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Jacqueline Badrans Salamitaktik vor der Abstimmung über die Änderung des Bundesgesetzes über die Stempelabgaben am 13.2.2022 (Videostill/SozArch F 9125-20220213-007)
Jacqueline Badrans Salamitaktik vor der Abstimmung über die Änderung des Bundesgesetzes über die Stempelabgaben am 13.2.2022 (Videostill/SozArch F 9125-20220213-007)

Bild + Ton: Politpropaganda auf Social Media

Vania Alleva giesst Blumen in der Stube. Jacqueline Badran schneidet Salamischeiben. Roger Köppel zeigt uns den Inhalt seines Portemonnaies. Die Auftritte mit banalen Handlungen haben ein Ziel: Sie wollen die Stimmberechtigten je nachdem von einem Ja oder einem Nein zu einer Abstimmungsvorlage überzeugen. Videoclips dieser Art sind längst Alltag und aus den medial vermittelten Abstimmungskämpfen nicht mehr wegzudenken. Zeit, sie zu sammeln!

In der Schweiz finden in der Regel vier nationale Abstimmungen pro Jahr statt. Die Abteilung Dokumentation des Sozialarchivs sammelt dazu seit jeher das Propagandamaterial in seinen herkömmlichen Erscheinungsformen (Flyer, Broschüren, Leporellos etc.), seit rund zehn Jahren auch digital. Seit 2022 läuft nun in der Abteilung Bild + Ton ein Versuch, zusätzlich Videoclips, welche im Vorfeld eidgenössischer Volksabstimmungen über Social-Media-Kanäle publiziert werden, zu berücksichtigen. Ausgewertet werden zurzeit die Plattformen Instagram, TikTok, YouTube und Facebook sowie die Websites von Komitees, Allianzen, Parteien, Verbänden und NGOs. Wir möchten diese flüchtigen, nur schwer systematisch erfassbaren Kommunikationsformen zumindest punktuell sammeln und sichern.

Die dokumentarisch angelegte Sammlung «Abstimmungspropaganda Social Media» ist in den letzten vier Jahren auf über 200 Videos angewachsen – selbstredend handelt es sich dabei nur um einen Bruchteil der verbreiteten audiovisuellen Propaganda. Bei der Auswahl wenden wir qualitative Kriterien an, welche die technische Raffinesse, den Informationsgehalt und die Dramaturgie betreffen. Für eine Aufnahme in die Sammlung sprechen ein Mindestmass an performativer Aktion (im Gegensatz zu reinen Talking Heads) und eine kreative Bewältigung des Themas (Inszenierung, Speech, filmische Umsetzung). Uns interessieren zudem wiederkehrende Akteur:innen, die sich zu (fast) jedem Thema äussern, wie beispielsweise die Polit-Urgesteine Jacqueline Badran oder Thomas Matter, aber auch ein Campaigner wie Flavien Gousset mit seinen politischen Erklärvideos oder ein Comedian wie Michael Elsener, der den Stimmberechtigten mit seinen solide recherchierten und aufwändig produzierten Videos eine Entscheidungshilfe anbietet. Berücksichtigt werden auch KI-generierte oder offensichtlich auf Provokation angelegte Videos.

Die Produktion der Videoclips ist kostengünstig, ebenso die Distribution auf den diversen Social-Media-Kanälen, wo die Rezeption eher en passant geschieht. Die Niederschwelligkeit der Sozialen Medien erlaubt es, politische Zielgruppen zu erschliessen, die sonst kaum erreichbar sind. Solche Vorteile lassen vermuten, dass uns diese audiovisuellen Formate wohl noch länger beschäftigen werden.

Über vergangene eidgenössische Abstimmungen kann man sich nicht nur im Sozialarchiv informieren. Seit 2019 kooperiert das Sozialarchiv mit Swissvotes, der umfassendsten Datenbank zu sämtlichen eidgenössischen Volksabstimmungen seit 1848. Swissvotes, die Online-Datenbank von «Année Politique Suisse» am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern, stellt ausführliche Informationen und Daten zu jeder Vorlage zur Verfügung und präsentiert das visuelle Propagandamaterial, u.a. auch aus den Sammlungen des Sozialarchivs.

Papierarchiv: Revisionen und Umzüge

Das Schweizerische Sozialarchiv musste in den letzten Jahrzehnten seine Lagerkapazitäten stetig erweitern und wirtschaftete zuletzt mit zusätzlichen Aussenmagazinen an drei verschiedenen Standorten, was logistisch einigen Aufwand verursachte. Statt für den weiteren Neuzuwachs ein viertes Aussenlager mit Raumvorrat für die nächsten ca. zehn Jahre anzumieten, entschloss sich das Sozialarchiv dazu, in Zukunft mit dem Archivdienstleister Archivsuisse zusammenzuarbeiten und die bisherigen Aussenmagazine gestaffelt aufzulösen. Archivsuisse stellt dem Sozialarchiv geeignete Lagerräumlichkeiten in Bahnhofsnähe in Winterthur zur Verfügung und übernimmt auch die Verantwortung für die Bewirtschaftung und Logistik der dort eingelagerten Bestände. Das Sozialarchiv bezahlt nur so viel Mietkosten, wie es effektiv Platz belegt.

Die ausgelagerten Archivbestände waren auf zwei dieser Aussenmagazine verteilt gewesen. Die Auflösung des kleineren, unweit des Spitals Balgrist an der Forchstrasse 317 befindlichen Lagers war auf März 2026 terminiert. Im Hinblick auf diesen Umzug hatte die Abteilung Archiv im Sommer 2025 eine Revision der dort befindlichen Bestände aufgenommen: Sämtliche Archiv-Dossiers wurden auf ihren Zustand überprüft und mit dem Archivfindmittel abgeglichen; bei Bedarf wurde die Verzeichnung angepasst, wurden die Inhalte besser geordnet oder abgenutzte Behältnisse ersetzt. In einem zweiten Schritt bekam jede Schachtel eine RF-ID und wurden alle darin befindlichen Archiv-Signaturen damit verknüpft. Dies ermöglicht in Zukunft eine Ortung der Schachteln und sämtlicher darin befindlichen Dossiers.

