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Foto: Ernst Koehli/SozArch F 5144-2030-Nx-025
Foto: Ernst Koehli/SozArch F 5144-2030-Nx-025

Ernst Koehli – ein klassischer Auftragsfotograf

Das Lebenswerk des Zürcher Fotografen Ernst Koehli (1913-1983) wurde in den 1980er Jahren im letzten Augenblick vor der Vernichtung gerettet. Im Jahr 2019 erschien ein erstes Buch über Koehlis Fotografie. Nun sind mehrere Tausend weitere Fotos online zugänglich (SozArch F 5144) und erweitern den Blick auf den «Chronisten der sozialen Schweiz».

Während der Corona-Pandemie verlagerten sich auch im Sozialarchiv viele Arbeitsplätze ins Homeoffice. Aufgaben mussten neu definiert oder unter den erschwerten Begleitumständen auch neu gefunden werden. Eine Mitarbeiterin verlegte kurzerhand die Scan-Infrastruktur zu sich nach Hause und widmete sich Ernst Koehlis Nachlass, der seit drei Jahren im Haus und erst teilweise bearbeitet war.

Das im Jahr 2019 erschienene und vom Grafiker Raymond Naef zusammen mit Christian Koller herausgegebene Buch «Chronist der sozialen Schweiz – Fotografien von Ernst Koehli 1933-1953» legte den Schwerpunkt auf diejenigen Fotos, die Koehli für verschiedene Auftraggeber aus der Arbeiterbewegung gemacht hatte. Die Abbildungen im Buch stammten aus einer ersten Auswahl, die Naef aus dem immensen Fundus des Gesamtarchivs getroffen hatte. Naef war es auch gewesen, der Koehlis Nachlass kurz nach dessen Ableben buchstäblich vor der Entsorgung gerettet hatte: 1984 stiess Naef in einem Schaukasten zufällig auf Fotos von Koehli. Er verfolgte die Spur und stiess bei Koehlis Witwe auf offene Ohren – sie wollte die Negative, Glasplatten und Abzüge ihres Mannes sowieso loswerden und übergab sie Naef. Dieser erkannte schnell den sozialdokumentarischen Wert vieler Fotos. Im Jahr 2017 übergab Naef das gesamte Fotoarchiv von Ernst Koehli (rund 16’000 Negative) dem Schweizerischen Sozialarchiv.

Bei diesem Fotoarchiv handelte es sich jedoch nicht um das komplette Werk Koehlis, denn seine Witwe hatte offenbar bereits vor der Kontaktaufnahme durch Naef auszusortieren begonnen und Aktbilder und Pflanzenaufnahmen entsorgt. Glücklicherweise hat aber Koehlis minutiös geführte Auftragskartei überlebt und ebenfalls den Weg ins Sozialarchiv gefunden. Anhand der Karteikarten liess sich nämlich in vielen Fällen nachvollziehen, wann er für welchen Auftraggeber fotografiert hatte, und für die Erschliessung der Negative erwies sich die Kartei als äusserst wertvoll. Es zeigte sich einmal mehr, wie aufschlussreich Auftragsbücher oder -karteien für die archivische Arbeit sind.

Obgleich 16’000 Negative, gemessen am Umfang anderer Nachlässe, keine grosse Dimension darstellen, fehlten für die Aufarbeitung während mehrerer Jahre doch die Kapazitäten. Erst der erzwungene Stillstand während der Pandemie brachte Bewegung in das Koehli-Nachlass-Projekt. Rund ein halbes Jahr lang scannte die Mitarbeiterin die Negative. Mithilfe der Daten in der Auftragskartei konnte danach die Erschliessung in Angriff genommen werden. Nun sind nahezu 15’000 Fotos online verfügbar. (Auf die zahlreichen Passbilder und Fotos von Neugeborenen, für die keine Metadaten eruierbar waren, wurde verzichtet.)

Bei der Bearbeitung von Koehlis Fotoarchiv bestätigte sich im Grossen und Ganzen der Eindruck, den die erste Auswahl von Naef hinterlassen hatte. Koehli war zeitlebens der Arbeiterbewegung und ihren Organisationen verpflichtet. Fotos von gewerkschaftlichen Anlässen und Aktionen, von parteipolitischen Events und Wahlkämpfen der SP sowie von den Aktivitäten des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks sind zahlenmässig stark vertreten. Diese Aufträge garantierten wohl Koehlis Grundeinkommen. Daneben fotografierte Koehli aber auch in vielen anderen Bereichen, die für das Sozialarchiv ebenso zentral sind. Bilder, die er im Auftrag von Warenhäusern, Grossverteilern und Discountern machte, zeigen den wirtschaftlichen Aufschwung und die Konsumfreude der Nachkriegszeit. Globus, Denner und die Migros riefen Koehli, wenn es darum ging, die neue Schaufensterdekoration oder das üppige, wohl geordnete Warensortiment in den Ladenregalen zu dokumentieren.

Die grösste Auftraggeberin war jedoch die städtische Berufsberatung, für welche Koehli insgesamt fast 2’000 Fotos anfertigte. Das Kaleidoskop an Professionen – viele davon längst verschwunden – sollte den Schulabgänger:innen die Berufe bildlich schmackhaft machen. Eine Entdeckung für Technikaffine dürften Koehlis Fotos der «fera» sein. Die «Ausstellung für Fernseh-, Radio-, Phono- und Tonbandgeräte» fand jährlich in den Züspa-Hallen in Oerlikon statt und war ein Publikumsmagnet. Koehli fotografierte dort zwischen 1959 und 1976 so manche Innovation und wich auch ein paar wenige Male von seinem Standardformat ab: Seine einzigen Farbaufnahmen entstanden an den Ständen von Philips, Thorens und Studer-Revox.

Bereits die Fotos im erwähnten Buch aus dem Jahr 2019 zeugten von einer konsequenten ästhetischen Handschrift und von Koehlis solidem handwerklichen Können – schliesslich hatte er an der Kunstgewerbeschule Zürich in der Fachklasse für Fotografie den Unterricht vom renommierten Hans Finsler genossen! Auch die Bilder aus Koehlis opulentem Fotoarchiv bezeugen seine typische Herangehensweise: Er fotografiert aus Distanz, wahrt Abstand, ist nie übergriffig. Koehli bleibt damit seiner Haltung als zurückhaltender Dokumentarist treu. Sein Stil tendiert allerdings auch dazu, dass die Bilder etwas gleichförmig und teilnahmslos wirken. Fotografiert Koehli Menschen, zeigt er sie fokussiert auf ihr Tun. Seine Fotos erzählen keine persönlichen Geschichten und evozieren beim Betrachten kaum Emotionen.

Diese Beschränkung auf das Funktionale mag mit ein Grund sein, warum Koehli weder zeitlebens noch posthum eine nur annähernd vergleichbare Wertschätzung erfuhr wie seine Berufskollegen Jakob Tuggener oder Paul Senn, die weniger als Auftragsfotografen, denn als Künstler wahrgenommen wurden. Koehlis Lebenswerk bleibt nichtsdestotrotz ein herausragendes Zeugnis sozialdokumentarischer Fotografie in der Schweiz. Es umspannt von der späteren Zwischenkriegszeit bis zum Ende der Hochkonjunktur in der Nachkriegszeit eine unglaublich ereignisreiche Zeit, die Koehli gewissenhaft und unbestechlich festgehalten hat.

Neu online: Dokumentation zum Film «Der grüne Berg»

Im Frühling 1990 war der Kinostart von Fredi M. Murers Film «Der grüne Berg». In dem zweistündigen Dokumentarfilm äussern sich Dutzende von Interviewten zur Frage, ob im Wellenberg radioaktive Abfälle gelagert werden sollen. Nun wurde das Rohmaterial, das Murer damals als Vorbereitung für den Film drehte, digitalisiert und erschlossen. Es ist ab sofort online verfügbar (SozArch F 9103).

Das Problem, wie mit radioaktiven Abfällen verfahren werden soll, ist umstritten und ungelöst. In der Schweiz muss sich die NAGRA, die nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle, darum kümmern. Ab Ende 1986 machte sie Probebohrungen im Wellenberg, dem Hausberg von Wolfenschiessen (NW). Dort sollten mittel- und schwachradioaktive Abfälle gelagert werden. Der lokale Widerstand formierte sich zunächst nur zögerlich – aus den Interviews, die später ausschnittweise in «Der grüne Berg» zu sehen sind, wird deutlich, dass die Bevölkerung erst sehr spät informiert wurde und die kantonalen Behörden zuvor teilweise eigenmächtig im Sinne der NAGRA gehandelt hatten.

Der Innerschweizer Regisseur begann 1989 mit den Recherchen für einen Film über das Vorhaben. Er kontaktierte die betroffenen Landwirt:innen, sprach mit Politikern, Gewerbetreibenden, Geologen, Ingenieuren und natürlich auch mit Vertretern der NAGRA. Murer führte nahezu sechzig ausführliche Interviews und montierte Ausschnitte daraus zu einer «filmischen Landsgemeinde», so der Untertitel des Films. Die Interviews wurden im Zusammenhang mit der digitalen Restaurierung von «Der grüne Berg» ebenfalls digitalisiert. Sie stehen nun, ergänzt mit ausführlichen Inhaltsbeschreibungen, der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Die Interviews führen einem in aller Ausführlichkeit die grundsätzlichen Konflikte vor Augen und Ohren. Auf der einen Seite stehen die Bedenken der betroffenen Landwirt:innen, die sich wegen der Landansprüche der NAGRA und den unabsehbaren Langzeitfolgen eines Endlagers um ihre Existenzgrundlage sorgen. Auf der anderen Seite argumentieren die Experten der NAGRA in einer technologischen, mit Fachausdrücken gespickten Sprache und appellieren an die «freundeidgenössische Solidarität», die vonnöten sei, um das Problem der Endlagerung aus der Welt zu schaffen.

