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Vor 160 Jahren: Die Internationale Arbeiter-Assoziation

Am 28. September 1864 wurde in der Londoner St. Martin’s Hall die «International Workingmen’s Association», zu Deutsch «Internationale Arbeiter-Assoziation», aus der Taufe gehoben. Die im Rückblick als «Erste Internationale» bezeichnete Organisation existierte nur ein gutes Jahrzehnt, dennoch hatte sie – abseits von der auf sie gedichteten sozialistischen Hymne «Die Internationale» und der schwierigen Deklination des substantivierten Adjektivs im Deutschen – Nachwirkungen, die bis in die Gegenwart reichen. Die Geschichtsschreibung hat sich mit der Ersten Internationale seit langer Zeit befasst. Beginnend mit dem Schweizer Anarchisten James Guillaume, der selbst in der Internationale mitgewirkt hatte und im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg ein mehrbändiges Werk zu deren Geschichte herausbrachte, hat sich die Historiographie lange Zeit vor allem mit den einzelnen Kongressen und wichtigen Figuren der Internationale sowie den organisatorischen und doktrinären Konflikten zwischen Karl Marx und Michail Bakunin befasst. In jüngerer Zeit wurde die Geschichte der Ersten Internationale vermehrt in sozial-, kultur-, geschlechter- und globalhistorische Zusammenhänge eingeordnet und stehen die Entstehung einer neuen politischen Kultur sowie transnationale Vernetzungen im Zentrum des Forschungsinteresses.

Vorgeschichte und Gründung

Die Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation hatte eine jahrzehntelange, bis in die Frühindustrialisierung zurückreichende Vorgeschichte. Im Kontinentaleuropa der Restaurationszeit konnten internationale politische Organisationen grösstenteils nur in der Illegalität oder im Exil in den wenigen liberalen Ländern existieren und nahmen häufig die Gestalt von Geheimbünden an. Der liberaldemokratische italienische Revolutionär Giuseppe Mazzini gründete 1834 zusammen mit sieben Italienern, fünf Deutschen und fünf Polen den Geheimbund «Junges Europa», der unter dem Motto «Freiheit – Gleichheit – Humanität» ein Europa der Völker und Republiken statt der Fürsten anstrebte. Neben den drei von Mazzini initiierten Sektionen «Junges Italien», «Junges Deutschland» (das in der Schweiz die Bildung deutscher Arbeiter- und Handwerkervereine förderte) und «Junges Polen» entstanden in der Folgezeit in dieser Bewegung auch ein «Junges Frankreich», eine «Junge Schweiz» (vor allem in der Romandie) sowie ansatzweise ein «Junges Belgien» und «Junges Spanien». Diese Bewegung existierte nur bis 1836/37.

1835 gründete der britische Industrieunternehmer und Frühsozialist Robert Owen, der zuvor in Grossbritannien und den USA mehrere Muster-Produktions- und Lebensgemeinschaften initiiert hatte, in London die «Association of All Classes of All nations», die Sektionen in Grossbritannien und den USA sowie Korrespondenzpartner in Frankreich, Belgien und deutschen Staaten hatte. Die im Wesentlichen als Propaganda- und Hilfsorganisation konzipierte Assoziation kam faktisch aber nie wirklich gross über London hinaus und löste sich nach wenigen Jahren auf. 1843 entwarf die kurz darauf verstorbene französische Frühsozialistin Flora Tristan die Idee einer internationalen, politischen und gewerkschaftlichen «Union ouvrière».

Ebenso entstand ab Mitte der 1830er-Jahre eine Reihe deutscher Exilorganisationen, die einen internationalen Anspruch hatten und von denen aus es dann direkte personelle Kontinuitäten zur Ersten Internationale gab. 1834 gründeten deutsche Emigranten in Paris den «Bund der Geächteten», der auf etwa 500 Mitglieder wuchs und konspirativ arbeitete. Führendes Mitglied war der Jurist Jacob Venedey, der 1832 nach seiner Teilnahme am frühliberalen Hambacher Fest verhaftet worden und aus dem Gefängnis nach Frankreich geflohen war. Nach Teilnahme an der 1848er-Revolution war er dann in den frühen 1850er-Jahren kurze Zeit Privatdozent für mittelalterliche Geschichte an der Universität Zürich. Als radikale Abspaltung eines grossen Teils der Mitglieder vom «Bund der Geächteten» entstand 1836 der «Bund der Gerechten». Dessen führender Kopf war zunächst der Handwerker und Frühsozialist Wilhelm Weitling. 1839 verlegte der Bund seine Zentrale von Paris nach London. 1841 bis 1844 weilte Weitling in der Schweiz, wo er Handwerkervereine zum Kampf ermutigte und seine beiden Hauptwerke «Garantien der Harmonie und Freiheit» und «Evangelium des armen Sünders» publizierte. 1843 wurde er in Zürich festgenommen, inhaftiert und in der Folge ausgewiesen.

1846 lernte Weitling Karl Marx kennen. Bald kam es zwischen den beiden aber zum Konflikt und Weitling und seine Anhänger wurden aus dem «Bund der Gerechten» verdrängt. 1847 erfolgte die Umwandlung des «Bundes der Gerechten» in den «Bund der Kommunisten». Am zweiten Kongress dieses Bundes, der zu jenem Zeitpunkt etwa 500 Mitglieder, vor allem deutsche Exilanten, zählte, nahmen Ende 1847 Delegierte von 30 Ortsgruppen von Grossbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, den deutschen Staaten, Schweden, der Schweiz und den USA teil. Der Kongress beauftragte Marx und Engels mit der Abfassung des Kommunistischen Manifests, das mit seinem Schlussaufruf «Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!» die Bildung einer internationalen Organisation zum programmatischen Auftrag machte. 1850 spaltete sich der Bund, der in den 1848er-Revolutionen eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, in zwei Fraktionen. 1852 wurde er im Kölner Kommunistenprozess faktisch zerschlagen und in der Folge von Marx aufgelöst.

Zuvor war 1844/45 in London die Organisation der «Fraternal Democrats» entstanden. An der Gründung waren die Deutsche Demokratische Gesellschaft Londons (inklusive Mitglieder des «Bundes der Gerechten»), Mitglieder der britischen Reformbewegung der Chartisten sowie französische und polnische Flüchtlinge beteiligt. Auch gab es italienische und schweizerische Mitglieder. Schon vor der offiziellen Gründung protestierte die Organisation 1844 an einem Meeting gegen den Besuch des wegen seiner gnadenlosen Politik gegen alle oppositionellen Regungen sowie antiimperialen, liberalen und demokratischen Bewegungen als «Gendarm Europas» verschrienen russländischen Zaren Nikolaus I. in England. An der Vorbereitung der Gründung beteiligten sich auch Marx und Engels, die dann aber an der Gründungsversammlung am 22. September 1845 wegen Ortsabwesenheit nicht dabei waren. 1847 schlossen sich die «Fraternal Democrats» dem «Bund der Kommunisten» und der Chartistenbewegung an, 1853 stellten sie aber ihre Aktivitäten ein. 1854 entstand ebenfalls in London das «International Committee», aus dem 1855/56 die «International Association» hervorging. Sie bestand aus Chartisten sowie französischen, polnischen und deutschen Exilanten und gilt als unmittelbare Vorläuferin der Internationalen Arbeiter-Assoziation. 1859 löste sie sich auf.

Zur Internationalisierung der sich formierenden Arbeiterbewegung trugen verschiedene Faktoren bei. Neben dem durch politische Verfolgungen erzwungenen Exil verschiedener Exponent:innen in unterschiedlichen Ländern zählte dazu die transnationale Arbeitsmigration vieler Mitglieder, die oft noch dem handwerklichen Bereich mit ihrer traditionellen Walz entstammten, sowie im Falle der Intellektuellen die akademische Mobilität. Hinzu kam, dass ab den 1840er-Jahren verschiedene radikaldemokratische Blätter in unterschiedlichen Ländern Europas (unter anderem der «Schweizerische Republikaner» in Zürich) zunehmend über Arbeiterbewegungen in anderen Ländern berichteten und damit eine transnationale mediale Öffentlichkeit schufen.

Dass die Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation 1864 dann in London erfolgte, war kein Zufall. Die britische Kapitale war seit der Restaurationszeit eine Zufluchtsstätte von politisch Verfolgten aus ganz Europa. Ähnlich wie in den liberalen Kleinstaaten Belgien und Schweiz suchten hier Liberale, Sozialist:innen und antiimperiale Unabhängigkeitskämpfer:innen vor den autoritären Regimen auf dem Kontinent Schutz. Zugleich war in Grossbritannien die Gewerkschaftsbewegung, etwa im Zusammenhang mit einer Streikwelle 1859/60, früher als auf dem Kontinent erstarkt. Am Rande der Londoner Weltausstellung von 1862 kam es zu Treffen zwischen britischen Gewerkschaftern und französischen Arbeitervertretern. Dasselbe wiederholte sich im folgenden Jahr im Umfeld einer internationalen Kundgebung in London zur Unterstützung des grossen Aufstandes im russländischen Teil Polens.

Der Gründungskongress der Ersten Internationale 1864 war vordergründig als Solidaritätsveranstaltung aus Anlass der Niederschlagung des polnischen Aufstandes deklariert. Am von britischen und französischen Arbeitervertretern organisierten Anlass nahmen auch Sozialisten und Republikaner aus Italien, Deutschland, der Schweiz und Polen teil. Schweizer Gründungsmitglieder der Internationale waren der Mechaniker Edmund Nüsperli, der 1878 dann nach der Verabschiedung des eidgenössischen Fabrikgesetzes einer der ersten drei Fabrikinspektoren des Bundes wurde, und der in London lebende jurassische Uhrmacher Hermann Jung. Jung wurde Mitglied des Generalrats der Internationalen Arbeiter-Assoziation und deren korrespondierender Sekretär für die Schweiz, später auch deren Kassier und Präsident mehrerer Kongresse. Dominierende Figur im Generalrat der neuen Organisation wurde der seit 1849 im Londoner Exil lebende Marx. Marx verfasste auch die Statuten der Arbeiter-Assoziation, die am 5. November 1864 publiziert wurden.

Sektionen, Kongresse und Konflikte

In den folgenden Jahren breitete sich die Internationale Arbeiter-Assoziation in Grossbritannien, Kontinentaleuropa sowie einigen Gebieten Nord- und Lateinamerikas aus. Bereits im Oktober 1864 entstand in Genf die erste kontinentaleuropäische Sektion. Im Januar 1865 wurde eine Sektion in Paris gegründet, ein halbes Jahr darauf folgte Brüssel. In den deutschen Staaten soll es 1865 66 illegale Sektionen gegeben haben, unter anderem in Berlin, Köln und Solingen. Die Gründung südeuropäischer Sektionen folgte wenige Jahre darauf. Die erste Sektion in Italien entstand im Januar 1869 in Neapel, die erste in Spanien im Dezember gleichen Jahres in Madrid. Bereits 1865 wurde in London eine exilpolnische Sektion gegründet, 1871 gab es dann eventuell Sektionen in Krakau und Poznań. Die einzige russische Sektion der Internationale wurde im März 1870 im Genfer Exil gegründet. Sie hatte nur wenige Mitglieder und stand in scharfer Opposition zur ebenfalls in Genf domizilierten «Internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie» von Michail Bakunin, dem 1861 nach zwölfjähriger Haft und Verbannung die Flucht aus Sibirien über Japan und die USA nach Westeuropa geglückt war.

In den USA entstand im Dezember 1869 eine deutsche Sektion der Internationale in New York. Im Sommer 1870 wurden dort auch eine französische und eine tschechische Sektion gegründet. Im Dezember 1870 entstand ein Zentralkomitee der US-Sektionen, die von sechs im Mai 1871 auf 50 in 18 Städten im April 1872 anwuchsen. Im Jahr 1872 entstand auch eine Sektion in Montevideo, gefolgt von je einer französischen, spanischen und italienischen Sektion in Buenos Aires 1873. Aus Mexico City wurde 1876, als sich die Internationale bereits gespalten hatte, von der einen Fraktion eine Sektion anerkannt. Die Präsenz der Internationale an anderen Orten in Lateinamerika ist umstritten. Am Kongress der Internationale von 1872 nahm auch ein Delegierter aus Australien teil. Die Kontinente Afrika und Asien waren in der Internationale, die eine «weisse» Organisation blieb, nicht vertreten.

Die Mitgliederzahlen der einzelnen Sektionen lassen sich nur ungefähr abschätzen. Die maximale Mitgliederzahl in Grossbritannien betrug 50’000 (im Jahr 1867), in Italien 32’000 (1874), in Frankreich 30’000 (1871), in Belgien 10’000 (1869), in Spanien 10’000 (1874), in der Schweiz 6’000 bis 10’000 (späte 1860er-Jahre), in den USA 4’000 (1872), jeweils wenige Tausend in den deutschen Staaten (1870), Dänemark (1872) und Österreich-Ungarn (1872), jeweils weniger als tausend in den Niederlanden (1872), Portugal (1872) und Irland (1872) sowie 250 in Argentinien (1872). Die Zahlen für Uruguay, Mexiko und eventuelle weitere lateinamerikanische Länder sind nicht bekannt.

Der erste ordentliche Kongress der Internationalen Arbeiter-Assoziation fand im September 1866 in Genf statt. Der Anlass begann mit einem Umzug der Arbeiterorganisationen durch die Stadt und wurde von der Bevölkerung mehrheitlich mit Sympathie empfangen. Auch die Presse der freisinnigen Genfer Radicaux stand dem Kongress wohlwollend gegenüber, während ihm das «Journal de Genève» als Sprachrohr des liberalkonservativen «Parti indépendant» nichts Positives abgewinnen konnte. Am Kongress waren Anhänger des im Vorjahr verstorbenen französischen Mutualisten Pierre-Joseph Proudhon einflussreich, während die Anhänger des französischen Sozialisten Louis-Auguste Blanqui von der Internationale ausgeschlossen wurden. Ein wichtiger Beschluss dieses Kongresses war die Forderung nach dem Achtstundentag. Auch gab es stundenlange Diskussionen über ein von den Proudhonisten gefordertes Verbot der ausserhäuslichen weiblichen Lohnarbeit. Nur zwei Redner machten sich für Frauenarbeit unter gleichberechtigten Bedingungen stark. Die Mehrheit unterstützte schliesslich sowohl den Antrag des Generalrats auf Verbot von Nachtarbeit und gefährlicher Arbeit für Frauen als auch den damit in Widerspruch stehenden proudhonistischen Antrag für ein vollständiges Verbot der ausserhäuslichen Lohnarbeit für Frauen.

Der Kongress des folgenden Jahres fand in Lausanne statt. Marx, der mit der Drucklegung des ersten Bandes seines «Kapitals» beschäftigt war, nahm nicht teil. Mit der britischen Freidenkerin Harriet Law war erstmals eine Frau im Generalrat vertreten. Der Kongress bestätigte die Beschlüsse des Vorjahres. Ausserdem sprach er sich für kostenlose, obligatorische und weltliche Schulbildung aus, ebenso für die Verstaatlichung des Transportwesens und verabschiedete eine Resolution, die die Emanzipation der Arbeiterschaft und die politische Freiheit als untrennbar bezeichnete. Der Versuch der Proudhonisten, die Kontrolle über den Generalrat zu erlangen, scheiterte. Am dritten Kongress von 1868 in Brüssel bestätigte sich die Dominanz von Marx und seinen Anhängern. Die Zusammenarbeit mit der Internationalen Friedens- und Freiheitsliga wurde wie schon am Kongress von Lausanne bekräftigt, ein formeller Beitritt aber abgelehnt.

Die Friedens- und Freiheitsliga war 1867 vom späteren Friedensnobelpreisträger Frédéric Passy initiiert worden, vereinigte bürgerliche, republikanische und sozialistische Reformer:innen und forderte die Überwindung nationaler Konflikte durch Schaffung einer republikanischen Europa-Union, die Abschaffung der stehenden Heere und die europaweite Verwirklichung der Prinzipien der Französischen Revolution. In der Liga waren Frauen tendenziell stärker vertreten als in der Ersten Internationale. Am Friedensliga-Kongress im September 1868 in Bern forderte Bakunin die «ökonomische und soziale Gleichmachung der Klassen und der Individuen», was die Mehrheit der Delegierten aber ablehnte. Daraufhin traten Bakunin und seine Anhänger aus der Liga aus und gründeten in Genf die «Internationale Allianz der sozialistischen Demokratie», deren Mitglieder trotz der Skepsis von Marx von der Ersten Internationale aufgenommen wurden.

Der vierte Kongress der Internationale tagte 1869 in Basel. Hier gab es für Marx und seine Mitstreiter erstmals bedeutenden Gegenwind. Neben den Proudhonisten vertraten nun auch Bakunin und seine Anhänger protoanarchistische Positionen, die teilweise bei den Delegierten auf Anklang stiessen. Der Kongress beschloss unter dem Eindruck der deutschen Einigungskriege von 1864 und 1866 auch eine Anti-Kriegs-Deklaration und rief für den Kriegsfall die Arbeiter zum Streik auf. Der Fourierist, Genossenschaftspionier und Direktdemokrat Karl Bürkli hielt am Kongress namens der Zürcher Sektion ein Referat zum Thema «Direkte Gesetzgebung durch das Volk».

Der für September 1870 vorgesehene Kongress in Mainz musste wegen des Ausbruchs des Deutsch-Französischen Krieges abgesagt werden. Dies kam Marx, der ein weiteres Vordringen seiner Gegner:innen befürchtete, entgegen. Erst Monate nach Kriegsende fand im September 1871 wieder ein Kongress statt. Zuvor hatte der Pariser Commune-Aufstand vom Frühjahr 1871 Europa erschüttert (s. SozialarchivInfo 2/2021). Von den 92 Mitgliedern des Rates der Commune gehörten nicht weniger als 32 der Internationalen Arbeiter-Assoziation an. Die Rolle der Internationale in dem Aufstand, der nach der Kriegsniederlage Frankreichs und der Belagerung von Paris durch die Deutschen gesellschaftlich von Arbeiter:innen, unteren Mittelschichten und Intellektuellen und politisch von Vertretern unterschiedlicher sozialistischer Richtungen sowie Radikalrepublikanern getragen war, wurde aber bei den von den Vorgängen in Paris geschockten europäischen Eliten dennoch stark überschätzt. Dazu trugen nicht zuletzt die Solidaritätsbekundungen zahlreicher sozialistischer Organisationen bei sowie Marx’ Schrift «Der Bürgerkrieg in Frankreich», der am 30. Mai 1871, zwei Tage nach dem Ende der Commune, vom Generalrat der Internationale als Stellungnahme angenommen wurde. Auf der Flucht vor Regierungstruppen dichtete der Communard und Transportarbeiter Eugène Pottier den Text «Die Internationale», der dann 1888 von Pierre Chrétien Degeyter, dem Dirigenten des Arbeitergesangsvereins Lille, vertont und zur Hymne der internationalen Arbeiterbewegung wurde.

Zur Londoner Konferenz im Herbst 1871 lud der Generalrat nur ausgewählte Sektionen ein. Die Konferenz beschloss ihre Solidarität mit der niedergeschlagenen Commune. Auch fasste sie Beschlüsse zur organisatorischen Zentralisierung der Internationale. Die Konflikte zwischen den Anhängern von Marx und Bakunin brachen erneut auf. Zum definitiven Bruch kam es auf dem Haager Kongress vom September 1872. Organisatorisch schwenkte der Kongress ganz auf die Linie von Marx ein. Die Kompetenzen des Generalrats wurden ausgeweitet und die Sektionen zum Aufbau nationaler Parteien verpflichtet. Ebenso wurde beschlossen, den Sitz des Generalrats von London nach New York zu verlegen. Auch erfolgte der Ausschluss der antiautoritären Sozialisten Bakunin und James Guillaume sowie der US-amerikanischen feministischen «Sektion 12» um Victoria Woodhull (1872 dann erste weibliche Präsidentschaftskandidatin der USA, s. SozialarchivInfo 6/2020), der vorgeworfen wurde, sich zu sehr für die Frauenemanzipation einzusetzen und sich nicht als Arbeiterorganisation zu verstehen.

In der sehr heterogen zusammengesetzten Ersten Internationale gab es neben dem Konflikt zwischen der zentralistischen Linie der Anhänger:innen von Marx und der föderalistisch-autonomistischen Linie der Anhänger:innen von Bakunin und den sich daraus entwickelnden Doktrinen des Marxismus und Anarchismus mehrere weitere, damit nicht kongruente Konfliktlinien und Ambivalenzen. In der Geschlechterfrage waren innerhalb der protoanarchistischen Gruppierungen die Positionen der Proudhonisten und der auf Gleichberechtigung pochenden Anhänger:innen Bakunins einander diametral entgegengesetzt. Differenzen gab es auch bezüglich des Standpunktes zu antiimperialen Nationalbewegungen. Marx und einige britische Gewerkschaftsvertreter sprachen sich für die polnische Unabhängigkeit aus, während unter dem Einfluss von Proudhon stehenden Kontinentaleuropäern aufgrund einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber der Institution Staat eine polnische Eigenstaatlichkeit nicht prioritär erschien. Die irische Nationalbewegung war für Marx ebenfalls unterstützenswert, während britische Vertreter in diesem Punkt aufgrund befürchteter negativer Reaktionen aus der englischen Öffentlichkeit Zurückhaltung anmahnten.

Die Erste Internationale in der Schweiz

Die Ausstrahlung der Ersten Internationale auf die Schweiz ging weit über ihre hierzulande abgehaltenen Kongresse hinaus. Die im Oktober 1864 gegründete Genfer Sektion zählte im Januar 1866 bereits 200 Mitglieder. Treibende Kraft war Philipp Becker, ein deutschstämmiger «1848er», der in der Calvinstadt am linken Flügel der Radicaux politisierte (s. SozialarchivInfo 2/2023). Unter Genfer Einfluss entstanden im Frühjahr 1865 Sektionen in Lausanne, Montreux und Vevey. Im Herbst gleichen Jahres wurden Sektionen in La Chaux-de-Fonds, Bern und Neuchâtel aus der Taufe gehoben. Anfang 1866 entstanden Sektionen in der Zürcher Oberländer Industriegemeinde Wetzikon, in Basel und Saint-Imier, im August 1867 in der Stadt Zürich unter Karl Bürkli und dem aus Schlesien stammenden Herman Greulich, der später zur Vaterfigur der Zürcher Arbeiterbewegung und 1887 eidgenössischer Arbeitersekretär wurde. Es gab aber auch verschiedene kleinstädtische und ländliche Sektionen.

Die erste Sektion in der italienischen Schweiz entstand 1871 in Onsernone. 1868 trat die Vereinigung der Deutschen Arbeiterbildungsvereine in der Schweiz der Internationale bei, ebenso einige Lokalsektionen des Schweizerischen Grütlivereins. Der Grütliverein als Ganzes lehnte 1868 den Beitritt ab. Unter dem Druck der Internationale wandelte er sich in der Folgezeit aber immer mehr zu einer Arbeiterorganisation. 1838 in Genf als vaterländischer Diskussionszirkel gegründet, zählten zu seiner Mitgliedschaft zunächst vor allem Handwerksgesellen. Die Internationale stellte das Selbstverständnis als Handwerkerverein in Frage und rückte in der Vereinstätigkeit die «Arbeiterfrage» immer mehr ins Zentrum seiner Diskussionen. So wurde der Grütliverein bis in die 1890er-Jahre zur mitgliederstärksten Arbeiterorganisation der Schweiz.

Nach dem Kongress von 1866 erlebte die Genfer Sektion einen beträchtlichen Mitgliederzuwachs. Im Januar 1868 hatte die Internationale in Genf bereits 14 Untersektionen, im Jahr darauf 24 und 1870 30. In Genf gab es ab 1868 auch die einzige Frauensektion der Schweiz. 1869 bildeten die Westschweizer Sektionen die «Fédération Romande». Auf ihrem Höhepunkt zwischen 1868 und 1870 zählte die Internationale in der Schweiz rund 120 Sektionen. Allein die Genfer Sektionen hatten 3’000 bis 4’000 Mitglieder, die Basler 3’000. Die Internationale hatte auch Einfluss auf die Gründung lokaler Gewerkschaftsorganisationen ab den späten 1860er-Jahren. Besonders die von der Internationale getragenen ersten grossen Streiks der Schweiz (Genfer Bauarbeiterstreiks 1868, 1869 und 1870 sowie Basler Bandweberstreik 1868/69) führten zu einem Schub an Verbandsgründungen und bald auch zu ersten lokalen Dachorganisationen («Arbeiterunionen»). Die Gründung eines ersten gesamtschweizerischen Dachverbandes der Arbeiterbewegung, des «alten» Arbeiterbundes, erfolgte im Oktober 1873 auf einem Arbeitertag in Olten, an dem sich Schweizer Sektionen der Internationale, Gewerkschaften, die deutschen Arbeiterbildungsvereine sowie die Grütlivereine aller grösseren Städte beteiligten.

Politisch arbeiteten die Sektionen der Internationale mit Parteien des fortschrittlichen Bürgertums zusammen. In Zürich waren führende Internationalisten wie Bürkli und Greulich Teil der demokratischen Bewegung, die als breites Bündnis aus Mittelschichten, Arbeitern und Bauern in den späten 1860er-Jahren das «System Escher» stürzte und eine direktdemokratische Verfassungsrevision durchführte (s. SozialarchivInfo 6/2018). In Basel hatte die Internationale enge Beziehungen zu den oppositionellen Radikalen. Die Basler Sektion der Internationale ernannte den radikalen Parteiführer Wilhelm Klein zum Ehrenmitglied. 1868 wurde der Sektionspräsident der Internationale, der Posamenter Josef Heinrich Frey, mit Unterstützung der Radikalen in den Grossen Rat gewählt.

