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FKK am Neuenburgersee – wertvolles Material der Stiftung «die neue zeit»

In Thielle liegt in idyllischer Lage direkt am Neuenburgersee das Naturistengelände der Stiftung «die neue zeit». Umgeben von dichtem Buschwerk und Sichtschutzmatten wird hier seit bald 100 Jahren nackt gebadet. Nun ist eine erste Lieferung von Archivmaterialien der Stiftung ins Sozialarchiv gelangt. Sie erlaubt interessante Einblicke in die Geschichte dieser Reformbewegung, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hat.

Lebensreformbewegung

Naturismus, Nacktkultur, Freikörperkultur: Es sind verschiedene Begriffe, die alle etwas Ähnliches bezeichnen und den gleichen Ausgangspunkt haben. Industrialisierung, Verstädterung, beengte und ungesunde Wohnverhältnisse weckten ein zunehmendes Missbehagen. Ende des 19. Jahrhunderts entstand aus der Kritik an den als negativ empfundenen Begleiterscheinungen der Moderne die Lebensreformbewegung, die auf unterschiedlichen Ebenen die Rückbesinnung auf ein ursprünglicheres, natürlicheres Leben suchte. Ein zentraler Begriff war der Naturismus, der eine Hinwendung zu naturheilkundlichen Behandlungsformen, zum Vegetarismus und zur Nacktheit forderte. Die Lebensreform umfasste aber auch eine Verbesserung der Wohnformen oder den Verzicht auf Genussgifte wie Alkohol oder Tabak.

Um 1900 entstanden erste Naturheilinstitutionen und Luft-Licht-Bäder, in denen gemeinsames (und gemischtgeschlechtliches) Nackt- und Sonnenbaden praktiziert wurde. Erste Naturisten-Zeitschriften erschienen in Deutschland, später in skandinavischen und mitteleuropäischen Ländern. Und im Tessin wurde der Monte Verità bei Ascona zu einem internationalen Anziehungspunkt für Aussteiger:innen und Reformwillige.

Für die Freikörperkultur (FKK) in der Schweiz und für die Geschichte des Geländes in Thielle sind drei Personen von herausragender Bedeutung. Werner Zimmermann (1893-1982) war ursprünglich Lehrer, reiste aber schon in jungen Jahren um die halbe Welt und war fasziniert von den Reformbewegungen. 1922 erschien sein Buch «Lichtwärts: Ein Buch erlösender Erziehung», in dem er seine Reiseerlebnisse in den USA und eine Art Programm für eine neue Lebensweise im Einklang mit der Natur und dem Universum darlegte. «Lichtwärts» war enorm erfolgreich, erfuhr mehrere Neuauflagen und wurde zum programmatisch-literarischen Wegbegleiter der Reformbewegung. In den frühen 1920er Jahren lernte Zimmermann den Bieler Eduard Fankhauser (1904-1998) kennen und machte ihn zum Geschäftsführer seiner Verlagsbuchhandlung. Fankhauser gründete 1927 den Schweizerischen Lichtbund (1983 umbenannt in «Organisation der Naturisten in der Schweiz» ONS). Zusammen mit seiner Frau Elsie Fankhauser-Waldkirch (?-1993) kaufte er das Gelände in Thielle.

1928 lancierte Fankhauser die Zeitschrift «die neue zeit», die bis heute erscheint. Er kämpfte an verschiedenen Orten der Schweiz für die Einrichtung von Naturistengeländen – wenn’s sein musste bis vor Bundesgericht. Das Gelände in Thielle am Neuenburgersee wurde unter dem Namen «die neue zeit» 1937 für das Publikum geöffnet und gehört zu den traditionsreichsten FKK-Einrichtungen in der Schweiz. Auch Fankhauser war publizistisch tätig, am bekanntesten ist seine Schrift «Kampf und Sieg der FKK» von 1984, eine Aufarbeitung der jahrzehntelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen um das Recht auf Nacktheit.

Die Stiftung «die neue zeit» wurde 1961 vom Ehepaar Fankhauser zusammen mit Werner Zimmermann gegründet. Im zentralen Artikel der Stiftungsurkunde heisst es: «Die Stiftung bezweckt die Schaffung und Erhaltung geeigneter Voraussetzungen für eine gesunde Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreform. […] Nikotin, Alkohol und Fleisch aller Art sind strikte zu meiden. Im Rahmen der jeweils geltenden Landesgesetze wird nackt oder möglichst wenig bekleidet in Wasser, Luft und Sonne gebadet, gespielt, Gymnastik und Sport betrieben.» Die Stiftungsgründung sicherte der FKK in der Schweiz den Fortbestand des Geländes in Thielle.

2020 beschloss der Stiftungsrat, sukzessive Archivalien von Thielle ins Sozialarchiv zu transferieren. Diese ergänzen nun unsere umfangreichen Bibliotheks-, Dokumentations- und Archivbestände zum Thema Lebensreform.

Die Mitgliederkartei

Herzstück des Archivbestandes ist die Mitgliederkartei des Geländes in Thielle. Es handelt sich eigentlich um einen Fragebogen, mit dem man sich beim Schweizerischen Lichtbund um eine Mitgliedschaft bewerben musste. Nebst der Angabe der Personalien und der bevorzugten Lektüre war die Einstellung gegenüber den (zumindest auf dem Gelände strikt verpönten) Genussgiften Alkohol und Nikotin offenzulegen und zu deklarieren, ob man Vegetarier:in war. Der umfangreiche Fragenkatalog veränderte sich während Jahrzehnten kaum. Die Historikerin Eva Locher («Natürlich, nackt, gesund», 2021) analysierte für ihre Untersuchung zur Lebensreform in der Schweiz nach 1945 die Aufnahmekriterien und kam nach einer Auswertung der Fragebögen zum Schluss, dass laut Selbstdeklaration 76% der Mitglieder nicht rauchten, 45% abstinent waren, aber nur 16% vegetarisch lebten. Diese Bekenntnisse wurden allerdings nur so weit überprüft, als sie das Verhalten auf dem Gelände betrafen. Die Mitgliederkarteikarten sind vorläufig vorhanden für die Jahre 1932-1972 (SozArch Ar 705).

FKK-Zeitschriften

Zu jeder sozialen Bewegung gehört eine Zeitschrift – das ist auch bei den Naturisten um Zimmermann und Fankhauser nicht anders. «die neue zeit – illustrierte für neuzeitliche lebensgestaltung» erscheint seit 1929 (SozArch N 484). Die Hefte enthalten zu etwa gleichen Teilen Text- und Bildbeiträge, wobei die Freizügigkeit letzterer zu einer Auflage beitrug, die weit höher war als der eigentliche Mitgliederbestand der Organisation. Ende der 1950er Jahre zählte der ONS rund 5’500 Mitglieder, die Auflage der Zeitschrift betrug aber 23’000 Exemplare. Jede Nummer wartete auf der Titelseite und im Innern mit zahlreichen Fotografien nackter Körper auf. Dabei gelang es auf eigentümliche Weise, eine Art eigenes Genre zu begründen, das sich ebenso von einer künstlerischen wie von einer pornografischen Darstellung der Nacktheit abgrenzte. Die hauptsächlich weiblichen Models fanden sich auf den Naturistengeländen und wurden von Gleichgesinnten fotografiert. Christine Fankhauser etwa, die zweite Frau von Edi, fotografierte oft für «die neue zeit». Im Zentrum stand die Feier des nackten Naturistenkörpers, der sich dank Genussgiftverzicht, Gymnastik und Kraftübungen meist schlank und rank präsentierte.

Dass diese Bilder auch zweifelhaften Zuspruch fanden und als Erotika konsumiert wurden, wollte oder konnte man nicht vermeiden. Im Kontext der FKK jedenfalls haftete dem nackten Körper nichts Zweideutiges oder sexuell Erregendes an. Nacktheit galt als Urzustand des Menschseins, als Rückeroberung der ursprünglichen Unbefangenheit. Allfälligen Vorwürfen begegnete man mit der Kontextualisierung der Bilder mit programmatischen Texten verschiedener Autoren. Immer wieder äusserten sich auch Zimmermann und Fankhauser in «die neue zeit» zur Nacktheit.

Ergänzt wird «die neue zeit» durch eine umfangreiche Sammlung europäischer, nordamerikanischer und australischer Naturisten-Zeitschriften, die in Thielle seit den 1920er Jahren gesammelt wurden und nun im Sozialarchiv greifbar sind (swisscovery: Suchbegriff «e19thielle»).

Tonaufnahmen von Werner Zimmermann

Werner Zimmermanns Publikationsliste ist beeindruckend. Allein im Sozialarchiv sind über 30 Titel greifbar. Er äusserte sich neben lebensreformerischen Themen auch zur «Befreiung der Frau» und zur Atomkraft, er beantwortete die Frage «Was ist Sozialismus?» und schrieb immer wieder über die Ethik der Ehe. Aus diesem Fundus, kombiniert mit seinen Erfahrungen als Weltenreisender und Lehrer, gestaltete er zwischen 1965 und 1980 Vortragsreihen auf dem Gelände in Thielle. Viele der von ihm gehaltenen Referate wurden aufgenommen, 13 Tonbandkassetten konnten schliesslich digitalisiert werden. Werner Zimmermann geht jeweils von einem Grundthema aus und spricht dann – wie Fotos belegen – frei und ohne schriftliche Unterlagen teilweise bis zu fast zwei Stunden lang zu seinem Publikum, im Hintergrund ist der Badebetrieb hörbar (SozArch F 1055).

Glasdias

Bestandteil der Archivablieferung waren auch rund 30 Glasdias aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (SozArch F 5178). Ihre ursprüngliche Herkunft konnte nicht mehr eruiert werden. Die professionelle Machart, die Motive und die perfekte Inszenierung von nackten Körpern in der Natur lassen aber vermuten, dass es sich um Agenturbilder handelt. Ähnlich wie bei den Naturisten-Zeitschriften entwickelte sich im Bild- und Fotobereich ein internationaler Austausch und damit eine professionelle Produktion. Die Fotografie eroberte sich aus naheliegenden Gründen schnell eine zentrale Rolle in der FKK. Die Bewegung selber setzte massenhaft Bilder von nackten Körpern zu Propagandazwecken in Umlauf. Für die Anhänger:innen des Naturismus waren Nacktfotografien der Beweis, dass ihre Lebensweise zu einem befreiten, selbstbewussten, attraktiven Ich führte. Allen anderen diente die spezielle FKK-Ästhetik der voyeuristischen Befriedigung. Die Theoretiker:innen des Naturismus bemühten sich eifrig, die Nacktheit innerhalb der Bewegung umzudeuten. Wer sich aller Kleider entledigt, befreit sich auch von aller Lust. Die Nacktheit hatte nicht mehr zwangsläufig mit sexuellen Aktivitäten zu tun, sondern stand vielmehr im Dienst eines ästhetischen Programms und wissenschaftlicher Ansprüche.

Neue Bestände in der Datenbank Bild + Ton

O-Ton 1: Albert Böhler

Der Theologe Albert Böhler (1908-1990) war ein wichtiger Exponent der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz. Nun ist seine von ihm selbst mündlich erzählte Lebensgeschichte etwas überraschend im Nachlass von Hansheiri Zürrer (SozArch Ar 187) aufgetaucht. Böhler war Seelsorger und langjähriger Redaktor der Zeitschrift «Neue Wege» und unterrichte an der Volksschule. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1983 und 1985 in mehreren Sitzungen und dauern insgesamt über 12 Stunden.
> https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_1033

O-Ton 2: Fritz Schwarz

Fritz Schwarz (1887-1958) war der führende Kopf der schweizerischen Freiwirtschaftsbewegung. Er engagierte sich ausserdem als Vorkämpfer für ein modernes Bodenrecht und für das Frauenstimmrecht. Aus seinem Nachlass (SozArch Ar 162) konnten zwei Tonaufnahmen aus den 1950er Jahren digitalisiert werden. Schwarz spricht unter anderem über seine Reiseerlebnisse in Bagdad und hält eine Rede anlässlich seines 70. Geburtstags. Zwei akustische Zeugnisse mit Seltenheitswert!
> https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_1046

Gertrud Vogler: Rote Fabrik

Aus dem Nachlass von Gertrud Vogler (1936-2018) konnte ein weiteres Themengebiet erschlossen werden: ihre Fotos aus der Roten Fabrik der 1980er und 1990er Jahre. Zahlreich vertreten sind vor allem Aufnahmen von Konzerten, Theateraufführungen und Politveranstaltungen.
> https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_5107 (im Suchfeld «Rote Fabrik» eingeben)

schwulenarchiv schweiz: Fotobestände

Dank der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Verein schwulenarchiv schweiz konnten kürzlich verschiedene kleinere Fotobestände übernommen und erschlossen werden. Herausragend ist ein Fotoalbum von Alfred Brauchli, das im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront während der höchst umstrittenen Ärzte- und Pflegermission des Schweizerischen Roten Kreuzes entstanden ist.
> https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_5159

Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Porträts

Das Bildarchiv der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz ist im Aufbau. Vorerst ist (neben vereinzelten Plakaten) die umfangreiche Porträtsammlung aus den 1980er und 1990er Jahren zugänglich.
> https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_5132

5 x 3 Antworten auf Fragen zum Videoladen-Bestand (SozArch F 9049)

Vor zwölf Jahren sicherte das Sozialarchiv in einem Schreiben an die Geschäftsleitung des Videoladens seine Unterstützung für dessen Archivierungsvorhaben zu. In der Regel werden solche Übernahmen in ein paar Monaten abgewickelt. Beim Videoladen dauerte es ein bisschen länger. Jetzt konnten wir das Projekt erfolgreich abschliessen: Dank Memoriav (Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und der Ausdauer aller Beteiligten verfügt das Sozialarchiv nun über einen für Forschung und Öffentlichkeit gleichermassen interessanten Bestand. Über 200 Stunden Videomaterial aus den späten 1970er bis in die 1990er Jahre stehen online zur Verfügung.