Der Widerstand der Bevölkerung formierte sich schliesslich in Gruppierungen wie der «AkW» (Arbeitsgruppe kritisches Wolfenschiessen) oder dem Verein MNA (Mitsprache des Nidwaldner Volkes bei Atomanlagen). Diese Organisationen versuchten mit Informationsveranstaltungen und direktdemokratischen Mitteln wettzumachen, was die Behörden zuvor unterlassen hatten: die ansässige Bevölkerung im Vorfeld der Probebohrungen in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

«Der grüne Berg» kam wenige Monate vor zwei atomstromkritischen Volksabstimmungen in die Schweizer Kinos, im August 1990 strahlte das Schweizer Fernsehen den Film aus. Tatsächlich nahm das Stimmvolk am 23. September 1990 zwar die Moratoriums-Initiative «Stopp dem Atomkraftwerkbau» mit 54.52% Ja-Stimmen an, ein vollständiger Ausstieg aus der Atomenergie wurde allerdings im selben Urnengang mit 47.13% Ja-Stimmen verworfen. Ein direkter Zusammenhang der Abstimmungsresultate mit Murers Film ist natürlich hypothetisch, immerhin aber war der Urnenausgang ein Teilerfolg für diejenigen kritischen Stimmen, die vor allem mit der völlig ungelösten Frage der Lagerung von radioaktiven Abfällen für ein Ja zu den Initiativen geworben hatten.

Der Widerstand gegen den Standort Wellenberg hielt unvermindert an. Die Nidwaldner:innen erstritten sich mit Volksinitiativen und Gerichtsentscheiden ein Mitspracherecht. Bis 2002 kam es zu zwei kantonalen Abstimmungen – beide Male gewann die atomkritische Seite. 2003 schliesslich hob der Bund das Recht der kantonalen Mitbestimmung bei Endlagerfragen auf. Prompt reaktivierte die NAGRA das Projekt Wellenberg. Erst 2024 strich das UVEK den Standort definitiv von der Liste potenzieller Standorte.

«Der grüne Berg» wurde im Rahmen eines Memoriav-Projekts digital restauriert. Die Digitalisierung des Rohmaterials (Ausgangsmedium S-VHS) besorgte Sophia Murer/peakfein-studio, Glarus.

Silvia Staub-Bernasconi beim Unterrichten, 2006 (Foto: zVg)
Silvia Staub-Bernasconi beim Unterrichten, 2006 (Foto: zVg)

