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Fritz Platten bürgte im März 1916 für den Benutzer Ulianoff (SozArch Ar 199.10.1)
Fritz Platten bürgte im März 1916 für den Benutzer Ulianoff (SozArch Ar 199.10.1)

Vor 100 Jahren: Lenin im Sozialarchiv

Bereits der vierte Jahresbericht der „Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz“, dem heutigen Sozialarchiv, vermerkte 1910 „eine Anzahl ausländischer Gäste aus der Schweiz, Deutschland, Schweden, Russland, Amerika, England und Norwegen. Die Gäste haben sich für unser Institut warm interessiert und manche Aufschlüsse über den Stand der sozialen Bewegung in der Schweiz gefunden.“ Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs liess dann die Zahl der Ausländer unter den Benutzenden markant ansteigen. So vermerkte der Jahresbericht 1914: „Der Einfluss des Krieges auf die Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz zeigte sich in erster Linie dadurch an, dass manche Bibliotheksbesucher zum Militärdienst einrückten […]. Es vergingen aber kaum acht Wochen, so kam Ersatz heran, Fremde aus verschiedenen Ländern, die das neutrale Schweizerland aufsuchten, um sich in aller Ruhe Studien oder schriftstellerischen Arbeiten hinzugeben.“

Ein heute sorgsam in einem Safe aufbewahrter Ausleihschein für den Band 21/2 von 1902/03 der sozialdemokratischen Theoriezeitschrift Neue Zeit gibt genaueren Aufschluss über einige dieser ausländischen Gäste. Neben dem niederländischen Sozialistenführer Pieter Jelles Troelstra, der den Band 1914 und 1919 gleich zwei Mal entlieh, hatte sich eine Reihe russischer Benutzer für das SPD-Periodikum interessiert: ein gewisser Bronstein, später besser bekannt unter dem Namen Trockij, der Bolschewist G.[eorg] Safaroff, der 1917 im Zug mit Lenin nach Russland zurückkehren sollte, James Reich, 1917/18 dann Mitglied der offiziösen Sowjetmission in Bern und Leiter der Agentur „Russische Nachrichten“, und schliesslich auch „Ulianow Wladimir“, der den Band im März 1917 benutzte, wenige Tage, bevor er von Zürich abreiste und unter dem Namen Lenin Weltgeschichte schreiben sollte. Der Ausleihschein, der in den vierziger Jahren gestohlen und vom Sozialarchiv aus einem Antiquariat zurückerworben werden sollte, belegt die starke Präsenz von Grössen der internationalen sozialistischen Bewegung, viele von ihnen Exilanten.

Der berühmteste von ihnen, Lenin, war im Sommer 1914 in Galizien vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht worden, galt nun dort aufgrund des Kriegszustands zwischen Russland und Österreich-Ungarn plötzlich als feindlicher Ausländer und wurde von den österreichischen Behörden vorübergehend verhaftet. Auf Vermittlung zweier Abgeordneter des österreichischen Reichsrats, die den zukünftigen Revolutionsführer als überzeugten Gegner des zaristischen Russlands bezeichneten, erhielt er schliesslich die Genehmigung, in einen neutralen Drittstaat auszureisen. Trotz seines Status als Sans-Papier durfte Lenin zusammen mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter die Schweizer Grenze überschreiten. Vom September 1914 an hielt er sich in Bern auf, vom Februar 1916 bis April 1917 dann in Zürich, wo er an der Spiegelgasse 14 hauste. Im September 1915 nahm er an der Zimmerwalder Konferenz teil, im April 1916 an der Nachfolgekonferenz in Kiental.

Bereits kurz nach der Ankunft in Bern schrieben sich Lenin und seine Frau Nadežda Krupskaja bei der Schweizerischen Landesbibliothek als Benutzer ein, wobei Lenin als Beruf „Schriftsteller“ angab. Auch die Stadt- und Universitätsbibliothek wurde vom revolutionären Ehepaar mit Besuchen beehrt. Ende Dezember 1914 schrieb Lenin an seine Schwester, die Bibliotheken im „verschlafenen Bern“ seien „gut, und was die Benutzung der Bücher anbelangt, hat sich alles ganz gut geregelt“.  Auch Krupskaja lobte später in ihren Memoiren ausdrücklich die „zahlreiche[n] gute[n] Bibliotheken“ der Stadt Bern.

