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Fritz Platten bürgte im März 1916 für den Benutzer Ulianoff (SozArch Ar 199.10.1)
Fritz Platten bürgte im März 1916 für den Benutzer Ulianoff (SozArch Ar 199.10.1)

Vor 100 Jahren: Lenin im Sozialarchiv

Bereits der vierte Jahresbericht der „Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz“, dem heutigen Sozialarchiv, vermerkte 1910 „eine Anzahl ausländischer Gäste aus der Schweiz, Deutschland, Schweden, Russland, Amerika, England und Norwegen. Die Gäste haben sich für unser Institut warm interessiert und manche Aufschlüsse über den Stand der sozialen Bewegung in der Schweiz gefunden.“ Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs liess dann die Zahl der Ausländer unter den Benutzenden markant ansteigen. So vermerkte der Jahresbericht 1914: „Der Einfluss des Krieges auf die Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz zeigte sich in erster Linie dadurch an, dass manche Bibliotheksbesucher zum Militärdienst einrückten […]. Es vergingen aber kaum acht Wochen, so kam Ersatz heran, Fremde aus verschiedenen Ländern, die das neutrale Schweizerland aufsuchten, um sich in aller Ruhe Studien oder schriftstellerischen Arbeiten hinzugeben.“

Ein heute sorgsam in einem Safe aufbewahrter Ausleihschein für den Band 21/2 von 1902/03 der sozialdemokratischen Theoriezeitschrift Neue Zeit gibt genaueren Aufschluss über einige dieser ausländischen Gäste. Neben dem niederländischen Sozialistenführer Pieter Jelles Troelstra, der den Band 1914 und 1919 gleich zwei Mal entlieh, hatte sich eine Reihe russischer Benutzer für das SPD-Periodikum interessiert: ein gewisser Bronstein, später besser bekannt unter dem Namen Trockij, der Bolschewist G.[eorg] Safaroff, der 1917 im Zug mit Lenin nach Russland zurückkehren sollte, James Reich, 1917/18 dann Mitglied der offiziösen Sowjetmission in Bern und Leiter der Agentur „Russische Nachrichten“, und schliesslich auch „Ulianow Wladimir“, der den Band im März 1917 benutzte, wenige Tage, bevor er von Zürich abreiste und unter dem Namen Lenin Weltgeschichte schreiben sollte. Der Ausleihschein, der in den vierziger Jahren gestohlen und vom Sozialarchiv aus einem Antiquariat zurückerworben werden sollte, belegt die starke Präsenz von Grössen der internationalen sozialistischen Bewegung, viele von ihnen Exilanten.

Der berühmteste von ihnen, Lenin, war im Sommer 1914 in Galizien vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht worden, galt nun dort aufgrund des Kriegszustands zwischen Russland und Österreich-Ungarn plötzlich als feindlicher Ausländer und wurde von den österreichischen Behörden vorübergehend verhaftet. Auf Vermittlung zweier Abgeordneter des österreichischen Reichsrats, die den zukünftigen Revolutionsführer als überzeugten Gegner des zaristischen Russlands bezeichneten, erhielt er schliesslich die Genehmigung, in einen neutralen Drittstaat auszureisen. Trotz seines Status als Sans-Papier durfte Lenin zusammen mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter die Schweizer Grenze überschreiten. Vom September 1914 an hielt er sich in Bern auf, vom Februar 1916 bis April 1917 dann in Zürich, wo er an der Spiegelgasse 14 hauste. Im September 1915 nahm er an der Zimmerwalder Konferenz teil, im April 1916 an der Nachfolgekonferenz in Kiental.

Bereits kurz nach der Ankunft in Bern schrieben sich Lenin und seine Frau Nadežda Krupskaja bei der Schweizerischen Landesbibliothek als Benutzer ein, wobei Lenin als Beruf „Schriftsteller“ angab. Auch die Stadt- und Universitätsbibliothek wurde vom revolutionären Ehepaar mit Besuchen beehrt. Ende Dezember 1914 schrieb Lenin an seine Schwester, die Bibliotheken im „verschlafenen Bern“ seien „gut, und was die Benutzung der Bücher anbelangt, hat sich alles ganz gut geregelt“.  Auch Krupskaja lobte später in ihren Memoiren ausdrücklich die „zahlreiche[n] gute[n] Bibliotheken“ der Stadt Bern.

Anfang Juni 1915 übersiedelten Lenin und Krupskaja vorübergehend nach Sörenberg, nachdem die Ärzte Krupskaja zur Erholung von ihrer Schilddrüsen- und Augenerkrankung einen Aufenthalt in den Bergen empfohlen hatten. Auch hier mussten die beiden nicht auf die Annehmlichkeiten des Schweizer Bibliothekssystems verzichten. Krupskaja erwähnte in ihren Memoiren, dass viele Jahrzehnte vor der Ära von Ausleihverbünden die bibliothekarische Versorgung bis in die kleinsten Dörfer der Schweiz gewährleistet war: „Die Post funktionierte mit schweizerischer Pünktlichkeit. Sogar in einem entlegenen Gebirgsdörfchen wie Sorenberg [sic] konnte man kostenlos jedes gewünschte Buch aus den Berner und Zürcher Bibliotheken erhalten. Man schreibt einfach an die betreffende Bibliothek eine Postkarte mit seiner Adresse und der Bitte um Uebersendung dieses oder jenes Buches. Niemand stellt Fragen, fordert Bescheinigungen oder Bürgschaften – gerade im Gegensatz zu dem fürchterlichen Bürokratismus in Frankreich. Nach zwei Tagen erhält man das in einer Kartonmappe verpackte Buch; an einem Bindfaden hängt eine Karte heraus, auf deren einer Seite die Adresse des Empfängers und auf der anderen Seite die Adresse der Bibliothek, der das Buch entstammt, vermerkt steht. Dadurch besass man die Möglichkeit, in den kleinsten und abgelegensten Orten zu arbeiten.“