Geschenkbibliothek von Silvia Staub-Bernasconi

Eine Pionierin der menschenrechtsbasierten Sozialarbeitswissenschaft

Die Soziale Arbeit, ihre Geschichte, Themenfelder, Theorien und Praktiken, gehört zu den Sammlungsschwerpunkten des Sozialarchivs. So betreut es die Archive des schweizerischen Berufsverbandes der Sozialen Arbeit «AvenirSocial» und seiner Vorläuferorganisationen (Ar 427, Ar 498, Ar 506, Ar 595, Ar 626), des Fachverbandes für Sozial- und Sonderpädagogik «Integras» (Ar 697) und weiterer Berufs- und Fachverbände (Schweizerischer Armenerzieher-Verein Ar 14, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Gemeindehelfer, Sozialarbeiter und Diakone in evang. Kirchgemeinden Ar 201.140, Diakonieverband Schweiz Ar 443, Schweizerischer Fachverband der Alkohol- und Suchtfachleute Ar 417, Verein der kantonalzürcherischen Sozialarbeiter Ar 678), ebenso die Archive der 1932 bis 1999 existierenden Landeskonferenz für soziale Arbeit LAKO (Ar SGG A 124 B, Ar SGG B 26, Ar SGG C 5, Ar 467), der 1942 entstandenen Kommission für Soziale Arbeit in Berggebieten (Ar SGG B 50) und der 1948 gegründeten Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Schulen für Soziale Arbeit SASSA (Ar 645). Hinzu kommen Vor- und Nachlässe wichtiger Persönlichkeiten in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit wie Paula Lotmar (Ar 198.27), Markus Brändle-Ströh (Ar 1017) und Judith Giovanelli-Blocher (Ar 1048).
In der Bibliothek des Sozialarchivs finden sich Fachliteratur und Fachzeitschriften der Sozialen Arbeit, eine bis in die Zwischenkriegszeit zurückreichende Sammlung von Diplomarbeiten schweizerischer Ausbildungsstätten der Sozialen Arbeit, Jahresberichte von Organisationen der Sozialen Arbeit sowie historische Forschungsliteratur zur Geschichte der Sozialen Arbeit – eingeschlossen ihre dunklen Seiten. Die Sachdokumentation verfügt über umfangreiche, bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichende Kleinschriftendossiers zur Entwicklung der Sozialen Arbeit in der Schweiz und allgemein (Dossiers 60.3, 60.4, 60.5, 60.6). Last but not least geht der Forschungsfonds des Sozialarchivs auf das Vermächtnis der Sozialarbeiterin und Soziologin Ellen Rifkin Hill zurück.
Diesen Sommer haben die Sammlungen im Themenbereich der Sozialen Arbeit mit der Übernahme der Bibliothek von Silvia Staub-Bernasconi einen gewichtigen Zuwachs erfahren. Die 1936 in Zürich geborene Staub-Bernasconi hat die Soziale Arbeit in der Schweiz, in Deutschland und darüber hinaus als Praktikerin und Wissenschafterin stark geprägt. Nach der Handelsmatura 1956 arbeitete sie zunächst als Sekretärin am Institut für Haustierernährung der ETH Zürich und belegte daneben als Hörerin Vorlesungen an der Universität. 1958 bis 1960 absolvierte sie die Schule für Soziale Arbeit in Zürich (heute: Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) mit Paula Lotmar als Klassenlehrerin und arbeitete dann als Nachfolgerin von Judith (Giovanelli-)Blocher für drei Jahre in der Gemeindefürsorge Dietikon.
1963 bis 1965 konnte sie mit einem Stipendium der UNO, das sie aufgrund ihrer vor allem in Deutschland weit beachteten Diplomarbeit über die offene Jugendarbeit erhalten hatte, «Social Work» an der University of Minnesota in Minneapolis, der University of Michigan in Ann Arbor und der Columbia University in New York studieren. Anfang 1964 rief Präsident Lyndon B. Johnson den «War on Poverty» aus. Angesichts einer damaligen Armutsrate in der US-Gesellschaft von um die 20% verabschiedete die demokratische Kongressmehrheit den «Economic Opportunity Act», dessen Hauptziele die Reduktion der Armut, gleiche Chancen in der Bildung, materielle Besserstellung von Armen, Erwerbslosen und Alten und die Verbesserung der Gesundheitsversorgung im Alter waren. Unter anderem schuf das Gesetz das «Community Action»-Programm zur Bundesunterstützung von lokalen, stark auf Freiwilligenarbeit beruhenden «Agencies» zur Förderung der Selbsthilfe und «Empowerment» der Armen. Kurz darauf folgten weitere Gesetze zu Ernährung, Bildung und Gesundheitswesen – unter anderem zur Einführung der von der aktuellen US-Regierung nun massiv abgebauten Programme «Medicaid» und «Medicare». Die Armutsquote ging bis Ende der 1960er Jahre spürbar auf etwa 12% der Bevölkerung zurück. Erst unter Ronald Reagan, der als erster den Slogan «Make America Great Again» prominent verwendete, sollte sie in den 1980er Jahren wieder deutlich ansteigen. Der «War on Poverty» war Teil von Johnsons Agenda der «Great Society», die die Reformen des «New Deal» der 1930er Jahre fortsetzen sollte und neben der Armutsbekämpfung die Stärkung der Rechte der Afroamerikaner:innen und weiterer Minderheiten, den Kampf gegen Rassismus, umfassende Verbesserungen in den Bereichen Bildung und Gesundheit, die Modernisierung der Infrastruktur und den Ausbau von Umwelt- und Konsument:innenschutz umfasste.
In dieser Aufbruchstimmung konnte Staub-Bernasconi praktische Erfahrungen als Sozialarbeiterin sammeln – zunächst mit einer Gruppe alleinerziehender afroamerikanischer Frauen in einem Slum von Minneapolis, dann im Rahmen von «Community Action» im damaligen New Yorker Unterschichten- und Migrant:innenquartier Lower East Side. 2011 schrieb sie im Rückblick zu jener Zeit: «Noch während meiner ersten Wochen in den USA war in der Zeitung zu lesen, dass in einem der Südstaaten sechs Sozialarbeitende vom Ku-Klux-Klan massakriert worden waren, nur weil sie Schwarze dabei unterstützt hatten, sich für die Wahlen einzuschreiben. Und die New York Times berichtete auf ihrer Frontseite, dass schon wieder ein Säugling in einer Sozialwohnung von Ratten zerfressen wurde. […] Mich trieb die Frage um, wie es möglich war, dass ein so reiches Land wie die USA so viel Armut, Leiden, Ungerechtigkeit, so viel Ausbeutung, Rassismus, so viel Diskriminierung produzierte.» Zugleich beeindruckten sie aber auch der hohe Verwissenschaftlichungs- und Professionalisierungsgrad der Sozialen Arbeit in den USA sowie besonders deren anwaltschaftliches gesellschaftliches Engagement.
Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz 1965 arbeitete Staub-Bernasconi zunächst als Studienleiterin an der Evangelischen Heimstätte Boldern. Ab 1967 lehrte sie an der Schule für Soziale Arbeit in Zürich. Parallel dazu sowie zur Erziehung ihrer Tochter studierte sie ab 1968 an der Universität Zürich Soziologie, Sozialethik und Pädagogik – und staunte, wie sie es im Rückblick formulierte, über «die Kopfgeburten und den unerträglichen Autoritarismus» ihrer 68er-Kommiliton:innen sowie deren «Verachtung der Hilfe an Individuen und der Sozialen Arbeit als Hampelmann des Kapitalismus». 1983 doktorierte sie mit der Arbeit «Soziale Probleme – Dimensionen ihrer Artikulation». Betreuer war Professor Peter Heintz, der 1966 das Soziologische Institut der Universität Zürich begründet sowie 1966 bis 1971 den Verein Schweizerisches Sozialarchiv präsidiert hatte, dessen Nachlass sich heute im Sozialarchiv befindet (Ar 163) und dessen Konzept der «Weltgesellschaft» Staub-Bernasconi rezipierte (s. SozialarchivInfo 2/2022).
Mit ihrer Dissertation legte Staub-Bernasconi analytische Grundlagen einer systemischen Theorie Sozialer Arbeit, die die Disziplin nachhaltig beeinflusst, aber auch zu systemtheoretischen Kontroversen zwischen der von Staub-Bernasconi vertretenen «Zürcher Schule» und der sich auf Niklas Luhmann berufenden «Bielefelder Schule» geführt hat. Die «Zürcher Schule» entwickelte im Rahmen des wissenschaftlichen Realismus ein systemtheoretisches Paradigma, vor dessen Hintergrund sie die Handlungswissenschaft der Sozialen Arbeit integral konzipiert und vertritt. An der Entwicklung dieses Theorie-Systems war nebst Staub-Bernasconi entscheidend Werner Obrecht beteiligt; auch Ruth Brack, Kaspar Geiser, Petra Gregusch, Edi Martin und andere trugen massgeblich dazu bei. Die direkte Wegbereiterin war zudem ihre ehemalige Lehrerin Paula Lotmar.
Staub-Bernasconis Denken war dabei vom argentinischen Wissenschaftstheoretiker und Physiker Mario Bunge beeinflusst. Ihre in der Dissertation und folgenden Publikationen entwickelte «prozessual-systemische Denkfigur» ist zum einen die Visualisierung ihrer analytischen Nomenklatur des Gegenstandsbereiches der Sozialen Arbeit – das zentrale Kernelement der «Zürcher Schule». Zum andern wurde diese Gegenstands-Theorie zum (professions-politisch hoch bedeutsamen) Fundament der ganzen Sozialen Arbeit und ihrer Berufs- bzw. Arbeitsfelder. So flossen Elemente daraus auch in die Lehre des von Staub-Bernasconi zusammen mit Markus Brändle-Ströh konzipierten Studienschwerpunktes «Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen» an der Schule für Soziale Arbeit ein, in welchem sie neben Brändle-Ströh ebenfalls unterrichtete. Die Einführung dieses Studienschwerpunktes, der auf dem amerikanischen «Community Organizing» und Saul Alinsky aufbaute, war in den 1970er-Jahren eine echte Innovation an der Schule für Soziale Arbeit Zürich, die bereits von Paula Lotmar vorbereitet worden war.
Studienaufenthalte führten Staub-Bernasconi etwa nach Birmingham, Rio de Janeiro, Kalifornien und Polen, wo sie verschiedene Formen von Armut, Elend und Diskriminierung kennenlernte und untersuchte. Diese Analysen bildeten die Basis für ihre praktische berufs- und bildungspolitische Tätigkeit zur Entwicklung der Sozialen Arbeit. Ab 1986 folgten in kurzen Abständen wichtige Arbeiten zur Sozialen Arbeit – so 1986 der viel beachtete Artikel «Soziale Arbeit als eine besondere Art des Umgangs mit Menschen, Dingen und Ideen» wie auch Publikationen über Jane Addams und Ilse Arlt als Theorie-Pionierinnen der Sozialen Arbeit bis hin zur Auseinandersetzung mit Sozialer Arbeit als «Menschenrechtsprofession».
Ab 1991 gehörte Staub-Bernasconi dem Ausschuss der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) an und initiierte in dieser Funktion die bis 2019 bestehende «Taskforce für interkulturelle Konflikte und Gewalt» (TikK) unter der Leitung von Hanspeter Fent. Ebenso engagierte sie sich im «Frauenrat für Aussenpolitik». Von 1994 bis 2006 war sie stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) sowie Sprecherin von deren Sektion Theorie- und Wissenschaftsentwicklung von 1995 bis 2012. 1996 habilitierte sie sich am Institut für Sozialpädagogik der Technischen Universität Berlin, wo sie dann 1997 bis 2003 eine Professur innehatte. 2000 bis 2010 konzipierte und leitete sie das interuniversitäre Masterprogramm «Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession» MRMA in Berlin. Ihr verstärktes Interesse für die Menschenrechte war zunächst von der Öffnung der Schule für Soziale Arbeit für Flüchtlinge aus verschiedenen Weltregionen, dann besonders von Vorbereitungsarbeiten für die UNO-Weltkonferenz über Menschenrechte 1993 in Wien geprägt worden. Ebenso nahm sie Lehraufträge und Gastdozenturen an den Universitäten Trier, Siegen und Fribourg sowie der Wirtschaftsuniversität Wien wahr.
Mit zahlreichen Publikationen und Referaten trug Staub-Bernasconi wesentlich zur Weiterentwicklung der Theorie der Sozialen Arbeit bei. Insbesondere formulierte sie das Postulat des sogenannten «Tripelmandats» der Sozialen Arbeit. Neben das konventionelle «Doppelmandat» von Hilfe und Kontrolle, das die Fachkräfte sowohl dem Interesse der Klient:innen als auch von Staat und Gesellschaft verpflichtet, sollen wissenschaftliche Erklärung und Reflexion, evaluierte Methoden und die Orientierung an der Ethik der Sozialen Arbeit sowie an den Prinzipien der Menschenrechte treten, um im Zuge der Professionalisierung das eigene Wirken professions-spezifisch zu legitimieren und zu verantworten.
Die Geschenkbibliothek von Silvia Staub-Bernasconi umfasst rund 1’000 Bände und reicht über die Themenfelder der Sozialen Arbeit, Soziologie und Menschenrechte weit hinaus in zahlreiche weitere sozial- und geisteswissenschaftliche Disziplinen (Philosophie, Religionswissenschaft, Ökonomie, Politologie, Friedens- und Konfliktforschung, Geschichte, Geschlechterforschung, Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie, Psychoanalyse, Ethnologie, Cultural Studies). Im swisscovery-Katalog wird sie mit dem Code «E19Staub» abrufbar sein.

Publikationen von und über Silvia Staub-Bernasconi im Sozialarchiv (Auswahl)

