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3.9.2020-17.1.2021: Ausstellung „Zürich 1980“ im ZAZ

Vor 40 Jahren wurde Zürich von einer urbanen Revolte erschüttert. Es war eine Rebellion gegen einen normierten und kontrollierten Alltag, gegen ein biederes, engstirniges und repressives soziales Klima, ein erbitterter und lustvoller Kampf für ein anderes urbanes Leben. Die Revolte hat zwei Jahre angehalten und das gesellschaftliche und kulturelle Leben Zürichs grundlegend verändert, mit Auswirkungen, die bis heute sichtbar sind.

In Zusammenarbeit mit Christian Schmid (Stadtforscher, ETH Zürich) und Silvan Lerch (Kulturjournalist) hat das Sozialarchiv aus diesem Anlass die Ausstellung „Zürich 1980“ im Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) konzipiert. In dieser Ausstellung schauen wir zurück und nach vorn – in eine bewegte Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft.

„Zürich 1980“ besteht im Wesentlichen aus zwei Zugängen zum Thema. Zum einen zeigen wir Fotos von Gertrud Vogler (1936-2018) – sie ist den regelmässigen Leser*innen des SozialarchivInfos inzwischen bestens bekannt. Vogler gehörte zu den wichtigsten zeitgenössischen FotografInnen Zürichs. Sie arbeitete für verschiedene Publikationen und übernahm 1981 die Bildredaktion der WoZ. Vogler konnte Aufnahmen von Orten machen, zu denen anderen der Zutritt verwehrt blieb oder wo sie sich gar nicht erst hin getrauten. Als Chronistin des Alltags und der sozialen Bewegungen schuf sie ein Werk von über 200’000 Fotografien, das heute im Schweizerischen Sozialarchiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die erste grössere Einzelausstellung zeigt Einblicke in bewegte Zeiten zwischen 1977 und 1993.

Zum anderen widmet sich die Ausstellung unter dem Titel «Poetische Provokationen» der Sprache der Bewegung. Mit Zeitschriften, Songtexten, Videos, Tonaufnahmen, Flugblättern und Büchern zeigen wir, wie sich die 80er Bewegung Ausdruck verschaffte. Als Interventionsmedien zur Etablierung einer Gegenöffentlichkeit gedacht, verströmen die Texte bis heute eine besondere Kraft und entwickeln einen eigentlichen Sog. Sie sind oft überraschend, explosiv, radikal und militant und entfalten zugleich sinnliche Verspieltheit, Witz und (Selbst-)Ironie.
Dieser Teil der Ausstellung sollte ursprünglich im Museum Strauhof gezeigt werden, fiel aber wie so vieles der Corona-Pandemie zum Opfer. Verantwortlich für die «Poetischen Provokationen» sind Silvan Lerch und Anja Nora Schulthess („Zürcher Mittelmeerfraktion – Verein für unerhörte Stadtgeschichten“).

3. September 2020 bis 17. Januar 2021
Zentrum Architektur Zürich (ZAZ), Höschgasse 3, 8008 Zürich

> Der Zutritt zu allen Veranstaltungen ist coronabedingt beschränkt. Bitte informieren Sie sich vor Ihrem Besuch auf der Homepage des ZAZ und melden Sie sich über anmeldung@zaz-bellerive.ch zu den jeweiligen Veranstaltungen an.

> Ausstellungsflyer herunterladen (PDF, 2’690 KB)

> Weitere Informationen und Angaben zum umfangreichen Begleitprogramm

Zeitnah nach dem Pertinenzprinzip dokumentieren

Eine kleine Theorie der Praxis

«Dokumentationen bereiten publizierte Dokumente so auf, dass sie gezielt auffindbar sind.» In diesem Satz ist der Zweck dokumentarischer Arbeit auf die kürzest mögliche Formel gebracht. Aber wie bereitet man Dokumente auf, dass sie für Nutzer/innen «gezielt auffindbar» sind? – Im Folgenden möchte ich als Verantwortliche für die Sachdokumentation im Sozialarchiv schildern, wie das konkret geht, wo die Praxis an die Grenzen der Theorie stösst und was das alles mit Foucault zu tun hat.

Sammeln

«Nahe am Puls der Zeit wurden im Berichtsjahr wiederum die gesellschaftlichen und politischen Geschehnisse in der Schweiz dokumentiert, indem die publizierte graue Literatur dazu laufend gesammelt, erschlossen und den Benutzenden zur Verfügung gestellt wurde.» So (2019) oder ähnlich beginnen jeweils die Texte zur Sachdokumentation für den Jahresbericht des Sozialarchivs. Um aktuelle Broschüren/Flugschriften zeitnah zu sammeln, muss man ihren Urhebern auf der Spur sein, denn es gibt keine Verlagskataloge, welche die Publikationen von Parteien, NGOs, Gewerkschaften, Think-Tanks, sozialen Bewegungen, Verbänden oder Abstimmungskomitees vermitteln.

Um graue Literatur zu sammeln, muss man also «an der Quelle» sein, weshalb die Broschüren/Flugschriften ab 1960 im Sozialarchiv auch «Quellenschriften» (QS) heissen. Früher operierte man mit einer Adresskartei der «Lieferanten», aber da war die Welt der Flugschriften noch analog und die Welt generell noch relativ statisch. Mit der Beschleunigung durch die Digitalisierung sind nicht nur viele Flugschriften auf Papier zu Netzschriften im «Portable Document Format» (PDF) mutiert, auch ihre Urheberschaft ist dynamischer geworden. Jede Gruppierung, die in unserem Sammelgebiet als Akteurin auftritt, kann ad hoc und ohne grossen Aufwand eine Website oder einen Social-Media-Kanal betreiben und ihre Positionen publizieren. Das gibt auch kurzlebigen Organisationen und Bewegungen die Chance, im öffentlichen Diskurs mitzuwirken. Also sollte das Sozialarchiv diese Verlautbarungen, sind ein paar formelle Voraussetzungen erfüllt, auch sammeln. Um sowohl traditionsreichen (z.B. Regierungsparteien oder Gewerkschaften) als auch jüngeren Organisationen (z.B. diverse Think-Tanks oder NGOs), sowohl älteren als auch neuen sozialen Bewegungen (z.B. Frauen-, Jugend- oder Friedensbewegung ebenso wie Klimastreik- oder LGBTQ-Bewegung) auf den Fersen zu bleiben, habe ich entweder deren Newsletter abonniert oder ich folge ihnen auf Social Media. Gesammelt wird, was den Sammelkriterien des Sozialarchivs im Allgemeinen und denjenigen der Sachdokumentation im Speziellen entspricht.

Erschliessen

Gedruckte Broschüren/Flugschriften (QS) werden für die Sachdokumentation erschlossen, indem sie datiert (Publikationsjahr) und einem (oder mehreren) der rund 1’200 Sachthemen zugeordnet werden. Bei digitalen Quellenschriften (DS) erfolgt die Datierung wenn möglich bis auf den Tag genau, und es werden noch einige Metadaten zusätzlich erfasst. Die Sacherschliessung folgt dabei dem Pertinenzprinzip: Für die Zuweisung zu einem Sachthema ist das in der Publikation behandelte Thema, nicht der Urheber ausschlaggebend. Ein Factsheet der SVP über die Schweizer Landwirtschaft kommt also ins Dossier «Agrarpolitik & Landwirtschaft in der Schweiz», nicht ins Dossier «Schweizerische Volkspartei (SVP)». Das Faktenblatt der FDP mit dem Titel «Was tut die FDP für KMU? – Vor und während der Corona-Zeit» wird dem Dossier «KMU» zugeordnet.

Oder doch eher dem Dossier «Krankheiten», in welchem alle QS und DS zu COVID-19 versammelt sind? Oder sogar zusätzlich auch dem Dossier «FDP», weil die Liberalen hier über sich selber schreiben? Wo wird ein zukünftiger Nutzer eher nach dem Faktenblatt suchen? Für welche Fragestellung einer zukünftigen Forschung könnte das Dokument von Interesse sein? – Zum Glück können Dokumente auch mehreren Dossiers zugeordnet werden, so dass in der Zukunft verschiedene Recherchepfade zum Ziel führen. Trotzdem stösst das Pertinenzprinzip in der Praxis oft an seine Grenzen.

Im Prinzip das Pertinenzprinzip

Im Sozialarchiv werden die Quellen in der Abteilung Archiv nach dem Provenienzprinzip erschlossen, d.h. die Ordnung der Ablage richtet sich nach der Herkunft der Archivalien, deren Entstehungszusammenhang damit weitestgehend erhalten bleibt. Im Gegensatz dazu ordnet die Abteilung Dokumentation ihre Unterlagen nach dem Pertinenzprinzip (von lateinisch «pertinere», deutsch «dazugehören»). Die Bestandesbildung folgt also der Logik einer vorher festgelegten Sachsystematik und nimmt im Regelfall keine Rücksicht auf den Ursprungskontext oder Urheber. Die Systematik der «Sachdokumentation» im Sozialarchiv basiert auf einer Dezimalklassifikation mit 10 Hauptgruppen, die wiederum in maximal 10 Sachgruppen unterteilt sind. In diese hierarchische Struktur sind rund 1’200 Sachthemen eingebettet, zu denen es «Dossiers» mit Dokumenten gibt.

Keine Regel ohne Ausnahme – dies gilt auch für das Pertinenzprinzip, denn nicht immer ist es sinnvoll, ein Dokument strikt dem Thema zuzuordnen, von dem sein Inhalt handelt. Ein gutes Beispiel hierfür ist der 1. Mai, der Tag der Arbeit (Dossier 50.6). Jedes Jahr sammeln wir von diesem Anlass zahlreiche Flugblätter unterschiedlichster Gruppierungen und Organisationen, die Anliegen reichen dabei von Kurdistan und Strafvollzug in Spanien über Tierrecht und Marxismus bis zu Feminismus und Lohngleichheit. Wenn die Texte mit einem üblichen Solidaritätsaufruf zum 1. Mai verbunden sind, lege ich sie – mindestens zusätzlich zu den anderen Themen – auch im Dossier zum «Ersten Mai» ab. – Weshalb? Den angesprochenen Anliegen wird nicht nur am 1. Mai Gehör verschafft, es gibt dazu auch zahlreiche weitere Dokumente in den entsprechenden Sachdossiers, wo gezielt fündig wird, wer nach diesem Thema sucht. Weil eine zukünftige Forschung vielleicht aber danach fragen könnte, wie sich das Profil des Tages der Arbeit im Lauf der Geschichte verändert hat, sammle und erschliesse ich hier also nicht pertinent, sondern vielmehr anlassbezogen.

Ein jüngeres Beispiel war die «Occupy»-Bewegung, in der Schweiz «Occupy Paradeplatz». Die ziemlich heterogene internationale soziale Bewegung vertrat Positionen in verschiedensten Bereichen: Banken, Wirtschaftssystem, Ökologie, Klimaschutz, Demokratie, Gentrifizierung, Landwirtschaft, Ernährung usw. Der Anlass für die Bewegung war aber eindeutig die globale Finanzkrise, die 2007 in den USA als Subprimekrise begonnen hatte und eigentlich eine Bankenkrise war. Es erschien sinnvoller, die Dokumente – wenn nur ein einziges Exemplar vorhanden war – an einem Ort (Dossier 96.1 C «Banken: Schweiz») zu versammeln, als sie in alle thematischen Winde zu zerstreuen und damit ihren Entstehungszusammenhang zum Verschwinden zu bringen. Es ist wahrscheinlicher, dass eine zukünftige Nutzerin erfahren möchte, welches die Anliegen der Occupy-Bewegung (in der Schweiz) waren, als dass ein anderer Nutzer das eine unter ganz vielen anderen Dokumenten zum Thema Gentrifizierung vermissen wird.

Auch anlässlich der gegenwärtigen Corona-Pandemie wurde und wird von verschiedenster Seite zu unterschiedlichsten Themen publiziert. Indem sie in der Sachdokumentation anlassbezogen immer auch dem Dossier «Krankheiten» (64.0 *8) zugeordnet werden, kann später einmal nachvollzogen werden, welche gesellschaftlichen Fragen dieses neuartige Virus aufgeworfen und welche politischen Reaktionen es provoziert hat.

Zeitphänomene

Die Dezimal-Klassifikation, welche die ca. 1’200 Themen der Sachdokumentation systematisch gruppiert und hierarchisiert, ist der Versuch, alle gesellschaftlichen Fragen, welche von den sozialen Bewegungen aufgeworfen werden, unter ihren verschiedenen Aspekten und in all ihren Dimensionen in eine Ordnung zu bringen, welche einen sachbezogenen Zugang zu diesen diversen Feldern der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ermöglicht, die entsprechenden Dokumente also «gezielt auffindbar» macht. Diese im und spezifisch für das Sammelgebiet des Sozialarchivs entwickelte Systematik mit numerischen Notationen und einem kontrollierten Vokabular für deren natürlichsprachliche Benennungen repräsentiert dabei naturgemäss nicht die Sphäre der Phänomene selbst, sondern nur die Sphäre der Begriffe und Konzepte, mit denen wir Ereignisse und Zeiterscheinungen in ihrem historischen Kontext zu verstehen, «einzuordnen» versuchen. Es ist bei einer solchen kategorialen Systematik nicht unangebracht, an Michel Foucaults Begriff der «Episteme» zu denken, mit welcher dieser die Bedingung der Möglichkeit von Wissen innerhalb einer geschichtlichen Epoche zu fassen versuchte, welche als unartikulierte Voraussetzung allen zeitgenössischen Diskursen vorausgeht und sie grundiert.

In der Dezimal-Klassifikation des Sozialarchivs spiegelt sich aber nicht nur die Episteme ihrer Entstehungszeit – sie wurde in den 1950er Jahren entwickelt und 1960 eingeführt –, sondern Dezimal-Klassifikationen stellen generell ziemlich statische Ordnungen dar und sind viel weniger flexibel als (kontrollierte) Schlagwortsysteme. Und so sind denn die bestehenden Kategorien der Dossiers nicht immer bestens geeignet, um Phänomene aus der jüngsten Zeit unter ihnen zu subsumieren. Beim «Land Grabbing» etwa, bei dem es sich eigentlich um eine neue Form der Kolonialisierung in Zeiten des Neoliberalismus handelt, stellt sich die Frage, bei welchem bestehenden Thema es am besten anschlussfähig ist, denn «Kolonialismus» gibt es als Dossier in der Sachdokumentation des Sozialarchivs gar nicht, da die Schweiz nie eine selbständige Kolonialmacht war und der Fokus der Sammlung auf der Schweiz liegt. Am überzeugendsten schien mir schliesslich das Dossier 91.8 zum «Bodenrecht» im Bereich der Landwirtschaft, was sich aber nicht von selbst versteht, weshalb ich den Begriff als Zusatz-Information zur entsprechenden Schachtel erfassen musste.