Die Übersiedlung Lenins und Krupskajas nach Zürich im Februar 1916 war dann wesentlich dadurch motiviert, dass Lenin in den Zürcher Bibliotheken schneller auf das Material für seine eben begonnene Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus zugreifen zu können hoffte als in Bern. Zunächst war lediglich ein kürzerer Aufenthalt geplant; am 20. Februar schrieb Lenin an seine Schwester: „Nadja und mit gefällt es in Zürich sehr; hier gibt es gut eingerichtete Bibliotheken; wir werden noch einige Wochen bleiben, […].“ Am Vortag hatte er gegen eine Realkaution von 20 Franken die Bewilligung zu „eingeschränkter Benutzung“ der Zentralbibliothek Zürich erhalten. Die Qualität der Zürcher Bibliotheken überzeugte das revolutionäre Ehepaar so sehr, dass sie bald einen längeren Aufenthalt ins Auge fassten. Am 12. März 1916 schrieb Lenin an seine Mutter: „[…] die Bibliotheken sind viel besser als in Bern, so dass wir wohl noch länger bleiben, als wir vorhatten.“

Am 22. März schrieb er sich auch bei der Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz als Benutzer Nr. 4585 ein, wobei er dieses Mal als Beruf „Journalist“ angab. Als Bürge unterschrieb Fritz Platten, ein wichtiger Exponent des linken Flügels der Schweizer Sozialdemokratie. Platten sollte im Folgejahr eine wesentliche Rolle bei der Organisation von Lenins Rückfahrt nach Russland spielen, Lenin im Januar 1918 bei einem Attentatsversuch das Leben retten und nach dem Krieg Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei der Schweiz werden. 1923 löste er Moskau einfach und emigrierte in die Sowjetunion, wo er in den 30er Jahren in den Strudel der stalinistischen Säuberungen geriet und 1942 erschossen wurde. Sein Sohn Fritz Nikolaj arbeitete dann von 1967 bis 1984 als Bibliothekar und Dokumentalist im Sozialarchiv.

Lenin nutzte zwischen März 1916 und März 1917 die Bestände der Zentralstelle für soziale Literatur intensiv. Der damalige Vorsteher Sigfried Bloch erinnerte sich später an den berühmten Benutzer: „Lenin hielt sich im Lesesaal der Zentralstelle für soziale Literatur täglich vier Stunden auf. Nachmittags und vormittags je zwei. Er studierte die internationale Literatur mit Vorliebe, und war eifrig bemüht, sich auch in die schweizerischen sozialistischen Geisteserzeugnisse einzuarbeiten. Auf letzterem Gebiet zog er es vor, das Quellenmaterial der proletarischen Sekretariate durchzuarbeiten. Aber er studierte hier nur, um zu bestimmten wissenschaftlichen und politischen Fragen Stellung zu nehmen.“ Als er sich im Spätsommer 1916 für zwei Monate in Flums aufhielt, machte Lenin erneut von der postalischen Ausleihe Gebrauch. Davon zeugt eine Postkarte vom 23. August, mit der er bei der Zentralstelle die Ausleihe der Marx-Engels-Briefe verlängern liess. Am 13. Dezember 1916 wurde Lenin schliesslich auch noch ordentliches Mitglied der Zürcher Museumsgesellschaft, deren Lesesaal er in der Endphase seines Aufenthalts in Zürich ebenfalls rege benutzte.

Es ist also kein Zufall, dass Lenin die Kunde vom Ausbruch der russischen Februarrevolution just in einem Moment erreichte, als er gerade im Begriff war, in die Bibliothek zu gehen. An seiner Abschiedsfeier bei der Abreise nach Russland am 9. April 1917 im Restaurant Zähringerhof war auch der Vorsteher der Zentralstelle für soziale Literatur zugegen. Er verabschiedete sich vom eifrigen Benutzer seiner Bibliothek per Handschlag: „Als mir Lenin beim Abschied die Hand drückte, gab ich der Hoffnung Ausdruck, ihn bald wieder bei uns zu sehen. Er bemerkte: ‚Das wäre kein gutes politisches Zeichen.'“  Trotz des freundlichen Verhältnisses zu Lenin während dessen Zürcher Zeit sollte Sigfried Bloch nach dem Krieg bei der Spaltung der Schweizer Arbeiterbewegung in der Sozialdemokratie verbleiben, während seine Gemahlin, die bedeutende Frauenrechtlerin Rosa Bloch-Bollag, in die Kommunistische Partei übertrat.

Lenins Bewunderung für das schweizerische Bibliothekswesen kontrastierte scharf mit seiner Geringschätzung des politischen Systems seines Gastlandes, von dessen Qualitäten ihn auch prominente Schweizer Sozialdemokraten wie Ernst Nobs nicht zu überzeugen vermochten. Kurz nach der Oktoberrevolution unterband die neue Sowjetregierung alle demokratischen Regungen, hingegen floss das Vorbild des helvetischen Bibliothekssystems in ihre bildungspolitische Programmatik ein. Bereits im November 1917 forderte Lenin in der Schrift Über die Aufgaben der öffentlichen Bibliothek in Petrograd die Einrichtung eines unentgeltlichen Fernleihverkehrs innerhalb Russlands und mit dem Ausland, die Ausdehnung der Öffnungszeiten auf 15 Stunden täglich während sieben Tagen in der Woche sowie zusätzliche Bibliotheksangestellte. Er begründete diese Forderungen damit, dass das Bibliothekswesen in Petrograd „unter aller Kritik“ sei und man nun zu Prinzipien übergehen müsse, „die in den freien Staaten des Westens, besonders der Schweiz und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, längst verwirklicht sind“.  Im Juni 1918 erteilte die revolutionäre Regierung dann dem Kommissariat für Volksbildung einen Verweis, da es sich ungenügend um das Bibliothekswesen kümmere, und beauftragte das Kommissariat, „unverzüglich energische Massnahmen zu ergreifen, um 1. das Bibliothekswesen in Russland zu zentralisieren, 2. das schweizerisch-amerikanische System einzuführen“.

