Mikrofon allen Anwesenden zur freien Meinungsäusserung offen. Als fleissige Redner entpuppten sich aber bald die Männer, Frauen meldeten sich selten. Der Ablauf einer Vollversammlung bestand im Wesentlichen daraus, dass zuerst aus Wortmeldungen eine Art Traktandenliste entstand. Rednerinnen und Redner fanden sich beim Mikrofon ein und warteten in der Regel artig, bis sie an der Reihe waren. Wenn der Austausch der Argumente sich erschöpft hatte, folgte die Abstimmung durch Handerheben im Plenum.

Was bei der blossen Schilderung langweilig und reizlos tönt, war zumindest in der Anfangsphase der Zürcher Jugendbewegung ein überaus mächtiges politisches Instrument. Die Vollversammlung als Forum der Willensbekundung zeigte ihre Stärke und ihr Durchsetzungsvermögen auch darum, weil die Bewegung in erster Linie ein vordringliches Ziel hatte: Die Stadt sollte ihr ein autonomes Jugendzentrum zur Verfügung stellen. Hinter dieser Forderung standen bis zu 10’000 Jugendliche, die dafür auch auf die Strasse gingen. Der Anspruch auf ein autonomes Jugendzentrum war auch für breite Kreise der Bevölkerung nachvollziehbar: Die Benachteiligung alternativer Kultur und das Fehlen nichtkommerzieller Treffpunkte in der Stadt waren augenfällig. Die Behörden hatten es versäumt, dem jahrzehntelang wiederholten Ruf nach einem Jugendhaus nachzukommen. Selbst die Ereignisse von 1968 und das krachend gescheiterte Experiment mit dem Bunker hatten ihnen die Augen nicht geöffnet. Dort hatte man 1970 versucht, die Jugend mit einem fensterlosen Luftschutzbunker unter dem Lindenhof abzuspeisen. Das Fass zum Überlaufen brachte dann bekanntlich die Vorlage, für 60 Millionen das Opernhaus zu renovieren – und die nicht-etablierte Kultur erneut zu ignorieren. Am 30. Mai 1980 demonstrierten die Jugendlichen dagegen und es kam zum berühmt-berüchtigten Opernhaus-Krawall.

Wenige Tage später, am 4. Juni, kam es zur denkwürdigen Vollversammlung im Volkshaus. Sie kann dank der Aufnahmen des Videoladens fast integral nacherlebt werden (SozArch F 9049-003/-014/-021). Die Jugendbewegung war auf einem frühen Höhepunkt ihrer Wirkungsmacht. Der Anlass zog 3’000 Jugendliche an. Der Strom Interessierter an diesem Mittwochabend war aus verschiedenen Gründen enorm: Angekündigt war eine Aufführung eines Videos, das am Opernhaus-Krawall entstanden war und das bereits für Furore gesorgt hatte. Der an der Universität Zürich lehrende Ethnologe Heinz Nigg hatte zusammen mit der Projektgruppe «Community Medien» die Auseinandersetzungen beim Opernhaus und in den angrenzenden Strassenzügen gefilmt, was dem zuständigen Regierungsrat Alfred Gilgen sauer aufstiess. Das Band wurde konfisziert, weitere Aufführungen wenig später verboten.

Ebenfalls gezeigt wurde die Fernsehberichterstattung über den Krawall – die Ereignisse hatten sowohl in den Printmedien als auch im Fernsehen für eine überreizte Berichterstattung gesorgt. Die öffentliche Meinung reagierte schockiert und empört auf den Gewaltausbruch, der hauptsächlich den Jugendlichen angelastet wurde. Die Bewegung sah dies verständlicherweise genau umgekehrt. Der Frontenbezug und die Gewaltbereitschaft (auf beiden Seiten) waren schon nach den ersten Abendstunden am Freitag des Opernhauskrawalls klar und sollten sich während der nächsten zwei Jahre nicht mehr signifikant verschieben. Folgerichtig zeigten deshalb einige Jugendliche in einer Performance auf der Volkshausbühne, wie man sich im Falle einer Verhaftung verhalten sollte. Unterstützt wurden sie dabei von Anwältinnen und Anwälten des Anwaltskollektivs.

Den Höhepunkt dieser Vollversammlung bildete allerdings der Auftritt von Stadträtin Emilie Lieberherr und Stadtpräsident Sigmund Widmer. Weil die Jugendlichen sich geweigert hatten, den umgekehrten Weg zu gehen – nämlich eine Delegation ins Stadthaus zu schicken –, blieb den beiden Stadträt/innen nichts Anderes übrig, als sich einer Diskussion in der Höhle des Löwen zu stellen. Dieser Umstand war verblüffend und zeigt, dass der Druck der Ereignisse auf der Strasse seine Wirkung tat. Der Gang ins Volkshaus war wohl auch ein Eingeständnis, die Entwicklungen in der Jugendpolitik während Jahren vollkommen verschlafen zu haben. Die Debatte zwischen Lieberherr, Widmer und dem Plenum dauerte rund eine Stunde und spielt sich in erstaunlich gesitteter Atmosphäre ab. Es ist förmlich spürbar, dass die Jugendbewegung bereits an diesem Abend ihrem Ziel eines autonomen Jugendzentrums sehr nahe kam. Daran änderte auch nichts, dass sich sowohl Lieberherr als auch Widmer wiederholt mit paternalistisch anmutenden Statements an das jugendliche Publikum wandten – sie wurden mit Pfeifkonzerten quittiert. Auch die Taktik von Lieberherr und Widmer, sich hinter dem politischen Entscheidungsprozess zu verschanzen, der ihre Machtbefugnis begrenzte, erlitt Schiffbruch. Der Abend endete mit einem zweifachen Zugeständnis: Die Stadt stellte den Jugendlichen die Rote Fabrik für ein Fest am kommenden Wochenende zur Verfügung und versprach, sofort Verhandlungen über eine in Frage kommende Liegenschaft aufzunehmen. Weniger als einen Monat später wurde das autonome Jugendzentrum an der Limmatstrasse 18/20 Realität.

Einen solchen Durchbruch hatten wohl nur die Optimistischsten erwartet. Die Vollversammlung als entscheidendes Gremium und Machtinstrument sah sich dadurch bestärkt und legitimiert, und dieser frühe Erfolg dürfte auch dazu beigetragen haben, dass während der nächsten Monate niemand am Instrument der Vollversammlung rüttelte. In dieser Phase gab es bisweilen auch kuriose Momente: So konnte es vorkommen, dass ein ganzer Demonstrationszug zum Stillstand kam, weil – über Megafon – der weitere Verlauf der Route diskutiert werden musste.

Die Mängel der Vollversammlung traten allmählich zu Tage, nachdem das autonome Jugendzentrum am 28. Juni 1980 eröffnet worden war. Die Tage und Wochen des Kampfes auf ein Ziel hin waren vorbei und damit die Schlagkraft der Vollversammlung. Sobald es nichts mehr zu erstreiten galt, waren Konzepte und Strategien gefragt. Doch dafür eignete sich die Vollversammlung nicht. Bereits die Aufnahmen zur AJZ-Eröffnung (SozArch F 9049-047) zeigen, dass Probleme auf die Bewegung zukamen, die sie weder verursacht hatte noch aus eigener Kraft lösen konnte. Wie sollte die baufällige Liegenschaft mit dem lächerlichen Betrag von 40’000 Franken, den die Stadt gesprochen hatte, in Schwung gebracht werden? War das Haus nicht viel zu klein für alle Bedürfnisse, die sich angestaut hatten? Sollte man angesichts der grassierenden Wohnungsnot auch im AJZ übernachten dürfen? Und stimmte das Gerücht, dass die Stadt vorhatte, die Liegenschaft innert Jahresfrist sowieso abzureissen? In der Vollversammlung wurde diese Frage zwar diskutiert, aber statt wie früher Euphorie und Tatendrang machte sich im Plenum nun Ratlosigkeit breit. Die Jugendlichen reagierten zwar sehr schnell mit einer Fülle von Arbeitsgruppen, die sich den einzelnen Problemfeldern annahmen. Der Dampfer AJZ nahm Fahrt auf, lief aber schon nach wenigen Wochen auf Grund. Vor allem Drogenprobleme führten zu einer ersten Schliessung im September 1980. Die Situation war verfahren: Auf der einen Seite die Bewegung, die stur an ihren Wegen der Entscheidungsfindung festhielt und weder Delegationen noch eine Machtaufteilung innerhalb tolerierte. Auf der anderen Seite die Behörden, die sich nach der Übergabe der Liegenschaft nicht mehr in der Pflicht sahen, irgendeinen Beitrag zur Lösung der anstehenden Probleme beizutragen und ihre Aufgabe einzig darin sahen, mit repressiven Mitteln für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Die Videoaufnahmen der Vollversammlungen erweisen sich bei näherem Hinsehen somit als eine reichhaltige Quelle für die Geschichte der Jugendbewegung. Sie geben in erster Linie Auskunft über die Themen, die den Jugendlichen unter den Nägeln brannten: Wann endlich erhalten wir ein Jugendhaus? Ist der Einsatz von Gewalt an Demonstrationen legitim? Was ist zu tun bei einer Verhaftung durch die Polizei oder nach einer Tränengasattacke? Darüber hinaus lassen sich ihnen viele zusätzliche Informationen entnehmen: Welche Jugendlichen ergreifen öfter das Wort? Auf welche Reaktionen stossen die Voten im Publikum? Wie verhalten sich Frauen am Mikrofon? Wie verhält sich das Plenum, wenn die Diskussion ausufert? Was hat es mit der schleppenden Sprechweise vieler Jugendlicher auf sich? Wie sind die Jugendlichen gekleidet? Welche unterschiedlichen Interessen lassen sich bei den versammelten Jugendlichen ausmachen?

Eine Analyse solcher und anderer Fragen kann dazu beitragen, die ausgetretenen Rezeptionspfade der 80er Bewegung zu verlassen. Im Jubiläumsjahr 2020 stand fast ausschliesslich die Erinnerung im Vordergrund: Bewegte erzählten, «wie es damals war». Dies ist zwar sowohl für Zeitzeug/innen als auch für später Geborene interessant, blendet aber aus, dass es neben den individuellen und kollektiven Erlebnissen immer noch unvollständig beantwortete Fragen gibt. Beispielsweise bedarf es der Klärung, ob es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen der Depression, die viele Jugendliche nach dem Abbruch des AJZ erfasst hatte, und dem Absturz in den unkontrollierten Konsum harter Drogen. Ebenfalls im Raum steht die Frage, ob die Bewegungsgeneration tatsächlich so wesentlich für die kreative, kulturelle (nicht nur die Musik betreffend) und gastronomische Aufbruchstimmung der späten 1980er und frühen 1990er Jahre verantwortlich war. Nötig ist in erster Linie ein unverstellter Blick auf die Ereignisse, der sich auch von den Positionsbezügen und ideologischen Abwehrmechanismen zu lösen vermag, die bei vielen Beteiligten auch 40 Jahre danach unverrückbar scheinen.

Die Aufnahmen der Vollversammlungen aus dem Archiv des Videoladens könnten dabei durchaus hilfreich sein. Sie zeigen, welche Macht der Vollversammlung in den ersten Wochen der Bewegung zukam, wie partizipativ und taktisch clever ihre Beschlüsse anfangs waren. Mit der Dauer der Achtziger Unruhen wurde aber zunehmend klar, dass die Jugendbewegung kein homogenes Kollektiv war, sondern mit Post-68ern und Spontis, Radikalen und Pragmatischen, Studierenden und Lehrlingen eine riesige Bandbreite an Altersgruppen, Ideologien und Bedürfnissen hinter dem gemeinsamen Ziel eines AJZ versammelte. Mit der strikten Weigerung der Macht- und Verantwortungsdelegation könnten die Bewegten womöglich selber ihren Beitrag zum Scheitern der Bewegung beigetragen haben.

