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Vor 50 Jahren: Der Prager Frühling und die Schweiz

Im Februar 1968 brachten verschiedene Schweizer Tageszeitungen unterschiedlicher politischer Ausrichtung in rascher Folge Artikel mit beinahe gleichlautenden Titeln: «Freiere Luft in der Tschechoslowakei» (Volksrecht, 15.2.1968), «Der neue Wind in Prag» (Neue Zürcher Zeitung, 16.2.1968), «Ein neuer Wind weht durch die Tschechoslowakei» (Tages-Anzeiger, 20.2.1968). Sie alle nahmen Bezug auf den Beginn der Reformpolitik in einem kommunistischen Land, die hoffnungsvoll begann, aber bereits nach einem halben Jahr gewaltsam unterdrückt wurde. Zu Beginn der 60er Jahre hatte sich die Tschechoslowakei in einer tiefen Krise befunden, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Der anfängliche Goodwill gegenüber der Sowjetunion als Befreierin von 1945 war seit dem kommunistischen Staatsstreich von 1948 und der folgenden Phase stalinistischer Herrschaftsausübung fast ins Bodenlose gesunken. Innerhalb und ausserhalb der Kommunistischen Partei wurden Rufe nach Reformen laut. 1963 bildete sich unter Leitung des Ökonomen Ota Šik, Leiter des Wirtschaftsinstituts an der Prager Akademie der Wissenschaften und Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, eine Reformbewegung, die auf eine grundlegende Erneuerung der bürokratisch-zentralistischen Planwirtschaft drängte. Šik schlug eine «sozialistische Marktwirtschaft» mit Arbeiterselbstverwaltung in den Staatsbetrieben, privaten Kleinunternehmen und einem Ende der staatlich administrierten Preisbildung vor. Parallel zu dieser technokratischen entwickelte sich auch eine intellektuelle Opposition, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre in ihrer Kritik immer radikaler wurde. Im Oktober 1967 kam es zu Studentenprotesten gegen die Zustände in den Wohnheimen, die gewaltsam aufgelöst wurden.

Im Januar 1968 fanden im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei scharfe Auseinandersetzungen zwischen dem orthodoxen Flügel um Staats- und Parteichef Antonín Novotný und den Reformern statt. Novotný wurde als Parteichef vom reformerischen Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Slowakei, Alexander Dubček, abgelöst und behielt lediglich das faktisch unbedeutende Amt des Staatspräsidenten. Dubček leitete eine zunächst aus Rücksicht auf Kritik aus den anderen Ostblockstaaten recht vorsichtige Reformpolitik ein, die aber bald an Schwung gewann und von den westlichen Medien das Label «Prager Frühling» verpasst bekam. Ota Šik wurde Leiter des Wirtschaftsausschusses, zugleich bemühte sich Dubček um eine Reform der Bundesverfassung und mehr Selbstverwaltungsrechte für die Slowakei. Das am 5. April 1968 vorgestellte Aktionsprogramm kündigte Wirtschaftsreformen, Meinungs-, Informations- und Reisefreiheit, eine Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit, insbesondere der Schauprozesse der frühen 50er Jahre, und eine allgemeine Neuausrichtung der Rolle der Kommunistischen Partei in der Gesellschaft an. Im Westen wurden diese Vorhaben auf die Formel «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» gebracht.

Die reformkommunistische Regierung lavierte zwischen zunehmendem Druck aus der Gesellschaft zur Beschleunigung des Umbaus und dem Bemühen, die Sowjetunion und die anderen Ostblockstaaten nicht zu brüskieren. So wurde etwa betont, das sozialistische System und die Mitgliedschaft der Tschechoslowakei im Warschauer Pakt stünden grundsätzlich nicht zur Disposition. Bei einer Umfrage im Juli sprachen sich 89% der tschechoslowakischen Bevölkerung für eine Beibehaltung des Sozialismus aus, allerdings in einer demokratisierten Form, und lediglich 7% der Bevölkerung zeigten sich unzufrieden mit der Regierung Dubček. Sehr ungelegen kam der Regierung das am 27. Juni veröffentlichte «Manifest der 2000 Worte», welches von zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern unterzeichnet worden war und nachdrücklich eine Beschleunigung des Reformprozesses forderte. Die sowjetische Führung betrachtete diese Initiative als eine konterrevolutionäre Plattform und erhöhte im Juli ihren Druck auf die tschechoslowakischen Reformkommunisten massiv.