Der Videoladen Zürich entstand im Winter 1976/77. Die erste Produktion «Studenten und Arbeiterklasse» ist leider verschollen, der Titel aber macht klar, wo sich die Genossenschaft ideologisch positionierte. Der Videoladen Zürich war Teil einer weltweiten Bewegung aus einem urbanen, akademischen, politisch links zu verortenden Milieu, welche die Videokamera für sich entdeckte, um damit für ihre Anliegen Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Während der unruhigen Zeit der Jugendbewegung anfangs der 1980er Jahre war die Crew fast ununterbrochen unterwegs. Der Videoladen rutschte in die Rolle des unermüdlichen Chronisten der Ereignisse. Kaum eine Vollversammlung oder Demonstration auf Zürichs Strassen fand ohne Begleitung des Videoladens statt. Aus dieser Phase stammen die aufschlussreichsten und ergiebigsten Quellen. Das Rohmaterial dürfte für die Forschung und für die Aufarbeitung dieser Zeit wertvolle Dienste leisten.

1981 gelang dem Videoladen mit «Züri brännt», einer Art Zwischenbilanz der Jugendbewegung, ein Coup. Das Video war in aller Munde, sogar die NZZ musste darauf reagieren, das Video wurde selbst im Ausland nachgefragt. Nach dem Abbruch des Autonomen Jugendzentrums 1982 verlagerten sich die Aktivitäten der Genossenschaft zuerst auf die Häuserbesetzerbewegung und die Dokumentation des aufblühenden Musik- und Konzertbetriebs in der Stadt Zürich. Dann folgten erste Spielfilmversuche und Musikclips. Namhafte Filmschaffende wie Samir, Martin Witz, Christoph Schaub oder Werner Schweizer starteten ihre Karrieren im Videoladen.

Die Videotechnik ist im Vergleich zum Film günstig in der Anschaffung und relativ einfach in der Handhabung. Die Aufnahmen müssen nicht entwickelt und können zeitnah aufgeführt werden. Ins Gewicht fällt allerdings ein entscheidender Nachteil: Das Videoband altert schnell und kann nur vor dem Zerfall bewahrt werden, wenn man die Videos digitalisiert. Dank Memoriav kam 2009 ein Inventarisierungsprojekt zustande. 2013 startete das Berner Atelier für Videokonservierung die aufwändige Reinigung und Vorbereitung der Bänder für die Digitalisierung. Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen haben die Bänder digitalisiert und erschlossen: Sie sind nun mit ausführlichen Metadaten versehen. Dass der Aktivist Mischa Brutschin kurz zuvor für sein Mammutprojekt «Allein machen sie dich ein» über die Zürcher Besetzerszene mit demselben Material gearbeitet hatte, befruchtete den Arbeitsprozess zusätzlich.

Der Bestand umfasst rund 180 Videobänder. Überwiegend handelt es sich dabei um ungeschnittenes Rohmaterial, das aus dem Videoladen selber stammt. Besonders gut dokumentiert sind die frühen 1980er Jahre. Ergänzt werden diese Eigenproduktionen durch eine Handvoll Fremdproduktionen, die wegen des hohen Informationswerts im Bestand belassen wurden.

Es ist sehr erfreulich, dass sich die Geschichtswissenschaften bereits für die Videos interessieren. So hat das Online-Lernangebot ad fontes der Uni Zürich den Videoladen-Bestand in sein Angebot integriert.

Als Einstieg in den Videoladen-Bestand eignen sich:

  • «Vollversammlung 04.06.1980»: legendäre Vollversammlung der Jugendbewegung in Anwesenheit der Stadträtin Emilie Lieberherr und des Stadtpräsidenten Sigmund Widmer (auf 3 Bändern: SozArch F 9049-003, -014, -021)
  • «AJZ-Eröffnung»: Am 28.6.1980 wird das Autonome Jugendzentrum eröffnet. Verschiedene Aussagen auf diesem Band wirken rückblickend erschreckend prophetisch (SozArch F 9049-047)
  • «No Futter»: Dokumentation zu den besetzten Liegenschaften am Stauffacher (inkl. Spitzköpfe!), 1984 (SozArch F 9049-083)
  • «Videoladen-Portrait für russisches TV»: hervorragende Dokumentation von 1991 (SozArch F 9049-178)

Anlässlich des Projektabschlusses habe ich mich mit vier am Projekt Beteiligten sowie mit Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Uni Zürich, schriftlich unterhalten:

René Baumann, Mitbegründer und Co-Geschäftsleiter Videoladen

1. René, du warst sehr oft hinter der Kamera, wenn der Videoladen unterwegs war. Wo hast du das gelernt?

Ich habe schon als Jugendlicher immer eine Fotokamera mit mir herumgetragen und bei allen möglichen Gelegenheiten fotografiert. Auch habe ich mir ein eigenes kleines Fotolabor eingerichtet, wo ich meine Filme selber entwickelt und die Fotos vergrössert habe. Ich brachte also schon eine gewisse Affinität zur Kameraarbeit mit, als ich später mit anderen die Genossenschaft Videoladen gründete.
Aber das Arbeiten mit der Videoladen-Kamera in den 80er Jahren war eigentlich ein klassisches Learning by Doing. Ich habe an den Demos gedreht, oft gleich nachher das Material in Ruhe angeschaut und mir überlegt, was ich das nächste Mal anders oder besser machen könnte. Dabei habe ich vor allem aus Fehlern gelernt. Zudem haben wir uns unter den Videoladen-Mitgliedern immer ausgetauscht und unsere Arbeitsweisen und filmischen Standpunkte diskutiert, oft stundenlang.
Später, nach dem Film «Züri brännt», habe ich quasi einen Schritt zurück gemacht und zwei Jahre als Kameraassistent gearbeitet. Ich wollte vor allem von der technischen Seite her das Handwerk nochmals von Grund auf neu lernen. Ich habe vor allem auf Sets gearbeitet, wo wir mit analogem Filmmaterial gedreht haben und nicht auf Video. Dieses Wissen und diese Erfahrung hatten mir vorher noch gefehlt. Diese Zeit hat mir für die Zukunft auf meinem späteren Weg als Kameramann sehr viel gebracht.

2. Wenn man das Material in chronologischer Reihenfolge anschaut, bekommt man den Eindruck, dass der Videoladen nach dem Highlife als konstanter Begleiter der Zürcher Jugendbewegung in eine Sinnkrise stürzte. Stimmt das?

Das ist eine gute Beobachtung von dir, das stimmt absolut. Für viele von uns stellte sich nach «Züri brännt» die Frage, wie weiter. Plötzlich konnten wir nicht nur mehr das dokumentieren, was auf der Strasse, an Demos oder im AJZ gerade passierte. Wir mussten selber eigene Ideen entwickeln oder neue Themen finden. Das führte zu einer längeren Suche und unzähligen harten Diskussionen unter uns Videoladen-Mitgliedern. Es war damals eine schwierige Zeit. Wir mussten uns neu oder anders erfinden und vor allem musste das jeder zuerst mal für sich selber definieren, bevor wir wieder als Kollektiv funktionieren konnten.
Auch stellte sich für einige von uns die existenzielle Frage: Wollen wir in Zukunft von dieser Arbeit finanziell leben können? In den Anfangszeiten des Videoladens waren die meisten Videoladen-Mitglieder noch Studenten. Wir hatten entweder Stipendien oder gingen auf der Sihlpost arbeiten, um so unser Studium zu finanzieren.
Ich entschied mich dafür, vom Film leben zu können. Ich habe damals mein Studium abgebrochen und wählte den Weg als Kameramann, um mir so meine Existenz zu finanzieren. Das gab mir schliesslich die finanzielle Unabhängigkeit für zukünftige eigene Projekte.

3. Du machst heute noch Filme. Ist überhaupt irgendetwas gleich geblieben wie im ersten Videoladen-Jahrzehnt, aus dem die meisten Aufnahmen des Bestandes stammen?

Was gleich geblieben ist, ist mein politischer Anspruch. Im Videoladen produzieren wir immer noch Filme, die sich mit sozialen und kulturellen Themen auseinandersetzen und die neue, ungewohnte Einblicke in Zusammenhänge und Strukturen unserer Gesellschaft ermöglichen sollen. Was auch geblieben ist, ist die Zusammenarbeit mit einigen damaligen Freunden. Jeder hat sich auf einem anderen Gebiet weiterentwickelt und wir arbeiten noch heute bei Filmprojekten zusammen.
Der Videoladen hat sich in den 45 Jahren seines Bestehens sehr verändert. Viele Videoladen-Mitglieder arbeiten heute anderswo im Filmbereich. Andere sind neu dazugekommen (oft von der Zürcher Filmschule) und irgendwann wieder weitergezogen. In den Anfangszeiten des Videoladens haben wir alles inhouse produziert, heute arbeiten wir viel mehr projektbezogen mit Freelancern.
Vor allem im technischen Bereich hat sich in dieser Zeit unglaublich viel und in immer schnellerem Tempo verändert, z.B. die Transformation von analog zu digital oder die Entwicklung der Montagearbeit (vom Steenbeck-Schneidetisch mit Klebepresse zum Schnitt zu Hause auf dem Laptop). Zu jedem neuen – noch besseren – Bandformat benötigte man die entsprechende neue Kamera. Die grossen unhandlichen ¾-Zoll-U-Matic-Kassetten von damals schrumpften über mindestens fünf Formatstufen bis zum Speicherchip in der Grösse eines Fingernagels heute.
Was aber immer gleich bleibt, ist die Idee, die Leidenschaft für ein Filmprojekt zu haben. Aber der Weg bis zum Endprodukt ist ein völlig anderer geworden.

Rahel Holenstein, Co-Geschäftsleiterin Videoladen

1. Rahel, du hast mehr als 200 Stunden Video-Rohmaterial visioniert und den ganzen Bestand nach formalen und inhaltlichen Kriterien erschlossen. Was ist das für eine Erfahrung?

Da wir im Prozess des Digitalisierens wirklich alle Bänder von Anfang bis Ende mitschauen mussten bzw. durften, um allfällige technische Probleme sofort zu erkennen, und die Metadaten dazu erfassten, tauchte ich jeweils richtig ein in die Atmosphäre, die Konflikte, die Fragestellungen und die auch witzigen und schrägen Momente, die in diesem Material vorhanden sind. Es war eine ganz besondere Zeitreise, die immer wieder bis heute nicht abgeschlossene Fragestellungen aufwarf. Die Arbeit an diesem Archiv hat meine Überzeugung bestätigt, dass Archive nicht nur Vergangenheit konservieren, sondern auch immer wieder lebendige und interessante Perspektiven für unsere Zukunft bereitstellen. Wenn man denn offen und neugierig genug ist, sich die diversen und spannenden Stimmen aus der Vergangenheit anzuhören bzw. anzuschauen.

2. Welches sind die Highlights? Gibt’s auch Totalausfälle?

Man würde es kaum glauben – aber die endlosen Vollversammlungen und andere Sitzungen waren für mich tatsächlich ein Highlight. Erst durch die Länge, das Chaos, die Unstrukturiertheit dieser Aufzeichnungen habe ich verstanden, dass diese Bewegung etwas Genialisches in sich trug. Da waren zum Beispiel 1’000 Leute in einem Raum, also dem Volkshaus, die versucht haben, sich gemeinsam auf etwas zu einigen: Wann findet die nächste Demo statt? Welche Aktionen sind geplant? Wie soll man mit Polizei und Behörden umgehen? Eine grosse Leistung, finde ich. Man kann niemandem aufzwingen, diese Langatmigkeit zu erdulden. Dennoch würde ich sagen, dass es sich lohnt, sich auf diese Dokumente einzulassen, sich die Zeit zu nehmen, um sehr Essentielles von dieser Bewegung zu begreifen.
Aber auch in den Aufnahmen vor und nach «Züri brännt» gibt es Bänder, die ebenfalls diese lebendige Herangehensweise an gesellschaftliche und soziale Fragen aufzeigen. Viele dieser Dokumente würde ich als «Oral history» bezeichnen. Eine, wie ich finde, so wichtige Art der Geschichtsschreibung.
Als Totalausfall würde ich jetzt wohl nichts bezeichnen wollen. Ich denke, das müssen die Forscherinnen und Generationen nach uns entscheiden.

3. Du gehörst zur Generation, die bei den allermeisten der festgehaltenen Ereignisse «nicht dabei war». Besonders gut dokumentiert sind ja die Jahre 1980 und 1981. Wie würdest du diese Zeit anhand des Gesehenen charakterisieren?

Ich war knapp zu jung, um selber aktiv dabei zu sein. Allerdings habe ich kurioserweise alle wichtigen «Auftritte» der Bewegung tatsächlich am Fernsehen gesehen: «Herr und Frau Müller», Antigone in der Telearena u.v.m. Das hatte auch damit zu tun, dass meine Eltern, insbesondere mein Vater, die Kreativität und das Engagement der «Bewegung» sehr genau beobachteten und wahrnahmen. Beim Nachtessen hat er uns jeweils erzählt, welch witzige neue Sprayereien er auf seinem Arbeitsweg entdeckt hatte. Auch in meiner Schule gab es «die Älteren», die tatsächlich in der Band TNT mitspielten und als Punks die Szene aufmischten.
Als ich viel später – während meiner Ausbildung in der Videofachklasse an der HSLU wieder mit dem Videoladen in Kontakt kam – in Form von Dozentinnen (!) – war es für mich klar, dass ich da arbeiten möchte.

Bonusfrage: Wieso hat das Projekt so lange gedauert?

