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Vor 150 bis 30 Jahren: Der lange Weg zum Schweizer Frauenstimmrecht

In den vergangenen Jahren feierten unsere Nachbarländer Deutschland und Österreich Frauenwahlrechtsjubiläen. Ein Jahrhundert nach den demokratischen Revolutionen zu Ende des Ersten Weltkriegs befasste sich eine ganze Reihe von Veranstaltungen und Publikationen mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft der politischen Rechte der Frauen. 2021 ist nun Jubiläum in der Schweiz. Verschiedene Bücher dazu sind bereits erschienen und in der ersten Jahreshälfte öffnen mehrere Ausstellungen, die zum Teil auch Exponate aus dem Schweizerischen Sozialarchiv zeigen. Hierzulande gibt es indessen keine 100 Jahre, sondern erst ein halbes Jahrhundert Frauenstimmrecht zu feiern. Wenn man genau hinsieht, sogar noch weniger: Das erste eidgenössische Parlament, das vollständig nach dem allgemeinen Männer- und Frauenstimmrecht gewählt wurde, trat sein Amt erst im Herbst 1991 an. Das Thema Frauenstimmrecht figurierte zu jenem Zeitpunkt aber auch in der Schweiz seit über einem Jahrhundert auf der politischen Agenda.

Frauenstimmrecht als Forderung und Praxis von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg

Das 19. Jahrhundert war geprägt von Kämpfen zwischen alten Eliten, die an feudalen, ständischen und zünftischen Privilegien der Vormoderne festhalten wollten, und den aufstrebenden Gesellschaftsschichten aus dem Bürgertum und zunehmend auch der Industriearbeiterschaft, die auf Parlamentarisierung und Demokratisierung drängten. In diesem Prozess, der in unterschiedlichen Regionen Europas zeitlich und inhaltlich verschieden ablief, standen auch die politischen Rechte von Frauen zur Disposition. Auf der einen Seite wurden vormoderne Einflussmöglichkeiten von Frauen als „Ersatzmänner“ – von der Meisterwitwe im zünftischen Handwerk über die Grossgrundbesitzerin bis zur Monarchin – durch die am Ideal der gleichberechtigten männlichen Staatsbürger orientierten liberalen Kräfte zurückgedrängt. Auf der anderen Seite erhoben sich früh Stimmen, die eine Ausdehnung des staatsbürgerlichen Gleichheitsideals der Französischen Revolution auch auf die Frauen forderten. Bis zum Ersten Weltkrieg waren ihre Erfolge in Europa bescheiden, hingegen setzte sich das Frauenstimmrecht bereits in mehreren von EuropäerInnen kolonisierten und besiedelten Territorien in Übersee durch.

Auch die Schweiz wurde von diesem Prozess erfasst. Im Europa des 19. Jahrhunderts war sie eine Vorreiterin von Volksherrschaft und allgemeinem Männerwahlrecht, auch wenn bei der Bundesstaatsgründung von 1848 Juden sowie in vielen Kantonen Armengenössige und Steuerschuldner vorerst noch vom Wahlrecht ausgeschlossen blieben. Bei den politischen Rechten der Frauen hingegen tat sich zu jener Zeit wenig. 1833 gewährte das Berner Gemeindegesetz Grundbesitzerinnen Mitbestimmung in der Gemeindeversammlung, wo sie sich jedoch durch einen Mann vertreten lassen mussten. 1852 wurde dieses feudale Mitbestimmungsrecht auf Ledige und Witwen eingeschränkt, 1887 sogar ganz abgeschafft. Im Zuge der demokratischen Verfassungsrevision im Kanton Zürich von 1868/69 forderte eine anonyme Eingabe von „mehreren Frauen aus dem Volk“, die ihren „guten Namen nicht der Spottlust böser Zungen preisgeben“ wollten, die „Wahlberechtigung und Wahlfähigkeit für das weibliche Geschlecht in allen sozialen und politischen Angelegenheiten und Beziehungen“: „Es wäre traurig und beschämend, wenn Jeder von den Männern des Volkes nur die vollste Freiheit für sich, nicht aber für Andere und am wenigsten für uns Frauen in Anspruch nähme.“ Diakon Hirzel aus Zürich setzte sich immerhin dafür ein, dass „in Kirchen- und Schulgemeinde-Versammlungen die in der Gemeinde verbürgerten und niedergelassenen Frauenspersonen (verheirathete und unverheirathete) das Stimmrecht erhalten unter denselben Bedingungen wie die Männer“. Selbst diese moderate Forderung fand aber keinen Eingang in die neue Verfassung, die damals demokratischste der Welt (s. SozialarchivInfo 6/2018).

Im Jahre 1886 reichten 139 Frauen unter Führung der Genfer Frauenrechtlerin Marie Goegg-Pouchoulin eine Frauenpetition an die Eidgenössischen Räte ein. Am 1. Januar 1887 publizierte die „Züricher Post“ den Artikel „Ketzerische Neujahrsgedanken einer Frau“, in dem die Bündnerin Meta von Salis, die im selben Jahr als erste Frau an der Universität Zürich in Geschichte doktorierte, erstmals in der Deutschschweiz öffentlich das Frauenstimmrecht forderte. In den folgenden zwei Jahrzehnten entstanden verschiedene Organisationen, die sich für eine rechtliche Besserstellung der Frauen einsetzten und schliesslich auch die Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts forderten. So gründete Emilie Kempin-Spyri, die erste habilitierte Juristin der Schweiz, 1893 den Zürcher „Frauenrechtsschutzverein“, der mit Petitionen und Referaten an die Öffentlichkeit trat und eine Rechtsberatungsstelle für Frauen einrichtete. 1893 fusionierte der „Frauenrechtsschutzverein“ mit dem „Schweizerischen Verein für Frauenbildungsreform“ zur „Union für Frauenbestrebungen“, die sich dann 1930 in „Frauenstimmrechtsverein Zürich“ umbenennen sollte. 1896 fand im Rahmen der Genfer Landesausstellung der erste „Schweizerische Kongress für Fraueninteressen“ mit rund 300 Delegierten statt, die die Frauenstimmrechtsfrage kontrovers diskutierten. Ein knappes Jahr später publizierte der Staatsrechtsprofessor und freisinnige Nationalrat Carl Hilty im „Politischen Jahrbuch der Schweiz“ einen umfangreichen Artikel zum Frauenstimmrecht, der bei der Einführung ein schrittweises Vorgehen empfahl und in der sich formierenden Frauenbewegung eine breite Resonanz erfuhr.

1900 entstand als Dachverband der bürgerlichen Frauenorganisationen der „Bund Schweizerischer Frauenvereine“ (BSF) unter dem Präsidium der Berner Patrizierin Helene von Mülinen. Den Kampf für das Frauenstimmrecht führte in der Folge aber hauptsächlich eine andere Dachorganisation, der 1909 gegründete „Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht“ (SVF, später: Schweizerischer Verband für Frauenrechte), dessen Archiv heute im Schweizerischen Sozialarchiv lagert. Die ab 1905 entstehenden kantonalen Frauenstimmrechtsvereine, deren zu jener Zeit insgesamt etwa 800 Mitglieder vor allem aus dem protestantisch-liberalen Bürgertum stammten, entfalteten eine rege Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Erfolge waren zunächst aber bescheiden. Immerhin führte 1905 die evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich das passive Frauenwahlrecht ein, 1909 der Kanton Waadt sogar das ganze kirchliche Frauenstimmrecht. Den Frauenstimmrechtsvereinen gehörten auch männliche Mitglieder an. Selbst das Gründungspräsidium des SVF ging mit dem liberalen Grossrat Auguste de Morsier, der 1907 die „Association genevoise pour le suffrage féminin“ gegründet hatte, an einen Mann. Ab 1912 wurde der SVF dann durchgehend von Frauen präsidiert.

Parallel dazu entwickelte sich auch in den Arbeiterorganisationen eine Frauenstimmrechtsbewegung. Der 1890 entstandene „Schweizerische Arbeiterinnenverband“ forderte 1893 erstmals das Frauenstimmrecht. Das SP-Parteiprogramm von 1904 enthielt dann den Punkt „Gleichstellung der Frau mit dem Manne im öffentlichen und Privatrecht; als Anfang: Ausdehnung des aktiven und passiven Wahlrechts der Frau für die Schul-, Kirchen- und Armenbehörden“. 1912 war das Frauenstimmrecht erstmals Gegenstand einer Debatte am SP-Parteitag. Neben den beiden einzigen weiblichen Delegierten ergriffen auch eine Reihe von Parteigrössen zugunsten des Frauenstimmrechts das Wort. Der spätere Kommunist Fritz Platten meldete aber den Vorbehalt an, „über unsere Ideen nicht aufgeklärte“ Proletarierinnen würden den Stimmzettel „im reaktionären Sinne“ gebrauchen und die Frau müsste bei einer Gewährung des Stimmrechts „bei ihrem psychischen Zustand eine Wandlung vollziehen“. Im selben Jahr forderte die SP St. Gallen im Grossen Rat erfolglos das kantonale Frauenstimmrecht. Weitere Vorstösse in anderen Kantonen fruchteten ebenfalls nicht.

Mit dem Erstarken der Frauenstimmrechtsbewegung ab der Jahrhundertwende folgte die Schweiz einem internationalen Trend. Bereits während der Französischen Revolution hatte die Schriftstellerin Olympe de Gouges 1791 in ihrer „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“ die politische und rechtliche Gleichstellung der Geschlechter gefordert. Während des 19. Jahrhunderts wurde das allgemeine Frauenstimmrecht aber nirgends in Kontinentaleuropa verwirklicht. Einzelne Ansätze dazu gab es hingegen in Übersee in jungen Staaten mit noch wenig gefestigten politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Im US-Bundesstaat New Jersey konnten reiche Frauen unter dem Zensuswahlrecht des späten 18. Jahrhunderts wählen, verloren dieses Recht dann aber 1807 bei der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts. Ab 1838 waren in Kentucky steuerzahlende Witwen und weibliche Haushaltsvorstände in Schul- und Steuerangelegenheiten stimmberechtigt. Die Gemeinde Vélez im Nordosten Kolumbiens führte 1853 das Frauenwahlrecht ein. 1862 erhielten in der argentinischen Provinz San Luis Frauen, die lesen und schreiben konnten, das Wahlrecht auf Gemeindeebene.

In den USA gab es in den 1840er Jahren mehrere Petitionen zugunsten des Frauenwahlrechts und ab den 1860er Jahren entstanden verschiedene Frauenwahlrechtsorganisationen. 1872 kandidierte die Frauenrechtlerin Victoria Woodhull für die „Equal Rights Party“ sogar bei den Präsidentschaftswahlen. Dabei nutzte sie die Kuriosität aus, dass Frauen zwar kein aktives Wahlrecht hatten, die Wählbarkeit hingegen nicht ausdrücklich auf die Männer eingeschränkt war. Ihre Stimmen wurden indessen nicht ausgezählt, da sie das erforderliche Wahlalter von 35 Jahren noch nicht erreicht hatte. Nächste weibliche Präsidentschaftskandidatin war 1884 die Rechtsanwältin Belva Lockwood. Sie kam auf 4’194 (männliche) Stimmen (0,05%) und kandidierte vier Jahre darauf erneut. Das „Territory“ Wyoming hatte schon 1867 das aktive Frauenwahlrecht eingeführt und behielt es auch 1890 nach der Erhebung zum US-Bundesstaat bei. Auch in den verschiedenen frühsozialistischen Siedlungsprojekten der USA war das Frauenstimmrecht ein Thema. Die in den frühen 1850er Jahren in Adams County (Iowa) entstandene Gemeinschaft der ikarischen Bewegung nach der Gesellschaftsutopie Etienne Cabets spaltete sich Mitte der 1870er Jahre sogar wegen der Frauenstimmrechtsfrage. Im zur Jahrhundertmitte entstandenen Mormonenstaat Utah wurde das Frauenwahlrecht 1870 eingeführt, 1887 wieder abgeschafft und 1896 erneut eingeführt. Die Einführung des Frauenwahlrechts stand hier im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Mormonen, die vom Kongress bekämpfte Polygamie zu verteidigen. 1893 führte der Bundesstaat Colorado das Frauenwahlrecht ein – als weltweites Novum geschah dies per Volksbeschluss. Bis zum Ersten Weltkrieg folgten Idaho (1896), Washington (1910), Kalifornien (1911), Arizona (1912), Oregon (1912), Kansas (1912), Alaska (1913), Montana (1914) und Nevada (1914). Im Jahre 1910 reichten die Frauenwahlrechtsorganisationen dem Kongress eine Petition ein, die von 400’000 Frauen unterzeichnet war. Die Kunde von diesen Entwicklungen erreichte auch frühzeitig die Schweiz. Dies bezeugt ein Wagen am Zürcher Sechseläuten-Umzug von 1870, auf dem unter dem Motto «Amerikanische Verhältnisse» als Frauen verkleidete Zünfter rauchten, Zeitungen lasen und am Rednerpult gestikulierten.

Auch im Pazifikraum gab es frühe Ansätze. Die Nachfahren der Meuterer der „Bounty“ auf den Pitcairninseln kannten in ihrer rudimentären staatlichen Organisation seit 1838 das Frauenstimmrecht. In Neuseeland gab es ab 1878 eine Reihe von erfolglosen Gesetzesvorlagen für das Frauenwahlrecht. Eingeführt wurde dieses dann 1893, im selben Jahr wie auf den Cookinseln. 1894 führte auch die Kolonie South Australia, wo Grundbesitzerinnen schon seit 1861 wählen durften, das allgemeine Frauenwahlrecht ein, 1899 folgte Western Australia. Ein Jahr nach dem Zusammenschluss der australischen Kolonien wurde 1902 das Frauenwahlrecht im „Commonwealth of Australia“ auch auf Bundesebene verwirklicht.

In Grossbritannien konnten im frühen 19. Jahrhundert, als weniger als 3% der Bevölkerung das an ein hohes Vermögen gebundene Wahlrecht zum Parlament besassen, einige reiche Frauen an Wahlen teilnehmen. Mit der Reform von 1832, die das Wahlrecht auf die oberen Mittelschichten ausweitete, wurden Frauen aber ausdrücklich ausgeschlossen. Hingegen räumte das Gemeindewahlgesetz von 1869 alleinstehenden, Steuern zahlenden Frauen das Wahlrecht ein. 1894 wurde dieses auf gewisse verheiratete Frauen ausgedehnt, so dass um die Jahrhundertwende rund eine Million Frauen auf den Wahllisten für Gemeindewahlen registriert waren. Ab den 1860er Jahren entstanden verschiedene Organisationen, die sich für das Frauenwahlrecht ins Parlament stark machten. Nach Jahrzehnten erfolgloser Lobbytätigkeit bei Parlamentsmitgliedern und in der Öffentlichkeit gründeten 1903 Emmeline Pankhurst und ihre Töchter die militante „Women’s Social and Political Union“ (WSPU), deren Mitglieder bald als „Suffragetten“ bekannt wurden. 1908 organisierte die WSPU eine Demonstration im Londoner Hyde Park, an der sich rund 300’000 Menschen beteiligten. Die WSPU setzte aber auch auf Aktionen zivilen Ungehorsams, die sich in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend radikalisierten. Dazu gehörten das Anketten an Zäune im Zentrum von London, Steinewerfen gegen Polizisten und Fensterscheiben, Brandstiftungen gegen Kirchen und Briefkästen und sogar Bombenanschläge, etwa 1913 auf das Landhaus von Schatzkanzler David Lloyd George. Premierminister Herbert Asquith wurde von Aktivistinnen mit Pfeffer und einer toten Katze beworfen. Verhaftete WSPU-Mitglieder traten im Gefängnis in den Hungerstreik und wurden zwangsernährt. 1913 warf sich die Suffragette Emily Davison, eine Absolventin der Oxford University, nach neun Verhaftungen und sieben Hungerstreiks beim Epsom Derby vor das Rennpferd König Georg V. und starb wenige Tage darauf an den dabei erlittenen Verletzungen.

Auch auf internationaler Ebene schloss sich die Frauenstimmrechtsbewegung zusammen. 1902 fand in Washington die erste internationale Frauenstimmrechtskonferenz statt. In Vorbereitung darauf gründeten deutsche Frauenrechtlerinnen den „Deutschen Verband für Frauenstimmrecht“. Auf der zweiten internationalen Frauenstimmrechtskonferenz von 1904 in Berlin wurde dann die „International Woman Suffrage Alliance“ (IWSA) aus der Taufe gehoben. Ihr Präsidium übernahm mit Carrie Chapman Catt die führende Figur der „National American Woman Suffrage Association“. Parallel zu diesen bürgerlich geprägten Organisationen entstand auf dem Kongress der Zweiten Internationale von 1907 die „Sozialistische Fraueninternationale“ mit Clara Zetkin als Sekretärin. Diese Organisation initiierte 1910 den 8. März als Weltfrauentag, der zunächst vor allem der Wahlrechtsforderung Nachdruck verleihen sollte und 1911 auch in 15 Ortschaften der Schweiz erstmals gefeiert wurde.

In Europa hatte die Frauenstimmrechtsbewegung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs indessen noch wenig Erfolg. Immerhin führte das unter russischer Oberhoheit stehende Finnland 1906 zusammen mit dem allgemeinen Männerwahlrecht auch das aktive und passive Frauenwahlrecht ein. Bei den ersten demokratischen Wahlen im folgenden Jahr wurden 19 Frauen ins 200-köpfige finnische Parlament gewählt. In Norwegen durften Grundbesitzerinnen und Ehefrauen von Grundbesitzern ab 1901 auf lokaler, ab 1907 auch auf nationaler Ebene wählen. 1913 wurde dann auch hier das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt.

Aufbruchstimmung und Rückschläge nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg brachte auch für die Frauenstimmrechtsbewegung einen gewaltigen Einschnitt. Die Mobilisation der Männer in die Armeen führte dazu, dass viele „männliche“ Positionen in Industrie und Landwirtschaft von Frauen übernommen wurden. Dies nährte Hoffnungen auf eine Einführung des Frauenstimmrechts als Anerkennung dieser Leistungen. In Grossbritannien führte die Frage, ob die Suffragetten-Bewegung nun mit der Regierung zusammenarbeiten und die Kriegsanstrengungen unterstützen oder eine oppositionell-pazifistische Haltung einnehmen solle, allerdings zu Spaltungen der WSPU und einer dauerhaften Entfremdung zwischen Emmeline Pankhurst, die 1926 der Konservativen Partei beitreten sollte, und ihrer Tochter Sylvia, die zur Rätekommunistin wurde. Während des Kriegs führte 1915 das neutrale Dänemark das Frauenwahlrecht, das auf lokaler Ebene bereits seit 1908 bestand, auch auf nationaler Ebene ein. Die Umbrüche bei Kriegsende gaben dem Frauenstimm- und -wahlrecht dann einen Schub. In mehreren Ländern mündete der Krieg in Revolutionen, in deren Verlauf auch die Frauen politische Rechte erhielten. Dazu gehörten Russland (1917) sowie die Kriegsverlierer Deutschland, Österreich, Ungarn (alle 1918) und, mit einer gewissen Verzögerung, die aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches hervorgegangene Republik Türkei (1934). Auch neu entstandene Staaten wie Polen (1918), die Tschechoslowakei (1920) und Irland (1922) führten das Frauenwahlrecht ein, ebenso Schweden (1919), Luxemburg (1919) und Albanien (1920).

Bei den Siegermächten des Weltkriegs war der Schwung geringer. In Frankreich, das als eines von wenigen Ländern schon im späten 19. Jahrhundert das allgemeine Männerwahlrecht gekannt hatte, verzögerte sich die Einführung des Frauenwahlrechts bis 1944. In den USA war seit 1878 beim Kongress ein nicht behandelter Antrag auf einen Verfassungszusatz anhängig, der die Einschränkung des Wahlrechts aufgrund des Geschlechts verbieten wollte. Im Januar 1915, noch vor dem amerikanischen Kriegseintritt, lehnte das Repräsentantenhaus eine Frauenwahlrechtsvorlage deutlich ab. Hingegen war im November 1917 im Bundesstaat New York ein Referendum zum Frauenwahlrecht erfolgreich und im September 1918 machte sich Präsident Woodrow Wilson vor dem Senat dafür stark, endlich den entsprechenden Verfassungszusatz zu realisieren. Dieser passierte 1918 das Repräsentantenhaus und 1919 im dritten Anlauf auch den Senat und wurde in der Folge bis im August 1920 von den erforderlichen 36 Bundesstaaten ratifiziert. Weiterhin hinderten aber die segregationistischen Südstaaten mit juristischen Tricks und teilweise auch Gewalt die afroamerikanischen Männer und Frauen an der Ausübung des Wahlrechts. Grossbritannien führte im Februar 1918 mit dem „Representation of the People Act“ das allgemeine Männerwahlrecht ein. Das Wahlrecht für Frauen wurde dagegen beschränkt auf über 30-Jährige, die als Alleinstehende mindestens fünf Pfund Steuern bezahlten oder deren Ehemänner dieser Steuerkategorie angehörten, sowie weibliche Haushaltsvorstände und Universitätsabsolventinnen. Erst 1928 fielen diese Einschränkungen weg. Belgien beschloss 1919 das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht, gestand jedoch nur jenen Frauen das Wahlrecht zu, die im Ersten Weltkrieg besonders gelitten hatten. Dazu gehörten Witwen (oder, falls nicht vorhanden, Mütter) von Soldaten oder Zivilisten, die vom Feind getötet worden waren, sowie Frauen, die während der deutschen Besetzung für patriotische Handlungen verurteilt oder inhaftiert worden waren. Erst 1948 führte Belgien das allgemeine Frauenwahlrecht ein. In Italien stimmte 1919 das Abgeordnetenhaus für die Einführung des Frauenwahlrechts, die aber vom Senat blockiert wurde und dann erst nach der faschistischen Ära 1946 zustande kam.

Auch in der Schweiz gab es während und nach dem Ersten Weltkrieg Bestrebungen zur Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler und kantonaler Ebene. Am 17. Juni 1918 durfte nach einer Arbeiterinnendemonstration in Zürich erstmals eine Frauendelegation vor dem Kantonsrat sprechen. Am 6. November skizzierte Robert Grimm an einer Sitzung des Oltener Aktionskomitees ein Agitationsprogramm, das unter anderem die Forderung nach dem Frauenstimmrecht enthielt. Fünf Tage darauf figurierte das Frauenstimmrecht dann im Katalog der Landesstreikforderungen. SVF-Präsidentin Emilie Gourd forderte noch während des Streiks den Bundesrat in einem Telegramm – bei grundsätzlicher Distanzierung vom Landesstreik –auf, dieses Postulat zu erfüllen. Umgekehrt stellte Bundespräsident Felix Calonder während der Landesstreikdebatte im Parlament zwar die Erfüllung einer Reihe von Streikforderungen – so die Regierungsbeteiligung der SP, die rasche Umsetzung des Proporzwahlrechts oder die Einführung der 48-Stunden-Woche und der AHV (s. SozialarchivInfo 3/2017 und 4/2019) – in Aussicht, meinte jedoch, auf das Thema Frauenstimmrecht „wollen wir heute nicht eintreten“.

In der Folge überwies das Parlament zwei Motionen der Nationalräte Herman Greulich (SP) und Emil Göttisheim (FDP) für die Einführung des eidgenössischen Frauenstimmrechts in der abgeschwächten Form von Postulaten. Zu ihrer Unterstützung reichten im Juni 1919 158 Frauenverbände eine Petition ein. Die Postulate verschwanden aber in der Schublade des zuständigen Bundesrats und wurden jahrzehntelang nicht behandelt. Entsprechende Vorstösse auf kantonaler Ebene scheiterten: Zwischen 1919 und 1921 lehnten die männlichen Stimmberechtigten in Genf, Neuchâtel, Basel-Stadt, Zürich, Glarus und St. Gallen Vorlagen zur Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts deutlich ab – mit jeweils 65 bis 80% Nein-Stimmen. Hingegen wurde im Tessin 1919 in den Bürgergemeinden der Landbesitzer („patriziati“) ein Familienstimmrecht eingeführt, das durch Männer wie Frauen ausgeübt werden konnte. Wie Frankreich blieb damit mit der Schweiz ein zweites Pionierland des allgemeinen Männerwahlrechts Nachzügler beim Frauenstimmrecht.

Nach den ernüchternden Resultaten der Umbruchphase bei Kriegsende ging der Kampf um das Frauenstimmrecht weiter. 1923 verlangte eine Gruppe von 23 Frauen erfolglos die Aufnahme ins Stimmregister des Kantons Bern. 1928 demonstrierte an der ersten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Bern ein Schneckenwagen gegen das langsame Tempo bei der politischen Gleichberechtigung der Frauen. Im folgenden Jahr reichte der SVF mit Unterstützung anderer Frauenorganisationen, der SP und der Gewerkschaften bei den Bundesbehörden eine Petition für das Frauenstimmrecht mit einer Viertelmillion Unterschriften (170’397 von Frauen, 78’840 von Männern) ein – ohne Wirkung.

Die Schweiz als frauenpolitischer Sonderfall der Nachkriegszeit

Wie der Erste schien auch der Zweite Weltkrieg der Forderung nach politischer Gleichberechtigung der Frauen Schub zu verleihen. Bereits 1940/41 kamen in Genf und Neuchâtel Vorlagen für das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht vors Volk, wurden aber verworfen. 1945 überwies der Nationalrat ein Postulat von Emil Oprecht (SP) für das Frauenstimmrecht. Seitens der Gegnerschaft gab der Schwyzer Bauernpolitiker Josef Schuler in der Ratsdebatte zu bedenken, auf dem Rütli seien 1291 auch nur Männer dabei gewesen. Im selben Jahr entstand unter Federführung des SVF das „Schweizerische Aktionskomitee für Frauenstimmrecht“. Nach wie vor gab es aber eine starke Gegnerschaft, sogar auch von Frauen, die sich im „Schweizerischen Frauenkreis gegen das Frauenstimmrecht“ organisierten. Eine prominente Figur war Hanna Seiler-Frauchiger, deren Nachlass sich im Sozialarchiv befindet. Seit Kriegsende Mitglied im „Frauenkreis des Zürcher Unterlandes gegen das Frauenstimmrecht“, präsidierte sie in der Folge den bis Ende der 60er Jahre aktiven „Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht“.

Wie nach dem Ersten Weltkrieg setzten auch nach 1945 eine Reihe von kantonalen Abstimmungen der Aufbruchstimmung ein jähes Ende. In den Kantonen Basel-Stadt (1946 und 1954), Basel-Land (1946 und 1955), Genf (1946 und 1953), Tessin (1946), Zürich (1947, 1954 und 1966), Neuchâtel (1948), Solothurn (1948) und Waadt (1951) schickten die männlichen Stimmberechtigten Vorlagen für das kantonale oder kommunale Frauenstimmrecht bachab – zum Teil mit sehr deutlichen Resultaten. Vor diesem Hintergrund gelangte der Bundesrat 1951 in seinem Bericht zum Postulat Oprecht zum Schluss, dass der Zeitpunkt für eine Abstimmung über das eidgenössische Frauenstimmrecht noch nicht gekommen sei. In der Folge fanden in Genf (1952), Basel-Stadt (1954) und Zürich (1955) Frauenbefragungen statt, um dem oft verwendeten Argument, die Frauen wünschten gar keine politischen Rechte, auf den Grund zu gehen. Dabei sprachen sich 85% der Genferinnen, 73% der Baslerinnen und 80% der Zürcherinnen für das Frauenstimmrecht aus.