Auch in der Romandie gab es Wahlallianzen zwischen Internationalisten und Radikalen. In Genf war einer der führenden Köpfe der Internationale, Jacques Grosselin, zugleich Grossrat der Radicaux um James Fazy. Für die Genfer Parlamentswahlen im Herbst 1868 konstituierte sich im Nachgang zum ersten Bauarbeiterstreik eine von den Radikalen unabhängige sozialistische Partei mit dem Namen «République démocratique et sociale» und der Zeitung «Liberté», die sich als Organ der «Radicaux progressistes» bezeichnete. Sie machte nur rund 200 Stimmen. Hingegen erzielten die drei Internationalisten auf der radikalen Liste, unter anderem Grosselin, gute Resultate. Als Grosselin im Jahr darauf von den Radikalen auch als Staatsratskandidat portiert wurde, landete er allerdings auf dem letzten Platz. Der Armenarzt und Gründer der Sektion von La Chaux-de-Fonds Pierre Coullery war 1862 bis 1865 radikaler Grossrat des Kantons Neuchâtel.

Das Wirken der Schweizer Sektionen der Internationale war in der Presse insbesondere im Zusammenhang mit den ersten grossen Streiks in den späten 1860er-Jahren ein Thema. Während das Parteiorgan der Genfer Radikalen mehrfach für die Streikenden Stellung bezog, wandten sich andere freisinnige sowie liberalkonservative Zeitungen scharf gegen die Internationale. Das «Journal de Genève» schrieb von einer angeblichen «autorité dictatoriale» der Internationale, die die individuelle Freiheit der Arbeiter missachte, und monierte, es handle sich dabei um eine «société étrangère dont le siège est à Londres et dont nous cherchons vainement la place normale dans nos institutions républicaines» (Journal de Genève, 24.3.1868). In der Deutschschweiz forderten liberale Blätter, dem «Terrorismus» (NZZ, 29.3.1868) beziehungsweise «despotischen, die Freiheit des Einzelnen negierenden und unterdrückenden Treiben des von London aus herrschenden internationalen Vereins» (Der Bund, 28.3.1868) energisch entgegenzutreten.

Die NZZ bezeichnete die Internationale als «einen Staat im Staate» (NZZ, 13.6.1870) und meinte zu den Ursachen des ersten Genfer Bauarbeiterstreiks: «Hüte man sich wohl zu glauben, dass die Genfer Arbeitseinstellung eine durch einen Streit zwischen Arbeitgebern und Arbeitern hervorgerufene Krise sei. Dieses bedenkliche Ereignis ist nur ein grosser Versuch, welchen die europäische internationale Gesellschaft macht, und für welchen sie den Boden von Genf als den günstigsten, vielleicht als den einzig günstigen erachtet hat, weil er wahrscheinlich der einzige ist, auf welchem sie die volle Freiheit der Aktion, deren sie sich hier bedienen konnte, zu finden im Stande war. Schon seit mehreren Monaten haben die fremden Komites gearbeitet, um die eben ausgebrochene Krise zu organisiren» (NZZ, 2.4.1868). Die Gründung der Ersten Internationale sei ein Versuch der englischen Arbeiter gewesen, «ihre Mitbrüder auf dem europäischen Kontinent von einer ihnen unbrüderlich erscheinenden Konkurrenz zurückzuhalten». Nachdem sich diese Strategie als wenig wirksam erwiesen habe, seien sie nun dazu übergegangen «ihr Geld zur Anzettelung von Arbeitseinstellungen auf dem Kontinent zu verwenden» (NZZ, 9.4.1868).

Auch im Genfer Bürgertum gab es solche Vorstellungen. Zu Beginn des ersten Bauarbeiterstreiks schrieb im März 1868 ein «ami de l’ordre» anonym an Bundespräsident Jakob Dubs, die Internationale plane einen «coup d’état» gegen den Genfer Staatsrat, wolle die Zeughäuser plündern, die Kantonsregierung zwingen, die Bauarbeiten für die Hochschule im Volumen von 1,8 Millionen Franken an die Internationale zu vergeben oder die Regierung durch eine andere, «plus à la dévotion» zu ersetzen. Ein paar Tage später druckte die Londoner «Times» eine anonyme Zuschrift aus Genf, welche klagte: «Sad to say, Geneva evidently owes the honour of having been singled out by the London Committee for their first attempt to revolutionise labour on the Continent to its being, next to England, the freest State in Europe. Thus do foreign demagogues repay Swiss hospitality» (The Times, 27.3.1868).

Effektiv war die Richtung aber umgekehrt: Der Streik war nicht von aussen inszeniert worden, sondern die Streikenden warben erst nach dessen Beginn grenzüberschreitend um Unterstützung. Ein Delegierter der Streikenden wurde von den Pariser Sektionen der Internationale begeistert empfangen, während er in London keine grosse Resonanz erzielte. Ende Mai 1868 wurde dann in einem Verbotsprozess gegen die Pariser Sektionen die Agitation für den Genfer Streik und die Sammlung von Unterstützungsgeldern, die etwa 10 Prozent der gesamten Streikkosten deckten, von der Anklage besonders hervorgehoben. Am Brüsseler Kongress der Internationale waren die Genfer Sektionen mit vier Delegierten vertreten, die über den Streik berichteten. Von den 60’000 Franken, die der Streik von 1868 kostete, wurden 52’000 Franken durch Sammlungen im In- und Ausland beglichen. Die Berliner Sektion der Internationale organisierte sogar ein Solidaritätskonzert, das 120 Taler Erlös erzielte. Dies war kein Sonderfall. In der internationalen Streikwelle der späten 1860er-Jahre gab es immer wieder durch die Internationale vermittelte grenzüberschreitende Unterstützungen bei Streiks und Aussperrungen zwischen Grossbritannien, Frankreich, der Schweiz, Belgien und Italien.

Agonie und Nachleben

Eine Woche nach dem Haager Kongress von 1872 fand in Saint-Imier ein Gegenkongress statt, zu dem die italienische Landesföderation aufgerufen hatte. Diese hatte den Kongress in den Niederlanden aus Protest gegen die Londoner Beschlüsse von 1871 boykottiert. Der Gegenkongress lehnte in Resolutionen die Macht des Generalrats ab, betonte den föderalistischen Charakter der Internationale und sprach sich für gewerkschaftliches statt parteipolitischem Handeln aus. Der Generalrat schloss daraufhin die Landesföderationen, die sich hinter die Beschlüsse von Saint-Imier stellten, aus. Der Kongress von Saint-Imier besiegelte so die Spaltung der Internationale.

Beide Organisationen hielten im September 1873 Kongresse in Genf ab. Derjenige der Antiautoritären umfasste 27 Delegierte, die die Landesföderationen aus Italien, Spanien, Grossbritannien, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz repräsentierten. Er befasste sich mit organisatorischen Fragen und beschloss eine versöhnliche Adresse an den Kongress des Generalrats, der zwei Tage später mit 28 Delegierten ausschliesslich aus der Schweiz, Deutschland und Österreich begann. Für Marx war die Internationale nun faktisch gescheitert. Im September 1874 hielt die antiautoritäre Internationale, die noch immer nicht ausschliesslich aus Anarchist:innen bestand, einen Kongress in Brüssel ab. Der nächste, für 1875 in Barcelona geplante Kongress musste wegen organisatorischer Probleme abgesagt werden.

Im Juli 1876 veranstaltete der Generalrat in Philadelphia eine Konferenz mit 10 Generalratsmitgliedern und 14 ausschliesslich nordamerikanischen Delegierten, die die Internationale für aufgelöst erklärte. Die antiautoritäre Organisation hielt dagegen drei Monate später in Bern einen weiteren Kongress ab, der mit der «Propaganda der Tat» eine neue Strategie beschloss, welche die Völker durch Handstreiche, Aufstandsversuche und Attentate wachrütteln sollte. Ebenso wurde beschlossen, im folgenden Jahr einen allgemeinen sozialistischen Kongress zu organisieren.

So fanden im September 1877 unmittelbar nacheinander zwei Kongresse statt: Zunächst derjenige der antiautoritären Internationale in Vervier, dann, teilweise mit denselben Delegierten, der allgemeine Kongress in Gent, auf dem ein letzter Versöhnungsversuch zwischen Anarchist:innen und Sozialdemokrat:innen unternommen wurde. Der Kongress stellte jedoch die Unvereinbarkeit der beiden Strömungen fest und beschloss, getrennte Wege zu gehen. Die damals bereits geäusserte Absicht, eine marxistische Internationale zu gründen, konkretisierte sich zunächst nicht. Aber auch der für 1878 in der Schweiz geplante Kongress der antiautoritären Internationale kam nicht zustande. Ein 1881 in London abgehaltener internationaler sozialistisch-revolutionärer Kongress war keine offizielle Konferenz der antiautoritären Internationale mehr, sondern eine allgemeine anarchistische Zusammenkunft. Am im selben Jahr aufgrund eines Verbots durch die Zürcher Regierung statt in der Limmatstadt in Chur abgehaltenen «Weltsozialistenkongress» mit 20 Delegierten aus 14 europäischen Ländern und den USA blieben die Anarchist:innen fern.

In der Auflösungsphase der Ersten Internationale erlebten auch die Sektionen und Landesföderationen einen Niedergang oder transformierten sich in neue Organisationen. In Frankreich wurde 1872 die Internationale verboten und in der Folgezeit kam es zu Verhaftungen und Prozessen. Die Sektionen in der Deutschschweiz erlebten in den frühen 1870er-Jahren einen Niedergang und lösten sich weitgehend auf. In der Romandie führte der Streit um den Umgang mit Bakunins «Allianz der sozialistischen Demokratie» 1870/71 zur Abspaltung der antiautoritären «Fédération Jurassienne» von der «Fédération Romande». Die Gespaltenheit der Schweizer Sektionen der Internationale zeigte sich 1872 bei der ersten Abstimmung über eine Totalrevision der Bundesverfassung. Die Sektionen der Romandie gaben die Nein-Parole heraus, die Sektion Zürich die Ja-Parole und die «Fédération Jurassienne» empfahl Stimmverweigerung. Die wenige Jahre zuvor noch sehr mitgliederstarken Genfer Sektionen erlebten ihren Niedergang um 1875.

Am längsten überlebte die «Fédération Jurassienne», die zum Zentrum der antiautoritären Internationale wurde und 1874 bis 1877 deren Bundesbüro führte. Die Organisation war relativ klein. Auf dem Höhepunkt 1873/74 gehörten ihr 300 bis 400 Personen in etwa 20 Sektionen an. Hochburgen waren Saint-Imier, Sonvilier, Neuchâtel, Le Locle, La Chaux-de-Fonds und Genf. Die Mitgliedschaft bestand vor allem aus in Ateliers arbeitenden Uhrmachern, die in einer hochgradig in den Weltmarkt integrierten Branche tätig waren und sich gegen den Einbezug in hierarchisierte und standardisierte Produktionsprozesse mit Zeitdiktat wie bei der Fabrikarbeit wehrten. Die zweite wichtige Gruppe der Mitgliedschaft waren politische Flüchtlinge, insbesondere Pariser Communards und russische Revolutionäre. Die «Fédération Jurassienne» war international gut vernetzt, ihr «Bulletin», das auch über Aktivitäten in anderen Ländern berichtete, ging an etwa 600 Abonnent:innen in zehn verschiedenen Ländern. Das von der «Fédération Jurassienne» geführte Bundesbüro der antiautoritären Internationale versandte jährlich etwa zehn Zirkularschreiben an die Mitgliedsföderationen in den verschiedenen Ländern.

Mit der Weiterentwicklung des antiautoritären Sozialismus zur auch Terrorismus einschliessenden anarchistischen «Propaganda der Tat» setzte der Niedergang der «Fédération Jurassienne» ein. Im März 1876 organisierte der Communard Paul Brousse, der den Begriff «Propaganda der Tat» mitgeprägt hatte, zum fünften Jahrestag des Commune-Aufstandes eine anarchistische Demonstration in Bern, die zu Zusammenstössen mit Bürgern der Bundesstadt führte. Im folgenden Jahr wurde die Demonstration wiederholt. Dieses Mal war auch der russische Anarchist Pjotr Kropotkin dabei und die Demonstranten hatten sich mit Dolchen, Schlagringen und Totschlägern ausgerüstet. Es kam zu einer Strassenschlacht zwischen Demonstranten, der Polizei und Bürgern, an der mehrere Personen verletzt wurden. Viele Uhrmacher trugen diese Radikalisierung nicht mit, wandten sich von der «Fédération Jurassienne» ab und engagierten sich in der Folge in der aufstrebenden Gewerkschaftsbewegung. Ebenso zum Niedergang trug die Emigration James Guillaumes im Jahre 1878 bei. Der letzte Kongress der «Fédération Jurassienne» fand 1880 statt.

Gezählte und ungezählte Internationalen und der Internationalismus

Trotz ihrer Kurzlebigkeit war die Internationale Arbeiter-Assoziation stilbildend und durch ihre rückblickende Zählung als «Erste Internationale» auch namensgebend für spätere Organisationen. Zum 100. Jahrestag des Beginns der Französischen Revolution fand im Juli 1889 in Paris ein sozialistischer Kongress mit etwa 400 Delegierten aus 20 Staaten statt. Neben west- und mitteleuropäischen Ländern waren auch die USA, Russland, Argentinien und Ägypten vertreten. Der Kongress grenzte die sozialistische Bewegung vom Anarchismus ab, sprach sich für die Stärkung der sozialistischen Parteien und den Achtstundentag aus, forderte internationale Regelungen für den Arbeitsschutz sowie zur Frauen- und Kinderarbeit (etwa entlang der Linien des eidgenössischen Fabrikgesetzes) und die Ersetzung der stehenden Heere durch Milizsysteme nach Schweizer Vorbild. Der 1. Mai wurde zum internationalen Kampftag für den Achtstundentag erklärt und erstmals 1890 begangen. Der Kongress gilt als Beginn der «Zweiten Internationale», die bis 1900 aber keine feste Struktur hatte, sondern nur aus einer Serie von internationalen Kongressen bestand: 1891 in Brüssel, 1893 in Zürich, 1896 in London und 1900 in Paris.

Am Pariser Kongress wurde das «Internationale Sozialistische Büro» als permanente Exekutive geschaffen. Danach fanden ordentliche Kongresse 1904 in Amsterdam, 1907 in Stuttgart und 1910 in Kopenhagen statt. Am Stuttgarter Kongress wurden eine Frauen- und eine Jugend-Internationale geschaffen. An den Kongressen von 1904 und 1907 waren Imperialismus und Kolonialismus wesentliche Themen. 1904 wurde auch eine Resolution gegen den Militarismus beschlossen. Angesichts der zunehmenden Gefahr eines allgemeinen europäischen Krieges nach Ausbruch der Balkankriege fand im November 1912 in Basel ein ausserordentlicher, dem Thema Krieg und Frieden gewidmeter Kongress der Zweiten Internationale statt. Insgesamt waren 1889 bis 1914 in der Zweiten Internationale über 80 sozialistische Parteien und Arbeiterorganisationen aus Europa, Nord- und Lateinamerika, Asien und Australien vertreten.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kamen die Aktivitäten der Zweiten Internationale weitgehend zum Erliegen. Der für Ende August 1914 in Wien geplante Kongress konnte nicht mehr stattfinden. Schon im Herbst 1914 gab es seitens der Arbeiterparteien neutraler Länder aber Bestrebungen, die Internationale als Organisation der Völkerverständigung wieder aufzubauen. Im September 1914 fand in Lugano ein Treffen der Geschäftsleitungen der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und des Partito Socialista Italiano statt, das einen Aufruf zur Reanimierung der Internationale lancierte. Im Januar 1915 trafen sich in Kopenhagen Vertreter der niederländischen und skandinavischen Arbeiterparteien. Ein Treffen der Arbeiterparteien aller neutralen Länder, wie es die SPS für Frühjahr 1915 in Zürich projektierte, kam nicht zustande.

Im März 1915 fand in Bern die massgeblich von Clara Zetkin organisierte «Internationale Konferenz sozialistischer Frauen gegen den Krieg» statt, die die dritte sozialistische Frauenkonferenz ersetzte, die 1914 im Anschluss an den Kongress der Zweiten Internationale hätte stattfinden sollen. Am Treffen beteiligten sich 25 Frauen aus Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Russland, Polen, den Niederlanden, Italien und der Schweiz. Damit waren Vertreterinnen aus beiden kriegführenden Seiten anwesend, allerdings nicht als offizielle Delegierte ihrer Parteien. Eine Woche später tagte ebenfalls in Bern eine internationale Konferenz der Sozialistischen Jugend mit Delegationen aus Deutschland, Dänemark, Bulgarien, Italien, Norwegen, Polen, den Niederlanden, Russland, Schweden und der Schweiz.

Massgeblich von Robert Grimm organisiert fand im September 1915 in Zimmerwald eine Tagung sozialistischer Kriegsgegner:innen statt, an der Delegierte aus Deutschland, Frankreich, Italien, Russland, Polen, Rumänien, Bulgarien, Schweden, Norwegen, den Niederlanden und der Schweiz teilnahmen. Die Konferenz wählte eine «Internationale Sozialistische Kommission». An der Konferenz zeigte sich eine Kluft zwischen der pazifistischen Mehrheit mit dem Ziel einer möglichst raschen Beendigung des Krieges und der revolutionären Minderheit um Lenin, der ihn in einen revolutionären Weltbürgerkrieg transformieren wollte. Fast zeitgleich trafen sich in Kopenhagen Vertreter der niederländischen und skandinavischen Arbeiterparteien. Sie lehnten die Internationale Sozialistische Kommission als Konkurrenz zum vom kriegsversehrten Belgien in die Niederlande transferierten Internationalen Sozialistischen Büro der Zweiten Internationale ab. Der Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen schwelte in den folgenden Jahren weiter, ebenso der Gegensatz zwischen den beiden Fraktionen der Zimmerwalder Bewegung, die an der Folgekonferenz von Kiental im April 1916 erneut aufbrachen (s. SozialarchivInfo 5/2015).

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Russischen Revolution wurde im März 1919 die «Dritte Internationale» («Komintern») gegründet. Eine der massgeblichen Gründungsfiguren neben Lenin war der Schweizer Fritz Platten, der 1942 dann im Zuge der stalinistischen Säuberungen ermordet wurde (s. SozialarchivInfo 5/2018). Die Komintern hielt alle ihre «Weltkongresse» (1919, 1920, 1921, 1922, 1924, 1928 und 1935; hinzu kam 1920 in Baku ein «Kongress der Völker des Ostens») in Moskau ab und folgte eng der politischen Linie der russischen Bolschewiki beziehungsweise dann der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Der Weltkongress 1920 erhob den Lenin’schen «demokratischen Zentralismus», faktisch ein Top-down-Ansatz, zum Organisationsprinzip der Komintern und aller ihr angeschlossenen Parteien. In den «21 Prinzipien» wurden als Aufnahmebedingungen in die Komintern die Übernahme von Ideologie und Organisationsstrukturen des russischen Vorbilds verbindlich gemacht. Die Weltkongresse von 1921 und 1922 standen im Zeichen der angestrebten «Einheitsfront» mit anderen linken Kräften, die faktisch auf eine kommunistische Unterwanderung sozialdemokratischer Organisationen abzielte.

Mit dem Weltkongress von 1924 und dem Wechsel der aussenpolitischen Linie der Sowjetunion von der Weltrevolution zum Stalin’schen «Sozialismus in einem Land» wurde die Komintern noch stärker zum Vehikel der sowjetischen Aussenpolitik. Der Weltkongress von 1928 machte für die Kommunistischen Parteien die «Sozialfaschismus»-These verbindlich, der gemäss vordringlich die Sozialdemokratie als «Hauptstütze der Bourgeoisie» zu bekämpfen sei. Das katastrophale Scheitern dieses Ansatzes mit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland und der Errichtung weiterer rechter Diktaturen in Europa führte auf dem letzten Komintern-Weltkongress 1935 zu einer vollständigen strategischen Wende. Die nun gültige «Volksfront»-Strategie propagierte die Zusammenarbeit der Kommunistischen Parteien mit der Sozialdemokratie und demokratisch-bürgerlichen Kräften zur Abwehr des Faschismus.

Eine neuerliche Kehrtwende kam 1939 mit dem Hitler-Stalin-Pakt und dem geheimen Zusatzprotokoll über die deutsch-sowjetische Aufteilung Ostmitteleuropas, als der kommunistische Antifaschismus dem sowjetischen Eroberungsdrang in Ostmittel- und Nordeuropa geopfert wurde. Den Komintern-Sektionen wurde in dieser Phase eine Reihe kurz aufeinander folgender propagandistischer Verrenkungen abgefordert. So befürwortete die Presse der Kommunistischen Partei der Schweiz im August 1939 den Hitler-Stalin-Pakt, gab ab September nach dem deutschen Überfall auf Polen und der deutsch-sowjetischen Aufteilung dieses Landes den Antifaschismus temporär auf und erklärte den ausgebrochenen Weltkonflikt zum «imperialistischen Krieg», in dem sich das Proletariat neutral zu verhalten habe, und unterstützte ab November 1939 den sowjetischen Angriffskrieg gegen Finnland. 1943 schliesslich löste Stalin im Zeichen der durch den deutschen Überfall auf die Sowjetunion ab Juni 1941 entstandenen «Grossen Allianz» zwischen der Sowjetunion, den USA und Grossbritannien die Komintern als Konzession an die Westalliierten auf. Mit dem Einsetzen des Kalten Krieges wurde zur Unterstreichung des sowjetischen Führungsanspruchs im kommunistischen Lager als Komintern-Nachfolge 1947 das «Kommunistische Informationsbüro» («Kominform») gegründet. Es erlangte aber nie die Bedeutung der Vorgängerin und wurde bereits 1956 aufgelöst.

Das Wirken der Komintern zog die Gründung einer Reihe weiterer internationaler Organisationen nach sich. 1924 initiierte Théodore Aubert, Romandie-Sekretär der Bürgerwehr-Dachorganisation «Schweizerischer Vaterländischer Verband», die «Entente Internationale Anticommuniste», die Ableger in 20 Ländern erhielt, in den 1930er-Jahren von Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien finanziell unterstützt wurde und bis etwa 1950 existierte. Aber auch aus dem kommunistischen Lager führte Opposition gegen Lenins diktatorischen Kurs und dann den Stalinismus zur Entstehung neuer Internationalen. 1922 schufen rätekommunistische Gruppen aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Bulgarien, Grossbritannien, Frankreich, Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Südafrika sowie sowjetischen linkskommunistischen Oppositionszirkeln die «Kommunistische Arbeiter-Internationale», deren Aktivitäten um 1927 einschliefen und die 1933 aufgelöst wurde. Von 1930 bis 1939 waren in der «Internationalen Vereinigung der Kommunistischen Opposition» rechtskommunistische, gegen die «Sozialfaschismus»-These opponierende Parteien aus Schweden, Deutschland, den USA, der Schweiz («Kommunistische Partei-Opposition» um den Schaffhauser Stadtpräsidenten und späteren SPS-Vorsitzenden Walther Bringolf), der Tschechoslowakei, Frankreich, Indien und weiteren Ländern zusammengeschlossen. Teilweise damit überlappend bestand von 1932 bis 1940 das «Internationale Büro für Revolutionär-Sozialistische Einheit» («Londoner Büro», «Dreieinhalbte Internationale») aus rechtskommunistischen sowie linkssozialistischen Kräften aus Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Rumänien, Spanien, Schweden, den USA, der jüdischen Community im Mandatsgebiet Palästina und der sowjetischen Exilopposition.

Während diese Organisationen ausserhalb der Zählung der Internationalen standen, hoben Anhänger:innen des von Stalin ausgebooteten und 1940 im mexikanischen Exil ermordeten Leo Trotzki im September 1938 in Paris die «Vierte Internationale» aus der Taufe. Trotzki hatte zunächst versucht, mit der «Internationalen Linken Opposition» innerhalb der Komintern gegen den Stalinismus zu opponieren, seine Anhänger:innen waren dort aber rasch ausgeschlossen worden. 1933 benannte sich die «Internationale Linke Opposition» um in «Internationale Kommunistische Liga», die zeitweise in Kontakt zum «Londoner Büro» stand und zur Vorläuferin der Vierten Internationale wurde. 1953 spaltete sich die Vierte Internationale zwischen «Pablist:innen» und «Orthodoxen» und in den folgenden Jahren gab es zwei parallele Organisationen. 1963 kam es zur teilweisen Wiedervereinigung, aber ab den 1970er-Jahren führte die trotzkistische Spaltungsfreudigkeit zu einer weiteren organisatorischen Zersplitterung. In der Gegenwart existiert über ein Dutzend Organisationen, die beanspruchen, die Vierte Internationale oder deren Nachfolgeorganisation zu sein, während manche trotzkistischen Gruppierungen die Vierte Internationale als nicht mehr existent betrachten. Aus diesen Kreisen und weiteren linksradikalen Splittergruppen gibt es seit einigen Jahrzehnten Bestrebungen zum Aufbau einer «Fünften Internationale».

Ausserhalb der Zählung der Internationalen stehen eine Reihe von anarchistischen Organisationen, die sich direkt in der Nachfolge der Ersten Internationale beziehungsweise der von ihr abgespaltenen antiautoritären Internationale sahen und sehen. Kurz nach dem Einschlafen der letzteren existierte von 1881 bis 1887 die «International Working People’s Association» («Schwarze Internationale»). Bis heute bestehen die 1922 gegründete «Internationale Arbeiter-Assoziation» als Vereinigung anarchosyndikalistischer Gewerkschaften sowie die 1968 entstandene «Internationale der Anarchistischen Föderationen». Eine Mischung aus künstlerischem, intellektuellem und linkspolitischem Aktivismus versuchte die «Situationistische Internationale», die von 1957 bis 1972 existierte und einen gewissen Einfluss auf die 68er-Bewegung ausübte.