Anfang Juni 1915 übersiedelten Lenin und Krupskaja vorübergehend nach Sörenberg, nachdem die Ärzte Krupskaja zur Erholung von ihrer Schilddrüsen- und Augenerkrankung einen Aufenthalt in den Bergen empfohlen hatten. Auch hier mussten die beiden nicht auf die Annehmlichkeiten des Schweizer Bibliothekssystems verzichten. Krupskaja erwähnte in ihren Memoiren, dass viele Jahrzehnte vor der Ära von Ausleihverbünden die bibliothekarische Versorgung bis in die kleinsten Dörfer der Schweiz gewährleistet war: „Die Post funktionierte mit schweizerischer Pünktlichkeit. Sogar in einem entlegenen Gebirgsdörfchen wie Sorenberg [sic] konnte man kostenlos jedes gewünschte Buch aus den Berner und Zürcher Bibliotheken erhalten. Man schreibt einfach an die betreffende Bibliothek eine Postkarte mit seiner Adresse und der Bitte um Uebersendung dieses oder jenes Buches. Niemand stellt Fragen, fordert Bescheinigungen oder Bürgschaften – gerade im Gegensatz zu dem fürchterlichen Bürokratismus in Frankreich. Nach zwei Tagen erhält man das in einer Kartonmappe verpackte Buch; an einem Bindfaden hängt eine Karte heraus, auf deren einer Seite die Adresse des Empfängers und auf der anderen Seite die Adresse der Bibliothek, der das Buch entstammt, vermerkt steht. Dadurch besass man die Möglichkeit, in den kleinsten und abgelegensten Orten zu arbeiten.“

Die Übersiedlung Lenins und Krupskajas nach Zürich im Februar 1916 war dann wesentlich dadurch motiviert, dass Lenin in den Zürcher Bibliotheken schneller auf das Material für seine eben begonnene Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus zugreifen zu können hoffte als in Bern. Zunächst war lediglich ein kürzerer Aufenthalt geplant; am 20. Februar schrieb Lenin an seine Schwester: „Nadja und mit gefällt es in Zürich sehr; hier gibt es gut eingerichtete Bibliotheken; wir werden noch einige Wochen bleiben, […].“ Am Vortag hatte er gegen eine Realkaution von 20 Franken die Bewilligung zu „eingeschränkter Benutzung“ der Zentralbibliothek Zürich erhalten. Die Qualität der Zürcher Bibliotheken überzeugte das revolutionäre Ehepaar so sehr, dass sie bald einen längeren Aufenthalt ins Auge fassten. Am 12. März 1916 schrieb Lenin an seine Mutter: „[…] die Bibliotheken sind viel besser als in Bern, so dass wir wohl noch länger bleiben, als wir vorhatten.“

Am 22. März schrieb er sich auch bei der Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz als Benutzer Nr. 4585 ein, wobei er dieses Mal als Beruf „Journalist“ angab. Als Bürge unterschrieb Fritz Platten, ein wichtiger Exponent des linken Flügels der Schweizer Sozialdemokratie. Platten sollte im Folgejahr eine wesentliche Rolle bei der Organisation von Lenins Rückfahrt nach Russland spielen, Lenin im Januar 1918 bei einem Attentatsversuch das Leben retten und nach dem Krieg Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei der Schweiz werden. 1923 löste er Moskau einfach und emigrierte in die Sowjetunion, wo er in den 30er Jahren in den Strudel der stalinistischen Säuberungen geriet und 1942 erschossen wurde. Sein Sohn Fritz Nikolaj arbeitete dann von 1967 bis 1984 als Bibliothekar und Dokumentalist im Sozialarchiv.

