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Vor 60 Jahren: Die Ungarnkrise und die Schweiz

Wenn in den letzten Monaten von Ungarn und Flüchtlingspolitik die Rede war, so handelte es sich in aller Regel um Nachrichten über Massnahmen der Regierung Orbán zur Abschottung ihres Landes gegen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Dass sechs Jahrzehnte zuvor nach dem ungarischen Volksaufstand, dessen Jahrestag seit dem Ende des Kommunismus als Nationalfeiertag begangen wird, über 200’000 Ungarn ihrerseits aus ihrem Land geflohen waren und im Westen Aufnahme gefunden hatten, stellt für die gegenwärtige ungarische Regierung keinen Anlass für eine liberalere Politik dar – im Gegenteil: Gerade in seiner Rede zum 60. Jahrestag des Beginns des Volksaufstandes verteidigte Ministerpräsident Viktor Orbán seine Haltung und zog gar einen abstrusen Vergleich zwischen der damaligen Intervention der Sowjetunion und der heutigen Flüchtlingspolitik der EU. Die vor 60 Jahren je nach politischem Standpunkt als „Revolution“ oder „Konterrevolution“ bezeichneten Ereignisse sind indessen nicht nur ein Thema der ungarischen, sondern auch der europäischen und globalen Geschichte und sie tangierten auch die Schweiz in erheblichem Ausmass. Tatsächlich hat kaum ein internationales Ereignis des an Blutvergiessen so reichen und vom Historiker Eric Hobsbawm zu Recht als „Age of Extremes“ charakterisierten 20. Jahrhunderts in der Eidgenossenschaft eine derartige innenpolitische Resonanz ausgelöst. Die Ungarn erschienen weiten Teilen der Schweizer Bevölkerung als heldenmütiges Kleinvolk, mit dem man sich ausgezeichnet identifizieren konnte.

Die Krise eskalierte am 23. Oktober 1956 mit einer studentischen Grossdemonstration in Budapest, an der Forderungen nach demokratischen Reformen erhoben wurden. Als die Regierung in die rasch wachsende Menge von DemonstrantInnen schiessen liess, schlug der friedliche Protest in gewaltsamen Widerstand um und es setzten bewaffnete Kämpfe ein. Das bisherige Einparteiregime kollabierte rasch. Eine neue Regierung unter dem Reformkommunisten Imre Nagy nahm auch Vertreter der Ende der 40er Jahre unterdrückten Parteien der Kleinlandlandwirte, der Sozialdemokraten und der Bauern auf, erklärte den Austritt Ungarns aus dem im Vorjahr gegründeten Warschauer Pakt und die Neutralität des Landes und forderte die sowjetischen Truppen zum Verlassen des Landes auf. Ganz im Gegenteil marschierten Anfang November aber zusätzliche Truppen der Roten Armee in Ungarn ein und installierten am 4. November eine prosowjetische Regierung unter János Kádár. Es kam zu neuen Kämpfen, die in Budapest eine Woche anhielten, an anderen Orten indessen bedeutend länger dauerten. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurden Hunderte hingerichtet, unter ihnen im Sommer 1958 Imre Nagy, und Zehntausende inhaftiert. Die nichtkommunistischen Parteien und die im Zuge des Aufstandes entstandenen Arbeiterräte wurden wieder unterdrückt und erst nach Jahren der Repression fand Ungarn zum sogenannten „Gulaschkommunismus“, der seinen BürgerInnen geringfügige Freiheiten zugestand.

