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Stempel im Protokollbuch: BUNDES COMITE – SCHWEIZ. ARBEITERBUND – GEGR. IN OLTEN DEN 1.2.U.3. JUNI 1873
Stempel im Protokollbuch: BUNDES COMITE – SCHWEIZ. ARBEITERBUND – GEGR. IN OLTEN DEN 1.2.U.3. JUNI 1873

Neu im Archiv: Protokollbuch des Ersten Arbeiterbundes

1873 schlossen sich mehrere Sektionen des Grütlivereins mit Arbeitervereinen und Gewerkschaften in Olten zum sogenannten Alten Schweizerischen Arbeiterbund zusammen. Der Arbeiterbund verfügte mit der «Tagwacht» über eine eigene Arbeiterzeitung. Nach einer kurzen Blüte zerbrach der Arbeiterbund 1880 an den inneren Gegensätzen. Der letzte Kongress wurde zwischen dem 6. und 8. November 1880 in Olten abgehalten. Man beschloss die Auflösung des Arbeiterbundes und die Gründung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Zudem wurde die Gründung der Sozialdemokratischen Partei als politische Nachfolgeorganisation angeregt.

Die Geschichte des Alten Schweizerischen Arbeiterbundes hat Erich Gruner in seinem Standardwerk «Die Arbeiter in der Schweiz im 19. Jahrhundert» (1968) nachgezeichnet. Gruner stützte sich dabei in erster Linie auf die gedruckten Kongressprotokolle, die Berichterstattung in der «Tagwacht» und die autobiografischen Aufzeichnungen von Herman Greulich. Nun konnte das Schweizerische Sozialarchiv aus dem Zentralarchiv der Gewerkschaft UNIA eine Quelle übernehmen, die Erich Gruner vor fünfzig Jahren nicht zur Verfügung stand. Es handelt sich um das Protokollbuch des Genfer «Bundescomités» aus den Jahren 1874 bis 1875. Darin sind 47 Sitzungen zwischen dem 12. Februar 1874 und dem 7. Januar 1875 dokumentiert. Die Protokolle sind bezeichnenderweise in deutscher Sprache verfasst, da damals fast alle Mitglieder der Genfer Arbeitervereine aus Deutschland oder aus der Deutschschweiz stammten. Die Protokolle erlauben einen hoch interessanten Einblick in das Innenleben des Alten Arbeiterbundes. Sie vermerken den Eingang umfangreicher Korrespondenzen und beleuchten organisatorische Fragen oder beispielsweise die Diskussionen rund um die «Tagwacht» oder die Agitationsreisen des Glarner Arbeiterführers Johann Heinrich Staub. Das Protokollbuch macht darüber hinaus auch die enorme zusätzliche Belastung der Mitglieder des Bundescomités deutlich, die als einfache Arbeiter mit täglichen Arbeitszeiten von zehn bis zwölf Stunden gewerkschaftlich und politisch aktiv waren.

Das Protokollbuch trägt die Signatur SozArch Ar 201.26.2 und kann im Lesesaal jederzeit eingesehen werden.

Ellen Rifkin Hill mit ihrem geliebten Pudel (Signatur: Sozarch_F_5052-Fa-033)
Ellen Rifkin Hill mit ihrem geliebten Pudel (Signatur: Sozarch_F_5052-Fa-033)

Neue Bestände in der Datenbank Bild + Ton

Fotos von Ellen Rifkin Hill

Ellen Rifkin Hill hat dem Schweizerischen Sozialarchiv nicht nur ein grosszügiges Erbe, sondern auch Privatfotos hinterlassen. Der Bestand umfasst in erster Linie Porträtfotos von ihr selbst. Wenn man es in simpler Analogie wagen möchte, von der Anzahl der Fotos Rückschlüsse darauf zu ziehen, wer in ihrem Leben eine Rolle gespielt hatte, dann sind dies (mit absteigender Wichtigkeit): 1., ex aequo: ihre Hunde (ausschliesslich Pudel oder Dackel) und Patricia Highsmith, mit der sie in den 1950er Jahren eine Beziehung führte; 2. ihre Eltern; 3. ihre Ehemänner.
(Signatur: Sozarch_F_5052)

