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Das Archiv der SGG

Im Sommer 2010 hat das Schweizerische Sozialarchiv die historischen Aktenbestände der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft als Dauerleihgabe übernommen. Abgegeben wurden die Unterlagen aus den ersten 150 Jahren der Gesellschaftsgeschichte, während die neueren Akten ab 1960 weiterhin an der Geschäftsstelle der SGG in Zürich aufbewahrt werden.
Die Übernahme des SGG-Archivs ist für das Schweizerische Sozialarchiv ein Meilenstein. Die Akten der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft bilden den wohl wichtigsten Bestand privater Herkunft für die schweizerische Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Für die sozialgeschichtliche Forschung ist das Archiv der SGG eine beinahe unerschöpfliche Fundgrube.

Modernisierung und christliche Werte

Wie es Hans Ulrich Jost treffend formuliert hat, widerspiegelt die SGG in sich selbst eine veritable schweizerische National- und Sozialgeschichte. An der ersten Zusammenkunft der SGG vom 15. Mai 1810 in Zürich umschrieb ihr eigentlicher Stifter, der Zürcher Stadtarzt Johann Caspar Hirzel (1751-1817), den Zweck der neuen Gesellschaft mit folgenden Worten: "… Jeder Mensch (hat) als Glied der menschlichen Gesellschaft das unveräusserliche Recht und die Pflicht der Selbsterhaltung; aber ebenso unveräusserliche Pflicht auch, für das Wohl seiner Mitmenschen zu arbeiten, wozu besonders die Religion den Christen und die Vaterlandsliebe den Bürger verbinden." Knapp und präzis umreisst das Zitat die wichtigsten Grundsätze der neuen Gesellschaft. Die Gründer waren von einem humanistischen Menschenbild geprägt. Sie vertraten einen sozialverantwortlichen Liberalismus und stellten das Gemeinwohl ins Zentrum. Die Modernisierung von Staat und Gesellschaft sollte durch Erziehung, christliche Werte, Moralität und Mässigung herbeigeführt werden. Rasch profilierte sich die SGG als reformorientiertes Diskussionsforum der politischen, wirtschaftlichen und geistlich-seelsorgerischen Eliten. Da die Mitglieder sowohl reformierter wie katholischer Herkunft waren und sowohl städtische wie ländliche Milieus und überdies auch alle Landesteile repräsentierten, entfaltete die SGG vor allem in den ersten fünfzig Jahren eine national integrierende und im besten Sinne staatstragende Wirkung. Dazu trugen nicht zuletzt die Solidaritätsaktionen und Geldsammlungen bei, von denen meist die Verlierer des politischen und sozioökonomischen Wandels profitierten. Erwähnt seien hier beispielsweise die Sammlungen für die beim Durchmarsch der österreichischen Truppen im Sommer 1815 geplünderten Walliser und für die Hochwassergeschädigten im zentralen Alpenraum 1834 oder die Hilfsaktion für die aus der Lombardei vertriebenen Tessiner im Jahr 1853. Solche Sonderanstrengungen haben im Archiv genauso einen Niederschlag gefunden wie die Kernaktivitäten der SGG.

In den Anfängen standen klar die Gefährdung Einzelner und der Gesellschaft durch Armut, der wirtschaftliche Fortschritt und die Förderung der Volksbildung im Vordergrund. Im Bundesstaat von 1848 rückte die SGG dann mit dem Ankauf der Rütliwiese 1859 und deren Schenkung an die Eidgenossenschaft ins öffentliche Bewusstsein. Daneben betrieb die SGG eigene Erziehungs- und Besserungsanstalten (Bächtelen, Sonnenberg, Richterswil, Turbenthal), und sie richtete ihr Augenmerk auf die Bekämpfung des Alkoholkonsums, des Glückspiels um Geld, auf die Popularisierung von Gesundheits- und Ernährungswissen und die Förderung der Berufsbildung. Im 20. Jahrhundert wurde, dank zahlreicher Legate, die Vergabe von Unterstützungsbeiträgen und Einzelfallhilfe zu einem Schwerpunkt. Gleichzeitig nahm die Bedeutung der SGG als sozialpolitisches Diskussionsforum ab, nicht aber die nach wie vor an praktischen Lösungen orientierte Grundhaltung: Parallel zum Ausbau des Sozialstaates rief die SGG im 20. Jahrhundert private Wohlfahrtswerke ins Leben, so 1912 die Pro Juventute und 1917 die Pro Senectute. 1932 konstituierte die SGG die Schweizerische Landeskonferenz für soziale Arbeit (LAKO), aus der heraus zehn Jahre später die Schweizer Berghilfe gegründet wurde. Ein weiteres Kind der SGG ist die 1934 gegründete Zentralauskunftsstelle für Wohlfahrtsunternehmungen (Zewo).

