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Ein neuer Blick auf die Vollversammlungen der 80er Bewegung

Vor vierzig Jahren rebellierte die Jugend in verschiedenen Schweizer Städten. Die Ereignisse sind bekannt, weil die Auseinandersetzungen in ihrer Intensität das bisher bekannte Mass sprengten. Zudem gibt es für diese Jugendbewegung eine eindrückliche Fülle historischer Quellen. Mit dem Rohmaterial des Videoladens Zürich sind nun fast 200 Stunden Aufnahmen aus einer bewegten Zeit neu im Sozialarchiv zugänglich. Besonders aufschlussreich sind die Vollversammlungen.

Vor bald einem Jahrzehnt lancierte der Videoladen Zürich zusammen mit Memoriav (dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und dem Sozialarchiv das Projekt zur Digitalisierung seines Rohmaterials. Im Zentrum sollten die Aufnahmen stehen, die im Zusammenhang mit der Jugendbewegung der 1980er Jahre entstanden sind. Berücksichtigt wurden aber auch die Vorläufer und Nachwehen, so dass der Bestand die zwei Jahrzehnte zwischen 1976 und 1995 abdeckt. Insgesamt wurden rund 200 Videobänder von Spezialistinnen gereinigt und anschliessend digitalisiert. Inzwischen ist der Bestand online zugänglich: bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_9049.

Video-Rohmaterial geniesst keinen allzu hohen Stellenwert in der Forschung. Weder bei Filmwissenschaftlern noch bei Historikerinnen steht es als Quellenmaterial hoch im Kurs. Es gilt als Vorstufe zu einem Werk, ästhetisch unausgereift und inhaltlich wenig aussagekräftig. Hier sei die Prognose gewagt, dass der Bestand des Videoladens diese Einschätzung verändern könnte.

Die Videoladen-Crew war in den «heissen» Jahren von 1980 bis 1982 fast pausenlos unterwegs. So sind viele Stunden Aufnahmen entstanden, die sehr wohl neue Aufschlüsse über die achtziger Ereignisse ermöglichen könnten. Das Bewegtbild gibt zudem Informationen frei, die andere Quellen nicht liefern können: Die Aufnahmen der «Wohn-Demo» vom 30. August 1980 (SozArch F 9049-026 und F 9049-058) zeigen beispielsweise, wie sich die Jugendlichen auf die Demonstration vorbereiten oder welche Diskussionen über Routenwahl und Gewaltbereitschaft geführt werden. An der Demo selbst kommt es zu Konflikten mit der Polizei, die in stundenlange, gewalttätige Scharmützel münden. Jugendliche, die von einem Tränengaseinsatz betroffen sind, werden notversorgt. Passanten beobachten die Vorgänge neugierig und mischen sich teilweise verbal in die Auseinandersetzungen ein. Der Kameramann des Videoladens bekommt die Ladung eines Wasserwerfers ab. Wenige Meter voneinander entfernt finden zeitgleich ein Strassenmusikauftritt und ein Polizeieinsatz statt. Nichts von dem findet sich in der Presseberichterstattung, in den Polizeirapporten oder in Erlebnisberichten von Beteiligten. Das bewegte Bild übertrifft an Informationsdichte alle anderen Quellengattungen.

Natürlich bildet auch dieses Rohmaterial nicht «die Realität» ab. Die Ereignisse der erwähnten Wohn-Demo zogen sich über Stunden hin. Die beiden Bänder decken davon nur rund 60 Minuten ab. Die Kamera wird laufend aus- und eingeschaltet. Längere Phasen (der Ereignislosigkeit?) fehlen ganz. Zudem filmt die Videoladen-Crew nicht neutral, sondern aus der Perspektive der Bewegung. Gewalttätigkeiten der Gegenseite werden nach Möglichkeit genau dokumentiert, zertrümmerte Schaufenster und der Barrikadenbau der Jugendlichen scheinen hingegen eher nur zufällig ins Bild zu geraten. Die Kamera sucht immer wieder eine bisweilen fast aufdringliche Nähe zur Polizei. Man belauert sich gegenseitig und spart nicht mit Provokationen.

