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Vor 70 Jahren: Der Fall Woog

«Fünf vor Zwölf – Enthüllungen über die Partei der Arbeit». Mit diesen dramatischen Worten warnte im Vorfeld der Stadtzürcher Gemeindewahlen vom Frühjahr 1946 eine bürgerliche Wahlzeitung vor einer Partei, die erst knapp zwei Jahre alt war, und deren Stadtratskandidaten Edgar Woog. Die Ausgangslage der ersten Stadt- und Gemeinderatswahlen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war speziell: In der Stadtregierung besassen die Sozialdemokraten immer noch die seit dem Beginn des «Roten Zürich» 1928 gehaltene Mehrheit von fünf der neun Sitze. Im Gemeinderat hatten sie hingegen 1938 ihre absolute Mehrheit, die sie bei der Eingemeindung 1933 gegen eine Wahlallianz aus Bürgerlichen und Frontisten noch verteidigt hatten (s. SozialarchivInfo 6/2017), verloren und bei den Wahlen von 1942 mit nur noch 48 der 125 Mandate weiter an Terrain eingebüsst. Dafür erlebte eine neue politische Kraft einen kometenhaften Aufstieg: Der von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler ins Leben gerufene Landesring der Unabhängigen war 1938 bei seiner ersten Wahlteilnahme aus dem Stand auf 16 Prozent der Stimmen gekommen und 1942 mit 28,6 Prozent der Stimmen zur zweitgrössten Fraktion aufgestiegen – doppelt so stark wie der Freisinn – und auch in den Stadtrat eingezogen.

Bei den Erneuerungswahlen von 1946 traten acht bisherige Stadträte – fünf Sozialdemokraten und je ein Vertreter der Freisinnigen, des Landesrings und der Christlichsozialen – wieder an, während der zweite Freisinnige sich nicht zur Wiederwahl stellte. Auf der Linken lancierte nun auch die PdA mit Edgar Woog eine Kandidatur. Die Delegiertenversammlung der SP beschloss auf Antrag des Gewerkschaftskartells mit Dreiviertelmehrheit, diese Kandidatur zu unterstützen und mit der PdA eine Listenverbindung einzugehen. Der Entscheid war intern nicht unumstritten und in der Folge verteilte ein «Aktionskomitee gegen das Wahlbündnis mit den Kommunisten» Flugblätter, die zur Stimmenenthaltung aufriefen. Vor allem aber schrillten bei den Bürgerlichen die Alarmglocken. Eine freisinnige Wahlbroschüre malte bereits das Schreckgespenst eines mit Hammer und Sichel beflaggten Grossmünsters an die Wand. Freisinn und Christlichsoziale beschlossen zwar gegenseitige Unterstützung ihrer insgesamt drei Stadtratskandidaten, die Demokraten portierten aber eine vierte, ausserhalb dieses bürgerlichen Tickets stehende Kandidatur. Der sich zwischen den Blöcken sehende Landesring konzentrierte sich auf die Wiederwahl ihres eigenen Stadtrats und gab seinen Anhängern für die Besetzung der übrigen Sitze Stimmfreigabe.

Das Wahlergebnis bestätigte und vertiefte die bisherigen ungleichen Mehrheitsverhältnisse in Regierung und Parlament: Die Stadtratswahlen endeten mit einem durchschlagenden Erfolg der linken Liste. An der Spitze des Tableaus stand mit knapp 54’000 Stimmen der sozialdemokratische Stadtpräsident Adolf Lüchinger, gefolgt von den vier weiteren SP-Kandidaturen mit jeweils um die 45’000 Stimmen und den Kandidaten von Landesring und Freisinn mit je um die 38’000 Stimmen. Im Kampf um den neunten und letzten Platz verdrängte der Kommunist Edgar Woog mit 32’535 Stimmen den bisherigen christlichsozialen Polizeivorstand Anton Higi mit einem minimalen Vorsprung von rund 300 Stimmen. Die Sprengkandidatur der Demokraten blieb chancenlos. Im Gemeinderat gab es grosse Verschiebungen. Die beiden stärksten Parteien erlitten massive Verluste: Die SP kam nur noch auf 29,1 Prozent der Stimmen (minus 7,4 Prozent), der Landesring auf 17,3 Prozent (minus 11,3 Prozent). Die bürgerlichen Parteien verbuchten insgesamt geringfügige Zugewinne. Grosse Gewinnerin war aber die PdA, die aus dem Stand auf 15,3 Prozent der Stimmen und noch vor dem Freisinn auf den dritten Rang kam. Die beiden Linksparteien zusammen, die nun im Stadtrat sechs der neun Mandate innehatten, verpassten im Gemeinderat aber die absolute Mehrheit.