Auch auf den «Rohstoffhandel», für den die Schweiz eine der wichtigsten Drehscheiben darstellt, ist die Klassifikation des Sozialarchivs nicht optimal vorbereitet. In der Sachgruppe 83 «Geld, Währung, Preise» befindet sich unter der Notation 83.5 zwar das Dossier «Börse ; Rohstoffmarkt», unter welches man den Handel natürlich subsumieren kann. Jedoch bildet diese Klassierung weder den Charakter der Akteure (multinationale Konzerne) noch ihre Art zu operieren (Erwerb von Abbaulizenzen im Tausch gegen Einmalkredite an Regierungsvertreter korrupter Machtapparate in meist afrikanischen Staaten) ab, obwohl gerade diese beiden Aspekte den eigentlichen Inhalt der neueren Broschüren in diesem Dossier wesentlich bestimmen.

Nicht besser geht es den aktuell virulenten Pestiziden in der Landwirtschaft und der Agrochemie(kritik) insgesamt. Dass das Problem mit wenigen grossen global agierenden Agrochemiekonzernen vor allem darin liegt, dass sie in der internationalen Landwirtschaft zunehmend die gesamte vertikale Wertschöpfungskette beherrschen und damit eine beängstigende Kontrollmacht über alle Aspekte der menschlichen Nahrungsversorgung erhalten haben, wird mit der Ablage im Dossier «Chemische Industrie» (93.5) unzureichend erfasst.

Schliesslich ist auch die hängige «Konzernverantwortungs-Initiative» schwer eindeutig zu verorten: Es geht um Menschenrechte (Dossier 22.0), Nachhaltigkeit (Dossier 19.0 *3), Unternehmensführung (Dossier 86.1) und – vor allem rechtlich relevant – um multinationale Konzerne (Dossier 87.3) mit Sitz in der Schweiz. Insbesondere Print-Dokumente je in vierfacher Ausführung in allen aufgezählten Dossiers abzulegen, ist nicht praktikabel, weshalb Dokumente zur Konzernverantwortungs-Initiative dem zuletzt genannten Dossier zugeordnet werden. – Zum Glück erfahren eidgenössische Volksabstimmungen eine besondere Erschliessung, indem sie zusätzlich erfasst werden, so dass die Benutzenden alle Broschüren/Flugschriften zur Konzernverantwortungs-Initiative «gezielt auffinden» können.

Entwickelt ein neues Zeitphänomen eine gewisse Kontinuität und Beständigkeit, kann die Dezimal-Klassifikation zwar entsprechend erweitert bzw. ausdifferenziert werden. In den letzten Jahren wurden so die Dossiers zu den Sans-Papiers (22.5 *1) und zur Gentrifizierung (94.8 *G) neu eröffnet. Dies will aber gut überlegt sein, denn in einem aufwändigen Arbeitsschritt müssen alle bestehenden Dokumente in den Nachbarthemen gesichtet, aussortiert und bei Neuzuordnung umsigniert werden. Wurden sie mit ihrer alten Signatur in einer früheren Bibliografie erwähnt, stimmt diese Referenz nach der Umklassierung zudem nicht mehr, was ein unschöner Nebeneffekt ist.

Historische Distanz

Eine Dokumentalistin ist auch nur eine Zeitgenossin mit limitierter Übersicht und ein Subjekt (Foucault), das dem herrschenden Diskurs unterworfen ist. Dies wird im Rückblick und mit zunehmender zeitgeschichtlicher Distanz sowohl bei der verwendeten Nomenklatur als auch in der strukturellen Einordnung von Sachthemen auf problematische und aufschlussreiche Weise sichtbar.

Besonders deutlich wird die mangelnde Flughöhe bei einer «zeitnahen Dokumentation» bei den alten Beschriftungen der Zeitungsausschnitt-Mappen. Im Dossier 34.53 zu den nationalsozialistischen Verbrechen gibt es beispielsweise zahlreiche sogenannte ZA-«Sonderdossiers». In ZA 23.8 *VKV waren die einzelnen Mappen u.a. folgendermassen beschriftet: «Die ewige Jagd von Wiesenthal und anderen auf Nazi-Kriegsverbrecher» und «Die unermüdlichen Bemühungen der Nazikriegsverbrecher-Jägerin B. Klarsfeld»; heute heisst die Schachtel «Verfolgung und Enttarnung von Kriegsverbrechern ; Fluchtversuche von Kriegsverbrechern» und die Mappen sind mit «Beate Klarsfeld (1968-1984) ; Simon Wiesenthal (enth. auch: Fahndung nach Joseph Mengele)» beschriftet. Dass hingegen die «Ausländerfrage» (Dossier 02.3 C «Ausländerfrage, Ausländerintegration ; Einwanderung ; multikulturelle Gesellschaft: Schweiz»), die eines der umfangreichsten Dossiers in der Sachdokumentation überhaupt benennt, bis heute überlebt hat, ist nicht nur der Trägheit der Sozialarchiv-Klassifikation, sondern auch dem tatsächlichen Diskurs über Ausländer in der Schweizer Politik geschuldet. Im Gegensatz dazu hiessen die ZA-Sonderdossiers zur «Rassendiskriminierung in den USA» (in den Dossiers 05.3 und WUS 3) «nur» bis zum Jahr 1978 «Negerfrage». Sie wurden umbenannt, nachdem in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre in den Zeitungsartikeln zwar noch von «Negern» zu lesen war, aber statt des Begriffs «Negerfrage» nun der Terminus «Rassenintegration» o.Ä. verwendet wurde, während in den ersten dokumentierten Jahren (1948-58) vom «Aufbau» (15.10.1948) über das «Volksrecht» (27.11.1948 und 25.2.1952) bis zur «Berner Tagwacht» (26.8.1958) in den Überschriften in einer Selbstverständlichkeit von «Negerfrage», «Negerproblem» und «Neger-Krise» die Rede gewesen war.

Gerade dieses letzte Beispiel veranschaulicht, dass auch Sammlungen ihre Geschichte haben bzw. dass sich die Geschichte auch in eine vermeintlich neutrale Pressedokumentation einschreibt. Der Umgang mit solch zwiespältigem Erbe im Sozialarchiv verläuft doppelspurig: Auf den analogen Behältnissen werden die alten Beschriftungen belassen (ausser sie werden sowieso revidiert), die Bezeichnungen in der Online-Datenbank wurden und werden aber im Lauf der Zeit modernisiert.

Problematischer als überholte Begrifflichkeiten in den expliziten Dossier-Benennungen sind allerdings strukturell bedingte, implizite Bedeutungszuweisungen, die nicht mit einer einfachen Umbenennung aus der Welt geschafft werden können. Semantisch wirksam sind nämlich auch die Nachbarschaften bzw. umgekehrt die kategorialen Abgrenzungen, die innerhalb bzw. zwischen den Sachgruppen, zu denen die fraglichen Dossiers gehören, entstehen. Dabei ist dieser ordnende sachsystematische Zusammenhang, in welchen die Themen gestellt werden, selber nicht wertfrei, sondern von der Episteme seiner Entstehungszeit, also von den Diskursen der 1950er/60er Jahren geprägt. So befinden sich «Frauen» (Dossiers 04.5ff.), «Männer» (Dossier 04.7) ebenso wie «Kinder, Jugendliche» (Dossiers 04.1f.) innerhalb der Hauptgruppe 0 in der Sachgruppe «Mensch in der Gesellschaft» (04) in guter Gesellschaft untereinander. Sonderdossiers dazu versammeln Dokumente etwa zur «Gleichberechtigung» von Frau und Mann (04.5 C *1), zu «Gewalt an Frauen» (04.5 *4) oder zu «Jugendkulturen» (04.11). Die Dossiers zu «Feminismus & Frauenbewegung» (04.6ff.) schliessen numerisch an die Frauen an. LGBTQ-Menschen jedoch gehören klassifikatorisch nicht zu den «Mensch(en) in der Gesellschaft», sie sind in der nachfolgenden Hauptgruppe 1 der Sachgruppe «Psychologie, Sexualität» (13) zugewiesen worden (Dossier 13.9). Wie rassistische Diskurse die Hautfarbe (bei nicht-weissen Menschen) zum Hauptkriterium machen, reduziert eine solche klassifikatorische Kontextualisierung LGBTQ-Menschen auf ihre sexuelle Dimension, die, indem sie auf diese Weise hervorgehoben wird, zumindest problematisiert, wenn nicht gar pathologisiert wird. Nach dem gesellschaftlichen Lernprozess der letzten Jahrzehnte, in dessen Verlauf die heterosexuelle Mann-Frau-Matrix erweitert und ein gesellschaftlicher und rechtlicher Integrationsprozess von Nicht-Cis- und Nicht-Hetero-Menschen eingeleitet wurde, würde man Schwule und Lesben ebenso wie die entsprechenden identitätspolitischen Bewegungen wohl eher in Form von Sonderdossiers den «Männern» (Dossier 04.7) und den «Frauen» (Dossiers 04.5ff.) zugesellen. Und die Bisexuellen, Transmenschen und Queeren bekämen die noch unbesetzte Dezimal-Position 04.8 zugewiesen.

Eine solche Umklassierung wäre allerdings, wie weiter oben beschrieben, sehr aufwändig – und ist in Zeiten der digitalen Informationsverwaltung auch nicht mehr unbedingt nötig: Klassifikationen als Instrumente der Sacherschliessung stammen noch aus der analogen Welt, aber heutige Benutzer*innen finden nicht mehr über die systematische Baumstruktur, sondern über einfache Begriffssuchen zu den von ihnen gewünschten Dossiers. Und terminologisch sowie mithilfe eines ausgebauten Verweissystems lässt sich die Sachdokumentation des Sozialarchivs datenbanktechnisch einfacher als mit einer Umklassierung modernisieren, und zwar so, dass sie dem zeitgemässen «gezielten Auffinden» von Dokumenten dient. Latent liegt ihr jedoch immer noch eine ordnende Klassifikationsstruktur aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zugrunde, welche ihre eigene Geschichtlichkeit offenbart, wenn man sie auf ihre «Archäologie des Wissens» (Foucault) hin untersucht.

Digitales Sozialarchiv: Archivierung der Corona-Krise

Ende April 2020 erschien in verschiedenen schweizerischen, französischen, belgischen und luxemburgischen Medien der von über 150 HistorikerInnen, SoziologInnen und ArchivarInnen unterzeichnete Aufruf „Pour une mémoire ordinaire de l’extraordinaire“ (Myriam Piguet/Caroline Montebello: Covid-19: Pour une mémoire ordinaire de l’extraordinaire, in: Libération, 25.8.2020). Er plädiert dafür, die globale Corona-Krise nicht nur aus der Perspektive der politischen Eliten und des sensationellen Ereignisses zu archivieren, sondern für die zukünftige Forschung und Erinnerung auch die vielfältigen alltagsgeschichtlichen Aspekte, die „vies minuscules“ zu überliefern. Inzwischen befinden sich in verschiedenen Ländern Corona-Archive im Aufbau, die Material über gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, kulturelle, psychologische und mediale Aspekte der Pandemie sammeln und der Nachwelt erhalten (vgl. „Coronarchiv“ in Wikipedia).

In der Schweiz ist das Sozialarchiv entsprechend seinem Sammelauftrag an diesen Aktivitäten führend beteiligt (vgl. SozialarchivInfo 2/2020). So partizipiert es am Projekt corona-memory.ch, das Bilder, Texte, Videos und Posts von unterschiedlichen Social-Media-Kanälen zur Corona-Krise in der Schweiz zusammenzuträgt und archiviert. Das Archiv unter dem Lead der Digital Humanities der Universität Bern, des Geschichtsfachportals Infoclio und des Istituto di media e giornalismo der Università della Svizzera italiana ist partizipativ angelegt. Die mit OMEKA-S erstellte Oberfläche erlaubt es, Beiträge hochzuladen, auf externe Blogs, Tweets und Posts zu verlinken und die metadatierten Beiträge anderer zu recherchieren und anzuschauen. So können Geschichten, Erinnerungen und individuelle Erfahrungen in Form von Videos, Bildern, Audios, schriftlichen oder akustischen Nachrichten mit der Mitwelt geteilt und der Nachwelt erhalten werden. Die dabei entstehenden Daten werden vom Sozialarchiv und vom Schweizerischen Bundesarchiv längerfristig aufbewahrt. Corona-memory.ch leistet damit nicht nur einen wichtigen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis der Corona-Krise, sondern es ist auch ein konzeptueller und technischer Prototyp für die in der Archivwelt zurzeit intensiv diskutierte Archivierung von Social Media.

Unter den bereits mehreren Hundert Beiträgen finden sich Fotografien von leeren Plätzen und Universitäten, Bilder von Abstandsmarkierungen, geschlossenen Geschäften und gesperrten Landesgrenzen, Kinderzeichnungen und Karikaturen, Schnappschüsse von Home Schooling und universitärer Fernlehre, aber auch erschütternde Texte älterer Menschen zur Isolationserfahrung während der Besuchsverbote sowie zum Sterben in Corona-Zeiten. Links zu externen Blogs und Tweets vervollständigen das vielfältige Panorama ganz unterschiedlicher Corona-Erfahrungen.

Neben diesen alltagshistorischen Quellen der „digital citizens“ sind aber auch die Stellungnahmen der politischen Parteien, Verbände, Interessenorganisationen und Think-Tanks wichtige Dokumente für die zukünftige Erinnerung an die Corona-Krise in einer pluralistischen Gesellschaft. In der Sammlung „Digitaler Schriften“ der Sachdokumentation des Sozialarchivs sind ins Dossier „Krankheiten“ bis zum 1. Juli 2020 nicht weniger als 122 Dokumente zu COVID-19 eingegangen. Der wirtschaftspolitische Think-Tank Avenir Suisse publizierte von März bis Juni 2020 7 „Analysen“ zu wirtschaftlichen Aspekten der Corona-Krise und auch das Liberale Institut veröffentlichte 6 „Papers“ zu marktwirtschaftlichen Antworten auf die Pandemie. Die „Schweizerzeit“ schrieb vom „1. April im Bundesamt für Gesundheit“ und warnte unter Bezugnahme auf den postmodernen Philosophen Giorgio Agamben vor einer „Verschwörung der Regierenden“ mit „medizinischem Terror“ als Instrument. Die politischen Parteien versuchten ihre Positionspapiere mit Titeln zu versehen, die den eigenen Markenkern betonen. So war die SP „Solidarisch gegen die Krise“, während die SVP den „Schutz der Bevölkerung unter Minimierung der wirtschaftlichen Schäden“ forderte. Die Alternative Liste proklamierte mit Georg Büchner „Friede den Hütten!!“, die Grünliberalen setzten gut digital den Hashtag „#SmartRestart“ auf die Agenda.

Nicht nur Parteien, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften stellten „Forderungen“ und entwarfen „Strategien“ oder „Pläne“, auch diverse NGOs wie Solinetz, die Schweizerische Flüchtlingshilfe, Amnesty International, Solidarité sans Frontières oder Caritas platzierten ihre Begehren, wie die gesellschaftlich Vulnerabelsten und von der Krise am härtesten Getroffenen zu unterstützen seien, mit „Positionspapieren“ und „Offenen Briefen“ im öffentlichen Diskurs. Greenpeace Schweiz formulierte ein „Impulsprogramm“ und die Klimastreikbewegung einen „Krisen-Aktions-Plan“, damit beim wirtschaftlichen Reset die klima- und energiepolitischen Weichen richtig gestellt würden. Die Frauen hielten ebenfalls nicht hinter dem Berg – fielen doch der Internationale Frauentag am 8. März und der Frauenstreiktag am 14. Juni in die Phasen der „Besonderen“ und der „Ausserordentlichen Lage“, die mit einem weitgehenden Versammlungsverbot verbunden waren. Frauen sind in den seit der Corona-Pandemie als „systemrelevant“ eingestuften Berufen überdurchschnittlich vertreten. Schliesslich sind vom Obst-, Gastro- und Coiffureverband über den Detailhandel bis zur Kulturlobby und der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz „Offene Briefe“, „Merkblätter“, „Weisungen“ und „Schutzkonzepte“ in der Sachdokumentation für die Nachwelt archiviert. Auch die verschiedenen Versionen des BAG-Plakats „So schützen wir uns“ fehlen natürlich in der Sammlung nicht.

„Mit Kraft aus der Krise“ lautet der Claim der FDP, „Mit bewährten Stärken zurück zum Erfolg“ das „8-Punkte-Programm“ von Economiesuisse. – „Quellen für die Zukunft“ und „So schützen wir uns – gegen das Vergessen“ lautet die Devise im Schweizerischen Sozialarchiv.

Archivarisches Händeklatschen

Bestände zu Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik im Sozialarchiv

Zu den erfreulichen Nebenwirkungen der Corona-Krise gehört die transnationale Verbreitung des Händeklatschens auf Balkonen und Terrassen als Applaus für den unermüdlichen Einsatz des Spitalpersonals im Kampf gegen das Virus. Diesen Manifestationen der Wertschätzung möchten wir uns an dieser Stelle auf spezifisch archivarische Weise anschliessen: Durch eine Vorstellung der Bestände zu Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik im Schweizerischen Sozialarchiv und ihre historische Verortung. Das Sozialarchiv verfügt in diesem Bereich über umfangreiches und vielfältiges Material. Im Unterschied zum Archiv für Medizingeschichte der Universität Zürich, das sich auf die Sammlung im engeren Sinne medizin- und wissenschaftshistorischen Quellenmaterials, Nachlässe von Medizinalpersonen und Körperschaftsarchive medizinischer Institutionen konzentriert, finden sich im Sozialarchiv gemäss dessen Sammelauftrag Unterlagen, die die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen des Gesundheitswesens dokumentieren.

Die im Sozialarchiv gelagerten Bestände verschiedener Parteien und Organisationen beinhalten auch deren Akten zur Gesundheitspolitik. Sodann beherbergt das Sozialarchiv die Akten verschiedener Medizinerorganisationen mit gesellschaftspolitischen Zielen wie des „Verbands Schweizer Medizinstudenten“, der „ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges“, der „Schweizerischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie“ oder der „Vereinigung unabhängiger Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierender“. Weiters finden sich die Nachlässe verschiedener ÄrztInnen mit einem breiteren gesellschaftlichen und politischen Engagement wie etwa des Aussersihler Arbeiterarztes, Sexualreformers und Sozialisten Fritz Brupbacher und des mit ihm befreundeten Ärzteehepaars Minna und Max Tobler-Christinger oder der religiös-sozialistischen Hebamme und Krankenschwester Vre Karrer, die ab 1993 in Somalia eine Krankenstation mit Schule für Pflegeberufe aufbaute und dort 2002 ermordet wurde.

Die Sachdokumentation des Sozialarchivs führt allgemeine Dossiers zu öffentlichem Gesundheitswesen und Krankenversicherungen in der Schweiz und ausgewählten anderen Ländern und zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie spezialisierte Dossiers zu Themen wie Spitalwesen, Spitalfinanzierung, Krankenpflege, Spitex, medizinische Berufe, ÄrztInnen, Ärztestreiks, Ärztemangel/Ärzteüberschuss, ärztlichem Versagen, Arztgeheimnis, Präventivmedizin, Alternativer Medizin und einzelnen Krankheiten wie Cholera, Pocken, Tuberkulose, Grippe, Diphterie, Kinderlähmung, Typhus, Krebs, AIDS und Geschlechtskrankheiten. In der Bibliothek finden sich nebst historischer, sozial- und kulturwissenschaftlicher Fachliteratur zum Themenfeld Gesundheitswesen/Krankheiten die Informationsblätter und Jahresberichte von Institutionen wie dem Bundesamt für Gesundheit, der „Liga gegen die Tuberkulose und Lungenkrankheiten“ oder der „AIDS-Hilfe“.

Dass gerade das auf gesellschaftlichen Wandel sowie soziale und politische Bewegungen spezialisierte Sozialarchiv eine so grosse Sammlung von Dokumenten zum Gesundheitswesen aufweist, ist kein Zufall. Krankenversicherung und Spitalpolitik sind Dauerbrenner auf der politischen Agenda von Bund, Kantonen und Gemeinden, in deren Debatten Schreckbegriffe wie „Kostenexplosion“ oder „Zweiklassenmedizin“ regelmässig auftauchen. Abstimmungen über Epidemiengesetze haben in den letzten 140 Jahren wiederholt zu Kontroversen geführt, insbesondere dann, wenn sie die Möglichkeit eines Impfobligatoriums beinhalteten (vgl. SozialarchivInfo 1/2020). Entsprechend findet sich in den Beständen verschiedener politischer Akteure, insbesondere von Parteien und gemeinnützigen Organisationen, sowie in der Sachdokumentation umfangreiches Material zu solchen politischen Debatten.

Darüber hinaus widerspiegelt das zahlreiche Material zu Seuchen und anderen Krankheiten in den Beständen des Sozialarchivs auch den Umstand, dass deren Auftreten nicht nur medizinische Krisen sind, sondern seit jeher auch einschneidende Ereignisse mit oftmals weitreichenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Folgen. Die grosse, als „Schwarzer Tod“ bekannt gewordene Pest-Pandemie zur Mitte des 14. Jahrhunderts, die entlang von Handelsrouten wie der Seidenstrasse aus Zentralasien nach Europa vorgestossen war und gemäss Schätzungen ein Viertel bis die Hälfte der europäischen Bevölkerung, mindestens 20 Millionen Menschen, dahinraffte, erreichte 1347/48 auch das Gebiet der heutigen Schweiz. Sie führte unmittelbar an zahlreichen Orten zu Verfolgungen und gar Massakern an der jüdischen Minderheit, der manche Brunnenvergiftung als Ursache der Pest unterstellten; im Gebiet der heutigen Schweiz etwa in Chillon, Villeneuve, Bern, Zofingen, Solothurn, Zürich und Basel. Trotz Unkenntnis über die Verbreitungsart der Seuche führten in den darauffolgenden Jahrzehnten Hafen- und Handelsstädte bereits Isolationsmassnahmen für ankommende Schiffe und Kaufleute ein. Die dabei häufig zur Anwendung gelangende 40-tägige Absonderung prägte den Begriff „Quarantäne“.

Längerfristig bewirkte oder beschleunigte die Pest-Pandemie des 14. Jahrhunderts einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, der allerdings je nach gesellschaftlichen und politisch-institutionellen Voraussetzungen regional unterschiedlich verlaufen konnte. Die Kirche profitierte von der Seuche zwar materiell durch Erbschaften von vielen Pestopfern, geriet aber wegen fehlender Antwort auf die Frage nach der Ursache der Pandemie in eine Legitimationskrise. In wirtschaftlicher Hinsicht erleichterte der demographische Einbruch den Zugang zu Bauernhöfen und in den Städten lockerten die Handwerkerzünfte ihre restriktive Aufnahmepolitik. Unrentable Böden wurden aufgegeben, dagegen stiegen wegen Arbeitskräftemangels die Löhne in den Städten und teilweise auch der Landarbeiter. Die höheren Lohnkosten wiederum begünstigten die Mechanisierung manueller Arbeit und den Durchbruch technischer Innovationen wie des Buchdrucks.

In der frühen Neuzeit gab es in Europa immer wieder gravierende lokale Pest-Epidemien. So starben 1519 und 1611 in Zürich, 1610/11 in Basel und 1629 in St. Gallen jeweils rund 30 Prozent der Bevölkerung an der Pest. In den Jahren 1519, 1541, 1611 und 1630 wurde die gesamte Eidgenossenschaft von Pest-Epidemien heimgesucht. Als Reaktion darauf erliessen die Schweizer Städte ab dem späten 16. Jahrhundert nach norditalienischen Vorbildern Pest-Reglemente. Auch wurden Gesundheitsbehörden geschaffen, so in Zürich 1704 ein ständiger Sanitätsrat. Verschwand die Pest ab dem 18. Jahrhundert weitgehend aus Europa, so kostete noch um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Pest-Pandemie mit Schwerpunkt in Ostasien etwa 12 Millionen Menschenleben. In diesem Zusammenhang verabschiedete der Schweizer Bundesrat 1899/1900 Massnahmen zum Schutz gegen Pest und Cholera, die unter anderem den Warenverkehr mit „als pestverseucht anzusehenden Ländern und Bezirken“ einschränkten und an einer Reihe von Eisenbahn-, Post- und Dampfschiffstationen „Krankenübergabestationen“ mit „Absonderungshaus“ und „Desinfektionsanstalten“ für Reisende mit Pest- oder Cholerasymptomen vorsahen.

Die lange Zeit auf den indischen Subkontinent beschränkte Cholera breitete sich in einer ersten Pandemie zwischen 1817 und 1824 entlang von Handelsrouten über weitere Teile Asiens sowie nach Ostafrika, Kleinasien, Russland und Europa aus. In den folgenden 100 Jahren zogen fünf weitere Cholera-Pandemien grosse Teile der Welt in Mitleidenschaft. Hinzu kamen verschiedene gravierende lokale Epidemien, so 1892 in Hamburg, wo 8’600 Menschen verstarben. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die bakterielle Ursache der Cholera und deren Übertragung durch verschmutztes Trinkwasser erkannt. Die Entdeckung dieser Zusammenhänge stellte nicht nur die Geburtsstunde der modernen Epidemiologie dar, sondern begünstigte auch die infrastrukturelle Verbesserung im Bereich der Wasserversorgung in vielen der im Zuge der Industrialisierung rasch wachsenden Städte. Aktuell wütet seit 2016 im kriegsgebeutelten Jemen eine Cholera-Epidemie, der bereits mehrere Tausend Menschen zum Opfer gefallen sind.

Die Stadt Zürich wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von zwei gravierenden Cholera-Epidemien heimgesucht. 1855 kamen – bei einer Stadtbevölkerung von etwa 20’000 Personen – 114 Menschen ums Leben. Zeitgleich starben in den beiden Basel etwa 400 Menschen an der Cholera. Zwölf Jahre darauf erkrankten im Kanton Zürich 771 Personen an der Cholera, von denen 499 verstarben. Die grössten Todeszahlen wiesen die Wohnorte der städtischen Unterschichten mit ihren prekären hygienischen Verhältnissen auf: 131 Menschen starben in der Zürcher Altstadt, 92 weitere in der rasch wachsenden Arbeitervorstadt Aussersihl. Die Behörden reagierten weitgehend hilflos. Zunächst riegelte man Häuser, in denen Cholerakranke wohnten, für jeweils neun Tage ab. Diese Massnahme liess sich aber nicht lange durchsetzen. Auch gab es Veranstaltungsverbote und Aufforderungen an die Bevölkerung, sich beim Genuss von Sauser zurückzuhalten, während der Weinkonsum als Stärkung gegen die Seuche galt. Verbote einzelner Gemeinden, in die von der Cholera betroffenen Gebiete zu reisen, wurden vom Kanton wieder aufgehoben. Die Epidemie führte unmittelbar zu einer Solidaritätswelle: In Zürich entstand ein „Hülfskomitee“, das unter anderem eine Suppenküche für Arme einrichtete. Nachbarkantone schickten Geld und Naturalien. Zürich besass zu jener Zeit weder Wasserversorgung noch Kanalisation. Der Bau eines Abwassersystems war zwar einige Monate vor der Epidemie beschlossen worden, wurde aber erst in den folgenden Jahren umgesetzt. Auch machte die Epidemie die Lebensverhältnisse der städtischen Unterschichten einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Schliesslich verstärkte die hilflose Rolle der Behörden während der Cholera-Epidemie auch die Kritik am liberalen „System Escher“, das seit zwei Jahrzehnten den Kanton Zürich dominierte, infolge einer Schuldenkrise in der Landwirtschaft, eines konjunkturellen Einbruchs in der Industrie, steigender Lebensmittelpreise und Missständen in Verwaltung und Justiz schon zuvor unter Druck geraten war und dann im Winter 1867/68 von der demokratischen Bewegung weggefegt wurde (vgl. SozialarchivInfo 6/2018).

Der grössten Pandemie des 20. Jahrhunderts, der Grippe-Welle von 1918/19, fielen weltweit geschätzte 25 bis 100 Millionen Menschen zum Opfer, dies waren weit mehr Tote, als der Erste Weltkrieg gefordert hatte. Besonderheiten waren eine hohe Sterblichkeit von 5 bis 10 Prozent sowie der Umstand, dass vor allem Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren davon betroffen waren. Die übliche Bezeichnung „Spanische Grippe“ ist missverständlich, denn die Pandemie ging nicht von Spanien aus. Sie wurde freilich zuerst in der Presse Spaniens diskutiert, das als nicht am Weltkrieg beteiligtes Land eine freiere Berichterstattung kannte. Ihren Ursprung nahm die Pandemie Anfang 1918 in den Vereinigten Staaten, von wo sie im Frühjahr durch die intensiven interkontinentalen Truppentransporte des Weltkriegs nach Europa gelangte. Den ersten Peak erreichte die Pandemie im Juni 1918, als die Grippe nun auch Teile Asiens und Ozeaniens erreichte. Rasch zirkulierten diverse Gerüchte und Verschwörungstheorien über die Ursache der Grippewelle. In der durch die Kriegspropaganda angeheizten antideutschen Atmosphäre der USA – wo die Frankfurter Würste in „liberty sausages“ und der Hamburger in „liberty sandwich“ umgetauft worden waren – wurde die Umbenennung der Pandemie in „Deutsche Grippe“ gefordert. Die zweite Welle der Pandemie dauerte von Mitte August bis November 1918, fiel also zeitlich mit den letzten Kriegsmonaten, den Revolutionen in Deutschland und Österreich, dem Schweizer Landesstreik sowie politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen in zahlreichen weiteren Ländern zusammen. In dieser Welle erreichte die Pandemie auch verschiedene Regionen Afrikas. Eine dritte Grippe-Welle ab dem Frühjahr 1919 war weniger tödlich als die beiden vorangegangenen.

In der Schweiz erkrankten wohl rund 2 Millionen, etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung, an der Grippe, knapp 25’000 Menschen verstarben. Damit wurde 1918 zum einzigen Jahr des 20. Jahrhunderts, als in der Schweiz mehr Menschen verstarben als geboren wurden. Ein besonders hohes Todesrisiko hatten Pflegepersonal und Ärzte. Die erste Grippewelle im Sommer 1918 fiel zeitlich mit einer raschen Verschärfung der kriegsbedingten Versorgungsengpässe an Nahrungsmitteln, Energie und Kleidung zusammen und führte unter anderem dazu, dass Schulen und Universitäten vorzeitig in die Sommerferien gingen und militärische Ausbildungskurse verschoben wurden. Zugleich gab es in der Presse und seitens der Arbeiterbewegung heftige Angriffe auf die Armeeführung wegen die Verbreitung der Grippe fördernder Unterkunftsverhältnisse der Aktivdienstsoldaten und mangelhafter Vorbereitung der Sanitätstruppen. Aber auch zivile Ärzte waren gegen die Grippe weitgehend machtlos und experimentierten mit allen möglichen Mitteln und Therapien. Dies bedeutete einen jähen Bruch in der Erfolgsgeschichte der Medizin, die in den vorangegangenen Jahrzehnten stetige Fortschritte verzeichnet hatte. Die auf diese zusätzliche Krise schlecht vorbereiteten Behörden reagierten erst mit zeitlicher Verzögerung, sprachen Versammlungsverbote aus und publizierten Hygieneanweisungen, die uns heute teilweise sehr bekannt vorkommen: Verzicht auf Händeschütteln, nicht auf den Boden spucken, Niesen ins Taschentuch, häufiges Lüften der Wohnungen. Grosse Inkonsequenzen gab es bei den Anordnungen über Veranstaltungsverbote und Restaurantschliessungen zwischen den einzelnen Kantonen; ein Pandemieplan des Bundes existierte damals noch nicht.

Die zweite, noch heftigere Grippewelle im Herbst fiel zusammen mit einer Zuspitzung der Konflikte zwischen Arbeiterbewegung und politischer und militärischer Führung, einem umfangreichen präventiven Militäraufgebot für den Ordnungsdienst Anfang November sowie dem dreitägigen Landesstreik. In den Landesstreikdebatten schoben sich Regierung und Arbeitervertreter gegenseitig die Schuld an den wegen des Ordnungsdiensts erkrankten Soldaten in die Schuhe. In der Folge wurde die Pandemie vor allem von rechts politisch zu instrumentalisieren versucht, indem die grippetoten Soldaten etwa in Wahlkämpfen mit teilweise massiv übertriebenen Zahlen als Opfer des Generalstreiks dargestellt wurden. Für sie entstanden ab 1919 in vielen Ortschaften Denkmäler, die sich an den Kriegsgefallenenmonumenten der Nachbarländer orientierten, während der zwölf Mal zahlreicheren zivilen Grippeopfer kaum gedacht wurde (vgl. SozialarchivInfo 4/2018).

Neben wellenartigen Pandemien hatten auch andere Krankheiten weit über das Medizinische hinausreichende gesellschaftliche und politische Folgen. Die Tuberkulose war in Europa vom 17. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Unterschichtenkrankheit schlechthin und für einen erheblichen Prozentsatz der Todesfälle verantwortlich. In der Schweiz etwa starben 1895/96 16’842, 1905/06 sogar 18’385 Menschen an der Tuberkulose. So verwundert es nicht, dass das Thema Tuberkulose in den Körperschaftsarchiven der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und der Pro Juventute prominent auftaucht und in der Sachdokumentation des Sozialarchivs detaillierter als andere Krankheiten vertreten ist. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Luftkur zur wichtigsten Tuberkulosetherapie, bei der die PatientInnen mehrere Stunden täglich an der freien Luft liegen mussten. Dies führte zur Entstehung von Sanatorien in Davos und anderen alpinen Gemeinden, die sich in der Folge zu Wintersportorten weiterentwickelten. Im frühen 20. Jahrhundert erfolgte die Entwicklung von Impfstoffen. Diese trugen zusammen mit einer generellen Verbesserung der Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten dazu bei, dass sich in Europa der Anteil der Tuberkulosetoten zwischen 1850 und 1950 um den Faktor 10 verringerte. Der Einsatz von Antibiotika drängte dann nach dem Zweiten Weltkrieg die Tuberkulose weiter zurück und machte die Luftkuren zu einem Auslaufmodell. Die Zahl der Tuberkulosetoten in der Schweiz ging zurück von 3’055 im Jahre 1947 über 869 zehn Jahre darauf auf 20 im Jahre 2008. Weltweit erkranken aber noch heute etwa 10 Millionen Menschen pro Jahr an der Tuberkulose und werden jährlich etwa 1,5 Millionen Tuberkulosetote registriert.

Ein zentrales medizinisches, politisches und kulturelles Thema, das in verschiedenen Sammlungen des Sozialarchivs auftaucht, wurde im ausgehenden 20. Jahrhundert die Immunschwächekrankheit AIDS. Die ersten nachträglich dokumentierten HIV-Infektionen reichen in die Zeit um 1960 zurück und erste Übertragungen fanden wohl bereits mehrere Jahrzehnte zuvor in Zentralafrika statt. Erst Anfang der 80er Jahre wurde die Krankheit aber wissenschaftlich beschrieben. Zunächst galt sie in der Öffentlichkeit als Problem von „Randgruppen“ wie Homosexuellen und DrogenkonsumentInnen. Die Presse schrieb etwa reisserisch von einer „Homosexuellen-Seuche“ oder „Schwulenpest“. Mit dem Aufkommen von HIV-Tests erwies sich dies als Irrtum. Dennoch erlitten HIV-Infizierte weiterhin gesellschaftliche Stigmatisierungen und Diskriminierungen. Mit der raschen Zunahme an Neuerkrankungen in den mittleren 80er Jahren war das Thema auf der medialen und politischen Agenda ein Dauerbrenner. Es entstanden spezielle AIDS-Hilfen und die Behörden starteten umfangreiche Präventionskampagnen. Das gleichzeitige Anwachsen offener Drogenszenen wie derjenigen auf dem Zürcher Platzspitz machte auch die Einrichtung spezifischer präventivmedizinischer Einrichtungen für DrogenkonsumentInnen wie dem 1988 entstandenen „Zürcher Interventionspilotprojekt gegen Aids“ (ZIPP-AIDS) nötig (vgl. SozialarchivInfo 5/2017). In der Atmosphäre des späten Kalten Krieges betrieb der sowjetische Geheimdienst KGB von 1983 bis 1988 unter dem Codenamen „Operation Infektion“ eine internationale Fake-News-Kampagne, die die AIDS-Epidemie als missglückte oder gezielte Biowaffenoperation der USA darstellte. Mit der Stabilisierung der Zahlen von Neuerkrankten in Europa und der Entwicklung effektiver medikamentöser Behandlungsmethoden für HIV-Infizierte in den 90er Jahren ging das öffentliche Interesse an der Krankheit stark zurück. In der Zeitungsauschnittsammlung (ZA) des Sozialarchivs umfassen im Dossier „Aids“ die Jahre 1983 bis 1992 acht Schachteln, die Jahre 1993 bis 2006 dann nur noch deren sechs. Gegenwärtig stecken sich aber weltweit immer noch jährlich über 2 Millionen Menschen mit HIV an und versterben etwa eine Million Menschen an AIDS. Während der Anteil der HIV-Infizierten im weltweiten Durchschnitt unter einem Prozent liegt, erreicht diese Quote in einzelnen afrikanischen Staaten bis zu einem Viertel der Bevölkerung.

Die Corona-Pandemie schlägt sich seit Anfang März 2020 in der Sammlung Digitaler Schriften (DS) der Sachdokumentation des Sozialarchivs markant nieder. Nach dem ersten Schock traten die einzelnen Parteien, Interessenorganisationen und Think-Tanks mit Vorschlägen, Forderungen und Positionspapieren an die Öffentlichkeit, die über den engeren Bereich der Pandemie-Strategie hinaus vielfältige gesundheits-, wirtschafts- und sozialpolitische Themen betreffen und auch bereits erste Positionsbezüge für die Aushandlungsprozesse der postcoronalen Ära darstellen. Die fast täglich wachsende Sammlung der DS stellt dadurch ein einmaliges, gegenwarts- und zukunftsbezogenes Archiv zur Coronakrise in der Schweiz dar. Darüber hinaus ist das Sozialarchiv an einem Projekt für ein digitales Archiv der Coronakrise beteiligt, das in Kooperation mit den Digital Humanities der Universität Bern, dem Geschichtsfachportal Infoclio, dem Istituto di media e giornalismo der Università della Svizzera italiana und dem Schweizerischen Bundesarchiv Bilder, Texte, Videos und Posts von unterschiedlichen Social-Media-Kanälen zur Coronakrise in der Schweiz zusammentragen und archivieren möchte (corona-memory.ch). Ziel ist es, einen Ort des kollektiven Gedächtnisses zu schaffen und die in dieser gemeinsamen Notlage gelebten Erfahrungen nicht nur heute, sondern auch in Zukunft in ihrer Vielfalt zugänglich zu machen. Zweifellos wird die Coronakrise auch in den zukünftigen Ablieferungen zahlreicher Organisationen, für die das Sozialarchiv als Endarchiv fungiert, ein wichtiges Thema sein.

Zum Abschluss des archivarischen Händeklatschens muss noch eines betont werden: Bei aller Dankbarkeit und Hochachtung für die enormen Leistungen des Medizinalpersonals in der Coronakrise sind auch die zahlreichen weiteren Berufsgattungen, die während des Lockdowns unter schwierigen und teilweise gefährlichen Bedingungen für die Aufrechterhaltung von Grundversorgung und zentraler Infrastrukturen verantwortlich waren, nicht zu vergessen. Auch zur Geschichte und Gegenwart dieser Gruppen findet sich im Schweizerischen Sozialarchiv umfangreiches Material.

Material zu Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.140 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Volksgesundheit
  • Ar 13 Verband Schweizer Medizinstudenten
  • Ar 20.870.1 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk: Tschechische Tuberkulose-Kranke
  • Ar 31 Schweizerische Zentralstelle für praktische Psychiatrie
  • Ar 36.19 schwulenarchiv schweiz: Medizin
  • Ar 42.40.8 Schweizerische Vereinigung für Sozialpolitik: Kranken- und Unfallversicherung
  • Ar 101 Brupbacher, Fritz (1874–1945)
  • Ar 136 Tobler-Christinger, Max und Minna
  • Ar 169 Weil, Jochi Peter (*1942), Vorlass
  • Ar 198.36 Gmür, Mario
  • Ar 198.37 Karrer, Verena [Vre] (1933–2002)
  • Ar 201.96 SchulleiterInnenkonferenz der Psychiatrischen Krankenpflege
  • Ar 201.107 Schweizerische Vereinigung der Eltern epilepsiekranker Kinder SVEEK
  • Ar 201.175 Schweizerische Vereinigung des leitenden Personals der psychiatrischen Krankenpflege SVLPPK
  • Ar 201.203 Gesundheitsbrigaden Schweiz/Nicaragua
  • Ar 201.226 Dokumentation Kantonale Psychiatrische Familienpflege
  • Ar 201.244 Bau einer psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche im Kanton Zürich, 1982
  • Ar 201.256 Società ticinese di Mutuo Soccorso in Zurigo / Amici della Mutuo
  • Ar 201.283 Förderverein Neue Wege in Somalia
  • Ar 437.51 Frauen/Lesben-Archiv: Verhütung und (Zwangs)Sterilisation
  • Ar 437.52 Frauen/Lesben-Archiv: Gynäkologie
  • Ar 437.55 Frauen/Lesben-Archiv: Frau und Gesundheit
  • Ar 437.56 Frauen/Lesben-Archiv: Frau und Psychiatrie
  • Ar 437.58 Frauen/Lesben-Archiv: HIV / AIDS
  • Ar 473.30.1 Dokumentation Strafvollzug: AIDS und Drogen im Strafvollzug
  • Ar 517 Schweizerische Elternvereinigung für asthma- und allergiekranke Kinder SEAAK
  • Ar 526 ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges (PSR/IPPNW-Schweiz)
  • Ar 537 Schweizerische Gesellschaft für Sozialpsychiatrie SGSP, Zusatzausbildung Sozialpsychiatrie ZASP
  • Ar 578 Vereinigung unabhängiger Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierender
  • Ar 583 Fachverband sexuelle Gesundheit in Beratung und Bildung faseg
  • Ar 1014 Ulrich, Jürg (1930–2017)
  • Ar AI A 009-119 Amnesty International Schweizer Sektion: Berufsgruppen: Grp.202 Heil- und Pflegeberufe / Menschenrechte und Medizin
  • Ar AI A 009-120 Amnesty International Schweizer Sektion: Berufsgruppen: Grp.202 Netzwerk Heil- und Pflegeberufe: Gruppenporträt und Protokolle
  • Ar AI A 009-121 Amnesty International Schweizer Sektion: Berufsgruppen: Grp.202 Heil- und Pflegeberufe: Netzwerk, Korrespondenz, Fragebogen
  • Ar AI A 011-022 Amnesty International Schweizer Sektion: Fragebogen UA Medizinernetzwerk 2000
  • Ar AI A 011-023 Amnesty International Schweizer Sektion: Fragebogen UA Medizinernetzwerk 2001
  • Ar AI C 011-034 Amnesty International Schweizer Sektion: Berufs- und Zielgruppen: Mediziner
  • Ar PJ 1.4-035.SP10 Pro Juventute: Spitex (Spitalexterne Kranken- und Gesundheitspflege)
  • Ar PJ 1.4-036.02 Pro Juventute: Schweizerische Kommission zur Bekämpfung der chirurgischen Tuberkulose
  • Ar PJ 8.6-040 Pro Juventute: Tuberkuloseprävention: Broschüren
  • Ar SGG A 37 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Expedition mit den Zürcher Ärzten nach Héricourt
  • Ar SGG A 37 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Cholera in Hamburg
  • Ar SGG A 39 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Lungensanatorium
  • Ar SGG A 49 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Zur Kranken- und Unfallversicherung für Frauen, speziell Wöchnerinnen
  • Ar SGG A 62 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Chirurgische Tuberkulose
  • Ar SGG A 107 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Revision des Eidgenössischen Krankenversicherungsgesetzes
  • Ar SGG A 109 A Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: [Spezialfragen]: Verbesserungen der Existenzbedingungen des Krankenpflegepersonals

Sachdokumentation

  • KS 176/9 Geschlechtskrankheiten
  • KS 362/1+2 Krankenpflege
  • KS 362/3+4 Spitalwesen: Spitäler, Krankenhäuser, Kliniken
  • KS 368/68 Kranken- & Unfallversicherungen: Allg. & international
  • KS 368/69 Krankenversicherungen: Deutschland
  • KS 368/71 Kranken- & Unfallversicherungen: Grossbritannien, USA
  • KS 368/72 Kranken- & Unfallversicherungen: weitere Länder
  • KS 368/74 Krankenversicherungen: Schweiz
  • KS 368/76-89 Kranken- & Unfallversicherungen: Schweiz
  • KS 610/1 Medizin: Allg.; Kritik an der Medizin; Medizingeschichte
  • KS 610/2 Medizin; Öffentliches Gesundheitswesen; Sozialhygiene: Allg. & international
  • KS 610/3 Medizin; Öffentliches Gesundheitswesen; Sozialhygiene: Deutschland
  • KS 610/4 Medizin; Öffentliches Gesundheitswesen; Sozialhygiene: Grossbritannien, USA
  • KS 610/5+6 Medizin; Öffentliches Gesundheitswesen; Sozialhygiene: Schweiz
  • KS 610/8 Medizin: Ärzte /-innen: Schweiz
  • KS 610/10 Ärzte /-innen; Apotheken; Arzneimittel: Ausland
  • KS 610/12 Präventivmedizin & Gesundheitserziehung; Erste Hilfe
  • KS 610/13+14 Alternative Medizin; Naturheilkunde
  • KS 610/27 Krebs
  • KS 610/28 Medizin: Krankheiten
  • KS 610/29 Ansteckende Krankheiten; Seuchenbekämpfung: Allg.
  • KS 610/30 Ansteckende Krankheiten; Seuchenbekämpfung: Cholera
  • KS 610/31 Ansteckende Krankheiten; Seuchenbekämpfung: Pocken
  • KS 610/32 Ansteckende Krankheiten; Seuchenbekämpfung: Grippe; Diphterie; Kinderlähmung; Typhus
  • KS 610/33 Tuberkulose: International & Ausland
  • KS 610/34+35 Tuberkulose: Schweiz: Allg.
  • KS 610/36 Tuberkulose-Kommission der Stadt Zürich
  • KS 610/37 Tuberkulose: Schweiz: Verschiedene Vereinigungen
  • KS 610/38 Tuberkulose: Schweiz: Sanatorien; Walderholungsstätten
  • KS 610/39+40 Tuberkulosebekämpfung: Schweiz: Gesetzgebung
  • QS 61.1 Krankenkassen, Krankenversicherungen
  • QS 64.0 Medizin
  • QS 64.0 *8 Medizin: Krankheiten
  • QS 64.0 *72 Krebs
  • QS 64.0 *73 Aids
  • QS 64.0 Z Weltgesundheitsorganisation (WHO)
  • QS 64.7 Krankenpflege; Spitex, Hauspflege
  • QS 64.7 *M Medizinische Berufe (ausser Ärzte /-innen & Pflegeberufe)
  • QS 64.8 Spitalwesen: Spitäler, Krankenhäuser, Kliniken
  • QS 64.9 Gesundheitspolitik; Öffentliches Gesundheitswesen
  • ZA 61.1 Krankenkassen, Krankenversicherungen
  • ZA 64.0 *1 Medizin; medizinische Forschung: Allg.
  • ZA 64.0 *2 Medizin: Ärzte /-innen
  • ZA 64.0 *3 Alternative Medizin; Naturheilkunde
  • ZA 64.0 *7 Präventivmedizin & Gesundheitserziehung
  • ZA 64.0 *21 Ärztestreiks
  • ZA 64.0 *22 Ärztemangel; Ärzteüberschuss
  • ZA 64.0 *23 Ärztliches Versagen
  • ZA 64.0 *24 Arztgeheimnis; Patientenrechte und Schutz der Patienten /-innen
  • ZA 64.0 *71 Tuberkulose
  • ZA 64.0 *72 Krebs
  • ZA 64.0 *73 Aids
  • ZA 64.0 *74 Infektionskrankheiten, Seuchen, Epidemien bei Menschen
  • ZA 64.0 *75 Geschlechtskrankheiten
  • ZA 64.0 Z Weltgesundheitsorganisation (WHO)
  • ZA 64.5 *2 Rauchen: medizinische Folgen
  • ZA 64.7 *1 Krankenpflege: Allg.
  • ZA 64.7 *11 Spitex, Hauspflege
  • ZA 64.8 *1 Kliniken: Spitäler der Stadt Zürich
  • ZA 64.8 *2 Kliniken: Spitäler des Kantons Zürich
  • ZA 64.8 *3 Kliniken: Spitäler der übrigen Kantone
  • ZA 64.8 *4 Kliniken, Spitäler: Privatkliniken
  • ZA 64.8 *5 Kliniken, Spitäler: Polikliniken
  • ZA 64.8 *7 Spitalkostenentwicklung; Spitalfinanzierung
  • ZA 64.9 *1 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: Schweiz
  • ZA 64.9 *71 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: Grossbritannie
  • ZA 64.9 *72 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: Bundesrepublik Deutschland
  • ZA 64.9 *73 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: übriges Europa
  • ZA 64.9 *74 Gesundheitspolitik; Öffentlicher Gesundheitsdienst: ausserhalb Europas
  • DS 191 Akademien der Wissenschaften: Schweiz Gesundheit und globaler Wandel in einer vernetzten Welt
  • DS 315 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS): Liberalisierungen sind keine Lösung für die dringlichen Fragen im Gesundheitsbereich
  • DS 536 Economiesuisse: So wird die Spitalfinanzierung ein Vollerfolg
  • DS 550 Schweizerzeit: Jährlich Zehntausende Gratispatienten mehr
  • DS 615 Komitee 2x Nein zur Spitalprivatisierung: 7 gute Gründe für ein Nein zur Spitalprivatisierung am 21. Mai 2017
  • DS 626 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS): Teurer Wettbewerb – Für ein starkes öffentliches Gesundheitswesen
  • DS 913 FDP.Die Liberalen: Qualitätswettbewerb für eine gesunde Schweiz
  • DS 988 SGB-Frauenkommission: Yes we care! Faire Arbeitsbedingungen und Zugang für alle
  • DS 1075 Lilienberg Unternehmerforum: Weg zu einer transparenteren Medizin
  • DS 1127 Christlichdemokratische Volkspartei der Schweiz (CVP): Kampf den hohen Gesundheitskosten!
  • DS 1268 Christlichdemokratische Volkspartei der Schweiz (CVP) : Initiative „Für tiefere Prämien – Kostenbremse im Gesundheitswesen“
  • DS 1421 Economiesuisse: Wirtschaft bringt Gesundheit
  • DS 1428 BMJ Open: Effects of health and social care spending constraints on mortality in England: a time trend analysis
  • DS 1596 Bundesamt für Gesundheit (BAG): Hochbetagte Menschen mit Mehrfacherkrankungen – Typische Fallbeispiele aus der geriatrischen Praxis
  • DS 1753 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Gesundheit muss für alle bezahlbar sein
  • DS 1790 Greenpeace Schweiz: Klimawandelbedingte Zunahme von Hitzeereignissen und deren Folgen für die Gesundheit in der Schweiz und in Europa
  • DS 1792 Greenpeace Schweiz: Factsheet: Gesundheit und Klima
  • DS 1864 FDP.Die Liberalen: Neuer Schwung für das Schweizer Gesundheitswesen
  • DS 2475 Grüne Partei der Schweiz (GPS): Covid-19 – Forderungen der Grünen
  • DS 2478 Avenir Suisse: Wirtschaftspolitische Antworten auf die Corona-Krise
  • DS 2479 Solinetz: Dringend: Menschen aus den Rückkehrzentren wegen Corona-Virus in dezentralen Unterkünften unterbringen
  • DS 2481 Avenir Suisse: Volkswirtschaftliche Auswirkungen eines umfassenden Shutdown
  • DS 2482 Schweizerische JungsozialistInnen (JUSO): Liebe Nachbar*innen
  • DS 2483 Liberales Institut: Perspektiven zur Pandemie und der Weltwirtschaft
  • DS 2484 Grüne Partei der Schweiz (GPS): COVID-19: Grüne Sozial- und Gesundheitspolitik
  • DS 2487 Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH): COVID-19: Dringliche Massnahmen im Asylbereich
  • DS 2488 Anlaufstelle für Sans-Papiers Basel: Sans-Papiers haben Rechte – auch in der Krise!
  • DS 2489 Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS): Empfehlungen zur Sozialhilfe während Epidemie-Massnahmen
  • DS 2491 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Corona-Virus: Antworten auf Fragen zu Arbeitsrecht/Kurzarbeit
  • DS 2492 Universität Zürich, Department of Economics: Coronavirus – Testen und Einfrieren: Eine Überlebensstrategie für die Schweizer Volkswirtschaft
  • DS 2493 SP Frauen*: Kinderbetreuung in Zeiten von Corona
  • DS 2494 Avenir Suisse: Mehr Freiheiten für die Unternehmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie
  • DS 2495 Plattform „Zivilgesellschaft in Asyl-Bundeszentren“: Offener dringlicher Brief: Umsetzung der BAG-Empfehlungen im Asylwesen$
  • DS 2496 Solinetz: Minimale Selbständigkeit bei der Versorgung mit dem Grundbedarf ermöglichen; Nothilfegeld wieder auszahlen; Internetzugang ermöglichen
  • DS 2497 Lilienberg Unternehmerforum: Von Viren, Lunten, Pulverfässern und Flächenfeuern
  • DS 2498 Schweizerische Volkspartei (SVP): Schutz der Bevölkerung unter Minimierung der wirtschaftlichen Schäden: Strategie für die Schweiz nach dem 19. April 2020
  • DS 2499 Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH): Argumentarium der SFH zu Grenzschliessungen und Asylgesuchen an der Grenze
  • DS 2500 Liberales Institut: Warum die Globalisierung die Gefahren einer Pandemie reduziert
  • DS 2501 Liberales Institut: Freie Märkte als beste Resilienz-Strategie
  • DS 2502 Starke Volksschule Zürich Newsletter vom 29.3.2020
  • DS 2503 Schweizerzeit: Abstand halten – vor falschen Freunden
  • DS 2504 AvenirSocial: Corona – alles anders und alle solidarisch? Die Sicht der Sozialen Arbeit
  • DS 2506 Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften/Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin: Covid-19-Pandemie: Triage von intensivmedizinischen Behandlungen bei Ressourcenknappheit
  • DS 2507 Schweizerzeit: 1. April im Bundesamt für Gesundheit
  • DS 2508 Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD): Spitalpersonal: Offener Brief an den Bundesrat
  • DS 2509 Amnesty International et al.: Joint civil society statement: States use of digital surveillance technologies to fight pandemic must respect human rights
  • DS 2512 Bundesamt für Gesundheit (BAG) Neues Coronavirus – So schützen wir uns
  • DS 2513 Grüne Partei der Schweiz (GPS): Kein Sonderstatus für den Flugverkehr!
  • DS 2514 Grüne Partei der Schweiz (GPS): COVID-19: Schweizer Landwirtschaft – Massnahmen-Plan von Meret Schneider, Nationalrätin ZH
  • DS 2515 Schweizerische Volkspartei (SVP): Die verfassungsmässige Ordnung ist wiederherzustellen und weitere finanzielle Verpflichtungen sind vom Parlament zu beschliessen
  • DS 2516 Grüne Partei der Schweiz (GPS): Grounding: Kein Abheben ohne neue Spielregeln. Klima und Menschen first!
  • DS 2517 AGILE.CH: Corona-Pandemie – Die Rechte der Menschen mit Behinderungen gelten auch in Krisenzeiten
  • DS 2519 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS): Coronavirus-Pandemie: Drei-Pfeiler-Strategie zur Bewältigung der Krise
  • DS 2520 Schweizerzeit: Die Stunde der Klassenkämpfer
  • DS 2521 Starke Volksschule Zürich: Newsletter vom 12.4.2020
  • DS 2522 Liberales Institut: Gibt es eine Alternative zum Staatsversagen in einer Pandemie?
  • DS 2523 Liberales Institut: Gesundheit oder Wirtschaft: Der ethische Konflikt, der keiner ist
  • DS 2524 Avenir Suisse: Fahrplan für den Corona-Exit
  • DS 2525 Grüne Partei der Schweiz (GPS): Bericht zu einem Impuls- und Resilienzprogramm nach der COVID-19-Krise
  • DS 2526 FDP.Die Liberalen: Mit Kraft aus der Krise
  • DS 2527 Sucht Schweiz: Covid-19-Pandemie und illegale Drogen: Lagebeurteilung, Szenarien und Empfehlungen
  • DS 2528 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS): Solidarisch gegen die Krise
  • DS 2529 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) Solidarisch gegen die Krise
  • DS 2530 Schweizerzeit: Die Stunde der Geldverteiler
  • DS 2531 AvenirSocial, ATD Vierte Welt et al.: Die Krise trifft armutsbetroffene Menschen doppelt: Jetzt und langfristig gemeinsam handeln!
  • DS 2533 Junge Grüne Schweiz: Offener Brief an den Bundesrat – Wohnen

Bibliothek

  • Altendorfer, Laura-Maria: Influencer in der digitalen Gesundheitskommunikation: Instagramer, YouTuber und Co. zwischen Qualität, Ethik und Professionalisierung. Baden-Baden 2019, erwartet
  • Arbenz, Martha: Tuberkulose und Wohnverhältnisse in der Stadt Bern: Erhebungen bei offentuberkulösen Patienten der Fürsorgestelle. Zürich 1945, Hg 1017
  • Beigbeder, Yves: The World Health Organization: Achievements and failures. London 2018, 138351
  • Bergdolt, Klaus: Der Schwarze Tod in Europa: Die Grosse Pest und das Ende des Mittelalters. München 1994, 96991
  • Bergdolt, Klaus: Die Pest und die Juden: Mythen, Fakten, Topoi, in: Aschkenas 29 (2019). S. 43-62, D 5391
  • Caduff, Carlo: The pandemic perhaps: Dramatic events in a public culture of danger. Oakland 2015, 132352
  • Condrau, Flurin: Soziale Ungleichheit vor der Cholera und ihre Wahrnehmung durch Zürichs Ärzteschaft (1850–1870), in: Medizin, Gesellschaft und Geschichte 12 (1993). S. 75-99, D 5367
  • Condrau, Flurin: Cholera und sozialer Wandel: Die Schweiz als Beispiel, in: Vögele, Jörg (Hg.): Stadt, Krankheit und Tod: Geschichte der städtischen Gesundheitsverhältnisse während der epidemiologischen Transition (vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert). Berlin. 2000. S. 189-208, 107448
  • Davis, Mike: Vogelgrippe: Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien. Berlin 2005, 115146
  • Evans, Richard J.: Death in Hamburg: Society and politics in the cholera years 1830–1910. Oxford 1987, 86490
  • Gerste, Ronald D.: Wie Krankheiten Geschichte machen: Von der Antike bis heute. Stuttgart 2019, 142208
  • Gestrich, Andreas et al. (Hg.): Poverty and sickness in modern Europe: Narratives of the sick poor, 1780–1938. London 2012, 127923
  • Hähner-Rombach, Sylvelyn (Hg.): Alltag in der Krankenpflege: Geschichte und Gegenwart. Stuttgart 2009, 121789
  • Hatje, Frank: Leben und Sterben im Zeitalter der Pest: Basel im 15. bis 17. Jahrhundert. Basel 1992, 94259
  • Hitzer, Bettina: Krebs fühlen: Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2020, erwartet
  • Honigsbaum, Mark: A history of the great influenza pandemics: Death, panic and hysteria, 1830–1920. London 2014, 130232
  • Jacobsen, Jens: Schatten des Todes: Die Geschichte der Seuchen. Darmstadt 2012, 127522
  • Johnson, Niall: Britain and the 1918–19 influenza pandemic: A dark epilogue. London 2006, 118168
  • Kaufmann, Andréa: Luft zum Leben: Die Geschichte der Lungenliga Zürich. Zürich 2008, Gr 12134
  • Kury, Patrick: Das Virus der Unsicherheit: Die Jahrhundertgrippe von 1918/19 und der Landesstreik, in: Roman Rossfeld/Christian Koller/Brigitte Studer (Hg.): Der Landesstreik: Die Schweiz im November 1918. Baden 2018. S. 390-411, Gr 14667
  • Letsch, Walter R.: Die Pestepidemie oder das „grosse Sterbend“ von 1611, in: Zürcher Taschenbuch N.F. 133 (2013). S. 77-92, N 347
  • Letsch, Walter R.: Die Pest in Zürich im 16. Jahrhundert, in: Zürcher Taschenbuch N.F. 136 (2016). S. 99-122, D 6171
  • Leven, Karl-Heinz: Geschichte der Medizin: Von der Antike bis zur Gegenwart. München 2017, 138753
  • Lüthi, Daniel: Begegnungen mit dem Gesundheitswesen: 32 Porträts in Text und Bild. 2 Bde. Basel 2013-2016, 128743
  • Meier, Mischa (Hg.): Pest: Die Geschichte eines Menschheitstraumas. Stuttgart 2005, 115352
  • Minder, Veronika: Seuche und Gesellschaft: Drei Beispiele: Eine Betrachtung über den Umgang des Menschen mit Pest, Tuberkulose, Aids. Basel 1988, Gr 6788
  • Mörgeli, Christoph: Wenn der Tod umgeht: Die Grippeepidemie von 1918 forderte mehr Opfer als der Erste Weltkrieg: In der Schweiz lähmte sie das öffentliche Leben und beschwor eine politische Krise herauf, in: NZZ Folio 11 (1995). S. 31-39, D 4639
  • Oggier, Willy (Hg.): Gesundheitswesen Schweiz 2015–2017: Eine aktuelle Übersicht. Bern 2015, 132880
  • Ohne Dings kein Bums: 20 Jahre Aids-Arbeit in der Schweiz. Hg. Bundesamt für Gesundheit, Aids-Hilfe Schweiz, Schweizerisches Landesmuseum. Baden 2005, Gr 11520
  • Reichert, Martin: Die Kapsel: Aids in der Bundesrepublik. Berlin 2018, erwartet
  • Ruckstuhl, Brigitte und Elisabeth Ryter: Von der Seuchenpolizei zu Public Health: Öffentliche Gesundheit in der Schweiz seit 1750. Zürich 2017, Gr 14321
  • Rusterholz, Armin: „Das Sterben will nicht enden!“ Die „Spanische Grippe-Epidemie“ 1918/19 in der Schweizer Armee mit besonderer Berücksichtigung der Glarner Militäropfer. Glarus 2010, 123904
  • Salfellner, Harald: Die Spanische Grippe: Eine Geschichte der Pandemie von 1918. Haselbach 2018, 141366
  • Sarasin, Philipp et al. (Hg.): Bakteriologie und Moderne: Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870–1920. Frankfurt/M 2007, 117423
  • Schmid, Friedrich: Die Influenza in der Schweiz in den Jahren 1889–1894. Bern 1895, Gr 6395
  • Schmid, Friedrich: Gesundheitswesen / Hygiène publique. 2 Bde. Bern 1898-1906, A 2591/V8
  • Schürer, Christian: Der Traum von Heilung: Eine Geschichte der Höhenkur zur Behandlung der Lungentuberkulose. Baden 2017, 136052
  • Seibt, Constantin (Hg.): Positiv: Aids in der Schweiz. Basel 2018, 138378
  • Spinney, Laura: 1918 – die Welt im Fieber: Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. München 2018, 138130
  • Tscherrig, Andreas: Krankenbesuche verboten! Die Spanische Grippe 1918/19 und die kantonalen Sanitätsbehörden in Basel-Landschaft und Basel-Stadt. Liestal 2016, 136846
  • Die Tuberkulose-Bekämpfung in der Schweiz: Der IV. Konferenz der Internationalen Vereinigung gegen die Tuberkulose, versammelt in Lausanne vom 5.-7. Aug. 1924, dargeboten von der Schweizerischen Vereinigung gegen die Tuberkulose. Lausanne 1924, 77980
  • Tümmers, Henning: AIDS: Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland. Göttingen 2017, 138345
  • Vasold, Manfred: Die Spanische Grippe: Die Seuche und der Erste Weltkrieg. Darmstadt 2009, 121867
  • Vögele, Jörg et al. (Hg.): Epidemien und Pandemien in historischer Perspektive. Wiesbaden 2016, erwartet
  • Widmer, Werner: Einführung in das Gesundheitswesen der Schweiz: Für Gesundheits- und Sozialberufe. Zürich 2016, Gr 14339
  • Witte, Wilfried: Tollkirschen und Quarantäne: Die Geschichte der spanischen Grippe. Berlin 2009, 120309
  • Zimmer, Thomas: Welt ohne Krankheit: Geschichte der internationalen Gesundheitspolitik 1940–1970. Göttingen 2017, 137318
  • Zürcher, Daniel: Privatarchivbestände zur Sozialgeschichte von HIV / Aids in der Schweiz. Basel 2015, Gr 13664

Periodika

  • AIDS-Forschung Schweiz, N 4396
  • AIDS Infothek: Das Magazin der AIDS Info Docu Schweiz, D 4513
  • Bulletin Bundesamt für Gesundheit, N 4291
  • Gegen die Tuberkulose / Blätter gegen die Tuberkulose / Tuberkulose und Lungenkrankheiten, N 157
  • Jahresbericht AIDS-Hilfe Schweiz, K 874
  • Jahresbericht Zürcher AIDS-Hilfe, K 933
  • Jahresbericht Zürcher Kantonale Liga gegen die Tuberkulose und Lungenkrankheiten, K 287

Pest, Cholera und andere Seuchen in der Sachdokumentation

… und die Spanische Grippe im Sozialarchiv

Im Dossier 64.0 *8 «Medizin: Krankheiten» sowie im Dossier 64.0 *71 «Tuberkulose» finden sich interessante Dokumente zum Thema Epidemien und deren Bekämpfung, die in diesem Winter 2019/20 bei der Lektüre eine unwillkommene Aktualität entfalten.

Die Schweizer Stimmbevölkerung hat zuletzt am 22. September 2013 über das geltende Epidemiengesetz („Bundesgesetz über die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten“) abgestimmt. Es wurde mit 60 % Ja-Stimmen deutlich angenommen. Strittiger Punkt war vor allem ein „allfälliges, befristetes Impfobligatorium“ für besonders exponierte Personen, in der Terminologie der GegnerInnen der „Impfzwang“. Mit dem Gesetz wurde für Krisensituationen zudem neu auch die „besondere Lage“ (neben der „normalen“ und der „ausserordentlichen Lage“) eingeführt. Eine „besondere Lage“ kann eintreten, wenn die Kantone bei der Verhütung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten an ihre Grenzen stossen oder aber wenn die WHO eine internationale Gefahrenlage feststellt. Und: Der Bundesrat kann bereits bei einer „besonderen Lage“ Massnahmen anordnen, wie Ende Februar 2020 mit dem Verbot von Massenveranstaltungen erstmals geschehen. Nur eine Minderheit schätzte diese Kompetenzerweiterung des Bundes vor knapp sieben Jahren als „Gesundheitsdiktatur“ ein. Bereits hundert Jahre zuvor, am 4. Mai 1913, stimmte die Schweiz über eine Revision von Artikel 69 der Bundesverfassung ab, der „im Sinne vermehrter Befugnis des Bundes bei der Bekämpfung menschlicher und tierischer Krankheiten“ geändert wurde. Sie wurde damals vom Stimmvolk mit 60.3 % gutgeheissen.

An der Impffrage, bereits in ihren frühesten Zeiten eine regelrechte Glaubensfrage, schieden sich übrigens schon im 19. Jahrhundert die Geister. So war der Impfzwang (für die Pocken) ausschlaggebend für das Scheitern des nationalen Epidemiengesetzes an der Urne am 30. Juli 1882. Das „Bundesgesetz betreffend Massnahmen gegen gemeingefährliche Epidemien“ wurde seinerzeit mit 78.9 % Nein-Stimmen bachab geschickt. Speziell die damals grassierende Tuberkulose betreffend stimmte die Schweizer Stimmbevölkerung am 22. Mai 1949 über eine «Ergänzung des Bundesgesetzes vom 13. Juni 1928 betreffend Massnahmen gegen die Tuberkulose» ab, mit welcher zum einen der Bundesrat dazu ermächtigt werden sollte, im Sinne der Präventivmedizin für die gesamte Bevölkerung periodische obligatorische Untersuchungen (mit dem Schirmbildverfahren) anzuordnen, deren Durchführung in der Zuständigkeit der Kantone läge. Zum anderen sollte mit dem Gesetz die Zwangsisolierung ansteckungsgefährlicher Personen geregelt werden. Im gleichen Gesetz war als sozialpolitische Massnahme zudem die Einführung einer obligatorischen Krankenversicherung für wenig bemittelte Personen vorgesehen. Die «Zwangsmassnahmen für die Tuberkulosebekämpfung» wurden von den Gegnern als «Eingriffe in die persönliche Freiheitssphäre des Bürgers» aufgefasst, und die Vorlage wurde mit 75.2 % Nein-Stimmen überaus klar verworfen.

Vor gut hundert Jahren wütete bekanntlich die Spanische Grippe. Die Pandemie, ausgelöst durch ein besonders aggressives Influenzavirus (Subtyp A/H1N1), von dem eine Variante im Jahr 2009 die «Schweinegrippe»-Pandemie verursachte, betraf auch das Schweizerische Sozialarchiv, das damals noch «Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz» hiess und am Predigerplatz 35 zu Hause war. Im «Jahresbericht pro 1918» lässt sich dazu Folgendes nachlesen:

«Als gegen Ende des Jahres die Grippe auftrat und die Kohlen ausblieben, griff eine pessimistische Stimmung Platz, die im Leselokal bald durch einen stark erhöhten, bald durch einen schwächeren Besuch ihren Ausdruck fand. Die weit verbreitete Krankheit, von der auch der Bibliothekar heimgesucht wurde, zwang uns, die Bibliothek während einiger Wochen geschlossen zu halten. Im ganzen genommen war die Frequenz jedoch sehr gut.»

Der Jahresbericht 2020 ist noch nicht geschrieben… – Kommen Sie gut durch die nächste Zeit und bleiben Sie gesund!

Als die «Klimakrise» noch «Treibhauseffekt» hiess

Ein Rückblick auf die Anfänge der medialen Wahrnehmung eines bedrohlichen Phänomens

Im Dezember vergangenen Jahres fand in Madrid die Weltklimakonferenz statt. 25’000 Teilnehmer/innen aus fast allen Staaten der Welt debattierten über Massnahmen zur Eindämmung der Erderwärmung bzw. zur Abwendung der Klimakatastrophe. In der Sachdokumentation des Sozialarchivs wird das Thema «Klimaveränderung» schon seit 60 Jahren dokumentiert, mit Zeitungsausschnitten (13 Schachteln), Broschüren und Flugschriften (10 Schachteln) sowie 97 Digitalen Schriften [Stand: 7.1.2020].

Als erster grosser Meilenstein der internationalen Klimapolitik gilt der UNO-Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro, an dem die Klimarahmenkonvention beschlossen wurde, die immerhin eine Verständigung über die Ziele des Klimaschutzes formulierte. Wie die Ziele erreicht werden sollten, war Gegenstand der nachfolgenden UNO-Klimakonferenzen. 1997 führte das Kyoto-Protokoll als Massnahme zum Klimaschutz den weltweiten Emissionsrechtehandel ein und 2015 kamen die Länder in Paris überein, ihre nationalen Klimaziele schriftlich festzulegen («Intended Nationally Determined Contributions», INDC), jedoch ohne verbindliche Verpflichtungen einzugehen und entsprechende Sanktionsmechanismen einzuführen.
Seit den 1990er Jahren figuriert das Klima jedenfalls auf der internationalen und den nationalen politischen Agenden – mal weiter oben, mal weiter unten –, und diese letzten 30 Jahre der Klimafrage und -politik sind den meisten von uns einigermassen präsent. Aber was geschah eigentlich in den 30 Jahren davor?

Die Geschichte des Wissens

Der allererste Artikel in der Zeitungsausschnittsammlung des Sozialarchivs zum Thema Klimaveränderung – er stammt aus der Schweizerischen Allgemeinen Volkszeitung – datiert vom 5.12.1959 und versetzt in Erstaunen, da er bereits 60 Jahre vor dem Klimawahljahr 2019 in der Schweiz die Brisanz des Phänomens deutlich benennt:

«Seit Jahren scheinen auf der Erde die Jahreszeiten etwas durcheinandergeraten zu sein. […] Überschwemmungen, unsaisongemässe Hitze- oder Kälteperioden werden häufiger. […] Die stetig zunehmende Abgabe von Verbrennungsrückständen aus Kaminen und den Auspuffrohren von Motoren ist die unmittelbare Ursache davon! Bisher wurde das Kohlendioxyd durch den Atmungsprozess der Pflanzen sowie durch die Verwitterung des Gesteins unserer Atmosphäre wieder laufend entzogen. So hielt sich der Kohlensäure-Anteil der Luft bis zum Beginn des Industriezeitalters auf 0.03 Prozent. Seit 1900 hat sich das aber wesentlich geändert: Es wurden über 100 Milliarden Tonnen Kohle verbrannt, und der jährliche Benzin- und Ölverbrauch liegt heute bei 700 Millionen Tonnen! Und er steigt noch ständig. Das hat zur Folge, dass der natürliche Ausgleich durch Pflanzenatmung und Verwitterung nicht mehr genügt und sich der Kohlensäuregehalt der Luft ständig erhöht.
[…] Leider verändert sich aber nicht nur die Zusammensetzung der Atmungsluft. Viel schlimmer ist die dadurch verursachte grössere Isolierfähigkeit des sogenannten ‘atmosphärischen Spiegels’ […]: Durch den höheren Kohlensäuregehalt, der besser isoliert, baut sich in der Höhe der Stratosphäre langsam eine Art Treibhausdach um die Erde, unter dem die Temperatur langsam, aber sicher steigt. […] Solche klimatischen Veränderungen sind nichts Neues in der Erdgeschichte: In Epochen mit starker vulkanischer Tätigkeit […] trat starke Erwärmung ein – wenn die Vulkane ruhten, Eiszeiten. […] Dafür brauchte es allerdings Jahrtausende. Aber heute ist das anders. Der Eingriff des Menschen verändert die Temperaturverhältnisse weit rascher. So ergaben Messungen einen Temperaturanstieg seit 1900 von 1.22 Grad. Das erscheint wenig, wurde aber in nur 60 Jahren zustande gebracht! Und was, wenn die Ursachen noch in beschleunigtem Tempo ansteigen?
[…] Messungen der Meeresspiegel an der atlantischen und pazifischen Küste ergaben [aufgrund der schmelzenden Pole] eine Erhöhung des Wasserstandes in den letzten Jahren von 25 Zentimeter. Diese Messungen geben zu denken. Die Menschen haben es in der Hand, Massnahmen zu ergreifen – hoffentlich nicht erst, wenn ihnen das Wasser, wortwörtlich, am Halse steht!»

In den kommenden anderthalb Jahrzehnten scheint die Klimaveränderung dann in der Schweizer Presse kein grosses Thema gewesen zu sein, und ab 1974 sorgte man sich in erster Linie um das drohende Verschwinden der Ozonschicht aufgrund der u.a. in Spraydosen als Treibmittel verwendeten Chlorfluorkohlenwasserstoffe (FCKW). «Wir sprayen uns langsam zu Tode», titelte die Ostschweizer AZ am 29.12.1975, «Der Mensch zerlöchert den Raumanzug der Erde» die Weltwoche zwölf Jahre später am 26.3.1987. Ende der 1970er Jahre rückte aber parallel dazu auch das «ungelöste Problem» der «Kohlendioxyd-Glocke» (Der Bund, 7.2.1979) wieder in den Fokus. Ein NZZ-Artikel vom 29.11.1983 beschreibt die Situation nicht viel anders, als sie heute, 36 Jahre später, in den Medien dargestellt wird:

« […] die CO2-Forscher sind sich einig, dass Veränderungen des Klimas auf dem ganzen Erdball stattfinden werden bzw. schon im Gange sind. Dazu zählen extreme Temperaturverhältnisse, Trockenheit, anhaltende, zu Überschwemmungen führende Regenfälle, Stürme usw. verbunden mit schweren Ernteverlusten.
Ebenfalls einig scheinen sich die Wissenschafter über die kurzfristig weltweite Bedrohung der Menschheit durch Hungersnöte zu sein. Für die Ausarbeitung einer Lösung stehen sie zunehmend unter Zeitdruck.»

Um CO2 auf natürliche Weise zu binden, sei die Bewahrung bzw. Erhöhung der Waldbestände anzustreben. Allerdings fiel dieses Ansinnen mitten in die Zeit des «Waldsterbens», durch welches im Gegenteil noch zusätzliches CO2 in die Atmosphäre gelangt. Und damit nicht genug:

«Dieser Vorgang droht sich zu verstärken durch Waldbrände, indem die kranken Bäume während längerer regenfreier Perioden austrocknen und anschliessend durch Blitzschläge entzündet werden.
[…] Es steht sicher ausser Zweifel, dass der Kampf um das Überleben diesmal an allen Fronten geführt werden muss, denn der Patient ist schwer krank, braucht ein Mittel zur Genesung, geeignete Umstände zur Erholung und die nötigen Voraussetzungen zu einem weiteren Leben, das seiner selbst noch wert ist.»

Die virulente Aktualität dieser Zeilen ist frappierend! Geradezu prophetisch liest sich auch das Fazit eines NZZ-Artikels vom 15.8.1984, verfasst nach einem Referat von William W. Kellogg an der Twelfth International Conference on the Unity of the Sciences in Chicago im November 1983:

«Im Hinblick auf die vielen unbestimmten und negativen Folgen einer CO2-bedingten Klimaveränderung wäre es am vernünftigsten, das irreversible Experiment abzublasen, die Nutzung fossiler Energieträger drastisch einzuschränken und langfristig ganz darauf zu verzichten. […]
Das CO2-Problem betrifft die ganze Welt, und alle Länder benutzen fossile Energieträger. Es nützt also nichts, wenn einzelne Länder auf die Verbrennung von Öl und Kohle verzichten. Nur gemeinsames Handeln aller Länder könnte das Problem lösen, doch selbst wenn eine solche Vereinbarung zustande käme, liesse sie sich nicht durchsetzen. […] Überzeugt werden die Leute erst sein, wenn die Klimaveränderung tatsächlich eintrifft und es für präventive Massnahmen bereits zu spät ist.»

Aus zahlreichen weiteren Artikeln von Mitte der 1980er Jahre geht hervor, dass die wissenschaftliche Ausgangslage bekannt und die dramatischen Folgen der unkontrollierten Klimaveränderung weitestgehend erkannt waren, auch wenn die Datengrundlage zu dem Zeitpunkt noch nicht so solid war, wie sie es heute ist. Eindringlich warnen die Berichte auch vor dem Nichtstun bzw. vor dem Zu-spät-Kommen von Gegenmassnahmen, gleichzeitig jedoch zweifeln sie fast durchgehend an einer vernünftigen Einsicht der Menschheit sowie an der Handlungsfähigkeit der internationalen Politik, da einer solchen nationale Interessen und wirtschaftliche Abhängigkeiten zuwiderlaufen (es fehlt eine «Weltregierung»). Defätismus folgt den Handlungsappellen jeweils auf dem Fusse.
Bereits in den 1980er Jahren war auch bekannt, dass ein einmal eingeleiteter Prozess der Erwärmung für viele folgende Jahrzehnte unaufhaltbar und irreversibel ist, und dies, bevor überhaupt für jedermann spürbare Störungen wahrnehmbar sind (z. B. Vaterland, 17.10.1986). Umgekehrt konnte wissenschaftlich lange Zeit nicht belegt werden, dass mess- und spürbare grossräumige Änderungen des Wetters, etwa der Niederschlagsverteilung, mit dem Anstieg von CO2 in der Atmosphäre in einem Zusammenhang stehen (Tages-Anzeiger, 29.9.1987). So erschien die Klimaveränderung entweder als zu abstrakt oder das klimawandelbedingt veränderte konkrete Wetter nicht als wissenschaftlich beweiskräftig. Anlässlich der Weltklimakonferenz in Toronto im Sommer 1988 hielt der Tages-Anzeiger (18.8.1988) zur daraus resultierenden Handlungsblockade jedoch fest:

«Wo sich der politische Wille regt, beginnt auch der Streit um konkrete Massnahmen. Das hat sich in Toronto gezeigt. Und wo Politiker den Schwarzen Peter wieder an die Wissenschafter zurückgeben, verliert man unnötig Zeit für den Entwurf von Gegenstrategien. Die wissenschaftlichen Kenntnisse um die Klimabedrohung sind genügend gesichert. Zum Handeln muss man nicht noch mehr wissen.»

Hatten Sie bei der Lektüre der zitierten Zeitungsartikel auch schon ein paar anachronistische Déjà-vu-Erlebnisse?
(Der Guardian publizierte am 9.10.2019 übrigens eine Chronologie des Wissens über die Klimakrise von 1959 bis 2019, die von Infosperber am 29.10.2019 unter dem Titel «Klimakrise: Ein halbes Jahrhundert Zögern und Leugnen» in deutscher Fassung weiterveröffentlicht wurde. Sie zeigt auf, wie früh man über die Wirkung von CO2 auf das Klima wusste und wie systematisch dieses Wissen unter dem Deckel gehalten wurde.)

Die Geschichte der Politik

Die in den 1980er Jahren hochaktuelle Ozonlochproblematik, welche möglicherweise die schon damals mindestens so akute Klimafrage medial in den Hintergrund gedrängt hat, ist aufschlussreich, was die politische Untätigkeit betrifft: Trotz des Wissens, dass der Schutz des Ozonschildes lebensnotwendig ist, und trotz bestehender Alternativstoffe zu FCKW für Spraydosen tat sich die Politik extrem schwer, regulierend einzugreifen, obwohl Appelle an eine freiwillige Reduktion der schädlichen Treibstoffe in der Aerosolindustrie nahezu fruchtlos blieben.
Gleich wie das CO2 nahmen auch die FCKW «keine Rücksicht auf Ländergrenzen» (Landbote, 26.1.1983) – die nationalen Politiken mussten also international koordiniert werden. Dabei stand wie bei der CO2-Reduktion auch beim FCKW die Frage im Raum, ob und wie Drittwelt- und Schwellenländer, darunter China und Indien, die bis dahin nur marginal an der Zerstörung der Ozonschicht beteiligt gewesen waren und deshalb quasi noch ein Verbrauchsguthaben besassen, in die Massnahmen miteinbezogen werden konnten (Tages-Anzeiger, 8.3.1989). Und analog zum CO2-Ausstoss ergingen gegen Ende der 1980er Jahre von Umwelt- und Verbraucherorganisationen Appelle an die Konsument/innen, auf schädliche Treibhausgase zu verzichten oder entsprechende Produkte zu boykottieren.
Der Auftakt zu einem Durchbruch kam schliesslich am 16.9.1987, als in Montreal von 40 Staaten, u.a. auch von der Schweiz, das Protokoll über ozonschichtabbauende Substanzen unterzeichnet wurde, welches sowohl Verbrauch wie Produktion insbesondere von FCKW detailliert regelte und am 1.1.1989 in Kraft trat. Es handelte sich um ein kompliziertes Vertragswerk, welches die konkreten Bestimmungen der Konvention zum Schutze der Ozonschicht formulierte, welche als Rahmenabkommen bereits im März 1985 in Wien verabschiedet worden war. Erst im Nachgang dazu und unter dem Druck einer Zürcher Standesinitiative kam es auch in der Schweiz auf eidgenössischer Ebene zu einer ernsthaften Diskussion über Einschränkungen ozongefährdender Treibstoffe. Der Bundesrat erliess schliesslich im März 1989 ein Verbot für FCKW-Spraydosen per 1.1.1991.
Und was bedeutet diese Geschichte im Hinblick auf das Kohlendioxid (CO2)?

«Gerade die erfolgreiche Durchsetzung eines wenn auch noch relativ kleinen ersten Schrittes in diesem Bereich [FCKW] sollte den Verantwortlichen – und jedem Einzelnen – den Mut geben, das ungleich dornigere Problem einer Eindämmung des Treibhauseffektanstieges an die Hand zu nehmen und nicht zuzuwarten […]. […] Auch wenn es nicht mehr möglich ist, alle Schäden zu vermeiden, muss doch alles getan werden, sie möglichst klein zu halten und die eigentliche Klimakatastrophe zu vermeiden. Internationale Abmachungen müssen trotz den vielfältigen entgegengesetzten Partikularinteressen rasch erarbeitet werden.» (NZZ, 4.3.1989)

«Rasch» – seit dieser Aufforderung sind mehr als 30 Jahre vergangen, während derer die Politik gegen die Macht dieser «Partikularinteressen» nahezu machtlos geblieben ist. Der «Mut» aber wurde 2018 von der weltweiten Klimastreikbewegung wiedergefunden und der Hoffnungszeitrahmen von Greta Thunberg mit den Worten «We still can fix that» abgesteckt. Dabei wären die «Anforderungen an eine Klimapolitik» bereits 1989 sonnenklar gewesen:

«Es ist erstaunlich und betrüblich, wenn man verfolgt, wie wenig die neue Dimension ‘Klimakatastrophe’ bisher in die Diskussionen um Luftreinhalte- und Energiepolitik eingeflossen ist. Das muss nun mit höchstmöglicher Beschleunigung nachgeholt werden.» (NZZ, 2.10.1989)

Der Autor nennt vier Handlungsfelder: 1) Festlegung der Ziele der Klimapolitik – also das, was 1992 mit der Klimarahmenkonvention am UNO-Umweltgipfel in Rio de Janeiro erreicht wurde. 2) Erarbeitung der nötigen Massnahmenpakete und Einleitung der Schritte zu ihrer Realisierung – das Kyoto-Protokoll von 1997 führte als eine solche Massnahme immerhin den weltweiten Emissionsrechtehandel ein. 3) Verbesserung der Information, um die Akzeptanz der nötigen einschneidenden Massnahmen zu erhöhen bzw. deren politische Realisierung zu ermöglichen – heute die erste der drei Hauptforderungen von Extinction Rebellion und ebenso eine Hauptforderung der Klimastreikbewegung an die Politik. 4) Energiepolitische Massnahmen müssen prioritär zu einer Reduktion der Emission von Treibhausgasen beitragen – das im Mai 2017 von der Schweizer Stimmbevölkerung angenommene Massnahmenpaket «Energiestrategie 2050» machte einen ersten kleinen Schritt in diese Richtung.

Die Geschichte der Emotionen

Der schwindende Ozonschutzschild – die schwindenden Gletscher sind bis 1990 noch kein Thema in der Schweizer Presse – kann auch bezüglich der Wahrheits- und Leugnungsdispute sowie bezüglich der emotionalen Reaktionen auf das Phänomen als Matrix für den Klimawandel gelten. Die Bedrohung weckte nicht nur Ängste (u.a. vor Krebs), sie wurde – aus welchen Motiven sei dahingestellt – auch angezweifelt: «Ozon-Schutzschild wirklich bedroht?» titelt der Landbote am 26.1.1983. Und 24 Heures lässt in ihrer Ausgabe vom 16.10.1989 einen Vulkanologen zu Wort kommen, welcher behauptete, die Zerstörung der Ozonschicht durch Treibgase entbehre eines wissenschaftlichen Beweises, die angebliche «Panikmache» der Umweltschützer/innen verurteilte und ihnen unterstellte, von der Chemieindustrie manipuliert worden zu sein («une panique organisée»).
Angesichts der drohenden «Klimakatastrophe» (der Begriff taucht ebenso wie «Klimakollaps» erstaunlich früh auf) gab es neben der Angst mindestens für einige Weltregionen auch positive Erwartungen an die Klimaveränderung. So schreibt die Basler Zeitung am 6.10.1982 unter dem Titel «Mitteleuropa wird in 70 Jahren vom Treibhauseffekt profitieren»:

«Nördliche Regionen wie Mitteleuropa hätten allerdings Glück: Sie brauchten weder Sintflut noch Dürre zu befürchten, sondern könnten sogar vom Temperaturanstieg profitieren, da er die Wachstumsperiode verlängern und eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung des Bodens ermöglichen würde.»

Vielleicht einmal abgesehen von den Winzern würden dies viele Bauern heutzutage wohl anders beurteilen. Dominante Reaktion in der allgemeinen Öffentlichkeit und beim einzelnen Menschen war aber das Verharren. In der Weltwoche vom 12.1.1989 mutmasst Gastschreiber Al Gore über die Gründe dafür:

«Warum warten wir, statt zu handeln? – Vielleicht zum Teil wegen der Beispiellosigkeit der Krise. Sie liegt einfach ausserhalb unserer Erfahrungen und übersteigt das, was wir gesunden Menschenverstand nennen.»

Und die NZZ schreibt am 28.10.1989 in einem prospektiven Artikel zur Energiepolitik der 1990er Jahre:

«Nehmen wir den Treibhauseffekt ernst? Heute wohl noch kaum. Es reicht zu einer gewissen Irritation, man macht sich Gedanken – und verdrängt sie auch gleich wieder mit dem Argument, es gebe ja noch keine schlüssigen Beweise und vermutlich handle es sich bei der Klimakatastrophe nur um eine von den Medien hochgespielte Horrorvision. Und vielleicht, wer weiss, wäre es sogar angenehm, in der Schweiz unter Palmen zu wandeln?»

Deutlich wird in diesem Artikel die bis zum heutigen Tag wirksame verhängnisvolle Vermengung von wissenschaftlicher Faktenlage, emotionaler Verarbeitung angsteinflössender Zukunftsszenarien (die immer näher rücken) und nötiger politischer Massnahmen.

«Ganz ernst nehmen wir den Treibhauseffekt wohl erst, wenn Veränderungen augenfällig und spürbar würden.»

Inwiefern diese Prognose am Schluss des Artikels inzwischen eingetreten ist, darüber wird zurzeit nach wie vor in doppelter Hinsicht gestritten.

Material zum Thema in der Sachdokumentation des Sozialarchivs:

  • Dossier 19.0 *2 Klima, Klimawandel; Klimaschutz, Klimapolitik
  • Jüngere Artikel (ca. ab dem Jahr 2000) der Schweizer Presse zum Thema «Klimawandel» finden Sie zudem in Swissdox, darunter auch den zitierten Artikel von Infosperber. Die Schweizer Mediendatenbank ist an den Lesesaalcomputern sowie auf allen Geräten, die im WLAN des Sozialarchivs eingeloggt sind, abrufbar.

11 Jahre PresseDox, neu Swissdox

Im Juni 2008 hatte das Schweizerische Sozialarchiv PresseDox in Betrieb genommen, ein an die Recherchebedürfnisse der Benutzenden angepasstes Webinterface der Schweizer Mediendatenbank SMD. Nachdem per Ende 2006 die Zeitungsausschnittsammlung auf Papier eingestellt worden war, stand mit PresseDox ein zeitgemässes Anschlussangebot zur Verfügung, das die Kontinuität der Pressedokumentation im Sozialarchiv gewährleistete. Im reichhaltigen Fundus der Mediendatenbank konnten die Benutzenden gezielt nach Presseinformationen suchen und sowohl zeitnahe als auch weiter zurückliegende Zeitungsartikel aus nahezu der gesamten Schweizer Tages- und Wochenpresse nachlesen.

In jüngster Zeit wurde es jedoch zunehmend schwierig, die eigens für das Sozialarchiv entwickelte Schnittstelle technisch up to date zu halten, weshalb das Sozialarchiv eine neue Lösung suchte – und fand: Es freut uns sehr, dass wir unseren Benutzenden im Lesesaal seit Juni diesen Jahres Swissdox essentials und damit einen direkten Zugriff auf fast alle gängigen Print- und Online-Titel der schweizerischen Presselandschaft anbieten können.

Swissdox essentials ist in zweierlei Hinsicht vorteilhaft: Der Zugriff ist neu IP-range-gebunden, was bedeutet, dass sich Swissdox nun von mehreren Personen gleichzeitig nutzen lässt – sei es an den fixen Recherchestationen im Lesesaal oder via eigene Geräte, sofern diese im Sozialarchiv-WLAN eingeloggt sind. Swissdox essentials ist ein Standardprodukt der SMD, läuft deshalb stabil und braucht IT-seitig weniger Unterhalt.

Wie schon bei PresseDox gilt: Die meisten Zeitungen und Zeitschriften sind ab dem Jahr 2000 verfügbar. Wer ältere Presseinformationen sucht, kann weiterhin auf die analoge Zeitungsausschnittsammlung des Sozialarchivs zurückgreifen, die den Zeitraum von 1943 bis 2006 abdeckt.

SozArch F 5107-Na-22-088-005 (Ausschnitt)
SozArch F 5107-Na-22-088-005 (Ausschnitt)

Frauenstreik – gestern und heute

Nebst der laufend sich erweiternden Sammlung zum Frauenstreik vom 14. Juni 2019 in der Sachdokumentation stellt das Sozialarchiv auch zwei Dossiers mit digitalisierten Flugschriften zum Frauenstreik vom 14. Juni 1991 zum Download zur Verfügung:
Teil 1 (PDF, 12 MB)
Teil 2 (PDF, 15 MB).

Zudem stehen rechtzeitig zum diesjährigen Frauenstreik auch die Fotos von Gertrud Vogler zum Frauenstreik 1991 online bereit (Suche nach „Vogler Frauenstreik“).

Digitales Sozialarchiv: Graue Online-Dokumente in der Sachdokumentation

Seit rund drei Jahren sammelt die Abteilung Dokumentation nebst gedruckten Broschüren und Flugschriften auch graue Literatur in digitaler Form und stellt sie den Benutzenden im Rahmen der thematischen Dossiers zur Verfügung. Inzwischen umfasst die Sammlung rund 1’800 digitale Schriften.

Was?

Originär digitale Dokumente werden seit 2016 auch digital gesammelt – vorläufig allerdings beschränkt auf Dokumente im PDF-Format. Die Bezugsquellen sind die gleichen wie bei den gedruckten Quellenschriften: Parteien, NGOs und Think-Tanks, Arbeitnehmer-, Branchen- und Berufsverbände, Hilfs- und gemeinnützige Organisationen, Bürgerinitiativen, Initiativ- und Abstimmungskomitees etc. Auch formal und inhaltlich gelten dieselben Erwerbungskriterien wie beim gedruckten Sammelgut.

Wie?

Vieles erscheint heute überhaupt nicht mehr gedruckt, sondern nur noch digital – weil es einfacher, günstiger und effektiver ist. Fast alle Organisationen, die im thematischen Feld des Sammelgebiets des Sozialarchivs engagiert sind, verfügen über Websites, die sie laufend mit neuen Informationen anreichern; die meisten publizieren auch einen Newsletter, in dem sie ihre AbonnentInnen auf neue Inhalte aufmerksam machen. In der Dokumentation des Sozialarchivs wird all diesen Hinweisen nachgegangen und abgegriffen, was sammelwürdig erscheint. Die PDF werden lokal abgespeichert, mit formalen Metadaten versehen, thematisch erschlossen und via Datenbank Sachdokumentation den Benutzenden zur Verfügung gestellt.

Wozu?

Das Internet ist sehr gegenwartsbezogen, aktuelle Inhalte werden mit Suchmaschinen wie Google leicht gefunden. Doch Internetrecherchen liefern stets auch eine grosse Menge an überschüssigen Treffern, die wenig mit dem eigentlich Gesuchten zu tun haben, und ältere Inhalte verschwinden bald im Ozean der Informationsflut und können mit fortschreitender Zeit immer weniger leicht herausgefischt werden.
Indem die Dokumentation des Sozialarchivs die Online-Dokumente zeitnah sammelt und archiviert, stellt sie diese auch für eine Nutzung, die über das tagesaktuelle Interesse hinausgeht, zur Verfügung: Sie sichert digitale graue Literatur als Quelle für zukünftige historische Forschung. Einen klaren Mehrwert für zeitgeschichtlich orientierte Recherchen stellt darüber hinaus der komfortable thematische Zugang zu einer qualitativen Auswahl an sortierter digitaler Information dar.

Ein Beispiel

Angesichts der Umwälzungen in der Schweizer Medienlandschaft, u.a. auch bei SRF, interessieren Sie sich für die Argumente, die im Abstimmungskampf zur No-Billag-Initiative (Initiative „Ja zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren“, Abstimmung vom 4.3.2018) von Pro- und Contra-Seite ins Feld geführt wurden. Mit der Eingabe des Suchbegriffs „billag“ finden Sie in der Datenbank Sachdokumentation nicht nur die Schachtel mit den gedruckten Flugschriften zur Abstimmung (QS 17.3 *2, 2007-), sondern bekommen mit nur einem Klick auch eine Zusammenstellung von digitalen Dokumenten, die im Zusammenhang mit dieser Abstimmung stehen. In kurzer Zeit gewinnen Sie einen Überblick darüber, welche Akteure sich wie positioniert haben.
Einige Dokumente könnten Sie auch live im Internet wieder aufrufen, andere (z.B. DS 945) sind bereits ins digitale Nirwana entschwunden (Fehlermeldung 404, Page Not Found): „It seems that the page you were trying to reach does not exist anymore, or maybe it has just moved.“

Graue Online-Dokumente: Neues Angebot der Sachdokumentation

Die digitale Revolution betrifft sämtliche Lebensbereiche, und spätestens seit Anbruch des 21. Jahrhunderts haben auch die klassische Broschüre auf Papier, das analoge Flugblatt und der handliche Flyer Konkurrenz durch neue elektronische Informationsformate bekommen. In den letzten fünfzehn Jahren haben dann digitale Online-Dokumente gegenüber herkömmlichen Print-Publikationen zusehends an Terrain gewonnen: Die Information über elektronische Kanäle wurde immer günstiger und das damit adressierte Publikum wuchs markant. Parteien, NGOs, Gewerkschaften, Think-tanks, soziale und politische Bewegungen, Bürgerinitiativen, Abstimmungskomitees etc. publizieren und mobilisieren deshalb heutzutage parallel und komplementär: Viele Broschüren und Flugschriften existieren sowohl in gedruckter als auch in elektronischer Form, manche Dokumente nur als Print, andere jedoch ausschliesslich elektronisch.

Für eine Gedächtnisinstitution wie das Sozialarchiv bedeutet dieser mediale Wandel, dass die Abteilung Dokumentation ihre Sammelstrategie und Speichertechnik den neuen Informationsmedien anpassen musste. Publikationen, die nur elektronisch erscheinen, wurden in den letzten gut zehn Jahren als Übergangslösung auf Papier ausgedruckt und in dieser Form archiviert. Es war aber immer klar, dass es das Ziel sein muss, diese Dokumente in ihrer originären Form zu sammeln und zu archivieren – also elektronisch. Nach einer längeren Projekt- und Entwicklungsphase ist es nun seit Februar 2016 soweit: Im Sozialarchiv können originär elektronische Dokumente im PDF-Format abgespeichert und langzeitarchiviert werden. Die Erschliessung mit Metadaten geschieht entsprechend ebenfalls elektronisch, der Zugang für die Benutzenden erfolgt online über die bereits bestehende Datenbank Sachdokumentation.

Neben den Schachteln mit gedruckten Broschüren/Flugschriften und den Schachteln mit Zeitungsausschnitten gibt es in der Datenbank Sachdokumentation neu also eine dritte Rubrik „Digitale Schriften“ (DS). Darin werden die zu einem Thema gesammelten elektronischen Dokumente gelistet.

  • Zur schnelleren Identifikation der PDF sind von den erfassten Metadaten Urheberschaft und Titel (oder, falls nicht vorhanden, eine aussagekräftige Beschreibung) aufgeführt.
  • In zwei weiteren Kolonnen stehen die Signatur der einzelnen Schriften sowie deren Datierung (Jahr plus – falls bekannt – Monat und Tag).
  • Damit die wachsenden Listen der Digitalen Schriften nicht unübersichtlich werden, lassen sie sich mit einem Zeitraumregler sowie mit einer Suche nach Begriffen filtern.
  • Bei Klick auf Titel/Beschreibung (rot als Link gekennzeichnet) öffnet sich die Detailansicht des Dokuments mit allen dazugehörigen Metadaten links und einer Browser-Vorschau auf das PDF rechts.
  • Beim Download wird vor das Dokument standardmässig ein Deckblatt gehängt, welches das bezogene PDF identifiziert (mit Signatur und Permalink) und Hinweise zu den Nutzungsbestimmungen und zur Zitierweise enthält.

Neu sammelt und archiviert die Dokumentation des Sozialarchivs also ebenfalls parallel und komplementär: einerseits wie bisher gedruckte Broschüren und Flugschriften (Quellenschriften/QS) und andererseits elektronische Dokumente in Form von PDF (Digitale Schriften/DS). Dies gilt beispielsweise auch für die politische Propaganda im Zusammenhang mit eidgenössischen Volksabstimmungen, die sämtlich in der Datenbank Sachdokumentation einzeln ausgewiesen werden. Um sowohl die digitalen als auch die analogen Schriften zu einer Abstimmungsvorlage zu konsultieren, bestellen Benutzer/innen wie bisher online die entsprechende(n) Schachtel(n) in den Lesesaal. Mit einem Klick auf die gewünschte Abstimmung in den Zusatz-Informationen zur Schachtel öffnet sich zusätzlich eine Liste der Digitalen Dokumente zu dieser/diesen eidgenössischen Vorlage/n.

Damit ist das Sozialarchiv bei der Überlieferungssicherung von digitalen Dokumenten sozialer Bewegungen und politischer Organisationen wieder einen Schritt weiter, und wir freuen uns, wenn das neue Angebot grauer Online-Dokumente – vorerst beschränkt auf Dokumente im PDF-Format – auch den Bedürfnissen der Benutzenden entgegenkommt. Es bleibt jedoch nicht zu vergessen, dass viel interessante und brisante Information nach wie vor in den physisch aufbewahrten Quellen schlummert – auch da gibt es immer noch viel zu entdecken!