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Heinz Nigg: „Video: Ich sehe!“ – Lesetour „Mein Zürich“

Lesungen, Gespräche und Präsentationen an Orten in Zürich, die für den Autor prägend waren (31.5. – 6.10.2021)

In „Video: Ich sehe!“ erzählt der Schweizer Ethnologe, Aktivist und Kulturvermittler Heinz Nigg von seinem Werdegang, seinen Entdeckungsreisen in die Welt der Kunst und wie er Pionier und Mitstreiter der alternativen Videobewegung wurde. Es ist eine Collage von Erinnerungen, Briefstellen, Tagebucheinträgen, ethnografischen Feldnotizen und Auszügen aus Zeitungsartikeln – ergänzt durch s/w-Fotos und Dokumente.

Die Lesetour folgt den Buchkapiteln von „Video: Ich sehe!“:

„Aufbruch“
Montag, 31. Mai, 18 Uhr
Café Odeon, Bellevue

„Heranwachsen“
Montag, 7. Juni, 18 Uhr
Haltestelle Hegibachplatz

„Amerika“
Montag, 14. Juni, 18 Uhr
Haltestelle Balgrist

„Wieder in Zürich“
Montag, 21. Juni, 18 Uhr
Obere Mensa der Universität

„Reisetagebuch New York“
Montag, 28. Juni, 18 Uhr
Haltestelle Schwert

„Ankommen in London“
Montag, 5. Juli, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Fotowerkstatt in Waterloo“
Montag, 30. August, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Video in Notting Hill“
Montag, 6. September, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Feldnotizen“
Mittwoch, 15. September, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Jugendunruhen in der Schweiz“
Mittwoch, 22. September, 18 Uhr
Opernhaus

„Video für alle“
Mittwoch, 29. September, 18 Uhr
Limmatplatz

„Familie und Nachbarschaft“
Mittwoch, 6. Oktober, 18 Uhr
Restaurant Nordbrücke, Wipkingen

Flyer zur Lesetour herunterladen (PDF, 999 KB)

„Video: Ich sehe!“ (ISBN: 978-3-753404-50-9, 244 Seiten, CHF 20.-) ist erhältlich in folgenden Buchhandlungen: Volkshaus , Kosmos, sec 52, Hirslanden, Kapitel 10, Orell Füssli oder via: nigg@av-produktionen.ch.

Auf av-produktionen.ch wird jeweils bekannt gegeben, ob der Anlass stattfindet oder wetterbedingt verschoben wird. Die Anzahl der Teilnehmenden ist Covid-bedingt auf 15 Personen beschränkt. Anmeldung an nigg@av-produktionen.ch.

Vor 115 Jahren: Die Gründung des Sozialarchivs im „Kosakensommer“

Am 27. Juni 1906 wurde im Zürcher Zunfthaus zur Waag die «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz», das heutige Sozialarchiv, gegründet. Am selben Abend ereigneten sich wenige Kilometer entfernt hitzige Szenen zwischen Streikenden und Streikbrechern vor der Fabrik der Automobilwerke Arbenz in Albisrieden. Wie hingen die beiden Ereignisse zusammen?

Streiks und Unruhen im In- und Ausland

Die Unruhen in Albisrieden waren Teil einer Streikwelle, die in den Jahren 1904 bis 1907 ganz Europa erfasste und auch in der Schweiz heftige Ausläufer zeitigte: Hatte es in der Stadt Zürich 1902 und 1903 je 15 Streiks gegeben, so waren es 1904 28 und 1905 38, 1906 aber deren 50. Schweizweit gab es in den Spitzenjahren 1906 265 Streiks mit 25’329 Beteiligten und 1907 sogar 282 Streiks mit 52’777 Beteiligten, etwa viermal so viele wie in den vorangegangenen Jahren. Auch andere Länder verzeichneten Spitzenwerte, die weit über dem Durchschnitt der Vorjahre lagen: 1906 ereigneten sich im Deutschen Reich 3’626 Streiks, in Frankreich 1’309, in der österreichischen Reichshälfte der Donaumonarchie 1’083 und in England 486. Diese Streikwelle erfolgte auf dem Höhepunkt eines Konjunkturzyklus. Die Industrie war seit 1904 rasch gewachsen, die Reallöhne stiegen aber weit weniger stark. Zugleich nahm etwa in der Stadt Zürich die Wohnungsnot zu. Hinzu kamen politische Massenstreiks im Ausland: Während der durch den russisch-japanischen Krieg ausgelösten revolutionären Unruhen in Russland von 1905/06 gab es zahlreiche Arbeitsniederlegungen, die Ende 1905 in einen Generalstreik und den Moskauer Aufstand mündeten. In der Donaumonarchie weiteten sich Bummelstreiks der böhmischen Eisenbahner im November 1905 zu grossen Kundgebungen in Wien und Prag aus, an denen Hunderttausende das allgemeine Männerwahlrecht forderten, das dann in der österreichischen Reichshälfte in der Tat kurz darauf eingeführt wurde. Wie in anderen westeuropäischen Staaten nahm man in der Schweiz an den Vorgängen in Russland und Österreich lebhaften Anteil. In der Arbeiterbewegung intensivierten sich die Diskussionen um den politischen Massenstreik. Daran nahm auch Robert Grimm teil, der dann 1918 die zentrale Figur im schweizerischen Landesstreik wurde.

Die Ereignisse von 1906 in Zürich sollten fünf Jahre später von Max Tobler, dem Präsidenten der Zürcher Arbeiterunion, als «Kosakensommer» bezeichnet werden. Bereits im Februar traten die Gipser und Parkettleger in den Ausstand, im April die Maler und Maurer, im Mai die Bauhandlanger, Steinhauer, Gipser und Zimmerleute. Am 15. Juni begannen 76 Metallarbeiter der Automobilwerke Arbenz in der damals noch selbständigen Vorortsgemeinde Albisrieden zu streiken. Sie forderten die Wiedereinstellung eines Arbeiters, dem wegen seiner Funktion als Werkstattdelegierter gekündigt worden war, die Entlassung zweier Werkmeister sowie 10 Prozent mehr Lohn. Tags darauf entliess der junge Firmeninhaber die gesamte Belegschaft und stellte Streikbrecher ein. Hinter Arbenz stand der kurz zuvor gegründete Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinenindustrieller (ASM), die Streikenden, die zunächst auf eigene Faust gehandelt hatten, wurden von der Metallarbeitergewerkschaft unterstützt. Nach einigen Tagen begann der Arbeitskampf zu eskalieren: Am 27. Juni demonstrierten etwa 500 Arbeiter vor der Fabrik und verfolgten einzelne Streikbrecher. Fünf Tage darauf trafen Steinwürfe das Auto des Firmeninhabers, was zwei Verhaftungen nach sich zog. Daraufhin versetzte die Kantonsregierung militärische Einheiten in Alarmbereitschaft. Wenig später wurden in der Nähe der Kaserne Zürich zahlreiche antimilitaristische Plakate angebracht. Am 5. Juli traten auch die Maurer erneut in den Ausstand. Am folgenden Abend fanden Delegiertenversammlungen der Arbeiterorganisationen statt, die für den Fall eines Truppenaufgebots den Generalstreik androhten. Am 10. Juli legte das neugeschaffene städtische Einigungsamt einen Vergleichsvorschlag für den Bau vor, den die Arbeitgeber jedoch ablehnten.

Am Abend des 16. Juli eskalierte in Albisrieden die Gewalt. Zahlreiche Streikende waren vor die Arbenz-Fabrik gezogen, um die Streikbrecher abzupassen. Als das mit drei Kantonspolizisten bestückte Automobil des Direktors vorfuhr, legten Streikende eine Zementröhre über die Strasse. Inzwischen hatten sich auch zahlreiche Albisrieder auf dem Platz versammelt, die von den Streikenden mit Begriffen wie «Bauernlümmel» beschimpft wurden. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, aus der Nachbargemeinde Altstetten sei ein Zug von mehreren hundert Arbeitern im Anmarsch. Die Albisrieder Bauern statteten sich daraufhin mit Äxten, Knütteln, Mistgabeln, Dreschflegeln, Sensen, Hacken und Peitschen aus. In dieser Situation, als sich die beiden Gruppen feindselig gegenüberstanden, traf eine Einheit der Kantonspolizei ein und führte die Arbeiter nach Zürich ab. Nachdem Polizei und Streikende verschwunden waren, verprügelten die Bauern einen Heizer und versuchten auch eines Gastwirts mit sozialdemokratischen Sympathien habhaft zu werden, der sich aber in seinem Weinkeller versteckte. Als auch noch eine Gruppe von Schlossern und Mechanikern aus Altstetten, die den Streikenden zu Hilfe eilen wollte, an der Gemeindegrenze auftauchte, kam es zu einer Massenschlägerei, bei der etwa 30 Revolverschüsse abgegeben wurden. Schliesslich erschien ein zweites Mal die Polizei und nahm 32 Arbeiter fest.

Zwei Tage später erliess der Regierungsrat ein Verbot des Streikpostenstehens. Regelmässig kam es nun auch im angrenzenden Stadtquartier Aussersihl zu Menschenansammlungen und Attacken auf Streikbrecher. Am 17. Juli zertrümmerte eine Menge, in der sich auch Frauen und Jugendliche befanden, einen Tramwagen. Zwei Tage darauf bot der Regierungsrat 2’500 Mann Infanterie und 111 Kavalleristen aus der Zürcher Landschaft auf und versetzte ein weiteres Bataillon in Alarmbereitschaft. Noch am selben Tag kam es zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Kavallerie, die mit gezogenem Säbel Arbeiter durch die Strassen trieb. Es gab zahlreiche Verletzte. Trotzdem lehnten die Delegiertenversammlungen der Arbeiterunion und der Gewerkschaften mit deutlichem Mehr einen Generalstreik ab. Tags darauf wurden mehrere Personen wegen der Verbreitung antimilitaristischer Pamphlete verhaftet, darunter zwei sozialdemokratische Kantonsräte. Auch kam es erneut zu Zusammenstössen zwischen Militär und Demonstranten. Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, wurden die Truppen am 31. Juli entlassen.

Am 3. August lancierte der rechts von den beiden grossen bürgerlichen Parteien der Demokraten und Freisinnigen stehende «Bürgerverband» eine Volksinitiative für eine bedeutende Verschärfung des kantonalen Strafgesetzbuches bezüglich Streikvergehen. In zwei Monaten wurden dafür 18’776 Unterschriften gesammelt. Anderthalb Jahre später sollte das Zürcher Stimmvolk einen gemässigteren Gegenvorschlag des Kantonsrates gutheissen. Nachdem der Zürcher Stadtrat eine Demonstration der Arbeiterunion verboten hatte, führte diese am 7. August einen kollektiven «Spaziergang» durch, tags darauf «spazierten» die Mitglieder des Holzarbeiterverbandes. Daraufhin erliess der Stadtrat ein Verbot für weitere «Spaziergänge», und der Regierungsrat bot die Kavallerieschwadron 18 auf. Mitte August wurde die Ausweisung von 30 Ausländern verfügt, darunter des seit 13 Jahren in Zürich lebenden «Volksrecht»-Redaktors Emil Hauth. Gleichzeitig erliess der Regierungsrat ein generelles Demonstrationsverbot im Zusammenhang mit den Streiks. Die Arbeiterpresse zog nun allenthalben Parallelen zum Vorgehen des zaristischen Sicherheitsapparates bei den Aufständen von 1905/06.

Am 20. August wurde der Maurerstreik abgebrochen. Vier Tage darauf fand ein Militärgerichtsprozess gegen sechs Personen statt, die der Verbreitung antimilitaristischer Propaganda beschuldigt wurden. Das Gericht verurteilte den sozialdemokratischen Kantonsrat Johannes Sigg wegen «vollendeter Meuterei» zu acht Monaten Gefängnis. Die übrigen Angeklagten, darunter auch eine Frau, wurden freigesprochen. Vom 27. August bis 17. September debattierte der Kantonsrat über den Regierungsbericht zu den Ereignissen, bei denen 165 Personen festgenommen worden waren, sowie über mehrere Interpellationen. Die bürgerliche Ratsmehrheit hiess die Truppenaufgebote, deren Kosten sich auf 75’000 Franken beliefen, sowie die übrigen Massnahmen der Regierung gut. Herman Greulich, der «Vater» der Zürcher Arbeiterbewegung, rief dagegen aus: «Wir haben keine Niederlage erlitten. […] Wir wollen keine Revolution, aber das kann ich Ihnen sagen, wenn Sie unsere jahrzehntelangen Bestrebungen zur Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage noch weiter mit Polizei und Militär unterdrücken, so wird die Zeit nicht mehr ferne sein, wo wir in Zürich die Mehrheit haben.» Tatsächlich entstanden in den folgenden Monaten zahlreiche neue sozialdemokratische Parteisektionen und die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften stiegen massiv an; bis zur «roten» Mehrheit in Stadt- und Gemeinderat sollte es aber noch 22 Jahre dauern.

Schweizweit verzeichnete der Schweizerische Gewerkschaftsbund zwischen 1905 und 1907 eine Verdoppelung seiner Mitgliederzahlen. Auf der anderen Seite gründeten die Unternehmer, die seit dem späten 19. Jahrhundert in verschiedenen Wirtschaftsverbänden zusammengeschlossen waren, von 1905 bis 1907 in den unterschiedlichen Branchen eigentliche Arbeitgeberverbände, die sich spezifisch mit Arbeitsmarktkonflikten befassten und deren Mitgliederzahlen ebenfalls rasch anstiegen. 1908 wurde dann der Zentralverband schweizerischer Arbeitgeberorganisationen aus der Taufe gehoben. Auch auf der politischen Ebene verhärteten sich die Fronten: Nachdem die SP 1904 ein stärker marxistisch geprägtes Parteiprogramm beschlossen hatte, verzichteten die Freisinnigen in den Nationalratswahlen von 1905 auf den bislang zuweilen praktizierten «freiwilligen Proporz». Unter den Bedingungen des Mehrheitswahlrechts hatte dies zur Folge, dass die SP trotz Stimmenzuwachs auf knapp 15 Prozent fünf ihrer bisherigen sieben Mandate verlor, darunter sämtliche Sitze im Kanton Zürich (vgl. Sozialarchiv Info 4/2019).

«Auf dem Boden strenger Neutralität»: Gründung der «Zentralstelle für Soziale Literatur» als überparteiliches Forum

Angesichts dieser gesellschaftlichen Konflikte, zunehmender Klassenkampfrhetorik und politischer Polarisierung war die Gründung einer Institution zum Studium sozialer, wirtschaftlicher und politischer Themen und Probleme mit überparteilicher Trägerschaft umso bemerkenswerter. Sie hatte einen ähnlichen Hintergrund wie zeitgenössische sozialreformerische Bestrebungen auf nationaler und internationaler Ebene, bei denen sich teilweise reformbürgerliche und kirchliche Kräfte, der reformistische Flügel der Arbeiterbewegung und für sozialpolitische Fragen sensibilisierte Nationalökonomen zusammentaten. So fand 1897 in Zürich auf Anregung des schweizerischen Arbeiterbundes eine internationale Konferenz mit Delegierten gemässigt sozialistischer Arbeiterverbände, Vertretern der katholischen Sozialreform und reformbürgerlichen Ökonomen statt, die ein umfassendes Arbeiterschutzprogramm postulierte. Drei Jahre später entstanden die Internationale Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz (IALL) und die Schweizerische Vereinigung zur Förderung des internationalen Arbeiterschutzes. Auf Initiative der IALL beschloss 1906 eine diplomatische Konferenz in Bern Abkommen zu Verboten der industriellen Nachtarbeit für Frauen sowie der Verwendung von weissem Phosphor in der Zündholzindustrie (vgl. Sozialarchiv Info 2/2019).

Die massgebliche Gründerfigur der «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz», der reformierte Pfarrer von Aussersihl und spätere sozialdemokratische Stadt- und Nationalrat Paul Pflüger, liess sich vom «Musée social» inspirieren, einem 1894 entstandenen sozialwissenschaftlichen Think-Tank in Paris mit Museum, Bibliothek und Forschungszentrum. Eine ähnliche Institution sollte auch in der Schweiz Wissen im Bereich der «sozialen Frage» im Dienste reformerischen Handelns bereitstellen und damit zum gesellschaftlichen Ausgleich beitragen. Im Vorfeld der Gründung besuchte der nachmalige erste Vorsteher Gustav Büscher ähnliche Institutionen im Ausland. Pflüger gab dann an der Gründungsversammlung seiner Hoffnung Ausdruck, «dass ein solches Institut nach dem Vorbilde des Musée social auf dem Boden strenger Neutralität einem guten Gedeihen entgegengehen möge».

Im Gründungsvorstand und der Bibliothekskommission der Zentralstelle sassen neben Pflüger je ein Vertreter der Stadt Zürich, der Kantons- und Stadtbibliothek, der «Neuen Zürcher Zeitung», der Sozialdemokratischen Partei und der katholischen «Neuen Zürcher Nachrichten» sowie drei Ökonomieprofessoren der Universitäten Zürich und Bern. Zu den Kollektivmitgliedern gehörten in der Gründungsphase unter anderem der Schweizerische Handels- und Industrieverein («Vorort»), der Schweizerische Gewerkschaftsbund, der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein, der Schweizerische Katholische Volksverein, verschiedene sozialdemokratische und christlich-soziale Gewerkschaften, die Arbeitgeberverbände der Maschinen- und Textilindustrie, die Zürcher Handelskammer, der Kaufmännische Verein Zürich, der Zürcher Juristen-Verein, verschiedene Arbeiterinnen- und Arbeitervereine, der Lebensmittelverein Zürich, der Naturheilverein Zürich sowie verschiedene Kantons-, Stadt- und Gemeinderegierungen. Einzelmitglieder waren unter anderem zahlreiche Stadt-, Stände-, National- und Regierungsräte unterschiedlicher Parteien, der Bischof von St. Gallen, der Maschinenindustrielle Eduard Sulzer-Ziegler, der eidgenössische Arbeitersekretär Herman Greulich, ein Bankier, der zum Anarchismus neigende Aussersihler Arbeiterarzt Fritz Brupbacher und wenige Persönlichkeiten aus der Frauenstimmrechtsbewegung.

Aufbauend auf Pflügers privater Literatursammlung erwarb die neue Institution, die 1907 den Betrieb in einer Zweizimmerwohnung am Seilergraben aufnahm, zunächst primär Bücher und Kleinschriften zu gesellschaftlichen und politischen Themen, die in den bestehenden Zürcher Bibliotheken unterrepräsentiert waren. Dazu gehörte auch «graue» Literatur, Traktate und Flugblätter, die nicht über Verlage und den Buchhandel verbreitet und von den Bibliotheken kaum gesammelt wurden. Das rasche Wachstum der Bestände und der nationalen und internationalen Benutzerschaft widerspiegelte die Intensität der politischen und gesellschaftlichen Debatten der Zeit und machte bereits 1919 einen ersten Umzug (ins Erdgeschoss des ehemaligen Chors der Predigerkirche) nötig (vgl. Sozialarchiv Info 1/2016). Nicht abheben konnte dagegen ein verwandtes Projekt Pflügers, das «Schweizerische Sozialmuseum». Die 1916 gegründete, mit dem Statistischen Amt der Stadt Zürich verbundene Institution, die Objekte und Schautafeln zu wirtschaftlichen, demografischen, finanzwissenschaftlichen, sozial- und gesundheitspolitischen Themen präsentierte und die Verbreitung sozialwissenschaftlicher Kenntnisse in breiteren Bevölkerungskreisen bezweckte, war zunächst im Helmhaus untergebracht, dann ab 1928 im Beckenhof, vermochte jedoch nie ein grösseres Publikumsinteresse zu wecken.

Umstrittene Sozialwissenschaften an der Universität

Brachte die neue «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz» Interessengruppen und zivilgesellschaftliche Akteure aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kirchen und Wissenschaft zusammen, so waren an den Deutschschweizer Hochschulen die Gesellschaftswissenschaften zu jenem Zeitpunkt erst schwach vertreten. Es waren vor allem einzelne Nationalökonomen wie die in der Zentralstelle engagierten sozialliberalen Zürcher Professoren Heinrich Herkner und Heinrich Sieveking und der sozialdemokratische Berner Professor Naum Reichesberg, die sich mit der «sozialen Frage», Möglichkeiten der «sozialen Reform» sowie der sich herausbildenden Soziologie auseinandersetzten. Daneben befassten sich mit der «sozialen Frage» aber auch Mediziner, Psychiater und Naturwissenschaftler, die der um 1900 rasch aufkommenden Eugenik anhingen und als problematisch betrachtete soziale Phänomene wie Alkoholismus, Prostitution oder Kriminalität auf dem Weg des Eingriffs in die Vererbung bekämpfen zu können glaubten. Auch Paul Pflüger war als Vorsteher das Vormundschaftswesens im Zürcher Stadtrat solchen Ideen nicht abgeneigt. Diese Richtung, die die sozialen Probleme vor dem Hintergrund eines biologistischen Weltbildes angehen wollte, besass vor ihrer Diskreditierung im Nationalsozialismus auch in der Schweiz eine breite gesellschaftliche und politische Akzeptanz. An der Universität Zürich wurde sie ab 1921/22 von der «Julius-Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygiene» gepusht, der bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit Abstand finanzkräftigsten Institution der Forschungsförderung, die universitäre Projekte unterstützte.

Dagegen hatte die in anderen Ländern und auch an den Universitäten der Romandie zeitgleich aufkommende Soziologie in der Deutschschweiz einen schweren Stand. An der Universität Zürich gab es zwar im späten 19. Jahrhundert erste Impulse von Gustav Vogt, der zunächst Direktor des Eidgenössischen Statistischen Amtes gewesen war, seit 1870 den Lehrstuhl für demokratisches Staatsrecht innehatte und zugleich von 1878 bis 1886 als Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» fungierte. Vogt machte sich 1897 in einem Gutachten für die Institutionalisierung der Soziologie stark und hielt dann, nachdem er damit nicht durchgedrungen war, in den Folgejahren selber gelegentlich soziologische Vorlesungen. Danach bot ab 1903 der Philosophie-Privatdozent Abroteles Eleutheropulos regelmässig sozialwissenschaftliche Lehrveranstaltungen an. 1904 publizierte er auch ein 196-seitiges Einführungswerk zur Soziologie, das allerdings die «soziale Frage» nur auf wenigen Seiten ansprach. Seine Bemühungen um Aufwertung des Faches Soziologie und Einrichtung eines Lehrstuhls blieben über Jahrzehnte vergeblich. 1929 wechselte er deshalb an die Universität Saloniki, verlor 1940 aber seine Professur aus politischen Gründen und verbrachte seinen Lebensabend als politisch Verfolgter in bitterer Armut.

Ab 1898 bot an der Universität Zürich auch der aus Odessa stammende Joseph Goldstein als Privatdozent für Statistik und Wirtschaftspolitik Lehrveranstaltungen mit soziologischen, sozialstatistischen, kriminologischen und sozialpolitischen Inhalten an. Just während der Streikwelle nach der Jahrhundertwende geriet er aber deswegen in einen Konflikt mit den Bildungsbehörden. Stein des Anstosses war eine Exkursion Goldsteins mit rund 40 Studierenden nach Winterthur zur Besichtigung der Fabriken der Gebrüder Sulzer im Juni 1904. Ende Oktober erhielt Goldstein einen Brief des Erziehungsdirektors, der ihn aufforderte, zu Klagen der Gebrüder Sulzer unverzüglich Stellung zu nehmen, dass er den Fabrikbesuch zu Zwecken «missbraucht» habe, «die ausserhalb der Bestimmung unserer staatlichen Lehranstalten liegen und die sich nicht einmal mit der Ehre des gewöhnlichen Mannes vertragen würden». Erziehungsdirektor Albert Locher war zuvor von Mitinhaber Eduard Sulzer-Ziegler, freisinnigem Nationalrat und wichtiger Figur in den Verbänden der Maschinenindustriellen, darüber informiert worden, Goldstein habe sich beim Fabrikbesuch «auf eigene Faust herumgetrieben», um die Belegschaft über die Arbeitsverhältnisse auszuhorchen. Weiter kritisierte Sulzer-Ziegler auch, «dass die Besucher bei uns in der Mehrheit aus russischen Studentinnen bestanden». Zwar habe Goldstein angekündigt, dass der Exkursionsgruppe auch Frauen angehören würden; «hätten wir aber gewusst, dass es die Mehrheit sei, hätten wir den Besuch, als nicht ernsthaft, überhaupt nicht zugelassen».

