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Hauptanliegen des Vereins Alpen-Initiative: Verlagerung des Transitgüterverkehrs von der Strasse auf die Schiene
Hauptanliegen des Vereins Alpen-Initiative: Verlagerung des Transitgüterverkehrs von der Strasse auf die Schiene

Neu im Archiv: Verein Alpen-Initiative

1980 eröffnete Bundesrat Hans Hürlimann den neuen Strassentunnel am Gotthard. Er versprach, dass die neue Röhre kein Transitkorridor für den Schwerverkehr werde. Dann kam doch alles anders: 1986 wurden am Gotthard pro Tag 1’590 Lastwagen gezählt und der sich öffnende EG-Binnenmarkt liess eine weitere Zunahme des Schwerverkehrs erwarten. Das wollten links-grüne Kreise in den Alpenkantonen nicht kampflos hinnehmen. Im Dezember 1987 trafen sich Aktivistinnen und Aktivisten aus Uri, Graubünden, dem Wallis und Tessin im Restaurant Helvetia in Andermatt: die Geburtsstunde des sogenannten Andermatter-Clubs, aus dem im Februar 1989 der Verein Alpen-Initiative hervorgehen sollte.

Dem Andermatter-Club gehörten Personen an, die später in der Schweizer Politik eine bedeutende Rolle spielen sollten: Andrea Hämmerle, Peter Bodenmann, Fabio Pedrina, Reto Gamma, Markus Züst oder Filippo Leutenegger, der damals den VCS Ticino vertrat. An der Gründungsversammlung der Alpen-Initiative nahmen ganze 42 Personen teil. Der neue Verein setzte sich zum Ziel, das Alpengebiet vor den negativen Auswirkungen des Transitverkehrs zu schützen und als Lebensraum zu erhalten. Im Mai 1989 startete der Verein eine Volksinitiative, auch «Alpen-Initiative» genannt, um dieses Ziel gesetzlich zu verankern.

Die Alpen-Initiative kam am 20. Februar 1994 zur Abstimmung. Was kaum jemand für möglich gehalten hatte, traf nach einem heftigen und turbulenten Abstimmungskampf ein: Die Alpen-Initiative wurde mit einem Ja-Stimmenanteil von 51.9 % angenommen. Bis heute steht der Alpenschutzartikel in der Schweizerischen Bundesverfassung und verlangt mit zwei Massnahmen den Schutz des Alpengebiets vor den negativen Auswirkungen des Transitverkehrs: Die Verlagerung des Transitgüterverkehrs von der Strasse auf die Schiene und den Verzicht auf einen Ausbau der Kapazität der Transitstrassen.

Die Verlagerungspolitik wurde in mehreren Abstimmungen bestätigt, so bei der Einführung der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA, 1998), bei der Vorlage zur Finanzierung des öffentlichen Verkehrs (FinöV, 1998) oder bei der Ablehnung des Gegenvorschlags zur Avanti-Initiative (2004). Eine grosse Enttäuschung war dann das Ja zur 2. Gotthardröhre in der Volksabstimmung vom 28. Februar 2016.

Alle Kampagnen zu den erwähnten Abstimmungen sowie zahlreiche weitere Aktionen und verkehrspolitische Themen  sind im Archiv der Alpen-Initiative bestens dokumentiert. Die Unterlagen stehen nach Abschluss der Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten allen Interessierten ohne Benutzungsbeschränkungen zur Verfügung.

Das Fotoarchiv von Gertrud Vogler

Kurz vor Weihnachten 2012 legte die Zürcher Fotografin Gertrud Vogler dem Sozialarchiv ein ganz besonderes Geschenk unter den Baum: Sie übergab uns ihr gesamtes, rund 200’000 Negative umfassendes Fotoarchiv. Ein erster Teil des faszinierenden Werks ist nun online.

Gertrud Vogler (*1936) gehört zu den herausragenden Fotografinnen sozialer Bewegungen in der Schweiz. Sie brachte sich das Fotografieren selber bei und war ab 1976 zuerst als freischaffende Fotografin tätig, bevor sie in den 1980er und 1990er Jahren als Bildredakteurin und Fotografin bei der Wochenzeitung WoZ arbeitete. In diesem Vierteljahrhundert sind über 200’000 Negative entstanden, die in thematisch beschrifteten Schachteln vorbildlich archiviert sind. Es handelt sich ausschliesslich um Schwarzweissfotografie im Kleinformat.

Gertrud Voglers Werk dokumentiert alle wichtigen Aspekte der sozialen Frage der letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Ihre wohl bekanntesten Arbeiten betreffen die Drogenszenen im Zürich der 1980er und 1990er Jahre (Platzspitz und Letten). Weitere Schwerpunkte ihres Schaffens sind: Aussenseiter (vor allem Jenische), Frauenbewegung, Stadtentwicklung (Verkehr, Brachen, städtische Freiräume, Graffiti, Vergitterung der Stadt), Jugendbewegung (umfassende Dokumentation der Achtziger Bewegung), alternative Jugendmusikkulturen (Techno, Rap, Hip-Hop), Ausländer (Asylpolitik, Demonstrationen) und Wohnen (Häuserbesetzungen, Zaffaraya, Wohnungsnot). Ein Grossteil der Fotografien ist in der Schweiz entstanden, Zentrum von Voglers Wirken war Zürich. Darüber hinaus sind im Archiv aber beispielsweise auch Aufnahmen aus El Salvador oder dem Libanon vorhanden.