Bereits im Mai und Juni hatten die «Warschauer Fünf», die Regierungen der Sowjetunion, Bulgariens, Ungarns, Polens und der DDR, auf mehreren Treffen ihre Politik gegenüber der Prager Reformregierung beraten. Antonín Novotný, der am 22. März auch zum Rücktritt als Staatspräsident gezwungen und im Juni aus dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ausgestossen worden war, behauptete bei zwei Besuchen in Moskau, die Regierung Dubček stehe kurz davor, das Machtmonopol der Kommunisten aufzugeben. Am 3. August fand in Bratislava eine Zusammenkunft zwischen der Regierung der Tschechoslowakei und den «Warschauer Fünf» statt. Das dabei verabschiedete Abschlusskommuniqué räumte den einzelnen Bruderländern nationale Souveränität auf ihrem Weg zum Sozialismus ein und wurde von der Tschechoslowakei deshalb als Zeichen der Entspannung gedeutet. Nach dem Treffen intensivierte die Sowjetunion aber die laufenden Vorbereitungen für eine militärische Intervention. Die orthodoxen Kommunisten der Tschechoslowakei hatten die Konferenz in Bratislava dazu genutzt, dem sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew den sogenannten «Einladungsbrief» zukommen zu lassen, mit dem sie um eine Intervention zur Verhinderung einer «Konterrevolution» baten.

In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten etwa eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei ein und besetzten innerhalb von wenigen Stunden alle strategisch wichtigen Positionen des Landes. Die DDR, deren Regierung zuvor die sowjetische Führung zu einem militärischen Vorgehen gedrängt hatte, hielt sich zurück, um keine Erinnerungen an die deutsche Besatzung zwischen 1938 und 1945 aufkommen zu lassen. Von den Mitgliedern des Warschauer Pakts verurteilte Rumänien die Intervention scharf und Albanien erklärte am 5. September seinen Austritt aus dem Militärbündnis. Beim Einmarsch gab es 98 zivile Todesopfer; ausserdem starben etwa 50 Soldaten der Invasionstruppen. Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei beschloss, der Invasion keinen militärischen Widerstand entgegenzusetzen, und rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Dennoch kam es zu vereinzelten Auseinandersetzungen zwischen der Zivilbevölkerung und den Invasoren. Wichtiger war aber der gewaltfreie Widerstand: Ortstafeln und Strassenschilder wurden abmontiert oder verdreht, um die Invasionstruppen in die Irre zu leiten, Eisenbahner leiteten Nachschubzüge der Roten Armee auf Abstellgeleise und Tausende improvisierter Plakate riefen in den Städten zu passivem Widerstand auf und verspotteten die Invasoren. Neben dem offiziellen Rundfunk, der auf Sendung blieb, informierten verschiedene Piratensender sowie das österreichische Radio die Bevölkerung über die Ereignisse.