Ende der 50er Jahre kam das Thema erneut aufs Tapet. Im Jahre 1958 führte die Basler Gemeinde Riehen als erste das kommunale Frauenstimmrecht ein. Zugleich wurde das eidgenössische Frauenstimmrecht im Zusammenhang mit einer Zivilschutzvorlage aktuell. Die in der Atmosphäre des frühen Kalten Krieges entwickelten Pläne des Bundesrates, ein Zivilschutzdienstobligatorium für Frauen einzuführen, stiessen auf erbitterten Widerstand von SVF, BSF und weiteren Frauenorganisationen. Der Bundesrat legte daraufhin einen Abstimmungsentwurf zum eidgenössischen Frauenstimmrecht vor, um die geplanten neuen Pflichten der Frauen mit der Einführung politischer Rechte abzugelten. Die Frauenstimmrechtsvorlage passierte 1958 mit Zweidrittelmehrheiten beide Räte, allerdings auch mit Hilfe von Frauenstimmrechtsgegnern, die auf ein negatives Verdikt in der Volksabstimmung spekulierten. Im selben Jahr fand in Zürich die zweite SAFFA statt und publizierte Iris von Roten ihr kontrovers aufgenommenes Buch „Frauen im Laufgitter“.

Schliesslich scheiterten sowohl das Zivilschutzobligatorium als auch das Frauenstimmrecht an der Urne. Im März 1957 lehnten die Stimmberechtigten die von beiden Räten einstimmig beschlossene und von allen grossen Parteien zur Annahme empfohlene Zivilschutzvorlage mit 51,9% Nein ab. Ausschlaggebend war eine massive Ablehnung in der Romandie. Bei diesem Urnengang liess die Gemeinde Niederdorf (Basel-Land) die Frauen konsultativ abstimmen. Die Walliser Gemeinde Unterbäch nahm sogar die Frauen ins Stimmregister auf und liess sie an der Abstimmung teilnehmen. Ihre separat gesammelten Stimmzettel mussten in der Folge annulliert werden, das Ereignis erfuhr aber landesweite Beachtung. Am 1. Februar 1959 schickten die Stimmberechtigten das eidgenössische Frauenstimmrecht mit 66,9% Nein bachab. Zustimmende Mehrheiten gab es einzig in den Kantonen Genf, Neuchâtel und Waadt, während in Appenzell-Innerrhoden die Vorlage von 95,1% der Stimmenden verworfen wurde. Von den Parteien hatten die SP, der Landesring der Unabhängigen und die Partei der Arbeit Ja-Parolen beschlossen. Freisinn und Katholisch-Konservative gaben Stimmfreigabe, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei gab die Nein-Parole heraus. Nach der Abstimmung organisierten die Lehrerinnen des Basler Töchtergymnasiums einen eintägigen Proteststreik. Immerhin führten 1959 die Kantone Waadt und Neuchâtel als erste das kantonale Frauenstimmrecht ein, gefolgt von Genf (1960), Basel-Stadt (1966), Basel-Land (1968), Tessin (1969), Wallis, Luzern und Zürich (1970). Demgegenüber sprachen sich in Appenzell-Innerrhoden 1969 und 1970 nicht nur die Männer-Landsgemeinde zwei Mal gegen das Frauenstimmrecht aus, sondern 1969 in einer Konsultativabstimmung auch rund 55% der Frauen. 1971 hiess die Innerrhoder Landsgemeinde wenigstens das fakultative Frauenstimmrecht in Kirch- und Schulgemeinden gut.

Mit den fehlenden politischen Rechten der Frauen stand die Schweiz in Europa nun zunehmend isoliert da. Von den Staaten, die am Ende der Zwischenkriegszeit das Frauenwahlrecht noch nicht kannten, führten es die meisten um 1945 ein. Als Nachzügler folgten Griechenland (1952) und Zypern (1960) sowie die Mikrostaaten San Marino (1958, passives Wahlrecht erst 1973), Monaco (1962) und Andorra (1970, passives Wahlrecht erst 1973). Spanien und Portugal besassen unter den Diktaturen Francos und Salazars ein eingeschränktes Frauenwahlrecht, das erst mit dem Übergang zur Demokratie Mitte der 70er Jahre universalisiert wurde. Einzige europäische Staaten ganz ohne Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene waren zu Beginn der 70er Jahre die Schweiz, das Fürstentum Liechtenstein und der absolutistische Staat der Vatikanstadt. Die Sonderstellung der Schweiz führte zu Problemen bei der Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK).

Die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz – und in Appenzell

Ende der 60er Jahre plante der Bundesrat den Beitritt zur EMRK mit einem Vorbehalt bezüglich des Frauenstimmrechts. Dagegen protestierten die Frauenorganisationen massiv. Neben die traditionellen Frauenstimmrechtsvereine trat zu jener Zeit unter dem Einfluss von „68“ die neue Frauenbewegung mit einem breiteren Verständnis von Feminismus und einem radikaleren Aktionsrepertoire. Wichtigste Organisation dieser Richtung wurde um 1970 die „Frauenbefreiungsbewegung“ (FBB). In Zürich trat die FBB erstmals 1969 öffentlich in Erscheinung, als sie einen Fackelzug des kantonalen Frauenstimmrechtsvereins mit einem improvisierten Strassentheater konkurrenzierte und damit gegen das doch recht traditionelle Rollenverständnis der alten Frauenbewegung protestierte. Am 1. März 1969 kam es mit dem „Marsch nach Bern“ zu einer grossen Demonstration für das Frauenstimmrecht. Emilie Lieberherr, die Präsidentin des Organisationskomitees und im Folgejahr erstes weibliches Mitglied der Zürcher Stadtregierung, hielt bei der Abschlusskundgebung fest: „Wir stehen hier nicht als Bittende, sondern als Fordernde“, und skandierte mit der Menge: „Schtüüre zaale, aber au a d’Wahle!“

Vor diesem Hintergrund arbeitete der Bundesrat eine neue Frauenstimmrechtsvorlage aus, die die Eidgenössischen Räte ohne Gegenstimme passierte und in der Volksabstimmung von sämtlichen Parteien zur Annahme empfohlen wurde. Am 7. Februar 1971 nahmen die stimmberechtigten Männer die Einführung des Frauenstimmrechts mit 65,7% Ja an. Immer noch gab es indessen sechseinhalb ablehnende Stände (St. Gallen, Thurgau, Schwyz, Uri, Glarus, Obwalden und die beiden Appenzell) – am massivsten lehnte erneut Appenzell-Innerrhoden mit 71,1% Nein ab. Demgegenüber betrug die Zustimmung im Kanton Genf 91,1%. Bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober 1971 schafften zehn Frauen den Sprung in den Nationalrat (je drei SP, FDP und CVP und eine PdA). Zudem wurde mit der Genfer Freisinnigen Lisa Girardin die erste Ständerätin gewählt. Girardin war zuvor jeweils als Pionierin 1961 in den Grossen Rat Genf und 1967 in die Genfer Stadtregierung gewählt worden und hatte 1968 als Stadtpräsidentin von Genf amtiert.

In der Folge führten die meisten verbliebenen Kantone 1971/72 auch das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht ein. In den beiden Appenzell erfolgte dieser Schritt aber bis Ende der 80er Jahre nicht. Damit gab es mit den an der Männer-Landsgemeinde gewählten Ständeräten dieser Halbkantone weiterhin Mitglieder der Bundesversammlung, die nicht durch das allgemeine Wahlrecht legitimiert waren. Inzwischen hatte auch das Fürstentum Liechtenstein das Frauenstimmrecht eingeführt. Im Februar 1971, drei Wochen nach der Abstimmung in der Schweiz, war dieses noch knapp mit 51% Nein abgelehnt worden, ebenso in einer weiteren Abstimmung 1973 mit sogar 55,9% Nein. Im dritten Anlauf sagten dann im April 1984 die männlichen Stimmenden im „Ländle“ mit 51,3% knapp Ja zum Frauenstimmrecht. Fünf Jahre später, am 30. April 1989, beschloss die Landsgemeinde von Appenzell-Ausserrhoden in Hundwil mit knappem Handmehr die Einführung des Frauenstimmrechts, nachdem sie diesen Schritt in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten fünf Mal abgelehnt hatte. Im folgenden Jahr lehnten hingegen die Innerrhoder Männer an der Landsgemeinde in Appenzell das Frauenstimmrecht zum fünften Mal deutlich ab. Aufgrund einer bereits 1989 eingereichten Stimmrechtsbeschwerde von Theresia Rohner sowie weiterer Beschwerden nach dem negativen Landsgemeindebeschluss befasste sich nun das Bundesgericht mit der Angelegenheit. Am 27. November 1990 entschied das Gericht, dass eine „zeitgemässe“ (statt einer „grammatikalischen“ oder „historischen“) Auslegung der Innerrhoder Verfassung bei den Formulierungen „Landleute“ und „Schweizer“ die Frauen mitmeinte und damit ohne Verfassungsänderung das Frauenstimmrecht einzuführen sei. An der nächsten Landsgemeinde im April 1991 versammelten sich dann erstmals auch Frauen im Ring in Appenzell. Statt mit dem Seitengewehr legitimierten sie sich, wie im Rest der Schweiz, mit gedruckten Stimmrechtsausweisen.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.117 SP Frauen Schweiz, Femmes Socialistes Suisses, Donne socialiste svizzere
  • Ar 1.130.11 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Frauen- und Jugendbewegung
  • Ar 1.310.6 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Frauenstimmrecht
  • Ar 6 Frauenstimmrechtsverein Zürich
  • Ar 17 SAFFA 1958
  • Ar 27.70.7 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Abstimmungen 1959-1963
  • Ar 27.70.22 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1943-1951
  • Ar 27.70.24 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1965-1966
  • Ar 27.70.25 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1969
  • Ar 27.85.7 SP Frauen Kanton Zürich: Akten 1918-1970
  • Ar 27.90.1 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Unterschriftenbogen von Volksinitiativen, Referenden und Petitionen 1917-1963
  • Ar 29 Schweizerischer Verband für Frauenrechte, Association suisse pour les droits de la femme
  • Ar 152.30.6 Nachlass Hedi Lang: Nationalratswahlen 1971-1979 und Wahl zur NR-Präsidentin 1981
  • Ar 170.15.20 Nachlass Herman Greulich: Diverses Nationalrat 1899-1924
  • Ar 198.19.3 Nachlass Klara Kaufmann: Zeitungsartikel und Leserbriefe 1945-1989
  • Ar 198.20.1 Nachlass Hanna Seiler-Frauchiger: Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht
  • Ar 201.16 Schweizerischer Arbeiterinnenverband
  • Ar 201.85 Verein Aktiver Staatsbürgerinnen / Verein für Frauenrechte / Frauenstimmrechtsverein / Union für Frauenbestrebungen
  • Ar 437 Frauen/Lesben-Archiv
  • Ar 465 Frauenbefreiungsbewegung Zürich (FBB) / Autonomes Frauenzentrum Zürich
  • Ar SGG A 70 A 1929 a Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Allgemeine Korrespondenz 1929
  • Ar SMUV 01D-0051 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Innenpolitik: Frauenstimmrecht; etc. 1919-1957
  • Ar SMUV 07A-0252 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Frauengruppen der Sektionen: Bienne, St. Imier, Vallorbe, Yverdon; Dokumentation Frauenstimmrecht 1961-1974

Sachdokumentation

  • KS 396/16+17 Frauenstimmrechtsbewegung: Ausland
  • KS 396/18-20 Frauenstimmrechtsbewegung: Schweiz
  • QS 21.5 Frauenstimmrecht
  • ZA 21.5 Frauenstimmrecht: Schweiz & Ausland
  • ZA 21.5 *1 Frauenstimmrecht: Allg. & Ausland
  • ZA 21.5 *2 Frauenstimmrecht: Schweiz

Bibliothek

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  • Bader-Zaar, Birgitta und Mineke Bosch (Hg.): Frauenwahlrecht – umstrittenes Erinnern (= L’Homme 32/1, 2021), D 5501
  • Baker, Jean H. (Hg.): Votes for women: The struggle for suffrage revisited. New York 2002, 110584
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  • Popp, Eva-Maria et al.: Stimmt! 100 Jahre Frauenwahlrecht: Tausche #metoo gegen Yes, I can. Pfarrkirchen 2018, 143729
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  • Rogger, Franziska: Marthe Gosteli: Wie sie den Schweizerinnen ihre Geschichte rettete. Bern 2017, 136255
  • Rohner, Isabel und Rebecca Beerheide (Hg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht: Ziel erreicht! … und weiter? Sulzbach 2017, 143782
  • Rohner, Isabel und Irène Schäppi (Hg.): 50 Jahre Frauenstimmrecht: 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung. Zürich 2020, 144725
  • Rom, Pierre: Die Frau in der Politik: Der Kampf der Frauen um ihre politischen Rechte aus freisinniger Sicht. Urtenen 2006, 116725
  • Rosenbusch, Uta: Der Weg zum Frauenwahlrecht in Deutschland. Baden-Baden 1998, 104659
  • Roten, Iris von: Frauen im Laufgitter: Offene Worte zur Stellung der Frau. Bern 1958, 24210
  • Roten, Iris von: Frauenstimmrechts-Brevier: Vom schweizerischen Patentmittel gegen das Frauenstimmrecht, den Mitteln gegen das Patentmittel, und wie es mit oder ohne doch noch kommt. Basel 1959, Hf 7539
  • Ruckstuhl, Brigitte und Elisabeth Ryter: Beraten – bewegen – bewirken: Zürcher Frauenzentrale, 1914–2014. Zürich 2014, Gr 13237
  • Ruckstuhl, Lotti: Frauen sprengen Fesseln: Hindernislauf zum Frauenstimmrecht in der Schweiz. Bonstetten 1986, 80886
  • Rüdiger, Tim: Konsumentinnen vor der Wahl: Die Migros auf dem langen Weg zum Frauenstimmrecht in der Schweiz (1925–1971). Basel 2020, Gr 15057
  • Schmid, Denise (Hg.): Jeder Frau ihre Stimme: 50 Jahre Frauengeschichte 1971–2021. Baden 2020, 144655
  • Schulz, Kristina et al.: Frauenbewegung – Die Schweiz seit 1968: Analysen, Dokumente, Archive. Baden 2014, 130444
  • Schwarz, Rudolf: Zwei Dutzend Einwände gegen das Frauenstimmrecht und was ich darauf antworte. O. O. 1928, R 786
  • Schweizerischer Verband für Frauenrechte (Hg.): Der Kampf um gleiche Rechte. Basel 2009, 121128
  • Seitz, Werner: Auf die Wartebank geschoben: Der Kampf um die politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900. Zürich 2020, in Bearbeitung
  • Seler-Sachs, Caecilie: Familie und Frauenstimmrecht: Vortrag. Berlin 2014, Hf 5316
  • Senti, Martin: Geschlecht als politischer Konflikt: Erfolgsbedingungen einer gleichstellungspolitischen Interessendurchsetzung: Eine empirische Untersuchung am Beispiel der Schweiz. Bern 1994, 97903
  • Studer, Brigitte et al. (Hg.): Frauen und Staat: Berichte des Schweizerischen Historikertages in Bern, Oktober 1996. Basel 1998, 105767
  • Taylor Mill, Harriet: Zur Erteilung des Frauenwahlrechts: Essay. Innsbruck 2020, erwartet
  • Trausmuth, Gernot: „Ich fürchte niemanden“: Adelheid Popp und der Kampf für das Frauenwahlrecht. Wien/Berlin 2019, 140927
  • Voegeli, Yvonne: Zwischen Hausrat und Rathaus: Auseinandersetzungen um die politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz 1945–1971. Zürich 1997, 101833
  • Wecker, Regina: Frauen in der Schweiz: Von den Problemen einer Mehrheit. 2 Bde. Zug 1983, 73929: 1+2
  • Wegmüller, Renate: „Die Frau gehört ins Haus“: Frauenstimmrecht und seine Hindernisse in der Schweiz und im Kanton Bern – zugleich ein Beitrag zu Art. 4 Abs. 2 BV. Bern 2000, Gr 10679
  • Weltbund für Frauenstimmrecht (Hg.): Frauenstimmrecht in der Praxis: 1913. Dresden 1913, 85351
  • Wickert, Christl (Hg.): Heraus mit dem Frauenwahlrecht: Die Kämpfe der Frauen in Deutschland und England um die politische Gleichberechtigung. Pfaffenweiler 1990, 92147
  • Woodtli, Susanna: Gleichberechtigung: Der Kampf um die politischen Rechte der Frau in der Schweiz. Frauenfeld 1983, 75125
  • Zetkin, Clara: Zur Frage des Frauenwahlrechts. Berlin 1907, Hf 4705
  • Ziegerhofer, Anita: Ohne Frauenbewegung kein Frauenwahlrecht: „Müht Euch um den Stimmzettel, er ist der Schlüssel zu allen bürgerlichen Rechten!“ Graz 2018, 141694

Periodika

  • Die Bürgerin, D 4571
  • L’Exploitée, GG 60
  • Frauenbestrebungen: Offizielles Organ der Union für Frauenbestrebungen, NN 1070
  • Die Frauenbewegung: Revue für die Interessen der Frauen, NN 1066
  • Frauenrecht, D 2110
  • Frauenstimmrecht: Organ des Frauenstimmrechtsvereins Zürich, NN 314
  • Jahrbuch der Schweizerfrauen, N 215
  • Le Mouvement féministe: Organe officiel des publications de l’Alliance nationale des sociétés féminines suisses, Z 183
  • Die Staatsbürgerin, N 447
  • Die Vorkämpferin, MFB 19
  • Zeitschrift für Frauenstimmrecht, NN 1066

Filme

  • Goël, Stéphane: De la cuisine au parlement. O. O. 2012, DVD 103
  • Volpe, Petra Biondina: Die göttliche Ordnung. Cham 2017, DVD 156

Ausstellungen zum Thema mit Exponaten aus dem Sozialarchiv

  • Hommage 2021: 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht: Bildprojektionen auf dem Bundesplatz (7. – 16. Februar 2021) und in der Berner Altstadt (7. Februar – 30. Juni 2021) sowie Hintergrund-Website.
  • FRAUEN.RECHTE: Landesmuseum Zürich, 5. März – 18. Juli 2021.
  • «Was wollt ihr denn noch?» 50 Jahre Frauenstimmrecht in Zürich: Stadthaus Zürich, 9. April – 9. Oktober 2021.

 

Vor 85 Jahren: Krisenlernen in der direkten Demokratie

Krisen sind Situationen, in denen eine gefährliche Entwicklung nach dringendem Handeln und Veränderungen ruft. Neben die unmittelbare Krisenbewältigung treten zumeist auch Aushandlungsprozesse darüber, wie die Situation nach der Krise aussehen soll. Eine simple Rückkehr zur Vorkrisensituation ist häufig keine Option, die Vorstellungen über die Nachkrisenordnung gehen in der Regel aber massiv auseinander. Dies kann zu erheblichen Konflikten, ja gar zu Gewalt und zum Abgleiten in Diktatur und Krieg führen, aber auch zu Innovationsprozessen, die die Nachkrisenordnung auf ein stabileres Fundament stellen. Ein Paradebeispiel für solche Entwicklungen ist die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre, die in verschiedenen Ländern zu ganz unterschiedlichen Krisenbewältigungsstrategien führte. In der Schweiz spielte dabei die direkte Demokratie eine wichtige Rolle, insbesondere im Jahre 1935, als gleich zwei Volksinitiativen mit weitreichenden Veränderungszielen vors männliche Stimmvolk kamen.

Die Grosse Depression

Die Weltwirtschaftskrise ging von den USA aus. Am Ende der „Roaring Twenties“ stürzte im Oktober 1929 ein Börsencrash die unter verschiedenen strukturellen Problemen – Produktionsüberkapazitäten in der Industrie, hohe Privatverschuldung, landwirtschaftliche Überproduktion – leidende amerikanische Volkswirtschaft in eine Abwärtsspirale: Konkurse verschuldeter Firmen führten zu Massenentlassungen. Die steigende Arbeitslosigkeit und die unsichere Wirtschaftslage liessen die Nachfrage nach Konsumgütern sinken. Dadurch verschärfte sich das Problem der Überproduktion. Die Preise gingen zurück, die Produktion wurde eingeschränkt, was weitere Entlassungen zur Folge hatte. Diese wiederum führten zu einem weiteren Nachfragerückgang. Die Folgen dieses deflationären Teufelskreises waren katastrophal: Das Bruttosozialprodukt der USA brach in den Krisenjahren um 28 % ein. Die Arbeitslosigkeit stieg und diejenigen, die noch Arbeit hatten, erlitten grosse Einkommensverluste. Auch die Bauern wurden hart getroffen: Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte gingen von 1929 bis 1933 um 50 % zurück. Zehntausende Farmer konnten ihre Hypotheken nicht mehr bedienen und verloren ihr Land. Das Bankensystem war auf eine solche Katastrophe nicht vorbereitet. Allein in den ersten 10 Monaten des Jahres 1930 gingen 744 amerikanische Banken Konkurs.

Die engen weltwirtschaftlichen Verflechtungen liessen die Krise auch auf Europa und andere Kontinente überspringen. Die europäischen Aktienmärkte brachen ein, wenn auch nicht so dramatisch wie die amerikanischen. Zahlreiche Länder hatten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs Schulden in den USA, die nun ihr Geld zurückzogen. Eine verhängnisvolle Rolle spielte der Reparationenkreislauf: Die Reparationszahlungen, die Deutschland gemäss dem Versailler Friedensvertrag zu entrichten hatte, wurden von den europäischen Siegermächten nicht zuletzt dazu benutzt, um ihre Schulden bei den USA zu bedienen. Die deutschen Zahlungen waren aber ihrerseits nur dank Krediten aus den USA möglich. Mit dem Ausbruch der Krise versiegte aber der Kreditsegen, Deutschland drohte ein Devisenmangel und der Reparationenkreislauf stockte. Weiter verschärft wurde die Krise durch den zunehmenden Protektionismus, der die einheimischen Produzenten schützen sollte. Von 1929 bis 1932 ging der Welthandel um ein Viertel zurück. Die globale Industrieproduktion sank bis 1931 um über ein Drittel. Obwohl weltweit Millionen Menschen hungerten, war es für landwirtschaftliche Produzenten oftmals lukrativer, ihr Getreide als Brennmaterial zu verwerten, als es zu ungünstigen Konditionen auf dem Weltmarkt zu verkaufen.

Die allgemeinen Merkmale der Depression wie die Deflationsspirale und der Anstieg der Arbeitslosigkeit zeigten sich beinahe überall, die einzelnen Länder unterschieden sich aber punkto Beginn, Ausmass und Ende der Krise. Nach den USA am härtesten getroffen wurde Deutschland. Von 1929 bis 1932 halbierte sich die deutsche Industrieproduktion und die Aktien verloren zwei Drittel ihres Wertes. Zahlreiche Banken brachen zusammen. Die Arbeitslosenzahlen explodierten von 1,4 Millionen im September 1929 auf 6,1 Millionen im Februar 1932. Ab 1930 wirkte sich die Krise auch auf die Schweiz aus. Zunächst wurde vor allem die exportorientierte Industrie getroffen, dann auch die Binnenwirtschaft. Die Arbeitslosenzahl, die 1928 unter 9’000 Personen gelegen hatte, verzehnfachte sich bis 1936.

Ratlose Regierungen und politische Umbrüche

Die Regierungen reagierten auf die Krise verschieden und unterschiedlich rasch. Gemeinsam war ihnen eine zunächst zögerliche und ratlose Haltung, sah doch die dominierende liberale Wirtschaftstheorie eine Krise dieses Ausmasses schlicht nicht vor. Neben dem Warten auf die Selbstheilungskräfte des Marktes standen Massnahmen, die die Krise noch verschärften, wie die Erhöhung von Schutzzöllen und Einsparungen im öffentlichen Haushalt. Rechtsgerichtete Kreise propagierten zudem den Korporatismus, bei dem Arbeitgeber und -nehmer in Branchenorganisationen, sogenannte „Berufsstände“ oder „Korporationen“, eingegliedert werden sollten. Das faschistische Italien hatte die Arbeitsbeziehungen bereits 1927 mit der „Carta del Lavoro“ einer autoritär-korporatistischen Regulierung unterworfen. Auch in der katholischen Soziallehre spielte der Korporatismus eine zentrale Rolle, etwa in der päpstlichen Enzyklika „Quadragesimo anno“ von 1931. Diesem katholischen Korporatismus folgten in den 30er-Jahren in Portugal der autoritäre „Estado Novo“ Salazars, der 1932/33 aus einer Militärdiktatur hervorgegangen war, sowie der österreichische „Ständestaat“. Letzterer entstand 1933/34, nachdem der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuss im Frühjahr 1933 eine parlamentarische Geschäftsordnungskrise zur Ausschaltung der Volksvertretung genutzt und im Februar 1934 den Widerstand der Arbeiterbewegung gewaltsam gebrochen hatte. Im Mai 1934 wurde eine autoritäre Verfassung mit einer Einheitspartei („Vaterländische Front“) und korporatistischen Strukturen oktroyiert.

Auch in Deutschland verschärfte die Wirtschaftskrise die politischen Probleme massiv. Der ohne parlamentarische Mehrheit regierende Reichskanzler Heinrich Brüning sah als Hauptproblem das Ungleichgewicht des Staatshaushaltes und versuchte der Krise durch Stärkung der Währung und Kürzung der öffentlichen Ausgaben, insbesondere Sozialabbau und Lohnabbau bei den öffentlichen Bediensteten, Herr zu werden. Diese Massnahmen verstärkten indessen den Teufelskreis aus sinkenden Preisen, Produktionseinschränkungen, Arbeitsplatzabbau und sinkender Nachfrage und führten auch zu einem weiteren Rückgang der Steuereinnahmen. Die Folgen waren verhängnisvoll. Die ohnehin instabile Weimarer Demokratie verlor zunehmend an Glaubwürdigkeit. Zwischen 1930 und 1932 stieg die NSDAP, bislang eine Splittergruppe, zur mit Abstand wählerstärksten Partei auf. Auf der Linken vermochte die Kommunistische Partei besonders bei ungelernten Arbeitern und Arbeitslosen zu punkten. Zum Zeitpunkt der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 hatte die Arbeitslosigkeit eine Quote von beinahe 30 % erreicht. Das neue Regime beendete den bisherigen Sparkurs. Unter der Leitung des Bankers Hjalmar Schacht, ab 1933 Reichbankpräsident und ab 1934 auch Reichswirtschaftsminister, ging Deutschland zu einer aktiven Beschäftigungspolitik über, die die Arbeitslosigkeit in den folgenden Jahren fast gegen Null sinken liess. Insbesondere der Bau von Autobahnen und die in Vorbereitung des geplanten Eroberungskrieges forcierte Aufrüstung schufen viele Arbeitsplätze. Finanziert wurden diese Programme einerseits – in Erwartung des zukünftigen Raubkrieges – auf Kredit, andererseits durch einen massiven Abbau der Reallöhne, die zwischen 1933 und 1938 um rund ein Viertel zurückgingen.

Aktive Krisenbekämpfung

Erst allmählich gingen auch demokratische Regierungen zu einer aktiven Krisenbekämpfung über. Ein Vorreiter war Schweden: Nach dem sozialdemokratischen Wahlsieg von 1932 bekämpfte die neue Regierung mit Beschäftigungsprogrammen und Agrarsubventionen die Auswirkungen der Krise. 1936 gingen Sozialdemokraten und Bauernpartei eine Koalition ein und legten ein umfassendes Programm zum Ausbau des Wohlfahrtsstaates vor. In den USA wusste der republikanische Präsident Herbert Hoover der Krise kaum etwas entgegenzusetzen. In den Wahlen Ende 1932 unterlag er in einem politischen Erdrutsch dem demokratischen Kandidaten Franklin Delano Roosevelt. Dieser versuchte mit seinem „New Deal“ den wirtschaftlichen Abwärtstrend zu stoppen und den sozialen Folgen der Depression entgegenzutreten. Zur Wirtschaftsbelebung wurden 122’000 öffentliche Gebäude, eine Million Kilometer Strassen und 77’000 Brücken gebaut. Paradestück dieser öffentlichen Investitionen war die „Tennessee Valley Authority“, die im Tennessee-Tal zwanzig Staudämme errichtete. Ein freiwilliger Arbeitsdienst führte Aufforstungen und Bodenverbesserungen durch. Der Agrarkrise versuchte die Administration Roosevelt durch Mindestpreise und eine Reduktion der landwirtschaftlichen Produktion Herr zu werden. Zur Verhinderung einer Wiederholung des Spekulationscrashs von 1929 wurden die Börsen unter staatliche Aufsicht gestellt. Auch führte die Roosevelt-Regierung eine Reihe sozialpolitischer Reformen durch, die für die USA revolutionär waren. Dazu gehörten die rechtliche Anerkennung der Gewerkschaften, ein formelles Streikrecht, das Verbot der Kinderarbeit, die Einführung eines progressiven Steuersystems, Mindestlöhne für Industriearbeiter, eine staatliche Rente und die 40-Stunden-Woche. Herzstück der Roosevelt’schen Sozialpolitik war der „Social Security Act“ von 1935, der eine Alters-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung einführte. Konjunkturpolitisch war die Bilanz des „New Deal“ durchzogen. Die verschiedenen Massnahmen hatten zunächst eine belebende Wirkung, die jedoch nur kurzzeitige Linderung verschaffte. Als Roosevelt 1937 die Staatsausgaben zur Eindämmung der Staatsverschuldung wieder kürzte, fiel das Land erneut in eine Rezession. Erst die gesteigerte Kriegsproduktion ab 1939 und verstärkt ab 1941 sorgte für die vollständige Erholung der amerikanischen Wirtschaft.