Das Fotoarchiv von Gertrud Vogler deckt eine immense Vielfalt von Themen ab, die für das Sozialarchiv im Zentrum seines Sammelauftrags stehen, der Bestand ist damit inhaltlich ein Glücksfall! Quantitativ hat er das Sozialarchiv vor neue Herausforderungen gestellt – noch nie hatten wir es mit solchen Dimensionen zu tun. Zuerst wurde 2013 der Gesamtbestand inventarisiert; seit 2014 werden die Negative digitalisiert, bewertet und in der Datenbank Bild + Ton erschlossen. Mehr als 5’000 Aufnahmen zu den Themen Wohnungsnot, Jugendbewegung, Asylwesen und Ausländer in der Schweiz sind inzwischen bereits online zugänglich. Dank grosszügigen Zuschüssen der Ernst Göhner Stiftung und der Sophie und Karl Binding Stiftung können wir nun im kommenden Jahr die Digitalisierungs- und Erschliessungsarbeit fortsetzen und den Kernbestand von Gertrud Voglers Werk publizieren.

> Bestand in der Datenbank Bild + Ton: F 5107

Neu im Archiv: Alliance Sud – Einsatz für die Länder des Südens

1969 lancierten die Hilfswerke Brot für Brüder (seit 1991 Brot für alle), Fastenopfer und Swissaid gemeinsam eine Informationskampagne zugunsten des vierten Rahmenkredits für die Entwicklungszusammenarbeit des Bundes. Aus dieser Zusammenarbeit entstand 1971 die „Arbeitsgemeinschaft Swissaid/Fastenopfer/Brot für Brüder/Helvetas“, auch Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke genannt. Später traten dann auch die Caritas und das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) der Arbeitsgemeinschaft bei. 2005 erfolgte die Umbenennung in Alliance Sud. Alliance Sud ist heute das wichtigste Sprachrohr für die politischen Anliegen von privaten Entwicklungsorganisationen und nimmt in der Schweiz eine einzigartige Stellung ein.

In den letzten Monaten konnte das Sozialarchiv die historischen Akten von Alliance Sud übernehmen, womit die Bestände in einem Hauptsammelgebiet, der Solidaritätsbewegung, eine bedeutende Erweiterung erfahren haben. Das Archiv von Alliance Sud umfasst ganz unterschiedliche Aktengruppen: Vorhanden sind die Unterlagen der Führungsgremien bis zum Jahr 2005 (Ausschuss 1971-1985, Generalversammlung 1986-1992, Vorstand 1992-2005, Geschäftsleitung 1991/92-2005) und der wichtigen Ausschüsse und Kommissionen (Informationsausschuss 1972-1985, Informationskommission 1985-1991, Bildungskommission, Entwicklungspolitische Kommission 1985-1991, Kommission Entwicklungspolitik und Medien ab 1991). Neben den Gremien sind auch die Dienststellen sehr gut dokumentiert, insbesondere der Informationsdienst 3. Welt (i3w, ab 1988 InfoSud), die Schulstelle Dritte Welt (Service école Tiers-Monde), die in der Beratung und der Lehrerausbildung tätig war und zahlreiche Unterrichtsmaterialien produzierte und vertrieb, sowie die Entwicklungspolitische Koordination der AG (k3w/c3m), die ab 1981 für das eigentliche Lobbying und die Öffentlichkeitsarbeit der AG verantwortlich zeichnete. Der Fachbereich Dokumentation verfügte über Dokumentationsstellen in Bern, Lausanne und bis 1998 in Lugano (seit 2014 InfoDoc).
Das Archiv von Alliance Sud widerspiegelt darüber hinaus das Wirken von Persönlichkeiten, welche die entwicklungspolitische Debatte in der Schweiz wesentlich mitgeprägt haben: Al Imfeld, Bruno Gurtner, Richard Gerster, Christoph Lanz, Lavinia Sommaruga, Nadine Keim oder Peter Niggli. Auch von den Regionalstellen in Lausanne und Lugano sowie von der Entschuldungsstelle, die zwischen 1991 und 2006 im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco) und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Gegenwertfonds des schweizerischen Entschuldungsprogramms begleitete, sind umfangreiche Aktenbestände vorhanden.
Insgesamt beeindruckt das Archiv von Alliance Sud durch die enorme Themenvielfalt: Fairer Handel, Exportrisikogarantie, GATT, WTO, Entschuldung, Bevölkerungsfragen, Wasser, Migration, Menschenrechte, Giftmüll, Klimapolitik, Sozialcharta – das sind nur einige von vielen Themen, zu denen Alliance Sud Kampagnen lanciert, Tagungen durchgeführt, Medienmitteilungen und Aufrufe verfasst hat.

