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Neu im Archiv: Dokumentation zum Thema «Glücksspiel/Spielsucht»

In der Schweiz wurden Glücksspiele seit dem Mittelalter als gefährliche Streit- und Verarmungsursachen oft verboten oder örtlich und zeitlich eingeschränkt. Auch das im 18. Jahrhundert aufkommende Lotteriewesen wurde bald und zunehmend als Unsitte empfunden. 1915 wurden Lotterien in allen Kantonen verboten. Ausgenommen waren lediglich Lotterien zu gemeinnützigen oder wohltätigen Zwecken (Bundesgesetz von 1923 betreffend die Lotterien und gewerbsmässigen Wetten). Diese erwirtschaften heute einen jährlichen Gewinn von mehr als 500 Millionen Franken, der gemeinnützigen Zwecken oder den Kassen der Kantone zugute kommt. Spielbanken oder Casinos wurden mit der Bundesverfassung von 1874 verboten. Für Glücksspiele war der Einsatz auf 5 Franken beschränkt. 1993 stimmten die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger dann aber für die Aufhebung des Spielbankenverbots. Heute weist die Schweiz mit 19 Spielbanken die grösste Casino-Dichte der Welt auf. Folgen, Risiken und soziale Kosten der Glücksspiele sind seit der Aufhebung des Spielbankenverbots ein Dauerthema. Längst ist die Glücksspielsucht keine Randerscheinung mehr. Gemäss Schätzungen sind in der Schweiz etwa 80’000 Personen süchtig nach dem Glücksspiel, oder sie spielen so intensiv, dass ihr Verhalten als problematisch bezeichnet werden muss. Neben dem klassischen Casino mit Roulette und Pokertischen sind es heute vor allem die Casinos mit den Spielautomaten (Slot machines), die Menschen an sich binden. Dazu kommen vielfältige Angebote von Glücksspielen im Internet.

Von Mario Gmür, Glücksspiel- und Casinokritiker der ersten Stunde, konnte das Schweizerische Sozialarchiv nun eine umfangreiche Dokumentation zu den Themen "Spielbanken" und "Spielsucht" übernehmen. Neben zahlreichen Drucksachen und Zeitungsausschnitten enthält die Sammlung in erster Linie Unterlagen zu den eidgenössischen und kantonal-zürcherischen Volksabstimmungen (Aufhebung Spielbankenverbot 1993; Verbot von Geldspielautomaten 1991; sog. Fairplay-Initiative 1995), Materialien der Expertenkommission Spielbankengesetz (v.a. aus den Jahren 1993-1994) und Akten des "Vereins gegen finanziell ruinöse Geldspiele" aus den Jahren 1994-2008. Von Mario Gmür selbst sind die eigenen Beiträge, Referate, Artikel und Notizen zum Thema sowie die Korrespondenzen, einschliesslich anonymer Zuschriften, vorhanden. Der Umfang der Dokumentation beträgt 1.5 laufende Meter; abgedeckt ist der Zeitraum zwischen 1978 und 2008 mit einem Schwerpunkt auf den 1990er Jahren.

Archive der Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS)

Im Sommer 2007 konnte das Schweizerische Sozialarchiv umfangreiche Archivbestände der Partei der Arbeit der Schweiz übernehmen. Dabei handelte es sich um Akten, die im Sekretariat der PdAS an der Rotwandstrasse in Zürich und an weiteren Orten in und um Zürich aufbewahrt wurden: die Archive der Partei der Arbeit der Schweiz und der PdA des Kantons Zürich, das Archiv der Verlagsgenossenschaft "Vorwärts" und das Archiv des Kommunistischen Jugendverbandes (KJV). Leider sind die Archivbestände der PdA und ihrer Organisation lückenhaft überliefert und stark zersplittert. Archivgut in unbekanntem Umfang lagert nach wie vor in Basel und Genf. Weitere Unterlagen befinden sich in Privatbesitz, und ein kleinerer Teil des Parteiarchivs gelangte im Jahr 2001 aus der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung in die Zentralbibliothek Zürich.
Umso grössere Bedeutung kommt den Nachlässen von Exponentinnen und Exponenten der PdA zu. Solche Nachlässe enthalten vielfach wichtige Unterlagen zur Geschichte der PdA und bilden eine höchst wertvolle Ergänzung der offiziellen Archivbestände. In den letzten Jahren konnte das Schweizerische Sozialarchiv eine ganze Reihe solcher Nachlassbestände übernehmen. Zu erwähnen sind hier in erster Linie die privaten Sammlungen und Dokumentationen von Edgar Woog, Marino Bodenmann, Max Meier, Fritz Heeb, Karl Göhri, Paul Fell, Otto Schudel, Karl Palma und Heiri Strub.
Die Archivbestände der PdA sind aus nachvollziehbaren Gründen nicht einfach frei zugänglich. Für die Konsultation braucht es eine Bewilligung der Parteileitung. Erfreulicherweise werden Gesuche um Einsichtnahme aber sehr speditiv und unkompliziert behandelt. So wurden die PdA-Archive in den letzten zwei Jahren für wissenschaftliche Zwecke bereits rege benutzt.