Dubček und andere hochrangige Regierungsmitglieder wurden festgenommen und nach Moskau gebracht. Aufgrund des geschlossenen Widerstands der Bevölkerung konnte der sowjetische Plan, den Einmarsch als Antwort auf einen Hilferuf der Kommunistischen Partei darzustellen und eine neue Regierung aus orthodoxen Kommunisten zu präsentieren, aber nicht umgesetzt werden. Während der ersten Tage der Besatzung fand sogar noch eine ausserordentliche Sitzung der Nationalversammlung der Tschechoslowakei statt, die den Einmarsch verurteilte und die Regierung Dubček im Amt bestätigte. Am 23. August wurde Staatspräsident Ludvík Svoboda offiziell zu Verhandlungen nach Moskau zitiert, an denen auf seine Forderung hin auch die in Haft gehaltenen Regierungsmitglieder um Dubček teilnahmen. Das drei Tage später verabschiedete Moskauer Protokoll enthielt eine Aufhebung fast aller Reformen. Dubček wurde vorerst in seinen Ämtern belassen und durfte nach Prag zurückkehren, wo er begeistert empfangen wurde. Bald wurde aber klar, dass der Prager Frühling vorbei war. Am 16. Januar 1969 verbrannte sich der Student Jan Palach aus Protest auf dem Prager Wenzelsplatz. Einen Monat später folgte ihm dort auch Jan Zají. Wegen der Zerschlagung des Prager Frühlings verliessen Zehntausende die Tschechoslowakei. Allein nach Österreich flüchteten rund 96’000 Menschen, weitere 66’000 AuslandsurlauberInnen kehrten vorerst nicht in die Tschechoslowakei zurück. 50’000 bis 60’000 blieben dauerhaft im Westen.

Das endgültige Ende kam nach der Eishockey-Weltmeisterschaft vom März 1969, die aufgrund der angespannten Lage kurzfristig von Prag nach Stockholm verlegt worden war. Dort kam es gleich zu zwei Aufeinandertreffen zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion. Für das erste Spiel klebten die meisten tschechoslowakischen Spieler den kommunistischen Stern auf ihren Trikots ab. Das schwedische Publikum sympathisierte lautstark mit ihnen, rief «Dubček! Dubček!» und skandierte antisowjetische Parolen. Die Partie endete mit einem 2 : 0-Sieg der Tschechoslowakei, was beim sowjetischen Trainer eine leichte Herzattacke auslöste. Nach der Partie verweigerten die tschechoslowakischen Spieler den Sowjets den traditionellen Händedruck. Löste bereits dieser Sieg in der Heimat Euphorie aus, in die sich politische Töne mischten, so war dies umso mehr der Fall, als die Tschechoslowakei in der zweiten Begegnung mit der Sowjetunion abermals gewann, dieses Mal mit 4 : 3. In Prag gingen nach dem Schlusspfiff etwa eine halbe Million Menschen auf die Strassen, es kam zu Kämpfen mit der Polizei und zum Sturm auf das Büro der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot. Auch in zahlreichen anderen Städten des Landes ereigneten sich Massenkundgebungen und Übergriffe auf sowjetische Einrichtungen.

Schliesslich sollte die Sowjetunion die Eishockey-Weltmeisterschaft doch noch gewinnen. Nach dem entscheidenden Spiel fiel bei der Siegerehrung im tschechischen Fernsehen just beim Abspielen der sowjetischen Hymne der Ton aus und als die sowjetische Fahne ins Blickfeld kam, verschwand auch das Bild. Die Vorfälle rund um diesen Sportanlass gaben der sowjetischen Führung und den reformfeindlichen Kräften unter den tschechoslowakischen Kommunisten den Vorwand, die letzten Reste des Prager Frühlings zu beseitigen. Am 17. April 1969 musste Dubček als Parteichef zurücktreten und übernahm bis September 1969 den Vorsitz der Nationalversammlung. Darauf war er für kurze Zeit Botschafter in der Türkei. Im Juni 1970 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und arbeitete fortan als Inspektor bei der Forstverwaltung von Bratislava, bis er 1989 während der «samtenen Revolution» nochmals kurz ins politische Leben zurückkehrte.