Lenins Wertschätzung der schweizerischen Bibliotheken hatte zur Folge, dass die Schweizerische Landesbibliothek in der Zwischenkriegszeit verschiedentlich Anfragen des Moskauer Instituts für Bibliothekkunde zu verschiedenen Aspekten des Bibliothekswesens erhielt – dies zu einem Zeitpunkt, als die Schweiz und die Sowjetunion keine diplomatischen Beziehungen unterhielten. Die Vorstellungen des Revolutionsführers von einem gesamtsowjetischen Bibliothekssystem verwirklichten sich erst lange nach seinem Tod im Jahre 1924. Bis zur Mitte des 20. Jahrhundert verfünffachte sich die Zahl der Bibliotheken in der Sowjetunion auf 390‘000. Die Expansion des Bibliothekswesens war jeweils Teil der volkswirtschaftlichen Fünfjahrespläne.

Die Ausdehnung des von Lenin geschaffenen Sowjetsystems über weite Teile Ostmitteleuropas führte nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer neuen Welle exilierter Benutzerinnen und Benutzer im Sozialarchiv. Nun fanden sich im Lesesaal nicht mehr kommunistische Revolutionäre, sondern Flüchtlinge und Dissidenten aus dem kommunistischen Machtbereich, etwa aus Rumänien, Polen, dem Baltikum und Ungarn. Im Jahr 1968 übernahm dann mit Miroslav Tuček, der während der Prager Schauprozesse der frühen 50er Jahre seine Laufbahn in der tschechoslowakischen Diplomatie beendet und in der Schweiz Asyl erhalten hatte, sogar ein Exilant aus dem Ostblock die Leitung des Sozialarchivs. In den 70er Jahren benutzte der aus der Sowjetunion abgeschobene Literaturnobelpreisträger Aleksandr Solženicyn das Sozialarchiv. Er war dabei auf den Spuren eines früheren prominenten Benutzers, sammelte er doch Material für sein Buch über Lenins Zeit in Zürich.

Material zum Thema im Sozialarchiv


Archiv

  • Ar 199.10.1Briefsammlung des Schweizerischen Sozialarchivs, Briefe A – L

Dokumentation

  • ZA 04.9 Biografien: einzelne Personen: Lenin
  • ZA 10.4 *1 Bibliotheken: Schweizerisches Sozialarchiv

Bibliothek

  • B306: 3+4 Bloch, Sigfried: Erinnerungen an Lenin. 2. verb. Aufl. Zürich 1924.
  • 132632 Chuzeville, Julien: Zimmerwald: L’Internationalisme contre la Première Guerre Mondiale. Paris 2015.
  • N 295 Clavel, Jean-Pierre und Olivier Pavillon: Lénine et les bibliothèques suisses, in: Nachrichten VSB/SVD 40/5 (1970). S. 204-207.
  • 129752 Degen, Bernard und Julia Richers (Hg.): Zimmerwald und Kiental: Weltgeschichte auf dem Dorfe. Zürich 2015.
  • 50734 Gautschi, Willi: Lenin als Emigrant in der Schweiz. Zürich/Köln 1973.
  • Gr 11722 Häusler, Jacqueline: 100 Jahre soziales Wissen. Schweizerisches Sozialarchiv 1906-2006. Zürich 2006.
  • 132218 Koller, Christian: Bibliotheksgeschichte als histoire croisée: Das Schweizerische Sozialarchiv und das Phänomen des Exils, in: Ball, Rafael und Stefan Wiederkehr (Hg.): Vernetztes Wissen – Online – Die Bibliothek als Managementaufgabe: Festschrift für Wolfram Neubauer zum 65. Geburtstag. Berlin 2015. S. 365-392.
  • 6771:A Krupskaja, N. K.: Erinnerungen an Lenin, Bd. 2. Zürich 1933.
  • 21451 Lenin, W. I.: Werke. 40 Bde., 2. Erg.bde., 2 Reg.bde. Berlin 1959-1971.
  • N 11 Nobs, Ernst: Lenin und die Schweizer Sozialdemokraten, in: Rote Revue 33/3 (1954). S. 49-64.
  • 90605 Noguez, Dominique: Lenin dada: Essay. Zürich 1990.
  • 85225 Pianzola, Maurice: Lénine en Suisse. Genf 21965.
  • 47214 Senn, Alfred Erich: The Russian Revolution in Switzerland, 1914-1917. Madison 1971.
  • 59198 Solschenizyn, Alexander: Lenin in Zürich. Bern 1977.
Pin des Netzwerks der Sans-Papiers-Kollektive, um 2000 (Signatur: F Ob-0003-175)
Pin des Netzwerks der Sans-Papiers-Kollektive, um 2000 (Signatur: F Ob-0003-175)

SozArch QS 22.5 *1: Die Bewegung der Sans-Papiers

Seit den späten 1980er Jahren wurden das schweizerische Asyl- und Ausländergesetz mehrfach verschärft, die Initiativen und Abstimmungen zu Migrationsgesetzen folgten einander auf dem Fuss. In den späten 1990er Jahren begann sich eine Gegenbewegung zu formieren, welche mit dem Claim „kein mensch ist illegal“ den (partei)politisch geprägten Gesetzesdiskussionen das Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit entgegenhielt. Der Status der „Papierlosigkeit“ – ein umstrittenes, im Asylverfahren oft erschwerendes Handicap – wurde von ihr als Stigmatisierung der Grenzregime Europas und der Schweiz interpretiert und gab einer heterogen zusammengesetzten Solidaritätsbewegung ihren Namen. Im entstehenden Netzwerk verschiedener Kollektive waren und sind sowohl direkt Betroffene als auch verschiedenste politisch engagierte Personenkreise vertreten – von kirchennahen Organisationen bis zu Exponenten aus der Hausbesetzerszene. In Konsequenz der ernüchternden Abstimmungsergebnisse zum Asyl- und Ausländergesetz vom 24.9.2006 und der damit erschwerten Lebensbedingungen von Papierlosen trat die Zürcher Sans-Papiers-Bewegung im Winter 2008/09 mit der Besetzung der Predigerkirche bzw. der Kirche St. Jakob medienwirksam in Erscheinung – allerdings ohne Erfolg für eine kollektive Regelung des Aufenthaltsstatus. Die Forderung nach „kollektiver Legalisierung“ wurde nach 2008 von einer erneuerten „Bleiberechtsbewegung“ in ein „bleiberecht für alle“ umformuliert.