Der neugewählte PdA-Stadtrat Edgar Woog hatte zu diesem Zeitpunkt, wie sein im Schweizerischen Sozialarchiv gelagerter Nachlass zeigt, bereits eine bewegte Biografie hinter sich. Geboren 1898 in eine jüdische Tuchhändlerfamilie in Liestal musste er 1914 eine kaufmännische Lehre in Hamburg wegen Ausbruchs des Ersten Weltkriegs abbrechen und setzte seine Ausbildung in Basel fort. Hier trat er 1916 dem Sozialistischen Abstinentenbund und der Freien Jugend bei. 1920 wanderte er nach Mexiko aus und wurde unter dem Pseudonym Alfred Stirner Mitgründer des dortigen Kommunistischen Jugendverbands und der Kommunistischen Partei. Ab 1922 vertrat er die lateinamerikanischen Kommunisten im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau. Bis 1935 arbeitete er für den Komintern-Apparat in Berlin, Barcelona und Moskau, dann kehrte er in die Schweiz zurück und gründete in Zürich die Buchhandlung Stauffacher. Im selben Jahr heiratete er Klavdia Petrovona Nasarova. 1936 meldete er sich zu den internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Nach seiner Rückkehr wurde er wegen verbotener Werbung für fremde Kriegsdienste zu 14 Monaten Haft verurteilt. Seit 1936 Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Schweiz blieb er auch nach deren Verbot 1940 Teil der illegalen Parteileitung. Im selben Jahr heiratete er zum zweiten Mal, diesmal die Kommunistin Lydia Scherrer. 1942 wurde er wegen illegaler politischer Betätigung zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. 1944 gehörte Woog zu den Gründern der PdA, der sich Mitglieder der illegalen Kommunistischen Partei und der gleichsam verbotenen Fédération socialiste suisse sowie linke SozialdemokratInnen anschlossen, und wurde Mitglied des Zentralkomitees und der Parteileitung.

Woogs Wahl in den Zürcher Stadtrat fiel mit einem allgemeinen Aufschwung der PdA in der unmittelbaren Nachkriegszeit zusammen. Knapp ein Jahr nach ihrer Gründung zählte die PdA offiziell bereits über 19’000 Mitglieder und 18 Kantonalparteien mit 229 Sektionen. In verschiedenen Wahlen feierte die Partei teilweise spektakuläre Erfolge. Im Genfer Kantonsparlament wurde sie 1945 mit einem Stimmenanteil von 36 Prozent stärkste Fraktion. Zweistellige Ergebnisse resultierten bei kantonalen Wahlen auch in Basel-Stadt (1944: 13,8 Prozent; 1947: 23,8 Prozent), Neuchâtel (1945: 13,6 Prozent) und in der Waadt (1945: 19,4 Prozent). Bei der Nationalratswahl im Oktober 1947 erlangte die PdA mit einem gesamtschweizerischen Wähleranteil von 5,1 Prozent sieben Mandate und damit Fraktionsstärke. Einer dieser Nationalräte war Edgar Woog. In einzelnen Gewerkschaften, die in den späten 40er Jahren zahlreiche Streiks führten, hatte die PdA vorübergehend erhebliches Gewicht, etwa bei den Basler Chemiearbeitern und den Zürcher Holzarbeitern. Die internationale Lage begünstigte vorerst diesen Höhenflug. Die Sowjetunion hatte durch ihre Rolle als Siegermacht an Prestige gewonnen und 1946 nahm die Schweiz die 1918 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zum kommunistischen Staat wieder auf. In den beiden Nachbarländern Frankreich und Italien feierten die Kommunisten als Anerkennung ihrer führenden Rolle im antifaschistischen Widerstand Wahlresultate von bis zu 26 Prozent und gehörten bis im Mai 1947 den ersten Nachkriegsregierungen an. Auch in der österreichischen Bundesregierung sassen bis 1947 kommunistische Minister.