  • Baumer-Bär, Christiane und Michael Muheim: Eine Denkfigur wird lebendig: Der dynamische Aspekt der prozessual-systemischen Denkfigur von Silvia Staub-Bernasconi. Zürich 1991, GR 7427
  • Bernasconi, Silvia: Vom «Eckensteher» zum aktiven Gruppenmitglied: Die soziale Gruppenarbeit als methodisches Hilfsmittel zur Erfassung der Strassenjugendlichen. Bern 1962, 28157
  • Geiser, Kaspar. Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit: Eine Einführung in die Systemische Denkfigur und ihre Anwendung. 5. überarb. Auflage. Luzern 2013, 127954
  • Häberle, Pia und Martina Ulmann: Spielend Theorie lernen: Die didaktische Umsetzung der prozessual-systemischen Problemdimension Sozialer Arbeit (nach Silvia Staub-Bernasconi). Zürich 1989, GR 6960
  • Häfliger, Mario: Solidarität: Die Bedeutungen des Begriffs Solidarität und sein Verständnis bei Silvia Staub-Bernasconi. Luzern 2000, Gr 10866
  • Hollstein-Brinkmann, Heino und Silvia Staub-Bernasconi (Hg.): Systemtheorien im Vergleich: Was leisten Systemtheorien für die Soziale Arbeit? Versuch eines Dialogs. Wiesbaden 2005, 114381
  • Lambers, Helmut: Theorien der Sozialen Arbeit: Ein Kompendium und Vergleich. 6. erw. Aufl. Stuttgart 2023, online-Ressource
  • Portmann, Rahel und Regula Wyrsch (Hg.): Plädoyers zur Sozialen Arbeit von Beat Schmocker: Eine menschengerechte Gesellschaft bedarf der Sichtweise der Sozialen Arbeit. Luzern 2019, online-Ressource
  • Schmocker, Beat (Hg.): Liebe, Macht und Erkenntnis: Silvia Staub-Bernasconi und das Spannungsfeld Soziale Arbeit. Luzern 2006, 116039
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Probleme – Dimensionen ihrer Artikulation: Umrisse einer Theorie Sozialer Probleme als Beitrag zu einem theoretischen Bezugsrahmen Sozialer Arbeit. Diessenhofen 1983, 75057
  • Staub-Bernasconi, Silvia et al. (Hg.): Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit: Entwicklung und Zukunftsperspektiven: Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der Schule für Soziale Arbeit Zürich. Bern 1983, 74727
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Arbeit als eine besondere Art des Umgangs mit Menschen, Dingen und Ideen: Zur Entwicklung einer handlungstheoretischen Wissensbasis Sozialer Arbeit, in: Sozialarbeit 18 (1986). S. 2-71, N 4058
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Das sanfte Entschwinden einer Nobelpreisträgerin Sozialer Theorie und Arbeit: Jane Addams’ Friedenstheorie und -praxis, in: Henke, Silvia und Sabina Mohler (Hg.): Wie es Ihr gefällt: Künste, Wissenschaft & alles andere. Freiburg i. Br. 1991. S. 49-67, 93026 (Videoaufzeichnung der Lesung: www.bild-video-ton.ch/bestand/objekt/Sozarch_F_9102-012)
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Wird die UNO zur Sozialarbeiterin oder wird die Soziale Arbeit zur Menschenrechtsprofession? in: Olympe – Feministische Arbeitshefte zur Politik 1/1 (1994). S. 82-89, D 5405
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: Lokal, national, international oder: vom Ende der Bescheidenheit. Bern 1995, 97710
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Probleme – Soziale Berufe – Soziale Praxis, in: Heiner, Maja et al.: Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. 2. Aufl. Freiburg i. Br. 1995. S. 11-101, 99252
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Lebensfreude dank einer wissenschaftsbasierten Bedürfniskunde!? Aktualität und Brisanz einer fast vergessenen Theoretikerin Sozialer Arbeit: Ilse Arlt (1876 bis 1960), in: Sozialarbeit 28/5 (1996). S. 18-31, N 4058
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Machtblindheit und Machtvollkommenheit Luhmannscher Theorie, in: Merten, Roland (Hg.): Systemtheorien Sozialer Arbeit: Neue Ansätze und veränderte Perspektiven. Opladen 2000. S. 225-242, 106262
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft: Systemische Grundlagen und professionelle Praxis – ein Lehrbuch. Bern 2007, 118115
  • Staub-Bernasconi, Silvia: «Es faszinierte mich, dass von einer Theorie so viel Bewegung ausgehen kann», in: AvenirSocial (Hg.): «Wir haben die Soziale Arbeit geprägt»: Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erzählen von ihrem Wirken seit 1950. Bern 2011. S. 161-173, 125575
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft: Auf dem Weg zu kritischer Professionalität. 2. akt. Aufl. Opladen/Toronto 2018, 146143
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Menschenwürde – Menschenrechte – Soziale Arbeit: Die Menschenrechte vom Kopf auf die Füsse stellen. Opladen/Toronto 2019, 154810

Neu in der Datenbank Bild + Ton

F 5198 Scherenschnitte von Martin Mächler

Die Scherenschnitte von Martin Mächler sind beeindruckende Zeugnisse handwerklichen Könnens. Sie sind derart fein und exakt gearbeitet, dass man sich die aufgeklebten Werke kaum aus ihrem Schutzumschlag zu nehmen traut. Auch in der zweidimensionalen Wiedergabe behalten sie ihre Wirkung. Mächler brachte sich ab den 1970er Jahren autodidaktisch die Kunst des Scherenschnitts bei. Es entstanden Hunderte von Werken, von denen Mächler nun die nach eigenen Aussagen achtzig besten in die Obhut des Sozialarchivs gab.
Mächler beschäftigte sich mit Themen wie Umweltzerstörung, Militarismus, Rassismus oder Bigotterie. Immer wieder setzte er sich bei den Scherenschnitten mit Tagesaktualitäten wie dem Apartheid-Regime in Südafrika, der Militärdiktatur in Chile oder der Gewerkschaftsbewegung Solidarność in Polen auseinander. Innenpolitisch gibt es Werke zum Widerstand gegen die Bespitzelung und Überwachung im Zusammenhang mit der Fichenaffäre oder zum Kampf gegen Atomkraftwerke.
Inspiriert wurde er vor allem von Käthe Kollwitz und Clément Moreau. Künstlerisch und inhaltlich teilt er mit ihnen die Konzentration auf sozialpolitische und zeitkritische Themen, die expressiv und stets mit Parteinahme für die Schwachen ins Bild gesetzt werden. Ab 1979 stand er in regem Austausch mit Clément Moreau. Er nahm Zeichenunterricht bei ihm und legte ihm seine Werke zur kritischen Begutachtung vor. Die Freundschaft blieb bis zum Tod Moreaus 1988 bestehen.

F 5186 Pressefotos von Max Messerli

Der Zürcher Fotograf Max Messerli erlangte wegen eines Bundesgerichtsurteils eine gewisse Bekanntheit. Noch unter dem Regime des mittlerweile alten Urheberrechtsgesetzes befanden die Richter in Lausanne, dass eine seiner Konzertaufnahmen von Bob Marley Werkcharakter besitze und deshalb besonders geschützt sei. Die Frage nach dem Werkcharakter von Fotografien war und ist umstritten, dieser ist aber entscheidend für die Frist ihres Urheberrechtsschutzes und damit auch für die Möglichkeiten ihrer Verwendung.
Das Schicksal des Archivs von Messerli ist leider typisch: Nach Beendigung seines Berufslebens suchte Messerli erfolglos Interessenten für seine abertausenden Pressefotos, die er seit den 1970er Jahren gemacht hatte. Der grösste Teil landete im Abfall, ein ganz kleiner Teil im Sozialarchiv.

F 5187 Visuelles Tagebuch von Pamela Ammann

Pamela Ammann studierte Architektur an der ETH Zürich. Mitte der 1970er Jahre war sie in feministischen Aktions- und Theatergruppen aktiv und schrieb für linke Publikationen wie «Tell», «Agitation» oder «Focus». Sie arbeitete als Druckerin in der Genossenschaft Ropress. Ab den frühen 1980er Jahren kehrte sie beruflich zu ihren Ursprüngen zurück und arbeitete als Raumplanerin bei Metron in Brugg. Ammann war zu dieser Zeit mit dem Filmer Hans-Ulrich Schlumpf liiert, den sie bei dessen Filmprojekten begleitete und unterstützte. Später machte sie sich selbständig.
Ab 1960 führte Pamela Ammann ein visuelles Tagebuch. In ihren Tagebüchern kombinierte sie Fotografien mit eigenen Texten, künstlerischen Versuchen und privater Korrespondenz. Bis an ihr Lebensende sind so über 4’600 Einträge (hauptsächlich Fotos mit Bildlegenden) entstanden, welche ihr privates Umfeld (Freundinnen, Lebenspartner, Familie, Verwandte), ihre Arbeitsorte sowie gesellschaftliche Anlässe (Hochzeiten, Geburtstage) dokumentieren. Das Ensemble gibt einen faszinierenden Einblick in die Biografie einer emanzipierten Frau.

F 5201 Werkarchiv von Heinz Nigg

Der Ethnologe und Kulturvermittler Heinz Nigg gehört zu den Pionieren partizipativer Videoarbeit. Mit der Videosammlung «Stadt in Bewegung» über die Jugendunruhen der 1980er Jahre in der Schweiz hatte er 1999 den Grundstein für die Aufarbeitung audiovisueller Archivalien im Sozialarchiv gelegt, nun gelangt sein Werkarchiv zu uns. Es besteht hauptsächlich aus Videoarbeiten im Zusammenhang mit verschiedenen Ausstellungen, die Nigg organisiert hat. Das Werkarchiv wird im Verlauf der nächsten Monate freigeschaltet. Bereits online sind seine Fotoarbeiten, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Und zu guter Letzt: Orts-Wiki schlägt Tech-Gigant

Wenn zu einem Bild überhaupt keine Metadaten vorhanden sind, leistet die Google-Bildersuche im Glücksfall Grossartiges: Bei exakten Übereinstimmungen kann man in Sekundenbruchteilen die gewünschten Informationen finden. Allerdings spült die Suchmaschine auch fehlerhafte Angaben in die Welt, wie im Falle dieses Bildes:

Korrektion des Wildbachs in Wetzikon, 1921/22 (Foto: Fritz Wiesendanger/SozArch F 5068-Gd-neg-0006)

Es seien hier die Bauarbeiten am Sihlsee-Staudamm zu sehen, versichert die Trefferliste gleich im Dutzend. Mit zwei Klicks stösst man auf die offizielle Pressemappe aus dem Jahr 2022 zum Relaunch eines Dokumentarfilms von Karl Sauter über das Bauvorhaben aus den 1920er Jahren, in welcher zum Bild ebenfalls steht, dass hier am Sihlsee-Staudamm gearbeitet werde. Die Geländetopografie und eine vage Vermutung, dass es sich in Tat und Wahrheit um eine Aufnahme aus dem Zürcher Oberland handeln könnte, führt zu einer Recherche in der vorbildlichen lokalhistorischen «Wetzipedia» – und siehe da: Zu sehen sind Korrektionsarbeiten am Wetziker Wildbach, 1921 oder 1922 fotografiert vom Wetziker Fotografen Fritz Wiesendanger.

Oral-History: «Winterthurs wilde 80er» (SozArch F 9101)

Im Schatten der Achtziger Jugendunruhen in den Schweizer Grossstädten kam es auch in Winterthur zu wiederholten gewaltsamen Konfrontationen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Der Historiker Miguel Garcia hat nun vierzig Jahre nach dem tragischen Kulminationspunkt der sogenannten «Winterthurer Ereignisse» Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt.