Dokumentation zur Frauenbewegung Bern und zur Behinderten-Bewegung

Die Fotografin Helga Leibundgut dokumentierte ab Mitte der 1970er Jahre die Berner Frauenbewegung, der sie als Mitglied der FBB (Frauenbefreiungsbewegung) nahestand. Es entstanden wertvolle Aufnahmen der Treffpunkte der Frauenbewegung, ihrer Protagonistinnen und von zahlreichen Kundgebungen.
Der Bestand umfasst zudem die ab 1979 entstandenen Fotos der Behinderten-Bewegung. Auslöser war die Bekanntschaft mit Ursula Eggli, die im vielbeachteten Film "Behinderte Liebe" von Marlies Graf vor der Kamera stand. Weiteres, vorläufig nicht digitalisiertes Material steht in Form von Schwarzweiss-Negativen zu den Themen Frauenbuchladen Bern (1978) und "Werkstatt schreibender Frauen" (1979) auf Anfrage zur Verfügung.
(Signatur: Sozarch_F_5110)

Ökologisches Waschen

Kleiner Bestand mit einer Tonbildschau und wenigen Fotos aus den 1990er Jahren. Der "Arbeitskreis ökologisches Waschen" warb hauptsächlich für das Waschen von Wäsche mit Seife anstelle der handelsüblichen Vollwaschmittel.
(Signatur: Sozarch_F_5114)

Quellen zum Hotellerie- und Gastronomiegewerbe der Schweiz

Das Archiv der "Hotel & Gastro Union" (ehemals: "Union Helvetia")


Warum wird den Gästen in amerikanischen Restaurants bis heute Eiswasser vorgesetzt? Was ist ein "Groom"? Wie sah eine professionelle Glacémaschine der Zürcher Firma Autofrigor AG im Jahr 1950 aus? Was wird beim Bedienen von der linken und was von der rechten Seite serviert?

Antworten auf solche Fragen finden Sie im historischen Archiv der Berufsorganisation "Hotel & Gastro Union" (sowie am Ende dieses Beitrags). Dieses Archiv konnte das Schweizerische Sozialarchiv vor zwei Monaten übernehmen. Es gehört sicher zu den interessantesten und farbigsten Beständen im Sozialarchiv. Neben Protokollen, Korrespondenz, alten Rechtsschutzunterlagen und vielen weiteren Akten sind auch eine umfangreiche Fotosammlung, eine Reihe grossformatiger Bände mit historischen Menükarten aus dem In- und Ausland sowie die von der Berufsorganisation herausgegebenen Zeitschriften, Koch- und Lehrbücher vorhanden. Sozialgeschichtlich aufschlussreich sind speziell die umfangreichen Unterlagen zu den verbandspolitischen Themen wie Arbeitszeit, Arbeitslohn, Ruhetagsfrage, Kündigungsfristen oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ein ständiger Streitpunkt war auch das Trinkgeld. Hier wurde erst 1974 eine Lösung gefunden; seither ist der "Service inbegriffen". Der Tourismus ist für die Schweizer Volkswirtschaft von grosser Bedeutung. Er trägt auf nationaler Ebene rund drei Prozent zur Wirtschaftsleistung und 4,2 Prozent zur Beschäftigung bei. Besonders wichtig ist die Hotellerie und Gastronomie in den Tourismusgegenden der Alpen. Das ist auch der Grund, weshalb viele Akten im Archiv der "Hotel & Gastro Union" das Wallis, Graubünden, das Berner Oberland, das Tessin und die Zentralschweiz betreffen.

