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Erkennungszeichen der «Freundinnen junger Mädchen»
Erkennungszeichen der "Freundinnen junger Mädchen"

Neu im Archiv: Im Kampf gegen den Mädchenhandel

Der Verein "Freundinnen junger Mädchen"/COMPAGNA Zürich

Industrialisierung und Landflucht führten im ausgehenden 19. Jahrhundert dazu, dass junge Frauen in Scharen in die Städte strömten. Sie suchten als Dienstmädchen, Gouvernanten, Verkäuferinnen oder Fabrikarbeiterinnen ein Auskommen. Ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse waren häufig sehr prekär. Viele von ihnen landeten aus unmittelbarer Not oder in der Hoffnung auf höheren Verdienst und ein leichteres Leben, nicht selten aber auch gezwungen von Mädchenhändlern oder Kneipenwirten, in den Bordellen oder in der Strassenprostitution. Dieses neue gesellschaftliche Phänomen führte dazu, dass in allen grösseren Schweizer Städten Sittlichkeitsvereine wie Pilze aus dem Boden schossen.

Zu den zahlreichen Neugründungen gehört auch der Internationale Verein der "Freundinnen junger Mädchen" (FjM), der 1877 in Genf gegründet wurde. Die Gründung erfolgte unmittelbar im Anschluss an den ersten Kongress der Internationalen Abolitionistischen Föderation, der eben in Genf stattgefunden und Fragen der öffentlichen Moral und Sittlichkeit verhandelt hatte. Auf diesem Kongress waren die Teilnehmer mit den Schicksalen "beklagenswerte(r), jammervolle(r) Opfer eines organisierten, raffiniert operierenden, internationalen Handels" konfrontiert worden, "welcher auf Bahnhöfen, in Eisenbahnzügen, auf Dampfbooten, sowie durch schlimme Stellenvermittlungen, trügerische Inserate usw. seine verhängnisvollen Netze auswirft und für welchen Herr Pfarrer Th. Borel in Genf zum erstenmal das Wort Traite des Blanches, Mädchenhandel, prägte." [Schweizerischer Zweig des Internat. Vereins der Freundinnen junger Mädchen. Erster Gesamtbericht 1886-1916, 1916, S. 5]. 1886 wurde der Schweizer Zweig der Freundinnen junger Mädchen gegründet und bis 1916 entstanden 22 Kantonal-Komitees, darunter 1887 die Zürcher Sektion. Ein siebenzackiger Stern im Schild des Heiligen Michael und die Buchstaben A und F für "Amie" (Freundin) und "Fille" (Mädchen) wird das Erkennungszeichen der "Freundinnen".

Das Sozialarchiv kann nun das historische Archiv der Zürcher Sektion der Freundinnen junger Mädchen (seit 1999: COMPAGNA Zürich) übernehmen. Der Archivbestand dokumentiert die praktische Arbeit im präventiven Schutz vor den Gefahren der Prostitution, beispielsweise die Betreuung junger Frauen bei der Ankunft in der Stadt im Rahmen der sogenannten Bahnhofhilfe, die Unterstützung bei der Stellenvermittlung oder das Angebot preisgünstiger Unterkünfte im Marthahaus an der Zähringerstrasse. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam dann die Vermittlung von Aupair-Stellen hinzu, und mit der Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wandelte sich auch die traditionelle Bahnhofhilfe, die immer mehr auch fremde, ältere oder allgemein unsicher wirkende Personen unterstützte. Speziell hervorzuheben ist der umfangreiche Bestand an Fotodokumenten und Objekten, der bis in die Anfänge der Zürcher Sektion zurückreicht.

Das Archiv von COMPAGNA Zürich (Freundinnen junger Mädchen, Sektion Zürich) wird in den nächsten Wochen geordnet und verzeichnet und steht für die wissenschaftliche Forschung ab Anfang 2016 zur Verfügung (SozArch Ar 591).

Neue Archivbestände zur schweizerischen Friedensbewegung

Handschriftliche und gedruckte Quellen zu Pazifismus und Antimilitarismus bilden seit jeher einen Schwerpunkt der Archivabteilung des Sozialarchivs. So dokumentieren zahlreiche Körperschaftsarchive das langjährige Engagement der schweizerischen Friedensbewegung für Abrüstung, Gewaltlosigkeit und das Recht auf Wehrdienstverweigerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand dann der Einsatz für den Ost-West-Dialog und gegen die atomare Bedrohung, beziehungsweise gegen die atomare Aufrüstung der Schweiz, im Vordergrund.