Gegen Mädchenhandel und Schundliteratur

Eine Aufzählung wichtiger Tätigkeitsfelder kann vielleicht am besten einen Eindruck von der Reichhaltigkeit und thematischen Breite des Archivbestandes vermitteln. In ihrer mehr als 200-jährigen Geschichte hat die SGG an Versammlungen und in den gedruckten Publikationen eine enorme Fülle sozialer und gesellschaftspolitischer Fragen erörtert. Sie konnte sich dabei auf ein dichtes Netz von Korrespondenten stützen und organisierte eigene Enquêten und Statistiken, beispielsweise zum Armenwesen der Kantone (ab 1810), zur Lehrerbildung (1828), zu den Ersparniskassen (1853), zum Wohnungswesen (1857), zur Presselandschaft (1887), zur Kinderarbeit (1901) und zum Anstaltswesen (1932). Ein typisches Beispiel für solche Erhebungen ist die Umfrage von 1823 zum Fabrikwesen mit folgenden Fragestellungen: "Welches sind die Vorteile und Nachteile des Handels und der Fabriken in der Schweiz in ökonomischer, moralischer und politischer Hinsicht, und auf welche Art könnte man die ersteren befördern, den letztern entgegenarbeiten?" Seit dem frühen 19. Jahrhundert gab es kaum eine sozialpolitische Frage, die in der SGG nicht diskutiert worden wäre. So finden sich Unterlagen zur Blinden- und Taubstummenfürsorge, zum Straf- und Gefängniswesen, zum Mädchenhandel, zum Kampf gegen Prostitution und unsittliche Literatur (später: Schund- und Kitschliteratur), zur Kultur der eidgenössischen Verbandsfeste der Schützen, Turner und Sänger oder zur Frage der Entvölkerung alpiner Gebirgstäler.

Die eigene Geschichte bewahren

Innerhalb der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft war stets ein waches Bewusstsein über den hohen Quellenwert dieser Unterlagen für die schweizerische Sozialgeschichte vorhanden. Zur Bewahrung der eigenen Geschichte wurden bis in die Gegenwart hinein grosse Anstrengungen unternommen. Sie schlugen sich zum einen in den Festschriften zu den SGG-Jubiläen nieder, zum anderen in der Pflege des eigenen Archivs. Zwischen 1883 und 1918 bestand eine Archivkommission, die mit der Erstellung einer Archivsystematik und der Ordnung der Archivalien betraut war. In diesem Zusammenhang besonders interessant ist die damals vorherrschende Sichtweise auf das Gesellschaftsarchiv, die sich von einem modernen Archivverständnis bzw. Archivbegriff wesentlich unterscheidet. Zum Archiv und damit zum Zuständigkeitsbereich der Archivkommission gehörten nicht nur die Aktenstücke der zentralen Gremien und Fachkommissionen, sondern eben auch die Restvorräte von Gesellschaftspublikationen, namentlich der "Schweizerischen Zeitschrift für Gemeinnützigkeit", sowie eine grosse Sammlung von einschlägigen Broschüren, Statuten, Reglementen und Jahresberichten. Der letztgenannte Drucksachenbestand wurde unter der Bezeichnung "Schweizerisches Zentralarchiv für Gemeinnützigkeit" geordnet und katalogisiert. 1887 wurde ein Gesamtkatalog dieser Schriften publiziert und in den folgenden Jahren erschienen mehrere Ergänzungsbände. Auch das eigentliche Gesellschaftsarchiv – Unikate wie Korrespondenzen, Berichte, Protokolle, Verträge und Ähnliches – wurde in den 1880er Jahren erstmals inventarisiert.

Während des Ersten Weltkriegs wurde die Archivierung dem Aufgabenbereich der neu geschaffenen Stelle des Sekretärs der SGG zugeordnet und das Archiv gelangte aus dem Estrich des Wollenhofs in die neuen Sekretariatsräumlichkeiten an der Brandschenkestrasse. 1942/43 war der Historiker Siegfried Viola für die Neuordnung des Archivs besorgt. Damals wurde der ganze Bestand mit einem Kreuzkatalog auf Tausenden von Karteikarten erschlossen. Im Jubiläumsjahr 1960 erfolgte eine Überarbeitung des Archivs durch Walter Rickenbach. Im Hinblick auf das 200-Jahr-Jubiläum der SGG wurden Stephan Holländer und Martin Gabathuler 1994 mit der neuerlichen Aufarbeitung des Archivs beauftragt. Alte Archivschachteln und Schutzumschläge wurden durch alterungsbeständige, säurefreie Behältnisse ersetzt, Metall- und Plastikteile entfernt. Zudem wurde für die inhaltliche Erschliessung des Archivs eine Datenbank konzipiert und umgesetzt. Im Zusammenhang mit der Übernahme des SGG-Archivs durch das Schweizerische Sozialarchiv wurden die Datenbankeinträge mit den Informationen des Kreuzkatalogs verknüpft. Im Ergebnis steht heute für die Benützung erstmals ein detailliertes Archivfindmittel zur Verfügung. Das mehrere hundert Seiten umfassende Verzeichnis kann online konsultiert werden. Die Akten selbst, d.h. die Unterlagen der SGG aus den ersten 150 Jahren der Gesellschaftsgeschichte, stehen im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs allen Interessierten ohne Benutzungsbeschränkungen zur Einsicht offen.