Die frühen 1980er Jahre waren vielerorts äusserst unruhig und konfliktreich, die Jugend in Zürich, Bern, Basel und Lausanne rebellierte. Sie forderte autonome Jugendzentren, günstigen Wohnraum, ein grösseres Kulturangebot und ganz allgemein weniger Spiessigkeit. Die bürgerlich dominierte Schweiz reagierte weitgehend verständnislos und mit einem Übermass an polizeilicher Repression bei Demonstrationen und Hausbesetzungen; die Jugendbewegung ihrerseits verhielt sich wenig kompromissbereit. Es herrschte ein kaltes und gleichzeitig erhitztes Klima der gegenseitigen Feindschaft.

In Zürich entspannte sich die Lage erst nach zwei Jahren wieder. Allerdings war der Preis dafür hoch: Die Stadtregierung hatte beschlossen, das «Autonome Jugendzentrum», Sinnbild und zentrale Forderung der «Bewegung», zu schleifen. Viele Bewegte gerieten daraufhin in eine Art Schockstarre, aus der manche in eine Depression oder in die Drogensucht abglitten, manche in Resignation verfielen. Andere orientierten sich neu und landeten in der Kreativwirtschaft, der Gastronomie oder bei den Medien.

In Winterthur rebellierten die Jugendlichen zwar in den frühen 1980er Jahren etwa gegen einen Grossauftrag des Industrieunternehmens Sulzer für die argentinische Militärjunta oder gegen die Wehrschau der Schweizer Armee, regelmässige Demonstrationen wie in den Grossstädten fanden jedoch nicht statt. Die alternative Szene blieb überschaubar, man traf sich in wenigen Lokalen und wohnte in WGs. Polizei und Justizbehörden auf der anderen Seite agierten mit einer Mischung aus Übereifer, Misstrauen und Abneigung gegen alles, was nicht dem bürgerlichen Mainstream entsprach: WGs wurden überwacht, Telefonleitungen angezapft, Personen willkürlich kontrolliert. Übergriffe auf die körperliche Integrität durch die Polizei waren an der Tagesordnung. Die «Wintis», wie die Winterthurer Bewegten bald bezeichnet wurden, reagierten mit Farb- und später mit Brandanschlägen, im Visier waren Infrastruktureinrichtungen oder Militärfahrzeuge, einmal auch das Stadthaus.

1984 spitzte sich die Lage zu: Im August kam es zu einem Sprengstoffanschlag auf das Wohnhaus des damaligen Bundesrats Rudolf Friedrich. Die Polizei reagierte auf diese nächste Eskalationsstufe mit einer koordinierten Razzia in den einschlägigen Winterthurer WGs und verhaftete Dutzende Jugendliche, darunter auch den Künstler Aleks Weber als vermeintlichen Drahtzieher der Gewaltaktionen und seine Freundin Gaby. Was genau in den Wochen danach im Winterthurer Untersuchungsgefängnis geschah, wird wohl erst nach Aktenöffnung klar werden. Traurige Tatsache ist, dass sich Gaby nach einem stundenlangen Verhör durch die ermittelnde Bundespolizei in der Zelle erhängte.

Ereignisgeschichtlich sind die Vorfälle in Winterthur gut aufgearbeitet: Es existieren neben unzähligen Zeitungsartikeln ein faktenreicher Wikipedia-Artikel und ein Eintrag im «Winterthur Glossar» der Winterthurer Bibliotheken (www.winterthur-glossar.ch/winterthurer-ereignisse). Bereits 1986 veröffentlichte der Journalist Erich Schmid seine Reportage «Verhör und Tod in Winterthur», welche wiederum die Grundlage für den gleichnamigen Film von Richard Dindo aus dem Jahr 2001 bildete. Trotzdem blieb vieles im Dunkeln. Vor allem die Frage, weshalb in Winterthur die Ereignisse derart eskalierten und warum Polizei und Justizbehörden zu Mitteln griffen, die der Sachlage nicht angepasst waren. Das Oral-History-Projekt «Winterthurs wilde 80er» von Miguel Garcia versucht deshalb, die dramatischen Ereignisse von 1984 zeitlich und thematisch in einen erweiterten Kontext zu stellen. Er führte im Sommer und Herbst 2023 Interviews mit dreizehn Personen aus Winterthur, die direkt oder indirekt in die Ereignisse involviert waren oder sich beruflich und politisch intensiv damit auseinandergesetzt haben. Die ausführlichen Gespräche dauern je rund eine Stunde.

Am bewegendsten sind die Interviews mit den direkt am Geschehen Beteiligten: Francisco Manzanares, Reynald Braun, Robert Schneider und Jürg Feuz gehörten zum harten Kern der «Wintis» und tauchten zum Teil schon in Schmids Buch oder Dindos Film auf. Sie schildern anschaulich, wie polizeiliche Repression und behördliche Überwachung sich auf ihr Leben auswirkten. Die Folgen waren teilweise einschneidend: Einer der Protagonisten tauchte jahrelang im Ausland unter, mehrere wandten sich – teils aus aktivem Protest, teils aus Verzweiflung – den harten Drogen zu. Interessant sind auch die Einblicke in das Innenleben der «Szene», deren radikaler Kern offenbar kaum mehr als zwanzig Personen umfasste. Zu diesen gesellten sich knapp hundert Sympathisant:innen, die in den Winterthurer WGs verkehrten. Auch das Interview mit Aleks Webers Mutter Anna-Maria führt vor Augen, wie existenziell die Konsequenzen der harten Haltung der Behörden sein konnten: Nach Gabys Selbstmord Ende 1984 wurde Aleks selber 1985 in einem Jahre später als unverhältnismässig aufgehobenen Urteil zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Mutmasslich im Gefängnis infizierte er sich mit AIDS und verstarb 1994. Im selben Jahr starb auch sein Vater, der als Folge der «Ereignisse» schon in den 1980er Jahren erkrankt war.

In den Interviews mit Ernst Wohlwend, Andreas Mösli oder Françoise Gremaud erfährt man, wie sich die Parteienlandschaft in Winterthur ab den 1970er Jahren diversifizierte, wer in der Presse das Sagen hatte und wie kümmerlich sich die Gastroszene präsentierte. Die über Jahrzehnte in Winterthur verankerten Persönlichkeiten betten die Ereignisse in einen grösseren Kontext ein und erweitern den Horizont der bisherigen, stark auf den dramatischen Höhepunkt 1984/85 fixierten Darstellungen um die gesellschaftlichen Veränderungen in der Zeit danach. Denn nachdem ihre Autonomieexperimente von staatlicher Seite abgewürgt worden waren, hatte die Jugendbewegung der 1980er mit ihrem kreativen Aufbruch, ihrem Experimentieren mit alternativen Lebens- und Arbeitsformen und ihrer Suche nach Alternativen zum Konsum als Lebensinhalt in der Folge doch wesentlichen Anteil an der Gründung diverser Genossenschaften, bei der überfälligen Liberalisierung des Gastronomiegewerbes und an vielfältigen gesellschaftlichen Emanzipationsbestrebungen.

Insgesamt schlägt einem aus vielen Interviews eine unversöhnliche Grundhaltung entgegen, die repressiven Massnahmen und Übergriffe sind offensichtlich nicht vergessen, eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Ereignissen hat offenbar bis heute nicht stattgefunden. Die Behörden haben sich auch nachträglich nie zu ihrer Verantwortung geäussert. Der damalige stellvertretende Bezirksanwalt Peter Marti, der mit seinen Ermittlungsmethoden für viel Kritik gesorgt hatte und bei den «Wintis» noch heute als Feindbild gilt, wollte sich trotz eines Vorgesprächs nicht an Garcias Oral-History-Projekt beteiligen. Dennoch bleibt zu hoffen, dass dieses Anlass für eine erneute und umfassende Beschäftigung mit den «Winterthurer Ereignissen» bietet.

«Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» im Sozialarchiv

«Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» war ein Foto- und Bildarchiv zur Arbeiterbewegung, zur Sozial- und Alltagsgeschichte und zur Geschichte der sozialen Bewegungen. Roland Gretler (1937-2018) hatte das Panoptikum 1975 ins Leben gerufen – damals noch unter der Bezeichnung «Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung». Er trug zusammen mit seiner Frau Anne Gretler im Lauf der Jahrzehnte eine enorme Menge an Fotos, Plakaten, Postkarten, Broschüren, Objekten, Zeitschriften und Büchern zusammen. Nach Gretlers Tod übernahm das Sozialarchiv grosse Teile des Panoptikums; deren Bearbeitung ist nun mehrheitlich abgeschlossen.

Roland Gretler wuchs in St. Gallen auf. Nach der obligatorischen Schule begann er eine Lehre als Fotograf bei Hans Meiner, der in Zürich das Atelier seines renommierten Vaters Johannes Meiner weiterführte. Unterschiedliche Vorstellungen über den Inhalt einer Berufslehre führten dazu, dass Gretler den Lehrmeister wechselte und seine Ausbildung beim erfolgreichen Werbefotografen René Groebli abschloss. Auch neben seiner späteren Sammeltätigkeit arbeitete Gretler noch lange Zeit als Auftragsfotograf in der Werbebranche und als Industrie- und Produktefotograf weiter und sicherte sich so ein Basiseinkommen, denn der Verkauf der im eigenen Labor angefertigten Reproduktionen aus seinem Bildarchiv war ein wenig lukratives Geschäft.