Zwar sind die audiovisuellen Medien nun digitalisiert und online zugänglich – das Projekt ist aber dennoch nicht abgeschlossen. Es gibt ein sehr interessantes Papier- und Foto-Konvolut, das noch auf seine Aufarbeitung wartet. Um diese Dokumente dem audiovisuellen Konvolut als wichtige Ergänzung hinzufügen zu können, werden wir wiederum auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein.
Da wir im Videoladen als kleines Team arbeiten und nebst der Archiv-Arbeit auch noch andere Projekte hatten, konnten wir nicht einfach durchgehend fünf Tage pro Woche am Archiv arbeiten.
Dazu kamen viele technische Herausforderungen, die mehr Zeit in Anspruch nahmen als ursprünglich vorausgesehen: Der Aufbau der Digitalisierungs-Station, das Reinigen der Originalbänder, das Anpassen der Technik oder die immer wieder auftretenden Probleme in Bezug auf die problematische Qualität der Original-Bänder. Wir mussten unsere Arbeitsweise stetig den Herausforderungen des Materials anpassen. Unter dem Strich möchte ich sagen: Gut Ding will Weile haben! Und das Sozialarchiv ist um einen wertvollen Bestand reicher geworden.

Agathe Jarczyk, Konservatorin-Restauratorin FH, Atelier für Videokonservierung

1. Agathe, du hast die Videobänder für die Nachwelt haltbar gemacht. Welche Schritte braucht es dazu?

Wir haben die Kassetten aufbereitet, d.h. sie dokumentiert und gereinigt, aber die dauerhafte Erhaltung der Inhalte war erst mit der Digitalisierung möglich.
Die meisten Kassetten des Videoladens zeigten das sogenannte „Sticky-Tape-Syndrome“, das heisst, wir konnten sie gar nicht oder nur für einige Sekunden abspielen, bevor sie mit einem lauten Quietschen im Abspielgerät steckenblieben. Gerade in den 1970er und 1980er Jahren waren die Zusammensetzungen der Magnetbandbeschichtungen teilweise unbeständig oder gar etwas experimentell. Das hat zu einer schlechten Alterung geführt und die Magnetbänder zeigen heute Ausblühungen von Gleitmitteln oder eine erhöhte Klebrigkeit der (Rückseiten-)Beschichtung. Häufig sind solche Magnetbänder nach einer Reinigung und Trocknung wieder abspielbar, wenn auch nicht in allen Fällen.
Dass die Inhalte nun weiter zugänglich bleiben und die digitalen Dateien bei Bedarf in Zukunft vielleicht auch mal umformatiert werden, liegt nun in der Zuständigkeit des Sozialarchivs. Wichtig ist, dass wir die Verbindung zwischen dem originalen, physischen Material, nämlich den Bändern und Kassetten mit all ihren Beschriftungen, Kommentaren und Arbeitsspuren, und den nun digital vorliegenden Inhalten in Form von Dateien nicht verlieren. So bleibt nicht nur der Inhalt, sondern auch sein Kontext für die Nachwelt erhalten.

2. Man weiss, dass in den Räumlichkeiten des Videoladens nie ein Rauchverbot herrschte. Hast du das den Bändern angemerkt?

Einige der Kassetten aus dem Videoladen haben im Laufe der Jahre ihre Schutzhüllen verloren und wurden in der Folge ohne Hüllen aufbewahrt. Die gelbliche Verfärbung dieser Kassetten hatte ich zunächst auf eine Vergilbung durch Sonnenlicht oder Ähnliches zurückgeführt. Erst bei näherer Betrachtung und insbesondere bei der Reinigung der Kassetten kamen wir dem Rätsel der gelben Patina auf die Spur: Vor der Digitalisierung wurden alle U-matic-Kassetten in einem speziellen Gerät gereinigt. Bei diesem Vorgang werden Staub und Schmutz sowie mögliche Ausblühungen aus der Magnetschicht mit Hilfe eines Reinigungsvlieses entfernt. Als wir die vermeintlich vergilbten Kassetten reinigten, blieb ein hartnäckiger gelber Belag auf dem Vlies zurück. Beim Öffnen der Reinigungsmaschine konnten wir das Rätsel „lüften“ und haben herzlich gelacht: Es roch eindeutig nach Aschenbecher. Die Patina war ein Nikotinschleier!

3. Du kümmerst dich sonst vor allem um Videokunst. Hast du während der Konservierung und Digitalisierung überhaupt die Musse, dich um die Inhalte zu kümmern?

Ja! Häufig passiert dies aber erst auf den zweiten oder dritten Blick. Während des Prozesses der Konservierung fokussieren wir uns auf den Zustand der Kassetten und Bänder, auf die optimalen Einstellungen aller Geräte und den besten Digitalisierungsweg. Dabei betrachten wir Bild und Ton oftmals durch verschiedene Messinstrumente und sehen in erster Linie Graphen und Kurven. Ist die Digitalisierung abgeschlossen, gibt es eine abschliessende Qualitätskontrolle. Teil dieser Kontrolle ist auch eine Sichtung des Digitalisats von Anfang bis Ende auf einem Kontrollmonitor. Dann werden die vorher überwachten Kurven von Video- und Audiosignalen wieder zum grossen Ganzen und es gibt einen besonderen Moment der Nähe, wenn wir zum Abschluss jedes Band in voller Länge sehen und hören.

Felix Rauh, Vizedirektor Memoriav

1. Felix, du hast während Jahren das Dossier Videoladen betreut. Auch an dich die Frage: Wieso dauern solche Projekte so lang?

Erhaltungsprojekte mit Partnern, die nicht primär mit der Erhaltung von Kulturgut beauftragt sind, riskieren, länger zu dauern. Bei diesem Projekt spielten die Finanzen und das exklusive Wissen von René Baumann und Rahel Holenstein über diesen Bestand eine Rolle. Memoriav darf höchstens 50% der Projektkosten finanzieren, der Rest muss mit Eigenleistungen oder Drittmitteln gedeckt werden. Das Videoladen-Team kompensierte die fehlenden Geldmittel mit aufwändigen Vorbereitungsarbeiten, die aufgrund von anderen Projekten immer wieder unterbrochen werden mussten.

2. Memoriav unterstützt jährlich mehrere Videoprojekte mit finanziellen Beiträgen. Was ist das Spezielle am Videoladen-Bestand?

Die meisten Videoprojekte konzentrieren sich auf die Erhaltung von fertigen Produkten (Fernsehsendungen, Kunstvideos, Auftragsproduktionen). Hier handelt es sich um eine einmalige Sammlung von Aufnahmen, die als Rohmaterial für Videoproduktionen wie «Züri brännt» dienten oder den Bewegten unmittelbar nach der Produktion zur Dokumentation ihrer Aktionen zur Verfügung standen.

3. Gibt es in der Schweiz vergleichbare Projekte?

Ausser dem Projekt «Stadt in Bewegung», das bereits in den 1990er Jahren eine grosse Sammlung an Bewegungsvideos ins Sozialarchiv spülte, ist mir nichts Vergleichbares bekannt. Zwar gab es gleichzeitig auch in der Romandie Bemühungen, Videos der Jugendbewegung zu finden und zu sichern. Guy Milliard, Leiter des Projekts «Vidéos de Suisse romande 1970-1985», konstatierte im Memoriav-Bulletin Nr. 5 (1999) allerdings, dass keines der Videos von «Lôzanne bouge» überlebt hat. Ich weiss leider zurzeit nicht, ob die anderen Schweizer Videokollektive, die in den 1980er Jahren z.B. in Basel oder Bern aktiv waren, ihre Bänder von damals sicherten. Dieses Interview gibt mir den Anstoss, mich zu erkundigen.

Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit, Uni Zürich

1. Monika, die Geschichte der Medien gehört zu deinen Forschungsschwerpunkten. Welche Rolle spielt Video im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts?

Alexander Kluge und Oskar Negt hatten zu Beginn der 1970er Jahre in ihrem Buch «Öffentlichkeit und Erfahrung» mit Gegenöffentlichkeit einen neuen Begriff etabliert. Mit dem Medium Video stand seit den 1970er Jahren ein neues Medium zur Verfügung, welches das Ideal Kluges und Negts verkörperte und den Neuen sozialen Bewegungen ein audiovisuelles Medium in die Hand gab, mit dem dezentral, schnell und mobil alternative Sichtweisen auf die Welt produziert und distribuiert werden konnten. Das Bewegungsvideo öffnete das Tor zu einer neuen Medienwelt, in der nicht mehr bloss zentrale Medienanstalten über die sozialen Bewegungen berichten, sondern – wie wir fünfzig Jahre später sehen können – Handyvideos quasi live aus den Manifestationen auf der Strasse auf den Social-Media-Kanälen senden.

2. Welche Chancen siehst du für den Videoladen-Bestand in der Lehre? Können Studierende im Jahr 2021 überhaupt etwas damit anfangen?

Die Filme des Videoladens sind dank der Digitalisierung wahrscheinlich populärer und mit Bestimmtheit einfacher zugänglich als in den 1980er Jahren, als sie produziert wurden. Auch deshalb ist die Mediengeschichte so wichtig geworden, weil sie die technischen, ökonomischen, politischen und rechtlichen Umgebungen von verschiedenen Formaten wieder in Erinnerung ruft. Dass ein Medium der Gegenwart fremd geworden ist, ist in diesem Sinne ganz normal, entspricht dem Lauf der Geschichte und ermöglicht neue Sichtweisen auf altes Material. Als wir uns im Sommer 2021 im BA Seminar zur Einführung in die Mediengeschichte durch das neu zugängliche Material des Videoladens wühlten, ist den Studierenden unter anderem die Geschlechterordnung an den Vollversammlungen der Bewegung aufgefallen, wo männliche Redner lautstark und episch lang das Mikrofon okkupierten und das Wort ergriffen.

3. Beim vorliegenden Material handelt es sich um historisches Quellenmaterial. Welchen Gewinn kann es bringen, wenn man sich wissenschaftlich mit bewegten Bildern auseinandersetzt?

Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch hat den Quellencharakter von bewegten Bildern (und zwar diesseits von Gattungsunterscheidungen wie Spiel- oder Dokumentarfilm) in einem Essayband zu den visuellen Konstruktionen des Judentums besonders akzentuiert auf den Punkt gebracht: «Die Einstellung ist die Einstellung.» Die Kamera ist nie neutral, sondern wird eingestellt. Ihre Linse wird präpariert, der Standpunkt bestimmt, Schwenks und Fahrten ermöglichen ihre Bewegung. In diesem Sinn ist das Bewegungsvideo ein hypermobiles, bewegliches Medium, welches sich mitten in der Bewegung selbst befand und die Sicht der Bewegung paradigmatisch zum Ausdruck brachte. Audiovisuelle Quellen vermögen Einstellungen und Blickweisen einer Zeit genauso zu transportieren wie ihr Sound. Das vermag keine schriftliche Quelle.

Ein herzliches Dankeschön an Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen für die Geduld und Ausdauer, an Agathe Jarczyk für die sorgfältige Videokonservierung, an Felix Rauh als Kooperationspartner von Memoriav sowie an Monika Dommann für ihre Würdigung des Videomaterials aus mediengeschichtlicher Sicht.

«Siebenjähriges Mädchen am Spulrad, Schwyz»

Hintergründe eines Bestsellers

Die Aufnahme zeigt ein Mädchen bei der konzentrierten Arbeit an einem Spulrad, offensichtlich in häuslicher Umgebung: Rechts ist ein Kachelofen erkennbar, an der Wand hängt ein Werbegeschenk einer Schuhhandlung. Die Fotografie war Teil der Schweizerischen Heimarbeit-Ausstellung, die 1909 in Zürich stattfand. Sie gehört seit Jahren zu den am meisten bestellten Bildern aus den Beständen des Sozialarchivs und wird in erstaunlich vielfältigen Kontexten verwendet. Wieso wurde aus der schlichten Aufnahme ein Bestseller?

Heimarbeit gehörte seit der Industrialisierung zur wirtschaftlichen Realität. In der Schweiz war sie in vielen Branchen verbreitet: in der Stickerei und Weberei, beim Holzschnitzen, Strohflechten und Bürstenbinden, in der Tabakverarbeitung und in der Uhrenindustrie. Die Mechanisierung verdrängte zwar in gewissen Branchen wie der Spinnerei schon früh die häusliche Produktion. Trotzdem kam die eidgenössische Betriebsstatistik 1905 auf die Zahl von rund 100’000 in der Heimindustrie Beschäftigten. In der Regel handelte es sich um einen Zusatzverdienst, für den häufig auch die Arbeitskraft von Frauen und Kindern mobilisiert wurde. Die tatsächliche Zahl der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter dürfte allerdings um einiges höher gelegen haben. Die Erhebungen für die Betriebsstatistik wurden im Sommer durchgeführt, also ausgerechnet dann, wenn die Heimarbeit wegen saisonaler Beanspruchung durch landwirtschaftliche Arbeiten sowieso eher in den Hintergrund trat. Zudem hatte man darauf verzichtet, unter 14-Jährige mitzuzählen. Die Vernachlässigung der Kinderarbeit führte dazu, dass die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft nachträglich versuchte, diese Zahl zu eruieren. Allerdings verweigerte mehr als die Hälfte der Kantone ihre Zusammenarbeit bei dieser Enquête. Schliesslich legte man sich auf eine Schätzung von 25’000 Kindern fest, die in der Hausindustrie beschäftigt waren. Das entsprach fast 10% aller schulpflichtigen Kinder!