Organisationsgeschichtliches

Die "Hotel & Gastro Union" wurde am 6. Oktober 1886 in Luzern unter dem Namen "Winkelried-Verein, Hülfs-Verein der schweizerischen Hôtelangestellten" gegründet. Bereits 1887 erfolgte die Namensänderung zu "Union Helvetia". Vereinszweck  war "die geistige und moralische Hebung und Veredelung der Standesgenossen durch gegenseitige Belehrung". Der fachtechnischen Aus- und Weiterbildung dienten die Zeitschriften und Monatsbeilagen und vor allem die 1909 gegründete verbandseigene Schweizerische Hotelfachschule in Luzern. Anfänglich war die Berufsorganisation ausgesprochen wirtschaftsfriedlich eingestellt. Eine zentrale Rolle spielten die Einführung von Versicherungs- und Hilfskassen, weil damals noch keinerlei staatliche Sozialfürsorge bestand, sowie die Stellenvermittlung. Die sozialpolitische Tätigkeit setzte erst mit den wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Ersten Weltkriegs ein. Nun rückte die kollektive Interessenvertretung im Gastgewerbe in den Vordergrund und es wurden erstmals auch weibliche Angestellte und Ausländer zur Mitgliedschaft zugelassen. 1920 entstanden auch die ersten Zweigvereine: der "Schweizer Kochverband" und der "Schweizerische Servierpersonal-Verband". Heute umfasst die "Hotel & Gastro Union" fünf Berufsverbände; neben dem oben erwähnten "Schweizer Kochverband" sind dies die Berufsverbände "Restauration", "Hotellerie-Hauswirtschaft" und "Hotel/Administration/Management" sowie der "Schweizer Bäckerei- und Konditorei-Personal-Verband", der 2009 aufgenommen wurde.

Das Archiv der "Hotel & Gastro Union" ist eine wichtige Ergänzung der Bestände zum Dienstleistungsgewerbe in der Schweiz. Es wird zurzeit bearbeitet und kann nach Abschluss der Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten ohne Benutzungsbeschränkungen eingesehen werden.

Auflösung der Fragen:

  • Während der Prohibition in den USA (1920-1933) war es üblich und manchenorts gar Vorschrift, den Gästen sofort Eiswasser einzuschenken, offenbar um sie nicht auf den Gedanken kommen zu lassen, dass irgendetwas fehle.
  • "Groom" ist der englische Ausdruck für Page oder Hotelboy.
  • Glacémaschine der Firma Autofrigor AG, 1950 (siehe Bild)
  • Beim Bedienen wird Flüssiges von rechts aufgetragen, Speisen von links. Abgeräumt wird von rechts.
Verdingkinder, irgendwo in der Schweiz, um 1940 (Sozarch_F_5030-Fc-0345)
Verdingkinder, irgendwo in der Schweiz, um 1940 (Sozarch_F_5030-Fc-0345)

Verdingkinder – Ein düsteres Kapitel Schweizer Sozialgeschichte

2004 strahlte das Schweizer Fernsehen im Rahmen von "Schweiz aktuell" eine Serie über Verdingkinder aus – mit weitreichenden Folgen: Viele Betroffene meldeten sich auf einen Aufruf hin, andere Medien nahmen sich des Themas an, eine Tagung noch im gleichen Jahr führte ehemals Verdingte zusammen.

Viele dieser Frauen und Männer, die durch die Fremdplatzierung oft unvorstellbar leiden mussten, waren damals schon betagt. Das Bedürfnis, mehr über ihr Leben und über ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte zu erfahren, war gross. Die Zeit drängte. Zu lange hatten diejenigen, die von der Verdingung profitiert und sie gedeckt hatten (Bauern, Behörden, Kirche), geschwiegen oder sich die Verantwortung dafür gegenseitig in die Schuhe geschoben. Zu offensichtlich waren nach Jahrzehnten der Verdrängung die unauslöschlichen Schäden an Leib und Seele bei den verdingten Kindern.
Schon 2005, ein Jahr nach den Fernsehberichten, war ein Nationalfonds-Projekt unter der Bezeichnung "Verdingkinder, Schwabengänger, Spazzacamini und andere Formen von Fremdplatzierungen und Kinderarbeit in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert" in den Startlöchern. Unter der Leitung der beiden Basler Professoren Heiko Haumann und Ueli Mäder entstanden in den folgenden Jahren ausführliche Interviews mit ehemals fremdplatzierten Frauen und Männern. Die manchmal mehrere Stunden dauernden Gespräche geben Aufschluss über alle zentralen Aspekte der Lebensgeschichte Betroffener. Entstanden sind oft erschütternde Protokolle behördlich und gesellschaftlich sanktionierter Grausamkeiten.

