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Vor 85 Jahren: Die „Wahlschlacht“ um „Gross-Zürich“

Für die bevorstehenden Zürcher Gemeindewahlen ist zwar ein Lagerwahlkampf affichiert, dessen Intensität hat sich bisher indessen in Grenzen gehalten. Im frühen 20. Jahrhundert war dies oft ganz anders. Der am heftigsten geführte Wahlkampf der Stadtzürcher Geschichte fand im Herbst 1933 im Vorfeld der zweiten Eingemeindung statt. Der SP-Politiker Ernst Nobs bezeichnete ihn im Rückblick sogar als „Wahlschlacht“. Tatsächlich wurden politische Gegensätze damals nicht nur mit äusserst gehässigen verbalen Polemiken, sondern teilweise auch mit den Fäusten ausgetragen. Die Intensität dieses Wahlkampfs widerspiegelt sich in der Sachdokumentation des Sozialarchivs, dessen Sammlung an Propagandamaterial der verschiedenen Parteien für 1933 etwa doppelt so umfangreich ist wie für die Gemeindewahlen vorher und nachher. Es ging dabei um die Kommunalpolitik des künftigen „Gross-Zürich“, die Parteien stilisierten die Ausmarchung an der Urne aber auch zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung, die vor dem Hintergrund dramatischer Entwicklungen auf der weltpolitischen Bühne zu sehen ist.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Landesstreik hatte sich die politische Situation in der Stadt Zürich polarisiert. Bürgerliche und Linke hielten sich in den folgenden Jahren wählermässig in etwa die Waage. 1919 verloren die Bürgerlichen die Mehrheit im Stadtparlament, das Zünglein an der Waage zwischen 60 Sozialdemokraten und 57 Bürgerlichen spielten acht Grütlianer, die sich als „Sozialdemokratische Volkspartei“ von der stark nach links gerückten SP abgespalten hatten. 1922 errangen die Bürgerlichen eine hauchdünne Mehrheit von einem Sitz, die sie drei Jahre später wieder verloren. Nun sassen den 60 Bürgerlichen 55 Sozialdemokraten, neun Kommunisten und ein Grütlianer gegenüber. In der Exekutive war die SP aber nur mit zwei von neun Sitzen vertreten. Die Wahlen von 1928 markierten dann den Beginn des „Roten Zürich“: Die mit einer Fünferliste angetretene SP errang die Mehrheit im Stadtrat sowie das Stadtpräsidium; im Parlament blieb das bisherige Kräfteverhältnis gewahrt. Drei Jahre darauf bestätigten die Wähler diese Zusammensetzung des Stadtrats, während im Parlament die SP mit einem Wähleranteil von 47.4 Prozent nun eine eigene, hauchdünne Mehrheit von 63 Sitzen errang.

Das „Rote Zürich“ orientierte sich zwar am Konzept des „Gemeindesozialismus“, war aber auch auf Ausgleich bedacht. Nach dem starken Linksdrall der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten in der Zürcher SP inzwischen wieder gemässigte Kräfte wie der neue Stadtpräsident Emil Klöti die Oberhand. Als kurz nach den Wahlen von 1928 ein bürgerlicher Stadtrat verstarb, verzichtete die SP bei der Ersatzwahl auf eine eigene Kandidatur oder die Unterstützung des kommunistischen Bewerbers und ermöglichte damit die Wahl eines Freisinnigen. Bei zwei weiteren Nachwahlen wurde diese Politik fortgesetzt. Auch auf der symbolischen Ebene widerspiegelte sich diese Grundhaltung: Am 1. Mai 1928 wurden zwar erstmals die städtischen Amtsgebäude beflaggt, allerdings nicht mit roten, sondern mit Schweizer und Zürcher Fahnen. Die Stadtratsmehrheit verstand das „Rote Zürich“ nicht als ein revolutionäres Experimentierfeld, sondern strebte eine reformistische Verwaltungsarbeit an – auch unter Inkaufnahme von Konflikten mit Teilen der eigenen Basis.