Die weitverbreitete Kinderarbeit war ein zentraler Kritikpunkt an der Heimarbeit. Miserable Löhne, unhygienische Verhältnisse wegen des Zusammenfallens von Wohn- und Arbeitsräumen, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und die fehlenden sozialen Absicherungen bei Arbeitsausfällen waren zwar schon lange bekannt, gerieten aber nach der Jahrhundertwende in den Fokus des öffentlichen Interesses. 1906 fand in Berlin eine erste Ausstellung zur Heimarbeit statt, die europaweit Aufsehen erregte. 1907 richtete die Schweizerische Vereinigung für die Förderung des internationalen Arbeiterschutzes ein Gesuch an den Bundesrat, eine grossangelegte Enquête zur Heimarbeit durchzuführen und endlich für ihre gesetzliche Regulierung zu sorgen. 1908 schliesslich begannen unter der Führung des Schweizerischen Arbeiterbundes die Vorbereitungen für eine Schweizerische Heimarbeit-Ausstellung. Deren Ziel sollte es sein, Arbeitsprodukte auszustellen, das Leben der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter bildlich darzustellen und die Problematik mit statistischen Angaben zu Produktionsbedingungen und Löhnen zu beleuchten.

Dem Arbeiterbund gelang es, die Finanzierung der Ausstellung durch die Eidgenossenschaft sicherzustellen. Im Juli 1909 öffnete die erste Schweizer Heimarbeit-Ausstellung im Zürcher Hirschengraben-Schulhaus ihre Tore. Wie geplant hatte man eine Fülle von Heimarbeit-Produkten zusammengetragen und jedes mit ausführlichen Angaben zum Herstellungsprozess und zur Entlöhnung versehen. Die Turnhalle funktionierte man zur Arbeitshalle um, wo man in kleinen Kojen Seidenbandweberinnen, Holzschnitzlern, Stickerinnen und Tabakarbeitern bei ihren Tätigkeiten zuschauen konnte. Im Rahmen der Ausstellung engagierte sich auch das Sozialarchiv (damals noch «Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz») mit einer Literaturzusammenstellung zum Thema Heimarbeit.

Eine wichtige Rolle spielten die eigens für die Ausstellung hergestellten Fotografien. Über 30 Sujets ermöglichten es den Besucherinnen und Besuchern, Menschen bei der Heimarbeit zu sehen. Das war durchaus ein Novum. Arbeitende Menschen wurden kaum fotografiert, traditionell standen Produkte oder Maschinen im Fokus der Industrie- und Gewerbefotografie. Auf den Fotos war nun aber zu sehen, in welch beengten und oft ärmlichen Verhältnissen die Heimarbeiten verrichtet wurden.

Die Fotos verfehlten ihre Wirkung nicht. Viele Ausstellungsrezensionen der Arbeiterpresse erwähnen sie lobend, etwa auch in der Zeitung «Die Vorkämpferin»: «Gar viel wissen sie zu erzählen dem, der mit warmempfindendem Herzen sich ihrer Betrachtung hergibt.» – Leider sind nur wenige Originalabzüge erhalten geblieben, die einen Rückschluss auf die Urheberschaft erlauben würden. Immerhin ist klar, dass in der Zentralschweiz der Fotograf Adolf Odermatt aus Brunnen für die Ausstellungsmacher unterwegs war. Er fotografierte auch den eingangs erwähnten Sozialarchiv-Besteller, dessen offizielle Bildlegende lautete: «Siebenjähriges Mädchen am Spulrad, Schwyz».

Die Fotografien dienten als Vorlage für eine Postkartenserie, die in einer Auflage von 170’000 Exemplaren produziert wurde. Sie konnte an der Ausstellung erworben werden; eine einzelne Postkarte zum Preis von 20 Rappen galt als Eintrittskarte. Das damals äusserst populäre Kommunikationsmedium als Billett umzufunktionieren erwies sich als kluger Schachzug. Für einen bescheidenen Preis erstand man sich neben dem Eintritt eine Postkarte und verbreitete später per Post das Bild der Heimarbeit in der Schweiz und in der Welt.

Die bis heute anhaltende Beliebtheit des Mädchens am Spulrad liegt vor allem in ihrer vielfältigen Verwendbarkeit. Die Aufnahme dokumentiert einen damals vertrauten Arbeitsvorgang in der Heimweberei: Die Spulen, die später im Webstuhl verwendet werden, müssen auf dem Spulrad mit dem entsprechenden Faden bestückt werden. Dieser Vorgang galt als eher anspruchslos, repetitiv und mühselig, weshalb er oft alten Frauen oder eben Kindern übertragen wurde. Das auf der Aufnahme zentral postierte Mädchen wirkt ernst und konzentriert. Man darf annehmen, dass es aufgrund des Fototermins in gute Kleider gesteckt und frisiert wurde. Der Arbeitsplatz ist lichtdurchflutet und in Nähe einer Wärmequelle. Diese Art der Inszenierung ermöglichte später eine Verwendung auch in anderen Kontexten als der Thematisierung von Kinderarbeit in der Heimindustrie. Die Verharmlosung kann so weit auf die Spitze getrieben werden, dass die Aufnahme «die gute alte Zeit» illustriert, in der auch die jüngsten Familienmitglieder in gemütlicher Umgebung einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen.

Die an der Ausstellung gezeigten Fotos verfolgten grundsätzlich aufklärerische Zwecke: Dank der Detailtreue der Aufnahme sollte der Arbeitsablauf erkenn- und rekonstruierbar werden. Und wegen des Einbezugs des räumlichen Kontextes sollte klar werden, wie miserabel die Arbeitsbedingungen oft waren. In vielen Fällen gelang dies. Im Fall des Mädchens am Spulrad machte die Ästhetik den Absichten vielleicht einen Strich durch die Rechnung. Das gewinnende Aussehen des Mädchens am Spulrad und die an sich heimelige Umgebung machten es möglich, unangenehme Aspekte auszublenden: Sollte ein Kind in diesem Alter nicht eigentlich in der Schule sein? Erhält es einen Lohn? Oder wird seine Arbeitskraft ausgebeutet, um den ohnehin kargen Heimarbeitsverdienst nicht noch mehr zu schmälern? Wenn die Stube gleichzeitig Arbeitsort ist, wo bleibt dann der Platz fürs gemütliche Beisammensein, Essen, Spielen?

Die Wirkung der Fotos an der Ausstellung kann nur noch bruchstückhaft rekonstruiert werden. Immerhin erwähnen alle Rezensionen der vielfältigen Arbeiterpresse den eindrücklichen dokumentarischen Wert der Aufnahmen. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass diese Form der bildlichen Wiedergabe von Arbeitsprozessen unter Einbezug der Arbeitenden neu und höchst willkommen war. Lediglich die Zeitung «Der Textil-Arbeiter» merkte kritisch an: «Was sie freilich nicht zeigen, das ist das Elend. Es sind Künstlerkarten, deren Wert nicht auf agitatorischer Seite, sondern viel mehr darin liegt, dass die Bilder unsere Kenntnisse von der Heimarbeit erweitern und deren Verzweigtheit und Vielseitigkeit aufdecken. Die Karten werden gewiss grossen Absatz finden.»

Im Hirschengraben-Schulhaus wurden die Fotos kombiniert mit Tafeln, auf denen neben der Art der Heimarbeit und Angaben zur ausführenden Person auch der Lohn vermerkt war. Die Stundenlöhne schwankten zwischen 6 und 50 Rappen und waren rot hervorgehoben, um dem Anliegen einer besseren Entlöhnung Nachdruck zu verleihen.

Im Rahmen der Ausstellung fand der erste Schweizerische Heimarbeiterschutzkongress statt. Die vorwiegend männlichen Referenten zählten am zweitägigen Anlass die Hauptkritikpunkte auf: die niedrigen Verdienstmöglichkeiten, die weitverbreitete Kinderarbeit, die durch Heimarbeit bedingten unhygienischen Arbeits- und Wohnformen sowie die fehlende Gesetzgebung. Einer der Redner war übrigens Paul Pflüger, der Gründer des Schweizerischen Sozialarchivs. Er hielt ein flammendes Plädoyer für eine gesetzliche Regelung der Heimarbeit auf eidgenössischer Ebene. Ausserdem sprach er sich dafür aus, die Arbeiterschaft endlich zu organisieren, auch wenn er gewisse Zweifel am Erfolg hegte. Er zweifelte an der Organisierbarkeit von Frauen, die den grössten Teil der Heimarbeit erledigten, weil ihr «Berufs- und Kollegialitätssinn äusserst minim entwickelt» sei.

Nach dem Publikumserfolg in Zürich wurde die Heimarbeit-Ausstellung im Herbst 1909 in Basel gezeigt. Die Bemühungen, auf legislativer Ebene den Missständen einen Riegel zu schieben, wurden 1910 mit einem ersten internationalen Heimarbeit-Kongress in Brüssel weiterverfolgt. 1912 fand in Zürich die zweite Austragung statt. Einem kontinuierlichen Druckaufbau versetzte dann der Erste Weltkrieg – wie so vielen anderen sozialpolitischen Anliegen – einen empfindlichen Dämpfer.

Ein kleiner Teil des Ausstellungsmaterials – u.a. ein paar «Etiquetten» mit wichtigen Daten zur Heimarbeit – landete im Sozialarchiv. Dazu gehört auch ein Originalabzug des Mädchens am Spulrad. Die Postkarte mit demselben Motiv taucht immer wieder in Archivablieferungen auf; die hohe Auflage hatte für eine zuverlässige Verbreitung gesorgt. Vor wenigen Jahren schliesslich haben wir den Archivbestand der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit übernommen. Bestandteil ist eine Serie von 31 Glasdias, die mit «Heimarbeit-Ausstellung» beschriftet sind. Ob an der Ausstellung 1909 in Zürich und Basel noch mehr Fotos gezeigt wurden, lässt sich nicht mehr eruieren. Die 31 Aufnahmen erlauben aber einen einmaligen Einblick in ein düsteres Kapitel Schweizer Industriegeschichte.

Material zum Thema im Sozialarchiv:

  • Sachdokumentation
    KS 331/21a-d: Ausführliche Dokumentation zum Thema Heimarbeit in der Schweiz; enthält u.a. den Führer zur schweizerischen Heimarbeit-Ausstellung 1909 von Jacob Lorenz und die Verhandlungen des ersten allgemeinen Schweizerischen Heimarbeiterschutzkongresses vom 7. und 8. August.
  • Bild + Ton
    F 5099: Der Bestand der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit ist online, darunter auch die 31 Glasdias mit den an der Ausstellung gezeigten Motiven.

Weiteres Bildmaterial ist in der Datenbank Bild + Ton mit einer Abfrage «Heimarbeit 1909» zu finden.

Ein neuer Blick auf die Vollversammlungen der 80er Bewegung

Vor vierzig Jahren rebellierte die Jugend in verschiedenen Schweizer Städten. Die Ereignisse sind bekannt, weil die Auseinandersetzungen in ihrer Intensität das bisher bekannte Mass sprengten. Zudem gibt es für diese Jugendbewegung eine eindrückliche Fülle historischer Quellen. Mit dem Rohmaterial des Videoladens Zürich sind nun fast 200 Stunden Aufnahmen aus einer bewegten Zeit neu im Sozialarchiv zugänglich. Besonders aufschlussreich sind die Vollversammlungen.

Vor bald einem Jahrzehnt lancierte der Videoladen Zürich zusammen mit Memoriav (dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und dem Sozialarchiv das Projekt zur Digitalisierung seines Rohmaterials. Im Zentrum sollten die Aufnahmen stehen, die im Zusammenhang mit der Jugendbewegung der 1980er Jahre entstanden sind. Berücksichtigt wurden aber auch die Vorläufer und Nachwehen, so dass der Bestand die zwei Jahrzehnte zwischen 1976 und 1995 abdeckt. Insgesamt wurden rund 200 Videobänder von Spezialistinnen gereinigt und anschliessend digitalisiert. Inzwischen ist der Bestand online zugänglich: bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_9049.

Video-Rohmaterial geniesst keinen allzu hohen Stellenwert in der Forschung. Weder bei Filmwissenschaftlern noch bei Historikerinnen steht es als Quellenmaterial hoch im Kurs. Es gilt als Vorstufe zu einem Werk, ästhetisch unausgereift und inhaltlich wenig aussagekräftig. Hier sei die Prognose gewagt, dass der Bestand des Videoladens diese Einschätzung verändern könnte.

Die Videoladen-Crew war in den «heissen» Jahren von 1980 bis 1982 fast pausenlos unterwegs. So sind viele Stunden Aufnahmen entstanden, die sehr wohl neue Aufschlüsse über die achtziger Ereignisse ermöglichen könnten. Das Bewegtbild gibt zudem Informationen frei, die andere Quellen nicht liefern können: Die Aufnahmen der «Wohn-Demo» vom 30. August 1980 (SozArch F 9049-026 und F 9049-058) zeigen beispielsweise, wie sich die Jugendlichen auf die Demonstration vorbereiten oder welche Diskussionen über Routenwahl und Gewaltbereitschaft geführt werden. An der Demo selbst kommt es zu Konflikten mit der Polizei, die in stundenlange, gewalttätige Scharmützel münden. Jugendliche, die von einem Tränengaseinsatz betroffen sind, werden notversorgt. Passanten beobachten die Vorgänge neugierig und mischen sich teilweise verbal in die Auseinandersetzungen ein. Der Kameramann des Videoladens bekommt die Ladung eines Wasserwerfers ab. Wenige Meter voneinander entfernt finden zeitgleich ein Strassenmusikauftritt und ein Polizeieinsatz statt. Nichts von dem findet sich in der Presseberichterstattung, in den Polizeirapporten oder in Erlebnisberichten von Beteiligten. Das bewegte Bild übertrifft an Informationsdichte alle anderen Quellengattungen.