285 dieser Interviews sind nun im Schweizerischen Sozialarchiv zugänglich – allerdings aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nur auf vorgängiges Gesuch an die Direktion des Schweizerischen Sozialarchivs. Die Interviews sind als Audiofiles vorhanden und in einer Datenbank der Universität Basel erschlossen. Transkripte der Interviews und weitere schriftliche Unterlagen (im Archivbestand Ar 532) ergänzen dieses einzigartige Oral-History-Projekt. Die Interviews bildeten übrigens auch das Herzstück der Ausstellung "Verdingkinder reden", die zwischen 2009 und 2014 erfolgreich in vielen Schweizer Städten und zuletzt im Freilichtmuseum Ballenberg Halt gemacht hat.

> Infostation im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs

Relaunch Datenbank Bild + Ton

Am Donnerstag, 6. November 2014, ist es soweit: Die Datenbank Bild + Ton erscheint in neuem Kleid. Die Umstellung erfolgt am Mittwochabend (5. November).

Obwohl es sich um eine "Vorab-Version" handelt und noch nicht alle Funktionen komplett sind, drängen wir an die Öffentlichkeit, denn der alte Auftritt bescherte Ihnen als Benutzer/in immer wieder unangenehme Ausfälle. Ausgefeilte Komfortfunktionen sind in Bearbeitung, detailliertere Informationen in Vorbereitung.

Sie hätten gerne eine Ergänzung? Sie entdecken trotz all unserer Bemühungen einen Fehler? – Zögern Sie nicht, uns Ihre Freude oder Ihren Frust mitzuteilen: E-Mail an bildundton@sozarch.uzh.ch genügt.

Besten Dank für Ihr Interesse und viel Erfolg bei Ihren Recherchen!

Neue Infostation im Lesesaal des Sozialarchivs

An der neuen Infostation im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs können Sie auf die digitalen Sammlungen verschiedener Schweizer Kulturinstitutionen zugreifen: auf die Schweizer Nationalphonothek, auf Memobase+, das Webarchiv Schweiz, die Datenbank FARO sowie – mit einer speziellen Genehmigung – auf die "Datenbank Verdingkinder".
Die Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Sie können angesehen und abgehört, jedoch nicht ausgedruckt, verschickt, gespeichert oder anderweitig verwendet werden.

Schweizer Nationalphonothek

Die "Schweizer Nationalphonothek" ist das Tonarchiv der Schweiz. Es sammelt musikalische und gesprochene Dokumente mit einem Bezug zur Geschichte und Kultur der Schweiz.

Memobase+

"Memobase+" verzeichnet audiovisuelle Kulturgüter aus 15 Schweizer Gedächtnisinstitutionen. Die Plattform birgt Schätze aus den Bereichen Fotografie, Ton, TV, Film und Video, darunter zum Beispiel 12’183 Radiosendungen mit einem Bezug zum Kanton Zürich. Memobase+ ist ein Angebot von Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz.

Webarchiv Schweiz

"Webarchiv Schweiz" ist ein von der Schweizerischen Nationalbibliothek geleitetes Kooperationsprojekt zur Archivierung landeskundlich relevanter Websites aus der Schweiz. Das Schweizerische Sozialarchiv wählt für diese Sammlung Websites aus, die sich mit dem gesellschaftlichen und politischen Wandel, der sozialen Frage und den sozialen Bewegungen befassen. Die Websites werden von der Nationalbibliothek in regelmässigen Abständen als Momentaufnahme gesammelt und archiviert.