Klassifikationen, die zur thematischen Erschliessung von Dokumentationsbeständen dienen, sind konservative Instrumente. Neue Phänomene werden vorerst in bereits bekannte und erprobte Kategorien einsortiert, vieles verschwindet ja auch so schnell wieder, wie es aufgetaucht ist.
Seit die Sans-Papiers-Bewegung mit ihrer Kritik an der behördlichen Politik der Einzelfallverfahren („Härtefallregelung“, ab 2001) und mit ihrer Forderung der „kollektiven Regularisierung“ an die Öffentlichkeit getreten ist, sind nun aber bald zwanzig Jahre vergangen. Inzwischen haben sich institutionalisierte und professionalisierte Organisationsformen herausgebildet wie die Sans-Papiers-Anlaufstellen (z.B. die SPAZ in Zürich, ab 2005) oder die Autonome Schule Zürich (ASZ), es wurden nationale Kampagnen organisiert („Keine Hausarbeiterin ist illegal“, 2012 bis 2014) und Bücher zum Thema verfasst („Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung“, Zürich 2012). Die Thematik ist sowohl in den Medien als auch in der wissenschaftlichen Forschung angekommen. Die Tatsache, dass nicht zuletzt die vielen weiblichen Sans-Papiers-Arbeitskräfte relevant sind für das Funktionieren der schweizerischen Wirtschaft, indem sie – fast unsichtbar und dementsprechend ungeregelt – in zahlreichen Privathaushalten traditionelle Frauenarbeit erledigen, hat nicht zuletzt auch die Gewerkschaften zu interessieren begonnen („Sans-Papiers – du hast Rechte!“, 2012). Eine befriedigende Praxis für die Regelung des Aufenthaltsstatus‘ von Sans-Papiers ist allerdings noch immer nicht in Sicht, die Diskussion wird weitergehen.

Höchste Zeit für die Abteilung Dokumentation im Sozialarchiv, den Benutzenden mit dem neu eröffneten Sonderdossier „22.5 *1 Sans-Papiers“ einen direkten, bequemen Zugang zu den Broschüren und Flugblättern zum Thema zu verschaffen.

Weiteres Material zu „Sans-Papiers“ im Sozialarchiv:

Bibliothek:

  • D 5878: Informationsbulletin der Zürcher Sans-Papiers-Anlaufstelle
  • K 1132: Jahresbericht der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich
  • K 1115: Jahresbericht des Vereins Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers
  • K 1140: Jahresbericht des Vereins „Hausarbeit aufwerten – Sans-Papiers regularisieren“
  • 128823: Neva Löw: Wir leben hier und wir bleiben hier! Die Sans Papiers im Kampf um ihre Rechte. Münster, 2013.
  • 128224: Pierre-Alain Niklaus: Nicht gerufen und doch gefragt. Sans-Papiers in Schweizer Haushalten. Basel, 2013.
  • 126717: Alex Knoll, Sarah Schilliger, Bea Schwager: Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung. Zürich, 2012.
  • Gr 12782: Sans-Papiers in der Schweiz. Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen EKM. Bern-Wabern, 2011.
  • Gr 12773: Eva-Marie Prim: Sans-Papiers in der Schweiz. Bedeutung eines Aufenthalts ohne Bewilligung und die daraus resultierenden Aufgaben für die Soziale Arbeit. Zürich (Bachelorarbeit), 2011.
  • Gr 12625: Denise Efionayi-Mäder, Silvia Schönenberger, Ilka Steiner: Leben als Sans-Papiers in der Schweiz. Entwicklungen 2000-2010. Bern-Wabern (Eidgenössische Kommission für Migrationsfragen EKM), 2010.
  • Gr 12228: Andrea Traber: Illegal – aber nicht egal! Eine Analyse zur aktuellen Lebenssituation der Sans-Papiers in der Schweiz. Zürich, 2008.

Archiv:

  • Ar 86.60.2: Gruppe Schweiz Philippinen GSP:
    Migration: Mappe 1: Arbeitsgemeinschaft „Sans-Papiers“ 1997-1998
  • Ar 476.21.13: Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich GBKZ:
    Kampagne Sans-Papiers 1999-2001

Bild + Ton: Karl Greull und Elsi Zulauf-Isenschmid

Eine bewegte Biografie zwischen Zürich, Bogotà und Morcote

Vor einiger Zeit erhielt das Sozialarchiv ein Paket mit Filmen von Karl Greull (1909-1984). Seine Tochter hatte die Rollen beim Aufräumen entdeckt. Ihr Vater war ganz offensichtlich ein leidenschaftlicher Filmer, der bei jeder Gelegenheit seine Kamera dabei hatte. Die Aufnahmen geben Einblicke in ein bewegtes Leben, auch wenn von Greulls eigener Biografie nur wenige Details bekannt sind. Zum Glück verfasste seine erste Ehefrau, Elsi Isenschmid (1916-1998), wenige Jahre vor ihrem Tod einen Lebensbericht, den sie, als langjähriges Mitglied der Wandervogel-Bewegung, an einem Veteranentreffen vortrug. Die Filme von Karl Greull sind im Jahrzehnt nach 1938 entstanden und zeigen das junge Paar in Zürich, auf der Atlantiküberfahrt in ihre neue Heimat und als Emigrierte in Bogotà.