Erfrischung nach dem Kongress der Internationale 1893:  Sozialistische Prominenz im Garten des Wirtshauses Löwen in Bendlikon.
Erfrischung nach dem Kongress der Internationale 1893: Sozialistische Prominenz im Garten des Wirtshauses Löwen in Bendlikon.

Eine kleine Sensation: Der Nachlass von Herman Greulich

Herman Greulich (1842-1925) gehörte zu den Wegbereitern der schweizerischen Arbeiterbewegung und zu einer ihrer bedeutendsten Persönlichkeiten. Sein schriftlicher Nachlass galt als verschollen, wenngleich das Schweizerische Sozialarchiv, das IISG in Amsterdam und das Archiv des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes über Nachlasssplitter und Fragmente verfügen. Was an persönlichen Dokumenten in der Familie noch vorhanden war, hat alt Bundesrichter Herman Schmidt, ein direkter Nachfahre von Herman Greulich, in langjähriger Arbeit zusammengetragen, inventarisiert, kommentiert und dem Schweizerischen Sozialarchiv übergeben. Wie sich jetzt zeigt, ist der Nachlass Greulich viel umfangreicher, vielfältiger und gehaltvoller, als es erwartet werden durfte.

Geschichte der Dokumente

Herman Greulich wurde 1887 zum ersten vollamtlichen Sekretär des Schweizerischen Arbeitersekretariats gewählt, eine Stellung, die er bis zu seinem Tod innehatte. Die Akten des Arbeitersekretariats wurden von Greulichs letztem Mitarbeiter Emil Leuenberger aus dem Büro im St. Annahof zum Schweizerischen Gewerkschaftsbund nach Bern gezügelt. Die persönliche Korrespondenz und die Familienstücke verblieben in Greulichs Doppelhaus an der Klusstrasse 26/28 in Hirslanden. 1942 fand im Zürcher Volkshaus eine Gedenkausstellung zum 100. Geburtstag von Herman Greulich statt. Organisator war Gerold Meyer (1900-1990), der mit einer Enkelin Greulichs verheiratet war. Zur Vorbereitung der Ausstellung verwendete Gerold Meyer zahlreiche Briefe und Erinnerungsstücke der Familie, die danach in seinem Besitz verblieben und zunächst in Meyers Reihenhaus in der Werkbundsiedlung Neubühl in Wollishofen, nach 1960 in der Tessiner Liegenschaft in Brione s. Minusio aufbewahrt wurden. Nach dem Tod der Eheleute Meyer-vanHasz (1988 bzw. 1990) konnte Herman Schmidt aus den verwahrlosten Wohn- und Estrichräumen in Brione wichtige Nachlassteile retten. Erhalten geblieben sind in erster Linie Dokumente, die 1942 in der Greulich-Ausstellung gezeigt oder für die Vorbereitung der Ausstellung ausgeliehen wurden. Leider sind aber im Tessin diverse Schriftstücke durch Mäusefrass und Wasserschaden unwiederbringlich verloren gegangen. Einzelne Dokumente sind nur noch in Abschriften vorhanden, die von Helene Meyer-vanHasz gefertigt wurden.