Nach der ersten Schliessung des AJZ im September 1980 war der Videoladen nur noch vereinzelt vor Ort, wenn Vollversammlungen stattfanden. Die Kritik aus den eigenen Reihen an dieser Diskussionsform wurde lauter, die Teilnehmerzahlen sanken. Allerdings wandte sich die Jugendbewegung nie offiziell von der Vollversammlung ab. Die massgebliche Arbeit fand nun aber in den Arbeitsgruppen des AJZ statt. Die Bewegung kommunizierte über Flugblätter, eigene Zeitungen und Piratenradios – und seit Anbeginn auch mit den Videos des Videoladens. Die Ereignisdichte ergab Material zur Genüge. Rund zwei Drittel des gesamten Videoladen-Archivs stammen aus der Zeit zwischen Opernhauskrawall und der definitiven Schliessung des AJZ weniger als zwei Jahre später. Aus diesem Rohmaterial entstanden mehr als zehn Videoproduktionen und 1981 mit «Züri brännt» auch ein Meilenstein des Bewegungsvideos.

3.9.2020-17.1.2021: Ausstellung „Zürich 1980“ im ZAZ

Vor 40 Jahren wurde Zürich von einer urbanen Revolte erschüttert. Es war eine Rebellion gegen einen normierten und kontrollierten Alltag, gegen ein biederes, engstirniges und repressives soziales Klima, ein erbitterter und lustvoller Kampf für ein anderes urbanes Leben. Die Revolte hat zwei Jahre angehalten und das gesellschaftliche und kulturelle Leben Zürichs grundlegend verändert, mit Auswirkungen, die bis heute sichtbar sind.

In Zusammenarbeit mit Christian Schmid (Stadtforscher, ETH Zürich) und Silvan Lerch (Kulturjournalist) hat das Sozialarchiv aus diesem Anlass die Ausstellung „Zürich 1980“ im Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) konzipiert. In dieser Ausstellung schauen wir zurück und nach vorn – in eine bewegte Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft.

„Zürich 1980“ besteht im Wesentlichen aus zwei Zugängen zum Thema. Zum einen zeigen wir Fotos von Gertrud Vogler (1936-2018) – sie ist den regelmässigen Leser*innen des SozialarchivInfos inzwischen bestens bekannt. Vogler gehörte zu den wichtigsten zeitgenössischen FotografInnen Zürichs. Sie arbeitete für verschiedene Publikationen und übernahm 1981 die Bildredaktion der WoZ. Vogler konnte Aufnahmen von Orten machen, zu denen anderen der Zutritt verwehrt blieb oder wo sie sich gar nicht erst hin getrauten. Als Chronistin des Alltags und der sozialen Bewegungen schuf sie ein Werk von über 200’000 Fotografien, das heute im Schweizerischen Sozialarchiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die erste grössere Einzelausstellung zeigt Einblicke in bewegte Zeiten zwischen 1977 und 1993.

Zum anderen widmet sich die Ausstellung unter dem Titel «Poetische Provokationen» der Sprache der Bewegung. Mit Zeitschriften, Songtexten, Videos, Tonaufnahmen, Flugblättern und Büchern zeigen wir, wie sich die 80er Bewegung Ausdruck verschaffte. Als Interventionsmedien zur Etablierung einer Gegenöffentlichkeit gedacht, verströmen die Texte bis heute eine besondere Kraft und entwickeln einen eigentlichen Sog. Sie sind oft überraschend, explosiv, radikal und militant und entfalten zugleich sinnliche Verspieltheit, Witz und (Selbst-)Ironie.
Dieser Teil der Ausstellung sollte ursprünglich im Museum Strauhof gezeigt werden, fiel aber wie so vieles der Corona-Pandemie zum Opfer. Verantwortlich für die «Poetischen Provokationen» sind Silvan Lerch und Anja Nora Schulthess („Zürcher Mittelmeerfraktion – Verein für unerhörte Stadtgeschichten“).

3. September 2020 bis 17. Januar 2021
Zentrum Architektur Zürich (ZAZ), Höschgasse 3, 8008 Zürich

> Der Zutritt zu allen Veranstaltungen ist coronabedingt beschränkt. Bitte informieren Sie sich vor Ihrem Besuch auf der Homepage des ZAZ und melden Sie sich über anmeldung@zaz-bellerive.ch zu den jeweiligen Veranstaltungen an.

> Ausstellungsflyer herunterladen (PDF, 2’690 KB)

> Weitere Informationen und Angaben zum umfangreichen Begleitprogramm

Archivarisches Händeklatschen

Bestände zu Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik im Sozialarchiv

Zu den erfreulichen Nebenwirkungen der Corona-Krise gehört die transnationale Verbreitung des Händeklatschens auf Balkonen und Terrassen als Applaus für den unermüdlichen Einsatz des Spitalpersonals im Kampf gegen das Virus. Diesen Manifestationen der Wertschätzung möchten wir uns an dieser Stelle auf spezifisch archivarische Weise anschliessen: Durch eine Vorstellung der Bestände zu Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik im Schweizerischen Sozialarchiv und ihre historische Verortung. Das Sozialarchiv verfügt in diesem Bereich über umfangreiches und vielfältiges Material. Im Unterschied zum Archiv für Medizingeschichte der Universität Zürich, das sich auf die Sammlung im engeren Sinne medizin- und wissenschaftshistorischen Quellenmaterials, Nachlässe von Medizinalpersonen und Körperschaftsarchive medizinischer Institutionen konzentriert, finden sich im Sozialarchiv gemäss dessen Sammelauftrag Unterlagen, die die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen des Gesundheitswesens dokumentieren.

Die im Sozialarchiv gelagerten Bestände verschiedener Parteien und Organisationen beinhalten auch deren Akten zur Gesundheitspolitik. Sodann beherbergt das Sozialarchiv die Akten verschiedener Medizinerorganisationen mit gesellschaftspolitischen Zielen wie des „Verbands Schweizer Medizinstudenten“, der „ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges“, der „Schweizerischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie“ oder der „Vereinigung unabhängiger Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierender“. Weiters finden sich die Nachlässe verschiedener ÄrztInnen mit einem breiteren gesellschaftlichen und politischen Engagement wie etwa des Aussersihler Arbeiterarztes, Sexualreformers und Sozialisten Fritz Brupbacher und des mit ihm befreundeten Ärzteehepaars Minna und Max Tobler-Christinger oder der religiös-sozialistischen Hebamme und Krankenschwester Vre Karrer, die ab 1993 in Somalia eine Krankenstation mit Schule für Pflegeberufe aufbaute und dort 2002 ermordet wurde.

Die Sachdokumentation des Sozialarchivs führt allgemeine Dossiers zu öffentlichem Gesundheitswesen und Krankenversicherungen in der Schweiz und ausgewählten anderen Ländern und zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie spezialisierte Dossiers zu Themen wie Spitalwesen, Spitalfinanzierung, Krankenpflege, Spitex, medizinische Berufe, ÄrztInnen, Ärztestreiks, Ärztemangel/Ärzteüberschuss, ärztlichem Versagen, Arztgeheimnis, Präventivmedizin, Alternativer Medizin und einzelnen Krankheiten wie Cholera, Pocken, Tuberkulose, Grippe, Diphterie, Kinderlähmung, Typhus, Krebs, AIDS und Geschlechtskrankheiten. In der Bibliothek finden sich nebst historischer, sozial- und kulturwissenschaftlicher Fachliteratur zum Themenfeld Gesundheitswesen/Krankheiten die Informationsblätter und Jahresberichte von Institutionen wie dem Bundesamt für Gesundheit, der „Liga gegen die Tuberkulose und Lungenkrankheiten“ oder der „AIDS-Hilfe“.

Dass gerade das auf gesellschaftlichen Wandel sowie soziale und politische Bewegungen spezialisierte Sozialarchiv eine so grosse Sammlung von Dokumenten zum Gesundheitswesen aufweist, ist kein Zufall. Krankenversicherung und Spitalpolitik sind Dauerbrenner auf der politischen Agenda von Bund, Kantonen und Gemeinden, in deren Debatten Schreckbegriffe wie „Kostenexplosion“ oder „Zweiklassenmedizin“ regelmässig auftauchen. Abstimmungen über Epidemiengesetze haben in den letzten 140 Jahren wiederholt zu Kontroversen geführt, insbesondere dann, wenn sie die Möglichkeit eines Impfobligatoriums beinhalteten (vgl. SozialarchivInfo 1/2020). Entsprechend findet sich in den Beständen verschiedener politischer Akteure, insbesondere von Parteien und gemeinnützigen Organisationen, sowie in der Sachdokumentation umfangreiches Material zu solchen politischen Debatten.

Darüber hinaus widerspiegelt das zahlreiche Material zu Seuchen und anderen Krankheiten in den Beständen des Sozialarchivs auch den Umstand, dass deren Auftreten nicht nur medizinische Krisen sind, sondern seit jeher auch einschneidende Ereignisse mit oftmals weitreichenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Folgen. Die grosse, als „Schwarzer Tod“ bekannt gewordene Pest-Pandemie zur Mitte des 14. Jahrhunderts, die entlang von Handelsrouten wie der Seidenstrasse aus Zentralasien nach Europa vorgestossen war und gemäss Schätzungen ein Viertel bis die Hälfte der europäischen Bevölkerung, mindestens 20 Millionen Menschen, dahinraffte, erreichte 1347/48 auch das Gebiet der heutigen Schweiz. Sie führte unmittelbar an zahlreichen Orten zu Verfolgungen und gar Massakern an der jüdischen Minderheit, der manche Brunnenvergiftung als Ursache der Pest unterstellten; im Gebiet der heutigen Schweiz etwa in Chillon, Villeneuve, Bern, Zofingen, Solothurn, Zürich und Basel. Trotz Unkenntnis über die Verbreitungsart der Seuche führten in den darauffolgenden Jahrzehnten Hafen- und Handelsstädte bereits Isolationsmassnahmen für ankommende Schiffe und Kaufleute ein. Die dabei häufig zur Anwendung gelangende 40-tägige Absonderung prägte den Begriff „Quarantäne“.

Längerfristig bewirkte oder beschleunigte die Pest-Pandemie des 14. Jahrhunderts einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, der allerdings je nach gesellschaftlichen und politisch-institutionellen Voraussetzungen regional unterschiedlich verlaufen konnte. Die Kirche profitierte von der Seuche zwar materiell durch Erbschaften von vielen Pestopfern, geriet aber wegen fehlender Antwort auf die Frage nach der Ursache der Pandemie in eine Legitimationskrise. In wirtschaftlicher Hinsicht erleichterte der demographische Einbruch den Zugang zu Bauernhöfen und in den Städten lockerten die Handwerkerzünfte ihre restriktive Aufnahmepolitik. Unrentable Böden wurden aufgegeben, dagegen stiegen wegen Arbeitskräftemangels die Löhne in den Städten und teilweise auch der Landarbeiter. Die höheren Lohnkosten wiederum begünstigten die Mechanisierung manueller Arbeit und den Durchbruch technischer Innovationen wie des Buchdrucks.