In seiner Antwort wies Goldstein Sulzers Beschuldigungen empört zurück und betonte, dass er beim Fabrikbesuch kaum ein paar Worte mit Arbeitern gewechselt habe und die Exkursionsgruppe lediglich zu einem Drittel weiblich gewesen sei. Auch beantragte er die Einleitung einer öffentlichen Untersuchung über die Angelegenheit. In der Folge wurden in Anwesenheit von Goldstein und Sulzer-Ziegler unter der Leitung des Erziehungsdirektors mehrere Exkursionsteilnehmer einvernommen. Gleich zu Beginn der ersten Sitzung fuhr Sulzer-Ziegler seinen Kontrahenten an, er wisse, dass dieser Sozialist sei, und die Sozialisten hätten ihm gegenüber «wiederholt die grössten Gemeinheiten begangen». Goldstein stellte demgegenüber klar, dass er keiner Partei angehöre. Nachdem die Befragungen der Studenten keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten oder parteiisches Benehmen Goldsteins geliefert und sich Sulzer-Ziegler mündlich entschuldigt hatte, verlangte Goldstein von Sulzer-Ziegler und Locher schriftliche Entschuldigungen und als Wiedergutmachung für seine durch die Affäre verursachte mehrwöchige Arbeitsunfähigkeit eine Spende Sulzer-Zieglers an verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen. Dies lehnten Locher und Sulzer-Ziegler ab.

Was als politisch motivierter Konflikt begonnen hatte, entwickelte sich nun zunehmend zu einem Ehrenhandel. Goldstein, der seine Ehre nicht wiederhergestellt fühlte, wandte sich an die Staatswissenschaftliche Fakultät, deren Dekan Emil Zürcher als Nationalrat Fraktionskollege von Sulzer-Ziegler und Locher war. Als die Fakultät beschloss, die Angelegenheit für abgeschlossen zu betrachten, richtete Goldstein schliesslich eine Beschwerdeschrift an den Kantonsrat, in der er schwere Vorwürfe gegen den Erziehungsdirektor erhob und die Lehrfreiheit in Gefahr sah. Die Presse berichtete nun ausführlich über den «Fall Goldstein». So enthüllten sozialdemokratische Blätter, die Affäre gehe auf die Denunziation durch einen Sohn des freisinnigen Nationalrats Eduard Bally zurück, der im Parlament zusammen mit Sulzer-Ziegler die Interessengruppe der Industriellen anführte. Die konservative «Freitagszeitung» meinte dagegen, Goldstein fehle als «Landesfremdem» zur Appellation an den Kantonsrat «jedes Recht», so dass dieser auf die «leidige und langweilige Geschichte» wohl nicht eintreten werde. Sogar in der Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie «Die Neue Zeit» erschien eine Rezension von Goldsteins Beschwerdeschrift durch den führenden marxistischen Theoretiker Karl Kautsky, welcher meinte, der «Fall Goldstein» beweise bloss, «dass das Protzentum und Philistertum in Zürich borniert genug ist, gegen Leute Misstrauen zu hegen, die in Breslau und München, ja selbst in Berlin als sichere Stützen des Staates betrachtet würden». Der Kantonsrat beschloss im «heissen» Juni 1906 mit 145 zu 60 Stimmen, auf Goldsteins Beschwerde nicht einzutreten. Dieser legte kurz darauf seine Privatdozentur nieder und übernahm eine Professur an der neu gegründeten Handelshochschule Moskau. Daraufhin sollte es noch sechs Jahrzehnte dauern, bis an der Universität Zürich 1966 nach Druck aus dem Kantonsrat endlich ein Lehrstuhl für Soziologie eingerichtet wurde. Dessen erster Inhaber Peter Heintz übernahm dann 1966 auch sofort das Präsidium des Schweizerischen Sozialarchivs, das er bis 1971 innehatte.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 2.20.5 Arbeiterunion Zürich: Vorstandsprotokolle 1905–1908
  • Ar 2.30.3 Arbeiterunion Zürich: Delegierten-Protokolle 1904–1907
  • Ar 22.60.1 Holzarbeiter-Verband Zürich: Protokoll der Sektions-Versammlung, 1904–1907
  • Ar 22.60.21 Holzarbeiter-Verband Zürich, Protokoll der Vorstands-Sitzung 1902–1907
  • Ar 42 Schweizerische Vereinigung für Sozialpolitik
  • Ar 101.20.2 Nachlass Fritz Brupbacher: Briefe 1904–1907
  • Ar 111 Nachlass Paul Pflüger
  • Hausarchiv des Schweizerischen Sozialarchivs VII/1 Historische Akten 1906–1940

Sachdokumentation

  • KS 000/30 Sozialwissenschaftliche Institutionen & Vereine: Frankreich
  • KS 000/33 Sozialwissenschaftliche Institutionen & Vereine: Schweiz
  • KS 335/79 Arbeiterunruhen & Streiks in der Schweiz
  • KS 335/79a Arbeiterunruhen & Streiks in der Schweiz
  • ZA 10.4 *1 Bibliotheken: Schweizerisches Sozialarchiv

Bibliothek

  • Bericht des Regierungsrates an den h. Kantonsrat betreffend die Streikunruhen in Zürich und Umgebung im Sommer 1906 (Vom 18. August 1906). o. O. u. J. [Zürich 1906], 331/256-16
  • Eleutheropulos, Abroteles: Soziologie. Jena 1904, 3075
  • Germann, Pascal: Laboratorien der Vererbung: Rassenforschung und Humangenetik in der Schweiz, 1900–1970. Göttingen 2016, 134822
  • Goldstein, J.[oseph]: Herr Regierungsrat Dr. A. Locher als Erziehungs-Direktor und die Lehrfreiheit an der Universität Zürich: Eine Beschwerde, dem hohen Kantonsrat des Kantons Zürich überreicht. Zürich 1906, 37/59-1
  • Grimm, Robert: Der politische Massenstreik. Basel 1906, 331/257-15
  • Grunenberg, Antonia (Hg.): Die Massenstreikdebatte. Frankfurt/M 1970, 42416
  • Häusler, Jacqueline: 100 Jahre soziales Wissen: Schweizerisches Sozialarchiv, 1906–2006 Zürich 2006, Gr 11277
  • Hirter, Hans: Die Streiks in der Schweiz in den Jahren 1880–1914: Quantitative Streikanalyse, in: ders. et al. (Hg.): Arbeiterschaft und Wirtschaft in der Schweiz 1880–1914: Soziale Lage, Organisation und Kämpfe von Arbeitern und Unternehmern, politische Organisationen und Sozialpolitik, Bd. II/2. Zürich 1988. S. 837-1008, Gr 5438: 2/2
  • Huonker, Thomas: Diagnose: «moralisch defekt»: Kastration, Sterilisation und Rassenhygiene im Dienst der Schweizer Sozialpolitik und Psychiatrie 1890–1970. Zürich 2003, 111709
  • Kautsky, Karl: Rezension zu: Dr. J. Goldstein, Dozent an der Universität Zürich, Herr Regierungsrat Dr. A. Locher als Erziehungsdirektor und die Lehrfreiheit an der Universität Zürich, in: Die Neue Zeit 24/2 (1905/06). S. 236, NN 154
  • Koller, Christian: «Die russische Revolution ist ein reines Kinderspiel gegenüber derjenigen in Albisrieden!»: Der Arbenzstreik von 1906 in mikro- und kulturhistorischer Perspektive, in: Historische Anthropologie 11 (2003). S. 370-396, D 5365
  • Koller, Christian: Streikkultur: Performanzen und Diskurse des Arbeitskampfes im schweizerisch-österreichischen Vergleich (1860–1950). Münster/Wien 2009, 121626
  • Koller, Christian: Bibliotheksgeschichte als histoire croisée: Das Schweizerische Sozialarchiv und das Phänomen des Exils, in: Ball, Rafael und Stefan Wiederkehr (Hg.): Vernetztes Wissen – Online – Die Bibliothek als Managementaufgabe. Berlin 2015. S. 365-392, 132218
  • Koller, Christian: Die Rückkehr der Kosaken: Ordnungsdiensteinsätze bei Streiks vor und im Ersten Weltkrieg und die Schweizer Arbeiterbewegung, in: Olsansky, Michael (Hg.): Am Rande des Sturms: Das Schweizer Militär im Ersten Weltkrieg. Baden 2018. S. 241-258, 141525
  • Lengwiler, Martin: Undiszipliniert und prägend: Die Sozialgeschichte in der schweizerischen Historiographie des 20. Jahrhunderts, in: Maeder, Pascal et al. (Hg.): Wozu noch Sozialgeschichte? Eine Disziplin im Umbruch: Festschrift für Josef Mooser zum 65. Geburtstag. Göttingen 2012. S. 57-87, 126748
  • Masé, Aline: Naum Reichesberg (1867–1928): Sozialwissenschaftler im Dienst der Arbeiterklasse. Zürich 2019, 142686
  • Platten, Fritz N. und Miroslav Tucek: Das Schweizerische Sozialarchiv. Zürich 1971, Hf 2935
  • Schaffner, Alfred: Wirtschaftslage, gewerkschaftliche Organisation, Streikhäufigkeit und ihre Beziehung zueinander: Eine Untersuchung am Beispiel der Stadt Zürich 1897–1915. Aarau 1977, 55987
  • Schweizerisches Sozialmuseum, in: Gewerkschaftliche Rundschau 20/4 (1928). S. 139, N 59
  • Steinemann, Eugen und Eduard Eichholzer: 50 Jahre Schweizerisches Sozialarchiv 1907–1957: Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen und zur Einweihung des neuen Sitzes des Schweizerischen Sozialarchivs in Zürich. Zürich 1958, Hf 2937
  • Tobler, Max: Ein Stück Klassenkampf in der Schweiz: Das Streikjahr 1906 in Zürich. Zürich o. J. [1911], B 161
  • Zürcher, Markus: Die Anfänge der Soziologie in der Schweiz. Diss. Univ. Bern 1994, Gr 8730

4. Juni 2021, 18 Uhr: 50 Jahre Frauenstimmrecht

Quellenpräsentation

Am 6. Juni 1971 fand die erste eidgenössische Volksabstimmung mit (offizieller) weiblicher Beteiligung statt. Der jahrzehntelange Kampf um das Frauenstimmrecht ist im Schweizerischen Sozialarchiv durch umfangreiches Quellenmaterial ganz unterschiedlicher Herkunft dokumentiert. Die Veranstaltung präsentiert Bestände, Dokumente und Bildquellen aus einem Jahrhundert Schweizer Demokratiepolitik.

Mit Christian Koller

Freitag, 4. Juni 2021, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Zoom

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Aufgrund der Coronasituation findet die Veranstaltung online über Zoom statt. Wir bitten Sie bis zum 1. Juni um eine Voranmeldung an basarte@sozarch.uzh.ch. Sie erhalten dann einen Tag vor der Veranstaltung per E-Mail den Zugangscode.

Vor 150 Jahren: Die Pariser Commune

«Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft», meinte Karl Marx 1871 in seiner Schrift «Der Bürgerkrieg in Frankreich». «Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem grossen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind.» Der Aufstand der Commune von Paris im Frühjahr 1871 stellte für die politischen Eliten in ganz Europa, Konservative wie Liberale, einen ungeheuren Schock dar. Das «Gespenst des Kommunismus», das Marx und Engels schon 1848 in der Einleitung zum «Manifest der Kommunistischen Partei» beschworen hatten, schien plötzlich Gestalt anzunehmen, die proletarische Revolution drohte vom philosophischen Gedankenspiel zur gesellschaftlichen Realität zu werden. Die Rolle der 1863 gegründeten «Internationalen Arbeiterassoziation» (Erste Internationale) wurde dabei stark überschätzt. Der Umstand, dass sich Sozialisten in ganz Europa mit den Aufständischen der Commune solidarisierten und etwa der deutsche Sozialdemokrat August Bebel am 25. Mai 1871 im Reichstag leidenschaftlich für sie Partei ergriff, liess die Phantasien von einer zentral gelenkten sozialistischen Verschwörung in der internationalen Presse ins Kraut schiessen.

Der Deutsch-Französische Krieg und die Commune

Die Ursachen des Commune-Aufstandes lagen aber im Wesentlichen in Paris und in Frankreich selber. Nach der Niederlage der französischen Truppen bei Sedan im Deutsch-Französischen Krieg Anfang September 1870, die zur Gefangennahme Kaiser Napoleons III. führte, war das Zweite Kaiserreich zusammengebrochen. Napoleon III. war am Ende der 1848er-Revolution, in der die Arbeiterschaft in Paris erstmals eine bedeutende Rolle gespielt hatte, überraschend zum Präsidenten der Zweiten Republik gewählt worden und hatte in den folgenden Jahren eine Diktatur und dann 1852 ein Kaisertum nach dem Vorbild seines Onkels errichtet. Nach seinem Sturz wurde Frankreich wieder – wie schon nach den Revolutionen von 1789 und 1848 – eine Republik. Die neue bürgerlich-republikanische Regierung setzte den Krieg gegen die Deutschen fort. Vier Monate lang belagerten deutsche Truppen die Hauptstadt Paris. Die Situation in der eingeschlossenen Metropole wurde dabei immer unerträglicher. Hunger und Epidemien breiteten sich aus. Innerstädtische Aufstände im Oktober 1870 und Januar 1871 schlug die Nationalgarde nieder.

Im Februar 1871 schloss die nach Versailles geflohene Regierung unter dem liberalkonservativen Historiker Louis-Adolphe Thiers einen Vorfrieden mit dem neu gegründeten Deutschen Reich, der Frankreich zur Abtretung von Elsass und Lothringen sowie Reparationszahlungen in der Höhe von fünf Milliarden Francs verpflichtete. Die nach dem Waffenstillstand erfolgte Wahl zur französischen Nationalversammlung ergab eine starke konservative Mehrheit von etwa 430 Monarchisten, denen nur 120 gemässigte und 80 entschiedene Republikaner entgegenstanden. Allerdings waren die Monarchisten aufgespalten in Anhänger der ehemaligen Königshäuser Bourbon (1792 und 1830 gestürzt) und Orléans (1848 gestürzt) sowie der Kaiserdynastie Bonaparte (1814/15 und 1870 gestürzt) und konnten sich deshalb nicht auf einen neuen Monarchen einigen. So blieb die Republik erhalten, wenn auch vorerst von vielen als Provisorium betrachtet. In der Nacht zum 18. März 1871 versuchte die Regierung, die nach wie vor verteidigungsbereite Nationalgarde von Paris zu entwaffnen. Dies war der Auslöser des offenen Aufstands der Hauptstadt gegen die «Capitulards» von Versailles. Besonders Frauen brachten es zustande, dass die Nationalgarde ihre Waffen niederlegte und sich zumindest teilweise dem Aufstand anschloss, da es die Nationalgardisten nicht wagten, auf sie zu schiessen. Diese aktive weibliche Teilnahme an einer Revolution war für konservative Zeitgenossen besonders schockierend. Das Zentralkomitee der Nationalgarde ergriff die Macht in Paris. Auf dem Rathaus wurde die rote Fahne gehisst. Auch in anderen französischen Städten wie Lyon, Marseille, Narbonne, Saint-Etienne und Le Creusot kamen revolutionäre Regierungen an die Macht, die die Umgestaltung Frankreichs in eine Föderation autonomer Gemeinden anstrebten. Sie wurden aber ausser in Lyon jeweils schon nach wenigen Tagen von Regierungstruppen niedergeworfen.

Die gesellschaftliche Basis der Pariser Commune beschränkte sich indessen nicht auf das Proletariat im marxistischen Sinne, also die Industriearbeiterschaft. Auch zahlreiche Gewerbetreibende und Händler aus dem Kleinbürgertum sowie Intellektuelle standen hinter der Erhebung. Der am 26. März gewählte, auf Vorbilder aus der Französischen Revolution rekurrierende Rat der Commune repräsentierte ein breites Spektrum der unteren und mittleren Bevölkerungsschichten. Er bestand aus 30 freiberuflichen Ärzten, Anwälten und Journalisten, 25 Arbeitern, 7 Angestellten, 3 Offizieren und 7 Räten mit unbekannten Berufen. Politisch gehörten sie unterschiedlichen sozialistischen und radikalrepublikanischen Richtungen an: Mitglieder der Ersten Internationale sassen neben kleinbürgerlichen Neo-Jakobinern, die an die radikale Phase der Französischen Revolution anknüpften, Anhängern des Sozialisten Auguste Blanqui und des Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon.

Die Commune schickte sich sofort an, die Gesellschaft umzukrempeln, wobei viele ihrer Massnahmen zugleich kriegswirtschaftlichen Charakter hatten und auf die Verteidigung der Stadt gegen den zu erwartenden Ansturm der Regierungstruppen vorbereiten sollten. Fabriken wurden unter die Kontrolle von Arbeitergenossenschaften gestellt. Die Offiziere wurden von den Soldaten gewählt. Die Mieten wurden gestundet und bürgerliche Wohnungen Arbeiterfamilien zugewiesen. Die Löhne sollten egalisiert und das Bildungswesen demokratisiert werden. Staat und Kirche wurden getrennt. Auch verkündete der Gemeinderat nach dem Vorbild der «levée en masse» während der Französischen Revolution die allgemeine Volksbewaffnung und ordnete die Verteidigung von Paris sowohl gegen die vor den Toren stehenden deutschen Einheiten als auch gegen die französischen Regierungstruppen an. Wie schon in den Revolutionen von 1830 und 1848 wurden in den Strassen Gräben ausgehoben und Barrikaden errichtet. Dazu gab es auch zahlreiche symbolische Aktionen: Am 6. April wurde im Distrikt La Roquette eine Guillotine verbrannt, am 15. Mai als Vergeltung für die Bombardierungen von Paris das Haus von Regierungschef Thiers zerstört und tags darauf die an Napoleon I. erinnernde Säule auf der Place Vendôme gestürzt. In der Öffentlichkeit herrschte eine Mischung aus Orientierungslosigkeit und kollektiver Euphorie. In den Lokalen debattierte man eifrig über politische und gesellschaftliche Reformen. Die Nationalgarde wurde von Freiwilligen regelrecht überflutet, an allen Strassenecken hielten Männer und Frauen flammende Reden, und in den Tuilerien fanden öffentliche Konzerte mit bis zu 15’000 Zuhörerinnen und Zuhörern statt. Auch entstanden mehrere Frauenorganisationen (am wichtigsten die «Union des femmes pour la défense de Paris et les soins aux blessés»), die sich sowohl der Verteidigung der Commune als auch der Frauenemanzipation verschrieben.

Als anfangs April 1871 in den westlichen Vorstädten die ersten Kämpfe zwischen anrückenden Regierungstruppen und «Communards» begannen, wurden diese von grossen Menschenmengen verfolgt, die einen ähnlich leichten Sieg wie am 18. März erwarteten. Ab dem 2. April war die Hauptstadt im Westen von französischen, im Osten von deutschen Truppen eingekreist. Am 21. Mai begannen die über 100’000 Mann starken französischen Regierungstruppen unter den Augen der Deutschen mit dem Sturm auf die Hauptstadt. Dabei gelangte auch – entgegen deren Grundstatut – die Fremdenlegion zum Einsatz. Es folgte die sogenannte «Blutwoche», in der zwischen 7’000 und 30’000 Aufständische getötet wurden. Als Reaktion ermordeten «Communards» am 23./24. Mai vier Dutzend Geiseln, darunter den Erzbischof von Paris, und setzten mehrere öffentliche Gebäude in Brand. Am 28. Mai, 72 Tage nach Beginn des Aufstandes, nahmen die Regierungstruppen die letzte Barrikade. Über 40’000 «Communards» wurden verhaftet und teilweise sofort standrechtlich erschossen. Etwa 7’500 Gefangene wurden deportiert, die meisten zur Zwangsarbeit auf die Pazifik-Inseln von Neukaledonien.

Der Commune-Aufstand und die Schweiz

Die Pariser Commune wurde auch von der Schweizer Öffentlichkeit beachtet. Die Presse folgte dabei parteipolitischen Standpunkten. Katholisch-konservative Blätter lehnten die Commune scharf ab und unterliessen es auch als Seitenhieb gegen die in der Schweiz dominanten Kräfte nicht, auf die angebliche Nähe zwischen Sozialismus und Liberalismus hinzuweisen. Die liberalen Zeitungen standen der Commune ebenfalls feindselig gegenüber. Die «Neue Zürcher Zeitung» polemisierte dabei auch gegen die schweizerischen Anhänger der Ersten Internationale und nahm den Commune-Aufstand als Beleg, dass die Internationale umstürzlerisch und nicht reformistisch sei. In den Vorjahren hatte die Erste Internationale, ausgehend von der 1865 gegründeten Genfer Sektion, in der Schweiz ein stetiges Wachstum verzeichnet und umfasste auf ihrem Höhepunkt 120 Schweizer Sektionen mit etwa 10’000 Mitgliedern. Die der demokratischen Bewegung nahestehenden Blätter zeigten dagegen teilweise Sympathien oder zumindest Verständnis für die Commune und übten Kritik am Vorgehen der französischen Regierung. Die Arbeiterpresse ergriff eindeutig Partei für die Commune. Der «Grütlianer» betonte dabei neben deren sozialrevolutionärer besonders auch die republikanische Stossrichtung. Grosse Sympathien zeigten auch die «Egalité», das Blatt der Westschweizer Sektionen der Ersten Internationale, und die «Tagwacht».

Ab Ende Mai 1871 flohen zahlreiche «Communards» ins Ausland, insbesondere nach Belgien, Grossbritannien und in die Schweiz. Die französische Regierung forderte deren unverzügliche Auslieferung, was die britische Regierung und der Schweizer Bundesrat (im Unterschied zu den Regierungen Belgiens und Spaniens) aber ablehnten und darauf beharrten, die Asylgesuche der Flüchtlinge individuell zu prüfen. In der Schweizer Presse war diese Politik umstritten – besonders konservative Blätter forderten die sofortige Auslieferung aller Flüchtlinge an Frankreich. Zu den in die Schweiz geflohenen «Communards» gehörten etwa die Gemeinderatsmitglieder Charles Beslay, Arthur Arnould, Jean-Louis Pindy und Gustave Lefrançais oder der prominente Anarchist Élisée Reclus. Geflohene «Communards» spielten in der Folge eine Rolle am Kongress von Saint-Imier im September 1872, als sie zusammen mit libertären Uhrmachern der «Fédération Jurassienne», Anarchisten und Revolutionärinnen und Revolutionären aus Russland die antiautoritäre Internationale als Gegenorganisation zur zunehmend von den Anhängern Marx’ dominierten Ersten Internationale bildeten und damit eine anarchistische Massenbewegung mit internationaler Ausstrahlung schufen, die bis etwa 1880 existierte.

Erinnerung und Nachwirkung

Auch international und in der französischen Innenpolitik hatte die Commune Nachwirkungen. Noch auf der Flucht vor den Regierungstruppen dichtete der Gemeinderat und Transportarbeiter Eugène Pottier den Text der «Internationale», der 1888 von Pierre Chrétien Degeyter, dem Dirigenten des Arbeitergesangsvereins von Lille, vertont und schon bald zur Hymne der internationalen Arbeiterbewegung wurde. Zahlreiche «Communards» spielten, nachdem 1880 die gefestigte Republik eine Amnestie erlassen hatte, in den entstehenden sozialistischen Parteien Frankreichs eine wichtige Rolle. Ab 1880 fand alljährlich an der «Mur des Fédérés» des Pariser Friedhofs Père Lachaise eine grosse Gedenkfeier der französischen Linken statt. 1882 gründeten ehemalige «Communards» die Vereinigung «Amis de la Commune de Paris 1871», die bis heute existiert.

Nach dem Ersten Weltkrieg stritten sich Sozialisten und Kommunisten Frankreichs um die legitime Erbschaft der Commune. Die grösste Gedenkfeier sah das Jahr 1936 nach dem Wahlsieg des «Front Populaire», in dem Sozialisten, linksbürgerliche Radikale und Kommunisten zur Verhinderung einer faschistischen Machtübernahme zusammenarbeiteten. Bis heute ist der Commune-Aufstand im kulturellen Gedächtnis der französischen Linken ein zentrales Ereignis. Zudem publizierten im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche nichtfranzösische Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten Zeitungsartikel, Pamphlete und Bücher mit ihren jeweiligen Deutungen der Commune und daraus zu ziehenden Lehren. In der staatsoffiziellen Erinnerungskultur kommunistischer Länder spielte die Commune als angebliches Vorbild der «Diktatur des Proletariats» eine Rolle. 1960/61 benannte sogar eine sowjetische Antarktisexpedition den Parižskaja-Kommuna-Gletscher nach ihr. Darauf konnten in der Endphase des Ostblocks dann auch oppositionelle Kräfte wie das «Neue Forum» in der DDR rekurrieren. Anfang der 1980er Jahre lehnte sich aber auch eine stadtpolitische Protestbewegung in Zürich-Aussersihl in Rhetorik und Symbolik an die Pariser Commune an.

Zahlreiche kulturelle Verarbeitungen erinnern ebenfalls an die Commune. Aus der französischen Literatur zu nennen sind etwa «L’Année terrible» (1872) von Victor Hugo, «Contes du lundi» (1873) von Alphonse Daudet, «La Débâcle» (1892) von Émile Zola oder «La Commune» (1905) von Paul und Victor Margueritte, aus der nichtfranzösischen Literatur «Die Tage der Commune» (1949) von Bertolt Brecht. Eine frühe filmische Verarbeitung war das sowjetische Stummfilmdrama «Novij Vavilon» von 1929. Von 2001 bis 2004 legte der französische Comic-Autor Jacques Tardi das vierbändige Werk «Le Cri du peuple» vor.