Schon kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs gab es auch Bestrebungen für eine Wiederbelebung der Zweiten Internationale. Im Februar 1919 tagte zu diesem Zweck eine sozialdemokratische Konferenz im Berner Volkshaus. Aufgrund programmatischer Konflikte wurde auf eine unmittelbare Neugründung verzichtet, jedoch eine ständige Kommission («Berner Internationale») eingerichtet. Im Februar 1921 gründete eine Reihe sozialistischer Parteien (darunter die SPS) in Wien die «Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien», die sich um eine Wiedervereinigung der in sozialdemokratische, linkssozialistische und bolschewistische Gruppen gespaltenen internationalen Arbeiterbewegung bemühte. Die auch als «Wiener Internationale» oder, nach einem spöttischen Diktum des bolschewistischen Funktionärs Karl Radek, «Zweieinhalbte Internationale» bezeichnete Organisation veranstaltete im April 1922 einen Kongress mit Exekutivvertretern der Zweiten und der Dritten Internationale, die jedoch unüberbrückbare Differenzen zeigte. Neben fundamentalen ideologischen, strategischen und organisatorischen Meinungsverschiedenheiten stand auch die sozialdemokratische Kritik an den zunehmenden bolschewistischen Verfolgungen der in Russland verbliebenen Menschewiki und Sozialrevolutionäre, deren Exilorganisationen sich der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien angeschlossen hatten, sowie an den sowjetrussischen Eroberungen der sozialdemokratisch regierten beziehungsweise mitregierten Staaten Ukraine, Georgien, Armenien und Aserbaidschan zwischen 1919 und 1921.

Daraufhin vereinigten sich die Reste der Zweiten Internationale und die Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien im Mai 1923 zur «Sozialistischen Arbeiter-Internationale» (SAI). Diese hatte ihren Sitz zunächst in London, dann von 1925 bis 1935 in Zürich und in der Folge in Brüssel. Auf dem Höhepunkt Ende der 1920er-Jahre umfasste sie 45 Parteien aus Europa, Asien, Nord- und Lateinamerika mit 6,6 Millionen Mitgliedern. Ihre Kongresse fanden 1923 in Hamburg, 1925 in Marseille, 1928 in Brüssel, 1931 in Wien und 1933 in Paris statt. Mit der Ausbreitung faschistischer Regime in Europa ging die Stärke der SAI zurück, ihr Ende kam mit dem deutschen Westfeldzug im Frühjahr 1940.

1951 wurde die Organisation auf einem Kongress in Hamburg als «Sozialistische Internationale» (SI) neugegründet. Ihre Glanzzeit erlebte die SI in den 1970er-Jahren, als sie die Demokratisierungsprozesse Portugals und Spaniens unterstützte (s. SozialarchivInfo 1/2024). Ab Mitte der 1970er-Jahre wurden neben den traditionellen sozialdemokratischen Parteien des Nordens auch zunehmend ehemalige antikoloniale Befreiungsbewegungen des «Globalen Südens» in die SI aufgenommen, von denen sich manche allerdings im Verlauf der Zeit zu diktatorischen Staatsparteien entwickelten. Dies, zusammen mit der zunehmenden Machtfülle des chilenischen Langzeitgeneralsekretärs Luis Ayala (1989 bis 2022) führte ab 2013 zum teilweisen oder vollständigen Rückzug einer Reihe sozialdemokratischer Parteien Europas, darunter 2017 der SPS. Gegenwärtig umfasst die SI 87 Mitgliedsparteien aus allen Kontinenten ausser Australien. Im März 2013 wurde in Leipzig als Alternative zur SI die «Progressive Alliance» aus der Taufe gehoben. Sie umfasst zurzeit 166 Parteien (aus der Schweiz die SPS) aller Kontinente. Viele davon sind zugleich Mitglieder der SI.

Die verschiedenen Partei-Internationalen hatten jeweils eine Reihe ihnen verbundener Internationalen aus nahestehenden Organisationen, so den Gewerkschaften, Frauen-, Jugend-, Kultur- und Sportorganisationen, im Falle der Komintern auch der Landwirte («Rote Bauern-Internationale», «Krestintern»). Die 1923 gegründete Krestintern sollte nichtkommunistische Bauern an die Komintern heranführen und versuchte, dem «Internationalen Agrarbüro» («Grüne Internationale») die Basis abspenstig zu machen. Die bis zum Ende der Zwischenkriegszeit existierende Grüne Internationale war 1921 von Bauernparteien Bulgariens, der Tschechoslowakei, Polens und Jugoslawiens gegründet worden. Später gehörten ihr auch Parteien aus Rumänien, den Niederlanden, Österreich, Estland, Finnland, Lettland, Frankreich und der Schweiz (Bauern-, Gewerbe- und Bürgerparteien der Kantone Bern und Aargau) an.

Ab der Zwischenkriegszeit entstanden auch weitere Internationalen von Parteien des bürgerlichen Spektrums. 1924 bis 1938 existierte die «Entente Internationale des Partis Radicaux et des Partis Démocratiques Similaires», der die Schweizer FDP angehörte. Als Nachfolgerin wurde 1947 die «Liberale Internationale» gegründet, deren erster Präsident der exilspanische, proeuropäische Schriftsteller und Historiker Salvador de Madariaga wurde. Gegenwärtig umfasst sie 69 Mitgliedsparteien aus allen Kontinenten, aus der Schweiz die FDP. Die 1961 gegründete «Christlich-Demokratische Weltunion» benannte sich 1982 um in «Christlich Demokratische Internationale» und 1999 in «Zentristisch Demokratische Internationale». Sie umfasst 93 Parteien aus allen Kontinenten ausser Nordamerika und Asien (aus der Schweiz: Die Mitte). Als weiter rechts stehende Konkurrenz dazu entstand 1983 die «Internationale Demokratische Union». Sie umfasst 77 Parteien aus allen Kontinenten. Zwischen den beiden Organisationen gibt es zahlreiche Doppelmitgliedschaften.

War die Erste Internationale also stilbildend für eine grosse Zahl politischer Organisationen unterschiedlicher weltanschaulicher Ausrichtung vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, so war sie zugleich Element eines Phänomens, das in der jüngeren historischen Forschung als «Internationalismus» bezeichnet wird. Damit wird nicht wie im traditionellen Begriffsverständnis eine auf die Überwindung der Nationalstaaten und Imperien abzielende Weltanschauung verstanden, sondern eine Transnationalisierung politischen Handelns jenseits der klassischen Diplomatie und die Regelung grenzüberschreitender Fragen durch überstaatliche Organisationen, Konferenzen und Netzwerke. Dieser im späten 19. Jahrhundert aufkommende Internationalismus stand in einer dialektischen Wechselwirkung mit der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung der Zeit. Letztere schuf zunehmend das Bedürfnis nach grenzüberschreitenden Regulierungen, durch welche sie zugleich weiter befördert wurde. Beides wurde erst möglich durch technische und infrastrukturelle Innovationen, etwa in den Bereichen des Transports (Eisenbahn, Dampfschiff, Schienen- und Strasseninfrastruktur) und Kommunikation (Telegraph als das «Internet des viktorianischen Zeitalters», grenzüberschreitender Postverkehr).

Zahlreiche, oft in der Schweiz domizilierte Gründungen waren Ausdruck dieser Tendenz, etwa in den Bereichen Logistik und Kommunikation (1865 Internationaler Telegraphenverein, 1874 Weltpostverein, 1875 Internationales Büro für Mass und Gewicht, 1893 Zentralbüro des internationalen Eisenbahnverkehrs), humanitäres Völkerrecht und Völkerverständigung (1863 Internationales Komitee vom Roten Kreuz, 1873 «International Law Association», 1889 durch Frédéric Passy «Interparlamentarische Union») und Sport (1894 Internationales Olympisches Komitee, zwischen 1890 und 1914 internationale Verbände zahlreicher Disziplinen). Verschiedene soziale Bewegungen organisierten sich ebenfalls international. Neben der Arbeiterbewegung zu nennen sind – jeweils in einen bürgerlichen und sozialistischen Flügel aufgeteilt – die Friedensbewegung (1891 Internationales Ständiges Friedensbüro in Bern, Friedenssicherungsdebatten in der Ersten und Zweiten Internationale) und die Frauenbewegung (1904 Internationale Frauenwahlrechtsallianz, 1907 Sozialistische Fraueninternationale). Aber auch andere gesellschaftliche und politische Strömungen wie der Antisemitismus (internationale Antisemitenkongresse 1882 und 1883), die Impfgegnerschaft (1882 «Internationaler Verband der Impfgegner», s. SozialarchivInfo 1/2022) oder die Eugenik (1907 «Internationale Gesellschaft für Rassenhygiene», 1912 «Permanent International Eugenics Committee») suchten nach internationaler Vernetzung.

Die für die Erste und Zweite Internationale wichtige Sphäre der Arbeitsbeziehungen wurde ebenfalls von diesem Prozess erfasst. 1897 fand auf Anregung des (zweiten) schweizerischen Arbeiterbundes in Zürich eine Konferenz mit über 500 Teilnehmer:innen aus gemässigt sozialistischen Arbeiterverbänden, Vertretern der katholischen Sozialreform und reformbürgerlichen Ökonomen statt, die ein umfassendes Arbeiterschutzprogramm postulierte. Drei Jahre später wurde in Paris die «Internationale Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz» (IALL) aus der Taufe gehoben, deren erstem Vorstand mit dem freisinnigen Basler Ständerat Paul Scherrer auch ein Schweizer Politiker angehörte. Als Büro der IALL entstand das «Internationale Arbeitsamt», das 1901 als private, von einigen Staaten finanziell unterstützte Organisation mit Sitz in Basel seine Arbeit aufnahm. In 15 Staaten wurden IALL-Landessektionen gegründet. Sämtliche Vorkriegskonferenzen der IALL fanden in der Schweiz statt: 1904 in Basel, 1906 in Genf, 1908 in Luzern, 1910 in Lugano und 1912 in Zürich. 1919 ging das Internationale Arbeitsamt in den Strukturen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) als Sonderorganisation des neugegründeten Völkerbundes auf (s. SozialarchivInfo 2/2019).

Auch die Arbeitsmarktparteien organisierten sich zunehmend international. In der Textilbranche fand der erste internationale Gewerkschaftskongress 1891 statt, wobei Vertreter:innen aus Frankreich, Deutschland, Belgien, Österreich, Grossbritannien, Böhmen, den USA und der Schweiz eine engere Kooperation beschlossen. Zwei Jahre später wurde auf dem zweiten Kongress ein internationales Sekretariat gegründet. Der vierte Kongress 1895 schliesslich hob die «Internationale Vereinigung der Textilarbeiter» aus der Taufe. 1893 erfolgte auf dem Kongress der Zweiten Internationale die Schaffung eines internationalen Büros der Metallarbeiter. Dieses wurde 1904 zum «Internationalen Metallarbeiterbund» («Eiserne Internationale») reorganisiert. 1889, 1893, 1900 und 1904 fanden internationale Holzarbeiterkongresse statt, die in der Gründung einer «Internationalen Union der Holzarbeiter» gipfelten. 1903 berief der deutsche Maurerverband wegen der grenzüberschreitenden Dimension der Streikbruchproblematik die erste internationale Maurerkonferenz ein. In den folgenden Jahren fanden weitere Maurerkonferenzen statt. 1903 erfolgte auch die Gründung der «Steinhauer-Internationale». 1911 fand in Zürich der erste internationale Malerkongress statt. Im folgenden Jahr wurde das internationale Sekretariat der Maler und verwandter Berufe aus der Taufe gehoben. Auch die Zimmerleute verfügten über ein internationales Sekretariat.

Nachdem 1903 ein Internationales Gewerkschaftssekretariat eingerichtet worden war, wurde 1913 als Dachverband der Dachverbände der «Internationale Gewerkschaftsbund» (IGB) aus der Taufe gehoben. Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte eine weltanschauliche Diversifizierung: 1920 wurde der «Internationale Bund Christlicher Gewerkschaften» gegründet, den bis 1928 der St. Galler Nationalrat und führende christlichsoziale Funktionär Josef Scherrer präsidierte. 1921 entstand die Komintern-nahe «Rote Gewerkschafts-Internationale» («Profintern»), die heftig gegen den IGB («Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale») polemisierte.

Die Arbeitgeber:innen organisierten sich ab der Jahrhundertwende ebenfalls grenzüberschreitend. 1906, in einem von einer internationalen Streikwelle geprägten Jahr, schlossen der Schweizerische Baumeisterverband und die Landesverbände für das Baugewerbe von Elsass-Lothringen, Baden, Nord- und Südbayern einen Kartellvertrag, der die gegenseitige Unterstützung in Streikfällen vorsah. 1908 erfolgte auf dem Zweiten Internationalen Bauarbeitgeberkongress die Gründung der «Internationalen Bauarbeitgeber-Union», der auch der Schweizerische Baumeisterverband beitrat. 1910 unterzeichneten die Baumeisterverbände Deutschlands, Österreichs und der Schweiz einen Kartellvertrag mit einem Verbot der Beschäftigung Streikender oder Ausgesperrter. In anderen Branchen entwickelten sich ähnliche internationale Vernetzungen. 1920 entstand, befördert durch die tripartite Struktur der ILO, aus den informellen internationalen Netzwerken der Arbeitgeberorganisationen die «International Organization of Industrial Employers». Etwa gleichzeitig initiierten deutsche Freikorpskreise die «Werkdienst-Internationale», die dem Ziel der Abwehr von Streiks und Arbeiter:innenunruhen diente und sich 1921 bis 1931 zu jährlichen Konferenzen traf. Aus der Schweiz gehörte ihr der Schweizerische Vaterländische Verband an (s. SozialarchivInfo 3/2019).

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.260.1-43 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Sozialistische Internationale
  • Ar 1.280.6 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Kommunistische Internationale
  • Ar 1.732.28-30 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Sozialistische Internationale
  • Ar 1.734.118 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: SPS, Progressive Alliance (Kongresse)
  • Ar 1.734.120 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: SPS, Sozialistische Internationale
  • Ar 65.17.1-9 Revolutionäre Marxistische Liga RML: IV. Internationale
  • Ar 106 Moses Mandel (1883–1938)
  • Ar 140 Edgar Woog (1898–1973)
  • Ar 148 Marino Bodenmann (1893–1964)
  • Ar 155.14.1-10 Jost von Steiger (1917–2007): IV. Internationale
  • Ar 170 Herman Greulich (1842–1925)
  • Ar 189 Karl Hofmaier (1897–1988)
  • Ar 198.7 Schweizer Kommunisten
  • Ar 201.26 Schweizerischer Arbeiterbund
  • Ar 686.10.2 Forschungsdokumentation Brigitte Studer: Dokumente zum Komintern-Apparat und zur KPS, Kopien aus dem Komintern-Archiv
  • Ar R 88 Schweizerischer Grütliverein
  • Ar SGB G 150/1-2 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): IGB
  • Ar SGB G 151-155 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): IGB
  • Ar SMUV 08D-0037 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Internationaler Metallarbeiter Bund (IMB): IGB; IBFG; Internationale Arbeiter Assoziation; Sozialistische Arbeiter-Internationale; Internationale Berufssekretariate; ILO; OECE

Sachdokumentation

  • KS 32/168 Interparlamentarische Union
  • KS 331/128 Internationaler Gewerkschaftsbund
  • KS 331/129 Weltgewerkschaftsbund
  • KS 331/129b Internationaler Bund Freier Gewerkschaften (IBFG)
  • KS 331/136 Internationale Gewerkschaftsverbände
  • KS 331/136b Internationale Gewerkschaftsverbände
  • KS 331/219 Rote Gewerkschaftsinternationale
  • KS 331/219a Rote Gewerkschaftsinternationale
  • KS 331/220 Bibliothek der Roten Gewerkschaftsinternationale
  • KS 331/225 Christliche Gewerkschaften: Internationale Verbände
  • KS 335/31 Sozialistische Jugend-Internationale
  • KS 335/67 Pariser Kommune; Commune de Paris
  • KS 335/67a Pariser Kommune; Commune de Paris
  • KS 335/131 Sozialistische Internationalen: Erste Internationale: Berichte und Dokumente
  • KS 335/132 Sozialistische Internationalen: Erste Internationale: Geschichte
  • KS 335/132a Sozialistische Internationalen: Erste Internationale: Geschichte
  • KS 335/134 Zweite Internationale: I. und II. Kongress: 1889, Paris; 1891, Brüssel
  • KS 335/135 Zweite Internationale: III. Kongress: 1893, Zürich
  • KS 335/136 Zweite Internationale: IV., V. und VI. Kongress: 1896, London; 1900, Paris; 1904, Amsterdam
  • KS 335/137 Zweite Internationale: VII. Kongress: 1907, Stuttgart
  • KS 335/138 Zweite Internationale: VIII. Kongress: 1910, Kopenhagen
  • KS 335/139 Zweite Internationale: IX. und X. Kongress: 1912, Basel; 1914, Wien
  • KS 335/140 Zweite Internationale: Zusammenbruch; Konferenz von Zimmerwald, 1915; Konferenz von Kiental (Kienthal), 1916
  • KS 335/141 Zweite Internationale: 1917, Stockholm bis 1920, Genf
  • KS 335/142 Sozialistische Arbeiterinternationale (SAI): Vorläuferkonferenzen; I. und II. Kongress: 1923, Hamburg; 1925, Marseille
  • KS 335/143 Sozialistische Arbeiterinternationale (SAI): III. Kongress: 1928, Brüssel
  • KS 335/143a Sozialistische Arbeiterinternationale (SAI): III. Kongress: 1928, Brüssel
  • KS 335/144 Sozialistische Arbeiterinternationale (SAI): III. Kongress: 1928, Brüssel
  • KS 335/145 Sozialistische Arbeiterinternationale (SAI): IV. Kongress: 1931, Wien
  • KS 335/146 Sozialistische Arbeiterinternationale (SAI): IV. Kongress: 1931, Wien
  • KS 335/147 Sozialistische Arbeiterinternationale (SAI): Konferenz: 1933, Paris
  • KS 335/148 Sozialistische Internationale
  • KS 335/148a Sozialistische Internationale
  • KS 335/149 Sozialistische Internationale
  • KS 335/149a Sozialistische Internationale
  • KS 335/149b Sozialistische Internationale
  • KS 335/285 Zweieinhalbte Internationale (Wiener Internationale)
  • KS 335/300 Kommunistische Internationale (Komintern): I. Kongress: 1919, Moskau
  • KS 335/301 Kommunistische Internationale (Komintern): II. Kongress: 1920, Moskau
  • KS 335/302 Kommunistische Internationale (Komintern): III. Kongress: 1921, Moskau
  • KS 335/303 Kommunistische Internationale (Komintern): Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI)
  • KS 335/304 Kommunistische Internationale (Komintern): IV. Kongress: 1922, Moskau
  • KS 335/305 Kommunistische Internationale (Komintern): Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI): 1922–1924
  • KS 335/306 Kommunistische Internationale (Komintern): V. Kongress: 1924, Moskau
  • KS 335/306a Kommunistische Internationale (Komintern): V. Kongress: 1924, Moskau
  • KS 335/307 Kommunistische Internationale (Komintern): Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI)
  • KS 335/308 Kommunistische Internationale (Komintern): Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI)
  • KS 335/309 Kommunistische Internationale (Komintern): Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI)
  • KS 335/310 Kommunistische Internationale (Komintern): VI. Kongress: 1928, Moskau
  • KS 335/311 Kommunistische Internationale (Komintern): Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI)
  • KS 335/312 Kommunistische Internationale (Komintern): VII. Kongress: 1935, Moskau
  • KS 335/313 Kommunistische Internationale (Komintern): Auflösung und Geschichte
  • KS 335/314 Kommunistische Internationale (Komintern): Verlag der Kommunistischen Internationale: Bibliografie
  • KS 335/315 Kommunistische Internationale (Komintern): Schriften
  • KS 335/316 Kommunistische Internationale (Komintern): Schriften
  • KS 335/316a Kommunistische Internationale (Komintern): Schriften
  • KS 335/327 Gewerkschaftspolitik der Dritten Internationale: 1919–1932
  • KS 335/328 Hilfsorganisationen der Dritten Internationale: 1920–1941
  • KS 335/410 Vierte Internationale; Trotzkismus: Schriften von Leo Trotzki
  • KS 335/410a Vierte Internationale; Trotzkismus
  • KS 335/411 Vierte Internationale; Trotzkismus
  • KS 335/412 Trotzkismus; IV. Internationale: Schweiz: Linksopposition der KPS
  • KS 335/412a Trotzkismus; IV. Internationale: Schweiz: Linksopposition der KPS
  • KS 335/413 Vierte Internationale; Trotzkismus: Schweiz: Trotzkistenprozess 1942
  • KS 335/414 Vierte Internationale; Trotzkismus: Schweiz: Proletarische Aktion
  • KS 335/415 Vierte Internationale; Trotzkismus: Deutschland & Österreich
  • KS 335/416 Vierte Internationale; Trotzkismus: Frankreich
  • KS 335/417 Vierte Internationale; Trotzkismus: Belgien; Niederlande (Holland)
  • KS 335/418 Vierte Internationale; Trotzkismus: Grossbritannien
  • KS 335/419 Vierte Internationale; Trotzkismus: USA
  • KS 335/420 Vierte Internationale; Trotzkismus: USA
  • KS 335/421 Vierte Internationale; Trotzkismus: diverse Länder
  • KS 335/422 Vierte Internationale; Trotzkismus: Schriften
  • QS 58.02 Vierte Internationale; Trotzkismus
  • QS 78.1 Z Internationale Gewerkschaftsverbände
  • ZA 55.1 Sozialistische Internationalen: Erste Internationale
  • ZA 55.2 Sozialistische Internationalen: Zweite Internationale
  • ZA 55.3 Sozialistische Internationale
  • ZA 58.0 *KIF Gründung und Auflösung der Kominform 1943–1958
  • ZA 58.02 Vierte Internationale; Trotzkismus
  • ZA 58.02 *CU Vierte Internationale; Trotzkismus: Konflikt China – Sowjetunion
  • ZA 58.02 C Vierte Internationale; Trotzkismus: Schweiz
  • ZA 78.1 Z Internationale Gewerkschaftsverbände
  • ZA 78.1 Z *IBFG Internationaler Bund Freier Gewerkschaften (I.B.F.G.)