Die Unterlagen werden zurzeit bearbeitet und stehen nach Abschluss der Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten allen Interessierten ohne Benutzungsbeschränkungen zur Verfügung.

Ein Vierteljahrhundert politische Kommunikation von rechts

Die Plakate der Werbeagentur GOAL

Vor rund einem Jahr ist die Werbeagentur GOAL von Dübendorf nach Andelfingen umgezogen. Im Vorfeld kontaktierte uns Alexander Segert und offerierte dem Sozialarchiv das Plakatarchiv der Agentur. GOAL? Segert? – Richtig! Die Werbeagentur, die hauptsächlich für die SVP tätig ist, trennte sich von einem Vierteljahrhundert aufsehenerregender politischer Werbung. Fast 500 Wahl- und Abstimmungsplakate sind nun online (Bestand SozArch F 5123).

1994 lancierte die SVP im Wahlkampf den Slogan „Das haben wir den Linken und den ‚Netten‘ zu verdanken: mehr Kriminalität, mehr Drogen, mehr Angst“. Zusammen mit der schemenhaften Illustration einer dunklen Messerstecher-Gestalt, die eine Frau bedroht, gilt das Plakat als Zäsur in der neueren Geschichte helvetischer Politpropaganda. Die SVP (mit ihrem damaligen Werber Hans-Rudolf Abächerli) lotet seither aus, was im politischen Aushandlungsprozess auf Plakatwänden zulässig ist.

1995 erhielt Alexander Segert von der Werbeagentur GOAL den Auftrag, für die SVP zu werben, und pflegt seither in Abächerlis Fussstapfen einen Propagandastil, der regelmässig für rote Köpfe, volle Leserbriefspalten und „Arena“-Diskussionen sorgt und bisweilen sogar zu Gerichtsprozessen führt. Segert perfektionierte die Methode, mit massiver Komplexitätsreduktion und gezielten Tabubrüchen die bis anhin behäbige politische Diskussionskultur in der Schweiz zu pulverisieren. Die Kampagnen seiner Agentur dominieren die politischen Auseinandersetzungen und erreichen mit ihrer markanten Bildsprache auch noch die hintersten Winkel des Landes.

Noch 1985 hatte Willy Rotzler in seinem Standardwerk zum politischen Plakat („Politische und soziale Plakate in der Schweiz“) notiert: „Gerade das politische Plakat ist ein Gradmesser für die Virulenz des politischen Lebens, für die freie Meinungsäusserung und die Fairness oder Rücksichtslosigkeit in der politischen Auseinandersetzung. Wer in der Schweiz vor wichtigen Wahlen oder Abstimmungen die Plakatlandschaft durchwandert, darf sich über die Lebendigkeit, die Intensität, den Aufwand freuen, womit Volksentscheide vorbereitet werden.“ Segert und die SVP vertrieben die Schweiz gründlich aus dieser politischen Komfortzone. Fortan grapschten dunkle Hände nach dem Schweizerpass (2004) oder Minarette überzogen das Land so dicht wie ein Raketenwald (2009).

Im „Schäfli“-Plakat (2010) schliesslich erreicht die Agenturarbeit einen Höhepunkt ihres Schaffens: formal und farblich perfekt vereinfacht und gezeichnet in einer überall verständlichen Bildsprache braucht es nicht mal mehr einen cleveren Slogan. Die weissen Schafe befördern den schwarzen Artgenossen mit einem Tritt aus dem Gehege: „Ausschaffungsinitiative JA“. Das Plakat war dermassen erfolgreich, dass es im Ausland Nachahmer und Kopisten fand – nicht zur Freude der Agentur, die dagegen rechtliche Schritte unternahm. Und wichtiger noch: Die Kampagne überzeugte das Schweizer Stimmvolk, das der Initiative zustimmte.

Die Motivwahl der SVP ist vielerorts eingehend beschrieben und diskutiert worden. Ob gierige rote Ratten (2004) oder destruktive Raben (2009): Die Botschaft ist immer eindeutig und lässt keinen Interpretationsspielraum offen. Die politisch klare Stossrichtung verbunden mit emotionaler Aufladung und einer Abwertung des gegnerischen Standpunkts sind verantwortlich für die enorme Wirkkraft der Plakate. Sind Menschen im Spiel, handelt es sich um den unsympathischen, südländisch inszenierten Proletentypen Ivan S., der dank leichter Untersicht noch bedrohlicher wirkt (2010) oder um die gefährlich mit den Augen blitzende Frau im Nijab (2009). Die Kampagnen schüren Emotionen, stacheln Ressentiments an und spielen mitunter auch auf der xenophoben Klaviatur. Sie reizen mit ihrer Dreistigkeit regelmässig den Spielraum des gesetzlich Erlaubten aus und legitimieren dies, indem sie sich auf die vox populi und diffuse Ängste in der „Schweizer Bevölkerung“ berufen, die sonst vom politischen Establishment ignoriert würden.