Insgesamt wurden bis Ende Februar 2026 rund 7’500 Dossiers gesichtet bzw. rund 660 Laufmeter Archiv für den Umzug nach Winterthur vorbereitet. Weitere 160 Laufmeter wurden für eine eingehende Revision temporär in die Magazinräumlichkeiten an der Stadelhoferstrasse 12 verschoben. Anfang März erfolgten plangemäss der mehrtägige Umzug der Archivbestände nach Winterthur und anschliessend der Rückbau der Rollgestellanlage an der Forchstrasse 317, eine Eingangskontrolle aller Archiv-Schachteln am neuen Standort sowie eine Bereinigung letzter Unstimmigkeiten bei den IT-System-Schnittstellen. Ende März konnte der Ausleihbetrieb, der für die betroffenen Bestände vom 16. Februar bis am 23. März 2026 ausgesetzt war, wieder hochgefahren werden.

Mit der Auflösung des Aussenlagers an der Forchstrasse 317 per Ende März 2026 hat die Abteilung Archiv die erste Etappe der Zusammenlegung der bisherigen Aussenmagazine am neuen Standort in Winterthur unter Einsatz von sehr viel Manpower erfolgreich hinter sich gebracht. Die zweite, weitaus grössere Etappe schliesst nahtlos daran an: Auf Ende März 2027 wird das etwa viermal so grosse Aussenlager im Verwaltungszentrum Werd aufgelöst – die Revision der dort befindlichen Bestände ist seit März 2026 bereits in vollem Gange.

Foto: Ernst Koehli/SozArch F 5144-2030-Nx-025
Foto: Ernst Koehli/SozArch F 5144-2030-Nx-025

Ernst Koehli – ein klassischer Auftragsfotograf

Das Lebenswerk des Zürcher Fotografen Ernst Koehli (1913-1983) wurde in den 1980er Jahren im letzten Augenblick vor der Vernichtung gerettet. Im Jahr 2019 erschien ein erstes Buch über Koehlis Fotografie. Nun sind mehrere Tausend weitere Fotos online zugänglich (SozArch F 5144) und erweitern den Blick auf den «Chronisten der sozialen Schweiz».

Während der Corona-Pandemie verlagerten sich auch im Sozialarchiv viele Arbeitsplätze ins Homeoffice. Aufgaben mussten neu definiert oder unter den erschwerten Begleitumständen auch neu gefunden werden. Eine Mitarbeiterin verlegte kurzerhand die Scan-Infrastruktur zu sich nach Hause und widmete sich Ernst Koehlis Nachlass, der seit drei Jahren im Haus und erst teilweise bearbeitet war.

Das im Jahr 2019 erschienene und vom Grafiker Raymond Naef zusammen mit Christian Koller herausgegebene Buch «Chronist der sozialen Schweiz – Fotografien von Ernst Koehli 1933-1953» legte den Schwerpunkt auf diejenigen Fotos, die Koehli für verschiedene Auftraggeber aus der Arbeiterbewegung gemacht hatte. Die Abbildungen im Buch stammten aus einer ersten Auswahl, die Naef aus dem immensen Fundus des Gesamtarchivs getroffen hatte. Naef war es auch gewesen, der Koehlis Nachlass kurz nach dessen Ableben buchstäblich vor der Entsorgung gerettet hatte: 1984 stiess Naef in einem Schaukasten zufällig auf Fotos von Koehli. Er verfolgte die Spur und stiess bei Koehlis Witwe auf offene Ohren – sie wollte die Negative, Glasplatten und Abzüge ihres Mannes sowieso loswerden und übergab sie Naef. Dieser erkannte schnell den sozialdokumentarischen Wert vieler Fotos. Im Jahr 2017 übergab Naef das gesamte Fotoarchiv von Ernst Koehli (rund 16’000 Negative) dem Schweizerischen Sozialarchiv.

Bei diesem Fotoarchiv handelte es sich jedoch nicht um das komplette Werk Koehlis, denn seine Witwe hatte offenbar bereits vor der Kontaktaufnahme durch Naef auszusortieren begonnen und Aktbilder und Pflanzenaufnahmen entsorgt. Glücklicherweise hat aber Koehlis minutiös geführte Auftragskartei überlebt und ebenfalls den Weg ins Sozialarchiv gefunden. Anhand der Karteikarten liess sich nämlich in vielen Fällen nachvollziehen, wann er für welchen Auftraggeber fotografiert hatte, und für die Erschliessung der Negative erwies sich die Kartei als äusserst wertvoll. Es zeigte sich einmal mehr, wie aufschlussreich Auftragsbücher oder -karteien für die archivische Arbeit sind.

Obgleich 16’000 Negative, gemessen am Umfang anderer Nachlässe, keine grosse Dimension darstellen, fehlten für die Aufarbeitung während mehrerer Jahre doch die Kapazitäten. Erst der erzwungene Stillstand während der Pandemie brachte Bewegung in das Koehli-Nachlass-Projekt. Rund ein halbes Jahr lang scannte die Mitarbeiterin die Negative. Mithilfe der Daten in der Auftragskartei konnte danach die Erschliessung in Angriff genommen werden. Nun sind nahezu 15’000 Fotos online verfügbar. (Auf die zahlreichen Passbilder und Fotos von Neugeborenen, für die keine Metadaten eruierbar waren, wurde verzichtet.)

Bei der Bearbeitung von Koehlis Fotoarchiv bestätigte sich im Grossen und Ganzen der Eindruck, den die erste Auswahl von Naef hinterlassen hatte. Koehli war zeitlebens der Arbeiterbewegung und ihren Organisationen verpflichtet. Fotos von gewerkschaftlichen Anlässen und Aktionen, von parteipolitischen Events und Wahlkämpfen der SP sowie von den Aktivitäten des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks sind zahlenmässig stark vertreten. Diese Aufträge garantierten wohl Koehlis Grundeinkommen. Daneben fotografierte Koehli aber auch in vielen anderen Bereichen, die für das Sozialarchiv ebenso zentral sind. Bilder, die er im Auftrag von Warenhäusern, Grossverteilern und Discountern machte, zeigen den wirtschaftlichen Aufschwung und die Konsumfreude der Nachkriegszeit. Globus, Denner und die Migros riefen Koehli, wenn es darum ging, die neue Schaufensterdekoration oder das üppige, wohl geordnete Warensortiment in den Ladenregalen zu dokumentieren.

