Wegen der Corona-Situation gelten zurzeit besondere Benutzungsbestimmungen: Der Ausleihschalter ist für die Abholung von Medien für die Heimausleihe geöffnet (Öffnungszeiten: Mo bis Fr 9:00 bis 19:30, Sa 11:00 bis 16:00). Bitte bestellen Sie vorgängig online von zu Hause aus. Für die Benutzung von nicht für die Heimausleihe freigegebenen Medien (Archivalien, Dokumentationen, Bibliotheks-Altbestände) beachten Sie bitte den obersten Beitrag unter AKTUELL. Wir danken für Ihr Verständnis. Schweizerisches Sozialarchiv, Direktion
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Enge Wohnverhältnisse in einer Arbeiterwohnung in Zürich im Jahr 1909, fotografiert für die Schweizerische Heimarbeiterausstellung (SozArch F 5068)
Enge Wohnverhältnisse in einer Arbeiterwohnung in Zürich im Jahr 1909, fotografiert für die Schweizerische Heimarbeiterausstellung (SozArch F 5068)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Heinz Looser und Lisbeth Herger: Not wenden. Vom Armenverein Winterthur zur Familien- und Jugendhilfe FUJH, 1870–2020. Winterthur, 2020

Der einstige «Freiwillige Armenverein Winterthur» heisst heute «Verein Familien- und Jugendhilfe Winterthur» (FUJH) und legt zu seinem 150-jährigen Jubiläum eine kleine, aber feine Festschrift vor. Lange waren Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit bestimmende Themen in der Stadt: So liest man etwa von Familien, die sich ein einziges Bett teilten, bis es in der feuchten Wohnung irgendwann morsch zusammenbrach. Oder man begegnet einem begabten Arbeiterkind ohne Aussicht auf eine Ausbildung. In beiden Fällen sprang der Armenverein ein: Er ersetzte der Familie das Bett und verhalf dem jungen Mann zu einer Lehrstelle.
Die historische Aufarbeitung der Vereinsgeschichte zeigt auf eindrückliche Art und Weise das Zusammenspiel von Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Stadt Winterthur. Entstanden ist ein attraktiv bebilderter Band (viele Fotos stammen aus dem Sozialarchiv), der zeigt, dass die Probleme der Bevölkerung heutzutage zwar anders gelagert sind, die Institution mit ihren Angeboten wie Familienbegleitung oder Kinderbetreuung in Krisensituationen aber nach wie vor unentbehrlich ist.

Marie-Isabelle Bill: Interniert. Polnisch-schweizerische Familiengeschichten. Herausgegeben von der Interessengemeinschaft der Nachkommen internierter Polen in der Schweiz. Zürich, 2020

Mitte Juni 1940 gewährte die Schweiz 12’500 polnischen Soldaten Schutz als Internierte und nahm während des Krieges auch polnische Zwangsarbeiter oder Flüchtlinge aus Deutschland auf. Die Einheimischen akzeptierten die Internierten bereitwillig. Trotz eines entsprechenden Verbots entstanden viele polnisch­schweizerische Beziehungen und Ehen.
Schweizerinnen verloren bei der Heirat mit einem Ausländer ihr Bürgerrecht – vor den Frischvermählten lag also eine ungewisse Zukunft. Sie mussten ausreisen, suchten ihr Glück in Frankreich, England oder Übersee, manche aber auch in Polen. Einige kehrten in der Folge wieder in die Schweiz zurück. Andere konnten oder wollten nicht heiraten, womit uneheliche Kinder, sogenannte «Polenkinder», geboren wurden. Die Geschichten dieser Familien sind traurig oder glücklich, aufregend oder normal. Sie zeigen die mannigfaltigen Ursprünge polnisch-schweizerischer Verbindungen und die Spuren, die Krieg, Flucht und Internierung im Leben hinterlassen.

Franziska Rogger: «Wir werden auf das Stimmrecht hinarbeiten!» Die Ursprünge der Schweizer Frauenbewegung und ihre Pionierin Julie Ryff (1831–1908). Basel, 2021

Das Buch dokumentiert erstmals und mit neuen Fakten, wie Schweizer Frauen Ende des 19. Jahrhunderts begannen, gegen die patriarchale Ordnung zu kämpfen und sich zu organisieren. Franziska Rogger untersucht, wie sie sich national und international zusammenschlossen – in kaum bekannten Komitees und Gruppen in Genf oder in Bern. Erst baten engagierte Schweizerinnen die Herren in Bittschriften um konkrete Verbesserungen ihrer Lebensumstände. Schliesslich wurde klar, dass dafür Gesetzesänderungen notwendig waren. Als nicht stimmberechtigt waren Frauen von der Gesetzesarbeit indes ausgeschlossen.
Zentrale Figur der Bewegung war die in Basel geborene Julie Ryff (1831–1908). Das Buch stellt mit ihrem Porträt das Leben einer politisch aktiven Frau aus dem späteren 19. Jahrhundert vor und zeigt, wie Schweizerinnen in früheren Jahren ihre Erfahrungen pragmatisch und über viele juristische und vereinspolitische Wege zu politischen Forderungen verdichteten, auf dass hundert Jahre später das Frauenstimm- und -wahlrecht errungen werden konnte.

Benutzte Archivbestände zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl):

  • Ar 6 Frauenstimmrechtsverein Zürich
  • Ar 29 Schweizerischer Verband für Frauenstimmrechte (SVF)
  • Ar 591 Freundinnen junger Mädchen (FJM)

Start geglückt – swisscovery von SLSP ist online

Seit dem 7. Dezember 2020 ist der neue Bibliothekskatalog swisscovery der neuen gesamtschweizerischen Bibliotheksplattform SLSP (Swiss Library Service Platform) in Betrieb und alle eingeschriebenen Benutzer/innen haben nun Zugang zu Medien von rund 475 Bibliotheken in der ganzen Schweiz.

Wenn Sie diesen Text lesen, werden Sie also die neue Suchoberfläche swisscovery von SLSP möglicherweise schon getestet (Kompliment!) und sich hoffentlich auch erfolgreich registriert und eingeloggt haben (herzlich willkommen bei SLSP!). Allenfalls haben Sie sogar schon Bücher aus der Bibliothek des Sozialarchivs ausgeliehen (wir gratulieren!). Falls Sie noch nicht so weit gekommen sind – auch kein Problem: Die Neuregistrierung können Sie jederzeit vornehmen.