In Auseinandersetzung mit der Weltwirtschaftskrise entstand eine neue ökonomische Denkschule, die die Krisenbekämpfungsmassnahmen theoretisch untermauerte. Der polnische Ökonom Michał Kalecki und der schwedische Finanzminister Ernst Wigforss hatten schon frühzeitig eine antizyklische Konjunkturpolitik des Staates gefordert, der im Aufschwung zur Inflationsbekämpfung Kaufkraft abschöpfen, in der Krise dagegen zur Stützung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage die Ausgaben erhöhen solle. Bedeutendster Vertreter dieses Ansatzes sollte der britische Ökonom John Maynard Keynes werden, der 1936 mit seiner Abhandlung „General Theory of Employment, Interest and Money“ die Grundannahme der klassischen Wirtschaftstheorie, dass sich der freie Markt immer auf ein Gleichgewicht hin bewege, in Frage stellte und zur Überwindung der Deflationsspirale eine schuldenfinanzierte Ankurbelung der Nachfrage durch den Staat („deficit spending“) empfahl. Während in den 30er-Jahren der Keynesianismus in den Wirtschaftswissenschaften noch wenig Anhänger hatte, wurde er nach 1945 bis in die 70er-Jahre zur dominanten Theorie.

Auch der Schweizer Bundesrat verhielt sich in der Krise zunächst passiv. Der Bund vergab zwar ab Ende 1931 Kredite für Exportindustrien, kontingentierte Importe und beschloss verschiedene punktuelle Massnahmen. Die Hauptsorge galt aber dem Bundeshaushalt, der durch krisenverschärfende Sparmassnahmen bei Subventionen und Gehältern ausgeglichen werden sollte. Im Sommer 1933 lehnten die Stimmberechtigten in einer Referendumsabstimmung aber das „Bundesgesetz über die vorübergehende Herabsetzung der Besoldungen, Gehälter und Löhne der im Dienste des Bundes stehenden Personen“ mit knapp 55% Nein-Stimmen ab. Demgegenüber betrieben Kantone und Gemeinde teilweise eine aktive Krisenbekämpfungspolitik. Der sozialdemokratisch dominierte Zürcher Stadtrat führte 1931 eine obligatorische, von der Stadtkasse subventionierte Arbeitslosenversicherung ein. Als Arbeitsbeschaffungsmassnahme wurden Renovationsarbeiten unterstützt. Als die Firma Escher Wyss 1935 nahe am Konkurs stand, kaufte die Stadt ihre Liegenschaft und vermietete sie ihr zu günstigen Konditionen, um die 1’000 Arbeitsplätze zu retten.

Krisenbekämpfungsrezepte von links…

Vor diesem Hintergrund lancierte der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) Ende 1933 ein Projekt zur Überwindung der wirtschaftlichen und politischen Krise. Dieser „Plan der Arbeit“ lehnte sich stark an die Konzepte des belgischen Sozialisten Hendrik de Man an, der zur Bekämpfung der faschistischen Bedrohung und der Wirtschaftskrise eine Allianz von Arbeitern, Angestellten, Bauern, Kleingewerbe und selbständig erwerbendem Mittelstand anstrebte („Het Plan De Man“). Ein kurzfristiges Aktionsprogramm sah die Überführung von Unternehmen mit Monopolstellung sowie international tätigen Industrie- und Finanzfirmen in die öffentliche Hand vor. Im Unterschied zur real existierenden Planwirtschaft der Sowjetunion – deren Industrie in jenen Jahren spektakuläre Wachstumsraten verzeichnete, die allerdings auf einer gnadenlosen Ausbeutung der Arbeiterschaft basierten und 1932/33 einhergingen mit einer grossen Hungersnot infolge der erzwungenen Kollektivierung der Landwirtschaft – sollten aber die demokratischen Rechte und Freiheiten der arbeitenden Bevölkerung nicht angetastet werden. Ab Januar 1934 trieb eine Gruppe von Ökonomen, Gewerkschaftern und Fachleuten aus Industrie und Landwirtschaft als „Planwirtschaftskommission des VPOD“ die Planideen voran und machte sie durch Artikel in der sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Presse, Referate und Konferenzen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Im Januar 1935 sprach sich ein ausserordentlicher SP-Parteitag für den „Plan der Arbeit“ aus, worauf eine „Plankommission“ in Zürich zur weiteren Koordination der Planbewegung geschaffen wurde.

Weniger weit ging die im Mai 1934 vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund lancierte Eidgenössische Volksinitiative „zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise“, zumeist kurz als „Kriseninitiative“ bezeichnet. Sie wollte den Bund zur Abkehr von der krisenverschärfenden Deflationspolitik und einer aktiven Krisenbekämpfung verpflichten, notfalls in Abweichung von der Handels- und Gewerbefreiheit und unter Mitwirkung der Kantone und Wirtschaftsverbände. Dabei sollten ähnliche Massnahmen wie beim „New Deal“ ergriffen werden: Bekämpfung des Abbaus von Löhnen sowie landwirtschaftlichen und gewerblichen Produktepreisen, staatliche Arbeitsbeschaffungsprojekte, Entlastung überschuldeter landwirtschaftlicher und gewerblicher Betriebe, Arbeitslosenversicherung, Förderung von Export und Fremdenverkehr, Kontrolle von Kapitalmarkt, Kapitalexport, Kartellen und Trusts. Dem Initiativkomitee gehörten neben dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund die Verbände der Angestellten und Beamten sowie die sich zunehmend von den Bauern-, Gewerbe- und Bürgerparteien entfremdende Jungbauernbewegung an. Die von rekordverdächtigen 334’699 Stimmberechtigten unterzeichnete „Kriseninitiative“ stand in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zum radikaleren „Plan der Arbeit“, was innerhalb der Linken zu Konflikten führte. Diesen lag nicht zuletzt die Frage zugrunde, ob es sich bei der Grossen Depression um eine System- oder lediglich eine Konjunkturkrise handelte.

Der Abstimmungskampf war heftig. Bundesrat und bürgerliche Parteien lehnten die Initiative ab und malten den Übergang zu einer sozialistischen Diktatur sowie den Staatsbankrott an die Wand. Sogar Bankkunden beim Schalterverkehr wurden auf die Gefahren der „Kriseninitiative“ hingewiesen. Hermann Häberlin vom Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller bezeichnete die Initiative als „trojanisches Pferd“, als „schlauen Schachzug der roten Regisseure, um in die Reihen des bürgerlichen Gegners einzudringen“. Der katholisch-konservative Bundesrat Philipp Etter machte sich als Gegenentwurf für eine „lebendige Ordnung der Wirtschaft durch ihre eigenen Träger, durch die Berufsstände“, also für ein korporatistisches Modell stark. Die Initianten mit der Zeitung „Die Nation“ als Sprachrohr propagierten hingegen eine „Front der Arbeit“, ein Zusammengehen aller Werktätigen der Unter- und Mittelschichten und der sie vertretenden Parteien und Verbände. Der intensive Abstimmungskampf führte zu einer hohen Stimmbeteiligung von 84,4 %. Die „Kriseninitiative“ wurde im Juni 1935 zwar abgelehnt, erzielte mit 42,8 % Ja-Stimmen aber einen Achtungserfolg. Annehmende Mehrheiten gab es in den Kantonen Bern, Solothurn, Basel-Stadt und Basel-Land sowie Schaffhausen. Nach dem Scheitern der „Kriseninitiative“ kam auch die Bewegung für den „Plan der Arbeit“ zum Erliegen.

… und von rechts

Wenige Wochen vor der „Kriseninitiative“ war eine weitere Volksinitiative lanciert worden, die ebenfalls auf die Krisensituation reagierte: die Initiative für eine Totalrevision der Bundesverfassung. Sie verlangte eine Neuwahl des Parlaments sowie die Erarbeitung einer neuen Bundesverfassung. Was vordergründig eine rein staatsrechtliche Vorlage war, zielte effektiv auf eine Umwälzung der politischen Ordnung sowie der Wirtschaftsverfassung und Arbeitsbeziehungen ab. Die Initianten erhofften sich nämlich einen Rechtsrutsch bei den Wahlen und eine neue Verfassung im Sinne eines „Ständestaates“ oder einer „autoritären Demokratie“. Die Vorstellung, die liberale Demokratie aus dem 19. Jahrhundert habe ebenso abgewirtschaftet wie der ungezügelte Marktkapitalismus, war in rechten Kreisen damals weit verbreitet. Als wesentliche Elemente einer neuen Ordnung erstrebten rechtsbürgerliche, rechtskatholische und frontistische Kräfte eine Einschränkung oder gar Abschaffung des Parlamentarismus, eine starke Führerfigur (häufig als „Landammann“ bezeichnet) an der Staatsspitze, die Regulierung der Arbeitsbeziehungen in berufsständischen Körperschaften und die Übertragung wirtschafts- und sozialpolitischer Kompetenzen vom Parlament an einen aus Vertretern der „Berufsstände“ und Wirtschaftsverbände gebildeten „Wirtschaftsrat“. Nach Anfängen im Sozialkatholizismus seit den 1880er-Jahren hatten sich korporatistische Ideen in der Umbruchsphase um 1918 verstärkt. Nach dem Landesstreik geisterte eine Vielzahl von Vorschlägen herum, die Alternativen zum ungezügelten Kapitalismus wie auch zum marxistischen Sozialismus skizzierten. Die katholischen Gewerkschaften machten sich dabei für korporatistische Ideen stark. Eine zentrale Rolle spielte der Fribourger Abbé André Savoy. 1924 bildete sich die Vereinigung „Amis de la corporation“.

Während der Wirtschaftskrise weitete sich diese Diskussion aus und wurde auch Gegenstand konkreter Bestrebungen. Dabei blieb häufig diffus, was mit den Konzepten „Ständestaat“, „Korporationen“ und „Berufsständen“ überhaupt gemeint war. Der freisinnige Wirtschaftsminister Edmund Schulthess sprach denn auch im Oktober 1933 im Nationalrat von „vagen Ideen […], über deren Gestaltung die Meinungen weit auseinandergehen. Unter den Korporationen versteht doch ein jeder etwas anderes.“ Von den grossen Parteien waren die Katholisch-Konservativen und ihr christlichsozialer Flügel Hauptträger des korporatistischen Gedankens. Bereits 1929 nahm die Konservative Volkspartei die berufsständische Ordnung in ihr Wirtschafts- und Sozialprogramm auf. Der führende Jungkonservative Hermann Cavelti jubelte daraufhin: „Mit der Wucht einer geistigen Gegenrevolution tritt dem kapitalistischen und proletarischen Klassenstaat eine Renaissance des Ständegedankens entgegen.“ Der katholisch-konservative Parteitag vom Juli 1933 erliess Richtlinien zur „Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft im Sinne des berufsständischen Aufbaus der Volkswirtschaft“ und setzte eine Kommission zur Vorbereitung einer Revision der Bundesverfassung ein, die eine Stärkung der Staatsautorität, die Verankerung des öffentlichen Lebens im Geist des Christentums und einen berufsständischen Aufbau der Wirtschaft zum Ziel haben sollte. Wenige Tage zuvor hatte der Christlichnationale Gewerkschaftsbund ein berufsständisches Aktions- und Wirtschaftsprogramm verabschiedet.

Unklar blieb dabei, ob eine berufsständische Ordnung ins institutionelle Gefüge der bestehenden Demokratie eingebaut oder wie in Österreich und Portugal zur Grundlage eines autoritären Staates ohne Parteien und freie Wahlen werden sollte. Exemplarisch zeigt sich dies in Philipp Etters Schriften von 1933/34: Etter bestritt einerseits, dass „die korporative Gliederung der Gesellschaft sich mit einer demokratischen Staatsordnung nicht vereinen lasse“. Die Korporationen würden sich „aus innerer Notwendigkeit“, nicht durch Zwang entwickeln. Die Aufgabe des Staates bestehe darin, „eine gesunde Form des korporativen Gedankens zu fördern und die korporative Ordnung organisch in den neuen Staat einzubauen“. Im selben Abschnitt fuhr er aber weiter: „Mit der liberalen Demokratie freilich verträgt sich die berufsständische Ordnung nicht […]. Dagegen bildet die korporative Gliederung der Gesellschaft gerade eine der Grundlagen der christlichen Demokratie.“ Als deren wesentliches Merkmal betonte er den Einbau von „Autoritätskörpern“ in die Staatsordnung: „Wenn wir eine ‚autoritäre Demokratie’ an die Stelle der liberalen Demokratie setzen […] wollen, dann müssen wir den ersten und letzten, stärksten und mächtigsten Träger der Autorität, den Herrgott, wieder einbauen in den Staat! […] Die autoritäre Demokratie muss eine christliche Demokratie sein und den haltlosen liberalen Freiheitsbegriff durch den christlichen Begriff der Freiheit ersetzen.“ Zur institutionellen Ausgestaltung einer solchen Ordnung mochte er sich nicht äussern: „Das Wesentliche liegt für mich beim Inhalt, nicht der Form. Trotzdem wäre es verfehlt […], wenn man annehmen wollte, dass nicht auch unsere schweizerische Demokratie in ihrer formalen Gestaltung einen Umbruch erfahren wird. Wie dieser Umbruch sich vollziehen und konsolidieren wird, das wissen wir heute noch nicht.“

Vor allem zwei katholische Rechtsintellektuelle leisteten für diese Bestrebungen gedankliche Vorarbeit: Der Freiburger Patrizier und Kulturhistoriker Gonzague de Reynold, der in engem Kontakt mit Etter stand, vertrat seit 1919 ständestaatliche Ideen. 1929 verklärte er im umstrittenen Buch „La Démocratie et la Suisse“ das ständisch gegliederte Ancien Régime zur Blütezeit der Schweiz. Die gegenwärtige liberaldemokratische Staatsform führe zu Mittelmass und werde dem Sozialismus und Internationalismus verfallen. Dagegen träumte er von einer Mischverfassung mit starker Führerfigur, aber ohne gewähltes Bundesparlament. Die Berufsgruppierungen als „organes vitaux de la nation“ sollten Vertretungskörperschaften auf allen Staatsebenen erhalten. Weiters sollten Juden, Freimaurer und Eingebürgerte von politischen Ämtern ausgeschlossen, den Juden das Bürgerrecht entzogen, die Pressefreiheit eingeschränkt und Produktion und Handel gegen Monopole, Trusts, jüdische Warenhäuser und sozialistische Gewerkschaften geschützt werden. Eine wichtige Rolle spielte auch der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Jacob Lorenz, der ab 1935 ebenfalls eine Professur in Fribourg bekleidete. Im Mai 1933 gründete er als katholisch-korporatistische Antwort auf die „Fronten“ die Zeitschrift „Das Aufgebot“, um die sich eine gleichnamige Bewegung formierte. Im Zentrum stand die „Erneuerung“ von Staat und Gesellschaft im christlich-korporatistischen Sinne, begleitet von antiliberalen, antisozialistischen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Tönen.

Forderungen nach einer korporativen Neuordnung kamen auch aus Wirtschaftskreisen, die angesichts der Krise der liberalen Wirtschaftstheorie eine gelenkte Ökonomie jenseits sozialistischer Konzepte anstrebten. Der Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes, der Freisinnige August Schirmer, legte 1933 einen Entwurf für einen schweizerischen Korporationenstaat vor. Gemäss diesem „St. Galler Entwurf“, der von der FDP St. Gallen übernommen wurde, sollten die Wirtschaftsverbände und ein vom Bundesrat aus ihren Reihen zu ernennender Wirtschaftsrat zusammen mit der Landesregierung die Wirtschaft lenken. Im selben Jahr gründeten kantonale Gewerbesekretäre die korporatistische Bewegung „Neue Schweiz“, die dann 1936 in der „Aufgebot“-Bewegung aufging.

Ebenfalls prominent waren korporatistische Forderungen in den Programmen der „Fronten“, die nach Hitlers Machtübernahme im „Frontenfrühling“ einen kurzlebigen Aufschwung erlebten. Robert Tobler und Paul Lang von der im studentischen Milieu entstandenen „Neuen Front“ legten 1932 detaillierte Ideen zum Korporatismus vor. Ihre sich auf den österreichischen Ständetheoretiker Othmar Spann berufenden Abhandlungen forderten eine von den Wirtschaftsverbänden zu bildende „Wirtschaftskammer“, die die wirtschaftspolitischen Kompetenzen des Parlaments übernehmen sollte, und einen vom Volk gewählten „Landammann“. Noch weiter gehen wollte Emil Sonderegger, ehemaliger Generalstabschef der Schweizer Armee und nun in mehreren „Fronten“ aktiv. In seiner Streitschrift „Ordnung im Staat“ forderte er 1933 ein „Loskommen von den Gedanken der französischen Revolution“, insbesondere vom Gleichheitsgedanken, der „auf seltsame und verhängnisvolle Weise beeinflusst“ worden sei „durch den Aufstieg des Judentums“. Ziel müsse die „Ungleichheit ohne Ungerechtigkeit“ sein. Der Kampf gelte der „rot-jüdischen Front“ aus Kommunisten, Sozialdemokraten, religiös-sozialen Pfarrern, Pazifistinnen und Teilen der Freimaurerei. Dazu forderte Sonderegger eine neue Bundesverfassung mit einer „unparlamentarischen Regierung“ unter Leitung eines „Landammanns“, der auch die Gesetzgebung obliegen sollte, einer „beratenden Bundesversammlung“ mit „politischen“ und „wirtschaftlichen“ Abteilungen, die durch das Volk, die Kantonsregierungen, Berufsverbände und Bundesregierung gewählt werden sollte, die staatliche Anerkennung von Berufsverbänden als Standesvertretung, ein Verbot der Einbürgerung von „Angehörigen der jüdischen Rasse“ sowie Einschränkung der Pressefreiheit.

Auch gab es Versuche zur Umsetzung korporatistischer Modelle. Bereits 1919 bis 1924 hatte in der Ostschweiz der von den Arbeitgebern initiierte, auf die Stickereiindustrie konzentrierte „Volkswirtschaftsbund“ als Zusammenschluss von Arbeitgeber- und -nehmerverbänden existiert. In Genf entstand aus der Zusammenarbeit von christlichen Gewerkschaften und Arbeitgebern 1931 die „Fédération genevoise des corporations“, die bis 1946 existierte. Zwei Gesetzesentwürfe für die Errichtung von Korporationen im Kanton Fribourg von 1933/34 traten nicht in Kraft, da die Konservativen ein negatives Gerichtsurteil fürchteten, das zum Präzedenzfall hätte werden können. In den Kantonen Wallis, Solothurn, Luzern, Zürich und St. Gallen wurden zeitgleich konservative Vorstösse für die Einrichtung kantonaler Korporationssysteme eingereicht. Auf Bundesebene unternahm der christlichsoziale Nationalrat Josef Scherer 1931 einen Vorstoss für die „Demokratisierung des Wirtschaftslebens auf der Grundlage der berufsständischen Organisation“. Im März 1934, wenige Wochen nach dem Sieg der ständestaatlichen Kräfte im kurzen österreichischen Bürgerkrieg, verlangte dann der katholisch-konservative Finanzminister Jean-Marie Musy vom Gesamtbundesrat ultimativ, aber erfolglos die Verabschiedung eines Sparprogramms und die Einrichtung einer berufsständischen Ordnung und demissionierte daraufhin.

Im selben Monat lancierte die Nationale Front die Volksinitiative für eine Totalrevision der Bundesverfassung, die zeitgenössisch oft als „Fronteninitiative“ bezeichnet wurde. Mitinitianten waren die katholisch-konservative Jugendorganisation, Jacob Lorenz’ Aufgebot-Bewegung sowie kleinere frontistische Gruppierungen. Über das Lager der Initianten hinaus genoss die Initiative in jungliberalen, liberalkonservativen, katholisch-konservativen, rechtsintellektuellen und militärischen Kreisen Sympathien. Der Arzt und Offizier Eugen Bircher, Politiker der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei und Präsident der Bürgerwehr-Dachorganisation „Schweizerischer Vaterländischer Verband“ (vgl. SozialarchivInfo 3/2019), konstatierte, die Schweiz sei „in Ochlokratie entartet“, und kritisierte das angebliche „Versagen des heutigen Parteiensystems“. Ihr fundamentaler „Grundsatz der natürlichen Gleichheit“ sei „wissenschaftlich unhaltbar“ und widerspreche „allen Erfahrungen des gesunden Menschenverstandes“ – vielmehr gebe es „biologische Differenzen“ zwischen den Individuen wie auch den „Völker[n] und Rassen“. Deshalb müsse die Schweiz „von der ‚quantitativen’ Demokratie zur ‚qualitativen’ übergehen“. Als Elemente nannte er ein „Gildensystem“, die Beschneidung der „Auswüchse der Sozialversicherung“ und Einschränkung der Pressefreiheit. Hans Frick, Ausbildungschef der Armee, meinte, eine revidierte Verfassung müsse dokumentieren, „dass die liberal-demokratische Ära abgelaufen ist und von der autoritären abgelöst wird“. Die „christliche Lehre“ müsse „wieder oberstes Grundgesetz des Staates“ werden, die Presse- und Vereinsfreiheit eingeschränkt, der Nationalrat abgeschafft, der Ständerat in eine geheim tagende Vertretung der Kantonsregierungen mit eingeschränkten Kompetenzen umgewandelt und ein „obligatorisches Schiedsverfahren in allen wirtschaftlichen Konflikten […] durch die beteiligten Wirtschaftsverbände“ eingeführt werden.

Bei der Abstimmung über die Revisionsinitiative empfahlen nebst den Initianten auch die Konservative Volkspartei und kleinere rechte Gruppierungen Zustimmung. Die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei des Kantons Bern gab Stimmfreigabe. Die beiden wählerstärksten Parteien, die Sozialdemokratie und der Freisinn, lehnten das Begehren ab. In Inseraten nannten die Initiativgegner teilweise den österreichischen „Ständestaat“ als abschreckendes Beispiel. SP-Fraktionschef Arthur Schmid warnte vor „den Lobrednern des autoritären christlichen Ständestaates, von dem übrigens kein Mensch weiss, wie er aussieht, ob das österreichische Muster oder das italienische oder deutsche oder das Muster der alten Zunftständeautorität massgebend sein soll.“ Im September 1935, drei Monate nach der Abstimmung über die „Kriseninitiative“, wurde die von 78’050 Stimmberechtigten unterzeichnete Revisionsvorlage mit 72,3 % Nein verworfen. Die Ablehnung war damit weit deutlicher als vier Monate zuvor bei einer ähnlichen Volksinitiative im benachbarten Liechtenstein, die immerhin auf 47,3 % Ja-Stimmen kam. Annehmende Mehrheiten gab es in den katholischen Kantonen Fribourg, Obwalden, Wallis und (mit einer Stimme Differenz!) in Appenzell-Innerrhoden, hingegen scheiterte die Initiative in den Kantonen Zürich und Schaffhausen, die als Hochburgen der Frontenbewegung galten, mit je etwa 80 % Nein-Stimmen massiv. Damit hatte die autoritär-korporatistische Bewegung ihren Zenit überschritten, auch wenn sie 1940 in der Verunsicherung nach der Niederlage Frankreichs nochmals einen gewissen Aufschwung erleben sollte.

Krisenbekämpfung im Wandel nach der Doppelabstimmung von 1935

Nachdem der Souverän 1935 die Rezepte von links und rechts zur Bekämpfung der Krise – in unterschiedlicher Deutlichkeit – abgelehnt hatte, ergaben sich in der Folgezeit Entwicklungen, die punktuell Ansätze beider Richtungen aufgriffen, diese aber in den helvetischen Konsens der „geistigen Landesverteidigung“ einbetteten. Das durch eine Anleihe über 235 Millionen Franken finanzierte ausserordentliche Rüstungsprogramm vom Sommer 1936 war zugleich eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme und ergänzte die Programme von Kantonen und Gemeinden. Im September gleichen Jahres beschloss der Bundesrat die Abwertung des Frankens um 30 % – nachdem noch im Abstimmungskampf über die Kriseninitiative die Initiativgegner den bisherigen Frankenkurs zur Existenzfrage erklärt und die Initianten als „Totengräber des Schweizerfrankens“ kritisiert hatten. Das lange Festhalten an einem zu hohen Wechselkurs belastete die Exportwirtschaft aber schwer und verschärfte die Krise. In den Arbeitsbeziehungen ging die Entwicklung in Richtung eines Modells, das in den Sozialwissenschaften später als „liberaler Korporatismus“ bezeichnet werden sollte. Nach der Frankenabwertung unternahm der Bundesrat zwar einen Schritt zur autoritären Regulierung. Aus Furcht vor einer Streikwelle ermächtigte er das Volkswirtschaftsdepartement zur Zwangsschlichtung, obwohl Arbeitgeber und Gewerkschaften dies mehrheitlich ablehnten. Als Reaktion bemühten sich die Sozialpartner um den Ausbau vertraglicher Beziehungen. Meilensteine waren das „Friedensabkommen“ in der Maschinen- und Metallindustrie von 1937 sowie im folgenden Jahr der erste „Landesmantelvertrag“ im Baugewerbe (vgl. SozialarchivInfo 2/2017).

