Kateryna Michalizyna, Stanislaw Dwornyzkyj: Reaktoren explodieren nicht. Eine kurze Geschichte der Tschornobyl-Katastrophe. Berlin, 2026
40 Jahre nach dem Reaktorunglück in Tschornobyl im April 1986 erscheint die deutsche Erstausgabe des Jugendsachbuchs, welches bereits im Jahr 2020 in ukrainischer Sprache publiziert und mehrfach ausgezeichnet wurde. Tschornobyl – nicht Tschernobyl. Kateryna Michalizyna und Stanislaw Dwornyzkyj verwenden im Buch bewusst den ukrainischen Namen der Stadt. Die Autor:innen betonen damit die Emanzipation vom sowjetischen und russischen Imperial-Anspruch, welche seit Ausbruch des Ukrainekriegs tragischerweise wieder mehr Relevanz bekommen hat.
Das Reaktorunglück in Tschornobyl wird im Reportagen-Stil nacherzählt und anhand von Sachtexten mit Fakten rund um die Kernenergie und Radioaktivität ergänzt. Mithilfe von Illustrationen wird versucht, die Text- und Faktenteile aufzulockern und zugänglich zu machen, um so die erklärte Zielgruppe «Für alle ab 12 Jahre» zu erreichen. Da die Schilderungen teilweise sehr detailliert und die Faktenteile naturgemäss kompliziert sind, wird das Buch der definierten Zielgruppe nicht gänzlich gerecht. Für Erwachsene, denen die Einzelheiten und Hintergründe der Reaktorkatastrophe vielleicht nicht mehr so präsent sind, kann es hingegen durchaus eine lohnende Lektüre sein.
Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl):
- Sendungen aus dem Bestand Radio LoRa (SozArch F 1010): Tschernobyl und seine Folgen; Frauen nach Tschernobyl; 4 Jahre nach Tschernobyl; Von Kaiseraugst zu Tschernobyl
- Dokumentation Anti-AKW-Bewegung nach Tschernobyl (SozArch Ar 201.145)
- Greenpeace Schweiz (SozArch Ar 507): Atomunfall 1986-1996 (Ar 507.12.31); Atomenergie: Philosophie, Geschichte und Entwicklung betr. u.a. Tschernobyl (Ar 507.0122); Reaktorunglück in Tschernobyl (Ar 507.0154)
- Schweizerische Energie-Stiftung (SozArch Ar 510): Tschernobyl 1981-1990 (Ar 510.10.48); Tschernobyl 1986-2005 (Ar 510.10.49)
- Dossier 92.3 *6: Atomkraftwerke: Reaktorunfälle: ZA 92.3 *6
- Dossier 92.3: Atomkraftwerke: Allg. & Ausland: QS 92.3
Marc Guéniat: Genève confidentiel. La ville qui aimait l’argent des autres. Paris, 2026
Das Buch des Genfer Journalisten Marc Guéniat über Einflussnetzwerke, die die Calvinstadt zum Zufluchtsort für grosse Vermögen gemacht haben, hat eine Vorgeschichte: 2011 war Guéniat bei der «Tribune de Genève» gefeuert worden, nachdem er einen Artikel, den sein Arbeitgeber nicht drucken wollte, bei der Konkurrenz publiziert hatte.
Stein des Anstosses waren ausführliche Recherchen zum russischen Ölmagnaten Gennadi Timtschenko, der damals als «Pauschalbesteuerter» im Kanton Genf lebte, zum engsten Machtzirkel des Putin-Regimes gehört und durch seine Ölhandelsfirma Gunvor und seine Neva-Stiftung zahlreiche Kultur-, Sport- und Bildungsinstitutionen in und um Genf sponserte (u. a. Grand Théâtre de Genève, HC und FC Servette, Verbier Music Festival, ETH Lausanne). Timtschenko, der in der Folge mit einem Bankkredit den französischen Front National vor dem Konkurs bewahrte und als Financier von Söldnertruppen mit Einsätzen in Syrien und der Ukraine gilt, macht in Guéniats Buch als «Mäzen von Kalvingrad» den Auftakt zu einem weitgespannten Panorama über Genfs Rolle als internationaler Geldmagnet – allein eine Genfer Bank verwaltet Vermögenswerte, die das Bruttoinlandprodukt Belgiens übersteigen – sowie den Einfluss ausländischer Oligarch:innen und ihrer lokalen Broker:innen auf Politik, Wirtschaft und Kultur Genfs. Wer der Zürcher Bührle-Geschichten überdrüssig ist, findet in Guéniats Buch interessante Parallelen der jüngsten Vergangenheit von ennet dem Röschtigraben.