Zu den wichtigsten Beständen gehören die Archive der von Leonhard Ragaz und Pierre Cérésole gegründeten Schweizerischen Zentralstelle für Friedensarbeit, der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (gegründet 1915), des Schweizerischen Friedensrates (gegründet 1945), des Kirchlichen Friedensbundes der Schweiz und der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). Hinzu kommen die Nachlässe von Aktivistinnen und Aktivisten der Friedensbewegung, u.a. von Max Rotter (1881-1964), Rodolfo Olgiati (1905-1986), Willi Kobe (1899-1995) und Aline Boccardo (*1920).

In den letzten Monaten konnte das Sozialarchiv zwei weitere Bestände zur schweizerischen Friedensbewegung übernehmen: das Archiv des Schweizer Zweigs des Internationalen Versöhnungsbundes (IFOR) und den Nachlass von Hansheiri und Bertel Zürrer.

IFOR Schweiz (IFOR-MIR CH)

Der Internationale Versöhnungsbund wurde 1919 als Reaktion auf die Schrecken des Ersten Weltkriegs anlässlich der sog. Bilthoven-Konferenz in Utrecht (NL) gegründet. Zur Gruppe der Gründer gehörte auch Pierre Cérésole, der, wie bereits vermerkt, auch in der Schweizerischen Zentralstelle für Friedensarbeit engagiert war und 1920 den Service Civil International (SCI) mitbegründete. In der Romandie entstand dann in den 1920er Jahren die Gruppe "La Réconciliation", die sich dem Mouvement international de la réconciliation (MIR/IFOR) anschloss.  In der Deutschschweiz ging es erheblich länger, bis sich der Einfluss des IFOR direkt bemerkbar machte. Dies hing einerseits mit der in der Deutschschweiz vergleichsweise starken Stellung der Religiös-sozialen Bewegung zusammen. Andererseits hatte sich hier bereits 1925 die von Karl von Greyerz und Rudolf Liechtenhahn initiierte Vereinigung Antimilitaristischer Pfarrer konstituiert, die ein ähnliches Programm wie der IFOR verfolgte. Die Vereinigung Antimilitaristischer Pfarrer wurde 1938 umbenannt in Kirchlicher Friedensbund der Schweiz (KFB). Der KFB kann als Parallelorganisation zum MIR in der Romandie angesehen werden. Nach einer Phase mehr oder weniger enger Kooperation mit dem IFOR und dem RUP (Rassemblement pour l’unité et la paix) kam es dann 1965 zur formellen Verbindung von KFB und MIR zu einer schweizerischen Zweiggruppe des IFOR. Zur Überwindung des Sprachengrabens hatte nicht zuletzt der gemeinsame Kampf gegen die militärische Nutzung der Atomkraft im Rahmen der "Schweizerischen Bewegung gegen die atomare Aufrüstung" beigetragen. 1974 wurde die Arbeitsgemeinschaft zwischen KFB und MIR aufgelöst, 2011 schlossen sich das MIR und der 1996 in "Forum für Friedensarbeit" umbenannte KFB zum IFOR Schweiz (IFOR-MIR CH) zusammen.

Der Archivbestand von IFOR Schweiz reicht zeitlich bis in die frühen 1940er Jahre zurück. Der Schwerpunkt liegt allerdings im Zeitraum zwischen 1980 und 2010 (Forum für Friedenserziehung).  Speziell hervorzuheben sind die Korrespondenzen und Drucksachen des Kirchlichen Friedensbundes aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs.

Nachlass Hansheiri Zürrer (1918-2015)

Hansheiri Zürrer verstarb am 12. Juli 2015 mit 97 Jahren in Zürich. Er gehörte jahrzehntelang zu den markantesten Persönlichkeiten der schweizerischen Friedensbewegung. Unermüdlich war er präsent, wo es etwas für den Frieden zu tun gab, sei es an Manifestationen oder Anlässen, besonders eifrig aber beim Sammeln von Unterschriften für Volksinitiativen. Hansheiri Zürrer wurde 1918 geboren und studierte Theologie. Nach Abschluss des Studiums war er 1944/45 für den CVJM (Christlicher Verein Junger Männer) in der Kriegsgefangenenhilfe in Danzig und 1945/46 in der Flüchtlingshilfe im Tirol tätig. Er erlebte die Bombardierung Danzigs mit unzähligen zivilen Opfern. Dieses einschneidende Erlebnis machte ihn zum Pazifisten. In einer Zeit, da die Landesverteidigung im Kalten Krieg ein unhinterfragtes Tabu war, rang er sich zur Militärverweigerung durch. Später weigerte er sich, den Militärpflichtersatz zu bezahlen. Zürrer ging dafür achtzehn Mal ins Gefängnis. In Zürich wurde ihm eine Anstellung als Pfarrer verwehrt, was ihn besonders hart traf. Zürrer arbeitete als Fabrik-, Giesserei- und Bauarbeiter, später als Personalchef diverser Firmen. Hansheiri Zürrer war mit der Geigenlehrerin Bertel Zürrer-Saurenmann (1916-2009) verheiratet und hatte vier Kinder.