Bibliothek

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  • Bakunin, Michael: Konflikt mit Marx, 2 Bde. Berlin 2004-2011, 100110
  • Bakunin, Michael: Die Politik der Internationale. Münster 2015, 131912
  • Bandelier, André (Hg.): La Première Internationale et le Jura: 2e colloque du Cercle d’études historiques de la Société jurassienne d’émulation. Moutier 1973, 50053
  • Bédarida, François et al.: Sozialismus und Arbeiterbewegung bis zum Ende der 1. Internationale. Frankfurt 1975, 56279:3
  • Bensimon, Fabrice et al. (Hg.): «Arise ye wretched of the earth»: The First International in a global perspective. Leiden 2018, 145161
  • Bernstein, Samuel: The First International in America. New York 1962, 32647
  • Berthier, René: La fin de la Première Internationale. Paris 2015, 132393
  • Berthier, René: Social-democracy & anarchism: In the international workers› association 1864–1877. London 2015, 135987
  • Blackburn, Robin: Marx and Lincoln: An unfinished revolution. London 2011, 125151
  • Braunthal, Julius: Geschichte der Internationale, 3 Bde. Hannover 1961-1971, 27396
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  • Der Bürgerkrieg in Frankreich: Adresse des Generalraths der Internationalen Arbeiter-Assoziation an alle Mitglieder in Europa und den Vereinigten Staaten. Leipzig 1876, 15168
  • Centenaire du Congrès de Lausanne 1867–1967: Première Internationale. Lausanne 1967, Hf 2942
  • Collins, Henry und Chimen Abramsky: Karl Marx and the British labour movement: Years of the First International. London 1965, 35083
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  • Freymond, Jacques (Hg.): Études et Documents sur la Première Internationale en Suisse. Genf 1964, 33438
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  • Guillaume, James: L’Internationale: Documents et souvenirs. 4 Bde. Paris 1905–1910, B 451
  • Guillaume, James: Karl Marx pangermaniste et l’Assocciation internationale des travailleurs de 1864 à 1870. Paris 1915, 8227
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  • Hafner, Urs: Karl Bürkli: Der Sozialist vom Paradeplatz. Basel 2023, 150517
  • Haupt, Georges und Jeannine Verdès: De la Première à la Deuxième Internationale: Les actes des congrès internationaux, 1877–1888: Répertoires, in: Le Mouvement Social 51 (1965). S. 113-125, N 905
  • Hirsch, Helmut: Aufstieg und Niedergang der Ersten Internationale, in: ders.: Denker und Kämpfer: Gesammelte Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Frankfurt 1955. S. 129-148, 21831
  • Hromadko, Hana: Organisation du pouvoir politique après le renversement révolutionnaire: Conceptions de Karl Marx et Michel Bakounine dans la période précedent la Commune de Paris. Lausanne 1973, 335/431-32
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  • Kocka, Jürgen (Hg.): Europäische Arbeiterbewegungen im 19. Jahrhundert: Deutschland, Österreich, England und Frankreich im Vergleich. Göttingen 1983, 74866
  • Koller, Christian: Streikkultur: Performanzen und Diskurse des Arbeitskampfes im schweizerisch-österreichischen Vergleich (1860–1950). Münster/Wien 2009, 121626
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  • Kriegel, Annie: Les Internationales ouvrières (1864–1943). Paris 1964, 32501
  • Kuypers, Julien: Les cent ans de l’Internationale Socialiste, in: Socialisme 11/64 (1964). S. 1-8, N 765
  • Lang, Paul: Karl Bürkli: Ein Pionier des schweizerischen Sozialismus. Zürich 1920, 6494
  • Laskine, Edmond: L’Internationale et le pangermanisme. Paris 1916, 68431
  • Lehning, Arthur (Hg.): Michel Bakounine et les conflits dans l’Internationale, 1872: La question germano-slave, le communisme d’état: Ecrits et matériaux. Leiden 1965, Gr 1526:2
  • Léonard, Mathieu: L’émancipation des travailleurs: Une histoire de la Première Internationale. Paris 2011, 125683
  • Longuet, Jean: Le mouvement socialiste international. Paris 1913, 4644:D
  • Marcks, Holger: Auf Kriegsfuss mit Bakunin: Karl Marx und die Spaltung der Ersten Internationale, in: Bouvier, Beatrix und Rainer Auts (Hg.): Karl Marx 1818–1883: Leben.Werk.Zeit. Stuttgart 2018. S. 316-324, Gr 14636
  • Marx, Karl: Der Bürgerkrieg in Frankreich: Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation (1871), in: Marx, Karl und Friedrich Engels: Werke, Bd. 17. Berlin 1962, S. 313-365, 56449.
  • Mémoire présenté par la Fédération Jurassienne de l’Association Internationale des Travailleurs à toutes les Fédérations de l’Internationale. Sonvilier o. J. [1873], A 1821
  • Messer-Kruse, Timothy: The Yankee International: Marxism and the American reform tradition, 1848–1876. Chapel Hill 1998, 104977
  • Molnár, Miklós: Le déclin de la première Internationale: La conférence de Londres de 1871. Genf 1963, 29940
  • Morgan, Roger: The German social democrats and the First International: 1864–1872. Cambridge 1965, 37238
  • Nettlau, Max: Bakunin e l’Internazionale in Italia, dal 1864 al 1872. Genf 1928, 1124
  • Perrier, Hubert: Radicalisme américain et socialisme: Les sections «autonomistes» de la Première Internationale aux Etats-Unis, in: Heffer, Jean und Jeanine Rouvet (Hg.): Why is There no Socialism in the US? Pourquoi n’y a-t-il pas de socialisme aux Etats-Unis? Paris 1987. S. 193-207, 86027
  • La première internationale: L’institution, l’implantation, le rayonnement. Paris 1968, 40462
  • La Première Internationale, 3 Bde. Paris 1958-1963, 27402:A
  • Procès de l’Association internationale des travailleurs: Première et deuxième commissions du bureau de Paris. Paris 1968, 40750
  • Schiedt, Hans-Ulrich: Die Welt neu erfinden: Karl Bürkli (1823–1901) und seine Schriften. Zürich 2002, 110800 Ex.2
  • Schrupp, Antje: Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin: Frauen in der Ersten Internationale. Königstein 1999, 106050
  • Troisième procès de l’Association Internationale des Travailleurs à Paris. Paris 1968, 40749
  • Utzinger, Albert: Der Geburtstag der Ersten Internationale, in: Rote Revue 24/3 (1944). S. 105-110, N 11
  • Vuilleumier, Marc: Bakounine, l’Alliance Internationale de la Démocratie Socialiste et la Première Internationale à Genève (1868–1869), in: Cahiers Vilfredo Pareto 4/51 (1964). S. 51-94, N 2463
  • Vuilleumier, Marc: A propos d’un centenaire…: La première Internationale en Suisse, in: Revue syndicale suisse 56/9 (1964). S. 3-15, N 629
  • Vuilleumier, Marc: Notes sur James Guillaume, historien de la Première Internationale et ses rapports avec Max Nettlau et Jean Jaurès, in: Cahiers Vilfredo Pareto 3/7-8 (1965). S. 81-109, N 2463
  • Vuilleumier, Marc: La Suisse et la Commune de Paris, 1870–1871: Texte édité par Marianne Enckell. Lausanne 2022, 147710
  • Vuilleumier, Mario: Horlogers de l’anarchisme: Emergence d’un mouvement: La Fédération jurassienne. Lausanne 1988, 86251
  • Welskopp, Thomas: Das Banner der Brüderlichkeit: Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz bis zum Sozialistengesetz. Bonn 2000, 107344

Periodika

  • Bulletin de la Fédération jurassienne de l’Association internationale des travailleurs, ZZ 1036
  • Felleisen, ZZ 234
  • Der Grütlianer, ZZ 2
  • Le Progrès, SGB 0068/PE685
  • Die Tagwacht, ZZ 12
  • Der Vorbote, NN 192

3.7.2024, 18 Uhr: Filmpräsentation und Podiumsdiskussion

Mobilisierung des Gesundheitspersonals für Lohngleichheit in Zürich (1991–2003)

Der Kampf für Lohngleichheit, für den in den 1990er Jahren in Zürich Pflegefachfrauen, Ergotherapeutinnen, Physiotherapeutinnen und Lehrerinnen für Pflegeberufe sowie deren Berufsverbände und Gewerkschaften gemeinsam mobilisiert haben, steht sinnbildlich für die Auseinandersetzungen um Lohngleichheit in dieser Zeit. Im Juli 1996 reichten 47 Fachfrauen und ihre vier Verbände eine Klage wegen Lohndiskriminierung gegen den Kanton ein. Im Jahr 2001 gab das kantonale Verwaltungsgericht den Klägerinnen Recht, was zu einer erheblichen Lohnerhöhung bis 2003 führte.

Kurzfilm mit den Aktivistinnen Susi Wiederkehr, Theresa Witschi und Ursula Grandy sowie mit der Anwältin Bibiane Egg.

Podiumsdiskussion über Lohngleichheit damals und heute im Pflegebereich und darüber hinaus mit Carola Togni (Haute école de travail social et de la santé Lausanne), Véronique Hasler (Haute Ecole de Santé Vaud), Sarah Kiani (Université de Neuchâtel/Haute école de travail social et de la santé Lausanne) und Virginie Stucki (Haute école de travail social et de la santé Lausanne).

Anschliessend Apéro.

Mittwoch, 3. Juli 2024, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Mehr Informationen hier: https://www.hetsl.ch/evenements/detail/mobilisierung-des-gesundheitspersonals-in-zuerich-fuer-lohngleichheit-1991-2003/

Rauchpause von Porteuren, Hauptbahnhof Zürich, um 1960 (Foto: Arnold Thiel/SozArch F 5068-Fb-0142)
Rauchpause von Porteuren, Hauptbahnhof Zürich, um 1960 (Foto: Arnold Thiel/SozArch F 5068-Fb-0142)

4.6.2024, 18.30 Uhr: «Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte»

Feier zur Übernahme und zum Abschluss der Erschliessungsarbeiten

«Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» war die Adresse für alle, welche Bilder zur Sozialgeschichte suchten, denn der vierte Stock im Kanzleischulhaus in Zürich war eine Fundgrube für Fotos und andere Dokumente zur Geschichte der sozialen Bewegungen und des Alltagslebens. Was Roland Gretler mit diesem Fokus seit den 1970er Jahren an Material zusammengetragen hatte, liess über die Zeit eine Sammlung von immensem Wert entstehen, ein bildhaftes Gedächtnis der sozialen und politischen Auseinandersetzungen in der Schweiz.

Nach dem Tod seines Erfinders im Jahr 2018 gelangte das «Panoptikum» ins Schweizerische Sozialarchiv. Die Sammlung und ihre Schätze bleiben damit für die Öffentlichkeit weiterhin und neu sogar besser zugänglich: Ein Grossteil des Bildmaterials wurde digitalisiert und ist nun online verfügbar.

Den Abschluss der Digitalisierungs- und Erschliessungsarbeiten feiern wir im Kanzlei Club, gleich neben dem ehemaligen Standort des Panoptikums. Wir stellen die Sammlung vor und zeigen Highlights aus den Bereichen Fotografie, Film und Objekte.

Dienstag, 4. Juni 2024, 18.30 Uhr
Kanzlei Club, Kanzleistrasse 56, 8004 Zürich

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17.4.2024, 19 Uhr: Schweizer Söldner in Niederländisch-Indien

Buchpräsentation: Swiss Mercenaries in the Dutch East Indies. A Transimperial History of Military Labour, 1848-1914

Zwischen 1848 und 1914 kämpften rund 5’800 Schweizer Söldner in der niederländischen Kolonialarmee in Niederländisch-Ostindien, dem heutigen Indonesien.

Der Historiker Philipp Krauer folgt den Spuren dieser Söldner über die Grenzen des niederländischen Kolonialreiches hinaus. Er beleuchtet in seinem Buch die vielschichtige Entwicklung der militärischen Arbeitsmärkte im 19. Jahrhundert sowie die sozialen und kulturellen Hintergründe der Söldner, ihre Motive und ihre Beziehungen zu lokalen Gemeinschaften und Behörden. Dabei werden die tiefgreifenden sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen des Kolonialismus nicht nur auf die Kolonien selbst, sondern auch auf die Schweiz deutlich.

Buchvorstellung mit Beiträgen von Monique Ligtenberg, Bernhard C. Schär und Hesti Aryani.
Anschliessend Apéro.
Die Veranstaltung findet auf Deutsch und Englisch statt.

Mittwoch, 17. April 2024, 19 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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Vor 50 Jahren: Die Nelkenrevolution

Am 24. April 1974 um 22:55 Uhr spielte der private portugiesische Rundfunksender «Rádio Clube Português» das unpolitische Liebeslied «E Depois do Adeus» («Und nach dem Abschied»), das am Grand Prix Eurovision auf dem letzten Platz gelandet war. Anderthalb Stunden später, um 0:25 Uhr, wurden im katholischen Sender «Rádio Renascença» die ersten Zeilen des verbotenen Kampfliedes «Grândola, Vila Morena» verlesen, im Anschluss erklang das Lied zweimal in voller Länge. Am Vorabend hatte die Zeitung «República» in einem kleinen Hinweis angekündigt, das Musikprogramm der Nacht sei besonders lohnend. Die beiden Liedausstrahlungen waren Signale des linksgerichteten «Movimento das Forças Armadas» (MFA, «Bewegung der Streitkräfte») zum Sturz der jahrzehntelangen portugiesischen Diktatur. Während «E Depois do Adeus» nur von Eingeweihten als Aufruf zum Abschied vom Faschismus verstanden werden konnte, machte das Abspielen von «Grândola, Vila Morena» einem breiteren Publikum klar, dass wichtige politische Veränderungen im Gange waren.

In den folgenden Stunden besetzten die Aufständischen im ganzen Land militärische Stützpunkte und Flughäfen. Um 4:20 Uhr wurde der portugiesische Luftraum gesperrt, wenige Minuten später sendete «Rádio Clube Português» die erste Verlautbarung des MFA. Als die aufständischen Truppen kurz nach 5:00 Uhr die ersten strategischen Ziele in Lissabon ansteuerten, waren die Strassen bereits von Tausenden begeisterter Unterstützer:innen gesäumt. «Grândola, Vila Morena», das seit 2014 auf der UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes figuriert, wurde zur Hymne der Umwälzung, die bald den Namen «Revolução dos Cravos» (Nelkenrevolution) erhielt, da viele aufständische Soldaten rote Nelken in den Gewehrläufen oder am Revers trugen.

Die Aufständischen, zu denen die Mehrheit der Truppen überlief, besetzten am 25. April wichtige Ministerien und militärische Einrichtungen und begannen am Mittag die Belagerung der zentralen Polizeikaserne Lissabons, wo sich der starke Mann der Diktatur, Ministerpräsident Marcelo Caetano, verschanzt hatte. Gegen Abend erklärte sich Caetano zum Rücktritt bereit, allerdings unter der Bedingung, dass die Macht an General António de Spínola übergehe, der nicht Teil des MFA war. Anschliessend ging Caetano ebenso wie Staatspräsident Admiral Américo Tomás über Madeira ins Exil nach Brasilien, wo in jenen Jahren eine Militärdiktatur herrschte. War der wesentlich von Major Otelo Saraiva de Carvalho geplante Umsturz bis dahin friedlich verlaufen, so feuerten Mitglieder der für willkürliche Verhaftungen und Folter berüchtigten Geheimpolizei PIDE/DGS am Abend des 25. April bei der Belagerung ihres Hauptquartiers in die Menge und töteten vier Personen. Ein Geheimpolizist kam auf der Flucht ums Leben. Dies waren die einzigen Toten der Nelkenrevolution. Erst am folgenden Morgen ergaben sich die Geheimpolizisten. 18 Stunden nach dem ersten mysteriösen Rundfunksignal war die portugiesische Diktatur Geschichte.

Salazars «Neuer Staat»

Das gestürzte Regime reichte bis in die Zwischenkriegszeit zurück. Es war damit die am längsten existierende Rechtsdiktatur und nach der Sowjetunion die zweitälteste Diktatur im Europa des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 1926 hatte General Manuel de Oliveira Gomes da Costa gegen die politisch sehr instabile Erste Republik geputscht und eine Militärdiktatur errichtet. Diese wurde in den frühen 1930er-Jahren von António de Oliveira Salazar, 1928 bis 1932 Finanzminister und danach Ministerpräsident, unter dem Schlagwort «Estado Novo» zu einem autoritären «Ständestaat» umgebaut. Die Verfassung von 1933 räumte dem auf jeweils sieben Jahre gewählten Staatspräsidenten de jure eine starke Stellung ein, faktisch lag die Macht aber für die folgenden fast vier Jahrzehnte beim Ministerpräsidenten Salazar. Das schwache Parlament bestand aus zwei Kammern: Das Wahlrecht für die Volkskammer war an Besitz und Bildung gebunden, so dass lediglich 15 bis 20% der erwachsenen Bevölkerung (darunter nur ganz wenige Frauen) wahlberechtigt waren. Ausserdem besass die 1930 gegründete Einheitspartei «União Nacional», in die auch die Einheitsgewerkschaft integriert war, bis 1945 das Monopol der Kandidatenaufstellung. Die Korporationenkammer bestand aus von der Regierung ernannten «Vertretern» der Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Landwirtschaft sowie kulturellen und regionalen Institutionen.

Die Ideologie des Regimes war recht schwammig, beruhte auf Nationalismus, Katholizismus und Kolonialismus, zielte aber vor allem auf eine Entpolitisierung der Bevölkerung ab. Einen Personenkult wie andere zeitgenössische Diktatoren lehnte Salazar, der recht asketisch lebte und zeit seines Lebens Junggeselle blieb, ab. Hinzu kamen eine strenge Pressezensur, die Kontrolle der Bevölkerung durch politische Polizei und Justiz, das Verbot oppositioneller Parteien und freier Gewerkschaften und die Abschaffung des Streikrechts. Gesellschaftliche Basis des Salazar-Regimes waren die Armee, die katholische Kirche, die Grossgrundbesitzer:innen, Teile des Bürgertums und die Siedler:innen in den Kolonien. Im Zuge einer weiteren Annäherung an ausländische faschistische Vorbilder entstanden 1936 die paramilitärische Miliz «Legião Portuguesa» und die Jugendorganisation «Mocidade Portuguesa». Im selben Jahr wurde auf den Kapverdischen Inseln das Konzentrationslager «Campo do Tarrafal» eingerichtet, das bald auch als «Lager des langsamen Todes» bekannt war. Auch wurde vom Mussolini-Regime der bei Aufmärschen und Massenversammlungen zu entbietende «römische Gruss» übernommen. Der Antisemitismus der anderen faschistischen Diktaturen spielte in der Ideologie und Propaganda des «Estado Novo» dagegen keine wesentliche Rolle.

Korporatistische Modelle hatten in den 1930er-Jahren auch in der Schweiz eine Anhängerschaft in katholisch-konservativen, frontistischen und gewerblichen Kreisen (s. SozialarchivInfo 5/2020). Neben dem faschistischen Italien und dem kurzlebigen österreichischen «Ständestaat» interessierten sich diese auch für den «Estado Novo» als potenzielles Vorbild. Der rechtskatholische Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker Gonzague de Reynold, Professor an der Universität Fribourg, publizierte 1936 ein Buch über Portugal. Den Militärputsch von 1926 bezeichnete er darin als «Ergebnis einer langen Bemühung um Ordnung und Sittlichkeit», Salazar als einen «Diktator aus Pflicht» und «grossen Staatserneuerer», der Portugal «nach sechzehn Jahren freimaurerischer Republik und einem Jahrhundert parlamentarischem Liberalismus», aus denen «wirtschaftlicher Ruin, politische Unordnung und sittliche Anarchie» resultiert hätten, «wiederaufgebaut» habe. 1938 wurde de Reynold für dieses Werk von Salazar persönlich ausgezeichnet.

Wirtschaftspolitisch verfolgte Salazar einen strikten Austeritätskurs und strebte eine «organische» Industrialisierung an. In der Realität bedeutete dies eine starke Abschottung von den internationalen Märkten und eine schwache industrielle Entwicklung auf Basis von Niedrigstlöhnen. Industrie und Bankwesen wurden von etwa 30 regimenahen Familien kontrolliert. Der Aussenhandel war auf Austausch mit den eigenen Kolonien sowie die britischen Handelsinteressen konzentriert. Zwar trat Portugal 1960 der Freihandelszone EFTA (bei der auch die Schweiz Mitglied wurde) bei und betrieb ab 1965 eine vorsichtige Öffnung für ausländische Investor:innen. Protektionismus, Bürokratie und Klientelismus behinderten aber eine wirtschaftliche Modernisierung. So blieb das Land bis weit in die zweite Jahrhunderthälfte ein Agrarstaat. 1950 war noch fast die Hälfte, 1970 immer noch ein knappes Drittel der Erwerbstätigen in der notorisch unproduktiven Landwirtschaft beschäftigt. Im Norden bestand diese aus zersplittertem Kleinbesitz, im Süden dominierten wenige Grossgrundbesitzer:innen. Trotz des grossen Agrarsektors blieb Portugal so von Nahrungsmitteleinfuhren abhängig.

Entsprechend gross war die Armut breiter Bevölkerungsschichten. Ende der 1960er-Jahre hatte Portugal im nichtkommunistischen Europa das tiefste Pro-Kopf-Einkommen – weniger als ein Drittel desjenigen der Bundesrepublik Deutschland und immer noch etwa ein Viertel tiefer als in Spanien und Griechenland. Hinzu kam nach Albanien und Jugoslawien die dritthöchste Säuglingssterblichkeit Europas. Die Hälfte der portugiesischen Wohnungen verfügte auch um 1970 noch über kein fliessendes Wasser. Gezielt unterband der «Estado Novo» eine für dieses Wirtschaftsmodell nicht erforderliche Ausbildung breiter Bevölkerungsschichten. Ende der 1960er-Jahre hatte Portugal das relativ niedrigste Bildungsbudget und die mit 30% höchste Analphabet:innenrate aller Länder Europas. 90% der Bevölkerung besuchten lediglich die obligatorische Volksschule, die für Knaben vier, für Mädchen drei Jahre dauerte. Vor diesem Hintergrund emigrierten 1965 bis 1973 trotz zeitweiser staatlicher Restriktionen etwa eine Million Portugies:innen ins Ausland.

Politisch hatte das Salazar-Regime um das Ende des Zweiten Weltkriegs eine oberflächliche Entfaschisierung vollzogen, die aber keine Demokratisierung bedeutete. 1944 brach das formal neutrale Land auf britischen Druck hin die zuvor recht intensiven Wirtschaftsbeziehungen zu Nazi-Deutschland ab. 1945 wurde das Monopol der «União Nacional» auf Kandidatenaufstellung bei Wahlen abgeschafft. Die Bildung oppositioneller Parteien und die freie Wahlwerbung für Oppositionskandidat:innen blieben aber verboten, so dass die Opposition bis zum Ende der Salazar-Zeit die Parlamentswahlen boykottierte und manchmal bereits angemeldete Kandidaturen vor den Wahlen wieder zurückzog. Bei den Präsidentschaftswahlen 1949 und 1951 wurden oppositionelle Kandidaten entweder disqualifiziert oder zogen sich nach Repressionen zurück. 1958 hielt der unabhängige General Humberto Delgado, der für den Fall seiner Wahl die Entlassung Salazars angekündigt hatte, seine Kandidatur aufrecht und erhielt offiziell 23% der Stimmen. Nach dieser Erfahrung schaffte das Salazar-Regime die Volkswahl des Präsidenten ab. Weil Delgado den Vorwurf des Wahlbetrugs erhob, wurde er 1959 aus der Armee entlassen und flüchtete nach Brasilien, wo er 1964 eine Exilorganisation gründete. 1965 wurde er von der portugiesischen Geheimpolizei in Spanien in eine Falle gelockt und ermordet. Bei dem Attentat erwürgte ein Geheimpolizist auch Delgados Sekretärin.

Kurz nach der Ermordung Delgados verfasste der Schriftsteller Hugo Loetscher zum Dokumentarfilm «Salazar und Portugal» des Schweizer Fernsehens den Begleitkommentar «Ach Herr Salazar». Darin kritisierte Loetscher in Form eines politischen Klagegedichts die Inhaftierung von Oppositionellen, die Ermordung Delgados, das rückständige Schulsystem, die Armut breiter Bevölkerungsschichten und die Kolonialpolitik. Wenige Augenblicke vor der Ausstrahlung setzte das Schweizer Fernsehen die Sendung ab, da Loetschers Kommentar, den zu ändern der Schriftsteller verweigert hatte, «den Eindruck einer undokumentierten Anklagerede hervorrufe». Die Last-minute-Programmänderung wurde in der Schweizer Presse weitherum kritisiert, allerdings nicht primär wegen ihres möglichen Zensurcharakters, sondern wegen des durch die Kurzfristigkeit der Massnahme hervorgerufenen Eindrucks des Dilettantismus. Loetscher wurde vom portugiesischen Regime in der Folge zur persona non grata erklärt.

1968 erlitt der mittlerweile 79-jährige Salazar eine Hirnblutung und wurde in Erwartung seines baldigen Ablebens vom Staatspräsidenten durch Caetano ersetzt. Als sich Salazars Gesundheitszustand wieder etwas besserte, getraute sich niemand, ihn über seine Entlassung zu informieren, und so führte er im Glauben, immer noch Ministerpräsident zu sein, weiterhin «Kabinettssitzungen» durch. 1970 verstarb Salazar. Caetano setzte zögerlich ein paar Reformen um und gestattete einigen Oppositionellen die Rückkehr nach Portugal. An den Parlamentswahlen 1969 beteiligten sich erstmals drei oppositionelle, kurz nach dem Wahltag wieder verbotene «Wahlkommissionen» mit Kandidaturen. Trotz sehr limitierter Agitationsmöglichkeiten kamen diese auf 12% der Stimmen, erhielten aber aufgrund des Mehrheitswahlrechts keine Sitze. Den letzten Scheinwahlen des «Estado Novo» im Jahr 1973 blieb die Opposition nach der Disqualifikation zahlreicher Kandidaturen wieder fern. Im Juli 1973 entstand in der Armee die konspirative «Bewegung der Hauptleute», aus der wenige Monate später das MFA hervorgehen sollte.

Ein Entwicklungsland mit Kolonialreich

Obwohl Portugal am Vorabend der Nelkenrevolution faktisch ein strukturschwaches Entwicklungsland war, dessen Wirtschaft durch den Ölpreisschock von 1973 (s. SozialarchivInfo 4/2023) einen zusätzlichen Schlag erhielt, pflegte das Regime das rückwärtsgewandte Image kolonialistischer Glorie und hielt daran auch mit militärischen Mitteln fest. Der Höhepunkt des portugiesischen Kolonialreichs lag bereits mehrere hundert Jahre zurück. Angefangen mit den Entdeckungsfahrten von Heinrich dem Seefahrer im 15. Jahrhundert, dem das Salazar-Regime 1960 zum 500. Todestag verschiedene Denkmäler widmete, baute Portugal in der frühen Neuzeit einen umfangreichen Kolonialbesitz mit Territorien und Küstenstützpunkten in Amerika, Afrika und Asien auf. Der interkontinentale Fernhandel mit Gewürzen und anderen Gütern, aber auch Sklav:innen war integraler Bestandteil dieser frühen Globalisierung. 1494 grenzten die Kronen Portugals und Spaniens im Vertrag von Tordesillas mit päpstlichem Segen ihre Ansprüche im Atlantikraum und den Amerikas ab. Auf dieser Basis entstand mit Brasilien die grösste und reichste portugiesische Kolonie, die 1822 aber unabhängig wurde.

Noch zu Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Portugal umfangreichen Kolonialbesitz in Afrika (Angola, Mosambik, Guinea-Bissau, São João Baptista d’Ajudá, Kap Verde, São Tomé und Príncipe) und Asien (Macau, Osttimor, «Portugiesisch-Indien» mit den Gebieten Dadrá e Nagar-Aveli, Goa, Diu und Damão). Für das Regime waren diese Territorien, obwohl Salazar selber in seiner Regierungszeit nie eine Kolonie besuchte, integraler Bestandteil Portugals und Begründungsfaktor von dessen internationalem Sonderstatus. Ideologische Grundlage bildete die Vorstellung vom «Lusotropikalismus». Diese war vom brasilianischen Soziologen Gilberto Freyre begründet worden und behauptete eine bessere kolonisatorische und zivilisatorische Eignung des klimatisch warmen Portugals in den Tropen als anderer kapitalistischer oder kommunistischer Grossmächte und seine Fähigkeit, verschiedene Kulturen und «Rassen» zusammenzubringen und zu integrieren.

Die koloniale Realität sah allerdings weit weniger rosig aus. Insbesondere in den flächenmässig grössten Kolonien Angola und Mosambik beruhte die Wirtschaft immer noch stark auf Zwangsarbeit und war die Bevölkerung unterteilt in europäischstämmige portugiesische Bürger:innen (deren Zuwanderung vom Salazar-Regime in der Nachkriegszeit gefördert wurde), Einheimische und ganz wenige «Assimilierte» mit je unterschiedlichen Rechten und Pflichten. Schweizer:innen waren in den portugiesischen Kolonien in der Mission und als Geschäftsleute präsent. In Angola und Mosambik gab seit dem späten 19. Jahrhundert katholische und protestantische Schweizer Missionen. In beiden Kolonien fanden sich auch Schweizer Investitionen in Landwirtschaft und Bergbau. Die 1899 gegründete Schweizer Firma Boror bewirtschaftete in den 1960er-Jahren in Mosambik Weideland und die grösste Kokosplantage der Welt und eine weitere, 1922 gegründete Schweizer Gesellschaft baute Sisal-Agaven an und produzierte ein Drittel des von Mosambik exportierten Sisals.