In der Schweiz erschien der Einmarsch in die Tschechoslowakei vielen als ein Déjà-vu der Vorgänge, die sich zwölf Jahre zuvor in Ungarn abgespielt hatten (vgl. SozialarchivInfo 5/2016). Auch die unmittelbaren Reaktionen in der Schweiz glichen denjenigen während der Ungarnkrise: Es gab Protestaktionen vor der sowjetischen Botschaft in Bern, Kundgebungen in allen grösseren Städten und Stimmen, die einen Abbruch der Beziehungen zur Sowjetunion forderten. Wie am 20. November 1956 wurde am 23. August 1968 eine Schweigeminute abgehalten, bei der im ganzen Land die Kirchenglocken läuteten. Der Bundesrat drückte seine Betroffenheit und sein Mitgefühl mit den Opfern aus, wurde teilweise indessen dafür kritisiert, nicht schärfer reagiert zu haben. Zum Spengler-Cup im Dezember 1968 wurde kein sowjetisches Team eingeladen; der Sieg ging an den tschechoslowakischen Vertreter Dukla Jihlava. Ein Zürcher Kino setzte aus Russophobie sogar den Film «Anna Karenina» von seinem Spielplan ab. Die Presseberichterstattung zog Parallelen sowohl mit dem Einmarsch in Ungarn von 1956 als auch mit der nazideutschen «Zerschlagung der Rest-Tschechei» von 1939.

Die Empörung war aber weniger nachhaltig als zwölf Jahre zuvor während der Ungarnkrise. So war beispielsweise bereits am Spengler-Cup 1969 auch Lokomotive Moskau wieder mit dabei und die Verteilung des «Zivilverteidigungsbuches» an die Schweizer Haushalte im September 1969, das anhand einer fiktiven Geschichte den Widerstand im Falle der Invasion durch eine fremde Grossmacht thematisierte, stiess auf ein geteiltes Echo, das auch heftige Kritik einschloss. Zum einen reichte die Intervention von 1968 nicht an die Brutalität derjenigen von 1956 heran, als bei Kämpfen rund 2’500 Ungaren getötet worden waren und bei den anschliessenden «Säuberungen» etwa 350 Menschen hingerichtet wurden, unter ihnen Ministerpräsident Imre Nagy. Zum anderen hatte sich die bipolare Weltsicht aufgelockert und gab es im Umfeld von «68» auch heftige Kritik an der amerikanischen Intervention im Vietnam sowie an den Zuständen im eigenen Land. Hinzu kam drittens ein gewisser Gewöhnungseffekt an derlei Aktionen von Grossmachtpolitik im Kalten Krieg.

Im Unterschied zu 1956, als sich die politischen Kräfte von der SP bis zum rechten Rand des Bürgertums in einer einhelligen Frontstellung gegen die PdA, die den Einmarsch in Ungarn verteidigt hatte, befanden, gab es 1968 auch Kritik am sowjetischen Vorgehen von links aussen. Die beiden grössten kommunistischen Parteien Westeuropas, die französische und die italienische, verurteilten den Einmarsch offen. Komplizierter war die Lage bei der PdA. Deren Zentralsekretär Edgar Woog hatte im Frühjahr die Prager Reformpolitik mehrfach begrüsst. Nach dem Einmarsch gab es in Teilen der PdA-Presse und durch das Zentralkomitee Solidaritätsbekundungen mit der Tschechoslowakei, zugleich aber auch Warnungen vor einer antisowjetischen Kampagne. Sehr viel schärfer reagierte die «Junge Sektion» der PdA, die sich in Zürich ein paar Jahre zuvor gebildet hatte. Einer Erklärung der «Jungen Sektion», die einen offenen Bruch mit der KPdSU beinhaltete, wurde der Abdruck in der PdA-Presse verweigert und im folgenden Jahr erfolgte die Auflösung der «Jungen Sektion». Bereits am Abend des 21. August hatte die «Junge Sektion» auf dem Zürcher Bürkliplatz zusammen mit den Jungsozialisten und verschiedenen Gruppierungen der Neuen Linken eine Protestveranstaltung organisiert. Am folgenden Abend zogen die etablierten Kräfte der Stadt Zürich nach: Sämtliche politischen Parteien mit Ausnahme der PdA hielten eine Protestversammlung auf dem Münsterhof ab, zusätzlich gab es eine Demonstration der Zürcher Mittelschülerorganisationen sowie einen Fackelzug der Liberalen Studentenschaft.

