Karl Siebengartner: Punk(s) in der Bundesrepublik Deutschland. Anatomie einer Bewegung, 1976–1995. Bielefeld, 2025
Mit seiner Dissertation legt Karl Siebengartner eine umfassende historische Analyse der Punkbewegung in der Bundesrepublik Deutschland vor. Während die Punkforschung bislang vor allem kulturwissenschaftliche oder musiksoziologische Perspektiven betonte, verfolgt Siebengartner einen zeithistorischen Ansatz. Auf Grundlage umfangreicher Archivarbeit, Interviews mit Zeitzeug:innen und einer breiten Auswertung von Fanzines, Musikzeitschriften und Medienberichten zeichnet er die Entwicklung des Punk in der BRD von den späten 1970er bis in die frühen 1990er Jahre nach. Der Beginn 1976 erklärt sich aus den ersten medialen Transfers in die Bundesrepublik über die neue Musik- und Jugendkultur in Grossbritannien und den USA.
Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, wie sich Punk zwischen radikaler Gesellschaftskritik, politischer Vereinnahmung und wirtschaftlicher Verwertung bewegte. Besonders eindrücklich zeigt der Autor, wie eng subkulturelle Ausdrucksformen – etwa Kleidung, Musik und die typischen Do-it-yourself-Strukturen – mit politischen Diskursen über Jugend, Protest und Authentizität verwoben waren. Regionale Fallstudien zu Berlin, Düsseldorf und Hamburg verdeutlichen, dass Punk keine homogene Bewegung war, sondern sich je nach lokalem Umfeld unterschiedlich ausprägte. Die Punkbewegung in der DDR wird – wie es der Titel der Arbeit bereits andeutet – nicht thematisiert. Wer sich für dieses Thema interessiert, findet jedoch eine fundierte Darstellung in Jeff Haytons 2022 erschienenem Buch «Culture from the Slums. Punk Rock in East and West Germany» (Signatur 148755).
Ergänzend bieten zwei Websites spannende Einblicke in das Thema: punkfanzines.de präsentiert einen Überblick zu deutschen Punkmagazinen, swisspunk.ch zeichnet die Geschichte des Schweizer Punk nach.
Béatrice Ziegler: Nationaler Ausnahmezustand und individuelle Lebensbewältigung. Aspekte des Alltagslebens in der Schweiz, 1939–1945. Zürich, 2025
In ihrer Darstellung untersucht Béatrice Ziegler, wie Menschen in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs ihren Alltag inmitten staatlicher Vorsorge und Zwangsmassnahmen organisierten, welche Handlungsspielräume sie nutzten und wie sie individuelle Lebensstrategien entwickelten. Im Zentrum stehen die Verdunkelungspflicht, die Lebensmittel und Güterrationierung sowie die Lenkung des landwirtschaftlichen Anbaus – jeweils mit Blick auf ländliche Regionen des schweizerischen Mittellandes.
Ein Beispiel zur Verdunkelungspflicht: In mehreren Gemeinden im Aargau weigerten sich Hausbesitzende trotz drohender Sanktionen, die vorgeschriebene Abdeckung von Fenstern vollständig vorzunehmen, etwa weil sie Gäste empfingen oder wirtschaftliche Tätigkeiten im Haus weiterführten. Solche scheinbar kleinen Akte des «Ungehorsams» waren Ausdruck eines bewussten Lebensgestaltungsversuchs. Anders als das klassische Bild einer disziplinierten Bevölkerung während der Kriegszeit zeichnet Ziegler nach, wie sich Individuen in der Schweiz in Alltagssituationen zwischen staatlicher Vorgabe und eigener Lebensführung entschieden.
Das Buch zeigt, dass die Menschen trotz Rationierung, Mobilmachung und Propaganda nicht nur «Opfer» waren, sondern aktiv ihre Lebensbedingungen gestalteten, auch wenn dies im Sinne des Systems nicht vorgesehen war. Gleichzeitig räumt Ziegler mit dem bisherigen Narrativ einer «geschlossenen» oder «geeinten» Kriegsheim Bevölkerung auf und macht Konflikte und Spannungen im Alltag deutlich.