Die grösste Auftraggeberin war jedoch die städtische Berufsberatung, für welche Koehli insgesamt fast 2’000 Fotos anfertigte. Das Kaleidoskop an Professionen – viele davon längst verschwunden – sollte den Schulabgänger:innen die Berufe bildlich schmackhaft machen. Eine Entdeckung für Technikaffine dürften Koehlis Fotos der «fera» sein. Die «Ausstellung für Fernseh-, Radio-, Phono- und Tonbandgeräte» fand jährlich in den Züspa-Hallen in Oerlikon statt und war ein Publikumsmagnet. Koehli fotografierte dort zwischen 1959 und 1976 so manche Innovation und wich auch ein paar wenige Male von seinem Standardformat ab: Seine einzigen Farbaufnahmen entstanden an den Ständen von Philips, Thorens und Studer-Revox.

Bereits die Fotos im erwähnten Buch aus dem Jahr 2019 zeugten von einer konsequenten ästhetischen Handschrift und von Koehlis solidem handwerklichen Können – schliesslich hatte er an der Kunstgewerbeschule Zürich in der Fachklasse für Fotografie den Unterricht vom renommierten Hans Finsler genossen! Auch die Bilder aus Koehlis opulentem Fotoarchiv bezeugen seine typische Herangehensweise: Er fotografiert aus Distanz, wahrt Abstand, ist nie übergriffig. Koehli bleibt damit seiner Haltung als zurückhaltender Dokumentarist treu. Sein Stil tendiert allerdings auch dazu, dass die Bilder etwas gleichförmig und teilnahmslos wirken. Fotografiert Koehli Menschen, zeigt er sie fokussiert auf ihr Tun. Seine Fotos erzählen keine persönlichen Geschichten und evozieren beim Betrachten kaum Emotionen.

Diese Beschränkung auf das Funktionale mag mit ein Grund sein, warum Koehli weder zeitlebens noch posthum eine nur annähernd vergleichbare Wertschätzung erfuhr wie seine Berufskollegen Jakob Tuggener oder Paul Senn, die weniger als Auftragsfotografen, denn als Künstler wahrgenommen wurden. Koehlis Lebenswerk bleibt nichtsdestotrotz ein herausragendes Zeugnis sozialdokumentarischer Fotografie in der Schweiz. Es umspannt von der späteren Zwischenkriegszeit bis zum Ende der Hochkonjunktur in der Nachkriegszeit eine unglaublich ereignisreiche Zeit, die Koehli gewissenhaft und unbestechlich festgehalten hat.

Getreideflocken AG, Lenzburg, 1947 (Foto: Ernst Koehli/SozArch F 5144-0872-Nc-003)
Getreideflocken AG, Lenzburg, 1947 (Foto: Ernst Koehli/SozArch F 5144-0872-Nc-003)

Teilweiser Bestell-Stopp wegen Zügelarbeiten

Im März 2026 zügelt das Schweizerische Sozialarchiv einen Teil seiner ausgelagerten Bestände in neue Aussenmagazine, um Platz für die zahlreich eintreffenden Neuübernahmen zu gewinnen.

Die vom Umzug betroffenen Bestände sind deshalb vom 16. Februar bis und mit 23. März 2026 nicht verfügbar. Bereits zuvor bereitgestellte Dokumente aus den betroffenen Beständen werden am 16. Februar zurückgebucht und müssen ab dem 24. März neu bestellt werden.

Informieren Sie sich rechtzeitig via kontakt@sozialarchiv.ch, ob die Akten, die Sie konsultieren wollen, vom Umzug betroffen sind.

Wir entschuldigen uns für die temporären Umstände und danken für Ihr Verständnis.

Ihr Sozialarchiv-Team

Neu online: Dokumentation zum Film «Der grüne Berg»

Im Frühling 1990 war der Kinostart von Fredi M. Murers Film «Der grüne Berg». In dem zweistündigen Dokumentarfilm äussern sich Dutzende von Interviewten zur Frage, ob im Wellenberg radioaktive Abfälle gelagert werden sollen. Nun wurde das Rohmaterial, das Murer damals als Vorbereitung für den Film drehte, digitalisiert und erschlossen. Es ist ab sofort online verfügbar (SozArch F 9103).

Das Problem, wie mit radioaktiven Abfällen verfahren werden soll, ist umstritten und ungelöst. In der Schweiz muss sich die NAGRA, die nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle, darum kümmern. Ab Ende 1986 machte sie Probebohrungen im Wellenberg, dem Hausberg von Wolfenschiessen (NW). Dort sollten mittel- und schwachradioaktive Abfälle gelagert werden. Der lokale Widerstand formierte sich zunächst nur zögerlich – aus den Interviews, die später ausschnittweise in «Der grüne Berg» zu sehen sind, wird deutlich, dass die Bevölkerung erst sehr spät informiert wurde und die kantonalen Behörden zuvor teilweise eigenmächtig im Sinne der NAGRA gehandelt hatten.

Der Innerschweizer Regisseur begann 1989 mit den Recherchen für einen Film über das Vorhaben. Er kontaktierte die betroffenen Landwirt:innen, sprach mit Politikern, Gewerbetreibenden, Geologen, Ingenieuren und natürlich auch mit Vertretern der NAGRA. Murer führte nahezu sechzig ausführliche Interviews und montierte Ausschnitte daraus zu einer «filmischen Landsgemeinde», so der Untertitel des Films. Die Interviews wurden im Zusammenhang mit der digitalen Restaurierung von «Der grüne Berg» ebenfalls digitalisiert. Sie stehen nun, ergänzt mit ausführlichen Inhaltsbeschreibungen, der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Die Interviews führen einem in aller Ausführlichkeit die grundsätzlichen Konflikte vor Augen und Ohren. Auf der einen Seite stehen die Bedenken der betroffenen Landwirt:innen, die sich wegen der Landansprüche der NAGRA und den unabsehbaren Langzeitfolgen eines Endlagers um ihre Existenzgrundlage sorgen. Auf der anderen Seite argumentieren die Experten der NAGRA in einer technologischen, mit Fachausdrücken gespickten Sprache und appellieren an die «freundeidgenössische Solidarität», die vonnöten sei, um das Problem der Endlagerung aus der Welt zu schaffen.