1964 wagte Gretler einen politisch radikalen Schritt und gründete zusammen mit anderen die «Junge Sektion» der Partei der Arbeit. 1969 zerstritt er sich mit der PdA und trat in den VPOD ein. 1971 wurde er Präsident der neu gegründeten Gewerkschaft «Kultur, Erziehung und Wissenschaft» (GKEW). Als visuell orientiertem Menschen müssen Gretler die zeitgenössischen Bleiwüsten in Presse- und Printerzeugnissen ein Dorn im Auge gewesen, das Bild als Kampfmittel für die Umgestaltung der Gesellschaft schien in Vergessenheit geraten zu sein. Abhilfe konnte da nur das eigene Engagement leisten: Schon 1968 hatte er zusammen mit Lilo und Peter König das legendäre «1. Flugblatt der antiautoritären Menschen» gestaltet. Als Fotograf war er oft unterwegs an den Anlässen der Arbeiterbewegung oder für Reportagen, ab den 1970er Jahren oft in Begleitung von Niklaus Meienberg. Das Bild der Gegenwart liess sich also ein Stück weit selber mitgestalten.

Was aber war mit dem Bild der Vergangenheit? Wie sah es in einer Arbeiterwohnung oder einer Fabrikhalle um 1900 aus? Wer hatte die spärliche Freizeit oder die politischen Kämpfe der Arbeiterbewegung in der Zwischenkriegszeit fotografiert? – Antworten in Form von Bildern gab es auf diese Fragen kaum, eigentliche Bildarchive existierten noch nicht. Die Bildagenturen kümmerten sich fast ausschliesslich um die Fotografie der Gegenwart, die Stiftung für Fotografie war noch nicht geboren und das Sozialarchiv hatte offensichtlich andere Prioritäten. Um das visuelle Vergessen zu verhindern und das bildhafte Erbe der Arbeiterbewegung zu bewahren, gründete Gretler deshalb 1975 das «Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung». «Suchen Sie Fotos und Bilddokumente? Oder haben Sie welche? Das Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung sammelt, reproduziert und bewahrt sämtliche Bilder auf, welche die Lebensverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung und ihre Emanzipation zum Thema haben», so Gretler in einem Informationsblatt zum neuen Archiv.

Gretler betreute seine Sammlung zuerst im Zürcher Seefeld, 1993 erfolgte der Umzug ins Schulhaus Kanzlei im Zürcher Kreis 4. Aus dem Bildarchiv wurde «Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» und aus der anfänglich sprichwörtlichen Schuhschachtel voller Fotos wurde allmählich eine Sammlung, die fast die ganze oberste Etage des Schulhauses belegte. Aufgrund seines ausgeprägten Spürsinns und der stetig wachsenden Bekanntheit des «Panoptikums» konnte Gretler auch ganze Fotografennachlässe (z.B. von Adolf Felix Vogel oder Sacha Manoli) vor der Vernichtung retten. Und nur dank seiner Mitgliedschaft beim Arbeiterfotografenbund Zürich fanden Hunderte von Fotos aus der Gründerzeit der Vereinigung in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren ihren Weg ins Panoptikum, wo nicht zuletzt Gretlers Frau Anne – neben ihrem 50%-Pensum als Bibliothekarin – dafür sorgte, dass alles akkurat abgelegt wurde.

Mit der stetigen Zunahme an Material erweiterten sich auch Gretlers Interessensschwerpunkte. Nebst der Arbeiterbewegung sammelte er auch andere soziale Bewegungen, insbesondere die 68er-, die Frauen-, die Friedens- oder die Antirassismus-Bewegungen; nebst Fotos trug er auch Flugblätter, Fahnen, Transparente und Objekte zusammen – bis hin zu Kriegsspielzeug und leeren Zigarettenschachteln.

Mit dem Panoptikum wollte Gretler die Zeugnisse der sozialen und politischen Kämpfe in der Schweiz (und teilweise auch darüber hinaus) erhalten und bewahren, es war aber auch seine erklärte Absicht, diese der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Schon 1988 hatte er in einem Merkblatt für Benutzende seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, «dass es bald möglich sein wird, dem Bildarchiv die Rechtsform einer Stiftung zu geben oder es auf andere Weise in eine von der Öffentlichkeit getragene Institution umzuwandeln». Trotz vereinzelter Anstrengungen wurden diese Pläne zu Gretlers Lebzeiten nicht in die Realität umgesetzt. Nach seinem Tod meldete die Stadt Zürich jedoch ihren Anspruch auf den obersten Stock im Kanzleischulhaus an und es musste plötzlich alles sehr schnell gehen. Das Sozialarchiv, welches schon seit Jahren in Kontakt mit Gretler gestanden und Interesse am Panoptikum gezeigt hatte, konnte Gretlers Lebenswerk übernehmen.

Das Sozialarchiv übernahm Gretlers Sammlung nahezu integral – ausser bei den Büchern und Zeitschriften, wo die Überschneidungen mit den eigenen Beständen zu gross waren. Im Frühling 2019 wurde das Panoptikum während mehrerer Wochen inventarisiert, um eine Berechnungsgrundlage für den Umfang der kommenden Arbeiten zu schaffen, im Frühsommer fuhren die Zügelwagen vor. Parallel dazu wurden umfangreiche Drittmittel für die Finanzierung der Erschliessungsarbeiten eingeworben. Zwischen 2020 und 2024 wurde dann der Kernbestand bewertet, digitalisiert und erschlossen. Zwangsläufig musste das Panoptikum dabei in die Logik eines Archivs überführt werden, wobei der Grundsatz der Provenienz berücksichtigt wurde. Eigentliche Archivbestände in den thematischen Dossiers von Gretler wurden in die Abteilung Archiv, Flugblätter, Pamphlete und Broschüren hingegen in die thematischen Dossiers unserer Sachdokumentation integriert. Unterschiedliche Materialien werden aus konservatorischen Gründen getrennt aufbewahrt.

Das Sozialarchiv dankt folgenden Institutionen für ihre grosszügige Unterstützung der Erschliessungsarbeiten von «Gretlers Panoptikum»: Gemeinnütziger Fonds des Kantons Zürich, Kultur Stadt Zürich, ProLitteris Stiftung, Ernst Göhner-Stiftung, Baugarten Stiftung, Briefmarkenfonds für kulturelles und soziales Engagement, Coop Region Nordwestschweiz-Zentralschweiz-Zürich, Kaufmännischer Verband Zürich, Schweizerischer Gewerkschaftsbund, Dr. Adolf Streuli-Stiftung, Gewerkschaften Unia, VPOD und SEV.

Neu in der Datenbank Bild + Ton

F 5193 Rote Falken Bern

Im Sommer letzten Jahres feierten die Roten Falken Bern ihr 100-jähriges Bestehen. 1922 gründete Anny Klawa-Morf den ersten Schweizer Ableger der sozialistischen Kinder- und Jugendorganisation. Während langer Jahrzehnte blieben die Roten Falken der Arbeiterbewegung ideell verbunden und grenzten sich von anderen Organisationen wie den Pfadfindern oder dem Cevi ab. Von Anfang an standen die Aktivitäten beiden Geschlechtern offen. Partizipation und freie Meinungsbildung wurden gewünscht und gefördert. Nach einem Höhenflug noch vor dem Zweiten Weltkrieg sanken die Mitgliederzahlen danach stetig, nur wenige Ortsgruppen überlebten. Die Berner Falken führen nach einer jahrelangen inaktiven Phase mittlerweile wieder Veranstaltungen durch.
Der Bestand ergänzt das reichhaltige Material zu den Roten Falken im Sozialarchiv in interessanter Weise: Die bisher vorhandenen Fotobestände deckten vor allem die Zwischenkriegszeit ab. Von den Berner Falken gibt es nun auch visuelle Zeugnisse aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

F 5191 Zündholzfabrik Fischer, Fehraltorf

1860 gründete Heinrich Schätti in Fehraltorf eine «mechanisch-chemische Zündholz- und Baumwollwattenfabrik». Die Produktion von Zündhölzern war damals ein boomendes Gewerbe, im Kanton Zürich gab es Dutzende meist kleiner und kleinster Produktionsstätten. 1896 übernahm Gotthilf Heinrich Fischer den Betrieb, der mit siebzig Mitarbeitenden bald zu den grössten Zündholzproduzenten der Schweiz gehörte. Ausserdem produzierte Fischer Schuhcremen und Lederfette für den allgemeinen Hausgebrauch und für landwirtschaftliche Zwecke. Trotz Diversifizierung geriet das Unternehmen aber in Schieflage: Die Zahl der Mitarbeitenden sank drastisch und die aggressive Akquisitionspolitik des schwedischen Zündholzmagnaten Ivar Kreuger sorgte dafür, dass Fischer 1929 die Zündholzfabrikation aufgeben musste. Das Unternehmen bestand noch bis 1962 und war vor allem bekannt für die Lederpflegeprodukte.
Das Sozialarchiv konnte vor einiger Zeit die Restbestände des Unternehmensarchivs übernehmen. Die wenigen Objekte, welche die lange Zeitspanne seit der Betriebsaufgabe überstanden haben, sind nun digitalisiert und erschlossen: Zündhölzer aus eigener und fremder Produktion sowie Werbeschilder für Schuhcremen. (Das Papierarchiv ist noch nicht bearbeitet.)