Der Westen unterstützte die Aufständischen zwar verbal, die NATO hielt sich jedoch vor einer militärischen Konfrontation mit der Sowjetunion tunlichst zurück. In der Schweiz gab es ab dem 23. Oktober unzählige Solidaritätskundgebungen, Sammel- und Hilfsaktionen und antisowjetische Demonstrationen. Gebannt verfolgten die Menschen am Rundfunk die Nachrichten über die Geschehnisse in Ungarn. Insgesamt wurden 6,5 Millionen Franken gespendet und 2 Millionen Pakete mit Medikamenten und Nahrungsmitteln verschickt. Am Abend des 4. November gab der Bundesrat in einem Communiqué seiner Bestürzung über den sowjetischen Einmarsch Ausdruck und betonte „das Selbstbestimmungsrecht des mit der Schweiz befreundeten ungarischen Volkes“. Alle politischen Parteien mit Ausnahme der PdA beschlossen Resolutionen, die das sowjetische Vorgehen verurteilten, die Parteileitung der SPS gab ihrer Empörung sogar in einer direkten Eingabe an die sowjetische Botschaft Ausdruck. Forderungen aus der Öffentlichkeit nach einem Abbruch der – erst 1946 aufgenommenen – diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion und einer Unterbindung des wirtschaftlichen Austausches mit Ostblockstaaten, dem sogenannten „Osthandel“, drangen indessen nicht durch.

Die Sympathieaktionen für die aufständischen Ungarn erreichten ihren Höhepunkt am 20. November mit einer landesweiten Demonstration. Um halb 12 Uhr läuteten sämtliche Kirchglocken, danach folgten drei Schweigeminuten. Die Menschen verharrten in Stille, Autos und Trams hielten an, der Bundesrat unterbrach seine Sitzung und die Fahnen auf dem Bundeshaus wurden auf halbmast gesetzt. Bereits zuvor hatte sich eine intensive Debatte über die Schweizer Teilnahme an den Olympischen Spielen in Melbourne entsponnen, die am 22. November begannen. Die Aussicht, dass in „down under“ schweizerische und sowjetische AthletInnen aufeinandertreffen würden, liess in den Sportverbänden und der öffentlichen Meinung zahlreiche Stimmen laut werden, die einen Boykott forderten. Auch in anderen westlichen Ländern gab es solche Diskussionen, die meisten entschieden sich aber für eine Teilnahme. In der Schweiz zog sich die Debatte so lange hin, dass, als man sich schliesslich gegen einen Vollboykott entschieden hatte, die Zeit zur Organisation der Flüge zu knapp geworden war und die Schweiz in Melbourne fehlte. Auch an der Eishockey-Weltmeisterschaft vom Frühjahr 1957 in Moskau nahm die Schweiz nicht teil. Während die NATO-Staaten USA, Kanada, Bundesrepublik Deutschland, Norwegen und Italien den Anlass aus politischen Gründen boykottierten, hatte die Schweiz ihre Teilnahme bereits vor der Ungarnkrise aufgrund des desolaten Zustandes der Nationalmannschaft abgesagt, konnte sich dann aber nachträglich auch in die Boykott-Front einreihen. Der Schweizerische Landesverband für Leibesübungen empfahl im April 1957, einstweilen von bilateralen Sportkontakten mit Ostblockstaaten abzusehen.

Waren sich die wesentlichen politischen Kräfte des Landes in ihrer Sympathie für den „Winkelried Ungarn“ (Basler Nachrichten, 1.11.1956) und ihrer Empörung über die sowjetische Politik einig, so zeigen die in der Sachdokumentation des Sozialarchivs gesammelten Kommentare in ihren Leitmedien dennoch je spezifische Akzentuierungen und semantische Differenzen. Gemäss der NZZ hatte „ein kleines, tapferes Volk, seit Jahrhunderten der europäischen Familie zugehörig, […] in einer plötzlichen Erhebung, die wie der Aufschrei von Millionen durch das düstere Gefängnis des sowjetischen Kolonialreiches gellte, [versucht], die Fremdherrschaft und das ihm von der Fremdherrschaft auferlegte kommunistische Joch abzuschütteln“ (NZZ, 5.11.1956). Für NZZ-Chefredaktor und FDP-Nationalrat Willy Bretscher hatten die Ereignisse in Ungarn gezeigt, „dass in der trüben Mischung von kommunistischer Heilslehre, russischem Nationalismus und antiwestlerischem Panslawismus, die der Bolschewismus darstellt, das Element der Macht und die Idee der Weltherrschaft den Vorrang vor allen geistigen, ideologischen Bestandteilen haben und die eigentliche Substanz des Sowjetkommunismus ausmachen“ (NZZ, 14.11.1956). Das freisinnige Leitmedium zog daraus auch innenpolitische Konsequenzen und forderte die Priorität der Aufrüstung vor dem Ausbau des Sozialstaats: „In diesen Stunden, die mit niederdrückender Wucht die Erinnerung an Europas Schicksal vor zwanzig Jahren heraufbeschwören, bekennt sich das Schweizervolk geschlossen zu seinem freiheitlichen Erbe und bekräftigt den unerschütterlichen Willen, für die Verteidigung der Unabhängigkeit vor keinem Opfer zurückzuscheuen.“ Deshalb solle die Budgetpolitik „künftig nicht mehr durch die Illusion belastet werden, dass man russische Panzer zum Stehen bringen könnte, indem man den AHV-Ausweis schwenkt“ (NZZ, 5.11.1956). Tatsächlich verabschiedeten die eidgenössischen Räte noch im Dezember 1956 ein Sofortprogramm zur Beschaffung von Kriegsmaterial, insbesondere Panzern.