Der Nachlass

Der Nachlass Herman Greulich hat einen Umfang von zehn Archivschachteln und deckt zeitlich fast 150 Jahre ab. Beim ältesten Schriftstück von 1808 handelt es sich um eine vermutlich die Mutter von Herman Greulich betreffende Quittung für eine Entbindung "mit der Zange bei der Franzke in Maltsch". Die jüngsten Dokumente, darunter eine umfangreiche Fotodokumentation, betreffen die Greulich-Ausstellung von 1942. Ein grosser Teil der Unterlagen beleuchtet das Privatleben Herman Greulichs, insbesondere dessen familiäre Herkunft, den beruflichen Werdegang von der Buchbinderlehre in Breslau über die Wanderjahre in Habelschwerdt (1862/63), Wien, Linz und Innsbruck (1863) und Reutlingen (1863-1865) bis hin zur Niederlassung in Zürich. Neben der mehr oder weniger vollständigen Korrespondenz aus der Jugend- und Wanderzeit sind in diesem Zusammenhang die handschriftlichen Kalender, Notiz- und Schreibhefte sowie die von Greulich verfassten Gedichte, Freundschaftslieder, Freiheitshymnen und Prologe erwähnenswert. Sehr gut dokumentiert sind auch die Heirat mit Johanna Kaufmann (1867) und die finanzielle Not der jungen Familie, die Greulich u.a. als Gehilfe in einem Fotografieatelier, als selbständiger Buchbinder, als "Tagwacht"-Redaktor, als Kaffeeröster beim Konsumverein oder als Bienenzüchter über Wasser zu halten versuchte. Ein ausreichendes Einkommen erzielte die Familie erst 1884 mit der Anstellung Greulichs als Kanzlist für Statistik bei der kantonalen Direktion des Innern.
Eine zweite Gruppe von Dokumenten bezieht sich auf das langjährige öffentliche Wirken von Herman Greulich, insbesondere auf die Tätigkeit als Redaktor der "Tagwacht" (1869-1880), Organisator der schweizerischen Arbeiterbewegung (Arbeiterbund, Schweizerischer Gewerkschaftsbund, SPS) und Politiker. Zahlreiche Schriftstücke betreffen die ausserordentlich rege Kurs- und Vortragstätigkeit Greulichs, der sich in der ganzen Schweiz und bis ins letzte Lebensjahr als zugkräftiger Redner unermüdlich zur Verfügung stellte. Zum politischen Wirken gehören auch teilweise recht dichte Dossiers zu Ereignissen und Einzelfragen, beispielsweise zur USA-Reise mit der Interparlamentarischen Union für internationale Schiedsgerichtsbarkeit im Jahr 1904, zum Amerikanischen Kriegshilfefonds 1915 (mit Quittungen von Lenin, Christian Rakowski, Pawel Axelrod, Friedrich Bartels u. Anderen), zur Parteispaltung von 1921 oder zur Affäre Paul Nathan/Giuseppe Valär/Herman Greulich (1915). Erwähnenswert sind schliesslich die Unterlagen zur Internationale. Der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) trat Herman Greulich bereits 1867 bei; er gehörte zu den Mitbegründern der Zürcher Sektion und nahm an zwei Kongressen teil. In der II. Internationale zählte er dann zu den herausragenden Persönlichkeiten. Die entsprechenden Mappen im Greulich-Nachlass enthalten zahlreiche Sammelstücke und Rara sowie vereinzelte Korrespondenzen (u.a. mit Viktor und Friedrich Adler, Robert Danneberg und Camille Huysmans).
Neben den privaten Schriftstücken und neben dem politisch-öffentlichen Teil des Nachlasses enthält der Bestand auch Sammlungen. Dazu gehören etwa die von Greulich zusammengetragenen Exzerpte und Zitate über Religiöses und Politisches, private Erinnerungsstücke und Andenken, Ehrungen, Nachrufe und Erinnerungen von Zeitgenossen an Herman Greulich, eine Sammlung von Maibändeln und Kongressabzeichen sowie ein vor allem für das 19. Jahrhundert ausserordentlich reicher Bestand an Fotoplatten und Papierabzügen.
Der Nachlass von Herman Greulich enthält einzigartige und bisher unbekannte Quellen zur Geschichte der schweizerischen Arbeiterbewegung und Sozialpolitik. Das Sozialarchiv ist stolz auf diesen Bestand. Es dankt Herman Schmidt für die Sicherstellung, Zusammenführung und Inventarisierung der Unterlagen, vor allem aber für die grosszügige Überlassung.
Der Nachlass Herman Greulich (SozArch Ar 170) kann im Schweizerischen Sozialarchiv ohne Benutzungsbeschränkungen konsultiert werden.

Fotos aus dem Nachlass von Herman und Margarete Greulich

Weit weniger Beachtung als Herman Greulichs politische und gewerkschaftliche Leistungen fand bislang sein fotografisches Schaffen: Der gelernte Buchbinder liess sich 1866 in Berlin ins Handwerk des Fotografen einführen und nahm noch im gleichen Jahr eine Stelle im Zürcher Fotoatelier Flemming an. Zur Limmatstadt hatte der Deutsche schon während seiner Wanderjahre erste Bande geknüpft, nun liess er sich definitiv hier nieder und gründete zusammen mit Johanna Kaufmann eine kinderreiche Familie. Die Erwerbsarbeit als Fotograf gab er schon 1869 wieder auf, privat allerdings fotografierte er weiter.
Die Glasplatten und Abzüge sind jetzt mit der Ablieferung eines Teilnachlasses von Herman und Margarete Greulich ins Sozialarchiv gelangt. Darunter ist auch die berühmte Bierrunden-Aufnahme von Teilnehmern des internationalen Sozialistenkongresses von 1893 in einer Gartenwirtschaft in Bendlikon. Die Recherchen eines Urenkels von Greulich, Herman Schmidt, förderten nun zu Tage, dass die Wahrscheinlichkeit gross ist, dass Greulich selber auf den Auslöser gedrückt hatte. Die Glasplatte ist von einer bestechenden Qualität und in hervorragendem Zustand. Das Material (rund 200 Glasplatten und Fotos) wird – soweit es nicht schon geschehen ist – digitalisiert und bald online zugänglich sein.

Der Biomilchmann in Zürich unterwegs, DRS Aktuell, 1981. Foto: SF
Der Biomilchmann in Zürich unterwegs, DRS Aktuell, 1981. Foto: SF

Schweizerland – Bauernland?

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Erlebte Schweiz.

"Schweizerart ist Bauernart!" Dies sagte der damalige Bauernverbandspräsident Ernst Laur 1939 – aber gilt das auch heute noch?


Donnerstag, 20. Januar 2011, 19:15 – 21:00, Kino Xenix, Zürich

Die Anzahl jener, die wissen, wie man eine Kuh melkt, wird immer geringer. Bäuerinnen und Bauern haben zwar in der Politik grosses Gewicht und erhalten Subventionen. Ihre Anzahl hat über die Jahrzehnte aber rapide abgenommen. Dennoch prägen die bäuerlichen Landschaften das Bild der Schweiz. Erst recht dort, wo die ländlichen Äcker urbanen Bauten und Tramgleisen wichen, ist eine vermehrte Sehnsucht nach der Idylle der ländlichen Landschaft zu spüren. Es ist somit kein Zufall, dass der Bio-Boom besonders in den Städten
Einzug gehalten hat.