Neu im Archiv: Der Nachlass von Harry Gmür (1908-1979)

Vor einem guten Jahr, am 14. Mai 2009, führte das Sozialarchiv gemeinsam mit dem Chronos-Verlag die Veranstaltung "Harry Gmür – Bürger, Kommunist, Journalist" durch. Konkreter Anlass war die gleichnamige Buchpublikation von Markus Bürgi und Mario König, die nebst einem ausführlichen biografischen Teil auch politische Kommentare und Reportagen von Harry Gmür enthält.
Harry Gmür selbst entstammte einer wohlhabenden Berner Familie und wuchs, umsorgt von Dienstboten, in einem grossbürgerlichen Haushalt auf. Früh wandte er sich politisch nach links, Ende der 1930er Jahre wurde er Kommunist. Kalter Krieg und Antikommunismus zerstörten jedoch seine Hoffnungen und drängten ihn in eine tiefe politische und persönliche Krise. In der zweiten Lebenshälfte machte Harry Gmür dann als Reporter und viel gelesener Reiseschriftsteller Karriere – unter Pseudonym und in der DDR.

Aus dem Besitz der Erben konnte das Schweizerische Sozialarchiv nun den schriftlichen Nachlass von Harry Gmür übernehmen. Dessen Archiv enthält in erster Linie die Manuskripte seiner Bücher: vom 1927 publizierten Gedichtband über die Dissertation "Thomas von Aquino und der Krieg" von 1933 bis hin zu Reisebüchern der 1960er und 70er Jahre. Vorhanden sind auch hand- und maschinenschriftliche Fassungen ungedruckter Texte sowie eine mehr oder weniger vollständige Sammlung der Zeitschriften- und Zeitungsartikel, für die Harry Gmür u.a. die Pseudonyme Stefan Miller, Manfred Graber und Beat Haller verwandte. Die umfangreiche Dokumentation des publizistischen Werkes von Harry Gmür wird ergänzt durch aufschlussreiche lebens- und familiengeschichtliche Dokumente.

Der Nachlass von Harry Gmür ist zurzeit in Bearbeitung und wird interessierten Forscherinnen und Forschern demnächst zur Verfügung stehen.

Faszinierende Tondokumente zur 80er Bewegung

Zu Beginn der 1980er Jahre formierten sich in einigen Schweizer Städten bedeutende Jugendbewegungen. Im Zentrum der Forderungen standen eine stärkere Berücksichtigung ihrer kulturellen Bedürfnisse durch die öffentliche Hand und möglichst autonome Freiräume. In Zürich wurde der Kampf um ein Autonomes Jugendzentrum (AJZ) besonders intensiv geführt. Die Auseinandersetzungen wurden oft auf der Strasse und gewalttätig ausgetragen. Die tiefe Abneigung vieler Jugendlicher gegen hierarchische Strukturen äusserte sich auch in der Art, wie diese Jugendbewegung ihre Forderungen, Strategien und Aktionen festlegte: Nicht Leaderfiguren oder exklusive Führungszirkel entschieden über den nächsten Demonstrationstermin oder die Verhandlungstaktik mit der Stadt, sondern die für alle Interessierten zugängliche Vollversammlung.

Das Sozialarchiv verfügt über Aufnahmen der ersten zehn Vollversammlungen aus dem Zeitraum zwischen dem Opernhauskrawall, der die Bewegung ausgelöst hatte, und der Eröffnung des AJZ an der Limmatstrasse. Diese Aufnahmen sind seit rund fünf Jahren katalogisiert und ausleihbar; sie wurden nun aber inhaltlich mit Sequenzprotokollen erschlossen, die auf der Datenbank Bild + Ton einsehbar sind. Ein Online-Streaming ist geplant.