Zu den politischen Nachwirkungen der Commune gehörte, dass sie bald als erste praktische Erprobung eines Rätesystems galt. Marx’ Beschreibung der Commune als «wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte», trug zu einer vereinfachenden Vorstellung von der Commune als proletarische Demokratie und zur Verbreitung des Rätegedankens bei. Als Grundprinzipien der Räteidee galten die hierarchische Wahl von unten nach oben (untere Räte wählen die nächsthöheren), die Aufhebung der Gewaltenteilung, die Bindung der Deputierten an Aufträge ihres Elektorats («imperatives Mandat») und dessen jederzeitige Möglichkeit der Abberufung der Deputierten. Diese Idee spielte um die Jahrhundertwende eine bedeutende Rolle im französischen Syndikalismus und bei diversen anarchistischen Unterströmungen. Arbeiterräte tauchten dann in der russischen Revolution von 1905 wieder auf. Ihren Höhepunkt erlebte die Rätebewegung von 1917 bis in die frühen 1920er Jahre, als in etwa 30 Ländern in Europa, Asien und Amerika Arbeiterräte entstanden, die bei den Revolutionen in Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn eine wesentliche Rolle spielten. Nach der Deformation der Räte als Fassade einer Parteidiktatur und der Unterdrückung oppositioneller Rätebewegungen in Sowjetrussland in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution setzte sich die Räteidee vor allem in anarchistischen und dissident-kommunistischen Zirkeln fort. In der ersten Phase des Spanischen Bürgerkriegs wurden 1936/37 weite Teile der Wirtschaft Kataloniens und anderer republikanisch kontrollierter Gebiete durch gewählte Betriebsräte geleitet. Später tauchten Arbeiterräte während des ungarischen Volksaufstands von 1956, der portugiesischen Nelkenrevolution von 1974 oder der iranischen Revolution von 1979 auf und spielte die Räteidee auch eine wichtige Rolle in Hannah Arendts Werk «On Revolution» (1963), bei der 68er-Bewegung sowie verschiedenen Spielarten der «Neuen Linken». In all diesen Zusammenhängen war auch die Pariser Commune von 1871 stets ausdrücklich oder zumindest implizit als Vorbild präsent.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Sachdokumentation

  • KS 335/67 Pariser Kommune; Commune de Paris
  • KS 335/67a Pariser Kommune; Commune de Paris

Bibliothek

  • Adamov, Arthur: La Commune de Paris, 18 mars–28 mai 1871: Anthologie. Paris 1959, 32476
  • Andrieux, Louis: La Commune de Lyon en 1870 et 1871. Paris 1906, 56076
  • Arnould, Arthur: Histoire populaire et parlementaire de la Commune de Paris. Brüssel 1878, A 2311
  • Bakunin, Michael: La commune de Paris et la notion de l’état. Paris 1899, 335/430-3/10
  • Balkanski, Gr. : La commune de Paris et la commune de demain. Paris 1961, 335/438a-38
  • Benoistel, Mathilde (Hg.): France-Allemagne(s), 1870–1871: La guerre, la Commune, les mémoires. Paris 2017, Gr 14333
  • Bourgin, Georges: Histoire de la Commune. Paris 1907, 2885
  • Bourgin, Georges: La Guerre de 1870–1871 et la Commune. Paris 1939, Gr 730
  • Braire, Jean: Sur les traces des communards: Enquête dans les rues du Paris d’aujourd’hui. Paris 1988, 90017
  • Bruhat, Jean et al. (Hg.): La Commune de 1871. Paris 1960, Gr 1154
  • Chérasse, Jean A.: L’ébauche d’un ordre libertaire: Un regard neuf et affectueux pour la juste mémoire de la commune de Paris 1871. Vulaines-sur-Seine 2018, 141054:2
  • Clère, Jules: Les hommes de la commune. Paris 1872, A 1329
  • Dalotel, Alain: André Léo (1824–1900): La Junon de la Commune. Chauvigny 2004, Hf 7299
  • Dansette, Adrien: Les origines de la Commune de 1871. Paris 1944, Bo 27
  • D’Arsac, J.: La guerre civile et la Commune de Paris en 1871: Suite au Mémorial du siège de Paris. 4. Aufl. Paris 1871, Bo 76
  • Del Bo, Giuseppe (Hg.): La Comune di Parigi: Saggio bibliografico. Mailand 1957, 24212
  • De Weerdt, Denise und Catherine Oukhow (Hg.): La Commune de Paris 1871, dans le livre et l’image. Brüssel 1971, 43314
  • Dittmar, Gérald: Histoire des femmes dans la Commune de Paris. Paris 2003, 116803
  • Dittmar, Gérald: Les francs-maçons et la Commune de 1871. Paris 2003, 116802
  • Dominique, Pierre: La commune. Paris 1930, 44656
  • Dommanget, Maurice: L’enseignement, l’enfance et la culture sous la Commune. Paris 1964, Bo 872
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  • Guillemin, Henri: Les origines de la Commune. 2. Aufl. Paris 1959, Bo 2935
  • Haupt, Georges: La Commune comme symbole et exemple, in: Le mouvement social 79 (1972). S. 205-226, N 905
  • Hromadko, Hana: Organisation du pouvoir politique après le renversement révolutionnaire: Conceptions de Karl Marx et Michel Bakounine dans la période précedent la Commune de Paris. Lausanne 1973, 335/431-32
  • Jeanneret, Georges: Paris pendant la Commune révolutionnaire de 71. Neuchâtel 1872 (repr. Paris 1968), 40740
  • Jiang, Hongsheng: La Commune de Shanghai et la Commune de Paris. Paris 2014, 131824
  • Koechlin, Heinrich: Die Pariser Commune von 1871 im Bewusstsein ihrer Anhänger. Basel 1950, 17715
  • Koller, Christian: Räte auf drei Kontinenten – Die Ungarische Räterepublik als Teil einer transnationalen Bewegung?, in: Koller, Christian und Matthias Marschik (Hg.): Die ungarische Räterepublik 1919: Innenansichten – Aussenperspektiven – Folgewirkungen. Wien 2018. S. 47-68, 140123
  • La Commune de 1871. Paris o. J., 32127
  • Lecaillon, Jean-François (Hg.): La Commune de Paris racontée par les Parisiens. Paris 2009, 121517
  • Lefebvre, Henri: La proclamation de la Commune: 26 mars 1871. Paris 1965, 55180
  • Leon Trotsky on the Paris Commune. 2. Aufl. New York 1972, 335/410a-4
  • Le Solitaire: Les fauteurs de la Commune. Paris 1887, 44071
  • Les 31 [trente-et-un] séances officielles de la Commune de Paris: Membres de la Commune, Discours d’ouverture, Comptes rendus officiels, Annexes aus procès-verbaux, Projets de lois et décrets, Rapports des commissions etc. etc. Paris 1871, R 507
  • Lidsky, Paul: Les écrivains contre la Commune: Paris 1970, 56796
  • Lissagaray Prosper Olivier: Histoire de la Commune de 1871. Paris 1896, A 1762
  • Ludovic, Hans: Second siège de Paris: Le comité central et la commune: Journal anecdotique. Paris 1871, R 271
  • Maillard, Firmin: Publications de la rue pendant le Siége et la Commune: Satires, canards, complaintes, chansons, placards et pamphlets: Bibliographie pittoresque et anecdotique. Paris 1874, A 1326
  • Margueritte, Paul und Viktor Margueritte: Die Kommune. Frankfurt 1912, 30938
  • Marx, Karl: Der Bürgerkrieg in Frankreich: Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation (1871), in: Marx, Karl und Friedrich Engels: Werke, Bd. 17. Berlin 1962, S. 313-365, 56449
  • Merriman, John: Massacre: The life and death of the Paris Commune of 1871. New Haven 2014, 132445
  • Most, Johann: Die Pariser Commune vor den Berliner Gerichten: Eine Studie über deutsch-preussische Rechtszustände. Braunschweig 1875, 335/433-1
  • Münchhausen, Thankmar von: 72 Tage: Die Pariser Kommune 1871: Die erste «Diktatur des Proletariats». München 2015, 132843
  • Nicholls, Julia: Revolutionary thought after the Paris Commune, 1871–1885. Cambridge 2019, 142908
  • Noël, Bernard: Dictionnaire de la commune. Paris 2000, 119932
  • Ollivier, Albert: La Commune. Paris 1966, 39051
  • Paris sous la Commune, par un témoin fidèle: La photographie. Paris o. J., Gr 734
  • Pennetier, Claude und Jean-Louis Robert (Hg.): Edouard Vaillant (1840–1915) de la Commune à l’Internationale: Actes de la journée d’études organisée par les Amies et Amis de la Commune de Paris-1871 et le Dictionnaire Maitron, avec le soutien de la Fondation Jean Jaurès, le 9 décembre 2015, à l’Hôtel Ville de Paris. Paris 2016, 136211
  • Pilotell, Georges: Avant, pendant et après la Commune: Croquis & caricatures à l’eau-forte. Paris 1969, Gr 1763
  • Reclus, Elie: La Commune de Paris au jour le jour: 1871, 19 mars–28 mai. Paris 1908, B 472
  • Rihs, Charles: La Commune de Paris: Sa structure et ses doctrines, 1871. Genf 1955, 22608
  • Ross, Kristin: Communal luxury: The political imaginary of the Paris Commune. London 2015, 131541
  • Ross, Kristin: Luxus für alle: Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune. Berlin 2021, 145020
  • Roth, Heinrich: Die politische Presse der Schweiz um 1871 und ihre Haltung gegenüber der Pariser Commune. Langnau 1956, 23860
  • Schneider, Dieter Marc (Hg.): Pariser Kommune 1971. Reinbek 1971, 47204
  • Serman, William: La commune. Paris 1971, 48054
  • Soria, Georges: Grande histoire de la Commune. 5 Bde. Paris 1970, Gr 1763:1–5
  • Swoboda, Helmut (Hg.): Die Pariser Kommune 1871. München 1971, 42817
  • Talès, C.: La Commune de 1871. Paris 1921, Bo 26
  • Tardi: Die Macht des Volkes. 4 Bde. Zürich 2001-2005, Gr 11092:1–4
  • Tombs, Robert: Paris, bivouac des révolutions: La commune de 1871. Paris 2016, 134790
  • Vive la victoire du la dictature du prolétariat! En commémoration du centenaire de la Commune de Paris. Beijing 1971, 335/406a-26
  • Vuilleumier, Marc: L’Internationale à Genève et la Commune de Paris 1871. Genf 1961, 335/132a-10
  • Wilson, Colette E.: Paris and the commune 1871–78: The politics of forgetting. Manchester 2007, 118687
  • Winock, M. und J. P. Azéma: Les communards. Paris 1964, 33146

Periodika

  • Bulletin de la Fédération jurassienne de l’Association internationale des travailleurs, ZZ 1036
  • Le cri du peuple: Journal politique quotidien, ZZ 1037
  • Le Père Duchêne, NN 492

Vor 150 bis 30 Jahren: Der lange Weg zum Schweizer Frauenstimmrecht

In den vergangenen Jahren feierten unsere Nachbarländer Deutschland und Österreich Frauenwahlrechtsjubiläen. Ein Jahrhundert nach den demokratischen Revolutionen zu Ende des Ersten Weltkriegs befasste sich eine ganze Reihe von Veranstaltungen und Publikationen mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft der politischen Rechte der Frauen. 2021 ist nun Jubiläum in der Schweiz. Verschiedene Bücher dazu sind bereits erschienen und in der ersten Jahreshälfte öffnen mehrere Ausstellungen, die zum Teil auch Exponate aus dem Schweizerischen Sozialarchiv zeigen. Hierzulande gibt es indessen keine 100 Jahre, sondern erst ein halbes Jahrhundert Frauenstimmrecht zu feiern. Wenn man genau hinsieht, sogar noch weniger: Das erste eidgenössische Parlament, das vollständig nach dem allgemeinen Männer- und Frauenstimmrecht gewählt wurde, trat sein Amt erst im Herbst 1991 an. Das Thema Frauenstimmrecht figurierte zu jenem Zeitpunkt aber auch in der Schweiz seit über einem Jahrhundert auf der politischen Agenda.

Frauenstimmrecht als Forderung und Praxis von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg

Das 19. Jahrhundert war geprägt von Kämpfen zwischen alten Eliten, die an feudalen, ständischen und zünftischen Privilegien der Vormoderne festhalten wollten, und den aufstrebenden Gesellschaftsschichten aus dem Bürgertum und zunehmend auch der Industriearbeiterschaft, die auf Parlamentarisierung und Demokratisierung drängten. In diesem Prozess, der in unterschiedlichen Regionen Europas zeitlich und inhaltlich verschieden ablief, standen auch die politischen Rechte von Frauen zur Disposition. Auf der einen Seite wurden vormoderne Einflussmöglichkeiten von Frauen als „Ersatzmänner“ – von der Meisterwitwe im zünftischen Handwerk über die Grossgrundbesitzerin bis zur Monarchin – durch die am Ideal der gleichberechtigten männlichen Staatsbürger orientierten liberalen Kräfte zurückgedrängt. Auf der anderen Seite erhoben sich früh Stimmen, die eine Ausdehnung des staatsbürgerlichen Gleichheitsideals der Französischen Revolution auch auf die Frauen forderten. Bis zum Ersten Weltkrieg waren ihre Erfolge in Europa bescheiden, hingegen setzte sich das Frauenstimmrecht bereits in mehreren von EuropäerInnen kolonisierten und besiedelten Territorien in Übersee durch.

Auch die Schweiz wurde von diesem Prozess erfasst. Im Europa des 19. Jahrhunderts war sie eine Vorreiterin von Volksherrschaft und allgemeinem Männerwahlrecht, auch wenn bei der Bundesstaatsgründung von 1848 Juden sowie in vielen Kantonen Armengenössige und Steuerschuldner vorerst noch vom Wahlrecht ausgeschlossen blieben. Bei den politischen Rechten der Frauen hingegen tat sich zu jener Zeit wenig. 1833 gewährte das Berner Gemeindegesetz Grundbesitzerinnen Mitbestimmung in der Gemeindeversammlung, wo sie sich jedoch durch einen Mann vertreten lassen mussten. 1852 wurde dieses feudale Mitbestimmungsrecht auf Ledige und Witwen eingeschränkt, 1887 sogar ganz abgeschafft. Im Zuge der demokratischen Verfassungsrevision im Kanton Zürich von 1868/69 forderte eine anonyme Eingabe von „mehreren Frauen aus dem Volk“, die ihren „guten Namen nicht der Spottlust böser Zungen preisgeben“ wollten, die „Wahlberechtigung und Wahlfähigkeit für das weibliche Geschlecht in allen sozialen und politischen Angelegenheiten und Beziehungen“: „Es wäre traurig und beschämend, wenn Jeder von den Männern des Volkes nur die vollste Freiheit für sich, nicht aber für Andere und am wenigsten für uns Frauen in Anspruch nähme.“ Diakon Hirzel aus Zürich setzte sich immerhin dafür ein, dass „in Kirchen- und Schulgemeinde-Versammlungen die in der Gemeinde verbürgerten und niedergelassenen Frauenspersonen (verheirathete und unverheirathete) das Stimmrecht erhalten unter denselben Bedingungen wie die Männer“. Selbst diese moderate Forderung fand aber keinen Eingang in die neue Verfassung, die damals demokratischste der Welt (s. SozialarchivInfo 6/2018).

Im Jahre 1886 reichten 139 Frauen unter Führung der Genfer Frauenrechtlerin Marie Goegg-Pouchoulin eine Frauenpetition an die Eidgenössischen Räte ein. Am 1. Januar 1887 publizierte die „Züricher Post“ den Artikel „Ketzerische Neujahrsgedanken einer Frau“, in dem die Bündnerin Meta von Salis, die im selben Jahr als erste Frau an der Universität Zürich in Geschichte doktorierte, erstmals in der Deutschschweiz öffentlich das Frauenstimmrecht forderte. In den folgenden zwei Jahrzehnten entstanden verschiedene Organisationen, die sich für eine rechtliche Besserstellung der Frauen einsetzten und schliesslich auch die Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts forderten. So gründete Emilie Kempin-Spyri, die erste habilitierte Juristin der Schweiz, 1893 den Zürcher „Frauenrechtsschutzverein“, der mit Petitionen und Referaten an die Öffentlichkeit trat und eine Rechtsberatungsstelle für Frauen einrichtete. 1893 fusionierte der „Frauenrechtsschutzverein“ mit dem „Schweizerischen Verein für Frauenbildungsreform“ zur „Union für Frauenbestrebungen“, die sich dann 1930 in „Frauenstimmrechtsverein Zürich“ umbenennen sollte. 1896 fand im Rahmen der Genfer Landesausstellung der erste „Schweizerische Kongress für Fraueninteressen“ mit rund 300 Delegierten statt, die die Frauenstimmrechtsfrage kontrovers diskutierten. Ein knappes Jahr später publizierte der Staatsrechtsprofessor und freisinnige Nationalrat Carl Hilty im „Politischen Jahrbuch der Schweiz“ einen umfangreichen Artikel zum Frauenstimmrecht, der bei der Einführung ein schrittweises Vorgehen empfahl und in der sich formierenden Frauenbewegung eine breite Resonanz erfuhr.

1900 entstand als Dachverband der bürgerlichen Frauenorganisationen der „Bund Schweizerischer Frauenvereine“ (BSF) unter dem Präsidium der Berner Patrizierin Helene von Mülinen. Den Kampf für das Frauenstimmrecht führte in der Folge aber hauptsächlich eine andere Dachorganisation, der 1909 gegründete „Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht“ (SVF, später: Schweizerischer Verband für Frauenrechte), dessen Archiv heute im Schweizerischen Sozialarchiv lagert. Die ab 1905 entstehenden kantonalen Frauenstimmrechtsvereine, deren zu jener Zeit insgesamt etwa 800 Mitglieder vor allem aus dem protestantisch-liberalen Bürgertum stammten, entfalteten eine rege Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Erfolge waren zunächst aber bescheiden. Immerhin führte 1905 die evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich das passive Frauenwahlrecht ein, 1909 der Kanton Waadt sogar das ganze kirchliche Frauenstimmrecht. Den Frauenstimmrechtsvereinen gehörten auch männliche Mitglieder an. Selbst das Gründungspräsidium des SVF ging mit dem liberalen Grossrat Auguste de Morsier, der 1907 die „Association genevoise pour le suffrage féminin“ gegründet hatte, an einen Mann. Ab 1912 wurde der SVF dann durchgehend von Frauen präsidiert.

Parallel dazu entwickelte sich auch in den Arbeiterorganisationen eine Frauenstimmrechtsbewegung. Der 1890 entstandene „Schweizerische Arbeiterinnenverband“ forderte 1893 erstmals das Frauenstimmrecht. Das SP-Parteiprogramm von 1904 enthielt dann den Punkt „Gleichstellung der Frau mit dem Manne im öffentlichen und Privatrecht; als Anfang: Ausdehnung des aktiven und passiven Wahlrechts der Frau für die Schul-, Kirchen- und Armenbehörden“. 1912 war das Frauenstimmrecht erstmals Gegenstand einer Debatte am SP-Parteitag. Neben den beiden einzigen weiblichen Delegierten ergriffen auch eine Reihe von Parteigrössen zugunsten des Frauenstimmrechts das Wort. Der spätere Kommunist Fritz Platten meldete aber den Vorbehalt an, „über unsere Ideen nicht aufgeklärte“ Proletarierinnen würden den Stimmzettel „im reaktionären Sinne“ gebrauchen und die Frau müsste bei einer Gewährung des Stimmrechts „bei ihrem psychischen Zustand eine Wandlung vollziehen“. Im selben Jahr forderte die SP St. Gallen im Grossen Rat erfolglos das kantonale Frauenstimmrecht. Weitere Vorstösse in anderen Kantonen fruchteten ebenfalls nicht.

Mit dem Erstarken der Frauenstimmrechtsbewegung ab der Jahrhundertwende folgte die Schweiz einem internationalen Trend. Bereits während der Französischen Revolution hatte die Schriftstellerin Olympe de Gouges 1791 in ihrer „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“ die politische und rechtliche Gleichstellung der Geschlechter gefordert. Während des 19. Jahrhunderts wurde das allgemeine Frauenstimmrecht aber nirgends in Kontinentaleuropa verwirklicht. Einzelne Ansätze dazu gab es hingegen in Übersee in jungen Staaten mit noch wenig gefestigten politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Im US-Bundesstaat New Jersey konnten reiche Frauen unter dem Zensuswahlrecht des späten 18. Jahrhunderts wählen, verloren dieses Recht dann aber 1807 bei der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts. Ab 1838 waren in Kentucky steuerzahlende Witwen und weibliche Haushaltsvorstände in Schul- und Steuerangelegenheiten stimmberechtigt. Die Gemeinde Vélez im Nordosten Kolumbiens führte 1853 das Frauenwahlrecht ein. 1862 erhielten in der argentinischen Provinz San Luis Frauen, die lesen und schreiben konnten, das Wahlrecht auf Gemeindeebene.

In den USA gab es in den 1840er Jahren mehrere Petitionen zugunsten des Frauenwahlrechts und ab den 1860er Jahren entstanden verschiedene Frauenwahlrechtsorganisationen. 1872 kandidierte die Frauenrechtlerin Victoria Woodhull für die „Equal Rights Party“ sogar bei den Präsidentschaftswahlen. Dabei nutzte sie die Kuriosität aus, dass Frauen zwar kein aktives Wahlrecht hatten, die Wählbarkeit hingegen nicht ausdrücklich auf die Männer eingeschränkt war. Ihre Stimmen wurden indessen nicht ausgezählt, da sie das erforderliche Wahlalter von 35 Jahren noch nicht erreicht hatte. Nächste weibliche Präsidentschaftskandidatin war 1884 die Rechtsanwältin Belva Lockwood. Sie kam auf 4’194 (männliche) Stimmen (0,05%) und kandidierte vier Jahre darauf erneut. Das „Territory“ Wyoming hatte schon 1867 das aktive Frauenwahlrecht eingeführt und behielt es auch 1890 nach der Erhebung zum US-Bundesstaat bei. Auch in den verschiedenen frühsozialistischen Siedlungsprojekten der USA war das Frauenstimmrecht ein Thema. Die in den frühen 1850er Jahren in Adams County (Iowa) entstandene Gemeinschaft der ikarischen Bewegung nach der Gesellschaftsutopie Etienne Cabets spaltete sich Mitte der 1870er Jahre sogar wegen der Frauenstimmrechtsfrage. Im zur Jahrhundertmitte entstandenen Mormonenstaat Utah wurde das Frauenwahlrecht 1870 eingeführt, 1887 wieder abgeschafft und 1896 erneut eingeführt. Die Einführung des Frauenwahlrechts stand hier im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Mormonen, die vom Kongress bekämpfte Polygamie zu verteidigen. 1893 führte der Bundesstaat Colorado das Frauenwahlrecht ein – als weltweites Novum geschah dies per Volksbeschluss. Bis zum Ersten Weltkrieg folgten Idaho (1896), Washington (1910), Kalifornien (1911), Arizona (1912), Oregon (1912), Kansas (1912), Alaska (1913), Montana (1914) und Nevada (1914). Im Jahre 1910 reichten die Frauenwahlrechtsorganisationen dem Kongress eine Petition ein, die von 400’000 Frauen unterzeichnet war. Die Kunde von diesen Entwicklungen erreichte auch frühzeitig die Schweiz. Dies bezeugt ein Wagen am Zürcher Sechseläuten-Umzug von 1870, auf dem unter dem Motto «Amerikanische Verhältnisse» als Frauen verkleidete Zünfter rauchten, Zeitungen lasen und am Rednerpult gestikulierten.

Auch im Pazifikraum gab es frühe Ansätze. Die Nachfahren der Meuterer der „Bounty“ auf den Pitcairninseln kannten in ihrer rudimentären staatlichen Organisation seit 1838 das Frauenstimmrecht. In Neuseeland gab es ab 1878 eine Reihe von erfolglosen Gesetzesvorlagen für das Frauenwahlrecht. Eingeführt wurde dieses dann 1893, im selben Jahr wie auf den Cookinseln. 1894 führte auch die Kolonie South Australia, wo Grundbesitzerinnen schon seit 1861 wählen durften, das allgemeine Frauenwahlrecht ein, 1899 folgte Western Australia. Ein Jahr nach dem Zusammenschluss der australischen Kolonien wurde 1902 das Frauenwahlrecht im „Commonwealth of Australia“ auch auf Bundesebene verwirklicht.