Der Widerstand der Bevölkerung formierte sich schliesslich in Gruppierungen wie der «AkW» (Arbeitsgruppe kritisches Wolfenschiessen) oder dem Verein MNA (Mitsprache des Nidwaldner Volkes bei Atomanlagen). Diese Organisationen versuchten mit Informationsveranstaltungen und direktdemokratischen Mitteln wettzumachen, was die Behörden zuvor unterlassen hatten: die ansässige Bevölkerung im Vorfeld der Probebohrungen in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

«Der grüne Berg» kam wenige Monate vor zwei atomstromkritischen Volksabstimmungen in die Schweizer Kinos, im August 1990 strahlte das Schweizer Fernsehen den Film aus. Tatsächlich nahm das Stimmvolk am 23. September 1990 zwar die Moratoriums-Initiative «Stopp dem Atomkraftwerkbau» mit 54.52% Ja-Stimmen an, ein vollständiger Ausstieg aus der Atomenergie wurde allerdings im selben Urnengang mit 47.13% Ja-Stimmen verworfen. Ein direkter Zusammenhang der Abstimmungsresultate mit Murers Film ist natürlich hypothetisch, immerhin aber war der Urnenausgang ein Teilerfolg für diejenigen kritischen Stimmen, die vor allem mit der völlig ungelösten Frage der Lagerung von radioaktiven Abfällen für ein Ja zu den Initiativen geworben hatten.

Der Widerstand gegen den Standort Wellenberg hielt unvermindert an. Die Nidwaldner:innen erstritten sich mit Volksinitiativen und Gerichtsentscheiden ein Mitspracherecht. Bis 2002 kam es zu zwei kantonalen Abstimmungen – beide Male gewann die atomkritische Seite. 2003 schliesslich hob der Bund das Recht der kantonalen Mitbestimmung bei Endlagerfragen auf. Prompt reaktivierte die NAGRA das Projekt Wellenberg. Erst 2024 strich das UVEK den Standort definitiv von der Liste potenzieller Standorte.

«Der grüne Berg» wurde im Rahmen eines Memoriav-Projekts digital restauriert. Die Digitalisierung des Rohmaterials (Ausgangsmedium S-VHS) besorgte Sophia Murer/peakfein-studio, Glarus.

20.11.2025, 20.45 Uhr: Mobilität und Wohnraum in Zürich: Historische Kurzfilme im Filmpodium

Eine Kooperation der Cinémathèque suisse mit dem Filmpodium Zürich und dem Schweizerischen Sozialarchiv

Am 20. November präsentiert die Cinémathèque suisse anlässlich des Erscheinens der zweiten Ausgabe ihrer neuen Online-Zeitschrift «Repérages» im Filmpodium Zürich ein Kurzfilmprogramm mit vier restaurierten Filmen zu den Themen Stadtentwicklung, Mobilität und Wohnen, eingeführt von Jacqueline Maurer, Kunst- und Filmwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Film-, Architektur- und Städtebauforschung.

Die beschleunigten Bilder in der kurzen Wochenschau «Zürich. Tempo, tempo!… Zeit ist Geld» symbolisieren die Dynamik und den Rhythmus der wachsenden Stadt in den 1920er Jahren. Der experimentelle Tourismusfilm «…via Zürich» (1967) von Alexander J. Seiler, Rob Gnant und June Kovach ist eine Auftragsarbeit, die in der formalen Gestaltung die ökonomisch geprägte Darstellung der Stadt ironisiert und von einem ambivalenten Verhältnis zur Auftragsfilmproduktion jener Zeit zeugt. «Beton-Fluss» von Hans-Ulrich Schlumpf prangert 1974 das später gescheiterte Bauprojekt «Expressstrasse Ypsilon» an. Mit «Zur Wohnungsfrage 1972» (1972) analysieren Nina und Hans Stürm den Wohnungsbau als Ware im kapitalistischen System.

«Repérages 02», herausgegeben von Stefan Länzlinger, Seraina Winzeler und Yvonne Zimmermann, widmet sich ganz und gar Zürich und versammelt zwölf Beiträge zu ausgewählten Themen aus dem Projekt «Gebrauchsfilm Zürich: Stadt-, Land-, Filmgeschichten», einem mehrjährigen Digitalisierungs- und Vermittlungsprojekt der Cinémathèque suisse zu Auftrags- und politischen Kurzfilmen Zürichs im 20. Jahrhundert. Parallel dazu werden in der virtuellen Ausstellung «Zürich – Stadt des Kapitals» Filme zugänglich gemacht. Beide Publikationen sind ab dem 19. November online.

Donnerstag, 20. November 2025, 20.45 Uhr
Kurzfilmprogramm im Filmpodium Zürich

SozArch F 5008-Ox-007
SozArch F 5008-Ox-007

6.10.2025, 12.30 Uhr: Webinar arbeiterbewegung.ch

Relaunch der Ressourcenplattform zur schweizerischen Arbeiterbewegungsgeschichte

Seit ihrer Gründung im Jahr 2008 betreibt die Interessengemeinschaft «Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung» eine eigene Website. Die IG ist ein lockerer Kompetenzverbund zu Geschichte und Archiven der schweizerischen Arbeiterbewegung von Spezialarchiven, Forschungsinstitutionen und Gewerkschaften. Zurzeit gehören ihr an: das Schweizerische Sozialarchiv in Zürich, die Archives contestataires in Genf, die Association pour l’étude de l’histoire du mouvement ouvrier (AÉHMO) in Lausanne, das Centre international de recherches sur l’anarchisme (CIRA) in Lausanne, das Collège du Travail in Genf, die Fondazione Pellegrini Canevascini (FPC) in Bellinzona sowie der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) und die Gewerkschaften UNIA, VPOD, SEV und Syndicom.