Der einsetzende Kalte Krieg änderte diese Situation aber rasch. In den Ländern der sowjetischen Einflusssphäre in Ostmittel- und Südeuropa kam es zu einer Sowjetisierung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Auf politischer Ebene erfolgte zumeist ein erzwungener Zusammenschluss der Arbeiterparteien unter kommunistischer Führung, die Degradierung der nichtsozialistischen Kräfte zu «Blockparteien», die zusammen mit der kommunistischen Staatspartei bei Wahlen auf Einheitslisten antraten, und die – teils auch physische – Ausschaltung führender bürgerlicher, sozialdemokratischer und nicht linientreuer kommunistischer Politiker. Die Verurteilung und teilweise Hinrichtung verschiedener bürgerlicher Politiker in Bulgarien und Rumänien im Jahre 1947 wurde von der PdA begrüsst. In der Tschechoslowakei hielt sich der demokratische Parteienpluralismus am längsten und kam schliesslich im Frühjahr 1948 durch den «Februarumsturz» zum Ende – drei Monate darauf fanden auch hier Wahlen mit einer Einheitsliste statt. Dieses Ereignis rief in der Schweiz grosse Empörung hervor mit Protestkundgebungen in Fribourg, Zürich, Bern, Lausanne und Genf. Auf einer Protestversammlung an der Uni Bern rief der Student Peter Sager, später Gründer und jahrzehntelanger Leiter des antikommunistischen «Ost-Instituts», aus: «Was heute vor sich geht, ist nicht mehr die Auseinandersetzung zwischen zwei Systemen, sondern es ist der Kampf des Bösen gegen das Gute.» Die PdA dagegen sandte ein Glückwunschtelegramm an den tschechoslowakischen Ministerpräsidenten und kommunistischen Parteichef Klement Gottwald und veranstaltete in verschiedenen Städten Siegesfeiern.

Bereits im März 1946 popularisierte Winston Churchill, britischer Kriegspremier und nunmehr konservativer Oppositionsführer, an einer Rede in den USA den Begriff des «Eisernen Vorhangs», der sich quer durch Europa ziehe und den Kontinent in zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke teile. Churchill war nicht der Erfinder dieser aus der Theatersprache übernommenen Metapher, die seit der Oktoberrevolution von 1917 gelegentlich aufgetaucht war und dann in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in der Goebbels’schen Propaganda einen wichtigen Platz eingenommen hatte. Mit seiner «Iron Curtain»-Rede von 1946 traf Churchill aber den Nerv des Zeitgeistes im entstehenden Kalten Krieg. Ein halbes Jahr darauf sollte Churchill die Schweiz besuchen, in der Aula der Universität Zürich seine berühmte «Let Europe Arise»-Rede halten (vgl. SozialarchivInfo 4/2016) und bei einem Empfang in der Limmatstadt auch Stadtrat Edgar Woog die Hand schütteln. Die beiden Blöcke verfestigten sich auch wirtschaftlich und militärisch. Im April 1948 startete der amerikanische Marshall-Plan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Westeuropas unter kapitalistischen Vorzeichen, im Januar 1949 gründeten sechs kommunistische Staaten Osteuropas den «Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe» (Comecon). Im April 1949 schlossen sich zwölf westliche Staaten Europas und Nordamerikas zum Verteidigungsbündnis NATO zusammen. Vier Monate darauf fiel mit dem ersten sowjetischen Atomwaffentest das bisherige nukleare Monopol der USA. Im Juni 1955 gründeten die kommunistischen Staaten Europas (ausser Jugoslawien) den Warschauer Pakt.