Alastair Bonnett: Multiple Rassismen. Für eine globale Perspektive auf ein globales Problem. Münster, 2024
Der britische Sozialgeograf Alastair Bonnett plädiert für eine Globalisierung der Perspektive auf den Rassismus. In ihrem berechtigten Bestreben, das Phänomen durch Analyse seiner Entstehung, Funktionsweise und Variationen zu bekämpfen, ging die transdisziplinäre Rassismusforschung (wie die sich mit ihr überlappenden «Postcolonial Studies») bislang trotz des Anliegens, europäisch-nordamerikanische Überlegenheitsvorstellungen zu dekonstruieren, zumeist von einem methodologischen, wenn auch «invertierten» Eurozentrismus aus.
Wenn Bonnett nun eine Erneuerung der Rassismusforschung mit Analyse multipler, auch ausserwestlicher Rassismen anmahnt, so geschieht dies nicht im Sinne eines billigen, die westlichen Rassismen zu relativieren versuchenden Whataboutismus, sondern im Gegenteil im Bestreben, die Kenntnisse des Rassismus und seiner Variationen zu erweitern, den Zusammenhang zwischen seiner Pluralität und der Pluralität der Moderne zu untersuchen und dabei auch nichtwestlichen antirassistischen Stimmen und den Opfern nichtwestlicher Rassismen wie aktuell etwa Jesid:innen in Syrien, Uigur:innen in China oder Rohingya in Myanmar besseres Gehör zu verschaffen. Anhand zahlreicher asiatischer und afrikanischer Beispiele etwa aus der Sowjetunion, Indonesien, Japan oder Marokko zeigt Bonnett, dass moderne Denk- und Handlungsweisen wie die Kategorisierung von Menschen in Fortgeschrittene und Primitive, Wertvolle und Entbehrliche, Dazu- und Nicht-Dazugehörige als Kern des Rassismus globale Phänomene sind und multiperspektivisch analysiert werden sollten.
Kevin Heiniger (et al.): Heilig-Geist-Spital, Waisenhaus und Kinderheim. Zur wechselvollen Geschichte einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, 1861 bis 1972. Einsiedeln, 2025
Der vom Bezirk Einsiedeln in Auftrag gegebene Bericht erforscht und dokumentiert die Geschichte des Heilig-Geist-Spitals, einer Fürsorgeeinrichtung in Einsiedeln, von der Gründung 1861 bis zur Schliessung 1972. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur politischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgung, der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und der institutionellen Gewalt.
Die Institution zählte zu den wichtigen Kinderheimen mit überregionaler Bedeutung im Kanton Schwyz. Von 1861 bis 1967 wurde das Kinderheim von Ingenbohler Schwestern geführt. Gesellschaftliche Moralvorstellungen gepaart mit religiösem Eifer, Überforderung und zu knappe finanzielle Mittel führten dazu, dass die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft Misshandlungen ausgesetzt waren, Stigmatisierung und zum Teil tiefgreifende Traumata erfuhren. Von 1967 bis 1972 wurde das Kinderheim von einem Heimleiter geführt, was die Situation der Kinder aber nicht wesentlich verbesserte.
Umfangreiches Archivmaterial, persönliche Dokumente und Interviews mit Zeitzeug:innen geben einen umfassenden Einblick in ein noch lange nicht aufgearbeitetes Thema der Schweizer Sozialgeschichte. Zusätzlich bringen sechs Fokustexte den Leser:innen das Schicksal eines der Kinder und die Biografie einer der Ingenbohler Schwestern näher und es werden die jahrzehntelange Fürsorgeabhängigkeit einer Einsiedler Familie, die Aufnahme von Kindern der Arbeitsmigrant:innen in den 1960er Jahren, eine Zwangsadoption sowie Krankheit und Todesfälle unter den Kindern geschildert.
Ergänzend zum Thema im Sozialarchiv greifbar:
- Annemarie Iten: Mein Leben bitte in Papier einpacken! Eine wahre Lebensgeschichte der Sophia. Einsiedeln, 2023 (Signatur 155027)
- Edwin Beeler: Hexenkinder. Die Geschichte von zwangsversorgten Heimkindern. Luzern, 2020 (Signatur DVD 329)
David van Reybrouck: Die Welt und die Erde. Wie können wir sie bewahren? Berlin, 2025
Die jüngste Klimakonferenz COP30 endete wiederum mit einem Minimalkompromiss, der zur Erreichung der Pariser Klimaziele völlig unzureichend ist. Alle Stakeholder wissen, was zu tun wäre, und doch geht es nur im Kriechgang voran.