Hansheiri Zürrer war in vielen Friedensorganisationen aktiv, insbesondere in der Schweizerischen Bewegung gegen die atomare Aufrüstung und in der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK). Später konnten die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee, das Friedensforum Zürich und nicht zuletzt die Religiös-sozialistische Bewegung um die Zeitschrift "Neue Wege" auf seine Mitarbeit zählen. Der Nachlass von Hansheiri Zürrer besteht im Wesentlichen aus der umfangreichen Korrespondenz und aus unzähligen handschriftlichen Notizen, vieles davon in stenographischer Schrift. Vorhanden sind auch Materialien von und über friedenspolitische Organisationen, in denen Zürrer engagiert war.

> Das Archiv von IFOR Schweiz kann im Lesesaal des Sozialarchivs ohne Benutzungsbeschränkungen eingesehen werden. Der Nachlass von Hansheiri Zürrer wird zurzeit bearbeitet.

Split Screen mit Emilie Lieberherr und Jürg Kaufmann (Still aus dem Wahlkampfvideo von 1986)
Split Screen mit Emilie Lieberherr und Jürg Kaufmann (Still aus dem Wahlkampfvideo von 1986)

Datenbank Bild + Ton: Neue Bestände online

Videos von Liliane Waldner

Der Bestand der Zürcher Politikerin und ehemaligen Adjunktin von Stadträtin Emilie Lieberherr, Liliane Waldner, enthält drei überlieferungswürdige Videos zu einem Arbeitsintegrationsprojekt der Stadt Zürich, zu den Verhältnissen auf dem Zürcher Platzspitz während der offenen Drogenszene und zum Stadtratswahlkampf von 1986. Vor allem dieses letzte Video gibt einen köstlichen Einblick in die Anfänge des multimedial geführten Wahlkampfs: Emilie Lieberherr und Jürg Kaufmann preisen unbeholfen-charmant ihre Verdienste für Zürich, Gott sei Dank ohne Wachhund Willy und Parteigesang!
> Signatur: Sozarch_F_9056

HOP! Zürich

Für schweizerische Verhältnisse stieg die Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren stark an. Um Erwerbslose zu beschäftigen, zu qualifizieren und wenn möglich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wurde 1995 "HOP! Wipkingen" gegründet – nach einer Expansionsphase entstand daraus "HOP! Zürich". Arbeitslose Männer und Frauen konnten beispielsweise in Gastronomie-, Garten- oder Strassenunterhaltsprojekten ihr Auskommen finden. Der Fotograf Ruedi Rebholz hat die ersten Jahre von HOP! Zürich dokumentiert. Der Bestand umfasst rund 120 Schwarzweissfotos, welche die ursprünglich breit diversifizierten Einsatzgebiete der Beschäftigten zeigen. Nach der Jahrhundertwende konzentrierte sich HOP! Zürich zusehends auf den Lingerie- und Gastronomiebereich.
> Signatur: Sozarch_F_5128

Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen

Die Gewerkschaft UNIA hat 2013 das Projekt "Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen" lanciert. Die 16 bislang geführten ausführlichen Interviews geben Auskunft über Herkunft, politische Sozialisierung und die praktische Gewerkschaftsarbeit.
Online sind aus vertraglichen Gründen nur kurze Ausschnitte zugänglich. Die vollständigen Interviews können aber im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs konsultiert werden. Der Bestand wird im Verlauf der nächsten Monate durch weitere Interviews ergänzt werden.
> Signatur: Sozarch_F_1021

Tonaufnahmen der Berner Telefonzytig

Im Rahmen der 80er Jugendunruhen gründeten Mitglieder der Berner Bewegungsszene 1981 eine Telefonzeitung, durch die sich Interessierte über aktuelle Ereignisse aus den Bereichen Politik und Kultur sowie Veranstaltungen in der Bewegungsszene informieren und anhand dieser Informationen vernetzen konnten. Dieses telefonische Verteilersystem war damit eine Art analoger Vorform der heutigen Social Media wie Facebook oder Twitter. Die Berner Telefonzytig, die sich an der Zürcher Telefonziitig orientierte, war als Verein organisiert und finanzierte sich vor allem durch Spenden und Mitgliederbeiträge der Hörerschaft. Sie war in einer ersten Phase in einem Stall des Autonomen Jugend- und Begegnungszentrums (AJZ) in der Reithalle stationiert.

