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Bericht von der Diskussion im Qbus

Die Podiumsdiskussion zum Thema „Wem gehört das Stadtzentrum?“ fand in der Kleinkunstbühne Qbus statt. Unter der Leitung von Ludi Fuchs warfen Thomas Held (Direktor Avenir Suisse, ehemals Planung „Kern Nord“), Reinhard Giger (Vizepräsident Wirtschaftsforum Uster, ehemals Vertreter des privaten Grundeigentümers Credit Suisse/Winterthur Versicherungen Immobilien), Heinrich Degelo (Architekt, ausführendes Architekturbüro) sowie Rolf Aeppli (alt Stadtrat von Uster), der den verhinderten Thomas Kübler vertrat, einen kritischen Blick zurück auf das Projekt „Kern Nord“. Auf dem Podium waren damit die wichtigen Entscheidungsträger des Projekts vertreten.

Rückblick auf das Projekt „Kern Nord“

Im Jahr 2000 nahm Uster den Gestaltungsplan für das Areal „Kern Nord“ mit grossem Mehr an. Die Grundeigentumsverhältnisse waren schwierig. Die Stadt besass auf dem Areal überhaupt kein Land und kaufte sich in die Projektierungsgesellschaft ein. So kam eine vielversprechende Public-Private-Partnership zustande, bei der öffentliche Hand und private Investoren auf allen Ebenen zusammenarbeiteten, um, wie Thomas Held betonte, in Uster eine Zentrumsbildung mit Verdichtungswirkung zu erreichen. Ludi Fuchs wollte von den ehemaligen Akteuren Einschätzungen hören, weshalb schliesslich die öffentliche Nutzung im Erdgeschoss scheiterte. Laut Rolf Aeppli waren es primär Spargründe gewesen, die den Stadtrat von Uster damals dazu bewogen hatten, das Projekt Bibliothek an diesem Standort fallen zu lassen, obwohl die Bibliothek als Magnet für Passanten gewirkt und man sich davon eine Hebelwirkung für das Kleingewerbe versprochen hätte. Rückblickend war das, wie er offen eingestand, wohl ein Fehler gewesen, denn damit verspielte die Stadt auch ihre Einflussmöglichkeiten, die sie als Projektpartnerin gehabt hätte. Reinhard Giger hatte trotz fehlender Büronachfrage und ausbleibendem Interesse von Unternehmern, das Projekt Markthalle anzupacken, als Investor die ökonomischen Interessen im Auge zu behalten: eine 4½-Prozent-Nettorendite musste – zumal bei der kostenintensiven Bauweise – erwirtschaftet werden können. In dieser Phase wurde es schwierig, die verschiedenen Interessen der Projektpartner für die Nutzung unter einen Hut zu bringen. Die Frage von Ludi Fuchs, ob es denn wichtig sei, dass die öffentliche Hand an strategischen Lagen Grundeigentum besitze, damit sie mehr mitentscheiden könne, bejahte nur Rolf Aeppli. Die Stadt müsse aber vor allem die Rahmenbedingungen für den Standortwettbewerb liefern, indem sie verlässlich agiere und somit eine Vertrauensbasis schaffe.

Allgemeine Überlegungen zu Stadtentwicklung

Zur städtischen (Lebens-)Qualität tragen nicht zuletzt auch der öffentliche Raum und das Kulturangebot bei. Ludi Fuchs stellte in diesem Zusammenhang die Frage nach der Zuständigkeit: Wer übernimmt die Bauten für kulturelle Einrichtungen und wer gestaltet den Raum im Zentrum für die öffentliche Nutzung, zum Beispiel in Form von öffentlichen Plätzen? Thomas Held konnte hier gerade keinen Nachholbedarf orten: öffentliche Plätze gebe es genügend, als Beispiel nannte er den noch jungen Turbinenplatz beim Technopark in Zürich. Held sieht das Problem bei Urbanisierungsprozessen vielmehr beim Widerstand der bereits Ansässigen – Mieter wie Eigentümer – gegen bauliche Verdichtungen, die häufig als Beeinträchtigung erfahren würden. Auf die weitere Frage von Ludi Fuchs, wie denn die Mitbestimmung bei einem Gestaltungsplan am besten funktionieren sollte, äusserte Held deutliche Vorbehalte gegenüber allzu vielen Mit- und Einsprachemöglichkeiten vonseiten der Bevölkerung und der Verbände. In der Schweiz sei eine starke Mitsprache der Bevölkerung bereits gegeben, das zusätzliche Verbandsbeschwerderecht hingegen blockiere die Prozesse unnötig, und die Investoren hätten keine Planungssicherheit mehr. Dem pflichtete insbesondere Reinhard Giger bei, der betonte, wie wichtig es für Investoren sei, klare Rahmenbedingungen zu haben. Bei der Gestaltung des städtischen Raums komme der Stadt die Aufgabe zu, Ideen zu haben und Schwerpunkte zu setzen, meinte Rolf Aeppli. Mit dem Zonenplan und einem Hochhauskonzept könne sie eine Vision verfolgen und habe genügend Steuerungsinstrumente zur Hand, ergänzte Heinrich Degelo.

Die konkrete planerische Zukunft in Uster

Uster möchte seinen städtischen Charakter weiterentwickeln. Ludi Fuchs wollte deshalb zum Schluss von den Podiumsteilnehmern wissen, welche Lehren man aus einem Projekt wie „Kern Nord“ für die städtebauliche Zukunft von Uster ziehen könne, zum Beispiel für die Planung von „Kern Süd“. Obwohl man sich einig war, dass in Uster die Zusammenarbeit mit der Stadt grundsätzlich vorbildlich und gut sei, betonte Heinrich Degelo, dass die Stadt initiativ bleiben müsse, und Reinhard Giger sieht in Uster trotz allem mehr Potential bei der Erdgeschossplanung, wo eine bessere Durchmischung angestrebt werden sollte, die entsprechend mehr Passanten anzuziehen vermöchte. Thomas Held plädierte für einen besseren Vollzug der Rechtsordnung, damit es für Investoren attraktiv bleibe, nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt zu bauen. Eine Verdichtung und damit einhergehend eine höhere Ausnützungsziffer seien für die raumplanerische Zukunft der Schweiz unabdingbar.

Die Podiumsdiskussion verlief wenig kontrovers und eher konsensorientiert. Vielleicht hat eine Stimme gefehlt, welche auch die Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner vertreten hätte. So war denn zu schon fortgeschrittener Stunde auch die einzige Frage aus dem Publikum die, wer denn eigentlich für die (soziale) Aufgabe der Erstellung von günstigem Wohnraum zuständig sei. Antworten auf diese brennende Frage wird es an der Veranstaltung „Wohnen für alle?“ am 26. August 2010 geben, wo das Thema des gemeinnützigen Wohnungsbaus im Zentrum stehen wird.

Ulrike Schelling

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