Lenin nutzte zwischen März 1916 und März 1917 die Bestände der Zentralstelle für soziale Literatur intensiv. Der damalige Vorsteher Sigfried Bloch erinnerte sich später an den berühmten Benutzer: „Lenin hielt sich im Lesesaal der Zentralstelle für soziale Literatur täglich vier Stunden auf. Nachmittags und vormittags je zwei. Er studierte die internationale Literatur mit Vorliebe, und war eifrig bemüht, sich auch in die schweizerischen sozialistischen Geisteserzeugnisse einzuarbeiten. Auf letzterem Gebiet zog er es vor, das Quellenmaterial der proletarischen Sekretariate durchzuarbeiten. Aber er studierte hier nur, um zu bestimmten wissenschaftlichen und politischen Fragen Stellung zu nehmen.“ Als er sich im Spätsommer 1916 für zwei Monate in Flums aufhielt, machte Lenin erneut von der postalischen Ausleihe Gebrauch. Davon zeugt eine Postkarte vom 23. August, mit der er bei der Zentralstelle die Ausleihe der Marx-Engels-Briefe verlängern liess. Am 13. Dezember 1916 wurde Lenin schliesslich auch noch ordentliches Mitglied der Zürcher Museumsgesellschaft, deren Lesesaal er in der Endphase seines Aufenthalts in Zürich ebenfalls rege benutzte.

Es ist also kein Zufall, dass Lenin die Kunde vom Ausbruch der russischen Februarrevolution just in einem Moment erreichte, als er gerade im Begriff war, in die Bibliothek zu gehen. An seiner Abschiedsfeier bei der Abreise nach Russland am 9. April 1917 im Restaurant Zähringerhof war auch der Vorsteher der Zentralstelle für soziale Literatur zugegen. Er verabschiedete sich vom eifrigen Benutzer seiner Bibliothek per Handschlag: „Als mir Lenin beim Abschied die Hand drückte, gab ich der Hoffnung Ausdruck, ihn bald wieder bei uns zu sehen. Er bemerkte: ‚Das wäre kein gutes politisches Zeichen.'“  Trotz des freundlichen Verhältnisses zu Lenin während dessen Zürcher Zeit sollte Sigfried Bloch nach dem Krieg bei der Spaltung der Schweizer Arbeiterbewegung in der Sozialdemokratie verbleiben, während seine Gemahlin, die bedeutende Frauenrechtlerin Rosa Bloch-Bollag, in die Kommunistische Partei übertrat.

Lenins Bewunderung für das schweizerische Bibliothekswesen kontrastierte scharf mit seiner Geringschätzung des politischen Systems seines Gastlandes, von dessen Qualitäten ihn auch prominente Schweizer Sozialdemokraten wie Ernst Nobs nicht zu überzeugen vermochten. Kurz nach der Oktoberrevolution unterband die neue Sowjetregierung alle demokratischen Regungen, hingegen floss das Vorbild des helvetischen Bibliothekssystems in ihre bildungspolitische Programmatik ein. Bereits im November 1917 forderte Lenin in der Schrift Über die Aufgaben der öffentlichen Bibliothek in Petrograd die Einrichtung eines unentgeltlichen Fernleihverkehrs innerhalb Russlands und mit dem Ausland, die Ausdehnung der Öffnungszeiten auf 15 Stunden täglich während sieben Tagen in der Woche sowie zusätzliche Bibliotheksangestellte. Er begründete diese Forderungen damit, dass das Bibliothekswesen in Petrograd „unter aller Kritik“ sei und man nun zu Prinzipien übergehen müsse, „die in den freien Staaten des Westens, besonders der Schweiz und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, längst verwirklicht sind“.  Im Juni 1918 erteilte die revolutionäre Regierung dann dem Kommissariat für Volksbildung einen Verweis, da es sich ungenügend um das Bibliothekswesen kümmere, und beauftragte das Kommissariat, „unverzüglich energische Massnahmen zu ergreifen, um 1. das Bibliothekswesen in Russland zu zentralisieren, 2. das schweizerisch-amerikanische System einzuführen“.