Das grösste Projekt, die zweite Eingemeindung, erfolgte denn auch in enger Kooperation mit dem bürgerlich regierten Kanton. Zahlreiche Vorortsgemeinden gehörten wirtschaftlich längst zur Stadt, die sich 1894 ein erstes Mal vergrössert hatte. Manche von ihnen hatten grosse Haushaltsprobleme. Namentlich die Glatttalgemeinde Affoltern drohte finanziell zusammenzubrechen. Durch die Schaffung von „Gross-Zürich“ sollten die Planbarkeit der Wirtschaftsregion Zürich vergrössert und ein finanzieller Ausgleich zwischen den Quartieren geschaffen werden. Die Gegnerschaft befürchtete dagegen eine noch stärkere Dominanz der Stadt im Kanton Zürich, wobei auch die unterschiedlichen politischen Mehrheiten in Stadt und Kanton thematisiert wurden. Nachdem ein erster Vorstoss 1929 noch in der kantonalen Volksabstimmung gescheitert war, wurde 1931 eine neue Vorlage gutgeheissen, die die wohlhabenden Gemeinden Kilchberg und Zollikon sowie Schlieren und Oberengstringen von der Eingemeindung ausnahm und zugleich einen kantonalen Finanzausgleich einführte. Durch die Eingliederung der Gemeinden Albisrieden, Altstetten, Höngg, Affoltern, Seebach, Oerlikon, Schwamendingen und Witikon verdoppelte sich die Stadtfläche und die EinwohnerInnenzahl stieg von 250’000 auf 320’000. Aufgrund der Vereinigung auf das Kalenderjahr 1934 hin wurden die Stadt- und Gemeinderatswahlen, an denen sich nun auch die zukünftigen Stadtkreise 9 bis 11 beteiligten, um ein halbes Jahr auf den September 1933 vorgezogen.

Der Wahlkampf fiel in eine politisch und wirtschaftlich dramatische Zeit. Die seit bald vier Jahren anhaltende Weltwirtschaftskrise hatte zu einem markanten Einbruch von Welthandel und Industrieproduktion sowie Massenarbeitslosigkeit und politischer Radikalisierung geführt. In Deutschland mit einer Arbeitslosenquote von rund 30 Prozent war Ende Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden. In den folgenden Wochen und Monaten trieben die Nazis den Umbau des Staates in eine Diktatur voran. Bis im Sommer waren sämtliche politischen Parteien ausser der NSDAP ausgeschaltet, erste antisemitische Regelungen in Kraft gesetzt und bereits Zehntausende Regimegegner in Konzentrationslagern inhaftiert. In Österreich nutzte Reichskanzler Engelbert Dollfuss im März 1933 eine parlamentarische Geschäftsordnungskrise zur Ausschaltung des Nationalrats und der Errichtung eines autoritären Regimes, das sich in den folgenden Monaten mit dem sukzessiven Verbot der politischen Parteien und, nach blutigen Unruhen im Februar 1934, einer oktroyierten „ständestaatlichen“ Verfassung konsolidierte und in der Folge stark an das faschistische Italien anlehnte. Damit endete auch die Phase des „Roten Wien“, das von den Exponenten des „Roten Zürich“ häufig als Vorbild betrachtet worden war.

Es gab auf der Weltbühne aber nicht nur diese Tendenz nach rechts aussen. In den Vereinigten Staaten war im November 1932 der bisherige republikanische Präsident Herbert Hoover, der die Wirtschaftskrise passiv aussitzen wollte, abgewählt worden. Sein Nachfolger, der Demokrat Franklin D. Roosevelt, propagierte mit dem „New Deal“ eine interventionistische Politik der Krisenbekämpfung, die staatlich finanzierte Bauprogramme, Unterstützungen für die Landwirtschaft, einen freiwilligen Arbeitsdienst, eine staatliche Börsenaufsicht sowie sozialpolitische Massnahmen umfasste. In Schweden hatten im September 1932 die Sozialdemokraten die Wahlen gewonnen, versuchten nun ebenfalls, die Auswirkungen der Krise mit Beschäftigungsprogrammen und Agrarsubventionen zu bekämpfen, und legten die Grundlagen für das „nordische Modell“. Das britische Mehrparteienkabinett des „National Government“ war wirtschaftspolitisch gespalten, Frankreich taumelte von einer Regierungskrise in die nächste.