In seinem Essay sucht Reybrouck nach einer Antwort für das weltpolitische Versagen und findet sie in einer überholten Konzeption der multilateralen Diplomatie, die auf Metternich und den Wiener Kongress zurückgeht. Die bestehenden internationalen Organisationen wurden gegründet, um Interessenskonflikte zwischen souveränen Nationalstaaten zu bändigen, aber nicht, um die Bedürfnisse des Planeten mit denjenigen der menschlichen Weltgemeinschaft in Einklang zu bringen. Reybrouck skizziert eine «Global Governance», die diesen Namen verdient. Eine adäquate «Erdpolitik» fusste auf einer «planetaren Diplomatie», in der nebst der Staatsräson auch die «Raison de Terre» ein gewichtiges Wort mitzureden hätte. Denn die zerstörerische Überbeanspruchung der planetaren Ressourcen «ist zwar anthropogenen Ursprungs, lässt sich aber nicht anthropozentrisch lösen.» (S. 33)
Reybrouck hat mit «Kongo» (Signatur 126590) bereits eine äusserst anschaulich zu lesende knapp 800-seitige Geschichte der Demokratischen Republik Kongo vorgelegt. Das aktuelle Bändchen ist – wie schon «Landkrank» (2024) von Nikolaj Schultz (Signatur 151758) – merklich auch von Bruno Latour inspiriert.
Omer Bartov: Genozid, Holocaust und Israel-Palästina. Geschichte im Selbstzeugnis. Berlin, 2025
«Ich wollte verstehen, wie sich das, was Menschen zur Gewaltausübung motiviert, zu dem gleichzeitig bestehenden und gegensätzlichen Bedürfnis verhält, sich der eigenen – individuellen und kollektiven – Menschlichkeit zu vergewissern.» (S. 349)
Der Historiker Omer Bartov, geboren 1954 in Israel und mit familiären Wurzeln in Galizien, hat zu den Verbrechen der Wehrmacht in Osteuropa und zum Holocaust geforscht und gehört zu den weltweit führenden Genozidforschern. 2021 legte er mit «Anatomie eines Genozids. Vom Leben und Sterben einer Stadt namens Buczacz» (Signatur 147994) eine umfassende Lokalgeschichte eines Völkermords vor und den massgebenden Grundstein für einen Paradigmenwechsel in der Erforschung und Geschichtsschreibung des Holocaust.
Das nun vorliegende Buch besteht aus adaptierten Versionen von bereits früher erschienenen Buchkapiteln, Essays und Artikeln des Autors. (Diesem Umstand sind wohl die zahlreichen Redundanzen im Text geschuldet.) In der Summe lässt es sich als eine intellektuelle Selbstreflexion eines jüdischen Historikers ebenso wie als Metageschichte der Genozidforschung lesen, was das Buch nicht nur inhaltlich erkenntnisreich, sondern auch persönlich berührend macht.
Während sich die konventionelle Holocaustforschung in erster Linie auf den industriell organisierten Massenmord in den Konzentrationslagern und auf die «Täter» konzentrierte, rückt Bartov die «Opfer» und die alltäglichen Stätten des Genozids in Dörfern und Städten Osteuropas, wo vor dem Zweiten Weltkrieg am meisten Jüd:innen gelebt hatten, in den Fokus, womit sich nicht zuletzt die Kategorien «Täter», «Opfer» und «Zuschauer» relativieren. Einer historischen Methode, die sich hauptsächlich auf offiziell beglaubigte Dokumente aus (deutschen) Archiven stützt, stellt Bartov eine Lokalgeschichte «von unten» gegenüber. Er plädiert dafür, den Selbstzeugnissen von Betroffenen mehr Beachtung zu schenken und sie als gleichwertige Quellen gelten zu lassen. Denn die «persönliche politische Geschichte», die sie erzählen, ermöglicht nicht nur ein präziseres, sondern auch ein empathischeres Verständnis der Vergangenheit – sei es in Osteuropa oder in Israel-Palästina.