Auch in die Ende der 30er-Jahre erarbeiteten Wirtschaftsartikel gingen Elemente aus den Krisendiskussionen der Vorjahre ein. Die 1939 von den eidgenössischen Räten verabschiedete Vorlage liess staatliche Massnahmen zum Schutz der Landwirtschaft, wirtschaftlich bedrohter Landesteile und gegen Kartelle zu und sah liberal-korporatistische Elemente wie den Einbezug der Verbände in Gesetzesvorbereitung und -vollzug sowie die Möglichkeit zur Allgemeinverbindlicherklärung von Gesamtarbeitsverträgen vor. Wegen des Zweiten Weltkriegs traten die Bestimmungen nicht in Kraft, sie bildeten dann aber die Grundlage der 1947 vom Volk angenommenen Wirtschaftsartikel der Bundesverfassung.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.240.9 (1) Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Kriseninitiative
  • Ar 1.320.1 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Bundesverfassung
  • Ar 27.70.2 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Abstimmungen 1926–1935
  • Ar 39.10.1-5 Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste vpod: Plan der Arbeit
  • Ar 39.20.5 Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste vpod: Bundesverfassung, Bundespersonal
  • Ar 73.81.5 Christlicher Holz- und Bauarbeiterverband der Schweiz: CAB-Geschichte
  • Ar 103.20.38 Max Weber: Broschüren und Separata
  • Ar 593.10.1 Dokumentation Arbeitskonflikte Ostschweiz: Akten nach Jahren geordnet
  • Ar CNG 05-008 Christlichnationaler Gewerkschaftsbund der Schweiz: Kriseninitiative: Abstimmungsmaterial
  • Ar CNG 05-021 Christlichnationaler Gewerkschaftsbund der Schweiz: Aktions- und Wirtschaftsprogramm des Christlichnationalen Gewerkschaftsbundes
  • Ar SGB G 254/1 Schweizerisches Gewerkschaftsbund: Kriseninitiative
  • Ar SGB G 254/2 Schweizerisches Gewerkschaftsbund: Aktionskomitee (Wirtschaftskrise) 1934–1935
  • Ar SGB G 258/1 Schweizerisches Gewerkschaftsbund: Aktionskomitee (Wirtschaftskrise) 1933–1934
  • Ar SGG A 81 A 1935 e Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Kriseninitiative
  • Ar SMUV 01D-0043 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Kriseninitiative
  • Ar SMUV 05G-0020 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Kriseninitiative Aktion Unterschriftensammlung und Mitgliederwerbung
  • Ar SMUV 06A-0002 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Kriseninitiative: Befürwortendes und gegnerisches Propagandamaterial; Zeitungsausschnitte; Listen Aktionskomitee; Unterschriftensammlung; Korrespondenz
  • Ar VHTL 06A-0001 Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel: Gewerkschaftliche Postulate: Kriseninitiative
  • Ar VSA 04-006 Vereinigung schweizerischer Angestelltenverbände: VSA Dokumentation zur Kriseninitiative

Sachdokumentation

  • KS 32/70:1+2 Ständestaat, Korporationenstaat
  • KS 32/103 Eidgenössische Abstimmungen
  • KS 34/28b Schweizerische Bundesverfassung: Revisionen, Totalrevisionen
  • KS 331/250 Berufsgemeinschaften; Korporationen
  • KS 338/314 Wirtschaftspolitik, Konjunkturpolitik: Schweiz: „Kriseninitiative“: Broschüren, Flugschriften
  • KS 338/315 Wirtschaftspolitik, Konjunkturpolitik: Schweiz: „Kriseninitiative“: Zeitungsartikel

Bibliothek

  • Angst, Kenneth: Von der „alten“ zur „neuen“ Gewerbepolitik: Liberalkorporative Neuorientierung des Schweizerischen Gewerbeverbandes (1930–1942). Bamberg 1992, 95550
  • Baumann, R.: Die Angestellten für die Kriseninitiative, in: Gewerkschaftliche Rundschau 27 (1935). S. 140-144, MFB 31
  • Bircher, Eugen: Totalrevision der Bundesverfassung, in: Neue Schweizer Rundschau 2 (1934/35). S. 132-137, N 211
  • Böhler, E.[ugen]: Korporative Wirtschaft: Eine kritische Würdigung. Erlenbach-Zürich/Leipzig o. J. [1934], 6664
  • Bürgi, Markus und Mario König: Harry Gmür – Bürger, Kommunist, Journalist: Biographie, Reportagen, politische Kommentare. Zürich 2009, 120939
  • David, Thomas et al. (Hg.): La Crise des Années ’30 (= Traverse 1/1997). Zürich 1997, D 5397
  • De Reynold, Gonzague: La Démocratie et la Suisse: Essai d’une philosophie de notre histoire nationale. Bern 1929, 3364
  • De Reynold, Gonzague: Die Schweiz im Kampf um ihre Existenz. Luzern 1934, 7625
  • De Reynold, Gonzague: Selbstbesinnung der Schweiz. Zürich 1939, 10760
  • Etter, Philipp: Die vaterländische Erneuerung und wir. Zug 1933, 32/54a-1
  • Etter, Philipp: Die schweizerische Demokratie. Olten/Konstanz 1934, 32/54c-3
  • Ferrière, Adolphe: Ein überparteilicher Plan der Arbeit dem Schweizervolk: Wirtschaftsordnung auf demokratischer Grundlage: Ein Versuch, reine Soziologie auf die Gegenwart anzuwenden. Zürich 1936, 8939
  • Frick, H.[ans]: Totalrevision der Bundesverfassung, in: Neue Schweizer Rundschau 2 (1934/35). S. 137-141, N 211
  • Für die Kriseninitiative. Bern 1935, 331/171-1
  • Gehrig, Otmar: Das Christlichsoziale in der Politik unter besonderer Berücksichtigung des Christlichsozialen Arbeiterbundes der Schweiz 1919–1939. Winterthur 1969, 41814
  • Glaus, Beat: Die Nationale Front: Eine Schweizer faschistische Bewegung, 1930–1940. Zürich 1969, 40724
  • Gmür, Harry: Zur Diskussion über den „Plan der Arbeit“, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 38-43, N 11
  • Gysin, Arnold: Die Freiburger Entwürfe über die korporative Organisation, in: Gewerkschaftliche Rundschau 26 (1934). S. 142-146, MFB 31
  • Hackhofer, Karl: Berufsständischer Aufbau: Das Arbeitsverhältnis in der berufsständischen Ordnung, Bern o. J. [1934], 8138
  • Imhof, Kurt: Lernen von Aussen? Oder: Die Betrachtung des Irrationalen als Voraussetzung für die Vernunft: Programmatische Mutationen in der Krise der 30er Jahre, in: ders. et al. (Hg.): Zwischen Konflikt und Konkordanz: Analyse von Medienereignissen in der Schweiz der Vor- und Zwischenkriegszeit. Zürich 1993. S. 289-355, 96118: 1
  • Jost, Hans Ulrich: Die reaktionäre Avantgarde: Die Geburt der neuen Rechten in der Schweiz um 1900. Zürich 1992, 94101
  • Kaiser, Chantal: Bundesrat Jean-Marie Musy, 1919–1934. Fribourg 1999, 105414
  • Keller, Paul: Die korporative Idee in der Schweiz. St. Gallen 1934, 6313
  • Keller, Paul et al.: Die korporative Idee: Die Neuordnung der Wirtschaft: Drei Referate gehalten im Rotary Club St. Gallen im Januar und Februar 1934. St. Gallen o. J. [1934], Hg 2019
  • Koller, Christian: „Auf einem Schiffe regiert der Kapitän und kein Matrosenrat“ – Die Mitbestimmungsdebatte nach dem Schweizer Landesstreik, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 69 (2019). S. 49-72, D 6201
  • Eine Kundgebung des Aktionskomitees zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise, in: Gewerkschaftliche Rundschau 27 (1935). 74-83, MFB 31
  • Lang, Otto: Die nationale Erneuerung und die Revision der Bundesverfassung, in: Rote Revue 14 (1935/36). S. 12-22, N 11
  • Lang, Paul: Tote oder lebendige Schweiz? Versuch eines Systems politischer Morphologie, entwickelt an der Dynamik des eidgenössischen Staates. Zürich 1932, 4517
  • Lardelli, Albert: Kriseninitiative und Staatsfinanzen. Aarau o. J., 331/171-3
  • Lepori, Antonio: Le réception de Quadragesimo Anno en Suisse romande, in: Altermatt, Urs (Hg.): Schweizer Katholizismus zwischen den Weltkriegen 1920–1940. Fribourg 1994, S. 57-68, 95435
  • Lorenz, J.[acob]: Korporativer Aufbau: Gedanken und Anregungen. Olten/Konstanz 1932, 331/250-2
  • Maspoli, Philippe: Le corporatisme et la droite en Suisse romande. Lausanne 1993, 95831
  • Mattioli, Aram: Zwischen Demokratie und totalitärer Diktatur: Gonzague de Reynold und die Tradition der autoritären Rechten in der Schweiz. Zürich 1994, 96640
  • Mattioli, Aram (Hg.): Intellektuelle von rechts: Ideologie und Politik in der Schweiz 1918–1939. Zürich 1995, 98854
  • Morandi, Pietro: Krise und Verständigung: Die Richtlinienbewegung und die Entstehung der Konkordanzdemokratie 1933–1939. Zürich 1995, 100304
  • Müller, Philipp: Die Schweiz in der Krise (1929–1936): Währungs-, Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik der Schweizerischen Eidgenossenschaft, in: David, Thomas et al. (Hg.): Krisen: Ursachen, Deutungen und Folgen. Zürich 2012. S. 187-206, 127105
  • Nobs, Ernst: Die Panikmacher siegen, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 313-315, N 11
  • Oprecht, Hans: Das Krisenprogramm der Gewerkschaften, in: Rote Revue 12 (1932/33). S. 94-100, N 11
  • Oprecht, Hans: Plan oder Programm?, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 23-30, N 11
  • Oprecht, Hans: Unsere Totalrevision, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 414-417, N 11
  • Der Plan der Arbeit: Entwurf des Verbandsvorstandes. o. O. 1934, 331/198a-1
  • Der Plan der Arbeit: Nationale Planwirtschaft in der Schweiz. Zürich 1934, 331/197-9
    Der Plan der Arbeit: Ein Ausweg aus Krise und Not: Parteitag der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in Luzern, 26./27. Januar 1935. Luzern 1935, Hf 4975
  • Der Plan der Arbeit: Ein Ausweg aus Krise und Not. Zürich o. J., 85439
  • Ruffieux, Roland: Le Mouvement chrétien-sociale en Suisse romande 1891–1949. Fribourg 1969, 41216
  • Scheiben, Oskar: Krise und Integration: Wandlungen in den politischen Konzeptionen der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz 1928–1936: Ein Beitrag zur Reformismusdebatte. Zürich 1987, 83948
  • Schmid, Arthur: Ein Schicksalstag für die schweizerische Demokratie: Zur Abstimmung vom 8. September 1935, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 393-404, N 11
  • Schmid, Arthur: Ein Sieg der Demokratie: Zur Abstimmung vom 8. September 1935, in: Rote Revue 15 (1935/36). S. 54-60, N 11
  • Schmidlin, Fritz: Korporationen in der Schweiz, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 181-189, N 11
  • Schmidlin, Fritz: Die Methoden des 2. Juni: Rückblick auf einen Abstimmungskampf, in: Gewerkschaftliche Rundschau 27 (1935). S. 241-252, MFB 31
  • Schweizerisches Aktionskomitee zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise (Hg.): Ueberwindung der Krise durch die Kriseninitiative. Bern 1935, 46652
  • Siegenthaler, Hansjörg: Regelvertrauen, Prosperität und Krisen: Die Ungleichmässigkeit wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung als Ergebnis individuellen Handelns und sozialen Lernens. Tübingen 1993, 95438
  • Sonderegger, [Emil]: Ordnung im Staat. Bern o. J. [1933], 6185
  • Spühler, Willy: Kriseninitiative und Plan der Arbeit, in: Rote Revue 13 (1933/34). S. 327-330, N 11
  • Stadler, Peter: Die Diskussion um eine Totalrevision der schweizerischen Bundesverfassung 1933–1935, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 19 (1969). S. 75-169, D 4212
  • Tobler, Robert: Vom Ständestaat der Gegenwart. Zürich 1932, 32/70-12
  • Walter, Emil J.: Zur Kritik des „Plans der Arbeit“, in: Rote Revue 13 (1933/34). S. 363-366, N 11
  • Weber, Max: Korporationen?, in: Gewerkschaftliche Rundschau 25 (1933). S. 315-322, MFB 31
  • Weber, Max: Ueberwindung der Krise, in: Rote Revue 13 (1933/34). S. 289-293, N 11
  • Weber, Max: Zum belgischen Aktionsplan, in: Gewerkschaftliche Rundschau 26 (1934). S. 33-39, MFB 31
  • Weber, Max: Der Kampf um die Neuordnung der Wirtschaft, in: Gewerkschaftliche Rundschau 26 (1934). S. 133-141, MFB 31
  • Weber, Max: Der Kampf um die Bundesverfassung, in: Gewerkschaftliche Rundschau 27 (1935). S. 205-226, MFB 31
  • Weber, Quirin: Korporatismus statt Sozialismus: Die Idee der berufsständischen Ordnung im schweizerischen Katholizismus während der Zwischenkriegszeit. Fribourg 1989, 89426
  • Werner, Christian: Für Wirtschaft und Vaterland: Erneuerungsbewegungen und bürgerliche Interessengruppen in der Deutschschweiz 1928–1947. Zürich 2000, 107845
  • Wirz, Wolf: Lehren und Folgen der Revisionsabstimmung, in: Nationale Hefte 2 (1935/36). S. 309-320, N 237
  • Wolf, Walter: Faschismus in der Schweiz: Die Geschichte der Frontenbewegungen in der deutschen Schweiz, 1930–1945. Zürich 1969, 39590
  • Zaugg, Thomas: Bundesrat Philipp Etter (1891–1977): Eine politische Biografie. Basel 2020, 143561

Periodika

  • Das Aufgebot: Schweizerische Wochenzeitung für jedermann, Z 103
  • Die Nation: Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Z 101

Verschoben! 13.11.2020, 18.30 Uhr: Die Moderne als Erlebnis

Eine Geschichte der Konsum- und Arbeitsgesellschaft, 1840-1940

Aufgrund der Corona-Situation wird diese Veranstaltung auf die erste Jahreshälfte 2021 verschoben!

Buchpräsentation

In den Jahrzehnten um 1900 erfuhr das Leben grosser Bevölkerungsteile tiefgreifende Veränderungen. Sie betrafen die Arbeit genauso wie den Konsum. Anhand von rund einhundert Tagebüchern untersucht Peter-Paul Bänziger, wie die Menschen ihren Alltag wahrnahmen. In ihren Augen sollte das Leben vor allem Spass machen und Abwechslung bringen – in der Freizeit genauso wie am Arbeitsplatz. Die Moderne als Erlebnis folgt dem Aufkommen dieser modernen Erlebnisorientierung und zeigt, wie der «bürgerliche Wertehimmel» des 19. Jahrhunderts dabei langsam verblasste.

Begrüssung durch den Autor Peter-Paul Bänziger (Universität Basel),
Lesung mit Bernadett Settele (Zürcher Hochschule der Künste) und
Diskussion mit Eva Brugger und Philipp Sarasin (beide Universität Zürich).
Moderation: Matthias Ruoss (Universität Bern).

Freitag, 13. November 2020, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Aufgrund der Coronasituation müssen wir die Publikumszahl dieser Veranstaltung leider beschränken. Wir bitten Sie deshalb um eine Voranmeldung bis zum 9.11.2020 an basarte@sozarch.uzh.ch. Für die Veranstaltung gilt unser Schutzkonzept, das unter anderem Sitzabstände von 1,5 Metern, Maskenpflicht sowie die Angabe von Kontaktdaten für ein eventuelles Contact-Tracing beinhaltet.

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SozArch F Ob-0002-200
SozArch F Ob-0002-200

20.10.2020, 18.30 Uhr: Der Streik in den SBB-Werkstätten Bellinzona

Buchpräsentation

Der Plan der SBB-Spitze, die Werkstätten von SBB-Cargo in Bellinzona aufzulösen, führte im Frühjahr 2008 zu einem der grössten Arbeitskämpfe der jüngeren Schweizer Geschichte. Der mehrwöchige Ausstand der 430 Officine-Arbeiter war im Tessin von grossen Mobilisierungen begleitet und endete mit dem Erhalt der Mehrzahl der Arbeitsplätze.

HistorikerInnen der Tessiner Stiftung Pellegrini Canevascini haben die Bewegung nun umfassend aufgearbeitet. Das jetzt auch auf Deutsch vorliegende Buch analysiert u. a. auf der Basis von über 70 Interviews den Streik in den SBB-Werkstätten Bellinzona und ordnet ihn in grössere Zusammenhänge und Entwicklungslinien ein.

Mit den Autoren Gabriele Rossi und Paolo Barcella sowie Christian Koller (Schweizerisches Sozialarchiv) und Andreas Rieger (Gewerkschaft Unia).

Dienstag, 20.10.2020, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Aufgrund der Coronasituation müssen wir die Publikumszahl dieser Veranstaltung leider beschränken. Wir bitten Sie deshalb um eine Voranmeldung bis zum 16.10.2020 an basarte@sozarch.uzh.ch. Für die Veranstaltung gilt unser Schutzkonzept, das unter anderem Sitzabstände von 1,5 Metern, Maskenpflicht sowie die Angabe von Kontaktdaten für ein eventuelles Contact-Tracing beinhaltet.

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Vor 70 Jahren: Der Fall Woog

«Fünf vor Zwölf – Enthüllungen über die Partei der Arbeit». Mit diesen dramatischen Worten warnte im Vorfeld der Stadtzürcher Gemeindewahlen vom Frühjahr 1946 eine bürgerliche Wahlzeitung vor einer Partei, die erst knapp zwei Jahre alt war, und deren Stadtratskandidaten Edgar Woog. Die Ausgangslage der ersten Stadt- und Gemeinderatswahlen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war speziell: In der Stadtregierung besassen die Sozialdemokraten immer noch die seit dem Beginn des «Roten Zürich» 1928 gehaltene Mehrheit von fünf der neun Sitze. Im Gemeinderat hatten sie hingegen 1938 ihre absolute Mehrheit, die sie bei der Eingemeindung 1933 gegen eine Wahlallianz aus Bürgerlichen und Frontisten noch verteidigt hatten (s. SozialarchivInfo 6/2017), verloren und bei den Wahlen von 1942 mit nur noch 48 der 125 Mandate weiter an Terrain eingebüsst. Dafür erlebte eine neue politische Kraft einen kometenhaften Aufstieg: Der von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler ins Leben gerufene Landesring der Unabhängigen war 1938 bei seiner ersten Wahlteilnahme aus dem Stand auf 16 Prozent der Stimmen gekommen und 1942 mit 28,6 Prozent der Stimmen zur zweitgrössten Fraktion aufgestiegen – doppelt so stark wie der Freisinn – und auch in den Stadtrat eingezogen.

Bei den Erneuerungswahlen von 1946 traten acht bisherige Stadträte – fünf Sozialdemokraten und je ein Vertreter der Freisinnigen, des Landesrings und der Christlichsozialen – wieder an, während der zweite Freisinnige sich nicht zur Wiederwahl stellte. Auf der Linken lancierte nun auch die PdA mit Edgar Woog eine Kandidatur. Die Delegiertenversammlung der SP beschloss auf Antrag des Gewerkschaftskartells mit Dreiviertelmehrheit, diese Kandidatur zu unterstützen und mit der PdA eine Listenverbindung einzugehen. Der Entscheid war intern nicht unumstritten und in der Folge verteilte ein «Aktionskomitee gegen das Wahlbündnis mit den Kommunisten» Flugblätter, die zur Stimmenenthaltung aufriefen. Vor allem aber schrillten bei den Bürgerlichen die Alarmglocken. Eine freisinnige Wahlbroschüre malte bereits das Schreckgespenst eines mit Hammer und Sichel beflaggten Grossmünsters an die Wand. Freisinn und Christlichsoziale beschlossen zwar gegenseitige Unterstützung ihrer insgesamt drei Stadtratskandidaten, die Demokraten portierten aber eine vierte, ausserhalb dieses bürgerlichen Tickets stehende Kandidatur. Der sich zwischen den Blöcken sehende Landesring konzentrierte sich auf die Wiederwahl ihres eigenen Stadtrats und gab seinen Anhängern für die Besetzung der übrigen Sitze Stimmfreigabe.

Das Wahlergebnis bestätigte und vertiefte die bisherigen ungleichen Mehrheitsverhältnisse in Regierung und Parlament: Die Stadtratswahlen endeten mit einem durchschlagenden Erfolg der linken Liste. An der Spitze des Tableaus stand mit knapp 54’000 Stimmen der sozialdemokratische Stadtpräsident Adolf Lüchinger, gefolgt von den vier weiteren SP-Kandidaturen mit jeweils um die 45’000 Stimmen und den Kandidaten von Landesring und Freisinn mit je um die 38’000 Stimmen. Im Kampf um den neunten und letzten Platz verdrängte der Kommunist Edgar Woog mit 32’535 Stimmen den bisherigen christlichsozialen Polizeivorstand Anton Higi mit einem minimalen Vorsprung von rund 300 Stimmen. Die Sprengkandidatur der Demokraten blieb chancenlos. Im Gemeinderat gab es grosse Verschiebungen. Die beiden stärksten Parteien erlitten massive Verluste: Die SP kam nur noch auf 29,1 Prozent der Stimmen (minus 7,4 Prozent), der Landesring auf 17,3 Prozent (minus 11,3 Prozent). Die bürgerlichen Parteien verbuchten insgesamt geringfügige Zugewinne. Grosse Gewinnerin war aber die PdA, die aus dem Stand auf 15,3 Prozent der Stimmen und noch vor dem Freisinn auf den dritten Rang kam. Die beiden Linksparteien zusammen, die nun im Stadtrat sechs der neun Mandate innehatten, verpassten im Gemeinderat aber die absolute Mehrheit.

Der neugewählte PdA-Stadtrat Edgar Woog hatte zu diesem Zeitpunkt, wie sein im Schweizerischen Sozialarchiv gelagerter Nachlass zeigt, bereits eine bewegte Biografie hinter sich. Geboren 1898 in eine jüdische Tuchhändlerfamilie in Liestal musste er 1914 eine kaufmännische Lehre in Hamburg wegen Ausbruchs des Ersten Weltkriegs abbrechen und setzte seine Ausbildung in Basel fort. Hier trat er 1916 dem Sozialistischen Abstinentenbund und der Freien Jugend bei. 1920 wanderte er nach Mexiko aus und wurde unter dem Pseudonym Alfred Stirner Mitgründer des dortigen Kommunistischen Jugendverbands und der Kommunistischen Partei. Ab 1922 vertrat er die lateinamerikanischen Kommunisten im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau. Bis 1935 arbeitete er für den Komintern-Apparat in Berlin, Barcelona und Moskau, dann kehrte er in die Schweiz zurück und gründete in Zürich die Buchhandlung Stauffacher. Im selben Jahr heiratete er Klavdia Petrovona Nasarova. 1936 meldete er sich zu den internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Nach seiner Rückkehr wurde er wegen verbotener Werbung für fremde Kriegsdienste zu 14 Monaten Haft verurteilt. Seit 1936 Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Schweiz blieb er auch nach deren Verbot 1940 Teil der illegalen Parteileitung. Im selben Jahr heiratete er zum zweiten Mal, diesmal die Kommunistin Lydia Scherrer. 1942 wurde er wegen illegaler politischer Betätigung zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. 1944 gehörte Woog zu den Gründern der PdA, der sich Mitglieder der illegalen Kommunistischen Partei und der gleichsam verbotenen Fédération socialiste suisse sowie linke SozialdemokratInnen anschlossen, und wurde Mitglied des Zentralkomitees und der Parteileitung.

Woogs Wahl in den Zürcher Stadtrat fiel mit einem allgemeinen Aufschwung der PdA in der unmittelbaren Nachkriegszeit zusammen. Knapp ein Jahr nach ihrer Gründung zählte die PdA offiziell bereits über 19’000 Mitglieder und 18 Kantonalparteien mit 229 Sektionen. In verschiedenen Wahlen feierte die Partei teilweise spektakuläre Erfolge. Im Genfer Kantonsparlament wurde sie 1945 mit einem Stimmenanteil von 36 Prozent stärkste Fraktion. Zweistellige Ergebnisse resultierten bei kantonalen Wahlen auch in Basel-Stadt (1944: 13,8 Prozent; 1947: 23,8 Prozent), Neuchâtel (1945: 13,6 Prozent) und in der Waadt (1945: 19,4 Prozent). Bei der Nationalratswahl im Oktober 1947 erlangte die PdA mit einem gesamtschweizerischen Wähleranteil von 5,1 Prozent sieben Mandate und damit Fraktionsstärke. Einer dieser Nationalräte war Edgar Woog. In einzelnen Gewerkschaften, die in den späten 40er Jahren zahlreiche Streiks führten, hatte die PdA vorübergehend erhebliches Gewicht, etwa bei den Basler Chemiearbeitern und den Zürcher Holzarbeitern. Die internationale Lage begünstigte vorerst diesen Höhenflug. Die Sowjetunion hatte durch ihre Rolle als Siegermacht an Prestige gewonnen und 1946 nahm die Schweiz die 1918 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zum kommunistischen Staat wieder auf. In den beiden Nachbarländern Frankreich und Italien feierten die Kommunisten als Anerkennung ihrer führenden Rolle im antifaschistischen Widerstand Wahlresultate von bis zu 26 Prozent und gehörten bis im Mai 1947 den ersten Nachkriegsregierungen an. Auch in der österreichischen Bundesregierung sassen bis 1947 kommunistische Minister.

Der einsetzende Kalte Krieg änderte diese Situation aber rasch. In den Ländern der sowjetischen Einflusssphäre in Ostmittel- und Südeuropa kam es zu einer Sowjetisierung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Auf politischer Ebene erfolgte zumeist ein erzwungener Zusammenschluss der Arbeiterparteien unter kommunistischer Führung, die Degradierung der nichtsozialistischen Kräfte zu «Blockparteien», die zusammen mit der kommunistischen Staatspartei bei Wahlen auf Einheitslisten antraten, und die – teils auch physische – Ausschaltung führender bürgerlicher, sozialdemokratischer und nicht linientreuer kommunistischer Politiker. Die Verurteilung und teilweise Hinrichtung verschiedener bürgerlicher Politiker in Bulgarien und Rumänien im Jahre 1947 wurde von der PdA begrüsst. In der Tschechoslowakei hielt sich der demokratische Parteienpluralismus am längsten und kam schliesslich im Frühjahr 1948 durch den «Februarumsturz» zum Ende – drei Monate darauf fanden auch hier Wahlen mit einer Einheitsliste statt. Dieses Ereignis rief in der Schweiz grosse Empörung hervor mit Protestkundgebungen in Fribourg, Zürich, Bern, Lausanne und Genf. Auf einer Protestversammlung an der Uni Bern rief der Student Peter Sager, später Gründer und jahrzehntelanger Leiter des antikommunistischen «Ost-Instituts», aus: «Was heute vor sich geht, ist nicht mehr die Auseinandersetzung zwischen zwei Systemen, sondern es ist der Kampf des Bösen gegen das Gute.» Die PdA dagegen sandte ein Glückwunschtelegramm an den tschechoslowakischen Ministerpräsidenten und kommunistischen Parteichef Klement Gottwald und veranstaltete in verschiedenen Städten Siegesfeiern.

Bereits im März 1946 popularisierte Winston Churchill, britischer Kriegspremier und nunmehr konservativer Oppositionsführer, an einer Rede in den USA den Begriff des «Eisernen Vorhangs», der sich quer durch Europa ziehe und den Kontinent in zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke teile. Churchill war nicht der Erfinder dieser aus der Theatersprache übernommenen Metapher, die seit der Oktoberrevolution von 1917 gelegentlich aufgetaucht war und dann in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in der Goebbels’schen Propaganda einen wichtigen Platz eingenommen hatte. Mit seiner «Iron Curtain»-Rede von 1946 traf Churchill aber den Nerv des Zeitgeistes im entstehenden Kalten Krieg. Ein halbes Jahr darauf sollte Churchill die Schweiz besuchen, in der Aula der Universität Zürich seine berühmte «Let Europe Arise»-Rede halten (vgl. SozialarchivInfo 4/2016) und bei einem Empfang in der Limmatstadt auch Stadtrat Edgar Woog die Hand schütteln. Die beiden Blöcke verfestigten sich auch wirtschaftlich und militärisch. Im April 1948 startete der amerikanische Marshall-Plan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Westeuropas unter kapitalistischen Vorzeichen, im Januar 1949 gründeten sechs kommunistische Staaten Osteuropas den «Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe» (Comecon). Im April 1949 schlossen sich zwölf westliche Staaten Europas und Nordamerikas zum Verteidigungsbündnis NATO zusammen. Vier Monate darauf fiel mit dem ersten sowjetischen Atomwaffentest das bisherige nukleare Monopol der USA. Im Juni 1955 gründeten die kommunistischen Staaten Europas (ausser Jugoslawien) den Warschauer Pakt.