Die Kommunisten betrachteten die Weltwirtschaftskrise als die von Marx prognostizierte Endkrise des Kapitalismus und verwiesen auf den ganz anderen Wirtschaftsverlauf in der Sowjetunion, wo der erste Fünfjahresplan 1928 bis 1932 den Aufbau der Schwerindustrie vorantrieb. Die Produktionsziffern mancher industrieller Güter verdoppelten oder gar vervierfachten sich in wenigen Jahren und es entstanden zahlreiche neue Industriezentren. Während im Westen Massenarbeitslosigkeit herrschte, kämpfte die sowjetische Industrie mit Arbeitskräftemangel. Das rasche Wachstum beruhte aber auf der gnadenlosen Ausbeutung der Industriearbeiterschaft mit überlangen Arbeitszeiten und einem Rückgang der Reallöhne. Katastrophale Folgen hatte die parallel vollzogene Kollektivierung der Landwirtschaft. Widerstände der Bauern gegen die erzwungene Eingliederung in Kolchosen und Sowchosen, die Deportation mehrerer Millionen als „Kulaken“ (Grossbauern) diffamierter Menschen nach Sibirien, administrative Inkompetenz und wetterbedingte Ernteausfälle führten zu einem massiven Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, der 1932/33 in eine grosse Hungersnot mündete, welcher mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen. Trotzdem erschien die Sowjetunion als „Land ohne Arbeitslosigkeit“ im Westen manchen als ein attraktives Modell und hatten die Kommunisten in der Endphase der Weimarer Republik als einzige Partei neben den Nazis einen Wähler- und Mitgliederzuwachs erlebt.

Auch in der Stadt Zürich war die Weltwirtschaftskrise spürbar. Die Zahl der Arbeitslosen sprang von 1930 bis 1934 von 1’795 auf 12’415. Die Stadtregierung reagierte mit verschiedenen sozialpolitischen und interventionistischen Massnahmen. 1929/30 wurden kommunale Altersbeihilfen eingeführt, 1931 eine obligatorische, von der Stadtkasse subventionierte Arbeitslosenversicherung. Ab 1933 gewährte die Stadt (wie auch der Kanton) Exportrisikogarantien. Als die Firma Escher Wyss nahe am Konkurs stand, kaufte die Stadt 1935 ihre Liegenschaft und vermietete sie ihr zu günstigen Konditionen. Als Arbeitsbeschaffungsmassnahme wurden Renovationsarbeiten städtisch unterstützt, und der Bau des Hallenstadions durch eine private Aktiengesellschaft erfolgte zu einem grossen Teil mit Geldern aus den Arbeitsbeschaffungsfonds von Bund, Stadt und Kanton Zürich in der Höhe von insgesamt 1.2 Millionen Franken.

Vor diesem Hintergrund vermischten sich bei den Gemeindewahlen 1933 Kommunalpolitik und weltanschauliche Grundsatzfragen. Befeuert wurden sie durch das Auftreten einer neuen politischen Kraft: den Fronten. 1930 waren in Zürich gleich zwei rechtsextreme Organisationen entstanden. Die Mitglieder der Neuen Front, die sich als Kaderorganisation verstand, stammten zumeist aus ursprünglich freisinnigen Jungakademikerkreisen, die den Liberalismus als Auslaufmodell betrachteten und zu neuen Ufern aufbrechen wollten. Demgegenüber rekrutierte sich die Nationale Front zum grössten Teil aus dem Kleinbürgertum. Mit ihrer Zeitung „Der Eiserne Besen“ und einem offen zur Schau getragenen Antisemitismus versuchte die Nationale Front die Massen zu mobilisieren. Im folgenden Jahr wurde nach deutschem Vorbild die Nationalsozialistische Eidgenössische Arbeiterpartei (NSEAP) gegründet. Im April 1933 vereinigte sich die Neue mit der Nationalen Front und auch viele Mitglieder der NSEAP traten zur Nationalen Front über. Im August verübten drei Frontisten einen Bombenanschlag auf die Redaktion des sozialdemokratischen Parteiblatts „Volksrecht“. Ideologie und politischer Stil der Fronten waren Kopien ihrer ausländischen Vorbilder: Antisemitismus, Antisozialismus, Antiliberalismus und Demokratiefeindlichkeit verbanden sich mit einem irrationalen Führerkult, Fahnen- und Uniformfetischismus und einem autoritären Imponiergehabe an Massenaufmärschen und Versammlungen. Der Führergruss der Frontisten bestand im Recken des rechten Armes nach deutschem Vorbild, dazu wurde „Harus!“ gebrüllt.