Natürlich bildet auch dieses Rohmaterial nicht «die Realität» ab. Die Ereignisse der erwähnten Wohn-Demo zogen sich über Stunden hin. Die beiden Bänder decken davon nur rund 60 Minuten ab. Die Kamera wird laufend aus- und eingeschaltet. Längere Phasen (der Ereignislosigkeit?) fehlen ganz. Zudem filmt die Videoladen-Crew nicht neutral, sondern aus der Perspektive der Bewegung. Gewalttätigkeiten der Gegenseite werden nach Möglichkeit genau dokumentiert, zertrümmerte Schaufenster und der Barrikadenbau der Jugendlichen scheinen hingegen eher nur zufällig ins Bild zu geraten. Die Kamera sucht immer wieder eine bisweilen fast aufdringliche Nähe zur Polizei. Man belauert sich gegenseitig und spart nicht mit Provokationen.

Einen besonders intimen Einblick ins Funktionieren der Jugendbewegung bieten die Aufnahmen der Vollversammlungen. Diese Form des Zusammenkommens und Diskutierens hatte sich ab dem ersten Tag der Ereignisse etabliert und wurde von den Bewegten nie in Frage gestellt. Die Vollversammlung galt als einziges Organ mit Entscheidungsgewalt. Die Delegierung an eine Gruppe mit Leitungsfunktionen wurde zwar ansatzweise diskutiert, aber jedes Mal verworfen. Der Widerstand dagegen war wohl nicht zuletzt deshalb so radikal, weil genau dies von den Behörden immer wieder gefordert wurde: Sie waren bereit, mit einer Delegation zu verhandeln, aber sicher nicht mit einer anonymen Menge. Die Vehemenz, mit der die Jugendlichen auf dieser Form beharrten, hatte auch mit dem Vertrauensverlust in gängige politische Abläufe zu tun. Die älteren Jugendlichen mit einem 68er-Hintergrund fühlten sich durch die jahrlange Hinhaltetaktik der Behörden verschaukelt, den jüngeren fehlte jede Geduld, noch Jahre auf die Realisierung ihres Begehrens zu warten. Allen gemeinsam war eine tiefgehende Abneigung gegen einen parteipolitischen Weg: Sowohl den etablierten Parteien als auch den Parteien der Neuen Linken schlug heftige Abwehr entgegen, wenn diese versuchten, sich den Anliegen der Jugendlichen anzunehmen. Die ganze Energie lag im Kollektiv, jeder Versuch einer Vereinnahmung wurde äussert argwöhnisch beäugt. Das musste auch das Aushängeschild der Ausgestossenen und Randständigen, Pfarrer Ernst Sieber, erleben, dessen Einstehen für die Jugendbewegung auf kontroverse Reaktionen stiess, wie Pfeifkonzerte nach seinen Voten an Vollversammlungen belegen.

An den Treffen, die nach dem Opernhaus-Krawall vom 30. Mai 1980 in kurzer Abfolge stattfanden, diskutierten die Jugendlichen also so lange, bis eine Entscheidung über das weitere Vorgehen mittels Abstimmung möglich war – oder die Teilnehmenden vom stundenlangen Hin und Her so zermürbt waren, dass sich die Versammlung ohne Beschluss auflöste. Die Vollversammlungen fanden an verschiedenen Orten statt: im Volkshaus, auf dem Platzspitz und später auch im autonomen Jugendzentrum. Grundsätzlich stand das Mikrofon allen Anwesenden zur freien Meinungsäusserung offen. Als fleissige Redner entpuppten sich aber bald die Männer, Frauen meldeten sich selten. Der Ablauf einer Vollversammlung bestand im Wesentlichen daraus, dass zuerst aus Wortmeldungen eine Art Traktandenliste entstand. Rednerinnen und Redner fanden sich beim Mikrofon ein und warteten in der Regel artig, bis sie an der Reihe waren. Wenn der Austausch der Argumente sich erschöpft hatte, folgte die Abstimmung durch Handerheben im Plenum.

Was bei der blossen Schilderung langweilig und reizlos tönt, war zumindest in der Anfangsphase der Zürcher Jugendbewegung ein überaus mächtiges politisches Instrument. Die Vollversammlung als Forum der Willensbekundung zeigte ihre Stärke und ihr Durchsetzungsvermögen auch darum, weil die Bewegung in erster Linie ein vordringliches Ziel hatte: Die Stadt sollte ihr ein autonomes Jugendzentrum zur Verfügung stellen. Hinter dieser Forderung standen bis zu 10’000 Jugendliche, die dafür auch auf die Strasse gingen. Der Anspruch auf ein autonomes Jugendzentrum war auch für breite Kreise der Bevölkerung nachvollziehbar: Die Benachteiligung alternativer Kultur und das Fehlen nichtkommerzieller Treffpunkte in der Stadt waren augenfällig. Die Behörden hatten es versäumt, dem jahrzehntelang wiederholten Ruf nach einem Jugendhaus nachzukommen. Selbst die Ereignisse von 1968 und das krachend gescheiterte Experiment mit dem Bunker hatten ihnen die Augen nicht geöffnet. Dort hatte man 1970 versucht, die Jugend mit einem fensterlosen Luftschutzbunker unter dem Lindenhof abzuspeisen. Das Fass zum Überlaufen brachte dann bekanntlich die Vorlage, für 60 Millionen das Opernhaus zu renovieren – und die nicht-etablierte Kultur erneut zu ignorieren. Am 30. Mai 1980 demonstrierten die Jugendlichen dagegen und es kam zum berühmt-berüchtigten Opernhaus-Krawall.

Wenige Tage später, am 4. Juni, kam es zur denkwürdigen Vollversammlung im Volkshaus. Sie kann dank der Aufnahmen des Videoladens fast integral nacherlebt werden (SozArch F 9049-003/-014/-021). Die Jugendbewegung war auf einem frühen Höhepunkt ihrer Wirkungsmacht. Der Anlass zog 3’000 Jugendliche an. Der Strom Interessierter an diesem Mittwochabend war aus verschiedenen Gründen enorm: Angekündigt war eine Aufführung eines Videos, das am Opernhaus-Krawall entstanden war und das bereits für Furore gesorgt hatte. Der an der Universität Zürich lehrende Ethnologe Heinz Nigg hatte zusammen mit der Projektgruppe «Community Medien» die Auseinandersetzungen beim Opernhaus und in den angrenzenden Strassenzügen gefilmt, was dem zuständigen Regierungsrat Alfred Gilgen sauer aufstiess. Das Band wurde konfisziert, weitere Aufführungen wenig später verboten.

Ebenfalls gezeigt wurde die Fernsehberichterstattung über den Krawall – die Ereignisse hatten sowohl in den Printmedien als auch im Fernsehen für eine überreizte Berichterstattung gesorgt. Die öffentliche Meinung reagierte schockiert und empört auf den Gewaltausbruch, der hauptsächlich den Jugendlichen angelastet wurde. Die Bewegung sah dies verständlicherweise genau umgekehrt. Der Frontenbezug und die Gewaltbereitschaft (auf beiden Seiten) waren schon nach den ersten Abendstunden am Freitag des Opernhauskrawalls klar und sollten sich während der nächsten zwei Jahre nicht mehr signifikant verschieben. Folgerichtig zeigten deshalb einige Jugendliche in einer Performance auf der Volkshausbühne, wie man sich im Falle einer Verhaftung verhalten sollte. Unterstützt wurden sie dabei von Anwältinnen und Anwälten des Anwaltskollektivs.

Den Höhepunkt dieser Vollversammlung bildete allerdings der Auftritt von Stadträtin Emilie Lieberherr und Stadtpräsident Sigmund Widmer. Weil die Jugendlichen sich geweigert hatten, den umgekehrten Weg zu gehen – nämlich eine Delegation ins Stadthaus zu schicken –, blieb den beiden Stadträt/innen nichts Anderes übrig, als sich einer Diskussion in der Höhle des Löwen zu stellen. Dieser Umstand war verblüffend und zeigt, dass der Druck der Ereignisse auf der Strasse seine Wirkung tat. Der Gang ins Volkshaus war wohl auch ein Eingeständnis, die Entwicklungen in der Jugendpolitik während Jahren vollkommen verschlafen zu haben. Die Debatte zwischen Lieberherr, Widmer und dem Plenum dauerte rund eine Stunde und spielt sich in erstaunlich gesitteter Atmosphäre ab. Es ist förmlich spürbar, dass die Jugendbewegung bereits an diesem Abend ihrem Ziel eines autonomen Jugendzentrums sehr nahe kam. Daran änderte auch nichts, dass sich sowohl Lieberherr als auch Widmer wiederholt mit paternalistisch anmutenden Statements an das jugendliche Publikum wandten – sie wurden mit Pfeifkonzerten quittiert. Auch die Taktik von Lieberherr und Widmer, sich hinter dem politischen Entscheidungsprozess zu verschanzen, der ihre Machtbefugnis begrenzte, erlitt Schiffbruch. Der Abend endete mit einem zweifachen Zugeständnis: Die Stadt stellte den Jugendlichen die Rote Fabrik für ein Fest am kommenden Wochenende zur Verfügung und versprach, sofort Verhandlungen über eine in Frage kommende Liegenschaft aufzunehmen. Weniger als einen Monat später wurde das autonome Jugendzentrum an der Limmatstrasse 18/20 Realität.

Einen solchen Durchbruch hatten wohl nur die Optimistischsten erwartet. Die Vollversammlung als entscheidendes Gremium und Machtinstrument sah sich dadurch bestärkt und legitimiert, und dieser frühe Erfolg dürfte auch dazu beigetragen haben, dass während der nächsten Monate niemand am Instrument der Vollversammlung rüttelte. In dieser Phase gab es bisweilen auch kuriose Momente: So konnte es vorkommen, dass ein ganzer Demonstrationszug zum Stillstand kam, weil – über Megafon – der weitere Verlauf der Route diskutiert werden musste.

Die Mängel der Vollversammlung traten allmählich zu Tage, nachdem das autonome Jugendzentrum am 28. Juni 1980 eröffnet worden war. Die Tage und Wochen des Kampfes auf ein Ziel hin waren vorbei und damit die Schlagkraft der Vollversammlung. Sobald es nichts mehr zu erstreiten galt, waren Konzepte und Strategien gefragt. Doch dafür eignete sich die Vollversammlung nicht. Bereits die Aufnahmen zur AJZ-Eröffnung (SozArch F 9049-047) zeigen, dass Probleme auf die Bewegung zukamen, die sie weder verursacht hatte noch aus eigener Kraft lösen konnte. Wie sollte die baufällige Liegenschaft mit dem lächerlichen Betrag von 40’000 Franken, den die Stadt gesprochen hatte, in Schwung gebracht werden? War das Haus nicht viel zu klein für alle Bedürfnisse, die sich angestaut hatten? Sollte man angesichts der grassierenden Wohnungsnot auch im AJZ übernachten dürfen? Und stimmte das Gerücht, dass die Stadt vorhatte, die Liegenschaft innert Jahresfrist sowieso abzureissen? In der Vollversammlung wurde diese Frage zwar diskutiert, aber statt wie früher Euphorie und Tatendrang machte sich im Plenum nun Ratlosigkeit breit. Die Jugendlichen reagierten zwar sehr schnell mit einer Fülle von Arbeitsgruppen, die sich den einzelnen Problemfeldern annahmen. Der Dampfer AJZ nahm Fahrt auf, lief aber schon nach wenigen Wochen auf Grund. Vor allem Drogenprobleme führten zu einer ersten Schliessung im September 1980. Die Situation war verfahren: Auf der einen Seite die Bewegung, die stur an ihren Wegen der Entscheidungsfindung festhielt und weder Delegationen noch eine Machtaufteilung innerhalb tolerierte. Auf der anderen Seite die Behörden, die sich nach der Übergabe der Liegenschaft nicht mehr in der Pflicht sahen, irgendeinen Beitrag zur Lösung der anstehenden Probleme beizutragen und ihre Aufgabe einzig darin sahen, mit repressiven Mitteln für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Die Videoaufnahmen der Vollversammlungen erweisen sich bei näherem Hinsehen somit als eine reichhaltige Quelle für die Geschichte der Jugendbewegung. Sie geben in erster Linie Auskunft über die Themen, die den Jugendlichen unter den Nägeln brannten: Wann endlich erhalten wir ein Jugendhaus? Ist der Einsatz von Gewalt an Demonstrationen legitim? Was ist zu tun bei einer Verhaftung durch die Polizei oder nach einer Tränengasattacke? Darüber hinaus lassen sich ihnen viele zusätzliche Informationen entnehmen: Welche Jugendlichen ergreifen öfter das Wort? Auf welche Reaktionen stossen die Voten im Publikum? Wie verhalten sich Frauen am Mikrofon? Wie verhält sich das Plenum, wenn die Diskussion ausufert? Was hat es mit der schleppenden Sprechweise vieler Jugendlicher auf sich? Wie sind die Jugendlichen gekleidet? Welche unterschiedlichen Interessen lassen sich bei den versammelten Jugendlichen ausmachen?

Eine Analyse solcher und anderer Fragen kann dazu beitragen, die ausgetretenen Rezeptionspfade der 80er Bewegung zu verlassen. Im Jubiläumsjahr 2020 stand fast ausschliesslich die Erinnerung im Vordergrund: Bewegte erzählten, «wie es damals war». Dies ist zwar sowohl für Zeitzeug/innen als auch für später Geborene interessant, blendet aber aus, dass es neben den individuellen und kollektiven Erlebnissen immer noch unvollständig beantwortete Fragen gibt. Beispielsweise bedarf es der Klärung, ob es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen der Depression, die viele Jugendliche nach dem Abbruch des AJZ erfasst hatte, und dem Absturz in den unkontrollierten Konsum harter Drogen. Ebenfalls im Raum steht die Frage, ob die Bewegungsgeneration tatsächlich so wesentlich für die kreative, kulturelle (nicht nur die Musik betreffend) und gastronomische Aufbruchstimmung der späten 1980er und frühen 1990er Jahre verantwortlich war. Nötig ist in erster Linie ein unverstellter Blick auf die Ereignisse, der sich auch von den Positionsbezügen und ideologischen Abwehrmechanismen zu lösen vermag, die bei vielen Beteiligten auch 40 Jahre danach unverrückbar scheinen.

