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Bericht vom Rundgang

Anita Ulrich, die Vorsteherin des Schweizerischen Sozialarchivs, konnte an diesem heissen Juliabend am Bahnhof Uster zahlreiche interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Stadtrundgang begrüssen. Ludi Fuchs, Gast im Sozialarchiv 2010, und der Kunsthistoriker Roland Frischknecht vermittelten vor Ort aktuelle und historische Einblicke in die Stadtentwicklung von Uster im Bereich Bankstrasse und Bahnhofstrasse, in deren Geviert sich auch die zur Diskussion stehende Überbauung „Kern Nord“ befindet.

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Begehung „Kern Nord“

Auf dem Areal „Kern Nord“ äusserte sich der ausführende Architekt Heinrich Degelo zu den Schwierigkeiten, die das Projekt „Kern Nord“ als Bauauftrag in sich barg. Bei seinem Einstieg ins Projekt waren der Standort der Gebäude und das Bauvolumen bereits festgelegt, die Grundrisse der Wohnungseinheiten mussten allerdings deutlich vergrössert werden. Eine Herausforderung bei der Gestaltung der einzelnen Geschosse stellte die Tatsache dar, dass bis am Schluss unklar war, wo Büros und wo Wohnungen entstehen sollten. Die Einheiten wurden deshalb schliesslich vom obersten Geschoss ausgehend als Wohnungen und vom untersten her als Büros vermietet, um sich in den mittleren Geschossen möglichst lange beide Nutzungsoptionen offen zu halten.
Bei der Gestaltung der Fassade, die auch das tragende Element der Gebäude darstellt, entschieden sich Degelo und sein Team aus Basel für eine starke Struktur, mit dem Hintergedanken, dass eine solche die spätere „wilde Gestaltung“ (Dekorierung, Möblierung, Satellitenschüsseln etc.) durch die Mieterinnen und Mieter besser ertragen würde. Viel mediales Echo fand die innovative Art, den bei Hochhäusern notwendigen Brandumschlagschutz durch eine automatisch bewässerte Vertikalbegrünung zu gewährleisten. Aus bewässerungstechnischen Gründen misslang leider die effektive Umsetzung und die verdorrten Pflanzen müssen wieder demontiert werden.
Die freien Plätze zwischen den einzelnen Baukörpern sind durch verschieden grosse „Grüninseln“ und runde Glaspunkte, die tagsüber für die darunter liegenden Tiefgaragen als Oberlichter und nachts an der Oberfläche als Lichtpunkte fungieren, aufgelockert. Die Erdgeschosszone der Hochhäuser war ursprünglich als öffentlicher Bereich mit einer Bibliothek und einer Markthalle geplant gewesen. Diese sollten als Magnet für Passanten dienen und so den Standort auch für das Kleingewerbe attraktiv machen. Dass dieses Ziel nicht erreicht wurde, ist auf dem Areal deutlich sicht- und auch spürbar: es herrscht eine gewisse Leblosigkeit.
Mit der Überbauung „Kern Nord“ folgten Stadtbehörden und private Investoren gleichermassen der übergeordneten Vision, durch die Höhe der Kuben und die verdichtete Bauweise dem Image von Uster als Agglomerationsstadt entgegenzuwirken. Mit der markanten Überbauung im Zentrum wollte man der Kleinstadt Uster eine urbane Qualität verleihen. Heinrich Degelo monierte in diesem Zusammenhang, dass, um Urbanität herzustellen, vonseiten der Planungsbehörden weniger eine obere Limite als vielmehr eine minimale Nutzungsdichte als Rahmenbedingung definiert werden müsste.

Ulrike Schelling

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