Das Aufkommen der Fronten sorgte bei den demokratischen Parteien für Aufsehen. Bei den Bürgerlichen waren die Meinungen zunächst gespalten. Auf der einen Seite waren die antidemokratischen und antiliberalen Töne der Frontisten unüberhörbar und lehnte die Nationale Front zunächst auch jegliches Zusammengehen mit den traditionellen Parteien ab. Der „Eiserne Besen“ etwa hatte es am 2. Juni 1933 als Ziel formuliert, „die historischen Parteien zu zertrümmern“, und die „Neue Zürcher Zeitung“ als „Judenblättlein“ tituliert. Auf der anderen Seite schien es aber auch, dass die Fronten der Linken Wähler aus den Unterschichten abspenstig machen und die Bürgerlichen als lachende Dritte dastehen könnten. Im Mai 1933 widmeten die Zürcher Freisinnigen ihren Kantonaltag der Frage des Verhältnisses zu den Fronten. Parteipräsident Heinrich Weisflog meinte dabei, der Freisinn begrüsse „von ganzem Herzen den Grundton der neuen Bewegungen ‚Alles für das Vaterland’ und ist mit ihnen einverstanden, wenn sie es unternehmen, unsere Ratssäle vom russischen Ungeziefer zu säubern“. Ein gemeinsames Handeln sei möglich „schon mit Rücksicht auf das nächste Kriegsziel, die Befreiung der Stadt Zürich von der roten Herrschaft“ (NZZ, 29.5.1933).

Tatsächlich wurde für die Zürcher Gemeindewahlen eine Allianz zwischen den meisten bürgerlichen Parteien und der Nationalen Front und weiteren frontistischen Gruppierungen geschmiedet, der „Vaterländische Block“. Für die Gemeinderatswahlen gab es eine Listenverbindung, auf dem bürgerlichen Sechserticket für den Stadtrat figurierte auch der Rechtsanwalt Robert Tobler von der Nationalen Front. Dieses Zusammengehen war indessen auf beiden Seiten sehr umstritten. Manche Frontisten empfanden den Schulterschluss mit traditionellen Parteien als Verrat am eigenen Antiparlamentarismus. Auf der bürgerlichen Seite scherte nach einem deutlich ablehnenden Votum der Mitgliederversammlung die Demokratische Partei aus dem Bündnis aus und verweigerte Tobler die Unterstützung als Stadtratskandidat. Auch im Freisinn ausserhalb der Stadt Zürich gab es stark ablehnende Stimmen. So schrieb die Basler „National-Zeitung“ am Vorabend der Wahlen: „Das Bürgertum wittert Morgenluft, glaubt den Tag der Abrechnung mit den ‚Marxisten‘ für gekommen und nimmt den Kampf um die politische Vormachtstellung mit der Linken auf. Aber um welchen Preis! Der Liberalismus verleugnet seine Ideen und paktiert mit seinem hasserfüllten Gegner. Er kämpft mit den Waffen aus dem Schlagwortarsenal einer ausländischen Waffenfabrik.“