Die Telefonzytig musste ihren Betrieb wegen Räumungen und/oder Schliessungen der Reithalle durch die Polizei mehrmals einstellen und die Lokalität schliesslich wechseln. Ausserdem geriet sie wegen angeblicher Aufwiegelung zu Gewalt mehrmals mit den städtischen Behörden in Konflikt. Die Betreiber begriffen die Telefonzytig als alternatives Informationsmedium zu den kommerziellen Printmedien der Stadt Bern wie der "Berner Zeitung" oder dem "Bund", an denen sie insbesondere eine einseitige und tendenziöse Berichterstattung kritisierten.

Die einzelnen Bulletins wurden in der Regel täglich jeweils am Abend auf ein sog. Alibiphon, eine frühe Version des Anrufbeantworters, gesprochen und konnten dann durch das Wählen einer offiziell aufgeschalteten Telefonnummer abgehört werden. Eine einzelne Ausgabe war jeweils in einen ersten Teil mit Informationen zu aktuellen Geschehnissen in der Politik und einen zweiten Teil mit Hinweisen auf kulturelle oder politische Veranstaltungen gegliedert.

In der Berichterstattung der Telefonzytig manifestieren sich die zentralen Anliegen der Schweizer Jugendbewegung der 1980er Jahre, die sich gegen politische Behörden, die städtische Wohnpolitik, den Bau von Atomkraftwerken, die Ordnungspolitik der Polizei oder den Import der amerikanischen Fast-Food-Gastronomie richteten. Die Telefonzytig legte ihren thematischen Fokus auf die Regionalpolitik, informierte teilweise aber auch über das internationale Geschehen wie z. B. den israelisch-palästinensischen Konflikt oder die Militärdiktaturen in El Salvador, Chile und der Türkei. Ausser durch die inhaltliche Fokussierung auf Belange der Bewegung unterschied sie sich von kommerziellen Zeitungen auch durch ihren ironischen und parodistischen Stil.

Ab Mitte des Jahres 1982 publizierte der Verein mit der "Bärner Telefonzytigs-Zytig" auch ein entsprechendes Printmedium, das vierteljährlich erschien. – Der Bestand umfasst Aufnahmen von rund 280 Ausgaben aus den Jahren 1981 bis 1983, die auf insgesamt 10 Audiokassetten verteilt waren. Sie sind nun neu online zugänglich via Datenbank Bild + Ton.

Palindrom gegen den damaligen Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen, einen der Erzfeinde der Jugendbewegung. Michel Fries hat Dutzende dieser kreativen Wortspiele und Sprayereien fotografiert.
Palindrom gegen den damaligen Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen, einen der Erzfeinde der Jugendbewegung. Michel Fries hat Dutzende dieser kreativen Wortspiele und Sprayereien fotografiert.

Bild + Ton: Michel Fries

1980 beginnen in verschiedenen Schweizer Städten die sogenannten "Jugendunruhen". Viele Jugendliche sind unzufrieden und fordern selbstverwaltete Räume und mehr Unterstützung für ihre Kultur. Die Hinhaltetaktik der Behörden und die Ignoranz vieler Politiker diesen Anliegen gegenüber wirken auf die Dauer frustrierend. Die Jugendlichen demonstrieren auf der Strasse, wo es sehr bald zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt.

In Zürich erhalten zwar die vielen Unzufriedenen mit der Liegenschaft an der Limmatstrasse 18/20 schon bald ein "Autonomes Jugendzentrum", sind dann aber mit dem Betrieb und der sich entwickelnden Eigendynamik insbesondere mit dem AJZ als Drogenumschlagplatz überfordert. Auch die Stadtbehörden und die Ordnungsorgane bewahren in dieser turbulenten Zeit keinen kühlen Kopf. Viele Demonstrationen eskalieren in Gewalt, ausgehend von beiden Seiten.