Wo die Demarkationslinie des «Eisernen Vorhangs» in Europa und anderen Weltregionen noch nicht klar abgesteckt war, kam es in der zweiten Hälfte der 40er Jahre zu eine Kaskade internationaler Krisen: Bereits 1945/46 führte die Frage der Kontrolle über den Iran zu einer ernsthaften Verstimmung unter den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, bei der US-Präsident Harry S. Truman der Sowjetunion den Einsatz von Atomwaffen androhte. Vom März 1946 bis Oktober 1949 tobte in Griechenland ein blutiger Bürgerkrieg zwischen der von Grossbritannien und den USA unterstützten konservativen Regierung und der bewaffneten Organisation der Kommunistischen Partei Griechenlands, der Albanien und Jugoslawien den Rücken stärkten. Im März 1947 verkündete Truman die aussenpolitische Doktrin von der «Eindämmung» des Kommunismus – zeitgleich setzte im Innern der McCarthyismus ein. Von Juni 1948 bis Mai 1949 blockierte die Sowjetunion die Landwege nach Westberlin, so dass der mitten in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands liegende Stadtteil nur durch die westalliierten «Rosinenbomber» aus der Luft versorgt werden konnte. Am 1. Oktober 1949 endete der seit den späten 20er Jahren anhaltende chinesische Bürgerkrieg mit der Ausrufung der Volksrepublik China durch Mao Tse-tung. Im Oktober 1950 gab es in Österreich einen von den Kommunisten und in der Region Linz auch von rechtsradikalen Kräften getragenen Generalstreik, den die Regierungsparteien ÖVP und SPÖ als kommunistischen Putschversuch dramatisierten. Und im Juni 1950 begann mit der Invasion des kommunistischen Nordens in den prowestlichen Süden der Koreakrieg, der drei Jahre dauern und rund vier Millionen Opfer fordern sollte.

All diese Vorgänge hatten auch Rückwirkungen auf die Schweiz. Von 1945 bis 1948 ging die Zahl der PdA-Mitglieder um die Hälfte zurück. 1950 erliess der Bundesrat Weisungen gegen «vertrauensunwürdige Beamte», die insbesondere auf PdA-Mitglieder abzielten. Auch innerhalb der Arbeiterbewegung wurde die PdA zunehmend angefeindet. Die Gewerkschaften säuberten um 1950 ihre Leitungsgremien von PdA-Mitgliedern, ebenso die sozialistische Tourismusorganisation der «Naturfreunde». 1951 billigte die Typographen-Gewerkschaft Entlassungen von Kommunisten als «Zerstörung» von «Infektionsherde[n]». Ein Jahr darauf reichten die Sozialdemokraten im Grossen Rat von Basel-Stadt einen Vorstoss für den Ausschluss von als «Söldner Stalins» gebrandmarkten PdA-Mitgliedern aus dem Staatsdienst ein, der aber von der bürgerlich dominierten Kantonsregierung abgelehnt wurde. Der bei den Nationalratswahlen von 1947 erzielte PdA-Stimmenanteil von 5,1 Prozent fiel 1951 auf unter 3 Prozent und ging dann bis zum Ende des Kalten Krieges kontinuierlich auf unter 1 Prozent zurück. Hinzu kamen interne Konflikte: PdA-Zentralsekretär Karl Hofmaier wurde 1946 wegen Veruntreuung von Parteigeldern abgesetzt und im folgenden Jahr aus der Partei ausgeschlossen. 1951 erfolgte der Ausschluss des legendären Spanienkämpfers Otto Brunner und 1952 derjenige von Gründungspräsident Léon Nicole wegen ideologischer Differenzen. Die PdA wurde zunehmend als «Partei der Affären» und «Partei des Auslands» geschmäht. Mit dem von der PdA begrüssten sowjetischen Einmarsch in Ungarn erreichte die politische Isolierung der Partei dann 1956 ihren Höhepunkt (s. SozialarchivInfo 5/2016).

Auch die weitere Laufbahn von Edgar Woog stand in diesen Kontexten. Am 6. Oktober 1947 wurde der Vorsteher des städtischen Bauamts I verhaftet. Grund war die Veruntreuung von Sammelgeldern der «Koordinationsstelle für Nachkriegshilfe» (KOOST). Im Unterschied zu den anderen Schweizer Hilfswerken, die mit der «Schweizer Spende» vor allem in West-, Zentral- und Nordeuropa wirkten, konzentrierte diese PdA-nahe Organisation ihre Hilfsaktionen auf Länder des kommunistischen Einflussbereichs wie Polen, Jugoslawien, die Tschechoslowakei und Albanien (s. SozialarchivInfo 2/2015). Aus deren Sammlung «für Polens Kinder» hatte Woog einen – in der Buchhaltung als «Darlehen an Albanien» getarnten – Überbrückungskredit von 5’000 Franken für die serbelnde PdA-Zeitung «Vorwärts» abgezweigt, der allerdings zum Zeitpunkt seiner Verhaftung bereits zurückgezahlt war. Ins Rollen gebracht wurde die Affäre vermutlich von einem Whistleblower aus der PdA-Parteileitung. Daraufhin hörte die Zürcher Kantonspolizei mittels eines versteckten Mikrofons Anfang September 1947 eine Vorstandssitzung der KOOST ab.

Zusammen mit Woog wurden sechs weitere Führungspersonen der KOOST festgenommen, darunter deren Sekretär, der spätere Publizist Alfred A. Häsler. Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft wurde Woog am 8. Oktober 1947 als Stadtrat beurlaubt. Am selben Abend fand zu seiner Unterstützung auf dem Helvetiaplatz und im Volkshaus eine Protestkundgebung statt, an der sich etwa 3’000 Personen beteiligten. Zehn Tage darauf verfügte der Bezirksrat als Aufsichtsbehörde, Woog einstweilen im Amt «einzustellen», das heisst, ihn ohne Bezüge als Stadtrat zu suspendieren. In der folgenden Woche erfolgte Woogs Wahl in den Nationalrat. Im Januar 1949 verurteilte ein Schwurgericht Woog zu einem halben Jahr Gefängnis. Die Strafe wurde wegen Woogs Vorstrafen unbedingt ausgesprochen, während die übrigen Angeklagten mit bedingten Strafen davonkamen. Steffen Lindig, pensionierter Bibliothekar des Sozialarchivs, hat diesen Prozess als Höhepunkt des «Polit-Krimis» um Edgar Woog in einem umfangreichen Manuskript detailliert rekonstruiert. Im April 1949 beschloss der Bezirksrat die definitive Amtsenthebung Woogs als Stadtrat. Dieser in der Stadtzürcher Geschichte einmalige Beschluss wurde im Dezember 1949 vom Regierungsrat und im folgenden Jahr auch vom Bundesgericht geschützt. Während Woogs Haft wurde er im Juni 1949 zum Zentralsekretär der PdA gewählt. Ausweislich der Staatsschutzakten über Woog gab es sogar Überlegungen, ihm das Bürgerrecht zu entziehen. Ende 1949 forderte ein nicht namentlich genannter Herr aus Zürich als Reaktion auf die Geburtstagsgrüsse der PdA für Stalin in einem Brief an Bundesrat Eduard von Steiger die Ausbürgerung der Schweizer Kommunisten. Von Steiger erwiderte, dass dies nur bei Doppelbürgern wie Woog eventuell möglich wäre. Nachforschung der Bundespolizei ergaben dann aber, dass Woog gar keine doppelte Staatsangehörigkeit besass.

Einher mit Woogs Amtsenthebung ging der Zerfall der linken Mehrheit im Zürcher Stadtrat und das Ende des «Roten Zürich». Wenige Monate nach Woogs Absetzung verstarb im Juli 1949 der sozialdemokratische Stadtpräsident Lüchinger. In der Ersatzwahl ging das Stadtpräsidium an den Freisinnigen Emil Landolt und Lüchingers Stadtratssitz an den Landesring, während Woogs Sitz bis zur Gesamterneuerungswahl vom Folgejahr vakant blieb. Die SP beschloss im Januar 1950 mit Blick auf die Gemeinderatsergebnisse von 1946, einstweilen keinen Mehrheitsanspruch mehr zu stellen, nur mit ihren vier bisherigen Stadträten anzutreten, eine eventuelle Kandidatur der PdA nicht zu unterstützen und auch keine Listenverbindungen einzugehen. Die PdA ihrerseits portierte erneut Edgar Woog. In der Wahl vom März 1950 schafften neben den vier Sozialdemokraten die je zwei bisherigen Vertreter des Freisinns und des Landesrings die Wiederwahl. Im Unterschied zu 1946 standen bei den Stimmenzahlen nun die Kandidaten der Bürgerlichen und des Landesrings klar an der Spitze, während die vier Sozialdemokraten noch hinter dem neu antretenden christlichsozialen Kandidaten mit deutlichem Rückstand die Plätze sechs bis neun belegten. Woog folgte weit abgeschlagen auf dem zehnten Rang, wurde aber wenigstens in den Gemeinderat gewählt. Ansonsten erlebte die PdA bei der Wahl ins Stadtparlament mit einem Stimmenanteil von nur noch 6,3 Prozent (minus 9 Prozent) und dem Verlust von 15 der bisherigen 19 Mandate ein Fiasko, während alle anderen Parteien leichte Zugewinne verbuchen konnten.

Woog wurde in der Folge 1951 trotz der Verluste seiner Partei als Nationalrat bestätigt. Sein Amt als PdA-Zentralsekretär behielt er bis 1968. In dieser Funktion war er auch Verbindungsperson zu den Kommunistischen Parteien anderer Länder. 1953 nahm er zusammen mit der Prominenz des Weltkommunismus am Begräbnis Stalins teil und in den 50er und 60er Jahren wohnte er vier Parteikongressen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bei. Von Woogs bewegter Biografie zeugen auch die umfangreichen, im Sozialarchiv als Kopien vorliegenden Staatsschutzakten der Bundespolizei über ihn, die 253 Karteikarten umfassen und ein halbes Jahrhundert von 1924 bis zu Woogs Tod im Jahre 1973 abdecken.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 87.20.7 Sozialdemokratische Partei Zürich 4: Akten 1949–1960
  • Ar 132.40.1 Nachlass Fritz Heeb: Linke SP (Opposition) / PdA
  • Ar 140 Nachlass Edgar Woog
  • Ar 148 Nachlass Marino Bodenmann
  • Ar 189 Nachlass Karl Hofmaier
  • Ar 198.7 Schweizer Kommunisten
  • Ar 198.11 Nachlass Dora Staudinger
  • Ar 198.26 Nachlass Lydia Woog
  • Ar 301.27 Steffen Lindig: Darlehen an Albanien. Der kommunistische Stadtrat Edgar Woog verliert sein Amt – Ein Polit-Krimi aus dem Zürich der Nachkriegszeit
  • Ar 458 Partei der Arbeit des Kantons Zürich
  • Ar 459 Partei der Arbeit der Schweiz
  • Ar 638.10.9 Sammlung Markus Bürgi: Biografische Artikel P–Z

Sachdokumentation

  • KS 32/118 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich
  • KS 32/119 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich
  • KS 335/390c Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) bis 1943; Partei der Arbeit (PdA) ab 1944: Opposition
  • KS 335/390f Kommunistische Partei der Schweiz (KPS): illegal in der Deutschschweiz
  • KS 335/390i Kommunistische Partei der Schweiz (KPS): illegal in der Romandie
  • KS 335/391a Partei der Arbeit (PdA): Broschüren
  • KS 335/391b Partei der Arbeit (PdA): Broschüren
  • KS 335/391c Partei der Arbeit (PdA): Zeitschriftenartikel
  • KS 335/391d Partei der Arbeit (PdA): Flugschriften
  • KS 335/391e Beziehungen Schweiz-Sowjetunion
  • ZA 04.9 Biografien: Einzelne Personen: Wol–Wz
  • ZA 38.6 Partei der Arbeit (PdA)
  • ZA 38.6 *K Kommunistische Partei der Schweiz (KPS)

Bibliothek

  • Buclin, Hadrien: Les intellectuels de gauche: Critique et consensus dans la Suisse d’après-guerre (1945–1968). Lausanne 2019, 141454
  • Buomberger, Thomas: Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990. Baden 2017, 135979
  • Caillat, Michel et al. (Hg.): Geschichten des Antikommunismus in der Schweiz. Zürich 2009, 120661
  • Häsler, Alfred A.: Einen Baum pflanzen: Gelebte Zeitgeschichte. Zürich 1996, 100409
  • Historische Kommission der Partei der Arbeit der Schweiz (Hg.): Zur Geschichte der kommunistischen Bewegung in der Schweiz. Zürich 1981, 68831
  • Hofmaier, Karl: Politischer Bericht dem zweiten Parteitag der Partei der Arbeit der Schweiz am 6. Oktober 1945 in Genf. Zürich 1945, Hf 5240
  • Huber, Peter: Stalins Schatten in der Schweiz: Schweizer Kommunisten in Moskau: Verteidiger und Gefangene der Komintern. Zürich 1994, 96335
  • Kunz, Matthias: Aufbruchstimmung und Sonderfall-Rhetorik: Die Schweiz im Übergang von der Kriegs- zur Nachkriegszeit in der Wahrnehmung der Parteipresse 1943–1950. Bern 1998, Gr 9637
  • Lossau, Manfred: Die Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS): Skizze ihrer Geschichte (1944–1968). Marburg 1981, Gr 3751
  • Neval, Daniel A.: „Mit Atombomben bis nach Moskau“: Gegenseitige Wahrnehmung der Schweiz und des Ostblocks im Kalten Krieg, 1945–1968. Zürich 2003, 111356
  • Rauber, André: Formierter Widerstand: Geschichte der kommunistischen Bewegung in der Schweiz 1944–1991. Zürich 2003, 111618
  • Rauber, André: Léon Nicole: Le franc-tireur de la gauche suisse (1887–1965). Genf 2007, 118829
  • Rosenberg-Katzenfuss, Odette: Lydia Woog, eine unbequeme Frau: Schweizer Aktivistin und Kommunistin. Zürich 1991, 91576
  • Späti, Christoph: Die Schweiz und die Tschechoslowakei, 1945–1953: Wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen im Polarisationsfeld des Ost-West-Konflikts. Zürich 2000, 109917
  • Studer, Brigitte: Un Parti sous influence: Le Parti communiste suisse, une section du Komintern 1931 à 1939. Lausanne 1994, 99542

Periodika

  • Information: Mitteilungsblatt des Sekretariates der Partei der Arbeit der Schweiz, ZZ 66
  • Socialisme: Revue mensuelle du Parti Suisse du Travail, N 417
  • Voix Ouvrière, MFB 39
  • Vorwärts, MFB 38
  • Zeitdienst, N 1419

24.9.2020, 18.30 Uhr: Spuren der Arbeit

Stefan Kellers breit angelegte historische Reportage zeigt 200 Jahre Geschichte der Arbeit. Die am Beispiel des Kantons Thurgau dargelegte Entwicklung hat sich so ähnlich an vielen Orten ereignet. Die globalhistorischen Zusammenhänge werden erst in der Betrachtung des einzelnen Geschehens richtig sichtbar: Man erfährt von Stickern und Nachstickerinnen, von Eisengiessern, Knechten und Mägden, von Kinderarbeit, Hungersnot und dem Glück von Textilkaufleuten am anderen Ende der Welt, von jungen Italienerinnen, die in wilde Streiks treten und von der Feuerwehr abgespritzt werden. Erfolgsgeschichten, Rückschläge, Wirtschaftskrisen, revolutionäre Umtriebe, soziale Umwälzungen – ein weit aufgespanntes Panorama, konsequent von den Menschen und ihren Biografien her erzählt.

Buchpräsentation mit dem Autor Stefan Keller

Donnerstag, 24.9.2020, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

> Aufgrund der Coronasituation müssen wir die Publikumszahl dieser Veranstaltung leider beschränken. Wir bitten Sie deshalb um eine Voranmeldung an bruegger@sozarch.uzh.ch. Für die Veranstaltung gilt unser Schutzkonzept, das unter anderem Sitzabstände von 1,5 Metern, Maskenpflicht sowie die Angabe von Kontaktdaten für ein eventuelles Contact-Tracing beinhaltet.

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 109 KB)

Digitales Sozialarchiv: Archivierung der Corona-Krise

Ende April 2020 erschien in verschiedenen schweizerischen, französischen, belgischen und luxemburgischen Medien der von über 150 HistorikerInnen, SoziologInnen und ArchivarInnen unterzeichnete Aufruf „Pour une mémoire ordinaire de l’extraordinaire“ (Myriam Piguet/Caroline Montebello: Covid-19: Pour une mémoire ordinaire de l’extraordinaire, in: Libération, 25.8.2020). Er plädiert dafür, die globale Corona-Krise nicht nur aus der Perspektive der politischen Eliten und des sensationellen Ereignisses zu archivieren, sondern für die zukünftige Forschung und Erinnerung auch die vielfältigen alltagsgeschichtlichen Aspekte, die „vies minuscules“ zu überliefern. Inzwischen befinden sich in verschiedenen Ländern Corona-Archive im Aufbau, die Material über gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, kulturelle, psychologische und mediale Aspekte der Pandemie sammeln und der Nachwelt erhalten (vgl. „Coronarchiv“ in Wikipedia).

In der Schweiz ist das Sozialarchiv entsprechend seinem Sammelauftrag an diesen Aktivitäten führend beteiligt (vgl. SozialarchivInfo 2/2020). So partizipiert es am Projekt corona-memory.ch, das Bilder, Texte, Videos und Posts von unterschiedlichen Social-Media-Kanälen zur Corona-Krise in der Schweiz zusammenzuträgt und archiviert. Das Archiv unter dem Lead der Digital Humanities der Universität Bern, des Geschichtsfachportals Infoclio und des Istituto di media e giornalismo der Università della Svizzera italiana ist partizipativ angelegt. Die mit OMEKA-S erstellte Oberfläche erlaubt es, Beiträge hochzuladen, auf externe Blogs, Tweets und Posts zu verlinken und die metadatierten Beiträge anderer zu recherchieren und anzuschauen. So können Geschichten, Erinnerungen und individuelle Erfahrungen in Form von Videos, Bildern, Audios, schriftlichen oder akustischen Nachrichten mit der Mitwelt geteilt und der Nachwelt erhalten werden. Die dabei entstehenden Daten werden vom Sozialarchiv und vom Schweizerischen Bundesarchiv längerfristig aufbewahrt. Corona-memory.ch leistet damit nicht nur einen wichtigen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis der Corona-Krise, sondern es ist auch ein konzeptueller und technischer Prototyp für die in der Archivwelt zurzeit intensiv diskutierte Archivierung von Social Media.

Unter den bereits mehreren Hundert Beiträgen finden sich Fotografien von leeren Plätzen und Universitäten, Bilder von Abstandsmarkierungen, geschlossenen Geschäften und gesperrten Landesgrenzen, Kinderzeichnungen und Karikaturen, Schnappschüsse von Home Schooling und universitärer Fernlehre, aber auch erschütternde Texte älterer Menschen zur Isolationserfahrung während der Besuchsverbote sowie zum Sterben in Corona-Zeiten. Links zu externen Blogs und Tweets vervollständigen das vielfältige Panorama ganz unterschiedlicher Corona-Erfahrungen.

Neben diesen alltagshistorischen Quellen der „digital citizens“ sind aber auch die Stellungnahmen der politischen Parteien, Verbände, Interessenorganisationen und Think-Tanks wichtige Dokumente für die zukünftige Erinnerung an die Corona-Krise in einer pluralistischen Gesellschaft. In der Sammlung „Digitaler Schriften“ der Sachdokumentation des Sozialarchivs sind ins Dossier „Krankheiten“ bis zum 1. Juli 2020 nicht weniger als 122 Dokumente zu COVID-19 eingegangen. Der wirtschaftspolitische Think-Tank Avenir Suisse publizierte von März bis Juni 2020 7 „Analysen“ zu wirtschaftlichen Aspekten der Corona-Krise und auch das Liberale Institut veröffentlichte 6 „Papers“ zu marktwirtschaftlichen Antworten auf die Pandemie. Die „Schweizerzeit“ schrieb vom „1. April im Bundesamt für Gesundheit“ und warnte unter Bezugnahme auf den postmodernen Philosophen Giorgio Agamben vor einer „Verschwörung der Regierenden“ mit „medizinischem Terror“ als Instrument. Die politischen Parteien versuchten ihre Positionspapiere mit Titeln zu versehen, die den eigenen Markenkern betonen. So war die SP „Solidarisch gegen die Krise“, während die SVP den „Schutz der Bevölkerung unter Minimierung der wirtschaftlichen Schäden“ forderte. Die Alternative Liste proklamierte mit Georg Büchner „Friede den Hütten!!“, die Grünliberalen setzten gut digital den Hashtag „#SmartRestart“ auf die Agenda.

Nicht nur Parteien, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften stellten „Forderungen“ und entwarfen „Strategien“ oder „Pläne“, auch diverse NGOs wie Solinetz, die Schweizerische Flüchtlingshilfe, Amnesty International, Solidarité sans Frontières oder Caritas platzierten ihre Begehren, wie die gesellschaftlich Vulnerabelsten und von der Krise am härtesten Getroffenen zu unterstützen seien, mit „Positionspapieren“ und „Offenen Briefen“ im öffentlichen Diskurs. Greenpeace Schweiz formulierte ein „Impulsprogramm“ und die Klimastreikbewegung einen „Krisen-Aktions-Plan“, damit beim wirtschaftlichen Reset die klima- und energiepolitischen Weichen richtig gestellt würden. Die Frauen hielten ebenfalls nicht hinter dem Berg – fielen doch der Internationale Frauentag am 8. März und der Frauenstreiktag am 14. Juni in die Phasen der „Besonderen“ und der „Ausserordentlichen Lage“, die mit einem weitgehenden Versammlungsverbot verbunden waren. Frauen sind in den seit der Corona-Pandemie als „systemrelevant“ eingestuften Berufen überdurchschnittlich vertreten. Schliesslich sind vom Obst-, Gastro- und Coiffureverband über den Detailhandel bis zur Kulturlobby und der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz „Offene Briefe“, „Merkblätter“, „Weisungen“ und „Schutzkonzepte“ in der Sachdokumentation für die Nachwelt archiviert. Auch die verschiedenen Versionen des BAG-Plakats „So schützen wir uns“ fehlen natürlich in der Sammlung nicht.

„Mit Kraft aus der Krise“ lautet der Claim der FDP, „Mit bewährten Stärken zurück zum Erfolg“ das „8-Punkte-Programm“ von Economiesuisse. – „Quellen für die Zukunft“ und „So schützen wir uns – gegen das Vergessen“ lautet die Devise im Schweizerischen Sozialarchiv.

Vor 60 Jahren: Das „Afrikanische Jahr“ und die Schweiz

„Afrika ist fast über Nacht zu einem weltpolitischen Faktor geworden, mit dem man rechnen muss. Auch wir Schweizer dürfen uns nicht mehr mit ein paar oberflächlichen Kenntnissen über den ‚schwarzen Erdteil’ begnügen, der mit wilden Tieren und primitiven Menschen bevölkert und mit Urwald, Wüsten und Plantagen europäischer Siedler bestanden sei, was sich alles in mehr oder weniger paradiesischer Nacktheit und Schönheit darbiete.“ Mit diesen Worten leitete Eugen Steinemann, Vorsteher des Schweizerischen Sozialarchivs, 1960 die von ihm herausgegebene Broschüre „Afrika – unser Partner!“ ein, welche Übersichten über die Geschichte des europäischen Kolonialismus in Afrika und die politische Lage in einzelnen afrikanischen Staaten und Kolonien, Kurzbiografien führender afrikanischer Politiker sowie einen bibliografischen Essay zu neuerer Literatur über Afrika enthielt. Steinemann argumentierte in seiner Einleitung insbesondere gegen die Apartheid in Südafrika sowie die Rassentheorien europäischer Kolonialisten und amerikanischer Segregationisten und plädierte für „echte Partnerschaft“ zwischen Afrika und Europa. Abschliessend forderte er für die SchweizerInnen, „zumindest das wenige zu tun, was wir hier praktisch beitragen können: die Rassenschranken niederzureissen, die auch bei uns noch deutlich genug spürbar sind – farbige Studenten haben es zum Beispiel äusserst schwer, Zimmer zu bekommen –, und unsere Herzen und Häuser den Afrikanern und Asiaten zu öffnen, um ihnen damit ein wenig menschliche Bruderschaft zu beweisen und sie nicht den Kommunisten zu überlassen, die sonst die einzigen sind, die sich um sie kümmern“.

Dekolonisation

Hintergrund dieser Schrift war das „Afrikanische Jahr“ 1960, als mitten im Kalten Krieg auf einen Schlag 18 französische, britische, belgische und italienische Kolonien die Unabhängigkeit erlangten. Zuvor hatte der grösste Teil des Kontinents unter Kolonialherrschaft gestanden. Zu den wenigen unabhängigen Staaten Afrikas gehörten Liberia, das im frühen 19. Jahrhundert von einer amerikanischen Gesellschaft zur Ansiedlung freigelassener afroamerikanischer SklavInnen gegründet worden war, Äthiopien, das sich im späten 19. Jahrhundert der europäischen Eroberungswelle erfolgreich widersetzt hatte, 1935/36 dann von Mussolinis Italien in einem äusserst brutal geführten Aggressionskrieg unterworfen worden war und sich 1941 mit britischer Unterstützung befreit hatte, sowie Südafrika, wo die europäischstämmige Bevölkerungsminderheit die rassistische Segregationspolitik aus der Kolonialzeit weiterführte und ab 1948 unter dem Label „Apartheid“ sogar noch verschärfte. In Nordafrika hatte Ägypten 1922 weitgehende und 1936 vollständige Souveränität von Grossbritannien erhalten. Libyen, zuvor eine italienische Kolonie, wurde im Zweiten Weltkrieg von den Briten erobert und 1951 in die Unabhängigkeit entlassen. Die Protektorate von Frankreich und Spanien über Marokko und von Frankreich über Tunesien endeten 1956, ebenso die britisch-ägyptische Herrschaft im Sudan. Hingegen versuchte Frankreich die Unabhängigkeit Algeriens mit allen Mitteln zu verhindern. Nach französischer Lesart war Algerien keine Kolonie, sondern integraler Bestandteil des „Mutterlandes“, auch wenn die überwiegende Bevölkerungsmehrheit keine vollen Bürgerrechte genoss. Erst nach einem sehr komplexen Krieg, der ab Mitte der 50er Jahre von Terroranschlägen beider Seiten, systematischen Folterungen gefangener Aufständischer sowie Putschversuchen aus den Reihen des französischen Kolonialmilitärs gekennzeichnet war, zogen die Franzosen 1962 ab.

Südlich der Sahara hatte die britische Kronkolonie Goldküste 1957 als Pionier unter dem Namen Ghana die Unabhängigkeit erlangt. Im folgenden Jahr endete nach einer Volksabstimmung die französische Kolonialherrschaft in Guinea. Die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzende Dekolonisationswelle, die in den späten 40er und frühen 50er Jahren zunächst zur Unabhängigkeit fast aller asiatischen Kolonien geführt hatte, erfasste nun auch Afrika immer stärker. Nach dem „Afrikanischen Jahr“ erlangten bis Mitte der 60er Jahre die meisten verbliebenen Kolonien die Unabhängigkeit. Im Jahre 1963 gründeten die neuen Staaten die „Organisation für afrikanische Einheit“. Die portugiesischen Kolonien Angola, Mozambik und Guinea-Bissau erlangten nach langen und blutigen Kämpfen erst nach der „Nelkenrevolution“, die 1974 die Rechtsdiktatur in Portugal zum Einsturz brachte, die Unabhängigkeit. In Südrhodesien (heute: Zimbabwe) erklärte die Minderheitsregierung der europäischstämmigen SiedlerInnen 1965 einseitig die Unabhängigkeit von Grossbritannien und führte ein Apartheidsystem fort, das sich bis Ende der 70er Jahre halten konnte.