Auf der Linken attackierten die Kommunisten mit einer eigenen Stadtratsliste mit neun Kandidaten die sozialdemokratischen Amtsinhaber. In den Parteizeitungen und Flugblättern beschimpften sich SP und KPS in der Folge gegenseitig als Wegbereiter der „Reaktion“. Seit der Parteispaltung von 1921 war die Bedeutung der Kommunistischen Partei in der Stadt Zürich kontinuierlich zurückgegangen. Ihr Wähleranteil, der 1922 noch 10.9 Prozent betragen hatte, war bis 1931 auf 5.8 Prozent gesunken, während die SP in derselben Zeit ihre Wählerschaft von 31.2 auf 47.4 Prozent gesteigert hatte. In den Arbeiterquartieren waren die Verschiebungen weg von der KPS und hin zur SP noch markanter. Die KPS folgte treu der Sozialfaschismusthese der Kommunistischen Internationale, gemäss welcher die Sozialdemokratie den linken Flügel des Faschismus und Hauptstütze der Bourgeoisie darstellte und von den Kommunisten vorrangig zu bekämpfen war. Eine Gelegenheit dazu hatte sich im Sommer 1932 bei einem wilden Streik der Zürcher Heizungsmonteure ergeben, die einen von der Gewerkschaft SMUV mit den Arbeitgebern ausgehandelten Nominallohnabbau ablehnten. Der mehrwöchige Streik gipfelte am 15. Juni in Strassenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei, bei der ein Kommunist getötet und mehrere Dutzend schwer verletzt wurden. Am folgenden Tag verprügelten Demonstranten am Rande einer unbewilligten kommunistischen Kundgebung einen Kleingewerbler und Gewerkschafter so brutal, dass er wenige Tage darauf verstarb. Die kommunistische Hoffnung und sozialdemokratische Befürchtung nach der „Blutnacht“, dass sich nun sozialdemokratische Arbeiter in Massen der KPS zuwenden würden, trat nicht ein. Jedoch übte die Sozialistische Arbeiterjugend immer stärkere Kritik an der Stadtregierung und näherte sich der KPS an. Im Dezember 1934 sollten ihre Organisationen dann von der SP aufgelöst werden.

Im Wahlkampf 1933 vermischten sich kommunalpolitische Themen mit grundsätzlichen Fragen. Die SP verteidigte nicht nur die Bilanz der vergangenen fünf Jahre Regierungspolitik, sondern stellte sich auch als Bollwerk gegen Frontisten und Nationalsozialismus dar. Die Freisinnigen versuchten einen Balanceakt zwischen Zusammenarbeit und Distanzierung von den Fronten und rückten den Kampf gegen die SP und die Kosten von deren Sozialpolitik ganz ins Zentrum ihres Wahlkampfes. Die Reaktion auf die sozialdemokratische „Misswirtschaft“ müsse kommen, und der „Systemwechsel“ könne nun noch „auf legale Weise“ erfolgen; ob dies in einem Jahr noch möglich sei, wisse kein Mensch: „Wehe, Bürger, wenn Du schläfst! Dann werden die Fronten mit eisernem Besen kehren und was dann an Freiheiten noch übrig bleibt, das siehst Du am heutigen Hitler-Deutschland: Nichts!“ Die Fronten agitierten „gegen den antireligiösen, bolschewistischen und jüdischen Zersetzungsgeist“ sowie „gegen den Parteienstaat und gegen den unverantwortlichen Parlamentarismus“. Und die Kommunisten attackierten Sozialdemokratie, Bürgerliche und Fronten gleichermassen, denn sie seien „alle einig im Kampfe gegen die Arbeiterklasse, für Lohnraub und faschistischen Terror“.

Die Wahlkampfmittel beinhalteten Plakate und Flugblätter ebenso wie die Präsenz auf der Strasse und zahlreiche Versammlungen. Letztere dienten alleine der Mobilisierung der sich feindselig gegenüberstehenden Wahlblöcke. Kontradiktorische Veranstaltungen, wie sie heute zum Kernbestand des Meinungsbildungsprozesses im Vorfeld von Wahlen und Abstimmungen gehören, fanden keine statt und wären wohl in Tumulte ausgeartet. Modern mutet hingegen die Verwendung von Wahlkampf-Giveaways an: Die Sozialdemokraten produzierten Zündholzschächtelchen, auf dass den Wählern ein Licht aufgehe, die Freisinnigen verteilten Jasskarten mit der Mahnung, die bevorstehenden Wahlen seien mehr als nur ein Spiel. Auch Tonaufnahmen spielten im Wahlkampf eine Rolle: Im Archiv des VPOD Zürich sind fünf Azetatplatten mit kurzen Wahlkampfreden der SP-Stadträte Briner, Baumann, Kaufmann und Gschwend sowie von Volksrecht-Redaktor Nobs überliefert. Wie diese erst kürzlich entdeckten und nun in der Datenbank Bild + Ton des Sozialarchivs online abhörbaren Aufnahmen genau im Wahlkampf eingesetzt wurden, ist noch unklar.