Die Diskussionen, welche die GOAL-Plakate auslösen, sind in der Regel politisch unergiebig. Angesichts der Motivwahl verflüchtigt sich jede inhaltliche Auseinandersetzung über das zur Debatte stehende Thema. Es dominieren Geschmacksfragen und die Debatte, ob dieser Propagandastil auf die Schweizer Plakatwände gehöre. Auffällig ist, dass trotz der durchschlagenden Erfolge der meisten SVP-Kampagnen (wenn auch weniger an der Urne als bei der Dominanz der Debatten im Vorfeld) sich kaum andere Parteien oder Agenturen den an sich einfach zu kopierenden Stil aneignen. Ob Unwillen oder Unfähigkeit dahintersteckt – im Bildgedächtnis der letzten zwei Jahrzehnte blieb kaum ein bürgerliches oder sozialdemokratisches Abstimmungsplakat hängen.

Die GOAL-Plakate ergänzen den Bestand an politischen Plakaten im Sozialarchiv, der seit den 1980er Jahren gepflegt und laufend ergänzt wird. Momentan sind weit über 3‘000 Plakate von 1894 bis in die Gegenwart digitalisiert und erschlossen. Sie stammen von politischen Parteien jeder Couleur, aber natürlich auch von sozialen Bewegungen, Interessengruppen und Verbänden.

Ostschweizerisches Bettagsturnier in Uster. Bettag, den 19. Sept. [19]37.
Ostschweizerisches Bettagsturnier in Uster. Bettag, den 19. Sept. [19]37.

Neu im Archiv: Das Archiv des Schweizerischen Arbeiterschachbundes SASB

In den letzten Monaten konnte das Sozialarchiv wieder eine ganze Reihe interessanter Archivbestände und Nachlässe übernehmen. Erwähnt seien hier beispielsweise das Archiv von Pro Audito Zürich (ehemals: Schwerhörigen-Verein Zürich), der Nachlass von Karl Hofmaier (1897-1988), eine Dokumentation zur Geschichte der Lebensreform von Peter F. Kopp oder das umfangreiche Archiv von Alliance Sud, der wichtigsten Sprecherin für die politischen Anliegen privater Entwicklungsorganisationen (Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Caritas, Helvetas, Heks). Ein weiterer Neuzugang, das Archiv des Schweizerischen Arbeiterschachbundes, soll im Folgenden etwas näher vorgestellt werden.

Die Ursprünge der Arbeiterschachbewegung der Schweiz lagen in Zürich, das mit seinem hohen Ausländeranteil, vorwiegend Deutsche, wesentliche Anregungen aus der europäischen Szene erhielt. 1900 wurde hier der erste Arbeiterschachverein gegründet, der unter dem Namen ASK International die Wirren des Ersten Weltkriegs überstand. 1920 bestanden unabhängige Sektionen in Basel, Bern und Winterthur. Diese Vereine schlossen sich 1922 in Olten zum Schweizerischen Arbeiterschachbund SASB zusammen. Ab 1930 gab der SASB eine eigene Verbandszeitung heraus: die Schweizerische Arbeiter-Schachzeitung (ab 1983: Schweizer Schach-Magazin). Die Mitgliedervereine des SASB sahen sich stets als ein Hort der Kameradschaft, aber auch der Solidarität. Hier wurde nicht nur Schach gespielt, sondern die Mitglieder halfen sich, wo es ging, auch finanziell aus oder vermittelten einander Stellen.

Wie die anderen Arbeitersport- und -kultur-Organisationen machte auch der SASB in der Zwischenkriegszeit und vor allem nach 1945 eine recht stürmische Entwicklung durch. An den Delegiertenversammlungen wurde über Richtungsfragen heftig diskutiert. Tendenziell nahm die politische (sozialdemokratische) Ausrichtung kontinuierlich ab, und an die Stelle der schachspielenden Arbeiter traten nun die Angestellten. In den Statuten von 1981 wurde dann erstmals auf jede politische Positionierung verzichtet. Schliesslich kam es 1995 nach längeren Diskussionen zur Fusion mit dem SSV zum Schweizerischen Schachbund.

Das Archiv des SASB enthält Gremienprotokolle, Jahresberichte, Korrespondenzen und weitere Akten. Sehr gut dokumentiert sind der Spielbetrieb und das Umfeld der Schweizer Arbeitersportorganisationen. Einzelne Regionalverbände und Sektionen sind mit Teilbeständen vertreten. Das Archiv des SASB wird zurzeit bearbeitet und kann unter der Signatur SozArch Ar 603 ohne Benutzungsbeschränkungen eingesehen werden.

Bild + Ton: Karl Greull und Elsi Zulauf-Isenschmid

Eine bewegte Biografie zwischen Zürich, Bogotà und Morcote

Vor einiger Zeit erhielt das Sozialarchiv ein Paket mit Filmen von Karl Greull (1909-1984). Seine Tochter hatte die Rollen beim Aufräumen entdeckt. Ihr Vater war ganz offensichtlich ein leidenschaftlicher Filmer, der bei jeder Gelegenheit seine Kamera dabei hatte. Die Aufnahmen geben Einblicke in ein bewegtes Leben, auch wenn von Greulls eigener Biografie nur wenige Details bekannt sind. Zum Glück verfasste seine erste Ehefrau, Elsi Isenschmid (1916-1998), wenige Jahre vor ihrem Tod einen Lebensbericht, den sie, als langjähriges Mitglied der Wandervogel-Bewegung, an einem Veteranentreffen vortrug. Die Filme von Karl Greull sind im Jahrzehnt nach 1938 entstanden und zeigen das junge Paar in Zürich, auf der Atlantiküberfahrt in ihre neue Heimat und als Emigrierte in Bogotà.

