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Pin des Netzwerks der Sans-Papiers-Kollektive, um 2000 (Signatur: F Ob-0003-175)
Pin des Netzwerks der Sans-Papiers-Kollektive, um 2000 (Signatur: F Ob-0003-175)

SozArch QS 22.5 *1: Die Bewegung der Sans-Papiers

Seit den späten 1980er Jahren wurden das schweizerische Asyl- und Ausländergesetz mehrfach verschärft, die Initiativen und Abstimmungen zu Migrationsgesetzen folgten einander auf dem Fuss. In den späten 1990er Jahren begann sich eine Gegenbewegung zu formieren, welche mit dem Claim „kein mensch ist illegal“ den (partei)politisch geprägten Gesetzesdiskussionen das Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit entgegenhielt. Der Status der „Papierlosigkeit“ – ein umstrittenes, im Asylverfahren oft erschwerendes Handicap – wurde von ihr als Stigmatisierung der Grenzregime Europas und der Schweiz interpretiert und gab einer heterogen zusammengesetzten Solidaritätsbewegung ihren Namen. Im entstehenden Netzwerk verschiedener Kollektive waren und sind sowohl direkt Betroffene als auch verschiedenste politisch engagierte Personenkreise vertreten – von kirchennahen Organisationen bis zu Exponenten aus der Hausbesetzerszene. In Konsequenz der ernüchternden Abstimmungsergebnisse zum Asyl- und Ausländergesetz vom 24.9.2006 und der damit erschwerten Lebensbedingungen von Papierlosen trat die Zürcher Sans-Papiers-Bewegung im Winter 2008/09 mit der Besetzung der Predigerkirche bzw. der Kirche St. Jakob medienwirksam in Erscheinung – allerdings ohne Erfolg für eine kollektive Regelung des Aufenthaltsstatus. Die Forderung nach „kollektiver Legalisierung“ wurde nach 2008 von einer erneuerten „Bleiberechtsbewegung“ in ein „bleiberecht für alle“ umformuliert.

Klassifikationen, die zur thematischen Erschliessung von Dokumentationsbeständen dienen, sind konservative Instrumente. Neue Phänomene werden vorerst in bereits bekannte und erprobte Kategorien einsortiert, vieles verschwindet ja auch so schnell wieder, wie es aufgetaucht ist.
Seit die Sans-Papiers-Bewegung mit ihrer Kritik an der behördlichen Politik der Einzelfallverfahren („Härtefallregelung“, ab 2001) und mit ihrer Forderung der „kollektiven Regularisierung“ an die Öffentlichkeit getreten ist, sind nun aber bald zwanzig Jahre vergangen. Inzwischen haben sich institutionalisierte und professionalisierte Organisationsformen herausgebildet wie die Sans-Papiers-Anlaufstellen (z.B. die SPAZ in Zürich, ab 2005) oder die Autonome Schule Zürich (ASZ), es wurden nationale Kampagnen organisiert („Keine Hausarbeiterin ist illegal“, 2012 bis 2014) und Bücher zum Thema verfasst („Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung“, Zürich 2012). Die Thematik ist sowohl in den Medien als auch in der wissenschaftlichen Forschung angekommen. Die Tatsache, dass nicht zuletzt die vielen weiblichen Sans-Papiers-Arbeitskräfte relevant sind für das Funktionieren der schweizerischen Wirtschaft, indem sie – fast unsichtbar und dementsprechend ungeregelt – in zahlreichen Privathaushalten traditionelle Frauenarbeit erledigen, hat nicht zuletzt auch die Gewerkschaften zu interessieren begonnen („Sans-Papiers – du hast Rechte!“, 2012). Eine befriedigende Praxis für die Regelung des Aufenthaltsstatus‘ von Sans-Papiers ist allerdings noch immer nicht in Sicht, die Diskussion wird weitergehen.

Höchste Zeit für die Abteilung Dokumentation im Sozialarchiv, den Benutzenden mit dem neu eröffneten Sonderdossier „22.5 *1 Sans-Papiers“ einen direkten, bequemen Zugang zu den Broschüren und Flugblättern zum Thema zu verschaffen.

Weiteres Material zu „Sans-Papiers“ im Sozialarchiv:

Bibliothek:

  • D 5878: Informationsbulletin der Zürcher Sans-Papiers-Anlaufstelle
  • K 1132: Jahresbericht der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich
  • K 1115: Jahresbericht des Vereins Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers
  • K 1140: Jahresbericht des Vereins „Hausarbeit aufwerten – Sans-Papiers regularisieren“
  • 128823: Neva Löw: Wir leben hier und wir bleiben hier! Die Sans Papiers im Kampf um ihre Rechte. Münster, 2013.
  • 128224: Pierre-Alain Niklaus: Nicht gerufen und doch gefragt. Sans-Papiers in Schweizer Haushalten. Basel, 2013.
  • 126717: Alex Knoll, Sarah Schilliger, Bea Schwager: Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung. Zürich, 2012.
  • Gr 12782: Sans-Papiers in der Schweiz. Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen EKM. Bern-Wabern, 2011.
  • Gr 12773: Eva-Marie Prim: Sans-Papiers in der Schweiz. Bedeutung eines Aufenthalts ohne Bewilligung und die daraus resultierenden Aufgaben für die Soziale Arbeit. Zürich (Bachelorarbeit), 2011.
  • Gr 12625: Denise Efionayi-Mäder, Silvia Schönenberger, Ilka Steiner: Leben als Sans-Papiers in der Schweiz. Entwicklungen 2000-2010. Bern-Wabern (Eidgenössische Kommission für Migrationsfragen EKM), 2010.
  • Gr 12228: Andrea Traber: Illegal – aber nicht egal! Eine Analyse zur aktuellen Lebenssituation der Sans-Papiers in der Schweiz. Zürich, 2008.

Archiv:

  • Ar 86.60.2: Gruppe Schweiz Philippinen GSP:
    Migration: Mappe 1: Arbeitsgemeinschaft „Sans-Papiers“ 1997-1998
  • Ar 476.21.13: Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich GBKZ:
    Kampagne Sans-Papiers 1999-2001
15. März 2016Ulrike Schelling zurück