Am Vorabend der Wahlen eskalierte die bereits seit Wochen latent vorhandene Gewaltbereitschaft verschiedener Akteursgruppen in einer wüsten Schlägerei rund um den Stauffacher. Ein von der „Neuen Zürcher Zeitung“ als „Weiheakt der vaterländischen Aktion“ angekündigter Fackelzug des „Vaterländischen Blocks“, in dem Mitglieder der frontistischen Parteimiliz „Harst“ dominierten, hatte mit der Sihl die Demarkationslinie zwischen bürgerlichen und Arbeiterquartieren überschritten und wollte weiter durch Aussersihl marschieren. Bereits nach wenigen Metern wurde er aber von Arbeitern abgefangen und es entfaltete sich eine Keilerei, die von Extrablättern der Parteizeitungen je nach Blickwinkel als von den Fröntlern provozierte „Katastrophe“ oder als „marxistischer Ueberfall“ rapportiert wurde.

Der faustische Pakt mit den Fronten zahlte sich für die bürgerlichen Parteien nicht aus: Zwar erreichte die Nationale Front einen Wähleranteil von 7.8 Prozent und gewann im Gemeinderat aus dem Stand zehn Sitze. Diese Gewinne gingen indessen weitgehend zulasten der Freisinnigen, deren Wähleranteil um 8.1 auf 16.9 Prozent zurückgegangen war. Die Sozialdemokraten verteidigten mit einem Stimmenanteil von 47.8 Prozent ihre Einstimmenmehrheit im Gemeinderat, die Kommunisten gingen von 5.8 auf 4.7 Prozent zurück und verloren vier ihrer bisherigen sechs Mandate. Geringere Verschiebungen zwischen den kleineren bürgerlichen Parteien hielten sich in etwa die Waage.

Bei den Stadtratswahlen stand Stadtpräsident Klöti an der Spitze, gefolgt von den vier anderen sozialdemokratischen Kandidaten. Danach folgten die fünf bürgerlichen Kandidaten, mit einigem Abstand der Frontist Tobler und weit abgeschlagen die neun Kommunisten. Die meisten Wähler hatten en bloc für die Kandidaten eines Wahlbündnisses gestimmt, wobei etwa ein Viertel der bürgerlichen Wähler aber Tobler die Unterstützung verweigerte. An der parteipolitischen Zusammensetzung der Stadtregierung änderte sich damit wenig. Den fünf Sozialdemokraten standen weiterhin vier Bürgerliche gegenüber, wobei ein Sitz von den Christlichsozialen auf die Demokraten übergegangen war. Die Wahlbeteiligung war gegenüber 1931 um fast zehn Prozent auf 85 Prozent angestiegen – der intensive Wahlkampf aller Parteien hatte also Wirkung gezeigt.