Gäste: Anja Ineichen, Biobäuerin, und Werner Baumann, Agrarhistoriker

Im Anschluss an die Projektion laden Veranstalter und Partner alle Gäste zu einem Bio-Süppli ein – geliefert von www.suppenundpedale.ch.

Die Veranstaltungsreihe "Erlebte Schweiz" zeigt thematische Reprisen aus einmaligen Film- und Tonbeständen der Schweiz, die dank dem Netzwerk von Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, gerettet wurden. Expertinnen und Experten ergänzen und kommentieren jeweils live die gezeigten Dokumente.

"Erlebte Schweiz" ist eine Koproduktion von:
Schweizerische Nationalbibliothek, SRG SSR idée suisse und Memoriav
Veranstaltungspartner: Schweizerisches Sozialarchiv

Kinderkrippe Neustadtgasse, um 1956
Kinderkrippe Neustadtgasse, um 1956

Neu im Archiv: Das Archiv des Gemeinnützigen Frauenvereins Zürich

Sozialer Wandel, Industrialisierung, Städtewachstum und eine damit verbundene Bevölkerungszunahme führten dazu, dass sich auch in Zürich die sozialen Verhältnisse der Arbeiterschicht derart verschlechterten, dass ihre Not nicht mehr allein durch die Mittel der damaligen Armenpolitik gelindert werden konnte. Zur Lösung der "sozialen Frage" wurden neue Ansätze gesucht und es bildeten sich verschiedene gesellschaftliche und politische Organisationen, die einen Beitrag an den erst sich im Entstehen befindlichen Sozialstaat leisten wollten.
In diesem Zusammenhang ist auch die Gründung des Gemeinnützigen Frauenvereins Zürich (GFZ) als Sektion des Schweizerischen Frauenverbandes im Jahr 1885 zu sehen. Der von engagierten bürgerlichen Frauen gegründete Verein setzte sich in seinen Statuten zum Ziel, das "Wohl des weiblichen Geschlechts" zu fördern und sich an den Lösungen zu Fragen über Erziehung, Gesundheitslehre, Berufsbildung und Armenunterstützung zu beteiligen.
Dementsprechend vielfältig waren auch die Aktivitäten des GFZ. Zum einen gründete der GFZ 1906 die erste Krippe in der Stadt Zürich, der im Laufe der Jahre eine Vielzahl weiterer Krippen folgte. Zum anderen sollte mit der Einrichtung einer Haushaltungsschule die Ausbildung der Frauen gefördert werden, wenn auch nur in Berufen, die "ihrer weiblichen Wesensart" entsprachen. An der Haushaltungsschule wurden zu Beginn Haushaltungslehrerinnen für den hauswirtschaftlichen Unterricht in der Volksschule ausgebildet, später kam die Ausbildung für Hausbeamtinnen hinzu. Zusätzlich vermittelten zahlreiche Kurse Wissen und Können auf dem Gebiet des Haushaltes.
Neben den Krippen und der Haushaltungsschule richtete der GFZ 1903 eine freiwillige Armenpflege in Form einer Hilfskolonne ein, die bis 1929 bestand. Nähnachmittage ab 1904 und eine Fürsorgestelle für Lungenkranke (ging 1911 an die Stadt) waren weitere Aktivitäten des GFZ. Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges betrieb der GFZ ausserdem eine Kriegswäscherei. 1940 wurde an der Reinhardstrasse ein Wohnheim für ältere Hausangestellte und 1948 ein Wohnheim für alleinstehende Frauen an der Reinacherstrasse eingerichtet.

Der vom GFZ im August 2010 als Dauerleihgabe an das Sozialarchiv übergebene Bestand dokumentiert die unterschiedlichen Tätigkeiten des Vereins von seinen Anfängen bis in die heutige Zeit und bildet in beispielhafter Weise den gesellschaftlichen Wandel insgesamt und den Wandel der Stellung der Frau im Besonderen ab. Speziell für Forschungsinteressen im Bereich "Kinderbetreuung" und "Berufsausbildung für Frauen" stellt der Bestand des GFZ eine ergiebige Quelle dar.
Neben den Protokollen der Vereinsgremien und den Unterlagen zu den wichtigsten Betätigungsfeldern wie den Krippen und der Haushaltschule enthält der Bestand auch aussagekräftige Fotodokumente zu diesen Einrichtungen.