Die sozialdemokratische Presse sah sich durch die Ereignisse in Ungarn in ihrer Ablehnung des Kommunismus und dem Einstehen für den „freiheitlichen Sozialismus“ bestärkt und zeigte sich überzeugt, dass „aus dem frevlerischen Blute der Märtyrer“ in Ungarn „die Flamme der Freiheit um so mächtiger und um so leidenschaftlicher emporschlagen“ würde (Volksrecht, 5.11.1956). Gemäss SP-Präsident Walther Bringolf hatten die Kommunisten in Ungarn „ein staatskapitalistisches Regime, gestützt durch Terror und eine Armee von Geheimpolizei, geleitet von Emporkömmlingen und Verrätern an den Idealen der Arbeiterbewegung“ errichtet, das in diametralem Gegensatz zu den Zielen der Sozialdemokratie stand und „ein neues und verschärftes System der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft“ geschaffen hatte (Volksrecht, 14.12.1956). Jakob Ragaz, Ökonom und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schweizerischen Sozialarchivs, begrüsste die gemeinsamen Solidaritätsaktionen von Sozialdemokraten und Bürgerlichen, wies indessen auf die Diskrepanz zum Verhalten der Bürgerlichen bei ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit wie dem Aufstand der österreichischen Arbeiter gegen den Austrofaschismus im Februar 1934 oder dem Widerstand der spanischen Republikaner gegen die Putschisten um General Franco im Spanischen Bürgerkrieg hin, als die Schweizer Arbeiterschaft mit ihrer Solidarität für die Kämpfer gegen Diktatur und Unterdrückung weitgehend allein stand (Der Aufbau, 7.12.1956).

Das katholisch-konservative „Vaterland“ sah in den Vorgängen in Ungarn den „Beweis dafür, dass noch mächtige Kräfte abendländischer christlicher Kultur jenseits des Eisernen Vorhanges lebendig sind, deren Träger man unterjochen und tyrannisieren, deren Geist aber man nicht brechen kann“ (Vaterland, 31.10.1956). Teilweise schrieb es den ungarischen Aufstand und seine Unterdrückung rhetorisch in die apokalyptische Auseinandersetzung zwischen Gott und Satan ein, etwa am 5. November in der Artikelüberschrift „Von der göttlichen Freiheit und von der teuflischen Gewalt“ oder fünf Tage darauf mit der Behauptung, das, „was jetzt in Ungarn geschieht“, könne „nur eine Ausgeburt der Hölle sein.“