Wie 1956 öffnete sich die Schweiz aber auch 1968 und in den folgenden Jahren den Flüchtlingen aus dem Ostblock. Bis Ende 1970 kamen knapp 12’000 Menschen aus der Tschechoslowakei in die Schweiz. Sie waren im Zeichen der Hochkonjunktur nicht zuletzt auch aus wirtschaftlichen Gründen willkommen, verfügten die meisten von ihnen doch über eine qualifizierte Ausbildung: 56% hatten einen Hochschulabschluss, 17% eine Matura und 26% verfügten über eine abgeschlossene Berufslehre. Schon am Tag des Einmarsches übermittelte das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement den Kantonen die Richtlinie, Touristen aus der Tschechoslowakei könnten auf Kosten des Bundes vorerst für drei Monate in der Schweiz bleiben und sich ein Asylgesuch überlegen, von dem sie damit rechnen könnten, dass es bewilligt werde. Gesuchen um Arbeitsvermittlung und Stellenantritt sei zu entsprechen, die Asylsuchenden von der Plafonierung ausländischer Arbeitskräfte ausgenommen. Zum grossen Erfolg wurde der Verkauf von Wimpeln in den tschechoslowakischen Landesfarben Blau-Weiss-Rot, dessen Erlös der Unterstützung von Flüchtlingen zugutekam. Ab Ende August wurde auch den tschechoslowakischen BürgerInnen, die an der Schweizer Grenze um Einreise ersuchten, die Aufenthaltsbewilligung erteilt. Bereits im Frühjahr 1969 wurden die Einreisebestimmungen aber sukzessive wieder verschärft.

Der prominenteste Flüchtling des Prager Frühlings in der Schweiz war Ota Šik. Als Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung war er 1940 verhaftet und ins Konzentrationslager Mauthausen eingewiesen worden, wo ihn erst 1945 amerikanische Truppen befreiten. Nach wirtschaftswissenschaftlichen Studien wurde er Mitte der 50er Jahre Professor für politische Ökonomie in Prag und im April 1968 als führender Wirtschaftsreformer stellvertretender Ministerpräsident. Im August 1968 hielt er sich in Belgrad auf, wo er die sowjetische Intervention verurteilte. Am 3. September wurde er seines Amtes enthoben. Danach bekleidete er vorübergehend den Posten eines Botschaftsrats in Belgrad, dann emigrierte er in die Schweiz. 1969 erfolgte sein Ausschluss aus der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und im folgenden Jahr wurde ihm die Staatsbürgerschaft entzogen. Ab 1970 lehrte Šik an der Hochschule St. Gallen, wo er von 1974 bis 1989 einen Lehrstuhl für Vergleich der Wirtschafssysteme innehatte. Er setzte seine Arbeiten über eine Verbindung von Plan- und Marktwirtschaft («Dritter Weg») fort und publizierte 1979 sein Hauptwerk «Humane Wirtschaftsdemokratie». Nach Beginn der Perestroika in der Sowjetunion hielt er 1987 im Schweizerischen Sozialarchiv ein Referat zum Vergleich der Wirtschaftsreformen Dubčeks und Gorbačevs. Ota Šiks Nachlass befindet sich heute im Sozialarchiv. Er umfasst 1.4 Laufmeter Akten, insbesondere Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Vortragsmanuskripte und Interviews aus den 70er und 80er Jahren.