Einen besonders intimen Einblick ins Funktionieren der Jugendbewegung bieten die Aufnahmen der Vollversammlungen. Diese Form des Zusammenkommens und Diskutierens hatte sich ab dem ersten Tag der Ereignisse etabliert und wurde von den Bewegten nie in Frage gestellt. Die Vollversammlung galt als einziges Organ mit Entscheidungsgewalt. Die Delegierung an eine Gruppe mit Leitungsfunktionen wurde zwar ansatzweise diskutiert, aber jedes Mal verworfen. Der Widerstand dagegen war wohl nicht zuletzt deshalb so radikal, weil genau dies von den Behörden immer wieder gefordert wurde: Sie waren bereit, mit einer Delegation zu verhandeln, aber sicher nicht mit einer anonymen Menge. Die Vehemenz, mit der die Jugendlichen auf dieser Form beharrten, hatte auch mit dem Vertrauensverlust in gängige politische Abläufe zu tun. Die älteren Jugendlichen mit einem 68er-Hintergrund fühlten sich durch die jahrlange Hinhaltetaktik der Behörden verschaukelt, den jüngeren fehlte jede Geduld, noch Jahre auf die Realisierung ihres Begehrens zu warten. Allen gemeinsam war eine tiefgehende Abneigung gegen einen parteipolitischen Weg: Sowohl den etablierten Parteien als auch den Parteien der Neuen Linken schlug heftige Abwehr entgegen, wenn diese versuchten, sich den Anliegen der Jugendlichen anzunehmen. Die ganze Energie lag im Kollektiv, jeder Versuch einer Vereinnahmung wurde äussert argwöhnisch beäugt. Das musste auch das Aushängeschild der Ausgestossenen und Randständigen, Pfarrer Ernst Sieber, erleben, dessen Einstehen für die Jugendbewegung auf kontroverse Reaktionen stiess, wie Pfeifkonzerte nach seinen Voten an Vollversammlungen belegen.

An den Treffen, die nach dem Opernhaus-Krawall vom 30. Mai 1980 in kurzer Abfolge stattfanden, diskutierten die Jugendlichen also so lange, bis eine Entscheidung über das weitere Vorgehen mittels Abstimmung möglich war – oder die Teilnehmenden vom stundenlangen Hin und Her so zermürbt waren, dass sich die Versammlung ohne Beschluss auflöste. Die Vollversammlungen fanden an verschiedenen Orten statt: im Volkshaus, auf dem Platzspitz und später auch im autonomen Jugendzentrum. Grundsätzlich stand das Mikrofon allen Anwesenden zur freien Meinungsäusserung offen. Als fleissige Redner entpuppten sich aber bald die Männer, Frauen meldeten sich selten. Der Ablauf einer Vollversammlung bestand im Wesentlichen daraus, dass zuerst aus Wortmeldungen eine Art Traktandenliste entstand. Rednerinnen und Redner fanden sich beim Mikrofon ein und warteten in der Regel artig, bis sie an der Reihe waren. Wenn der Austausch der Argumente sich erschöpft hatte, folgte die Abstimmung durch Handerheben im Plenum.

