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Vor 75 Jahren: Der SATUS an der Landi

Globi war dabei, Trudi Gerster war dabei und auch der Schweizerische Arbeiter-Turn- und Sportverband (SATUS) wollte nicht fehlen: „Die Schweiz. Landesausstellung in Zürich legt in klarer Weise Zeugnis ab, was das Schweizerland und das Schweizervolk zu leisten imstande sind. Sie ist gleichsam das Spiegelbild der Schaffenskraft aller Volksgenossen. Es ist deshalb eine Selbstverständlichkeit, dass auch der Satus mit dabei ist”, vermeldete die Verbandszeitung SATUS-Sport am 30. August 1939. Ganz so selbstverständlich war die Teilnahme der Arbeitersportbewegung am Hochamt der Geistigen Landesverteidigung indessen nicht. Nur wenige Jahre zuvor war das Verhältnis des SATUS zum bürgerlichen Staat nämlich noch äusserst gespannt gewesen. Statt an patriotischen Veranstaltungen beteiligte sich der SATUS an Festen der internationalen Solidarität wie den Arbeiterolympiaden 1925, 1931 und 1937, dem antifaschistischen Arbeitersport-Aufmarsch in Paris 1934 oder der gegen die Hitler-Olympiade in Berlin gerichteten und wegen des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs kurzfristig abgesagten „Olimpiada Popular“ in Barcelona 1936.

Bis zur Mitte der dreissiger Jahre fuhr der SATUS, der sich als integraler Bestandteil der Arbeiterbewegung verstand, einen stark klassenkämpferischen und antimilitaristischen Kurs. Rhythmisches Reformturnen und auf Freundschaft und Solidarität beruhende Sportaktivitäten sollten in Alternative zum als militärischer „Schlauch“ verachteten „bürgerlichen“ Turnen und dem sich zunehmend kommerzialisierenden Massenzuschauersport den ArbeiterInnen ein neues, freieres Körpergefühl vermitteln und sie dadurch auf das Leben in einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft vorbereiten. In bürgerlichen Kreisen galten die Arbeitersportvereine deshalb als „Brutstätten des Sozialismus und Kommunismus“ (wie sich ein NZZ-Leserbriefschreiber am 21. Dezember 1932 ausdrückte). Nach einem durch den Schweizerischen Vaterländischen Verband orchestrierten Shitstorm entzog der Bund 1933 dem SATUS die Subventionen. BGB-Bundesrat Rudolf Minger triumphierte in der entscheidenden Parlamentsdebatte im Juni 1933 mit Blick auf die Machtergreifung der Nazis im nördlichen Nachbarland, in Deutschland sei nun „der Marxismus vernichtet“. Dies treffe auch die Schweizer Arbeiterbewegung „mitten ins Herz“ und der SATUS habe sich einem „neuen Kurs“ zu fügen.

Dreieinhalb Jahre darauf erfolgte eine Annäherung. Im Zuge der Einreihung von SP und Gewerkschaften in die Geistige Landesverteidigung bekannte sich auch der SATUS Ende 1936 zur militärischen Landesverteidigung, worauf der Bund ihn sofort wieder subventionierte. Zugleich beschloss der Arbeitersportverband den Beitritt zum Schweizerischen Landesverband für Leibesübungen (SLL), der Dachorganisation des helvetischen Sports. Dieser liess sich mit der Aufnahme der Arbeitersportbewegung allerdings bis zum Juni 1939 Zeit, weshalb der SATUS im offiziellen Landi-Ausstellungsführer in der Liste der Sportverbände mit über 10’000 Mitgliedern trotz seiner etwa 25’000 Mitglieder fehlte. Das SATUS-Verbandsfest von 1938 sollte gemäss dem Verbandsorgan der Bevölkerung zeigen, „dass die Arbeitersportbewegung ein fester Damm ist gegen die Schmutzfluten der Barbarei und der Versklavung, die gegen die Grenzen unseres Landes branden […], dass das arbeitende Schweizervolk physische und moralische Kräfte in sich birgt, mit denen jeder Feind des Fortschritts und der Demokratie wird rechnen müssen”. Das Fest sei damit „eine Angelegenheit des gesamten Schweizervolkes” (SATUS-Sport, 22. Juni 1938). Erstmals wohnten Vertreter anderer Sportverbände sowie des Eidgenössischen Militärdepartements bei und bekamen patriotische Reden von Exponenten der Arbeiterbewegung zu hören.