F 5192 Frauenkulturtage Zürich 1992

Eine kleine fotografische Dokumentation gibt Einblick in die 2. Frauenkulturtage von 1992. Während drei Tagen gab es in Zürich Vorträge, Tanzperformances, Workshops und einen feministischen Stadtrundgang. Weil nach der definitiven Schliessung der Frauenetage im Kanzleizentrum ein eigener Treffpunkt für frauenpolitische Veranstaltungen fehlte, fand der Anlass grösstenteils im Vortragssaal des Kunsthauses statt.

F 5185 Verlagsgenossenschaft Vorwärts, Bildarchiv

Von der Verlagsgenossenschaft der Zeitung «Vorwärts» haben wir einen umfangreichen Bildbestand erhalten. Rund 2’000 Fotos mehrheitlich aus der Zeit zwischen 1970 und 1990 aus dem analogen Redaktionsarchiv konnten in den letzten Monaten digitalisiert und erschlossen werden. Der «Vorwärts» erscheint seit 1945. Die Partei der Arbeit (PdA) publizierte während fast eines Jahrzehnts eine Tageszeitung, danach wechselte man auf eine wöchentliche Ausgabe. Der «Vorwärts» (nunmehr mit dem Untertitel «die sozialistische zeitung») erscheint bis heute, jedoch nur noch zweiwöchentlich.
Der Bestand deckt eine Fülle tagespolitischer Themen ab, die für die Linke damals wichtig waren. Präsent sind der Kampf gegen Kaiseraugst oder gegen das südafrikanische Apartheidregime, die politischen Initiativen der PdA zur Arbeitszeit oder Ausländerpolitik, Streiks oder die zahlreichen Aktionen gegen den «US-Imperialismus». Interessant ist der Bestand nicht zuletzt deshalb, weil der «Vorwärts» nebst dem Bildmaterial renommierter Pressefotograf:innen offensichtlich ebenso auf Bildzusendungen vieler Namenloser zählen konnte. So sind auch Ereignisse dokumentiert, die in der Bildberichterstattung anderer Presseorgane nicht vorkommen.

Propagandafilme aus der Zeit des Kalten Kriegs

Unverhofft ist das Sozialarchiv zu einem spannenden Filmbestand gekommen: Rund 60 Propagandafilme aus dem Kalten Krieg sind nun online zugänglich. Sie stammen aus der Sowjetunion und der DDR und kamen auf nicht mehr vollständig rekonstruierbaren Wegen in die Schweiz, wo sie zuletzt beim Sammler Roland Gretler landeten.

Eine handschriftliche Notiz – «Filmbestand Wälli Moser» – war lange Zeit die einzige Information über mehrere Dutzend Filmrollen, die im Keller des «Panoptikums zur Sozialgeschichte» von Roland Gretler im Zürcher Schulhaus Kanzlei lagerten. Anlässlich der Übernahme des Panoptikums nach dem Tod Gretlers stellte sich heraus, dass er selber die Filme gar nie geschaut oder anderweitig verwendet hatte. Ebenso fehlten weitere schriftliche Hinweise, die über Herkunft, Inhalt oder Verwendung der Filme hätten Auskunft geben können. Es blieb also nur der Weg über den Visionierungstisch, ein Gerät aus der mittlerweile verblichenen Zeit des analogen Films, welches das Abspielen von 16mm-Filmen ermöglicht.

Im Sommer und Herbst 2021 schauten sich die beiden Projektmitarbeiter Basil Biedermann und David Schlittler die Filme integral an und protokollierten in einer Tabelle formale, konservatorische und inhaltliche Aspekte. Diese Informationen liefern die Basis für die archivische Bewertung, also für den Entscheid, was mit dem Material geschehen soll. In der Regel wird historisch wertvolles Material digitalisiert, damit Zugänglichkeit und Erhaltung gewährleistet sind. Nur wenn der physische und chemische Zustand dies nicht erlaubt und auch eine Restaurierung nicht möglich ist, wird Filmmaterial entsorgt – in diesem Fall war das glücklicherweise nicht nötig.

Das erste Fazit nach der Visionierung: Wälli Mosers Sammlung besteht fast ausschliesslich aus Propaganda- und Imagefilmen aus der Sowjetunion und der DDR. Weil viele Filme über einen deutschen (oder französischen) Kommentar verfügen, liegt die Vermutung nahe, dass sie auch für ein deutschsprachiges Publikum produziert wurden. Recherchen ergaben schliesslich, dass Walter Moser Mitglied der Basler PdA war. Ausserdem engagierte er sich in den sogenannten Freundschaftsgesellschaften wie der Gesellschaft Schweiz-UdSSR. Er war im Besitz eines 16mm-Projektors und hat vermutlich an Veranstaltungen dieser Freundschaftsgesellschaften oder der PdA als Filmoperateur fungiert. Er sammelte und lagerte die Kopien bei sich zu Hause und später in einer Garage, bis die fehlende Nachfrage nach solchen Filmen und das Aussterben der analogen Formate die Rollen obsolet machte. Roland Gretler holte sie dann 2003 von Basel nach Zürich, wo sie im Schulhauskeller verstaubten.

Walter Moser und seine Vorgänger als Filmoperateure dürften einiges zu tun gehabt haben. Ein Blick in die Akten der Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion (SozArch Ar 23) zeigt, dass Filme zumindest in den 1950er Jahren eine tragende Rolle in der Organisation spielten. Die Gesellschaft war 1944 zum Zweck der Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten gegründet worden. Gegenseitige Besuche und ein kultureller Austausch sollten das Misstrauen ausräumen, das im Westen gegenüber dem riesigen kommunistischen Land vorherrschte. In grösseren Städten der Schweiz entstanden lokale Ableger der Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion. Für die Ortsgruppe Basel ist belegt, dass es monatlich mindestens eine Filmvorführung gab. Gezeigt wurden (oft im Unionssaal des Volkshauses) Spielfilme, Literaturverfilmungen, Dokumentarfilme über technische Meisterleistungen oder Landschaftsporträts (SozArch Ar 23.10.6).

Doch zurück zur Bestandesbearbeitung im Sozialarchiv: Nach der Visionierung sollte eine gründliche Recherche in verschiedenen Datenbanken Klarheit darüber bringen, ob die Filme allenfalls schon anderswo in einer Gedächtnisinstitution aufbewahrt werden und vielleicht sogar schon digital zugänglich sind. Weil die Digitalisierung ziemlich kostspielig ist, lohnt sich dieser Schritt unbedingt. Hierfür durchsuchten die beiden Projektmitarbeiter die Datenbanken internationaler Filmportale und nationaler Kinematheken. Das Resultat war einigermassen erstaunlich: Obwohl es sich bei fast allen Filmen um industriell gefertigte Massenware handelt, haben die wenigsten im Internet irgendwelche Spuren hinterlassen. Natürlich heisst das noch lange nicht, dass nicht irgendwo auf der Welt noch weitere Kopien vorhanden sind. Im Zweifelsfall aber bedeutet für uns der fehlende Online-Nachweis das Gut zur Digitalisierung.

Eine Ausnahme stellen die Produktionen der DEFA dar, der ehemaligen staatlichen Filmproduktion der DDR. Eine Kontaktaufnahme mit der DEFA-Stiftung, die 1999 zur Rettung des Filmschaffens der DDR gegründet wurde und sich seither vorbildlich um den Nachlass kümmert, ergab nämlich, dass die Sammlung Moser tatsächlich DEFA-Filme enthielt, die im Stiftungsarchiv noch nicht vorhanden waren. Im Sinne der Vollständigkeit des DEFA-Archivs wurden deshalb 28 Rollen ins Deutsche Bundesarchiv transferiert, wo die Stiftung die Originale aufbewahrt. Die verbleibenden 60 Filme im Umfang von 90 Filmrollen wurden von Frühling bis Herbst 2022 vom Lichtspiel in Bern digitalisiert.

In den letzten Monaten entstanden nun anhand der digitalen Dateien die ausführlichen Beschreibungen. Sie bestehen aus einem Abstract und einer detaillierten Inhaltsbeschreibung, die an Timecodes gebunden ist. Vor allem Letzteres ist enorm zeitaufwändig, bringt allerdings für die Recherche immense Vorteile: Dank der Volltextsuche findet man in kurzer Zeit den gewünschten Filmausschnitt, ohne den ganzen Film anschauen zu müssen.

Der Grossteil der Filme stammt aus den 1950er bis 1970er Jahren. In Moskau, Leningrad, Minsk und Kiew betrieb die sowjetische Filmindustrie grosse Produktionsstätten für Dokumentar- und Spielfilme. Deren Output war einerseits für den heimischen Markt gedacht, gelangte aber vielfältig synchronisiert auch in den Westen und wurde dort über die sowjetischen Botschaften in die Programme der Freundschaftsgesellschaften eingespeist. Inhaltlich sind die Filme darauf getrimmt, ein möglichst positives Bild der Sowjetunion zu vermitteln. Die Leistungen auf wirtschaftlichem, technischem, sportlichem und sozialem Gebiet werden in professionell gemachten, meist kurzen Filmen hervorgehoben. Der Film «Für den Menschen» von 1966 schildert zum Beispiel die Errungenschaften des sowjetischen Gesundheitswesens anhand des Schicksals eines Schlossers in Kiew: Bei einer Vorsorgeuntersuchung in seinem Maschinenbauwerk klagt er über Schmerzen im Oberbauch. Zur Abklärung wird er in die Klinik «Oktoberrevolution» eingewiesen, «eine von 266 medizinischen Einrichtungen in Kiew». Bei den umfassenden Untersuchungen werden ein eindrücklicher Maschinenpark, moderne Labore und eine umfassende Krankenpflege ins rechte Licht gerückt. Danach steht die Diagnose fest: Der Schlosser leidet an einer Gallenblasenentzündung und wird vom leitenden Professor persönlich operiert, «einem einfachen und freundlichen Mann». Nach der Operation unterhält sich das Ärztekonsilium über die weiteren Behandlungsschritte und entlässt den Schlosser wieder an seinen Arbeitsplatz. Der Kommentar weist darauf hin, dass die ganze Behandlung kostenlos war und der Schlosser wie alle anderen kranken Arbeiter:innen während des gesamten Spitalaufenthalts 90% seines Lohns erhielt.