Der all diesen parteipolitischen Positionen gemeinsame Antikommunismus kochte auch in der Bevölkerung hoch. In Bern mussten Sicherheitskräfte mehrfach das Eindringen von Demonstranten in die sowjetische Botschaft verhindern. In Genf kam es am 7. November vor dem Hotel Beau-Rivage, wo eine sowjetische Delegation den Jahrestag der Oktoberrevolution feierte, und vor der Druckerei der kommunistischen „Voix Ouvrière“ zu gewaltsamen Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Polizei. In Basel zog am selben Abend nach einer Grossdemonstration der Studentenschaft, an der sich 12‘000 Personen beteiligt hatten, eine Gruppe von gegen 800 Jugendlichen vor das Parteisekretariat der lokalen PdA, zertrümmerte die Eingangstüren und musste von der Polizei vor einem Sturm auf das Gebäude abgehalten werden. Anschliessend versuchte ein Teil von ihnen erfolglos, sich Zugang zur Wohnung von PdA-Nationalrat Marino Bodenmann zu verschaffen. Am folgenden Tag schrieb der junge VPOD-Sekretär und SP-Grossrat Helmut Hubacher in der Basler „Arbeiter-Zeitung“ in einer „Grabrede auf die PdA Basel“: „Die Ereignisse in Ungarn machen es nötig, sich mit der moskauhörigen Kadavergehorsamspartei zu befassen. Jener einfache Arbeiter, der kürzlich im Tram erklärte, man sollte die Herren Bodenmann, Dübi, Krebs, Bobby Stohler, Stebler und wie sie alle heissen, öffentlich auf dem Marktplatz hinter Drahtgehegen ausstellen, hat gar nicht so unrecht. Sie würden es verdienen, diese führend tätigen Moskauanhänger, dass man sie öffentlich brandmarken, blossstellen und dem Spott und Hohn preisgeben würde. Das beste, was mit diesem politischen Lumpenpack geschehen könnte, wäre eine direkte Verfrachtung nach Moskau. Sie sind es nicht würdig, den Schweizer Pass und den Schweizer Heimatschein auf sich zu tragen. […] Wer jetzt noch Mitglied der PdA bleibt, […] bekennt sich als Anhänger der russischen Mordgesellen am ungarischen Volk. […] Die korrupten Hauptfunktionäre dieser Partei, die mit russischem Geld gekauft sind und sich dafür mit Leib und Seele Moskau verschrieben haben, bleiben Mitglieder der PdA, um weiterhin Verräter, Spione, Agenten und Söldlinge einer ausländischen Macht zu bleiben. […] Möge inskünftig der ganze Grosse Rat, wenn eine dieser Moskaukreaturen, dieser volksdemokratischen Henkerslehrlinge ans grossrätliche Mikrophon tritt, den Saal sofort verlassen. Diesen Ungarnmördern mit demokratischer Schafsgeduld zuzuhören, hiesse sich selbst verleugnen. Sie sollen behandelt werden wie die Pest und Cholera, als Seuche in unserem Lande, die vertrieben werden muss.“

In Zürich gab es vor dem PdA-Parteisekretariat mehrfach Aufläufe jugendlicher Demonstranten, die das Gebäude mit Steinen bewarfen, und ein Gastauftritt der tschechoslowakischen Eishockey-Nationalmannschaft musste abgesagt werden, nachdem beim veranstaltenden Zürcher SC zahlreiche Drohungen eingegangen waren. Ein besonders drastisches Beispiel waren die Übergriffe gegen den Kunsthistoriker und Publizisten Konrad Farner und dessen Familie. Am 13. November 1956 beklagte NZZ-Inlandredaktor und nachmaliger FDP-Stadt- und Nationalrat Ernst Bieri in einem Artikel über die „Krise der PdA“, führende Schweizer Kommunisten hätten sich „unbequemen Fragen an der Wohnungstüre und am Telephon“ durch Untertauchen entzogen. Vielleicht könne aber Dr. Konrad Farner Auskunft geben: „Er ist jetzt zurück aus Berlin und wohnt in Thalwil an der Mühlebachstrasse 11“. Nach ähnlichen Artikeln in der Lokalpresse versammelte sich drei Tage darauf eine Menschenmenge vor Farners Wohnung und drohte ihm mit dem Galgen. In der Folge wurde die Hausfassade mit Schmierereien wie „Kreml“ verunstaltet und jahrelang schmähten Schilder an der Mühlebachstrasse den Kommunisten Farner. Auch dessen Familie wurde in Mitleidenschaft gezogen. Die Kinder wurden auf der Strasse bespuckt und mit Steinen beworfen, ein normaler Schulbesuch wurde unmöglich. Das lokale Gewerbe erklärte Boykotte gegen Farners Familie und telefonische Beschimpfungen waren an der Tagesordnung.