FARO

"FARO" ist die digitale Videodatenbank von SRF (Schweizer Radio und Fernsehen). Sie ermöglicht die Recherche und Konsultation der umfassenden Videobestände von SRF.

Datenbank Verdingkinder

Die "Datenbank Verdingkinder" entstand ab 2005 im Rahmen des Forschungsprojekts "Verdingkinder, Schwabengänger, Spazzacamini und andere Formen von Fremdplatzierungen und Kinderarbeit in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert" an der Universität Basel. Sie ist mit der Archivablieferung der Projektunterlagen im Jahr 2013 ins Schweizerische Sozialarchiv gelangt. Im August 2014 wurde sie mit den Audio-Files der Interviews und den digital vorhandenen schriftlichen Unterlagen angereichert. Die Datenbank besteht im Wesentlichen aus 285 Einträgen zu den einzelnen im Forschungsprojekt berücksichtigten Personen.

Gehörte Mitte der 1970er Jahre schon fast zum Inventar von Schweizer Wäldern: das Ameisenschutznetz.
Gehörte Mitte der 1970er Jahre schon fast zum Inventar von Schweizer Wäldern: das Ameisenschutznetz.

Wilde Tiger und flinke Fledermäuse: Der WWF-Filmbestand

Tier- und Naturfilme erfreuen sich seit über einem halben Jahrhundert ungebrochener Beliebtheit sowohl bei Film- und Fernsehproduzenten wie auch bei den Fernsehzuschauern. In der Nachkriegszeit verhalf Bernhard Grzimek dem Genre 1959 mit «Serengeti darf nicht sterben» zum Durchbruch. Der Film über Leben und Sterben im tansanischen Tierreservat gewann sogar einen Oscar. Seither befriedigen unzählige Filme unser Verlangen nach der Schönheit von Flora und Fauna in den letzten verbliebenen Paradiesen.
Die Faszination und Attraktion wilder Tiere machte sich der WWF bei der Gründung 1961 schon mit der Wahl seines Wappentiers zunutze: Der Panda eignet sich dank seiner Knuddligkeit, Exotik und seinem Status als bedrohtes Tier vorzüglich als universell einsetzbares, positiv besetztes Logo. Das Medium Film setzte der WWF Schweiz ab Mitte der 1960er Jahre ein, vorerst um Spenden zu sammeln: 1966 beispielsweise zeigte der WWF eine Spezialvorstellung des Kassenschlagers «Born Free» (deutsch: «Die Geschichte der Löwin Elsa») und verband den Anlass mit einer Tombola. Als Hauptpreis stiftete das Reiseunternehmen «Kuoni» eine Safari nach Ostafrika…
In den Folgejahren baute der WWF eine kleine Filmothek auf. Er kaufte Kopien von Tier- und Naturfilmen und vertrieb sie ab 1975 in einem eigenen Filmverleih, der die lokalen WWF-Sektionen bediente, vor allem aber in unzähligen Schulstuben landauf, landab benutzt wurde und die Kampagnen zur Wiederansiedlung des Luchses, zum Schutz der einheimischen Fledermäuse oder zur Rettung der Tiger begleitete. Meistens setzte der WWF auf Fremdproduktionen. Britische und kanadische Fernsehstationen lieferten qualitativ hochwertiges Material, das, wenn nötig, mittels Anpassung der Kommentarspur für hiesige Verhältnisse adaptiert werden konnte. Viele dieser Filme folgten dem gängigen Strickmuster des Genres: atemberaubende Landschaftsaufnahmen verbunden mit den in Harmonie mit der Natur lebenden Wildtieren, die in ihrer Existenz bedroht sind.
Ab 1975 konnte der WWF für ein knappes Jahrzehnt mit Hans A. Traber und dem Schweizer Fernsehen zusammenarbeiten. Der enthusiastische Natur- und Tierfilmer Traber gehörte damals zu den Stars vom Leutschenbach. Er bescherte dem WWF unter anderem Werke über Fledermäuse, Schleiereulen und den Schutz der Hecken, die nach ihren TV-Premieren vom WWF kräftig ausgewertet wurden. – Spätestens mit dem Aufkommen von Videos nahmen die WWF-internen Zweifel, ob sich ein eigener Filmverleih lohne, überhand. Der Verleih wurde ins Schweizerische Schul- und Volkskino (SSVK) ausgelagert und dann ganz eingestellt. Die Zukunft gehörte den VHS-Kassetten.
Der digitalisierte Filmbestand des WWF Schweiz umfasst 57 Filme aus drei Jahrzehnten. Den grössten Anteil stellt der didaktische Tierfilm, der eine Spezies (oder ein Naturreservat) porträtiert und dabei möglichst viel naturwissenschaftliches Wissen mit spektakulären Bildern verbindet. Eher schwach vertreten ist der anwaltschaftliche Film, der explizit Missstände anklagt und Verantwortlichkeiten benennt. Und filmisch fast inexistent sind leider die Tätigkeiten des WWF Schweiz im Zusammenhang mit Kampagnen.
Der gesamte Bestand ist online in der Datenbank Bild + Ton abrufbar (Signatur: SozArch_F_9001).