Im Sommer 1938 reist der Sudetendeutsche Karl Greull aus Prag nach Zürich, um an einem musikpädagogischen Kongress teilzunehmen. Während der Kongress tagt, wird klar, dass Greull, der Sekretär der sozialistischen Partei in Prag ist, nicht zurückkehren kann. Die Sudentenkrise und der drohende militärische Einmarsch Deutschlands in seine Heimat veranlassen Greull, vorerst in Zürich zu bleiben. Hier lernt er schon bald Elsi Isenschmid kennen. Die Lehrerin hat soeben ihre Ausbildung abgeschlossen und verliebt sich in den gutaussehenden Karl. Das gemeinsame Leben erfährt anfangs 1940 einen jähen Unterbruch: Greull wird ins Flüchtlingslager in Gordola eingewiesen. Dort erledigen die Insassen unter anderem Meliorationsarbeiten in der Magadino-Ebene. Die zivile Massenunterkunft ist ein Sonderlager für Kommunisten, die man hier abseits städtischer Zentren bei harter körperlicher Arbeit von politischer Agitation abhalten will. Die Kontakte zwischen Elsi und Karl beschränken sich auf sporadische Besuche im Tessin. Die beiden beschliessen auszuwandern, weil sie für sich im kriegsumtosten Europa keine Zukunft sehen und sich Elsi mit ihrer Mutter (der Vater ist kurz zuvor gestorben) wegen der Liaison mit dem Flüchtling überwirft.

Endlich, Ende 1941, können sie die Ausreise in Angriff nehmen. Beim kolumbianischen Konsul in Genf erhalten sie das Visum für Bogotà, trotz der fehlenden Heiratsurkunde. Zudem ist die kolumbianische Hauptstadt nicht ihre Wunschdestination. Elsi Zulauf schreibt in ihren Lebenserinnerungen, dass sie das Land zuerst auf der Karte suchen mussten. Die Reise beginnt im November 1941 und führt die beiden mit dem Zug bis nach Barcelona. Wegen permanenter Schikanen des franquistischen Militärs reisen sie per Schiff bis nach Cadiz weiter. Dort wartet die „Cabo de Buena Esperanza“, ein abgewracktes Schiff, auf Flüchtlinge aus ganz Europa. Offenbar galten schon damals die rücksichtlosen Gesetze des Schleppertums, das Notsituationen schamlos ausnützt: „Die spanische Reederei hatte gemerkt, dass die Flüchtlinge aus den vom Nazismus beherrschten Ländern fast jeden Preis für einen Schiffsplatz nach Südamerika bezahlten. Damit konnte noch ein nettes Geschäft gemacht werden.“  Schliesslich befinden sich anstelle der üblichen 600 fast 2’000 Passagiere an Bord. Die Laderäume werden zu Massenlagern umfunktioniert, in denen je 70 Leute auf engstem Raum zusammengepfercht die Überfahrt in Angriff nehmen.

Nach einem Zwischenhalt in Trinidad (unmittelbar nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour und dem Kriegseintritt der USA) erreicht das Schiff am 8. Dezember 1941 den venezolanischen Hafen La Guayra. Von dort setzt das Paar zusammen mit anderen Flüchtlingen die Reise auf dem Landweg fort: eine abenteuerliche Busfahrt über mehr als 2’000 km. Am 1. Weihnachtstag 1941 erreichen sie Bogotà. Damit beginnt der Neuaufbau einer Existenz. Nach anfänglicher bitterer Armut gelingt ihnen jedoch schon bald der Aufstieg in den Mittelstand. Beide machen sich in kurzer Zeit mit der spanischen Sprache vertraut und verdienen ihr Auskommen unter anderem mit Unterrichten. 1943 kommt ihre Tochter Gerda zur Welt, drei Jahre später folgt Sohn Carlos. Zu diesem Zeitpunkt wohnt die Familie bereits in einem eigenen Haus und hat die Integration geschafft: „Man gehörte zur guten Bogotanergesellschaft, ganz einfach, weil man weiss war und lesen und schreiben konnte.“ Dies zu akzeptieren und damit umzugehen fiel der „Tochter des Sozialisten Adolf Isenschmid“ nicht leicht.

1952 kehrt Elsi für einen Urlaub mit ihren Kindern in die Schweiz zurück. Sofort akklimatisiert sie sich in den heimischen Gefilden: „Fast wäre ich nicht wieder zu Ehemann und Hauswesen zurückgekehrt. Denn auch in der Ehe kriselte es mächtig. Unsere Ehe war eine Ehe für den gemeinsamen Kampf und Aufbau gewesen; Wohlstand und Gleichförmigkeit vertrug sie nicht.“ Auch Karl versucht, wieder in Europa Fuss zu fassen, er scheitert aber und kehrt mit einer neuen Partnerin nach Südamerika zurück. Die Ehe wird geschieden, und Elsi baut sich mit den Kindern in Zürich abermals eine neue Existenz auf. Sie kann sich wieder einbürgern lassen, versöhnt sich mit ihrer Familie und verdient als Lehrerin den Unterhalt.

Nachdem die Kinder ausgezogen waren, begann auch für Elsi eine neue Lebensphase. Mit ihrem neuen Partner, dem Maler Hans Rudolf Zulauf (1905-1976), zieht sie ins Tessin. Dort betreiben sie eine Galerie, Elsi baut einen regionalen Informationsdienst für Touristen auf. Sie wird zudem Begründerin des ersten Tessiner Frauenturnvereins. „Jahrelang leitete ich ihn dann auch und erlebte dabei ein Stück Tessiner Frauen-Emanzipation. Turnen war ja dort eine absolute Novität.“ Nach dem Tod von Hans Rudolf Zulauf verkauft sie das Haus und zieht nach Zürich zurück. Sie arbeitet noch während Jahren als Deutschlehrerin für Ausländer.