Insgesamt 12’462 ungarische Flüchtlinge kamen nach der Niederschlagung des Volksaufstands vorübergehend oder dauerhaft in die Schweiz. Sie wurden vom Roten Kreuz in österreichischen Lagern abgeholt, mit Sonderzügen bis nach Buchs gebracht und dann in Gruppen von 50 bis 100 Personen auf Kantone und Gemeinden verteilt. Zunächst kümmerten sich Hilfsorganisationen, Gemeinden, Kirchen und Privatpersonen um ihre Unterbringung, Versorgung und Arbeitsvermittlung. Neben bestehenden Organisationen wie dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk betätigte sich eine Vielzahl ad hoc entstandener Initiativen in der Ungarn-Hilfe. So gründeten beispielsweise im Anschluss an eine Solidaritätskundgebung an der Universität Zürich am 29. Oktober 1956 Studierende von Universität und ETH Zürich die „Studentische Direkthilfe Schweiz-Ungarn“ (SDSU), die vom nachmaligen SP-Nationalrat Walter Renschler präsidiert wurde. Weitere SDSU-Aktive waren die spätere Bundesrätin Elisabeth Kopp und der nachmalige Flüchtlingsdelegierte Peter Arbenz. Nachdem die SDSU zunächst Hilfsgüter nach Ungarn geliefert und an Flüchtlingstransporten in die Schweiz mitgewirkt hatte, registrierte und betreute sie ab Ende November 1956 im Auftrag des Bundes sämtliche in die Schweiz gelangten ungarischen Studenten. 565 von ihnen wurde an Schweizer Hochschulen ein Studienplatz angewiesen. Für zehn Jahre bestand ein „Ungarn-Stipendienfonds“, in den jeder Student bei der Einschreibung 15 Franken einzuzahlen hatte.

Die helvetische Willkommenskultur war allerdings nicht unbedingt. Waren die ersten 4’000 ungarischen Flüchtlinge, die Mitte November 1956 in die Schweiz kamen, noch ohne Durchführung eines individuellen Verfahrens als politische Flüchtlinge mit Recht auf Dauerasyl anerkannt worden, so erhielten die nächsten 6’000 Ende November nur noch einen „vorübergehenden Aufenthalt“ zur Klärung ihrer Weiterreise in ein Drittland. Ihre Betreuung wurde nun von der Armee übernommen, die Einquartierung erfolgte in kollektiven Unterkünften, zumeist Kasernen, und Kontakte zwischen Flüchtlingen und der Presse waren untersagt. Auch gab es neben den unzähligen Hilfsgesten aus der Bevölkerung bald auch Klagen  über ungewohntes Benehmen. Insgesamt reisten 5’000 ungarische Flüchtlinge in andere Staaten weiter, während 7’000 dauerhaft in der Schweiz blieben. Ihre Integration vollzog sich rasch und relativ problemlos. Schon Ende der 50er Jahren entstanden in der Schweiz ungarische Vereine und Organisationen, deren Akten heute teilweise im Sozialarchiv gelagert werden.