In der frühen Neuzeit gab es in Europa immer wieder gravierende lokale Pest-Epidemien. So starben 1519 und 1611 in Zürich, 1610/11 in Basel und 1629 in St. Gallen jeweils rund 30 Prozent der Bevölkerung an der Pest. In den Jahren 1519, 1541, 1611 und 1630 wurde die gesamte Eidgenossenschaft von Pest-Epidemien heimgesucht. Als Reaktion darauf erliessen die Schweizer Städte ab dem späten 16. Jahrhundert nach norditalienischen Vorbildern Pest-Reglemente. Auch wurden Gesundheitsbehörden geschaffen, so in Zürich 1704 ein ständiger Sanitätsrat. Verschwand die Pest ab dem 18. Jahrhundert weitgehend aus Europa, so kostete noch um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Pest-Pandemie mit Schwerpunkt in Ostasien etwa 12 Millionen Menschenleben. In diesem Zusammenhang verabschiedete der Schweizer Bundesrat 1899/1900 Massnahmen zum Schutz gegen Pest und Cholera, die unter anderem den Warenverkehr mit „als pestverseucht anzusehenden Ländern und Bezirken“ einschränkten und an einer Reihe von Eisenbahn-, Post- und Dampfschiffstationen „Krankenübergabestationen“ mit „Absonderungshaus“ und „Desinfektionsanstalten“ für Reisende mit Pest- oder Cholerasymptomen vorsahen.

Die lange Zeit auf den indischen Subkontinent beschränkte Cholera breitete sich in einer ersten Pandemie zwischen 1817 und 1824 entlang von Handelsrouten über weitere Teile Asiens sowie nach Ostafrika, Kleinasien, Russland und Europa aus. In den folgenden 100 Jahren zogen fünf weitere Cholera-Pandemien grosse Teile der Welt in Mitleidenschaft. Hinzu kamen verschiedene gravierende lokale Epidemien, so 1892 in Hamburg, wo 8’600 Menschen verstarben. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die bakterielle Ursache der Cholera und deren Übertragung durch verschmutztes Trinkwasser erkannt. Die Entdeckung dieser Zusammenhänge stellte nicht nur die Geburtsstunde der modernen Epidemiologie dar, sondern begünstigte auch die infrastrukturelle Verbesserung im Bereich der Wasserversorgung in vielen der im Zuge der Industrialisierung rasch wachsenden Städte. Aktuell wütet seit 2016 im kriegsgebeutelten Jemen eine Cholera-Epidemie, der bereits mehrere Tausend Menschen zum Opfer gefallen sind.

Die Stadt Zürich wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von zwei gravierenden Cholera-Epidemien heimgesucht. 1855 kamen – bei einer Stadtbevölkerung von etwa 20’000 Personen – 114 Menschen ums Leben. Zeitgleich starben in den beiden Basel etwa 400 Menschen an der Cholera. Zwölf Jahre darauf erkrankten im Kanton Zürich 771 Personen an der Cholera, von denen 499 verstarben. Die grössten Todeszahlen wiesen die Wohnorte der städtischen Unterschichten mit ihren prekären hygienischen Verhältnissen auf: 131 Menschen starben in der Zürcher Altstadt, 92 weitere in der rasch wachsenden Arbeitervorstadt Aussersihl. Die Behörden reagierten weitgehend hilflos. Zunächst riegelte man Häuser, in denen Cholerakranke wohnten, für jeweils neun Tage ab. Diese Massnahme liess sich aber nicht lange durchsetzen. Auch gab es Veranstaltungsverbote und Aufforderungen an die Bevölkerung, sich beim Genuss von Sauser zurückzuhalten, während der Weinkonsum als Stärkung gegen die Seuche galt. Verbote einzelner Gemeinden, in die von der Cholera betroffenen Gebiete zu reisen, wurden vom Kanton wieder aufgehoben. Die Epidemie führte unmittelbar zu einer Solidaritätswelle: In Zürich entstand ein „Hülfskomitee“, das unter anderem eine Suppenküche für Arme einrichtete. Nachbarkantone schickten Geld und Naturalien. Zürich besass zu jener Zeit weder Wasserversorgung noch Kanalisation. Der Bau eines Abwassersystems war zwar einige Monate vor der Epidemie beschlossen worden, wurde aber erst in den folgenden Jahren umgesetzt. Auch machte die Epidemie die Lebensverhältnisse der städtischen Unterschichten einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Schliesslich verstärkte die hilflose Rolle der Behörden während der Cholera-Epidemie auch die Kritik am liberalen „System Escher“, das seit zwei Jahrzehnten den Kanton Zürich dominierte, infolge einer Schuldenkrise in der Landwirtschaft, eines konjunkturellen Einbruchs in der Industrie, steigender Lebensmittelpreise und Missständen in Verwaltung und Justiz schon zuvor unter Druck geraten war und dann im Winter 1867/68 von der demokratischen Bewegung weggefegt wurde (vgl. SozialarchivInfo 6/2018).

Der grössten Pandemie des 20. Jahrhunderts, der Grippe-Welle von 1918/19, fielen weltweit geschätzte 25 bis 100 Millionen Menschen zum Opfer, dies waren weit mehr Tote, als der Erste Weltkrieg gefordert hatte. Besonderheiten waren eine hohe Sterblichkeit von 5 bis 10 Prozent sowie der Umstand, dass vor allem Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren davon betroffen waren. Die übliche Bezeichnung „Spanische Grippe“ ist missverständlich, denn die Pandemie ging nicht von Spanien aus. Sie wurde freilich zuerst in der Presse Spaniens diskutiert, das als nicht am Weltkrieg beteiligtes Land eine freiere Berichterstattung kannte. Ihren Ursprung nahm die Pandemie Anfang 1918 in den Vereinigten Staaten, von wo sie im Frühjahr durch die intensiven interkontinentalen Truppentransporte des Weltkriegs nach Europa gelangte. Den ersten Peak erreichte die Pandemie im Juni 1918, als die Grippe nun auch Teile Asiens und Ozeaniens erreichte. Rasch zirkulierten diverse Gerüchte und Verschwörungstheorien über die Ursache der Grippewelle. In der durch die Kriegspropaganda angeheizten antideutschen Atmosphäre der USA – wo die Frankfurter Würste in „liberty sausages“ und der Hamburger in „liberty sandwich“ umgetauft worden waren – wurde die Umbenennung der Pandemie in „Deutsche Grippe“ gefordert. Die zweite Welle der Pandemie dauerte von Mitte August bis November 1918, fiel also zeitlich mit den letzten Kriegsmonaten, den Revolutionen in Deutschland und Österreich, dem Schweizer Landesstreik sowie politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen in zahlreichen weiteren Ländern zusammen. In dieser Welle erreichte die Pandemie auch verschiedene Regionen Afrikas. Eine dritte Grippe-Welle ab dem Frühjahr 1919 war weniger tödlich als die beiden vorangegangenen.

In der Schweiz erkrankten wohl rund 2 Millionen, etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung, an der Grippe, knapp 25’000 Menschen verstarben. Damit wurde 1918 zum einzigen Jahr des 20. Jahrhunderts, als in der Schweiz mehr Menschen verstarben als geboren wurden. Ein besonders hohes Todesrisiko hatten Pflegepersonal und Ärzte. Die erste Grippewelle im Sommer 1918 fiel zeitlich mit einer raschen Verschärfung der kriegsbedingten Versorgungsengpässe an Nahrungsmitteln, Energie und Kleidung zusammen und führte unter anderem dazu, dass Schulen und Universitäten vorzeitig in die Sommerferien gingen und militärische Ausbildungskurse verschoben wurden. Zugleich gab es in der Presse und seitens der Arbeiterbewegung heftige Angriffe auf die Armeeführung wegen die Verbreitung der Grippe fördernder Unterkunftsverhältnisse der Aktivdienstsoldaten und mangelhafter Vorbereitung der Sanitätstruppen. Aber auch zivile Ärzte waren gegen die Grippe weitgehend machtlos und experimentierten mit allen möglichen Mitteln und Therapien. Dies bedeutete einen jähen Bruch in der Erfolgsgeschichte der Medizin, die in den vorangegangenen Jahrzehnten stetige Fortschritte verzeichnet hatte. Die auf diese zusätzliche Krise schlecht vorbereiteten Behörden reagierten erst mit zeitlicher Verzögerung, sprachen Versammlungsverbote aus und publizierten Hygieneanweisungen, die uns heute teilweise sehr bekannt vorkommen: Verzicht auf Händeschütteln, nicht auf den Boden spucken, Niesen ins Taschentuch, häufiges Lüften der Wohnungen. Grosse Inkonsequenzen gab es bei den Anordnungen über Veranstaltungsverbote und Restaurantschliessungen zwischen den einzelnen Kantonen; ein Pandemieplan des Bundes existierte damals noch nicht.

Die zweite, noch heftigere Grippewelle im Herbst fiel zusammen mit einer Zuspitzung der Konflikte zwischen Arbeiterbewegung und politischer und militärischer Führung, einem umfangreichen präventiven Militäraufgebot für den Ordnungsdienst Anfang November sowie dem dreitägigen Landesstreik. In den Landesstreikdebatten schoben sich Regierung und Arbeitervertreter gegenseitig die Schuld an den wegen des Ordnungsdiensts erkrankten Soldaten in die Schuhe. In der Folge wurde die Pandemie vor allem von rechts politisch zu instrumentalisieren versucht, indem die grippetoten Soldaten etwa in Wahlkämpfen mit teilweise massiv übertriebenen Zahlen als Opfer des Generalstreiks dargestellt wurden. Für sie entstanden ab 1919 in vielen Ortschaften Denkmäler, die sich an den Kriegsgefallenenmonumenten der Nachbarländer orientierten, während der zwölf Mal zahlreicheren zivilen Grippeopfer kaum gedacht wurde (vgl. SozialarchivInfo 4/2018).

Neben wellenartigen Pandemien hatten auch andere Krankheiten weit über das Medizinische hinausreichende gesellschaftliche und politische Folgen. Die Tuberkulose war in Europa vom 17. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Unterschichtenkrankheit schlechthin und für einen erheblichen Prozentsatz der Todesfälle verantwortlich. In der Schweiz etwa starben 1895/96 16’842, 1905/06 sogar 18’385 Menschen an der Tuberkulose. So verwundert es nicht, dass das Thema Tuberkulose in den Körperschaftsarchiven der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und der Pro Juventute prominent auftaucht und in der Sachdokumentation des Sozialarchivs detaillierter als andere Krankheiten vertreten ist. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Luftkur zur wichtigsten Tuberkulosetherapie, bei der die PatientInnen mehrere Stunden täglich an der freien Luft liegen mussten. Dies führte zur Entstehung von Sanatorien in Davos und anderen alpinen Gemeinden, die sich in der Folge zu Wintersportorten weiterentwickelten. Im frühen 20. Jahrhundert erfolgte die Entwicklung von Impfstoffen. Diese trugen zusammen mit einer generellen Verbesserung der Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten dazu bei, dass sich in Europa der Anteil der Tuberkulosetoten zwischen 1850 und 1950 um den Faktor 10 verringerte. Der Einsatz von Antibiotika drängte dann nach dem Zweiten Weltkrieg die Tuberkulose weiter zurück und machte die Luftkuren zu einem Auslaufmodell. Die Zahl der Tuberkulosetoten in der Schweiz ging zurück von 3’055 im Jahre 1947 über 869 zehn Jahre darauf auf 20 im Jahre 2008. Weltweit erkranken aber noch heute etwa 10 Millionen Menschen pro Jahr an der Tuberkulose und werden jährlich etwa 1,5 Millionen Tuberkulosetote registriert.