Nachfolgend nochmals einige Informationen zur Erinnerung:

  • Registrierung: Bibliothekskund/innen müssen ein SWITCH edu-ID-Konto besitzen, um von den swisscovery-Dienstleistungen Gebrauch machen zu können. Hier können Sie sich registrieren: https://registration.slsp.ch/
    Falls Sie bei der Registrierung Hilfe benötigen, können Sie sich jederzeit telefonisch oder vor Ort an unser Personal wenden, wir unterstützen Sie gerne!
    > Tipp: Nehmen Sie sich etwas Zeit und unterbrechen Sie den Registrierungsvorgang nicht.
  • Ausweise: Bisherige Bibliothekskarten können weiterhin gebraucht werden.
  • „Alte“ Ausleihen: Über den Link recherche.nebis.ch können Sie diejenigen Ausleihen einsehen, welche Sie noch über Ihr NEBIS-Konto getätigt haben. Benützen Sie dafür Ihre bisherigen Login-Daten.
  • „Neue“ Ausleihen“: Ausleihen, die Sie bereits über swisscovery gemacht haben, können Sie in Ihrem neu erstellten SLSP-Konto via SWITCH edu-ID kontrollieren.
  • SLSP-Courier: Der SLSP-Courier ermöglicht Ihnen, sich innerhalb von 48 Stunden Bücher von einer Bibliothek in eine andere liefern zu lassen gegen eine Gebühr von CHF 6.- pro bestelltem Dokument. Gewisse Hochschuleinrichtungen übernehmen diese Gebühr für ihre Angehörigen, klären Sie dies bei Ihrer Hochschule ab.

Wichtig: SLSP beziehungsweise swisscovery löst den bisherigen NEBIS-Katalog ab, jedoch nicht die Sozialarchiv-eigenen Datenbanken der Sachdokumentation (sachdokumentation.ch) und des Archivs (findmittel.ch und bild-video-ton.ch). Archivunterlagen, bewegte und unbewegte Bilder sowie thematische Dossiers mit Broschüren oder Zeitungsausschnitten bestellen Sie unverändert wie bisher.

> Informationen rund um SLSP und swisscovery finden Sie auch hier: nebis.ch/de/swisscovery/
Und natürlich können Sie sich bei Fragen jederzeit an unser Bibliothekspersonal wenden.

Erstmalig gab es an einer nationalen Ausstellung ein konfessionelles Programm und mit dem «SAFFA-Kirchlein» einen eigens dafür konzipierten Gottesdienstraum (SAFFA 1958, SozArch F Fd-0003-47)
Erstmalig gab es an einer nationalen Ausstellung ein konfessionelles Programm und mit dem "SAFFA-Kirchlein" einen eigens dafür konzipierten Gottesdienstraum (SAFFA 1958, SozArch F Fd-0003-47)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Evelyne Zinsstag und Dolores Zoé Bertschinger: «Aufbruch ist eines, und Weitergehen ist etwas anderes». Frauenräume: von der Saffa 58 über das Tagungszentrum Boldern zum Frauen*Zentrum Zürich. Wettingen, 2020

Die zweite Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1958 in Zürich war nicht einfach «eine hübsche, bunte Schau mit viel traulich-fraulichem Drum und Dran». Die SAFFA 58 war auch der Gründungsort der ökumenischen Frauenbewegung in der Deutschschweiz. Von den Verflechtungen der kirchlichen und der säkularen Frauenbewegung einerseits und den Theologinnen Ruth Epting, Else Kähler und Marga Bührig andererseits handelt der erste Teil dieses Buches.

Das «SAFFA-Kirchlein» war ein Frauenraum, in dem religiöse Frauen eine neue Formensprache für sich entdeckten. Diese Erfahrungen entwickelten Marga Bührig und Else Kähler am Evangelischen Tagungszentrum Boldern weiter, wo sie mit jüngeren Frauen in Austausch traten. Der Frauenbewegung als einer «Tradition der Frauen» und dem intergenerationellen Gespräch, wie es heute im Frauen*Zentrum gepflegt wird, ist der zweite Teil des Buches gewidmet.

Rebecca Hesse [et al.]: Aus erster Hand. Gehörlose, Gebärdensprache und Gehörlosenpädagogik in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert. Zürich, 2020

Gehörlose galten im 19. und 20. Jahrhundert lange als «Behinderte». Zu ihren Eigenheiten gehörte die Gebärdensprache, eine Ausdrucksform, die sie vom Rest der Gesellschaft trennte. Heute verstehen sich Gehörlose als «kulturelle Minderheit». Ihre Identität gründet zu einem wesentlichen Teil auf der Gebärdensprache. Gehörlosigkeit pauschal als Behinderung abzustempeln, lehnen sie ab.

Das neu erschienene Buch beleuchtet die wechselhafte Geschichte der Gehörlosen in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen die Orte, an denen sich die hörende Gesellschaft und die Gehörlosengemeinde begegneten, insbesondere die Taubstummenanstalten und späteren Sprachheilschulen, die bis in die 1980er Jahre nach der Lautsprachmethode unterrichteten. Die Studie stützt sich auf breite Archivbestände und zahlreiche Interviews.

Jacques Picard, Angela Bhend (Hrsg.): Jüdischer Kulturraum Aargau. Baden/Zürich, 2020

Im aargauischen Surbtal zeugt ein reiches Kulturerbe von der jüdischen Geschichte der beiden Dörfer Endingen und Lengnau. Im 18. Jahrhundert war die jüdische Bevölkerung der Schweiz gezwungen, in diesen beiden Gemeinden zu leben. Im Lauf des 19. Jahrhunderts errangen die Schweizer Jüdinnen und Juden nach und nach die gleichen Rechte wie ihre nichtjüdischen Landsleute. Der gesellschaftliche Wandel führte zu einer Abwanderung in Schweizer Städte und ins Ausland.