Kern der bisherigen Website war ein Metakatalog zu den vielfältigen, vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichenden Archivbeständen der schweizerischen Arbeiterbewegungsgeschichte. Diese umfassen die Akten von Gewerkschaften, Parteien, Arbeiter:innenvereinen, Genossenschaften und Unternehmen, Frauen- und Jugendorganisationen und zum Anarchismus sowie Personennachlässe. Neben den umfangreichen Beständen im Sozialarchiv befinden sie sich auch in kleineren Spezialarchiven, im Bundesarchiv, in kantonalen und kommunalen Archiven, Bibliotheken und Museen, in gewerkschaftlichen Vorarchiven und in vereinzelten Fällen sogar im Ausland im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam oder im Archiv der sozialen Demokratie in Bonn.

Auch auf der nun inhaltlich und technisch vollständig neu aufgesetzten Website bildet der Metakatalog mit Direktzugriff auf die Findmittel der bestandeshaltenden Institutionen ein zentrales und für die Forschung unverzichtbares Tool. Die Forschungsinfrastrukturfunktion der Website wurde aber angereichert durch Übersichten und Links zu den immer zahlreicher greifbaren digitalen Beständen. Dazu gehören etwa retrodigitalisierte Zeitungen und Zeitschriften auf verschiedenen Portalen, Online-Datenbanken mit audiovisuellen Quellen oder biografischen Angaben und Archive von «digital born»-Dokumenten der letzten drei Jahrzehnte. Darüber hinaus bietet die Website arbeiterbewegung.ch Informationen zur Organisationsentwicklung der schweizerischen Arbeiterbewegung, zu laufenden und abgeschlossenen Forschungs- und Vermittlungsprojekten sowie einen aktuellen Veranstaltungskalender.

Am Montag, 6. Oktober 2025, von 12.30 bis 13.15 Uhr stellen wir in einem Webinar Benutzer:innen und weiteren Interessierten die neue Website vor (Link: https://uzh.zoom.us/j/61150200036?pwd=Deb5vaUs1dkpyrU9gGXkDyg1CBbz0F.1).

Flyer zum Webinar herunterladen (PDF, 385 KB)

Neu in der Datenbank Bild + Ton

F 5198 Scherenschnitte von Martin Mächler

Die Scherenschnitte von Martin Mächler sind beeindruckende Zeugnisse handwerklichen Könnens. Sie sind derart fein und exakt gearbeitet, dass man sich die aufgeklebten Werke kaum aus ihrem Schutzumschlag zu nehmen traut. Auch in der zweidimensionalen Wiedergabe behalten sie ihre Wirkung. Mächler brachte sich ab den 1970er Jahren autodidaktisch die Kunst des Scherenschnitts bei. Es entstanden Hunderte von Werken, von denen Mächler nun die nach eigenen Aussagen achtzig besten in die Obhut des Sozialarchivs gab.
Mächler beschäftigte sich mit Themen wie Umweltzerstörung, Militarismus, Rassismus oder Bigotterie. Immer wieder setzte er sich bei den Scherenschnitten mit Tagesaktualitäten wie dem Apartheid-Regime in Südafrika, der Militärdiktatur in Chile oder der Gewerkschaftsbewegung Solidarność in Polen auseinander. Innenpolitisch gibt es Werke zum Widerstand gegen die Bespitzelung und Überwachung im Zusammenhang mit der Fichenaffäre oder zum Kampf gegen Atomkraftwerke.
Inspiriert wurde er vor allem von Käthe Kollwitz und Clément Moreau. Künstlerisch und inhaltlich teilt er mit ihnen die Konzentration auf sozialpolitische und zeitkritische Themen, die expressiv und stets mit Parteinahme für die Schwachen ins Bild gesetzt werden. Ab 1979 stand er in regem Austausch mit Clément Moreau. Er nahm Zeichenunterricht bei ihm und legte ihm seine Werke zur kritischen Begutachtung vor. Die Freundschaft blieb bis zum Tod Moreaus 1988 bestehen.

F 5186 Pressefotos von Max Messerli

Der Zürcher Fotograf Max Messerli erlangte wegen eines Bundesgerichtsurteils eine gewisse Bekanntheit. Noch unter dem Regime des mittlerweile alten Urheberrechtsgesetzes befanden die Richter in Lausanne, dass eine seiner Konzertaufnahmen von Bob Marley Werkcharakter besitze und deshalb besonders geschützt sei. Die Frage nach dem Werkcharakter von Fotografien war und ist umstritten, dieser ist aber entscheidend für die Frist ihres Urheberrechtsschutzes und damit auch für die Möglichkeiten ihrer Verwendung.
Das Schicksal des Archivs von Messerli ist leider typisch: Nach Beendigung seines Berufslebens suchte Messerli erfolglos Interessenten für seine abertausenden Pressefotos, die er seit den 1970er Jahren gemacht hatte. Der grösste Teil landete im Abfall, ein ganz kleiner Teil im Sozialarchiv.

F 5187 Visuelles Tagebuch von Pamela Ammann

Pamela Ammann studierte Architektur an der ETH Zürich. Mitte der 1970er Jahre war sie in feministischen Aktions- und Theatergruppen aktiv und schrieb für linke Publikationen wie «Tell», «Agitation» oder «Focus». Sie arbeitete als Druckerin in der Genossenschaft Ropress. Ab den frühen 1980er Jahren kehrte sie beruflich zu ihren Ursprüngen zurück und arbeitete als Raumplanerin bei Metron in Brugg. Ammann war zu dieser Zeit mit dem Filmer Hans-Ulrich Schlumpf liiert, den sie bei dessen Filmprojekten begleitete und unterstützte. Später machte sie sich selbständig.
Ab 1960 führte Pamela Ammann ein visuelles Tagebuch. In ihren Tagebüchern kombinierte sie Fotografien mit eigenen Texten, künstlerischen Versuchen und privater Korrespondenz. Bis an ihr Lebensende sind so über 4’600 Einträge (hauptsächlich Fotos mit Bildlegenden) entstanden, welche ihr privates Umfeld (Freundinnen, Lebenspartner, Familie, Verwandte), ihre Arbeitsorte sowie gesellschaftliche Anlässe (Hochzeiten, Geburtstage) dokumentieren. Das Ensemble gibt einen faszinierenden Einblick in die Biografie einer emanzipierten Frau.