Während zweier Jahre ist Michel Fries Teil dieser Bewegung. Der Horgener verbringt viel Zeit auf Zürichs Strassen und im AJZ. Immer dabei: seine Fotokamera. Er hält Tränengaswolken und zerbrochene Schaufenster fest, fotografiert den Alltag im AJZ mit seinen Konzerten, dem friedlichen Beisammensein, aber auch das Elend und den Müll. Seine Aufmerksamkeit gilt den überall hin gesprayten Spontisprüchen, den Schmähungen an Politiker, Polizisten und Justizvertreter. Die Fotos von Fries sind sorgfältig gestaltet, mit grossem Flair für Lichtführung und Ausschnittwahl. Auffällig ist die melancholische Stimmung, die vor allem die Fotos aus dem AJZ vermitteln. Fries zeigt auch die leeren Räume nach einem Anlass, hingefläzte Penner, demolierte Einrichtungen.

Der Bestand umfasst über 900 Fotos (und wenige Dias) aus den Jahren 1980 und 1981. Fries hat neben den Zürcher Ereignissen auch an seinem Wohnort Horgen fotografiert, wo das Interesse vor allem der Erhaltung von günstigem Wohnraum im Dorfkern galt.

> Der Bestand ist online recherchierbar: Signatur F_5111.

Flyer (Ausschnitt) zur kantonalzürcherischen Abstimmung vom 26.9.1982 über den Bau einer Psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche (SozArch Ar 578: Archiv VUA)
Flyer (Ausschnitt) zur kantonalzürcherischen Abstimmung vom 26.9.1982 über den Bau einer Psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche (SozArch Ar 578: Archiv VUA)

Neu im Archiv: Bestand Vereinigung Unabhängiger Ärztinnen und Ärzte (VUA)

Die "Vereinigung Unabhängiger Ärztinnen und Ärzte" (VUA) wurde 1975 in Zürich gegründet. Auslöser für die Gründung war eine Änderung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG). Die VUA-Gründerinnen und -Gründer warfen den ärztlichen Standesorganisationen vor, fast ausschliesslich mit der Behauptung und Mehrung ihrer überdurchschnittlichen Einkommen beschäftigt zu sein. Das Ziel einer optimalen medizinischen Versorgung der Bevölkerung scheitere "an der politischen Macht jener Interessengruppen, die im Gesundheitssektor eine Quelle von Profit gefunden" hätten. Von Anbeginn an verstand sich die VUA als Vereinigung politisch links orientierter Ärztinnen und Ärzte. Zielsetzungen waren (und sind) eine solidarischere Gesellschaft im Allgemeinen und ein gerechteres Gesundheitswesen im Speziellen.

Während der Zürcher Jugendunruhen von 1980 mischte sich die VUA dezidiert in die Tagespolitik ein. So publizierte sie u.a. eine viel beachtete Studie über die gesundheitlichen Risiken des Tränengas- und Gummigeschoss-Einsatzes. Neben politischen Aktivitäten wurden Diskussionen mit Referent/innen organisiert, teilweise als öffentliche Veranstaltungen mit entsprechendem Presse-Echo. Ein besonderes Anliegen war es, die eigene Berufstätigkeit kritisch zu reflektieren und freundschaftliche Kontakte untereinander zu pflegen.

Der Archivbestand der VUA hat einen Umfang von rund anderthalb Laufmetern. Vorhanden sind zum einen die klassischen Vereinsakten: Protokolle der Gremien (Vorstand, Versammlungen), Statuten, Korrespondenzen, Strategie- und Konzeptpapiere, Zirkulare, Flugblätter, Jahresrechnungen und Ähnliches. Darüber hinaus wurden aber auch thematische Dossiers abgeliefert, beispielsweise zu neuen und teilweise experimentellen Versorgungsmodellen (interdisziplinäre Gruppenpraxen, sozial-medizinische Dienstleistungszentren, Laborgemeinschaften), zu Einzelhaft bzw. Isolationshaft, zu (Teil-)Berufsverboten oder zur Drogenpolitik der Stadt Zürich in den Jahren 1982/83. Speziell hervorzuheben sind Unterlagen zu Abstimmungskomitees und Bürgerinitiativen, in denen die VUA prominent vertreten war. Zu nennen sind hier etwa das "Aktionskomitee gegen den Bau einer Psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche" (1982) oder das "Komitee gegen den Polizeistaat", das sich 1981 gegen Zürcher Gefängnisneubauten engagierte.