So weist der jüdische Kulturraum Aargau über sich hinaus in die Welt. Das reich bebilderte Buch schildert auf eindringliche Art die Geschichte und Gegenwart des jüdischen Aargaus, die in weiten Teilen eine Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Schweiz ist. Über 40 Autorinnen und Autoren legen Zeugnis ab vom jüdischen Alltag, der Emanzipation, den Bedrohungen in schwerer Zeit, aber ebenso vom Erfolg der Schweizer Jüdinnen und Juden weltweit.

3.9.2020-17.1.2021: Ausstellung „Zürich 1980“ im ZAZ

Vor 40 Jahren wurde Zürich von einer urbanen Revolte erschüttert. Es war eine Rebellion gegen einen normierten und kontrollierten Alltag, gegen ein biederes, engstirniges und repressives soziales Klima, ein erbitterter und lustvoller Kampf für ein anderes urbanes Leben. Die Revolte hat zwei Jahre angehalten und das gesellschaftliche und kulturelle Leben Zürichs grundlegend verändert, mit Auswirkungen, die bis heute sichtbar sind.

In Zusammenarbeit mit Christian Schmid (Stadtforscher, ETH Zürich) und Silvan Lerch (Kulturjournalist) hat das Sozialarchiv aus diesem Anlass die Ausstellung „Zürich 1980“ im Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) konzipiert. In dieser Ausstellung schauen wir zurück und nach vorn – in eine bewegte Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft.

„Zürich 1980“ besteht im Wesentlichen aus zwei Zugängen zum Thema. Zum einen zeigen wir Fotos von Gertrud Vogler (1936-2018) – sie ist den regelmässigen Leser*innen des SozialarchivInfos inzwischen bestens bekannt. Vogler gehörte zu den wichtigsten zeitgenössischen FotografInnen Zürichs. Sie arbeitete für verschiedene Publikationen und übernahm 1981 die Bildredaktion der WoZ. Vogler konnte Aufnahmen von Orten machen, zu denen anderen der Zutritt verwehrt blieb oder wo sie sich gar nicht erst hin getrauten. Als Chronistin des Alltags und der sozialen Bewegungen schuf sie ein Werk von über 200’000 Fotografien, das heute im Schweizerischen Sozialarchiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die erste grössere Einzelausstellung zeigt Einblicke in bewegte Zeiten zwischen 1977 und 1993.

Zum anderen widmet sich die Ausstellung unter dem Titel «Poetische Provokationen» der Sprache der Bewegung. Mit Zeitschriften, Songtexten, Videos, Tonaufnahmen, Flugblättern und Büchern zeigen wir, wie sich die 80er Bewegung Ausdruck verschaffte. Als Interventionsmedien zur Etablierung einer Gegenöffentlichkeit gedacht, verströmen die Texte bis heute eine besondere Kraft und entwickeln einen eigentlichen Sog. Sie sind oft überraschend, explosiv, radikal und militant und entfalten zugleich sinnliche Verspieltheit, Witz und (Selbst-)Ironie.
Dieser Teil der Ausstellung sollte ursprünglich im Museum Strauhof gezeigt werden, fiel aber wie so vieles der Corona-Pandemie zum Opfer. Verantwortlich für die «Poetischen Provokationen» sind Silvan Lerch und Anja Nora Schulthess („Zürcher Mittelmeerfraktion – Verein für unerhörte Stadtgeschichten“).

3. September 2020 bis 17. Januar 2021
Zentrum Architektur Zürich (ZAZ), Höschgasse 3, 8008 Zürich

> Der Zutritt zu allen Veranstaltungen ist coronabedingt beschränkt. Bitte informieren Sie sich vor Ihrem Besuch auf der Homepage des ZAZ und melden Sie sich über anmeldung@zaz-bellerive.ch zu den jeweiligen Veranstaltungen an.

> Ausstellungsflyer herunterladen (PDF, 2’690 KB)

> Weitere Informationen und Angaben zum umfangreichen Begleitprogramm

SLSP und swisscovery – was für Sie als Bibliotheksbenutzer/in wichtig ist

Am 7. Dezember 2020 um 10 Uhr ist es soweit: swisscovery und die weiteren Dienste von SLSP (Swiss Library Service Platform) lösen die aktuellen Bibliotheksverbünde (u.a. NEBIS) und die bisherigen Rechercheportale schweizweit ab. Als Bibliothekskund/in haben Sie ab dann neu über eine einzige Rechercheplattform namens swisscovery Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Medienbestand der Schweiz.

Das Wichtigste in Kürze:

Was ist swisscovery?
Die neue nationale Rechercheplattform swisscovery verzeichnet insgesamt mehr als 30 Millionen Bücher, Serien, Zeitschriften und Non-Book-Materialien sowie mehr als 3 Milliarden elektronische Artikel. Betrieben wird swisscovery von der Swiss Library Service Platform, kurz SLSP. Die SLSP wurde von 15 Hochschulen ins Leben gerufen. Bis heute haben sich schweizweit 475 Bibliotheken angeschlossen.

Benutzerkonto / Wo kann ich mich registrieren?
Bibliothekskund/innen müssen ein SWITCH edu-ID-Konto besitzen, um von den swisscovery-Dienstleistungen Gebrauch machen zu können. Hier können Sie sich registrieren: https://registration.slsp.ch/

> Bitte beachten Sie:

  • Falls Sie noch kein SWITCH edu-ID-Konto besitzen, können Sie dieses während der Registrierung einrichten.
  • Wir empfehlen Ihnen, den Strichcode Ihres bestehenden Bibliotheksausweises zu erfassen, damit Sie diesen weiterhin verwenden können.
  • Hilfe zur Registrierung finden Sie auf: https://registration.slsp.ch/help/

Nach erfolgreicher Registrierung bei SLSP können Sie Ihr SWITCH edu-ID-Konto schweizweit für alle SLSP-Bibliotheken verwenden (es gibt keine separaten Konten pro Bibliothek oder Verbund mehr).

Kann ich meine aktuelle Bibliothekskarte behalten?
Ja, Sie haben die Möglichkeit, die Nummer (Strichcode) Ihres Bibliotheksausweises bei der Registrierung anzugeben.

Muss ich mich nach der Registrierung am Schalter meiner Bibliothek ausweisen?
Nein, Sie müssen sich nicht ausweisen. Ihre Handynummer wird bei der Registrierung verifiziert.