Die Aufnahmen entstanden zwischen dem 1. und 28. Juni 1980 in der Roten Fabrik, im Volkshaus, im Platzspitz Park oder im Festzelt vor dem Opernhaus. Die Vollversammlungen waren vor allem in der Anfangszeit Massenanlässe mit bis zu 3’000 Teilnehmenden. Trotz dieses grossen Andrangs und oft stundenlanger Debatten um strategische Finessen dürften die Vollversammlungen – neben dem Druck von der Strasse – wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Stadt nur einen Monat nach den Ereignissen vor dem Opernhaus der Jugend die Liegenschaft an der Limmatstrasse als Treffpunkt überliess.

Vieles an diesen Aufnahmen ist faszinierend. 1980 sind die Feindbilder noch klar definiert: Die politischen Handlungsträger kommen durchwegs schlecht weg, seien sie Vertreter der Stadtexekutive oder linke "Oppositions"-Politiker aus dem Gemeinderat. Das Vertrauen der Jugendlichen in hergebrachte politische Aushandlungsprozesse ist nach jahrelanger Hinhaltetaktik gründlich zerstört. An der Vollversammlung vom 4. Juni 1980, an der auch Stadtpräsident Sigmund Widmer und Sozialvorsteherin Emilie Lieberherr teilnehmen, wird deutlich, wie tief diese Gräben sind. Beide Politiker/innen reagieren verständnislos und irritiert auf die ultimativen Forderungen der Jugendlichen. Die Vollversammlung ihrerseits ist zu keinerlei Kompromissen bereit, wenn es etwa darum geht, der Forderung der Stadt nach einer Verhandlungsdelegation nachzukommen. In anderen Bereichen kann die Vollversammlung aber keine konsequente Marschrichtung ausgeben: Die Frage, wieweit die Militanz gehen dürfe, um das Ziel AJZ zu erreichen, wird mehrmals kontrovers und letztlich ergebnislos diskutiert.

Nach rund 30-stündiger Debatte an zehn Vollversammlungen und mehreren Demonstrationen hat die Jugendbewegung ihr Hauptziel erreicht: Am 28. Juni 1980 wird das AJZ mit einer (leider nicht mehr überlieferten) Vollversammlung und einem Fest eröffnet.

Verteilung von Colis Suisse 1944 in Lyon: Jeder Arbeiter erhält 2 kg Zucker, 1 kg Linsen, 1/2 kg Teigwaren, 1 Büchse Tomatenpüree und 2 Büchsen Sardinen. (F_5025-Fb-006)
Verteilung von Colis Suisse 1944 in Lyon: Jeder Arbeiter erhält 2 kg Zucker, 1 kg Linsen, 1/2 kg Teigwaren, 1 Büchse Tomatenpüree und 2 Büchsen Sardinen. (F_5025-Fb-006)

Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH

Während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs nahm das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH eine ausgedehnte Versorgungs- und Unterstützungstätigkeit in den umliegenden Ländern auf. Was 1944 mit wenigen nach Frankreich verschickten Lebensmittelpaketen begann, wuchs sich rasch zu einer Grossaktion aus: Die Aktion unter der Bezeichnung "Colis Suisse" lieferte Ende der 1940er Jahre monatlich bis zu 60’000 Pakete nach Italien, Deutschland, Österreich und Frankreich. Dank der Solidarität der Arbeiterbewegung konnte die Bevölkerung der kriegsversehrten Nachbarländer auch mit Möbeln und Kleidern versorgt werden. In der Schweiz führte das SAH mehrere Ferienheime, dank derer auch finanziell schlechter gestellte Familien Ferien machen konnten.

Das Bildarchiv des SAH umfasst mehr als 1’500 Fotos. Der Fokus liegt auf den 1940er und 1950er Jahren. Besonders gut dokumentiert sind die Hilfsaktionen der letzten Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahre in den Nachbarländern. Hermann Freytag und Ernst Koehli, zwei Zürcher Fotografen aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung, haben die Tätigkeiten des SAH über Jahre hinweg verfolgt und in nüchterner Weise festgehalten. Die Tätigkeiten späterer Jahre sind nur noch spärlich fotografisch dokumentiert.