Versklavung und Kolonisierung

Die europäische Herrschaft über Afrika hatte sich über Jahrhunderte aufgebaut. In der frühen Neuzeit errichteten verschiedene Seemächte Stützpunkte an der afrikanischen Küste. Sie dienten als Phänomene früher Globalisierungsprozesse einerseits dem Fernhandel nach Asien, andererseits dem transatlantischen Sklavenhandel, durch den vom frühen 16. bis Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 11 Millionen AfrikanerInnen nach Nord- und Lateinamerika und in die Karibik verschleppt wurden. Ab dem frühen 19. Jahrhundert dehnten verschiedene Kolonialmächte ihre afrikanischen Besitzungen ins Hinterland aus, so die Briten in Südafrika und die Franzosen in Algerien. Um 1880 setzte der „Wettlauf um Afrika“ ein, an dem sich Grossbritannien, Frankreich, Deutschland, Belgien, Italien, Portugal und Spanien beteiligten. Innerhalb weniger Jahre wurde der grösste Teil des afrikanischen Kontinents von den europäischen Mächten formell in Besitz genommen. Antikolonialer Widerstand wurde durch die Kolonialmächte brutal gebrochen, so etwa 1904 bis 1907 in Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia) in einem heute als Völkermord eingestuften Unterwerfungskrieg.

1884/85 versammelten sich die europäischen Mächte zur Regelung konkurrierender Gebietsansprüche an der „Kongo-Konferenz“ in Berlin – ohne afrikanische Beteiligung. Das von mehreren Mächten beanspruchte Kongo-Becken wurde dem belgischen König Leopold II. als Privatkolonie überlassen, der in seinem „Freistaat“ ein äusserst brutales System der Zwangsarbeit einrichtete, welches mehrere Millionen Opfer forderte. Emblematisch wurde das Abhacken von Händen als Strafe für die Nichterfüllung von Abbauquoten. Erst nach einer internationalen Protestkampagne musste Leopold die Kolonie 1908 dem belgischen Staat abtreten. Auch in anderen Kolonien gab es Zwangsarbeit – obwohl die europäischen Mächte ihre Expansion ins Landesinnere häufig gerade mit der Bekämpfung der nach dem Ende der transatlantischen Sklaverei weiterexistierenden innerafrikanischen Sklaverei und des Sklavenhandels in den Nahen Osten begründeten. In den ersten drei Jahrzehnten betrieben die Kolonialmächte eine wirtschaftliche Ausbeutung, die von der Forschung als „Raubökonomie“ charakterisiert worden ist. Danach folgte eine planvollere Wirtschaftspolitik, die indessen immer noch primär auf die Bedürfnisse der „Mutterländer“ ausgerichtet war.

Mehrfach führten konkurrierende Gebietsansprüche europäischer Grossmächte in Afrika zu internationalen Verwerfungen, so in der Faschoda-Krise 1898 zwischen Grossbritannien und Frankreich und in den beiden Marokko-Krisen 1904 bis 1906 und 1911 zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich. Um 1900 gab es denn auch besorgte Stimmen, die einen durch Kolonialkonflikte verursachten grossen europäischen Krieg befürchteten. In beiden Weltkriegen fanden dann Kampfhandlungen in verschiedenen Teilen Afrikas sowie Rekrutierungen von Hunderttausenden afrikanischer Soldaten und KriegsarbeiterInnen statt.

Helvetische Verflechtungen mit Afrika

Die Schweiz besass nie eigene Kolonien, doch gab es in der vorkolonialen und kolonialen Zeit vielfältige Verflechtungen mit Afrika, die im letzten Vierteljahrhundert von der historischen Forschung detaillierter rekonstruiert worden sind. Eher episodenhaft war 1906 der Entscheid der Konferenz von Algeciras nach der ersten Marokko-Krise, dass Klagen gegen die Nationalbank Marokkos in Zukunft vom Schweizer Bundesgericht beurteilt und die marokkanische Polizei von einem Schweizer Generalinspektor organisiert werden sollte. Ein wichtigerer Faktor war die christliche Mission. Die protestantische Basler Mission war ab den 1820er Jahren in Westafrika, ab dem folgenden Jahrzehnt auch in Südafrika aktiv. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betätigten sich protestantische und katholische Schweizer Missionen in fast allen Regionen Afrikas. Neben Kirchen betrieben sie Spitäler und Schulen. In der Endphase des Kolonialismus gingen aus solchen Schulen auch manche Führungsfiguren der Unabhängigkeitsbewegungen hervor. So hatte Eduardo Mondlane, Gründer der marxistischen FRELIMO in Mosambik, seine Schulbildung von Westschweizer Missionaren erhalten.

Aus der Basler Mission erwuchs 1859 die „Missions-Handlungs-Gesellschaft“, die zwischen Europa, Afrika und Indien handelte und sich 1928 als „Basler Handelsgesellschaft“ von der Mission löste. Zahlreiche weitere Schweizer stiegen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Kolonialhandel ein. So betrieben etwa Schweizer Baumwollhändler Spinnereien und Webereien in Ägypten. Aus Ägypten kam bis in die Zwischenkriegszeit mehr als die Hälfte der in die Schweiz eingeführten Rohbaumwolle. Das Land war damit ein zentraler Rohstofflieferant der schweizerischen Textilindustrie, damals ein Leitsektor der Schweizer Wirtschaft. „Kolonialwaren“ aus Afrika wie Kaffee, Kakao und Südfrüchte wurden auf dem Schweizer Markt (wie anderswo) häufig mit exotistischer Werbung angepriesen, die breiteren Bevölkerungsschichten kolonialistische Afrikabilder vermittelte. Ab der Zwischenkriegszeit und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg richteten die wichtigsten Schweizer Industriefirmen Produktionsstätten in Afrika ein, insbesondere in Südafrika, aber auch in Ägypten und Belgisch-Kongo.

Auch am System der transatlantischen Sklaverei waren Schweizer beteiligt gewesen. Neben dem direkten und indirekten Engagement im Sklavenhandel durch Handels- und Finanzgesellschaften wie die Basler Firma Burckardt oder das Genfer Handelshaus Picot-Fazy standen Lieferanten von Waren (vor allem Indienne-Stoffen), welche an der afrikanischen Küste gegen SklavInnen getauscht wurden, sowie Schweizer, die in Mittelamerika und der Karibik Plantagen mit Sklavenarbeit betrieben. Zwischen 1773 und 1830 waren Schweizer an nahezu hundert Expeditionen direkt beteiligt, bei denen etwa 20’000 Menschen deportiert wurden. Etwa 1,5% aller SklavInnen wurden mit direkter oder indirekter Schweizer Beteiligung über den Atlantik verschleppt. Details lassen sich in der Datenbank der Stiftung cooperaxion (https://cooperaxion.ch) recherchieren. Im Zuge der aktuellen Debatten über problematische Denkmäler ist in diesem Zusammenhang insbesondere die Statue des Neuenburger Bankiers, Diamanten- und Sklavenhändlers David de Pury thematisiert worden, der bei seinem Tod 1786 sein riesiges Vermögen der Stadt Neuchâtel vererbt hat, aber direkt oder indirekt am Handel von geschätzt 55’000 SklavInnen beteiligt war. Im Sommer 2020 wurde eine Petition lanciert, welche die Ersetzung der De-Pury-Bronzestatue in Neuchâtel durch eine Gedenktafel für die Opfer des Rassismus in Vergangenheit und Gegenwart fordert.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts existierte auch in der Schweiz eine Antisklavereibewegung. Zunächst konzentrierte sich diese auf die Unterstützung von „würdigen“ Ex-SklavInnen in den USA. Zwischen 1877 und 1898 entstanden sodann verschiedene Gesellschaften, die sich die Bekämpfung des Sklavenhandels durch Muslime innerhalb Afrikas und in den Nahen Osten auf die Fahnen schrieben. Das Sozialmilieu, in dem diese Vereine gediehen, war der eng mit der evangelischen Erweckungsbewegung verbundene Liberal-Konservativismus, der im Schatten des politisch dominanten Freisinns in verschiedensten Organisationen das Projekt einer religiös-moralischen Erneuerung der Gesellschaft vorantrieb. Afrika stellte dabei einen „imaginierten Raum“ dar, auf den die für die Eidgenossenschaft relevanten Auseinandersetzungen projiziert werden konnten.

In diesem Zusammenhang entstand auch ein Komitee zur Unterstützung der geografischen Erforschung Afrikas. Im Jahre 1876 veranstaltete der belgische König Leopold II. in Brüssel eine Konferenz nationaler geografischer Gesellschaften, die nach den Expeditionen von David Livingstone und Henri Morton Stanley weitere Forschungsreisen nach Zentralafrika unternehmen sollten, um die Kenntnisse für eine spätere Kolonisation zu erweitern. Die an dieser Konferenz gegründete „Association Internationale Africaine“ erhielt Sektionen in verschiedenen Ländern, darunter in der Schweiz ab 1877 das „Comité national suisse pour l’exploration et la civilisation de l’Afrique centrale“. Dieses sammelte Geld für weitere Forschungsexpeditionen. Nach der Berliner Kongo-Konferenz, die das Kongobecken dem belgischen König zuschlug, löste es sich 1885 auf.

Auch an den Diskursen des wissenschaftlichen Rassismus, der nach Anfängen in der Aufklärungszeit seinen Höhepunkt im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte und nicht zuletzt der Rechtfertigung von Sklaverei und Kolonialismus diente, beteiligten sich Schweizer. Der Jurist Johann Caspar Bluntschli, 1839 bis 1844 Regierungsrat des Kantons Zürich, 1844/45 Rektor der Universität Zürich und dann nach 1848 Professor an den Universitäten München und Heidelberg, entwickelte eine umfassende Rassentheorie, die stark vom „Essay über die Ungleichheit der Menschenrassen“ des französischen Diplomaten Arthur de Gobineau beeinflusst war. Nach Bluntschlis Auffassung gab es vier biologische Grossgruppen („Weisse“, „Gelbe“, „Rote“ und „Schwarze“), die sich in ihren Eigenschaften stark voneinander unterschieden und in einer hierarchischen Rangordnung standen. An der Spitze platzierte Bluntschli in Übereinstimmung mit den anderen Rassentheoretikern seiner Zeit die „Weissen“. Innerhalb dieser Grossgruppe stünden die „Arier“ am höchsten, von welchen wiederum die „Germanen“ herausragten. Daraus leitete Bluntschli eine Überlegenheit der „germanischen“ Nationalstaaten seiner Gegenwart ab. Zuunterst in der Rassenhierarchie verortete er die „Schwarzen“, die er als „entwicklungsresistent“ charakterisierte. Sie verfügten angeblich ausschliesslich über negative Charaktereigenschaften wie „heisses Temperament“, „reizbare Nerven“ und ungezügelte „Geschlechtslust“. Auch fehle ihnen jegliche Eignung für Rechtsprechung und Staatsbildung, so dass bei ihnen „Negerdespotie“ oder Versklavung zwangsläufig seien.

Der Neuenburger Naturforscher Louis Agassiz, ab 1847 Professor an der Harvard University, wurde in den USA zu einem Verfechter des Polygenismus, der behauptete, die „Rassen“ seien von „Beginn“ der Menschheit an getrennt gewesen und würden sich in ihren geistigen, körperlichen und moralischen Eigenschaften fundamental unterscheiden. Zum Beleg dieser Vorstellung liess Agassiz 1850 in South Carolina eine Serie von Nacktfotografien von in Afrika oder Amerika geborenen SklavInnen erstellen, die scheinbar „objektiv“ die physiologischen Unterschiede von AfrikanerInnen gegenüber den EuropäerInnen dokumentieren sollten. 1977 wurden diese Aufnahmen in einem ethnologischen Museum in Harvard wiederentdeckt, aktuell sind sie Gegenstand von Rechtstreitigkeiten zwischen einer Nachfahrin von Abgebildeten und der Harvard University. Agassiz’ Verwicklung in den wissenschaftlichen Rassismus ist in den letzten Jahren Gegenstand kritischer Debatten geworden. Seit 2007 gibt es Bestrebungen zur Umbenennung des Agassizhorns in den Berner Alpen. 2019 beschlossen die Stadtregierung und die Universität Neuchâtel, dem „Espace Louis Agassiz“, auf dem sich Teile der Universität befinden, einen neuen Namen zu geben. Neue Namensgeberin wurde Tilo Frey, die 1971 für die FDP als erste Afroschweizerin und als eine der ersten Frauen in den Nationalrat gewählt wurde.

Das Söldnerwesen führte vom 17. bis ins 20. Jahrhundert immer wieder Schweizer nach Afrika. Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an leisteten Schweizer für die Niederländisch-Ostindische Kompanie Dienst am Kap der guten Hoffnung und liessen sich auch dort nieder. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert waren Schweizer Regimenter an verschiedenen Feldzügen in Marokko und Ägypten beteiligt. Ab 1831 traten geschätzte 30’000 Schweizer in die französische Fremdenlegion ein, die ihren Hauptsitz im algerischen Sidi-Bel-Abbès hatte und bei der Eroberung und Beherrschung grosser Teile Nord- und Westafrikas sowie von Madagaskar eine wesentliche Rolle spielte. Friedrich Glausers in einem marokkanischen Militärstützpunkt spielender autobiografischer Roman „Gourrama“ ist eine glänzende literarische Verarbeitung von Legionserfahrungen in der Zwischenkriegszeit. In den späten 1850er Jahren gelangten etwa 80 der 3’000 für die kurzlebige britische Fremdenlegion angeworbenen Schweizer als Militärsiedler nach Südafrika. 1882/83 dienten 420 Schweizer in der „Garde européenne“ des von Grossbritannien gestützten ägyptischen Khediven Tawfiq. In den frühen 20er Jahren kämpften Schweizer sowohl in der französischen als auch der neugegründeten spanischen Fremdenlegion gegen die aufständische Rif-Republik in Marokko, die schliesslich 1926 unterworfen wurde. Der massive Einsatz von Senfgas durch die spanischen Truppen hat in den betroffenen Regionen bis in die Gegenwart erhöhte Krebsraten zur Folge. Bis zum Ende der französischen Kolonialherrschaft in Afrika dienten im 20. Jahrhundert noch Tausende von Schweizern in der Fremdenlegion und kämpften unter anderem im Algerienkrieg. Bei ihrer Rückkehr in die Schweiz erwartete sie ein militärgerichtliches Verfahren wegen verbotenen fremden Militärdienstes. Dabei gab 1952 ein Ex-Legionär, der bei der Bekämpfung eines Aufstandes in Tunesien mitgewirkt hatte, im Verhör zu Protokoll: „Dass die Legion sich wie eine Räuberbande aufführte, tötete, brandschatzte, plünderte und Frauen vergewaltigte, sei nur nebenbei bemerkt.“

Während Hunderttausende SchweizerInnen nach Nord- und Lateinamerika auswanderten, blieb die zivile Emigration nach Afrika gering. Eine gewisse Ausnahme bildete Nordafrika: Von 1853 bis 1956 hielt die „Compagnie genevoise des Colonies suisses de Sétif“ eine Konzession über ein Gebiet von 20’000 Hektar. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten etwa 3’500 Schweizer SiedlerInnen in Algerien. Hier betrieb Frankreich eine gezielte Ansiedlungspolitik von EuropäerInnen, was dann die Dekolonisation zusätzlich komplizieren sollte. Im Jahre 1926 waren knapp 6’000 Schweizer Staatsangehörige bei den diplomatischen Vertretungen in Afrika gemeldet, davon zwei Drittel in Nordafrika. Zehn Jahre später war ihre Zahl auf knapp 8’500 gestiegen. Vereinzelte Schweizer machten in Afrika erstaunliche Auswandererkarrieren: Der Oltner Orientalist Werner Munzinger, Sohn von Bundesrat Josef Munzinger, bereiste in den frühen 1850er Jahren Ägypten, die arabische Halbinsel, Eritrea, Äthiopien und Somalia und publizierte ethnologische und linguistische Studien über Ostafrika. 1855 nahm er in Keren (Eritrea) Wohnsitz, wo er den Aufbau einer Schweizer Kolonie plante. 1861 wurde er französischer Konsul und 1865 britischer Vizekonsul in der eritreischen Hafenstadt Massaua. 1871/72 ernannte ihn der ägyptische Vizekönig zum Bey und Gouverneur von Massaua und Suakim, 1873 zum Pascha und Generalgouverneur von Ostsudan. 1875 kam er bei einem Eroberungsfeldzug in Somalia ums Leben. Der Thurgauer Maschineningenieur Alfred Ilg gelangte 1879 nach Äthiopien und nahm in der Folge am Hof Kaiser Meneliks II. eine wichtige Position als Berater und Techniker ein, ab 1897 im Range eines Staatsrats. Er zeichnete für mehrere öffentliche Bauten in der neuen Hauptstadt Addis Abeba verantwortlich und trieb die Schaffung eines einheitlichen Münzwesens und eines nationalen Postsystems voran. Im Auftrag des Kaisers brachte er schweizerische Techniker und Verwalter in den Bereichen Post, Telefon und Telegraf nach Äthiopien. Auch hatte er durch die Entwicklung einer äthiopischen Waffen- und Munitionsindustrie erheblichen Anteil am äthiopischen Sieg gegen italienische Invasionstruppen in der Schlacht von Adua 1896. Sein Hauptwerk war aber die Planung und Errichtung einer 784 Kilometer langen Eisenbahnstrecke von Addis Abeba nach Dschibuti am Indischen Ozean. Daneben sammelte er für europäische Wissenschaftler zoologische und botanische Proben, publizierte in europäischen Zeitschriften Artikel über die äthiopische Politik, Justiz und Armee und schenkte 1902 der Stadt Zürich zwei Löwen. 1907 demissionierte er und kehrte in die Schweiz zurück.

Die Zahl der AfrikanerInnen in der Schweiz war während der Kolonialzeit bedeutend geringer als diejenige der SchweizerInnen in Afrika: 1930 betrug sie rund 600, im „Afrikanischen Jahr“ 1960 dann 1’800. Grosses Aufsehen erregten in den Jahren 1871 und 1940 nordafrikanische Soldaten, die nach den militärischen Niederlagen Frankreichs gegen Deutschland mit ihren Truppenteilen die Schweizer Grenze überschritten und hier interniert wurden. Auch gab es zwischen 1835 und 1960 in der Schweiz wie in anderen Ländern Europas und Nordamerikas Dutzende sogenannter „Völkerschauen“, die tief im damaligen Kolonialrassismus verwurzelt waren. Dabei wurden in Variétés, zoologischen Gärten, Zirkussen oder eigens hergerichteten „Eingeborenendörfern“ – häufig nur spärlich bekleidete – Menschengruppen aus Afrika und anderen Weltregionen zur Schau gestellt. 1925 etwa wurde eine Afrikanerausstellung im sogenannten „Negerdorf“ auf der Letzigrundwiese in Altstetten vom Publikum regelrecht überrannt. Der Zoologische Garten Basel veranstaltete von 1879 bis 1935 21 „Völkerschauen“, darunter 1933 eine Ausstellung „aussterbender Lippen-Negerinnen aus Zentral-Afrika“, im Bierhübeli Bern waren ab den 1880er Jahren verschiedentlich Gruppen aus Afrika zu sehen, an der Landesausstellung 1896 in Genf gab es ein „village noir“ mit 200 westafrikanischen Männern, Frauen und Kindern, die bei ihrer Ankunft in 60 Kutschen durch die von zahlreichem Publikum gesäumten Strassen geführt wurden, im Zürcher Zoo wurden den BesucherInnen 1930 65 SenegalesInnen und 1935 85 MarokkanerInnen präsentiert und im Zirkus Knie gehörten „Völkerschauen“ bis 1964 zum Programm.

Beziehungen zum „neuen“ Afrika

Für die offizielle Schweiz bedeutete das „Afrikanische Jahr“ 1960 zunächst einmal die diplomatische Anerkennung einer grossen Zahl neuer Staaten und den Aufbau von Beziehungen, die zuvor über Paris, London oder Brüssel hatten abgewickelt werden können, in die neuen Hauptstädte. Dasselbe Phänomen findet sich im Übrigen auch in der Sachdokumentation des Sozialarchivs: Wo es zuvor lediglich geografisch definierte Dossiers zu Nord-, West-, Ost- und südlichem Afrika sowie Dossiers für die wenigen souveränen Staaten gegeben hatte, wurden nun eine Vielzahl neuer Dossiers zu den einzelnen unabhängigen Staaten eröffnet. Sogar die vier von Südafrika in eine international nicht anerkannte „Unabhängigkeit“ entlassenen „Homelands“ erhielten eigene Zeitungsausschnittmappen. Die Schweiz schloss 1962 mit Tunesien, Niger, Guinea, Elfenbeinküste und Senegal Abkommen über Handel, Investitionsschutz und technische Zusammenarbeit ab. Auch spielte sie ab 1960 eine aktive Rolle bei den französisch-algerischen Verhandlungen, die 1962 mit dem Abkommen von Evian zum Ende des Algerienkriegs und zur Unabhängigkeit Algeriens führten. Ebenfalls 1960 leistete die Schweiz, obwohl nicht Mitgliedstaat, der UNO-Mission im Kongo technische, medizinische und administrative Hilfe.

Die Dekolonisation hatte auch Rückwirkungen auf zivilgesellschaftliche Beziehungen zu Afrika. Mit dem Algerienkrieg mobilisierten sich in der Schweiz, vor allem in der Romandie, erstmals in grösserem Ausmass antikoloniale Kräfte. Daraus entwickelte sich ab den späten 60er Jahren in kirchlichen und linken Kreisen eine Dritte-Welt-Bewegung, die entwicklungspolitische Postulate mit Kritik an der schweizerischen Aussen- und Handelspolitik verknüpfte. Dazu gehörten verschiedene Organisationen, deren Archive heute im Schweizerischen Sozialarchiv lagern, etwa die 1968 von einer Gruppe reformierter TheologInnen gegründete „Erklärung von Bern“ (heute: Public Eye), die 1969 im selben Umkreis entstandene „Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern“ oder die 1978 gegründete „Aktion Finanzplatz Schweiz – Dritte Welt“.

Nachdem 1960 beim Bund ein „Dienst für technische Zusammenarbeit“ geschaffen worden war, legte die staatliche Entwicklungszusammenarbeit bald Schwerpunkte auf afrikanische Länder wie Tunesien, Ruanda, Kamerun, Dahomey (heute: Benin), Kenia und Madagaskar. Auch die im Sozialarchiv gelagerten Akten Schweizer Hilfswerke zeigen Aktivitäten in Afrika rasch nach der Dekolonisation. Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (heute: Solidar Suisse) hatte ab 1961 Projekte in Senegal und verfolgte die Entwicklungen in Südafrika aufmerksam. Die 1950 mit Hilfe von Saurer Arbon gegründete „Brücke der Bruderhilfe“ verfolgte ab den frühen 70er Jahren diverse Kleinprojekte in der afrikanischen Landwirtschaft. Für die 1971 gegründete „Arbeitsgemeinschaft Swissaid/Fastenopfer/Brot für Brüder/Helvetas“ (heute: Alliance Sud) als gemeinsamer Plattform verschiedener Hilfswerke waren die afrikanischen Länder von Beginn weg ein Schwerpunkt ihrer Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit in der Schweiz. Die ab den 70er Jahren entstehenden Organisationen des „fairen Handels“ und die „Weltläden“, von denen einige ihre Akten im Sozialarchiv deponiert haben, arbeiteten von Beginn weg mit afrikanischen Partnern zusammen. So vertrieb die Importgenossenschaft OS3 (heute: claro fair trade AG) ab 1977 Ujamaa-Kaffee aus Tansania und ab den frühen 80er Jahren Lebensmittel aus Kap Verde, Zimbabwe, Togo, Burkina Faso, Mosambik, Senegal und Ruanda.

Ohne Tradition als Kolonialmacht genoss die Schweiz in Afrika ein gewisses Prestige. Es war bezeichnenderweise mit Rudolf von Albertini, nachmaligem Präsidenten von Swissaid, auch ein Schweizer Historiker, der als einer der ersten bereits 1966 eine umfangreiche Geschichte der Dekolonisation vorlegte. Belastet wurden die Beziehungen zu den afrikanischen Ländern hingegen durch die engen Kontakte der Schweiz zum Apartheidstaat Südafrika, die nach der Jahrtausendwende Gegenstand eines nationalen Forschungsprogramms wurden, und die Nichtbeteiligung an den UNO-Sanktionen. In der Logik des Kalten Kriegs lagen die ab 1977 intensiv gepflegten geheimdienstlichen Kontakte zu Südafrika, um an dessen im Kampf gegen Guerillas der Nachbarländer gewonnenen Kenntnissen über Ostblock-Waffen zu partizipieren. Sie sollten nach der Jahrtausendwende dann Gegenstand einer Untersuchung der Geschäftsprüfungskommissionen der Eidgenössischen Räte werden (vgl. SozialarchivInfo 5/2019). Akten und Zeitungskopien dazu finden sich im Archiv der „Kampagne für Entschuldung und Entschädigung im südlichen Afrika“ (KEESA). Verschiedene Schweizer Organisationen setzten sich mit der Apartheid auseinander. Bereits 1965 wurde in der Romandie das „Mouvement Anti-Apartheid Suisse“ (MAAS) gegründet. Zehn Jahre darauf entstand mit der „Anti-Apartheid-Bewegung“ (AAB) ein Deutschschweizer Pendant. Die Akten der AAB/MAAS befinden sich heute im Sozialarchiv. Für Verständnis für die Politik Südafrikas warben dagegen ab 1972 der „Club der Freunde Südafrikas“ und ab 1982 die von Nationalrat Christoph Blocher präsidierte „Arbeitsgruppe südliches Afrika“ (ASA).

Ebenfalls an den Verflechtungen mit Afrika entzündete sich in den späten 60er Jahren der Bührle-Skandal. Nachdem 1968 Medien über den Einsatz von Bührle-Kanonen im Biafra-Krieg berichtet hatten, stellte sich heraus, dass der Oerlikoner Rüstungskonzern in den Vorjahren die Ausfuhrverbote des Bundesrates für Kriegsmaterial in Konfliktregionen durch Angabe falscher Bestimmungsländer umgangen und Waffen nach Nigeria, Südafrika, Ägypten sowie in verschiedene asiatische Länder geliefert hatte. Die Affäre hatte die Lancierung einer 1972 verworfenen Volksinitiative für ein Verbot des Kriegsmaterialexports sowie eine Verschärfung der Waffenexportgesetzgebung im Jahre 1973 zur Folge.

Quellen zu helvetischen Afrikabildern im Sozialarchiv

Neben den erwähnten und zahlreichen weiteren Organisationsarchiven enthalten weitere Bestände des Sozialarchivs Quellen zu afrikanisch-schweizerischen Verflechtungen in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch sie dokumentieren freilich primär die schweizerische Perspektive. Die Zeitungsausschnittsammlung der Sachdokumentation gibt einen breiten Überblick über die Wahrnehmung des Dekolonisationsprozesses in der Schweizer Presse. Der Nachlass des eidgenössische Finanzbeamten Richard Ulrich enthält Unterlagen und Fotografien zu Dienstreisen nach Ruanda und Burundi von 1963 und 1970, in demjenigen des Journalisten Harry Gmür, welcher zwischen 1959 und 1976 Ghana, Guinea, Kenia, Tansania, Sambia, Malawi und Nigeria bereiste, finden sich drei unter dem Pseudonym Stefan Miller in der DDR publizierte Bücher über Reisen in Afrika sowie zahlreiche Zeitungsreportagen über afrikanische Länder aus den 60er und 70er Jahren. Ein Nachlasssplitter der Theologin Leni Altwegg umfasst eine umfangreiche Briefkorrespondenz mit Mangosuthu Buthelezi, dem Vorsitzenden der Inkatha Freedom Party und späteren südafrikanischen Innenminister, aus den Jahren 1980 bis 1994.