Ein zentrales medizinisches, politisches und kulturelles Thema, das in verschiedenen Sammlungen des Sozialarchivs auftaucht, wurde im ausgehenden 20. Jahrhundert die Immunschwächekrankheit AIDS. Die ersten nachträglich dokumentierten HIV-Infektionen reichen in die Zeit um 1960 zurück und erste Übertragungen fanden wohl bereits mehrere Jahrzehnte zuvor in Zentralafrika statt. Erst Anfang der 80er Jahre wurde die Krankheit aber wissenschaftlich beschrieben. Zunächst galt sie in der Öffentlichkeit als Problem von „Randgruppen“ wie Homosexuellen und DrogenkonsumentInnen. Die Presse schrieb etwa reisserisch von einer „Homosexuellen-Seuche“ oder „Schwulenpest“. Mit dem Aufkommen von HIV-Tests erwies sich dies als Irrtum. Dennoch erlitten HIV-Infizierte weiterhin gesellschaftliche Stigmatisierungen und Diskriminierungen. Mit der raschen Zunahme an Neuerkrankungen in den mittleren 80er Jahren war das Thema auf der medialen und politischen Agenda ein Dauerbrenner. Es entstanden spezielle AIDS-Hilfen und die Behörden starteten umfangreiche Präventionskampagnen. Das gleichzeitige Anwachsen offener Drogenszenen wie derjenigen auf dem Zürcher Platzspitz machte auch die Einrichtung spezifischer präventivmedizinischer Einrichtungen für DrogenkonsumentInnen wie dem 1988 entstandenen „Zürcher Interventionspilotprojekt gegen Aids“ (ZIPP-AIDS) nötig (vgl. SozialarchivInfo 5/2017). In der Atmosphäre des späten Kalten Krieges betrieb der sowjetische Geheimdienst KGB von 1983 bis 1988 unter dem Codenamen „Operation Infektion“ eine internationale Fake-News-Kampagne, die die AIDS-Epidemie als missglückte oder gezielte Biowaffenoperation der USA darstellte. Mit der Stabilisierung der Zahlen von Neuerkrankten in Europa und der Entwicklung effektiver medikamentöser Behandlungsmethoden für HIV-Infizierte in den 90er Jahren ging das öffentliche Interesse an der Krankheit stark zurück. In der Zeitungsauschnittsammlung (ZA) des Sozialarchivs umfassen im Dossier „Aids“ die Jahre 1983 bis 1992 acht Schachteln, die Jahre 1993 bis 2006 dann nur noch deren sechs. Gegenwärtig stecken sich aber weltweit immer noch jährlich über 2 Millionen Menschen mit HIV an und versterben etwa eine Million Menschen an AIDS. Während der Anteil der HIV-Infizierten im weltweiten Durchschnitt unter einem Prozent liegt, erreicht diese Quote in einzelnen afrikanischen Staaten bis zu einem Viertel der Bevölkerung.

Die Corona-Pandemie schlägt sich seit Anfang März 2020 in der Sammlung Digitaler Schriften (DS) der Sachdokumentation des Sozialarchivs markant nieder. Nach dem ersten Schock traten die einzelnen Parteien, Interessenorganisationen und Think-Tanks mit Vorschlägen, Forderungen und Positionspapieren an die Öffentlichkeit, die über den engeren Bereich der Pandemie-Strategie hinaus vielfältige gesundheits-, wirtschafts- und sozialpolitische Themen betreffen und auch bereits erste Positionsbezüge für die Aushandlungsprozesse der postcoronalen Ära darstellen. Die fast täglich wachsende Sammlung der DS stellt dadurch ein einmaliges, gegenwarts- und zukunftsbezogenes Archiv zur Coronakrise in der Schweiz dar. Darüber hinaus ist das Sozialarchiv an einem Projekt für ein digitales Archiv der Coronakrise beteiligt, das in Kooperation mit den Digital Humanities der Universität Bern, dem Geschichtsfachportal Infoclio, dem Istituto di media e giornalismo der Università della Svizzera italiana und dem Schweizerischen Bundesarchiv Bilder, Texte, Videos und Posts von unterschiedlichen Social-Media-Kanälen zur Coronakrise in der Schweiz zusammentragen und archivieren möchte (corona-memory.ch). Ziel ist es, einen Ort des kollektiven Gedächtnisses zu schaffen und die in dieser gemeinsamen Notlage gelebten Erfahrungen nicht nur heute, sondern auch in Zukunft in ihrer Vielfalt zugänglich zu machen. Zweifellos wird die Coronakrise auch in den zukünftigen Ablieferungen zahlreicher Organisationen, für die das Sozialarchiv als Endarchiv fungiert, ein wichtiges Thema sein.

Zum Abschluss des archivarischen Händeklatschens muss noch eines betont werden: Bei aller Dankbarkeit und Hochachtung für die enormen Leistungen des Medizinalpersonals in der Coronakrise sind auch die zahlreichen weiteren Berufsgattungen, die während des Lockdowns unter schwierigen und teilweise gefährlichen Bedingungen für die Aufrechterhaltung von Grundversorgung und zentraler Infrastrukturen verantwortlich waren, nicht zu vergessen. Auch zur Geschichte und Gegenwart dieser Gruppen findet sich im Schweizerischen Sozialarchiv umfangreiches Material.

Material zu Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.140 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Volksgesundheit
  • Ar 13 Verband Schweizer Medizinstudenten
  • Ar 20.870.1 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Tschechische Tuberkulose-Kranke
  • Ar 31 Schweizerische Zentralstelle für praktische Psychiatrie
  • Ar 36.19 schwulenarchiv schweiz: Medizin
  • Ar 42.40.8 Schweizerische Vereinigung für Sozialpolitik: Kranken- und Unfallversicherung
  • Ar 101 Brupbacher, Fritz (1874–1945)
  • Ar 136 Tobler-Christinger, Max und Minna
  • Ar 169 Weil, Jochi Peter (*1942), Vorlass
  • Ar 198.36 Gmür, Mario
  • Ar 198.37 Karrer, Verena [Vre] (1933–2002)
  • Ar 201.96 SchulleiterInnenkonferenz der Psychiatrischen Krankenpflege
  • Ar 201.107 Schweizerische Vereinigung der Eltern epilepsiekranker Kinder SVEEK
  • Ar 201.175 Schweizerische Vereinigung des leitenden Personals der psychiatrischen Krankenpflege SVLPPK
  • Ar 201.203 Gesundheitsbrigaden Schweiz/Nicaragua
  • Ar 201.226 Dokumentation Kantonale Psychiatrische Familienpflege
  • Ar 201.244 Bau einer psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche im Kanton Zürich, 1982
  • Ar 201.256 Società ticinese di Mutuo Soccorso in Zurigo / Amici della Mutuo
  • Ar 201.283 Förderverein Neue Wege in Somalia
  • Ar 437.51 Frauen/Lesben-Archiv: Verhütung und (Zwangs)Sterilisation
  • Ar 437.52 Frauen/Lesben-Archiv: Gynäkologie
  • Ar 437.55 Frauen/Lesben-Archiv: Frau und Gesundheit
  • Ar 437.56 Frauen/Lesben-Archiv: Frau und Psychiatrie
  • Ar 437.58 Frauen/Lesben-Archiv: HIV / AIDS
  • Ar 473.30.1 Dokumentation Strafvollzug: AIDS und Drogen im Strafvollzug
  • Ar 517 Schweizerische Elternvereinigung für asthma- und allergiekranke Kinder SEAAK
  • Ar 526 ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges (PSR/IPPNW-Schweiz)
  • Ar 537 Schweizerische Gesellschaft für Sozialpsychiatrie SGSP, Zusatzausbildung Sozialpsychiatrie ZASP
  • Ar 578 Vereinigung unabhängiger Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierender
  • Ar 583 Fachverband sexuelle Gesundheit in Beratung und Bildung faseg
  • Ar 1014 Ulrich, Jürg (1930–2017)
  • Ar AI A 009-119 Amnesty International Schweizer Sektion: Berufsgruppen: Grp.202 Heil- und Pflegeberufe / Menschenrechte und Medizin
  • Ar AI A 009-120 Amnesty International Schweizer Sektion: Berufsgruppen: Grp.202 Netzwerk Heil- und Pflegeberufe: Gruppenporträt und Protokolle
  • Ar AI A 009-121 Amnesty International Schweizer Sektion: Berufsgruppen: Grp.202 Heil- und Pflegeberufe: Netzwerk, Korrespondenz, Fragebogen
  • Ar AI A 011-022 Amnesty International Schweizer Sektion: Fragebogen UA Medizinernetzwerk 2000
  • Ar AI A 011-023 Amnesty International Schweizer Sektion: Fragebogen UA Medizinernetzwerk 2001
  • Ar AI C 011-034 Amnesty International Schweizer Sektion: Berufs- und Zielgruppen: Mediziner
  • Ar PJ 1.4-035.SP10 Pro Juventute: Spitex (Spitalexterne Kranken- und Gesundheitspflege)
  • Ar PJ 1.4-036.02 Pro Juventute: Schweizerische Kommission zur Bekämpfung der chirurgischen Tuberkulose
  • Ar PJ 8.6-040 Pro Juventute: Tuberkuloseprävention: Broschüren
  • Ar SGG A 37 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Expedition mit den Zürcher Ärzten nach Héricourt
  • Ar SGG A 37 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Cholera in Hamburg
  • Ar SGG A 39 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Lungensanatorium
  • Ar SGG A 49 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Zur Kranken- und Unfallversicherung für Frauen, speziell Wöchnerinnen
  • Ar SGG A 62 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Chirurgische Tuberkulose
  • Ar SGG A 107 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Revision des Eidgenössischen Krankenversicherungsgesetzes
  • Ar SGG A 109 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: [Spezialfragen]: Verbesserungen der Existenzbedingungen des Krankenpflegepersonals

