Vania Alleva giesst Blumen in der Stube. Jacqueline Badran schneidet Salamischeiben. Roger Köppel zeigt uns den Inhalt seines Portemonnaies. Die Auftritte mit banalen Handlungen haben ein Ziel: Sie wollen die Stimmberechtigten je nachdem von einem Ja oder einem Nein zu einer Abstimmungsvorlage überzeugen. Videoclips dieser Art sind längst Alltag und aus den medial vermittelten Abstimmungskämpfen nicht mehr wegzudenken. Zeit, sie zu sammeln!
In der Schweiz finden in der Regel vier nationale Abstimmungen pro Jahr statt. Die Abteilung Dokumentation des Sozialarchivs sammelt dazu seit jeher das Propagandamaterial in seinen herkömmlichen Erscheinungsformen (Flyer, Broschüren, Leporellos etc.), seit rund zehn Jahren auch digital. Seit 2022 läuft nun in der Abteilung Bild + Ton ein Versuch, zusätzlich Videoclips, welche im Vorfeld eidgenössischer Volksabstimmungen über Social-Media-Kanäle publiziert werden, zu berücksichtigen. Ausgewertet werden zurzeit die Plattformen Instagram, TikTok, YouTube und Facebook sowie die Websites von Komitees, Allianzen, Parteien, Verbänden und NGOs. Wir möchten diese flüchtigen, nur schwer systematisch erfassbaren Kommunikationsformen zumindest punktuell sammeln und sichern.
Die dokumentarisch angelegte Sammlung «Abstimmungspropaganda Social Media» ist in den letzten vier Jahren auf über 200 Videos angewachsen – selbstredend handelt es sich dabei nur um einen Bruchteil der verbreiteten audiovisuellen Propaganda. Bei der Auswahl wenden wir qualitative Kriterien an, welche die technische Raffinesse, den Informationsgehalt und die Dramaturgie betreffen. Für eine Aufnahme in die Sammlung sprechen ein Mindestmass an performativer Aktion (im Gegensatz zu reinen Talking Heads) und eine kreative Bewältigung des Themas (Inszenierung, Speech, filmische Umsetzung). Uns interessieren zudem wiederkehrende Akteur:innen, die sich zu (fast) jedem Thema äussern, wie beispielsweise die Polit-Urgesteine Jacqueline Badran oder Thomas Matter, aber auch ein Campaigner wie Flavien Gousset mit seinen politischen Erklärvideos oder ein Comedian wie Michael Elsener, der den Stimmberechtigten mit seinen solide recherchierten und aufwändig produzierten Videos eine Entscheidungshilfe anbietet. Berücksichtigt werden auch KI-generierte oder offensichtlich auf Provokation angelegte Videos.
Die Produktion der Videoclips ist kostengünstig, ebenso die Distribution auf den diversen Social-Media-Kanälen, wo die Rezeption eher en passant geschieht. Die Niederschwelligkeit der Sozialen Medien erlaubt es, politische Zielgruppen zu erschliessen, die sonst kaum erreichbar sind. Solche Vorteile lassen vermuten, dass uns diese audiovisuellen Formate wohl noch länger beschäftigen werden.
Über vergangene eidgenössische Abstimmungen kann man sich nicht nur im Sozialarchiv informieren. Seit 2019 kooperiert das Sozialarchiv mit Swissvotes, der umfassendsten Datenbank zu sämtlichen eidgenössischen Volksabstimmungen seit 1848. Swissvotes, die Online-Datenbank von «Année Politique Suisse» am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern, stellt ausführliche Informationen und Daten zu jeder Vorlage zur Verfügung und präsentiert das visuelle Propagandamaterial, u.a. auch aus den Sammlungen des Sozialarchivs.