Wieso funktioniert mein bisheriges Bibliothekskonto nicht mehr?
Die alten Bibliothekskonten sind in swisscovery nicht mehr gültig. Um die Bibliotheksdienstleistungen weiterhin nutzen zu können, müssen Sie ein SWITCH edu-ID-Konto besitzen.

Wo kann ich meine Ausleihen aus dem NEBIS-Verbund noch einsehen?
Ihre Ausleihen können Sie unter https://recherche.nebis.ch/ bis März 2021 einsehen. Verwenden Sie hierfür Ihr bestehendes, bisheriges Bibliothekslogin.

Wieso kann ich meine Ausleihen in meinem NEBIS-Konto nicht mehr verlängern?
Eine Verlängerung ist technisch nicht mehr möglich.

Wieso werden meine Reservationen und meine Ausleihhistorie nicht in swisscovery übernommen?
Eine Migration der Reservationen und Ausleihhistorien in das neue System ist aus technischen und datenschutzrechtlichen Gründen leider nicht möglich. Ab dem 7. Dezember können Sie Dokumente in swisscovery neu reservieren.

Wo kann ich meine Ausleihen in swisscovery einsehen?
Ab dem 7. Dezember 2020 können Sie Ihre Ausleihen in Ihrem Konto im swisscovery-Portal Ihrer Bibliothek einsehen.

Was ist der SLSP-Courier und wer nimmt am SLSP-Courier teil?
Der SLSP-Courier vernetzt wissenschaftliche Bibliotheken aus der ganzen Schweiz miteinander und löst die bisherigen Kurierdienste wie IDS-Kurier und NEBIS-Ausleihverbund ab. Der SLSP-Courier ermöglicht Ihnen, sich innerhalb von 48 Stunden Bücher von einer Bibliothek in eine andere liefern zu lassen gegen eine Gebühr von CHF 6.- pro bestelltem Dokument. Ob eine Bibliothek am SLSP-Courier teilnimmt, sehen Sie bei der Bestellung.

Benutzungsänderungen
Mit dem Start der neuen Rechercheplattform swisscovery am 7. Dezember 2020 gibt es auch Änderungen in der Benutzungsordnung der Bibliotheken (u.a. bei den Gebühren). Bitte informieren Sie sich jeweils direkt auf den Websites der einzelnen Bibliotheken.

> Mehr Informationen rund um SLSP und swisscovery finden Sie auch hier: https://www.nebis.ch/de/swisscovery/

 

Verkaufsstelle der staatlichen Lebensmittelfürsorge auf dem Marktplatz in Basel, um 1916 (SozArch F Fc-0004-06, Foto: Benziger)
Verkaufsstelle der staatlichen Lebensmittelfürsorge auf dem Marktplatz in Basel, um 1916 (SozArch F Fc-0004-06, Foto: Benziger)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Maria Meier: Von Notstand und Wohlstand. Die Basler Lebensmittelversorgung im Krieg, 1914-1918. Zürich, 2020

Wie wirkte sich der Erste Weltkrieg auf die Lebensmittelversorgung der neutralen Schweiz aus? Dieser Frage geht die Dissertation von Maria Meier am Beispiel von Basel-Stadt nach. Sie zeigt, wie eng verflochten Basel mit dem kriegführenden Ausland war. Wenngleich der Stadtkanton von militärischen Verwüstungen verschont blieb, war er materiell direkt vom Krieg betroffen. Der lokale Lebensmittelmarkt war dabei ein zentraler Ort der Kriegserfahrung, die von Teuerung, Verteilkonflikten und Knappheit geprägt war.

Die Autorin untersucht, wie der Krieg die Nahrungsmittelversorgung einer städtischen Gesellschaft beeinflusste, wie die Behörden auf Versorgungs- und Verteilungsprobleme reagierten und welche Folgen dies für die Ernährung der Zivilbevölkerung hatte. Die Verschiebung der Verhältnisse zeigt sich unter anderem in den Panikkäufen im Sommer 1914, im täglichen Grenzverkehr und in der städtischen «Anbauschlacht». Teuerung und Lebensmittelknappheit stürzten die lohnabhängige Bevölkerung trotz Kriegskonjunktur in grosse Not. Gegen den Versorgungsmissstand reagierte der Staat erst 1916/17: Der Wucherhandel wurde bekämpft, Lebensmittel wurden kontingentiert und rationiert. Für die Bevölkerung wurden Volksküchen eingerichtet, und die Notstandsaktion ermöglichte zahlreichen bedürftigen Familien den Kauf von verbilligten Lebensmitteln.

Agnes Hirschi, Charlotte Schallié (Hrsg.): Unter Schweizer Schutz. Die Rettungsaktion von Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs in Budapest – Zeitzeugen berichten. Zürich, 2020

Zwischen März 1944 und Januar 1945 leitete der Schweizer Vizekonsul Carl Lutz (1895–1975) in Budapest eine umfangreiche Rettungsaktion. Lutz und sein Rettungsteam haben schätzungsweise mehr als 50’000 Schutzbriefe ausgestellt und verfolgte Jüdinnen und Juden in 76 sogenannten Schweizer Schutzhäusern untergebracht, womit sie Zehntausende vor Deportationen, Erschiessungen und Todesmärschen bewahrten.

«Unter Schweizer Schutz» enthält Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Berichte, Briefe und Vorträge von Überlebenden – Dokumente, die über einen Zeitraum von 25 Jahren entstanden. Diese belegen nicht nur die selbstlosen Taten von Carl Lutz, sondern zeigen auch das Handeln vieler anderer Menschen, welche die Rettung von ungarischen Jüdinnen und Juden möglich machten, darunter auch Mitglieder der zionistischen Jugendbewegung.

André Seidenberg: Das blutige Auge des Platzspitzhirschs. Meine Erinnerungen an Menschen, Seuchen und den Drogenkrieg. Zürich, 2020

André Seidenberg hat 1991 die Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen – kurz Arud – mitbegründet und war selbst bis 1996 als Leitender Arzt dort tätig. Mit der Gründung dieser Anlaufstelle für Drogensüchtige wollte man der repressiven Drogenpolitik von damals entgegentreten, um eine weitere Verelendung der Betroffenen zu verhindern.