F 5201 Werkarchiv von Heinz Nigg

Der Ethnologe und Kulturvermittler Heinz Nigg gehört zu den Pionieren partizipativer Videoarbeit. Mit der Videosammlung «Stadt in Bewegung» über die Jugendunruhen der 1980er Jahre in der Schweiz hatte er 1999 den Grundstein für die Aufarbeitung audiovisueller Archivalien im Sozialarchiv gelegt, nun gelangt sein Werkarchiv zu uns. Es besteht hauptsächlich aus Videoarbeiten im Zusammenhang mit verschiedenen Ausstellungen, die Nigg organisiert hat. Das Werkarchiv wird im Verlauf der nächsten Monate freigeschaltet. Bereits online sind seine Fotoarbeiten, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Und zu guter Letzt: Orts-Wiki schlägt Tech-Gigant

Wenn zu einem Bild überhaupt keine Metadaten vorhanden sind, leistet die Google-Bildersuche im Glücksfall Grossartiges: Bei exakten Übereinstimmungen kann man in Sekundenbruchteilen die gewünschten Informationen finden. Allerdings spült die Suchmaschine auch fehlerhafte Angaben in die Welt, wie im Falle dieses Bildes:

Korrektion des Wildbachs in Wetzikon, 1921/22 (Foto: Fritz Wiesendanger/SozArch F 5068-Gd-neg-0006)

Es seien hier die Bauarbeiten am Sihlsee-Staudamm zu sehen, versichert die Trefferliste gleich im Dutzend. Mit zwei Klicks stösst man auf die offizielle Pressemappe aus dem Jahr 2022 zum Relaunch eines Dokumentarfilms von Karl Sauter über das Bauvorhaben aus den 1920er Jahren, in welcher zum Bild ebenfalls steht, dass hier am Sihlsee-Staudamm gearbeitet werde. Die Geländetopografie und eine vage Vermutung, dass es sich in Tat und Wahrheit um eine Aufnahme aus dem Zürcher Oberland handeln könnte, führt zu einer Recherche in der vorbildlichen lokalhistorischen «Wetzipedia» – und siehe da: Zu sehen sind Korrektionsarbeiten am Wetziker Wildbach, 1921 oder 1922 fotografiert vom Wetziker Fotografen Fritz Wiesendanger.

Oral-History: «Winterthurs wilde 80er» (SozArch F 9101)

Im Schatten der Achtziger Jugendunruhen in den Schweizer Grossstädten kam es auch in Winterthur zu wiederholten gewaltsamen Konfrontationen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Der Historiker Miguel Garcia hat nun vierzig Jahre nach dem tragischen Kulminationspunkt der sogenannten «Winterthurer Ereignisse» Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt.

Die frühen 1980er Jahre waren vielerorts äusserst unruhig und konfliktreich, die Jugend in Zürich, Bern, Basel und Lausanne rebellierte. Sie forderte autonome Jugendzentren, günstigen Wohnraum, ein grösseres Kulturangebot und ganz allgemein weniger Spiessigkeit. Die bürgerlich dominierte Schweiz reagierte weitgehend verständnislos und mit einem Übermass an polizeilicher Repression bei Demonstrationen und Hausbesetzungen; die Jugendbewegung ihrerseits verhielt sich wenig kompromissbereit. Es herrschte ein kaltes und gleichzeitig erhitztes Klima der gegenseitigen Feindschaft.

In Zürich entspannte sich die Lage erst nach zwei Jahren wieder. Allerdings war der Preis dafür hoch: Die Stadtregierung hatte beschlossen, das «Autonome Jugendzentrum», Sinnbild und zentrale Forderung der «Bewegung», zu schleifen. Viele Bewegte gerieten daraufhin in eine Art Schockstarre, aus der manche in eine Depression oder in die Drogensucht abglitten, manche in Resignation verfielen. Andere orientierten sich neu und landeten in der Kreativwirtschaft, der Gastronomie oder bei den Medien.

In Winterthur rebellierten die Jugendlichen zwar in den frühen 1980er Jahren etwa gegen einen Grossauftrag des Industrieunternehmens Sulzer für die argentinische Militärjunta oder gegen die Wehrschau der Schweizer Armee, regelmässige Demonstrationen wie in den Grossstädten fanden jedoch nicht statt. Die alternative Szene blieb überschaubar, man traf sich in wenigen Lokalen und wohnte in WGs. Polizei und Justizbehörden auf der anderen Seite agierten mit einer Mischung aus Übereifer, Misstrauen und Abneigung gegen alles, was nicht dem bürgerlichen Mainstream entsprach: WGs wurden überwacht, Telefonleitungen angezapft, Personen willkürlich kontrolliert. Übergriffe auf die körperliche Integrität durch die Polizei waren an der Tagesordnung. Die «Wintis», wie die Winterthurer Bewegten bald bezeichnet wurden, reagierten mit Farb- und später mit Brandanschlägen, im Visier waren Infrastruktureinrichtungen oder Militärfahrzeuge, einmal auch das Stadthaus.

1984 spitzte sich die Lage zu: Im August kam es zu einem Sprengstoffanschlag auf das Wohnhaus des damaligen Bundesrats Rudolf Friedrich. Die Polizei reagierte auf diese nächste Eskalationsstufe mit einer koordinierten Razzia in den einschlägigen Winterthurer WGs und verhaftete Dutzende Jugendliche, darunter auch den Künstler Aleks Weber als vermeintlichen Drahtzieher der Gewaltaktionen und seine Freundin Gaby. Was genau in den Wochen danach im Winterthurer Untersuchungsgefängnis geschah, wird wohl erst nach Aktenöffnung klar werden. Traurige Tatsache ist, dass sich Gaby nach einem stundenlangen Verhör durch die ermittelnde Bundespolizei in der Zelle erhängte.