Die Aufnahmen der Vollversammlungen aus dem Archiv des Videoladens könnten dabei durchaus hilfreich sein. Sie zeigen, welche Macht der Vollversammlung in den ersten Wochen der Bewegung zukam, wie partizipativ und taktisch clever ihre Beschlüsse anfangs waren. Mit der Dauer der Achtziger Unruhen wurde aber zunehmend klar, dass die Jugendbewegung kein homogenes Kollektiv war, sondern mit Post-68ern und Spontis, Radikalen und Pragmatischen, Studierenden und Lehrlingen eine riesige Bandbreite an Altersgruppen, Ideologien und Bedürfnissen hinter dem gemeinsamen Ziel eines AJZ versammelte. Mit der strikten Weigerung der Macht- und Verantwortungsdelegation könnten die Bewegten womöglich selber ihren Beitrag zum Scheitern der Bewegung beigetragen haben.

Nach der ersten Schliessung des AJZ im September 1980 war der Videoladen nur noch vereinzelt vor Ort, wenn Vollversammlungen stattfanden. Die Kritik aus den eigenen Reihen an dieser Diskussionsform wurde lauter, die Teilnehmerzahlen sanken. Allerdings wandte sich die Jugendbewegung nie offiziell von der Vollversammlung ab. Die massgebliche Arbeit fand nun aber in den Arbeitsgruppen des AJZ statt. Die Bewegung kommunizierte über Flugblätter, eigene Zeitungen und Piratenradios – und seit Anbeginn auch mit den Videos des Videoladens. Die Ereignisdichte ergab Material zur Genüge. Rund zwei Drittel des gesamten Videoladen-Archivs stammen aus der Zeit zwischen Opernhauskrawall und der definitiven Schliessung des AJZ weniger als zwei Jahre später. Aus diesem Rohmaterial entstanden mehr als zehn Videoproduktionen und 1981 mit «Züri brännt» auch ein Meilenstein des Bewegungsvideos.

Auf der Spur der «kleinen Leute»

Die Sammlung popularer Selbstzeugnisse im Schweizerischen Sozialarchiv


von Fabian Brändle

Den Alltag und die Kultur der „kleinen Leute“ zu erforschen erweist sich bisweilen als denkbar schwierige Aufgabe. Gerichtsakten geben zwar immerhin Auskunft über kriminalisiertes Verhalten, enthalten jedoch viele strategisch bedingte Aussagen, die nicht immer für bare Münze zu nehmen sind. Angeklagte Frauen und Männer versuchen nämlich, durch mehr oder weniger bewusstes Verfälschen der Tatsachen den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und der zu verhängenden Strafe zu entgehen. So sind wir bei der Rekonstruktion des Alltags und der Volkskultur in der Regel auf Selbstaussagen, auf Egodokumente, angewiesen, wie sie uns in Selbstzeugnissen (Autobiografien, Tagebücher, Kindheitserinnerungen, Briefe etc.) entgegentreten. Handwerker, Bäuerinnen, Bauern, Angestellte, Arbeiterinnen, Arbeiter, aber auch „Ungelernte“ wie Hausierer, Berufssportler, Dienstboten oder Prostituierte haben solche Texte in gar nicht so kleiner Anzahl verfasst, Texte, die freilich nicht frei von Stilisierungen, ja, von Beschönigungen und sogar von Lügen sind. Selbstzeugnisse bedürfen wie sämtliche anderen Quellentypen auch einer sorgfältigen Quellenkritik. Im Grundton sind sie oft nostalgisch, beschwören eine harte, aber schöne Kindheit ohne Computer und Handys und mit nur ganz wenigen Spielsachen.

Es herrscht indessen immer noch Mangel an zuverlässigen, wissenschaftlichen Editionen, die den Wahrheitsgehalt popularer Selbstzeugnisse herausdestillieren würden, indem sie beispielsweise archivalische Quellen wie Kirchenbücher oder Zivilstandsregister kontrollierend hinzuziehen. So liesse sich so manche noch so raffinierte Fälschung relativ schnell enttarnen. Denn vergessen wir nicht: Auf dem Büchermarkt sind populare Selbstzeugnisse durchaus beliebt und gefragt, denken wir nur an die Autobiografien der bayrischen Bäuerin Anna Wimschneider („Herbstmilch“) oder an die Schweizer Aussenseiterin und Hausfrau Rosemarie Buri („Dumm und dick“), die zu veritablen Bestsellern avancierten. Populare Selbstzeugnisse haben eben noch lange nicht jene Lobby wie die Werke bekannter SchriftstellerInnen, die in gebundenen, annotierten Werkausgaben gediegen, vollständig und mehrbändig erscheinen. Eine Ausnahme bilden die gesammelten Werke des Toggenburger Ferggers, Bauern, Salpetersieders und preussischen Söldners Ulrich Bräker, die in mustergültiger Edition vorliegen (Haupt und C. H. Beck).

Jammern hilft indessen wenig, nur selbst machen hilft weiter. So habe ich in den letzten beiden Jahrzehnten fünf populare Selbstzeugnisse aus der Frühen Neuzeit (ca. 1500-1800), aus dem 19. und aus dem frühen 20 Jahrhundert (mit-)ediert und in Buchform herausgegeben. Ich bin mir indessen sicher, dass noch in so manchem Archiv editionswürdige Manuskripte aufzufinden wären, und auch gedruckte Rarissima und Rara wären je nach Qualität eine kommentierte, vollständige Neuausgabe wert. So bietet beispielsweise die im Selbstverlag erschienene Kindheitserinnerung des Aussersihlers Edwin Läser ein Panorama der Freizeitkultur in einem grossstädtischen Arbeiterquartier der 1930er und frühen 1940er Jahre: Eine jedoch keinesfalls einmalige Fundgrube jugendlicher Alltagskultur. Das Deutsche Tagebucharchiv Emmendingen (bei Freiburg im Breisgau) sammelt und verschlagwortet Selbstzeugnisse „kleiner Leute“ und erfreut sich in den letzten Jahren einer wachsenden Beliebtheit nicht nur unter HistorikerInnen, sondern auch unter Geschichtsinteressierten generell und nicht zuletzt unter Schulklassen. Auch in Wien gibt es eine sehr gute Dokumentationsstelle mit eigener Buchreihe („Damit es nicht verlorengeht“, Böhlau, begründet vom Sozialhistoriker Michael Mitterauer).

Mein erster Kontakt mit einem popularen Selbstzeugnis fand im Jahre 1997 an der Universität Basel statt, wo ich wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Selbstzeugnisspezialisten Kaspar von Greyerz war. Meine dortige erste Aufgabe war es, die Autobiografie des calvinistischen Elsässer Kannengiessers Augustin Güntzer (1596-1657?) zu annotieren. Die einwandfreie Transkription der Handschrift aus der Universitätsbibliothek Basel hatte mein Kollege Dominik Sieber in langjähriger Arbeit besorgt. Wir betrieben viel Aufwand für diese Edition (Reihe „Selbstzeugnisse der Neuzeit“, Boehlau Verlag), indem wir zu elsässischen Archiven reisten und versuchten, den komplexen Frömmigkeitsdiskurs Augustin Güntzers zu rekonstruieren, die mannigfachen Intertextualitäten der Autobiografie und die Lektüren des Autors zu ergründen. Der immense Aufwand hatte einen guten Grund: Augustin Güntzers spannendes Selbstzeugnis ist eines der ältesten deutschsprachigen Handwerkerselbstzeugnisse überhaupt. Augustin Güntzer war ein sozialer Absteiger, er endete in den 1650er Jahren verarmt als Hausierer und Glaubensflüchtling vor den Toren Basels in der Alten Eidgenossenschaft. Güntzer war auch ein sozialer Aussenseiter, denn als strenggläubiger Calvinist mied er die „Gastereyen“ (Gastmähler) der Colmarer Zünfter und verachtete die allseits beliebten Wirtshäuser als „Sauffheuser“. Auch manche andere AutorInnen popularer Selbstzeugnisse, wie sie mir in späteren Jahren begegneten, waren gesellschaftliche AussenseiterInnen, auch soziale AbsteigerInnen. Nicht zuletzt schreibend und lesend verarbeiteten sie ihr bisweilen tragisch anmutendes, abwärtsorientiertes Schicksal: Im Leben gescheitert, im Schreiben ohne eigentliches Lesepublikum erfolgreich, könnte man, natürlich sehr verkürzt, behaupten.

Meine nächste wissenschaftliche Reise führte mich wiederum ins schöne, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder französische Elsass, wiederum in die alte Reichsstadt Colmar. Dort haben im späteren 17. Jahrhundert zwei eng miteinander verwandte Schuhmacher, Vater und Sohn Mathias Lauberer, ein „Hausbuch“ geführt und darin auch Rezepte oder eine prinzipielle, mutige Abrechnung mit dem Krieg niedergeschrieben. Die wissenschaftliche Edition erschien in der Basler Reihe „Selbst-Konstruktion“ (Schwabe Verlag), die von den Professoren Kaspar von Greyerz und Alfred Messerli herausgegeben wurde.

Ich begann nun, mehr oder weniger systematisch in Antiquariaten und im Internet nach popularen schweizerischen Selbstzeugnissen Ausschau zu halten, und wurde oft genug fündig. Allerdings beschränkte ich mich auf gedruckte Texte, so dass Tagebücher und Briefe in meiner Sammlung kaum vorkommen. Der vor einigen Jahren verstorbene Zürcher Volkskundeprofessor Paul Hugger sammelte hingegen Manuskripte sowie Briefe und stellte auch Editionen bereit (Reihe „Das volkskundliche Taschenbuch,“ Limmat Verlag). Ich beschränkte meine Sammlertätigkeit indessen nicht auf die Frühe Neuzeit, wohl aber auf die Schweiz und auf angrenzende Regionen (zum Beispiel Schwarzwald, Schwaben, Tirol, Vorarlberg, Bayern, Elsass), um vergleichend arbeiten zu können. Ich stiess auf eine Schatzkammer popularer Kultur, auf Kinderspiele und angeeignete Sportarten wie Strassenfussball oder auf „Militärlis“, auf oftmals bittere Schulerfahrungen, auf den Umgang mit Krieg oder mit der verheerenden Spanischen Grippe von 1918/19.

Manche Texte erschienen im Selbstverlag und waren lediglich für die Zirkulation innerhalb der Familie oder des Freundeskreises bestimmt. Wie sie den Weg in Antiquariate oder gar ins „Brockenhaus“ fanden, ist ungewiss. Die mitunter schmalen Büchlein, darunter wie gesagt viel „graue Literatur“, waren meistens wohlfeil, denn es existiert noch kein spezifischer Sammlermarkt. Arbeitertexte von Parteigenossen (SP, KPS, PdA) oder Gewerkschaftsfunktionären waren auch darunter, aber deutlich weniger als eigentlich erwartet. Es dominiert vielmehr der „Mittelstand“, Handwerker, Grossbauern, Primarlehrer, Angestellte, kleine Beamte. Aber auch Texte von „ganz unten“ stellten sich ein und sind sogar überrepräsentiert: Ehemalige schweizerische „Verding“- und Heimkinder, die der Staat oft gegen ihren Willen von ihren Eltern trennte und zu harter, oftmals mit Schlägen verbundener Arbeit auf Bauernhöfen anhielt, berichteten über ihre verpfuschte Kindheit und Jugend. Hausiererinnen und Hausierer wie der greise Gregorius Aemisegger (1813-1911) aus dem voralpinen ostschweizerischen Toggenburg erzählten über Strategien, Kundinnen und Kunden zu werben. Und auch ehemalige schweizerische Fremdenlegionäre in französischen Diensten oder sogar mit ihrem Schicksal hadernde (männliche) Sträflinge meldeten sich zu Wort, ganz zu schweigen von ehemaligen Suchtkranken oder an psychischen Krankheiten Leidenden. Hier wird Lebensgeschichte zum „Appell“ (Klaus Bergmann), zum Versuch, ein gewisses Mass an Mitgefühl und Sympathie im „autobiographischen Pakt“ (Philippe Lejeune) zu generieren, Respektabilität zu erzeugen, vom Rand aus in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen. Das Handwerk ist stark repräsentiert, körperlich stark fordernde Berufe wie Färber, Gärtner, Maurer, Schuhmacher oder auch Serviertochter, Magd, Wirtin und Wirt kommen in der Sammlung vor.

Meine Sammlung an Selbstzeugnissen sowie der einschlägigen Forschungsliteratur (James S. Amelang, Bernd-Jürgen Warneken, Margarethe Münchow, Klaus Bergmann, Sigrid Wadauer, Rainer Elkar, Alfred Messerli, Martyn Lyons, Andrea Dörfer etc.) wuchs mittlerweile auf weit über 700 Titel an. Aus Platzgründen beschloss ich daher gegen Ende des Jahres 2017, diese wertvolle und für die Schweiz einmalige Sammlung dem an Literatur „von unten“ interessierten Schweizerischen Sozialarchiv zu schenken, wo sie in besten Händen und ausleihbar vorliegt. Ich wünsche mir natürlich, dass namentlich junge Forschende Freude an der Lektüre dieser Texte gewinnen und sie in ihre Qualifikationsarbeiten einfliessen lassen, denn eine empirisch ergiebige „Erfahrungsgeschichte“ (Andreas Holzhem) „von unten“ ist ohne populare Selbstzeugnisse oder die aufwändige Methode der Oral History kaum zu bewerkstelligen.

> Die vollständige Titelliste kann im NEBIS-Katalog mit dem Code E19Braen aufgerufen werden.