Abgabe verbilligter Äpfel, 1943 (Fotografie: Hans Emil Staub)
Abgabe verbilligter Äpfel, 1943 (Fotografie: Hans Emil Staub)

Mit Barem, Birnel und Bekleidung gegen die Armut

Die Winterhilfe Schweiz entstand während der Wirtschaftskrise 1936 aus einer Sammelaktion für bedürftige Arbeitslose. Die Sammlung war ein Erfolg und wurde in den darauffolgenden Jahren wiederholt. Während des Zweiten Weltkriegs gab die Winterhilfe verbilligte Lebensmittel ab – wohl auch, um das Gerücht von Engpässen bei der Nahrungsmittelversorgung, welche im Ersten Weltkrieg für grossen Unmut gesorgt hatten, nicht aufkommen zu lassen.
Nach 1945 dehnte die Winterhilfe ihre Unterstützung aus. Trotz allmählich weit verbreitetem Wohlstand gab es nach wie vor Arbeitslose, Alte, Kranke oder von Naturkatastrophen Betroffene, die trotz einem immer dichter werdenden Versicherungsnetz nicht über die Runden kamen. Für sie sammelte die Winterhilfe Geld und Kleider. Der Kauf eines Winterhilfe-Abzeichens (meist in Sternform) und die Einzahlung einer Spende gehörten zur vorweihnächtlichen karitativen Bekundung weiter Kreise der Schweizer Bevölkerung.
Die Spendenaktionen wurden von Beginn an multimedial begleitet. Die Winterhilfe trumpfte (fast) jedes Jahr mit einem gelungenen Plakat auf, das meist in einem Wettbewerb von Schülern einer der Gestaltungsklassen im Lande entworfen wurde. Kurzfilme sorgten schon in der Vor-Fernseher-Zeit für die nötige Aufmerksamkeit im Kinovorprogramm. Ebenfalls herausragend sind die Fotos, mit denen die Winterhilfe die schwierigen Lebensumstände Bedürftiger dokumentierte. Vor allem dank der jahrelangen Verpflichtung von Theo Frey gelang eine unprätentiöse, berührende Darstellung materieller Armut in der Schweiz.
Diese Fotos sind zusammen mit den Abzeichen und Wintersternen digitalisiert und unter der Bestandessignatur F_5061 online recherchierbar. Die Plakate werden momentan digitalisiert und stehen danach ebenfalls zur Verfügung.

Neu im Archiv: Dokumentation zum Thema «Glücksspiel/Spielsucht»

In der Schweiz wurden Glücksspiele seit dem Mittelalter als gefährliche Streit- und Verarmungsursachen oft verboten oder örtlich und zeitlich eingeschränkt. Auch das im 18. Jahrhundert aufkommende Lotteriewesen wurde bald und zunehmend als Unsitte empfunden. 1915 wurden Lotterien in allen Kantonen verboten. Ausgenommen waren lediglich Lotterien zu gemeinnützigen oder wohltätigen Zwecken (Bundesgesetz von 1923 betreffend die Lotterien und gewerbsmässigen Wetten). Diese erwirtschaften heute einen jährlichen Gewinn von mehr als 500 Millionen Franken, der gemeinnützigen Zwecken oder den Kassen der Kantone zugute kommt. Spielbanken oder Casinos wurden mit der Bundesverfassung von 1874 verboten. Für Glücksspiele war der Einsatz auf 5 Franken beschränkt. 1993 stimmten die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger dann aber für die Aufhebung des Spielbankenverbots. Heute weist die Schweiz mit 19 Spielbanken die grösste Casino-Dichte der Welt auf. Folgen, Risiken und soziale Kosten der Glücksspiele sind seit der Aufhebung des Spielbankenverbots ein Dauerthema. Längst ist die Glücksspielsucht keine Randerscheinung mehr. Gemäss Schätzungen sind in der Schweiz etwa 80’000 Personen süchtig nach dem Glücksspiel, oder sie spielen so intensiv, dass ihr Verhalten als problematisch bezeichnet werden muss. Neben dem klassischen Casino mit Roulette und Pokertischen sind es heute vor allem die Casinos mit den Spielautomaten (Slot machines), die Menschen an sich binden. Dazu kommen vielfältige Angebote von Glücksspielen im Internet.

Von Mario Gmür, Glücksspiel- und Casinokritiker der ersten Stunde, konnte das Schweizerische Sozialarchiv nun eine umfangreiche Dokumentation zu den Themen "Spielbanken" und "Spielsucht" übernehmen. Neben zahlreichen Drucksachen und Zeitungsausschnitten enthält die Sammlung in erster Linie Unterlagen zu den eidgenössischen und kantonal-zürcherischen Volksabstimmungen (Aufhebung Spielbankenverbot 1993; Verbot von Geldspielautomaten 1991; sog. Fairplay-Initiative 1995), Materialien der Expertenkommission Spielbankengesetz (v.a. aus den Jahren 1993-1994) und Akten des "Vereins gegen finanziell ruinöse Geldspiele" aus den Jahren 1994-2008. Von Mario Gmür selbst sind die eigenen Beiträge, Referate, Artikel und Notizen zum Thema sowie die Korrespondenzen, einschliesslich anonymer Zuschriften, vorhanden. Der Umfang der Dokumentation beträgt 1.5 laufende Meter; abgedeckt ist der Zeitraum zwischen 1978 und 2008 mit einem Schwerpunkt auf den 1990er Jahren.