Tipps:

«Arrêtez le massacre» (1962): Eindrückliches Plädoyer des renommierten französischen Dokumentarfilmers Christian Zuber gegen die Treibjagd; für das Produktionsjahr erstaunlich klare Stellungnahme gegen diese Form der Jagd. (Signatur: SozArch_F_9001-110)
«The New Ark» (1963): Die (vermutlich) britische Produktion über das Einfangen und Umsiedeln von Rhinozerossen zeigt schön, wie sich das koloniale Gehabe im Zeitalter der Entkolonialisierung auf die Tierwelt überträgt. (Signatur: SozArch_F_9001-048)
«Einheimische Fledermäuse» (1981): Eine der Koproduktionen von Hans A. Traber mit dem WWF (und dem Schweizer Fernsehen); etwas betulich für den heutigen Geschmack, aber gelungene Tieraufnahmen. (Signatur: SozArch_F_9001-063)
«Ameisennestschutz» (1975): Eine der ganz wenigen filmischen Dokumentationen über eine Aktion des WWF in der Schweiz: Schulkinder schützen unter fachkundiger Anleitung Ameisenhaufen. (Signatur: SozArch_F_9001-031)
«The Family That Lives With Elefants» (1973): Typisches Beispiel dafür, wie Afrika und seine Fauna für westliche Paradiesprojektionen dient: Ein Biologe lebt mit seiner Familie im Einklang mit den Elefantenherden der tansanischen Savanne. (Signatur: SozArch_F_9001-177 und -178)

ATB Sektion Rikon: Ausfahrt 1947, Gruppenbild vor Restaurant Weinrebe
ATB Sektion Rikon: Ausfahrt 1947, Gruppenbild vor Restaurant Weinrebe

Das Archiv des ATB: Quellen für Lokal- und Regionalgeschichte

Der "ATB – Verband für Sport-Freizeit-Verkehr" gehört zu den wichtigsten Organisationen der schweizerischen Arbeitersport-Bewegung. Hervorgegangen ist der ATB aus dem 1916 gegründeten Arbeiter-Radfahrer-Bund der Schweiz. Seine Blütezeit hatte er in den 1930er Jahren. Damals zählte der ATB mehr als 20’000 Mitglieder, die in 300 Sektionen organisiert waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Mitgliederzahlen kontinuierlich rückläufig. Die Zahl der Sektionen schrumpfte auf 73; der ATB zählt heute noch 4’500 Mitglieder. Die Sektionen des ATB verteilen sich über die ganze Schweiz, besonders gut vertreten sind allerdings der Oberaargau im Kanton Bern, einschliesslich der angrenzenden Gebiete in den Kantonen Solothurn und Aargau, die Region Thun und die Ostschweiz.