Zwischen 1954 und 1961 verlor Portugal die Kontrolle über seine Besitzungen in Indien, die in die neue Republik Indien eingegliedert wurden, anerkannte dies aber bis zur Nelkenrevolution nicht. Ab 1961 starteten dann Unabhängigkeitskriege in Angola, Mosambik, Guinea-Bissau und Kap Verde mit Angriffen verschiedener Guerillaorganisationen gegen die Kolonialmacht. In Angola gab es gleich drei, sich teilweise aus ideologischen, personellen und ethnischen Gründen auch gegenseitig bekämpfende Unabhängigkeitsbewegungen, die zeitweise auf Unterstützung der USA, der Sowjetunion, Kubas oder der Volksrepublik China und weiterer Länder zählen konnten. Einige führende Unabhängigkeitskämpfer hatten einen schweizerischen Bildungshintergrund. Eduardo Mondlane, Begründer der marxistischen FRELIMO in Mosambik, und weitere Mitglieder dieser Organisation waren ehemalige Schüler von Westschweizer Missionaren. Jonas Savimbi, zunächst maoistischer, dann antikommunistischer Anführer der angolanischen UNITA, hatte kurz an der Universität Fribourg Medizin und dann in Lausanne Politikwissenschaften studiert. Er war 1961 mit einer Gruppe von 19 aus Lissabon geflüchteten angolanischen Studenten durch kirchliche Vermittlung in die Schweiz gekommen.

Während in den 1950er- und 1960er-Jahren die französischen, britischen, belgischen und italienischen Kolonien in Afrika die Unabhängigkeit erlangten (s. SozialarchivInfo 3/2020), isolierte sich Portugal mit seiner Kolonialpolitik international immer mehr. Kritik kam nicht nur seitens der unabhängig gewordenen afrikanischen Länder (1963 bis 1975 wurden die portugiesischen Interessen im an Guinea-Bissau grenzenden Senegal mangels direkter Beziehungen von der Schweiz wahrgenommen) und des Ostblocks, sondern auch aus dem Westen, insbesondere von den USA. 1973 forderte die UNO-Vollversammlung den unverzüglichen Rückzug Portugals aus Guinea-Bissau.

Auch innenpolitisch war die fortgesetzte Kolonialpolitik für das Regime verheerend. Der Anteil der Militärausgaben am Staatshaushalt stieg 1960 bis 1974 von 25 auf 50%. Bis in die frühen 1970er-Jahre kamen Rüstungslieferungen auch aus der Schweiz. Um sich der vierjährigen Militärdienstpflicht mit Kriegseinsätzen in Afrika zu entziehen, setzten sich Zehntausende junger Portugiesen ins Ausland ab. Auch erodierten die Kolonialkriege die Unterstützergruppen des Regimes. Teile von Armee und Kirche forderten eine politische Lösung der Konflikte und Teile der Wirtschaftselite wollten statt dem Kolonialhandel eine Integration in den Gemeinsamen Markt der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem ab 1973 auch Portugals wichtigster europäischer Handelspartner Grossbritannien angehörte, das der EFTA den Rücken gekehrt hatte.

Bereits im April 1961 gab es einen erfolglosen Staatsstreichversuch gegen das Salazar-Regime aus Teilen der militärischen und politischen Opposition, der von Verteidigungsminister Júlio Botelho Moniz angeführt wurde und sich hauptsächlich gegen die unnachgiebige Kolonialpolitik richtete. Im Februar 1974 publizierte der General und nachmalige Staatspräsident António de Spínola sein Buch «Portugal und die Zukunft», in dem er betonte, die Kolonialkriege seien für Portugal militärisch nicht zu gewinnen. Daraufhin wurde er seines Postens enthoben. Spínola entstammte einer aristokratischen, Salazar persönlich verbundenen Familie, hatte im Spanischen Bürgerkrieg als Freiwilliger auf der Seite Francos gekämpft und während des Zweiten Weltkriegs als Beobachter in der deutschen Wehrmacht an der mörderischen Belagerung Leningrads mitgewirkt. Von 1968 bis 1973 erhielt er als Militärgouverneur und Oberbefehlshaber in Guinea-Bissau direkten Einblick in die Zustände vor Ort. Obwohl Spínola also kein Linker war, wurde seine Absetzung ein Auslösefaktor für den wenige Wochen darauf erfolgenden Aufstand des MFA.

Nach der Nelkenrevolution beendete Portugal die Kolonialkriege und entliess 1974/75 fast alle Kolonien in die Unabhängigkeit. Dies brachte den meisten dieser Länder aber noch nicht den Frieden. In Mosambik ging der Unabhängigkeitskrieg fast nahtlos in einen bis 1992 dauernden Bürgerkrieg über, der etwa 900’000 Menschenleben forderte und in den direkt die Apartheidstaaten Rhodesien und Südafrika sowie indirekt die beiden Supermächte involviert waren. Ähnlich war die Entwicklung in Angola, wo der Bürgerkrieg zwischen den ehemaligen Unabhängigkeitsbewegungen gar bis 2002 anhielt und etwa 500’000 Menschenleben forderte. Direkt beteiligt waren auch Südafrika und Kuba, indirekt unter anderem die beiden Supermächte. Die Bürgerkriege in Mosambik und Angola hatten zeitweise stark den Charakter von «Stellvertreterkriegen», ihr Andauern über das Ende des Kalten Krieges hinaus zeigte aber, dass dies neben internen und regionalstrategischen Faktoren lediglich eine von mehreren Facetten dieser Konflikte war. Osttimor erlitt unmittelbar nach der Unabhängigkeit eine Invasion indonesischer Truppen. In den folgenden 24 Jahren indonesischer Besetzung kamen fast 180’000 Menschen, mehr als ein Viertel der Bevölkerung, durch Repressionen, Massaker und Guerillakämpfe ums Leben. Nach einer Übergangsphase ab 1999 unter UNO-Verwaltung wurde Osttimor 2002 ein zweites Mal unabhängig. Macau blieb als einzige Kolonie über die Nelkenrevolution hinaus in portugiesischem Besitz und wurde dann 1999 als «Sonderverwaltungszone» an die Volksrepublik China abgetreten.

Südeuropäische Demokratisierung

Am 26. April 1974 war die portugiesische Diktatur zwar beseitigt, die weitere Entwicklung des Landes aber noch nicht absehbar. Wenige Tage nach dem Umsturz kehrten die führenden Linksoppositionellen Mário Soares und Álvaro Cunhal nach Portugal zurück. Soares war ursprünglich Kommunist gewesen, hatte 1951 aber mit der Partei gebrochen. 1964 gründete er in Genf zusammen mit anderen nichtkommunistischen Salazar-Gegner:innen die sozialdemokratische «Acção Socialista Portuguesa», aus der 1973 die Sozialistische Partei Portugals hervorging. Nach der Ermordung Delgados wurde Soares 1965 Anwalt von dessen Familie. Mehrfach inhaftiert, wurde er zusammen mit seiner Familie 1968 nach São Tomé und Príncipe deportiert, durfte nach Caetanos Amtsantritt aber wieder zurückkehren. Bei den Wahlen 1969 kandidierte er für eine oppositionelle «Wahlkommission», anschliessend ging er ins Exil nach Rom und Paris. Kommunistenchef Cunhal war von 1949 bis 1960 inhaftiert gewesen, davon acht Jahre in Isolationshaft. Dann gelang ihm auf spektakuläre Weise die Flucht. In der Folge lebte er im Exil in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Wegen seiner Ablehnung des Eurokommunismus (und später der Perestrojka) galt er als letzter westeuropäischer Stalinist.

Am 1. Mai 1974 fand in Lissabon eine riesige Demonstration statt. Der Abschlusskundgebung im Sportstadion, an der Soares und Cunhal Reden hielten, wohnten 100’000 Menschen bei. Am selben Tag erliess die provisorische Regierung ein Amnestiegesetz für die zahlreichen Fahnenflüchtigen und Kriegsdienstverweigerer. Wenige Tage darauf wurden Soares (als Aussenminister) und Cunhal (als Minister ohne Geschäftsbereich) in die provisorische Regierung aufgenommen. Insgesamt gab es bis zum 22. Juli 1976 sechs provisorische Regierungen, die aus Militärs wie auch Parteipolitikern bestanden. Parallel dazu spielte bis ins Frühjahr 1975 die aus Militärs bestehende «Junta de Salvação Nacional» eine wichtige Rolle.

Die zwei Jahre dauernde Transitionsphase war von verschiedenen Richtungskämpfen gekennzeichnet, in denen sich ideologische, auch auf die «Systemfrage» abzielende Gegensätze zwischen Militärs und ziviler Politik, zwischen den verschiedenen politischen Parteien und innerhalb der Streitkräfte ebenso manifestierten wie soziale Konflikte in einer extrem ungleichen und nach europäischen Standards «rückständigen» Gesellschaft. 1974/75 verfügten die provisorischen Regierungen Enteignung von Grossgrundbesitz und Verstaatlichungen von Banken und Grossbetrieben. Parallel dazu gab es viele illegale Landbesetzungen durch Landarbeiter:innen. In manchen Betrieben übernahmen Arbeiterkommissionen die Kontrolle. Der von Teilen des MFA zwischenzeitlich propagierte Aufbau eines Arbeiterrätesystems als Alternative zum Parlamentarismus konkretisierte sich aber nicht. Für den 28. September 1974 rief Staatspräsident António de Spínola zu einem «Marsch der schweigenden Mehrheit» auf. Dagegen mobilisierten die linken Kräfte, die einen rechten Staatsstreich befürchteten, und verhinderten die geplante Demonstration. Zwei Tage darauf trat Spínola zurück. Am 11. März 1975 war er dann in einen gescheiterten Putschversuch konservativer Kräfte involviert und floh in der Folge über Spanien nach Brasilien.

Am 25. April 1975, genau ein Jahr nach der Nelkenrevolution, fanden Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung statt. Am meisten Stimmen machte die Sozialistische Partei mit knapp 38%, dahinter folgte die bürgerlich-liberale Demokratische Volkspartei mit 26%. Die Kommunistische Partei schnitt unter den Erwartungen ab und kam als drittstärkste Kraft auf 12%, gefolgt von den konservativen Christlichsozialen mit 7%. Eine Reihe linksradikaler Splittergruppen blieb weit unter den eigenen Hoffnungen und gewann insgesamt nur einen einzigen Sitz. Die politischen Parteien waren nach fast einem halben Jahrhundert Diktatur schwach und mussten zunächst ihre Mitgliedschaften, nationalen und regionalen Strukturen aufbauen, um nach der initialen Mobilisierungsphase und Rückkehr aus dem Exil allmählich die Militärs als wesentliche politische Akteure ablösen zu können. Dabei spielte, auch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, ausländische Unterstützung eine Rolle. Während die Kommunistische Partei auf Support aus dem Ostblock zählen konnte, genoss die Sozialistische Partei Unterstützung durch die Sozialistische Internationale und die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. Der US-Geheimdienst CIA organisierte ebenfalls Finanzhilfen für die nichtkommunistischen Kräfte, namentlich jene auf der Linken, denen elektorale Erfolgschancen gegen die Kommunistische Partei zugetraut wurden.

Auch nach den Wahlen verlief die Entwicklung zunächst turbulent. Im «heissen Sommer» 1975 kam es zu verschiedenen Akten politischer Gewalt durch unterschiedliche Akteursgruppen, darunter von Spanien aus agierender Rechtsterroristen, die sogar Befürchtungen über einen Bürgerkrieg laut werden liessen. Am 10. November 1975 belagerte ein Demonstrationszug von Bauarbeitern für 36 Stunden das Parlamentsgebäude und setzte zentrale Forderungen zu ihren Arbeitsbedingungen durch. Am 25. November besetzten linksradikale Fallschirmjäger-Einheiten mehrere Luftstützpunkte. Im Gegenzug wurde in Lissabon der Ausnahmezustand ausgerufen und die militärische Hierarchie wiederhergestellt.

Im Februar 1976 gelangte Ex-Präsident Spínola in die Schweiz mit der Auflage, jegliche politische Tätigkeit zu unterlassen. Am 25. März kam er in Düsseldorf mit einem vermeintlichen Waffenhändler mit angeblichen Kontakten zu CSU-Chef Franz Josef Strauss zu Verhandlungen über Waffenlieferungen für einen rechten Putsch in Portugal zusammen. Bei seinem Gesprächspartner handelte es sich aber um den Investigativjournalisten Günter Wallraff, der zehn Jahre später durch seine Undercover-Recherche «Ganz unten» über die Lebens- und Arbeitsumstände türkischer Migrant:innen in der Bundesrepublik bekannt werden sollte. Nachdem Wallraff Spínolas Putschpläne am 7. April publik gemacht hatte, musste dieser die Schweiz unverzüglich verlassen und ging wieder nach Brasilien.

Am 2. April 1976 wurde die neue Verfassung verabschiedet. Nur die Christlichsozialen stimmten in der Versammlung dagegen. Die Verfassung sah ein Einkammerparlament und einen starken Präsidenten vor und wurde rückblickend als «semi-präsidial» charakterisiert. Von anderen westeuropäischen Verfassungen unterschied sie sich durch das Gremium des «Revolutionsrates» aus Vertretern der Armee sowie das Bekenntnis zum Sozialismus und zum Übergang zu einer klassenlosen Gesellschaft in den beiden einführenden Artikeln. Die erste Verfassungsrevision von 1982 schränkte dann die Macht des Präsidenten ein und schaffte den Revolutionsrat ab.

Die ersten Parlamentswahlen fanden am zweiten Jahrestag der Nelkenrevolution statt. Wiederum siegte die Sozialistische Partei mit knapp 35% vor der Demokratischen Volkspartei mit 24%. Die Christlichsozialen verzeichneten starke Gewinne und kamen auf 16% vor der Kommunistischen Partei mit 14%. Nach den Wahlen bildete Mário Soares die erste verfassungsmässige Regierung. Seinem Minderheitskabinett gehörten neben Sozialisten auch Militärs und unabhängige Fachleute an. In der Folgezeit etablierte sich ein relativ stabiles Mehrparteiensystem, bei dem sich die Sozialistische Partei und die stärkste bürgerliche Kraft regelmässig in der Regierungsverantwortung ablösten. Mit dem Ende der Amtszeit von Staatspräsident António Ramalho Eanes, der 1974 dem MFA angehört hatte und 1976 erstes demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt wurde, im Jahr 1986 ging auch dieses Amt in zivile Hände über.

Die Schweizer Medien berichteten über die Vorgänge in Portugal breit. Auf der Linken machten sich Hoffnungen auf einen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» breit, nachdem in den Vorjahren entsprechende, allerdings von sehr verschiedenen Ausgangslagen gestartete Versuche in der Tschechoslowakei durch den Einmarsch des Warschauer Pakts (1968, s. SozialarchivInfo 1/2018) und in Chile durch einen Militärputsch (1973) gewaltsam unterdrückt worden waren. Auf der bürgerlichen Seite gab es dagegen Befürchtungen, Portugal könnte ins östliche Lager abgleiten. Das Berner «Ost-Institut» veröffentlichte 1975 und 1976 zwei Sonderpublikationen, die vor einer Machtergreifung der moskauhörigen Kommunistischen Partei warnten und dabei Parallelen zur kommunistischen Strategie und Taktik bei den Vorgängen in den ostmitteleuropäischen Ländern der späten 1940er-Jahre zogen. Die «Schweizerische Fernseh- und Radiovereinigung», nach ihrem Gründer, dem Berner SVP-Nationalrat und Geschichtsprofessor Walther Hofer, auch als «Hofer-Club» bekannt, die das Schweizer Fernsehen wegen seiner angeblichen Linkslastigkeit mit einer Flut von Programmbeschwerden eindeckte, publizierte 1977 ein 244-seitiges Buch über die Portugal-Berichterstattung der deutschsprachigen Tagesschau in den Jahren 1974/75 und monierte neben journalistischen Sorgfaltslosigkeiten insbesondere die ihres Erachtens ungenügende Thematisierung der «kommunistischen Frage».

Regen Anteil nahmen insbesondere die Kräfte der Neuen Linken, die bereits vor 1974 Kritik an der Diktatur in Portugal und den Kolonialkriegen geübt hatten. Auch waren seit den 1960er-Jahren besonders in der Romandie verschiedene Solidaritätskomitees für die portugiesische Opposition und die afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen entstanden. Die seit 1957 anhaltende Präsenz Portugals am jährlichen «Comptoir Suisse» in Lausanne wurde zunehmend kritisiert. Nach dem Umsturz organisierten neulinke Gruppierungen dann eine Vielzahl von Veranstaltungen und gaben eine Reihe von Broschüren über Portugal heraus. Die Zürcher «Arbeitsgruppe Portugal» lancierte die Solidaritätsaktion «Trinkt portugiesischen Wein» zwecks Verringerung des portugiesischen Aussenhandelsdefizits und listete auf einem Flugblatt entsprechende Angebote bei den Zürcher Detaillisten auf.

Der Übergang Portugals zur Demokratie war Teil eines Demokratisierungsprozesses, der Mitte der 1970er-Jahre mehrere südeuropäische Staaten erfasste, in der Rückschau dann aber hinter dem osteuropäischen Demokratisierungsprozess von 1989/90 in den Schatten trat. Anderthalb Jahre nach der Nelkenrevolution, am 20. November 1975, musste der spanische Ministerpräsident Carlos Arias Navarro am Fernsehen mit tränenerstickter Stimme bekanntgeben, dass Langzeitdiktator Francisco Franco nach wochenlangem Siechtum verstorben war. Der Generalissimus hatte das Land seit dem Bürgerkrieg von 1936 bis 1939, als er nach einem zunächst misslungenen Militärputsch mit Hilfe Hitlers und Mussolinis sowie logistischer Unterstützung Portugals die Republik zerstört hatte (s. SozialarchivInfo 1/2017), mit eiserner Faust regiert. Zu den Bewunderern Francos, der zwei Monate vor seinem Tod nochmals fünf politische Gefangene hatte hinrichten lassen, zählte im Ausland neben dem chilenischen Diktator Augusto Pinochet auch der Schweizer Rechtspopulist James Schwarzenbach (s. SozialarchivInfo 2/2020). Francos Nachfolger, König Juan Carlos I., leitete einen zunächst behutsamen Veränderungsprozess ein. 1976 wurde die Bildung politischer Parteien wieder legalisiert und im Sommer 1977 fanden die ersten freien Wahlen seit 1936 statt. Ende 1978 hiessen die spanischen Bürger:innen in einem Referendum eine neue Verfassung gut, die Spanien zur parlamentarisch-demokratischen Monarchie machte. Nach einem misslungenen Putschversuch rechtsgerichteter Kreise aus Armee und Guardia Civil, die im Februar 1981 in einem theatralischen Auftritt die Mitglieder des Parlaments als Geiseln nahmen, führten die Wahlen vom Oktober 1982 zum ersten demokratischen Regierungswechsel vom zentristischen Regierungspräsidenten Leopoldo Calvo-Sotelo zum Sozialisten Felipe González, was gemeinhin als Abschluss der «Transición» gilt.

In Griechenland hatte am 21. April 1967 eine rechtsextreme Militärjunta in einem Putsch die Macht übernommen, um einem erneuten Wahlsieg des zentristischen Reformers Georgios Papandreou zuvorzukommen. Sofort wurden die Zensur eingeführt, Oppositionelle verhaftet und gefoltert, auf verschiedenen Inseln Lager mit Tausenden von politischen Gefangenen errichtet und oppositionelle Auslandsgriech:innen wie die Schauspielerin Melina Mercouri ausgebürgert und enteignet. König Konstantin II., dessen Verhältnis zum Obristenregime zwiespältig war, ging nach einem misslungenen Gegenputsch Mitte Dezember 1967 ins Exil. Nach einer vorübergehenden Stabilisierung des Regimes verstärkten sich 1973 der internationale Druck wie auch die interne Opposition. Im Mai 1973 wurden Putschpläne von Marineoffizieren aufgedeckt. Im Sommer schaffte Oberst Georgios Papadopoulos, der starke Mann des Regimes, die Monarchie ab und machte sich selber zum Präsidenten. Mitte November kam es im Polytechnikum Athen zu einem dreitägigen Aufstand der Studierenden, den die Junta blutig niederschlug. Kurz darauf wurde Papadopoulos durch einen weiteren Putsch von Hardlinern des Obristenregimes gestürzt. Das Ende der Diktatur kam wenige Wochen nach der Nelkenrevolution durch die Zypern-Krise. Am 15. Juli 1974 putschte die zypriotische Nationalgarde in Absprache mit der griechischen Junta, die damit von ihren inneren Problemen ablenken wollte, mit dem Ziel eines völkerrechtswidrigen Anschlusses an Griechenland. Dies führte fünf Tage darauf aber zu einer Invasion türkischer Truppen auf der Insel und einige Monate später zur Etablierung der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern. Wenige Tage nach der türkischen Invasion holte die Junta den früheren konservativen Ministerpräsidenten Konstantin Karamanlis aus dem französischen Exil zur Bildung einer zivilen Regierung zurück. Als Resultat dieses «Regime change» («Metapolitefsi») fanden am 17. November 1974 in Griechenland, wo zweieinhalbtausend Jahre zuvor die Demokratie erfunden worden war, die ersten freien Wahlen seit 1964 sowie ein Referendum über die Staatsform statt.

Die Türkei ihrerseits war erst im Jahr zuvor zu einer parlamentarischen Regierung zurückgekehrt. Der 1923 vom General und Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches gebildete Einparteienstaat war 1945 unter dem Eindruck des Sieges der Westalliierten zu einem Mehrparteiensystem umgewandelt worden. Die Armeeführung verstand sich aber weiterhin als über dem Elektorat und den Parteien stehende Hüterin der kemalistischen Staatsideologie. 1960 putschte sie ein erstes Mal gegen eine unliebsame Regierung und übernahm für anderthalb Jahre die Macht. 1969 konnte ein geplanter Putsch im letzten Moment abgewendet werden. 1971 erfolgte der zweite Militärputsch. Nach Ausrufung des Kriegsrechts und Absetzung der parlamentarisch legitimierten Regierung setzte der Staatspräsident unter dem Druck der Generäle ein neues, «überparteiliches» Kabinett mit Politikern beider grosser Parteien sowie Technokraten ein. Parallel dazu erfolgten mehrere Verbote von Parteien, Vereinen und Zeitungen, Verhaftungen und Folter von Oppositionellen sowie Massenprozesse durch Militärgerichte. Im Oktober 1973 fanden einigermassen freie Wahlen statt, aber bereits 1980 erfolgte der nächste Militärputsch.

Die erfolgreichen Demokratisierungen in Griechenland, Portugal und Spanien ermöglichten in den 1980er-Jahren die sogenannte «Süderweiterung» der Europäischen Gemeinschaft. 1981 wurde, trotz gewisser Bedenken wegen des gespannten Verhältnisses zur Türkei, Griechenland als zehntes Mitglied in die EG aufgenommen. Fünf Jahre darauf folgten die beiden iberischen Staaten (s. SozialarchivInfo 4/2022).

