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Buchempfehlungen der Bibliothek

Martin Stotzer: … und draussen herrschte Krieg – von Alltag und Allnacht in Büren an der Aare während des Zweiten Weltkriegs. Zürich, 2016

Das Interniertenlager in Büren an der Aare hat seinen Platz in der Geschichtsschreibung gefunden, weniger oder gar nicht bekannt sind der Alltag, die Nöte und Freuden der Menschen der bernischen Kleinstadt in jener schwierigen Zeit. Das Buch trägt dazu bei, diese Lücke zu schliessen, zu einem grossen Teil aus dem Erinnerungsschatz des Autors.
Als Kind eines Vaters, der in der Gemeinde über Jahrzehnte eine Fülle von Ämtern versah und sich in mannigfacher Weise in das Gemeinwesen einzubringen wusste, erhielt der Autor als Jugendlicher Einblick in viele Bereiche des kleinstädtischen Lebens. Dieses war stark geprägt vom Interniertenlager, in welchem Polen, Russen, Juden und Italiener untergebracht waren. Auch im Elternhaus Stotzer gingen Internierte ein und aus.
Arbeitslosigkeit, Rationierung, Kriegswirtschaft und Kriegsangst, der Alltag unter Kriegsrecht, die Hilfe der Bevölkerung an die Internierten, aber auch Vergnügungen und ein vielfältiges Vereinsleben fügen sich in den Erinnerungen des Autors zusammen. Auszüge aus Gesprächen mit Bürener Zeitzeugen und Zeitzeuginnen bereichern das kleinstädtische Panorama, ebenso eine Vielfalt von Dokumenten und Fotografien.

Ben Judah: This is London – Life and Death in the World City. London, 2016

Über ein Drittel der Londoner Bevölkerung wurde im Ausland geboren, die Hälfte davon lebt erst seit dem Jahr 2000 in der britischen Hauptstadt. Der Journalist und Auslandkorrespondent Ben Judah begibt sich auf die Spur der Migranten in der Metropole, die abseits von Luxus und Glanz oft ein Schattendasein fristen. Judah nächtigt etwa mit rumänischen Obdachlosen in armseligen Absteigen oder auf der Strasse und begleitet Bettler und Prostituierte in ihrem Alltag. Ebenfalls zeigt er die Welt von philippinischen Dienstmädchen in den noblen Quartieren, besucht eine arabische Prinzessin in ihrem goldenen Käfig, spricht mit einem Psychiater über die oft psychotischen Patienten von der Strasse oder lässt einen Polizisten dessen eigene Migrationsgeschichte aus Nigeria erzählen.
Judahs in dokumentarisch-literarischem Stil abgefasster Bericht wird begleitet von Fotografien in Schwarzweiss. Ihm gelingt mit „This is London“ ein aufrüttelndes, ungeschöntes Porträt der Stadt aus bislang vernachlässigten Perspektiven.

Franziska Kuschel: Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser – die DDR und die Westmedien. Göttingen, 2016

Die DDR konnte sich nur in geringem Mass gegen die westlichen Medien abschotten. Somit entstand im Arbeiter-und-Bauern-Staat eine komplexe Mediengesellschaft, die Radio und Fernsehen, aber auch Publikationen aus zwei Systemen konsumierte und damit alltäglich die SED-Diktatur herausforderte. Franziska Kuschel untersucht in ihrer Dissertation zum einen die Strategien des Staates, den Konsum westlicher Medien zu verhindern oder wenigstens zu kontrollieren und einzudämmen, was vor allem in den 1950er und 1960er Jahren die Kriminalisierung der sogenannten „geistigen Grenzgänger“ mit einschloss. Zum anderen nimmt sie Strategien der Mediennutzer, diesem Druck zu begegnen und auszuweichen, unter die Lupe. Erstmals wird so das Wechselverhältnis zwischen staatlicher Kontrolle und der eigensinnigen Aneignung der Medien analysiert.

16. September 2016Susanne Brügger zurück