Die Zürcher Gemeindewahlen waren nicht der einzige Urnengang, in dem sich der „Frontenfrühling“ von 1933 manifestierte. Bei einer Ständeratsersatzwahl in Schaffhausen im selben Monat erhielt der Kandidat der Nationalen Front einen Stimmenanteil von 26.7 Prozent und im November kam die Union Nationale bei den Genfer Grossratswahlen auf 9 Prozent sowie zehn der 100 Mandate. Bei den Nationalratswahlen von 1935, den einzigen, an denen sich die Frontisten beteiligten, flachte die Erfolgskurve aber bereits wieder ab. Die Nationale Front gewann ein Mandat in Zürich und die Union Nationale eines in Genf; in vier weiteren Kantonen gingen die Fronten leer aus. Einige Wochen zuvor war die „Fronten-Initiative“ für eine Totalrevision der Bundesverfassung mit 72.3 Prozent Neinstimmen wuchtig verworfen worden. Zwei Jahre darauf scheiterte auch die zweite frontistische Volksinitiative, die ein Verbot der Freimaurerei forderte, mit einem Neinstimmen-Anteil von 68.7 Prozent. 1937 inszenierten der Chef der Union Nationale Georges Oltramare und der Zürcher Frontenführer Rolf Henne einen „Marsch auf Bern“ – eine Hommage an Mussolinis „Marsch auf Rom“ von 1922. Am Morgen des 23. Mai 1937 fuhren etwa 200 Autos mit Frontisten von Genf, Zürich, Basel, Schaffhausen und aus dem Aargau in die Bundesstadt. Gegen zehn Uhr marschierten etwa 1’000 Frontisten auf den Bundesplatz, wo Oltramare und Henne von einem Auto herab gegen „das System“ wetterten und den Ausschluss von Juden und Freimauern aus dem öffentlichen Leben forderten. Bei einem anschliessenden Umzug durch Bern kam es zu Scharmützeln mit der Polizei. Zum Abschluss nahmen die beiden Frontenführer von ihren vorbeidefilierenden Anhängern den Faschistengruss entgegen. Die Aktion erzielte allerdings nicht die erhoffte Massenwirkung.

Bei den nächsten Zürcher Gemeindewahlen im März 1938 hatte sich die politische Grosswetterlage markant geändert. Wenige Tage vor den Wahlen war Nazi-Deutschland in Österreich einmarschiert und hatte den „Anschluss“ vollzogen, was in der Schweiz Ängste vor einem ähnlichen Schicksal weckte. Die aufkommende Geistige Landesverteidigung führte tendenziell zu einem Zusammenrücken der demokratischen Kräfte, wenn auch die inhaltlichen Gegensätze fortbestanden und im Wahlkampf 1938 teilweise weiterhin gehässige Töne angeschlagen wurden. 1935 hatte die SP erstmals seit 1917 wieder die militärische Landesverteidigung anerkannt. Dass für 1939 die Schweizerische Landesausstellung in Zürich geplant war, das zwei Jahrzehnte zuvor noch Brennpunkt des Landesstreiks gewesen war und seit 1928 von einem links dominierten Stadtrat regiert wurde, war von symbolischer Bedeutung.

Bei den Gemeindewahlen 1938 behauptete die SP ein weiteres Mal die Mehrheit im Stadtrat. Im Gemeinderat fiel sie aber mit einem Wähleranteil von 41.6 Prozent von 63 auf 60 Mandate zurück, womit erstmals seit 1925 keine linke Mehrheit mehr bestand. Auf der anderen Seite verloren aber auch die bürgerlichen Parteien sieben Sitze. Die Nationale Front, deren Wähleranteil von 7.7 auf 2.4 Prozent fiel, ging sämtlicher zehn Mandate verlustig und die Kommunisten stagnierten auf tiefem Niveau. Grosser Gewinner war der vom Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler initiierte Landesring der Unabhängigen, der auf Anhieb auf 16 Prozent kam und 20 Sitze gewann. Mit dem Auftauchen dieser Gruppierung stand Protestwählern nun eine Alternative zur Verfügung, die nicht an den antidemokratischen Extremen des politischen Spektrums angesiedelt war und gleichermassen im sozialdemokratischen und im bürgerlichen Lager graste. Bei den nächsten Wahlen 1942 mitten im Krieg sollte sich dieser Trend dann noch verstärken.