Neben dem Šik-Nachlass verfügt das Sozialarchiv noch über einen zweiten wichtigen Quellenbestand zu Vorgeschichte, Verlauf und Folgen des Prager Frühlings: die Kleinschriftensammlung KVC in der Sachdokumentation. Aufgebaut wurde diese einmalige Sammlung von Miroslav Tuček, der Anfang der 50er Jahre während der Prager Schauprozesse seinen Dienst in der tschechoslowakischen Diplomatie quittiert und in der Schweiz Asyl erhalten hatte. Ab 1967 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter, von 1968 bis 1987 dann Vorsteher des Schweizerischen Sozialarchivs. Zugleich war er Vertreter des Verbandes tschechoslowakischer Vereine in der Schweiz und ab 1971 Sekretär der Tschechoslowakischen Sozialdemokratischen Partei im Exil. Dieses Beziehungsnetz ermöglichte den Aufbau einer Sammlung, die schliesslich 41 Schachteln und etwa 3 Laufmeter umfasste und die tschechoslowakische Zeitgeschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 80er Jahre abdeckt. Die Sammlung enthält Monografien, Bildbände, Broschüren, Reiseführer, Lehrbücher, Reiseberichte, Plakate, Flugblätter und Periodika mit breitem inhaltlichen Profil aus den Gebieten Geschichte, Innen- und Aussenpolitik, Verwaltung, Wirtschaft, Recht, Gesundheitswesen, Kultur und Wissenschaft auf Tschechisch, Slowakisch sowie in westeuropäischen Sprachen. Aus dem Themenbereich des Prager Frühlings zu erwähnen sind etwa ein Dossier mit Dokumenten des internationalen Echos auf die Ereignisse im August 1968, die Kopie einer Erklärung des Historischen Instituts der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften, die dem ZK der Kommunistischen Partei im Januar 1969 zugeschickt wurde, ein Dossier mit Plakaten, Flugblättern, Erklärungen, Aufrufen, Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, Kommentaren und Gedichten tschechoslowakischer und ausländischer Autoren, die 1968/69 im In- und Ausland publiziert wurden, oder Übersetzungen von Dokumenten der Bürgerrechtsbewegung Charta 77.

Materialien zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.150.3 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Aussenpolitik
  • Ar 20.971.108 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Internationales Arbeiterhilfswerk IAH: Korrespondenz 1958-1970
  • Ar 134 Nachlass Ota Šik
  • Ar 155.25.5 Nachlass Jost von Steiger: Drucksachen Ausland II
  • Ar 201.207.4 Kommunistische Partei der Schweiz/Marxisten-Leninisten: Arbeitskomitee „10 Jahre seit dem sowjetischen Überfall auf die Tschechoslowakei“, 1978
  • Ar 201.218 Arbeitsgemeinschaft Zürcher Manifest
  • Ar 579 Archiv Schweiz-Osteuropa

Archiv Bild + Ton

  • F 5093 Zürcher Manifest

Sachdokumentation

  • KS 335/403 Kommunistische Partei der Tschechoslowakei
  • QS 40.51 Internationale Blockbildung; Ost-West-Konflikt; Kalter Krieg
  • QS 47.2 Warschauer Pakt
  • QS 69.0 C Asylpolitik & Flüchtlingswesen in der Schweiz
  • QS 82.4 Osteuropäische Wirtschaftszusammenschlüsse
  • QS KVC Tschechoslowakei (CSSR): Allgemeines
  • QS KVC + Tschechoslowakei (CSSR): Geschichte
  • QS KVC 0 Tschechoslowakei (CSSR): Gesellschaft
  • QS KVC 1 Tschechoslowakei (CSSR): Kultur, Bildungswesen
  • QS KVC 2 Tschechoslowakei (CSSR): Recht, Verfassung, Verwaltung
  • QS KVC 3 Tschechoslowakei (CSSR): Innenpolitik
  • QS KVC 4 Tschechoslowakei (CSSR): Aussen- & Sicherheitspolitik
  • QS KVC 6 Tschechoslowakei (CSSR): Sozialpolitik, Soziale Hilfe, Gesundheitswesen
  • QS KVC 7 Tschechoslowakei (CSSR): Arbeit
  • QS KVC 8 Tschechoslowakei (CSSR): Wirtschaft
  • ZA 47.2 Warschauer Pakt
  • ZA 58.0 KVC Kommunismus, kommunistische Partei in der Tschechoslowakei
  • ZA 69.0 C *2 Asylpolitik & Flüchtlingswesen in der Schweiz: Allg.
  • ZA 82.4 Osteuropäische Wirtschaftszusammenschlüsse
  • ZA KVC Tschechoslowakei (CSSR)