Marco Jorio: Die Schweiz und ihre Neutralität. Eine 400-jährige Geschichte. Zürich, 2023
Der langjährige Chefredaktor des Historischen Lexikons der Schweiz Marco Jorio beschreibt in seinem umfassenden Standardwerk vier Jahrhunderte helvetischer Neutralitätsgeschichte und zeigt auf, dass es trotz ihres identitätsstiftenden Charakters «die» Neutralität nicht gibt. Vielmehr passte sich nach der allmählichen Herausbildung des Neutralitätskonzepts in der frühen Neuzeit die auf dem Wiener Kongress 1815 festgelegte Schweizer Neutralität immer wieder sich verändernden aussen- und innenpolitischen, geostrategischen, völkerrechtlichen und nicht zuletzt auch wirtschaftlichen Rahmenbedingungen an.
Vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart immer wieder auftauchende, in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich behandelte Themen betreffen etwa Waffenausfuhr und Handelsbeziehungen mit kriegführenden Parteien, den fremden Kriegsdienst sowie die Mythisierung des Neutralitätsbegriffs, die bereits 1688, nur 14 Jahre nach der ersten offiziellen Neutralitätsdeklaration der Eidgenossenschaft, einsetzte. Mit seiner differenzierten, aber vor pointierten Stellungnahmen zur zukünftigen Weiterentwicklung der Neutralität nicht zurückschreckenden Argumentation eignet sich das informationsgesättigte Buch bestens zum Faktencheck in den aktuellen Neutralitätsdebatten.
Ruth Bollinger: Elsas Alben. Romanbiografie. Schaffhausen, 2025
«Elsas Alben» von Ruth Bollinger ist eine Romanbiografie über die Grossmutter der Autorin. Ausgangspunkt sind Elsas Fotoalben sowie Dokumente aus einer Schachtel im Keller: Schulhefte, Fotografien und Kinderzeichnungen. Ergänzt werden diese persönlichen Quellen durch Recherchen im Stadtarchiv Schaffhausen. Aus diesem Material rekonstruiert Ruth Bollinger nicht nur die Lebensgeschichte ihrer Grossmutter, über die in der Familie kaum gesprochen wurde, sondern zeichnet zugleich ein eindrückliches Bild des Schaffhauser Alltags und der politischen Umbrüche im frühen 20. Jahrhundert.
Die aus Böhmen stammende Elsa kommt 1912 nach Schaffhausen. Als überzeugte Sozialistin engagiert sie sich in der Arbeiterbewegung, begegnet sogar Lenin und erlebt den Ersten Weltkrieg sowie die Spannungen der Zwischenkriegszeit hautnah mit. Über ihre familiären Beziehungen ist sie zudem mit der tschechischen Unabhängigkeitsbewegung verbunden. Ihr politisches Engagement prägt ihr Leben, führt aber auch zu Konflikten: Beide Ehen scheitern, und als zweimal geschiedene, berufstätige Mutter von drei Kindern muss sie sich gegen die gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit behaupten.
Das Buch verbindet tagebuchartige Episoden aus Elsas Leben mit historischen Einordnungen. Es erzählt von einer Frau, die ihren Überzeugungen treu bleibt, sich für die Arbeiterbewegung engagiert und damit nicht nur ein aussergewöhnliches Leben führt, sondern auch ein Stück Schaffhauser Zeit- und Sozialgeschichte lebendig werden lässt.
Jan Eike Dunkhase: Kühle neue Welt. Eine Geschichte der Moderne. Ditzingen, 2026
Der Historiker Jan Eike Dunkhase hat ein sehr lesenswertes Buch über die Kulturgeschichte der Kälte geschrieben. Anschaulich beschreibt er die Entwicklung vom Beginn der natürlichen Nutzung der Kälte bis zur künstlichen Kühlung.