Sachdokumentation

  • KS 176/9 Geschlechtskrankheiten
  • KS 362/1+2 Krankenpflege
  • KS 362/3+4 Spitalwesen: Spitäler, Krankenhäuser, Kliniken
  • KS 368/68 Kranken- & Unfallversicherungen: Allg. & international
  • KS 368/69 Krankenversicherungen: Deutschland
  • KS 368/71 Kranken- & Unfallversicherungen: Grossbritannien, USA
  • KS 368/72 Kranken- & Unfallversicherungen: weitere Länder
  • KS 368/74 Krankenversicherungen: Schweiz
  • KS 368/76-89 Kranken- & Unfallversicherungen: Schweiz
  • KS 610/1 Medizin: Allg.; Kritik an der Medizin; Medizingeschichte
  • KS 610/2 Medizin; Öffentliches Gesundheitswesen; Sozialhygiene: Allg. & international
  • KS 610/3 Medizin; Öffentliches Gesundheitswesen; Sozialhygiene: Deutschland
  • KS 610/4 Medizin; Öffentliches Gesundheitswesen; Sozialhygiene: Grossbritannien, USA
  • KS 610/5+6 Medizin; Öffentliches Gesundheitswesen; Sozialhygiene: Schweiz
  • KS 610/8 Medizin: Ärzte /-innen: Schweiz
  • KS 610/10 Ärzte /-innen; Apotheken; Arzneimittel: Ausland
  • KS 610/12 Präventivmedizin & Gesundheitserziehung; Erste Hilfe
  • KS 610/13+14 Alternative Medizin; Naturheilkunde
  • KS 610/27 Krebs
  • KS 610/28 Medizin: Krankheiten
  • KS 610/29 Ansteckende Krankheiten; Seuchenbekämpfung: Allg.
  • KS 610/30 Ansteckende Krankheiten; Seuchenbekämpfung: Cholera
  • KS 610/31 Ansteckende Krankheiten; Seuchenbekämpfung: Pocken
  • KS 610/32 Ansteckende Krankheiten; Seuchenbekämpfung: Grippe; Diphterie; Kinderlähmung; Typhus
  • KS 610/33 Tuberkulose: International & Ausland
  • KS 610/34+35 Tuberkulose: Schweiz: Allg.
  • KS 610/36 Tuberkulose-Kommission der Stadt Zürich
  • KS 610/37 Tuberkulose: Schweiz: Verschiedene Vereinigungen
  • KS 610/38 Tuberkulose: Schweiz: Sanatorien; Walderholungsstätten
  • KS 610/39+40 Tuberkulosebekämpfung: Schweiz: Gesetzgebung
  • QS 61.1 Krankenkassen, Krankenversicherungen
  • QS 64.0 Medizin
  • QS 64.0 *8 Medizin: Krankheiten
  • QS 64.0 *72 Krebs
  • QS 64.0 *73 Aids
  • QS 64.0 Z Weltgesundheitsorganisation (WHO)
  • QS 64.7 Krankenpflege; Spitex, Hauspflege
  • QS 64.7 *M Medizinische Berufe (ausser Ärzte /-innen & Pflegeberufe)
  • QS 64.8 Spitalwesen: Spitäler, Krankenhäuser, Kliniken
  • QS 64.9 Gesundheitspolitik; Öffentliches Gesundheitswesen
  • ZA 61.1 Krankenkassen, Krankenversicherungen
  • ZA 64.0 *1 Medizin; medizinische Forschung: Allg.
  • ZA 64.0 *2 Medizin: Ärzte /-innen
  • ZA 64.0 *3 Alternative Medizin; Naturheilkunde
  • ZA 64.0 *7 Präventivmedizin & Gesundheitserziehung
  • ZA 64.0 *21 Ärztestreiks
  • ZA 64.0 *22 Ärztemangel; Ärzteüberschuss
  • ZA 64.0 *23 Ärztliches Versagen
  • ZA 64.0 *24 Arztgeheimnis; Patientenrechte und Schutz der Patienten /-innen
  • ZA 64.0 *71 Tuberkulose
  • ZA 64.0 *72 Krebs
  • ZA 64.0 *73 Aids
  • ZA 64.0 *74 Infektionskrankheiten, Seuchen, Epidemien bei Menschen
  • ZA 64.0 *75 Geschlechtskrankheiten
  • ZA 64.0 Z Weltgesundheitsorganisation (WHO)
  • ZA 64.5 *2 Rauchen: medizinische Folgen
  • ZA 64.7 *1 Krankenpflege: Allg.
  • ZA 64.7 *11 Spitex, Hauspflege
  • ZA 64.8 *1 Kliniken: Spitäler der Stadt Zürich
  • ZA 64.8 *2 Kliniken: Spitäler des Kantons Zürich
  • ZA 64.8 *3 Kliniken: Spitäler der übrigen Kantone
  • ZA 64.8 *4 Kliniken, Spitäler: Privatkliniken
  • ZA 64.8 *5 Kliniken, Spitäler: Polikliniken
  • ZA 64.8 *7 Spitalkostenentwicklung; Spitalfinanzierung
  • ZA 64.9 *1 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: Schweiz
  • ZA 64.9 *71 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: Grossbritannie
  • ZA 64.9 *72 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: Bundesrepublik Deutschland
  • ZA 64.9 *73 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: übriges Europa
  • ZA 64.9 *74 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: ausserhalb Europas
  • DS 191 Akademien der Wissenschaften: Schweiz Gesundheit und globaler Wandel in einer vernetzten Welt
  • DS 315 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS): Liberalisierungen sind keine Lösung für die dringlichen Fragen im Gesundheitsbereich
  • DS 536 Economiesuisse: So wird die Spitalfinanzierung ein Vollerfolg
  • DS 550 Schweizerzeit: Jährlich Zehntausende Gratispatienten mehr
  • DS 615 Komitee 2x Nein zur Spitalprivatisierung: 7 gute Gründe für ein Nein zur Spitalprivatisierung am 21. Mai 2017
  • DS 626 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS): Teurer Wettbewerb – Für ein starkes öffentliches Gesundheitswesen
  • DS 913 FDP.Die Liberalen: Qualitätswettbewerb für eine gesunde Schweiz
  • DS 988 SGB-Frauenkommission: Yes we care! Faire Arbeitsbedingungen und Zugang für alle
  • DS 1075 Lilienberg Unternehmerforum: Weg zu einer transparenteren Medizin
  • DS 1127 Christlichdemokratische Volkspartei der Schweiz (CVP): Kampf den hohen Gesundheitskosten!
  • DS 1268 Christlichdemokratische Volkspartei der Schweiz (CVP) : Initiative „Für tiefere Prämien – Kostenbremse im Gesundheitswesen“
  • DS 1421 Economiesuisse: Wirtschaft bringt Gesundheit
  • DS 1428 BMJ Open: Effects of health and social care spending constraints on mortality in England: a time trend analysis
  • DS 1596 Bundesamt für Gesundheit (BAG): Hochbetagte Menschen mit Mehrfacherkrankungen – Typische Fallbeispiele aus der geriatrischen Praxis
  • DS 1753 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Gesundheit muss für alle bezahlbar sein
  • DS 1790 Greenpeace Schweiz: Klimawandelbedingte Zunahme von Hitzeereignissen und deren Folgen für die Gesundheit in der Schweiz und in Europa
  • DS 1792 Greenpeace Schweiz: Factsheet: Gesundheit und Klima
  • DS 1864 FDP.Die Liberalen: Neuer Schwung für das Schweizer Gesundheitswesen
  • DS 2475 Grüne Partei der Schweiz (GPS): Covid-19 – Forderungen der Grünen
  • DS 2478 Avenir Suisse: Wirtschaftspolitische Antworten auf die Corona-Krise
  • DS 2479 Solinetz: Dringend: Menschen aus den Rückkehrzentren wegen Corona-Virus in dezentralen Unterkünften unterbringen
  • DS 2481 Avenir Suisse: Volkswirtschaftliche Auswirkungen eines umfassenden Shutdown
  • DS 2482 Schweizerische JungsozialistInnen (JUSO): Liebe Nachbar*innen
  • DS 2483 Liberales Institut: Perspektiven zur Pandemie und der Weltwirtschaft
  • DS 2484 Grüne Partei der Schweiz (GPS): COVID-19: Grüne Sozial- und Gesundheitspolitik
  • DS 2487 Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH): COVID-19: Dringliche Massnahmen im Asylbereich
  • DS 2488 Anlaufstelle für Sans-Papiers Basel: Sans-Papiers haben Rechte – auch in der Krise!
  • DS 2489 Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS): Empfehlungen zur Sozialhilfe während Epidemie-Massnahmen
  • DS 2491 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Corona-Virus: Antworten auf Fragen zu Arbeitsrecht/Kurzarbeit
  • DS 2492 Universität Zürich, Department of Economics: Coronavirus – Testen und Einfrieren: Eine Überlebensstrategie für die Schweizer Volkswirtschaft
  • DS 2493 SP Frauen*: Kinderbetreuung in Zeiten von Corona
  • DS 2494 Avenir Suisse: Mehr Freiheiten für die Unternehmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie
  • DS 2495 Plattform „Zivilgesellschaft in Asyl-Bundeszentren“: Offener dringlicher Brief: Umsetzung der BAG-Empfehlungen im Asylwesen$
  • DS 2496 Solinetz: Minimale Selbständigkeit bei der Versorgung mit dem Grundbedarf ermöglichen; Nothilfegeld wieder auszahlen; Internetzugang ermöglichen
  • DS 2497 Lilienberg Unternehmerforum: Von Viren, Lunten, Pulverfässern und Flächenfeuern
  • DS 2498 Schweizerische Volkspartei (SVP): Schutz der Bevölkerung unter Minimierung der wirtschaftlichen Schäden: Strategie für die Schweiz nach dem 19. April 2020
  • DS 2499 Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH): Argumentarium der SFH zu Grenzschliessungen und Asylgesuchen an der Grenze
  • DS 2500 Liberales Institut: Warum die Globalisierung die Gefahren einer Pandemie reduziert
  • DS 2501 Liberales Institut: Freie Märkte als beste Resilienz-Strategie
  • DS 2502 Starke Volksschule Zürich Newsletter vom 29.3.2020
  • DS 2503 Schweizerzeit: Abstand halten – vor falschen Freunden
  • DS 2504 AvenirSocial: Corona – alles anders und alle solidarisch? Die Sicht der Sozialen Arbeit
  • DS 2506 Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften/Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin: Covid-19-Pandemie: Triage von intensivmedizinischen Behandlungen bei Ressourcenknappheit
  • DS 2507 Schweizerzeit: 1. April im Bundesamt für Gesundheit
  • DS 2508 Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD): Spitalpersonal: Offener Brief an den Bundesrat
  • DS 2509 Amnesty International et al.: Joint civil society statement: States use of digital surveillance technologies to fight pandemic must respect human rights
  • DS 2512 Bundesamt für Gesundheit (BAG) Neues Coronavirus – So schützen wir uns
  • DS 2513 Grüne Partei der Schweiz (GPS): Kein Sonderstatus für den Flugverkehr!
  • DS 2514 Grüne Partei der Schweiz (GPS): COVID-19: Schweizer Landwirtschaft – Massnahmen-Plan von Meret Schneider, Nationalrätin ZH
  • DS 2515 Schweizerische Volkspartei (SVP): Die verfassungsmässige Ordnung ist wiederherzustellen und weitere finanzielle Verpflichtungen sind vom Parlament zu beschliessen
  • DS 2516 Grüne Partei der Schweiz (GPS): Grounding: Kein Abheben ohne neue Spielregeln. Klima und Menschen first!
  • DS 2517 AGILE.CH: Corona-Pandemie – Die Rechte der Menschen mit Behinderungen gelten auch in Krisenzeiten
  • DS 2519 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS): Coronavirus-Pandemie: Drei-Pfeiler-Strategie zur Bewältigung der Krise
  • DS 2520 Schweizerzeit: Die Stunde der Klassenkämpfer
  • DS 2521 Starke Volksschule Zürich: Newsletter vom 12.4.2020
  • DS 2522 Liberales Institut: Gibt es eine Alternative zum Staatsversagen in einer Pandemie?
  • DS 2523 Liberales Institut: Gesundheit oder Wirtschaft: Der ethische Konflikt, der keiner ist
  • DS 2524 Avenir Suisse: Fahrplan für den Corona-Exit
  • DS 2525 Grüne Partei der Schweiz (GPS): Bericht zu einem Impuls- und Resilienzprogramm nach der COVID-19-Krise
  • DS 2526 FDP.Die Liberalen: Mit Kraft aus der Krise
  • DS 2527 Sucht Schweiz: Covid-19-Pandemie und illegale Drogen: Lagebeurteilung, Szenarien und Empfehlungen
  • DS 2528 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS): Solidarisch gegen die Krise
  • DS 2529 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) Solidarisch gegen die Krise
  • DS 2530 Schweizerzeit: Die Stunde der Geldverteiler
  • DS 2531 AvenirSocial, ATD Vierte Welt et al.: Die Krise trifft armutsbetroffene Menschen doppelt: Jetzt und langfristig gemeinsam handeln!
  • DS 2533 Junge Grüne Schweiz: Offener Brief an den Bundesrat – Wohnen