In Grossbritannien konnten im frühen 19. Jahrhundert, als weniger als 3% der Bevölkerung das an ein hohes Vermögen gebundene Wahlrecht zum Parlament besassen, einige reiche Frauen an Wahlen teilnehmen. Mit der Reform von 1832, die das Wahlrecht auf die oberen Mittelschichten ausweitete, wurden Frauen aber ausdrücklich ausgeschlossen. Hingegen räumte das Gemeindewahlgesetz von 1869 alleinstehenden, Steuern zahlenden Frauen das Wahlrecht ein. 1894 wurde dieses auf gewisse verheiratete Frauen ausgedehnt, so dass um die Jahrhundertwende rund eine Million Frauen auf den Wahllisten für Gemeindewahlen registriert waren. Ab den 1860er Jahren entstanden verschiedene Organisationen, die sich für das Frauenwahlrecht ins Parlament stark machten. Nach Jahrzehnten erfolgloser Lobbytätigkeit bei Parlamentsmitgliedern und in der Öffentlichkeit gründeten 1903 Emmeline Pankhurst und ihre Töchter die militante „Women’s Social and Political Union“ (WSPU), deren Mitglieder bald als „Suffragetten“ bekannt wurden. 1908 organisierte die WSPU eine Demonstration im Londoner Hyde Park, an der sich rund 300’000 Menschen beteiligten. Die WSPU setzte aber auch auf Aktionen zivilen Ungehorsams, die sich in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend radikalisierten. Dazu gehörten das Anketten an Zäune im Zentrum von London, Steinewerfen gegen Polizisten und Fensterscheiben, Brandstiftungen gegen Kirchen und Briefkästen und sogar Bombenanschläge, etwa 1913 auf das Landhaus von Schatzkanzler David Lloyd George. Premierminister Herbert Asquith wurde von Aktivistinnen mit Pfeffer und einer toten Katze beworfen. Verhaftete WSPU-Mitglieder traten im Gefängnis in den Hungerstreik und wurden zwangsernährt. 1913 warf sich die Suffragette Emily Davison, eine Absolventin der Oxford University, nach neun Verhaftungen und sieben Hungerstreiks beim Epsom Derby vor das Rennpferd König Georg V. und starb wenige Tage darauf an den dabei erlittenen Verletzungen.

Auch auf internationaler Ebene schloss sich die Frauenstimmrechtsbewegung zusammen. 1902 fand in Washington die erste internationale Frauenstimmrechtskonferenz statt. In Vorbereitung darauf gründeten deutsche Frauenrechtlerinnen den „Deutschen Verband für Frauenstimmrecht“. Auf der zweiten internationalen Frauenstimmrechtskonferenz von 1904 in Berlin wurde dann die „International Woman Suffrage Alliance“ (IWSA) aus der Taufe gehoben. Ihr Präsidium übernahm mit Carrie Chapman Catt die führende Figur der „National American Woman Suffrage Association“. Parallel zu diesen bürgerlich geprägten Organisationen entstand auf dem Kongress der Zweiten Internationale von 1907 die „Sozialistische Fraueninternationale“ mit Clara Zetkin als Sekretärin. Diese Organisation initiierte 1910 den 8. März als Weltfrauentag, der zunächst vor allem der Wahlrechtsforderung Nachdruck verleihen sollte und 1911 auch in 15 Ortschaften der Schweiz erstmals gefeiert wurde.

In Europa hatte die Frauenstimmrechtsbewegung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs indessen noch wenig Erfolg. Immerhin führte das unter russischer Oberhoheit stehende Finnland 1906 zusammen mit dem allgemeinen Männerwahlrecht auch das aktive und passive Frauenwahlrecht ein. Bei den ersten demokratischen Wahlen im folgenden Jahr wurden 19 Frauen ins 200-köpfige finnische Parlament gewählt. In Norwegen durften Grundbesitzerinnen und Ehefrauen von Grundbesitzern ab 1901 auf lokaler, ab 1907 auch auf nationaler Ebene wählen. 1913 wurde dann auch hier das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt.

Aufbruchstimmung und Rückschläge nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg brachte auch für die Frauenstimmrechtsbewegung einen gewaltigen Einschnitt. Die Mobilisation der Männer in die Armeen führte dazu, dass viele „männliche“ Positionen in Industrie und Landwirtschaft von Frauen übernommen wurden. Dies nährte Hoffnungen auf eine Einführung des Frauenstimmrechts als Anerkennung dieser Leistungen. In Grossbritannien führte die Frage, ob die Suffragetten-Bewegung nun mit der Regierung zusammenarbeiten und die Kriegsanstrengungen unterstützen oder eine oppositionell-pazifistische Haltung einnehmen solle, allerdings zu Spaltungen der WSPU und einer dauerhaften Entfremdung zwischen Emmeline Pankhurst, die 1926 der Konservativen Partei beitreten sollte, und ihrer Tochter Sylvia, die zur Rätekommunistin wurde. Während des Kriegs führte 1915 das neutrale Dänemark das Frauenwahlrecht, das auf lokaler Ebene bereits seit 1908 bestand, auch auf nationaler Ebene ein. Die Umbrüche bei Kriegsende gaben dem Frauenstimm- und -wahlrecht dann einen Schub. In mehreren Ländern mündete der Krieg in Revolutionen, in deren Verlauf auch die Frauen politische Rechte erhielten. Dazu gehörten Russland (1917) sowie die Kriegsverlierer Deutschland, Österreich, Ungarn (alle 1918) und, mit einer gewissen Verzögerung, die aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches hervorgegangene Republik Türkei (1934). Auch neu entstandene Staaten wie Polen (1918), die Tschechoslowakei (1920) und Irland (1922) führten das Frauenwahlrecht ein, ebenso Schweden (1919), Luxemburg (1919) und Albanien (1920).

Bei den Siegermächten des Weltkriegs war der Schwung geringer. In Frankreich, das als eines von wenigen Ländern schon im späten 19. Jahrhundert das allgemeine Männerwahlrecht gekannt hatte, verzögerte sich die Einführung des Frauenwahlrechts bis 1944. In den USA war seit 1878 beim Kongress ein nicht behandelter Antrag auf einen Verfassungszusatz anhängig, der die Einschränkung des Wahlrechts aufgrund des Geschlechts verbieten wollte. Im Januar 1915, noch vor dem amerikanischen Kriegseintritt, lehnte das Repräsentantenhaus eine Frauenwahlrechtsvorlage deutlich ab. Hingegen war im November 1917 im Bundesstaat New York ein Referendum zum Frauenwahlrecht erfolgreich und im September 1918 machte sich Präsident Woodrow Wilson vor dem Senat dafür stark, endlich den entsprechenden Verfassungszusatz zu realisieren. Dieser passierte 1918 das Repräsentantenhaus und 1919 im dritten Anlauf auch den Senat und wurde in der Folge bis im August 1920 von den erforderlichen 36 Bundesstaaten ratifiziert. Weiterhin hinderten aber die segregationistischen Südstaaten mit juristischen Tricks und teilweise auch Gewalt die afroamerikanischen Männer und Frauen an der Ausübung des Wahlrechts. Grossbritannien führte im Februar 1918 mit dem „Representation of the People Act“ das allgemeine Männerwahlrecht ein. Das Wahlrecht für Frauen wurde dagegen beschränkt auf über 30-Jährige, die als Alleinstehende mindestens fünf Pfund Steuern bezahlten oder deren Ehemänner dieser Steuerkategorie angehörten, sowie weibliche Haushaltsvorstände und Universitätsabsolventinnen. Erst 1928 fielen diese Einschränkungen weg. Belgien beschloss 1919 das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht, gestand jedoch nur jenen Frauen das Wahlrecht zu, die im Ersten Weltkrieg besonders gelitten hatten. Dazu gehörten Witwen (oder, falls nicht vorhanden, Mütter) von Soldaten oder Zivilisten, die vom Feind getötet worden waren, sowie Frauen, die während der deutschen Besetzung für patriotische Handlungen verurteilt oder inhaftiert worden waren. Erst 1948 führte Belgien das allgemeine Frauenwahlrecht ein. In Italien stimmte 1919 das Abgeordnetenhaus für die Einführung des Frauenwahlrechts, die aber vom Senat blockiert wurde und dann erst nach der faschistischen Ära 1946 zustande kam.

Auch in der Schweiz gab es während und nach dem Ersten Weltkrieg Bestrebungen zur Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler und kantonaler Ebene. Am 17. Juni 1918 durfte nach einer Arbeiterinnendemonstration in Zürich erstmals eine Frauendelegation vor dem Kantonsrat sprechen. Am 6. November skizzierte Robert Grimm an einer Sitzung des Oltener Aktionskomitees ein Agitationsprogramm, das unter anderem die Forderung nach dem Frauenstimmrecht enthielt. Fünf Tage darauf figurierte das Frauenstimmrecht dann im Katalog der Landesstreikforderungen. SVF-Präsidentin Emilie Gourd forderte noch während des Streiks den Bundesrat in einem Telegramm – bei grundsätzlicher Distanzierung vom Landesstreik –auf, dieses Postulat zu erfüllen. Umgekehrt stellte Bundespräsident Felix Calonder während der Landesstreikdebatte im Parlament zwar die Erfüllung einer Reihe von Streikforderungen – so die Regierungsbeteiligung der SP, die rasche Umsetzung des Proporzwahlrechts oder die Einführung der 48-Stunden-Woche und der AHV (s. SozialarchivInfo 3/2017 und 4/2019) – in Aussicht, meinte jedoch, auf das Thema Frauenstimmrecht „wollen wir heute nicht eintreten“.

In der Folge überwies das Parlament zwei Motionen der Nationalräte Herman Greulich (SP) und Emil Göttisheim (FDP) für die Einführung des eidgenössischen Frauenstimmrechts in der abgeschwächten Form von Postulaten. Zu ihrer Unterstützung reichten im Juni 1919 158 Frauenverbände eine Petition ein. Die Postulate verschwanden aber in der Schublade des zuständigen Bundesrats und wurden jahrzehntelang nicht behandelt. Entsprechende Vorstösse auf kantonaler Ebene scheiterten: Zwischen 1919 und 1921 lehnten die männlichen Stimmberechtigten in Genf, Neuchâtel, Basel-Stadt, Zürich, Glarus und St. Gallen Vorlagen zur Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts deutlich ab – mit jeweils 65 bis 80% Nein-Stimmen. Hingegen wurde im Tessin 1919 in den Bürgergemeinden der Landbesitzer („patriziati“) ein Familienstimmrecht eingeführt, das durch Männer wie Frauen ausgeübt werden konnte. Wie Frankreich blieb damit mit der Schweiz ein zweites Pionierland des allgemeinen Männerwahlrechts Nachzügler beim Frauenstimmrecht.

Nach den ernüchternden Resultaten der Umbruchphase bei Kriegsende ging der Kampf um das Frauenstimmrecht weiter. 1923 verlangte eine Gruppe von 23 Frauen erfolglos die Aufnahme ins Stimmregister des Kantons Bern. 1928 demonstrierte an der ersten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Bern ein Schneckenwagen gegen das langsame Tempo bei der politischen Gleichberechtigung der Frauen. Im folgenden Jahr reichte der SVF mit Unterstützung anderer Frauenorganisationen, der SP und der Gewerkschaften bei den Bundesbehörden eine Petition für das Frauenstimmrecht mit einer Viertelmillion Unterschriften (170’397 von Frauen, 78’840 von Männern) ein – ohne Wirkung.

Die Schweiz als frauenpolitischer Sonderfall der Nachkriegszeit

Wie der Erste schien auch der Zweite Weltkrieg der Forderung nach politischer Gleichberechtigung der Frauen Schub zu verleihen. Bereits 1940/41 kamen in Genf und Neuchâtel Vorlagen für das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht vors Volk, wurden aber verworfen. 1945 überwies der Nationalrat ein Postulat von Emil Oprecht (SP) für das Frauenstimmrecht. Seitens der Gegnerschaft gab der Schwyzer Bauernpolitiker Josef Schuler in der Ratsdebatte zu bedenken, auf dem Rütli seien 1291 auch nur Männer dabei gewesen. Im selben Jahr entstand unter Federführung des SVF das „Schweizerische Aktionskomitee für Frauenstimmrecht“. Nach wie vor gab es aber eine starke Gegnerschaft, sogar auch von Frauen, die sich im „Schweizerischen Frauenkreis gegen das Frauenstimmrecht“ organisierten. Eine prominente Figur war Hanna Seiler-Frauchiger, deren Nachlass sich im Sozialarchiv befindet. Seit Kriegsende Mitglied im „Frauenkreis des Zürcher Unterlandes gegen das Frauenstimmrecht“, präsidierte sie in der Folge den bis Ende der 60er Jahre aktiven „Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht“.

Wie nach dem Ersten Weltkrieg setzten auch nach 1945 eine Reihe von kantonalen Abstimmungen der Aufbruchstimmung ein jähes Ende. In den Kantonen Basel-Stadt (1946 und 1954), Basel-Land (1946 und 1955), Genf (1946 und 1953), Tessin (1946), Zürich (1947, 1954 und 1966), Neuchâtel (1948), Solothurn (1948) und Waadt (1951) schickten die männlichen Stimmberechtigten Vorlagen für das kantonale oder kommunale Frauenstimmrecht bachab – zum Teil mit sehr deutlichen Resultaten. Vor diesem Hintergrund gelangte der Bundesrat 1951 in seinem Bericht zum Postulat Oprecht zum Schluss, dass der Zeitpunkt für eine Abstimmung über das eidgenössische Frauenstimmrecht noch nicht gekommen sei. In der Folge fanden in Genf (1952), Basel-Stadt (1954) und Zürich (1955) Frauenbefragungen statt, um dem oft verwendeten Argument, die Frauen wünschten gar keine politischen Rechte, auf den Grund zu gehen. Dabei sprachen sich 85% der Genferinnen, 73% der Baslerinnen und 80% der Zürcherinnen für das Frauenstimmrecht aus.

Ende der 50er Jahre kam das Thema erneut aufs Tapet. Im Jahre 1958 führte die Basler Gemeinde Riehen als erste das kommunale Frauenstimmrecht ein. Zugleich wurde das eidgenössische Frauenstimmrecht im Zusammenhang mit einer Zivilschutzvorlage aktuell. Die in der Atmosphäre des frühen Kalten Krieges entwickelten Pläne des Bundesrates, ein Zivilschutzdienstobligatorium für Frauen einzuführen, stiessen auf erbitterten Widerstand von SVF, BSF und weiteren Frauenorganisationen. Der Bundesrat legte daraufhin einen Abstimmungsentwurf zum eidgenössischen Frauenstimmrecht vor, um die geplanten neuen Pflichten der Frauen mit der Einführung politischer Rechte abzugelten. Die Frauenstimmrechtsvorlage passierte 1958 mit Zweidrittelmehrheiten beide Räte, allerdings auch mit Hilfe von Frauenstimmrechtsgegnern, die auf ein negatives Verdikt in der Volksabstimmung spekulierten. Im selben Jahr fand in Zürich die zweite SAFFA statt und publizierte Iris von Roten ihr kontrovers aufgenommenes Buch „Frauen im Laufgitter“.

Schliesslich scheiterten sowohl das Zivilschutzobligatorium als auch das Frauenstimmrecht an der Urne. Im März 1957 lehnten die Stimmberechtigten die von beiden Räten einstimmig beschlossene und von allen grossen Parteien zur Annahme empfohlene Zivilschutzvorlage mit 51,9% Nein ab. Ausschlaggebend war eine massive Ablehnung in der Romandie. Bei diesem Urnengang liess die Gemeinde Niederdorf (Basel-Land) die Frauen konsultativ abstimmen. Die Walliser Gemeinde Unterbäch nahm sogar die Frauen ins Stimmregister auf und liess sie an der Abstimmung teilnehmen. Ihre separat gesammelten Stimmzettel mussten in der Folge annulliert werden, das Ereignis erfuhr aber landesweite Beachtung. Am 1. Februar 1959 schickten die Stimmberechtigten das eidgenössische Frauenstimmrecht mit 66,9% Nein bachab. Zustimmende Mehrheiten gab es einzig in den Kantonen Genf, Neuchâtel und Waadt, während in Appenzell-Innerrhoden die Vorlage von 95,1% der Stimmenden verworfen wurde. Von den Parteien hatten die SP, der Landesring der Unabhängigen und die Partei der Arbeit Ja-Parolen beschlossen. Freisinn und Katholisch-Konservative gaben Stimmfreigabe, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei gab die Nein-Parole heraus. Nach der Abstimmung organisierten die Lehrerinnen des Basler Töchtergymnasiums einen eintägigen Proteststreik. Immerhin führten 1959 die Kantone Waadt und Neuchâtel als erste das kantonale Frauenstimmrecht ein, gefolgt von Genf (1960), Basel-Stadt (1966), Basel-Land (1968), Tessin (1969), Wallis, Luzern und Zürich (1970). Demgegenüber sprachen sich in Appenzell-Innerrhoden 1969 und 1970 nicht nur die Männer-Landsgemeinde zwei Mal gegen das Frauenstimmrecht aus, sondern 1969 in einer Konsultativabstimmung auch rund 55% der Frauen. 1971 hiess die Innerrhoder Landsgemeinde wenigstens das fakultative Frauenstimmrecht in Kirch- und Schulgemeinden gut.

Mit den fehlenden politischen Rechten der Frauen stand die Schweiz in Europa nun zunehmend isoliert da. Von den Staaten, die am Ende der Zwischenkriegszeit das Frauenwahlrecht noch nicht kannten, führten es die meisten um 1945 ein. Als Nachzügler folgten Griechenland (1952) und Zypern (1960) sowie die Mikrostaaten San Marino (1958, passives Wahlrecht erst 1973), Monaco (1962) und Andorra (1970, passives Wahlrecht erst 1973). Spanien und Portugal besassen unter den Diktaturen Francos und Salazars ein eingeschränktes Frauenwahlrecht, das erst mit dem Übergang zur Demokratie Mitte der 70er Jahre universalisiert wurde. Einzige europäische Staaten ganz ohne Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene waren zu Beginn der 70er Jahre die Schweiz, das Fürstentum Liechtenstein und der absolutistische Staat der Vatikanstadt. Die Sonderstellung der Schweiz führte zu Problemen bei der Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK).

Die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz – und in Appenzell

Ende der 60er Jahre plante der Bundesrat den Beitritt zur EMRK mit einem Vorbehalt bezüglich des Frauenstimmrechts. Dagegen protestierten die Frauenorganisationen massiv. Neben die traditionellen Frauenstimmrechtsvereine trat zu jener Zeit unter dem Einfluss von „68“ die neue Frauenbewegung mit einem breiteren Verständnis von Feminismus und einem radikaleren Aktionsrepertoire. Wichtigste Organisation dieser Richtung wurde um 1970 die „Frauenbefreiungsbewegung“ (FBB). In Zürich trat die FBB erstmals 1969 öffentlich in Erscheinung, als sie einen Fackelzug des kantonalen Frauenstimmrechtsvereins mit einem improvisierten Strassentheater konkurrenzierte und damit gegen das doch recht traditionelle Rollenverständnis der alten Frauenbewegung protestierte. Am 1. März 1969 kam es mit dem „Marsch nach Bern“ zu einer grossen Demonstration für das Frauenstimmrecht. Emilie Lieberherr, die Präsidentin des Organisationskomitees und im Folgejahr erstes weibliches Mitglied der Zürcher Stadtregierung, hielt bei der Abschlusskundgebung fest: „Wir stehen hier nicht als Bittende, sondern als Fordernde“, und skandierte mit der Menge: „Schtüüre zaale, aber au a d’Wahle!“

Vor diesem Hintergrund arbeitete der Bundesrat eine neue Frauenstimmrechtsvorlage aus, die die Eidgenössischen Räte ohne Gegenstimme passierte und in der Volksabstimmung von sämtlichen Parteien zur Annahme empfohlen wurde. Am 7. Februar 1971 nahmen die stimmberechtigten Männer die Einführung des Frauenstimmrechts mit 65,7% Ja an. Immer noch gab es indessen sechseinhalb ablehnende Stände (St. Gallen, Thurgau, Schwyz, Uri, Glarus, Obwalden und die beiden Appenzell) – am massivsten lehnte erneut Appenzell-Innerrhoden mit 71,1% Nein ab. Demgegenüber betrug die Zustimmung im Kanton Genf 91,1%. Bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober 1971 schafften zehn Frauen den Sprung in den Nationalrat (je drei SP, FDP und CVP und eine PdA). Zudem wurde mit der Genfer Freisinnigen Lisa Girardin die erste Ständerätin gewählt. Girardin war zuvor jeweils als Pionierin 1961 in den Grossen Rat Genf und 1967 in die Genfer Stadtregierung gewählt worden und hatte 1968 als Stadtpräsidentin von Genf amtiert.

In der Folge führten die meisten verbliebenen Kantone 1971/72 auch das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht ein. In den beiden Appenzell erfolgte dieser Schritt aber bis Ende der 80er Jahre nicht. Damit gab es mit den an der Männer-Landsgemeinde gewählten Ständeräten dieser Halbkantone weiterhin Mitglieder der Bundesversammlung, die nicht durch das allgemeine Wahlrecht legitimiert waren. Inzwischen hatte auch das Fürstentum Liechtenstein das Frauenstimmrecht eingeführt. Im Februar 1971, drei Wochen nach der Abstimmung in der Schweiz, war dieses noch knapp mit 51% Nein abgelehnt worden, ebenso in einer weiteren Abstimmung 1973 mit sogar 55,9% Nein. Im dritten Anlauf sagten dann im April 1984 die männlichen Stimmenden im „Ländle“ mit 51,3% knapp Ja zum Frauenstimmrecht. Fünf Jahre später, am 30. April 1989, beschloss die Landsgemeinde von Appenzell-Ausserrhoden in Hundwil mit knappem Handmehr die Einführung des Frauenstimmrechts, nachdem sie diesen Schritt in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten fünf Mal abgelehnt hatte. Im folgenden Jahr lehnten hingegen die Innerrhoder Männer an der Landsgemeinde in Appenzell das Frauenstimmrecht zum fünften Mal deutlich ab. Aufgrund einer bereits 1989 eingereichten Stimmrechtsbeschwerde von Theresia Rohner sowie weiterer Beschwerden nach dem negativen Landsgemeindebeschluss befasste sich nun das Bundesgericht mit der Angelegenheit. Am 27. November 1990 entschied das Gericht, dass eine „zeitgemässe“ (statt einer „grammatikalischen“ oder „historischen“) Auslegung der Innerrhoder Verfassung bei den Formulierungen „Landleute“ und „Schweizer“ die Frauen mitmeinte und damit ohne Verfassungsänderung das Frauenstimmrecht einzuführen sei. An der nächsten Landsgemeinde im April 1991 versammelten sich dann erstmals auch Frauen im Ring in Appenzell. Statt mit dem Seitengewehr legitimierten sie sich, wie im Rest der Schweiz, mit gedruckten Stimmrechtsausweisen.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.117 SP Frauen Schweiz, Femmes Socialistes Suisses, Donne socialiste svizzere
  • Ar 1.130.11 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Frauen- und Jugendbewegung
  • Ar 1.310.6 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Frauenstimmrecht
  • Ar 6 Frauenstimmrechtsverein Zürich
  • Ar 17 SAFFA 1958
  • Ar 27.70.7 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Abstimmungen 1959-1963
  • Ar 27.70.22 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1943-1951
  • Ar 27.70.24 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1965-1966
  • Ar 27.70.25 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1969
  • Ar 27.85.7 SP Frauen Kanton Zürich: Akten 1918-1970
  • Ar 27.90.1 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Unterschriftenbogen von Volksinitiativen, Referenden und Petitionen 1917-1963
  • Ar 29 Schweizerischer Verband für Frauenrechte, Association suisse pour les droits de la femme
  • Ar 152.30.6 Nachlass Hedi Lang: Nationalratswahlen 1971-1979 und Wahl zur NR-Präsidentin 1981
  • Ar 170.15.20 Nachlass Herman Greulich: Diverses Nationalrat 1899-1924
  • Ar 198.19.3 Nachlass Klara Kaufmann: Zeitungsartikel und Leserbriefe 1945-1989
  • Ar 198.20.1 Nachlass Hanna Seiler-Frauchiger: Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht
  • Ar 201.16 Schweizerischer Arbeiterinnenverband
  • Ar 201.85 Verein Aktiver Staatsbürgerinnen / Verein für Frauenrechte / Frauenstimmrechtsverein / Union für Frauenbestrebungen
  • Ar 437 Frauen/Lesben-Archiv
  • Ar 465 Frauenbefreiungsbewegung Zürich (FBB) / Autonomes Frauenzentrum Zürich
  • Ar SGG A 70 A 1929 a Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Allgemeine Korrespondenz 1929
  • Ar SMUV 01D-0051 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Innenpolitik: Frauenstimmrecht; etc. 1919-1957
  • Ar SMUV 07A-0252 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Frauengruppen der Sektionen: Bienne, St. Imier, Vallorbe, Yverdon; Dokumentation Frauenstimmrecht 1961-1974