Im vorliegenden Buch erinnert sich Seidenberg an diese Zeit und vor allem an die Menschen, die damals in der Zürcher Drogenszene verkehrten. Er erzählt beispielsweise von «Pinguin», der an Aids erkrankt war und auf unerwartet positive Weise auf die Therapie ansprach, oder von «Düdü», der immer auf Kokain war und nach einem Aufenthalt in Nigeria an Malaria starb. Die eindringlichen Porträts werden im Anhang durch einige Kapitel zum geschichtlichen und drogenpolitischen Kontext ergänzt.

> Das Sozialarchiv besitzt den Gesamtbestand der 2018 verstorbenen Fotografin Gertrud Vogler (SozArch F 5107). Diese hat die Drogenszenen im Zürich der 1980er und 1990er Jahre visuell in einmaliger Weise dokumentiert.

7. Dezember 2020: SLSP (Swiss Library Service Platform) startet

Vor rund zwei Jahren haben wir an dieser Stelle erstmals über das gesamtschweizerische Bibliotheksprojekt «SLSP» berichtet. Ab dem 7. Dezember 2020 wird SLSP nun auch für die Benutzer*innen Realität.

SLSP verspricht eine Synergienutzung in sämtlichen Bibliotheksbereichen und ein attraktives, an das digitale Zeitalter angepasstes Dienstleistungsangebot, welches sowohl für das Personal als auch für die Endnutzer*innen die Bearbeitung von und den Zugang zu Information möglichst einfach machen soll. Im Wesentlichen führt SLSP die Schweizer Bibliotheken zusammen, die bislang in einer heterogenen Verbundslandschaft mit unterschiedlichen Datensystemen und verschiedenen Katalogen organisiert waren. Für die Benutzer*innen bedeutet dies mehr Übersichtlichkeit und einen vereinheitlichten Zugang zu den Beständen der künftigen SLSP-Bibliotheken.

450 Bibliotheken sind neu Teil von SLSP, darunter vorwiegend Hochschulbibliotheken und wissenschaftliche Spezialbibliotheken wie die des Schweizerischen Sozialarchivs. Im Zuge der Zusammenführung der verschiedenen bisherigen Verbünde wird auch der seit 1992 bestehende NEBIS-Verbund aufgelöst und der grösste Teil der rund 140 NEBIS-Bibliotheken in SLSP überführt.

Für das Personal dieser Bibliotheken brachte dies in den letzten Monaten aufwändige Vorarbeiten mit sich: Datenbereinigungen, Einarbeitung in die neue, Cloud-basierte Bibliotheks-Software «Alma» (bisher «Aleph») sowie Aufgleisen der Zusammenarbeit in der neuen SLSP-Struktur mit den sogenannten «Institution Zones» (IZ). Das Schweizerische Sozialarchiv wird der IZ «Spezialbibliotheken Region Zürich» angehören, einer Untergruppe von SLSP mit rund zwanzig Bibliotheken, darunter beispielsweise diejenigen des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft und des Schweizerischen Nationalmuseums oder diejenigen der Museumsgesellschaft und der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

Erste spürbare Konsequenz der Umstellung auf SLSP für die Bibliotheksbenutzer*innen wird die notwendige Neueinschreibung sein. Sie ist ab dem 7. Dezember 2020 möglich und kann online vorgenommen werden. Dabei erhalten die Benutzenden ein neues SWITCH-edu-ID-Konto, mit welchem sie sich in den Katalog einloggen können. Genauere Informationen zur Registrierung werden voraussichtlich Ende September folgen.

Die bisherigen Online-Kataloge «Rechercheportal», «NEBIS recherche» und «Suchportal ETH-Bibliothek» werden durch das Suchportal «swisscovery» abgelöst, den neuen Katalog für alle SLSP-Benutzer*innen. Der Zugang zu «swisscovery» an den Recherchestationen im Lesesaal des Sozialarchivs wird dabei sozialarchiv-spezifisch angepasst sein. Die Kurierdienstleistung wird ausgeweitet und neu gesamtschweizerisch angeboten, was für die Benutzer*innen mehr Auwahl bei den Medien und mehr Optionen für den Abholort bedeutet. Allerdings wird der SLSP-Kurierdienst voraussichtlich erst Mitte 2021 seinen Betrieb aufnehmen.

Die Etablierung der verschiedenen Neuerungen wird das Sozialarchiv und seine Benutzer*innen sicherlich noch ein gutes Stück ins Jahr 2021 hinein begleiten, jedoch freuen wir uns auf die damit verbundenen zahlreichen Verbesserungen und die gesamthaft gesteigerte Qualität im schweizerischen Bibliothekswesen. Weitere Informationen zu SLSP werden in den nächsten Wochen folgen. Bei Interesse oder Unklarheiten können Sie sich gerne an unser Bibliothekspersonal wenden oder Ihre Fragen an kontakt@sozialarchiv.ch senden.

Auf der Spur der „kleinen Leute“

Die Sammlung popularer Selbstzeugnisse im Schweizerischen Sozialarchiv


von Fabian Brändle

Den Alltag und die Kultur der „kleinen Leute“ zu erforschen erweist sich bisweilen als denkbar schwierige Aufgabe. Gerichtsakten geben zwar immerhin Auskunft über kriminalisiertes Verhalten, enthalten jedoch viele strategisch bedingte Aussagen, die nicht immer für bare Münze zu nehmen sind. Angeklagte Frauen und Männer versuchen nämlich, durch mehr oder weniger bewusstes Verfälschen der Tatsachen den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und der zu verhängenden Strafe zu entgehen. So sind wir bei der Rekonstruktion des Alltags und der Volkskultur in der Regel auf Selbstaussagen, auf Egodokumente, angewiesen, wie sie uns in Selbstzeugnissen (Autobiografien, Tagebücher, Kindheitserinnerungen, Briefe etc.) entgegentreten. Handwerker, Bäuerinnen, Bauern, Angestellte, Arbeiterinnen, Arbeiter, aber auch „Ungelernte“ wie Hausierer, Berufssportler, Dienstboten oder Prostituierte haben solche Texte in gar nicht so kleiner Anzahl verfasst, Texte, die freilich nicht frei von Stilisierungen, ja, von Beschönigungen und sogar von Lügen sind. Selbstzeugnisse bedürfen wie sämtliche anderen Quellentypen auch einer sorgfältigen Quellenkritik. Im Grundton sind sie oft nostalgisch, beschwören eine harte, aber schöne Kindheit ohne Computer und Handys und mit nur ganz wenigen Spielsachen.