Neu im Archiv: Eine Gewerkschaft der Gewerkschafter

Mit der Ablieferung der Unia-Vorgängerorganisationen gelangten im Jahr 2005 auch die historischen Akten des "Vereins der Angestellten sozialer Organisationen in der Schweiz" (Association et Fondation des employés des organisations sociales en Suisse) ins Sozialarchiv. Es handelt sich zwar nur um einen kleinen, aber besonders interessanten Bestand, der hier kurz vorgestellt werden soll.

Die "Gewerkschaft der Angestellten der Arbeiterbewegung" konstituierte sich 1912 in Zürich als Zusammenschluss der vollamtlichen Funktionäre von Sozialdemokratischer Partei, Gewerkschaften, Arbeiterpresse und Genossenschaften. Die Initiative zur Gründung ging von Johann Sigg (1874-1939, Redaktor beim "Volksrecht"), Fritz Nehrwein (1878-1943, "Volksrecht"-Administrator) und Max Bock (1881-1946, Zentralpräsident der sozialistischen Jugendorganisation und Redaktor der "Freien Jugend") aus. Von allem Anfang an gehörten dem Verein auch die bekanntesten Vertreter der schweizerischen Arbeiterbewegung an. Herman Greulich, Robert Grimm, Konrad Ilg, Ernst Nobs und Marie Hüni: alle gehörten sie zu den Gründungsmitgliedern. Vereinszwecke waren die zentralen Gewerkschaftsanliegen: Verbesserung der wirtschaftlichen Stellung, einheitliche Arbeitsverträge, Schaffung einer Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung, Förderung allgemein beruflicher Interessen durch Abhaltung von Bildungskursen.

Viele vollamtliche Funktionäre litten damals unter prekären Anstellungsbedingungen. Gehälter, Arbeitszeiten und Spesenvergütungen waren unzulänglich geregelt und auch um den Kündigungsschutz war es schlecht bestellt. Wie es im Jubiläumsbericht von 1942 heisst, wurde "unsere Einmischung von verschiedenen Verbänden nicht recht verstanden und der ‹Herr-im-Haus-Standpunkt› ziemlich deutlich vorgekehrt. Es brauchte oftmals sehr grosse Redekunst, bis man dem Vorstand einer Organisation beigebracht hatte, dass seine Auffassung unrichtig und der Sekretär wie sie Anspruch auf ein menschenwürdiges Dasein habe.“ Weit verbreitet war insbesondere die Auffassung, dass die Funktionäre „das proletarische Empfinden einbüssen könnten", wenn man sie etwas besser stellen würde als die Arbeiter in den Betrieben.

Die Protokolle und Berichte des VASO geben einen einmaligen Einblick ins Innenleben der schweizerischen Arbeiterbewegung. Hier werden nicht nur klassische Arbeitskonflikte behandelt, sondern auch persönliche Konflikte zwischen Funktionären oder das Verhältnis zwischen Sozialdemokratischer Partei und Gewerkschaftsbewegung.

Mit dem Aufbau der sozialstaatlichen Sicherungssysteme nach 1945 verlor der Versicherungszweck für den VASO an Bedeutung. Die Kasse wurde in eine Stiftung umgewandelt, die bei Alter, Invalidität und Tod einmalige Entschädigungen entrichtet sowie neu Stipendien auszahlt. Die 2004 revidierten Statuten stellen die Förderung der beruflichen Aus- und Weiterbildung ganz ins Zentrum. Voraussetzungen für die Mitgliedschaft im VASO sind heute die Anstellung bei einer sozialen Organisation im weiteren Sinn (Gewerkschaft, Partei, Genossenschaft, Non-Profit-Organisation) sowie die Mitgliedschaft bei einer SGB-Gewerkschaft.

Archivverzeichnis: www.findmittel.ch

Handakten – Unterlagen mit hohem Quellenwert

Unter "Handakten" verstehen Archivarinnen und Archivare Unterlagen, die von einer Funktionsträgerin bzw. von einem Mitarbeiter zum persönlichen Gebrauch geführt werden. Handakten sind also Dokumente, die neben der offiziellen Ablage existieren und meist eigene Notizen, Dokumentationsmaterial oder einfach nur Kopien wichtiger Unterlagen enthalten. Für Handakten charakteristisch ist die Mischung von persönlichen und "offiziellen" Unterlagen. Gerade handschriftliche Ergänzungen oder maschinenschriftliche Aktennotizen können besonders wertvolle Einblicke in die eigene Tätigkeit oder in das Geschehen innerhalb einer Organisation oder einer sozialen Bewegung vermitteln.