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.260.54 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Portugal, Schweden
  • Ar 56.40.3 POCH Zürich: Produktion POCH Verlag Zürich, 1972–1976
  • Ar 66.20.1 POCH Bern: Theorie und Strategie
  • Ar 138.50.2 Max Arnold: Internationale der Oeffentlichen Dienste IOeD
  • Ar 165.10.15 Harry Gmür: Presseartikel von Harry Gmür in der Gewerkschaftszeitung «Der öffentliche Dienst» (VPOD), 1967–1975
  • Ar 165.10.16 Harry Gmür: Presseartikel von Harry Gmür in «Helvetische Typographia», 1971–1975

Sachdokumentation

  • KS 335/395 Kommunismus, kommunistische Parteien: Spanien & Portugal
  • KS 338/43 Agrarpolitik & Landwirtschaft: Westeuropa: diverse Länder
  • KS 338/284 Wirtschaftspolitik: Belgien, Spanien, Portugal
  • QS 34.1 Staatsformen: Demokratie
  • QS ESG Griechenland
  • QS ESP Portugal
  • QS ESS Spanien
  • QS OVC Zypern
  • QS OVT Türkei
  • QS SSA Angola
  • QS SSM Moçambique, Mozambique
  • ZA 34.1 Staatsformen: Demokratie
  • ZA 58.0 E Kommunismus, kommunistische Parteien in einzelnen Ländern Westeuropas
  • ZA 77.5 *ES Arbeitskonflikte & Streiks: Südeuropa ausser Italien
  • ZA 78.1 E Gewerkschaften: Europa
  • ZA 81.1 C *3 Aussenhandel der Schweiz: mit Spanien, Portugal und Italien
  • ZA ESG Griechenland
  • ZA ESP Portugal
  • ZA ESP *L Landwirtschaftskollektive in Portugal
  • ZA ESS Spanien
  • ZA OEMa Macao
  • ZA OSI *OT Indonesien: Osttimor
  • ZA OVC Zypern
  • ZA OVT Türkei
  • ZA SSA Angola
  • ZA SSM Moçambique, Mozambique
  • ZA SWP Guinea-Bissau

Bibliothek

  • Ackermann, Jürg: Fussball und nationale Identität in Diktaturen: Spanien, Portugal, Brasilien und Argentinien. Wien 2013, 129512
  • Allemann, Fritz René: 8mal Portugal. München 1971, 43497
  • Alves, Marcio Moreira: Les soldats socialistes du Portugal. Paris 1975, 61897
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  • Livermore, H. V.: Portugal: A short history. Edinburgh 1973, 52318
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  • Mouvements de gestion directe au Portugal: Débat sur le marxisme. Paris 1976, 42061
  • Mühll, Urs von der: Die Unterentwicklung Portugals: Von der Weltmacht zur Halbkolonie Englands. Frankfurt 1978, 63605
  • Münster, Arno: Portugal: Jahr 1 der Revolution: Eine analytische Reportage. Berlin (West) 1975, 55725
  • Naville, Pierre: Pouvoir militaire et socialisme au Portugal. Paris 1975, 56695
  • Oliveira, César: Eine Revolution frisst ihre Traditionen: Portugiesische Arbeiterbewegung und revolutionärer Marxismus. Frankfurt 1975, 56090
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  • Picart, Claude (Hg.): Portugal 1974–2014: De la révolution à l’effondrement du modèle néo-libéral. Paris 2014, 132388
  • Portugal. Hannover 1976, 56873
  • Portugal in Afrika: Analyse eines Befreiungskampfes. Brüssel 1971, 49299
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  • Portugal: Dokumente, Materialien. Hg. Verlagsvereinigung Zeitdienst und Arbeitsgruppe Portugal. Zürich 1975, 56179
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  • Portugal: Rausch und Katzenjammer einer Scheinrevolution: Mit der Frage der Unterstützung der antiimperialistischen Bewegungen der Kolonialländer, am Beispiel Angola. Berlin (West) 1976, Gr 2829
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  • Raby, D. L.: Fascism and resistance in Portugal: Communists, liberals and military dissidents in the opposition to Salazar, 1941–1974. Manchester/New York 1988, 84862
  • Raske, Michael et al. (Hg.): Der totalitäre Gottesstaat: Die Lage der Christen in Portugal, Spanien und im Baskenland: Eine Dokumentation. Düsseldorf 1970, 43505
  • Révész, László: Moskau am Atlantik? Indizien für eine kommunistische Machtergreifung in Portugal. Bern 1975, Gr 2647
  • Révész, László: Moskau über Portugal: Taktische Fragen und Medienpolitik. Bern 1976, Gr 2848
  • Reynold, Gonzague de: Portugal gestern – heute. Salzburg 1938, 9934
  • Robinson, Peter: Portugal 1974–1975: The forgotten dream. London 1999, D 5518 OP
  • Schilling, Barbara: Klassenkämpfe in Portugal heute: Dokumente und Materialen. Frankfurt 1975, 55074
  • Schilling, Jörg: Portugals afrikanische Kolonien im Freiheitskampf: Hintergrundmaterial, Analyse, Unterrichtsplanung. Giessen 1974, 53467
  • Semprun, Jaime: Der soziale Krieg in Portugal. Hamburg 1975, 55728
  • Soares, Mário: Le Portugal baillonné: Un témoignage. Paris 1972, 49374
  • Soares, Mário: Portugal: Rechtsdiktatur zwischen Europa und Kolonialismus. Reinbek 1973, 52006
  • Soares, Mário: Portugal’s struggle for liberty. London 1975, 55088
  • Soares, Mário: Portugal: Welcher Weg zum Sozialismus? Berlin (West) 1976, 58110
  • Soares, Mário: Portugal: Quelle révolution? Entretiens avec Dominique Pouchin. Paris 1976, 57615
  • Sokol, Hans: Salazar und sein neues Portugal. Graz 1957, 23133
  • Sousa Ferreira, Eduardo de: Portugiesischer Kolonialismus zwischen Südafrika und Europa: Wirtschaftspolitische Analysen über die portugiesischen Kolonien, Südafrika und Namibia. Freiburg 1972, 49587
  • Sousa Ferreira, Eduardo de: Portuguese colonialism in Africa: The end of an era: The effects of Portuguese colonialism on education, science, culture and information. Paris 1974, 54632
  • Sperling, Urte: Portugal: Von Salazar zu Soares: Krise der Diktatur und Systemstabilisierung in einem europäischen «Entwicklungsland». Marburg 1987, 84624
  • Sperling, Urte: Die Nelkenrevolution in Portugal. Köln 2014, 129950
  • Spínola, António de: Portugal und die Zukunft. Düsseldorf 1974, 53178
  • Steiniger, Klaus: Portugal im April: Chronist der Nelkenrevolution. Berlin 2011, 129748
  • Stellungnahme zum Beitrittsantrag Portugals: Von der Kommission am 19. Mai 1978 dem Rat vorgelegt. Luxembourg 1978, 41638
  • Suisse – Portugal: De l’Europe à l’Afrique. Genf 1973, 50815
  • Thomashausen, André: Verfassung und Verfassungswirklichkeit im neuen Portugal. Berlin (West) 1981, 70125
  • Ventura, Cândida: Sozialismus, wie ich ihn erlebte: Erfahrungen einer ehemaligen Funktionärin der Kommunistischen Partei Portugals. Bern o. J. [ca. 1986], 82837
  • VII. Ausserordentlicher Parteitag der Portugiesischen Kommunistischen Partei, 20. Oktober 1974: Rede des Generalsekretärs der PKP, Alvaro Cunhal; Proklamation des Parteitages; Schlusswort des Genossen Alvaro Cunhal. Berlin (Ost) 1974, 54126
  • VIII. Parteitag der portugiesischen kommunistischen Partei, 11. bis 14. November 1976: Rede des Generalsekretärs der PKP, Alvaro Cunhal. Berlin (Ost) 1977, 60258
  • Wallraff, Günter: Aufdeckung einer Verschwörung: Die Spínola-Aktion. Köln 1976, 57794
  • Wohin treibt Portugal? Frankfurt 1975, 55093

Periodika

  • Portugal Nachrichten: Wochenzeitung für ein sozialistisches Portugal, D 4730
  • Sondernummer Portugal der Hochschul-Bresche, D 4141
Ungarische Flüchtlinge lesen 1956 die von den Zürcher Medienhäusern produzierte Zeitung «Hiradó» (Foto: Hermann Freytag/SozArch F 5025-Fc-065)
Ungarische Flüchtlinge lesen 1956 die von den Zürcher Medienhäusern produzierte Zeitung «Hiradó» (Foto: Hermann Freytag/SozArch F 5025-Fc-065)

Hintergrundliteratur zum Krieg in Osteuropa, Update Nr. 2

Der Krieg in Osteuropa dominiert seit Februar 2022 die Medien. Neben den aktuellen Berichten, Prognosen und Expert:innenmeinungen dürfen aber auch die vielschichtigen Hintergründe und Kontexte der Tragödie nicht aus dem Blickfeld geraten. Als Hilfestellung zur Orientierung in den umfangreichen relevanten Materialien in unserer Bibliothek (über swisscovery bestellbar) und Sachdokumentation (QS-, ZA- und DS-Signaturen; bestellbar via sachdokumentation.ch) publizierten wir im Juni 2022 eine thematisch gegliederte Auswahlbibliografie zu Sekundärliteratur und Quellen im Sozialarchiv:

Thematisch gegliederte Auswahlbibliografie als PDF (1’006 KB)

Hintergrundliteratur zum Krieg in Osteuropa, Update 24.2.2023 (PDF, 154 KB)

Hintergrundliteratur zum Krieg in Osteuropa, Update 24.2.2024 (PDF, 187 KB)

Die Stellungnahme des Sozialarchivs zum Überfall auf die Ukraine finden Sie hier.

26.1.2024, 19 Uhr: Ordnungen des Todes

Von Listen, Statistiken und Dunkelziffern über das Sterben und die Verstorbenen

Ob Opfer von Genoziden, Attentaten, häuslicher Gewalt, Unfällen oder Naturkatastrophen: Listen sind nie «unschuldig», sondern verfolgen immer bestimmte Absichten. Register suggerieren Kontrolle, sind aber auch Machtinstrumente. Listen von Verstorbenen dokumentieren gesellschaftliches Handeln und erzählen eine eigene Geschichte des Todes.
Die Beiträger:innen des Bandes «Ordnungen des Todes» untersuchen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart Zählungen von Gefallenen oder Verstorbenen in kolonialen Kontexten, Unfallstatistiken, Todeslisten in der NS-Zeit, Suizide in der DDR sowie Todesfälle von Geflüchteten. Ihre Analysen fokussieren dabei die Hintergründe und Motivationen der Urheber:innen und liefern damit einen erhellenden Einblick in die Macht der Statistik.

Buchpräsentation mit den Autor:innen Nina Kreibig (Humboldt-Universität zu Berlin), Moisés Prieto (Universität Bern) und Philipp Krauer (Staatsarchiv des Kantons Schwyz)

Freitag, 26. Januar 2024, 19 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 110 KB)

Berufserkundungstage

Das Schweizerische Sozialarchiv bietet am Mittwoch, 13. März 2024, und am Freitag, 15. März 2024, je einen Berufserkundungstag an. An dem Tag geben wir Einblick in die Lehre als Fachmann/-frau Information und Dokumentation EFZ.

Die Teilnehmendenzahl ist begrenzt, die Anmeldefrist endet am 4. März 2024.

Anmeldungen bitte mit Geburtsdatum und Namen der aktuellen Schule.

Kontakt und Anmeldung: Andrea Schönholzer, Berufsbildnerin, schoenholzer@sozarch.uzh.ch

Inzwischen sind alle Plätze für die Berufserkundungstage besetzt. Interessierte können sich aber auf die Warteliste setzen lassen.

Vor 50 Jahren: Die Erdölkrise

Am Sonntag, 25. November 1973, stand auf den Schweizer Strassen alles still. Dasselbe Phänomen wiederholte sich an den folgenden beiden Sonntagen. Auch in den Nachbarländern Deutschland und Österreich gab es in jenen Wochen autofreie Sonntage. Die Regierungen reagierten damit auf die von arabischen Ländern aus politischen Gründen verordnete Einschränkung der Ölfördermengen und den scharfen Anstieg der Ölpreise auf dem Weltmarkt. Letzterer trug massgeblich zur ersten grossen Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg bei. Dies hatte weitreichende, bis in die Gegenwart fortwirkende Folgen: Das Ende der durch stetiges Wirtschaftswachstum gekennzeichneten «Trente Glorieuses» erodierte den sozialpartnerschaftlich-keynesianischen Nachkriegskonsens und gab Stimmen von rechts und links Auftrieb, die alternative wirtschafts- und sozialpolitische Strategien propagierten. Zugleich wurde die politische Problematik der internationalen Energieabhängigkeit drastisch vor Augen geführt. Die scharfe Rezession beschleunigte in Ländern wie der Schweiz den bereits im Gang befindlichen Strukturwandel weg von der industriellen Produktion, hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Darüber hinaus stehen die Ereignisse vor einem halben Jahrhundert auch am Beginn verschiedener aktueller Themen: Von der Dominanz «neoliberaler» Wirtschaftspolitik über das klima- und versorgungspolitische Postulat der Dekarbonisierung und die energiepolitische Abhängigkeit von Russland bis hin zu den Terroranschlägen der Hamas zum 50. Jahrestag des Jom-Kippur-Krieges.

«Trente Glorieuses», «1950er-Syndrom» und die «Grenzen des Wachstums»

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war geprägt von einem Wirtschaftsaufschwung mit weitgehender Vollbeschäftigung, stetigen Reallohnzuwächsen und nur gelegentlichen leichten Wachstumsdellen. Die als Lehre aus der Grossen Depression der 1930er-Jahre entstandene keynesianische Wirtschaftstheorie schien den Schlüssel zu einer krisenfreien Entwicklung zu bieten: Bei Wachstumseinbrüchen sollte der Staat zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit und deflationärer Schrumpfung seine Ausgaben erhöhen, in starken Wachstumsphasen zur Inflationsbekämpfung dagegen finanz- und konjunkturpolitisch auf die Bremse treten (s. SozialarchivInfo 5/2020). Es fehlte allerdings auch in der Schweiz nicht an Unkenrufen, die prophezeiten, es könne nicht immer so weitergehen, und Kritik an der «wirtschaftlichen Aufblähung» und «Überkonjunktur» übten. Der Bund reagierte mehrfach mit Massnahmen zur «Konjunkturdämpfung» gegen die vermeintliche «Überhitzung» der Wirtschaft. Als Probleme wurden vor allem die mit dem Wirtschaftsaufschwung verbundene Teuerung sowie die angebliche «Überfremdung» durch immigrierte Arbeitskräfte betrachtet (s. SozialarchivInfo 2/2020), seit den 1960er-Jahren allmählich auch Luft- und Gewässerverschmutzung, Verkehrszunahme und wachsender Energiebedarf.

Tatsächlich führten das rasante Wirtschaftswachstum, der Durchbruch zur Massenkonsumgesellschaft und die Automobilisierung der Gesellschaft in der frühen Nachkriegszeit zu einem sprunghaften Anstieg des Energieverbrauchs – dies weltweit, auf der Ebene der industrialisierten Volkswirtschaften und dort auch pro Kopf. Den Löwenanteil des wachsenden Energiebedarfs, den die wirtschafts- und umwelthistorische Forschung später als «1950er Syndrom» pathologisiert hat, deckten dabei die fossilen Brennstoffe, insbesondere das Erdöl. In der Schweiz verdrängte das Erdöl in den ersten zehn Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die teurere Kohle als wichtigsten Energieträger. 1946 wurden noch 37 Prozent des Primärenergieverbrauchs mit Kohle gedeckt und nur 11 Prozent mit Erdöl. 1956 entfielen dann auf das Erdöl bereits 37 Prozent und auf die Kohle nur noch 24 Prozent. In absoluten Zahlen nahm indessen auch der Kohleverbrauch bis Ende der 1950er-Jahre noch zu, freilich bei Weitem nicht so rasant wie der Erdölverbrauch, der sich von 1945 bis 1973 mehr als verfünfhundertfachte. Dafür verantwortlich waren etwa eine Verdreifachung des Motorfahrzeugbestands allein in den 1950er-Jahren und eine massive Zunahme des Erdölverbrauchs bei Haushalten, Gewerbe, Landwirtschaft und Dienstleistungen.

Im Verhältnis zu den Preisen für die meisten anderen Güter und zu den Löhnen wurde das Erdöl in dieser Phase immer billiger, so dass ökonomische Anreize zu seinem sparsamen Einsatz fehlten und sich Rationalisierungsbemühungen auf andere Aspekte der Produktionsprozesse und des Konsumverhaltens konzentrierten. So sank in der Schweiz während der «Trente Glorieuses» die Energieeffizienz laufend. Zwar warnten seit den 1950er-Jahren Naturwissenschaftler:innen vor einem durch den wachsenden CO2-Ausstoss verursachten Temperaturanstieg und zirkulierten in der Presse auch bereits apokalyptische Zukunftsbilder überfluteter Grossstädte nach einem Abschmelzen der Polkappen. Wirklich wahrhaben wollten dieses Problem aber nur wenige (s. SozialarchivInfo 6/2019). Hinzu kam eine zunehmende weltwirtschaftliche Abhängigkeit von den Staaten des Persischen Golfs: Noch 1940 hatte diese Region lediglich etwa 5 Prozent der globalen Erdölproduktion beigesteuert, bis 1973 stieg dieser Anteil auf über 40 Prozent.

Anderthalb Jahre vor Beginn der Erdölkrise trat dann der «Club of Rome» mit seiner aufsehenerregenden Studie «Grenzen des Wachstums» an die Öffentlichkeit (s. SozialarchivInfo 1/2022). Die am Massachusetts Institute of Technology (MIT) erstellte Studie beruhte auf einer kybernetischen Computersimulation, die in unterschiedlichen Szenarien fünf wesentliche Tendenzen mit globaler Wirkung analysierte: Zunahme der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion, Bevölkerungswachstum, Ausbeutung von Rohstoffreserven und Zerstörung von Lebensraum. Aufgrund der Modellrechnungen gelangten die Wissenschaftler:innen zum Schluss, dass mit unveränderten Zuwachsraten die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Lauf der nächsten hundert Jahre erreicht sein würden. Danach könnte es aufgrund der Erschöpfung der Rohstoffreserven (nicht zuletzt des Erdöls) und irreparabler Umweltschäden zu einem raschen Absinken der Bevölkerungszahl und der industriellen Kapazität kommen. Der Bericht sah diese Entwicklung nicht als unabwendbar an. Eine Veränderung der Wachstumsvoraussetzungen in Richtung eines ökologischen und ökonomischen Gleichgewichtszustandes erschien möglich, allerdings wären dazu rasches und global koordiniertes Handeln und innovative Lösungsansätze Voraussetzungen.

Die geopolitische Problematik des wachsenden Erdölkonsums hatte sich schon in der ersten Hälfte der «Trente Glorieuses» mehrfach gezeigt. Bereits eine der ersten Ost-West-Konfrontationen des beginnenden Kalten Krieges drehte sich ums Erdöl. Nachdem während des Zweiten Weltkriegs Grossbritannien und die Sowjetunion gemeinsam den Iran besetzt hatten, um die dortigen Ölfelder für die Alliierten zu sichern, verweigerte der Kreml nach Kriegsende den Truppenabzug, versuchte, den Nordiran abzuspalten und dauerhaft unter die eigene Kontrolle zu bringen, und wälzte gar Pläne für einen kommunistischen Umsturz in Teheran. Dies führte zu amerikanischen Drohungen bis hin mit dem Einsatz von Atomwaffen sowie zur Einschaltung des eben erst geschaffenen UNO-Sicherheitsrates. Im Frühjahr 1946 zog die Rote Armee aus dem Iran ab und bis Ende 1946 unterdrückte die iranische Armee die separatistischen Bestrebungen im Norden.

Im Oktober 1947 lehnte das iranische Parlament die von Stalin geforderte Gründung einer sowjetisch-iranischen Ölgesellschaft ab, forderte aber auch eine Revision des Konzessionsvertrags mit der «Anglo Iranian Oil Company». 1949 wurde die staatliche «Iran Oil Company» gegründet, die unabhängig vom Einfluss der Grossmächte dem iranischen Staat Einnahmen bescheren sollte. Eine Gruppe von Petrogeologen erhielt den Auftrag, in verschiedenen Landesteilen nach Ölvorkommen zu suchen. Der Kern dieses Teams bestand aus Schweizern, die Leitung oblag dem Zürcher Geologen Arnold Heim. Nachdem die Verhandlungen über eine Revision der Konzession der «Anglo Iranian Oil Company» ergebnislos geendet hatten, verstaatlichte der Iran 1951 die gesamte Ölindustrie. Daraufhin organisierte Grossbritannien einen internationalen Boykott gegen iranisches Öl. Für Aufsehen sorgte, als die Briten im Juni 1952 in Aden den von einer Schweizer Tarnfirma gecharterten Öltanker «Rose Mary» kaperten, der im Auftrag einer italienischen Firma iranisches Rohöl getankt hatte. Im Frühjahr 1953 gab dann Gottlieb Duttweiler bekannt, dass auch die im Aufbau befindliche Migros-Tochter «Migrol» iranisches Öl beziehe.

Neben dem Ölboykott drängte die britische Regierung die USA zu einem gemeinsamen Umsturzplan gegen den iranischen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh und spielte dabei die Karte des Antikommunismus. Im Sommer 1953 starteten die Geheimdienste CIA und MI6 die «Operation Ajax» zur Destabilisierung der iranischen Regierung durch Bestechung von Politikern, Journalisten und anderen Meinungsmachern und Anzettelung von Unruhen. Schliesslich wurde Mossadegh vom Schah entlassen und verhaftet. Die Förderung und Vermarktung des iranischen Öls ging 1954 auf ein westliches Konsortium über. Der Anteil der aus der «Anglo Iranian Oil Company» hervorgegangenen «British Petroleum Company» (BP) wurde auf 40 Prozent reduziert, dafür stiegen fünf US-Unternehmen sowie «Royal Dutch Shell» und die «Compagnie Française des Pétroles» ein. Schiedsinstanz zur Schlichtung eventueller Konflikte zwischen dem Konsortium und der iranischen Regierung wurde die Schweiz.

Die Ölwaffe im arabisch-israelischen Konflikt

Zeitgleich zu den Konflikten ums iranische Öl spielte das schwarze Gold auch im beginnenden arabisch-israelischen Konflikt eine Rolle. Während des grossen arabischen Aufstands im Völkerbund-Mandatsgebiet Palästina von 1936 bis 1939 hatten die Rebellen wiederholt die kurz zuvor eröffnete Kirkuk-Haifa-Pipeline attackiert, welche Erdöl vom Irak durch Jordanien und Galiläa zum Mittelmeer leitete. Die Pipeline wurde in dieser Phase von britischen Sicherheitskräften und jüdischen Paramilitärs bewacht. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Erdölinfrastruktur dann Ziel zahlreicher Terroranschläge der rechtszionistischen Untergrundorganisationen Irgun und Lechi («Stern Gang»), die den Abzug der britischen Mandatsverwaltung beschleunigen wollten. So zerstörten Sternisten im Frühjahr 1947 zwei Öltransportzüge und verübten einen Brandanschlag auf die Raffinerie von Haifa, der 16’000 Tonnen an Ölprodukten zerstörte. Ende 1947 töteten Irgun-Mitglieder mit einem Granatenanschlag vor derselben Raffinerie sechs arabische Tagelöhner, die um Arbeit anstanden, aus Rache für arabische Angriffe auf Juden. Daraufhin attackierten arabische Raffineriearbeiter ihre jüdischen Kollegen und töteten 39 von ihnen. Als Vergeltung richtete die paramilitärische Organisation Haganah in der folgenden Nacht ein Massaker an der Bevölkerung des Dorfes Balad al-Sheikh an. Die von «Royal Dutch Shell» und der «Anglo-American Oil Company» (heute: ExxonMobil) betriebene Raffinerie befand sich am Ende der Kirkuk-Haifa-Pipeline, die ab 1945 zum Ziel zahlreicher Attacken wurde. Ein im November 1947 von der UNO verabschiedeter Teilungs- und Konföderationsplan für Palästina wurde von der «Jewish Agency» akzeptiert, von den meisten arabischen Regierungen aber abgelehnt. Nach der Gründung von Israel am 14. Mai 1948 und der Kriegseröffnung von Ägypten, Syrien, Jordanien, Libanon und Irak gegen den neuen Staat wenige Stunden danach verweigerte die irakische Regierung die weitere Belieferung der Kirkuk-Haifa-Pipeline.

Auch im nächsten arabisch-israelischen Krieg spielte das Erdöl eine Rolle und die Verknüpfung von Öl und Geopolitik wurde auch in Europa spürbar. Im Juli 1956 kündigte Ägyptens panarabisch-nationalistischer Präsident Gamal Abdel Nasser die Verstaatlichung der britisch-französischen Suezkanal-Gesellschaft an. Insbesondere für Grossbritannien war der Suezkanal in der Erdöllogistik von grosser Bedeutung. Grossbritannien, Frankreich (dem die ägyptische Unterstützung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung missfiel) und Israel (das sich mit Attacken von Ägypten ausgerüsteter palästinensischer Guerillas konfrontiert sah) vereinbarten daraufhin ein gemeinsames Vorgehen gegen Nasser. Dieses sollte mit einem israelischen Angriff auf Ägypten beginnen, einer als Vermittlungsmission getarnten britisch-französischen Luftlandeaktion am Suezkanal fortgesetzt werden und indirekt zu Nassers Sturz führen. Die Operation startete Ende Oktober 1956 und setzte sich Anfang November – zeitgleich zur sowjetischen Invasion in Ungarn (s. SozialarchivInfo 5/2016) – fort.

Die Weltöffentlichkeit und beide Supermächte reagierten auf das an Aktionen aus der Zeit des Hochimperialismus erinnernde Vorgehen der beiden ehemaligen europäischen Grossmächte empört. Die USA übten massiven diplomatischen Druck aus und stellten vorübergehend die Wirtschaftshilfe für Israel und Grossbritannien ein. Der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow stoppte die Öllieferungen an Israel und drohte gar mit Atomschlägen gegen London und Paris. Die NATO-Partner fühlten sich durch das eigenmächtige militärische Vorgehen Grossbritanniens und Frankreichs brüskiert. Und die UNO-Generalversammlung forderte einen unverzüglichen Abbruch der Militäraktion und einen Truppenrückzug und beschloss die Stationierung von «Peace Keeping»-Einheiten (den ersten ihrer Art) im ägyptisch-israelischen Grenzgebiet.

Ende Dezember 1956 bis März 1957 zogen die Invasionstruppen von ägyptischem Territorium ab. Parallel dazu verliess in diesen Monaten ein bedeutender Teil der jüdischen Gemeinschaft Ägyptens das Land – als Teil eines generellen Prozesses von Fluchten und Vertreibungen der jüdischen (v.a. sephardischen) Bevölkerungsgruppen aus arabischen Ländern vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu Beginn der 1970er-Jahre, der die ursprünglich europäisch bzw. aschkenasisch geprägte jüdische Mehrheitsbevölkerung Israels veränderte und vom offiziellen Israel teilweise mit der quantitativ vergleichbaren Flucht und Vertreibung von Palästinenser:innen in den Jahren 1947 bis 1949 (je etwa 800’000 Menschen) aufgerechnet und begrifflich gleichgesetzt wurde («jüdische Nakba»). Nasser ging aus der Suezkrise trotz der militärischen Niederlage politisch als Sieger hervor und stärkte seine Position als Anführer der arabischen Welt.