Ereignisgeschichtlich sind die Vorfälle in Winterthur gut aufgearbeitet: Es existieren neben unzähligen Zeitungsartikeln ein faktenreicher Wikipedia-Artikel und ein Eintrag im «Winterthur Glossar» der Winterthurer Bibliotheken (www.winterthur-glossar.ch/winterthurer-ereignisse). Bereits 1986 veröffentlichte der Journalist Erich Schmid seine Reportage «Verhör und Tod in Winterthur», welche wiederum die Grundlage für den gleichnamigen Film von Richard Dindo aus dem Jahr 2001 bildete. Trotzdem blieb vieles im Dunkeln. Vor allem die Frage, weshalb in Winterthur die Ereignisse derart eskalierten und warum Polizei und Justizbehörden zu Mitteln griffen, die der Sachlage nicht angepasst waren. Das Oral-History-Projekt «Winterthurs wilde 80er» von Miguel Garcia versucht deshalb, die dramatischen Ereignisse von 1984 zeitlich und thematisch in einen erweiterten Kontext zu stellen. Er führte im Sommer und Herbst 2023 Interviews mit dreizehn Personen aus Winterthur, die direkt oder indirekt in die Ereignisse involviert waren oder sich beruflich und politisch intensiv damit auseinandergesetzt haben. Die ausführlichen Gespräche dauern je rund eine Stunde.

Am bewegendsten sind die Interviews mit den direkt am Geschehen Beteiligten: Francisco Manzanares, Reynald Braun, Robert Schneider und Jürg Feuz gehörten zum harten Kern der «Wintis» und tauchten zum Teil schon in Schmids Buch oder Dindos Film auf. Sie schildern anschaulich, wie polizeiliche Repression und behördliche Überwachung sich auf ihr Leben auswirkten. Die Folgen waren teilweise einschneidend: Einer der Protagonisten tauchte jahrelang im Ausland unter, mehrere wandten sich – teils aus aktivem Protest, teils aus Verzweiflung – den harten Drogen zu. Interessant sind auch die Einblicke in das Innenleben der «Szene», deren radikaler Kern offenbar kaum mehr als zwanzig Personen umfasste. Zu diesen gesellten sich knapp hundert Sympathisant:innen, die in den Winterthurer WGs verkehrten. Auch das Interview mit Aleks Webers Mutter Anna-Maria führt vor Augen, wie existenziell die Konsequenzen der harten Haltung der Behörden sein konnten: Nach Gabys Selbstmord Ende 1984 wurde Aleks selber 1985 in einem Jahre später als unverhältnismässig aufgehobenen Urteil zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Mutmasslich im Gefängnis infizierte er sich mit AIDS und verstarb 1994. Im selben Jahr starb auch sein Vater, der als Folge der «Ereignisse» schon in den 1980er Jahren erkrankt war.

In den Interviews mit Ernst Wohlwend, Andreas Mösli oder Françoise Gremaud erfährt man, wie sich die Parteienlandschaft in Winterthur ab den 1970er Jahren diversifizierte, wer in der Presse das Sagen hatte und wie kümmerlich sich die Gastroszene präsentierte. Die über Jahrzehnte in Winterthur verankerten Persönlichkeiten betten die Ereignisse in einen grösseren Kontext ein und erweitern den Horizont der bisherigen, stark auf den dramatischen Höhepunkt 1984/85 fixierten Darstellungen um die gesellschaftlichen Veränderungen in der Zeit danach. Denn nachdem ihre Autonomieexperimente von staatlicher Seite abgewürgt worden waren, hatte die Jugendbewegung der 1980er mit ihrem kreativen Aufbruch, ihrem Experimentieren mit alternativen Lebens- und Arbeitsformen und ihrer Suche nach Alternativen zum Konsum als Lebensinhalt in der Folge doch wesentlichen Anteil an der Gründung diverser Genossenschaften, bei der überfälligen Liberalisierung des Gastronomiegewerbes und an vielfältigen gesellschaftlichen Emanzipationsbestrebungen.

Insgesamt schlägt einem aus vielen Interviews eine unversöhnliche Grundhaltung entgegen, die repressiven Massnahmen und Übergriffe sind offensichtlich nicht vergessen, eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Ereignissen hat offenbar bis heute nicht stattgefunden. Die Behörden haben sich auch nachträglich nie zu ihrer Verantwortung geäussert. Der damalige stellvertretende Bezirksanwalt Peter Marti, der mit seinen Ermittlungsmethoden für viel Kritik gesorgt hatte und bei den «Wintis» noch heute als Feindbild gilt, wollte sich trotz eines Vorgesprächs nicht an Garcias Oral-History-Projekt beteiligen. Dennoch bleibt zu hoffen, dass dieses Anlass für eine erneute und umfassende Beschäftigung mit den «Winterthurer Ereignissen» bietet.

«Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» im Sozialarchiv

«Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» war ein Foto- und Bildarchiv zur Arbeiterbewegung, zur Sozial- und Alltagsgeschichte und zur Geschichte der sozialen Bewegungen. Roland Gretler (1937-2018) hatte das Panoptikum 1975 ins Leben gerufen – damals noch unter der Bezeichnung «Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung». Er trug zusammen mit seiner Frau Anne Gretler im Lauf der Jahrzehnte eine enorme Menge an Fotos, Plakaten, Postkarten, Broschüren, Objekten, Zeitschriften und Büchern zusammen. Nach Gretlers Tod übernahm das Sozialarchiv grosse Teile des Panoptikums; deren Bearbeitung ist nun mehrheitlich abgeschlossen.

Roland Gretler wuchs in St. Gallen auf. Nach der obligatorischen Schule begann er eine Lehre als Fotograf bei Hans Meiner, der in Zürich das Atelier seines renommierten Vaters Johannes Meiner weiterführte. Unterschiedliche Vorstellungen über den Inhalt einer Berufslehre führten dazu, dass Gretler den Lehrmeister wechselte und seine Ausbildung beim erfolgreichen Werbefotografen René Groebli abschloss. Auch neben seiner späteren Sammeltätigkeit arbeitete Gretler noch lange Zeit als Auftragsfotograf in der Werbebranche und als Industrie- und Produktefotograf weiter und sicherte sich so ein Basiseinkommen, denn der Verkauf der im eigenen Labor angefertigten Reproduktionen aus seinem Bildarchiv war ein wenig lukratives Geschäft.

