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Verteilung von Colis Suisse 1944 in Lyon: Jeder Arbeiter erhält 2 kg Zucker, 1 kg Linsen, 1/2 kg Teigwaren, 1 Büchse Tomatenpüree und 2 Büchsen Sardinen. (F_5025-Fb-006)
Verteilung von Colis Suisse 1944 in Lyon: Jeder Arbeiter erhält 2 kg Zucker, 1 kg Linsen, 1/2 kg Teigwaren, 1 Büchse Tomatenpüree und 2 Büchsen Sardinen. (F_5025-Fb-006)

Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH

Während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs nahm das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH eine ausgedehnte Versorgungs- und Unterstützungstätigkeit in den umliegenden Ländern auf. Was 1944 mit wenigen nach Frankreich verschickten Lebensmittelpaketen begann, wuchs sich rasch zu einer Grossaktion aus: Die Aktion unter der Bezeichnung "Colis Suisse" lieferte Ende der 1940er Jahre monatlich bis zu 60’000 Pakete nach Italien, Deutschland, Österreich und Frankreich. Dank der Solidarität der Arbeiterbewegung konnte die Bevölkerung der kriegsversehrten Nachbarländer auch mit Möbeln und Kleidern versorgt werden. In der Schweiz führte das SAH mehrere Ferienheime, dank derer auch finanziell schlechter gestellte Familien Ferien machen konnten.

Das Bildarchiv des SAH umfasst mehr als 1’500 Fotos. Der Fokus liegt auf den 1940er und 1950er Jahren. Besonders gut dokumentiert sind die Hilfsaktionen der letzten Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahre in den Nachbarländern. Hermann Freytag und Ernst Koehli, zwei Zürcher Fotografen aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung, haben die Tätigkeiten des SAH über Jahre hinweg verfolgt und in nüchterner Weise festgehalten. Die Tätigkeiten späterer Jahre sind nur noch spärlich fotografisch dokumentiert.

Neu im Archiv: Eine Gewerkschaft der Gewerkschafter

Mit der Ablieferung der Unia-Vorgängerorganisationen gelangten im Jahr 2005 auch die historischen Akten des "Vereins der Angestellten sozialer Organisationen in der Schweiz" (Association et Fondation des employés des organisations sociales en Suisse) ins Sozialarchiv. Es handelt sich zwar nur um einen kleinen, aber besonders interessanten Bestand, der hier kurz vorgestellt werden soll.

Die "Gewerkschaft der Angestellten der Arbeiterbewegung" konstituierte sich 1912 in Zürich als Zusammenschluss der vollamtlichen Funktionäre von Sozialdemokratischer Partei, Gewerkschaften, Arbeiterpresse und Genossenschaften. Die Initiative zur Gründung ging von Johann Sigg (1874-1939, Redaktor beim "Volksrecht"), Fritz Nehrwein (1878-1943, "Volksrecht"-Administrator) und Max Bock (1881-1946, Zentralpräsident der sozialistischen Jugendorganisation und Redaktor der "Freien Jugend") aus. Von allem Anfang an gehörten dem Verein auch die bekanntesten Vertreter der schweizerischen Arbeiterbewegung an. Herman Greulich, Robert Grimm, Konrad Ilg, Ernst Nobs und Marie Hüni: alle gehörten sie zu den Gründungsmitgliedern. Vereinszwecke waren die zentralen Gewerkschaftsanliegen: Verbesserung der wirtschaftlichen Stellung, einheitliche Arbeitsverträge, Schaffung einer Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung, Förderung allgemein beruflicher Interessen durch Abhaltung von Bildungskursen.

Viele vollamtliche Funktionäre litten damals unter prekären Anstellungsbedingungen. Gehälter, Arbeitszeiten und Spesenvergütungen waren unzulänglich geregelt und auch um den Kündigungsschutz war es schlecht bestellt. Wie es im Jubiläumsbericht von 1942 heisst, wurde "unsere Einmischung von verschiedenen Verbänden nicht recht verstanden und der ‚Herr-im-Haus-Standpunkt‘ ziemlich deutlich vorgekehrt. Es brauchte oftmals sehr grosse Redekunst, bis man dem Vorstand einer Organisation beigebracht hatte, dass seine Auffassung unrichtig und der Sekretär wie sie Anspruch auf ein menschenwürdiges Dasein habe.“ Weit verbreitet war insbesondere die Auffassung, dass die Funktionäre „das proletarische Empfinden einbüssen könnten", wenn man sie etwas besser stellen würde als die Arbeiter in den Betrieben.