Im Sommer 1938 reist der Sudetendeutsche Karl Greull aus Prag nach Zürich, um an einem musikpädagogischen Kongress teilzunehmen. Während der Kongress tagt, wird klar, dass Greull, der Sekretär der sozialistischen Partei in Prag ist, nicht zurückkehren kann. Die Sudentenkrise und der drohende militärische Einmarsch Deutschlands in seine Heimat veranlassen Greull, vorerst in Zürich zu bleiben. Hier lernt er schon bald Elsi Isenschmid kennen. Die Lehrerin hat soeben ihre Ausbildung abgeschlossen und verliebt sich in den gutaussehenden Karl. Das gemeinsame Leben erfährt anfangs 1940 einen jähen Unterbruch: Greull wird ins Flüchtlingslager in Gordola eingewiesen. Dort erledigen die Insassen unter anderem Meliorationsarbeiten in der Magadino-Ebene. Die zivile Massenunterkunft ist ein Sonderlager für Kommunisten, die man hier abseits städtischer Zentren bei harter körperlicher Arbeit von politischer Agitation abhalten will. Die Kontakte zwischen Elsi und Karl beschränken sich auf sporadische Besuche im Tessin. Die beiden beschliessen auszuwandern, weil sie für sich im kriegsumtosten Europa keine Zukunft sehen und sich Elsi mit ihrer Mutter (der Vater ist kurz zuvor gestorben) wegen der Liaison mit dem Flüchtling überwirft.

Endlich, Ende 1941, können sie die Ausreise in Angriff nehmen. Beim kolumbianischen Konsul in Genf erhalten sie das Visum für Bogotà, trotz der fehlenden Heiratsurkunde. Zudem ist die kolumbianische Hauptstadt nicht ihre Wunschdestination. Elsi Zulauf schreibt in ihren Lebenserinnerungen, dass sie das Land zuerst auf der Karte suchen mussten. Die Reise beginnt im November 1941 und führt die beiden mit dem Zug bis nach Barcelona. Wegen permanenter Schikanen des franquistischen Militärs reisen sie per Schiff bis nach Cadiz weiter. Dort wartet die «Cabo de Buena Esperanza», ein abgewracktes Schiff, auf Flüchtlinge aus ganz Europa. Offenbar galten schon damals die rücksichtlosen Gesetze des Schleppertums, das Notsituationen schamlos ausnützt: «Die spanische Reederei hatte gemerkt, dass die Flüchtlinge aus den vom Nazismus beherrschten Ländern fast jeden Preis für einen Schiffsplatz nach Südamerika bezahlten. Damit konnte noch ein nettes Geschäft gemacht werden.»  Schliesslich befinden sich anstelle der üblichen 600 fast 2’000 Passagiere an Bord. Die Laderäume werden zu Massenlagern umfunktioniert, in denen je 70 Leute auf engstem Raum zusammengepfercht die Überfahrt in Angriff nehmen.

Nach einem Zwischenhalt in Trinidad (unmittelbar nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour und dem Kriegseintritt der USA) erreicht das Schiff am 8. Dezember 1941 den venezolanischen Hafen La Guayra. Von dort setzt das Paar zusammen mit anderen Flüchtlingen die Reise auf dem Landweg fort: eine abenteuerliche Busfahrt über mehr als 2’000 km. Am 1. Weihnachtstag 1941 erreichen sie Bogotà. Damit beginnt der Neuaufbau einer Existenz. Nach anfänglicher bitterer Armut gelingt ihnen jedoch schon bald der Aufstieg in den Mittelstand. Beide machen sich in kurzer Zeit mit der spanischen Sprache vertraut und verdienen ihr Auskommen unter anderem mit Unterrichten. 1943 kommt ihre Tochter Gerda zur Welt, drei Jahre später folgt Sohn Carlos. Zu diesem Zeitpunkt wohnt die Familie bereits in einem eigenen Haus und hat die Integration geschafft: «Man gehörte zur guten Bogotanergesellschaft, ganz einfach, weil man weiss war und lesen und schreiben konnte.» Dies zu akzeptieren und damit umzugehen fiel der «Tochter des Sozialisten Adolf Isenschmid» nicht leicht.