Bibliothek

  • Altendorfer, Laura-Maria: Influencer in der digitalen Gesundheitskommunikation: Instagramer, YouTuber und Co. zwischen Qualität, Ethik und Professionalisierung. Baden-Baden 2019, erwartet
  • Arbenz, Martha: Tuberkulose und Wohnverhältnisse in der Stadt Bern: Erhebungen bei offentuberkulösen Patienten der Fürsorgestelle. Zürich 1945, Hg 1017
  • Beigbeder, Yves: The World Health Organization: Achievements and failures. London 2018, 138351
  • Bergdolt, Klaus: Der Schwarze Tod in Europa: Die Grosse Pest und das Ende des Mittelalters. München 1994, 96991
  • Bergdolt, Klaus: Die Pest und die Juden: Mythen, Fakten, Topoi, in: Aschkenas 29 (2019). S. 43-62, D 5391
  • Caduff, Carlo: The pandemic perhaps: Dramatic events in a public culture of danger. Oakland 2015, 132352
  • Condrau, Flurin: Soziale Ungleichheit vor der Cholera und ihre Wahrnehmung durch Zürichs Ärzteschaft (1850–1870), in: Medizin, Gesellschaft und Geschichte 12 (1993). S. 75-99, D 5367
  • Condrau, Flurin: Cholera und sozialer Wandel: Die Schweiz als Beispiel, in: Vögele, Jörg (Hg.): Stadt, Krankheit und Tod: Geschichte der städtischen Gesundheitsverhältnisse während der epidemiologischen Transition (vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert). Berlin. 2000. S. 189-208, 107448
  • Davis, Mike: Vogelgrippe: Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien. Berlin 2005, 115146
  • Evans, Richard J.: Death in Hamburg: Society and politics in the cholera years 1830–1910. Oxford 1987, 86490
  • Gerste, Ronald D.: Wie Krankheiten Geschichte machen: Von der Antike bis heute. Stuttgart 2019, 142208
  • Gestrich, Andreas et al. (Hg.): Poverty and sickness in modern Europe: Narratives of the sick poor, 1780–1938. London 2012, 127923
  • Hähner-Rombach, Sylvelyn (Hg.): Alltag in der Krankenpflege: Geschichte und Gegenwart. Stuttgart 2009, 121789
  • Hatje, Frank: Leben und Sterben im Zeitalter der Pest: Basel im 15. bis 17. Jahrhundert. Basel 1992, 94259
  • Hitzer, Bettina: Krebs fühlen: Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2020, erwartet
  • Honigsbaum, Mark: A history of the great influenza pandemics: Death, panic and hysteria, 1830–1920. London 2014, 130232
  • Jacobsen, Jens: Schatten des Todes: Die Geschichte der Seuchen. Darmstadt 2012, 127522
  • Johnson, Niall: Britain and the 1918–19 influenza pandemic: A dark epilogue. London 2006, 118168
  • Kaufmann, Andréa: Luft zum Leben: Die Geschichte der Lungenliga Zürich. Zürich 2008, Gr 12134
  • Kury, Patrick: Das Virus der Unsicherheit: Die Jahrhundertgrippe von 1918/19 und der Landesstreik, in: Roman Rossfeld/Christian Koller/Brigitte Studer (Hg.): Der Landesstreik: Die Schweiz im November 1918. Baden 2018. S. 390-411, Gr 14667
  • Letsch, Walter R.: Die Pestepidemie oder das „grosse Sterbend“ von 1611, in: Zürcher Taschenbuch N.F. 133 (2013). S. 77-92, N 347
  • Letsch, Walter R.: Die Pest in Zürich im 16. Jahrhundert, in: Zürcher Taschenbuch N.F. 136 (2016). S. 99-122, D 6171
  • Leven, Karl-Heinz: Geschichte der Medizin: Von der Antike bis zur Gegenwart. München 2017, 138753
  • Lüthi, Daniel: Begegnungen mit dem Gesundheitswesen: 32 Porträts in Text und Bild. 2 Bde. Basel 2013-2016, 128743
  • Meier, Mischa (Hg.): Pest: Die Geschichte eines Menschheitstraumas. Stuttgart 2005, 115352
  • Minder, Veronika: Seuche und Gesellschaft: Drei Beispiele: Eine Betrachtung über den Umgang des Menschen mit Pest, Tuberkulose, Aids. Basel 1988, Gr 6788
  • Mörgeli, Christoph: Wenn der Tod umgeht: Die Grippeepidemie von 1918 forderte mehr Opfer als der Erste Weltkrieg: In der Schweiz lähmte sie das öffentliche Leben und beschwor eine politische Krise herauf, in: NZZ Folio 11 (1995). S. 31-39, D 4639
  • Oggier, Willy (Hg.): Gesundheitswesen Schweiz 2015–2017: Eine aktuelle Übersicht. Bern 2015, 132880
  • Ohne Dings kein Bums: 20 Jahre Aids-Arbeit in der Schweiz. Hg. Bundesamt für Gesundheit, Aids-Hilfe Schweiz, Schweizerisches Landesmuseum. Baden 2005, Gr 11520
  • Reichert, Martin: Die Kapsel: Aids in der Bundesrepublik. Berlin 2018, erwartet
  • Ruckstuhl, Brigitte und Elisabeth Ryter: Von der Seuchenpolizei zu Public Health: Öffentliche Gesundheit in der Schweiz seit 1750. Zürich 2017, Gr 14321
  • Rusterholz, Armin: „Das Sterben will nicht enden!“ Die „Spanische Grippe-Epidemie“ 1918/19 in der Schweizer Armee mit besonderer Berücksichtigung der Glarner Militäropfer. Glarus 2010, 123904
  • Salfellner, Harald: Die Spanische Grippe: Eine Geschichte der Pandemie von 1918. Haselbach 2018, 141366
  • Sarasin, Philipp et al. (Hg.): Bakteriologie und Moderne: Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870–1920. Frankfurt/M 2007, 117423
  • Schmid, Friedrich: Die Influenza in der Schweiz in den Jahren 1889–1894. Bern 1895, Gr 6395
  • Schmid, Friedrich: Gesundheitswesen / Hygiène publique. 2 Bde. Bern 1898-1906, A 2591/V8
  • Schürer, Christian: Der Traum von Heilung: Eine Geschichte der Höhenkur zur Behandlung der Lungentuberkulose. Baden 2017, 136052
  • Seibt, Constantin (Hg.): Positiv: Aids in der Schweiz. Basel 2018, 138378
  • Spinney, Laura: 1918 – die Welt im Fieber: Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. München 2018, 138130
  • Tscherrig, Andreas: Krankenbesuche verboten! Die Spanische Grippe 1918/19 und die kantonalen Sanitätsbehörden in Basel-Landschaft und Basel-Stadt. Liestal 2016, 136846
  • Die Tuberkulose-Bekämpfung in der Schweiz: Der IV. Konferenz der Internationalen Vereinigung gegen die Tuberkulose, versammelt in Lausanne vom 5.-7. Aug. 1924, dargeboten von der Schweizerischen Vereinigung gegen die Tuberkulose. Lausanne 1924, 77980
  • Tümmers, Henning: AIDS: Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland. Göttingen 2017, 138345
  • Vasold, Manfred: Die Spanische Grippe: Die Seuche und der Erste Weltkrieg. Darmstadt 2009, 121867
  • Vögele, Jörg et al. (Hg.): Epidemien und Pandemien in historischer Perspektive. Wiesbaden 2016, erwartet
  • Widmer, Werner: Einführung in das Gesundheitswesen der Schweiz: Für Gesundheits- und Sozialberufe. Zürich 2016, Gr 14339
  • Witte, Wilfried: Tollkirschen und Quarantäne: Die Geschichte der spanischen Grippe. Berlin 2009, 120309
  • Zimmer, Thomas: Welt ohne Krankheit: Geschichte der internationalen Gesundheitspolitik 1940–1970. Göttingen 2017, 137318
  • Zürcher, Daniel: Privatarchivbestände zur Sozialgeschichte von HIV / Aids in der Schweiz. Basel 2015, Gr 13664

Periodika

  • AIDS-Forschung Schweiz, N 4396
  • AIDS Infothek: Das Magazin der AIDS Info Docu Schweiz, D 4513
  • Bulletin Bundesamt für Gesundheit, N 4291
  • Gegen die Tuberkulose / Blätter gegen die Tuberkulose / Tuberkulose und Lungenkrankheiten, N 157
  • Jahresbericht AIDS-Hilfe Schweiz, K 874
  • Jahresbericht Zürcher AIDS-Hilfe, K 933
  • Jahresbericht Zürcher Kantonale Liga gegen die Tuberkulose und Lungenkrankheiten, K 287

Mit Aug und Ohr

Audiovisuelle Quellen aus den ersten zehn Tagen der Zürcher Jugendbewegung 1980

Am 30. Mai jährt sich zum 40. Mal der Opernhauskrawall in Zürich. Das Ereignis markiert in der öffentlichen Wahrnehmung den Beginn der Jugendbewegung der 1980er Jahre, in deren Verlauf in verschiedenen Schweizer Städten unzufriedene Jugendliche auf der Strasse lautstark autonome Räume und eine andere Kulturpolitik verlangten. Das Sozialarchiv verfügt zu diesen Ereignissen über umfangreiches Material (siehe auch SozialarchivInfo 1/2020, «Vor 40 Jahren: Züri brännt»). Mit der unlängst erfolgten Übernahme des Archivs des Videoladens Zürich kommen zu den bereits reichen audiovisuellen Beständen zur 80er Bewegung weitere interessante Zeugnisse hinzu.

30./31. Mai 1980, Opernhaus-Krawall

Vor dem Opernhaus Zürich fordern Jugendliche eine angemessene Berücksichtigung der alternativen Kultur. Aus der anfänglich friedlichen Demonstration entwickelt sich ein Krawall bis tief in die Nacht. Die Projektgruppe «Community Media» des an der Universität Zürich lehrenden Ethnologen Heinz Nigg hält die Ereignisse in einem Video («Opernhaus Krawall») fest. Es zeigt einen Teil der Auseinandersetzungen, u.a. wie die Polizei aus dem Opernhaus heraus in das Geschehen eingreift. Die Folgen für den Videomacher Heinz Nigg sind einschneidend: Der damalige kantonale Erziehungsdirektor Alfred Gilgen entzieht ihm die Lehrbewilligung, die Originalbänder werden konfisziert.

Dank der Tonspur wird man Zeuge, wie ein zufällig anwesender Reporter des Schweizer Fernsehens sich bei den Videomachern erkundigt, ob Ausschnitte des Videos für einen Beitrag des Nachrichtenmagazins «Blickpunkt» verwendet werden könnten. Während das Fernsehen hauptsächlich noch mit 16mm-Film drehte, setzten die Jugendlichen auf das damals noch ziemlich junge Medium Video, denn es hatte ein paar unschlagbare Vorteile: Es war in der Anschaffung billiger, in der Handhabung einfacher und konnte gleich nach der Aufnahme gesichtet werden. Diese Unmittelbarkeit sollte sich für die Jugendbewegung in Zukunft als wertvolles Mittel der zeitnahen Selbstvergewisserung und Propaganda erweisen.

Schon am Tag darauf kommt es am gleichen Ort wieder zu einer Demonstration. Das Transparent «Wir sind die Kulturleichen der Stadt», das schon am Abend zuvor im Einsatz war, wird erneut mitgetragen. Der Slogan bringt das Gefühl vieler Jugendlicher auf den Punkt: Stadtbehörden und Politik hatten es trotz jahrelanger Forderungen nicht einmal fertiggebracht, mit den Jugendlichen irgendeine Form des Austauschs zu suchen.

1. Juni 1980, Vollversammlung im Festzelt vor dem Opernhaus

Am 1. Juni besetzen die Demonstrierenden das Informationszelt vor dem Opernhaus und halten dort eine Vollversammlung ab. Die über zwei Stunden dauernde Veranstaltung wurde mitgeschnitten und ist als Audioaufnahme greifbar. Die Vollversammlung formuliert einen Forderungskatalog an die Stadt, der unter anderem die Freigabe der Roten Fabrik als Kulturzentrum für die Jugendlichen verlangt. Ausserdem wird ein Ultimatum an die Stadtregierung verabschiedet, dass die Liegenschaft an der Limmatstrasse 18 als «Autonomes Jugendzentrum» zur Verfügung gestellt werden müsse. Das Zelt ist bis auf den letzten Platz besetzt, neben Jugendlichen sind auch PolitikerInnen und Medienschaffende anwesend.