Sachdokumentation

  • KS 396/16+17 Frauenstimmrechtsbewegung: Ausland
  • KS 396/18-20 Frauenstimmrechtsbewegung: Schweiz
  • QS 21.5 Frauenstimmrecht
  • ZA 21.5 Frauenstimmrecht: Schweiz & Ausland
  • ZA 21.5 *1 Frauenstimmrecht: Allg. & Ausland
  • ZA 21.5 *2 Frauenstimmrecht: Schweiz

Bibliothek

  • Arroyo, Manuel: Praxis des Bundesgerichts zur Gleichberechtigung von Mann und Frau (1848–1981): Eine rechtshistorische Analyse mit besonderer Berücksichtigung der Auseinandersetzung um die politische Gleichstellung der Frau in der Schweiz. Basel 2001, 109851
  • Atherton, Kathryn: Suffragette planners and plotters: The Pankhurst/Pethick-Lawrence story. Yorkshire 2019, 143156
  • Bader-Zaar, Birgitta und Mineke Bosch (Hg.): Frauenwahlrecht – umstrittenes Erinnern (= L’Homme 32/1, 2021), D 5501
  • Baker, Jean H. (Hg.): Votes for women: The struggle for suffrage revisited. New York 2002, 110584
  • Banaszak, Lee Ann: Why movements succeed or fail: Opportunity, culture, and the struggle for woman suffrage. Princeton 1996, 110717
  • Banzer, Roman et al. (Hg.): Demokratische Momente. Zürich 2017, 136610: 1
  • Bijon, Béatrice und Claire Delahaye (Hg.): Suffragistes et suffragettes: La conquête du droit de vote des femmes au Royaume-Uni et aux Etats-Unis. Lyon 2017, 138844
  • Blaustrumpf ahoi! (Hg.): „Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich: Geschlechterdemokratie als gesellschaftspolitische Herausforderung. Wien 2019, 143497
  • Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts in eidgenössischen Angelegenheiten (vom 22. Februar 1957). O. O. 1957, Hf 5017
  • Boucherin, Nadine: Les stratégies argumentatives dans les débats parlementaires suisses sur le suffrage féminin (1945–1971). Fribourg 2012, 128006
  • Briatte, Anne-Laure: Bevormundete Staatsbürgerinnen: Die „radikale“ Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich. Frankfurt/New York 2020, 143466
  • Cohen, Yolande und Françoise Thébaud (Hg.): Féminismes et identités nationales: Les processus d’intégration des femmes au politique. Lyon 1998, 103911
  • Cowman, Krista: Women in British politics, c.1689–1979. Basingstoke 2010, 126080
  • Cullen Owens, Rosemary: Smashing times: A history of the Irish women’s suffrage movement 1889–1922. Dublin 1984, Hf 677
  • Delfosse, Marianne: Emilie Kampin-Spyri (1853–1901): Das Wirken der ersten Schweizer Juristin unter besonderer Berücksichtigung ihres Einsatzes für die Rechte der Frau im schweizerischen und deutschen Privatrecht. Zürich 1994, 99006
  • Dokumente: Verein „1966–2016: 50 Jahre Frauenstimmrecht im Kanton Basel-Stadt“: Schlussbericht Projekt. Arlesheim 2016, Gr 14120
  • Du Roy, Albert und Nicole du Roy: Citoyennes! Il y a cinquante ans, le vote des femmes. Paris 1994, 97379
  • Eggenberger, Elsbeth at al.: Frauenstimmrecht in der Schweiz. O. O. u. J., Hg 93
  • Escher, Nora: Entwicklungstendenzen der Frauenbewegung in der deutschen Schweiz, 1850–1918/19. Zürich 1985, 65999
  • Fakultatives Frauenstimmrecht in den Gemeinden: Abstimmung vom 18. Februar 1968. Bern 1968, Gr 1546
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  • Ferner, Elke (Hg.): 90 Jahre Frauenwahlrecht! Berlin 2008, 122141
  • Frauen Macht Geschichte: Frauen- und gleichstellungspolitische Ereignisse in der Schweiz 1848–1998. Bern 1998-1999, Gr 9522: 1+2
  • Das Frauenstimmrecht: Referat der Genossin Frau Marie Walter gehalten am Sozialdem. Parteitag in Neuenburg (8., 9. und 10. November 1912). Zürich 1913, Hf 4814
  • Frei, Annette: Rote Patriarchen: Arbeiterbewegung und Frauenemanzipation in der Schweiz um 1900. Zürich 1987, 82976
  • Frey, Peter: L’opinion publique et les élites face au suffrage féminin en Suisse particulièrement dans les villes de Genève et de Zurich (1920–1960). Genf 1970, 42917
  • Fulford, Roger: Votes for women: The story of a struggle. London 1957, 23654
  • Furter, Daniel A.: „Die umgekehrten Suffragetten“: Die Gegnerinnen des Frauenstimmrechts in der Schweiz von 1958–1971. Bern 2003, Gr 11202
  • Gleiches Recht für die Schweizer Frau. Zürich 1965, Hf 546
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  • Hagner, Serpentina: Kurze Entstehungsgeschichte einer Selbstverständlichkeit: 100 Jahre Frauen-Wahlrecht in Deutschland. Baar 2020, Gr 15092
  • Hannam, June et al. (Hg.): International encyclopedia of women’s suffrage. Santa Barbara 2000, Gr 10682
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  • Hardmeier, Sibylle: Was uns der Frauenstimmrechtskampf über die „Erfindung“ der Demokratie lehrt, in: Quellen und Studien 30 (2004). S. 75-108, D 5026:30
  • Heinzelmann, Gertrud: Schweizerfrau – Dein Recht! Neue Aspekte der Rechtsgleichheit seit Einführung des integralen Frauenstimm- und -wahlrechts auf kantonalem Boden: Zum 1. Februar 1960 dem Schweizerischen Verband für Frauenstimmrecht gewidmet von seiner Präsidentin. Zürich 1960, 85600
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  • Holenstein, Katrin und Elisabeth Ryter: Rote Fahnen – lila Tücher: 8. März: Zur Geschichte des Internationalen Frauentages in der Schweiz. Bern 1993, Gr 8106
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  • Joris, Elisabeth und Renate Wegmüller (Hg.): Stimmen, wählen und gewählt werden sei hinfort unsere Devise und unser Ziel: Kurze Geschichte des Frauenstimmrechts in Quellen. Wettingen 2011, 124067
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  • Knöpfli, Elisabeth: Die öffentlichen Rechte und Pflichten der Frau nach schweizerischem Recht. Affoltern am Albis 1942, 12453
  • Kranz, Sabine und Annegret Ritter (Hg.): 100 Frauen und 100 Jahre Frauenwahlrecht. Berlin 2019, 141319
  • Kreis, Georg (Hg.): Das Basler Frauenstimmrecht: Der lange Weg zur politischen Gleichberechtigung von 1966. Basel 2016, 134908
  • Liebig, Sabine und Brigitte Übel: 19. Januar 1919: Frauenwahlrecht: Ein Meilenstein zur Gleichberechtigung. Stuttgart 2020, 144665
  • Linnemann, Dorothe (Hg.): Damenwahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht. Frankfurt 2018, in Bearbeitung
  • Lüscher, Liselotte: Eine Frau macht Politik: Marie Boehlen, 1911–1999. Zürich 2009, 121780
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  • Medienberichte: Dezember 2015 bis Juli 2016: Verein „1966–2016: 50 Jahre Frauenstimmrecht im Kanton Basel-Stadt“. Arlesheim 2016, Gr 14119
  • Meiners, Antonia (Hg.): Die Suffragetten: Sie wollten wählen – und wurden ausgelacht. München 2016, 133161
  • Mesmer, Beatrix: Staatsbürgerinnen ohne Stimmrecht: Die Politik der schweizerischen Frauenverbände 1914–1971. Zürich 2007, 117394
  • Meyer, Peter C. (Hg.): Politische Brücken bauen: Liselotte Meyer-Fröhlich, Pionierin für Frauenrechte. Zürich 2015, 133584
  • Moor, Karl: Ueber das Stimmrecht der Frauen: Rede, gehalten am 28. Februar 1912 im Grossen Rate des Kantons Bern. Bern 1912, Hf 487
  • Neumayer, Elisabeth: Schweiz und Frauenstimmrecht. O. O. 1932, 8130
  • Newman, Vivien: Suffragism and the Great War. Barnsley 2018, 140765
  • Popp, Eva-Maria et al.: Stimmt! 100 Jahre Frauenwahlrecht: Tausche #metoo gegen Yes, I can. Pfarrkirchen 2018, 143729
  • Pugh, Martin: The march of the women: A revisionist analysis of the campaign for women’s suffrage, 1866–1914. Oxford 2000, 108644
  • Purvis, June: Emmeline Pankhurst: A biography. London 2002, 110227
  • Rahm, Berta: Marie Goegg (geb. Pouchoulin): Mitbegründerin der Internationalen Liga für Frieden und Freiheit, Gründerin des Internationalen Frauenbundes, des Journal des femmes und der Solidarité. Schaffhausen 1993, 95638
  • Richter, Hedwig und Kerstin Wolff (Hg.): Frauenwahlrecht: Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa. Hamburg 2018, 139525
  • Rogger, Franzsika: „Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte!“: Marthe Gosteli, ihr Archiv und der übersehene Kampf ums Frauenstimmrecht. Zürich 2015, 131352
  • Rogger, Franziska: Marthe Gosteli: Wie sie den Schweizerinnen ihre Geschichte rettete. Bern 2017, 136255
  • Rohner, Isabel und Rebecca Beerheide (Hg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht: Ziel erreicht! … und weiter? Sulzbach 2017, 143782
  • Rohner, Isabel und Irène Schäppi (Hg.): 50 Jahre Frauenstimmrecht: 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung. Zürich 2020, 144725
  • Rom, Pierre: Die Frau in der Politik: Der Kampf der Frauen um ihre politischen Rechte aus freisinniger Sicht. Urtenen 2006, 116725
  • Rosenbusch, Uta: Der Weg zum Frauenwahlrecht in Deutschland. Baden-Baden 1998, 104659
  • Roten, Iris von: Frauen im Laufgitter: Offene Worte zur Stellung der Frau. Bern 1958, 24210
  • Roten, Iris von: Frauenstimmrechts-Brevier: Vom schweizerischen Patentmittel gegen das Frauenstimmrecht, den Mitteln gegen das Patentmittel, und wie es mit oder ohne doch noch kommt. Basel 1959, Hf 7539
  • Ruckstuhl, Brigitte und Elisabeth Ryter: Beraten – bewegen – bewirken: Zürcher Frauenzentrale, 1914–2014. Zürich 2014, Gr 13237
  • Ruckstuhl, Lotti: Frauen sprengen Fesseln: Hindernislauf zum Frauenstimmrecht in der Schweiz. Bonstetten 1986, 80886
  • Rüdiger, Tim: Konsumentinnen vor der Wahl: Die Migros auf dem langen Weg zum Frauenstimmrecht in der Schweiz (1925–1971). Basel 2020, Gr 15057
  • Schmid, Denise (Hg.): Jeder Frau ihre Stimme: 50 Jahre Frauengeschichte 1971–2021. Baden 2020, 144655
  • Schulz, Kristina et al.: Frauenbewegung – Die Schweiz seit 1968: Analysen, Dokumente, Archive. Baden 2014, 130444
  • Schwarz, Rudolf: Zwei Dutzend Einwände gegen das Frauenstimmrecht und was ich darauf antworte. O. O. 1928, R 786
  • Schweizerischer Verband für Frauenrechte (Hg.): Der Kampf um gleiche Rechte. Basel 2009, 121128
  • Seitz, Werner: Auf die Wartebank geschoben: Der Kampf um die politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900. Zürich 2020, in Bearbeitung
  • Seler-Sachs, Caecilie: Familie und Frauenstimmrecht: Vortrag. Berlin 2014, Hf 5316
  • Senti, Martin: Geschlecht als politischer Konflikt: Erfolgsbedingungen einer gleichstellungspolitischen Interessendurchsetzung: Eine empirische Untersuchung am Beispiel der Schweiz. Bern 1994, 97903
  • Studer, Brigitte et al. (Hg.): Frauen und Staat: Berichte des Schweizerischen Historikertages in Bern, Oktober 1996. Basel 1998, 105767
  • Taylor Mill, Harriet: Zur Erteilung des Frauenwahlrechts: Essay. Innsbruck 2020, erwartet
  • Trausmuth, Gernot: „Ich fürchte niemanden“: Adelheid Popp und der Kampf für das Frauenwahlrecht. Wien/Berlin 2019, 140927
  • Voegeli, Yvonne: Zwischen Hausrat und Rathaus: Auseinandersetzungen um die politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz 1945–1971. Zürich 1997, 101833
  • Wecker, Regina: Frauen in der Schweiz: Von den Problemen einer Mehrheit. 2 Bde. Zug 1983, 73929: 1+2
  • Wegmüller, Renate: „Die Frau gehört ins Haus“: Frauenstimmrecht und seine Hindernisse in der Schweiz und im Kanton Bern – zugleich ein Beitrag zu Art. 4 Abs. 2 BV. Bern 2000, Gr 10679
  • Weltbund für Frauenstimmrecht (Hg.): Frauenstimmrecht in der Praxis: 1913. Dresden 1913, 85351
  • Wickert, Christl (Hg.): Heraus mit dem Frauenwahlrecht: Die Kämpfe der Frauen in Deutschland und England um die politische Gleichberechtigung. Pfaffenweiler 1990, 92147
  • Woodtli, Susanna: Gleichberechtigung: Der Kampf um die politischen Rechte der Frau in der Schweiz. Frauenfeld 1983, 75125
  • Zetkin, Clara: Zur Frage des Frauenwahlrechts. Berlin 1907, Hf 4705
  • Ziegerhofer, Anita: Ohne Frauenbewegung kein Frauenwahlrecht: „Müht Euch um den Stimmzettel, er ist der Schlüssel zu allen bürgerlichen Rechten!“ Graz 2018, 141694

Periodika

  • Die Bürgerin, D 4571
  • L’Exploitée, GG 60
  • Frauenbestrebungen: Offizielles Organ der Union für Frauenbestrebungen, NN 1070
  • Die Frauenbewegung: Revue für die Interessen der Frauen, NN 1066
  • Frauenrecht, D 2110
  • Frauenstimmrecht: Organ des Frauenstimmrechtsvereins Zürich, NN 314
  • Jahrbuch der Schweizerfrauen, N 215
  • Le Mouvement féministe: Organe officiel des publications de l’Alliance nationale des sociétés féminines suisses, Z 183
  • Die Staatsbürgerin, N 447
  • Die Vorkämpferin, MFB 19
  • Zeitschrift für Frauenstimmrecht, NN 1066

Filme

  • Goël, Stéphane: De la cuisine au parlement. O. O. 2012, DVD 103
  • Volpe, Petra Biondina: Die göttliche Ordnung. Cham 2017, DVD 156

Ausstellungen zum Thema mit Exponaten aus dem Sozialarchiv

  • 50 Jahre Frauenstimmrecht: Historisches Museum Luzern, 23. Oktober 2020 – 29. August 2021
  • Hommage 2021: 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht: Bildprojektionen auf dem Bundesplatz (7. – 16. Februar 2021) und in der Berner Altstadt (7. Februar – 30. Juni 2021) sowie Hintergrund-Website.
  • FRAUEN.RECHTE: Landesmuseum Zürich, 5. März – 18. Juli 2021.
  • «Was wollt ihr denn noch?» 50 Jahre Frauenstimmrecht in Zürich: Stadthaus Zürich, 9. April – 9. Oktober 2021.

 

Vor 100 Jahren: Die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“

Dieser Tage ist viel von Verschwörungstheorien die Rede. Deren rasante Verbreitung wird vor allem mit den Möglichkeiten der neuen sozialen Medien in Verbindung gebracht. So kursiert seit über einem Jahrzehnt in den internationalen rechtsextremen Szenen die Vorstellung vom «Grossen Austausch», einem angeblichen Geheimplan, die europäischen Bevölkerungen gegen muslimische oder afrikanische ImmigrantInnen «auszutauschen». Verantwortlich für diesen «Plan», an dessen Wahrheitsgehalt auch die Attentäter der Terroranschläge von Oslo und Utøya (2011), Christchurch (2019) und Halle (2019) glaubten und auf den verschiedene AfD-, FPÖ- und FIDESZ-Politiker in Reden und Kampagnen angespielt haben, sollen wahlweise die «Globalisten», die «Elite», «die Juden», die «Multikulturalisten», der Investor und Mäzen George Soros, Bundeskanzlerin Angela Merkel, die UNO oder die Europäische Union sein. Von 2017 bis zu den Präsidentschaftswahlen vom November 2020 verbreitete die anonyme Figur «QAnon» im Internet Meldungen über einen angeblichen Kampf Donald Trumps gegen den auf eine Diktatur hinarbeitenden «Deep State» und eine pädophil-satanistische Verschwörung unter Beteiligung von Spitzenpolitikern der Demokratischen Partei, George Soros, der Rothschild-Familie und anderen «Globalisten» – und trug damit wesentlich zur Mobilisierung für den Sturm auf das United States Capitol vom 6. Januar 2021 und seitherigen Sehnsüchten nach einem Putsch bei. Auch um die Corona-Pandemie ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien. Unter Schlagwörtern wie «Plandemie» oder dem auf eine Initiative des Weltwirtschaftsforums (WEF) anspielenden Begriff «Great Reset» wird in Blogs etwa behauptet, Corona sei absichtlich von «den globalen Eliten» (oder wahlweise von Microsoft-Gründer Bill Gates oder «den Juden») in Umlauf gesetzt worden, um ein totalitäres System mit einer Weltregierung, Abschaffung der Eigentumsverhältnisse, Unterdrückung der Meinungsäusserungsfreiheit und Zwangsimpfungen mit Kontrollchips zu installieren.

Verschwörungstheorien sind indessen keine Neuerung unserer Zeit. In der Tat sind in den letzten zwei Jahrhunderten so viele Verschwörungstheorien zirkuliert, dass es darüber sogar ein (in der Bibliothek des Sozialarchivs greifbares) Lexikon gibt. Die interdisziplinäre Forschung zu Verschwörungstheorien hebt unter den psychologischen, sozialen und politischen Ursachen für die Akzeptanz solcher Phantasmagorien den Faktor Verunsicherung besonders hervor. In diesem Kontext vermittelt die Vorstellung von Verschwörungen und einem «unsichtbaren Regisseur» in als chaotisch empfundenen Zeiten Orientierung, erleichtert das vermeintliche Verständnis komplexer Entwicklungen und schafft durch Abgrenzung gegen «böse Mächte» Zugehörigkeitsgefühle zur Seite des «Guten». Verschwörungstheorien greifen damit drei Grundmotive abendländischer Geschichtsmetaphysik auf: die Teleologie (es gibt einen Masterplan, der auf ein Ziel hinläuft), den Dualismus zwischen Gut und Böse sowie den Okkultismus, also den scheinbaren Zugang zu einer verborgenen Wirklichkeit. Dies macht Verschwörungstheorien insbesondere in Krisenzeiten für ein breiteres Publikum attraktiv und lässt sie zu einem Manipulationsinstrument werden, das zur Rechtfertigung von Herrschafts-, Unterdrückungs- oder im Extremfall gar Vernichtungsmassnahmen dienen kann.

Die Vorstellung von einer «jüdischen Weltverschwörung»

Die wohl langlebigste und sich am hartnäckigsten haltende Verschwörungstheorie ist die Vorstellung von einer jüdischen Weltverschwörung. Sie erlebte in der krisenhaften Zeit der beiden Weltkriege, als sie auch gezielt zu politischen Propagandazwecken eingesetzt wurde, einen Höhepunkt. Bereits im 19. Jahrhundert waren verschiedene Verschwörungstheorien zirkuliert, die sich auf «die Juden» bezogen, deren rechtliche Gleichstellung in zahlreichen europäischen Ländern eine antisemitische Gegenbewegung nach sich zog. Je nach Situation und Standpunkt wurden dieselben Vorstellungen aber etwa auch in Bezug auf Illuminaten, Jesuiten, Freimaurer, Anarchisten oder Sozialisten geäussert. Im Jahre 1879 behauptete der Journalist Wilhelm Marr in seinem Bestseller «Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum», in Deutschland habe eine «jüdische Fremdherrschaft» die Kontrolle übernommen über Presse, liberale Parteien und Finanzinstitutionen, denen sie «den semitischen Dispositions- und Manipulationsgeist eingeimpft» habe. Marr war vermutlich auch der Erfinder des – von ihm als positive Selbstbezeichnung verwendeten – Begriffs «Antisemit». Dabei gingen aus dem Mittelalter stammende antijüdische Stereotypen – wie die im östlichen Europa bis in die Zwischenkriegszeit zu Gerichtsprozessen führende Legende der rituellen Ermordung christlicher Kinder durch die Juden – mit Argumenten des aufkommenden Rassenantisemitismus Hand in Hand. Sowohl der Kapitalismus als auch der Sozialismus und zahlreiche Aspekte der modernen Kultur und Gesellschaft erschienen aus dieser Warte als jüdische Machwerke.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielten diese Verschwörungstheorien einen scheinbaren Beleg durch die sogenannten «Protokolle der Weisen von Zion». Dieser Text erschien erstmals 1903 in der rechtsextremen St. Petersburger Zeitschrift «Snamja». Deren Herausgeber Pavel Kruschevan hatte kurz zuvor bei einem Pogrom im bessarabischen Chișinău, dem etwa fünfzig Menschen zum Opfer fielen, eine führende Rolle gespielt. In den folgenden Jahren erschienen verschiedene russische und polnische Neueditionen der «Protokolle», zuerst 1905 im Anhang eines Buches des antisemitischen Schriftstellers Sergej Nilus. Der mehrere Dutzend Seiten lange, etwa zur Hälfte aus fiktionalen Büchern des 19. Jahrhunderts plagiierte Text gab vor, Reden eines namenlosen jüdischen Führers vor undatierten Versammlungen der «Weisen von Zion» über Taktik und Ziele einer Weltverschwörung zu sein: Durch Unterwanderung aller Lebensbereiche (etwa Presse, Parteien und Freimaurerlogen), Kriege, Revolutionen, Wirtschaftskrisen, Terroranschläge (etwa von zu diesem Zweck gebauten U-Bahn-Tunnels aus), Rationalismus, Materialismus und Atheismus sollten die christlichen Nationen zermürbt und ein jüdisches Weltreich errichtet werden. Über die genaue Entstehungsgeschichte des Textes in den Jahren unmittelbar vor seiner erstmaligen Publikation und eine mögliche Beteiligung der zaristischen Geheimpolizei an der Fälschung existieren in der Forschung verschiedene Thesen, die auf Textvergleichen, der Analyse sprachlicher Eigenheiten und Überlegungen zur möglichen Identität des Fälschers beruhen. Zweifel an der Echtheit der «Protokolle» kamen schon früh auf. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gelangte eine Untersuchung des russischen Innenministeriums zum Schluss, es handle sich um eine Fälschung.

Verbreitung und Entlarvung der «Protokolle» nach dem Ersten Weltkrieg

Zunächst erzielten die «Protokolle» eine eher geringe Resonanz. Dies änderte sich mit der russischen Oktoberrevolution 1917, als sie im anschliessenden Bürgerkrieg von den antibolschewistischen «Weissen», die sich wiederholt antijüdischer Pogrome mit Zehntausenden von Opfern schuldig machten, in grosser Zahl gedruckt und als Propagandamaterial an die eigenen Truppen verteilt wurden. Nach der bolschewistischen Ermordung der ehemaligen Herrscherfamilie im Juli 1918 wurde im Besitz von Zarin Aleksandra Fjodorovna Nilus’ Buch mit dem Text der «Protokolle» gefunden. Russische Exilanten brachten den Text in der Folge nach Mittel- und Westeuropa, um für ihre Sache zu werben. So erschienen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg Übersetzungen in zahlreichen Sprachen. Die Londoner «Times», die die «Protokolle» zunächst für echt gehalten hatte, veröffentlichte dann bereits im Sommer 1921 eine Artikelserie, die den Text als Fälschung und Plagiat entlarvte. Dies tat seiner weiteren Verbreitung aber keinen Abbruch.

In den Vereinigten Staaten sorgte der Industrielle Henry Ford für eine massenhafte Verbreitung der «Protokolle». Nachdem er sich weitgehend aus der Leitung seiner «Ford Motor Company» zurückgezogen hatte, widmete er sich verstärkt publizistischen Tätigkeiten. In der Zeitung «Dearborn Independent», die Ford 1919 kaufte, erschienen regelmässig antisemitische Artikel, die sich auf die «Protokolle» bezogen und vor einer jüdisch-bolschewistischen Gefahr weltweit und in den USA warnten. Diese Artikel wurden von 1920 bis 1922 unter dem Titel «The International Jew – The World’s Foremost Problem» auch in vier Bänden mit einer Auflage von einer halben Million publiziert, die in 16 weitere Sprachen übersetzt wurden.