Die Highlights aus dem Filmbestand von Karl Greull:

Eine kleine Sensation sind Greulls Aufnahmen aus dem Internierungslager in Gordola (SozArch F 9052-003). Er filmt dort die Unterkünfte und Baracken in der Nähe der Geleise, die Flüchtlinge bei Arbeiten im Garten und wie sich die Internierten mit Schubkarren und Schaufeln auf den Weg zu ihrem Arbeitseinsatz machen. Grundsätzlich war es verboten, in den Lagern zu filmen. Gordola galt aber als eines der Lager mit liberalem Regime: Elsi Zulauf erinnert sich, dass ihr Mann vom Lagerleiter jeweils die Erlaubnis erhielt, in der nahegelegenen Kirche Orgel zu üben.
Der Film Unsere Reise 1941, 12. Nov. bis 22. Dez. 1941 (SozArch F 9052-001) zeigt die Überfahrt von Cadiz nach Südamerika im Winter 1941. Elsi Zulauf ist die blonde junge Frau mit runder Nickelbrille. Der Film dokumentiert die Anreise bis Cadiz (mit einem Abstecher nach Lissabon), die Schiffüberfahrt und den Transfer nach Bogotà.
Die Filmfragmente aus Bogotà (SozArch F 9052-002) widmen sich vor allem dem gesellschaftlichen Leben im Exil. Interessant sind dabei die Aufnahmen, die dem Zwischentitel „Arendt“ folgen: Haben sich die Greulls tatsächlich mit Hannah Arendt getroffen? Die Ähnlichkeit ist jedenfalls verblüffend.

Ursprünglich müssen wesentlich mehr als die zwei Originalfilmrollen vorhanden gewesen sein, die nun den Weg ins Sozialarchiv gefunden haben. Die Tochter von Karl Greull und Elsi Isenschmid-Zulauf liess die Filme in einem unbekannten Labor digitalisieren – leider gingen bei diesem Vorgang auch mehrere Rollen verloren.

Buchempfehlungen der Bibliothek

David Templin: Freizeit ohne Kontrollen. Die Jugendzentrumsbewegung in der Bundesrepublik der 1970er Jahre. Göttingen 2015.

Mit Parolen wie „Was wir wollen: Freizeit ohne Kontrollen“ gingen in den 1970er Jahren Tausende Jugendliche auf die Strassen, sammelten Unterschriften und stritten sich mit Kommunalpolitikern. Ihr Ziel: vor Ort ein selbstverwaltetes Jugendzentrum einzurichten. David Templin untersucht erstmals diese westdeutsche Jugendzentrumsbewegung der 1970er und frühen 1980er Jahre. Anknüpfend an die Jugendproteste um 1968 hatten sich zu Beginn der 1970er Jahre in vielen Städten und Gemeinden Initiativgruppen Jugendlicher gebildet.
Der Autor nimmt die Kritik an der Jugendpflege und ihre Vorstellungen „selbstorganisierter Räume“, ihre soziale und politische Zusammensetzung sowie die regionalen und überregionalen Netzwerke in den Blick. Zugleich beleuchtet er die Reaktionen lokaler Politiker und Stadtverwaltungen und die damit verbundenen öffentlichen Auseinandersetzungen. Mit der Einrichtung hunderter selbstverwalteter Jugendzentren breitete sich die politisierte Jugendkultur der Zeit in ländlich-kleinstädtischen wie in suburbanen Räumen der Bundesrepublik aus. Die Bewegung trug damit zur Konstituierung eines linksalternativen Milieus abseits der Grossstädte entscheidend bei.

Barbara Franzen, Andreas Z’Graggen: An der Fluchgasse. Ein Ort voller Geschichten im Zürcher Niederdorf. Zürich 2015.

Die wichtigste Strasse im mittelalterlichen Zürich war die Marktgasse. Hier wurde gewerkt und gehandelt, gezecht und gerauft. Und hier, an ihrem oberen Ende und einander gegenüber, lagen das „Rothus“ und das „Goldene Schwert“. Und in beiden wurde seit dem 14. Jahrhundert gewirtet, im „Goldenen Schwert“ bis vor wenigen Jahren, im „Rothus“ bis zum heutigen Tag.
Reich illustriert mit alten Plänen und Fotografien erzählt das Buch die Geschichte der Marktgasse vom frühen Mittelalter bis zur heutigen Zeit. Von der Entwicklung der Zürcher Altstadt und ihren Plätzen und Häusern sowie den Menschen, die dort arbeiteten, ihren Geschäften nachgingen, sich stritten und sich liebten. Vor allem aber wird ausführlich – und angereichert mit vielen historischen Details – darüber berichtet, was sich im Laufe der letzten siebenhundert Jahre im „Rothus“ und „Goldenen Schwert“ so alles tat. Es ist die Geschichte von Wirten, die kamen und gingen, von Rechtsstreitigkeiten, von Cabarets und Varietés, von Schwulen, käuflichen Damen und Burgunderschnecken, von deutschen Emigranten, die sich über die Nazis lustig machten, bis zu Vico Torriani, der hier seine Karriere startete.
Das „Goldene Schwert“ wurde jüngst zu einem Geschäfts- und Wohnhaus umgebaut, während das „Rothus“, vielleicht Zürichs älteste Wirtschaft, im Sommer 2015 nach aufwändiger Renovation als zeitgemässes Altstadthotel in neuem Glanz erstrahlt.

Helmut Bachmaier: Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen. Göttingen 2015.

„Älter werden heisst: selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen“, schrieb Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen“. Darüber, wie dieses „neue Rollenfach“ aussehen könnte, gibt es bergeweise Ratgeber oder Anleitungen. Dieses Buch will beides nicht sein. Im Gegenteil: Vorschriften, Kontrollen hält Bachmaier für kontraproduktiv. Sich gegen das Alter zu stellen, es zu negieren im Sinne eines Jugendwahns, ist ebenso falsch, wie es zu romantisieren, ohne die Beschwerlichkeiten überhaupt wahrzunehmen. Bachmaiers Konzept zielt hingegen auf Leichtigkeit, Entspanntheit, Mühelosigkeit. „Mach dir dein Alter selbst!“ könnte sein Leitspruch lauten. Vor allem aber können dabei Vergewisserungen über die Erfahrungsräume hilfreich sein, die Kultur-, Philosophie-, Kunst- und Literaturgeschichte zum Thema Alter zu bieten haben. Wie wurde jeweils Alter gesehen, verstanden, bewertet? Welche Bedingungen lagen und liegen dem Altersbild zugrunde? Der Kulturgerontologe Bachmaier weiss: Älter werden bedeutet, sich täglich eine neue Aufgabe zu stellen. Und die kann jeder nur selbst finden.