Clément Moreau, Ausstellungshinweis

Das Musée des beaux-arts in La Chaux-de-Fonds zeigt gegenwärtig unter dem Titel "Le monde en noir et blanc" eine Ausstellung mit Grafiken von Félix Vallotton, Frans Masereel, Alexandre Mairet, Gerd Arntz, Soeurs Bernadette und Clément Moreau. Von Moreau sind 35 Arbeiten aus der Zeit zwischen 1928 und 1933 zu sehen.

Aus Moreaus Zeit in Berlin stammt die Mappe "Deine Schwester", ein Zyklus, der von Prostitution und sozialer Not handelt. Im Tessiner Dorf Fontana Martina, wo sich ab dem Frühjahr 1930 neben Künstlern viele politisch Vefolgte aufhalten, schneidet Clément Moreau für die nach dem Dorf benannte Zeitschrift "Fontana Martina" über 40 Bilder.
1932 arbeitet Moreau in der Genossenschaftsdruckerei in Basel, wo er seine Bilder direkt in die schweren Bleiklötze stemmt. Diese Grafiken thematisieren die Not und den Protest der Arbeitslosen und deren Widerstand gegen die staatlich verordnete Gewalt der Schweizer Behörden.
Nach einem Besuch in Berlin im März 1933 entgeht Clément Moreau auf der Rückreise in die Schweiz an der Grenze bei Basel nur knapp der Verhaftung durch die Gestapo. Danach lebt er als illegaler Emigrant zuerst in Basel und dann in Zürich, wo er im Verborgenen arbeitet. Die Linol- und Bleischnitte aus Cléments Schweizer Zeit sind aufklärerisch und kämpferisch. Im Zentrum steht der einzelne Mensch, welcher der gesellschaftlichen Realität ausgesetzt ist.

Es ist ein besonderes Ereignis, diese Schnitte in La Chaux-de-Fonds im Dialog mit anderen Werken aus dieser Zeit zu sehen!

Die Ausstellung im Musée des beaux-arts in La Chaux-de-Fonds dauert noch bis zum 12. September 2010 und ist jeweils von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

> Mehr zur Ausstellung im Musée des beaux-arts in La Chaux-de-Fonds
> Mehr zur Stiftung Clément Moreau
> Mehr zum Archivbestand von Clément Moreau im Schweizerischen Sozialarchiv

Archive der Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS)

Im Sommer 2007 konnte das Schweizerische Sozialarchiv umfangreiche Archivbestände der Partei der Arbeit der Schweiz übernehmen. Dabei handelte es sich um Akten, die im Sekretariat der PdAS an der Rotwandstrasse in Zürich und an weiteren Orten in und um Zürich aufbewahrt wurden: die Archive der Partei der Arbeit der Schweiz und der PdA des Kantons Zürich, das Archiv der Verlagsgenossenschaft "Vorwärts" und das Archiv des Kommunistischen Jugendverbandes (KJV). Leider sind die Archivbestände der PdA und ihrer Organisation lückenhaft überliefert und stark zersplittert. Archivgut in unbekanntem Umfang lagert nach wie vor in Basel und Genf. Weitere Unterlagen befinden sich in Privatbesitz, und ein kleinerer Teil des Parteiarchivs gelangte im Jahr 2001 aus der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung in die Zentralbibliothek Zürich.
Umso grössere Bedeutung kommt den Nachlässen von Exponentinnen und Exponenten der PdA zu. Solche Nachlässe enthalten vielfach wichtige Unterlagen zur Geschichte der PdA und bilden eine höchst wertvolle Ergänzung der offiziellen Archivbestände. In den letzten Jahren konnte das Schweizerische Sozialarchiv eine ganze Reihe solcher Nachlassbestände übernehmen. Zu erwähnen sind hier in erster Linie die privaten Sammlungen und Dokumentationen von Edgar Woog, Marino Bodenmann, Max Meier, Fritz Heeb, Karl Göhri, Paul Fell, Otto Schudel, Karl Palma und Heiri Strub.
Die Archivbestände der PdA sind aus nachvollziehbaren Gründen nicht einfach frei zugänglich. Für die Konsultation braucht es eine Bewilligung der Parteileitung. Erfreulicherweise werden Gesuche um Einsichtnahme aber sehr speditiv und unkompliziert behandelt. So wurden die PdA-Archive in den letzten zwei Jahren für wissenschaftliche Zwecke bereits rege benutzt.

Neu im Archiv: Der Nachlass von Harry Gmür (1908-1979)

Vor einem guten Jahr, am 14. Mai 2009, führte das Sozialarchiv gemeinsam mit dem Chronos-Verlag die Veranstaltung "Harry Gmür – Bürger, Kommunist, Journalist" durch. Konkreter Anlass war die gleichnamige Buchpublikation von Markus Bürgi und Mario König, die nebst einem ausführlichen biografischen Teil auch politische Kommentare und Reportagen von Harry Gmür enthält.
Harry Gmür selbst entstammte einer wohlhabenden Berner Familie und wuchs, umsorgt von Dienstboten, in einem grossbürgerlichen Haushalt auf. Früh wandte er sich politisch nach links, Ende der 1930er Jahre wurde er Kommunist. Kalter Krieg und Antikommunismus zerstörten jedoch seine Hoffnungen und drängten ihn in eine tiefe politische und persönliche Krise. In der zweiten Lebenshälfte machte Harry Gmür dann als Reporter und viel gelesener Reiseschriftsteller Karriere – unter Pseudonym und in der DDR.