Die Annäherung des SATUS an die Geistige Landesverteidigung hatte auch konkrete Auswirkungen auf die Art und Weise, wie im Verband geturnt und Sport getrieben wurde. Im Turnen kehrte man nun zu konventionelleren Übungen zurück. Auch in Bezug auf die Position der Frauen, die etwa 15 Prozent der SATUS-Mitglieder ausmachten, trat ein Wandel ein. Am Verbandsfest von 1938 wurde dem patriotischen Frauenleitbild der Mütterlichkeit dadurch Genüge getan, dass die Turnerinnen statt wie bisher üblich in Hose und Leibchen in einem blauen Gymnastikrock auftraten. Die Absicht der Verbandsspitze, die Massenfreiübungen wie beim bürgerlichen Turnverband nach Geschlechtern zu trennen, wurde erst nach massiven Protesten der Turnerinnen aufgegeben.

Unter diesen veränderten Vorzeichen wirkte der SATUS mit grosser Begeisterung an der Landi mit, zumal diese im „Roten Zürich“ stattfand. In der „Grossen Ausstellungskommission“ sass neben Delegierten anderer Sportverbände auch ein Vertreter der Arbeitersportbewegung. Daneben gab es ein „Komitee für sportliche Veranstaltungen“, das sich vornahm, im Rahmen der Landi eine „kleine Landes-Olympiade“ zu veranstalten. In der „Ehrenhalle“ des Sportpavillons zeigte eine „Wand der Sportbehörden“ Stammbäume der Schweizer Sportverbände und vermittelte damit trotz der nur wenige Jahre zurückliegenden und keineswegs vollständig beigelegten politischen und disziplinären Konflikte zwischen den einzelnen Sportorganisationen visuell den Eindruck einer organisch aufgebauten nationalen Sportgemeinschaft. Bereits am zweiten Ausstellungstag sorgte mit der Eröffnungsstafette eine sportliche Darbietung von gewaltiger symbolischer Wirkung für landesweites Aufsehen. Stafettenläufer, darunter Arbeiterturner und -radfahrer, überbrachten aus allen Landesteilen die in teilweise gesiegelten Pergamenturkunden niedergeschriebenen Grüsse ihrer Kantonsregierungen. In einer Zeremonie mit Fahnen und Fanfaren wurden diese sodann in Zürich in Anwesenheit von viel politischer Prominenz verlesen.

Die für Anfang September geplanten SATUS-Tage an der Landi galten der Verbandsspitze als „Hauptanlass des Satus im Jahre 1939“. Sie seien „im Interesse unseres Landes selbst, weil durch einen Massenaufmarsch gezeigt werden kann, dass auch der Satus am Wohle der Ausstellung einheimischen Schaffens und einheimischer Sitten vollen Anteil nimmt” (SATUS-Sport, 8. Februar 1939). Geplant war am 2. September eine Abendveranstaltung in der Festhalle im „Dörfli“ mit turnerischen, tänzerischen und chorischen Elementen. Die drei Teile des Programms trugen die Überschriften „Bewegung ist Leben“, „D’s Schwizerländli i sym Sunntiggwändli“ und „Varieté“. Der mittlere Teil umfasste mehrere Bühnenbilder: Spielmeister-Sonntag im Sarganserland, Basler „Morgestraich“, Narzissenfest in Montreux, ein Alpdorffest, „Bärnerplättli“, Erntefest am Genfersee, Fribourger Kuhreigen, sonnige Tessiner Tage und Zürcher Sechseläuten. Ausklingen sollte dieser Teil „mit einer nochmaligen Feststellung der Verliebtheit unseres Völkleins zu Stadt und Land in anständigen Jodelgesang”.

Am folgenden Tag sollten verschiedene Schauübungen folgen: Vorführungen der Knaben und Mädchen, Schwungübungen der Turnerinnen in blauen Kleidchen, Männerturnen der Altersriegen, Sektionsvorführungen, Volkstanz, Ball- und Reifübungen der Turnerinnen, Kunstturnen, Fahnenschwingen und schliesslich allgemeine Übungen aller Turnerinnen und Turner. Im Übrigen forderte die Verbandsleitung die Mitglieder noch zu einer ganz speziellen patriotischen Geste auf: „In manchen Familien werden echte, gute Trachten noch als Erbstücke behütet. […] Töchter und Frauen, die solch eine echte, gute Tracht irgend einer Landschaft unserer kleinen, aber an Vielgestaltigkeit so grossen Schweiz besitzen, sollen die anziehen, wenn sie die Landi-‚Satus‘-Tage besuchen” (SATUS-Sport, 23. August 1939).