Was bei der blossen Schilderung langweilig und reizlos tönt, war zumindest in der Anfangsphase der Zürcher Jugendbewegung ein überaus mächtiges politisches Instrument. Die Vollversammlung als Forum der Willensbekundung zeigte ihre Stärke und ihr Durchsetzungsvermögen auch darum, weil die Bewegung in erster Linie ein vordringliches Ziel hatte: Die Stadt sollte ihr ein autonomes Jugendzentrum zur Verfügung stellen. Hinter dieser Forderung standen bis zu 10’000 Jugendliche, die dafür auch auf die Strasse gingen. Der Anspruch auf ein autonomes Jugendzentrum war auch für breite Kreise der Bevölkerung nachvollziehbar: Die Benachteiligung alternativer Kultur und das Fehlen nichtkommerzieller Treffpunkte in der Stadt waren augenfällig. Die Behörden hatten es versäumt, dem jahrzehntelang wiederholten Ruf nach einem Jugendhaus nachzukommen. Selbst die Ereignisse von 1968 und das krachend gescheiterte Experiment mit dem Bunker hatten ihnen die Augen nicht geöffnet. Dort hatte man 1970 versucht, die Jugend mit einem fensterlosen Luftschutzbunker unter dem Lindenhof abzuspeisen. Das Fass zum Überlaufen brachte dann bekanntlich die Vorlage, für 60 Millionen das Opernhaus zu renovieren – und die nicht-etablierte Kultur erneut zu ignorieren. Am 30. Mai 1980 demonstrierten die Jugendlichen dagegen und es kam zum berühmt-berüchtigten Opernhaus-Krawall.

Wenige Tage später, am 4. Juni, kam es zur denkwürdigen Vollversammlung im Volkshaus. Sie kann dank der Aufnahmen des Videoladens fast integral nacherlebt werden (SozArch F 9049-003/-014/-021). Die Jugendbewegung war auf einem frühen Höhepunkt ihrer Wirkungsmacht. Der Anlass zog 3’000 Jugendliche an. Der Strom Interessierter an diesem Mittwochabend war aus verschiedenen Gründen enorm: Angekündigt war eine Aufführung eines Videos, das am Opernhaus-Krawall entstanden war und das bereits für Furore gesorgt hatte. Der an der Universität Zürich lehrende Ethnologe Heinz Nigg hatte zusammen mit der Projektgruppe «Community Medien» die Auseinandersetzungen beim Opernhaus und in den angrenzenden Strassenzügen gefilmt, was dem zuständigen Regierungsrat Alfred Gilgen sauer aufstiess. Das Band wurde konfisziert, weitere Aufführungen wenig später verboten.

Ebenfalls gezeigt wurde die Fernsehberichterstattung über den Krawall – die Ereignisse hatten sowohl in den Printmedien als auch im Fernsehen für eine überreizte Berichterstattung gesorgt. Die öffentliche Meinung reagierte schockiert und empört auf den Gewaltausbruch, der hauptsächlich den Jugendlichen angelastet wurde. Die Bewegung sah dies verständlicherweise genau umgekehrt. Der Frontenbezug und die Gewaltbereitschaft (auf beiden Seiten) waren schon nach den ersten Abendstunden am Freitag des Opernhauskrawalls klar und sollten sich während der nächsten zwei Jahre nicht mehr signifikant verschieben. Folgerichtig zeigten deshalb einige Jugendliche in einer Performance auf der Volkshausbühne, wie man sich im Falle einer Verhaftung verhalten sollte. Unterstützt wurden sie dabei von Anwältinnen und Anwälten des Anwaltskollektivs.

Den Höhepunkt dieser Vollversammlung bildete allerdings der Auftritt von Stadträtin Emilie Lieberherr und Stadtpräsident Sigmund Widmer. Weil die Jugendlichen sich geweigert hatten, den umgekehrten Weg zu gehen – nämlich eine Delegation ins Stadthaus zu schicken –, blieb den beiden Stadträt/innen nichts Anderes übrig, als sich einer Diskussion in der Höhle des Löwen zu stellen. Dieser Umstand war verblüffend und zeigt, dass der Druck der Ereignisse auf der Strasse seine Wirkung tat. Der Gang ins Volkshaus war wohl auch ein Eingeständnis, die Entwicklungen in der Jugendpolitik während Jahren vollkommen verschlafen zu haben. Die Debatte zwischen Lieberherr, Widmer und dem Plenum dauerte rund eine Stunde und spielt sich in erstaunlich gesitteter Atmosphäre ab. Es ist förmlich spürbar, dass die Jugendbewegung bereits an diesem Abend ihrem Ziel eines autonomen Jugendzentrums sehr nahe kam. Daran änderte auch nichts, dass sich sowohl Lieberherr als auch Widmer wiederholt mit paternalistisch anmutenden Statements an das jugendliche Publikum wandten – sie wurden mit Pfeifkonzerten quittiert. Auch die Taktik von Lieberherr und Widmer, sich hinter dem politischen Entscheidungsprozess zu verschanzen, der ihre Machtbefugnis begrenzte, erlitt Schiffbruch. Der Abend endete mit einem zweifachen Zugeständnis: Die Stadt stellte den Jugendlichen die Rote Fabrik für ein Fest am kommenden Wochenende zur Verfügung und versprach, sofort Verhandlungen über eine in Frage kommende Liegenschaft aufzunehmen. Weniger als einen Monat später wurde das autonome Jugendzentrum an der Limmatstrasse 18/20 Realität.