Im Jahr 2009 konnte das Sozialarchiv verschiedene Handakten-Bestände aus Privatbesitz übernehmen. Sie eignen sich besonders gut, um den hohen Quellenwert solcher Unterlagen zu illustrieren:

Handakten von Anne-Marie Holenstein, 1975-1984

Im Sommer 2009 erhielt das Schweizerische Sozialarchiv von Anne-Marie Holenstein Unterlagen zu den Aktivitäten der IPRA Food Policy Study Group. Die Aktivitäten dieses von Anne-Marie Holenstein koordinierten Netzwerks gehen zurück auf das Sommerseminar 1975 der IPRA (International Peace Research Association) in Västerhaninge, Schweden. Höhepunkt der Zusammenarbeit war die Gegeninformation zur Weltkonferenz über Agrarreform und ländliche Entwicklung, die 1979 in Rom stattfand. Die vorhandenen Dokumente vermitteln einen ausgezeichneten Einblick in die zum Teil recht kontroversen internen Diskussionen und geben Aufschluss über die personelle Zusammensetzung der internationalen Aktivistengruppe. Aus nahe liegenden Gründen wurden diese Unterlagen in den Archivbestand der Erklärung von Bern (SozArch Ar 430) integriert.

Handakten von Vreni Heer, 1975-1998

Die Zürcher Rechtsanwältin Vreni Heer (1945-2009) präsidierte in den 1980-er Jahren die Frauenkommission des VPOD. Gleichzeitig vertrat sie die Frauenkommission auch im Verbandsvorstand des VPOD. Die Unterlagen dokumentieren zum einen das persönliche Engagement von Vreni Heer für die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz, zum anderen aber auch die langsam, aber stetig wachsende Akzeptanz von gleichstellungs- und frauenpolitischen Forderungen innerhalb der schweizerischen Gewerkschaften. Die Handakten von Vreni Heer wurden dem VPOD-Archiv (SozArch Ar 39) einverleibt.

Handakten Verena Lüdi, 1955-1961

Verena Lüdi (* 1923) studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Zürich und Genf. Am 3. Januar 1956 eröffnete sie als erste selbstständige weibliche Anwältin eine Anwaltspraxis. 1958 gehörte sie zu den Mitorganisatorinnen der SAFFA (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit). Die Handakten dokumentieren die Tätigkeit von Verena Lüdi als Präsidentin der Finanzkommission. Nebst einer umfangreichen Korrespondenz sind auch diverse Geschäfts- und Finanzunterlagen der SAFFA 58, Akten zur Ausstellungslotterie und zu diversen Rechtsfällen sowie Unterlagen zur Kinokommission vorhanden. Vor allem die Aktennotizen und die Briefe sind für die Arbeitsweise und das Klima im Organisationskomitee, aber auch ganz allgemein für den damaligen Zeitgeist sehr aufschlussreich. Die Handakten von Verena Lüdi wurden als Bestandteil des Archivbestandes SAFFA 58 (SozArch Ar 17) verzeichnet.

Geschenkbibliothek des Vereins netzwerk-verdingt

Das Sozialarchiv übernimmt die Bibliothek «Verdingkinder, Heim- und Pflegekinder» des Vereins netzwerk-verdingt.

Der Verein netzwerk-verdingt hat als Interessenvertreter von Betroffenen eine Fachbibliothek zum Thema Fremdplatzierung zusammengetragen und dem Schweizerischen Sozialarchiv als Geschenk übergeben. Die Bibliothek, die als Instrument der Bewusstseinsbildung und der Aufarbeitung der Geschichte von Verding- und Pflegekindern dient, erhält dadurch erhöhte Visibilität und eine optimale Zugänglichkeit für die interessierte Öffentlichkeit. Die Bücher können im NEBIS-Katalog bestellt und ausgeliehen werden.