Im Bildarchiv vermitteln unterschiedliche Bestände Wandel und Konstanten in der helvetischen Perspektive auf Afrika. Noch in den 50er Jahren reproduzierten verschiedene Zeichnungen aus den Beständen in ihrem Selbstbild keinesfalls rassistischer Organisationen den klassischen kolonialen Blick auf Afrika, der zwischen Exotismus und Rassismus schwankte. Der Fotobestand zur zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1958 in Zürich enthält verschiedene Aufnahmen weiblicher und männlicher Gäste aus diversen afrikanischen Ländern. Ihre Einkleidung in folkloristische Gewänder erscheint auf den ersten Blick als Referenz an die Tradition der „Völkerschauen“, allerdings tragen verschiedene Protagonisten moderne Armbanduhren und finden sich von der SAFFA 1958 auch zahlreiche Bilder von Anlässen mit schweizerischen TrachtenträgerInnen. Im Nachlass des Fotografen Hermann Freytag, der häufig Aufträge des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks übernahm, finden sich zwei umfangreiche Fotoserien zu Nigeria und Liberia aus der Zeit um 1960. Freytag fotografierte dabei in der Tradition ethnografischer Bilder „Typen“ aus der Bevölkerung, Handwerk, Brauchtum und romantische Naturlandschaften, aber auch urbane Szenen, industrielle Anlagen und landwirtschaftliche Grossbetriebe als Zeugen der Modernisierung. Für die Zeit ab den 70er Jahren dokumentieren dann die Bildarchive mehrerer Organisationen sowie der Fotonachlass von Gertrud Vogler die Aktivitäten verschiedener Anti-Apartheid- und Afrika-Solidaritätsbewegungen in der Schweiz, während die Hilfswerke Bilder ihrer Projekte in Afrika archivierten.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 20 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk
  • Ar 38 Anti-Apartheid Bewegung der Schweiz, Mouvement Anti-Apartheid Suisse
  • Ar 44 Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern
  • Ar 99 Brücke der Bruderhilfe – CECOTRET
  • Ar 165 Nachlass Harry Gmür
  • Ar 178 Nachlass Richard Ulrich
  • Ar 198.28 Nachlass Leni Altwegg
  • Ar 198.37 Nachlass Fre Karrer
  • Ar 201.103 Arbeitsgruppe Nestlé (AGN)
  • Ar 201.283 Förderverein Neue Wege in Somalia
  • Ar 430 Erklärung von Bern (EvB)
  • Ar 435 Verein Weltläden Nordwestschweiz
  • Ar 437.10.6 Frauen/Lesben-Archiv: Allgemeine Situation Afrika ca. 1977–2004
  • Ar 437.10.7 Frauen/Lesben-Archiv: Allgemeine Situation Nordafrika ca. 1975–2001
  • Ar 437.11.6 Frauen/Lesben-Archiv: Frauenbewegung: Afrika ca. 1977–1997
  • Ar 437.11.7-9 Frauen/Lesben-Archiv: Frauenbewegung: Südafrika
  • Ar 437.12.4 Frauen/Lesben-Archiv: Frauen in Befreiungsbewegungen: Afrika, Asien, Europa ca. 1977–2002
  • Ar 437.31.5 Frauen/Lesben-Archiv: Bevölkerungspolitik Afrika ca. 1978–1997
  • Ar 437.101.21 Frauen/Lesben-Archiv: Einzelne Zeitschriften Afrika
  • Ar 482 Regionalverein für Weltläden Zürich
  • Ar 505 AiDE DiRECTE
  • Ar 518 Aktion Finanzplatz Schweiz (AFP)
  • Ar 609 Alliance Sud
  • Ar 629 Max Havelaar-Stiftung Schweiz: Projekte
  • Ar 635 Kampagne für Entschuldung und Entschädigung im südlichen Afrika KEESA
  • Ar AI Amnesty International Schweizer Sektion
  • Ar claro claro fair trade AG

Archiv Bild + Ton

  • F 5014 Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1958
  • F 5015 Brücke der Bruderhilfe – Cecotret – Le Pont
  • F 5025 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk (SAH) – Oeuvre suisse d’entraide ouvrière (OSEO)
  • F 5028 Erklärung von Bern (EvB)
  • F 5053 Schlup, Bernard (*1948)
  • F 5072 Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern
  • F 5102 Ulrich, Richard (1910–1980)
  • F 5107 Vogler, Gertrud
  • F 5500 Freytag, Hermann (1908–1972)

Sachdokumentation

  • KS 32/3 Afrika: gesamthaft
  • KS 32/4 Nordafrika: gesamthaft
  • KS 32/4a Nordafrika: gesamthaft
  • KS 32/4b Südliches Afrika: gesamthaft; Südafrikanische Republik
  • KS 32/4c Westafrika; Ostafrika
  • KS 32/93 Rassenfrage
  • KS 32/93a Rassenfrage
  • KS 32/134 Zwangsarbeit; Sklaverei
  • KS 32/139 Kolonialpolitik; Imperialismus
  • KS 32/181 Erster Weltkrieg: Ägypten, Italien, Japan, USA
  • KS 335/408 Kommunismus in Afrika
  • KS 338/303 Wirtschaftspolitik: Afrika, Australien
  • QS 44.1 Kolonialpolitik; Imperialismus: westliche Staaten
  • QS 44.3 Söldner; Fremdenlegion
  • QS S Afrika: gesamthaft
  • QS SNA Algerien
  • QS SNE Ägypten
  • QS SNL Libyen
  • QS SNM Marokko
  • QS SNS Sudan
  • QS SNT Tunesien
  • QS SO Ostafrika: gesamthaft
  • QS SOA Äthiopien
  • QS SOK Kenia
  • QS SOR Ruanda, Rwanda
  • QS SOS Somalia
  • QS SOT Tansania
  • QS SOU Uganda
  • QS SS Südliches Afrika: gesamthaft
  • QS SSA Angola
  • QS SSM Moçambique, Mozambique
  • QS SSRS Rhodesien, Zimbabwe
  • QS SSW Namibia
  • QS SSZ Südafrikanische Republik
  • QS SW *W Westafrika: diverse Staaten
  • QS SW *Z Zentralafrika: diverse Staaten
  • QS SWCr Zaïre, Demokratische Republik Kongo
  • QS SWE Elfenbeinküste
  • QS SWGh Ghana
  • QS SWN Nigeria
  • QS SWSS Westsahara
  • ZA 44.1 Kolonialpolitik; Imperialismus: westliche Staaten
  • ZA 44.3 Söldner; Fremdenlegion
  • ZA 47.5 Organisation für Afrikanische Einheit (OAU); Afrikanische Union (AU)
  • ZA 77.5 *S Arbeitskonflikte & Streiks: Afrika
  • ZA 81.1 C *7 Aussenhandel der Schweiz: mit Asien und Afrika
  • ZA S Afrika: gesamthaft
  • ZA SN Nordafrika: gesamthaft
  • ZA SNA Algerien
  • ZA SNE Ägypten
  • ZA SNL Libyen
  • ZA SNM Marokko
  • ZA SNS Sudan
  • ZA SNT Tunesien
  • ZA SO Ostafrika: gesamthaft
  • ZA SOA Äthiopien
  • ZA SOA *E Eritrea
  • ZA SOAI Djibouti, Dschibuti
  • ZA SOB Burundi
  • ZA SOK Kenia
  • ZA SOR Ruanda, Rwanda
  • ZA SOS Somalia
  • ZA SOSe Seychellen
  • ZA SOT Tansania
  • ZA SOU Uganda
  • ZA SS Südliches Afrika: gesamthaft
  • ZA SSA Angola
  • ZA SSB Botswana
  • ZA SSBo Homelands: Bophutatswana
  • ZA SSC Homelands: Ciskei
  • ZA SSK Komoren
  • ZA SSL Lesotho
  • ZA SSM Moçambique, Mozambique
  • ZA SSMa Madagaskar
  • ZA SSMau Mauritius
  • ZA SSN Malawi
  • ZA SSNG Swasiland
  • ZA SSRN Sambia
  • ZA SSRS Rhodesien, Zimbabwe
  • ZA SST Homelands: Transkei
  • ZA SSV Homelands: Venda
  • ZA SSW Namibia
  • ZA SSZ Südafrikanische Republik
  • ZA SW Westafrika & Zentralafrika: gesamthaft
  • ZA SWA Äquatorialguinea
  • ZA SWCD Republik Kongo, Kongo-Brazzaville
  • ZA SWCr Zaïre, Demokratische Republik Kongo
  • ZA SWD Benin
  • ZA SWE Elfenbeinküste
  • ZA SWG GabunZA SWGh Ghana
  • ZA SWGu Guinea
  • ZA SWK Kamerun
  • ZA SWL Liberia
  • ZA SWM Mali
  • ZA SWMa Mauretanien
  • ZA SWN Nigeria
  • ZA SWNi Niger
  • ZA SWO Obervolta, Burkina Faso
  • ZA SWP Guinea-Bissau
  • ZA SWS Senegal
  • ZA SWSL Sierra Leone
  • ZA SWSS Westsahara
  • ZA SWT Togo
  • ZA SWTs Tschad
  • ZA SWZ Zentralafrikanische Republik

Bibliothek

  • Afrika (Du: Schweizerische Monatsschrift 17/11, Nov. 1957), Gr 13870
  • Albertini, Rudolf von: Dekolonisation: Die Diskussion über Verwaltung und Zukunft der Kolonien 1919–1960. Köln 1966, 35470
  • Autorenkollektiv SKAAL: Die Bewegung der Blockfreien: Herausforderung an die schweizerische Aussenpolitik: Von Bandung bis Colombo. Zürich 1978, 62640
  • Berre, José Mene: La francophonie, la Suisse et l’Afrique: Contribuer à améliorer le niveau de vie des populations africaines en les aidant à devenir les acteurs de leur propre développement. Aix-en-Provence 2015, 132237
  • Biasio, Elisabeth: Alfred Ilg: 1854–1916: Ein Thurgauer Ingenieur als Staatsminister in Äthiopien. Frauenfeld 2018, Gr 14916
  • Bischof, Michael H. et al.: Südafrika im Spiegel der Schweizer Botschaft: Die politische Berichterstattung der Schweizer Botschaft in Südafrika während der Apartheidära 1952–1990. Zürich 2006, 115970
  • Bott, Sandra: La Suisse et l’Afrique du Sud, 1945¬–1990: Marché de l’or, finance et commerce durant l’apartheid. Zürich 2013, 129106 Ex.2
  • Bott, Sandra et al.: Les relations économiques entre la Suisse et l’Afrique du Sud durant l’apartheid (1945–1990). Lausanne 2005, 115452
  • Bott, Sandra et al. (Hg.): Suisse – Afrique (18e – 20e siècles): De la traite des Noirs à la fin du régime de l’apartheid. Münster 2005, 116213
  • Brändle, Rea: Wildfremd, hautnah: Zürcher Völkerschauen und ihre Schauplätze 1835–1964. Zürich 1995, 98243
  • Carron, Damien: Les dossiers de jugement des légionnaires suisses: Source inédite pour une histoire de la torture pendant la guerre d’Algérie, in: Cerutti, Mauro et al. (Hg.): Penser l’archive: Histoires d’archives, archives d’histoire. Lausanne 2006. S. 303-314, 116791
  • Carron, Damien: La Suisse et la guerre d’indépendance algérienne (1954–1962). Lausanne 2013, 128335
  • Centre Europe – Tiers Monde (Hg.): Schweiz – Südafrika: Ende des Dialogs? Ein Beitrag zur Auseinandersetzung um die schweizerische Verantwortung am Rassismus in Südafrika. Genf 1974, 53635
  • David, Thomas et al.: Schwarze Geschäfte: Die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert. Zürich 2005, 115255
  • Debrunner, Hans Werner: Schweizer im kolonialen Afrika. Basel 1991, 91752
  • Egli, Martina (Hg.): Diskrete Diplomatie als Alibi: Die Schweizer Aussenpolitik gegenüber der Apartheid: ZeitzeugInnen erinnern sich. Zürich 2000, 111669
  • Elmer, Sara (Hg.): Handlungsfeld Entwicklung: Schweizer Erwartungen und Erfahrungen in der Geschichte der Entwicklungsarbeit. Basel 2014, 129284
  • Elsener, Josef und Bruno Soliva: Freud und Leid des Volkes teilen: Vom Umgang mit dem Unabhängigkeitskrieg in Rhodesien/Simbabwe und der Apartheid in Südafrika. Kriens 2017, 136796
  • Fässler, Hans: Reise in Schwarz-Weiss: Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei. Zürich 2005, 115576
  • Fehr, Eugen: Demokratische Staatsformen in Westafrika. Zürich 1965, 31991
  • Fenske, Uta et al.: Kolonialismus und Dekolonisation in nationalen Geschichtskulturen und Erinnerungspolitiken in Europa: Module für den Geschichtsunterricht. Frankfurt 2015, 133865
  • Franc, Andrea: Wie die Schweiz zur Schokolade kam: Der Kakaohandel der Basler Handelsgesellschaft mit der Kolonie Goldküste (1893–1960). Basel 2008, 119150
  • Frei, Elisha: Analyse der Entstehungsgeschichte und Tätigkeitsfelder der Anti-Apartheid Bewegung der Schweiz (AAB) zwischen 1973 und 1994. MA-Arbeit Univ. Luzern 2015, Gr 14908
  • Geiger, Brigitte: Die Rassentheorie von Johann Caspar Bluntschli, in: Zürcher Taschenbuch 114 (1994). S. 143-171, N 347
  • Glauser, Friedrich: Gourrama: Ein Roman aus der Fremdenlegion. Zürich 1940, 11138
  • Gloor, Gérald R.: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Südafrikanischen Union seit dem zweiten Weltkrieg. Winterthur 1959, 24979
  • Goedel, C.: Sklaverei und Emancipation der schwarzen Rasse in den Vereinigten Staaten von Nordamerika: Geschichtliche Abhandlungen. Hg. Züricher Comité zur Unterstützung der befreiten Farbigen. Zürich 1866, 44140: 1-3
  • Graffenried Charlotte von und Emil Schreyger (Hg.): Die Afrika-Forschung in der Schweiz = Les recherches africaines en Suisse. Bern 1985, 80355
  • Gygax, David: La Swiss-South African Association (1956–2000): Un organe du capital helvétique en Afrique du Sud. Fribourg 2001, 118283
  • Holenstein, Anne-Marie: Entwicklung heisst Befreiung: Erinnerungen an die Pionierzeit der Erklärung von Bern (1968–1985). Zürich 2008, 120140
  • Huber, Peter: Fluchtpunkt Fremdenlegion: Schweizer im Indochina- und im Algerienkrieg, 1945–1962. Zürich 2017, 135226
  • Imfeld, Al: Auf den Strassen zum Himmel: Missionsgeschichten aus der Schweiz und aus Afrika. Hg. Lotta Suter. Zürich 2013, 127981
  • Interdepartementale Arbeitsgruppe Schweiz–Südafrika: Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Südafrika. Bern 1999, Hg 1719
  • Jeannerat, Caroline: Embroiled: Swiss churches, South Africa and apartheid. Zürich 2011, 124566
  • Kalt, Monica: Tiersmondismus in der Schweiz der 1960er und 1970er Jahre: Von der Barmherzigkeit zur Solidarität. Bern 2010, 122915
  • Kellerhals-Maeder, Andreas (Hg.): Schweiz – Südafrika, 1948–1994: Archivbestände und parlamentarische Vorstösse. Bern 2000, Gr 10216
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  • Wick, Fritz: Der schweizerische Aussenhandel mit den Tropen 1906–1945. Zürich 1948, 15496
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Periodika

  • Africa contemporary record: Annual survey and documents, 41298
  • Afrika: Monatsschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur im neuen Afrika, N 1905
  • Anti-Apartheid-Nachrichten, D 4037
  • Solidarität: Solidaritätskomitee für Afrika, Asien und Lateinamerika, D 4174
  • Südliches Afrika / Afrika-Heft, N 1460

Vor 50 Jahren: Die Schwarzenbach-Initiative

Der Urnengang vom 7. Juni 1970 zeigte ein ungewohntes Bild: Bundesrat und Parlament, sämtliche Regierungsparteien, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, Kirchen, Arbeitgeberorganisationen, Gruppierungen der Neuen Linken sowie die Presse von der „NZZ“ über den „Blick“ und das „Volksrecht“ bis zum „Vorwärts“ empfahlen die Vorlage zur Ablehnung – und dennoch schien der Ausgang der Abstimmung offen. Die Rede ist von der zweiten Überfremdungsinitiative, wegen ihres Aushängeschilds Nationalrat James Schwarzenbach zumeist als „Schwarzenbach-Initiative“ bezeichnet. Eine erste Überfremdungsinitiative hatten die Zürcher Demokraten 1965 eingereicht, drei Jahre darauf aber wieder zurückgezogen. Die einstige linksliberale Regierungspartei befand sich zu jenem Zeitpunkt in Agonie und öffnete ihre Listen teilweise Vertretern der sich formierenden Anti-Überfremdungsbewegung (vgl. SozialarchivInfo 6/2018). Nachdem bereits bei den Nationalratswahlen 1963 in Zürich zwei Anti-Überfremdungslisten („Schweizerische Volksbewegung gegen die Überfremdung“ und „Schweizervolk-Partei“) erfolglos kandidiert hatten, gelang der „Nationalen Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat“ (NA) vier Jahre darauf trotz eines gesamtschweizerisch tiefen Stimmenanteils von 0,6 Prozent der Gewinn eines Mandats im Kanton Zürich, das an den Historiker und Redaktor James Schwarzenbach fiel. Hingegen blieben die ebenfalls erstmals antretenden „Vigilants“ in Genf erfolglos.

1968 lancierte die NA die zweite Überfremdungsinitiative. Sie forderte eine Beschränkung des Ausländeranteils in jedem Kanton (ausser Genf) auf 10 Prozent. Saisonniers, die sich jährlich nicht länger als neun Monate und ohne Familie in der Schweiz aufhielten, sollten von dieser Begrenzung ausgenommen bleiben, ebenso Pflege- und Spitalpersonal, qualifizierte Wissenschaftler und Künstler sowie einige weitere Gruppen. Bei betrieblichen Arbeitsplatzreduktionen sollte Ausländern zuerst gekündigt werden müssen. Die Senkung des Ausländeranteils durch erleichterte Einbürgerung schloss die Initiative weitgehend aus. Eine Annahme der Initiative hätte damit zur Folge gehabt, dass 300’000 bis 400’000 Menschen, insbesondere ItalienerInnen, die Schweiz hätten verlassen müssen.

Der Abstimmungskampf verlief intensiv und des Öfteren gingen dabei die Emotionen hoch. Schwarzenbach trat an unzähligen Veranstaltungen auf, erwies sich als rhetorisch versierter Diskutant und trieb auf Podien seine Kontrahenten mehrfach in die Enge. Die Gegnerschaft organisierte sich in einem bürgerlichen und einem sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Komitee. Letzteres stiess in den eigenen Reihen auf zahlreiche Sympathisanten der Schwarzenbach-Initiative. SP-Nationalrat Helmut Hubacher berichtete knapp fünf Monate vor der Abstimmung im „Volksrecht“ von gewerkschaftlichen Veranstaltungen, an denen Arbeiter die Gewerkschaftssekretäre fast ausgebuht hätten, und warnte, zwischen den Gewerkschaften und ihren Mitgliedern klaffe „in weiten Teilen noch ein Graben“ (Volksrecht, 27.1.1970). Im Kanton Zug gab die SP sogar die Ja-Parole zur Schwarzenbach-Initiative heraus, während das Gewerkschaftskartell Zug Stimmfreigabe beschloss. Die Nein-Kampagne der Wirtschaftsverbände betonte stark den volkswirtschaftlichen Nutzen der Gastarbeiter, welcher der Schweizer Bevölkerung zugute komme, und den Umstand, dass Ausländer vor allem körperlich anstrengende und schlecht bezahlte Tätigkeiten ausübten, für die sich keine Schweizer Arbeitskräfte mehr hergeben würden. Die emotionalisierte Atmosphäre des Abstimmungskampfs konnte sogar in Gewalt umschlagen: Am 20. März 1970 prügelte ein Aktivist der Anti-Überfremdungsbewegung in einem Zürcher Restaurant einen italienischen Dachdecker zu Tode, ohne dass von den Anwesenden jemand eingegriffen hätte.

Die (zu einem der letzten Male nur männlichen) Stimmberechtigten lehnten die Initiative schliesslich mit 54 Prozent Nein-Stimmen ab. Der „Blick“ jubelte: „Schwarzenbachab“, während das „Volksrecht“ nachdenklich titelte: „Schwarzenbach hat die Schlacht verloren – doch die Mobilmachung gewonnen“ (Volksrecht, 8.6.1970). Immerhin hatte es in den Kantonen Bern, Luzern, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Fribourg und Solothurn Ja-Mehrheiten gegeben. In der lateinischen Schweiz war die Ablehnung mit um die 60 Prozent Nein-Stimmen etwas stärker als in der Deutschschweiz, ein eigentlicher Röschtigraben tat sich aber nicht auf.

Der relative Erfolg der Schwarzenbach-Initiative kam nicht aus heiterem Himmel. Die Diskussion um eine angebliche „Überfremdung“ der Schweiz reichte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Im späten 19. Jahrhundert wandelte sich die Schweiz von einem Auswanderer- zu einem Einwandererland. Hatte die Eidgenossenschaft jahrhundertelang Söldner nach ganz Europa exportiert und war im 19. Jahrhundert die Auswanderung armer SchweizerInnen nach Übersee und Russland auch behördlich gefördert worden (vgl. SozialarchivInfo 5/2018), so begann um 1880 die Zeit, welche die Migrationsgeschichte als „Jahrhundert der Italiener“ bezeichnet. Von 1850 bis 1910 stieg der Ausländeranteil in der Schweiz von 3 auf 14,7 Prozent. Die Eingewanderten konzentrierten sich vor allem auf Grenzregionen und industrielle Ballungsräume mit Ausländeranteilen zwischen 30 und 50 Prozent. In den 1890er Jahren kam es mit dem Berner „Käfigturmkrawall“ (1893) und dem Zürcher „Italienerkrawall“ (1896) zu zwei aufsehenerregenden Gewaltaktionen gegen italienische Arbeitsmigranten, die sich in zeitgleiche ähnliche Vorkommnisse in verschiedenen Teilen Europas einreihten. Kleinere Ausschreitungen gegen ItalienerInnen gab es 1893 in Lausanne und 1902 in Arbon.

Der Begriff „Überfremdung“ wurde vermutlich vom Zürcher Armensekretär Carl Alfred Schmid im Jahr 1900 geprägt. Seit etwa 1910 stieg er zu einem zentralen diskursiven Element der Schweizer Politik auf und ging auch in die Amtssprache ein. Die 1917 geschaffene eidgenössische Fremdenpolizei wurde explizit als Instrument gegen die „Überfremdung“ kreiert. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg – während dem der Ausländeranteil in der Schweiz in Realität massiv zurückging – beklagten zahlreiche Reden und Publikationen eine angebliche wirtschaftliche, kulturelle und „rassische“ Überfremdung der Schweiz, zunehmend auch mit antisemitischer Schlagseite. Der Winterthurer Ingenieur Max Koller etwa monierte im Mai 1917 in einem Vortrag mit dem Titel „Die kulturelle Ueberfremdung der Schweiz“ vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft „eine immer mehr zunehmende Trübung unseres Auges für die Erkenntnis der Schönheit unserer reinen natürlich gewachsenen Kultur“ und forderte, „dass wir Nichteuropäern, zu denen auch die Juden gehören“, die Möglichkeit zur Erlangung des Schweizer Bürgerrechts vorenthalten. Tatsächlich wurden in jener Zeit die Hürden für die Einbürgerung erhöht und insbesondere die dazu erforderlichen Wohnsitzfristen massiv ausgedehnt. Im Sommer 1919 erfolgte die Lancierung der ersten ausländerpolitischen Volksinitiative. Die Initianten stammten aus den Kreisen der im Gefolge des Landesstreiks entstandenen Bürgerwehren (vgl. SozialarchivInfo 3/2019). Die „Initiative betreffend die Erlangung des Schweizer Bürgerrechts und betreffend die Ausweisung von Ausländern“ wollte das passive Wahlrecht von Eingebürgerten einschränken und dem Bundesrat eine Ausweisungspflicht gegenüber Ausländern, die sich an verfassungswidrigen Umtrieben beteiligten oder „die allgemeinen Interessen der schweizerischen Volkswirtschaft“ verletzten, auferlegen. Der Bundesrat begrüsste das Begehren zwar inhaltlich, empfahl es aber aus formalen Gründen zur Ablehnung. 1922 wurde es vom Stimmvolk und sämtlichen Ständen sehr deutlich verworfen.

Der Begriff „Überfremdung“ gilt als schweizerische Erfindung, er tauchte aber spätestens in den 20er Jahren auch in der politischen Sprache Deutschlands auf, wo er sich insbesondere gegen Juden richtete. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verstärkte sich dieser Sprachgebrauch. So sprach Propagandaminister Joseph Goebbels 1933 von einer „Überfremdung des deutschen Geisteslebens durch das Judentum“. Auch die Schweizer Bewunderer des Dritten Reichs befleissigten sich in der Folge solcher Parolen.

Mit dem Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte eine erneute Zunahme der Wohnbevölkerung ohne Schweizer Pass. Die ImmigrantInnen kamen zunächst vor allem aus Italien, dann auch aus weiteren Ländern wie Spanien, Jugoslawien, Griechenland und der Türkei. Zwischen 1950 und 1970 nahm die Zahl der AusländerInnen in der Schweiz von 310’000 auf 1,2 Millionen zu. Der Ausländeranteil stieg damit von 6,1 Prozent im Jahre 1950 über 10,8 Prozent im Jahre 1960 auf 17,2 Prozent im Jahre 1970. Das mit Abstand grösste Kontingent stellten die ItalienerInnen, die 1960 59,2 Prozent und ein Jahrzehnt später immer noch 54 Prozent der AusländerInnen in der Schweiz ausmachten. Das Zusammenleben von SchweizerInnen und ItalienerInnen in urbanen Unterschichtenquartieren war bereits 1957 Thema von Kurt Frühs Spielfilm „Bäckerei Zürrer“. Anwerbeabkommen wurden 1948 und 1964 mit Italien und 1964 mit Spanien abgeschlossen. Dominierten kurz nach dem Krieg zunächst Frauen, so waren die MigrationsarbeiterInnen in der Folge mehrheitlich, aber keineswegs ausschliesslich männlich. Um 1960 stammte bereits die Hälfte der Beschäftigten im Baugewerbe aus dem Ausland. Das Sozialarchiv verfügt mit dem Film „Una condizione umana“ über ein rares filmisches Zeugnis zur Selbstwahrnehmung italienischer Migranten in der Schweiz. Der Film von Enzo Gistri, Nino und Piero Muzzi zeigt einen Sommersonntag in Luzern und kontrastiert helvetische Geschäftigkeit mit der Isolation eines italienischen Gastarbeiters. Die Immigration führte zur Entstehung einer gesellschaftlich wenig integrierten, politisch rechtlosen und bildungsmässig benachteiligten neuen Unterschicht. Dieses von der Soziologie als „Unterschichtung“ bezeichnete Phänomen ermöglichte Teilen der Schweizer Arbeiterschaft den sozialen Aufstieg in die unteren Mittelschichten.

Viele der MigrantInnen kamen als sogenannte Saisonniers nur vorübergehend in die Schweiz. Vor allem im Bau- und Gastgewerbe sowie der Landwirtschaft dominierte dieser Aufenthaltsstatus, der die Anwesenheit in der Schweiz auf 11,5 Monate (ab 1973: 9 Monate) pro Jahr beschränkte. In dieser Zeitspanne waren den Saisonniers Stellenwechsel und Familiennachzug untersagt. Durch eine Teilrevision des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG) erhielten 1948 die Kantone die Kompetenz zur Erteilung temporärer Aufenthaltsbewilligungen für ausländische Arbeitskräfte, während für die dauerhafte Niederlassungsbewilligung die eidgenössischen Behörden zuständig blieben. In den 50er und 60er Jahren wurden insgesamt etwa 3 Millionen Saisonnierbewilligungen ausgestellt. Durch ein Rotationsprinzip sollte die Integration der Saisonniers gezielt unterbunden werden. Langfristig förderte diese Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte – die die Schwarzenbach-Initiative explizit nicht antasten wollte – die Strukturerhaltung und bremste wirtschaftliche Modernisierungsprozesse. Infolge der Wohnungsnot und tiefer Löhne lebten in den 50er bis 70er Jahren viele Saisonniers in Baracken oder alten Liegenschaften auf engstem Raum. Das Verbot des Familiennachzugs wurde nicht selten durch illegale Einreise umgangen und hatte zur Folge, dass die „versteckten“ Kinder, deren Zahl in den 70er Jahren auf 15’000 geschätzt wurde, nicht eingeschult werden konnten. Das zweite Anwerbeabkommen mit Italien von 1964 gab Saisonniers zwar langfristig die Perspektive, zu Jahresaufenthaltern und dann Niedergelassenen aufzusteigen. Offizielle Maxime der Migrationspolitik war jetzt nicht mehr die Nichtintegration durch Rotation, sondern „Assimilation“ derjenigen, die sich bewährt hatten und auf die die Wirtschaft langfristig angewiesen war. Erst in den 90er Jahren wurde das Saisonnier-Statut aber schrittweise abgeschafft.