Übernahme Diplomarbeiten ZHAW

Die Bibliothek des Sozialarchivs wurde Ende letztes Jahr von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) angefragt, ob sie eine grössere Anzahl von Diplomarbeiten des Studiengangs Soziale Arbeit übernehmen könnte, da diese aufgrund von Sparmassnahmen kassiert werden sollten. Es handelt sich bei dem Bestand um Diplomarbeiten, die zwischen 1926 und 1998 verfasst wurden.

Da das Sozialarchiv bereits seit einiger Zeit laufend Diplomarbeiten des Studiengangs Soziale Arbeit in den Bestand aufnimmt und diese auch von historischem Wert sind, wurde beschlossen, diejenigen Arbeiten der ZHAW zu übernehmen, die in keiner anderen schweizerischen Bibliothek verzeichnet sind. So gelangten nun Ende Februar 2016 rund 600 von insgesamt 2’400 Arbeiten in die Bibliothek. Die Diplomarbeiten werden spätestens bis Ende Jahr im NEBIS-Katalog erschlossen sein.

14. Januar 2016, 18.30 Uhr: Buchvernissage

Marco Leuenberger, Loretta Seglias: Geprägt fürs Leben. Lebenswelten fremdplatzierter Kinder in der Schweiz im 20. Jahrhundert

"Und nachher wurden wir … eben anscheinend, ich weiss nicht, ausgeschrieben … Ich kam dann ins Luzerner Hinterland zu Bauern. Mutter brachte mich mit dem Velo dorthin. Ich sagte dann schon: ‚Da bleibe ich nicht, hier gefällt es mir nicht.‘ Und eh, ja, ich musste halt trotzdem bleiben." (Ida Mosimann, *1939)

Wie Ida Mosimann wurden allein in der Schweiz hunderttausende Kinder und Jugendliche in fremde Hände gegeben. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein spielten dabei armenrechtliche Argumente eine zentrale Rolle: Die finanzielle Entlastung armer Familien und des Gemeinwesens einerseits, erzieherische, disziplinierende Überlegungen andererseits schwangen mit. Gleichzeitig ist kaum ein historisches Phänomen so wenig erforscht wie das Aufwachsen von Kindern in Familienpflege. Diese Lücke wird mit der vorliegenden Arbeit ein Stück weit geschlossen.

Auf der Basis verschiedenartiger Quellen konzentriert sich das Forschungsinteresse auf die Lebenswelten fremdplatzierter Kinder. Ausgehend vom Erleben der Einzelnen, wird der Blick frei auf das System der Fremdplatzierung im ländlichen Raum, wird das Wechselverhältnis von Strukturen und Individuen greifbar. Erstmals kommt dabei die vergleichende Perspektive über Kantons- respektive Landesgrenzen hinaus in einer historischen Untersuchung zum Tragen.

Donnerstag, 14. Januar 2016, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv (Räume Theater Stadelhofen)

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Der Eintritt ist frei.

Marco Leuenberger, Loretta Seglias: Geprägt fürs Leben.
Lebenswelten fremdplatzierter Kinder in der Schweiz im 20. Jahrhundert.
Zürich: Chronos Verlag 2015. 418 S.

1. Februar 2016, 19.00 Uhr: Buchvernissage

Zwischen Apologie und Ablehnung: Schweizer Spanien-Wahrnehmung vom späten Franco-Regime bis zur Demokratisierung

Die durch den Kalten Krieg erlangte Salonfähigkeit der spanischen Diktatur wurde auch im Ausland immer stärker hinterfragt. Auch in der Schweiz, die im Laufe des Kalten Krieges ihre Beziehungen zu einem nicht mehr so umstrittenen Land konsolidiert hatte, begannen sich regimekritische Gruppen zu kristallisieren. Linke Kreise gründeten bereits 1961 das "Schweizerische Komitee für politische Amnestie in Spanien". Ab 1968 gesellten sich Elemente der Neuen Linken dem antifranquistischen Protest hinzu. Selbst in der Berichterstattung im Schweizer Radio und Fernsehen lässt sich ein Engagement gegen die Repression in Spanien feststellen. Die Beurteilung des Regimes war indes keineswegs einstimmig. Bürgerliche und rechtskonservative Blätter machten keinen Hehl aus ihrer Bewunderung für General Franco. Sein Tod im November 1975 und Juan Carlos‘ Inthronisation stellen eine Zäsur dar, die eine Phase der Hoffnung auf eine untraumatische Demokratisierung und Europäisierung des Landes einleitet.

Mit Moisés Prieto Lopez (Autor) und Christian Koller

Montag, 1. Februar 2016, 19.00 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 158 KB)

Der Eintritt ist frei.

Moisés Prieto: Zwischen Apologie und Ablehnung.
Schweizer Spanien-Wahrnehmung vom späten Franco-Regime bis zur Demokratisierung (1969–1982).
Zürcher Beiträge zur Geschichtswissenschaft, Band 6, 2015. 490 S.

Zimmer in der Jugendherberge Crocifisso in Lugano, um 1960 (F 5500-AK08-117)
Zimmer in der Jugendherberge Crocifisso in Lugano, um 1960 (F 5500-AK08-117)

Vier Jahrzehnte Schweizer Alltag im Bild: Die Fotos von Hermann Freytag

Seit Jahrzehnten schlummerte ein ungehobener Schatz im Magazin des Sozialarchivs: das Lebenswerk des Zürcher Fotografen Hermann Freytag (1908-1972), in Holzkisten und Kartonschachteln verpackt. Nun ist der Hauptteil digitalisiert und online zugänglich – ein Panoptikum von fast 40 Jahren Schweizer Alltag.