4. Juni 1980, Vollversammlung im Volkshaus

Am 4. Juni findet im Volkshaus eine weitere Vollversammlung statt. Die Videoaufnahmen zeigen überwiegend die Bühne mit dem Mikrofon und den mit einem karierten Tischtuch bedeckten Rednertisch, an dem im Lauf des Abends auch Stadtpräsident Sigmund Widmer und Stadträtin Emilie Lieberherr Platz nehmen. Es kommt zum ersten Mal zu einem öffentlichen Dialog zwischen den Bewegten und BehördenvertreterInnen. Lieberherr und Widmer nehmen Stellung zu den Forderungen der Jugendlichen. Dass sie auf einer zahlenmässig kleinen Verhandlungsdelegation der Jugendlichen bestehen, löst energische Pfeifkonzerte aus. Die Unstimmigkeit über die Vorgehensweise ist nur eines von vielen Missverständnissen an diesem Abend und zeigt, dass die Positionsbezüge auf beiden Seiten bereits unverrückbar sind. Die Stadt ist nur bereit, Zugeständnisse zu machen, wenn die Jugendlichen eine Reihe von Bedingungen einhalten; die Jugendlichen ihrerseits beharren auf ihren eigenen Spielregeln und zeigen sich kompromisslos.

7. Juni 1980, Vollversammlung auf dem Platzspitz

Die Vollversammlung auf dem Platzspitz am 7. Juni beschäftigt sich mit dem Angebot der Stadt für die Nutzung der Liegenschaft an der Limmatstrasse, dem späteren AJZ. Das Ritual, dass jedeR sich am offenen Mikrofon aussprechen darf, hat sich mittlerweile eingespielt. Alle Beschlüsse über das weitere Vorgehen werden aufgrund von Vorschlägen gefasst, über die dann im Plenum abgestimmt wird. Diese Vollversammlung beschliesst, die Liegenschaft an der Limmatstrasse zu besichtigen und danach in der Roten Fabrik weiter zu diskutieren. Unterwegs gelingt es dem Videoladen-Kollektiv, einige originelle Stimmen von PassantInnen zu den Unruhen einzufangen.

9. Juni 1980, Kundgebung an der Uni Zürich und NZZ-Demo

Nur zwei Tage später kommt es nach friedlichem Demonstrationsbeginn zur nächsten Eskalation. An der Uni Zürich fordern die Jugendlichen den sofortigen Rücktritt von Regierungsrat Gilgen. Nach einem Demonstrationszug durch die Stadt versuchen die Bewegten, die Auslieferung der NZZ zu verhindern. Ein massiver Polizeieinsatz setzt dem Vorhaben ein Ende. Die am späten Abend entstandenen Videoaufnahmen beim Bellevue und an der Falkenstrasse zeigen auch die Grenzen der damaligen Videotechnik: Die Aufnahmen sind unterbelichtet, helle Lichtquellen sorgten für anhaltende Schlieren im bewegten Bild. Dieser Effekt wurde schnell auch der Polizei bekannt, die mit absichtlichem Blenden die VideoaktivistInnen an Aufnahmen zu hindern suchte.

Einmalige Zeugnisse einer aufregenden Zeit

In jeder Umbruchzeit überschlagen sich zu Beginn die Ereignisse. In Zürich fanden in der ersten Zeit nach dem 30. Mai 1980 fast täglich Demonstrationen mit hohem Eskalationspotenzial statt. Mit der Vollversammlung erfand sich ein Gremium mit einer langwierigen basisdemokratischen Entscheidungsfindung. In den ersten zehn Tagen tagte die Vollversammlung vier Mal. Unter dem Eindruck der gewalttätigen Ereignisse der Strasse änderten die Behörden ihre Taktik und suchten den direkten Dialog mit den Jugendlichen. Forderungskataloge entstanden und Ultimaten wurden gestellt, die mit Bedingungskaskaden beantwortet wurden.

Über diese Vorgänge in den ersten zehn Tagen der Zürcher Jugendbewegung ist dank vielfältiger Bemühungen eine Fülle an audiovisuellem Material erhalten geblieben. Es gibt einen authentischen Einblick in Verhaltens- und Redeweisen und evoziert Stimmungen und Emotionen, die über die Erkenntnisse hinausgehen können, welche aus schriftlichen Quellen zu gewinnen sind. Aus archivarischer Sicht sind die Fotos, Video- und Tonaufnahmen ein Glücksfall, denn es gibt wohl wenige sozialgeschichtliche Ereignisse in der jüngeren Schweizer Geschichte, die audiovisuell so umfassend dokumentiert sind.

Traditionelle schriftliche Quellen, die von Jugendbewegten selber verfasst worden wären, existieren hingegen kaum. Es gibt keine Sitzungs- oder Versammlungsprotokolle, auch korrespondiert wurde kaum. Umso phantasievoller gerieten die Erzeugnisse, die eine Gegenöffentlichkeit zur offiziellen Presse- und Medienlandschaft herstellen wollten: Flugblätter, Bewegungszeitungen, Piratenradios sowie Sprayereien im öffentlichen Raum zeugen von der kreativen Energie, mit der die damaligen Jugendlichen zu einem utopischen Wagnis aufgebrochen sind, das nunmehr ein historisches Ereignis geworden ist. Die Video- und Tonaufnahmen erlauben der Nachwelt einen unmittelbaren Zugang zu dieser aufregenden Zeit.

Audiovisuelle Quellen zu den Zürcher Jugendunruhen online:

Das Filmarchiv von Pro Juventute (SozArch F 9073)

Die Bearbeitung des Pro-Juventute-Archivs steht kurz vor dem Abschluss. Neu sind auch die Filme in der Datenbank Bild + Ton online abrufbar.

Die dreissig Filme aus dem Zeitraum zwischen 1923 und 1987 stellen einen ausgesprochen attraktiven Bestand dar. Thematisch dominieren wenig überraschend die Kernaufgaben der Pro Juventute, die sich im Lauf der Zeit veränderten: In den 1930er bis 1950er Jahren stehen Mütterberatung und Säuglingspflege im Zentrum verschiedener Filme. «La famiglia felice» (1939) stellt das Angebot der Pro Juventute für Mütter und ihre Kleinkinder vor. «Die glückliche Familie» (1956) thematisiert die Rolle beider Elternteile für eine gelingende Kindererziehung und wendet sich scharf gegen eine Erwerbstätigkeit der Frau. Nach dem Zweiten Weltkrieg fokussieren die Filme auf den hohen Stellenwert von Musik und guter Lektüre während Kindheit und Jugend («Ein Freund fürs Leben», 1960). In den 1950er bis 1970er Jahren nimmt sich die Pro Juventute der Spielplatz- und Freizeitgestaltung an – in Zürich entstehen erste Robinson-Spielplätze («Eine Insel für Robinson», 1956), der Kinderzirkus Robinson probt ab 1961. In den 1980er Jahren schliesslich warten neue Herausforderungen: Der aufwändige Film «Sucht und Drogen» entsteht 1987. Von filmhistorischem Interesse dürfte der bereits sehr früh von der Praesens Film AG produzierte kurze Imagefilm über die Pro Juventute und den Briefmarkenverkauf sein («Praesens zeigt: Pro Juventute», 1923). Ergänzend zum eigenen Filmbestand der Pro Juventute bietet sich das Archiv der Schweizer Filmwochenschau an. Die Pro Juventute und ihre Tätigkeiten waren zwischen 1940 und 1974 immer wieder Thema der Beiträge.

So reichhaltig der Bestand im Bereich der Jugendthemen ist, weist er doch einen blinden Fleck auf: Das Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» (1926-1973) kommt im Filmarchiv der Pro Juventute überhaupt nicht vor, es wird auch namentlich nirgends erwähnt. «Kinder der Landstrasse» sah seinen Auftrag darin, Kinder von nicht-sesshaften Familien in der Schweiz fremd zu platzieren. Hunderte von Familien wurden so mit Unterstützung der Behörden auseinandergerissen. Berücksichtigt man den Umstand, dass die Pro Juventute für ihre sonstigen Tätigkeiten fast immer eine filmische Dokumentation produzierte, ist die Absenz dieses Hilfswerks zumindest bemerkenswert.

Radio Riesbach (F 1030)

In den frühen 1980er Jahren herrschte Aufbruchstimmung unter den Radiofans: Neue rechtliche Grundlagen ermöglichten den Betrieb von privaten Radiostationen. 1984 startete mit Radio Riesbach ein spezielles Experiment: Das schweizweit einzige Quartierradio ging auf Sendung. Der Schnauf der Radio-EnthusiastInnen aus dem Zürcher Quartier am See reichte für sieben Jahre. Ein Teil der Sendungen wurde glücklicherweise erhalten und konnte nun digitalisiert werden.

Der Unmut über die offizielle Rundfunkpolitik der Schweiz mit ihren Monopolsendern wuchs in den 1970er Jahren. Spätestens seit Roger Schawinskis Radio 24 aus italienischem Staatsgebiet heraus die Schweiz beschallte, war er nicht mehr überhörbar. Der Bundesrat reagierte im Sommer 1982 mit einer neuen Rundfunkverordnung, die es privaten Trägerschaften ermöglichte, legale Radiostationen in der Schweiz zu betreiben. Aus der Flut von Konzessionsgesuchen wählte man schliesslich 36 Eingaben aus. Zur grossen Überraschung gehörte auch Radio Riesbach dazu: Als Quartierradio konzipiert, gehörte es zu den bescheidensten Gesuchen mit einem kleinen Einzugsgebiet, das lediglich 30’000 potenzielle HörerInnen umfasste.

Das Konzessionsgesuch der InitiantInnen formulierte zwei Ziele: Zum einen sollte mit den Sendungen die Kommunikation und die kulturelle Eigenproduktion im Quartier gefördert werden. Zum anderen wollte man gesellschaftliche Aktivitäten im Quartier begleiten, über sie informieren und damit das Quartierleben einer breiten Öffentlichkeit näherbringen. Die aktive Beteiligung der BewohnerInnen am Radiobetrieb war ausdrücklich erwünscht. Radio Riesbach setzte auf die aktive Teilhabe interessierter QuartierbewohnerInnen und wollte insbesondere die Interaktion zwischen den Generationen sowie zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen ankurbeln.

Am 1. April 1984 nahm Radio Riesbach den Betrieb auf. Am Sonntagmittag sowie am Montag- und Donnerstagabend sendete das Team aus dem Studio im gleichnamigen Quartierzentrum. Es dominierten Sendegefässe wie das Quartier-Journal oder das Quartier-Mosaik mit kürzeren oder längeren Beiträgen über das Leben in Riesbach und mit Veranstaltungshinweisen. In den 1980er/90er Jahren entfaltete sich im Quartier eine rege Bautätigkeit, welche die soziale Zusammensetzung veränderte und viel günstigen Wohnraum vernichtete. Die Folgen dieser Gentrifizierung waren immer wieder Thema im Radio Riesbach. Am Mikrofon äusserten sich nicht nur PolitikerInnen dazu, sondern auch zivilgesellschaftliche Gruppierungen wie der Verein Inneres Seefeld, die den Entwicklungen kritisch gegenüberstanden. Wiederholt berichtete das Radio auch über soziale Probleme im Quartier wie Drogensucht oder die Auffangstation Tiefenbrunnen. Mehr dem Alltäglichen zugewandt waren die Sendungen zu Themen wie Gärtnern, Kompostieren, Abfallbewirtschaftung und Ernährung.

Der Betrieb von Radio Riesbach basierte auf unbezahlter Freiwilligenarbeit. Organisatorisch sorgten die verschiedene Kompetenzgruppen (Redaktion, Themensuche, Technik) dafür, dass die wöchentlichen Sendungen zustande kamen. Wie bei vergleichbaren Projekten auch spielte die Selbstreflexion und das Werweissen über den einzuschlagenden Weg auch bei Radio Riesbach eine wichtige Rolle. Die bange Frage, ob sich all die Arbeit lohne und ob man überhaupt gehört werde, versuchten die Verantwortlichen mit einer telefonischen Umfrage im Quartier zu beantworten. Und schon 1988 befasste sich eine Diplomarbeit des Geographischen Instituts der Uni Zürich mit dem Thema «Ziel und Wirkung eines Quartierradios am Beispiel von Radio Riesbach». Eine treue Hörerin war übrigens die Staatsschutzabteilung der Stadtpolizei Zürich, die das Radio in den ersten vier Jahren seines Bestehens observierte. Im Archivbestand ist ein Sendungsprotokoll eines Beamten vorhanden, das in seiner Akribie durchaus mit den Erschliessungsstandards des Sozialarchivs konkurrenzieren kann.