Wo die Demarkationslinie des «Eisernen Vorhangs» in Europa und anderen Weltregionen noch nicht klar abgesteckt war, kam es in der zweiten Hälfte der 40er Jahre zu eine Kaskade internationaler Krisen: Bereits 1945/46 führte die Frage der Kontrolle über den Iran zu einer ernsthaften Verstimmung unter den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, bei der US-Präsident Harry S. Truman der Sowjetunion den Einsatz von Atomwaffen androhte. Vom März 1946 bis Oktober 1949 tobte in Griechenland ein blutiger Bürgerkrieg zwischen der von Grossbritannien und den USA unterstützten konservativen Regierung und der bewaffneten Organisation der Kommunistischen Partei Griechenlands, der Albanien und Jugoslawien den Rücken stärkten. Im März 1947 verkündete Truman die aussenpolitische Doktrin von der «Eindämmung» des Kommunismus – zeitgleich setzte im Innern der McCarthyismus ein. Von Juni 1948 bis Mai 1949 blockierte die Sowjetunion die Landwege nach Westberlin, so dass der mitten in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands liegende Stadtteil nur durch die westalliierten «Rosinenbomber» aus der Luft versorgt werden konnte. Am 1. Oktober 1949 endete der seit den späten 20er Jahren anhaltende chinesische Bürgerkrieg mit der Ausrufung der Volksrepublik China durch Mao Tse-tung. Im Oktober 1950 gab es in Österreich einen von den Kommunisten und in der Region Linz auch von rechtsradikalen Kräften getragenen Generalstreik, den die Regierungsparteien ÖVP und SPÖ als kommunistischen Putschversuch dramatisierten. Und im Juni 1950 begann mit der Invasion des kommunistischen Nordens in den prowestlichen Süden der Koreakrieg, der drei Jahre dauern und rund vier Millionen Opfer fordern sollte.

All diese Vorgänge hatten auch Rückwirkungen auf die Schweiz. Von 1945 bis 1948 ging die Zahl der PdA-Mitglieder um die Hälfte zurück. 1950 erliess der Bundesrat Weisungen gegen «vertrauensunwürdige Beamte», die insbesondere auf PdA-Mitglieder abzielten. Auch innerhalb der Arbeiterbewegung wurde die PdA zunehmend angefeindet. Die Gewerkschaften säuberten um 1950 ihre Leitungsgremien von PdA-Mitgliedern, ebenso die sozialistische Tourismusorganisation der «Naturfreunde». 1951 billigte die Typographen-Gewerkschaft Entlassungen von Kommunisten als «Zerstörung» von «Infektionsherde[n]». Ein Jahr darauf reichten die Sozialdemokraten im Grossen Rat von Basel-Stadt einen Vorstoss für den Ausschluss von als «Söldner Stalins» gebrandmarkten PdA-Mitgliedern aus dem Staatsdienst ein, der aber von der bürgerlich dominierten Kantonsregierung abgelehnt wurde. Der bei den Nationalratswahlen von 1947 erzielte PdA-Stimmenanteil von 5,1 Prozent fiel 1951 auf unter 3 Prozent und ging dann bis zum Ende des Kalten Krieges kontinuierlich auf unter 1 Prozent zurück. Hinzu kamen interne Konflikte: PdA-Zentralsekretär Karl Hofmaier wurde 1946 wegen Veruntreuung von Parteigeldern abgesetzt und im folgenden Jahr aus der Partei ausgeschlossen. 1951 erfolgte der Ausschluss des legendären Spanienkämpfers Otto Brunner und 1952 derjenige von Gründungspräsident Léon Nicole wegen ideologischer Differenzen. Die PdA wurde zunehmend als «Partei der Affären» und «Partei des Auslands» geschmäht. Mit dem von der PdA begrüssten sowjetischen Einmarsch in Ungarn erreichte die politische Isolierung der Partei dann 1956 ihren Höhepunkt (s. SozialarchivInfo 5/2016).