Mit Aug und Ohr

Audiovisuelle Quellen aus den ersten zehn Tagen der Zürcher Jugendbewegung 1980

Am 30. Mai jährt sich zum 40. Mal der Opernhauskrawall in Zürich. Das Ereignis markiert in der öffentlichen Wahrnehmung den Beginn der Jugendbewegung der 1980er Jahre, in deren Verlauf in verschiedenen Schweizer Städten unzufriedene Jugendliche auf der Strasse lautstark autonome Räume und eine andere Kulturpolitik verlangten. Das Sozialarchiv verfügt zu diesen Ereignissen über umfangreiches Material (siehe auch SozialarchivInfo 1/2020, «Vor 40 Jahren: Züri brännt»). Mit der unlängst erfolgten Übernahme des Archivs des Videoladens Zürich kommen zu den bereits reichen audiovisuellen Beständen zur 80er Bewegung weitere interessante Zeugnisse hinzu.

30./31. Mai 1980, Opernhaus-Krawall

Vor dem Opernhaus Zürich fordern Jugendliche eine angemessene Berücksichtigung der alternativen Kultur. Aus der anfänglich friedlichen Demonstration entwickelt sich ein Krawall bis tief in die Nacht. Die Projektgruppe «Community Media» des an der Universität Zürich lehrenden Ethnologen Heinz Nigg hält die Ereignisse in einem Video («Opernhaus Krawall») fest. Es zeigt einen Teil der Auseinandersetzungen, u.a. wie die Polizei aus dem Opernhaus heraus in das Geschehen eingreift. Die Folgen für den Videomacher Heinz Nigg sind einschneidend: Der damalige kantonale Erziehungsdirektor Alfred Gilgen entzieht ihm die Lehrbewilligung, die Originalbänder werden konfisziert.

Dank der Tonspur wird man Zeuge, wie ein zufällig anwesender Reporter des Schweizer Fernsehens sich bei den Videomachern erkundigt, ob Ausschnitte des Videos für einen Beitrag des Nachrichtenmagazins «Blickpunkt» verwendet werden könnten. Während das Fernsehen hauptsächlich noch mit 16mm-Film drehte, setzten die Jugendlichen auf das damals noch ziemlich junge Medium Video, denn es hatte ein paar unschlagbare Vorteile: Es war in der Anschaffung billiger, in der Handhabung einfacher und konnte gleich nach der Aufnahme gesichtet werden. Diese Unmittelbarkeit sollte sich für die Jugendbewegung in Zukunft als wertvolles Mittel der zeitnahen Selbstvergewisserung und Propaganda erweisen.

Schon am Tag darauf kommt es am gleichen Ort wieder zu einer Demonstration. Das Transparent «Wir sind die Kulturleichen der Stadt», das schon am Abend zuvor im Einsatz war, wird erneut mitgetragen. Der Slogan bringt das Gefühl vieler Jugendlicher auf den Punkt: Stadtbehörden und Politik hatten es trotz jahrelanger Forderungen nicht einmal fertiggebracht, mit den Jugendlichen irgendeine Form des Austauschs zu suchen.

1. Juni 1980, Vollversammlung im Festzelt vor dem Opernhaus

Am 1. Juni besetzen die Demonstrierenden das Informationszelt vor dem Opernhaus und halten dort eine Vollversammlung ab. Die über zwei Stunden dauernde Veranstaltung wurde mitgeschnitten und ist als Audioaufnahme greifbar. Die Vollversammlung formuliert einen Forderungskatalog an die Stadt, der unter anderem die Freigabe der Roten Fabrik als Kulturzentrum für die Jugendlichen verlangt. Ausserdem wird ein Ultimatum an die Stadtregierung verabschiedet, dass die Liegenschaft an der Limmatstrasse 18 als «Autonomes Jugendzentrum» zur Verfügung gestellt werden müsse. Das Zelt ist bis auf den letzten Platz besetzt, neben Jugendlichen sind auch PolitikerInnen und Medienschaffende anwesend.

4. Juni 1980, Vollversammlung im Volkshaus

Am 4. Juni findet im Volkshaus eine weitere Vollversammlung statt. Die Videoaufnahmen zeigen überwiegend die Bühne mit dem Mikrofon und den mit einem karierten Tischtuch bedeckten Rednertisch, an dem im Lauf des Abends auch Stadtpräsident Sigmund Widmer und Stadträtin Emilie Lieberherr Platz nehmen. Es kommt zum ersten Mal zu einem öffentlichen Dialog zwischen den Bewegten und BehördenvertreterInnen. Lieberherr und Widmer nehmen Stellung zu den Forderungen der Jugendlichen. Dass sie auf einer zahlenmässig kleinen Verhandlungsdelegation der Jugendlichen bestehen, löst energische Pfeifkonzerte aus. Die Unstimmigkeit über die Vorgehensweise ist nur eines von vielen Missverständnissen an diesem Abend und zeigt, dass die Positionsbezüge auf beiden Seiten bereits unverrückbar sind. Die Stadt ist nur bereit, Zugeständnisse zu machen, wenn die Jugendlichen eine Reihe von Bedingungen einhalten; die Jugendlichen ihrerseits beharren auf ihren eigenen Spielregeln und zeigen sich kompromisslos.

7. Juni 1980, Vollversammlung auf dem Platzspitz

Die Vollversammlung auf dem Platzspitz am 7. Juni beschäftigt sich mit dem Angebot der Stadt für die Nutzung der Liegenschaft an der Limmatstrasse, dem späteren AJZ. Das Ritual, dass jedeR sich am offenen Mikrofon aussprechen darf, hat sich mittlerweile eingespielt. Alle Beschlüsse über das weitere Vorgehen werden aufgrund von Vorschlägen gefasst, über die dann im Plenum abgestimmt wird. Diese Vollversammlung beschliesst, die Liegenschaft an der Limmatstrasse zu besichtigen und danach in der Roten Fabrik weiter zu diskutieren. Unterwegs gelingt es dem Videoladen-Kollektiv, einige originelle Stimmen von PassantInnen zu den Unruhen einzufangen.

9. Juni 1980, Kundgebung an der Uni Zürich und NZZ-Demo

Nur zwei Tage später kommt es nach friedlichem Demonstrationsbeginn zur nächsten Eskalation. An der Uni Zürich fordern die Jugendlichen den sofortigen Rücktritt von Regierungsrat Gilgen. Nach einem Demonstrationszug durch die Stadt versuchen die Bewegten, die Auslieferung der NZZ zu verhindern. Ein massiver Polizeieinsatz setzt dem Vorhaben ein Ende. Die am späten Abend entstandenen Videoaufnahmen beim Bellevue und an der Falkenstrasse zeigen auch die Grenzen der damaligen Videotechnik: Die Aufnahmen sind unterbelichtet, helle Lichtquellen sorgten für anhaltende Schlieren im bewegten Bild. Dieser Effekt wurde schnell auch der Polizei bekannt, die mit absichtlichem Blenden die VideoaktivistInnen an Aufnahmen zu hindern suchte.

Einmalige Zeugnisse einer aufregenden Zeit

In jeder Umbruchzeit überschlagen sich zu Beginn die Ereignisse. In Zürich fanden in der ersten Zeit nach dem 30. Mai 1980 fast täglich Demonstrationen mit hohem Eskalationspotenzial statt. Mit der Vollversammlung erfand sich ein Gremium mit einer langwierigen basisdemokratischen Entscheidungsfindung. In den ersten zehn Tagen tagte die Vollversammlung vier Mal. Unter dem Eindruck der gewalttätigen Ereignisse der Strasse änderten die Behörden ihre Taktik und suchten den direkten Dialog mit den Jugendlichen. Forderungskataloge entstanden und Ultimaten wurden gestellt, die mit Bedingungskaskaden beantwortet wurden.

Über diese Vorgänge in den ersten zehn Tagen der Zürcher Jugendbewegung ist dank vielfältiger Bemühungen eine Fülle an audiovisuellem Material erhalten geblieben. Es gibt einen authentischen Einblick in Verhaltens- und Redeweisen und evoziert Stimmungen und Emotionen, die über die Erkenntnisse hinausgehen können, welche aus schriftlichen Quellen zu gewinnen sind. Aus archivarischer Sicht sind die Fotos, Video- und Tonaufnahmen ein Glücksfall, denn es gibt wohl wenige sozialgeschichtliche Ereignisse in der jüngeren Schweizer Geschichte, die audiovisuell so umfassend dokumentiert sind.

Traditionelle schriftliche Quellen, die von Jugendbewegten selber verfasst worden wären, existieren hingegen kaum. Es gibt keine Sitzungs- oder Versammlungsprotokolle, auch korrespondiert wurde kaum. Umso phantasievoller gerieten die Erzeugnisse, die eine Gegenöffentlichkeit zur offiziellen Presse- und Medienlandschaft herstellen wollten: Flugblätter, Bewegungszeitungen, Piratenradios sowie Sprayereien im öffentlichen Raum zeugen von der kreativen Energie, mit der die damaligen Jugendlichen zu einem utopischen Wagnis aufgebrochen sind, das nunmehr ein historisches Ereignis geworden ist. Die Video- und Tonaufnahmen erlauben der Nachwelt einen unmittelbaren Zugang zu dieser aufregenden Zeit.

Audiovisuelle Quellen zu den Zürcher Jugendunruhen online:

Das Filmarchiv von Pro Juventute (SozArch F 9073)

Die Bearbeitung des Pro-Juventute-Archivs steht kurz vor dem Abschluss. Neu sind auch die Filme in der Datenbank Bild + Ton online abrufbar.

Die dreissig Filme aus dem Zeitraum zwischen 1923 und 1987 stellen einen ausgesprochen attraktiven Bestand dar. Thematisch dominieren wenig überraschend die Kernaufgaben der Pro Juventute, die sich im Lauf der Zeit veränderten: In den 1930er bis 1950er Jahren stehen Mütterberatung und Säuglingspflege im Zentrum verschiedener Filme. «La famiglia felice» (1939) stellt das Angebot der Pro Juventute für Mütter und ihre Kleinkinder vor. «Die glückliche Familie» (1956) thematisiert die Rolle beider Elternteile für eine gelingende Kindererziehung und wendet sich scharf gegen eine Erwerbstätigkeit der Frau. Nach dem Zweiten Weltkrieg fokussieren die Filme auf den hohen Stellenwert von Musik und guter Lektüre während Kindheit und Jugend («Ein Freund fürs Leben», 1960). In den 1950er bis 1970er Jahren nimmt sich die Pro Juventute der Spielplatz- und Freizeitgestaltung an – in Zürich entstehen erste Robinson-Spielplätze («Eine Insel für Robinson», 1956), der Kinderzirkus Robinson probt ab 1961. In den 1980er Jahren schliesslich warten neue Herausforderungen: Der aufwändige Film «Sucht und Drogen» entsteht 1987. Von filmhistorischem Interesse dürfte der bereits sehr früh von der Praesens Film AG produzierte kurze Imagefilm über die Pro Juventute und den Briefmarkenverkauf sein («Praesens zeigt: Pro Juventute», 1923). Ergänzend zum eigenen Filmbestand der Pro Juventute bietet sich das Archiv der Schweizer Filmwochenschau an. Die Pro Juventute und ihre Tätigkeiten waren zwischen 1940 und 1974 immer wieder Thema der Beiträge.

So reichhaltig der Bestand im Bereich der Jugendthemen ist, weist er doch einen blinden Fleck auf: Das Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» (1926-1973) kommt im Filmarchiv der Pro Juventute überhaupt nicht vor, es wird auch namentlich nirgends erwähnt. «Kinder der Landstrasse» sah seinen Auftrag darin, Kinder von nicht-sesshaften Familien in der Schweiz fremd zu platzieren. Hunderte von Familien wurden so mit Unterstützung der Behörden auseinandergerissen. Berücksichtigt man den Umstand, dass die Pro Juventute für ihre sonstigen Tätigkeiten fast immer eine filmische Dokumentation produzierte, ist die Absenz dieses Hilfswerks zumindest bemerkenswert.

Radio Riesbach (F 1030)

In den frühen 1980er Jahren herrschte Aufbruchstimmung unter den Radiofans: Neue rechtliche Grundlagen ermöglichten den Betrieb von privaten Radiostationen. 1984 startete mit Radio Riesbach ein spezielles Experiment: Das schweizweit einzige Quartierradio ging auf Sendung. Der Schnauf der Radio-EnthusiastInnen aus dem Zürcher Quartier am See reichte für sieben Jahre. Ein Teil der Sendungen wurde glücklicherweise erhalten und konnte nun digitalisiert werden.

Der Unmut über die offizielle Rundfunkpolitik der Schweiz mit ihren Monopolsendern wuchs in den 1970er Jahren. Spätestens seit Roger Schawinskis Radio 24 aus italienischem Staatsgebiet heraus die Schweiz beschallte, war er nicht mehr überhörbar. Der Bundesrat reagierte im Sommer 1982 mit einer neuen Rundfunkverordnung, die es privaten Trägerschaften ermöglichte, legale Radiostationen in der Schweiz zu betreiben. Aus der Flut von Konzessionsgesuchen wählte man schliesslich 36 Eingaben aus. Zur grossen Überraschung gehörte auch Radio Riesbach dazu: Als Quartierradio konzipiert, gehörte es zu den bescheidensten Gesuchen mit einem kleinen Einzugsgebiet, das lediglich 30’000 potenzielle HörerInnen umfasste.

Das Konzessionsgesuch der InitiantInnen formulierte zwei Ziele: Zum einen sollte mit den Sendungen die Kommunikation und die kulturelle Eigenproduktion im Quartier gefördert werden. Zum anderen wollte man gesellschaftliche Aktivitäten im Quartier begleiten, über sie informieren und damit das Quartierleben einer breiten Öffentlichkeit näherbringen. Die aktive Beteiligung der BewohnerInnen am Radiobetrieb war ausdrücklich erwünscht. Radio Riesbach setzte auf die aktive Teilhabe interessierter QuartierbewohnerInnen und wollte insbesondere die Interaktion zwischen den Generationen sowie zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen ankurbeln.