Einen solchen Durchbruch hatten wohl nur die Optimistischsten erwartet. Die Vollversammlung als entscheidendes Gremium und Machtinstrument sah sich dadurch bestärkt und legitimiert, und dieser frühe Erfolg dürfte auch dazu beigetragen haben, dass während der nächsten Monate niemand am Instrument der Vollversammlung rüttelte. In dieser Phase gab es bisweilen auch kuriose Momente: So konnte es vorkommen, dass ein ganzer Demonstrationszug zum Stillstand kam, weil – über Megafon – der weitere Verlauf der Route diskutiert werden musste.

Die Mängel der Vollversammlung traten allmählich zu Tage, nachdem das autonome Jugendzentrum am 28. Juni 1980 eröffnet worden war. Die Tage und Wochen des Kampfes auf ein Ziel hin waren vorbei und damit die Schlagkraft der Vollversammlung. Sobald es nichts mehr zu erstreiten galt, waren Konzepte und Strategien gefragt. Doch dafür eignete sich die Vollversammlung nicht. Bereits die Aufnahmen zur AJZ-Eröffnung (SozArch F 9049-047) zeigen, dass Probleme auf die Bewegung zukamen, die sie weder verursacht hatte noch aus eigener Kraft lösen konnte. Wie sollte die baufällige Liegenschaft mit dem lächerlichen Betrag von 40’000 Franken, den die Stadt gesprochen hatte, in Schwung gebracht werden? War das Haus nicht viel zu klein für alle Bedürfnisse, die sich angestaut hatten? Sollte man angesichts der grassierenden Wohnungsnot auch im AJZ übernachten dürfen? Und stimmte das Gerücht, dass die Stadt vorhatte, die Liegenschaft innert Jahresfrist sowieso abzureissen? In der Vollversammlung wurde diese Frage zwar diskutiert, aber statt wie früher Euphorie und Tatendrang machte sich im Plenum nun Ratlosigkeit breit. Die Jugendlichen reagierten zwar sehr schnell mit einer Fülle von Arbeitsgruppen, die sich den einzelnen Problemfeldern annahmen. Der Dampfer AJZ nahm Fahrt auf, lief aber schon nach wenigen Wochen auf Grund. Vor allem Drogenprobleme führten zu einer ersten Schliessung im September 1980. Die Situation war verfahren: Auf der einen Seite die Bewegung, die stur an ihren Wegen der Entscheidungsfindung festhielt und weder Delegationen noch eine Machtaufteilung innerhalb tolerierte. Auf der anderen Seite die Behörden, die sich nach der Übergabe der Liegenschaft nicht mehr in der Pflicht sahen, irgendeinen Beitrag zur Lösung der anstehenden Probleme beizutragen und ihre Aufgabe einzig darin sahen, mit repressiven Mitteln für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Die Videoaufnahmen der Vollversammlungen erweisen sich bei näherem Hinsehen somit als eine reichhaltige Quelle für die Geschichte der Jugendbewegung. Sie geben in erster Linie Auskunft über die Themen, die den Jugendlichen unter den Nägeln brannten: Wann endlich erhalten wir ein Jugendhaus? Ist der Einsatz von Gewalt an Demonstrationen legitim? Was ist zu tun bei einer Verhaftung durch die Polizei oder nach einer Tränengasattacke? Darüber hinaus lassen sich ihnen viele zusätzliche Informationen entnehmen: Welche Jugendlichen ergreifen öfter das Wort? Auf welche Reaktionen stossen die Voten im Publikum? Wie verhalten sich Frauen am Mikrofon? Wie verhält sich das Plenum, wenn die Diskussion ausufert? Was hat es mit der schleppenden Sprechweise vieler Jugendlicher auf sich? Wie sind die Jugendlichen gekleidet? Welche unterschiedlichen Interessen lassen sich bei den versammelten Jugendlichen ausmachen?