Für das Archiv der VUA gilt eine Schutzfrist von 30 Jahren. Die Leitung des Schweizerischen Sozialarchivs ist allerdings ermächtigt, die Einsichtnahme für wissenschaftliche Zwecke vor Ablauf der Schutzfrist zu gewähren. Voraussetzung dafür ist das Vorliegen eines schriftlichen Einsichtsgesuchs. Der Bestand wird zurzeit bearbeitet.

Trio mit frittierten Fröschen (Sozarch_F_5122-Fb-041)
Trio mit frittierten Fröschen (Sozarch_F_5122-Fb-041)

Neue Bestände in der Datenbank Bild + Ton

Comment frire une grenouille entière

Die "Hotel & Gastro Union" wurde 1886 in Luzern gegründet. Die Berufsorganisation kümmerte sich neben der sozialpolitischen und rechtlichen Unterstützung der Hotel- und Gastgewerbeangestellten auch um deren Aus- und Weiterbildung. Zu diesem Zweck wurde 1909 die verbandseigene "Schweizerische Hotelfachschule" gegründet.
Aus dem Hotelfachschulbereich sind denn auch die meisten der rund 220 digitalisierten Papierabzüge und Glasdias dieses Bildbestandes. Auf den Fotos sind hauptsächlich Schauplatten von Kochkunstausstellungen zu sehen sowie einige Gruppenporträts, vermutlich von Gewerkschaftsfunktionären (anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums der Union Helvetia, 1911).
Ins Auge fällt bei den fotografierten Gerichten der dominante Einfluss der französischen Haute Cuisine. Die Fotografien geben überdies auch Aufschluss über die Vorstellungen in den 1920er/30er Jahren, wie ein Gericht garniert und präsentiert werden sollte oder wie das Verhalten der "idealen Serviertochter" zu sein hätte.
> Bestand: Union Helvetia (F_5122)

Once upon a time in the east

Im 18. und 19. Jahrhundert emigrierten Tausende von Schweizerinnen und Schweizern nach Russland. Sie fanden ihr Auskommen in der Industrie, der Landwirtschaft, im lebensmittelverarbeitenden Gewerbe oder an Schulen und Universitäten. Nach dem Zusammenbruch des zaristischen Russland kehrten viele wieder zurück in die Schweiz. Ihre Geschichte ist dank der mehrbändigen Reihe "Beiträge zur Geschichte der Russlandschweizer" (herausgegeben von Carsten Goehrke) gut erforscht.
Eine der Grundlagen für diese Reihe war das sogenannte "Russlandschweizer-Archiv", angesiedelt am Fachbereich für Osteuropäische Geschichte des Historischen Seminars der Universität Zürich.
Das Sozialarchiv hat dieses Archiv übernommen und die darin enthaltenen über 400 Fotos, Postkarten und kleinformatigen Drucke digitalisiert und erschlossen. Es handelt sich dabei vor allem um private Fotografien der Russlandschweizer, welche die Familienangehörigen, das Leben zu Hause oder in der Datscha zeigen. Der Bildbestand – hauptsächlich aus der Zeit zwischen 1870 und 1920 – gewährt Einblicke ins vorrevolutionäre Russland und in Leben, Wirken und Schicksale von Schweizer Emigrant/innen.
> Bestand: Russlandschweizer-Archiv (RSA) (F_5119)

Stempel im Protokollbuch: BUNDES COMITE – SCHWEIZ. ARBEITERBUND – GEGR. IN OLTEN DEN 1.2.U.3. JUNI 1873
Stempel im Protokollbuch: BUNDES COMITE – SCHWEIZ. ARBEITERBUND – GEGR. IN OLTEN DEN 1.2.U.3. JUNI 1873

Neu im Archiv: Protokollbuch des Ersten Arbeiterbundes

1873 schlossen sich mehrere Sektionen des Grütlivereins mit Arbeitervereinen und Gewerkschaften in Olten zum sogenannten Alten Schweizerischen Arbeiterbund zusammen. Der Arbeiterbund verfügte mit der «Tagwacht» über eine eigene Arbeiterzeitung. Nach einer kurzen Blüte zerbrach der Arbeiterbund 1880 an den inneren Gegensätzen. Der letzte Kongress wurde zwischen dem 6. und 8. November 1880 in Olten abgehalten. Man beschloss die Auflösung des Arbeiterbundes und die Gründung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Zudem wurde die Gründung der Sozialdemokratischen Partei als politische Nachfolgeorganisation angeregt.