Bei den sportlichen Aktivitäten des ATB steht nach wie vor der Saalsport im Vordergrund, insbesondere das Kunstradfahren, Radball und Einradhockey. Ferner organisieren die ATB-Sektionen Radtouren, und auch die Erziehung zu verkehrsgerechtem Verhalten hat hohe Priorität.

Das Zentralarchiv des ATB konnte das Schweizerische Sozialarchiv im Kontext einer erfolgreichen Initiative zur Überlieferungssicherung der Arbeiter-Sport- und -Kultur-Bewegung im Jahr 1997 übernehmen. Seither konnte der Bestand durch mehrere Nachlieferungen wesentlich ergänzt werden. Speziell hervorzuheben ist der umfangreiche Aktenbestand aufgelöster Sektionen, deren Akten teils direkt und teils auf dem Umweg über das Zentralsekretariat in Bern den Weg ins Sozialarchiv gefunden haben. Viele nicht mehr bestehende Sektionen sind mit Protokollen, Jahresberichten, Kassaunterlagen, Mitgliederverzeichnissen, Tourenberichten und Korrespondenzen, aber auch mit objektartigen Gebrauchsgegenständen (Fahnen, Wimpel, Pokale, Glasscheiben u.Ä.) recht gut dokumentiert. Dies gilt beispielsweise für die Sektionen Rikon-Tösstal ZH, Kreuzlingen TG, Flums SG, Heimberg BE, Root-Perlen LU, Klus-Balsthal SO, Kirchberg BE und für die Stadtzürcher Arbeiterradfahrer-Vereine. Mit den Sektionsarchiven enthält das Archiv des ATB einen reichen Fundus an Primärquellen für lokal- und regionalgeschichtliche Fragestellungen verschiedenster Art.

Mit Piratensendern Gegenöffentlichkeit schaffen (Piratenradios II)

Mischa Brutschin hat 2010 eine umfassende filmische Dokumentation der Zürcher Häuserbesetzungsszenen von 1979 bis 1994 vorgelegt. Auf der Tonspur von "Allein machen sie dich ein" spielen die Radiopiraten eine wichtige Rolle. Brutschin hat dem Schweizerischen Sozialarchiv eine Kopie dieser Sendungen vermacht; sie ist nun unter der Bestandesbezeichnung F_1006 online konsultierbar und ergänzt die Sendungssammlung von Dieter Menyhart.

Die Radiopiraten machten ab Mitte der 1970er Jahre die Frequenzen unsicher. Verschiedene, oft auch nur kurzlebige Gruppierungen konnten sich mit wenigen hundert Franken eine Sendeinfrastruktur kaufen. Mischa Brutschins Interesse galt in erster Linie den im politisch linken Spektrum und in der Jugendbewegung aktiven Sendern. Die "Wellenhexen", "Radio Schwarzi Chatz" und "Radio Banana" gehören zu den aktivsten und langlebigsten Vertretern der Szene. Nach 1977 setzte eine merkliche Politisierung der Piratensender ein; Radiomachen galt damals als eine der wenigen Möglichkeiten der Frauen- und der Jugendbewegung, sich Gehör zu verschaffen oder zeitnah auf Ereignisse zu reagieren.

Die "Wellenhexen" liessen Lesben zu Wort kommen und thematisierten schon früh die Rolle der Frau im Machobusiness Rockmusik. "Radio Schwarzi Chatz" glänzte mit aufwendig gemachten Sendungen zur Zürcher Wehrschau 1979 oder zum aufkommenden Trend der Selbstverwaltung im Gastgewerbe. "Radio Banana" begleitete die Zürcher Jugendbewegung, berichtete aus Sicht der Betroffenen über Krawalle und Polizeieinsätze und sorgte mit Beiträgen wie jenem über das berüchtigte Globus-Go-In (eine Art kollektiver Ladendiebstahl) für die spärlich gesäten humoristischen Lichtblicke jener Zeit.