Erdhöhlen dienten schon immer als Kältekammern. In Amerika wurden Eisblöcke aus zugefrorenen Gewässern gesägt und in Kisten mit Sägespänen verpackt, um sie in wärmere Gebiete zu exportieren. Kapitalismus und Kolonialismus sind eng mit der Kühltechnik verknüpft. In Britisch-Indien kam ein riesiger, durch Menschenkraft betriebener Schwingfächer zum Einsatz, der den Kolonialherren Kühlung verschaffte. Ab dem 19. Jahrhundert wächst die «Kälteindustrie» rasant und durch die Entwicklung von Kühlmaschinen in der Fleischindustrie und dem Bau der Eisenbahn wird es möglich, Schlachtfleisch von Chicago nach New York zu transferieren. In Europa war es vor allem die Bierindustrie, welche die Entwicklung von Kühlmaschinen vorantrieb. Der vor rund hundert Jahren erfundene Kühlschrank für den Privathaushalt fand zuerst wenig Absatz, da er sehr teuer war und die Elektrifizierung der Haushalte voraussetzte. Doch bereits 1929 wurde in den USA der einmillionste «Frigidaire»-Kühlschrank fertiggestellt. Ohne Kühlschrank wäre die weltweite Verbreitung von Coca-Cola nicht möglich gewesen, denn das Erfrischungsgetränk schmeckt nur kalt. Später wurden tiefgekühlte Lebensmittel erfunden und dank ununterbrochener Kühlketten globale Märkte erschlossen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgte in den USA die Massenklimatisierung.
Einen Alltag ohne Kühltechnik können wir uns heute kaum mehr vorstellen und Dunkhase zeigt den Teufelskreis auf, in den wir geraten sind. Denn je mehr wir kühlen, desto wärmer wird der Planet. Gerade erleben wir die nächste Stufe: Mit der fortschreitenden Digitalisierung – von der Nutzung des Internets über die Verbindung mit Daten-Clouds bis zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz – wächst der Kühlungsbedarf unaufhaltsam weiter.
Andreas Möller: Die Unterschätzten. Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet. Berlin, 2026
Der ehemalige Journalist mit biografischen Wurzeln in Rostock und dem ländlichen Mecklenburg zu Zeiten der DDR spricht in seinem streitbaren Buch zahlreiche Widersprüche urbaner Projektionen auf den ländlichen Raum in Deutschland an und fordert damit gewohnte Perspektiven heraus.
Für städtische Menschen stellen ländliche Gegenden Natur- und Erholungsräume dar, tatsächlich sind diese in Deutschland aber in erster Linie Wirtschafts- und Lebensräume, wo nebst Landwirtschaft auch industrielle Fertigung stattfindet und neuerdings im grossen Stil erneuerbare Energie gewonnen wird. Der ländliche Produktionsraum ist also für Ernährung und Energieversorgung systemrelevant. Trotzdem erfährt er medial nicht die gleiche Sichtbarkeit wie die städtischen Ballungsräume. Die Menschen fühlen sich entsprechend mit ihren Problemen weniger wahrgenommen und insgesamt weniger wertgeschätzt, so Möller. In den letzten Jahrzehnten vollzog sich zudem eine kaum rückholbare Entfernung der urbanen Milieus von den ländlichen Lebenswirklichkeiten, eine tiefgreifende kulturelle Entfremdung.
Den Hintergrund für Möllers Landeserkundungen bilden die ins Hintertreffen geratene deutsche Industrie, welche beachtliche 25 % zum BIP beisteuert (die Landwirtschaft mittlerweile weniger als 1 %), sowie die ungemütliche Tatsache, dass ländliche Regionen zunehmend die AfD wählen. Der Bevölkerungsanteil im ländlichen Raum ist im Osten dabei doppelt so hoch wie im Westen, während der soziale Zusammenhalt in den Kommunen mit dem Wegfall der staatlichen Organisationen der DDR viel mehr gelitten hat als im Westen, wo mit Kirche, Gaststätten und Vereinen vielerorts ein intaktes Gemeindeleben überlebt hat. Die Bevölkerung der ehemals ostdeutschen Landstriche muss überdies diverse Brüche in der eigenen Arbeitsbiografie und Verluste von identitätsstiftenden Strukturen wie etwa der LPGs verarbeiten.
Weiteres aktuelles Buch zum Thema vom Sänger der Politpunkband «Feine Sahne Fischfilet», Jan Gorkow alias Monchi: Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz. Köln, 2026.