Auch die weitere Laufbahn von Edgar Woog stand in diesen Kontexten. Am 6. Oktober 1947 wurde der Vorsteher des städtischen Bauamts I verhaftet. Grund war die Veruntreuung von Sammelgeldern der «Koordinationsstelle für Nachkriegshilfe» (KOOST). Im Unterschied zu den anderen Schweizer Hilfswerken, die mit der «Schweizer Spende» vor allem in West-, Zentral- und Nordeuropa wirkten, konzentrierte diese PdA-nahe Organisation ihre Hilfsaktionen auf Länder des kommunistischen Einflussbereichs wie Polen, Jugoslawien, die Tschechoslowakei und Albanien (s. SozialarchivInfo 2/2015). Aus deren Sammlung «für Polens Kinder» hatte Woog einen – in der Buchhaltung als «Darlehen an Albanien» getarnten – Überbrückungskredit von 5’000 Franken für die serbelnde PdA-Zeitung «Vorwärts» abgezweigt, der allerdings zum Zeitpunkt seiner Verhaftung bereits zurückgezahlt war. Ins Rollen gebracht wurde die Affäre vermutlich von einem Whistleblower aus der PdA-Parteileitung. Daraufhin hörte die Zürcher Kantonspolizei mittels eines versteckten Mikrofons Anfang September 1947 eine Vorstandssitzung der KOOST ab.

Zusammen mit Woog wurden sechs weitere Führungspersonen der KOOST festgenommen, darunter deren Sekretär, der spätere Publizist Alfred A. Häsler. Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft wurde Woog am 8. Oktober 1947 als Stadtrat beurlaubt. Am selben Abend fand zu seiner Unterstützung auf dem Helvetiaplatz und im Volkshaus eine Protestkundgebung statt, an der sich etwa 3’000 Personen beteiligten. Zehn Tage darauf verfügte der Bezirksrat als Aufsichtsbehörde, Woog einstweilen im Amt «einzustellen», das heisst, ihn ohne Bezüge als Stadtrat zu suspendieren. In der folgenden Woche erfolgte Woogs Wahl in den Nationalrat. Im Januar 1949 verurteilte ein Schwurgericht Woog zu einem halben Jahr Gefängnis. Die Strafe wurde wegen Woogs Vorstrafen unbedingt ausgesprochen, während die übrigen Angeklagten mit bedingten Strafen davonkamen. Steffen Lindig, pensionierter Bibliothekar des Sozialarchivs, hat diesen Prozess als Höhepunkt des «Polit-Krimis» um Edgar Woog in einem umfangreichen Manuskript detailliert rekonstruiert. Im April 1949 beschloss der Bezirksrat die definitive Amtsenthebung Woogs als Stadtrat. Dieser in der Stadtzürcher Geschichte einmalige Beschluss wurde im Dezember 1949 vom Regierungsrat und im folgenden Jahr auch vom Bundesgericht geschützt. Während Woogs Haft wurde er im Juni 1949 zum Zentralsekretär der PdA gewählt. Ausweislich der Staatsschutzakten über Woog gab es sogar Überlegungen, ihm das Bürgerrecht zu entziehen. Ende 1949 forderte ein nicht namentlich genannter Herr aus Zürich als Reaktion auf die Geburtstagsgrüsse der PdA für Stalin in einem Brief an Bundesrat Eduard von Steiger die Ausbürgerung der Schweizer Kommunisten. Von Steiger erwiderte, dass dies nur bei Doppelbürgern wie Woog eventuell möglich wäre. Nachforschung der Bundespolizei ergaben dann aber, dass Woog gar keine doppelte Staatsangehörigkeit besass.