Die politischen Piratensender bereichern die Archivbestände und Dokumentationen des Sozialarchivs zur Jugend- und Frauenbewegung des bewegten Jahrzehnts von 1975 bis 1985. Die schwierig zu dokumentierende Quellengattung erweitert das vorhandene Schriftgut und Videomaterial um wertvolle akustische Eindrücke.

Mit «Radio Gäterlischlitzer» gegen das PTT-Monopol (Piratenradios I)

Wer nach den 1970er Jahren geboren ist, kann sich kaum eine Vorstellung von der Ödnis machen, die vor 1983 auf einheimischen Radiofrequenzen herrschte. In der Schweiz gab es zwar für jede Sprachregion zwei offizielle Programme. Wer sich aber für Anderes als traditionelle Volksmusik, seichtes Unterhaltungsgedudel oder bildungsbürgerliche Inhalte interessierte, fand beim Landessender kaum ein Angebot. Widerstand erwuchs dem Monopol der SRG erst ab Mitte der 1970er Jahre, als sich Radiopiraten oft allein oder in kleinen Gruppen daran machten, die Frequenzen zu beleben. Die technische Entwicklung und der Preiszerfall machten es möglich, dass sich auch Laien für wenige Hundert Franken einen Sender basteln konnten. Weil die Frequenzen jenseits von 100 MHz angeblich für Kriegszwecke freigehalten wurden, gab es zudem im Frequenzband genug Platz für ihre Experimente. Die PTT als Hüterin des Monopols setzte Einiges daran, dem Tun jeweils ein schnelles Ende zu setzen: Mit Peilsendern machte man Jagd auf die oft mobilen Sender und verfolgte sie strafrechtlich. Trotzdem existierten im Piratenjahrzehnt nach 1975 bald Dutzende von Sendern, die teils aus Plausch, teils mit politischem Sendungsbewusstsein oder einfach aus Frust über das ungenügende offizielle Angebot aktiv waren.

Piraten sind naturgemäss schwierige Archivkunden. Sie haben wenig Interesse, ihre Tätigkeiten dauerhaft zu dokumentieren. So ist es ein absoluter Glücksfall für uns, dass sich vor einem Jahr ein leidenschaftlicher Radiopiratenfan an seine Tonbandkassetten erinnerte: Dieter Menyhart sass in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren gebannt vor seiner Stereoanlage, suchte die Frequenzen nach Piratensendern ab und drückte auf die Record-Taste, sobald er fündig wurde. 33 Sendungen von mehr als 20 Piratensendern überlebten so, konnten digitalisiert werden und sind nun online zugänglich. Die Sender hiessen phantasievoll "Radio Gäterlischlitzer" oder "Alibaba", andere prosaischer "Radio Universal" oder "Alexandra". Inhaltlich dominierten zwei Typen: Den einen ging es um die musikalische Bereicherung und den Spass an der Sache. Die anderen hatten politische Ansprüche und sahen sich als Teil einer Gegenöffentlichkeit, die hauptsächlich gegen bürgerliche Politik und Repression im Strafvollzug wetterte.

1979 blies Roger Schawinski mit Radio 24 zum Sturm gegen das SRG-Monopol. Wo die Radiopiraten nur Nadelstiche platzieren konnten, versetzte Schawinski dem Monopol mit dem Zweihänder innert Kürze den Todesstoss. Im Sommer 1983 legalisierte der Bundesrat private und kommerzielle Lokalradios. Die Phase der Illegalität war vorbei. Die linke Gegenöffentlichkeit suchte und fand im Alternativen Lokalradio Zürich oder Radio Bern ihre Frequenzen. Und auch die SRG reagierte – im November 1983 ging DRS 3 auf Sendung. Und warb ein paar Jahre später mit dem Slogan "amtlich bewilligter Störsender"…

> Bestand Dieter Menyhart: Piratenradios (Signatur: F_1005)

(In Piratenradios II wird es um einen weiteren Piratenradio-Nachlass mit Schwerpunkt politische Sender gehen.)