1964 wagte Gretler einen politisch radikalen Schritt und gründete zusammen mit anderen die «Junge Sektion» der Partei der Arbeit. 1969 zerstritt er sich mit der PdA und trat in den VPOD ein. 1971 wurde er Präsident der neu gegründeten Gewerkschaft «Kultur, Erziehung und Wissenschaft» (GKEW). Als visuell orientiertem Menschen müssen Gretler die zeitgenössischen Bleiwüsten in Presse- und Printerzeugnissen ein Dorn im Auge gewesen, das Bild als Kampfmittel für die Umgestaltung der Gesellschaft schien in Vergessenheit geraten zu sein. Abhilfe konnte da nur das eigene Engagement leisten: Schon 1968 hatte er zusammen mit Lilo und Peter König das legendäre «1. Flugblatt der antiautoritären Menschen» gestaltet. Als Fotograf war er oft unterwegs an den Anlässen der Arbeiterbewegung oder für Reportagen, ab den 1970er Jahren oft in Begleitung von Niklaus Meienberg. Das Bild der Gegenwart liess sich also ein Stück weit selber mitgestalten.

Was aber war mit dem Bild der Vergangenheit? Wie sah es in einer Arbeiterwohnung oder einer Fabrikhalle um 1900 aus? Wer hatte die spärliche Freizeit oder die politischen Kämpfe der Arbeiterbewegung in der Zwischenkriegszeit fotografiert? – Antworten in Form von Bildern gab es auf diese Fragen kaum, eigentliche Bildarchive existierten noch nicht. Die Bildagenturen kümmerten sich fast ausschliesslich um die Fotografie der Gegenwart, die Stiftung für Fotografie war noch nicht geboren und das Sozialarchiv hatte offensichtlich andere Prioritäten. Um das visuelle Vergessen zu verhindern und das bildhafte Erbe der Arbeiterbewegung zu bewahren, gründete Gretler deshalb 1975 das «Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung». «Suchen Sie Fotos und Bilddokumente? Oder haben Sie welche? Das Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung sammelt, reproduziert und bewahrt sämtliche Bilder auf, welche die Lebensverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung und ihre Emanzipation zum Thema haben», so Gretler in einem Informationsblatt zum neuen Archiv.

Gretler betreute seine Sammlung zuerst im Zürcher Seefeld, 1993 erfolgte der Umzug ins Schulhaus Kanzlei im Zürcher Kreis 4. Aus dem Bildarchiv wurde «Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» und aus der anfänglich sprichwörtlichen Schuhschachtel voller Fotos wurde allmählich eine Sammlung, die fast die ganze oberste Etage des Schulhauses belegte. Aufgrund seines ausgeprägten Spürsinns und der stetig wachsenden Bekanntheit des «Panoptikums» konnte Gretler auch ganze Fotografennachlässe (z.B. von Adolf Felix Vogel oder Sacha Manoli) vor der Vernichtung retten. Und nur dank seiner Mitgliedschaft beim Arbeiterfotografenbund Zürich fanden Hunderte von Fotos aus der Gründerzeit der Vereinigung in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren ihren Weg ins Panoptikum, wo nicht zuletzt Gretlers Frau Anne – neben ihrem 50%-Pensum als Bibliothekarin – dafür sorgte, dass alles akkurat abgelegt wurde.

Mit der stetigen Zunahme an Material erweiterten sich auch Gretlers Interessensschwerpunkte. Nebst der Arbeiterbewegung sammelte er auch andere soziale Bewegungen, insbesondere die 68er-, die Frauen-, die Friedens- oder die Antirassismus-Bewegungen; nebst Fotos trug er auch Flugblätter, Fahnen, Transparente und Objekte zusammen – bis hin zu Kriegsspielzeug und leeren Zigarettenschachteln.

Mit dem Panoptikum wollte Gretler die Zeugnisse der sozialen und politischen Kämpfe in der Schweiz (und teilweise auch darüber hinaus) erhalten und bewahren, es war aber auch seine erklärte Absicht, diese der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Schon 1988 hatte er in einem Merkblatt für Benutzende seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, «dass es bald möglich sein wird, dem Bildarchiv die Rechtsform einer Stiftung zu geben oder es auf andere Weise in eine von der Öffentlichkeit getragene Institution umzuwandeln». Trotz vereinzelter Anstrengungen wurden diese Pläne zu Gretlers Lebzeiten nicht in die Realität umgesetzt. Nach seinem Tod meldete die Stadt Zürich jedoch ihren Anspruch auf den obersten Stock im Kanzleischulhaus an und es musste plötzlich alles sehr schnell gehen. Das Sozialarchiv, welches schon seit Jahren in Kontakt mit Gretler gestanden und Interesse am Panoptikum gezeigt hatte, konnte Gretlers Lebenswerk übernehmen.

Das Sozialarchiv übernahm Gretlers Sammlung nahezu integral – ausser bei den Büchern und Zeitschriften, wo die Überschneidungen mit den eigenen Beständen zu gross waren. Im Frühling 2019 wurde das Panoptikum während mehrerer Wochen inventarisiert, um eine Berechnungsgrundlage für den Umfang der kommenden Arbeiten zu schaffen, im Frühsommer fuhren die Zügelwagen vor. Parallel dazu wurden umfangreiche Drittmittel für die Finanzierung der Erschliessungsarbeiten eingeworben. Zwischen 2020 und 2024 wurde dann der Kernbestand bewertet, digitalisiert und erschlossen. Zwangsläufig musste das Panoptikum dabei in die Logik eines Archivs überführt werden, wobei der Grundsatz der Provenienz berücksichtigt wurde. Eigentliche Archivbestände in den thematischen Dossiers von Gretler wurden in die Abteilung Archiv, Flugblätter, Pamphlete und Broschüren hingegen in die thematischen Dossiers unserer Sachdokumentation integriert. Unterschiedliche Materialien werden aus konservatorischen Gründen getrennt aufbewahrt.

Das Sozialarchiv dankt folgenden Institutionen für ihre grosszügige Unterstützung der Erschliessungsarbeiten von «Gretlers Panoptikum»: Gemeinnütziger Fonds des Kantons Zürich, Kultur Stadt Zürich, ProLitteris Stiftung, Ernst Göhner-Stiftung, Baugarten Stiftung, Briefmarkenfonds für kulturelles und soziales Engagement, Coop Region Nordwestschweiz-Zentralschweiz-Zürich, Kaufmännischer Verband Zürich, Schweizerischer Gewerkschaftsbund, Dr. Adolf Streuli-Stiftung, Gewerkschaften Unia, VPOD und SEV.