Lenins Wertschätzung der schweizerischen Bibliotheken hatte zur Folge, dass die Schweizerische Landesbibliothek in der Zwischenkriegszeit verschiedentlich Anfragen des Moskauer Instituts für Bibliothekkunde zu verschiedenen Aspekten des Bibliothekswesens erhielt – dies zu einem Zeitpunkt, als die Schweiz und die Sowjetunion keine diplomatischen Beziehungen unterhielten. Die Vorstellungen des Revolutionsführers von einem gesamtsowjetischen Bibliothekssystem verwirklichten sich erst lange nach seinem Tod im Jahre 1924. Bis zur Mitte des 20. Jahrhundert verfünffachte sich die Zahl der Bibliotheken in der Sowjetunion auf 390‘000. Die Expansion des Bibliothekswesens war jeweils Teil der volkswirtschaftlichen Fünfjahrespläne.

Die Ausdehnung des von Lenin geschaffenen Sowjetsystems über weite Teile Ostmitteleuropas führte nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer neuen Welle exilierter Benutzerinnen und Benutzer im Sozialarchiv. Nun fanden sich im Lesesaal nicht mehr kommunistische Revolutionäre, sondern Flüchtlinge und Dissidenten aus dem kommunistischen Machtbereich, etwa aus Rumänien, Polen, dem Baltikum und Ungarn. Im Jahr 1968 übernahm dann mit Miroslav Tuček, der während der Prager Schauprozesse der frühen 50er Jahre seine Laufbahn in der tschechoslowakischen Diplomatie beendet und in der Schweiz Asyl erhalten hatte, sogar ein Exilant aus dem Ostblock die Leitung des Sozialarchivs. In den 70er Jahren benutzte der aus der Sowjetunion abgeschobene Literaturnobelpreisträger Aleksandr Solženicyn das Sozialarchiv. Er war dabei auf den Spuren eines früheren prominenten Benutzers, sammelte er doch Material für sein Buch über Lenins Zeit in Zürich.

Material zum Thema im Sozialarchiv


Archiv

  • Ar 199.10.1Briefsammlung des Schweizerischen Sozialarchivs, Briefe A – L

Dokumentation

  • ZA 04.9 Biografien: einzelne Personen: Lenin
  • ZA 10.4 *1 Bibliotheken: Schweizerisches Sozialarchiv

Bibliothek

  • B306: 3+4 Bloch, Sigfried: Erinnerungen an Lenin. 2. verb. Aufl. Zürich 1924.
  • 132632 Chuzeville, Julien: Zimmerwald: L’Internationalisme contre la Première Guerre Mondiale. Paris 2015.
  • N 295 Clavel, Jean-Pierre und Olivier Pavillon: Lénine et les bibliothèques suisses, in: Nachrichten VSB/SVD 40/5 (1970). S. 204-207.
  • 129752 Degen, Bernard und Julia Richers (Hg.): Zimmerwald und Kiental: Weltgeschichte auf dem Dorfe. Zürich 2015.
  • 50734 Gautschi, Willi: Lenin als Emigrant in der Schweiz. Zürich/Köln 1973.
  • Gr 11722 Häusler, Jacqueline: 100 Jahre soziales Wissen. Schweizerisches Sozialarchiv 1906-2006. Zürich 2006.
  • 132218 Koller, Christian: Bibliotheksgeschichte als histoire croisée: Das Schweizerische Sozialarchiv und das Phänomen des Exils, in: Ball, Rafael und Stefan Wiederkehr (Hg.): Vernetztes Wissen – Online – Die Bibliothek als Managementaufgabe: Festschrift für Wolfram Neubauer zum 65. Geburtstag. Berlin 2015. S. 365-392.
  • 6771:A Krupskaja, N. K.: Erinnerungen an Lenin, Bd. 2. Zürich 1933.
  • 21451 Lenin, W. I.: Werke. 40 Bde., 2. Erg.bde., 2 Reg.bde. Berlin 1959-1971.
  • N 11 Nobs, Ernst: Lenin und die Schweizer Sozialdemokraten, in: Rote Revue 33/3 (1954). S. 49-64.
  • 90605 Noguez, Dominique: Lenin dada: Essay. Zürich 1990.
  • 85225 Pianzola, Maurice: Lénine en Suisse. Genf 21965.
  • 47214 Senn, Alfred Erich: The Russian Revolution in Switzerland, 1914-1917. Madison 1971.
  • 59198 Solschenizyn, Alexander: Lenin in Zürich. Bern 1977.
16. März 2016Christian Koller zurück