Wegen der Versenkung zahlreicher Schiffe durch Ägypten blieb der Verkehr durch den Suezkanal von Ende Oktober 1956 bis im April 1957 gesperrt. Ebenso sprengten syrische Kommandos Anfang November die als Ersatz für die Kirkuk-Haifa-Pipeline errichtete Kirkuk-Baniyas-Pipeline, die Erdöl vom Irak durch Syrien zum Mittelmeer leitete, und Saudi-Arabien verhängte ein Ölembargo gegen Grossbritannien und Frankreich. Die Erdölabhängigkeit der Industriestaaten war indessen noch zu gering, als dass dadurch eine Wirtschaftskrise verursacht worden wäre – die kurze Rezession von 1958 hatte andere Ursachen. Der Bundesrat erliess aber angesichts der Doppelkrise im Nahen Osten und Ungarn und der geringen Ölreserven im Inland für die vier Sonntage ab dem 18. November 1956 ein generelles Autofahrverbot. Andere europäische Länder führten vorübergehend die Benzinrationierung aus dem Zweiten Weltkrieg wieder ein. In verschiedenen europäischen Staaten starteten im Anschluss an die Suezkrise inländische Erdölexplorationen. In der Schweiz erfolgte 1959 die Gründung der Swisspetrol AG, die nach Erdöl und Erdgas suchte und bis 1966 siebzehn erfolglose Bohrungen durchführte.

Die Suezkrise sollte nicht der letzte arabisch-israelische Krieg bleiben. Die Attacken aus arabischen Staaten operierender palästinensischer Guerillas auf Israel setzten sich fort, hinzu kamen in den frühen 1960er-Jahren konkurrierende wasserwirtschaftliche Projekte Israels und der arabischen Staaten, die auch zu militärischen Grenzscharmützeln führten. Der von Nasser erzwungene Abzug der UNO-Blauhelmtruppen vom Sinai im Frühjahr 1967, die völkerrechtswidrige ägyptische Sperrung der Strasse von Tiran für die israelische Schifffahrt und damit deren Abschnürung vom Roten Meer und Indischen Ozean, falsche sowjetische Geheimdienstberichte an das militärisch unterstützte Ägypten über angebliche israelische Truppenkonzentrationen an der Grenze zu Syrien sowie ein massiver, von Vernichtungspropaganda begleiteter Truppenaufmarsch Ägyptens an den Grenzen Israels mündeten am 5. Juni 1967 in den Ausbruch des Sechstagekrieges. Dieser begann mit einem israelischen Luftschlag, der die gesamte ägyptische Luftwaffe ausschaltete, und bescherte Ägypten, Jordanien und Syrien eine schwere Niederlage. Am zweiten Kriegstag beschlossen mehrere arabische Staaten eine Einschränkung des Ölexports. Der Irak, Kuwait, Algerien und Bahrain verhängten ein Ölembargo gegen die USA und Grossbritannien, Syrien stellte den Ölexport ganz ein. Diese nur halbherzig befolgten Massnahmen dauerten über das Kriegsende hinaus bis zum 1. September 1967. Sie schadeten den USA und Westeuropa wirtschaftlich aber kaum.

Innert weniger Tage erlangten die israelischen Streitkräfte die Kontrolle über die ägyptische Sinaihalbinsel, den seit 1948 ägyptisch besetzten Gazastreifen, das seit 1948 jordanisch besetzte Westjordanland samt Ostjerusalem und die syrischen Golanhöhen. Damit gerieten alle Gebiete, die gemäss dem UNO-Plan von 1947 für einen arabischen Staat in Palästina vorgesehen gewesen waren, unter israelische Herrschaft, ebenso etwa eine Million Palästinenser:innen. Etwa ein Drittel von ihnen floh, hauptsächlich nach Jordanien. Zeitgleich intensivierten sich in verschiedenen arabischen Staaten die Verfolgungen der verbliebenen jüdischen Gemeinschaften, was deren Flucht nach Israel oder in westliche Länder nach sich zog. Auch die jüdischen Gemeinschaften im Ostblock wurden zum Ziel von Repressionen und ausser Rumänien brachen alle Ostblockstaaten die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Am 1. September 1967 einigten sich die Regierungschefs der Arabischen Liga in der Resolution von Khartum auf die «drei Nein»: kein Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels, keine Verhandlungen mit Israel. Damit wurde das israelische Angebot einer Rückgabe von Sinaihalbinsel und Golanhöhen gegen die Anerkennung Israels durch Ägypten und Syrien hinfällig.

Es folgte der sogenannte Abnützungskrieg, in dem Ägypten erfolglos den Sinai zurückzuerobern versuchte. Er dauerte bis zum Abschluss eines Waffenstillstands im August 1970. Ebenfalls in diese Zeit fielen das Aufkommen der palästinensischen Luftpiraterie, der Bürgerkrieg in Jordanien mit Gefechten jordanischer Sicherheits- und Streitkräfte gegen palästinensische Guerillas und syrische Truppen in den Jahren 1970/71 sowie die Geiselnahme des israelischen Teams an den Olympischen Spielen 1972 in München durch die palästinensische Terrororganisation «Schwarzer September», die mit siebzehn Toten endete.

Ebenso erfolgte ein Prozess, der zeitgenössisch als «Souveränitätswechsel beim Erdöl» weg von den westlichen Ölkonzernen, hin zu den Förderländern bezeichnet wurde. 1968 gründeten Kuwait, Libyen und Saudi-Arabien die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OAPEC) als Ergänzung zur Organisation erdölexportierender Länder (OPEC). Die 1960 entstandene OPEC verstand sich als Kartell zur Kontrolle der Fördermengen, Anhebung der Weltmarktpreise und Verhandlungsgegenspieler der grossen Ölkonzerne (sog. «sieben Schwestern»). 1967 verweigerte aber das OPEC-Mitglied Venezuela die Beteiligung an den Fördereinschränkungen der arabischen Staaten. Bis 1973 traten Algerien, Bahrain, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Irak, Syrien und Ägypten der OAPEC bei. Zwischen 1971 und 1973 kam es zudem zu einer Verstaatlichungswelle westlicher Erdölförderkonzessionen in Algerien, Irak, Kuwait, Katar, Abu Dhabi, Saudi-Arabien und im Iran. Dieser Umbruch führte auch zur Entstehung neuer Vertriebskanäle, wovon etwa der Rohstoffhändler Marc Rich profitierte, dessen Marc Rich + Co AG (heute: Glencore) ab 1974 in Zug domiziliert war.

Der nächste arabisch-israelische Krieg startete am 6. Oktober 1973 mit einem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens auf Israel am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Während der ersten beiden Tage, als das völlig überrumpelte Israel seine Streitkräfte mobilisierte, rückten die arabischen Armeen so rasch vor, dass die israelische Regierung darüber diskutiert haben soll, Atombomben gefechtsbereit zu machen. Dann wendete sich das Blatt aber, die durch einen irakischen Panzerverband verstärkten syrischen Streitkräfte wurden am Golan schwer geschlagen und die ägyptischen Einheiten auf der Sinaihalbinsel teilweise eingekesselt. Am 16. Oktober überquerten israelische Verbände sogar den Suezkanal. Am 24. Oktober trat unter dem Druck der UNO ein Waffenstillstand in Kraft. Trotz der militärischen Niederlage stellten die Regime Ägyptens und Syriens diesen Krieg in der Folge als erfolgreiche Revanche für 1967 dar.

Dieses Mal wirkte die Ölwaffe aufgrund der neuen Strukturen des Ölmarktes weit stärker als während der vorangegangenen Nahostkriege. Bereits am ersten Tag des Jom-Kippur-Krieges beschlossen die Ölminister der arabischen Staaten einen Lieferboykott gegen den Westen. Am 16. Oktober hoben die Förderländer des persisch-arabischen Golfs die Rohölpreise um 70 Prozent an, weitere OPEC-Länder folgten diesem Vorbild. Am folgenden Tag beschloss die OAPEC eine Reduktion der Ölfördermenge um 5 Prozent für so lange, bis sich Israel aus den 1967 eroberten Gebieten zurückzöge. Auf Grundlage einer Einteilung der Verbraucherländer in «befreundet», «neutral» und «feindlich» erhielten erstere volle Lieferumfänge, die «Neutralen» die noch zur Verfügung stehenden Restmengen und die in arabischen Augen proisraelischen «Feinde» gar nichts mehr. Die Fördereinschränkung wurde zwar bereits Ende Dezember 1973 wieder aufgehoben. Am 23. Dezember beschlossen die Golfstaaten aber auch eine Verdoppelung des Ölpreises. Im März 1974 hoben die OAPEC-Staaten ihr Ölembargo gegen die USA als Anerkennung der amerikanischen Vermittlungserfolge zwischen Ägypten und Israel auf. Bei diesen Massnahmen der Ölförderländer gingen politische Absichten und das aussenwirtschaftliche Ziel einer langfristigen Anhebung der Weltmarktpreise Hand in Hand. Tatsächlich stieg der Ölpreis am 17. Oktober 1973 von 3 auf über 5 Dollar pro Barrel und steigerte sich im folgenden Jahr sogar auf über 12 Dollar.

Die Zuspitzung des Nahostkonflikts ab den späten 1960er-Jahren hatte auch abseits der Ölversorgung Rückwirkungen auf die Schweiz. Dreimal wurde das Land direkt von der Luftpiraterie betroffen (s. SozialarchivInfo 4/2021): Im Februar 1969 beschossen vier Attentäter:innen der «Volksfront zur Befreiung Palästinas» (PFLP) auf dem Flughafen Zürich-Kloten eine El-Al-Maschine und töteten den israelischen Co-Piloten. Die drei überlebenden Attentäter:innen, die sich nach ihrer Verhaftung auf Wilhelm Tell berufen hatten, wurden zu je zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Animiert durch diesen Terroranschlag schloss sich 1970 der junge Tessiner Linksradikale Bruno Breguet der PFLP an und wurde wenige Monate darauf nach einem von den israelischen Behörden vereitelten Sprengstoffattentat als erster Nichtaraber in Israel wegen Terrorismus verurteilt. Nach sieben Jahren Haft stiess Breguet dann zur Terrororganisation von «Carlos», bevor er sich vom CIA rekrutieren liess und 1995 unter mysteriösen Umständen verschwand.

Im Februar 1970 detonierte auf einem Swissair-Flug nach Tel Aviv eine PFLP-Briefbombe. Das Flugzeug stürzte bei Würenlingen ab, alle 47 Menschen an Bord kamen ums Leben. Im September gleichen Jahres entführten PFLP-Mitglieder einen Swissair-Flug nach New York und lenkten ihn nach Jordanien um. Zusammen mit zwei weiteren Flugzeugentführungen diente diese Aktion der Freipressung in verschiedenen Ländern inhaftierter palästinensischer Luftpirat:innen, darunter der drei Attentäter:innen von Zürich-Kloten. Nach langwierigen Verhandlungen, die zur Haftentlassung der drei in der Schweiz gefangenen Attentäter:innen führten, wurden die insgesamt rund 300 Geiseln freigelassen und die drei Flugzeuge gesprengt. Die 2016 vom NZZ-Journalisten Marcel Gyr formulierte These, dass kurz danach ein streng geheimes «Stillhalteabkommen» zwischen Aussenminister Bundesrat Pierre Graber und der «Palästinensischen Befreiungsorganisation» (PLO) abgeschlossen worden sei, liess sich quellenmässig nicht belegen. Hingegen arbeitete die Schweiz ab 1969 im «Club de Berne» mit den Geheimdiensten acht europäischer NATO-Staaten und indirekt auch Israels beim Informationsaustausch über Terrorismus und Spionage zusammen.

Die öffentliche Meinung der Schweiz war zu jener Zeit überwiegend israelfreundlich. Hunderte von jungen Schweizer:innen verbrachten eine Zeit in einem Kibbuz. Demgegenüber stellten die Schweizer Medien Nasser sowie die palästinensische Nationalbewegung überwiegend sehr negativ dar. Der Sechstagekrieg löste in der Schweiz eine Sympathiewelle zugunsten Israels aus, dessen militärische Stärke oft als Vorbild für andere Kleinstaaten angesehen wurde. Auch ein 1969 aufgedeckter Spionagefall zugunsten Israels («Frauenknecht-Affäre») vermochte das positive Israel-Bild nicht zu trüben. Zugleich wurden aber die Palästinenser:innen zunehmend nicht mehr lediglich als «Araber:innen», sondern als Leidtragende des arabisch-israelischen Konflikts wahrgenommen. Nach dem Sechstagekrieg entstanden verschiedene lokale Palästinakomitees, die sich 1976 dann zur «Gesellschaft Schweiz – Palästina» (GSP) zusammenschlossen. Auch erschienen vermehrt Publikationen zum Nahostkonflikt aus arabischer bzw. palästinensischer Perspektive in westlichen Sprachen.

Direkt mit den radikalen palästinensischen Organisationen arbeitete der Westschweizer Bankier und Altfaschist François Genoud zusammen, der seit 1934 mit dem nazifreundlichen Mufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini in Kontakt stand und 1961 den Rechtsbeistand für den NS-Verbrecher Adolf Eichmann beim Prozess in Jerusalem finanziert hatte. Aber auch innerhalb der Neuen Linken nach «68» gab es zunehmend Sympathien für die damals noch nicht islamistisch, sondern linksnationalistisch-«antiimperialistisch» dominierten palästinensischen Organisationen und Kritik an der israelischen Besatzungspolitik in den 1967 eroberten Gebieten. Daraus entwickelte sich auch ein linksradikaler Antizionismus, dessen Argumentationsmuster zuweilen die Grenzen zu antisemitischen Stereotypen und Interpretationen überschritten.

In den Schweizer Medien verschlechterte sich spätestens ab dem Jom-Kippur-Krieg das Image Israels. Umfragen zur Einstellung der Schweizer Bevölkerung zum Nahostkonflikt zeigten zwischen 1970 und 1975 einen leichten Trend zu einer positiveren Wahrnehmung der «Araber:innen», das überwiegend positive Bild von Israel und Verständnis für dessen Haltung im Nahostkonflikt veränderte sich dagegen zunächst kaum. Erst die israelische Intervention in den libanesischen Bürgerkrieg 1982 und die Erste Intifada ab 1987 führten zu einem gewissen Wandel.

Rezession und Desindustrialisierung

Die Liefereinschränkungen und der massiv ansteigende Ölpreis im Gefolge des Jom-Kippur-Krieges kamen für die westlichen Industrieländer als ein Schock und führten zu hastigen Gegenmassnahmen. Österreich und Schweden begannen mit der Rationierung von Heizöl und Benzin, die USA gaben Bezugsscheine aus. In fast allen westeuropäischen Ländern wurde für den Automobilverkehr die Höchstgeschwindigkeit begrenzt, hinzu kamen Sonntagsfahrverbote und Benzinrationierungen. Die deutsche Bundesregierung verabschiedete am 9. November 1973 das «Gesetz zur Sicherung der Energieversorgung bei Gefährdung oder Störung der Mineralöleinfuhren», das eine Reihe von Sparmassnahmen vorsah. Am 25. November folgte der Erlass eines Sonntagsfahrverbots für vier Wochen. Italien führte aus Sorge um einen Rückgang des Tourismus für Urlauber:innen Gutscheine ein, mit denen subventioniertes Benzin bezogen werden konnte.

Im weiteren Verlauf führte die Krise zur Entstehung eines informellen Zusammenschlusses der wichtigsten Industriestaaten. Im November 1975 trafen sich die Staats- und Regierungschefs von Frankreich, der USA, Grossbritanniens, der Bundesrepublik, Japans und Italiens in Rambouillet zu Gesprächen über die wirtschaftspolitischen Herausforderungen angesichts der internationalen Rezession und bekannten sich in der Abschlussdeklaration zu Freihandel, Multilateralismus und wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern und dem Ostblock. Aus diesem Treffen entstand die «Gruppe der Sechs» (G6), die bereits im folgenden Jahr um Kanada erweitert zur G7 wurde. Eine indirekte Folge des Ölpreisschocks war die Wiedereinführung der Sommerzeit. Bereits in den beiden Weltkriegen hatten verschiedene Länder (so die Schweiz in den Jahren 1941 und 1942) zur besseren Ausnützung des Tageslichts aus Energiespargründen vorübergehend eine Zeitumstellung im Sommer eingeführt. Während der Erdölkrise kehrte Frankreich ab 1976 als Sparmassnahme zu diesem System zurück, im folgenden Jahr zogen mehrere EG-Länder nach, 1980 die beiden deutschen Staaten und 1981 im zweiten Anlauf auch die Schweiz.

Effektiv bestand zu keinem Zeitpunkt wirklich eine Mangellage in der Ölversorgung. Der Einsatz der Ölwaffe verursachte in den westlichen Ländern jedoch einen psychologischen Schock, aktualisierte er doch Befürchtungen, die bereits zuvor im Raum gestanden hatten und mit dem Begriff «Energiekrise» umschrieben worden waren. So hatte der Schweizerische Gewerkschaftsbund bereits in seinem Aufruf zum 1. Mai 1964 festgehalten: «Das rasche wirtschaftliche Wachstum lässt den Energiebedarf der Schweiz ständig ansteigen. Der nahende Vollausbau unserer wirtschaftlich nutzbaren Wasserkräfte und die starke Auslandsabhängigkeit in der Energieversorgung rufen gebieterisch nach einer vorausschauenden Energiepolitik.» Bundeskanzler Willy Brandt kündigte in seiner Regierungserklärung vom 18. Januar 1973 ein Energieprogramm an und US-Präsident Richard Nixon hielt am 18. April gleichen Jahres vor dem Kongress eine ausführliche Rede zur Energieversorgung. Hinzu kamen seit 1972 die eindringlichen Warnungen des «Club of Rome» bezüglich der grundsätzlichen Endlichkeit der fossilen Ressourcen, von deren Erschöpfung nun gleichsam ein Vorgeschmack vermittelt wurde.

Die Thematik fand auch in cineastischen Produktionen der Zeit ihren Niederschlag. In der französisch-italienischen Komödie «Les Aventures de Rabbi Jacob» mit Louis de Funès in der Hauptrolle, deren Premiere am 18. Oktober 1973 just während des Jom-Kippur-Krieges über die Bühne ging, reichten sich der französisch-jüdische Chauffeur Salomon und der arabische Exilrevolutionär Mohamed Slimane als «cousins éloignés» die Hände, während sich der französische Minister nach Slimanes Machtübernahme sofort um die Weiterführung der Öllieferungen sorgte und Slimane einen roten Teppich ausrollen liess. Im 007-Film «The Man with the Golden Gun», dessen Dreharbeiten Anfang November 1973 begannen und der vom Kampf um einen hochwirksamen Solarenergie-Generator handelte, belehrte dann James Bond seinen Vorgesetzten «M»: «But Sir, the energy crisis is still with us.»

Die Vervierfachung der Erdölpreise innert Jahresfrist versetzte den Volkswirtschaften der westlichen Industriestaaten aber auch einen realen Schock. Sie war ein wesentlicher, wenn auch nicht der einzige Grund für die erste grosse Rezession der Nachkriegszeit und führte dazu, dass sowohl die Inflation als auch die Arbeitslosigkeit stark anstiegen (sog. «Stagflation») – ein Phänomen, gegen das die keynesianische Wirtschaftspolitik kein Rezept hatte. Die schon vor dem Ölpreisschock hohen Inflationsraten von um die 6 Prozent im Jahr 1972 kletterten auf um die 13 Prozent im Jahr 1974. Die Arbeitslosenquoten betrugen 1973 in den USA 4,9 Prozent und in der Bundesrepublik 1,2 Prozent, zwei Jahre darauf dann in den USA 8,4 Prozent und in der Bundesrepublik 4,7 Prozent.

In der Schweiz stieg die Arbeitslosenquote von 0,0% im Jahr 1973 über 0,3% im Jahr 1975 auf ein Maximum von 0,7% im Jahr 1976. Diese im internationalen Vergleich sehr tiefen Zahlen täuschten aber über das wahre Ausmass der Krise hinweg, die in der Schweiz schärfer war als in den meisten westeuropäischen Ländern. Von 1973 bis 1977 ging das Sozialprodukt um 4,5 Prozent zurück, die Industrieproduktion um 6 Prozent und die Beschäftigung gar um 12 Prozent. Allein in der Maschinen- und Metallindustrie wurden rund 50’000 Stellen abgebaut. Die Bauwirtschaft brach in der Krise regelrecht zusammen – die pro Jahr erstellten Wohnungen sanken in der Krise um mehr als die Hälfte. Weil aber bis 1977 eine obligatorische Arbeitslosenversicherung fehlte, reisten viele entlassene Ausländer:innen ab bzw. mussten das Land verlassen, wodurch die Schweiz einen grossen Teil ihrer Arbeitslosigkeit exportierte. Von den insgesamt 340’000 abgebauten Arbeitsplätzen betrafen nicht weniger als 230’000 ausländische Arbeitskräfte. Ebenso zogen sich ungeschützte Einheimische (vor allem Frauen, Jugendliche und Ältere) vom Arbeitsmarkt zurück und tauchten in den Statistiken nicht mehr auf.

Krisenverschärfend kam hinzu, dass wenige Monate vor dem Ölpreisschock das 1944 geschaffene Bretton-Woods-System fester Wechselkurse mit dem Dollar als Ankerwährung zusammengebrochen war. Seit den 1960er-Jahren hatten die Zahlungsbilanzdefizite der USA zu einer Dollarschwäche geführt und das System liess sich nur noch durch Stützungskäufe der europäischen Zentralbanken am Leben erhalten. 1971 gaben die USA die Dollar-Gold-Konvertibilität auf und die Bundesrepublik den D-Mark-Wechselkurs frei. In der Folge sank der Dollarkurs erheblich, was die OPEC-Länder zum Argument für die Erhöhung der Ölpreise machten. Im März 1973 erfolgte der definitive Ausstieg verschiedener europäischer Länder (darunter die Schweiz) aus dem System fixer Wechselkurse. Daraufhin kam es zunächst zu starken, dem Welthandel abträglichen Wechselkursschwankungen. Die Schweizerische Nationalbank setzte zur Eindämmung importierter Inflation auf eine restriktive Geldpolitik und einen starken Franken. Während der Krise stieg der reale Wechselkurs des Frankens um über 50 Prozent an, was die Exporte massiv verteuerte und den Werkplatz Schweiz zusätzlich schädigte.

Der massive Verlust von Arbeitsplätzen und die Betriebsschliessungen führten im Arbeitsfriedensland Schweiz zu einer, wenn auch im Vergleich zum frühen 20. Jahrhundert zahlenmässig bescheidenen, Streikwelle. 1976 wurden 19’586 Streiktage registriert, dies war der höchste Stand seit dreizehn Jahren. Eine Reihe dieser Arbeitskämpfe stellte dabei die vertragliche Friedenspflicht in Frage, die einen Eckpfeiler des sozialpartnerschaftlichen Systems der Nachkriegszeit bildete. Im Juni 1975 wurde bei der Genfer Firma SIP gestreikt, ohne dass die Gewerkschaft SMUV eine Rolle spielte. 1976 kam es in der durch die Krise schwer gebeutelten Uhrenindustrie zu einem spektakulären Arbeitskampf. Der amerikanische Uhrenkonzern Bulova-Watch hatte 1974/75 in seinen beiden Schweizer Filialen Biel und Neuchâtel 500 der 1’300 Stellen abgebaut und die Weiterbeschäftigten auf Kurzarbeit gesetzt. Als im Januar 1976 bekannt wurde, dass das Werk in Neuchâtel geschlossen und die Beschäftigten nach Biel versetzt würden, besetzten die Arbeiter:innen die Fabrik. Der SMUV handelte einen Kompromiss aus, der unter anderem die Verschiebung der Werkschliessung um ein Jahr vorsah und nach neun Tagen zum Abbruch der Besetzung führte.

Wenige Monate später kam es zum grössten Streik in der Maschinenindustrie seit dem Zweiten Weltkrieg. Die kompromissbereite SMUV-Verhandlungstaktik gegenüber der Waadtländer Firma Matisa SA, die 1975 den Teuerungsausgleich gestrichen, Kurzarbeit eingeführt und über fünfzig Beschäftigte entlassen hatte, führte im März 1976 dazu, dass die Vertretung der Belegschaftsinteressen auf den Christlichen Metallarbeiter-Verband (CMV) überging. Dieser rief an einer Betriebsversammlung zum Streik auf, der von zwei Dritteln der Belegschaft befolgt wurde. Daraufhin lehnte das Unternehmen jegliche Verhandlungen mit der mehrheitlich mit SMUV-Leuten besetzten Betriebskommission ab, obwohl diese nicht streikte. Erst nach beschlossener Streikunterstützung gelang es dem SMUV, die Annahme eines Kompromissvorschlags zu erwirken. Kurz darauf kam es zu einem Arbeitskampf beim Strickmaschinenunternehmen Dubied, das drei Produktionsstätten in Couvet, Marin und Peseux unterhielt. Bis 1976 war die Belegschaft gegenüber dem Höchststand von 2’400 Beschäftigten bereits um 1’000 Personen reduziert worden. Als die Unternehmungsleitung nun auch noch den 13. Monatslohn abschaffen wollte, kam es im August 1976 zum Streik, der wiederum vom CMV sowie neulinken Gruppierungen forciert wurde. Der SMUV unterstützte den Streik abermals erst nach einigem Zögern. Die Vermittlung durch die Neuenburger Regierung führte nach ungefähr einem Monat zum Streikabbruch.

Aus einer längerfristigen Perspektive beschleunigte die Rezession in der Schweiz einen Prozess, der bereits zuvor begonnen hatte und sich in den folgenden Jahrzehnten fortsetzen sollte: Den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Der Anteil der in der Industrie Beschäftigten hatte seit der Wende zum 20. Jahrhundert relativ stabil bei etwa 45 Prozent gelegen. Mit dem Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit stieg er dann bis 1960 vorübergehend auf fast die Hälfte an. Die Zahl der in Fabriken Beschäftigten kletterte in dieser industriellen Spätblüte von einer halben Million 1941 auf 830’000 im Jahr 1960. Kurz danach drehte der Trend. 1970 waren nur noch knapp mehr Beschäftigte in der Industrie als im Dienstleistungssektor tätig (46,2 gegen 45,5 Prozent). 1990 arbeiteten dann bereits doppelt so viele Leute im Dienstleistungssektor wie in der Industrie (63,6 gegen 32,2 Prozent), im Jahr 2000 sogar dreimal so viele (71,9 gegen 24,0 Prozent). Allein in der Uhrenindustrie verschwanden zwischen 1970 und 1984 zwei Drittel der 90’000 Arbeitsplätze.