Auffällig sind nicht nur der Einbau folkloristischer Elemente ins Programm und die Repräsentation traditioneller Geschlechterbilder, sondern auch die beinahe vollständige Ausklammerung des Sports zugunsten des Turnens. Diese dürfte zwei Gründe gehabt haben: Zum einen legte es das Bestreben, möglichst patriotisch zu wirken, nahe, Disziplinen zu präsentieren, die allgemein als „gutschweizerisch“ anerkannt waren. Zum zweiten hatte es seit längerem politische Unterschiede zwischen Arbeiterturnern und -sportlern gegeben. Während erstere überwiegend sozialdemokratisch orientiert waren, gab es bei letzteren, insbesondere den an der Landi nicht vertretenen Arbeiterfussballern, eine starke kommunistische Fraktion, die nach Ausschlüssen ab 1929 erst seit 1936 wieder in den SATUS integriert war. Wegen des Kriegsausbruchs am 1. September 1939 und der vorübergehenden Schliessung der Landi infolge der Generalmobilmachung fielen die SATUS-Tage schliesslich ins Wasser, was dem Verband ein erkleckliches Defizit bescherte.

Insgesamt bemühte sich der SATUS nach Kräften, seinen Kurswechsel von 1936/37 auch an der Landi deutlich zu machen. Die klassenkämpferische Rhetorik war beinahe vollständig verschwunden. Immerhin betonte der Verband im Sportprogrammheft der Landi noch, er bezwecke „durch Pflege vernünftig betriebener Leibesübungen und durch sportliche Ausnützung der Freizeit die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der arbeitenden Bevölkerung zu fördern, den Interessen einer demokratischen Schweiz und der Gesamtarbeiterbewegung zu dienen und an der Schaffung einer sozialistischen Kultur mitzuarbeiten”. Die sozialistische Perspektive war allerdings in weite Ferne gerückt, im Vordergrund standen nun die Verteidigung von Demokratie und nationaler Unabhängigkeit.

Nach der Niederlage Frankreichs meinte der SATUS-Sport dann am 10. Juli 1940, nunmehr hätten „alle Differenzen weltanschaulicher Natur zurückzutreten”, es dürfe „nur noch eine Schweizermeinung geben”. Zwar treffe es zu, „dass unsere Demokratie noch lange keine soziale Demokratie ist”, aber man werde „nach Schweizerart selber im eigenen Hause Ordnung schaffen”. In der Folge setzte sich der SATUS vehement für das EMD-Projekt eines obligatorischen turnerisch-militärischen Vorunterrichtes ein. Die Vorlage wurde in der Volksabstimmung vom Dezember 1940 überraschend bachab geschickt. Neben föderalistischen Bedenken spielten in der Kriegssituation insbesondere die Furcht vor einem weiteren staatlichen Zugriff auf die Privatsphäre sowie die abschreckenden Beispiele totalitärer Jugenderziehung im benachbarten Ausland eine wesentliche Rolle für die Ablehnung. Auf dem Höhepunkt der Bedrohung der schweizerischen Unabhängigkeit war der SATUS also zu einer weitergehenden Militarisierung der männlichen Jugend bereit als die Mehrheit des Stimmvolkes. Der Verband, oder zumindest seine Leitung, war zu einem typischen Vertreter der demokratisch-antifaschistischen Variante der Geistigen Landesverteidigung geworden, die zu weiter rechts stehenden, nationalistisch-volkstümelnden und klar antisozialistischen Spielarten dieses heterogenen Phänomens der schweizerischen politischen Kultur in einem ambivalenten Verhältnis stand.

Material zum Thema im Sozialarchiv:

Ar 468: Archiv SATUS
D 3076/S: SATUS Sport – Organ des Schweizerischen Arbeiter-Turn- und Sportverbandes
123341: Dominique Marcel Fankhauser: Die Arbeitersportbewegung in der Schweiz 1874–1947: Beiträge zur Sozialen Frage im Sport. Wien 2010.
113325: Christian Koller: Der ausgestellte Volkskörper: Sport an der schweizerischen Landesausstellung 1939, in: Georg Kreis (Hg.): Erinnern und Verarbeiten: Zur Schweiz in den Jahren 1933–1945. Basel 2004. S. 89-117.
115214: Christian Koller: „Der Sport als Selbstzweck ist eines der traurigsten Kapitel der bürgerlichen Sportgeschichte“ – Wandel und Konstanten im Selbstverständnis des schweizerischen Arbeitersports (1922–1940), in: Hans-Jörg Gilomen/Béatrice Schumacher/Laurent Tissot (Hg.): Freizeit und Vergnügen vom 14. bis zum 20. Jahrhundert. Zürich 2005. S. 287-301.
117772:2: Christian Koller: Kicken unter Hammer und Sichel – die vergessene Geschichte des Schweizerischen Arbeiterfussball-Verbandes (1930–1936), in: Dittmar Dahlmann/Anke Hilbrenner/Britta Lenz (Hg.): Überall ist der Ball rund – Die zweite Halbzeit: Zur Geschichte und Gegenwart des Fussballs in Ost- und Südosteuropa. Essen 2008. S. 241-267

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