Dolchstosslegende und Nazi-Propaganda

In Deutschland wurde der Text der «Protokolle» erstmals Anfang 1920 vom antisemitischen Publizisten Ludwig Müller von Hausen veröffentlicht. Im Vorwort behauptete der Herausgeber, die «Protokolle» seien 1897 auf dem ersten Zionistenkongress in Basel entstanden und von einem russischen Spitzel sichergestellt worden. Die Verbreitung der «Protokolle» in Deutschland wurde nach dem Ersten Weltkrieg dadurch begünstigt, dass sie kompatibel waren mit einer anderen damals weitverbreiteten Verschwörungstheorie: der Dolchstosslegende. Nach der Kriegsniederlage setzten Mitglieder der Obersten Heeresleitung die Lüge in Umlauf, das deutsche Heer sei «im Felde unbesiegt» geblieben, aber durch einen «Dolchstoss in den Rücken» von oppositionellen Zivilisten, Demokraten und Sozialisten, zu Fall gebracht worden. In Tat und Wahrheit hatte die Oberste Heeresleitung bereits Ende September 1918, fünf Wochen vor Beginn der Novemberrevolution, erkannt, dass die militärische Lage aussichtslos war, und die Reichsregierung zu einer Beteiligung der demokratischen Parteien an der Regierung gedrängt, um diese dann für die zu erwartenden harten Friedensbedingungen verantwortlich machen zu können. Den Urhebern der Dolchstosslegende ging es also darum, von den Fehlern der militärischen Führung abzulenken und das ihnen unsympathische demokratische System der neuen Weimarer Republik von Beginn weg zu diskreditieren. Tatsächlich griffen deutschnationale, völkische und nationalsozialistische Kreise die Dolchstosslegende rasch auf und benutzten sie nicht nur in der politischen Agitation gegen die als «Novemberverbrecher» geschmähten demokratischen Parteien, sondern auch in der antisemitischen Propaganda, indem sie nun «die Juden» auch oder sogar vornehmlich für den angeblichen «Dolchstoss» verantwortlich machten.

Im Vorfeld der Reichstagswahlen vom Dezember 1924 publizierten die «Süddeutschen Monatshefte» mehrere «Dolchstossnummern». Als ein sozialdemokratischer Journalist daraufhin den Chefredaktor der Monatshefte der «Geschichtsfälschung» zieh, kam es zu einem Ehrverletzungsverfahren, der als «Münchner Dolchstossprozess» in die Geschichte eingegangen ist. Das Gericht befand Ende 1925, bei der Dolchstossbeschuldigung handle es sich um einen «Irrtum», wertete den Vorwurf der «Geschichtsfälschung» aber dennoch als Ehrverletzung und üble Nachrede, da dem Chefredaktor der Monatshefte keine Absicht unterstellt werden könne. Kurz zuvor hatte ein anderer Prozess um die Dolchstosslegende die Republik erschüttert, nachdem ein Redaktor der «Mitteldeutschen Presse» den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert für die Kriegsniederlage mitverantwortlich gemacht hatte. Im Dezember 1924 verurteilte das Amtsgericht Magdeburg den Journalisten wegen Beleidigung, meinte aber in der Urteilsbegründung, die Behauptung, Ebert habe durch Beteiligung an den Massenstreiks vom Januar 1918 Landesverrat begangen, sei im strafrechtlichen Sinne zutreffend. Das von republikfeindlichen Kreisen gefeierte Verdikt wurde zwar 1931 vom Reichsgericht revidiert. Ebert hatte aber wegen des Prozesses eine dringend notwendige Blinddarmoperation verzögert und verstarb am 28. Februar 1925 überraschend an einem Blinddarmdurchbruch. Dies ermöglichte bei der Neuwahl im Frühjahr 1925 der republikfeindlichen Rechten, mit Paul von Hindenburg, der von 1916 bis 1918 als Generalfeldmarschall die Oberste Heeresleitung geführt hatte, das Reichspräsidium zu übernehmen.

Die antisemitisch angereicherte Dolchstosslegende passte mit den «Protokollen der Weisen von Zion» bestens zusammen. Alfred Rosenberg, der 1917 als baltendeutscher Student in Moskau Augenzeuge der Oktoberrevolution gewesen war, dann zu einem glühenden Antisemiten und schliesslich zum Chefideologen der NSDAP wurde, publizierte 1923 einen ausführlichen Kommentar zu den «Protokollen», der die Entwicklung seit dem Ersten Weltkrieg als Resultat der in den «Protokollen» dargelegten Pläne bezeichnete und unter anderem den Vorwurf enthielt, die jüdisch kontrollierten Zeitungen seien extra unterhaltsam gestaltet, damit die Leserschaft die Fähigkeit zum selbstständigen Denken verlöre. Rosenbergs Kommentar, der in Hitlers «Mein Kampf» mehrfach zitiert wurde, avancierte zu einem Bestseller, erlebte 1924, 1933, 1938 und 1941 Neuauflagen und wurde ab 1933 auch im deutschen Schulunterricht verwendet. Ab 1929 erschien die deutsche Übersetzung der «Protokolle» im Parteiverlag der NSDAP. In der Nazi-Propaganda tauchten sie immer wieder auf. So brachte das antisemitische Hetzblatt «Der Stürmer» zwischen 1933 und 1941 nicht weniger als 19 Titelgeschichten, die auf die «Protokolle» Bezug nahmen. In solchen Propagandapublikationen konnten die «Protokolle» nun sowohl mit aus dem Mittelalter stammenden antijüdischen Vorurteilen wie der Ritualmordlegende und der Brunnenvergiftungsbeschuldigung in Zusammenhang gebracht werden als auch mit erschreckend aktuell klingender Polemik gegen das «jüdische» Impfen, das für «Stürmer»-Herausgeber Julius Streicher eine «Rassenschande» darstellte.

Die «Protokolle der Weisen von Zion» in der Schweizer Innenpolitik

Auch in der Schweiz stiessen die «Protokolle» auf Resonanz, schienen sie doch die auch hierzulande vorhandene Vorstellung vom «Judeo-Bolschewismus» zu bestätigen. Schon zwei Wochen nach der Oktoberrevolution hatte zum Beispiel der «Walliser Bote» behauptet, in Russland stehe nun «der Jude Lenin an der Spitze» (Walliser Bote, 24.11.1917). Im Frühjahr 1919 zitierten verschiedene Schweizer Blätter zustimmend aus ausländischen Zeitungen wie der «Wiener Reichspost» und der «Deutschen Allgemeinen Zeitung», die einen Zusammenhang zwischen Judentum und Bolschewismus herstellten. Das «Journal de Genève» wies im März 1919 auf das Judentum als angeblich verbindendes Element von Kommunisten und Sozialdemokraten im post-habsburgischen Raum hin, hielt anderthalb Jahre später dann aber fest, die weit verbreitete Vorstellung vom Bolschewismus als jüdische Erfindung sei eine Legende (Journal de Genève, 29.3.1919 und 28.7.1920). Der «Nebelspalter» reimte im August 1919 nach zwei lokalen Generalstreiks in Basel und Zürich: «Was denn bekümmert uns Vaterlands Not? Wer nicht Genosse, den schlagen wir tot, Weib, Kind und Gut – ein gemeinsamer Sud, Wie es geboten der russische Jud’» (Nebelspalter 34/1919). Das «Appenzeller Sonntagsblatt» meinte im Dezember 1919, das «internationale Judentum» habe «in der Person Trotzkis und anderer die Herrschaft in Russland an sich gerissen». Ein Jahr darauf publizierte der «Wehnthaler» eine Serie antisemitischer Karikaturen zur kurzlebigen ungarischen Räterepublik vom Frühjahr 1919. Ähnliche Bilder erschienen noch 1933 unter dem Titel «Les Maîtres de la Révolution judéo-bolchevique» in mehreren Zeitungen der Romandie. Sie waren als Ausdruck der transnationalen Vernetzung des Antisemitismus der britischen Schrift «The Jewish bolshevism» von 1922 entnommen.

Ab dem Sommer 1920 wurden die «Protokolle der Weisen von Zion» auch in der Schweizer Presse bekannt. Der katholisch-konservative Redaktor der Wochenzeitung «Schweizerische Republikanische Blätter», Johann Baptist Rusch, publizierte im August 1920 einen Artikel darüber, der wenige Tage darauf unter dem Titel «Die jüdische Gefahr» auch auf der Frontseite des «Walliser Boten» erschien und die Echtheit der «Protokolle» erwiesen sah: «Juda regiert die Welt. Juda hat den Löwenanteil an der Beute aus dem entsetzlichen Zusammenbruch der europäischen Völkerfamilie davongetragen. Juda steht an der Spitze des Bolschewismus, des revolutionären Sozialismus. Juda bildet das furchtbare Sprengpulver im sozialen, politischen und religiösen Leben der Völker. Juda manövriert als unsichtbarer Regisseur hinter den blutbespritzten Kulissen des schaurigen Völkerkrieges und der aus ihm entsprungenen Weltrevolution» (Walliser Bote, 1.9.1920). Rusch sollte sich später dann von dieser Meinung distanzieren und die «Protokolle» in den 30er-Jahren öffentlich als Fälschung im Dienste antisemitischer Propaganda anprangern.

Im diplomatischen Apparat der Eidgenossenschaft war die Vorstellung vom «Judeo-Bolschewismus» ebenfalls bereits vor der Verbreitung der «Protokolle» im Westen verankert. Am 20. November 1918 mahnte das Eidgenössische Politische Departement die Gesandtschaft in Wien zur Vorsicht bei der Visaerteilung für Diplomaten aus den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie und betonte: «Défiez-vous surtout des Juifs, les expériences russes nous y engagent. De même des femmes.» Ende Februar 1919 schrieb der Gesandte in Wien, Charles-Daniel Bourcart, der Bolschewismus sei augenscheinlich nichts anderes, als die «Beherrschung der Welt durch den jüdischen Intellekt». Nach der Errichtung einer kurzlebigen Räterepublik in Ungarn meldete er dann im April, das Land werde nun «von diesem modernen Typus des Halbgebildeten» regiert, «Kaffeehaustheoretiker, alles Juden, die jahrelang in unproduktiven Theorien unbefriedigtem Machttrieb huldigten». Edouard Odier, bis Ende 1917 Gesandter in Petrograd, behauptete im selben Monat in einem Bericht an Bundesrat Felix Calonder, fast alle bolschewistischen Führer seien Juden, die ihre Herkunft unter russisch klingenden Namen verbergen würden. Einige Wochen früher hatte Konsul Suter aus Warschau geschrieben, es müsse «eine Organisation existieren», die sich zur Aufgabe gestellt habe, «die Weltherrschaft des Judentums auf kommunistischer Grundlage wieder aufzurichten». Ein Bericht des Politischen Departements an die Schweizer Gesandtschaften vom März 1921 nahm dann ausdrücklich auf die «Protokolle» Bezug: «Es ist wichtig festzuhalten, was durch undiskutable Tatsachen bewiesen ist, nämlich, dass ein guter Teil des Programms der ‹Protokolle› im Verlauf der bolschewistischen Revolutionen in Russland und Ungarn ausgeführt worden ist. Es ist übrigens offenkundig, dass die Juden die Weltrevolution leiten […].»

In der Ausländerpolitik hinterliess das Phantasma des «Judeo-Bolschewismus» ebenfalls rasch Spuren. Ende 1918 wurden des Bolschewismus verdächtige RussInnen verhaftet. Im Februar 1919 erfolgte die Abschiebung von fünfzehn Männern und vier Frauen im ersten «Russenzug». Im Verlauf des Jahres 1919 kamen drei weitere «Russenzüge» hinzu, wobei ein grosser Teil dieser Abgeschobenen «Ostjuden» waren. Im Oktober 1919 hiess es in einem Lagebericht der Nachrichtensektion des Generalstabes an die Bundesanwaltschaft: «Es sind gegenwärtig hauptsächlich ausländische Elemente, denen die Ruhe in unserem Lande nicht gefällt […]. Es ist bedauerlich, dass es bis heute nicht gelungen ist, sich des Chefs des Russischen Roten Kreuzes, Herrn Bagotzky, zu entledigen, der […] zweifellos zur Gruppe der ‹indésirables› gehört. Er hat einen Anhang von Juden um sich […], die als notorische Bolschewisten bekannt sind und mit denen mehr oder weniger anständige Russen nichts zu tun haben wollen. […] Zweifellos ist, dass die Judenfrage für unser Land an Bedeutung immer zunimmt.»

Das Phantasma einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung liess sich auch auf den Landesstreik vom November 1918 anwenden. Die Vorstellung einer russischen Steuerung der Schweizer Protestbewegungen war schon Monate vor dem Ereignis durch die Köpfe gegeistert und hatte den Bundesrat – auch auf diplomatischen Druck der Westmächte – am 6. November zum Beschluss veranlasst, die Sowjetmission des Landes zu verweisen. Eine unmittelbar danach begonnene, grossangelegte Untersuchung der Bundesanwaltschaft förderte (wie auch die spätere Sichtung sowjetischer Akten durch die historische Forschung) keine Belege für eine organisatorische Zusammenarbeit zwischen Oltener Aktionskomitee und der Sowjetmission zutage. Im Landesstreikprozess vom Frühjahr 1919 bezeichnete der Auditor denn auch den Vorwurf, beim Streik habe «fremdes Geld» eine Rolle gespielt, als «Legende». Kurz darauf publizierte aber der exilrussische Arzt, Schriftsteller und Übersetzer Serge Persky in der «Gazette de Lausanne» einen angeblichen sowjetischen «plan du terrorisme en Suisse». Persky, der auch Informant des französischen Nachrichtendienstes war, hatte nach der Oktoberrevolution in mehreren Ländern über 170 antibolschewistische Artikel mit «Fake News» publiziert, die teilweise aus von ihm gefälschten «Dokumenten» zitierten. Dazu gehörten Ende Oktober und Anfang November 1918 zwei bis in den Bundesrat und ins britische Aussenministerium diskutierte Artikel in der «Gazette de Lausanne» über einen angeblichen aus Russland gesteuerten anarchistisch-bolschewistischen Terrorkomplott, der Anschläge in aller Welt vorsah, unter anderem gegen das Bundeshaus, das Bundesgericht, die Schweizer Nationalbank und die Genfer Hauptpost.

Ende April 1919 nun veröffentlichte Persky angebliche sowjetische «Instruktionen» von Ende Oktober 1918 für einen Umsturz in der Schweiz und die Errichtung einer Diktatur unter dem galizisch-jüdischen Bolschewisten Karl Radek. Persky wollte seit Ende 1918 im Besitz einer Fotografie dieses Dokumentes sein. Ob das Oltener Aktionskomitee von dem Plan gewusst habe, liess er offen, stellte ihn aber als Beweis dafür dar, «que c’est à Moscou que fut décidée en principe la grève en Suisse» (Gazette de Lausanne, 23.4.1919). Andere Blätter druckten den Text in der Folge ab, ohne seine Authentizität zu hinterfragen. Der Zeitpunkt der Publikation war nicht zufällig: Zum einen war der Landesstreikprozess, an dem der Text einer kritischen Analyse unterzogen worden wäre, vorüber, zum anderen verliehen ihm die gerade errichteten kurzlebigen Räterepubliken in Ungarn und Bayern – die in Wirklichkeit beide ohne das Wissen Moskaus entstanden waren – scheinbare Plausibilität. Das Oltener Aktionskomitee wies die angeblichen «Instruktionen» als von Persky entweder selbst angefertigte oder weiterverbreitete Fälschung zurück und auch der freisinnige Untersuchungsrichter Albert Calame konstatierte nach einer Befragung Perskys in einem Bericht an die Bundesanwaltschaft, es handle sich mit grösster Wahrscheinlichkeit um eine Fälschung aus russischen Exilkreisen.

Dennoch wurden die «Instruktionen» jahrzehntelang als angeblicher Beleg für die revolutionären Absichten des Oltener Aktionskomitees und dessen Steuerung aus Moskau geschichtspolitisch verwendet (vgl. SozialarchivInfo 4/2018). Hatte Persky die jüdischen Wurzeln des angeblich als Diktator der «Sowjetschweiz» vorgesehenen Radek nicht besonders betont, so formulierte die «Gazette de Lausanne» bereits im Oktober 1919 eine umfassende «judeo-bolschewistische» Weltverschwörungstheorie, die die Schweiz einschloss (Gazette de Lausanne, 4.10.1919). Auch der Militärpublizist Paul de Vallière reicherte 1926 seine Broschüre «Les troubles révolutionnaires en Suisse de 1916 à 1919», die sich stark auf das gefälschte Persky-Dokument abstützte, antisemitisch an. Von de Vallières Text nährten sich jahrzehntelang Revolutionserzählungen über den Landesstreik, so noch 1960 ein Artikel des Ex-Nachrichtenchefs Roger Masson, der auch de Vallières antisemitische Passagen übernahm. Emil Sonderegger, im Landesstreik Platzkommandant der Ordnungstruppen in Zürich, dann Generalstabschef der Schweizer Armee und in den frühen 30er-Jahren in verschiedenen rechtsextremen «Fronten» aktiv, sprach 1933 in seiner Streitschrift «Ordnung im Staat» von einer zu bekämpfenden «rot-jüdischen Front» aus Kommunisten, Sozialdemokraten, religiös-sozialen Pfarrern, Pazifistinnen und Teilen der Freimaurerei. Zu diesem Zweck fordert er eine neue Bundesverfassung mit einer «unparlamentarischen Regierung» unter Leitung eines «Landammanns», das Verbot der Einbürgerung von «Angehörigen der jüdischen Rasse» sowie Einschränkung der Pressefreiheit (vgl. SozialarchivInfo 5/2020).

Im Jahre 1938 behauptete der Film «La Peste Rouge», die Authentizität des Persky-Dokumentes sei «incontestable», und zeigte sogar einen dicken Dokumentenband, der angeblich die «Instruktionen» (die bei Persky noch in einem Zeitungsartikel Platz gehabt hatten) darstellte. Der von Kreisen um Altbundesrat Jean-Marie Musy und den nachmaligen SS-Obersturmbannführer Franz Riedweg in deutschen Studios produzierte Streifen stellte den Landesstreik zusammen mit der Oktoberrevolution, den Umbrüchen in verschiedenen Ländern zu Ende des Ersten Weltkriegs, dem spanischen Bürgerkrieg sowie Sozialprotest und Unruhen in aller Welt als Teil einer globalen jüdisch-bolschewistisch-intellektualistischen Verschwörung dar, ohne explizit auf die «Protokolle der Weisen von Zion» zu verweisen.

Der «Berner Prozess»

Die Absenz einer ausdrücklichen Erwähnung der «Protokolle» in der «Roten Pest» mag mit einem Ereignis der Vorjahre zusammenhängen: dem sogenannten «Berner Prozess». Im Sommer 1933 hatten der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die Israelitische Kultusgemeinde Bern Strafanzeige gegen mehrere Mitglieder der rechtsextremen Gruppierungen «Nationalsozialistische Eidgenössische Arbeiterpartei» und «Nationale Front» eingereicht, die an einer Veranstaltung mit Emil Sonderegger antisemitisches Material, darunter die deutsche Übersetzung der «Protokolle der Weisen von Zion», verbreitet hatten. Da beide Seiten Gutachter aus dem Ausland beizogen – im Falle der Angeklagten aus dem nationalsozialistischen Deutschland –, zog sich das Verfahren in die Länge. Im Zusammenhang mit diesem Prozess erschien in der Schweiz und in Deutschland eine Reihe von Flugschriften und Büchern, die das Thema kontrovers behandelten und von denen eine Auswahl in der Sachdokumentation des Sozialarchivs greifbar ist. Von antisemitischer Seite wurde dabei unter anderem auch auf die von Persky gefälschten angeblichen «Instruktionen» Bezug genommen.

Das Berner Gericht stellte schliesslich im Mai 1935 fest: «Irgend ein Beweis dafür, dass die sog. Protokolle, wie sie in der Broschüre Fritsch enthalten sind, irgendwo und irgendwann von einem oder mehreren Juden im Auftrag einer geheimen jüdischen Weltregierung ausgearbeitet, vorgetragen, beraten worden sind, ist nicht erbracht worden.» In erster Instanz wurden mehrere Angeklagte wegen der Verbreitung von Schundliteratur verurteilt. Das Berner Obergericht hob dieses Urteil im November 1937 dann auf, da der Begriff «Schundliteratur» gemäss Berner Strafgesetzbuch auf politische Propaganda ohne pornografische oder obszöne Komponente nicht anwendbar sei, zog jedoch den von der Vorinstanz festgestellten fiktiven Charakter der «Protokolle» nicht in Zweifel und bezeichnete das von den Frontisten verteilte Material als «Hetzartikel gemeinster Sorte».

Weiterleben der «Protokolle» nach dem Zweiten Weltkrieg

Auch nach 1945 verschwanden die «Protokolle» nicht von der Bildfläche. In rechtsextremen und rechtsesoterischen Kreisen wurde ihnen weiterhin Glauben geschenkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges nahmen rechtsextreme Publikationen in Europa, den USA und Russland auf sie Bezug. Der nachmalige baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon, der dann schliesslich aus der AfD ausgeschlossen wurde, führte die «Protokolle» noch im Jahre 2012 in seinem Buch «Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten» als Beleg für angebliches jüdisches Machtstreben an. Im selben Jahr las im griechischen Parlament der Abgeordnete Ilias Kasidiaris von der rechtsextremen Partei «Goldene Morgenröte» aus den «Protokollen» vor. Im arabischen Raum sind sie weit verbreitet und werden von nationalistischen wie auch islamistischen Kräften als Propagandamittel gegen Israel genutzt. Im Iran sind die «Protokolle» in den letzten Jahrzehnten von staatlichen Stellen mehrfach neu herausgegeben worden. Rechtsextreme Milizen in den USA empfehlen sie ebenfalls zur Lektüre. Die QAnon-Bewegung glaubt nicht nur an eine modernisierte Form der mittelalterlichen Ritualmordlegende, sondern es tauchte in den Tweets ihrer Anhängerschaft auch schon die Behauptung auf, die «Protokolle der Weisen von Zion» seien echt. Und auch verschiedene andere der aktuell zirkulierenden, teilweise ineinander verfliessenden Verschwörungstheorien greifen – unter ausdrücklicher oder zumindest impliziter Bezugnahme auf die «Protokolle» – die Idee einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung wieder auf.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.125.4 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Judenverfolgungen: Broschüren, Berichte, Resolutionen und Appelle, Zeitungsausschnitte, Unterlagen betr. Antisemitismus in der Schweiz, 1919–1946

Sachdokumentation

  • KS 200/37 «Judenfrage»; Antisemitismus
  • KS 200/37a «Judenfrage»; Antisemitismus
  • KS 200/37b «Judenfrage»; Antisemitismus

Bibliothek

  • Altermatt, Urs: Katholizismus und Antisemitismus: Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen: Zur Kulturgeschichte der Schweiz 1918–1945. Frauenfeld etc. 1999, 105715
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  • Artho, Daniel: Revolution und bolschewistischer Terror in der Schweiz? Der Verschwörungspropagandist Serge Persky und die Deutung des schweizerischen Landesstreiks von 1918, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 69/2 (2019). S. 283-301, D 4212
  • Ben-Itto, Hadassa: «Die Protokolle der Weisen von Zion»: Anatomie einer Fälschung. Berlin 1998, 103373
  • Benz, Wolfgang: Die Protokolle der Weisen von Zion: Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung. 3. überarbeit. Aufl. München 2017, 137514
  • Blume, Michael: Warum der Antisemitismus uns alle bedroht: Wie neue Medien alte Verschwörungstheorien befeuern. Ostfildern 2019, 143153
  • Bronner, Stephen Eric: Ein Gerücht über die Juden: Die «Protokolle der Weisen von Zion» und der alltägliche Antisemitismus. Berlin 1998, 105380
  • Bundi, Annetta: Die Schweizerischen Republikanischen Blätter des konservativen Publizisten J. B. Rusch: Eine aufmüpfige Stimme im Schweizer Blätterwald (1918–1945). Fribourg 1999, 106543
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  • Stein, Alexander: Adolf Hitler: Schüler der «Weisen von Zion». Karlsbad 1936, 8918
  • Stumpf, Sören und David Römer (Hg.): Verschwörungstheorien im Diskurs. Weinheim 2020, 144603
  • Vallière, Paul de: Die revolutionären Umtriebe in der Schweiz von 1916–1919, Schaffhausen 1928, 32/96-7
  • Vász, Stephan: Das Berner Fehlurteil über die Protokolle der Weisen von Zion: Eine kritische Betrachtung über das Prozessverfahren. Erfurt 1935, 9007
  • Wilson, Robert Anton und Miriam Joan Hill: Das Lexikon der Verschwörungstheorien: Verschwörungen, Intrigen, Geheimbünde. 2. akt. Aufl. Frankfurt 2016, 135338

Periodika

  • Der eiserne Besen: Kampfblatt der Nationalen Front, ZZ 298
  • Die Front: Zentrales Kampfblatt der Nationalen Front, Z 83
  • Völkischer Beobachter: Kampfblatt der national-sozialistischen Bewegung Grossdeutschlands, Z 39
Konzert von «Swätsox/Nadafinks» im Kanzlei, Zürich, August 1986 (Foto: Gertrud Vogler; SozArch F 5107-Na-29-078-029)
Konzert von «Swätsox/Nadafinks» im Kanzlei, Zürich, August 1986 (Foto: Gertrud Vogler; SozArch F 5107-Na-29-078-029)

Der Jahresbericht 2020 liegt vor

Das Wichtigste in Kürze

Der vorliegende Bericht legt von einem etwas ungewöhnlichen Jahr Zeugnis ab. Die Corona-Pandemie hat 2020 die Publikumsdienstleistungen, Vermittlungsaktivitäten und innerbetrieblichen Abläufe des Schweizerischen Sozialarchivs massiv beeinflusst. Vom 16. März bis 8. Juni und erneut ab dem 22. Dezember mussten wir unseren Lesesaal schliessen, vom 17. März bis 11. Mai zusätzlich auch den Ausleihschalter. Desinfektionsmittel, Schutzmasken und Zoom-Konferenzen wurden im Laufe des Jahres zu gewohnten Elementen des Arbeitsalltags. Dennoch konnten wir zumindest Teile unserer Publikumsdienstleistungen während des ganzen Jahres aufrechterhalten – wenn auch während des Lockdowns nur auf postalischen und digitalen Wegen. Hinzu kam Anfang Dezember der Wechsel in den neuen schweizweiten Bibliothekskatalog «swisscovery», verbunden mit der Einführung eines neuen Bibliothekssystems, was umfangreiche organisatorische Vorkehrungen und Umschulungen bedingte.