Hermann Freytag trat nach einer Gärtnerlehre und der Rekrutenschule der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei, der er während Jahrzehnten, zuerst als einfaches Mitglied, später als Leiter, treu blieb. In den späten 1930er Jahren orientierte er sich beruflich neu: Er machte sein Hobby, das Fotografieren, zu seinem Haupterwerb, dem er bis zu seinem überraschenden Tod 1972 nachging. Freytag arbeitete als Auftragsfotograf für viele Organisationen der Arbeiterbewegung, für das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (heute: SolidarSuisse), für verschiedenen Gewerkschaften, für die Roten Falken und für die Sozialdemokratische Partei. Seine Fotos erschienen regelmässig in der Gewerkschafts- und Parteipresse, aber auch in Meyers Modeblatt, für das er lange Jahre Fotoreporter war.
Nach Freytags Tod gelangten grosse Teile seines Werkarchivs ins Sozialarchiv, insbesondere sein umfangreiches Negativarchiv und die Kontaktkopien. Letztere sind nun digitalisiert und erschlossen. Freytag hat sein Werk auf über 2‘000 Kontaktbögen thematisch geordnet; jeder dieser Bögen enthält bis zu 16 kleinformatige Schwarz-Weiss-Aufnahmen, eine Art "Best-of" nach den Kriterien des Fotografen. Thematisch liegen seine Schwerpunkte bei der Dokumentierung der Tätigkeiten von Arbeiterorganisationen und Jugendverbänden sowie bei allgegenwärtigen Alltagsphänomenen (Verkehr, Bauten, Infrastruktur, Menschen bei der Arbeit etc.). Freytag hatte seine Kamera aber offenbar auch in seiner Freizeit oft mit dabei und fotografierte beim Wandern und beim Reisen beiläufig, wie sich die Schweiz in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte.
Einige hundert Papierabzüge, die Freytag für seine Auftraggeber angefertigt hat, sind im Lauf der Zeit im Rahmen diverser Archivablieferungen im Sozialarchiv gelandet. Weitere Abzüge sind zudem beim Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) zu finden, wo sie vom ehemaligen Zürcher Volkskundeprofessor Paul Hugger zusammengetragen wurden.
Die Kontaktkopien konnten dank Freytags exakter Arbeitsweise und den Verweisen auf die Negative ziemlich genau datiert werden. Die Scans eignen sich, um eine Vorauswahl zu treffen. Bei Bedarf kann in fast jedem Fall auf ein qualitativ hochwertiges Mittelformat-Negativ zurückgegriffen werden. Die Benutzung ist online möglich via Datenbank Bild + Ton. (Da die Ansicht der Kontaktbögen mit den aktuellen Darstellungsmöglichkeiten der Datenbank eingeschränkt ist, kann bei Bedarf auch auf die Originalscans zurückgegriffen werden, die am Bildschirm eine bequeme Recherche ermöglichen.)

Pensionärinnen spielen Tisch-Croquet im Neuen Töchterheim Zürich, um 1920
Pensionärinnen spielen Tisch-Croquet im Neuen Töchterheim Zürich, um 1920

Neu online in der Datenbank Bild + Ton:

 

 

 

 

 

 

Fotobestand Verein „Freundinnen junger Mädchen“/COMPAGNA Zürich:

Besonders hervorzuheben sind die schönen Glasdias und -negative aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie zeigen das Leben in den vom Verein betriebenen Töchterheimen und Unterkünften, die Beschäftigungen der jungen Frauen in Haushaltung und Küche sowie das gesellige Beisammensein. Ebenfalls vorhanden ist eine reichhaltige Sammlung von Broschen und Erkennungszeichen, mit welchen die „Freundinnen“ sich an Bahnhöfen und anderen einschlägigen Ankunftsorten in der Stadt zu erkennen gaben.
> Bestand: SozArch F 5134

Fotobestand Genossenschaft Frauenbuchladen Zürich:

Kleiner Fotobestand aus der Zeit nach dem Umzug des Frauenbuchladens Zürich an die Gerechtigkeitsgasse 1987. Der Frauenbuchladen Zürich war eine Spezialbuchhandlung für Frauenliteratur und verstand sich als Teil der Infrastruktur der Frauenbewegung zur Förderung der Begegnung und zur Stärkung der Solidarität unter Frauen.
> Bestand: SozArch F 5125

Filmbestand Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung der Schweiz (KAB):

Der Bestand enthält sechs Filme aus den 1950er und 1960er Jahren. Prominent vertreten sind die Treffen der KAJ/CAJ im In- und Ausland. Diese Anlässe der katholischen Arbeiterjugend verbanden religiöse Zeremonien mit geselligen Anlässen und dem Austausch mit Gleichgesinnten über Landesgrenzen hinweg. Interessant ist auch der Porträtfilm über die Dachorganisation der katholischen Arbeiterbewegung Belgiens MOC/ACW (Mouvement Ouvrier Chrétien/Algemene Christelijke Werkersverbond), in dem die weitreichenden Dienstleistungen dieser Bewegung geschildert werden.
> Bestand: SozArch F 9016

Emil Bührles Steuerausweis, abgedruckt im Volksrecht (SozArch Ar 201.44)
Emil Bührles Steuerausweis, abgedruckt im Volksrecht (SozArch Ar 201.44)

Vor 75 Jahren: Ein wilder Streik bei Bührle

Nach der Kapitulation Frankreichs im Frühjahr 1940 war die Schweiz vollständig von den Achsenmächten und ihren Verbündeten umgeben. War schon in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre im Zeichen von Landi-Geist, Krisen- und Arbeitsfriedensrhetorik der nationale Schulterschluss zelebriert worden, so waren nun erst recht Ruhe und Disziplin gefragt. Gleichwohl kam es im Oktober 1940 in Zürich zu einem Arbeitskampf. Er spielte sich just in einer Branche ab, die in den Kriegszeiten Hochkonjunktur hatte und die überdies unter das Friedensabkommen fiel, welches 1937 von Arbeitgebern und Gewerkschaften der Maschinen- und Metallindustrie abgeschlossen worden war.

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