Die Geschichte des Alten Schweizerischen Arbeiterbundes hat Erich Gruner in seinem Standardwerk «Die Arbeiter in der Schweiz im 19. Jahrhundert» (1968) nachgezeichnet. Gruner stützte sich dabei in erster Linie auf die gedruckten Kongressprotokolle, die Berichterstattung in der «Tagwacht» und die autobiografischen Aufzeichnungen von Herman Greulich. Nun konnte das Schweizerische Sozialarchiv aus dem Zentralarchiv der Gewerkschaft UNIA eine Quelle übernehmen, die Erich Gruner vor fünfzig Jahren nicht zur Verfügung stand. Es handelt sich um das Protokollbuch des Genfer «Bundescomités» aus den Jahren 1874 bis 1875. Darin sind 47 Sitzungen zwischen dem 12. Februar 1874 und dem 7. Januar 1875 dokumentiert. Die Protokolle sind bezeichnenderweise in deutscher Sprache verfasst, da damals fast alle Mitglieder der Genfer Arbeitervereine aus Deutschland oder aus der Deutschschweiz stammten. Die Protokolle erlauben einen hoch interessanten Einblick in das Innenleben des Alten Arbeiterbundes. Sie vermerken den Eingang umfangreicher Korrespondenzen und beleuchten organisatorische Fragen oder beispielsweise die Diskussionen rund um die «Tagwacht» oder die Agitationsreisen des Glarner Arbeiterführers Johann Heinrich Staub. Das Protokollbuch macht darüber hinaus auch die enorme zusätzliche Belastung der Mitglieder des Bundescomités deutlich, die als einfache Arbeiter mit täglichen Arbeitszeiten von zehn bis zwölf Stunden gewerkschaftlich und politisch aktiv waren.

Das Protokollbuch trägt die Signatur SozArch Ar 201.26.2 und kann im Lesesaal jederzeit eingesehen werden.

Ellen Rifkin Hill mit ihrem geliebten Pudel (Signatur: Sozarch_F_5052-Fa-033)
Ellen Rifkin Hill mit ihrem geliebten Pudel (Signatur: Sozarch_F_5052-Fa-033)

Neue Bestände in der Datenbank Bild + Ton

Fotos von Ellen Rifkin Hill

Ellen Rifkin Hill hat dem Schweizerischen Sozialarchiv nicht nur ein grosszügiges Erbe, sondern auch Privatfotos hinterlassen. Der Bestand umfasst in erster Linie Porträtfotos von ihr selbst. Wenn man es in simpler Analogie wagen möchte, von der Anzahl der Fotos Rückschlüsse darauf zu ziehen, wer in ihrem Leben eine Rolle gespielt hatte, dann sind dies (mit absteigender Wichtigkeit): 1., ex aequo: ihre Hunde (ausschliesslich Pudel oder Dackel) und Patricia Highsmith, mit der sie in den 1950er Jahren eine Beziehung führte; 2. ihre Eltern; 3. ihre Ehemänner.
(Signatur: Sozarch_F_5052)

Dokumentation zur Frauenbewegung Bern und zur Behinderten-Bewegung

Die Fotografin Helga Leibundgut dokumentierte ab Mitte der 1970er Jahre die Berner Frauenbewegung, der sie als Mitglied der FBB (Frauenbefreiungsbewegung) nahestand. Es entstanden wertvolle Aufnahmen der Treffpunkte der Frauenbewegung, ihrer Protagonistinnen und von zahlreichen Kundgebungen.
Der Bestand umfasst zudem die ab 1979 entstandenen Fotos der Behinderten-Bewegung. Auslöser war die Bekanntschaft mit Ursula Eggli, die im vielbeachteten Film "Behinderte Liebe" von Marlies Graf vor der Kamera stand. Weiteres, vorläufig nicht digitalisiertes Material steht in Form von Schwarzweiss-Negativen zu den Themen Frauenbuchladen Bern (1978) und "Werkstatt schreibender Frauen" (1979) auf Anfrage zur Verfügung.
(Signatur: Sozarch_F_5110)

Ökologisches Waschen

Kleiner Bestand mit einer Tonbildschau und wenigen Fotos aus den 1990er Jahren. Der "Arbeitskreis ökologisches Waschen" warb hauptsächlich für das Waschen von Wäsche mit Seife anstelle der handelsüblichen Vollwaschmittel.
(Signatur: Sozarch_F_5114)

Quellen zum Hotellerie- und Gastronomiegewerbe der Schweiz

Das Archiv der "Hotel & Gastro Union" (ehemals: "Union Helvetia")


Warum wird den Gästen in amerikanischen Restaurants bis heute Eiswasser vorgesetzt? Was ist ein "Groom"? Wie sah eine professionelle Glacémaschine der Zürcher Firma Autofrigor AG im Jahr 1950 aus? Was wird beim Bedienen von der linken und was von der rechten Seite serviert?