1952 kehrt Elsi für einen Urlaub mit ihren Kindern in die Schweiz zurück. Sofort akklimatisiert sie sich in den heimischen Gefilden: «Fast wäre ich nicht wieder zu Ehemann und Hauswesen zurückgekehrt. Denn auch in der Ehe kriselte es mächtig. Unsere Ehe war eine Ehe für den gemeinsamen Kampf und Aufbau gewesen; Wohlstand und Gleichförmigkeit vertrug sie nicht.» Auch Karl versucht, wieder in Europa Fuss zu fassen, er scheitert aber und kehrt mit einer neuen Partnerin nach Südamerika zurück. Die Ehe wird geschieden, und Elsi baut sich mit den Kindern in Zürich abermals eine neue Existenz auf. Sie kann sich wieder einbürgern lassen, versöhnt sich mit ihrer Familie und verdient als Lehrerin den Unterhalt.

Nachdem die Kinder ausgezogen waren, begann auch für Elsi eine neue Lebensphase. Mit ihrem neuen Partner, dem Maler Hans Rudolf Zulauf (1905-1976), zieht sie ins Tessin. Dort betreiben sie eine Galerie, Elsi baut einen regionalen Informationsdienst für Touristen auf. Sie wird zudem Begründerin des ersten Tessiner Frauenturnvereins. «Jahrelang leitete ich ihn dann auch und erlebte dabei ein Stück Tessiner Frauen-Emanzipation. Turnen war ja dort eine absolute Novität.» Nach dem Tod von Hans Rudolf Zulauf verkauft sie das Haus und zieht nach Zürich zurück. Sie arbeitet noch während Jahren als Deutschlehrerin für Ausländer.

Die Highlights aus dem Filmbestand von Karl Greull:

Eine kleine Sensation sind Greulls Aufnahmen aus dem Internierungslager in Gordola (SozArch F 9052-003). Er filmt dort die Unterkünfte und Baracken in der Nähe der Geleise, die Flüchtlinge bei Arbeiten im Garten und wie sich die Internierten mit Schubkarren und Schaufeln auf den Weg zu ihrem Arbeitseinsatz machen. Grundsätzlich war es verboten, in den Lagern zu filmen. Gordola galt aber als eines der Lager mit liberalem Regime: Elsi Zulauf erinnert sich, dass ihr Mann vom Lagerleiter jeweils die Erlaubnis erhielt, in der nahegelegenen Kirche Orgel zu üben.
Der Film Unsere Reise 1941, 12. Nov. bis 22. Dez. 1941 (SozArch F 9052-001) zeigt die Überfahrt von Cadiz nach Südamerika im Winter 1941. Elsi Zulauf ist die blonde junge Frau mit runder Nickelbrille. Der Film dokumentiert die Anreise bis Cadiz (mit einem Abstecher nach Lissabon), die Schiffüberfahrt und den Transfer nach Bogotà.
Die Filmfragmente aus Bogotà (SozArch F 9052-002) widmen sich vor allem dem gesellschaftlichen Leben im Exil. Interessant sind dabei die Aufnahmen, die dem Zwischentitel «Arendt» folgen: Haben sich die Greulls tatsächlich mit Hannah Arendt getroffen? Die Ähnlichkeit ist jedenfalls verblüffend.

Ursprünglich müssen wesentlich mehr als die zwei Originalfilmrollen vorhanden gewesen sein, die nun den Weg ins Sozialarchiv gefunden haben. Die Tochter von Karl Greull und Elsi Isenschmid-Zulauf liess die Filme in einem unbekannten Labor digitalisieren – leider gingen bei diesem Vorgang auch mehrere Rollen verloren.

Zimmer in der Jugendherberge Crocifisso in Lugano, um 1960 (F 5500-AK08-117)
Zimmer in der Jugendherberge Crocifisso in Lugano, um 1960 (F 5500-AK08-117)

Vier Jahrzehnte Schweizer Alltag im Bild: Die Fotos von Hermann Freytag

Seit Jahrzehnten schlummerte ein ungehobener Schatz im Magazin des Sozialarchivs: das Lebenswerk des Zürcher Fotografen Hermann Freytag (1908-1972), in Holzkisten und Kartonschachteln verpackt. Nun ist der Hauptteil digitalisiert und online zugänglich – ein Panoptikum von fast 40 Jahren Schweizer Alltag.