Materialien zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 2.50.12 Gewerkschaftskartell Zürich: Wahlen 1933–1938
  • Ar 27.60.2 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Wahlen 1933–1934

Archiv Bild + Ton

  • F Ka-0001-666 Postkarte
  • F Ka-0001-679 Postkarte
  • F Pe-0413 Wahlplakat
  • F Pe-0420 Wahlplakat
  • F Pe-0491 Wahlplakat
  • F Pe-0910 Wahlplakat
  • F Pe-0268 Wahlplakat
  • F 1002-001a Rede von Stadtrat Jakob Gschwend
  • F 1002-001b Rede von Stadtrat Jakob Gschwend
  • F 1002-002a Rede von Ernst Nobs
  • F 1002-003a Rede von Stadtrat Bernhard Kaufmann
  • F 1002-003b Rede von Stadtrat Bernhard Kaufmann
  • F 1002-006a Rede von Stadtrat Jean Briner
  • F 1002-006b Rede von Stadtrat Jean Briner
  • F 1002-007b Rede von Ernst Nobs
  • F 1002-008a Rede von Stadtrat Jakob Baumann
  • F 1002-009b Rede von Stadtrat Jakob Baumann
  • F Ob-0001-483 Streichholzbriefchen

Sachdokumentation

  • KS 32/114a Kommunale Wahlen: Stadt Zürich 1914–1928
  • KS 32/115 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich 1931
  • KS 32/116:1 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich 1932–1937
  • KS 32/116:2 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich 1932–1937
  • KS 32/117 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich 1938
  • KS 32/117a Kommunale Wahlen: Stadt Zürich 1942
  • KS 32/222:1 Frontenbewegung: Schweiz; Nationale Front
  • KS 32/222:2 Frontenbewegung: Schweiz; Nationale Front
  • KS 32/223 Frontenbewegung: Schweiz
  • KS 35/13 Kommunale Politik: Stadt Zürich: Eingemeindung 1934
  • KS 335/8b Kommunalsozialismus; sozialistische Kommunalpolitik

Bibliothek

  • Walter Akeret: Die Zweite Zürcher Eingemeindung von 1934. Bern 1977, 59719
  • Beat Glaus: Die Nationale Front: Eine Schweizer faschistische Bewegung, 1930–1940. Zürich 1969, 40724
  • Peter Huber: Kommunisten und Sozialdemokraten in der Schweiz 1918–1935: Der Streit um die Einheitsfront in der Zürcher und Basler Arbeiterschaft. Zürich 1986, 80949
  • Emil Klöti: Zürichs 2. Eingemeindung vom Jahre 1934. Zürich 1956, 46179
  • Mario König et al.: Klassenkämpfe, Krisen und ein neuer Konsens – Der Kanton Zürich 1918–1945, in: Geschichte des Kantons Zürich, Bd. 3. Zürich 1997. S. 250-349, GR 8215: 3
  • Steffen Lindig: „Der Entscheid fällt an den Urnen“: Sozialdemokratie und Arbeiter im Roten Zürich 1928 bis 1938. Zürich 1979, 65768
  • Ernst Nobs: Die Zürcher Wahlschlacht, in: Rote Revue 13 (1933), S. 37, N 11
  • Paul Schmid-Ammann: Emil Klöti: Stadtpräsident von Zürich: Ein schweizerischer Staatsmann. Zürich 1965, 34409
  • Ernst Schürch: Der Freisinn und die Fronten: Nach dem Referat vom 13. Mai 1933 vor dem Zentralvorstand der freisinnig-demokratischen Partei der Schweiz in Olten. Bern 1933, 32/218-3
  • Robert Tobler: Vom Ständestaat der Gegenwart. Zürich 1932, 32/70-12
  • Walter Wolf: Faschismus in der Schweiz: Die Geschichte der Frontenbewegungen in der deutschen Schweiz, 1930–1945. Zürich 1969, 39590
  • Klaus-Dieter Zöberlein: Die Anfänge des deutschschweizerischen Frontismus: Die Entwicklung der politischen Vereinigungen Neue Front und Nationale Front bis zu ihrem Zusammenschluss im Frühjahr 1933. Meisenheim am Glan 1970, 42035
  • Konrad Zollinger: Frischer Wind oder faschistische Reaktion? Die Haltung der Schweizer Presse zum Frontismus 1933. Zürich 1991, 91777
8. Januar 2018Christian Koller zurück