Bestände zum Thema im Schweizerischen Sozialarchiv

Archiv:

  • Ar 1.270.4 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Schweizerisches Arbeiterhilfswerk 1935-1961
  • Ar 1.270.5 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Arbeiterhilfe 1950-1956
  • Ar 20.728 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Akten 1957-1960
  • Ar 20.860.13 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Ansiedlung ungarischer Flüchtlinge in FR
  • Ar 20.893.21 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Darlehensfonds Linz 1959-1971 zur Eingliederung ungarischer Flüchtlinge in Österreich Ende 50er-60er Jahre
  • Ar 20.950.64 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Internationales Arbeiterhilfswerk IAH
  • Ar 20.950.97 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Internationales Arbeiterhilfswerk IAH: Ungarn 1956 + Fotodokumentation
  • Ar 20.971.44 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Bericht Ungarnaktion 1957
  • Ar 20.972.1 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Ungarnhilfe 1956-1958
  • Ar 157.15.1 Nachlass Walter Renschler: Ungarn 1956
  • Ar 157.15.2 Nachlass Walter Renschler: SDSU (Studentische Direkthilfe Schweiz-Ungarn)
  • Ar 459.21.14 Partei der Arbeit der Schweiz: Broschüren, ca. 1935-1968
  • Ar 470 Verband Ungarischer Christlicher Arbeitnehmer in der Schweiz
  • Ar 601 SMESZ Verband Ungarischer Vereine in der Schweiz
  • Ar 602 Comité Vaudois de la Société Suisse-Hongrie/Société Hungaro-Suisse dans le canton de Vaud

Archiv Bild + Ton:

  • F 5025 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk (SAH) – Oeuvre suisse d’entraide ouvrière (OSEO): Ordner 01: „Ungarnaktion Flüchtlinge“

Sachdokumentation:

  • KS 32/52b Ungarnaufstand
  • KS 32/52c Ungarnaufstand
  • ZA 38.6 Partei der Arbeit
  • ZA 69.0 *1 Asylpolitik & Flüchtlingswesen: Allg. & Ausland: Sonderdossier „Ungarn-Flüchtlinge (1956-1959)“
  • ZA 69.0 C *2 Asylpolitik & Flüchtlingswesen in der Schweiz: Allg.: Sonderdossier „Ungarn-Flüchtlinge in der Schweiz (1956-1981)“
  • ZA KVH Ungarn

Bibliothek:

  • 23345 Arnet, Edwin et al. (Hg.): Aufstand der Freiheit: Dokumente zur Erhebung des ungarischen Volkes. Zürich 1957.
  • 116614 Dalos, György: 1956: Der Aufstand in Ungarn. München 2006.
  • 58191 Farner, Martha et al.: „Niemals vergessen!“: Betroffene berichten über die Auswirkungen der Ungarn-Ereignisse 1956 in der Schweiz. Zürich 1976.
  • Gr 13677 Gehler, Michael und Erich Lessing: Ungarn 1956: Aufstand, Revolution und Freiheitskampf in einem geteilten Europa. Innsbruck 2015.
  • 35336 Gosztonyi, Peter (Hg.): Der Ungarische Volksaufstand: In Augenzeugenberichten. Fribourg 1966.
  • 31550 Király, Ernö: Die Arbeiterselbstverwaltung in Ungarn: Aufstieg und Niedergang 1956–1958: Ein Dokumentarbericht. München 1961.
  • 65887 Kopácsi, Sándor: Die ungarische Tragödie: Wie der Aufstand von 1956 liquidiert wurde: Erinnerungen des Polizeipräsidenten von Budapest. Stuttgart 1979.
  • 117083 Lendvai, Paul: Der Ungarnaufstand 1956: Die Revolution und ihre Folgen. München 2006.
  • 134587 Löpfe, Philipp: Schweiz – Ungarn – Sowjetunion: Eidgenössische Stereotype während des Ungarnaufstandes. Saarbrücken 2011.
  • 119528 Tréfás, David: Die Illusion, dass man sich kennt: Schweizerisch-ungarische Beziehungen zwischen 1945 und 1956. Zürich 2008.
  • 116506 Zabratzky, George (Hg.): Flucht in die Schweiz: Ungarische Flüchtlinge in der Schweiz. Zürich 2006.
  • 130807 55 év a magqarság szolgálatában: A Svájci Keresztény Magyar Munkavállalók Szövetségének 55 éve. Zürich 2014.
11. November 2016Christian Koller zurück