Hermann Freytag trat nach einer Gärtnerlehre und der Rekrutenschule der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei, der er während Jahrzehnten, zuerst als einfaches Mitglied, später als Leiter, treu blieb. In den späten 1930er Jahren orientierte er sich beruflich neu: Er machte sein Hobby, das Fotografieren, zu seinem Haupterwerb, dem er bis zu seinem überraschenden Tod 1972 nachging. Freytag arbeitete als Auftragsfotograf für viele Organisationen der Arbeiterbewegung, für das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (heute: SolidarSuisse), für verschiedenen Gewerkschaften, für die Roten Falken und für die Sozialdemokratische Partei. Seine Fotos erschienen regelmässig in der Gewerkschafts- und Parteipresse, aber auch in Meyers Modeblatt, für das er lange Jahre Fotoreporter war.
Nach Freytags Tod gelangten grosse Teile seines Werkarchivs ins Sozialarchiv, insbesondere sein umfangreiches Negativarchiv und die Kontaktkopien. Letztere sind nun digitalisiert und erschlossen. Freytag hat sein Werk auf über 2‘000 Kontaktbögen thematisch geordnet; jeder dieser Bögen enthält bis zu 16 kleinformatige Schwarz-Weiss-Aufnahmen, eine Art "Best-of" nach den Kriterien des Fotografen. Thematisch liegen seine Schwerpunkte bei der Dokumentierung der Tätigkeiten von Arbeiterorganisationen und Jugendverbänden sowie bei allgegenwärtigen Alltagsphänomenen (Verkehr, Bauten, Infrastruktur, Menschen bei der Arbeit etc.). Freytag hatte seine Kamera aber offenbar auch in seiner Freizeit oft mit dabei und fotografierte beim Wandern und beim Reisen beiläufig, wie sich die Schweiz in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte.
Einige hundert Papierabzüge, die Freytag für seine Auftraggeber angefertigt hat, sind im Lauf der Zeit im Rahmen diverser Archivablieferungen im Sozialarchiv gelandet. Weitere Abzüge sind zudem beim Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) zu finden, wo sie vom ehemaligen Zürcher Volkskundeprofessor Paul Hugger zusammengetragen wurden.
Die Kontaktkopien konnten dank Freytags exakter Arbeitsweise und den Verweisen auf die Negative ziemlich genau datiert werden. Die Scans eignen sich, um eine Vorauswahl zu treffen. Bei Bedarf kann in fast jedem Fall auf ein qualitativ hochwertiges Mittelformat-Negativ zurückgegriffen werden. Die Benutzung ist online möglich via Datenbank Bild + Ton. (Da die Ansicht der Kontaktbögen mit den aktuellen Darstellungsmöglichkeiten der Datenbank eingeschränkt ist, kann bei Bedarf auch auf die Originalscans zurückgegriffen werden, die am Bildschirm eine bequeme Recherche ermöglichen.)

Pensionärinnen spielen Tisch-Croquet im Neuen Töchterheim Zürich, um 1920
Pensionärinnen spielen Tisch-Croquet im Neuen Töchterheim Zürich, um 1920

Neu online in der Datenbank Bild + Ton:

 

 

 

 

 

 

Fotobestand Verein «Freundinnen junger Mädchen»/COMPAGNA Zürich:

Besonders hervorzuheben sind die schönen Glasdias und -negative aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie zeigen das Leben in den vom Verein betriebenen Töchterheimen und Unterkünften, die Beschäftigungen der jungen Frauen in Haushaltung und Küche sowie das gesellige Beisammensein. Ebenfalls vorhanden ist eine reichhaltige Sammlung von Broschen und Erkennungszeichen, mit welchen die «Freundinnen» sich an Bahnhöfen und anderen einschlägigen Ankunftsorten in der Stadt zu erkennen gaben.
> Bestand: SozArch F 5134

Fotobestand Genossenschaft Frauenbuchladen Zürich:

Kleiner Fotobestand aus der Zeit nach dem Umzug des Frauenbuchladens Zürich an die Gerechtigkeitsgasse 1987. Der Frauenbuchladen Zürich war eine Spezialbuchhandlung für Frauenliteratur und verstand sich als Teil der Infrastruktur der Frauenbewegung zur Förderung der Begegnung und zur Stärkung der Solidarität unter Frauen.
> Bestand: SozArch F 5125

Filmbestand Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung der Schweiz (KAB):

Der Bestand enthält sechs Filme aus den 1950er und 1960er Jahren. Prominent vertreten sind die Treffen der KAJ/CAJ im In- und Ausland. Diese Anlässe der katholischen Arbeiterjugend verbanden religiöse Zeremonien mit geselligen Anlässen und dem Austausch mit Gleichgesinnten über Landesgrenzen hinweg. Interessant ist auch der Porträtfilm über die Dachorganisation der katholischen Arbeiterbewegung Belgiens MOC/ACW (Mouvement Ouvrier Chrétien/Algemene Christelijke Werkersverbond), in dem die weitreichenden Dienstleistungen dieser Bewegung geschildert werden.
> Bestand: SozArch F 9016

Plakat von Max Bill für Amnesty International im Rahmen der Kampagne «Prisoners of Conscience Year 1977», 1977 (Signatur: Sozarch_F_Pd-0618)
Plakat von Max Bill für Amnesty International im Rahmen der Kampagne "Prisoners of Conscience Year 1977", 1977 (Signatur: Sozarch_F_Pd-0618)

Bild + Ton: Plakate von Amnesty International Schweiz

Plakate sind seit der Gründung 1961 ein wichtiges Kommunikationsmittel in der Öffentlichkeitsarbeit von Amnesty International. Das Schweizerische Sozialarchiv hat mit dem Archiv auch die Plakatsammlung der Schweizer Sektion von Amnesty International übernommen. Die Sammlung umfasst zahlreiche Plakate unterschiedlicher Formate.