Einher mit Woogs Amtsenthebung ging der Zerfall der linken Mehrheit im Zürcher Stadtrat und das Ende des «Roten Zürich». Wenige Monate nach Woogs Absetzung verstarb im Juli 1949 der sozialdemokratische Stadtpräsident Lüchinger. In der Ersatzwahl ging das Stadtpräsidium an den Freisinnigen Emil Landolt und Lüchingers Stadtratssitz an den Landesring, während Woogs Sitz bis zur Gesamterneuerungswahl vom Folgejahr vakant blieb. Die SP beschloss im Januar 1950 mit Blick auf die Gemeinderatsergebnisse von 1946, einstweilen keinen Mehrheitsanspruch mehr zu stellen, nur mit ihren vier bisherigen Stadträten anzutreten, eine eventuelle Kandidatur der PdA nicht zu unterstützen und auch keine Listenverbindungen einzugehen. Die PdA ihrerseits portierte erneut Edgar Woog. In der Wahl vom März 1950 schafften neben den vier Sozialdemokraten die je zwei bisherigen Vertreter des Freisinns und des Landesrings die Wiederwahl. Im Unterschied zu 1946 standen bei den Stimmenzahlen nun die Kandidaten der Bürgerlichen und des Landesrings klar an der Spitze, während die vier Sozialdemokraten noch hinter dem neu antretenden christlichsozialen Kandidaten mit deutlichem Rückstand die Plätze sechs bis neun belegten. Woog folgte weit abgeschlagen auf dem zehnten Rang, wurde aber wenigstens in den Gemeinderat gewählt. Ansonsten erlebte die PdA bei der Wahl ins Stadtparlament mit einem Stimmenanteil von nur noch 6,3 Prozent (minus 9 Prozent) und dem Verlust von 15 der bisherigen 19 Mandate ein Fiasko, während alle anderen Parteien leichte Zugewinne verbuchen konnten.

Woog wurde in der Folge 1951 trotz der Verluste seiner Partei als Nationalrat bestätigt. Sein Amt als PdA-Zentralsekretär behielt er bis 1968. In dieser Funktion war er auch Verbindungsperson zu den Kommunistischen Parteien anderer Länder. 1953 nahm er zusammen mit der Prominenz des Weltkommunismus am Begräbnis Stalins teil und in den 50er und 60er Jahren wohnte er vier Parteikongressen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bei. Von Woogs bewegter Biografie zeugen auch die umfangreichen, im Sozialarchiv als Kopien vorliegenden Staatsschutzakten der Bundespolizei über ihn, die 253 Karteikarten umfassen und ein halbes Jahrhundert von 1924 bis zu Woogs Tod im Jahre 1973 abdecken.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 87.20.7 Sozialdemokratische Partei Zürich 4: Akten 1949–1960
  • Ar 132.40.1 Nachlass Fritz Heeb: Linke SP (Opposition) / PdA
  • Ar 140 Nachlass Edgar Woog
  • Ar 148 Nachlass Marino Bodenmann
  • Ar 189 Nachlass Karl Hofmaier
  • Ar 198.7 Schweizer Kommunisten
  • Ar 198.11 Nachlass Dora Staudinger
  • Ar 198.26 Nachlass Lydia Woog
  • Ar 301.27 Steffen Lindig: Darlehen an Albanien. Der kommunistische Stadtrat Edgar Woog verliert sein Amt – Ein Polit-Krimi aus dem Zürich der Nachkriegszeit
  • Ar 458 Partei der Arbeit des Kantons Zürich
  • Ar 459 Partei der Arbeit der Schweiz
  • Ar 638.10.9 Sammlung Markus Bürgi: Biografische Artikel P–Z