Aus dem Besitz der Erben konnte das Schweizerische Sozialarchiv nun den schriftlichen Nachlass von Harry Gmür übernehmen. Dessen Archiv enthält in erster Linie die Manuskripte seiner Bücher: vom 1927 publizierten Gedichtband über die Dissertation "Thomas von Aquino und der Krieg" von 1933 bis hin zu Reisebüchern der 1960er und 70er Jahre. Vorhanden sind auch hand- und maschinenschriftliche Fassungen ungedruckter Texte sowie eine mehr oder weniger vollständige Sammlung der Zeitschriften- und Zeitungsartikel, für die Harry Gmür u.a. die Pseudonyme Stefan Miller, Manfred Graber und Beat Haller verwandte. Die umfangreiche Dokumentation des publizistischen Werkes von Harry Gmür wird ergänzt durch aufschlussreiche lebens- und familiengeschichtliche Dokumente.

Der Nachlass von Harry Gmür ist zurzeit in Bearbeitung und wird interessierten Forscherinnen und Forschern demnächst zur Verfügung stehen.

Faszinierende Tondokumente zur 80er Bewegung

Zu Beginn der 1980er Jahre formierten sich in einigen Schweizer Städten bedeutende Jugendbewegungen. Im Zentrum der Forderungen standen eine stärkere Berücksichtigung ihrer kulturellen Bedürfnisse durch die öffentliche Hand und möglichst autonome Freiräume. In Zürich wurde der Kampf um ein Autonomes Jugendzentrum (AJZ) besonders intensiv geführt. Die Auseinandersetzungen wurden oft auf der Strasse und gewalttätig ausgetragen. Die tiefe Abneigung vieler Jugendlicher gegen hierarchische Strukturen äusserte sich auch in der Art, wie diese Jugendbewegung ihre Forderungen, Strategien und Aktionen festlegte: Nicht Leaderfiguren oder exklusive Führungszirkel entschieden über den nächsten Demonstrationstermin oder die Verhandlungstaktik mit der Stadt, sondern die für alle Interessierten zugängliche Vollversammlung.

Das Sozialarchiv verfügt über Aufnahmen der ersten zehn Vollversammlungen aus dem Zeitraum zwischen dem Opernhauskrawall, der die Bewegung ausgelöst hatte, und der Eröffnung des AJZ an der Limmatstrasse. Diese Aufnahmen sind seit rund fünf Jahren katalogisiert und ausleihbar; sie wurden nun aber inhaltlich mit Sequenzprotokollen erschlossen, die auf der Datenbank Bild + Ton einsehbar sind. Ein Online-Streaming ist geplant.

Die Aufnahmen entstanden zwischen dem 1. und 28. Juni 1980 in der Roten Fabrik, im Volkshaus, im Platzspitz Park oder im Festzelt vor dem Opernhaus. Die Vollversammlungen waren vor allem in der Anfangszeit Massenanlässe mit bis zu 3’000 Teilnehmenden. Trotz dieses grossen Andrangs und oft stundenlanger Debatten um strategische Finessen dürften die Vollversammlungen – neben dem Druck von der Strasse – wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Stadt nur einen Monat nach den Ereignissen vor dem Opernhaus der Jugend die Liegenschaft an der Limmatstrasse als Treffpunkt überliess.

Vieles an diesen Aufnahmen ist faszinierend. 1980 sind die Feindbilder noch klar definiert: Die politischen Handlungsträger kommen durchwegs schlecht weg, seien sie Vertreter der Stadtexekutive oder linke "Oppositions"-Politiker aus dem Gemeinderat. Das Vertrauen der Jugendlichen in hergebrachte politische Aushandlungsprozesse ist nach jahrelanger Hinhaltetaktik gründlich zerstört. An der Vollversammlung vom 4. Juni 1980, an der auch Stadtpräsident Sigmund Widmer und Sozialvorsteherin Emilie Lieberherr teilnehmen, wird deutlich, wie tief diese Gräben sind. Beide Politiker/innen reagieren verständnislos und irritiert auf die ultimativen Forderungen der Jugendlichen. Die Vollversammlung ihrerseits ist zu keinerlei Kompromissen bereit, wenn es etwa darum geht, der Forderung der Stadt nach einer Verhandlungsdelegation nachzukommen. In anderen Bereichen kann die Vollversammlung aber keine konsequente Marschrichtung ausgeben: Die Frage, wieweit die Militanz gehen dürfe, um das Ziel AJZ zu erreichen, wird mehrmals kontrovers und letztlich ergebnislos diskutiert.

Nach rund 30-stündiger Debatte an zehn Vollversammlungen und mehreren Demonstrationen hat die Jugendbewegung ihr Hauptziel erreicht: Am 28. Juni 1980 wird das AJZ mit einer (leider nicht mehr überlieferten) Vollversammlung und einem Fest eröffnet.