Antworten auf solche Fragen finden Sie im historischen Archiv der Berufsorganisation "Hotel & Gastro Union" (sowie am Ende dieses Beitrags). Dieses Archiv konnte das Schweizerische Sozialarchiv vor zwei Monaten übernehmen. Es gehört sicher zu den interessantesten und farbigsten Beständen im Sozialarchiv. Neben Protokollen, Korrespondenz, alten Rechtsschutzunterlagen und vielen weiteren Akten sind auch eine umfangreiche Fotosammlung, eine Reihe grossformatiger Bände mit historischen Menükarten aus dem In- und Ausland sowie die von der Berufsorganisation herausgegebenen Zeitschriften, Koch- und Lehrbücher vorhanden. Sozialgeschichtlich aufschlussreich sind speziell die umfangreichen Unterlagen zu den verbandspolitischen Themen wie Arbeitszeit, Arbeitslohn, Ruhetagsfrage, Kündigungsfristen oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ein ständiger Streitpunkt war auch das Trinkgeld. Hier wurde erst 1974 eine Lösung gefunden; seither ist der "Service inbegriffen". Der Tourismus ist für die Schweizer Volkswirtschaft von grosser Bedeutung. Er trägt auf nationaler Ebene rund drei Prozent zur Wirtschaftsleistung und 4,2 Prozent zur Beschäftigung bei. Besonders wichtig ist die Hotellerie und Gastronomie in den Tourismusgegenden der Alpen. Das ist auch der Grund, weshalb viele Akten im Archiv der "Hotel & Gastro Union" das Wallis, Graubünden, das Berner Oberland, das Tessin und die Zentralschweiz betreffen.

Organisationsgeschichtliches

Die "Hotel & Gastro Union" wurde am 6. Oktober 1886 in Luzern unter dem Namen "Winkelried-Verein, Hülfs-Verein der schweizerischen Hôtelangestellten" gegründet. Bereits 1887 erfolgte die Namensänderung zu "Union Helvetia". Vereinszweck  war "die geistige und moralische Hebung und Veredelung der Standesgenossen durch gegenseitige Belehrung". Der fachtechnischen Aus- und Weiterbildung dienten die Zeitschriften und Monatsbeilagen und vor allem die 1909 gegründete verbandseigene Schweizerische Hotelfachschule in Luzern. Anfänglich war die Berufsorganisation ausgesprochen wirtschaftsfriedlich eingestellt. Eine zentrale Rolle spielten die Einführung von Versicherungs- und Hilfskassen, weil damals noch keinerlei staatliche Sozialfürsorge bestand, sowie die Stellenvermittlung. Die sozialpolitische Tätigkeit setzte erst mit den wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Ersten Weltkriegs ein. Nun rückte die kollektive Interessenvertretung im Gastgewerbe in den Vordergrund und es wurden erstmals auch weibliche Angestellte und Ausländer zur Mitgliedschaft zugelassen. 1920 entstanden auch die ersten Zweigvereine: der "Schweizer Kochverband" und der "Schweizerische Servierpersonal-Verband". Heute umfasst die "Hotel & Gastro Union" fünf Berufsverbände; neben dem oben erwähnten "Schweizer Kochverband" sind dies die Berufsverbände "Restauration", "Hotellerie-Hauswirtschaft" und "Hotel/Administration/Management" sowie der "Schweizer Bäckerei- und Konditorei-Personal-Verband", der 2009 aufgenommen wurde.

Das Archiv der "Hotel & Gastro Union" ist eine wichtige Ergänzung der Bestände zum Dienstleistungsgewerbe in der Schweiz. Es wird zurzeit bearbeitet und kann nach Abschluss der Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten ohne Benutzungsbeschränkungen eingesehen werden.

Auflösung der Fragen:

  • Während der Prohibition in den USA (1920-1933) war es üblich und manchenorts gar Vorschrift, den Gästen sofort Eiswasser einzuschenken, offenbar um sie nicht auf den Gedanken kommen zu lassen, dass irgendetwas fehle.
  • "Groom" ist der englische Ausdruck für Page oder Hotelboy.
  • Glacémaschine der Firma Autofrigor AG, 1950 (siehe Bild)
  • Beim Bedienen wird Flüssiges von rechts aufgetragen, Speisen von links. Abgeräumt wird von rechts.