Die Fachbibliothek «Verdingkinder, Heim- und Pflegekinder» wird gegen 400 Werke in den Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch umfassen. Sie enthält neben Werken aus der Schweiz auch zahlreiche Titel aus dem umliegenden Ausland.
Den grössten Anteil nehmen Autobiografien, Reportagen und andere Selbstzeugnisse von Betroffenen ein. Unter den Autorinnen und Autoren sind Peter Surava, Arthur Honegger zu nennen oder die kämpferische Louisette Buchard-Molteni, deren Autobiografie «Le tour de suisse en cage» im Kanton Waadt eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte fremdplatzierter Kinder auslöste. Bedeutend ist die Zahl der autobiografischen Aufzeichnungen und Erinnerungen von Betroffenen, die keine bekannten Namen tragen. Ihre Aufzeichnungen sind wichtige Quellen, um Einblicke in die misslichen Lebensverhältnisse von Verdingkindern zu erhalten. Darüber hinaus erfährt man Einiges über Armut, Ausgrenzung und Gewalt.
Die Fachbibliothek umfasst weiter eine grosse Anzahl Klassiker der Welt- und Jugendliteratur, u. a. von Jeremias Gotthelf und Carl A. Loosli, von Charles Dickens und Hector Malot. Eine Fülle belletristischer Darstellungen, Romane und Erzählungen ergänzen die Sammlung, dazu kommen Bildbände und ein Comic.
Als zweiten Schwerpunkt enthält die Fachbibliothek «Verdingkinder, Heim- und Pflegekinder» wissenschaftliche Publikationen und Standardwerke zu den Themen Verding-, Heim-, Findel-, Pflege- und Adoptivkinder.

Das Schweizerische Sozialarchiv erhält mit der Geschenkbibliothek eine wertvolle Ergänzung und Vertiefung seiner Bestände zu Themen wie Fremdplatzierung von Kindern, ausserfamiliärer Erziehung, zur Geschichte der Kindheit oder allgemeiner zu gesellschaftlichen Verhältnissen von Armut, Gewalt und Kinderarbeit.

Videos aus dem Gewerkschaftsleben

Ähnlich wie andere soziale Bewegungen entdeckten die Gewerkschaften Ende der 1970er Jahre das Medium Video als Möglichkeit, sich selber zu dokumentieren. Die Videos sind aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Die Verbreitung von Consumerformaten wie U-Matic, VCR und VHS machte die Aufnahme von Videos finanziell erschwinglich und technisch auch für Laien schnell erlernbar.

Im Unterschied aber zur Jugendbewegung etwa, die sich innovativ die verschiedenen Ausdrucksformen des Mediums aneignete und Agitations-, Kunst- und parodistische Videos drehte, beschränkte sich das gewerkschaftliche Videoschaffen in den Pionier- und Experimentierjahren auf rein Dokumentarisches: Aufnahmen existieren vom Kongress der Gewerkschaft Textil Chemie Papier GTCP von 1978 in Luzern (Signatur: F 9013-025ff.), von einer Krisensitzung derselben Gewerkschaft 1977 (F 9013-019ff.) und von einer Jugendkonferenz der Gewerkschaft Bau und Holz (GBH von 1980, F 9013-031).

Die Aufnahmen sind zwar laienhaft, mit Tonstörungen oder -ausfällen behaftet und manchmal kurios lückenhaft oder langatmig. Als Zeitdokumente sind sie trotzdem von Bedeutung. Gerade die Aufnahmen des GTCP-Kongresses von 1978 und der erwähnten Krisensitzung geben einen Eindruck vom Zustand einer Gewerkschaft in schwieriger Zeit: Zum einen sorgten die Absatzeinbrüche in der Textilindustrie der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre und spektakuläre Schliessungen wie die des Firestone-Werks in Pratteln 1977 zu einer Krisenstimmung; die Mitgliederzahlen stiegen nicht etwa, sondern stagnierten oder gingen gar zurück. Zum andern entwickelten sich gewerkschaftsintern Spannungen zwischen der konsensorientierten alten Garde und jungen Kräften, die die bestehenden Verhältnisse mit kämpferischer Einstellung zu verändern trachteten.

Die Kongressaufnahmen sind ein konzentriertes Zeugnis dieser konjunkturell und ideologisch bestimmten Krisenstimmungen der GTPC. Als Bonus können wir auch miterleben, dass der als Festredner engagierte Bundesrat Willy Ritschard nicht nur Reden hielt, die von Wortwitz und träfen Sprüchen sprühten, sondern auch schlechtere Tage hatte.