Als Trägerschaft fungierte ein Verein, der auf dem Höhepunkt 1985 immerhin 181 Mitglieder zählte. Der anfängliche Enthusiasmus begann aber bald zu erlahmen und nach rund fünf Jahren sank die Mitgliederzahl auf 119. Es zeichnete sich ab, dass ein kontinuierlicher Betrieb immer schwieriger zu organisieren war. Im März 1991 schliesslich stellte das Radio den Betrieb ein, weil die Aktiven keine NachfolgerInnen mehr fanden. Die letzte Sendung ging am 24. März 1991 über den Äther. Im Gemeinschaftszentrum Riesbach fanden sich für die Abschlussfeier und die Live-Sendung nochmals viele RadiomacherInnen und HörerInnen ein.

In den sieben Betriebsjahren entstanden 709 Sendungen. Davon hat Liz Mennel, eine der InitiatorInnen, 144 Sendungen bzw. fast 200 Sendestunden aufgenommen. Vergleicht man die Sendungen mit anderen privaten Radioprojekten, fällt – neben der wohltuenden Absenz von Werbung – der hohe Wortanteil auf. Hintergrundrecherchen, Interviews und Reportagen zeugen von einem grossen Vorbereitungsaufwand. Der Bestand dürfte insbesondere für die Erkundung der Pionierzeit des privaten Radios in der Schweiz interessant sein und für eine noch zu schreibende Mikrogeschichte des Kulturlebens in einem Quartier.

Dank einer Finanzierungsbeihilfe von Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, konnte der Bestand digitalisiert werden und ist nun online zugänglich.

Quellen:

Ar 598.10.1: Die Radio-Riesbach-Story. Die Geschichte des einzigen Quartierradios der Schweiz, aufgezeichnet von seinen Macherinnen und Machern. Verein Radio Riesbach, Zürich 1992.
Ar 598.10.3a: Brigitta Walser Zalunardo: Radio Riesbach. Ziel und Wirkung eines Quartierradios am Beispiel von Radio Riesbach. Geographisches Institut, Zürich 1988.

Sonos – Schweizerischer Hörbehindertenverband (F 5153)

Der Schweizerische Hörbehindertenverband Sonos wurde 1911 von Eugen Sutermeister als «Schweizerischer Fürsorgeverein für Taubstumme» gegründet. Ein Jahr später wurde der Verein Träger der 1907 ebenfalls von Sutermeister gegründeten «Schweizerischen Taubstummenzeitung». 1933 schloss sich der Verein mit der «Schweizerischen Vereinigung für Bildung taubstummer und schwerhöriger Kinder» zum «Schweizerischen Verband für Taubstummenhilfe» zusammen. Im Jahr 1954 übernahm der Verband die Trägerschaft der Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung (BSFH) in Zürich-Oerlikon. In den Jahren 1960 und 1978 folgten weitere Umbenennungen des Verbandes zu «Schweizerischer Verband für Taubstummen- und Gehörlosenhilfe» bzw. «Schweizerischer Verband für das Gehörlosenwesen», bis im Jahr 2002 der Namenswechsel zu «Sonos» stattfand – dannzumal allerdings noch mit dem Namenszusatz «Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen». Im November 2017 übernahm Sonos die Plattform «hearZONE», eine Firma von Menschen mit einer Hörbehinderung, die seit 2013 Sensibilisierungskampagnen und Öffentlichkeitsarbeit im Interesse von Menschen mit einer Hörbehinderung leistet. Mit der Übernahme folgten wichtige Änderungen im Dachverband und seit dem Beschluss der ausserordentlichen Delegiertenversammlung im Januar 2018 heisst der Verband «Sonos – Schweizerischer Hörbehindertenverband».

Dem Dachverband Sonos gehören heute 43 Mitgliederorganisationen an; er setzt sich dafür ein, Barrieren für Hörbeeinträchtigte und Gehörlose abzubauen. Ferner bietet Sonos Unterstützung bei der wirtschaftlichen und sozialen Eingliederung von Menschen mit Hörbeeinträchtigung, koordiniert berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung und sorgt zusammen mit Partnern für die Sicherstellung des bedürfnisgerechten Dolmetscherdienstes.

Der Bildbestand von Sonos ist grösstenteils Eugen Sutermeister zu verdanken, welcher bei den meisten Aufnahmen selbst hinter der Kamera stand. Sutermeister wurde am 16. November 1862 in Küsnacht am Zürichsee geboren. Mit vier Jahren erkrankte er an einer schweren Hirnhautentzündung, deretwegen er sein Gehör verlor. Auf Wunsch seines Vaters absolvierte Sutermeister eine Lehre als Graveur mit anschliessender Gesellenzeit an verschiedenen Orten. Die Unzufriedenheit mit seinem Beruf stürzte Sutermeister in eine Krise. Seine Eltern schickten ihn daraufhin in verschiedene Gehörlosenanstalten und -heime. Bei einem Kuraufenthalt in Bad Boll lernte Sutermeister seine spätere Ehefrau Susanna Bieri kennen. 1894 kehrte Eugen Sutermeister in die Schweiz nach Bern zurück, wo er eine Stelle als Gehilfe in einer Buchhandlung antrat. Zwei Jahre später, im Oktober 1896, heirateten Susanna Bieri und Eugen Sutermeister. Kurze Zeit arbeitete er bei der Eidgenössischen Landestopographie als Kupferstecher. Aus gesundheitlichen Gründen musste er die Anstellung wieder aufgeben und wagte danach den Schritt in die Selbstständigkeit. Er eröffnete in Aarau einen kleinen Verlag, in dem er zunächst mehrere Zeitschriften für Hörende herausgab. Schliesslich erschien mit «Lieder eines Taubstummen» seine erste eigene Publikation, auf welche noch zwei weitere Liederbändchen folgten. Ausserdem wirkte Sutermeister ab 1903 als kantonaler Taubstummenprediger von Bern.

Eugen Sutermeister schwebte schon seit Längerem die Herausgabe einer eigenen Taubstummenzeitung für die Schweiz vor, welche den Kontakt zwischen den oftmals weit verstreut lebenden Gehörlosen und deren Weiterbildung fördern sollte. Auf eigenes Risiko gab Sutermeister schliesslich am 1. Januar 1907 die erste Nummer der «Schweizerischen Taubstummenzeitung» heraus. Er blieb bis zu seinem Tod Redaktor der Zeitung, die später «Gehörlosenzeitung» hiess.

Bei seiner Tätigkeit als bernischer Taubstummenprediger und -fürsorger stiess Sutermeister jedoch zunehmend an seine Grenzen. Deshalb veröffentlichte er 1910 eine Broschüre mit dem Titel «Fürsorge für erwachsene Taubstumme in der Schweiz – Denkschrift und Aufruf an das Schweizervolk». Das Echo auf die Publikation war derart positiv, dass sich im März 1911 ein Initiativ-Komitee bildete, dem unter anderem ein Bundesrat, National- und Ständeräte, Ärzte und Pfarrer angehörten. Aus dieser Initiative entstand am 2. Mai 1911 der «Schweizerische Fürsorgeverein für Taubstumme». Eugen Sutermeister wurde als Zentralsekretär und Susanna Sutermeister als Aktuarin gewählt.

Im Rahmen seiner vielseitigen Tätigkeiten im Gehörlosenwesen sammelte Eugen Sutermeister bereits ab 1896 diverses Bild- und Schriftmaterial und brachte dieses in seiner privaten Bibliothek unter. Er pflegte Kontakte im In- und Ausland und besuchte Landesbibliotheken und Staatsarchive, um Dokumente einzusehen und diese teilweise von Hand abzuschreiben. Er besichtigte Schulen und Heime für Gehörlose und machte fotografische Aufnahmen von den Institutionen und Einzelpersonen. Im Jahr 1929 veröffentlichte Eugen Sutermeister mit dem zweibändigen Titel «Quellenbuch zur Geschichte des Schweizerischen Taubstummenwesens: ein Nachschlagebuch für Taubstummenerzieher und Freunde» sein Lebenswerk. Auf rund 1’440 Seiten mit 400 Bildern legte er dar, was er in seiner bisherigen Tätigkeit recherchiert, zusammengetragen oder selbst geschrieben hatte. Neben dem Quellenbuch publizierte Sutermeister weitere Schriften, führte Briefwechsel mit Behörden, Fachleuten und Gehörlosen und wurde regelmässig an Tagungen und Kongresse als Referent eingeladen.

Am 8. Juni 1931 starb Eugen Sutermeister an den Folgen einer Herzschwäche in Bern. Susanna Sutermeister starb vier Jahre später. Sie unterstütze zeitlebens ihren Ehemann bei seiner Arbeit, indem sie ihn unter anderem auf Reisen ins In- und Ausland begleitete und als Vermittlerin und Beraterin für Gehörlose wirkte.

Der Bildbestand des Schweizerischen Hörbehindertenverbands Sonos im Sozialarchiv umfasst rund 460 Glasdias, von denen etwa ein Drittel auch als Papierabzüge vorhanden ist. Einen Grossteil des Bestandes machen sechs Fotoalben aus, welche von Sutermeister persönlich angelegt wurden und mehrheitlich Abzüge der Glasdias beinhalten. Ein Fotoalbum mit dem Titel «Die Schweizerischen Taubstummen-Anstalten und -Heime in Wort und Bild» erstellte Sutermeister für die Landesausstellung 1914. Das Album wurde an der Landesausstellung für die BesucherInnen zur Ansicht ausgelegt und zeigte Aufnahmen von damaligen Gehörlosenanstalten und -heimen in der Schweiz sowie von Gottesdiensten und Kongressen der Gehörlosen. Die weiteren fünf Alben entstanden zu einem späteren Zeitpunkt. Sutermeister porträtierte in ihnen detailliert das Gehörlosenwesen von der Jahrhundertwende bis in die 1920er Jahre im In- und Ausland. Neben den Gehörloseninstitutionen und deren BewohnerInnen sind oftmals die zahlreichen «Taubstummenbünde und -vereine» während ihrer Aktivitäten oder die unterschiedlichen Berufsbilder von Gehörlosen abgebildet. Einige der Aufnahmen finden sich auch im 1929 erschienenen Lebenswerk von Sutermeister, dem «Quellenbuch zur Geschichte des Schweizerischen Taubstummenwesens», wieder. Ausserdem sind einige private Aufnahmen von Eugen und Susanna Sutermeister vorhanden, welche das Paar beispielsweise daheim mit Gästen oder in den Wanderferien zeigen.

Neben diesen Fotos aus der Vor- und Frühzeit des Verbandes sind noch Aufnahmen aus den 1980er und 1990er Jahren vorhanden, die vermutlich für die Öffentlichkeitsarbeit verwendet wurden. Sie zeigen verschiedene Alltagssituationen von Gehörlosen, beispielsweise einen Arztbesuch oder ein Bewerbungsgespräch. Ausserdem sind rund 40 Objekte aus der Frühzeit der Verbandstätigkeit vorhanden, wobei es sich grösstenteils um Karten, Foto- oder Lauttafeln handelt.

Quellen:

findmittel.ch/archive/archNeu/Ar621.html
hoerbehindert.ch/ueber-uns/
100 Jahre sonos… im Einsatz für Gehörlose und Schwerhörige! 1911 bis 2011. Festschrift. Sonos, Zürich 2011, S. 9-16. Gr 12733