Es herrscht indessen immer noch Mangel an zuverlässigen, wissenschaftlichen Editionen, die den Wahrheitsgehalt popularer Selbstzeugnisse herausdestillieren würden, indem sie beispielsweise archivalische Quellen wie Kirchenbücher oder Zivilstandsregister kontrollierend hinzuziehen. So liesse sich so manche noch so raffinierte Fälschung relativ schnell enttarnen. Denn vergessen wir nicht: Auf dem Büchermarkt sind populare Selbstzeugnisse durchaus beliebt und gefragt, denken wir nur an die Autobiografien der bayrischen Bäuerin Anna Wimschneider („Herbstmilch“) oder an die Schweizer Aussenseiterin und Hausfrau Rosemarie Buri („Dumm und dick“), die zu veritablen Bestsellern avancierten. Populare Selbstzeugnisse haben eben noch lange nicht jene Lobby wie die Werke bekannter SchriftstellerInnen, die in gebundenen, annotierten Werkausgaben gediegen, vollständig und mehrbändig erscheinen. Eine Ausnahme bilden die gesammelten Werke des Toggenburger Ferggers, Bauern, Salpetersieders und preussischen Söldners Ulrich Bräker, die in mustergültiger Edition vorliegen (Haupt und C. H. Beck).

Jammern hilft indessen wenig, nur selbst machen hilft weiter. So habe ich in den letzten beiden Jahrzehnten fünf populare Selbstzeugnisse aus der Frühen Neuzeit (ca. 1500-1800), aus dem 19. und aus dem frühen 20 Jahrhundert (mit-)ediert und in Buchform herausgegeben. Ich bin mir indessen sicher, dass noch in so manchem Archiv editionswürdige Manuskripte aufzufinden wären, und auch gedruckte Rarissima und Rara wären je nach Qualität eine kommentierte, vollständige Neuausgabe wert. So bietet beispielsweise die im Selbstverlag erschienene Kindheitserinnerung des Aussersihlers Edwin Läser ein Panorama der Freizeitkultur in einem grossstädtischen Arbeiterquartier der 1930er und frühen 1940er Jahre: Eine jedoch keinesfalls einmalige Fundgrube jugendlicher Alltagskultur. Das Deutsche Tagebucharchiv Emmendingen (bei Freiburg im Breisgau) sammelt und verschlagwortet Selbstzeugnisse „kleiner Leute“ und erfreut sich in den letzten Jahren einer wachsenden Beliebtheit nicht nur unter HistorikerInnen, sondern auch unter Geschichtsinteressierten generell und nicht zuletzt unter Schulklassen. Auch in Wien gibt es eine sehr gute Dokumentationsstelle mit eigener Buchreihe („Damit es nicht verlorengeht“, Böhlau, begründet vom Sozialhistoriker Michael Mitterauer).

Mein erster Kontakt mit einem popularen Selbstzeugnis fand im Jahre 1997 an der Universität Basel statt, wo ich wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Selbstzeugnisspezialisten Kaspar von Greyerz war. Meine dortige erste Aufgabe war es, die Autobiografie des calvinistischen Elsässer Kannengiessers Augustin Güntzer (1596-1657?) zu annotieren. Die einwandfreie Transkription der Handschrift aus der Universitätsbibliothek Basel hatte mein Kollege Dominik Sieber in langjähriger Arbeit besorgt. Wir betrieben viel Aufwand für diese Edition (Reihe „Selbstzeugnisse der Neuzeit“, Boehlau Verlag), indem wir zu elsässischen Archiven reisten und versuchten, den komplexen Frömmigkeitsdiskurs Augustin Güntzers zu rekonstruieren, die mannigfachen Intertextualitäten der Autobiografie und die Lektüren des Autors zu ergründen. Der immense Aufwand hatte einen guten Grund: Augustin Güntzers spannendes Selbstzeugnis ist eines der ältesten deutschsprachigen Handwerkerselbstzeugnisse überhaupt. Augustin Güntzer war ein sozialer Absteiger, er endete in den 1650er Jahren verarmt als Hausierer und Glaubensflüchtling vor den Toren Basels in der Alten Eidgenossenschaft. Güntzer war auch ein sozialer Aussenseiter, denn als strenggläubiger Calvinist mied er die „Gastereyen“ (Gastmähler) der Colmarer Zünfter und verachtete die allseits beliebten Wirtshäuser als „Sauffheuser“. Auch manche andere AutorInnen popularer Selbstzeugnisse, wie sie mir in späteren Jahren begegneten, waren gesellschaftliche AussenseiterInnen, auch soziale AbsteigerInnen. Nicht zuletzt schreibend und lesend verarbeiteten sie ihr bisweilen tragisch anmutendes, abwärtsorientiertes Schicksal: Im Leben gescheitert, im Schreiben ohne eigentliches Lesepublikum erfolgreich, könnte man, natürlich sehr verkürzt, behaupten.

Meine nächste wissenschaftliche Reise führte mich wiederum ins schöne, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder französische Elsass, wiederum in die alte Reichsstadt Colmar. Dort haben im späteren 17. Jahrhundert zwei eng miteinander verwandte Schuhmacher, Vater und Sohn Mathias Lauberer, ein „Hausbuch“ geführt und darin auch Rezepte oder eine prinzipielle, mutige Abrechnung mit dem Krieg niedergeschrieben. Die wissenschaftliche Edition erschien in der Basler Reihe „Selbst-Konstruktion“ (Schwabe Verlag), die von den Professoren Kaspar von Greyerz und Alfred Messerli herausgegeben wurde.