Eine Analyse solcher und anderer Fragen kann dazu beitragen, die ausgetretenen Rezeptionspfade der 80er Bewegung zu verlassen. Im Jubiläumsjahr 2020 stand fast ausschliesslich die Erinnerung im Vordergrund: Bewegte erzählten, «wie es damals war». Dies ist zwar sowohl für Zeitzeug/innen als auch für später Geborene interessant, blendet aber aus, dass es neben den individuellen und kollektiven Erlebnissen immer noch unvollständig beantwortete Fragen gibt. Beispielsweise bedarf es der Klärung, ob es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen der Depression, die viele Jugendliche nach dem Abbruch des AJZ erfasst hatte, und dem Absturz in den unkontrollierten Konsum harter Drogen. Ebenfalls im Raum steht die Frage, ob die Bewegungsgeneration tatsächlich so wesentlich für die kreative, kulturelle (nicht nur die Musik betreffend) und gastronomische Aufbruchstimmung der späten 1980er und frühen 1990er Jahre verantwortlich war. Nötig ist in erster Linie ein unverstellter Blick auf die Ereignisse, der sich auch von den Positionsbezügen und ideologischen Abwehrmechanismen zu lösen vermag, die bei vielen Beteiligten auch 40 Jahre danach unverrückbar scheinen.

Die Aufnahmen der Vollversammlungen aus dem Archiv des Videoladens könnten dabei durchaus hilfreich sein. Sie zeigen, welche Macht der Vollversammlung in den ersten Wochen der Bewegung zukam, wie partizipativ und taktisch clever ihre Beschlüsse anfangs waren. Mit der Dauer der Achtziger Unruhen wurde aber zunehmend klar, dass die Jugendbewegung kein homogenes Kollektiv war, sondern mit Post-68ern und Spontis, Radikalen und Pragmatischen, Studierenden und Lehrlingen eine riesige Bandbreite an Altersgruppen, Ideologien und Bedürfnissen hinter dem gemeinsamen Ziel eines AJZ versammelte. Mit der strikten Weigerung der Macht- und Verantwortungsdelegation könnten die Bewegten womöglich selber ihren Beitrag zum Scheitern der Bewegung beigetragen haben.

Nach der ersten Schliessung des AJZ im September 1980 war der Videoladen nur noch vereinzelt vor Ort, wenn Vollversammlungen stattfanden. Die Kritik aus den eigenen Reihen an dieser Diskussionsform wurde lauter, die Teilnehmerzahlen sanken. Allerdings wandte sich die Jugendbewegung nie offiziell von der Vollversammlung ab. Die massgebliche Arbeit fand nun aber in den Arbeitsgruppen des AJZ statt. Die Bewegung kommunizierte über Flugblätter, eigene Zeitungen und Piratenradios – und seit Anbeginn auch mit den Videos des Videoladens. Die Ereignisdichte ergab Material zur Genüge. Rund zwei Drittel des gesamten Videoladen-Archivs stammen aus der Zeit zwischen Opernhauskrawall und der definitiven Schliessung des AJZ weniger als zwei Jahre später. Aus diesem Rohmaterial entstanden mehr als zehn Videoproduktionen und 1981 mit «Züri brännt» auch ein Meilenstein des Bewegungsvideos.

8. Januar 2021Stefan Länzlinger zurück