Am 1. April 1984 nahm Radio Riesbach den Betrieb auf. Am Sonntagmittag sowie am Montag- und Donnerstagabend sendete das Team aus dem Studio im gleichnamigen Quartierzentrum. Es dominierten Sendegefässe wie das Quartier-Journal oder das Quartier-Mosaik mit kürzeren oder längeren Beiträgen über das Leben in Riesbach und mit Veranstaltungshinweisen. In den 1980er/90er Jahren entfaltete sich im Quartier eine rege Bautätigkeit, welche die soziale Zusammensetzung veränderte und viel günstigen Wohnraum vernichtete. Die Folgen dieser Gentrifizierung waren immer wieder Thema im Radio Riesbach. Am Mikrofon äusserten sich nicht nur PolitikerInnen dazu, sondern auch zivilgesellschaftliche Gruppierungen wie der Verein Inneres Seefeld, die den Entwicklungen kritisch gegenüberstanden. Wiederholt berichtete das Radio auch über soziale Probleme im Quartier wie Drogensucht oder die Auffangstation Tiefenbrunnen. Mehr dem Alltäglichen zugewandt waren die Sendungen zu Themen wie Gärtnern, Kompostieren, Abfallbewirtschaftung und Ernährung.

Der Betrieb von Radio Riesbach basierte auf unbezahlter Freiwilligenarbeit. Organisatorisch sorgten die verschiedene Kompetenzgruppen (Redaktion, Themensuche, Technik) dafür, dass die wöchentlichen Sendungen zustande kamen. Wie bei vergleichbaren Projekten auch spielte die Selbstreflexion und das Werweissen über den einzuschlagenden Weg auch bei Radio Riesbach eine wichtige Rolle. Die bange Frage, ob sich all die Arbeit lohne und ob man überhaupt gehört werde, versuchten die Verantwortlichen mit einer telefonischen Umfrage im Quartier zu beantworten. Und schon 1988 befasste sich eine Diplomarbeit des Geographischen Instituts der Uni Zürich mit dem Thema «Ziel und Wirkung eines Quartierradios am Beispiel von Radio Riesbach». Eine treue Hörerin war übrigens die Staatsschutzabteilung der Stadtpolizei Zürich, die das Radio in den ersten vier Jahren seines Bestehens observierte. Im Archivbestand ist ein Sendungsprotokoll eines Beamten vorhanden, das in seiner Akribie durchaus mit den Erschliessungsstandards des Sozialarchivs konkurrenzieren kann.

Als Trägerschaft fungierte ein Verein, der auf dem Höhepunkt 1985 immerhin 181 Mitglieder zählte. Der anfängliche Enthusiasmus begann aber bald zu erlahmen und nach rund fünf Jahren sank die Mitgliederzahl auf 119. Es zeichnete sich ab, dass ein kontinuierlicher Betrieb immer schwieriger zu organisieren war. Im März 1991 schliesslich stellte das Radio den Betrieb ein, weil die Aktiven keine NachfolgerInnen mehr fanden. Die letzte Sendung ging am 24. März 1991 über den Äther. Im Gemeinschaftszentrum Riesbach fanden sich für die Abschlussfeier und die Live-Sendung nochmals viele RadiomacherInnen und HörerInnen ein.

In den sieben Betriebsjahren entstanden 709 Sendungen. Davon hat Liz Mennel, eine der InitiatorInnen, 144 Sendungen bzw. fast 200 Sendestunden aufgenommen. Vergleicht man die Sendungen mit anderen privaten Radioprojekten, fällt – neben der wohltuenden Absenz von Werbung – der hohe Wortanteil auf. Hintergrundrecherchen, Interviews und Reportagen zeugen von einem grossen Vorbereitungsaufwand. Der Bestand dürfte insbesondere für die Erkundung der Pionierzeit des privaten Radios in der Schweiz interessant sein und für eine noch zu schreibende Mikrogeschichte des Kulturlebens in einem Quartier.

Dank einer Finanzierungsbeihilfe von Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, konnte der Bestand digitalisiert werden und ist nun online zugänglich.

Quellen:

Ar 598.10.1: Die Radio-Riesbach-Story. Die Geschichte des einzigen Quartierradios der Schweiz, aufgezeichnet von seinen Macherinnen und Machern. Verein Radio Riesbach, Zürich 1992.
Ar 598.10.3a: Brigitta Walser Zalunardo: Radio Riesbach. Ziel und Wirkung eines Quartierradios am Beispiel von Radio Riesbach. Geographisches Institut, Zürich 1988.

Sonos – Schweizerischer Hörbehindertenverband (F 5153)

Der Schweizerische Hörbehindertenverband Sonos wurde 1911 von Eugen Sutermeister als «Schweizerischer Fürsorgeverein für Taubstumme» gegründet. Ein Jahr später wurde der Verein Träger der 1907 ebenfalls von Sutermeister gegründeten «Schweizerischen Taubstummenzeitung». 1933 schloss sich der Verein mit der «Schweizerischen Vereinigung für Bildung taubstummer und schwerhöriger Kinder» zum «Schweizerischen Verband für Taubstummenhilfe» zusammen. Im Jahr 1954 übernahm der Verband die Trägerschaft der Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung (BSFH) in Zürich-Oerlikon. In den Jahren 1960 und 1978 folgten weitere Umbenennungen des Verbandes zu «Schweizerischer Verband für Taubstummen- und Gehörlosenhilfe» bzw. «Schweizerischer Verband für das Gehörlosenwesen», bis im Jahr 2002 der Namenswechsel zu «Sonos» stattfand – dannzumal allerdings noch mit dem Namenszusatz «Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen». Im November 2017 übernahm Sonos die Plattform «hearZONE», eine Firma von Menschen mit einer Hörbehinderung, die seit 2013 Sensibilisierungskampagnen und Öffentlichkeitsarbeit im Interesse von Menschen mit einer Hörbehinderung leistet. Mit der Übernahme folgten wichtige Änderungen im Dachverband und seit dem Beschluss der ausserordentlichen Delegiertenversammlung im Januar 2018 heisst der Verband «Sonos – Schweizerischer Hörbehindertenverband».

Dem Dachverband Sonos gehören heute 43 Mitgliederorganisationen an; er setzt sich dafür ein, Barrieren für Hörbeeinträchtigte und Gehörlose abzubauen. Ferner bietet Sonos Unterstützung bei der wirtschaftlichen und sozialen Eingliederung von Menschen mit Hörbeeinträchtigung, koordiniert berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung und sorgt zusammen mit Partnern für die Sicherstellung des bedürfnisgerechten Dolmetscherdienstes.

Der Bildbestand von Sonos ist grösstenteils Eugen Sutermeister zu verdanken, welcher bei den meisten Aufnahmen selbst hinter der Kamera stand. Sutermeister wurde am 16. November 1862 in Küsnacht am Zürichsee geboren. Mit vier Jahren erkrankte er an einer schweren Hirnhautentzündung, deretwegen er sein Gehör verlor. Auf Wunsch seines Vaters absolvierte Sutermeister eine Lehre als Graveur mit anschliessender Gesellenzeit an verschiedenen Orten. Die Unzufriedenheit mit seinem Beruf stürzte Sutermeister in eine Krise. Seine Eltern schickten ihn daraufhin in verschiedene Gehörlosenanstalten und -heime. Bei einem Kuraufenthalt in Bad Boll lernte Sutermeister seine spätere Ehefrau Susanna Bieri kennen. 1894 kehrte Eugen Sutermeister in die Schweiz nach Bern zurück, wo er eine Stelle als Gehilfe in einer Buchhandlung antrat. Zwei Jahre später, im Oktober 1896, heirateten Susanna Bieri und Eugen Sutermeister. Kurze Zeit arbeitete er bei der Eidgenössischen Landestopographie als Kupferstecher. Aus gesundheitlichen Gründen musste er die Anstellung wieder aufgeben und wagte danach den Schritt in die Selbstständigkeit. Er eröffnete in Aarau einen kleinen Verlag, in dem er zunächst mehrere Zeitschriften für Hörende herausgab. Schliesslich erschien mit «Lieder eines Taubstummen» seine erste eigene Publikation, auf welche noch zwei weitere Liederbändchen folgten. Ausserdem wirkte Sutermeister ab 1903 als kantonaler Taubstummenprediger von Bern.

Eugen Sutermeister schwebte schon seit Längerem die Herausgabe einer eigenen Taubstummenzeitung für die Schweiz vor, welche den Kontakt zwischen den oftmals weit verstreut lebenden Gehörlosen und deren Weiterbildung fördern sollte. Auf eigenes Risiko gab Sutermeister schliesslich am 1. Januar 1907 die erste Nummer der «Schweizerischen Taubstummenzeitung» heraus. Er blieb bis zu seinem Tod Redaktor der Zeitung, die später «Gehörlosenzeitung» hiess.

Bei seiner Tätigkeit als bernischer Taubstummenprediger und -fürsorger stiess Sutermeister jedoch zunehmend an seine Grenzen. Deshalb veröffentlichte er 1910 eine Broschüre mit dem Titel «Fürsorge für erwachsene Taubstumme in der Schweiz – Denkschrift und Aufruf an das Schweizervolk». Das Echo auf die Publikation war derart positiv, dass sich im März 1911 ein Initiativ-Komitee bildete, dem unter anderem ein Bundesrat, National- und Ständeräte, Ärzte und Pfarrer angehörten. Aus dieser Initiative entstand am 2. Mai 1911 der «Schweizerische Fürsorgeverein für Taubstumme». Eugen Sutermeister wurde als Zentralsekretär und Susanna Sutermeister als Aktuarin gewählt.

Im Rahmen seiner vielseitigen Tätigkeiten im Gehörlosenwesen sammelte Eugen Sutermeister bereits ab 1896 diverses Bild- und Schriftmaterial und brachte dieses in seiner privaten Bibliothek unter. Er pflegte Kontakte im In- und Ausland und besuchte Landesbibliotheken und Staatsarchive, um Dokumente einzusehen und diese teilweise von Hand abzuschreiben. Er besichtigte Schulen und Heime für Gehörlose und machte fotografische Aufnahmen von den Institutionen und Einzelpersonen. Im Jahr 1929 veröffentlichte Eugen Sutermeister mit dem zweibändigen Titel «Quellenbuch zur Geschichte des Schweizerischen Taubstummenwesens: ein Nachschlagebuch für Taubstummenerzieher und Freunde» sein Lebenswerk. Auf rund 1’440 Seiten mit 400 Bildern legte er dar, was er in seiner bisherigen Tätigkeit recherchiert, zusammengetragen oder selbst geschrieben hatte. Neben dem Quellenbuch publizierte Sutermeister weitere Schriften, führte Briefwechsel mit Behörden, Fachleuten und Gehörlosen und wurde regelmässig an Tagungen und Kongresse als Referent eingeladen.

Am 8. Juni 1931 starb Eugen Sutermeister an den Folgen einer Herzschwäche in Bern. Susanna Sutermeister starb vier Jahre später. Sie unterstütze zeitlebens ihren Ehemann bei seiner Arbeit, indem sie ihn unter anderem auf Reisen ins In- und Ausland begleitete und als Vermittlerin und Beraterin für Gehörlose wirkte.

Der Bildbestand des Schweizerischen Hörbehindertenverbands Sonos im Sozialarchiv umfasst rund 460 Glasdias, von denen etwa ein Drittel auch als Papierabzüge vorhanden ist. Einen Grossteil des Bestandes machen sechs Fotoalben aus, welche von Sutermeister persönlich angelegt wurden und mehrheitlich Abzüge der Glasdias beinhalten. Ein Fotoalbum mit dem Titel «Die Schweizerischen Taubstummen-Anstalten und -Heime in Wort und Bild» erstellte Sutermeister für die Landesausstellung 1914. Das Album wurde an der Landesausstellung für die BesucherInnen zur Ansicht ausgelegt und zeigte Aufnahmen von damaligen Gehörlosenanstalten und -heimen in der Schweiz sowie von Gottesdiensten und Kongressen der Gehörlosen. Die weiteren fünf Alben entstanden zu einem späteren Zeitpunkt. Sutermeister porträtierte in ihnen detailliert das Gehörlosenwesen von der Jahrhundertwende bis in die 1920er Jahre im In- und Ausland. Neben den Gehörloseninstitutionen und deren BewohnerInnen sind oftmals die zahlreichen «Taubstummenbünde und -vereine» während ihrer Aktivitäten oder die unterschiedlichen Berufsbilder von Gehörlosen abgebildet. Einige der Aufnahmen finden sich auch im 1929 erschienenen Lebenswerk von Sutermeister, dem «Quellenbuch zur Geschichte des Schweizerischen Taubstummenwesens», wieder. Ausserdem sind einige private Aufnahmen von Eugen und Susanna Sutermeister vorhanden, welche das Paar beispielsweise daheim mit Gästen oder in den Wanderferien zeigen.

Neben diesen Fotos aus der Vor- und Frühzeit des Verbandes sind noch Aufnahmen aus den 1980er und 1990er Jahren vorhanden, die vermutlich für die Öffentlichkeitsarbeit verwendet wurden. Sie zeigen verschiedene Alltagssituationen von Gehörlosen, beispielsweise einen Arztbesuch oder ein Bewerbungsgespräch. Ausserdem sind rund 40 Objekte aus der Frühzeit der Verbandstätigkeit vorhanden, wobei es sich grösstenteils um Karten, Foto- oder Lauttafeln handelt.

Quellen:

findmittel.ch/archive/archNeu/Ar621.html
hoerbehindert.ch/ueber-uns/
100 Jahre sonos… im Einsatz für Gehörlose und Schwerhörige! 1911 bis 2011. Festschrift. Sonos, Zürich 2011, S. 9-16. Gr 12733