Ich begann nun, mehr oder weniger systematisch in Antiquariaten und im Internet nach popularen schweizerischen Selbstzeugnissen Ausschau zu halten, und wurde oft genug fündig. Allerdings beschränkte ich mich auf gedruckte Texte, so dass Tagebücher und Briefe in meiner Sammlung kaum vorkommen. Der vor einigen Jahren verstorbene Zürcher Volkskundeprofessor Paul Hugger sammelte hingegen Manuskripte sowie Briefe und stellte auch Editionen bereit (Reihe „Das volkskundliche Taschenbuch,“ Limmat Verlag). Ich beschränkte meine Sammlertätigkeit indessen nicht auf die Frühe Neuzeit, wohl aber auf die Schweiz und auf angrenzende Regionen (zum Beispiel Schwarzwald, Schwaben, Tirol, Vorarlberg, Bayern, Elsass), um vergleichend arbeiten zu können. Ich stiess auf eine Schatzkammer popularer Kultur, auf Kinderspiele und angeeignete Sportarten wie Strassenfussball oder auf „Militärlis“, auf oftmals bittere Schulerfahrungen, auf den Umgang mit Krieg oder mit der verheerenden Spanischen Grippe von 1918/19.

Manche Texte erschienen im Selbstverlag und waren lediglich für die Zirkulation innerhalb der Familie oder des Freundeskreises bestimmt. Wie sie den Weg in Antiquariate oder gar ins „Brockenhaus“ fanden, ist ungewiss. Die mitunter schmalen Büchlein, darunter wie gesagt viel „graue Literatur“, waren meistens wohlfeil, denn es existiert noch kein spezifischer Sammlermarkt. Arbeitertexte von Parteigenossen (SP, KPS, PdA) oder Gewerkschaftsfunktionären waren auch darunter, aber deutlich weniger als eigentlich erwartet. Es dominiert vielmehr der „Mittelstand“, Handwerker, Grossbauern, Primarlehrer, Angestellte, kleine Beamte. Aber auch Texte von „ganz unten“ stellten sich ein und sind sogar überrepräsentiert: Ehemalige schweizerische „Verding“- und Heimkinder, die der Staat oft gegen ihren Willen von ihren Eltern trennte und zu harter, oftmals mit Schlägen verbundener Arbeit auf Bauernhöfen anhielt, berichteten über ihre verpfuschte Kindheit und Jugend. Hausiererinnen und Hausierer wie der greise Gregorius Aemisegger (1813-1911) aus dem voralpinen ostschweizerischen Toggenburg erzählten über Strategien, Kundinnen und Kunden zu werben. Und auch ehemalige schweizerische Fremdenlegionäre in französischen Diensten oder sogar mit ihrem Schicksal hadernde (männliche) Sträflinge meldeten sich zu Wort, ganz zu schweigen von ehemaligen Suchtkranken oder an psychischen Krankheiten Leidenden. Hier wird Lebensgeschichte zum „Appell“ (Klaus Bergmann), zum Versuch, ein gewisses Mass an Mitgefühl und Sympathie im „autobiographischen Pakt“ (Philippe Lejeune) zu generieren, Respektabilität zu erzeugen, vom Rand aus in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen. Das Handwerk ist stark repräsentiert, körperlich stark fordernde Berufe wie Färber, Gärtner, Maurer, Schuhmacher oder auch Serviertochter, Magd, Wirtin und Wirt kommen in der Sammlung vor.

Meine Sammlung an Selbstzeugnissen sowie der einschlägigen Forschungsliteratur (James S. Amelang, Bernd-Jürgen Warneken, Margarethe Münchow, Klaus Bergmann, Sigrid Wadauer, Rainer Elkar, Alfred Messerli, Martyn Lyons, Andrea Dörfer etc.) wuchs mittlerweile auf weit über 700 Titel an. Aus Platzgründen beschloss ich daher gegen Ende des Jahres 2017, diese wertvolle und für die Schweiz einmalige Sammlung dem an Literatur „von unten“ interessierten Schweizerischen Sozialarchiv zu schenken, wo sie in besten Händen und ausleihbar vorliegt. Ich wünsche mir natürlich, dass namentlich junge Forschende Freude an der Lektüre dieser Texte gewinnen und sie in ihre Qualifikationsarbeiten einfliessen lassen, denn eine empirisch ergiebige „Erfahrungsgeschichte“ (Andreas Holzhem) „von unten“ ist ohne populare Selbstzeugnisse oder die aufwändige Methode der Oral History kaum zu bewerkstelligen.

> Die vollständige Titelliste kann im NEBIS-Katalog mit dem Code E19Braen aufgerufen werden.

Frauen-Jet-Gruppe, Veranstaltung «Liebt Trudi Erwin?», mit Panzerknackerballett im Münsterhof, 3.9.1975 (SozArch F 5130-Dig-720-001)
Frauen-Jet-Gruppe, Veranstaltung «Liebt Trudi Erwin?», mit Panzerknackerballett im Münsterhof, 3.9.1975 (SozArch F 5130-Dig-720-001)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Bice Curiger, Stefan Zweifel (Hrsg.): Ausbruch & Rausch. Frauen Kunst Punk 1975 – 1980. Zürich, 2020

1975 und 1980 fanden in der Städtischen Galerie zum Strauhof zwei Kulturexperimente statt: die Ausstellungen «Frauen sehen Frauen» und «Saus & Braus». Beide Ausstellungen fanden enormen Zulauf und wurden in der Presse breit diskutiert.
Die 1975 gezeigte Schau «Frauen sehen Frauen» wurde anlässlich des UNO-Jahres der Frau von einem feministischen Kollektiv konzipiert. Eine besondere Attraktion der Ausstellung war das feministische «Panzerknackerballett», welches noch bis 1976 aufgeführt wurde. «Saus & Braus, Stadtkunst» markierte dann 1980 den Aufbruch in bewegte und von Unruhen geprägte Jahre.
Im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Ausstellung im Strauhof «Ausbruch & Rausch: Zürich 1975 – 1980. Frauen Kunst Punk» erscheint auch das Buch als umfangreiche Retrospektive auf diese zwei Schauen, die mit zahlreichen Gesprächs-Transkripten, Essays und umfassendem Dokumentations-Material angereichert ist, darunter auch Bilder, die sich heute im Sozialarchiv befinden.

> Im Strauhof läuft die Ausstellung «Ausbruch & Rausch: Zürich 1975–1980. Frauen Kunst Punk» noch bis zum 4. Oktober.