In den 60er Jahren setzte eine politische und gesellschaftliche Debatte um die forcierte Immigration ein, die sich erneut um den Begriff „Überfremdung“ kristallisierte und weit über die sich formierende Antiimmigrationsbewegung hinausreichte. Schon 1961 schrieb beispielsweise das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA), der „Kampf gegen die Überfremdung“ sei eine „Aufgabe von nationaler Bedeutung“. Die Gewerkschaften forderten schon seit Mitte der 50er Jahre Massnahmen zur Reduktion der Arbeitsimmigration. Die Arbeitgeber rekrutierten zwar in der Hochkonjunktur stetig Arbeitskräfte im Ausland, stimmten aber Anfang der 60er Jahre ebenfalls in den Chor der über die „Überfremdung“ Besorgten ein. So sprach Gerhard Winterberger, Sekretär (und nachmaliger Direktor) des Schweizerischen Handels- und Industrievereins (Vorort), 1961 in einer Rede von einer „Gefährdung der schweizerischen Eigenart“. Im Frühjahr 1963 setzte der Bundesrat eine sogenannte „Plafonierung“ in Kraft, die Arbeitsbewilligungen für Immigranten von der Verpflichtung des Arbeitgebers abhängig machte, seinen Belegschaftsbestand nicht zu erhöhen. Durch diese Restriktion bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze wollte die Landesregierung sowohl der „Konjunkturüberhitzung“ als auch der „Überfremdungsgefahr“ entgegenwirken. In Reaktion auf die erste Überfremdungsinitiative der Zürcher Demokraten sowie erneut im Vorfeld der Abstimmung über die Schwarzenbach-Initiative beschloss der Bundesrat weitere Begrenzungen bei der erwerbsbedingten Neuzuwanderung. Kurz nach der Abstimmung setzte er (als Vorläuferin der heutigen Eidgenössischen Migrationskommission) eine „Konsultativkommission zur Behandlung des Überfremdungsproblems“ ein. Durch die bundesrätlichen Begrenzungsmassnahmen wurde die Einwanderung im Jahrzehnt nach dem Höhepunkt von 1961/62 sukzessive um fast 60 Prozent reduziert. Dies war für Schwarzenbach und seine Mitstreiter aber noch zu wenig, um die Gefahr der „Überfremdung“ zu bannen.

Wer war James Schwarzenbach? Geboren 1911 in Rüschlikon (ZH) war er ein Spross der Seidenindustriellen-Familie Schwarzenbach und via seine Tante Renée Schwarzenbach auch mit der Generalsfamilie Wille verwandt. Er studierte von 1930 bis 1940 Geschichte an den Universitäten Zürich und Fribourg, gehörte zeitweise der Nationalen Front an und wurde 1934 durch antisemitische Auftritte aktenkundig. Ein Jahr zuvor war er unter dem Einfluss einer Spanienreise zum Katholizismus konvertiert. Nach dem Studium betätigte sich Schwarzenbach journalistisch und verlegerisch. 1947 übernahm er den Thomas-Verlag in Zürich, der auch antisemitische Schriften vertrieb. Von den 40er bis in die 70er Jahre setzte er sich publizistisch immer wieder für die Franco-Diktatur ein und zeigte Sympathien für den autoritären Staatsdenker des 19. Jahrhunderts Donoso Cortés. In den 60er Jahren publizierte er auch zwei Heimatromane, bevor er 1967 mit der Wahl in den Nationalrat die aktive politische Bühne betrat und mit der zweiten Überfremdungsinitiative innert kurzer Zeit zu einer zentralen, auch international bekannten Figur der Schweizer Politlandschaft aufstieg. Wenige Monate nach der Abstimmung zerstritt er sich mit der NA und rief die Schweizerische Republikanische Bewegung ins Leben, für die er noch bis 1979 im Nationalrat sass. Ein Jahr nach dem Rückzug aus der Politik publizierte er seine Autobiografie „Im Rücken das Volk“. Im Jahre 1983 schenkte Schwarzenbach seinen Vorlass dem Schweizerischen Sozialarchiv. Der neun Laufmeter umfassende Bestand beinhaltet die umfangreiche Korrespondenz Schwarzenbachs aus der Zeit seiner aktiven politischen Karriere, Zeitungsartikel und Propagandamaterial zur Schwarzenbach-Initiative, Akten zu Schwarzenbachs parteipolitischer und parlamentarischer Tätigkeit, Vorträge, Reden und Rezensionen sowie Unterlagen zu mehreren Gerichtsprozessen, in die Schwarzenbach verwickelt war. 1986 wurde der Bestand ergänzt durch die Akten der Republikanischen Bewegung, die Schwarzenbachs Sekretär und spätere SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer ablieferte. James Schwarzenbach starb 1994 in St. Moritz.

Schwarzenbach und seine Bewegung standen international nicht allein da. Auch andere westeuropäische Länder hatten während des lang anhaltenden Wirtschaftsaufschwungs der „Trente Glorieuses“ die Arbeitsimmigration forciert. Die Bundesrepublik Deutschland schloss Anwerbeabkommen mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko und Südkorea (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Wichtig war insbesondere das Abkommen mit der Türkei: Nach dessen Abschluss kamen bis zum Anwerbestopp im Gefolge der Erdölkrise im Jahre 1973 867’000 türkische ArbeitnehmerInnen nach Deutschland, wobei allerdings im selben Zeitraum eine halbe Million von ihnen wieder rückwanderten. Auch Frankreich rekrutierte bis 1974 Arbeitskräfte in Südeuropa. Zudem verstärkte sich im Zuge der Dekolonisation die Einwanderung aus den ehemaligen Kolonien, insbesondere aus Nord- und Westafrika. Grossbritannien deckte seinen Arbeitskräftebedarf stark aus dem „Commonwealth of Nations“, das nach dem Zweiten Weltkrieg als Vereinigung ehemaliger britischer Kolonien an die Stelle des Empires trat. Von 1948 bis 1962 (und eingeschränkt bis 1973) besassen BürgerInnen von Commonwealth-Staaten das Recht der visumsfreien Einreise und Niederlassung im ehemaligen Mutterland. Dies führte zu einer verstärkten Einwanderung etwa aus Pakistan, Indien und der Karibik.

Um 1970 herum erlebten in diesen Ländern Bewegungen mit xenophober Stossrichtung Auftrieb. In der Bundesrepublik war 1964 die Nationaldemokratische Partei (NPD) entstanden, die den Begriff „Überfremdung“ wieder ins politische Vokabular Deutschlands einführte und bei der Bundestagswahl 1965 mit dem Slogan „Deutsche Arbeitsplätze nur für Deutsche“ mit 2 Prozent der Stimmen an der Sperrklausel scheiterte. Von 1966 bis 1968 gelang ihr aber im Zuge der ersten Nachkriegsrezession der Einzug in sieben Landtage; das beste Resultat erreichte sie 1968 in Baden-Württemberg mit 9,8 Prozent. Bei den Bundestagswahlen 1969 scheiterte die NPD mit 4,3% relativ knapp an der Sperrklausel, in den folgenden Jahren verpasste sie aber bei sämtlichen Landtagswahlen den Sprung über die 5-Prozent-Hürde deutlich und schaffte erst nach der Jahrtausendwende wieder den Einzug in zwei Landtage der neuen Länder. Der Wiederaufstieg der extremen Rechten in Deutschland fand bereits 1968 in John Le Carrés Roman „A Small Town in Germany“ eine literarische Verarbeitung. In Frankreich gründete 1972 der ehemalige Fremdenlegionsoffizier Jean-Marie Le Pen als Zusammenschluss verschiedener nationalkonservativer und rechtsextremer Gruppierungen den Front National (FN), der bei den Parlamentswahlen 1973 auf 1,3 Prozent kam, dann aber bis Mitte der 80er Jahre eine elektorale Durststrecke durchlief.

Auch in Grossbritannien kam es in jenen Jahren zu einer Politisierung des Immigrationsthemas. Bei den Unterhauswahlen 1964 gewann im Wahlkreis Smethwick in den westlichen Midlands entgegen dem nationalen Trend der konservative Kandidat Peter Griffiths mit einer rassistischen Kampagne („If you want a nigger for a neighbour, vote Labour“). Der eigentliche „Schwarzenbach-Moment“ der britischen Politik kam dann 1968 mit der sogenannten „Rivers of blood“-Rede des Altphilologen und konservativen Abgeordneten Enoch Powell in Birmingham. Die in Anlehnung an eine Passage von Vergils Aeneis benannte Rede kritisierte die Zuwanderung aus dem Commonwealth sowie den neuen „Race Relations Act“, der Rassendiskriminierung bei der Vergabe von Arbeitsplätzen und Wohnungen sowie bei öffentlichen Dienstleistungen verbot, und malte den Untergang des „weissen“ Grossbritannien an die Wand. Powell wurde umgehend aus dem konservativen Schattenkabinett gefeuert, auf den Strassen gab es Kundgebungen für und gegen ihn. Bereits ein Jahr zuvor war die „National Front“ (NF) entstanden, die Empire-Nostalgiker, Apartheidfreunde, Ausländerfeinde und Überreste der britischen faschistischen Bewegung der Zwischenkriegszeit vereinigte, eine Ausschaffung aller nichtweissen ImmigrantInnen forderte und sich dabei teilweise auf Powell berief. Zwischen 1972 und 1977 fuhr die NF bei verschiedenen Wahlen starke Resultate ein. Bei Unterhauswahlen trat sie nur in einzelnen Wahlkreisen an, schnitt dort aber auf Augenhöhe mit den anderen Kleinparteien ab. Bestes Resultat waren 16 Prozent und der dritte Platz bei einer Nachwahl in West Bromwich 1973. Bei den Lokalwahlen 1976 erzielte die NF in einer Reihe von Städten um die 20 Prozent. Im Londoner Stadtteil Deptford kam sie in einer Nachwahl sogar auf 44,5 Prozent. In den späten 70ern geriet die Partei dann in die Krise mit Fraktionskämpfen, Abspaltungen und Misserfolgen bei Wahlen.

Auch in der Schweiz ging die Anti-Überfremdungsbewegung nach der Schwarzenbach-Abstimmung weiter. Bei den Nationalratswahlen 1971 erlitten sämtliche etablierten Parteien Stimmenverluste. Schwarzenbachs Republikaner kamen dagegen aus dem Stand auf über 4 Prozent und gewannen sieben Mandate. Die NA legte ebenfalls zu auf 3,2 Prozent und gewann zu ihrem bisherigen Sitz drei dazu. Damit hatte die Bewegung ihren Höhepunkt aber erreicht. 1975 verloren die Republikaner vier und die NA zwei Sitze. Vier Jahre darauf schied Schwarzenbachs Partei gar ganz aus dem Parlament aus, löste sich aber erst Ende der 80er Jahre auf. Die NA (ab 1990 als „Schweizer Demokraten“) blieb dagegen noch bis 2007 im Nationalrat vertreten. Das hauptsächliche Mobilisierungsmittel der Anti-Überfremdungsbewegung blieben indessen Volksinitiativen. Wenige Monate nach der Abstimmungsniederlage der Schwarzenbach-Initiative lancierten die NA und die Republikaner je eine eigene Überfremdungsinitiative. Diejenige der NA kam 1974 zur Abstimmung und wurde von 65,8 Prozent der Stimmenden und sämtlichen Ständen verworfen. Diejenige der Republikaner scheiterte 1977 an der Urne mit 70,5 Prozent Nein-Stimmen. Am selben Wochenende gelangte eine weitere, wiederum von der NA lancierte Überfremdungsinitiative, die nunmehr fünfte ihrer Art, zur Abstimmung. Dieses vor allem auf eine Beschränkung der Einbürgerungen abzielende Begehren lehnten 66,2 Prozent der Stimmenden ab.

Die zunehmend schlechteren Resultate der sukzessiven Überfremdungsinitiativen waren nicht nur Ausdruck einer Ermüdung der Stimmberechtigten über das Thema – der „Nebelspalter“ machte sich 1975 über die Lancierung einer 38. Überfremdungsinitiative lustig –, sondern auch des Umstandes, dass sich mit der Erdölkrise die Situation markant veränderte. Trotz einer massiven Rezession mit einem Wirtschaftseinbruch von beinahe 7 Prozent stieg die Arbeitslosenquote, die vorher lange Jahre nahe der Nullprozent-Marke verharrt hatte, bis 1976 lediglich geringfügig auf 0,7 Prozent an. Die Schweiz vermochte die Arbeitslosigkeit weitgehend zu exportieren, indem sie etwa eine Viertelmillion GastarbeiterInnen in ihre Herkunftsländer zurückschickte. In der von der Krise besonders gebeutelten, bereits zuvor auch mit strukturellen Problemen kämpfenden Maschinen- und Metallindustrie waren um 1970 etwa ein Drittel der Beschäftigten AusländerInnen gewesen. Viele dieser Arbeitsplätze wurden in der Krise abgebaut. Hatten 1970 die Gegner der Schwarzenbach-Initiative gewarnt, die Ausweisung von Hunderttausenden von MigrantInnen würde eine Wirtschaftskrise nach sich ziehen, so kehrte sich nun die Kausalität um: Die Krise zog die Ausweisung einer grossen Zahl von Menschen nach sich. Dies nahm der Anti-Überfremdungsbewegung den Wind aus den Segeln. Erst 1983 wurde wieder eine Überfremdungsinitiative lanciert, die 1988 mit 67,3 Prozent Nein-Stimmen bachab geschickt wurde. Drei weitere Überfremdungsinitiativen scheiterten 1987, 1991 und 1997 bereits im Sammelstadium.

Als Reaktion auf die Flut von Überfremdungsinitiativen lancierte 1973/74 auf Anregung der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) eine aus 30 Organisationen und Parteien bestehende Arbeitsgemeinschaft, deren Akten sich wie diejenigen der KAB heute im Sozialarchiv befinden, unter dem Titel „Mitenand/Être Solidaires“ eine Volksinitiative für eine neue Ausländerpolitik. Sie forderte die Gleichbehandlung von SchweizerInnen und AusländerInnen, die Abschaffung des Saisonnier-Statuts und die Verpflichtung des Staats zur Integration der ausländischen Bevölkerung. 1977 eingereicht, gelangte das Volksbegehren 1981 zur Abstimmung und wurde mit 83,8 Prozent Nein-Stimmen deutlich verworfen. Im folgenden Jahr scheiterte auch der vom Parlament als indirekter Gegenvorschlag zur Mitenand-Initiative ausgearbeitete Entwurf für ein neues Ausländergesetz, gegen den die NA das Referendum ergriffen hatte, mit 50,4 Prozent Nein-Stimmen an der Urne knapp.

Die Anti-Überfremdungsbewegung Schwarzenbach’scher Prägung hatte sich spätestens in den 80er Jahren überlebt. Die NA verlagerte sich im Verlauf dieses Jahrzehnts, als sie bei kantonalen und kommunalen Wahlen verschiedentlich Überraschungserfolge verbuchen konnte, thematisch von der Arbeitsimmigration auf das politische Asyl. Zunehmend erhielt sie auch in diesem Themenfeld Konkurrenz, zunächst von der Auto-Partei, dann vor allem von der SVP. Migrationspolitische Initiativen und Referenden drehen sich seither hauptsächlich um die Themen Asyl, Bürgerrecht und Personenfreizügigkeit. Initiativen, die wie zu Schwarzenbachs Zeiten starre Ausländerobergrenzen und Einwanderungszahlen in die Verfassung schreiben wollten, kamen ab der Jahrtausendwende nur noch vereinzelt zustande und scheiterten deutlich: Im Jahr 2000 wurde die 18-Prozent-Initiative mit 63,8 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt, 14 Jahre darauf schickten 74,1 Prozent die Ecopop-Initiative bachab.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.240.8 (2) Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Initiative Schwarzenbach II
  • Ar 27.700.1 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Abstimmungen 1970–1977
  • Ar 40.70.11 Federazione Colonie Libere Italiane in Svizzera FCLIS: Iniziativa Essere solidali = Mitenand Initiative
  • Ar 48 Zürcher Kontaktstelle für Ausländer und Schweizer
  • Ar 52.75.13, Mappe 3 Verband der Gewerkschaften des christlichen Verkehrs- und Staatspersonals (VGCV): Unterlagen des Aktionskomitees gegen die Schwarzenbach-Initiative
  • Ar 62 Mitenand-Initiative/Être Solidaires (1973–1990)
  • Ar 108 Schwarzenbach, James (1911–1994)
  • Ar 161.20.8 Schlup, Bernard (*1948): „Mitenand“-Initiative 1981
  • Ar 173 Steiner, Hans (1897–1980)
  • Ar 174 Aeschbach, Karl (*1935), Vorlass
  • Ar 188.40.6 Keller, Max (1939–2014): Referate Ausländer
  • Ar 201.36 Fortschrittliche Arbeiter, Schüler und Studenten (FASS)
  • Ar 201.158 Da und fort – Wanderausstellung
  • Ar 201.253 Dokumentation Sibilla Schuh zum Centro Scuola e Famiglia delle Colonie Libere Italiane
  • Ar 428.20.5 Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung der Schweiz (KAB): „Mitenand-Initiative“
  • Ar 429 Berufsschule der Emigrierten/Scuola Professionale Emigrati SPE
  • Ar 430.10.1 Mappe 2 Erklärung von Bern (EvB): Unterlagen zur Schwarzenbachinitiative
  • Ar 430.26.1 Erklärung von Bern (EvB): Mitenand-Initiative 1973–1981 / Symposium „Entwicklung heisst Befreiung“ 1981
  • Ar 597 Être Solidaire
  • Ar 656.10.6 Dokumentation U. Knecht zur Asylpolitik: Mitenand Initiative
  • Ar GBI 05C-0012 Gewerkschaft Bau und Industrie: Unterkunft ausländischer Arbeitnehmer
  • Ar GBI 05C-0056 Gewerkschaft Bau und Industrie: Integrations- und Ausländerpolitik der Gewerkschaften
  • Ar GBI 06A-0001 Gewerkschaft Bau und Industrie: Mitenand-Initiative: Abstimmungsunterlagen, Referate, Werbemittel, Grosskundgebung 1. Nov. 1980
  • Ar GBI 06B-0014 Gewerkschaft Bau und Industrie: GBH-Grosskundgebung „Solidarität mit den ausländischen Arbeitnehmern“
  • Ar GBI 06B-0025 Gewerkschaft Bau und Industrie: Gegen Initiative Nationale Aktion „Begrenzung der Einwanderung“, Xenofobia
  • Ar GBI 06K-0001 Gewerkschaft Bau und Industrie: Ausländische Arbeitnehmer, Stellung und Probleme der Gewerkschaften
  • Ar SGB G 491/3 Schweizerischer Gewerkschaftsbund: Ausländerfragen, 1974–1981
  • Ar SGB G 675/6 Schweizerischer Gewerkschaftsbund: SGB-Kampagne 18-Prozent-Initiative
  • Ar SMUV 01D-0017 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Ausländerpolitik (Gegenvorschlag zu Überfremdungsinitiative)
  • Ar SMUV 01D-0018 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Ausländerpolitik (Gewerkschaften und Überfremdungsinitiativen)
  • Ar SMUV 05D-0004 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Unterlagen der schweiz. Volksbewegung gegen die Überfremdung (Pressespiegel)
  • Ar SMUV 06A-0010 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: 2. Schwarzenbach-Initiative: Abstimmungskampf

Archiv Bild + Ton

  • F 5002 Federazione Colonie Libere Italiane in Svizzera (FCLIS)
  • F 5021 Da und fort – Leben in zwei Welten: Immigration und Binnenwanderung in der Schweiz
  • F 5108 Dokumentation Sibilla Schuh zum Centro Scuola e Famiglia delle Colonie Libere Italiane
  • F 9032 Aargauischer Gewerkschaftsbund (AGB) [FILM]: Una condizione umana (ca. 1965)

Sachdokumentation

  • KS 32/122a Ausländische Arbeitskräfte: Internationale & zwischenstaatliche Gastarbeiterverträge
  • KS 32/126 Ausländerfrage; Einwanderung: Schweiz
  • KS 331/25 Fremdarbeiter, Gastarbeiter, Saisonarbeiter
  • QS 02.3 C Ausländerfrage, Ausländerintegration; Einwanderung: Schweiz
  • QS 02.3 C *18 18-Prozent-Initiative („Ausländerstopp-Initiative“)
  • QS 02.3 C *M Mitenand-Initiative
  • QS 22.5 Ausländerrecht
  • QS 38.81 Republikaner (Schweizerische Republikanische Bewegung)
  • QS 38.82 Nationale Aktion (NA); Schweizer Demokraten (SD)
  • QS 75.8 Ausländische Arbeitskräfte, Gastarbeiter/-innen: Allg. & Ausland
  • QS 75.8 C Ausländische Arbeitskräfte, Gastarbeiter/-innen in der Schweiz
  • ZA 02.3 C Ausländerfrage, Ausländerintegration; Einwanderung: Schweiz
  • ZA 02.3 C *M Mitenand-Initiative
  • ZA 02.3 C *Ü Überfremdungsinitiativen
  • ZA 04.9 Schum–Schwa Biografien: einzelne Personen: Schum–Schwa
  • ZA 22.5 Ausländerrecht
  • ZA 38.81 Republikaner (Schweizerische Republikanische Bewegung)
  • ZA 38.82 Nationale Aktion (NA); Schweizer Demokraten (SD)
  • ZA 75.8 Ausländische Arbeitskräfte, Gastarbeiter/-innen: Allg. & Ausland
  • ZA 75.8 C Ausländische Arbeitskräfte, Gastarbeiter/-innen in der Schweiz
  • ZA 75.8 Z *It Ausländische Arbeitskräfte: Gastarbeiterverträge Schweiz – Italien

Bibliothek

  • Argast, Regula: Staatsbürgerschaft und Nation: Ausschliessung und Integration in der Schweiz 1848–1933. Göttingen 2007, 118644
  • Arlettaz, Gérald und Silvia Arlettaz: La Suisse et les étrangers: Immigration et formation nationale (1848–1933). Lausanne 2004, 114120
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  • Bade, Klaus J. et al. (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa: Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Zürich 2007, Gr 13930
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  • Braun, Rudolf: Sozio-Kulturelle Probleme der Eingliederung italienischer Arbeitskräfte in der Schweiz, Erlenbach-Zürich 1970, 41613
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  • Ebel, Marianne und Pierre Fiala: „Überfremdung“, ein Schlüsselbegriff des nationalen Konsenses, in: Widerspruch 2/4 (1982). S. 66-74, D 5170
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  • Engler, Balz (Hg.): Wir und die Anderen: Stereotypen in der Schweiz: 27. Kolloquium (2011) der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Fribourg 2012, 126921
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  • Mülli, Michael: Kontingentierung von Migration: Zur Soziologie einer Regierungstechnik, in: Criblez, Lucien et al. (Hg.): Staatlichkeit in der Schweiz: Regieren und verwalten vor der neoliberalen Wende. Zürich 2016. S. 171-192, 135531
  • Niederer, Anton: Überfremdung und Fremdarbeiterpolitik. Zürich 1969, D 5323:46
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  • Romano, Gaetano: Zeit der Krise – Krise der Zeit: Identität, Überfremdung und verschlüsselte Zeitstrukturen, in: Ernst, Andreas und Erich Wigger (Hg.): Die neue Schweiz? Eine Gesellschaft zwischen Integration und Polarisierung (1910–1930). Zürich 1996. S. 41-77, 99392
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  • Romano, Gaetano: Vom Sonderfall zur Überfremdung: Zur Erfolgsgeschichte gemeinschaftsideologischen Denkens im öffentlichen politischen Diskurs der späten fünfziger und der sechziger Jahre, in: Kurt Imhof/Heinz Kleger/Gaetano Romano (Hg.): Vom kalten Krieg zur Kulturrevolution: Analyse von Medienereignissen in der Schweiz der 50er und 60er Jahre. Zürich 1999. S. 55-93, 96118
  • Schlaepfer, Rudolph: Die Ausländerfrage in der Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg. Zürich 1969, 39971
  • Schmid, Carl Alfred: Unsere Fremdenfrage. Zürich 1900, 32/126-10
  • Schwarzenbach, James: Dolch oder Degen: Ein Kaleidoskop unserer Zeit. Zürich 1964, 32890
  • Schwarzenbach, James: Die Ueberfremdung der Schweiz, wie ich sie sehe. Zürich 1974, 53337
  • Schwarzenbach, James: Im Rücken das Volk. Zürich 1980, 68804
  • Seiler, Alexander J.: Siamo Italiani/Die Italiener: Gespräche mit italienischen Arbeitern in der Schweiz. Zürich 1964, 34421
  • Senn, Tobias: Hochkonjunktur, „Überfremdung“ und Föderalismus: Kantonalisierte Schweizer Arbeitsmigrationspolitik am Beispiel Basel-Landschaft 1945–1975. Zürich 2017, 135534
  • Simmen, Leo und Eva Suter: Die nationale Aktion: 1961–1970. Zürich 1985, Hg 209
  • Skenderovic, Damir und Gianni D’Amato: Mit dem Fremden politisieren: Rechtspopulismus und Migrationspolitik in der Schweiz seit den 1960er Jahren. Zürich 2008, 119339
  • Skenderovic, Damir: The Radical Right in Switzerland: Continuity and Change, 1945–2000. New York/Oxford 2009, 124427
  • Steinmann, Arthur: Zur wirtschaftlichen Überfremdung der Schweiz. Zürich 1918, 32/126-15
  • Tanner, Jakob: Nationalmythos und „Überfremdungsängste“: Wie und warum die Immigration zum Problem wird, dargestellt am Beispiel der Schweizer Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Rauchfleisch, Udo (Hg.): Fremd im Paradies: Migration und Rassismus. Basel 1994. S. 11-25, 96424
  • Tanner, Jakob: Nationalmythos, Überfremdungsängste und Minderheitenpolitik in der Schweiz, in: Prodolliet, Simone (Hg.): Blickwechsel: Die multikulturelle Schweiz an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Luzern 1998. S. 83-94, 103022
  • Urech, Adrian: Zur Ideologie der Nationalen Aktion und der Republikaner im Spiegel der Zeitungen „Volk und Heimat“ und „Republikaner“. Fribourg 1995, Hg 1944
  • Utzinger, Ernst: Wirtschaftliche Ueberfremdung und Abwehrmassnahmen: Vortrag, gehalten in der Neuen Helvetischen Gesellschaft, Gruppe Zürich am 20. November 1916. Zürich 1917, 32/199a-5
  • Vecchio, Concetto: Jagt sie weg! Die Schwarzenbach-Initiative und die italienischen Migranten. Zürich 2020, erwartet
  • Weill, Anne und Karl Grünberg: La police des étrangers, de l’Ueberfremdung à la politique des trois cercles ou les métamorphoses d’une idée fixe. Lausanne 1997, in Bearbeitung
  • Wicker, Hans-Rudolf et al. (Hg.): Migration und die Schweiz: Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms „Migration und interkulturelle Beziehungen“. Zürich 2003, 110837
  • Willi, Victor I.: Überfremdung: Schlagwort oder bittere Wahrheit? Bern 1970, 41625
  • Zusammenstellung von Vorschlägen betreffend Massnahmen gegen die Überfremdung der Schweiz. Zürich 1916, 32/126-24

Periodika

  • Bulletin Arbeitsgemeinschaft Mitenand für eine neue Ausländerpolitik, D 4814
  • Der Republikaner, Z 130
  • Volk + Heimat, D 2032