Beides waren freilich für eine Institution mit der Tradition des Schweizerischen Sozialarchivs nicht vollständig neue Erfahrungen. Bereits 1918 hatte die Pandemie der Spanischen Grippe eine mehrwöchige Bibliotheksschliessung verursacht. Und als erste geistes- und sozialwissenschaftliche Institution, die sich 1992 dem digitalen Bibliothekskatalog der ETH Zürich anschloss, war das Sozialarchiv an den verschiedenen technischen und organisatorischen Umstellungen des nun nach drei Jahrzehnten aufgelösten NEBIS-Verbundes stets beteiligt.

«Social Distancing» war im Berichtsjahr ein Schlüsselbegriff und wurde auch in den Räumlichkeiten des Sozialarchivs konsequent umgesetzt. Als Kontrapunkt illustriert diesen Jahresbericht eine Auswahl aus unserem Bildarchiv zu einer Kulturpraxis, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Zusammenhängen seit jeher eine wichtige Rolle gespielt hat: dem kollektiven Gesang. Gerade das Jahr 2020 mit seinen epidemiologisch notwendigen Versammlungsverboten und Einschränkungen des Aerosolausstosses hat die vielfältigen Funktionen dieser vorübergehend kaum noch möglichen Kulturpraxis aufgezeigt – sei es an festlichen Anlässen, politischen Manifestationen, religiösen Versammlungen oder in der Fankurve.

Trotz Corona-Krise und eines temporären Erwerbungsstopps während der Umstellung des Bibliothekssystems hat das Angebot an analogen und digitalen, schriftlichen und audiovisuellen Quellen, wissenschaftlicher und grauer Literatur zu den Schwerpunktthemen des Sozialarchivs im Berichtsjahr wiederum in allen Abteilungen deutlich zugenommen. Wichtige Archivübernahmen waren etwa die Nachlässe des langjährigen SP-Präsidenten Helmut Hubacher und des Fotografen Karlheinz Weinberger, das Firmenarchiv der G.H. Fischer AG, das Archiv der Syna Region Oberer Zürichsee, die Dokumentation zur AIDS-Ausstellung «Problem gelöst? Geschichten eines Virus» sowie eine umfangreiche Nachlieferung zum Archiv von Pink Cross im schwulenarchiv schweiz. Um die trotz der zunehmenden Digitalisierung weiterhin wachsenden physischen Bestände beherbergen zu können, wurde im Frühjahr 2020 ein zusätzliches Aussenmagazin bezogen.

Das Sozialarchiv positionierte sich auch als führende Institution zur Archivierung der Corona-Krise in der Schweiz. Die Sammlung „Digitale Schriften“ in der Sachdokumentation enthielt Ende 2020 über 200 Stellungnahmen von politischen Parteien, Verbänden, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Kirchen und Think-Tanks mit Forderungen, Empfehlungen und Kritikpunkten zur COVID-Politik. Darüber hinaus ist das Sozialarchiv eine Kooperation mit dem Projekt corona-memory.ch eingegangen. Dieses partizipative Archiv ermöglicht es Privatleuten, Texte, Fotos, Filme etc. zum Alltag während der Pandemie mit der Mitwelt zu teilen und für die Nachwelt zu erhalten. Das Sozialarchiv wird als Endarchiv diese Daten übernehmen.

Einen hohen Stellenwert hatten trotz der speziellen Situation auch in diesem Berichtsjahr die Vermittlungsaktivitäten und die Öffentlichkeitsarbeit. Öffentliche Veranstaltungen konnten nur in der Phase zwischen den beiden Epidemie-Wellen durchgeführt und die für September 2020 in Zürich geplante Jahreskonferenz der „International Association of Labour History Institutions“ (IALHI) musste um ein Jahr verschoben werden. Hingegen fanden zahlreiche Führungen für Studierende auf digitalem Weg statt und auch die während des Lockdowns intensiver bewirtschafteten Online-Kanäle (elektronischer Newsletter, Facebook- und Instagram-Auftritt, YouTube-Kanal) stiessen auf ein gutes Echo. Die vom Sozialarchiv mitorganisierte Ausstellung «Zürich 1980» im Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) konnte im September wie geplant eröffnet werden. Der Fonds «Forschung Ellen Rifkin Hill» förderte im Berichtsjahr fünf Projekte, darunter drei Promotionsvorhaben. Zwei in den Vorjahren vom Fonds geförderte Dissertationen wurden im Berichtsjahr erfolgreich verteidigt.

Das Schweizerische Sozialarchiv dankt allen, die es 2020 unterstützt haben: den Behörden, den Vereinsmitgliedern, den Partnerinstitutionen und -vereinigungen, den Benutzerinnen und Benutzern sowie allen Personen und Organisationen, die uns Schenkungen und Leihgaben anvertraut haben. Ein besonderer Dank geht an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die besonderen Herausforderungen des Berichtsjahrs mit grosser Flexibilität und stoischer Gelassenheit bewältigt haben und ohne deren Einsatz das Sozialarchiv seine vielfältigen Aufgaben nicht erfüllen könnte.

> Jahresbericht 2020 (PDF, 858 KB)

Zoé Kergomard: Wahlen ohne Kampf? Schweizer Parteien auf Stimmenfang, 1947–1983. Schwabe Verlag, Basel 2020
Zoé Kergomard: Wahlen ohne Kampf? Schweizer Parteien auf Stimmenfang, 1947–1983. Schwabe Verlag, Basel 2020

Wahlen ohne Kampf?

Online-Buchvernissage am Dienstag, 9. Februar 2021, 18 Uhr

Mit der Autorin Zoé Kergomard (Deutsches Historisches Institut Paris) sowie Christian Koller (Schweizerisches Sozialarchiv), Thomas Metzger (PHSG – Pädagogische Hochschule St. Gallen) und Damir Skenderovic (Universität Fribourg).

Lange wurden die Wahlkämpfe in der Schweiz der Nachkriegszeit nicht als markante Ereignisse wahrgenommen. Zoé Kergomard zeigt in ihrem Buch auf, dass sich in ihnen vielmehr eine besondere Spannung zwischen Stillstand und Bewegung manifestierte, zwischen der Abbildung bestehender Kräfteverhältnisse und der Schaffung neuer politischer Handlungsmöglichkeiten, die bis heute nachwirken.

Anmeldung via: zoekergomard.com/sign-up

Eine Veranstaltung des Deutschen Historischen Instituts Paris in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Sozialarchiv.

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 60 KB)

> Bereits am 3. Februar 2021 um 18 Uhr findet die Online-Buchvernissage in französischer Sprache statt, mit der Autorin Zoé Kergomard sowie Irène Herrmann, Thomas Maissen und Bernard Voutat.

Vor 85 Jahren: Krisenlernen in der direkten Demokratie

Krisen sind Situationen, in denen eine gefährliche Entwicklung nach dringendem Handeln und Veränderungen ruft. Neben die unmittelbare Krisenbewältigung treten zumeist auch Aushandlungsprozesse darüber, wie die Situation nach der Krise aussehen soll. Eine simple Rückkehr zur Vorkrisensituation ist häufig keine Option, die Vorstellungen über die Nachkrisenordnung gehen in der Regel aber massiv auseinander. Dies kann zu erheblichen Konflikten, ja gar zu Gewalt und zum Abgleiten in Diktatur und Krieg führen, aber auch zu Innovationsprozessen, die die Nachkrisenordnung auf ein stabileres Fundament stellen. Ein Paradebeispiel für solche Entwicklungen ist die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre, die in verschiedenen Ländern zu ganz unterschiedlichen Krisenbewältigungsstrategien führte. In der Schweiz spielte dabei die direkte Demokratie eine wichtige Rolle, insbesondere im Jahre 1935, als gleich zwei Volksinitiativen mit weitreichenden Veränderungszielen vors männliche Stimmvolk kamen.

Die Grosse Depression

Die Weltwirtschaftskrise ging von den USA aus. Am Ende der „Roaring Twenties“ stürzte im Oktober 1929 ein Börsencrash die unter verschiedenen strukturellen Problemen – Produktionsüberkapazitäten in der Industrie, hohe Privatverschuldung, landwirtschaftliche Überproduktion – leidende amerikanische Volkswirtschaft in eine Abwärtsspirale: Konkurse verschuldeter Firmen führten zu Massenentlassungen. Die steigende Arbeitslosigkeit und die unsichere Wirtschaftslage liessen die Nachfrage nach Konsumgütern sinken. Dadurch verschärfte sich das Problem der Überproduktion. Die Preise gingen zurück, die Produktion wurde eingeschränkt, was weitere Entlassungen zur Folge hatte. Diese wiederum führten zu einem weiteren Nachfragerückgang. Die Folgen dieses deflationären Teufelskreises waren katastrophal: Das Bruttosozialprodukt der USA brach in den Krisenjahren um 28 % ein. Die Arbeitslosigkeit stieg und diejenigen, die noch Arbeit hatten, erlitten grosse Einkommensverluste. Auch die Bauern wurden hart getroffen: Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte gingen von 1929 bis 1933 um 50 % zurück. Zehntausende Farmer konnten ihre Hypotheken nicht mehr bedienen und verloren ihr Land. Das Bankensystem war auf eine solche Katastrophe nicht vorbereitet. Allein in den ersten 10 Monaten des Jahres 1930 gingen 744 amerikanische Banken Konkurs.

Die engen weltwirtschaftlichen Verflechtungen liessen die Krise auch auf Europa und andere Kontinente überspringen. Die europäischen Aktienmärkte brachen ein, wenn auch nicht so dramatisch wie die amerikanischen. Zahlreiche Länder hatten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs Schulden in den USA, die nun ihr Geld zurückzogen. Eine verhängnisvolle Rolle spielte der Reparationenkreislauf: Die Reparationszahlungen, die Deutschland gemäss dem Versailler Friedensvertrag zu entrichten hatte, wurden von den europäischen Siegermächten nicht zuletzt dazu benutzt, um ihre Schulden bei den USA zu bedienen. Die deutschen Zahlungen waren aber ihrerseits nur dank Krediten aus den USA möglich. Mit dem Ausbruch der Krise versiegte aber der Kreditsegen, Deutschland drohte ein Devisenmangel und der Reparationenkreislauf stockte. Weiter verschärft wurde die Krise durch den zunehmenden Protektionismus, der die einheimischen Produzenten schützen sollte. Von 1929 bis 1932 ging der Welthandel um ein Viertel zurück. Die globale Industrieproduktion sank bis 1931 um über ein Drittel. Obwohl weltweit Millionen Menschen hungerten, war es für landwirtschaftliche Produzenten oftmals lukrativer, ihr Getreide als Brennmaterial zu verwerten, als es zu ungünstigen Konditionen auf dem Weltmarkt zu verkaufen.

Die allgemeinen Merkmale der Depression wie die Deflationsspirale und der Anstieg der Arbeitslosigkeit zeigten sich beinahe überall, die einzelnen Länder unterschieden sich aber punkto Beginn, Ausmass und Ende der Krise. Nach den USA am härtesten getroffen wurde Deutschland. Von 1929 bis 1932 halbierte sich die deutsche Industrieproduktion und die Aktien verloren zwei Drittel ihres Wertes. Zahlreiche Banken brachen zusammen. Die Arbeitslosenzahlen explodierten von 1,4 Millionen im September 1929 auf 6,1 Millionen im Februar 1932. Ab 1930 wirkte sich die Krise auch auf die Schweiz aus. Zunächst wurde vor allem die exportorientierte Industrie getroffen, dann auch die Binnenwirtschaft. Die Arbeitslosenzahl, die 1928 unter 9’000 Personen gelegen hatte, verzehnfachte sich bis 1936.

Ratlose Regierungen und politische Umbrüche

Die Regierungen reagierten auf die Krise verschieden und unterschiedlich rasch. Gemeinsam war ihnen eine zunächst zögerliche und ratlose Haltung, sah doch die dominierende liberale Wirtschaftstheorie eine Krise dieses Ausmasses schlicht nicht vor. Neben dem Warten auf die Selbstheilungskräfte des Marktes standen Massnahmen, die die Krise noch verschärften, wie die Erhöhung von Schutzzöllen und Einsparungen im öffentlichen Haushalt. Rechtsgerichtete Kreise propagierten zudem den Korporatismus, bei dem Arbeitgeber und -nehmer in Branchenorganisationen, sogenannte „Berufsstände“ oder „Korporationen“, eingegliedert werden sollten. Das faschistische Italien hatte die Arbeitsbeziehungen bereits 1927 mit der „Carta del Lavoro“ einer autoritär-korporatistischen Regulierung unterworfen. Auch in der katholischen Soziallehre spielte der Korporatismus eine zentrale Rolle, etwa in der päpstlichen Enzyklika „Quadragesimo anno“ von 1931. Diesem katholischen Korporatismus folgten in den 30er-Jahren in Portugal der autoritäre „Estado Novo“ Salazars, der 1932/33 aus einer Militärdiktatur hervorgegangen war, sowie der österreichische „Ständestaat“. Letzterer entstand 1933/34, nachdem der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuss im Frühjahr 1933 eine parlamentarische Geschäftsordnungskrise zur Ausschaltung der Volksvertretung genutzt und im Februar 1934 den Widerstand der Arbeiterbewegung gewaltsam gebrochen hatte. Im Mai 1934 wurde eine autoritäre Verfassung mit einer Einheitspartei („Vaterländische Front“) und korporatistischen Strukturen oktroyiert.

Auch in Deutschland verschärfte die Wirtschaftskrise die politischen Probleme massiv. Der ohne parlamentarische Mehrheit regierende Reichskanzler Heinrich Brüning sah als Hauptproblem das Ungleichgewicht des Staatshaushaltes und versuchte der Krise durch Stärkung der Währung und Kürzung der öffentlichen Ausgaben, insbesondere Sozialabbau und Lohnabbau bei den öffentlichen Bediensteten, Herr zu werden. Diese Massnahmen verstärkten indessen den Teufelskreis aus sinkenden Preisen, Produktionseinschränkungen, Arbeitsplatzabbau und sinkender Nachfrage und führten auch zu einem weiteren Rückgang der Steuereinnahmen. Die Folgen waren verhängnisvoll. Die ohnehin instabile Weimarer Demokratie verlor zunehmend an Glaubwürdigkeit. Zwischen 1930 und 1932 stieg die NSDAP, bislang eine Splittergruppe, zur mit Abstand wählerstärksten Partei auf. Auf der Linken vermochte die Kommunistische Partei besonders bei ungelernten Arbeitern und Arbeitslosen zu punkten. Zum Zeitpunkt der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 hatte die Arbeitslosigkeit eine Quote von beinahe 30 % erreicht. Das neue Regime beendete den bisherigen Sparkurs. Unter der Leitung des Bankers Hjalmar Schacht, ab 1933 Reichbankpräsident und ab 1934 auch Reichswirtschaftsminister, ging Deutschland zu einer aktiven Beschäftigungspolitik über, die die Arbeitslosigkeit in den folgenden Jahren fast gegen Null sinken liess. Insbesondere der Bau von Autobahnen und die in Vorbereitung des geplanten Eroberungskrieges forcierte Aufrüstung schufen viele Arbeitsplätze. Finanziert wurden diese Programme einerseits – in Erwartung des zukünftigen Raubkrieges – auf Kredit, andererseits durch einen massiven Abbau der Reallöhne, die zwischen 1933 und 1938 um rund ein Viertel zurückgingen.

Aktive Krisenbekämpfung

Erst allmählich gingen auch demokratische Regierungen zu einer aktiven Krisenbekämpfung über. Ein Vorreiter war Schweden: Nach dem sozialdemokratischen Wahlsieg von 1932 bekämpfte die neue Regierung mit Beschäftigungsprogrammen und Agrarsubventionen die Auswirkungen der Krise. 1936 gingen Sozialdemokraten und Bauernpartei eine Koalition ein und legten ein umfassendes Programm zum Ausbau des Wohlfahrtsstaates vor. In den USA wusste der republikanische Präsident Herbert Hoover der Krise kaum etwas entgegenzusetzen. In den Wahlen Ende 1932 unterlag er in einem politischen Erdrutsch dem demokratischen Kandidaten Franklin Delano Roosevelt. Dieser versuchte mit seinem „New Deal“ den wirtschaftlichen Abwärtstrend zu stoppen und den sozialen Folgen der Depression entgegenzutreten. Zur Wirtschaftsbelebung wurden 122’000 öffentliche Gebäude, eine Million Kilometer Strassen und 77’000 Brücken gebaut. Paradestück dieser öffentlichen Investitionen war die „Tennessee Valley Authority“, die im Tennessee-Tal zwanzig Staudämme errichtete. Ein freiwilliger Arbeitsdienst führte Aufforstungen und Bodenverbesserungen durch. Der Agrarkrise versuchte die Administration Roosevelt durch Mindestpreise und eine Reduktion der landwirtschaftlichen Produktion Herr zu werden. Zur Verhinderung einer Wiederholung des Spekulationscrashs von 1929 wurden die Börsen unter staatliche Aufsicht gestellt. Auch führte die Roosevelt-Regierung eine Reihe sozialpolitischer Reformen durch, die für die USA revolutionär waren. Dazu gehörten die rechtliche Anerkennung der Gewerkschaften, ein formelles Streikrecht, das Verbot der Kinderarbeit, die Einführung eines progressiven Steuersystems, Mindestlöhne für Industriearbeiter, eine staatliche Rente und die 40-Stunden-Woche. Herzstück der Roosevelt’schen Sozialpolitik war der „Social Security Act“ von 1935, der eine Alters-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung einführte. Konjunkturpolitisch war die Bilanz des „New Deal“ durchzogen. Die verschiedenen Massnahmen hatten zunächst eine belebende Wirkung, die jedoch nur kurzzeitige Linderung verschaffte. Als Roosevelt 1937 die Staatsausgaben zur Eindämmung der Staatsverschuldung wieder kürzte, fiel das Land erneut in eine Rezession. Erst die gesteigerte Kriegsproduktion ab 1939 und verstärkt ab 1941 sorgte für die vollständige Erholung der amerikanischen Wirtschaft.

In Auseinandersetzung mit der Weltwirtschaftskrise entstand eine neue ökonomische Denkschule, die die Krisenbekämpfungsmassnahmen theoretisch untermauerte. Der polnische Ökonom Michał Kalecki und der schwedische Finanzminister Ernst Wigforss hatten schon frühzeitig eine antizyklische Konjunkturpolitik des Staates gefordert, der im Aufschwung zur Inflationsbekämpfung Kaufkraft abschöpfen, in der Krise dagegen zur Stützung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage die Ausgaben erhöhen solle. Bedeutendster Vertreter dieses Ansatzes sollte der britische Ökonom John Maynard Keynes werden, der 1936 mit seiner Abhandlung „General Theory of Employment, Interest and Money“ die Grundannahme der klassischen Wirtschaftstheorie, dass sich der freie Markt immer auf ein Gleichgewicht hin bewege, in Frage stellte und zur Überwindung der Deflationsspirale eine schuldenfinanzierte Ankurbelung der Nachfrage durch den Staat („deficit spending“) empfahl. Während in den 30er-Jahren der Keynesianismus in den Wirtschaftswissenschaften noch wenig Anhänger hatte, wurde er nach 1945 bis in die 70er-Jahre zur dominanten Theorie.

Auch der Schweizer Bundesrat verhielt sich in der Krise zunächst passiv. Der Bund vergab zwar ab Ende 1931 Kredite für Exportindustrien, kontingentierte Importe und beschloss verschiedene punktuelle Massnahmen. Die Hauptsorge galt aber dem Bundeshaushalt, der durch krisenverschärfende Sparmassnahmen bei Subventionen und Gehältern ausgeglichen werden sollte. Im Sommer 1933 lehnten die Stimmberechtigten in einer Referendumsabstimmung aber das „Bundesgesetz über die vorübergehende Herabsetzung der Besoldungen, Gehälter und Löhne der im Dienste des Bundes stehenden Personen“ mit knapp 55% Nein-Stimmen ab. Demgegenüber betrieben Kantone und Gemeinde teilweise eine aktive Krisenbekämpfungspolitik. Der sozialdemokratisch dominierte Zürcher Stadtrat führte 1931 eine obligatorische, von der Stadtkasse subventionierte Arbeitslosenversicherung ein. Als Arbeitsbeschaffungsmassnahme wurden Renovationsarbeiten unterstützt. Als die Firma Escher Wyss 1935 nahe am Konkurs stand, kaufte die Stadt ihre Liegenschaft und vermietete sie ihr zu günstigen Konditionen, um die 1’000 Arbeitsplätze zu retten.

Krisenbekämpfungsrezepte von links…

Vor diesem Hintergrund lancierte der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) Ende 1933 ein Projekt zur Überwindung der wirtschaftlichen und politischen Krise. Dieser „Plan der Arbeit“ lehnte sich stark an die Konzepte des belgischen Sozialisten Hendrik de Man an, der zur Bekämpfung der faschistischen Bedrohung und der Wirtschaftskrise eine Allianz von Arbeitern, Angestellten, Bauern, Kleingewerbe und selbständig erwerbendem Mittelstand anstrebte („Het Plan De Man“). Ein kurzfristiges Aktionsprogramm sah die Überführung von Unternehmen mit Monopolstellung sowie international tätigen Industrie- und Finanzfirmen in die öffentliche Hand vor. Im Unterschied zur real existierenden Planwirtschaft der Sowjetunion – deren Industrie in jenen Jahren spektakuläre Wachstumsraten verzeichnete, die allerdings auf einer gnadenlosen Ausbeutung der Arbeiterschaft basierten und 1932/33 einhergingen mit einer grossen Hungersnot infolge der erzwungenen Kollektivierung der Landwirtschaft – sollten aber die demokratischen Rechte und Freiheiten der arbeitenden Bevölkerung nicht angetastet werden. Ab Januar 1934 trieb eine Gruppe von Ökonomen, Gewerkschaftern und Fachleuten aus Industrie und Landwirtschaft als „Planwirtschaftskommission des VPOD“ die Planideen voran und machte sie durch Artikel in der sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Presse, Referate und Konferenzen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Im Januar 1935 sprach sich ein ausserordentlicher SP-Parteitag für den „Plan der Arbeit“ aus, worauf eine „Plankommission“ in Zürich zur weiteren Koordination der Planbewegung geschaffen wurde.

Weniger weit ging die im Mai 1934 vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund lancierte Eidgenössische Volksinitiative „zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise“, zumeist kurz als „Kriseninitiative“ bezeichnet. Sie wollte den Bund zur Abkehr von der krisenverschärfenden Deflationspolitik und einer aktiven Krisenbekämpfung verpflichten, notfalls in Abweichung von der Handels- und Gewerbefreiheit und unter Mitwirkung der Kantone und Wirtschaftsverbände. Dabei sollten ähnliche Massnahmen wie beim „New Deal“ ergriffen werden: Bekämpfung des Abbaus von Löhnen sowie landwirtschaftlichen und gewerblichen Produktepreisen, staatliche Arbeitsbeschaffungsprojekte, Entlastung überschuldeter landwirtschaftlicher und gewerblicher Betriebe, Arbeitslosenversicherung, Förderung von Export und Fremdenverkehr, Kontrolle von Kapitalmarkt, Kapitalexport, Kartellen und Trusts. Dem Initiativkomitee gehörten neben dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund die Verbände der Angestellten und Beamten sowie die sich zunehmend von den Bauern-, Gewerbe- und Bürgerparteien entfremdende Jungbauernbewegung an. Die von rekordverdächtigen 334’699 Stimmberechtigten unterzeichnete „Kriseninitiative“ stand in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zum radikaleren „Plan der Arbeit“, was innerhalb der Linken zu Konflikten führte. Diesen lag nicht zuletzt die Frage zugrunde, ob es sich bei der Grossen Depression um eine System- oder lediglich eine Konjunkturkrise handelte.