Der Schwerpunkt der Plakate liegt klar auf den Kampagnen der Schweizer Sektion von Amnesty International. Diese betreffen Themen wie die Menschenrechte, die Rechte der Frau, Folter, die Todesstrafe, Gewissensgefangene, gewaltsames Verschwinden von Andersdenkenden, politischen Mord, politische Gewalt, Kriegsverbrechen, Waffenhandel, Flüchtlinge, Sklaverei und Schutz von Minderheiten. Dabei werden Missstände in den unterschiedlichsten Ländern aller Kontinente angeprangert. Einzelne Plakate kündigen zudem Veranstaltungen der Schweizer Sektion an oder werben neue Mitglieder an.

Bei der überwiegenden Zahl der Plakate bedient sich die visuelle Gestaltung der Mittel der Fotografie, Grafik und/oder Zeichnung. Die Fotografien zeigen dabei oft Kriegs- oder andere Gewaltschauplätze. Nicht selten werden Abbildungen von Gewissensgefangenen oder anderen Opfern politischer Gewalt verwendet. Einige Plakate setzen neben den bildlichen Gestaltungsmitteln zusätzlich erklärende Textelemente ein, und vereinzelt wird die Botschaft ausschliesslich mit Text vermittelt.

Unter den Plakaten finden sich auch Exemplare, die von bekannten Künstlern wie Pablo Picasso oder Max Bill für Amnesty International im Rahmen von speziellen Kampagnen wie zum Beispiel  das "Prisoners of Conscience Year 1977" gestaltet wurden.

Erkennungszeichen der «Freundinnen junger Mädchen»
Erkennungszeichen der "Freundinnen junger Mädchen"

Neu im Archiv: Im Kampf gegen den Mädchenhandel

Der Verein "Freundinnen junger Mädchen"/COMPAGNA Zürich

Industrialisierung und Landflucht führten im ausgehenden 19. Jahrhundert dazu, dass junge Frauen in Scharen in die Städte strömten. Sie suchten als Dienstmädchen, Gouvernanten, Verkäuferinnen oder Fabrikarbeiterinnen ein Auskommen. Ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse waren häufig sehr prekär. Viele von ihnen landeten aus unmittelbarer Not oder in der Hoffnung auf höheren Verdienst und ein leichteres Leben, nicht selten aber auch gezwungen von Mädchenhändlern oder Kneipenwirten, in den Bordellen oder in der Strassenprostitution. Dieses neue gesellschaftliche Phänomen führte dazu, dass in allen grösseren Schweizer Städten Sittlichkeitsvereine wie Pilze aus dem Boden schossen.

Zu den zahlreichen Neugründungen gehört auch der Internationale Verein der "Freundinnen junger Mädchen" (FjM), der 1877 in Genf gegründet wurde. Die Gründung erfolgte unmittelbar im Anschluss an den ersten Kongress der Internationalen Abolitionistischen Föderation, der eben in Genf stattgefunden und Fragen der öffentlichen Moral und Sittlichkeit verhandelt hatte. Auf diesem Kongress waren die Teilnehmer mit den Schicksalen "beklagenswerte(r), jammervolle(r) Opfer eines organisierten, raffiniert operierenden, internationalen Handels" konfrontiert worden, "welcher auf Bahnhöfen, in Eisenbahnzügen, auf Dampfbooten, sowie durch schlimme Stellenvermittlungen, trügerische Inserate usw. seine verhängnisvollen Netze auswirft und für welchen Herr Pfarrer Th. Borel in Genf zum erstenmal das Wort Traite des Blanches, Mädchenhandel, prägte." [Schweizerischer Zweig des Internat. Vereins der Freundinnen junger Mädchen. Erster Gesamtbericht 1886-1916, 1916, S. 5]. 1886 wurde der Schweizer Zweig der Freundinnen junger Mädchen gegründet und bis 1916 entstanden 22 Kantonal-Komitees, darunter 1887 die Zürcher Sektion. Ein siebenzackiger Stern im Schild des Heiligen Michael und die Buchstaben A und F für "Amie" (Freundin) und "Fille" (Mädchen) wird das Erkennungszeichen der "Freundinnen".

Das Sozialarchiv kann nun das historische Archiv der Zürcher Sektion der Freundinnen junger Mädchen (seit 1999: COMPAGNA Zürich) übernehmen. Der Archivbestand dokumentiert die praktische Arbeit im präventiven Schutz vor den Gefahren der Prostitution, beispielsweise die Betreuung junger Frauen bei der Ankunft in der Stadt im Rahmen der sogenannten Bahnhofhilfe, die Unterstützung bei der Stellenvermittlung oder das Angebot preisgünstiger Unterkünfte im Marthahaus an der Zähringerstrasse. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam dann die Vermittlung von Aupair-Stellen hinzu, und mit der Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wandelte sich auch die traditionelle Bahnhofhilfe, die immer mehr auch fremde, ältere oder allgemein unsicher wirkende Personen unterstützte. Speziell hervorzuheben ist der umfangreiche Bestand an Fotodokumenten und Objekten, der bis in die Anfänge der Zürcher Sektion zurückreicht.

Das Archiv von COMPAGNA Zürich (Freundinnen junger Mädchen, Sektion Zürich) wird in den nächsten Wochen geordnet und verzeichnet und steht für die wissenschaftliche Forschung ab Anfang 2016 zur Verfügung (SozArch Ar 591).