Bibliothek

  • Banki, Christine und Christoph Späti: Ungaren, Tibeter, Tschechen und Slowaken: Bedingungen ihrer Akzeptanz in der Schweiz der Nachkriegszeit, in: Goehrke, Carsten und Werner G. Zimmermann (Hg.): «Zuflucht Schweiz»: Der Umgang mit Asylproblemen im 19. und 20. Jahrhundert. Zürich 1994, S. 369-415, 97808
  • Bartosek, Karel: Les aveux des archives: Prague-Paris-Prague: 1948-1968. Paris 1996, 101393
  • Bollinger, Stefan: Dritter Weg zwischen den Blöcken? Prager Frühling 1968: Hoffnung ohne Chance: Mit einem Anhang bisher nicht veröffentlichter Dokumente zur Haltung der SED-Führung zum Prager Frühling. Berlin 1995, Gr 8633
  • Crusius, R. et al. (Hg.): ČSSR: Fünf Jahre „Normalisierung“, 21.8.1968 – 21.8.1973: Dokumentation. Hamburg 1973, 50830
  • CSSR – Geist und Gewalt: Die intellektuelle Revolution, die sowjetische Intervention und die Okkupation der Tschechoslowakei. Jona 1968, 40507
  • Dubček, Alexander: Leben für die Freiheit. München 1993, 95630
  • Garaudy, Roger: La liberté en sursis: Prague 1968. Paris 1968, Bo 2180
  • Goëss, Franz und Manfred R. Beer: Prager Anschläge: Bilddokumente des gewaltlosen Widerstandes. Frankfurt/M 1968, 39244
  • Golan, Galia: Reform rule in Czechoslovakia: The Dubček Era 1968-1969. London 1973, 50616
  • Hofmann, Birgit: Der „Prager Frühling“ und der Westen: Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968. Göttingen 2015, 133341
  • Kanyar Becker, Helena (Hg.): Prager Frühling: Mythos und Realität: Erinnerungsbuch: 1968-2008. Basel 2008, Gr 12073
  • Kanyar Becker; Helena: Prager Frühling und die Schweiz, 1968-2008: Ausstellungsdokumentation. Basel 2014, Gr 13663
  • Karner, Stefan et al. (Hg.): Prager Frühling: Das internationale Krisenjahr 1968. Köln 2008, 120428: 1+2
  • Kohout, Pavel: Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs. Luzern 1969, 40208
  • Koller, Christian: Bibliotheksgeschichte als histoire croisée: Das Schweizerische Sozialarchiv und das Phänomen des Exils, in: Ball, Rafael und Stefan Wiederkehr (Hg.): Vernetztes Wissen – Online – Die Bibliothek als Managementaufgabe: Festschrift für Wolfram Neubauer zum 65. Geburtstag. Berlin 2015. S. 365-392, 132218
  • Koudelka, Josef: Invasion Prag 1968. München 2008, Gr 12026
  • Lotar, Peter (Hg.): Prager Frühling und Herbst im Zeugnis der Dichter: Tschechische Dichtung aus „Literárni Listy“ 1968. Bern 1969, 39670
  • Mlynář, Zdeněk (Hg.): Der „Prager Frühling“: Ein wissenschaftliches Symposion. Köln 1983, 75390
  • Pauer. Jan: Prag 1968: Der Einmarsch des Warschauer Paktes: Hintergründe – Planung – Durchführung. Bremen 1995, 99733
  • Pelikan, Jiri: Ein Frühling, der nie zu Ende geht: Erinnerungen eines Prager Kommunisten. Frankfurt/M 1976, 58283
  • Peschler, Eric A. (Hg.): Das kalte Paradies: Emigration – Integration – Konfrontation. Frauenfeld, 1972, 48742
  • Priess, Lutz et al.: Die SED und der „Prager Frühling“ 1968: Politik gegen einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Berlin 1996, 100010