Der Abstimmungskampf war heftig. Bundesrat und bürgerliche Parteien lehnten die Initiative ab und malten den Übergang zu einer sozialistischen Diktatur sowie den Staatsbankrott an die Wand. Sogar Bankkunden beim Schalterverkehr wurden auf die Gefahren der „Kriseninitiative“ hingewiesen. Hermann Häberlin vom Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller bezeichnete die Initiative als „trojanisches Pferd“, als „schlauen Schachzug der roten Regisseure, um in die Reihen des bürgerlichen Gegners einzudringen“. Der katholisch-konservative Bundesrat Philipp Etter machte sich als Gegenentwurf für eine „lebendige Ordnung der Wirtschaft durch ihre eigenen Träger, durch die Berufsstände“, also für ein korporatistisches Modell stark. Die Initianten mit der Zeitung „Die Nation“ als Sprachrohr propagierten hingegen eine „Front der Arbeit“, ein Zusammengehen aller Werktätigen der Unter- und Mittelschichten und der sie vertretenden Parteien und Verbände. Der intensive Abstimmungskampf führte zu einer hohen Stimmbeteiligung von 84,4 %. Die „Kriseninitiative“ wurde im Juni 1935 zwar abgelehnt, erzielte mit 42,8 % Ja-Stimmen aber einen Achtungserfolg. Annehmende Mehrheiten gab es in den Kantonen Bern, Solothurn, Basel-Stadt und Basel-Land sowie Schaffhausen. Nach dem Scheitern der „Kriseninitiative“ kam auch die Bewegung für den „Plan der Arbeit“ zum Erliegen.

… und von rechts

Wenige Wochen vor der „Kriseninitiative“ war eine weitere Volksinitiative lanciert worden, die ebenfalls auf die Krisensituation reagierte: die Initiative für eine Totalrevision der Bundesverfassung. Sie verlangte eine Neuwahl des Parlaments sowie die Erarbeitung einer neuen Bundesverfassung. Was vordergründig eine rein staatsrechtliche Vorlage war, zielte effektiv auf eine Umwälzung der politischen Ordnung sowie der Wirtschaftsverfassung und Arbeitsbeziehungen ab. Die Initianten erhofften sich nämlich einen Rechtsrutsch bei den Wahlen und eine neue Verfassung im Sinne eines „Ständestaates“ oder einer „autoritären Demokratie“. Die Vorstellung, die liberale Demokratie aus dem 19. Jahrhundert habe ebenso abgewirtschaftet wie der ungezügelte Marktkapitalismus, war in rechten Kreisen damals weit verbreitet. Als wesentliche Elemente einer neuen Ordnung erstrebten rechtsbürgerliche, rechtskatholische und frontistische Kräfte eine Einschränkung oder gar Abschaffung des Parlamentarismus, eine starke Führerfigur (häufig als „Landammann“ bezeichnet) an der Staatsspitze, die Regulierung der Arbeitsbeziehungen in berufsständischen Körperschaften und die Übertragung wirtschafts- und sozialpolitischer Kompetenzen vom Parlament an einen aus Vertretern der „Berufsstände“ und Wirtschaftsverbände gebildeten „Wirtschaftsrat“. Nach Anfängen im Sozialkatholizismus seit den 1880er-Jahren hatten sich korporatistische Ideen in der Umbruchsphase um 1918 verstärkt. Nach dem Landesstreik geisterte eine Vielzahl von Vorschlägen herum, die Alternativen zum ungezügelten Kapitalismus wie auch zum marxistischen Sozialismus skizzierten. Die katholischen Gewerkschaften machten sich dabei für korporatistische Ideen stark. Eine zentrale Rolle spielte der Fribourger Abbé André Savoy. 1924 bildete sich die Vereinigung „Amis de la corporation“.

Während der Wirtschaftskrise weitete sich diese Diskussion aus und wurde auch Gegenstand konkreter Bestrebungen. Dabei blieb häufig diffus, was mit den Konzepten „Ständestaat“, „Korporationen“ und „Berufsständen“ überhaupt gemeint war. Der freisinnige Wirtschaftsminister Edmund Schulthess sprach denn auch im Oktober 1933 im Nationalrat von „vagen Ideen […], über deren Gestaltung die Meinungen weit auseinandergehen. Unter den Korporationen versteht doch ein jeder etwas anderes.“ Von den grossen Parteien waren die Katholisch-Konservativen und ihr christlichsozialer Flügel Hauptträger des korporatistischen Gedankens. Bereits 1929 nahm die Konservative Volkspartei die berufsständische Ordnung in ihr Wirtschafts- und Sozialprogramm auf. Der führende Jungkonservative Hermann Cavelti jubelte daraufhin: „Mit der Wucht einer geistigen Gegenrevolution tritt dem kapitalistischen und proletarischen Klassenstaat eine Renaissance des Ständegedankens entgegen.“ Der katholisch-konservative Parteitag vom Juli 1933 erliess Richtlinien zur „Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft im Sinne des berufsständischen Aufbaus der Volkswirtschaft“ und setzte eine Kommission zur Vorbereitung einer Revision der Bundesverfassung ein, die eine Stärkung der Staatsautorität, die Verankerung des öffentlichen Lebens im Geist des Christentums und einen berufsständischen Aufbau der Wirtschaft zum Ziel haben sollte. Wenige Tage zuvor hatte der Christlichnationale Gewerkschaftsbund ein berufsständisches Aktions- und Wirtschaftsprogramm verabschiedet.

Unklar blieb dabei, ob eine berufsständische Ordnung ins institutionelle Gefüge der bestehenden Demokratie eingebaut oder wie in Österreich und Portugal zur Grundlage eines autoritären Staates ohne Parteien und freie Wahlen werden sollte. Exemplarisch zeigt sich dies in Philipp Etters Schriften von 1933/34: Etter bestritt einerseits, dass „die korporative Gliederung der Gesellschaft sich mit einer demokratischen Staatsordnung nicht vereinen lasse“. Die Korporationen würden sich „aus innerer Notwendigkeit“, nicht durch Zwang entwickeln. Die Aufgabe des Staates bestehe darin, „eine gesunde Form des korporativen Gedankens zu fördern und die korporative Ordnung organisch in den neuen Staat einzubauen“. Im selben Abschnitt fuhr er aber weiter: „Mit der liberalen Demokratie freilich verträgt sich die berufsständische Ordnung nicht […]. Dagegen bildet die korporative Gliederung der Gesellschaft gerade eine der Grundlagen der christlichen Demokratie.“ Als deren wesentliches Merkmal betonte er den Einbau von „Autoritätskörpern“ in die Staatsordnung: „Wenn wir eine ‚autoritäre Demokratie’ an die Stelle der liberalen Demokratie setzen […] wollen, dann müssen wir den ersten und letzten, stärksten und mächtigsten Träger der Autorität, den Herrgott, wieder einbauen in den Staat! […] Die autoritäre Demokratie muss eine christliche Demokratie sein und den haltlosen liberalen Freiheitsbegriff durch den christlichen Begriff der Freiheit ersetzen.“ Zur institutionellen Ausgestaltung einer solchen Ordnung mochte er sich nicht äussern: „Das Wesentliche liegt für mich beim Inhalt, nicht der Form. Trotzdem wäre es verfehlt […], wenn man annehmen wollte, dass nicht auch unsere schweizerische Demokratie in ihrer formalen Gestaltung einen Umbruch erfahren wird. Wie dieser Umbruch sich vollziehen und konsolidieren wird, das wissen wir heute noch nicht.“

Vor allem zwei katholische Rechtsintellektuelle leisteten für diese Bestrebungen gedankliche Vorarbeit: Der Freiburger Patrizier und Kulturhistoriker Gonzague de Reynold, der in engem Kontakt mit Etter stand, vertrat seit 1919 ständestaatliche Ideen. 1929 verklärte er im umstrittenen Buch „La Démocratie et la Suisse“ das ständisch gegliederte Ancien Régime zur Blütezeit der Schweiz. Die gegenwärtige liberaldemokratische Staatsform führe zu Mittelmass und werde dem Sozialismus und Internationalismus verfallen. Dagegen träumte er von einer Mischverfassung mit starker Führerfigur, aber ohne gewähltes Bundesparlament. Die Berufsgruppierungen als „organes vitaux de la nation“ sollten Vertretungskörperschaften auf allen Staatsebenen erhalten. Weiters sollten Juden, Freimaurer und Eingebürgerte von politischen Ämtern ausgeschlossen, den Juden das Bürgerrecht entzogen, die Pressefreiheit eingeschränkt und Produktion und Handel gegen Monopole, Trusts, jüdische Warenhäuser und sozialistische Gewerkschaften geschützt werden. Eine wichtige Rolle spielte auch der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Jacob Lorenz, der ab 1935 ebenfalls eine Professur in Fribourg bekleidete. Im Mai 1933 gründete er als katholisch-korporatistische Antwort auf die „Fronten“ die Zeitschrift „Das Aufgebot“, um die sich eine gleichnamige Bewegung formierte. Im Zentrum stand die „Erneuerung“ von Staat und Gesellschaft im christlich-korporatistischen Sinne, begleitet von antiliberalen, antisozialistischen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Tönen.

Forderungen nach einer korporativen Neuordnung kamen auch aus Wirtschaftskreisen, die angesichts der Krise der liberalen Wirtschaftstheorie eine gelenkte Ökonomie jenseits sozialistischer Konzepte anstrebten. Der Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes, der Freisinnige August Schirmer, legte 1933 einen Entwurf für einen schweizerischen Korporationenstaat vor. Gemäss diesem „St. Galler Entwurf“, der von der FDP St. Gallen übernommen wurde, sollten die Wirtschaftsverbände und ein vom Bundesrat aus ihren Reihen zu ernennender Wirtschaftsrat zusammen mit der Landesregierung die Wirtschaft lenken. Im selben Jahr gründeten kantonale Gewerbesekretäre die korporatistische Bewegung „Neue Schweiz“, die dann 1936 in der „Aufgebot“-Bewegung aufging.

Ebenfalls prominent waren korporatistische Forderungen in den Programmen der „Fronten“, die nach Hitlers Machtübernahme im „Frontenfrühling“ einen kurzlebigen Aufschwung erlebten. Robert Tobler und Paul Lang von der im studentischen Milieu entstandenen „Neuen Front“ legten 1932 detaillierte Ideen zum Korporatismus vor. Ihre sich auf den österreichischen Ständetheoretiker Othmar Spann berufenden Abhandlungen forderten eine von den Wirtschaftsverbänden zu bildende „Wirtschaftskammer“, die die wirtschaftspolitischen Kompetenzen des Parlaments übernehmen sollte, und einen vom Volk gewählten „Landammann“. Noch weiter gehen wollte Emil Sonderegger, ehemaliger Generalstabschef der Schweizer Armee und nun in mehreren „Fronten“ aktiv. In seiner Streitschrift „Ordnung im Staat“ forderte er 1933 ein „Loskommen von den Gedanken der französischen Revolution“, insbesondere vom Gleichheitsgedanken, der „auf seltsame und verhängnisvolle Weise beeinflusst“ worden sei „durch den Aufstieg des Judentums“. Ziel müsse die „Ungleichheit ohne Ungerechtigkeit“ sein. Der Kampf gelte der „rot-jüdischen Front“ aus Kommunisten, Sozialdemokraten, religiös-sozialen Pfarrern, Pazifistinnen und Teilen der Freimaurerei. Dazu forderte Sonderegger eine neue Bundesverfassung mit einer „unparlamentarischen Regierung“ unter Leitung eines „Landammanns“, der auch die Gesetzgebung obliegen sollte, einer „beratenden Bundesversammlung“ mit „politischen“ und „wirtschaftlichen“ Abteilungen, die durch das Volk, die Kantonsregierungen, Berufsverbände und Bundesregierung gewählt werden sollte, die staatliche Anerkennung von Berufsverbänden als Standesvertretung, ein Verbot der Einbürgerung von „Angehörigen der jüdischen Rasse“ sowie Einschränkung der Pressefreiheit.

Auch gab es Versuche zur Umsetzung korporatistischer Modelle. Bereits 1919 bis 1924 hatte in der Ostschweiz der von den Arbeitgebern initiierte, auf die Stickereiindustrie konzentrierte „Volkswirtschaftsbund“ als Zusammenschluss von Arbeitgeber- und -nehmerverbänden existiert. In Genf entstand aus der Zusammenarbeit von christlichen Gewerkschaften und Arbeitgebern 1931 die „Fédération genevoise des corporations“, die bis 1946 existierte. Zwei Gesetzesentwürfe für die Errichtung von Korporationen im Kanton Fribourg von 1933/34 traten nicht in Kraft, da die Konservativen ein negatives Gerichtsurteil fürchteten, das zum Präzedenzfall hätte werden können. In den Kantonen Wallis, Solothurn, Luzern, Zürich und St. Gallen wurden zeitgleich konservative Vorstösse für die Einrichtung kantonaler Korporationssysteme eingereicht. Auf Bundesebene unternahm der christlichsoziale Nationalrat Josef Scherer 1931 einen Vorstoss für die „Demokratisierung des Wirtschaftslebens auf der Grundlage der berufsständischen Organisation“. Im März 1934, wenige Wochen nach dem Sieg der ständestaatlichen Kräfte im kurzen österreichischen Bürgerkrieg, verlangte dann der katholisch-konservative Finanzminister Jean-Marie Musy vom Gesamtbundesrat ultimativ, aber erfolglos die Verabschiedung eines Sparprogramms und die Einrichtung einer berufsständischen Ordnung und demissionierte daraufhin.

Im selben Monat lancierte die Nationale Front die Volksinitiative für eine Totalrevision der Bundesverfassung, die zeitgenössisch oft als „Fronteninitiative“ bezeichnet wurde. Mitinitianten waren die katholisch-konservative Jugendorganisation, Jacob Lorenz’ Aufgebot-Bewegung sowie kleinere frontistische Gruppierungen. Über das Lager der Initianten hinaus genoss die Initiative in jungliberalen, liberalkonservativen, katholisch-konservativen, rechtsintellektuellen und militärischen Kreisen Sympathien. Der Arzt und Offizier Eugen Bircher, Politiker der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei und Präsident der Bürgerwehr-Dachorganisation „Schweizerischer Vaterländischer Verband“ (vgl. SozialarchivInfo 3/2019), konstatierte, die Schweiz sei „in Ochlokratie entartet“, und kritisierte das angebliche „Versagen des heutigen Parteiensystems“. Ihr fundamentaler „Grundsatz der natürlichen Gleichheit“ sei „wissenschaftlich unhaltbar“ und widerspreche „allen Erfahrungen des gesunden Menschenverstandes“ – vielmehr gebe es „biologische Differenzen“ zwischen den Individuen wie auch den „Völker[n] und Rassen“. Deshalb müsse die Schweiz „von der ‚quantitativen’ Demokratie zur ‚qualitativen’ übergehen“. Als Elemente nannte er ein „Gildensystem“, die Beschneidung der „Auswüchse der Sozialversicherung“ und Einschränkung der Pressefreiheit. Hans Frick, Ausbildungschef der Armee, meinte, eine revidierte Verfassung müsse dokumentieren, „dass die liberal-demokratische Ära abgelaufen ist und von der autoritären abgelöst wird“. Die „christliche Lehre“ müsse „wieder oberstes Grundgesetz des Staates“ werden, die Presse- und Vereinsfreiheit eingeschränkt, der Nationalrat abgeschafft, der Ständerat in eine geheim tagende Vertretung der Kantonsregierungen mit eingeschränkten Kompetenzen umgewandelt und ein „obligatorisches Schiedsverfahren in allen wirtschaftlichen Konflikten […] durch die beteiligten Wirtschaftsverbände“ eingeführt werden.

Bei der Abstimmung über die Revisionsinitiative empfahlen nebst den Initianten auch die Konservative Volkspartei und kleinere rechte Gruppierungen Zustimmung. Die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei des Kantons Bern gab Stimmfreigabe. Die beiden wählerstärksten Parteien, die Sozialdemokratie und der Freisinn, lehnten das Begehren ab. In Inseraten nannten die Initiativgegner teilweise den österreichischen „Ständestaat“ als abschreckendes Beispiel. SP-Fraktionschef Arthur Schmid warnte vor „den Lobrednern des autoritären christlichen Ständestaates, von dem übrigens kein Mensch weiss, wie er aussieht, ob das österreichische Muster oder das italienische oder deutsche oder das Muster der alten Zunftständeautorität massgebend sein soll.“ Im September 1935, drei Monate nach der Abstimmung über die „Kriseninitiative“, wurde die von 78’050 Stimmberechtigten unterzeichnete Revisionsvorlage mit 72,3 % Nein verworfen. Die Ablehnung war damit weit deutlicher als vier Monate zuvor bei einer ähnlichen Volksinitiative im benachbarten Liechtenstein, die immerhin auf 47,3 % Ja-Stimmen kam. Annehmende Mehrheiten gab es in den katholischen Kantonen Fribourg, Obwalden, Wallis und (mit einer Stimme Differenz!) in Appenzell-Innerrhoden, hingegen scheiterte die Initiative in den Kantonen Zürich und Schaffhausen, die als Hochburgen der Frontenbewegung galten, mit je etwa 80 % Nein-Stimmen massiv. Damit hatte die autoritär-korporatistische Bewegung ihren Zenit überschritten, auch wenn sie 1940 in der Verunsicherung nach der Niederlage Frankreichs nochmals einen gewissen Aufschwung erleben sollte.

Krisenbekämpfung im Wandel nach der Doppelabstimmung von 1935

Nachdem der Souverän 1935 die Rezepte von links und rechts zur Bekämpfung der Krise – in unterschiedlicher Deutlichkeit – abgelehnt hatte, ergaben sich in der Folgezeit Entwicklungen, die punktuell Ansätze beider Richtungen aufgriffen, diese aber in den helvetischen Konsens der „geistigen Landesverteidigung“ einbetteten. Das durch eine Anleihe über 235 Millionen Franken finanzierte ausserordentliche Rüstungsprogramm vom Sommer 1936 war zugleich eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme und ergänzte die Programme von Kantonen und Gemeinden. Im September gleichen Jahres beschloss der Bundesrat die Abwertung des Frankens um 30 % – nachdem noch im Abstimmungskampf über die Kriseninitiative die Initiativgegner den bisherigen Frankenkurs zur Existenzfrage erklärt und die Initianten als „Totengräber des Schweizerfrankens“ kritisiert hatten. Das lange Festhalten an einem zu hohen Wechselkurs belastete die Exportwirtschaft aber schwer und verschärfte die Krise. In den Arbeitsbeziehungen ging die Entwicklung in Richtung eines Modells, das in den Sozialwissenschaften später als „liberaler Korporatismus“ bezeichnet werden sollte. Nach der Frankenabwertung unternahm der Bundesrat zwar einen Schritt zur autoritären Regulierung. Aus Furcht vor einer Streikwelle ermächtigte er das Volkswirtschaftsdepartement zur Zwangsschlichtung, obwohl Arbeitgeber und Gewerkschaften dies mehrheitlich ablehnten. Als Reaktion bemühten sich die Sozialpartner um den Ausbau vertraglicher Beziehungen. Meilensteine waren das „Friedensabkommen“ in der Maschinen- und Metallindustrie von 1937 sowie im folgenden Jahr der erste „Landesmantelvertrag“ im Baugewerbe (vgl. SozialarchivInfo 2/2017).

Auch in die Ende der 30er-Jahre erarbeiteten Wirtschaftsartikel gingen Elemente aus den Krisendiskussionen der Vorjahre ein. Die 1939 von den eidgenössischen Räten verabschiedete Vorlage liess staatliche Massnahmen zum Schutz der Landwirtschaft, wirtschaftlich bedrohter Landesteile und gegen Kartelle zu und sah liberal-korporatistische Elemente wie den Einbezug der Verbände in Gesetzesvorbereitung und -vollzug sowie die Möglichkeit zur Allgemeinverbindlicherklärung von Gesamtarbeitsverträgen vor. Wegen des Zweiten Weltkriegs traten die Bestimmungen nicht in Kraft, sie bildeten dann aber die Grundlage der 1947 vom Volk angenommenen Wirtschaftsartikel der Bundesverfassung.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.240.9 (1) Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Kriseninitiative
  • Ar 1.320.1 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Bundesverfassung
  • Ar 27.70.2 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Abstimmungen 1926–1935
  • Ar 39.10.1-5 Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste vpod: Plan der Arbeit
  • Ar 39.20.5 Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste vpod: Bundesverfassung, Bundespersonal
  • Ar 73.81.5 Christlicher Holz- und Bauarbeiterverband der Schweiz: CAB-Geschichte
  • Ar 103.20.38 Max Weber: Broschüren und Separata
  • Ar 593.10.1 Dokumentation Arbeitskonflikte Ostschweiz: Akten nach Jahren geordnet
  • Ar CNG 05-008 Christlichnationaler Gewerkschaftsbund der Schweiz: Kriseninitiative: Abstimmungsmaterial
  • Ar CNG 05-021 Christlichnationaler Gewerkschaftsbund der Schweiz: Aktions- und Wirtschaftsprogramm des Christlichnationalen Gewerkschaftsbundes
  • Ar SGB G 254/1 Schweizerisches Gewerkschaftsbund: Kriseninitiative
  • Ar SGB G 254/2 Schweizerisches Gewerkschaftsbund: Aktionskomitee (Wirtschaftskrise) 1934–1935
  • Ar SGB G 258/1 Schweizerisches Gewerkschaftsbund: Aktionskomitee (Wirtschaftskrise) 1933–1934
  • Ar SGG A 81 A 1935 e Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Kriseninitiative
  • Ar SMUV 01D-0043 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Kriseninitiative
  • Ar SMUV 05G-0020 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Kriseninitiative Aktion Unterschriftensammlung und Mitgliederwerbung
  • Ar SMUV 06A-0002 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Kriseninitiative: Befürwortendes und gegnerisches Propagandamaterial; Zeitungsausschnitte; Listen Aktionskomitee; Unterschriftensammlung; Korrespondenz
  • Ar VHTL 06A-0001 Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel: Gewerkschaftliche Postulate: Kriseninitiative
  • Ar VSA 04-006 Vereinigung schweizerischer Angestelltenverbände: VSA Dokumentation zur Kriseninitiative

Sachdokumentation

  • KS 32/70:1+2 Ständestaat, Korporationenstaat
  • KS 32/103 Eidgenössische Abstimmungen
  • KS 34/28b Schweizerische Bundesverfassung: Revisionen, Totalrevisionen
  • KS 331/250 Berufsgemeinschaften; Korporationen
  • KS 338/314 Wirtschaftspolitik, Konjunkturpolitik: Schweiz: „Kriseninitiative“: Broschüren, Flugschriften
  • KS 338/315 Wirtschaftspolitik, Konjunkturpolitik: Schweiz: „Kriseninitiative“: Zeitungsartikel

Bibliothek

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  • Weber, Max: Zum belgischen Aktionsplan, in: Gewerkschaftliche Rundschau 26 (1934). S. 33-39, MFB 31
  • Weber, Max: Der Kampf um die Neuordnung der Wirtschaft, in: Gewerkschaftliche Rundschau 26 (1934). S. 133-141, MFB 31
  • Weber, Max: Der Kampf um die Bundesverfassung, in: Gewerkschaftliche Rundschau 27 (1935). S. 205-226, MFB 31
  • Weber, Quirin: Korporatismus statt Sozialismus: Die Idee der berufsständischen Ordnung im schweizerischen Katholizismus während der Zwischenkriegszeit. Fribourg 1989, 89426
  • Werner, Christian: Für Wirtschaft und Vaterland: Erneuerungsbewegungen und bürgerliche Interessengruppen in der Deutschschweiz 1928–1947. Zürich 2000, 107845
  • Wirz, Wolf: Lehren und Folgen der Revisionsabstimmung, in: Nationale Hefte 2 (1935/36). S. 309-320, N 237
  • Wolf, Walter: Faschismus in der Schweiz: Die Geschichte der Frontenbewegungen in der deutschen Schweiz, 1930–1945. Zürich 1969, 39590
  • Zaugg, Thomas: Bundesrat Philipp Etter (1891–1977): Eine politische Biografie. Basel 2020, 143561

Periodika

  • Das Aufgebot: Schweizerische Wochenzeitung für jedermann, Z 103
  • Die Nation: Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Z 101