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Demoflyer, Zürich, 21.6.2014
Demoflyer, Zürich, 21.6.2014

SozArch QS 94.8 *G: Gentrifizierung, Stadtteilaufwertung

Der […] Begriff „gentrification“ wurde 1964 von der britischen Stadtsoziologin Ruth Glass zur Kennzeichnung des Sachverhalts verwendet, dass Mittelschichtfamilien in den ursprünglich vor allem von Arbeitern bewohnten Londoner Stadtteil Islington zugezogen waren und den Stadtteil dadurch in seiner sozialen Struktur signifikant verändert hatten. Sie sah dabei eine Analogie zu Vorgängen im 18. Jahrhundert, als Teile des niederen Adels (Gentry) vom Rand der Städte zurück in die Zentren zogen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gentrifizierung)

Das Phänomen der Gentrifizierung ist also nicht vollkommen neu. Der seit den 1990er Jahren in vielen Städten zu beobachtende Prozess lässt sich zusammenfassend so beschreiben: „Pioniere“ werten preisgünstige ältere Stadtteile oder ehemalige Industrieareale in Innenstadtnähe auf und verhelfen ihnen zu neuer Lebendigkeit. Mit bescheidenen Mitteln eröffnen sie alternative Betriebe wie Cafés und Bars, Kulturtreffs und Konzertlokale, Läden und kleinere Werkstätten. Den Pionieren folgen nach einer gewissen Zeit die sogenannten „Gentrifier“, welche den attraktiv gewordenen Stadtraum als Bühne zur Selbstdarstellung und als Revier für Konsummöglichkeiten abseits vom Mainstream nutzen. Dadurch werden Investoren und Immobiliengesellschaften auf den städtischen Standort aufmerksam und werten den Stadtteil weiter auf, indem sie Häuser sanieren und hochwertigen Wohnraum erstellen. Dies lockt eine einkommensstarke Bewohnerschaft und Klientel in die jeweiligen Quartiere, was die Eröffnung von hochpreisigen Geschäften sowie die Ansiedlung multinationaler Firmen nach sich zieht. In der Folge wird das Quartier zum „Trendquartier“, was die Mietpreise in die Höhe treibt. Grosse Teile der alteingesessenen Bewohner/innen  und der Pioniere können sich das Leben in dem Stadtteil nicht mehr leisten und müssen schliesslich wegziehen.

Gegen diese aggressive Form der Aufwertung unter kommerziellen Vorzeichen, die zur Verdrängung breiter Bevölkerungssegmente aus ganzen Stadtteilen führt, wenden sich seit den 1990er Jahren zahlreiche Protestbewegungen. Im gleichen Zusammenhang stehen das Aufbegehren gegen Wohnungsnot (Dossier 94.0 *W  Wohnungsmarkt) und die – oft illegale – Besetzung noch leerstehender Liegenschaften bzw. der Widerstand gegen die erzwungene Räumung derselben (Dossier 94.5 *21 Häuserkampf, Hausbesetzungen). Der aktivistische Einspruch richtet sich dabei auch gegen die zunehmende Privatisierung von öffentlichem Raum, gegen vermehrte Kontrolle und die Wegweisung unliebsamer Personen durch die Polizei zum Schutz einer für Konsumenten hergerichteten urbanen Wohlfühlumgebung.

In Zürich weisen vor allem die Stadtkreise 4 und 5 (Aussersihl) sowie im Kreis 8 das Seefeld Merkmale von Gentrifizierung auf, aber auch andere Schweizer Städte (z.B. das Lorraine-Quartier in Bern) und insbesondere Stadtbezirke in internationalen Metropolen wie Berlin, London, Istanbul, Chicago oder Mexico Stadt sind von umwälzenden Gentrifizierungsprozessen betroffen.

Die in der Dokumentation des Sozialarchivs vorhandenen Broschüren und Flugschriften zum Thema „Gentrifizierung“ wurden nun in einem neuen Sonderdossier 94.8 *G Gentrifizierung, Stadtteilaufwertung zusammengefasst, um den Benutzenden einen direkten Zugang zu ermöglichen. Dokumente zu den allgemeineren Themen Städtebau, Stadtentwicklung, Urbanität sind wie bisher im Dossier 94.8 zu finden.

Ulrike Schelling und Rahel Wagner (Praktikantin)

 

Weiteres Material zum Thema „Gentrifizierung“ im Sozialarchiv:

Bibliothek:

  • 95951 Jörg Blasius: Gentrification und Lebensstile. Eine empirische Untersuchung. Wiesbaden, 1993.
  • 95952 Monika Alisch: Frauen und Gentrification. Der Einfluss von Frauen auf die Konkurrenz um den innerstädtischen Wohnraum. Wiesbaden, 1993.
  • 98080 Wilhelm Falk: Städtische Quartiere und Aufwertung. Wo ist Gentrification möglich? Basel, 1994.
  • 103667 StadtRat: Umkämpfte Räume. Hamburg, 1998.
  • 116832 Tomas Stahel: Wo-Wo-Wonige. Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968. Zürich, 2006.
  • 122952 Andrej Holm: Wir bleiben alle! Gentrifizierung – städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung. Münster, 2010.
  • 123313 Christoph Twickel: Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle. Hamburg, 2010.
  • 124694 Thomas Dörfler: Gentrification in Prenzlauer Berg? Milieuwandel eines Berliner Sozialraums seit 1989. Bielefeld, 2010.
  • 126101 Maren Harnack: Rückkehr der Wohnmaschinen. Sozialer Wohnungsbau und Gentrifizierung in London. Bielefeld, 2012.
  • 129442 Katharina Bröcker: Metropolen im Wandel. Gentrification in Berlin und Paris. Darmstadt, 2013.
  • 130453 Florian J. Huber: Stadtviertel im Gentrifizierungsprozess. Aufwertung und Verdrängung in Wien, Chicago und Mexico Stadt. Wien, 2013.
  • [erwartet] Gentrifizierung. Theorien und Forschungsergebnisse. Leverkusen, 2015.

Archiv:

  • Ar 455 Dokumentation Wo-Wo-Wonige. Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968. 1971-2006.
  • Ar 539.10.9a Publikationen zur Entwicklung Zürich-West. 1993-2013.

Archiv Bild + Ton:

  • F 5038 Wo-Wo-Wonige!: Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968
13. Mai 2016 zurück