  • Rendl, Renate: Die Integration der Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei in der Schweiz seit 1968, in: Bankowski, Monika et al. (Hg.): Asyl und Aufenthalt: Die Schweiz als Zuflucht und Wirkungsstätte von Slaven im 19. und 20. Jahrhundert. Basel 1994, S. 239-252, 97258
  • Rentsch, Lena: Die Junge Sektion der PdA Zürich und die PdA: Ein exemplarischer Konflikt zwischen der Neuen und der Alten Linken. Lizentiatsarbeit Universität Zürich 2014, Gr 13295
  • Röll, F. und G. Rosenberger: ČSSR: Dokumentation und Kritik. München 1968, 77154
  • Schneider, Eleonora: Prager Frühling und samtene Revolution: Soziale Bewegungen in Gesellschaften sowjetischen Typs am Beispiel der Tschechoslowakei. Aachen 1994, 99803
  • Segert, Dieter: Prager Frühling: Gespräche über eine europäische Erfahrung. Wien 2008, 119847
  • Šik, Ota: Fakten der tschechoslowakischen Wirtschaft. Wien 1969, 40344
  • Šik, Ota: Der Strukturwandel der Wirtschaftssysteme in den osteuropäischen Ländern. Zürich 1971, Hf 632
  • Šik, Ota: Argumente für den Dritten Weg. Hamburg 1973, 51274
  • Šik, Ota: Für eine Wirtschaft ohne Dogma. München 1974, 52591
  • Šik, Ota: Humane Wirtschaftsdemokratie: Ein Dritter Weg. Hamburg 1979, 64786
  • Šik, Ota: Wirtschaftssysteme: Vergleiche – Theorie – Kritik. Berlin 1987, 83391
  • Šik, Ota: Prager Frühlingserwachen: Erinnerungen. Herford 1988, 86952
  • Skála, Jan: Die ČSSR: Vom Prager Frühling zur Charta 77: Mit einem dokumentarischen Anhang. Berlin 1978, 62564
  • Spiritova, Marketa: Hexenjagd in der Tschechoslowakei: Intellektuelle zwischen Prager Frühling und dem Ende des Kommunismus. Köln 2010, 122539
  • Stach, Sabine: Vermächtnispolitik: Jan Palach und Oskar Brüsewitz als politische Märtyrer. Göttingen 2016, 135901
  • Svitak, Ivan: The Czechoslovak Experiment 1968-1969. New York 1971, 43508
  • Wenzke, Rüdiger: Die NVA und der Prager Frühling 1968: Die Rolle Ulbrichts und der DDR-Streitkräfte bei der Niederschlagung der tschechoslowakischen Reformbewegung. Berlin 1995, 98779

Periodika

  • Rudé právo: Ustredni organ Komunistické Ceskoslovenska, 1949-1990, 1991-1995, Z 1125
  • Pravda: Organ Centralʹnogo Komiteta Kommunističeskoj Partii Sovetskogo Sojuza, 1948-heute, Z 1041
  • Komsomol’skaja Pravda: Organ Centralnogo Moskovskogo Komitetov VLKSM, 1949-1953, 1961-1990, 1992-2014, Z 1169
  • Der aktuelle Osten: Kommentare und Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Technik der UdSSR und der übrigen Länder des RGW (COMECON), 1955-1967, N 3101
  • Informationsbulletin: Materialien und Dokumente kommunistischer und Arbeiterparteien, 1965-1989, N 2571
  • Jahrbuch für Geschichte der UdSSR und der volksdemokratischen Länder Europas, 1961, 1964, 1966-1968, N 2349
  • Jahrbuch für Geschichte der sozialistischen Länder Europas, 1969-1989, N 2349
  • L’est: Rivista trimestrale di studi sui paesi dell’est (1965-1969), N 2889
  • Kontinent: Unabhängiges Forum russischer und osteuropäischer Autoren, 1974-1979, N 4239
11. März 2018Christian Koller zurück