Peter-Paul Bänziger: Die Moderne als Erlebnis. Eine Geschichte der Konsum- und Arbeitsgesellschaft, 1840 – 1940. Göttingen, 2020

In den Jahrzehnten um 1900 erfuhr der Alltag grosser Bevölkerungsteile tiefgreifende Veränderungen. Sie betrafen die Arbeit genauso wie den Konsum. Anhand von rund hundert Tagebüchern aus dem deutschsprachigen Raum untersucht Peter-Paul Bänziger, wie die Menschen ihren Alltag wahrnahmen. In ihren Augen sollte das Leben vor allem Spass machen und Abwechslung bringen – in der Freizeit genauso wie am Arbeitsplatz. Zusammen mit Kolleg*innen wollte man eine gute Zeit verbringen.
Nur noch eine untergeordnete Rolle spielte hingegen der bürgerliche Wert einer allgemeinen Arbeitsamkeit, von dem so viele Tagebücher des 19. Jahrhunderts geprägt waren. In der Freizeit stand die Intensität des Moments im Zentrum. Man suchte angenehme Unterhaltungen, keine wertvollen Kunstgenüsse.
Bänziger gewährt in seiner Habilitationsschrift Einblicke in das Denken, Handeln und Fühlen von Menschen aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und rückt so die «kleinen» historischen Akteur*innen ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

> Am Freitag, 13. November 2020, findet im Sozialarchiv eine Lesung mit Peter-Paul Bänziger statt.

Jodi Kantor, Megan Twohey: #MeToo. Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung. Stuttgart, 2020

Mit ihren Enthüllungen zum Fall Harvey Weinstein brachten die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey von der «New York Times» im Herbst 2017 eine Bewegung ins Rollen, welche die Welt nachhaltig veränderte. Monatelang recherchierten die beiden, um die Wahrheit über den Filmproduzenten und Hollywood-Magnaten Harvey Weinstein herauszufinden. Sie führten Interviews mit über achtzig Frauen und konnten beweisen, was bereits in Form von Gerüchten kursierte. Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen Weinsteins berichteten von Schweigegeldzahlungen und Geheimhaltungsvereinbarungen, welche die über Jahrzehnte erfolgten Übergriffe systematisch verschleierten. Sexueller Missbrauch und Belästigungen waren im System Weinstein an der Tagesordnung.
Das Hashtag #MeToo, welches auf einen Slogan der amerikanischen Bürgerrechts- und Menschenrechtsaktivistin Tarana Burke aus dem Jahr 2005 zurückgeht, brachte 2017 eine bis heute anhaltende Debatte ins Rollen. Das Buch von Kantor und Twohey, welches nun in deutscher Übersetzung vorliegt, schildert das Aufdecken von Weinsteins Machenschaften, erzählt aber auch, wie daraus eine weltweite Bewegung entstand.

Buchempfehlungen der Bibliothek

NS-Dokumentationszentrum München, Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute. Berlin, 2017

Seit dem 19. Jahrhundert sind Aufkleber oder «Klebezettel» weit verbreitet und ab 1880 wurden sie dank gummiertem Papier, auf das sie gedruckt werden konnten, massenhaft produziert. Sie sind deshalb zu aussagekräftigen Zeugnissen der Alltagskultur geworden. Die vorliegende Publikation ist das Resultat einer Ausstellung im Münchner NS-Dokumentationszentrum von 2017.

Anhand von Marken und Aufklebern wird die Geschichte der Judenfeindschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erzählt. Da das Medium bis heute weit verbreitet ist, werden sowohl Sticker, die gegenwärtig im öffentlichen Raum Rassismus und Neonazismus propagieren, als auch Formen antirassistischer Gegenwehr gezeigt. Auch das Archiv Bild + Ton des Sozialarchivs verfügt über eine stattliche Sammlung solcher «Abziehbilder» aus beiden politischen Spektren, wobei vor allem die Sammlung von Bernard Schlup hervorzuheben ist.

Concetto Vecchio: Jagt sie weg! Die Schwarzenbach-Initiative und die italienischen Migranten. Zürich, 2020

1968 lanciert Nationalrat James Schwarzenbach eine Initiative mit dem Ziel, die «Überfremdung der Schweiz» zu verhindern und dafür mehr als 300’000 vorwiegend italienische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nach Hause zu schicken. Die Initiative, die 1970 nur hauchdünn verworfen wird, ist der Startschuss zu einer beispiellosen, Jahre andauernden Hetzkampagne, welche auch die Schweizer Bevölkerung entzweit.

In seinem einerseits autobiografischen, andererseits historischen Buch erzählt Concetto Vecchio von seinen sizilianischen Eltern und von weiteren MigrantInnen, die in den 1960er Jahren ihr Glück in der Schweiz suchten, hier aber auf offenen Fremdenhass stiessen, als Arbeitskräfte ausgebeutet und als Menschen ausgegrenzt wurden.

Wichtige Bestände im Sozialarchiv zum Thema:
Ar 108 Nachlass James Schwarzenbach
Dossier 02.3 C Ausländerfrage, -integration; Einwanderung; multikulturelle Gesellschaft: Schweiz

Paolo Giordano: In Zeiten der Ansteckung. Wie die Corona-Pandemie unser Leben verändert. Hamburg, 2020

Mit Paolo Giordanos schmalem Büchlein hat unsere Bibliothek die erste sachliterarische Publikation erworben, die sich mit dem Virus «Sars-Cov-2» – dem Coronavirus – befasst. Giordano ist sowohl Physiker als auch Schriftsteller und beschreibt seine Erfahrungen während der Corona-Zeit – hauptsächlich mit Blick auf die Situation in Italien, aber auch mit allgemeingültigen Überlegungen zum Ausnahmezustand auf der ganzen Welt: «Jetzt ist die Zeit der Anomalie. Und aus ihr erwächst die Chance für Veränderung.» Giordano äussert allerdings seine Bedenken, dass die Angst vorübergehen wird, ohne Veränderungen mit sich gebracht zu haben.

Wir werden es wohl erst in einiger Zukunft wissen. Gewiss aber werden noch zahlreiche Bücher zum Thema verfasst werden – Giordano hat einen Auftakt gemacht.