Andere Filme sind Propaganda in Reinkultur. Im Oktober 1973 gelang es der Sowjetunion, in Moskau einen «Weltkongress der Friedenskräfte» auszurichten. Vertreter:innen von über 1’000 Organisationen weltweit folgten der Einladung. Die rund halbstündige filmische Dokumentation beginnt mit einer pathetischen Ansprache an den Planeten Erde, der vielerorts (Naher Osten, Kambodscha, Südafrika…) in kriegerische Ereignisse verstrickt sei. Das propagandistische Machwerk gipfelt in der Rede Leonid Breschnews – ihm wurde während des Kongresses der «Internationale Leninpreis für die Festigung des Völkerfriedens» verliehen. Geschickt inszeniert der Film die diverse, internationale Beteiligung am Kongress. Vertreterinnen kenianischer Frauengruppen kommen ebenso zu Wort wie der damalige UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim. Einen emotionalen Höhepunkt bietet der Auftritt der Witwe des kurz vor Kongressbeginn gestürzten und verstorbenen chilenischen Präsidenten Salvador Allende. Sie berichtet über das Schicksal Chiles nach dem faschistischen Umsturz.

Der gesamte Filmbestand (SozArch F 9093) ist ab sofort online verfügbar.

Büroalltag um 1970 mit zeitgenössischer Rollenteilung. Kaufmännische Angestellte beim Diktat (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F 5175-Da-002-023)
Büroalltag um 1970 mit zeitgenössischer Rollenteilung. Kaufmännische Angestellte beim Diktat (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F 5175-Da-002-023)

«Hänschen wollte Kaufmann werden. Schöneres gibt es nicht auf Erden.»

Fotos und Filme aus dem Bestand des Kaufmännischen Verbands der Schweiz

Der Kaufmännische Verband ist der grösste und traditionsreichste Angestelltenverband der Schweiz. Er wurde bereits 1873 gegründet und vereinte zu seinen besten Zeiten in den 1970er Jahren über 80’000 Mitglieder. Das umfangreiche Archiv gelangte 2021 ins Sozialarchiv. Nun sind neben dem Schriftgut auch die Fotos und Filme fertig bearbeitet.

Der Bildbestand umfasst fast 2’000 Einheiten. Besonders eindrücklich sind die über 400 Glasdias. Es handelt sich dabei um eine bis weit ins 20. Jahrhundert verbreitete, qualitativ meist hochwertige Reproduktionsform von Fotos. Im Fall des Kaufmännischen Verbands geben sie Einblicke in den Arbeitsalltag von Büroangestellten aus Industrie und Handel. Gut erkennbar sind auf vielen Dias neben den Büroeinrichtungen auch die zeitgenössischen Büromaschinen. Allgegenwärtig etwa sind Schreibmaschinen und Telefone. In den grösseren Städten stellte der Verband seinen Mitgliedern Lesesäle und Bibliotheken zur Verfügung, ein Ausdruck des hohen Stellenwerts der beruflichen Weiterbildung.

Zahlenmässig noch besser vertreten sind Aufnahmen sogenannter Scheinfirmenmessen. An diesen Anlässen massen sich Teams fiktiver Firmen mit ihren kaufmännischen Fertigkeiten und warben um Kundschaft. Die Anlässe fanden jährlich an verschiedenen Orten statt und dienten offensichtlich neben dem fachlichen Wettstreit auch der Geselligkeit unter den überwiegend jugendlichen Teilnehmenden.

Überraschend ist das (im Vergleich zu anderen Verbänden) reiche Filmschaffen. Dank der Digitalisierung kamen Aufnahmen ans Licht, die wohl seit Jahrzehnten vergessen waren. 1930 liess der Verband die Generalversammlung am Verbandssitz in Zürich filmen – ein an sich unspektakuläres Motiv. Neben beiläufig aufgenommenen Strassenszenen sind aber die damaligen Verbandsspitzen festgehalten und Szenen vor dem Kino Scala, wo «Der blaue Engel» gezeigt wurde. Aus dem gleichen Jahr gibt es einen 35mm-Film vom «Jungkaufleutetag» im Sommer in Solothurn. An diesem Anlass massen sich die KV-Lehrlinge in sportlichen Disziplinen.

In den 1950er Jahren entstanden gleich zwei Imagefilme, die sich im Wesentlichen an Berufseinsteiger wandten. Im Stummfilm «Hans will Kaufmann werden» von 1952 begleiten wir Hans auf seinem Weg von der Berufswahl bis zum Lehrabschluss. Motiviert wird er dabei von den Zwischentiteln im Film (siehe auch Titel dieses Beitrags). 1953 folgte die professionelle Produktion «Vom kleinen Ich zum grösseren Wir» der Condor Film AG. Das «Volksrecht» stellte in der Filmrezension mit einiger Genugtuung fest: «Aus dem ‘Stehkragenproletarier’, der geruhsam mit dem Gänsekiel seine dicken Bücher vollschrieb und peinliche Distanz gegenüber dem Arbeiter bewahrte, ist längst ein Arbeitnehmer geworden, der vor ganz ähnlichen Problemen steht wie die Betriebsarbeiter.» 1966 folgte schliesslich mit «Die kaufmännischen Berufe» der Versuch einer Imagekorrektur des Berufsbildes. Der Film präsentiert die Tätigkeitsfelder von Kaufleuten in all ihren Facetten, vom Buchhalter über die Lochkartenspezialistin, von der fremdsprachengewandten Diplom-Korrespondentin bis zum Börsianer am Ring.

Die Rolling-Stones-Sammlung von Felix Aeppli ist ab sofort benutzbar!

Wussten Sie, dass die Stones schon 1964 in einem Werbespot für Kellogg’s Rice Krispies auftraten? Oder dass die Band auf ihrer Tournee 1990 auch in der Tschechoslowakei Halt machte und dabei von Staatspräsident Vaclav Havel auf der Prager Burg empfangen wurde? Die Sammlung von Felix Aeppli trägt diese und tausende weiterer Perlen aus dem immensen Wirken der Band zusammen. Weltweit wohl einzigartig ist diese einstmals private Sammlung nun öffentlich im Sozialarchiv zugänglich.

Die Stones sind ein Pop-Phänomen erster Güte. Die Band feierte dieses Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Der Historiker Felix Aeppli beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Band und gehört zu den renommiertesten Rolling-Stones-Forschern. Dabei ist eine monumentale Sammlung entstanden, die er im Jahr 2016 dem Sozialarchiv vermacht hat.

Die Sammlung besteht aus physischen Tonträgern und digitalen Dateien. Die Nutzung findet im Lesesaal statt, alle im Haus befindlichen Schallplatten können bestellt werden. Die Digitalisate können an allen öffentlichen PC-Stationen konsultiert werden. Eine Ausleihe von Material ist ebenso ausgeschlossen wie der Download von Files.

Der Schlüssel zur Nutzung ist das Werkverzeichnis, das von Felix Aeppli in akribischer Arbeit aufgebaut wurde; es wird regelmässig aktualisiert und ist unter http://aeppli.ch/tug.htm verfügbar. Es lohnt sich unbedingt, vorab die Rubrik FAQ zu konsultieren, die den Aufbau des Katalogs erklärt.

Das Hauptordnungskriterium sind die Werke der Rolling Stones. Jedem dieser Werke hat Aeppli eine Entry-Nummer hinzugefügt. Die 1966 erschiene LP «Aftermath» beispielweise hat die Entry-Nummer 0.109. Diese Nummer ist sowohl der Schlüssel für das Bestellen der LP in den Lesesaal als auch für das Aufrufen der digitalen Files an den Lesesaal-PCs. Im Verzeichnis sind die Entry-Nummern mit Farbcodes zusätzlich gegliedert: Gelb steht für «Studio Sessions», Lila für «Live & Media Shows» und Grün für «Releases».

Aeppli hat im Lauf seiner Sammeltätigkeit über 3’000 physische Träger (LPs, Singles, DVDs) zusammengetragen. Was auf diesen physischen Trägern ist, ist auch digital vorhanden. Zusätzlich gibt es über 6’000 Video-Dateien, die den gesamten Zeitraum ab 1962 abdecken. Diese Liveauftritte, Interviews, Newsbeiträge und Hintergrundberichte sind eine einzigartige Quelle für die Erforschung des Phänomens «Rolling Stones». Sie zeigen nicht nur, wie sich die Band im Verlauf der Zeit präsentiert, sondern auch, wie radikal sich die mediale Wahrnehmung von Popmusik im Allgemeinen in den letzten sechs Jahrzehnten intensiviert und verändert hat.

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