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Digitales Sozialarchiv: Archivierung der Corona-Krise

Ende April 2020 erschien in verschiedenen schweizerischen, französischen, belgischen und luxemburgischen Medien der von über 150 HistorikerInnen, SoziologInnen und ArchivarInnen unterzeichnete Aufruf „Pour une mémoire ordinaire de l’extraordinaire“ (Myriam Piguet/Caroline Montebello: Covid-19: Pour une mémoire ordinaire de l’extraordinaire, in: Libération, 25.8.2020). Er plädiert dafür, die globale Corona-Krise nicht nur aus der Perspektive der politischen Eliten und des sensationellen Ereignisses zu archivieren, sondern für die zukünftige Forschung und Erinnerung auch die vielfältigen alltagsgeschichtlichen Aspekte, die „vies minuscules“ zu überliefern. Inzwischen befinden sich in verschiedenen Ländern Corona-Archive im Aufbau, die Material über gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, kulturelle, psychologische und mediale Aspekte der Pandemie sammeln und der Nachwelt erhalten (vgl. „Coronarchiv“ in Wikipedia).

In der Schweiz ist das Sozialarchiv entsprechend seinem Sammelauftrag an diesen Aktivitäten führend beteiligt (vgl. SozialarchivInfo 2/2020). So partizipiert es am Projekt corona-memory.ch, das Bilder, Texte, Videos und Posts von unterschiedlichen Social-Media-Kanälen zur Corona-Krise in der Schweiz zusammenzuträgt und archiviert. Das Archiv unter dem Lead der Digital Humanities der Universität Bern, des Geschichtsfachportals Infoclio und des Istituto di media e giornalismo der Università della Svizzera italiana ist partizipativ angelegt. Die mit OMEKA-S erstellte Oberfläche erlaubt es, Beiträge hochzuladen, auf externe Blogs, Tweets und Posts zu verlinken und die metadatierten Beiträge anderer zu recherchieren und anzuschauen. So können Geschichten, Erinnerungen und individuelle Erfahrungen in Form von Videos, Bildern, Audios, schriftlichen oder akustischen Nachrichten mit der Mitwelt geteilt und der Nachwelt erhalten werden. Die dabei entstehenden Daten werden vom Sozialarchiv und vom Schweizerischen Bundesarchiv längerfristig aufbewahrt. Corona-memory.ch leistet damit nicht nur einen wichtigen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis der Corona-Krise, sondern es ist auch ein konzeptueller und technischer Prototyp für die in der Archivwelt zurzeit intensiv diskutierte Archivierung von Social Media.

Unter den bereits mehreren Hundert Beiträgen finden sich Fotografien von leeren Plätzen und Universitäten, Bilder von Abstandsmarkierungen, geschlossenen Geschäften und gesperrten Landesgrenzen, Kinderzeichnungen und Karikaturen, Schnappschüsse von Home Schooling und universitärer Fernlehre, aber auch erschütternde Texte älterer Menschen zur Isolationserfahrung während der Besuchsverbote sowie zum Sterben in Corona-Zeiten. Links zu externen Blogs und Tweets vervollständigen das vielfältige Panorama ganz unterschiedlicher Corona-Erfahrungen.

Neben diesen alltagshistorischen Quellen der „digital citizens“ sind aber auch die Stellungnahmen der politischen Parteien, Verbände, Interessenorganisationen und Think-Tanks wichtige Dokumente für die zukünftige Erinnerung an die Corona-Krise in einer pluralistischen Gesellschaft. In der Sammlung „Digitaler Schriften“ der Sachdokumentation des Sozialarchivs sind ins Dossier „Krankheiten“ bis zum 1. Juli 2020 nicht weniger als 122 Dokumente zu COVID-19 eingegangen. Der wirtschaftspolitische Think-Tank Avenir Suisse publizierte von März bis Juni 2020 7 „Analysen“ zu wirtschaftlichen Aspekten der Corona-Krise und auch das Liberale Institut veröffentlichte 6 „Papers“ zu marktwirtschaftlichen Antworten auf die Pandemie. Die „Schweizerzeit“ schrieb vom „1. April im Bundesamt für Gesundheit“ und warnte unter Bezugnahme auf den postmodernen Philosophen Giorgio Agamben vor einer „Verschwörung der Regierenden“ mit „medizinischem Terror“ als Instrument. Die politischen Parteien versuchten ihre Positionspapiere mit Titeln zu versehen, die den eigenen Markenkern betonen. So war die SP „Solidarisch gegen die Krise“, während die SVP den „Schutz der Bevölkerung unter Minimierung der wirtschaftlichen Schäden“ forderte. Die Alternative Liste proklamierte mit Georg Büchner „Friede den Hütten!!“, die Grünliberalen setzten gut digital den Hashtag „#SmartRestart“ auf die Agenda.

Nicht nur Parteien, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften stellten „Forderungen“ und entwarfen „Strategien“ oder „Pläne“, auch diverse NGOs wie Solinetz, die Schweizerische Flüchtlingshilfe, Amnesty International, Solidarité sans Frontières oder Caritas platzierten ihre Begehren, wie die gesellschaftlich Vulnerabelsten und von der Krise am härtesten Getroffenen zu unterstützen seien, mit „Positionspapieren“ und „Offenen Briefen“ im öffentlichen Diskurs. Greenpeace Schweiz formulierte ein „Impulsprogramm“ und die Klimastreikbewegung einen „Krisen-Aktions-Plan“, damit beim wirtschaftlichen Reset die klima- und energiepolitischen Weichen richtig gestellt würden. Die Frauen hielten ebenfalls nicht hinter dem Berg – fielen doch der Internationale Frauentag am 8. März und der Frauenstreiktag am 14. Juni in die Phasen der „Besonderen“ und der „Ausserordentlichen Lage“, die mit einem weitgehenden Versammlungsverbot verbunden waren. Frauen sind in den seit der Corona-Pandemie als „systemrelevant“ eingestuften Berufen überdurchschnittlich vertreten. Schliesslich sind vom Obst-, Gastro- und Coiffureverband über den Detailhandel bis zur Kulturlobby und der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz „Offene Briefe“, „Merkblätter“, „Weisungen“ und „Schutzkonzepte“ in der Sachdokumentation für die Nachwelt archiviert. Auch die verschiedenen Versionen des BAG-Plakats „So schützen wir uns“ fehlen natürlich in der Sammlung nicht.

„Mit Kraft aus der Krise“ lautet der Claim der FDP, „Mit bewährten Stärken zurück zum Erfolg“ das „8-Punkte-Programm“ von Economiesuisse. – „Quellen für die Zukunft“ und „So schützen wir uns – gegen das Vergessen“ lautet die Devise im Schweizerischen Sozialarchiv.

11. Juli 2020Christian Koller, Ulrike Schelling zurück