Sachdokumentation

  • KS 32/118 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich
  • KS 32/119 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich
  • KS 335/390c Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) bis 1943; Partei der Arbeit (PdA) ab 1944: Opposition
  • KS 335/390f Kommunistische Partei der Schweiz (KPS): illegal in der Deutschschweiz
  • KS 335/390i Kommunistische Partei der Schweiz (KPS): illegal in der Romandie
  • KS 335/391a Partei der Arbeit (PdA): Broschüren
  • KS 335/391b Partei der Arbeit (PdA): Broschüren
  • KS 335/391c Partei der Arbeit (PdA): Zeitschriftenartikel
  • KS 335/391d Partei der Arbeit (PdA): Flugschriften
  • KS 335/391e Beziehungen Schweiz-Sowjetunion
  • ZA 04.9 Biografien: Einzelne Personen: Wol–Wz
  • ZA 38.6 Partei der Arbeit (PdA)
  • ZA 38.6 *K Kommunistische Partei der Schweiz (KPS)

Bibliothek

  • Buclin, Hadrien: Les intellectuels de gauche: Critique et consensus dans la Suisse d’après-guerre (1945–1968). Lausanne 2019, 141454
  • Buomberger, Thomas: Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990. Baden 2017, 135979
  • Caillat, Michel et al. (Hg.): Geschichten des Antikommunismus in der Schweiz. Zürich 2009, 120661
  • Häsler, Alfred A.: Einen Baum pflanzen: Gelebte Zeitgeschichte. Zürich 1996, 100409
  • Historische Kommission der Partei der Arbeit der Schweiz (Hg.): Zur Geschichte der kommunistischen Bewegung in der Schweiz. Zürich 1981, 68831
  • Hofmaier, Karl: Politischer Bericht dem zweiten Parteitag der Partei der Arbeit der Schweiz am 6. Oktober 1945 in Genf. Zürich 1945, Hf 5240
  • Huber, Peter: Stalins Schatten in der Schweiz: Schweizer Kommunisten in Moskau: Verteidiger und Gefangene der Komintern. Zürich 1994, 96335
  • Kunz, Matthias: Aufbruchstimmung und Sonderfall-Rhetorik: Die Schweiz im Übergang von der Kriegs- zur Nachkriegszeit in der Wahrnehmung der Parteipresse 1943–1950. Bern 1998, Gr 9637
  • Lossau, Manfred: Die Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS): Skizze ihrer Geschichte (1944–1968). Marburg 1981, Gr 3751
  • Neval, Daniel A.: „Mit Atombomben bis nach Moskau“: Gegenseitige Wahrnehmung der Schweiz und des Ostblocks im Kalten Krieg, 1945–1968. Zürich 2003, 111356
  • Rauber, André: Formierter Widerstand: Geschichte der kommunistischen Bewegung in der Schweiz 1944–1991. Zürich 2003, 111618
  • Rauber, André: Léon Nicole: Le franc-tireur de la gauche suisse (1887–1965). Genf 2007, 118829
  • Rosenberg-Katzenfuss, Odette: Lydia Woog, eine unbequeme Frau: Schweizer Aktivistin und Kommunistin. Zürich 1991, 91576
  • Späti, Christoph: Die Schweiz und die Tschechoslowakei, 1945–1953: Wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen im Polarisationsfeld des Ost-West-Konflikts. Zürich 2000, 109917
  • Studer, Brigitte: Un Parti sous influence: Le Parti communiste suisse, une section du Komintern 1931 à 1939. Lausanne 1994, 99542

Periodika

  • Information: Mitteilungsblatt des Sekretariates der Partei der Arbeit der Schweiz, ZZ 66
  • Socialisme: Revue mensuelle du Parti Suisse du Travail, N 417
  • Voix Ouvrière, MFB 39
  • Vorwärts, MFB 38
  • Zeitdienst, N 1419
25. September 2020Christian Koller zurück