Zerfall des Nachkriegskonsens und Krisenbewältigungsstrategien

Die «Stagflation» führte international und auch in der Schweiz von verschiedenen Seiten zu Kritik am in den «Trente Glorieuses» dominanten Keynesianismus, dem sozialpartnerschaftlichen Neokorporatismus und dem in der Aufschwungsphase aufgebauten Wohlfahrtsstaat. Neulinke Intellektuelle interpretierten die Rezession als ursächlich kapitalistisches Krisenphänomen. In den Gewerkschaften wurde Kritik am vertragsbasierten Arbeitsfriedenskonzept laut. So gab es im SMUV 1973/74 anlässlich der Verhandlungen zur Erneuerung des «Friedensabkommens» von Westschweizer Seite Forderungen nach einer Abkehr von der Politik des absoluten Arbeitsfriedens, die am SMUV-Kongress 1976 erneut laut wurden. 1977/78 eskalierte der innergewerkschaftliche Konflikt in der Debatte um das «Manifest 77», in welchem Westschweizer Vertrauensleute vergeblich eine Lockerung des Arbeitsfriedens und militantere Vertretung der Arbeitnehmer:inneninteressen forderten. Ebenso wurden ab 1975 die ersten Arbeitslosenkomitees gegründet, die oft von den neuen sozialen Bewegungen und der Neuen Linken inspiriert waren, hauptsächlich aus ehemals in der Industrie tätigen Männern bestanden und sich organisatorisch zum Teil an kirchliche oder gewerkschaftliche Strukturen anlehnten. 1977 entstand mit der «Schweizerischen Interessengemeinschaft für eine neue Arbeitslosenpolitik» (SINAP) eine national tätige Arbeitslosenlobby.

Der internationale wirtschaftspolitische Trend lief mittelfristig aber in eine andere Richtung. Die Krise des Keynesianismus gab ökonomischen Denkschulen wieder Auftrieb, die eine aktive staatliche Konjunkturpolitik ablehnten, generell staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zugunsten eines Vertrauens auf die Kraft des freien Marktes zurückdrängen wollten und einen Abbau des Wohlfahrtstaates propagierten. Im Dilemma der «Stagflation» priorisierten sie die Inflationsbekämpfung klar gegenüber dem Problem der Arbeitslosigkeit. Zum Laboratorium solcher Ideen wurde zunächst unter autoritären Bedingungen Chile, wo ein Monat vor dem Beginn der Erdölkrise durch einen Militärputsch die Diktatur von General Augusto Pinochet errichtet worden war und ab Ende 1974 unter dem Einfluss der wirtschaftsliberalen «Chicago Boys» eine radikale Privatisierungs- und Sparpolitik umgesetzt wurde. Als Folge dieser Schocktherapie sank die Inflationsrate von über 500 Prozent im Jahr 1973 kontinuierlich auf knapp 40 Prozent am Ende des Jahrzehnts, allerdings sackte 1975 das chilenische Sozialprodukt um 15 Prozent ab, fielen die Reallöhne um 60 Prozent und verdoppelte sich die Arbeitslosigkeit. Unter demokratischen Bedingungen verfolgte diesen Ansatz ab 1979 die britische Premierministerin Margaret Thatcher, in deren erster Amtsperiode die Arbeitslosigkeit von 4,2 auf über 8 Prozent kletterte. Die verschiedenen wirtschaftspolitischen Rezepte der neoklassischen Ökonomie, des Monetarismus, «Thatcherismus» und der «Reaganomics» wurden ab den 1980er-Jahren zunehmend unter dem Begriff «Neoliberalismus» (der ursprünglich eine andere Bedeutung gehabt hatte) subsumiert und zum dominanten Paradigma der folgenden Jahrzehnte.

In der Schweiz zeigte bereits 1975 die Abstimmung über den Konjunkturartikel der Bundesverfassung eine gewisse Richtungsänderung. Die noch aus der Hochkonjunktur stammende, keynesianisch geprägte Vorlage wollte die bisher mit Dringlichkeitsrecht umgesetzte Konjunkturpolitik auf eine verfassungsrechtliche Grundlage stellen und dem Bund die Kompetenz geben, bei der Bekämpfung von Inflation und Arbeitslosigkeit nötigenfalls auch von der Handels- und Gewerbefreiheit abzuweichen. Die von allen Bundesratsparteien sowie den meisten Verbänden unterstützte Vorlage wurde neben der extremen Linken und Rechten auch vom Gewerbeverband, zahlreichen bürgerlichen Kantonalparteien sowie einem «Komitee gegen permanente Staatseingriffe» bekämpft. Sie erreichte zwar eine Volksmehrheit von 53 Prozent, galt aber wegen Gleichstands bei den Ständestimmen als abgelehnt. Drei Jahre später schaffte eine neue Vorlage, die die staatlichen Interventionsmöglichkeiten enger fasste, problemlos ein Volksmehr von 68 Prozent mit einem Ja in sämtlichen Kantonen. 1979 zog die FDP dann mit der Parole «Mehr Freiheit – weniger Staat» in den Wahlkampf. Erst in der langen Rezessions- und Stagnationsphase der 1990er-Jahre beherrschten die Konzepte «Deregulierung» und «Privatisierung» indessen die politische Agenda, wobei manche Projekte dieser Stossrichtung allerdings an den Hürden der direkten Demokratie scheiterten.

Neben der Wirtschafts- forderte der Ölpreisschock auch die Energiepolitik heraus. Die schon vor dem Jom-Kippur-Krieg zirkulierenden Diskurse über eine «Energiekrise», die apokalyptischen Szenarien des «Club of Rome» und das wachsende Bewusstsein für die ökologischen Folgen eines ungebremsten Verbrauchs nichterneuerbarer Energien erhielten durch die Krise einen weiteren Schub. 1979/80 kam es dann infolge der iranischen Revolution und des beginnenden Krieges zwischen dem Irak und dem Iran zu einem zweiten Ölpreisschock, bei dem sich die Preise vorübergehend verdoppelten. Dies stürzte erneut verschiedene Länder in die Rezession.

Am 15. November 1974 wurde die Internationale Energie-Agentur (IEA) als autonome Einheit der OECD gegründet, um ein funktionsfähiges System der Krisenvorsorge auszuarbeiten und die Energiepolitik ihrer Mitgliedstaaten zu koordinieren. Ebenfalls 1974 setzte der Bundesrat die Gesamtenergiekommission (GEK) ein, die erstmals eine langfristige Strategie für die Energieversorgung der Schweiz ausarbeitete. Auf deren Grundlage sollte dann ein Energieartikel für die Bundesverfassung formuliert werden. Zeitgleich entstanden verschiedene Organisationen, die sich für eine «Energiewende» stark machten, so 1974 die Schweizerische Vereinigung für Sonnenenergie (SSES) und 1976 die Schweizerische Energie-Stiftung (SES).

Der 1981 vom Bundesrat präsentierte Entwurf für einen Energieartikel enthielt eine Vollmacht zur Aufstellung von Grundsätzen für die sparsame und rationelle Energieverwendung, das Recht zum Erlass von Vorschriften über den maximal zulässigen Verbrauch von Anlagen, Fahrzeugen und Geräten sowie die Ermächtigung, die Entwicklung von sparsamen Verbrauchsmethoden und neuen Erzeugungstechniken zu fördern. Hingegen wurde zur Enttäuschung der Umweltverbände und Linksparteien auf eine verbrauchslenkende, technische Innovationen zur Steigerung der Energieeffizienz begünstigende und erratische Preisveränderungen abfedernde Energiesteuer verzichtet, obwohl diese Massnahme auch von der liberalen Umweltökonomie stark favorisiert wurde. Die Vorlage, die den einen zu weit, den anderen zu wenig weit ging, erzielte 1983 an der Urne zwar eine knappe Mehrheit, scheiterte aber am fehlenden Ständemehr.

Im folgenden Jahr erreichte die 1981 von Umwelt- und Anti-AKW-Organisationen eingereichte Volksinitiative «für eine sichere, sparsame und umweltgerechte Energieversorgung», die Energieeinsparungen, eine Neuverteilung der Mittel für Energieforschung zugunsten einheimischer und erneuerbarer Energien und die Erhebung einer zweckgebundenen Energiesteuer forderte, mit knapp 46 Prozent Ja-Stimmen an der Urne einen Achtungserfolg. Sechs Jahre zuvor hatte das Volk eine andere direkt aus der Erdölkrise hervorgegangene Vorlage versenkt: Inspiriert von den autofreien Sonntagen von 1973 hatte eine Gruppe von Burgdorfer Technikumsstudent:innen 1975 die Volksinitiative «Für zwölf motorfahrzeugfreie Sonntage pro Jahr» eingereicht, die 1978 an der Urne mit rund 63 Prozent Nein-Stimmen klar scheiterte.

International und in der Schweiz war die Energiepolitik nach der Erdölkrise vom Bemühen um Diversifizierung geprägt. Zur Reduktion der Abhängigkeit vom Erdöl sollte verstärkt auf Erdgas, Atomenergie sowie erneuerbare Energien gesetzt werden. Zugleich wurde die Suche nach neuen Ölvorkommen intensiviert. Der Begriff Diversifizierung konnte sich aber auch schlicht auf das Bemühen um den Erdölbezug aus unterschiedlichen Weltregionen beziehen. Demgegenüber traten Massnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und zur Abkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Wachstum des Ressourcenverbrauchs, wie sie der in den 1970er-Jahren entstandene Begriff des «Qualitativen Wachstums» postulierte, eher in den Hintergrund. Ab der Erdölkrise blieb die Energieeffizienz in der Schweiz bis zur Jahrtauendwende stabil, was mit dem wieder einsetzenden Wirtschaftswachstum auch ein weiteres Wachstum des Energieverbrauchs bedeutete – dies insbesondere im Bereich des Verkehrs.

Die Diversifizierungsbestrebungen waren allerdings nicht frei von politischen Problemen. Gerade in den 1970er-Jahren nahm in manchen Ländern, so der Schweiz, der Bundesrepublik Deutschland und Österreich, der Widerstand gegen die zivile Nutzung der Atomenergie stark zu (s. SozialarchivInfo 6/2016). Der Ersatz von Erdöl durch Erdgas wiederum führte zunehmend in eine energiepolitische Abhängigkeit von der Sowjetunion. Angesichts der Erfahrungen von 1973/74 erschien dies in Westeuropa trotz der Konstellation des Kalten Krieges vielen als geringeres Übel denn die Abhängigkeit von den Ländern des Nahen Ostens. Bereits in den 1960er-Jahren war die Sowjetunion zu einem wichtigen Erdöllieferanten für Europa aufgestiegen. Im Zuge der Erschliessung der westsibirischen Gasfelder schlossen 1970 die Sowjetunion und die Bundesrepublik den ersten «Gas für Röhren»-Deal ab und im Oktober 1973, just zur Zeit der Erdölkrise, gelangte über eine Erweiterung des osteuropäischen Pipelinesystems erstmals sowjetisches Erdgas nach Westdeutschland. Zu Mitte der 1970er-Jahre wurden solche Kooperationen westeuropäischer Länder mit der östlichen Supermacht dann ausgebaut.

Als nach dem zweiten Ölpreisschock die Erdölpreise in den frühen 1980er-Jahren wieder sanken und bis zur Jahrtausendwende tief blieben, erlahmte auch der Elan zum Ersatz des Erdöls wieder – dies trotz der Erfahrungen von 1973 und 1979 sowie des Wissens um die Endlichkeit der Ölvorräte und die Problematik des durch die Verbrennung fossiler Energieträger verursachten Klimawandels. Letzterer wurde von einigen Ölkonzernen trotz eindeutiger interner Studien noch jahrzehntelang öffentlich geleugnet – auch durch strategische Diskreditierung der Klimawissenschaft und Finanzierung von Desinformationskampagnen.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.510.9 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Wirtschaftskonzept SPS
  • Ar 40.70.6 Federazione Colonie Libere Italiane in Svizzera FCLIS: Politica comunale, cantonale e federale
  • Ar 57 Gesellschaft Schweiz – Palästina, Sektion Zürich (GSP)
  • Ar 73.30.15 Christlicher Holz- und Bauarbeiterverband der Schweiz (CHB): Wirtschaft- und Sozialfragen 2 1934–1983
  • Ar 74.30.1 Christlicher Metallarbeiter-Verband der Schweiz CMV: Streiks etc. 1976–1983
  • Ar 74.30.2 Christlicher Metallarbeiter-Verband der Schweiz CMV: Matisa S.A. / SIP Genève Matisa S.A. Crissier, 1976–1977
  • Ar 174.10.1 Karl Aeschbach: Reden, Artikel: 1964–1983
  • Ar 180.10.30 Rosmarie Hohl: Nahost Allgemein
  • Ar 510 Schweizerische Energie-Stiftung
  • Ar 673 Schweizerische Vereinigung für Sonnenenergie (SSES)
  • Ar 692 Burgdorfer Initiative (Eidgenössische Volksinitiative für 12 motorfahrzeugfreie Sonntage pro Jahr)
  • Ar SMUV 02A-0014 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Manifest 77: Broschüre des Manifests zur Krise
  • Ar SMUV 10A-0015 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Referate von Hans Mischler: 1951–1976

Sachdokumentation

  • QS 75.0 C Beschäftigungspolitik; Vollbeschäftigung; Arbeitsmarkt: Schweiz
  • QS 75.8 C Ausländische Arbeitskräfte, Gastarbeiter/-innen in der Schweiz
  • QS 89.0 C Wirtschaftspolitik, Konjunkturpolitik: Schweiz
  • QS 92.0 C Energiepolitik; Energiewirtschaft in der Schweiz
  • QS 92.5 Erdöl
  • QS 93.0 C Industrie in der Schweiz
  • QS 93.7 *1 Maschinen- & Metallindustrie; Elektroindustrie
  • QS OV *Pal Palästina; Israel und Palästina; Palästinenser/-innen
  • QS OVAR Arabische Halbinsel
  • QS OVJ Jordanien
  • QS OVP Iran
  • QS OVS Syrien
  • QS OVZ Israel: Allg.
  • QS OVZ 4 Israel: Aussen- & Sicherheitspolitik
  • ZA 73.0 *1 S Sommerzeit
  • ZA 75.0 C Beschäftigungspolitik; Vollbeschäftigung; Stellenmarkt (Arbeitsmarkt): Schweiz
  • ZA 75.8 C Ausländische Arbeitskräfte, Gastarbeiter/-innen in der Schweiz
  • ZA 89.0 C Wirtschaftspolitik, Konjunkturpolitik: Schweiz
  • ZA 92.0 *1 Energiepolitik; Energiewirtschaft: Ausland & Schweiz
  • ZA 92.5 Erdöl
  • ZA 93.0 C Industrie in der Schweiz
  • ZA 93.7 *1 Maschinen- & Metallindustrie; Elektroindustrie
  • ZA OVAR Arabische Halbinsel gesamt
  • ZA OVJ Jordanien
  • ZA OVP Iran
  • ZA OVS Syrien
  • ZA OVSA Saudi-Arabien
  • ZA OVZ Israel
  • ZA SNE Ägypten

Bibliothek

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  • Asseburg, Muriel und Jan Busse: Der Nahostkonflikt: Geschichte, Positionen, Perspektiven. München 2016, 138056
  • Barudio, Günter: Tränen des Teufels: Eine Weltgeschichte des Erdöls. Stuttgart 2001, 108612
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  • Rustow Dankwart, A. und John F. Mugno: OPEC: Success and prospects. London 1977, 59614
  • Schliwski, Carsten: Nahostkonflikt: 100 Seiten. Ditzingen 2023, 150167
  • Schmassmann, Norbert: Verteilungswirkungen von Erdölpreissteigerungen: Versuch einer empirischen Analyse für die Schweiz: 1972–1980. Diessenhofen, 75613
  • Schmidt, Manfred G.: Der schweizerische Weg zur Vollbeschäftigung: Eine Bilanz der Beschäftigung, der Arbeitslosigkeit und der Arbeitsmarktpolitik. Frankfurt 1985, 78814
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  • Schubert, Alexander: Erdöl: Die Macht des Mangels. Berlin 1982, 72518
  • Segev, Tom: 1967: Israels zweite Geburt. München 2007, 119012
  • Seifert, Thomas und Klaus Werner: Schwarzbuch Öl: Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld. Wien 2005, 116177
  • Seligmann, Rafael: Israels Sicherheitspolitik: Zwischen Selbstbehauptung und Präventivschlag, eine Fallstudie über Grundlagen und Motive. München 1982, 72432
  • Shwadran, Benjamin: The Middle East, oil and the great powers. 3. erw. Aufl. Jerusalem 1974, 56776
  • Sirhan, Bassem: Die Generation der Befreiung: Palästinensische Kinder. Basel 1975, 56701
  • Späti, Christina: Die schweizerische Linke und Israel: Israelbegeisterung, Antizionismus und Antisemitismus zwischen 1967 und 1991. Essen 2006, 115927
  • Starke, Peter: Krisen und Krisenbewältigung im deutschen Sozialstaat: Von der Ölkrise zur Finanzkrise von 2008. Bremen 2015, 131726
  • Stoffel, Mathis: «Die Grenzen des Wachstums»: Beurteilung der Kritik. Bern etc. 1978, 64423
  • Ströbele, Wolfgang: Das Wachstum der Weltwirtschaft: Untersuchungen mit Hilfe eines regionalisierten Weltmodells. Berlin 1976, 59413
  • Teveth, Shabtai: The cursed blessing: The story of Israel’s occupation of the West Bank. London 1969, 45317
  • Teveth, Shabtai: Moshe Dayan: Politiker, Soldat, Legende. Hamburg 1973, 50129
  • Tibi, Bassam: Konfliktregion Naher Osten: Regionale Eigendynamik und Grossmachtinteressen. München 1989, 88234
  • Tophoven, Rolf: Fedayin – Guerilla ohne Grenzen: Geschichte, soziale Struktur und politische Ziele der palästinensischen Widerstandsorganisationen: Die israelische Konter-Guerilla. Frankfurt 1974, 52008
  • Trost, Ernst: David und Goliath: Die Schlacht um Israel 1967. Wien 1967, 37435
  • Tugendhat, Christopher: Erdöl: Treibstoff der Weltwirtschaft – Sprengstoff der Weltpolitik. Reinbek 1972, 49348
  • Türk, Henning: Treibstoff der Systeme: Kohle, Erdöl und Atomkraft im geteilten Deutschland. Berlin 2021, 148599
  • Witassek, David: Zwischen Frieden und Krieg: Terrorismus und Terrorismusdiskurs in der Schweiz, 1969 bis 1980. Bern 2019, 143520
  • Yergin, Daniel: Der Preis: Die Jagd nach Öl, Geld und Macht. Frankfurt 1991, 92259
  • Zadoff, Noam: Geschichte Israels: Von der Staatsgründung bis zur Gegenwart. München 2020, 144579
  • Zahn, Anina: Wider die Verunsicherung: Arbeitslosenkomitees in der Schweiz 1975–2002. Zürich 2021, 145776
  • Zala, Sacha et al.: Die Debatte zu einem «geheimen Abkommen» zwischen Bundesrat Graber und der PLO: Eine Zwischenbilanz, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 66/1 (2016). S. 80-103, D 4212
  • Zündorf, Lutz: Das Weltsystem des Erdöls: Entstehungszusammenhang, Funktionsweise, Wandlungstendenzen. Wiesbaden 2008, 120036

Periodika

  • Journal of Palestine studies: A quarterly on Palestinian affairs and the Arab-Israeli conflict, D 4002
  • Kämpfendes Palästina: Zeitschrift der Gesellschaft Schweiz – Palästina, D 3144
  • Palästina. Hg. Palästina-Komitee Zürich, D 3144
Piz-Margna-Tour, 1922 (© David Kobelt): «Wie das Bild entstanden ist, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich war nicht dabei. Die drei jungen Frauen erreichten mit dem Bergführer jedenfalls den Gipfel. Da gibt es weitere Aufnahmen.» (unseregeschichte.ch/entries/oRG0RWxzpjO)
Piz-Margna-Tour, 1922 (© David Kobelt): «Wie das Bild entstanden ist, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich war nicht dabei. Die drei jungen Frauen erreichten mit dem Bergführer jedenfalls den Gipfel. Da gibt es weitere Aufnahmen.» (unseregeschichte.ch/entries/oRG0RWxzpjO)

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Eine neue historische Plattform – interaktiv und für alle offen

Wir wissen, dass die meisten Alltagserfahrungen nie den Weg in die Archive finden. Sie sind in den Köpfen der Menschen abgespeichert, sie stecken in privaten Fotoarchiven oder schlummern in Kisten auf Dachböden und warten auf eine Neubelebung. Schnappschüsse vom Dorffest oder von regionalen Ereignissen wie etwa der legendären Seegfrörni gehören genauso dazu wie private biografische Erinnerungen, die man bei sich zu Hause aufbewahrt, jedoch als unwichtig für das kollektive Gedächtnis erachtet. Wer erzählt schon von seiner Kindheit in einem Arbeiter:innenhaushalt der 1950er-/60er-Jahre, so dass dies der Nachwelt erhalten bleibt? Und wie lange ging es, bis die schlimmen Erfahrungen von administrativ versorgten Menschen den Weg in die offizielle Geschichtsschreibung gefunden haben!

Die partizipative Plattform unsereGeschichte.ch möchte der Öffentlichkeit einen neuen, virtuell organisierten Raum geben, wo Erinnerungen geteilt und gemeinsam Geschichte gestaltet werden kann. Hier können alle Interessierten ihre Erinnerungsschätze hochladen: das Video von den Jubiläumsfeierlichkeiten der Wohngenossenschaft, das zerknitterte Foto vom ersten eigenen Auto, der Film von der Abschlussfeier nach der Lehre als Krankenschwester oder die Fotogalerie mit Geschichten zur eigenen Familie. Texte, Videos, Fotos, Audioaufnahmen – alles ist willkommen und kann ohne journalistischen oder wissenschaftlichen Anspruch hochgeladen werden. Die Nutzung der Plattform ist einfach, die Beiträge können lose angelegt oder in Themengalerien einsortiert werden, in der Regel sollten sie in eine Geschichte eingebettet sein. Man kann auf Wunsch anonym veröffentlichen, einzig bei der Registrierung müssen Personendaten angegeben werden.

Die Sammelplattform funktioniert interaktiv, indem die einzelnen Posts von allen Nutzer:innen mit weiteren Posts ergänzt, aber auch in Chats kommentiert werden können. Oder es werden in Form von Blogs und gezielt eingerichteten Galerien Dialoge aufgegleist und angeregt. In diesem Zusammenwirken entsteht ein lebendiges Museum der Alltagsgeschichte, bewirtschaftet von all jenen, die ihre wertvollen Erfahrungen vor dem Vergessen retten wollen. Ein kleines redaktionelles Team sichtet alle Beiträge, um Missbrauch zu verhindern.

Zusammenarbeit mit Institutionen

Die Plattform unsereGeschichte.ch arbeitet mit Archiven, Museen und Vereinen zusammen, ein Beirat aus deren Kreis regt thematische Schwerpunkte an. Die mit uns verbundenen Institutionen stellen eigene Exponate ins Netz und nutzen die Plattform zum Sammeln von Materialien für ihre eigenen Projekte. Unter Einbezug der Partnerinstitutionen soll jeweils monatlich ein neues Fokusthema lanciert werden. So sammeln wir aktuell parallel zur Ausstellung des Landesmuseums Geschichten zum Thema «Italianità» und suchen aktiv das Mitwirken von Migrant:innen-Organisationen wie den Colonie Libere Italiane. Auf diesem Weg finden Erinnerungen und Dokumente der ersten und zweiten Generation der italienischen «Fremdarbeiter:innen» Eingang ins nationale Gedächtnis. Oder wir haben ergänzend zur Veranstaltungsreihe des Sozialarchivs «Schöner wohnen? Besser leben!» Dokumente zur Geschichte von Wohngemeinschaften gesammelt und Interviews geführt. So fand die Alters-WG in Tenna einen Platz auf unserer Plattform und war Gast bei einer Veranstaltung des Sozialarchivs.

Das Angebot von unsereGeschichte.ch ist in der Deutschschweiz einzigartig. Es wurden von Privatpersonen und Institutionen bereits über 800 Dokumente publiziert. Getragen wird unsereGeschichte.ch von der Stiftung FONSART, die mit notrehistoire.ch bereits eine entsprechende Plattform in der französischsprachigen Schweiz betreibt. Zudem gibt es eine intensive Zusammenarbeit mit lanostrastoria.ch in der italienischsprachigen Schweiz und nossaistorgia.ch im Bündnerland.

Neue Rolle für Historiker:innen

Historiker:innen können in diesem Projekt eine zentrale Rolle übernehmen, indem sie die Leute in ihrem privaten Umfeld zum Erzählen und zum Festhalten von Geschichten ermuntern oder vielleicht auch einmal Interviews mit Zeitzeug:innen führen. So könnten sie zum Beispiel die Nachbarin, die als Swissair-Angestellte das Grounding erlebt hat, dazu animieren, ihre Geschichte aufzuschreiben und zu publizieren, und sie dabei unterstützen.

Alle, die an Geschichte interessiert sind, können also ganz direkt dazu beitragen, das kollektive Gedächtnis der Deutschschweiz mit neuen Perspektiven zu ergänzen und gelebte Realitäten sicht- und verstehbar zu machen.

Links auf einige Galerien: