16.2. bis 23.3.2026: Teilweiser Bestell-Stopp von ausgelagerten Beständen wegen Zügelarbeiten: Die vom Umzug betroffenen Bestände sind vom 16. Februar bis und mit 23. März 2026 nicht verfügbar. Wir entschuldigen uns für die temporären Umstände und bitten Sie um Verständnis.
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Zwei Punks am Konzert von «Killing Joke» in der Roten Fabrik in Zürich am 23. März 1985 (Foto: Gertrud Vogler/SozArch F 5107-Na-29-127-037)
Zwei Punks am Konzert von «Killing Joke» in der Roten Fabrik in Zürich am 23. März 1985 (Foto: Gertrud Vogler/SozArch F 5107-Na-29-127-037)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Karl Siebengartner: Punk(s) in der Bundesrepublik Deutschland. Anatomie einer Bewegung, 1976–1995. Bielefeld, 2025

Mit seiner Dissertation legt Karl Siebengartner eine umfassende historische Analyse der Punkbewegung in der Bundesrepublik Deutschland vor. Während die Punkforschung bislang vor allem kulturwissenschaftliche oder musiksoziologische Perspektiven betonte, verfolgt Siebengartner einen zeithistorischen Ansatz. Auf Grundlage umfangreicher Archivarbeit, Interviews mit Zeitzeug:innen und einer breiten Auswertung von Fanzines, Musikzeitschriften und Medienberichten zeichnet er die Entwicklung des Punk in der BRD von den späten 1970er bis in die frühen 1990er Jahre nach. Der Beginn 1976 erklärt sich aus den ersten medialen Transfers in die Bundesrepublik über die neue Musik- und Jugendkultur in Grossbritannien und den USA.
Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, wie sich Punk zwischen radikaler Gesellschaftskritik, politischer Vereinnahmung und wirtschaftlicher Verwertung bewegte. Besonders eindrücklich zeigt der Autor, wie eng subkulturelle Ausdrucksformen – etwa Kleidung, Musik und die typischen Do-it-yourself-Strukturen – mit politischen Diskursen über Jugend, Protest und Authentizität verwoben waren. Regionale Fallstudien zu Berlin, Düsseldorf und Hamburg verdeutlichen, dass Punk keine homogene Bewegung war, sondern sich je nach lokalem Umfeld unterschiedlich ausprägte. Die Punkbewegung in der DDR wird – wie es der Titel der Arbeit bereits andeutet – nicht thematisiert. Wer sich für dieses Thema interessiert, findet jedoch eine fundierte Darstellung in Jeff Haytons 2022 erschienenem Buch «Culture from the Slums. Punk Rock in East and West Germany» (Signatur 148755).
Ergänzend bieten zwei Websites spannende Einblicke in das Thema: punkfanzines.de präsentiert einen Überblick zu deutschen Punkmagazinen, swisspunk.ch zeichnet die Geschichte des Schweizer Punk nach.

Béatrice Ziegler: Nationaler Ausnahmezustand und individuelle Lebensbewältigung. Aspekte des Alltagslebens in der Schweiz, 1939–1945. Zürich, 2025

In ihrer Darstellung untersucht Béatrice Ziegler, wie Menschen in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs ihren Alltag inmitten staatlicher Vorsorge und Zwangsmassnahmen organisierten, welche Handlungsspielräume sie nutzten und wie sie individuelle Lebensstrategien entwickelten. Im Zentrum stehen die Verdunkelungspflicht, die Lebensmittel und Güterrationierung sowie die Lenkung des landwirtschaftlichen Anbaus – jeweils mit Blick auf ländliche Regionen des schweizerischen Mittellandes.
Ein Beispiel zur Verdunkelungspflicht: In mehreren Gemeinden im Aargau weigerten sich Hausbesitzende trotz drohender Sanktionen, die vorgeschriebene Abdeckung von Fenstern vollständig vorzunehmen, etwa weil sie Gäste empfingen oder wirtschaftliche Tätigkeiten im Haus weiterführten. Solche scheinbar kleinen Akte des «Ungehorsams» waren Ausdruck eines bewussten Lebensgestaltungsversuchs. Anders als das klassische Bild einer disziplinierten Bevölkerung während der Kriegszeit zeichnet Ziegler nach, wie sich Individuen in der Schweiz in Alltagssituationen zwischen staatlicher Vorgabe und eigener Lebensführung entschieden.
Das Buch zeigt, dass die Menschen trotz Rationierung, Mobilmachung und Propaganda nicht nur «Opfer» waren, sondern aktiv ihre Lebensbedingungen gestalteten, auch wenn dies im Sinne des Systems nicht vorgesehen war. Gleichzeitig räumt Ziegler mit dem bisherigen Narrativ einer «geschlossenen» oder «geeinten» Kriegsheim Bevölkerung auf und macht Konflikte und Spannungen im Alltag deutlich.

Alastair Bonnett: Multiple Rassismen. Für eine globale Perspektive auf ein globales Problem. Münster, 2024

Der britische Sozialgeograf Alastair Bonnett plädiert für eine Globalisierung der Perspektive auf den Rassismus. In ihrem berechtigten Bestreben, das Phänomen durch Analyse seiner Entstehung, Funktionsweise und Variationen zu bekämpfen, ging die transdisziplinäre Rassismusforschung (wie die sich mit ihr überlappenden «Postcolonial Studies») bislang trotz des Anliegens, europäisch-nordamerikanische Überlegenheitsvorstellungen zu dekonstruieren, zumeist von einem methodologischen, wenn auch «invertierten» Eurozentrismus aus.
Wenn Bonnett nun eine Erneuerung der Rassismusforschung mit Analyse multipler, auch ausserwestlicher Rassismen anmahnt, so geschieht dies nicht im Sinne eines billigen, die westlichen Rassismen zu relativieren versuchenden Whataboutismus, sondern im Gegenteil im Bestreben, die Kenntnisse des Rassismus und seiner Variationen zu erweitern, den Zusammenhang zwischen seiner Pluralität und der Pluralität der Moderne zu untersuchen und dabei auch nichtwestlichen antirassistischen Stimmen und den Opfern nichtwestlicher Rassismen wie aktuell etwa Jesid:innen in Syrien, Uigur:innen in China oder Rohingya in Myanmar besseres Gehör zu verschaffen. Anhand zahlreicher asiatischer und afrikanischer Beispiele etwa aus der Sowjetunion, Indonesien, Japan oder Marokko zeigt Bonnett, dass moderne Denk- und Handlungsweisen wie die Kategorisierung von Menschen in Fortgeschrittene und Primitive, Wertvolle und Entbehrliche, Dazu- und Nicht-Dazugehörige als Kern des Rassismus globale Phänomene sind und multiperspektivisch analysiert werden sollten.

Kevin Heiniger (et al.): Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972. Einsiedeln, 2025

Der vom Bezirk Einsiedeln in Auftrag gegebene Bericht erforscht und dokumentiert die Geschichte des Heilig-Geist-Spitals, einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, von der Gründung 1861 bis zur Schliessung 1972. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur politischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgung, der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und der institutionellen Gewalt.
Die Institution zählte zu den wichtigen Kinderheimen mit überregionaler Bedeutung im Kanton Schwyz. Von 1861 bis 1967 wurde das Kinderheim von Ingenbohler Schwestern geführt. Gesellschaftliche Moralvorstellungen gepaart mit religiösem Eifer, Überforderung und zu knappe finanzielle Mittel führten dazu, dass die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft Misshandlungen ausgesetzt waren, Stigmatisierung und zum Teil tiefgreifende Traumata erfuhren. Von 1967 bis 1972 wurde das Kinderheim von einem Heimleiter geführt, was die Situation der Kinder aber nicht wesentlich verbesserte.
Umfangreiches Archivmaterial, persönliche Dokumente und Interviews mit Zeitzeug:innen geben einen umfassenden Einblick in ein noch lange nicht aufgearbeitetes Thema der Schweizer Sozialgeschichte. Zusätzlich bringen sechs Fokustexte den Leser:innen das Schicksal eines der Kinder und die Biografie einer der Ingenbohler Schwestern näher und es werden die jahrzehntelange Fürsorgeabhängigkeit einer Einsiedler Familie, die Aufnahme von Kindern der Arbeitsmigrant:innen in den 1960er Jahren, eine Zwangsadoption sowie Krankheit und Todesfälle unter den Kindern geschildert.

Ergänzend zum Thema im Sozialarchiv greifbar:

  • Annemarie Iten: Mein Leben bitte in Papier einpacken! Eine wahre Lebensgeschichte der Sophia. Einsiedeln, 2023 (Signatur 155027)
  • Edwin Beeler: Hexenkinder. Die Geschichte von zwangsversorgten Heimkindern. Luzern, 2020 (Signatur DVD 329)

David van Reybrouck: Die Welt und die Erde. Wie können wir sie bewahren? Berlin, 2025

Die jüngste Klimakonferenz COP30 endete wiederum mit einem Minimalkompromiss, der zur Erreichung der Pariser Klimaziele völlig unzureichend ist. Alle Stakeholder wissen, was zu tun wäre, und doch geht es nur im Kriechgang voran.
In seinem Essay sucht Reybrouck nach einer Antwort für das weltpolitische Versagen und findet sie in einer überholten Konzeption der multilateralen Diplomatie, die auf Metternich und den Wiener Kongress zurückgeht. Die bestehenden internationalen Organisationen wurden gegründet, um Interessenskonflikte zwischen souveränen Nationalstaaten zu bändigen, aber nicht, um die Bedürfnisse des Planeten mit denjenigen der menschlichen Weltgemeinschaft in Einklang zu bringen. Reybrouck skizziert eine «Global Governance», die diesen Namen verdient. Eine adäquate «Erdpolitik» fusste auf einer «planetaren Diplomatie», in der nebst der Staatsräson auch die «Raison de Terre» ein gewichtiges Wort mitzureden hätte. Denn die zerstörerische Überbeanspruchung der planetaren Ressourcen «ist zwar anthropogenen Ursprungs, lässt sich aber nicht anthropozentrisch lösen.» (S. 33)
Reybrouck hat mit «Kongo» (Signatur 126590) bereits eine äusserst anschaulich zu lesende knapp 800-seitige Geschichte der Demokratischen Republik Kongo vorgelegt. Das aktuelle Bändchen ist – wie schon «Landkrank» (2024) von Nikolaj Schultz (Signatur 151758) – merklich auch von Bruno Latour inspiriert.

Omer Bartov: Genozid, Holocaust und Israel-Palästina. Geschichte im Selbstzeugnis. Berlin, 2025

«Ich wollte verstehen, wie sich das, was Menschen zur Gewaltausübung motiviert, zu dem gleichzeitig bestehenden und gegensätzlichen Bedürfnis verhält, sich der eigenen – individuellen und kollektiven – Menschlichkeit zu vergewissern.» (S. 349)

Der Historiker Omer Bartov, geboren 1954 in Israel und mit familiären Wurzeln in Galizien, hat zu den Verbrechen der Wehrmacht in Osteuropa und zum Holocaust geforscht und gehört zu den weltweit führenden Genozidforschern. 2021 legte er mit «Anatomie eines Genozids. Vom Leben und Sterben einer Stadt namens Buczacz» (Signatur 147994) eine umfassende Lokalgeschichte eines Völkermords vor und den massgebenden Grundstein für einen Paradigmenwechsel in der Erforschung und Geschichtsschreibung des Holocaust.
Das nun vorliegende Buch besteht aus adaptierten Versionen von bereits früher erschienenen Buchkapiteln, Essays und Artikeln des Autors. (Diesem Umstand sind wohl die zahlreichen Redundanzen im Text geschuldet.) In der Summe lässt es sich als eine intellektuelle Selbstreflexion eines jüdischen Historikers ebenso wie als Metageschichte der Genozidforschung lesen, was das Buch nicht nur inhaltlich erkenntnisreich, sondern auch persönlich berührend macht.
Während sich die konventionelle Holocaustforschung in erster Linie auf den industriell organisierten Massenmord in den Konzentrationslagern und auf die «Täter» konzentrierte, rückt Bartov die «Opfer» und die alltäglichen Stätten des Genozids in Dörfern und Städten Osteuropas, wo vor dem Zweiten Weltkrieg am meisten Jüd:innen gelebt hatten, in den Fokus, womit sich nicht zuletzt die Kategorien «Täter», «Opfer» und «Zuschauer» relativieren. Einer historischen Methode, die sich hauptsächlich auf offiziell beglaubigte Dokumente aus (deutschen) Archiven stützt, stellt Bartov eine Lokalgeschichte «von unten» gegenüber. Er plädiert dafür, den Selbstzeugnissen von Betroffenen mehr Beachtung zu schenken und sie als gleichwertige Quellen gelten zu lassen. Denn die «persönliche politische Geschichte», die sie erzählen, ermöglicht nicht nur ein präziseres, sondern auch ein empathischeres Verständnis der Vergangenheit – sei es in Osteuropa oder in Israel-Palästina.

27.11.2025, 18.30 Uhr: Starke Schweizer Frauen – Pionierinnen

Buchpräsentation mit Daniele Muscionico

Sie bestiegen die anspruchsvollsten Berggipfel der Welt und wurden dafür verspottet. Sie setzten neue Massstäbe in der Luftfahrt, doch waren sie zurück am Boden, bestimmten die Ehemänner über ihr Leben. Sie waren Wegbereiterinnen der biologischen Landwirtschaft und der Flüchtlingshilfe, engagierten sich für Sexualaufklärung und Selbstbestimmung. Sie gründeten Frauenvereine und Kunstakademien, standen für das Frauenstimmrecht ein und einige von ihnen lebten offen queer.

In der Schweizer Geschichte begegnen wir zahlreichen Pionierinnen, die mit Leidenschaft und Mut ihre Ziele verfolgten. Für ihre Kunst, ihre Texte oder ihr politisches Engagement waren sie einst bekannt und gefeiert – heute sind viele ihrer Namen fast vergessen. Daniele Muscionico lässt diese Frauen in zwanzig eindrücklichen Porträts wieder lebendig werden.

Die Autorin stellt an diesem Abend ausgewählte Frauenporträts vor, ergänzt durch Materialien aus verschiedenen Archivbeständen des Sozialarchivs.

Mit anschliessendem Apéro.

Donnerstag, 27. November 2025, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 237 KB)

Fussballerinnen am Jugendsporttreffen des Kaufmännischen Verbandes 1974 in Thun (Foto: Ernst und Margrit Baumann/SozArch F 5175-Fc-390)
Fussballerinnen am Jugendsporttreffen des Kaufmännischen Verbandes 1974 in Thun (Foto: Ernst und Margrit Baumann/SozArch F 5175-Fc-390)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Marianne Meier, Monika Hofmann: Das Recht zu kicken. Die Geschichte des Schweizer Frauenfussballs. Zürich, 2025

Diesen Sommer elektrisierte die Frauenfussball-Europameisterschaft die Schweiz. Wie entwickelte sich aber der einheimische Frauenfussball bis hin zur überraschenden Viertelfinalqualifikation im eigenen Land? Das neue Buch von Marianne Meier, Pionierin der helvetischen Frauenfussballhistoriografie, und Monika Hofmann gibt erstmals einen faszinierenden und gut lesbaren Überblick über die mehr als hundertjährige Geschichte des Frauenfussballs in der Schweiz. Diese reicht von Anfängen in Genf um 1920 über die «irrtümliche» Lizenzierung der zwölfjährigen Walliserin Madeleine Boll (zu deren Ehren das EM-Maskottchen von 2025 den Namen «Maddli» erhielt) als weltweit erste Fussballerin durch den Schweizerischen Fussballverband im Jahr 1965 und die beginnende Institutionalisierung in Vereinen, einer Liga, einem Nationalteam und einer (zunächst prekären) Affiliation an den Fussballverband um 1970 bis zum beschleunigten Aufschwung ab der Jahrtausendwende. Die ausführlichen Kapitel zu (Un)sichtbarkeit und Geschlechterklischees in der medialen Vermittlung, zur wirtschaftlichen Entwicklung des Frauenfussballs oder der Haltung von Vereinen, Verbänden und Behörden zeigen eindrücklich Bedeutung und Symbolhaftigkeit des Frauenfussballs in der Gesellschafts- und Geschlechtergeschichte der modernen Schweiz.

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl):

  • Bührer, Florian: Frauenfussball in der Schweiz. Der Weg zur Anerkennung war lang und ist noch nicht zu Ende, in: Hüser, Dietmar (Hg.): Frauen am Ball. Geschichte(n) des Frauenfussballs in Deutschland, Frankreich und Europa. Bielefeld 2022. S. 93–114, 151486
  • Degen, Seraina und Daniel Schaub: Das goldene Buch des Schweizer Frauenfussballs. Die Länderspiele von 1972 bis 2017. Muttenz 2017, Gr 14512
  • Jucker, Michael (Hg.): FCZ-Revue: Eine eigene Liga! 50 Jahre Frauenfussball in der Schweiz. Zürich 2021, Gr 15216
  • Koller, Christian: Frauen im Schweizer Eishockey vom Fin de Siècle bis zum Millennium, in: ders. et al. (Hg.): Sportgeschichte in der Schweiz. Stand und Perspektiven. Neuchâtel 2019. S. 119–138, 142377
  • Koller, Christian und Marianne Meier: Fussball, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 16.6.2025, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/048188/2025-06-16/
  • Meier, Marianne: «Zarte Füsschen am harten Leder…». Frauenfussball in der Schweiz 1970–1999. Frauenfeld 2004, 113691
  • Meier, Marianne: Geschichte der Frauen-Fussballnationalelf, in: Jung, Beat (Hg.): Die Nati. Die Geschichte der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Göttingen 2006. S. 295–323, 117332
  • Meier, Marianne: Der Captain hiess auch Odermatt: Schweiz – Österreich 9:0 (8.11.1970), in: Koller, Christian (Hg.): Sternstunden des Schweizer Fussballs. Zürich 2008. S. 103–119, 123072
  • Meier, Marianne und Seraina Degen: «Rasen betreten verboten!». GC-Fussballerinnen auf dem Weg zur Spitze?, in: Baumann, Reto et al. (Hg.): Grasshoppers. Fussball in Zürich seit 1886, Bd. 1. Basel 2022. S. 356–379, 149378:1
  • Prudent, Dominique: Histoire du football féminin en Suisse. Neuchâtel 2025, erwartet
  • Rufli, Corinne et al.: Vorbild und Vorurteil. Lesbische Spitzensportlerinnen erzählen. Baden 2020, 143744

Luz: Zwei weibliche Halbakte. Berlin, 2025

Gegenwärtig arbeitet sich die Zürcher Politik an der Hypothek des Dauerleihvertrags zwischen Bührle-Stiftung und Zürcher Kunstgesellschaft ab. Gemäss Vertrag obliegt die Finanzierung der zukünftigen Provenienzforschung dem Kunsthaus, während die Bilder als Dauerleihgaben immer noch der Bührle-Stiftung gehören. Im Juni 2024 hatte Raphael Gross seinen Expertenbericht «Überprüfung der Provenienzforschung der Stiftung Sammlung E. G. Bührle» vorgestellt. Der Historiker kam darin zum Schluss, dass bei den Werken aus der Sammlung der Bührle-Stiftung erheblicher weiterer Forschungsbedarf zur Klärung ihrer jüdischen Vorbesitzerschaft bestehe. Er forderte zudem für die Provenienzforschung einen Perspektivenwechsel weg von einem objektbezogenen hin zu einem personenzentrierten Fokus.
Luz bringt in seiner Graphic Novel das Kunststück eines doppelten Perspektivenwechsels fertig: Der französische Zeichner von Charlie Hebdo erzählt aus der Sicht eines Kunstwerks die Geschichte der Menschen, die mit ihm zu tun hatten. «Zwei weibliche Halbakte» erlebt 1919 zuerst seine eigene Entstehung durch den Künstler Otto Mueller, 1925 seinen Kauf durch den jüdischen Anwalt und Kunstsammler Ismar Littmann, 1935 seine Beschlagnahmung durch die Nazis und 1937 seine Hängung in der Ausstellung «Entartete Kunst» in München. 1939 erduldet es seine von den Nazis veranlasste, erfolglose Versteigerung auf einer Auktion in Luzern und 1941 seinen Erwerb durch den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, von dem es 1942 an den Kölner Sammler Josef Haubrich weiterkauft wird. Mit Haubrichs Schenkung seiner Kunstsammlung an das Kölner Wallraf-Richartz-Museum 1946 gelangt es 1976 in den Bestand des Museum Ludwig. Im Jahr 1999 schliesslich erfährt es seine Restitution an Ruth Haller, die nach Israel emigrierte Tochter von Littmann, und anschliessend seinen Rückkauf durch das Museum. – «Zwei weibliche Halbakte» ist Zeuge vom persönlichen Schicksal seiner jüdischen Voreigentümerschaft und erleidet auf seiner langen Reise eine typische Geschichte von Raubkunst bzw. NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern.

Michi Strausfeld: Die Kaiserin von Galapagos. Deutsche Abenteuer in Lateinamerika. Berlin, 2025

Michi Strausfelds Buch ist ein Plädoyer dafür, sich wieder vermehrt mit der Kultur und Politik Lateinamerikas zu beschäftigen. Die Autorin erzählt darin sehr unterhaltsam von deutschen Auswanderern: von Gaunern, Exzentriker:innen und Künstlern, die ihr Glück in den Ländern Lateinamerikas suchten; von Kaufleuten, die Reichtum witterten; von einer Utopistin mit Kaiserkrone und von Forschern, die sich um das kümmerten, was Alexander von Humboldt ihnen übriggelassen hatte. Später kamen die Auswanderer, die in Europa verhungert wären, dann die Menschen, die den Gräueltaten des Nationalsozialismus entkamen, und später die Nazi-Peiniger, die hier nach 1945 ein sicheres Refugium fanden, manchmal ohne sich gross verstecken zu müssen. Die Diktatoren Lateinamerikas waren nicht besonders daran interessiert, sie wieder loszuwerden, im Gegenteil: Geheimdienste und die katholische Kirche unterstützten aktiv die Flucht ranghoher Nazis aus Europa, vor allem nach Argentinien.
Die Autorin bedauert, dass das Interesse Deutschlands an Lateinamerika nach dem Mauerfall 1989 und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 rapide abnahm. Die lateinamerikanischen Staaten hingegen, so sehr sie historisch und kulturell mit Europa verbandelt sind, wendeten sich wirtschaftspolitisch immer mehr China zu und werden mittlerweile politisch von evangelikalen Kirchen und russischer Propaganda vereinnahmt.

Irina Scherbakowa und Filipp Dzyadko, Elena Zhemkova (Hrsg.): Memorial. Erinnern ist Widerstand. München, 2025

Im Dezember 2022 konnte «Memorial» zusammen mit dem ukrainischen «Center for Civil Liberties» und der belarussischen Menschenrechtsorganisation «Wjasna» in Oslo den Friedensnobelpreis entgegennehmen. Unabhängig von der staatlich gelenkten Erinnerungspolitik in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion bewahrt die 1989 gegründete russische Menschenrechtsorganisation in den postsowjetischen Zivilgesellschaften das Gedächtnis an den staatlichen Terror und die Massenrepressionen in der untergegangenen UdSSR anhand von Einzelschicksalen. Sie sichert zu diesem Zweck Zeitzeugnisse und Dokumente, betreibt Archive und Bibliotheken, erstellt Dokumentationen und pflegt Datenbanken. Von den russischen Behörden 2022 zwangsaufgelöst, existiert Memorial bis heute als transnationales, dezentrales Netzwerk weiter. Das Wachhalten der Erinnerung an die Millionen ausgelöschten Menschenleben bleibt auch im Exil ihr Kerngeschäft.
Der Sammelband enthält u.a. einen erhellenden Abriss über die Geschichte von Memorial, verfasst von der russischen Historikerin und Mitgründerin Irina Scherbakowa. Ein Bildteil präsentiert Objekte aus der Sammlung von Memorial – vom Brief und Gedichtband über Zeichnungen und Bilder bis zu Kleidungsstücken aus dem Straflager. Weitere Textbeiträge kommen von Persönlichkeiten wie Anne Applebaum, Aleida Assmann, Karl Schlögel oder Swetlana Alexijewitsch, aber auch von hierzulande weniger bekannten ukrainischen, polnischen und litauischen Menschenrechtlerinnen und Dissidenten. Für die rumänisch-deutsche Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller steht das Verbot des Wortes «Krieg» für die «Spezialoperation» gegen die Ukraine symptomatisch für das «stalinistische Schweigen», das in Russland über die «Verbrechen von innen und aussen» herrscht. Der deutsche Historiker Gerd Koenen wünschte sich für Memorial in Zukunft eine Zusammenarbeit mit der Ukraine und Belarus, denn Mittelosteuropa sei nicht nur eine «geopolitische ‘Schicksalsgemeinschaft’», sondern auch eine «historische Erinnerungsgemeinschaft».

Darya Tsymbalyuk: Ecocide in Ukraine. The Environmental Cost of Russia’s War. Cambridge/Hoboken, 2025

Der Begriff «Ökozid» ist vor über einem halben Jahrhundert im Zusammenhang mit dem amerikanischen Einsatz des Entlaubungsmittels «Agent Orange» im Vietnamkrieg entstanden. Inzwischen ist «Ökozid» in die Strafrechtsordnungen verschiedener Länder eingegangen und es gibt Forderungen, ihn auch als Verbrechen ins Statut des Internationalen Strafgerichtshofs aufzunehmen. Das neue Buch der ukrainischen Kulturwissenschafterin Darya Tsymbalyuk liefert eine erschütternde Analyse der gewaltigen ökologischen Schäden und ihrer gesellschaftlichen Folgewirkungen in den ersten zwei Jahren des Kriegs gegen die Ukraine. Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms durch mutmasslich russische Truppen am 6. Juni 2023, die grossflächige Überflutung mit etwa sechzig Todesopfern und gewaltige Schäden für Ökosystem, Landwirtschaft, Fischerei, Kulturgüter, Schifffahrt sowie Energie- und Wasserversorgung nach sich zog, ist lediglich die Spitze des Eisbergs. Tsymbalyuks Buch handelt etwa auch von den Kriegsfolgen für seltene Wildtiere und Pflanzen, der Verseuchung von Kultur- und Naturland mit Minen, der Ausbreitung von Tollwut bei Wild- und Haustieren sowie Menschen infolge der kriegsbedingten Unterbrechung von Impfkampagnen, dem Rückgang des ukrainischen Viehbestands um etwa 12 Prozent, den Folgen der russischen Besetzung der radioaktiv verseuchten Zone um Tschornobyl für Zivilbevölkerung und beteiligte Soldaten oder den Zerstörungen von Wasserleitungen und Energieinfrastruktur.
Eine Bibliografie zum Krieg in Osteuropa finden Sie auf unserer Website.

Stefan Bartholet: Von Ohrfeigen, Tatzen und Kopfnüssen. Körperliche Züchtigungen an der Zürcher Volksschule von 1945 bis 1985. Zürich, 2024

Die Geschichte des Züchtigungsrechts in der Schweiz ist bislang kaum systematisch aufgearbeitet worden. Die vorliegende Dissertation von Stefan Bartholet setzt hier an und widmet sich dem Umgang mit dem Züchtigungsrecht im Kanton Zürich – mit einem besonderen Fokus auf die Stadt Zürich als Fallbeispiel. Die Zürcher Volksschulverordnung von 1900 erlaubte Lehrpersonen bis Ende 1985 in Ausnahmefällen den Einsatz «körperlicher Züchtigungen». Darunter konnten sogenannte «Tatzen» (Schläge auf die Hände), Ohrfeigen, das Anwerfen von Gegenständen, das Zerren an Ohren oder Haaren, reine Prügelstrafe oder auch «Kopfnüsse» gehören. Rechtlich war nicht näher definiert, was einen «Ausnahmefall» darstellte.
Stefan Bartholet untersucht in seiner Arbeit, wie die Schulbehörden das Recht auslegten und anwendeten, wie Lehrpersonen es in der Praxis handhabten und in welchem Rahmen sie davon Gebrauch machten. Ebenso analysiert er, wie bei Beschwerden, welche meist von Eltern eingereicht wurden, vorgegangen wurde. Der Autor führte dazu eine schriftliche Befragung von tausend Einwohner:innen des Kantons Zürich durch, wovon eine Mehrheit eine Primarschule besucht haben. Ergänzend wertete er Archivquellen aus, um die Haltung der Bildungsbehörden – insbesondere der Erziehungsdirektion sowie der Bezirksschulpflegen – nachvollziehen zu können.
1985 genehmigte der Regierungsrat die vom Erziehungsrat beschlossene Änderung der Volksschulordnung. Ein generelles Verbot von körperlichen Züchtigungen wurde aber nicht ausgesprochen. Noch rund zwanzig Jahre lang wurden Körperstrafen als «entschuldbar» erachtet, erst in der neuen Volksschulverordnung von 2006 wurden keine Anmerkungen mehr zu körperlichen Züchtigungen mehr gemacht, was aufgrund der Rechtsprechung des Bundesgerichts einem Verbot körperlicher Strafen gleichkam.

Joe Mulhall: Rebel Sounds. Music as Resistance. London, 2024

Kann Musik die Welt verändern? Mit dieser Frage macht sich Joe Mulhall in verschiedene Länder rund um den Globus auf, um zu erforschen, wie Musik als eine Form des Widerstands verwendet wurde und wird. Er besucht bedeutende Orte und Lokale, geht an Konzerte und setzt sich mit unterschiedlichen musikalischen Genres und Musiker:innen auseinander. Wir unternehmen mit dem Autor eine Reise, die uns von Nigeria nach Brasilien und Südafrika, von Grossbritannien über Irland in die USA, von Polen bis in die ehemalige Sowjetunion und zum Schluss in die Ukraine führt. Dabei lernen wir nicht nur etwa den irischen Tradfolk, die brasilianische Tropicália oder den Afrobeat von Fela Kuti und seinen Söhnen kennen, der Journalist lässt uns auch tief in Geschichte und Gegenwart der jeweiligen Länder eintauchen, in die politischen Kämpfe und sozialen Herausforderungen und wie die Menschen mit und dank der Musik diesen mutig die Stirn bieten.
Joe Mulhall kann seine Eingangsfrage am Ende mit einem Nein beantworten, denn es sind die Menschen, die die Welt verändern. Musik kann ihnen jedoch als Mittel dienen, ihre Botschaften zu vermitteln und ihre Ziele zu formulieren, und ihnen die Kraft und den Auftrieb geben, die sie für ihren Kampf für eine bessere Gegenwart und Zukunft brauchen. Auf welche Weise und in welchen Formen die Musik das tut, zeigt uns Mulhall in acht spannenden Episoden. Zu Beginn jeden Kapitels gibt er uns zudem eine Liste mit den aus seiner Sicht wichtigsten Songs und Interpret:innen mit auf den Weg. Damit rundet er seine globale Exkursion gelungen ab.

Silvia Staub-Bernasconi beim Unterrichten, 2006 (Foto: zVg)
Silvia Staub-Bernasconi beim Unterrichten, 2006 (Foto: zVg)

Geschenkbibliothek von Silvia Staub-Bernasconi

Eine Pionierin der menschenrechtsbasierten Sozialarbeitswissenschaft

Die Soziale Arbeit, ihre Geschichte, Themenfelder, Theorien und Praktiken, gehört zu den Sammlungsschwerpunkten des Sozialarchivs. So betreut es die Archive des schweizerischen Berufsverbandes der Sozialen Arbeit «AvenirSocial» und seiner Vorläuferorganisationen (Ar 427, Ar 498, Ar 506, Ar 595, Ar 626), des Fachverbandes für Sozial- und Sonderpädagogik «Integras» (Ar 697) und weiterer Berufs- und Fachverbände (Schweizerischer Armenerzieher-Verein Ar 14, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Gemeindehelfer, Sozialarbeiter und Diakone in evang. Kirchgemeinden Ar 201.140, Diakonieverband Schweiz Ar 443, Schweizerischer Fachverband der Alkohol- und Suchtfachleute Ar 417, Verein der kantonalzürcherischen Sozialarbeiter Ar 678), ebenso die Archive der 1932 bis 1999 existierenden Landeskonferenz für soziale Arbeit LAKO (Ar SGG A 124 B, Ar SGG B 26, Ar SGG C 5, Ar 467), der 1942 entstandenen Kommission für Soziale Arbeit in Berggebieten (Ar SGG B 50) und der 1948 gegründeten Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Schulen für Soziale Arbeit SASSA (Ar 645). Hinzu kommen Vor- und Nachlässe wichtiger Persönlichkeiten in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit wie Paula Lotmar (Ar 198.27), Markus Brändle-Ströh (Ar 1017) und Judith Giovanelli-Blocher (Ar 1048).
In der Bibliothek des Sozialarchivs finden sich Fachliteratur und Fachzeitschriften der Sozialen Arbeit, eine bis in die Zwischenkriegszeit zurückreichende Sammlung von Diplomarbeiten schweizerischer Ausbildungsstätten der Sozialen Arbeit, Jahresberichte von Organisationen der Sozialen Arbeit sowie historische Forschungsliteratur zur Geschichte der Sozialen Arbeit – eingeschlossen ihre dunklen Seiten. Die Sachdokumentation verfügt über umfangreiche, bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichende Kleinschriftendossiers zur Entwicklung der Sozialen Arbeit in der Schweiz und allgemein (Dossiers 60.3, 60.4, 60.5, 60.6). Last but not least geht der Forschungsfonds des Sozialarchivs auf das Vermächtnis der Sozialarbeiterin und Soziologin Ellen Rifkin Hill zurück.
Diesen Sommer haben die Sammlungen im Themenbereich der Sozialen Arbeit mit der Übernahme der Bibliothek von Silvia Staub-Bernasconi einen gewichtigen Zuwachs erfahren. Die 1936 in Zürich geborene Staub-Bernasconi hat die Soziale Arbeit in der Schweiz, in Deutschland und darüber hinaus als Praktikerin und Wissenschafterin stark geprägt. Nach der Handelsmatura 1956 arbeitete sie zunächst als Sekretärin am Institut für Haustierernährung der ETH Zürich und belegte daneben als Hörerin Vorlesungen an der Universität. 1958 bis 1960 absolvierte sie die Schule für Soziale Arbeit in Zürich (heute: Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) mit Paula Lotmar als Klassenlehrerin und arbeitete dann als Nachfolgerin von Judith (Giovanelli-)Blocher für drei Jahre in der Gemeindefürsorge Dietikon.
1963 bis 1965 konnte sie mit einem Stipendium der UNO, das sie aufgrund ihrer vor allem in Deutschland weit beachteten Diplomarbeit über die offene Jugendarbeit erhalten hatte, «Social Work» an der University of Minnesota in Minneapolis, der University of Michigan in Ann Arbor und der Columbia University in New York studieren. Anfang 1964 rief Präsident Lyndon B. Johnson den «War on Poverty» aus. Angesichts einer damaligen Armutsrate in der US-Gesellschaft von um die 20% verabschiedete die demokratische Kongressmehrheit den «Economic Opportunity Act», dessen Hauptziele die Reduktion der Armut, gleiche Chancen in der Bildung, materielle Besserstellung von Armen, Erwerbslosen und Alten und die Verbesserung der Gesundheitsversorgung im Alter waren. Unter anderem schuf das Gesetz das «Community Action»-Programm zur Bundesunterstützung von lokalen, stark auf Freiwilligenarbeit beruhenden «Agencies» zur Förderung der Selbsthilfe und «Empowerment» der Armen. Kurz darauf folgten weitere Gesetze zu Ernährung, Bildung und Gesundheitswesen – unter anderem zur Einführung der von der aktuellen US-Regierung nun massiv abgebauten Programme «Medicaid» und «Medicare». Die Armutsquote ging bis Ende der 1960er Jahre spürbar auf etwa 12% der Bevölkerung zurück. Erst unter Ronald Reagan, der als erster den Slogan «Make America Great Again» prominent verwendete, sollte sie in den 1980er Jahren wieder deutlich ansteigen. Der «War on Poverty» war Teil von Johnsons Agenda der «Great Society», die die Reformen des «New Deal» der 1930er Jahre fortsetzen sollte und neben der Armutsbekämpfung die Stärkung der Rechte der Afroamerikaner:innen und weiterer Minderheiten, den Kampf gegen Rassismus, umfassende Verbesserungen in den Bereichen Bildung und Gesundheit, die Modernisierung der Infrastruktur und den Ausbau von Umwelt- und Konsument:innenschutz umfasste.
In dieser Aufbruchstimmung konnte Staub-Bernasconi praktische Erfahrungen als Sozialarbeiterin sammeln – zunächst mit einer Gruppe alleinerziehender afroamerikanischer Frauen in einem Slum von Minneapolis, dann im Rahmen von «Community Action» im damaligen New Yorker Unterschichten- und Migrant:innenquartier Lower East Side. 2011 schrieb sie im Rückblick zu jener Zeit: «Noch während meiner ersten Wochen in den USA war in der Zeitung zu lesen, dass in einem der Südstaaten sechs Sozialarbeitende vom Ku-Klux-Klan massakriert worden waren, nur weil sie Schwarze dabei unterstützt hatten, sich für die Wahlen einzuschreiben. Und die New York Times berichtete auf ihrer Frontseite, dass schon wieder ein Säugling in einer Sozialwohnung von Ratten zerfressen wurde. […] Mich trieb die Frage um, wie es möglich war, dass ein so reiches Land wie die USA so viel Armut, Leiden, Ungerechtigkeit, so viel Ausbeutung, Rassismus, so viel Diskriminierung produzierte.» Zugleich beeindruckten sie aber auch der hohe Verwissenschaftlichungs- und Professionalisierungsgrad der Sozialen Arbeit in den USA sowie besonders deren anwaltschaftliches gesellschaftliches Engagement.
Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz 1965 arbeitete Staub-Bernasconi zunächst als Studienleiterin an der Evangelischen Heimstätte Boldern. Ab 1967 lehrte sie an der Schule für Soziale Arbeit in Zürich. Parallel dazu sowie zur Erziehung ihrer Tochter studierte sie ab 1968 an der Universität Zürich Soziologie, Sozialethik und Pädagogik – und staunte, wie sie es im Rückblick formulierte, über «die Kopfgeburten und den unerträglichen Autoritarismus» ihrer 68er-Kommiliton:innen sowie deren «Verachtung der Hilfe an Individuen und der Sozialen Arbeit als Hampelmann des Kapitalismus». 1983 doktorierte sie mit der Arbeit «Soziale Probleme – Dimensionen ihrer Artikulation». Betreuer war Professor Peter Heintz, der 1966 das Soziologische Institut der Universität Zürich begründet sowie 1966 bis 1971 den Verein Schweizerisches Sozialarchiv präsidiert hatte, dessen Nachlass sich heute im Sozialarchiv befindet (Ar 163) und dessen Konzept der «Weltgesellschaft» Staub-Bernasconi rezipierte (s. SozialarchivInfo 2/2022).
Mit ihrer Dissertation legte Staub-Bernasconi analytische Grundlagen einer systemischen Theorie Sozialer Arbeit, die die Disziplin nachhaltig beeinflusst, aber auch zu systemtheoretischen Kontroversen zwischen der von Staub-Bernasconi vertretenen «Zürcher Schule» und der sich auf Niklas Luhmann berufenden «Bielefelder Schule» geführt hat. Die «Zürcher Schule» entwickelte im Rahmen des wissenschaftlichen Realismus ein systemtheoretisches Paradigma, vor dessen Hintergrund sie die Handlungswissenschaft der Sozialen Arbeit integral konzipiert und vertritt. An der Entwicklung dieses Theorie-Systems war nebst Staub-Bernasconi entscheidend Werner Obrecht beteiligt; auch Ruth Brack, Kaspar Geiser, Petra Gregusch, Edi Martin und andere trugen massgeblich dazu bei. Die direkte Wegbereiterin war zudem ihre ehemalige Lehrerin Paula Lotmar.
Staub-Bernasconis Denken war dabei vom argentinischen Wissenschaftstheoretiker und Physiker Mario Bunge beeinflusst. Ihre in der Dissertation und folgenden Publikationen entwickelte «prozessual-systemische Denkfigur» ist zum einen die Visualisierung ihrer analytischen Nomenklatur des Gegenstandsbereiches der Sozialen Arbeit – das zentrale Kernelement der «Zürcher Schule». Zum andern wurde diese Gegenstands-Theorie zum (professions-politisch hoch bedeutsamen) Fundament der ganzen Sozialen Arbeit und ihrer Berufs- bzw. Arbeitsfelder. So flossen Elemente daraus auch in die Lehre des von Staub-Bernasconi zusammen mit Markus Brändle-Ströh konzipierten Studienschwerpunktes «Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen» an der Schule für Soziale Arbeit ein, in welchem sie neben Brändle-Ströh ebenfalls unterrichtete. Die Einführung dieses Studienschwerpunktes, der auf dem amerikanischen «Community Organizing» und Saul Alinsky aufbaute, war in den 1970er-Jahren eine echte Innovation an der Schule für Soziale Arbeit Zürich, die bereits von Paula Lotmar vorbereitet worden war.
Studienaufenthalte führten Staub-Bernasconi etwa nach Birmingham, Rio de Janeiro, Kalifornien und Polen, wo sie verschiedene Formen von Armut, Elend und Diskriminierung kennenlernte und untersuchte. Diese Analysen bildeten die Basis für ihre praktische berufs- und bildungspolitische Tätigkeit zur Entwicklung der Sozialen Arbeit. Ab 1986 folgten in kurzen Abständen wichtige Arbeiten zur Sozialen Arbeit – so 1986 der viel beachtete Artikel «Soziale Arbeit als eine besondere Art des Umgangs mit Menschen, Dingen und Ideen» wie auch Publikationen über Jane Addams und Ilse Arlt als Theorie-Pionierinnen der Sozialen Arbeit bis hin zur Auseinandersetzung mit Sozialer Arbeit als «Menschenrechtsprofession».
Ab 1991 gehörte Staub-Bernasconi dem Ausschuss der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) an und initiierte in dieser Funktion die bis 2019 bestehende «Taskforce für interkulturelle Konflikte und Gewalt» (TikK) unter der Leitung von Hanspeter Fent. Ebenso engagierte sie sich im «Frauenrat für Aussenpolitik». Von 1994 bis 2006 war sie stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) sowie Sprecherin von deren Sektion Theorie- und Wissenschaftsentwicklung von 1995 bis 2012. 1996 habilitierte sie sich am Institut für Sozialpädagogik der Technischen Universität Berlin, wo sie dann 1997 bis 2003 eine Professur innehatte. 2000 bis 2010 konzipierte und leitete sie das interuniversitäre Masterprogramm «Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession» MRMA in Berlin. Ihr verstärktes Interesse für die Menschenrechte war zunächst von der Öffnung der Schule für Soziale Arbeit für Flüchtlinge aus verschiedenen Weltregionen, dann besonders von Vorbereitungsarbeiten für die UNO-Weltkonferenz über Menschenrechte 1993 in Wien geprägt worden. Ebenso nahm sie Lehraufträge und Gastdozenturen an den Universitäten Trier, Siegen und Fribourg sowie der Wirtschaftsuniversität Wien wahr.
Mit zahlreichen Publikationen und Referaten trug Staub-Bernasconi wesentlich zur Weiterentwicklung der Theorie der Sozialen Arbeit bei. Insbesondere formulierte sie das Postulat des sogenannten «Tripelmandats» der Sozialen Arbeit. Neben das konventionelle «Doppelmandat» von Hilfe und Kontrolle, das die Fachkräfte sowohl dem Interesse der Klient:innen als auch von Staat und Gesellschaft verpflichtet, sollen wissenschaftliche Erklärung und Reflexion, evaluierte Methoden und die Orientierung an der Ethik der Sozialen Arbeit sowie an den Prinzipien der Menschenrechte treten, um im Zuge der Professionalisierung das eigene Wirken professions-spezifisch zu legitimieren und zu verantworten.
Die Geschenkbibliothek von Silvia Staub-Bernasconi umfasst rund 1’000 Bände und reicht über die Themenfelder der Sozialen Arbeit, Soziologie und Menschenrechte weit hinaus in zahlreiche weitere sozial- und geisteswissenschaftliche Disziplinen (Philosophie, Religionswissenschaft, Ökonomie, Politologie, Friedens- und Konfliktforschung, Geschichte, Geschlechterforschung, Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie, Psychoanalyse, Ethnologie, Cultural Studies). Im swisscovery-Katalog wird sie mit dem Code «E19Staub» abrufbar sein.

Publikationen von und über Silvia Staub-Bernasconi im Sozialarchiv (Auswahl)

  • Baumer-Bär, Christiane und Michael Muheim: Eine Denkfigur wird lebendig: Der dynamische Aspekt der prozessual-systemischen Denkfigur von Silvia Staub-Bernasconi. Zürich 1991, GR 7427
  • Bernasconi, Silvia: Vom «Eckensteher» zum aktiven Gruppenmitglied: Die soziale Gruppenarbeit als methodisches Hilfsmittel zur Erfassung der Strassenjugendlichen. Bern 1962, 28157
  • Geiser, Kaspar. Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit: Eine Einführung in die Systemische Denkfigur und ihre Anwendung. 5. überarb. Auflage. Luzern 2013, 127954
  • Häberle, Pia und Martina Ulmann: Spielend Theorie lernen: Die didaktische Umsetzung der prozessual-systemischen Problemdimension Sozialer Arbeit (nach Silvia Staub-Bernasconi). Zürich 1989, GR 6960
  • Häfliger, Mario: Solidarität: Die Bedeutungen des Begriffs Solidarität und sein Verständnis bei Silvia Staub-Bernasconi. Luzern 2000, Gr 10866
  • Hollstein-Brinkmann, Heino und Silvia Staub-Bernasconi (Hg.): Systemtheorien im Vergleich: Was leisten Systemtheorien für die Soziale Arbeit? Versuch eines Dialogs. Wiesbaden 2005, 114381
  • Lambers, Helmut: Theorien der Sozialen Arbeit: Ein Kompendium und Vergleich. 6. erw. Aufl. Stuttgart 2023, online-Ressource
  • Portmann, Rahel und Regula Wyrsch (Hg.): Plädoyers zur Sozialen Arbeit von Beat Schmocker: Eine menschengerechte Gesellschaft bedarf der Sichtweise der Sozialen Arbeit. Luzern 2019, online-Ressource
  • Schmocker, Beat (Hg.): Liebe, Macht und Erkenntnis: Silvia Staub-Bernasconi und das Spannungsfeld Soziale Arbeit. Luzern 2006, 116039
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Probleme – Dimensionen ihrer Artikulation: Umrisse einer Theorie Sozialer Probleme als Beitrag zu einem theoretischen Bezugsrahmen Sozialer Arbeit. Diessenhofen 1983, 75057
  • Staub-Bernasconi, Silvia et al. (Hg.): Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit: Entwicklung und Zukunftsperspektiven: Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der Schule für Soziale Arbeit Zürich. Bern 1983, 74727
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Arbeit als eine besondere Art des Umgangs mit Menschen, Dingen und Ideen: Zur Entwicklung einer handlungstheoretischen Wissensbasis Sozialer Arbeit, in: Sozialarbeit 18 (1986). S. 2-71, N 4058
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Das sanfte Entschwinden einer Nobelpreisträgerin Sozialer Theorie und Arbeit: Jane Addams’ Friedenstheorie und -praxis, in: Henke, Silvia und Sabina Mohler (Hg.): Wie es Ihr gefällt: Künste, Wissenschaft & alles andere. Freiburg i. Br. 1991. S. 49-67, 93026 (Videoaufzeichnung der Lesung: www.bild-video-ton.ch/bestand/objekt/Sozarch_F_9102-012)
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Wird die UNO zur Sozialarbeiterin oder wird die Soziale Arbeit zur Menschenrechtsprofession? in: Olympe – Feministische Arbeitshefte zur Politik 1/1 (1994). S. 82-89, D 5405
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: Lokal, national, international oder: vom Ende der Bescheidenheit. Bern 1995, 97710
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Probleme – Soziale Berufe – Soziale Praxis, in: Heiner, Maja et al.: Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. 2. Aufl. Freiburg i. Br. 1995. S. 11-101, 99252
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Lebensfreude dank einer wissenschaftsbasierten Bedürfniskunde!? Aktualität und Brisanz einer fast vergessenen Theoretikerin Sozialer Arbeit: Ilse Arlt (1876 bis 1960), in: Sozialarbeit 28/5 (1996). S. 18-31, N 4058
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Machtblindheit und Machtvollkommenheit Luhmannscher Theorie, in: Merten, Roland (Hg.): Systemtheorien Sozialer Arbeit: Neue Ansätze und veränderte Perspektiven. Opladen 2000. S. 225-242, 106262
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft: Systemische Grundlagen und professionelle Praxis – ein Lehrbuch. Bern 2007, 118115
  • Staub-Bernasconi, Silvia: «Es faszinierte mich, dass von einer Theorie so viel Bewegung ausgehen kann», in: AvenirSocial (Hg.): «Wir haben die Soziale Arbeit geprägt»: Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erzählen von ihrem Wirken seit 1950. Bern 2011. S. 161-173, 125575
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft: Auf dem Weg zu kritischer Professionalität. 2. akt. Aufl. Opladen/Toronto 2018, 146143
  • Staub-Bernasconi, Silvia: Menschenwürde – Menschenrechte – Soziale Arbeit: Die Menschenrechte vom Kopf auf die Füsse stellen. Opladen/Toronto 2019, 154810
Anna Siemsen 1940 an einer Veranstaltung im Kinderfreundehaus Mösli bei Zürich (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F Fc-0002-14)
Anna Siemsen 1940 an einer Veranstaltung im Kinderfreundehaus Mösli bei Zürich (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F Fc-0002-14)

Buchempfehlungen der Bibliothek

E. J. Gumbel (Hg.): Freie Wissenschaft. Ein Sammelbuch aus der deutschen Emigration. Strasbourg, 1938

In einer Zeit, wo die Wissenschaftsfreiheit wieder in vielen Teilen der Welt bedroht ist, ganze Forschungszweige unterdrückt und ihre Kernbegriffe aus ideologischen Gründen verboten werden und Forscher:innen aus politischen Gründen emigrieren, lohnt sich die Lektüre eines Klassikers aus der Zwischenkriegszeit. Nachdem in Nazi-Deutschland rund ein Sechstel der Hochschullehrer:innen wegen ihrer demokratischen Gesinnung oder ihrer jüdischen Abstammung entlassen worden waren, publizierte der 1933 ausgebürgerte Mathematiker Emil Julius Gumbel 1938 im französischen Exil den Sammelband «Freie Wissenschaft» mit Beiträgen von fünfzehn geflüchteten Wissenschafter:innen, unter ihnen die ehemalige Jenaer Pädagogikprofessorin und sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Anna Siemsen, die 1933 bis 1946 in der Schweiz lebte und deren Nachlass sich im Sozialarchiv befindet, oder der katholisch-pazifistische Philosoph Friedrich Wilhelm Foerster, der bereits 1922 aus Furcht vor rechtsextremen Attentaten aus München in die Schweiz emigriert war und dessen Werke 1933 öffentlich verbrannt wurden.
Die Texte befassen sich beispielsweise mit der «Gleichschaltung» der deutschen Hochschulen ab 1933, der gesellschaftlichen Rolle der Intellektuellen, staatsrechtlichen und finanzpolitischen Aspekten der Nazi-Diktatur, der Aufgabe der Geschichtswissenschaft im Exil oder den Versuchen, eine «arische Naturwissenschaft» auf Basis der rassistischen Ideologie zu schaffen. Der Band ist einer Reihe von Gelehrten gewidmet, die in der frühen Nazi-Zeit durch Mord oder Selbstmord ums Leben gekommen waren.

Yvonne Pesenti Salazar: Ragazze di convitto. Emigrazione femminile e convitti industriali in Svizzera. Locarno, 2024

Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts verlässt eine beträchtliche Anzahl junger Frauen das Tessin, die italienischsprachigen Täler Graubündens und Norditaliens, um in den Textilfabriken der Deutschschweiz zu arbeiten. Da sie minderjährig sind und jahrelang von zu Hause wegbleiben müssen, werden sie in Internaten für Arbeiterinnen – den Arbeiterinnenheimen – untergebracht und der Obhut von Nonnen anvertraut.
Gegründet dank einer Partnerschaft zwischen Unternehmern und der katholischen Kirche, verbinden die Arbeiterinnenheime unternehmerische Bevormundung und religiös motivierte Fürsorge. Abgesehen von den philanthropischen Zielen ihrer Träger sind die Internate jedoch in Wirklichkeit Internierungseinrichtungen: Die jungen Arbeiterinnen leben in völliger Isolation, werden ihrer Autonomie beraubt und einem eisernen Disziplinarregime unterworfen.
Das Buch beleuchtet dieses besondere und lange in Vergessenheit geratene Migrationsphänomen aus verschiedenen Blickwinkeln: die Gründe für die Abwanderung, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen, das in den Internaten umgesetzte Erziehungsprojekt, die zweideutige Rolle der Nonnen und der Industriellen.

Ruth Erdt: K12 – Schwamendingen. Ein Randbezirk von Zürich = on the periphery of Zurich. Göttingen, 2024

Schwamendingen haftet als Stadtkreis am Rand der Stadt Zürich der schlechte Ruf eines Problemquartiers an. Selbst Ruth Erdt, die Fotografin des Bildbandes, bezeichnet ihren Wohnort als «hässliches Entlein der Stadt Zürich». Trotzdem wohnt sie seit dreissig Jahren im Kreis 12, da sie dessen diverse Gemeinschaft, tiefe Kriminalität und Entwicklungsmöglichkeiten schätzt. 1934 wurde Schwamendingen in die Stadt Zürich eingemeindet, entwickelte sich zunächst als Gartenstadt und anschliessend zur Industrieansiedelung. Im Mai 2025 wurde die Fertigstellung des Grossprojekts «Einhausung» gefeiert. Nun ist die Autobahnschneise, die Schwamendingen vierzig Jahre lang durchtrennt hat, vom neuen grünen «Ueberlandpark» überdeckt.
Seit 2011 fotografiert und dokumentiert Ruth Erdt im Rahmen eines Langzeitprojekts die Veränderungen und den lebendigen Alltag Schwamendingens. Entstanden sind rund 600’000 Fotografien, welche Einwohner:innen, Baustellen, Wohn-, Arbeits- und Freizeitorte des Stadtkreises zeigen. Nur ein Bruchteil dieser Fotografien kann im Bildband gezeigt werden, dennoch zeichnet das darin versammelte kaleidoskopische Fotomosaik ein wildes und stolzes Porträt vom K12.

Sönke Iwersen/Michael Verfürden: Die Tesla Files. Enthüllungen aus dem Reich von Elon Musk. München, 2025

Im Zentrum des Buches steht der reichste Mann der Welt. Die zwei Investigativjournalisten des «Handelsblatts» charakterisieren Elon Musk als «ersten globalen Oligarchen» und skizzieren einerseits seine Biografie von der Kindheit in Apartheid-Südafrika über erste unternehmerische Gehversuche in Palo Alto, sein kompliziertes Verhältnis zu Frauen und seinen Drogenkonsum bis zu seiner Rolle bei PayPal, Tesla, SpaceX (für das er schon vor einem Jahrzehnt vollmundig baldige Passagierflüge zum Mars angekündigt hatte), Neuralink (das die physische Verschmelzung menschlicher mit künstlicher Intelligenz anstrebt) und Twitter/X.
Andererseits schaut das Buch, gestützt auf geleakte interne Daten, Gerichtsakten sowie Gespräche mit Kund:innen, Ex-Mitarbeiter:innen, Gewerkschafter:innen und Hinterbliebenen von Autopilot-Unfallopfern, auf die Unternehmenskultur von Musks Elektroautokonzern, den die Autoren als von einem skrupellosen Chef geführte «Mitarbeiterhölle» und «Todesfalle» charakterisieren. Ein Epilog befasst sich mit Musk als «Politiker», der nach langjähriger Distanz zu Donald Trump 2024 dessen Wahlkampf mit 260 Millionen Dollar sowie einer grossen Desinformationskampagne auf X wesentlich unterstützte und sich dadurch als rechtslibertär-autokratischer «Schattenpräsident» einkaufte, aber auch durch den dosierten Einsatz von Starlink Einfluss auf den Ukrainekrieg nahm, sich zur Taiwanfrage oder zum Nahostkonflikt äusserte und zugunsten rechtsradikaler Kräfte in die Innenpolitik verschiedener europäischer Länder eingemischt hat.

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl):

  • Amlinger, Carolin und Oliver Nachtwey: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Berlin 2025, erwartet
  • Andree, Martin: Big Tech muss weg! Die Digitalkonzerne zerstören Demokratie und Wirtschaft. Wir werden sie stoppen. Frankfurt/New York 2023, 153180
  • Conger, Kate und Ryan Mac: Elon Musk und die Zerstörung von Twitter. Die Inside-Story. Hamburg 2024, 153498
  • Daub, Adrian: Was das Valley denken nennt. Über die Ideologie der Techbranche. Berlin 2020, 145312
  • Dru, Jean-Marie: Danke für die Disruption! Die Strategien und Philosophien der weltweit führenden Unternehmer. Weinheim 2020, 145276
  • Häring, Norbert: Endspiel des Kapitalismus. Wie die Konzerne die Macht übernahmen und wie wir sie zurückholen. Köln 2022, 150424
  • Isaacson, Walter: Elon Musk. Die Biografie. München 2023, 151039
  • Krysmanski, Hans Jürgen: 0,1 Prozent. Das Imperium der Milliardäre. Frankfurt 2015, 131882
  • Rügemer, Werner: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Gemeinverständlicher Abriss zum Aufstieg der neuen Finanzakteure. 3. erg. Aufl. Köln 2021, 144996
  • Rushkoff, Douglas: Survival of the richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind. Berlin 2025, 153779
  • Varoufakis, Yanis: Technofeudalismus. Was den Kapitalismus tötete. München 2024, 153449
  • Wolff, Michael: Alles oder nichts. Donald Trumps Rückkehr an die Macht. München 2025, 153829

Annette Kehnel: Die sieben Todsünden. Menschheitswissen für das Zeitalter der Krise. Hamburg, 2024

Derzeit ist die Welt durch multiple Krisen herausgefordert. Das Wissen, um ihnen angemessen zu begegnen, wäre vorhanden. Das Problem ist die Umsetzung – unsere Gesellschaften leiden an kognitiver Dissonanz. Offenbar schaffen wir es nicht, unser als destruktiv erkanntes Paradigma des «Immer mehr» zu überwinden. Warum? Diese Ausgangslage ist der Anlass für Kehnels Buch. Statt nun für Antworten darauf das «andere» Erfahrungswissen indigener «Naturvölker» zu appropriieren, entscheidet sich die Mittelalter-Historikerin, die «eigenen» Ressourcen anzuzapfen: Was können die kollektiven Wissenstraditionen des Westens uns heute noch sagen? Kehnels «zukunftsgerichtete Erinnerung» an die Todsündenlehre fördert das darin gespeicherte Erfahrungswissen der abendländischen Kultur zutage.
Von den sieben Todsünden – Gula/Völlerei, Avaritia/Habgier, Luxuria/Ausschweifung, Acedia/Trägheit, Invidia/Neid, Ira/Zorn, Superbia/Hochmut – dominierte während der letzten dreihundert Jahre die Avaritia. Die Habgier, in der rational gezügelten Form des Eigeninteresses, ist perpetuierbar und unerschöpflich, der «Eigennutz» war ein Zentralbegriff der im 18. Jahrhundert neu entstehenden ökonomischen Theorien. Unserer Gegenwartsgesellschaft diagnostiziert Kehnel hingegen Acedia: Unsere beharrliche Trägheit, die Klima- und Biodiversitätskrisen anzuerkennen und zu bewältigen, speist sich aus einer letztlich lebensgefährlichen Mischung von Verlustangst und Besitzstandswahrung. Die sinnbildlichen Geschichten dazu liefern Lots Frau, die sich bei der Flucht aus Sodom zurückwendet, und Orpheus’ Blick zurück bei seinem Aufstieg aus der Unterwelt.
Kehnel untersucht kenntnisreich die epistemischen Stränge, welche sich in den Todsünden bündeln. Sie lässt uns an den Fragen, die sie an mittelalterliche und antike Textquellen stellt, teilhaben. Der Todsündenkanon erweist sich als ein gesellschaftliches Regelsystem, welches auf Balance und Ausgleich abzielte, sowohl was das soziale als auch was das Zusammenleben im Einklang mit der Natur betraf. So könnten uns die «Luxus- und Aufwandsordnungen», die in vielen europäischen Städten des Mittelalters und der frühen Neuzeit den überbordenden Konsum begrenzten, Mut für Regulierungen machen, da, wo der freie Markt für alle längst sichtbar versagt.

Frauen geben ihre Stimme ab, 1970er Jahre (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F 5032-Fb-0125)
Frauen geben ihre Stimme ab, 1970er Jahre (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F 5032-Fb-0125)

Buchempfehlungen der Bibliothek

David Hesse, Philipp Loser: Heute Abstimmung! 30 Volksentscheide, die die Schweiz verändert haben. Zürich, 2024

Seit der Gründung des modernen Bundesstaats im Jahr 1848 haben die Stimmberechtigten in der Schweiz mehr als 670 Mal an der Urne über Veränderungen der Nation entschieden – sei es durch ein «Ja», ein «Nein» oder einen leeren Stimmzettel. Lange Zeit waren es jedoch ausschliesslich Männer, die über politische Anliegen mitbestimmen durften. Erst 1971 votierten sie dafür, Frauen den Zugang zu diesem demokratischen Prozess zu gewähren. Und seit 1991 dürfen auch Personen unter 20 Jahren abstimmen, nachdem das Stimmrechtsalter auf 18 Jahre herabgesetzt wurde.
Immer wieder haben Volksentscheide Weichen gestellt. Wir könnten heute in einer Schweiz ohne Armee leben. In einem EU-Staat. In einem Bund von nur 25 Kantonen. In einem Land ohne Frauenstimmrecht. Die Bevölkerung hat dafür gesorgt, dass es anders ist. «Heute Abstimmung» stellt dreissig Urnengänge vor, die bis heute nachwirken und das Land zu dem gemacht haben, das es heute ist. Das Buch ist bebildert mit Originalplakaten aus den Beständen des Sozialarchivs und beleuchtet zugleich die Herausforderungen der direkten Demokratie, denn «Volksabstimmungen sind nicht perfekt».

In der Sachdokumentation des Sozialarchivs findet sich Material zu fast allen eidgenössischen Abstimmungen seit 1848, abgelegt beim jeweiligen Thema.
Die Datenbank Bild + Ton bietet eine grosse Auswahl an digitalisierten Abstimmungsplakaten zum freien Download.

Joe Bürli: Der Bub hat nichts Italienisches an sich. Zürich, 2024

Joe Bürli ist der Besitzer des Kiosks Quellenstrasse in Zürich. In seiner Autobiografie erzählt er seine berührende Geschichte.
Als unehelicher Sohn einer Italienerin und eines Schweizers 1962 geboren, verbringt er die ersten vier Jahre seines Lebens in Kinderheimen. Danach lebt er einige Jahre im Luzernischen bei seinen Grosseltern, die sich liebevoll um ihn kümmern. Als sein Vater heiratet, holt er den inzwischen neunjährigen Josefli zu sich. Das Verhältnis zur Stiefmutter ist für den Jungen schwierig, sie verweigert ihm jegliche Zuneigung. Später kommt er zu einer Pflegefamilie nach Olten. Mit 19 Jahren will er eigentlich nach seiner leiblichen Mutter suchen, doch erst als Joe 35 Jahre alt ist und in Zürich lebt, lernt er seine Mutter und seine zwei Halbschwestern kennen. Die Begegnung mit seiner italienischen Familie ist nicht nur einfach.
Das Buch ist auch eine Geschichte über die 1970er/80er Jahre in Zürich: über die unbeschwerte Zeit in der Schwulenszene vor Aids, über Musik, Partys und Plattenläden. Über Joes Arbeit als Tierpfleger, in einem CD-Vertrieb oder in der Gastrobranche. Mitte der 1990er Jahre wird Bürli Geschäftsführer des Kiosks Quellenstrasse, seit 2007 ist er dessen glücklicher Besitzer. Der Kiosk ist Treffpunkt und Tante-Emma-Laden in einem. Er führt ein breites Angebot an Zeitungen, Zeitschriften, Heftli, Tabakwaren, Getränken, Snacks, Sandwiches und sogar im Quartier hergestellten Ravioli. Die Schaufenster sind legendär, er gestaltet sie oft zusammen mit Kunstschaffenden.

In «Kiosk. Ein Kaleidoskop» (Gr 15895) über Kioske in Zürich, herausgegeben von der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste, kommt auch der Kiosk Quellenstrasse vor.

Anneli Furmark: Roter Winter. Berlin, 2024

Anneli Furmarks Graphic Novel beginnt mit einem heimlichen Treffen eines Liebespaares im Schneegestöber einer nordschwedischen Industriestadt. Es handelt sich um eine geheime Liebe. Der Grund für die Heimlichkeit liegt nicht primär im Altersunterschied der Liebenden. Auch nicht darin, dass ein Partner verheiratet ist und drei Kinder hat. Der schwerwiegendste Grund ist, dass die Verliebten unterschiedlichen ideologischen Lagern angehören. Siv ist Sozialdemokratin, Ulrik ist Maoist. Die Kluft zwischen diesen beiden Lagern scheint im Schweden der ausgehenden 1970er Jahre unüberwindbar.
Die vier Jahrzehnte währende Vormachtstellung der Sozialdemokratie ist zu Ende. Die linken Parteien radikalisieren sich als Reaktion darauf zunehmend, das linke politische Lager zersplittert in Fraktionen, die sich teilweise spinnefeind sind und einander misstrauisch gegenüberstehen. Sivs und Ulriks Zugehörigkeit zu unterschiedlichen politischen Lagern ist in dieser gesellschaftlichen Atmosphäre für ihre Umgebung weit weniger annehmbar als dass das Outing ihrer Liebe zum Zerbrechen einer Ehe führen würde. Wie sich diese Polarisierung unaufhaltsam auf das Liebespaar auswirkt, zeichnet Furmark in düsteren Bildern nach und vermittelt uns die melancholische Stimmung eines Winters nahe dem Polarkreis so, dass sie sich uns visuell einprägt und nachdenklich zurücklässt.

Thomas Knellwolf: Enttarnt. Die grössten Schweizer Spionagefälle. Lachen, 2024

Im Kalten Krieg war die Schweiz ein Hotspot von Geheimdienstaktivitäten. Thomas Knellwolf, Bundeshaus-Korrespondent beim Tages-Anzeiger mit Schwerpunkt Justiz und Nachrichtendienst, zeigt in seinem neuen Buch, dass sich daran nichts geändert hat. Er rekonstruiert sieben Fälle des letzten Vierteljahrhunderts, von einer missglückten Mossad-Operation gegen einen Hisbollah-Aktivisten, bei der sich die von der Berner Kantonspolizei ertappten Agent:innen durch vorgetäuschten Dreiersex aus der Falle zu winden versuchten, über schweizerisch-deutsche Agentenkonfrontationen in der Endphase des Bankgeheimnisses und türkische Geheimdienstaktionen gegen Oppositionelle in der Schweiz bis hin zum «Fall Rössli», als chinesische Agent:innen ein Hotel mit Blick auf den Militärflugplatz Meiringen übernahmen.
Dargestellt wird auch die Rolle Genfs als Operationsbasis des russländischen Militärgeheimdienstes GRU, sei es von Hackerteams, die Cyberattacken auf die Bundesverwaltung, nach Auffliegen des russländischen Staatsdopingprogramms auch gegen das Internationale Olympische Komitee und andere in der Schweiz domizilierte Sportinstitutionen verübten, sei es von Spezialisten für «feuchte» (d.h. blutige) Operationen wie die Annexion der Krim, Destabilisierungskampagnen in Moldawien oder Montenegro oder die Vergiftung des Doppelagenten Sergej Skripal. Knellwolf thematisiert auch die schwache Schweizer Spionageabwehr und lässt offen, ob die Reformen der letzten Jahre eine Stärkung bewirkt haben.

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl):

  • Robert Dover: Hacker, influencer, faker, spy. Intelligence agencies in the digital age. London 2022, 152141
  • Roger Faligot: Les services secrets chinois. De Mao au Covid-19. Paris 2022, 147799
  • Jan Helmig: Nachrichtendienste in der Weltgesellschaft. Systemtheoretische Perspektiven. Wiesbaden 2022, 149806
  • Rhodri Jeffreys-Jones: A question of standing. The history of the CIA. Oxford 2022, 152196
  • Kristie Macrakis: Nothing is beyond our reach. America’s techno-spy empire. Washington DC 2023, 152647
  • Kevin P. Riehle: The Russian FSB. A concise history of the Federal Security Service. Washington DC 2024, in Erwerbung
  • Matthias Uhl: GRU. Die unbekannte Geschichte des sowjetisch-russischen Militärgeheimdienstes von 1918 bis heute. Freiburg i. Br. 2024, 153487
  • Amy B. Zegart: Spies, lies, and algorithms. The history and future of American intelligence. Princeton 2022, 149717

Claude Calame: Déni d’humanité. Le rejet européen des personnes conduites à l’exil. Vulaines sur Seine, 2024

Im Gegensatz zu den Abteilungen Archiv und Dokumentation erwirbt die Abteilung Bibliothek auch Bücher, die im Ausland publiziert werden, wenn sie zentrale Themen aus unserem Sammelgebiet betreffen. Das Sozialarchiv ist dann oft die einzige Bibliothek im swisscovery-Verbund, die den Titel in ihren Beständen führt. Dies trifft auch auf die rund 60 Seiten dünne Streitschrift von Claude Calame zu. Das Pamphlet des in Lausanne geborenen Altphilologen, Kulturanthropologen und Attac-Aktivisten ist in der Reihe «Carton rouge» der Éditions du Croquant in Frankreich erschienen und zeigt der europäischen Migrationspolitik die «Rote Karte».
Calame prangert das inhumane EU-Grenzregime, das todbringende Agieren von Frontex, die erniedrigende Behandlung und illegalen Pushbacks von Migrant:innen durch Grenzpatrouillen sowie die menschenrechtlich zweifelhaften Migrationsabkommen mit Ländern wie der Türkei oder Libyen an. Die EU-Migrationspolitik, die sich gegen die «irreguläre» Migration, faktisch aber genauso gegen Flüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention von 1951 richtet, brandmarkt er als utilitaristisch. Eindringlich erinnert er daran, dass die Verweigerung, Migrant:innen als Individuen mit einer sozialen und kulturellen Identität anzuerkennen und ihre Menschenwürde zu achten, auf uns selbst zurückfällt: «Vergessen wir nicht, dass […] die Rechte von Migrant:innen zu verteidigen […] auch heisst, die individuellen und sozialen Rechte der ansässigen Bevölkerung zu verteidigen […].» (S. 47)

Eine lesenswerte Besprechung von Calames Anklageschrift findet sich auch im «Bulletin» Nr. 4/2024 von Solidarité sans frontières, verfasst von Sophie Guignard, der politischen Sekretärin von Sosf. Das Sosf-«Bulletin» (SozArch D 6396) liefert vierteljährlich fundiertes und aktuelles Hintergrundwissen zur schweizerischen und europäischen Migrationspolitik, zum Asyl- und Ausländerrecht und zu dessen Anwendung und Umsetzung in der Praxis.

Plakat zur Abstimmung vom 4.12.1977 über die Eidgenössische Volksinitiative der SP «zur Steuerharmonisierung, zur stärkeren Besteuerung des Reichtums und zur Entlastung der unteren Einkommen (Reichtumssteuer-Initiative)», die mit 44.36% Ja-Stimmen abgelehnt wurde (Urheber: Bernard Schlup/SozArch F Pc-0135/Ausschnitt)
Plakat zur Abstimmung vom 4.12.1977 über die Eidgenössische Volksinitiative der SP «zur Steuerharmonisierung, zur stärkeren Besteuerung des Reichtums und zur Entlastung der unteren Einkommen (Reichtumssteuer-Initiative)», die mit 44.36% Ja-Stimmen abgelehnt wurde (Urheber: Bernard Schlup/SozArch F Pc-0135/Ausschnitt)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Ingrid Robeyns: Limitarismus. Warum Reichtum begrenzt werden muss. Frankfurt am Main, 2024

Die Ethikerin Ingrid Robeyns vertritt mit ihrem Konzept des «Limitarismus» den gut begründeten Anspruch, dass es eine Obergrenze des Reichtums für Einzelpersonen geben bzw. dass die Ungleichheit (= der Abstand zwischen Arm und Reich) begrenzt sein sollte. Niemand der Superreichen hat es «verdient», umgerechnet einen lebenslangen Lohn von 40’000 Dollar und mehr pro Stunde (!) zu verdienen. Extremen Reichtum infrage zu stellen, hat dabei nichts mit Neid zu tun, sondern mit einem Sinn für Gerechtigkeit.
Bei der Umsetzung in die Praxis stehen an erster Stelle strukturelle Massnahmen, welche die Ungleichheit eindämmen und die Chancengleichheit erhöhen. Als zweite Strategie dienen fiskalische Instrumente wie höhere und stärker progressive Vermögenssteuern. Doch erst ein allgemeines «ethisches Handeln» als dritte Komponente macht den Limitarismus komplett. Denn die Politik, die stark vom Lobbyismus der Superreichen beeinflusst wird, agiert nur zaghaft in die angezeigten Richtungen. Viele Menschen sehen aber sehr wohl die Gefahren, welche für Gesellschaft und Demokratie mit dem extremen Reichtum Einzelner verbunden sind, und die ökologischen Schäden, die dieser anrichtet.
Als Schwellenwert des Reichtums schlägt die Autorin eine doppelte Grenze vor: eine obere, politisch gesetzte, mit den oben erwähnten Massnahmen herbeigeführte und eine untere, persönliche, ethisch motivierte. In persönlichen Gesprächen mit Superreichen stellte Robeyns nämlich fest, dass zwar eine Mehrheit von ihnen das Thema vermeidet, eine Minderheit jedoch durchaus limitaristische Ansichten teilt, obwohl sie davon selber «negativ» betroffen wäre. Daran gilt es anzuknüpfen!

Stefan Berger/Christian Koller (Hg.): Memory and Social Movements in Modern and Contemporary History. Remembering Past Struggles and Resourcing Protest. Cham, 2024

Soziale Bewegungen beziehen sich in ihren Forderungen und Argumenten stets auch auf vergangene Erfahrungen und sind ihrerseits Gegenstände kollektiver Erinnerungsprozesse. Diese komplexe Beziehung wird von den Forschungsfeldern der «Memory Studies» und «Social Movement Studies» erst in jüngster Zeit detaillierter diskutiert. Der Band «Memory and Social Movements in Modern and Contemporary History» versammelt die Beiträge einer gemeinsamen Tagung des Instituts für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum und des Schweizerischen Sozialarchivs. Sie loten ein breites thematisches und geografisches Feld aus.
Fallstudien befassen sich mit dem Zusammenspiel von Antisklaverei-Bewegung und frühem Feminismus im 19. Jahrhundert, Bauern- und Arbeiteraufständen in Polen um die Jahrhundertwende, Stadtbewegungen in der Bundesrepublik in den 70er/80er Jahren, tolstojanischen Friedensbewegungen in der Sowjetunion und Russland, der Memorialisierung von homosexuellen KZ-Opfern, ökologischen Bewegungen in Indien um die Jahrtausendwende, der Memorialisierung von Protesttoten in der schweizerischen Arbeiter:innenbewegung, historischen Analogien in den Diskursen der Bewegung gegen den Bosnienkrieg, der kolonialen Erinnerung im Generalstreik von Guadeloupe und Martinique von 2009 sowie der Geschichtspolitik rechtsradikaler Parteien in der Bundesrepublik von der 1952 verbotenen Sozialistischen Reichspartei bis zur AfD.

Samira Akbarian: Recht brechen. Eine Theorie des zivilen Ungehorsams. München, 2024

Die Rechtswissenschaftlerin Samira Akbarian hinterfragt in ihrem Buch die Auffassung, ziviler Ungehorsam schade der Demokratie und dem Rechtsstaat. Dazu untersucht sie verschiedene Formen des zivilen Ungehorsams von Sokrates über H.D. Thoreau, Rosa Parks und Martin Luther King bis Greta Thunberg und die Klimakleber:innen.
Ein wichtiger Aspekt des zivilen Ungehorsams ist für die Autorin die Gewaltlosigkeit der Aktivist:innen und das Einsetzen der eigenen Verletzlichkeit. Die Demonstrierenden stehen unbewaffnet vor einem Panzer, die Klimaaktivist:innen sitzen auf einer stark befahrenen Strasse oder versuchen das Abbaggern eines ganzen Dorfes durch Besetzung desselben zu verhindern und Rosa Parks setzte sich auf einen Platz im Bus, der nicht für sie gedacht war.
Samira Akbarian beleuchtet die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der aktivistischen Widerstandsformen und zeigt deren Potenzial für die Demokratie auf. Ziviler Ungehorsam wird von ihr als Protest, der von einer Richtigkeitsüberzeugung getragen wird und im Handeln mündet, definiert. In diesem Sinn weist er einen zivilen Charakter auf und sollte daher als Teil eines aktiven und lebendigen demokratischen Rechtsstaats begriffen werden. Mit ihrer Theorie entwickelt Akbarian ein Konzept, das demokratische Teilhabe durch ein inklusives und dynamisches Verfassungsverständnis fördert. Demokratie heisst auch die Möglichkeit zum Widerspruch und der Wunsch, in einer gerechten und guten Gesellschaft zu leben.

Luzia Tschirky: Live aus der Ukraine. Basel, 2024

«Vögel zwitschern vor meinem Hotel im Stadtzentrum von Kyjiw. Dazwischen aus der Ferne ein dumpfer Schall. Wumm. Wumm. Wumm.»
Der Beginn des Buches setzt direkt am 24. Februar 2022, am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine, ein. Die Journalistin war an diesem Tag selbst in Kiew unterwegs und kommentierte anschliessend laufend das Kriegsgeschehen.
Luzia Tschirky berichtete ab 2019 während fünf Jahren für das Schweizer Fernsehen SRF aus Russland, der Ukraine, Belarus und dem Kaukasus. In dem Buch gibt sie Einblick in ihre Zeit als Korrespondentin. Sie erzählt von der Repression, welche sie in Russland vor dem Krieg erlebt hatte, und schildert eindrücklich ihre persönlichen Erfahrungen während dem Krieg. So bekommen die Lesenden auch den ersten Tag des russischen Grossangriffs hautnah mit und verstehen, warum die Autorin diesen als Zeitenwende empfand. Tschirky schreibt mitfühlend und authentisch von ihren Begegnungen mit Menschen im Kriegsgebiet der Ukraine und bringt den Lesenden so die Lebensrealität der Kriegsbetroffenen näher. Sie stellt die Menschen in den Mittelpunkt und dokumentiert anschaulich, was die erlittene Gewalt für diese bedeutet.

Harald Meller, Kai Michel und Carel van Schaik: Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte. München, 2024

Die Frage, ob Krieg dem Menschen angeboren oder kulturell erworben ist, wird seit Langem diskutiert. Das Autorenteam aus einem Evolutionsbiologen, einem Archäologen und einem Historiker verortet sich auf der kulturalistischen Seite und lehnt simple biologistische, aber auch ökonomistische Erklärungen ab. Den Hinweis auf «Kriege» zwischen Schimpansengruppen kontern sie mit dem Gegenbeispiel der Bonobo mit ihrer Soziabilität des «make love not war» sowie dem Fakt, dass für die ersten 95% der Menschheitsgeschichte keine archäologischen Hinweise auf kriegerische Gewalt vorliegen. Erst mit dem allmählichen Übergang zur Sesshaftigkeit finden sich auf Gewalteinwirkung hindeutende Skelette, eindeutig dem Krieg und nicht der Jagd dienende Waffen sowie Befestigungsbauten. Jungsteinzeitliche Funde zeigen eigentliche Massaker. Die Herausbildung von Staatlichkeit mit autokratischer, religiös legitimierter Herrschaft, ungleicher Gesellschaft und verstärkt asymmetrischer Geschlechterordnung führte dann zur Entstehung organisierter Armeen und zum «Krieg als Lebensprinzip». Daran hat sich trotz steter Weiterentwicklung der Waffentechnologie in den letzten 5’000 Jahren nicht viel geändert. Die Reflexion über Einhegungen der «Bestie Krieg» habe in den letzten Jahrhunderten aber zugenommen und in Teilen der Welt zu kriegsvermindernden Praktiken und Strukturen wie Demokratie, Geschlechtergleichberechtigung und überstaatlichen Organisationen geführt, so das verhalten optimistische, ein kulturelles «Verlernen» des Krieges nicht ausschliessende Fazit der Autoren.

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl):

  • Philip Dwyer und Joy Damousi (Hg.): The Cambridge world history of violence. 4 Bde. Cambridge 2020, 153010
  • Daniel Gerster et al. (Hg.): Historische Friedens- und Konfliktforschung. Die Quadratur des Kreises? Frankfurt 2023, 151640
  • Christian Koller: Krieg und Frieden in der Geschichtswissenschaft. Neuere Perspektiven und Ansätze der Militär- und Gewaltgeschichte und der Historischen Friedensforschung, in: conexus 7 (2024). S. 8–28. URL: https://www.hope.uzh.ch/conexus/article/view/8798/7274
  • Karl Heinz Metz: Geschichte der Gewalt. Krieg, Revolution, Terror. Darmstadt 2010, 123513
  • Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Frankfurt 2011, 128206

Michael Fischer: Atomfieber. Eine Geschichte der Atomenergie in der Schweiz. Baden, 2019

Die Debatte um die Atomenergie erlebt zurzeit in der Schweiz ein Revival. Zur historischen Einordnung bietet Michael Fischers Buch einen hervorragenden Einstieg. Den Auftakt machten ab 1945 Pläne für eine eigene Atombewaffnung, die ab den späten 50er Jahren zur ersten Antiatombewegung führten. Spätestens mit der Unterzeichnung des Atomsperrvertrags 1969 wurden diese Pläne Makulatur. Nun rückte die zivile Nutzung der Atomenergie ins Blickfeld. 1955 gründeten in Würenlingen 125 Firmen die vom Bund stark subventionierte Reaktor AG, die zwei Forschungsreaktoren testete. 1968 nahm in Lucens ein Versuchsreaktor den Betrieb auf, der aber schon nach wenigen Monaten durch eine Kernschmelze zerstört wurde. 1969 ging das AKW Beznau I ans Netz, es folgten Beznau II (1972), Mühleberg (1972), Gösgen (1979) und Leibstadt (1984). In den frühen 70er Jahren formierte sich eine neue Antiatombewegung, die ihren Höhepunkt in den Auseinandersetzungen um das geplante AKW Kaiseraugst erreichte. Im Nachgang zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986) hiessen Volk und Stände 1990 die Initiative für ein zehnjähriges AKW-Bau-Moratorium gut. 2011 entschied sich dann der Bundesrat angesichts der Katastrophe von Fukushima für den langfristigen Atomausstieg, der 2017 mit dem Ja zur «Energiestrategie 2050» vom Volk unterstützt wurde. Als letztes Thema behandelt Fischer das «Strahlende Erbe», die anhaltenden Kontroversen um die Endlagerung der radioaktiven Abfälle.

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl):

  • Marcos Buser: Wohin mit dem Atommüll? Das nukleare Abenteuer und seine Folgen. Ein Tatsachenbericht. Zürich 2019, 141216
  • Monika Gisler: Erzählte Physik. Paul Scherrer und die Anfänge der Kernforschung. Zürich 2023, Gr 15585
  • Patrick Kupper: Atomenergie und gespaltene Gesellschaft. Die Geschichte des gescheiterten Projektes Kernkraftwerk Kaiseraugst. Zürich 2003, 111271
  • Sibylle Marti: Strahlen im Kalten Krieg. Nuklearer Alltag und atomarer Notfall in der Schweiz. Paderborn 2021, 144846
  • Albert Ulrich und René Baumann: Zur Frage der Atombewaffnung der Schweizer Armee in den fünfziger und sechziger Jahren. Zürich 1997, Gr 9275
  • Tobias Wildi: Der Traum vom eigenen Reaktor. Die schweizerische Atomtechnologieentwicklung 1945–1969. Zürich 2003, 111207
  • Reto Wollenmann: Atomwaffe und Atomsperrvertrag. Die Schweiz auf dem Weg von der nuklearen Option zum Nonproliferationsvertrag (1958–1969). Zürich 2004, 117115
Porträt von James Baldwin auf einem Fensterladen des Chalets Burg Hüsli, wo Baldwin Gast gewesen war, geschaffen von der Schweizer Künstlerin Sasha Huber (2018)
Porträt von James Baldwin auf einem Fensterladen des Chalets Burg Hüsli, wo Baldwin Gast gewesen war, geschaffen von der Schweizer Künstlerin Sasha Huber (2018)

Buchempfehlungen der Bibliothek

James Baldwin, Teju Cole: Fremder im Dorf / Schwarzer Körper. Zürich, 2024

In den frühen 1950er Jahren besuchte James Baldwin dreimal Leukerbad, ein Dorf in den Walliser Alpen mit damals ca. 600 Einwohner:innen. Auf Einladung seines Partners, des Schweizer Malers Lucien Harppersberger, den er in Paris kennengelernt hatte, wohnte er in einem kleinen Chalet der Familie. Dort beendete er seinen Roman «Go tell it on the Mountain» und schrieb den Essay «Fremder im Dorf» für das Harpers‘ Magazine. Baldwin reflektiert darin seine Erfahrungen in Leukerbad und vergleicht den Rassismus, den er hier als erster Schwarzer im Dorf antrifft, mit dem Rassismus, den er in den USA und Frankreich erlebt hat. Baldwin beschreibt eindrücklich, wie ihm die Dorfgesellschaft begegnet: Im einzigen Restaurant tanzt er mit Einheimischen, die Kinder fragen sich, ob er wohl abfärbe, in der Kirche wird Geld gesammelt, um das Seelenheil der Menschen in Afrika zu retten, und die Leukerbadner möchten ihm das Skifahren beibringen.
Sechzig Jahre später begibt sich Teju Cole auf Baldwins Spuren nach Leukerbad. Sind die älteren Menschen, denen er auf der Strasse begegnet, die Kinder von damals? In «Schwarzer Körper» tritt Cole mit Baldwin in einen Dialog. Cole ist nicht mehr der einzige Fremde, der einzige Schwarze im Dorf, jedoch empfindet er die gleiche Wut über den Rassismus wie Baldwin.
James Baldwin kehrte 1962 für den (sehr sehenswerten) Dokumentarfilm «Un étranger au village» von Pierre Koralnik noch einmal nach Leukerbad zurück. Am 2. August 2024 wäre er hundert Jahre alt geworden.

Weitere Literatur von und über James Baldwin in der Bibliothek des Sozialarchivs (Auswahl):

  • Céline Eidenbenz (Hg.): Stranger in the Village. Rassismus im Spiegel von James Baldwin = le racisme au miroir de James Baldwin. Aarau, Zürich, 2023 (Signatur 151578)
  • René Aguigah: James Baldwin. Der Zeuge. Ein Porträt. München, 2024 (Signatur 152764)
  • James Baldwin: Hundert Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung oder The Fire Next Time. Eine Warnung an die Weissen. Hamburg, 1964 (Signatur 33375)
  • François Bondy: Gespräche mit James Baldwin, Carl J. Burckhardt, Mary McCarthy, E. M. Cioran, Witold Gombrowicz, Eugène Ionesco, Karl Jaspers, Hans Mayer, Slawomir Mrozek, Nathalie Sarraute, Ignazio Silone, Jean Starobinski. Wien, 1972 (Signatur 48787)
  • James Baldwin: Nobody Knows My Name. More Notes of a Native Son. New York, 1961 (Signatur 44515)
  • James Baldwin: Eine andere Welt. Roman. Hamburg, 1965 (Signatur 45165)
  • James Baldwin: Schwarz und Weiss. Oder was es heisst, ein Amerikaner zu sein. 11 Essays. Reinbek, 1963 (Signatur 29882)

Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History. Hartnäckige Mythen aus der Geschichte. 101 Dinge, die so nie passiert sind, aber alle für wahr halten. München, 2023

Napoleon Bonaparte war ein kleingewachsener Mann? Die Schnabelmasken der Pestdoktoren stammen aus dem Mittelalter? Thomas Edison hat die Glühbirne erfunden? – Das stimmt «leider» alles nicht, haben Sie, liebe Leser:innen, aber bestimmt schon so gehört. Und möglicherweise auch 98 weitere regelmässig kolportierte Anekdoten, die Ihnen die niederländische Historikerin Jo Hedwig Teeuwisse in ihrem neuen Buch präsentiert. Teeuwisse bezeichnet sich selber als «Fake History Hunter» und meint damit Folgendes: «Fake History hat viel mit Fake News gemein, nur dass die News hier ziemlich alt sind.»
Die Beispiele findet Teeuwisse im Internet, sie recherchiert stundenlang nach Hinweisen und findet dabei viele harmlose oder skurrile Falschheiten («Das allererste Katzenfoto stammt von 1880»), entlarvt aber auch beispielsweise diskriminierende Mythen («Die ersten Frauen in kurzen Hosen provozierten einen Autounfall»). Das unterhaltsame Buch streift alle möglichen Epochen und die unterschiedlichsten Orte dieser Welt. Und abschliessend erklärt die Autorin in einem Nachwort, wie man «Fake History» selber auf die Spur kommen kann.
Übrigens: Napoleon Bonaparte war für seine Zeit ein durchschnittlich grosser Mann, aber er wurde von britischen Karikaturisten oft als kleiner Mann gezeichnet (S. 137). Thomas Edison hat die Glühbirne nicht erfunden, sondern baute auf den Entwicklungen verschiedener anderer Akteure auf. Im 19. Jahrhundert tüftelten mindestens zwanzig Personen an funktionierenden Glühlampen herum. Immerhin: Edison vermochte verschiedene Bausteine miteinander zu kombinieren und lieferte schliesslich das Endprodukt (S. 129). Die Schnabelmaske hat es zwar gegeben, sie stammt aber nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem 17. Jahrhundert: Einen ersten Hinweis darauf findet sich in einem Bericht zum Pestausbruch in Paris 1618/19 (S. 91).

Ueli Mäder: Mein Bruder Marco. Eine Annäherung. Zürich, 2024

«Lieber Marco. Du verfehltest deinen 66. Geburtstag nur knapp. Wer hätte das gedacht. Du wurdest trotz ruinösem Lebenswandel ziemlich alt. Und starbst doch viel zu früh.» Mit diesen Worten beginnt Ueli Mäder einen rund zweihundertseitigen Brief an seinen Bruder Marco, der nach langer Alkoholsucht vor rund zehn Jahren gestorben ist. Der Autor schildert in seinem Buch das Leben eines Getriebenen, der aber trotz aller Tragik ein vielfältiges und geselliges Leben führte. Es ist die Biografie eines Menschen, der im Zeitgeist der 1968er-Generation in das Erwachsenenalter eintrat, eines sozial engagierten Viellesers, der schliesslich zwar «kein ehrwürdiger Herr Bundesrat […], sondern eher ein origineller Dorfindianer» geworden ist.
Ueli Mäder ist Soziologe und verknüpft wohl nicht zuletzt deshalb die Lebensstationen von Marco mit den Weltereignissen und dem sozialen Wandel der Zeit. Welche gesellschaftlichen Umstände, unter denen sein Bruder häufig litt, prägten dessen Weg? Wie konnte dieses an Möglichkeiten so reiche Leben so destruktiv zu Ende gehen? Was machen wir aus dem, was unsere Umwelt mit uns macht? Und inwiefern dokumentieren sich im Biografischen auch soziale Kontexte? «Wir Menschen sind eben Kinder unserer Zeit», so formuliert es Ueli Mäder an einer Stelle, worauf der Bruder antwortet: «Aber das rechtfertigt nichts.»

Frank-Walter Steinmeier: Wir. Berlin, 2024

Anlässlich der beiden Jubiläen – 75 Jahre deutsches Grundgesetz, 35 Jahre Friedliche Revolution – richtet sich der Bundespräsident mit einer Standortbestimmung, die im Erinnern an die deutsche Geschichte den Mut, nach vorne zu schauen, sucht, auf 142 Seiten an seine Mitbürger:innen. Die prospektiv angelegte Zeitdiagnose ist aber auch für Nicht-Deutsche lesenswert.
Wenn Steinmeier die multiplen Krisen und epochalen Herausforderungen unserer Zeit beleuchtet, berücksichtigt er auch die Perspektive der davon unterschiedlich betroffenen Menschen. In den Chor derer, welche die deutsche Gesellschaft als zersplittert und polarisiert beschreiben, stimmt er nicht ein. Vielmehr sieht er die Diversität der Biografien im «Land mit Migrationshintergrund» (S. 136) als Basis für eine plurale deutsche Republik, wo Zusammenhalt nicht durch Nationalismus, sondern durch Kooperation und demokratische Praxis entsteht.
Deutschland muss nicht nur eine gigantische ökologisch-ökonomische Transformation bewältigen, sondern auch «eine Gesellschaft einen, die durch viele Herkünfte und Identitäten geprägt ist» (S. 124). Steinmeier will seine Landsleute angesichts dieser kolossalen Aufgaben dazu ermutigen, «politikfähig» zu werden, statt nur «Objekt der Verhältnisse zu sein» (S. 115) – konkret: an demokratischen Institutionen zu partizipieren und sich in Parteien und sozialen Verbänden zu engagieren, um gemeinsam «politische Handlungskraft» zurückzugewinnen (S. 117).

Florian Bieber: Pulverfass Balkan. Wie Diktaturen Einfluss in Europa nehmen. Berlin, 2023

Der Westen ist auf dem (West-)Balkan gescheitert. Dies ist das Fazit des Politologen Florian Bieber. Weil es vor allem der EU nicht gelungen ist, den Westbalkan in ihre Strukturen zu integrieren, gerieten die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens in den Zustand des «State Capture». Mit diesem Begriff ist mehr als schlichte Korruption gemeint. Er steht für einen Sachverhalt, in dem der gesamte Staatsapparat von einzelnen Parteien und Individuen kontrolliert und systematisch für deren eigene Zwecke missbraucht und ausgeblutet wird. Die auf diese Weise gekaperten Staaten bilden ein bequemes Einfallstor für Länder, die Bieber als die «Illiberale Internationale» bezeichnet: Russland, China, Türkei sowie die Arabischen Emirate zusammen mit Saudi-Arabien.
Anhand von Fallbeispielen rekonstruiert Bieber die Einflussnahmen der «Illiberalen Internationale». Darunter zu finden sind äusserst fragwürdige Infrastrukturprojekte wie Autobahnen ins Nirgendwo, Slapstick-reife Putschversuche, persönliche Beziehungen der Autokraten untereinander oder kulturelle Erzeugnisse mit propagandistisch-populistischen Inhalten. So profitieren die lokalen fragilen Autokratien von ihren internationalen und mächtigeren Pendants. Dies zu Schaden der Bewohner:innen des Westbalkans und der Stabilität Gesamteuropas.
Biebers allgemeines Fazit fällt etwas schwachbrüstig aus, doch sind seine Darstellungen der verschiedenen Verstrickungen fesselnd und aufschlussreich. Damit stellt sein Buch eine wertvolle Analyse der Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre auf dem Westbalkan dar und einen konzisen Überblick zur aktuellen Sachlage, die leider nicht sehr ermutigend ist.

Sofi Oksanen: Putins Krieg gegen die Frauen. Köln, 2024

Der 300-seitige Essay der finnisch-estnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen analysiert Dimensionen und Funktionen der Frauenfeindschaft im Putin-Regime. Aus estnischer Sicht, so Oksanen, wirke der Ukrainekrieg, «als würde der Replay-Knopf ständig gedrückt gehalten, denn Russland folgt dem gleichen Handbuch wie in seinen früheren Eroberungskriegen». Neben Zerstörung, Propagandalügen und Deportationen gehöre dazu der Einsatz sexueller Gewalt. Oksanen stellt dabei den Bezug zu ihrer Familiengeschichte her: Ihre Grosstante wurde bei der sowjetischen Invasion im Zweiten Weltkrieg beim Verhör durch Rotarmisten vergewaltigt und blieb danach zeitlebens stumm. Anhand des Krieges gegen die Ukraine rekonstruiert Oksanen die physischen, psychischen und symbolischen Dimensionen sexueller Gewalt als Werkzeug kolonialer Expansion und Machtausübung. Zugleich analysiert sie die wichtige Rolle von Sexismus und Homophobie für die autokratische Herrschaft in Russland mit dem machistischen Personenkult um den Präsidenten, Desinformationskampagnen, deren antiwestliches Narrativ sich auch auf Frauenrechte bezieht, und Kontinuitäten aus dem Sowjetregime in Herrschaftssprache und Feindbildern. Im Kontrast dazu steht etwa der Aufstieg von Politikerinnen in Spitzenämter in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken und Ostblockstaaten. Oksanens Essay verwebt historisches Sachwissen, persönliche Erfahrungen und Gegenwartsanalyse zu einem scharfsinnigen, freilich deprimierenden Gesamtbild.

Weitere Literatur zum Thema in der Bibliothek des Sozialarchivs (Auswahl):

  • Stanislav Aseyev: Heller Weg. Geschichte eines Konzentrationslagers im Donbass 2017–2019. Stuttgart, 2021 (Signatur 148047)
  • Stanislaw Assejew: In der Isolation. Texte aus dem Donbass. Berlin, 2020 (Signatur 147698)
  • Kerstin Bischl: Frontbeziehungen. Geschlechterverhältnisse und Gewaltdynamiken in der Roten Armee 1941–1945. Hamburg, 2019 (Signatur 141219)
  • Susan Brownmiller: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft. Frankfurt, 1978 (Signatur 61374)
  • Sarah K. Danielsson (Hg.): War and sexual violence. New perspectives in a new era. Paderborn, 2019 (Signatur 143220)
  • Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. München, 2015 (Signatur 131520)
  • Dan Healey: Russian homophobia from Stalin to Sochi. London, 2018 (Signatur 146090)
  • Christina Lamb: Unsere Körper sind euer Schlachtfeld. Frauen, Krieg und Gewalt. München, 2020 (erwartet)
  • Pussy Riot: Ein Punkgebet für Freiheit. Hamburg, 2012 (Signatur 127892)
  • Martina Ritter (Hg): Zivilgesellschaft und Gender-Politik in Russland. Frankfurt, 2001 (Signatur 108114)
  • Alexandra Stiglmayer (Hg.): Massenvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen. Freiburg, 1993 (Signatur 95182)
  • Marcel H. van Herpen: Putin’s wars. The rise of Russia’s new imperialism. Lanham, 2015 (Signatur 136069)
  • Gaby Zipfel et al. (Hg.): Vor aller Augen. Sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten. Hamburg, 2021 (Signatur 147087)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Ute Mahler, Werner Mahler, Ludwig Schirmer; Jenny Erpenbeck, Anja Maier, Steffen Mau, Gary Van Zante: Ein Dorf, 1950-2022. Stuttgart, 2024

Filmische und fotografische Langzeitdokumentationen sind zugleich Momentaufnahmen als auch Zeugnisse der Spuren der Zeit. Für die ehemalige DDR waren bisher die Dokumentarfilmreihen «Wittstock» (1975-1997) von Volker Koepp über die Veränderungen im Leben von drei Arbeiterinnen der dortigen Textilindustrie oder «Die Kinder von Golzow» (1961-2007) über die unterschiedlichen Lebensläufe von achtzehn ehemaligen Schüler:innen einer Landschulklasse in Brandenburg zu nennen.
Ein sehr spezielles Langzeitfotoprojekt gesellt sich mit dem vorliegenden, vollendet konzipierten und gestalteten Bildband über das thüringische Dorf Berka hinzu. Speziell, weil hier drei unterschiedliche Fotograf:innen aus zwei verschiedenen Generationen am Werk waren, die aber untereinander familiär und selber biografisch mit dem Dorf Berka verbunden sind. Ihre Fotografien aus den 1950er Jahren, von 1977/78, 1998 und 2021/22 bestehen in ihrer künstlerischen Bildsprache je für sich, ergeben in ihrer Gesamtheit jedoch zusätzlich eine einmalig präzise «Anschauung» davon, was der «Wandel der Zeit», zumal mit einer Zäsur, wie sie Ostdeutschland 1989/90 erlebt hat, gesellschaftlich in einem Dorfleben anrichtet.
Die begleitenden Textbeiträge schmiegen sich wunderbar an das, was in den Fotos bereits da ist: Sie reflektieren das in den Fotos sichtbar Konkrete, ohne es intellektuell zu überblenden. Während der Soziologe Steffen Mau die Fotochronik aus dorfsoziologischer Perspektive liest, lässt sich die Autorin Jenny Erpenbeck auf das fotografisch ermöglichte Erinnern ein und streut in ihren literarischen Text mündliche Kommentarsplitter aus den Dialogen ein, welche die Berk’schen beim gemeinsamen Ansehen der Fotos von ihrem Dorf geführt haben.

Bruno Meier, Denise Schmid: 25 x die Schweiz. Eine Zeitreise. Zürich, 2024

Der Buchverlag «Hier und Jetzt» feiert sein 25-Jahr-Jubiläum – natürlich mit einem Buch. Seit der Gründung des Verlags verfolgen die Verleger:innen die Idee, Bücher herauszugeben, welche historische Inhalte einem breiten Publikum zugänglich machen und dabei einen hohen gestalterischen Anspruch erfüllen. Lokal verwurzelt und politisch unabhängig will der Verlag einen Beitrag an eine vielfältige, weltoffene Schweiz leisten und hat so im wahrsten Sinn des Wortes ein Stück Schweizer Geschichte geschrieben.
In 25 Essays zeigen Denise Schmid und Bruno Meier die Themenvielfalt des Verlagsprogramms auf, welches mittlerweile 700 Titel zählt. Dabei bedienen sie nicht die immer gleichen Mythen und Klischees über die Schweiz, sondern legen ihr Augenmerk auf Besonderheiten, welche die Schweiz ausmachen. So erzählen die unterhaltsamen Artikel beispielsweise, wie sich das Birchermüesli international durchsetzen konnte, wie man in der Schweiz stirbt oder über den jahrzehntelangen «Chrampf» um die Gleichstellung der Frauen. Am Ende jedes Essays ist vermerkt, welche Bücher zum Thema bei «Hier und Jetzt» erschienen sind.
Der Grossteil der Titel ist im Bestand des Sozialarchivs auffind- und via swisscovery bestellbar.

Franz Mauelshagen: Geschichte des Klimas. Von der Steinzeit bis zur Gegenwart. München, 2023

Das Buch des Bielefelder (ehemals Zürcher) Historikers Franz Mauelshagen gibt auf 120 Seiten einen gut lesbaren Überblick über 15’000 Jahre Mensch-Klima-Beziehungen. Mit dem Übergang ins Erdzeitalter des Holozäns vor 11’700 Jahren begann eine bis heute anhaltende Warmzeit. Periodische Vereisungen weiter Teile Europas wie zuvor im Pleistozän gab es nicht mehr. Dies ermöglichte die jungsteinzeitliche Etablierung der Landwirtschaft als grösste gesellschaftliche Umwälzung der Menschheitsgeschichte. Kleinere Klimaschwankungen, die weiterhin vorkamen, hatten aber oft gravierende Konsequenzen und werden als Ursachen für den Kollaps verschiedener Kulturen diskutiert. Auch die ersten zwei nachchristlichen Jahrtausende waren von solchen Schwankungen geprägt: Auf das «römische Optimum» folgten die «spätantike kleine Eiszeit», die «mittelalterliche Klimaanomalie» und die «kleine Eiszeit» von 1450 bis 1850.
Mit der Industrialisierung wurde die Mensch-Klima-Beziehung komplexer. Die Menschheit muss seither nicht mehr nur auf Klimaschwankungen reagieren, sondern ist durch den Ausstoss von Kohlendioxid infolge der massiven Expansion fossiler Energienutzung selber zu deren wichtigstem Treiber geworden. Die entsprechende Erderwärmung begann um 1900, stagnierte dann von 1945 bis 1975 und setzt sich seither beschleunigt fort. Wie das Buch verdeutlicht, unterscheidet sie sich in ihrem Ausmass wie auch in ihrer Geschwindigkeit dramatisch von den Klimaschwankungen der vorangegangenen Jahrtausende.

Nikolaj Schultz: Landkrank. Ein Essay. Berlin, 2024

Der «ethnografiktive» Essay kombiniert persönliche Erzählung mit philosophischer Reflexion. Dass Schultz ein enger Mitarbeiter von Bruno Latour war, merkt man an den philosophischen und soziologischen Referenzen, aber auch daran, dass der Text manchmal nur knapp am intellektuellen Kitsch vorbeischrammt. Das Vorwort der deutschen Ausgabe schrieb die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, das Nachwort Dipesh Chakrabarty.
Der Plot: Der Erzähler flieht vor der ihn physisch und mental niederdrückenden Pariser Hitze auf eine Insel. Vergeblich. Wegen des Klimawandels und wegen des Massentourismus wird auf Porquerolles das Trinkwasser knapp; der Boden, auf und von dem die Einheimischen leben, verschwindet sukzessive im Meer. Allegorische Segelschifffahrt zurück aufs Festland.
Schlaflos in Paris: «Während mein Körper mit den Bettlaken kämpft, wird mir klar, dass meine Zukunft in der Vergangenheit meiner Grossmutter begraben ist. Die räumliche Trennung zwischen der Welt, in der man lebt, und der Welt, von der man lebt, war stets verbunden mit einer zeitlichen Trennung zwischen der Zeit, in der man lebt, und der Zeit, von der man lebt.» (S. 29) In solchen Passagen konvergiert körperlich erfahrene Betroffenheit mit abstrakten Konzepten wie der Klimagerechtigkeit, wobei sich der privilegierte westeuropäische Intellektuelle eingestehen muss: «Das Problem bin ich.» (S. 20)
Einsichten auf der Insel: Menschliche Subjekte hinterlassen Spuren, die für andere biologische und geologische Entitäten existenzielle Konsequenzen haben. Der Mensch interagiert permanent und unausweichlich mit anderen «terrestrischen Agenzien» (S. 60). Der aufklärerische Mythos vom autonomen Individuum hat in der Ära des Anthropozäns ausgedient.

Morena Pedruzzi : Risollevarsi. La mia vita dopo un attentato terroristico. Bellinzona, 2021

Il 28 aprile, alle 10.30, una bomba è esplosa nel Café Argana, nel centro di Marrakech (Marocco). Il sanguinoso bilancio: 17 morti e 30 feriti. Tra le vittime ci sono quattro ticinesi. Tre di loro sono morti. Corrado Mondada († 27) e André da Silva († 23) sono morti sul posto. Cristina Caccia († 25) ha ceduto alle ferite il 6 maggio. Solo Morena Pedruzzi (26 anni) è sopravvissuta.
I piedi di Morena sono stati strappati nell’attacco di Al-Qaeda. Le schegge di bomba nel suo corpo hanno causato pericolose infezioni. La 26enne ha trascorso un lungo periodo in terapia intensiva del reparto ustioni dell’Ospedale Universitario di Zurigo e in riabilitazione presso la Clinica Balgrist a Zurigo. Dopo ben tre mesi, poté tornare a casa dalla sua famiglia in Ticino. Dieci anni dopo, ha scritto questo libro sull’attentato, che divide la sua vita in un prima e un dopo.
Descrive vividamente i giorni spensierati in Marocco, la bomba che ha sconvolto la sua vita come un fulmine, il lungo percorso di recupero, la vita con le ferite fisiche ed emotive, il suo ritorno al lavoro come ergoterapista pediatrica. Una donna eritrea le parla della sua infermità e le dice che è abituata alle persone disabili. Fa parte della vita quotidiana del suo Paese.
Una storia toccante che purtroppo è disponibile solo in italiano.

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Wieder aufstehen. Mein Leben nach einem terroristischen Attentat

Am 28. April um 10.30 Uhr explodierte im Café Argana im Zentrum von Marrakesch (Marokko) eine Bombe. Die blutige Bilanz: 17 Tote und 30 Verletzte. Unter den Opfern vier Tessiner:innen. Drei von ihnen starben. Corrado Mondada († 27) und André da Silva († 23) sind vor Ort gestorben. Cristina Caccia († 25) ist ihren Verletzungen am 6. Mai erlegen. Nur Morena Pedruzzi (26) überlebte.
Morenas Füsse wurden beim al-Qaida-Attentat zerfetzt. Bombensplitter in ihrem Körper lösten gefährliche Infektionen aus. Die 26-Jährige verbrachte längere Zeit auf der Intensivstation der Verbrennungsabteilung des Unispitals Zürich und in der Reha in der Balgrist-Klinik in Zürich. Nach gut drei Monaten konnte sie nach Hause zu ihrer Familie ins Tessin. Zehn Jahre später schreibt sie dieses Buch über das Attentat, das ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher teilt.
Eindrücklich beschreibt sie die unbeschwerten Tage in Marokko, die Bombe, die wie ein Donnerschlag ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellt, ihren langen Weg zur Genesung, ihr Leben mit den körperlichen und seelischen Wunden, ihr Weg zurück zur Arbeit als Ergotherapeutin mit Kindern. Eine Eritreerin spricht sie auf ihr Gebrechen an und sagt ihr, dass sie an versehrte Menschen gewohnt ist. In ihrem Land gehört dies zum Alltag.
Ein berührender Bericht, den es leider nur auf Italienisch gibt.

Luna Wedler als Sophie Scholl auf Instagram (Foto: Bayerischer Rundfunk)
Luna Wedler als Sophie Scholl auf Instagram (Foto: Bayerischer Rundfunk)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Mia Berg, Christian Kuchler (Hrsg.): @ichbinsophiescholl. Darstellung und Diskussion von Geschichte in Social Media. Göttingen, 2023

Der 100. Geburtstag von Sophie Scholl am 9. Mai 2021 wurde vom Südwestrundfunk (SWR) und vom Bayerischen Rundfunk (BR) zum Anlass genommen, eine Instagram-Story mit dem Titel «@ichbinsophiescholl» zu entwickeln, welche die letzten zehn Lebensmonate der Widerstandskämpferin darstellen sollten. Das Projekt stiess auf enorme Resonanz und erreichte in drei Wochen 6,4 Millionen Nutzer:innen, die etwa 1,25 Millionen Interaktionen auslösten. Trotz dieses grossen Erfolgs rief das Unterfangen nicht nur positive Reaktionen hervor, sondern sorgte in geschichtspädagogischer Hinsicht auch für kontroverse Diskussionen. Der vorliegende Band beleuchtet diese spannende Auseinandersetzung in verschiedenen Beiträgen von Historikerinnen, Geschichtspädagogen, Journalistinnen und Social-Media-Experten.
Medienproduzent:innen kämpfen um das junge Publikum. Beim besagten Projekt «@ichbinsophiescholl» wird die prominente und zugleich populäre historische Figur Sophie Scholl dazu benutzt, ein Massenpublikum anzulocken und möglichst hohe Klickzahlen zu erzielen. Inwiefern dabei eine tiefere Auseinandersetzung mit Scholls Schicksal und dem Holocaust stattfindet und junge Menschen für Geschichte interessiert werden können, sind die zentralen, herausfordernden Fragen. So kam etwa eine Befragung zum Schluss, dass Schüler:innen zwischen 12 und 19 Jahren «@ichbinsophiescholl» kaum zur Kenntnis genommen hatten. Zum Erfolg des Projekts trug hauptsächlich die nächstältere Zielgruppe der 20- bis 35-Jährigen bei. Nichtsdestotrotz werden sich Geschichtslehrer:innen zukünftig mit der Darstellung von Geschichte im Social-Media-Format beschäftigen müssen. Das vorliegende Buch zeigt die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen an einem der erfolgreichsten Produkte der «Public History» auf.

Kai Bird, Martin J. Sherwin: Robert Oppenheimer. Die Biographie. Berlin, 2009

J. Robert Oppenheimer (1904-1967) war Physiker und leitete das streng geheime Manhattan-Projekt in der Wüste von New Mexico, wo am 16. Juli 1945 die erste Atombombe gezündet wurde. Nur einen Monat nach dem Test starben in Hiroshima und Nagasaki mehr als 200’000 Menschen durch die neue «Wunderwaffe» – die Menschheit war ins Atomzeitalter eingetreten.
Über dreissig Jahre hinweg haben die beiden Autoren Interviews mit Angehörigen, Freund:innen und Kolleg:innen geführt, haben FBI-Akten gesichtet und Reden und Verhöre Oppenheimers ausgewertet. Auf dieser Basis gelingt es ihnen, den Menschen Oppenheimer in den Kontext seiner Zeit zu rücken. Das Buch zeigt Oppenheimer in verschiedensten, zum Teil auch widersprüchlichen Facetten. Er war nicht nur Physiker, sondern beschäftigte sich auch mit dem alten Griechenland und interessierte sich für Philosophie und Sprachen. Nicht zu Unrecht wurde er auch als dichtender Wissenschaftler bezeichnet. Christopher Nolans Film «Oppenheimer» (2023) beruht auf dieser Biografie.
Oppenheimers linksliberaler Bekanntenkreis wurde ihm in der McCarthy-Ära in den 1950er Jahren zum Verhängnis. Er fiel in Ungnade und musste deshalb den Staatsdienst nach unzähligen Anhörungen quittieren. Erst ein Jahrzehnt später wurde er für seine Arbeit im Manhattan-Projekt offiziell gewürdigt und rehabilitiert. In seiner späten Lebensphase wandte sich Oppenheimer entschieden gegen die Entwicklung von Wasserstoffbomben, denn er kam nach dem Atombombenabwurf zur persönlichen Überzeugung, dass jede wissenschaftliche Errungenschaft am Ende auch praktisch angewendet wird. Die Gefahr, die für die ganze Menschheit von Atombomben ausgeht, besteht immer noch, und sie ist seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs wieder grösser geworden.

Bestände im Sozialarchiv (Auswahl):

  • Der pensionierte ETH-Physiker Fernando Allidi hat dem Sozialarchiv im April 2018 rund 90 geschichtliche Darstellungen zum Thema «Atombombe» übergeben, darunter auch Werke neueren Erscheinungsdatums. Zu finden sind sie auf swisscovery mit dem Code «E19Atom».
  • ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges (PSR/IPPNW-Schweiz) (SozArch Ar 526)
  • Archiv der Zeitschrift «Opposition – lebendige Demokratie», 1962-1965 (Signatur N 2468). Herausgegeben wurde die Zeitschrift im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Jugend gegen atomare Aufrüstung (SozArch Ar 201.212).
  • Sachdossier zu Atomwaffen (Dossier 45.5)
  • Sachdossier zur Atombewaffnung der Schweiz (Dossier 45.5 *12)

Jörn Leonhard: Über Kriege und wie man sie beendet. Zehn Thesen. München, 2023

Das Buch des Freiburger Historikers Jörn Leonhard bietet, um es gleich vorwegzunehmen, keine einfachen Patentrezepte für die Beendigung aktueller Kriege. Es arbeitet aber aus der Kriegsgeschichte gewisse Muster der Transformation vom Krieg zum Frieden heraus. Zumeist verläuft diese verschlungen, wird von Verzögerungen und Rückschlägen unterbrochen. Waffenstillstand und eventuelle Unterzeichnung eines Friedensvertrags dürfen noch nicht mit Frieden verwechselt werden – oft sind sie nur eine Gefechtspause, bis sich eine Partei zur Wiederaufnahme der Kampfhandlungen in der Lage sieht. Der eigentliche Friedensprozess beginnt deshalb erst nach dem Waffenstillstand. Aber schon die ersten Friedenssondierungen und Signale von Kompromissbereitschaft unterliegen einer komplexen Psychologie, werden sie von der Gegenseite doch oft als Zeichen der Schwäche gewertet und mit einer Verstärkung kriegerischer Anstrengungen beantwortet. Die Erschöpfung verfügbarer Ressourcen bestimmt den Kippmoment von Kriegen, ruft aber nicht unbedingt entsprechende Einsichten bei den Entscheidungsträger:innen hervor. Vor dem Hintergrund dieser und weiterer Beobachtungen aus der Geschichte prognostiziert Leonhard keine einfache Beendigung des Krieges gegen die Ukraine – weder durch rasche Verhandlungen, die für die Entscheidungsträger:innen beider Seiten aus unterschiedlichen Gründen mit existentiellen Risiken behaftet sind, noch durch «Einfrieren» des Konflikts.

Weitere Literatur zum Thema:

  • Jost Dülffer: Frieden stiften. Deeskalations- und Friedenspolitik im 20. Jahrhundert. Hg. Marc Frey et al. Köln 2008 (Signatur 119005)
  • Jörg Fisch: Krieg und Frieden im Friedensvertrag. Eine universalgeschichtliche Studie über Grundlagen und Formelemente des Friedensschlusses. Stuttgart 1979 (Signatur 72987)
  • Oliver P. Richmond und Gëzim Visoka (Hg.): The Oxford handbook of peacebuilding, statebuilding, and peace formation. New York 2021 (Signatur Gr 15354)

Steffen Mau, Thomas Lux, Linus Westheuser: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin, 2023

Ist die heutige Gesellschaft tatsächlich so polarisiert, stehen sich in wichtigen Fragen unserer Zeit wirklich zwei unversöhnliche Lager gegenüber? Auch wenn der Gesellschaft der Gegenwart inflationär ihre Gespaltenheit diagnostiziert wird, heisst das nicht zwingend, dass sie generell konfliktiver geworden ist. Denn: «Konflikte werden gesellschaftlich hergestellt – sie werden entfacht, getriggert und angespitzt.»
Die Makrosoziologen der Berliner Humboldt-Universität vermessen die «zerklüftete Konfliktlandschaft» in der Bundesrepublik Deutschland genauer. In vier konkreten «Konfliktarenen der Ungleichheit» – Besitzverhältnisse; Migration; Diversität; Klimawandel – horchen sie mit empirischen Instrumenten die Einstellungen in der Bevölkerung ab. Fazit: In Grundfragen herrscht erstaunlich oft Konsens und die Meinungen driften nur in Teilaspekten stark auseinander. Erst wenn es um bestimmte affektive «Triggerpunkte» geht, bilden sich «eskalatorische Dynamiken» und in der kontroversen Debatte harte antagonistische Fronten. Die Gleichstellung wird nicht infrage gestellt, das Gendersternchen aber sehr wohl; Umweltschutz wird befürwortet, erst bei der Frage, wer die Kosten dafür tragen soll, tun sich Gräben auf.
Die Autoren interessiert überdies die Frage, «ob sich moderne Ungleichheitskonflikte als Klassenkonflikte verstehen lassen» und wie sozialstrukturelle Kontexte mit «Formen affektiver Polarisierung» zusammenhängen.

Patrick Oberholzer: Games. Auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan. Bielefeld, 11/2023

Flucht und Immigration sind in den europäischen Ländern seit den 1990er Jahren zusehends zu innenpolitischen Kampfzonen verkommen. Dass wir heute von «Asylanten» statt von Flüchtlingen reden, ist Symptom einer moralischen Verrohung in unserem Umgang mit Menschen, die sich aus einer existenziellen Notsituation heraus dazu entschlossen haben, ihre Heimat zu verlassen.
Patrick Oberholzers dokumentarische Graphic Novel mit fünf realen Fluchtgeschichten junger Menschen aus Afghanistan leistet deshalb einen wichtigen, niederschwelligen Beitrag für unser Verständnis von Flucht, indem wir ganz bildhaft und konkret erfahren, weshalb Afghan:innen aus ihrem Land fliehen, wie sie die Flucht organisieren, welche Hürden sie auf ihrem Weg nach Europa überwinden müssen (die Versuche, über eine Grenze zu kommen, werden «Games» genannt) und welches Aufnahmeprozedere sie in der Schweiz erwartet.
Die gezeichneten Erlebnisberichte von Hamid, Muhammed, Ziya, Afsaneh und Nima basieren auf Interviews und Gesprächen, die der Winterthurer Illustrator mit ihnen geführt und dann zuerst niedergeschrieben hat. Die persönlichen Schicksale werden durch hinzugefügte leicht verständliche Infografiken und -texte mit Hintergrundwissen etwa zum Schlepperwesen, zur Finanzierung der Flucht mit dem «Hawala»-System, zu den verschiedenen Fluchtrouten, zum Dublin-System oder zu Pushbacks in einen allgemeineren Kontext gestellt.

Edizioni Periferia (Hrsg.): Pia Zanetti. Luzern/Poschiavo, 2023

Pia Zanetti (geb. 1943) war – in einer Zeit, da das Fotografieren fast ausschliesslich Männern vorbehalten war – eine der ersten Fotoreporterinnen der Schweiz. Neugierig, engagiert und mutig bereiste sie Europa, später die ganze Welt. Sie war mehrere Male in Kriegs- und Krisengebieten und realisierte zusammen mit ihrem Mann, dem Journalisten Gerado Zanetti, unzählige Reportagen für Publikationen wie Die Woche, Das Magazin, Du und NZZ sowie für internationale Zeitschriften wie Europeo, Espresso und Paris Match.
Der Mensch steht stets im Mittelpunkt ihrer Bilder. Unaufdringlich und einfühlsam dokumentiert sie den Alltag, die Solidarität und den Widerstand. Sie ist immer mittendrin und in Bewegung. In London wird sie anlässlich einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg verprügelt. In Moskau wird sie verhaftet, da sie ohne Visum unterwegs nach Usbekistan ist. Ihr gelingt es in Kohle- und Goldminen zu fotografieren, obwohl Frauen der Zutritt zu den Minen verwehrt war.
Pia Zanetti lebte in Rom, London, im Tessin und heute in Zürich. Im Auftrag der Caritas reiste sie noch einmal rund um die Welt. Sie fotografierte für das Bulletin der Crédit Suisse und finanzierte so ihre Arbeit für NGOs. Seit 2019 ist Pia Zanetti Stiftungsrätin und fotografische Beraterin der Organisation Fairpicture. 2021 wurde sie mit dem Lifetime Award der Swiss Photo Academy ausgezeichnet und die Fotostiftung Schweiz in Winterthur widmete ihr eine Einzelausstellung, zu deren Anlass die Publikation «Pia Zanetti. Fotografin» (Signatur Gr 15163) erschien. Die Fotografien für den vorliegenden Bildband «Pia Zanetti» hat die Fotografin in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Luca Zanetti ausgewählt, der ebenfalls Fotograf ist.