Die Protokolle und Berichte des VASO geben einen einmaligen Einblick ins Innenleben der schweizerischen Arbeiterbewegung. Hier werden nicht nur klassische Arbeitskonflikte behandelt, sondern auch persönliche Konflikte zwischen Funktionären oder das Verhältnis zwischen Sozialdemokratischer Partei und Gewerkschaftsbewegung.

Mit dem Aufbau der sozialstaatlichen Sicherungssysteme nach 1945 verlor der Versicherungszweck für den VASO an Bedeutung. Die Kasse wurde in eine Stiftung umgewandelt, die bei Alter, Invalidität und Tod einmalige Entschädigungen entrichtet sowie neu Stipendien auszahlt. Die 2004 revidierten Statuten stellen die Förderung der beruflichen Aus- und Weiterbildung ganz ins Zentrum. Voraussetzungen für die Mitgliedschaft im VASO sind heute die Anstellung bei einer sozialen Organisation im weiteren Sinn (Gewerkschaft, Partei, Genossenschaft, Non-Profit-Organisation) sowie die Mitgliedschaft bei einer SGB-Gewerkschaft.

Archivverzeichnis: www.findmittel.ch

Verzeichnis elektronischer Zeitschriften

Mit der neuen Website hat das Schweizerische Sozialarchiv am 11. Februar 2010 auch ein Verzeichnis seiner elektronischen Zeitschriften aufgeschaltet.

Das Sozialarchiv bietet seinen Benutzerinnen und Benutzern seit mehreren Jahren Zugriff auf ausgewählte E-Journals – aktuell sind es 134 Titel. Dabei handelt es sich um wissenschaftliche Publikationen aus dem Sammelbereich, um Amtsdruckschriften sowie um graue elektronische Zeitschriften von wichtigen Organisationen, Parteien und Bewegungen.

Während die wissenschaftlichen Titel bereits früher auch über die Website des Sozialarchivs zugänglich waren, mussten die anderen Zeitschriften jeweils über den NEBIS-Katalog angewählt werden. Mit dem neuen Verzeichnis ist nun erstmals das gesamte Angebot an elektronischen Zeitschriften mit wenigen Klicks erreichbar. Es ist auch möglich, das alphabetische Verzeichnis nach Zeitschriftentypen und Sachgruppen zu filtern oder mit einer Stichwortsuche zu durchsuchen. Da das Verzeichnis direkt aus dem NEBIS-Katalog gespiesen wird, kann es einfach auf aktuellem Stand gehalten werden.

Aus dem Verzeichnis führt jeweils ein Link auf die Zeitschrift – entweder direkt (v.a. graue Titel) oder über eine Zwischenseite mit dem Linking-Service SFX des NEBIS-Verbundes (v.a. wissenschaftliche Titel). Ein zweiter Link führt auf die Titelaufnahme im NEBIS-Katalog, wo auch der gedruckte Bestand der Zeitschrift aufgeführt ist.

Kostenpflichtige E-Journals sind nur im Lesesaal des Sozialarchivs zugänglich, von extern besteht aber z.T. Zugang zu Inhaltsverzeichnis und Abstracts. Bei diesen Angeboten sind daher im Verzeichnis die vom Schweizerischen Sozialarchiv lizenzierten Jahrgänge angegeben. Falls der Zugriff auf eine der Zeitschriften einmal nicht funktionieren sollte, freuen wir uns über eine Mitteilung, um dem Problem möglichst rasch auf den Grund gehen zu können.

Clément Moreau: Ausstellung

Der 1903 im rheinländischen Koblenz geborene Clément Moreau (mit bürgerlichem Namen: Carl Josef Meffert) gehört zu den bedeutendsten politischen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Hauptwerke sind die im argentinischen Exil entstandenen antifaschistischen Karikaturen ("Mein Kampf") und die Linolschnittfolge "Nacht über Deutschland". 1962 liess sich Clément Moreau in der Schweiz nieder, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1988 lebte. Bereits 1984 hatte er eine seinen Namen tragende Stiftung gegründet, die den künstlerischen Nachlass betreut. Seit 1985 befindet sich das Stiftungsgut im Schweizerischen Sozialarchiv.

Linolschnitte von Clément Moreau aus den Jahren 1937-1938 können zur Zeit in der Galerie Wengihof in Zürich besichtigt werden. Sie sind dort zusammen mit Werken des Winterthurer Künstlers Heinz Keller ausgestellt. Clément Moreau und Heinz Keller verbindet nicht nur die Linol- bzw. Holzschnitttechnik, sondern auch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Krieg und seinen Opfern.

Ausstellung: 22. Januar – 5. März 2010

Clément Moreau – Nacht über Deutschland
Heinz Keller – Nacht über Bosnien

GALERIE WENGIHOF
Klubschule Migros, Engelstrasse 6, 8004 Zürich (Tram 2 und 3 oder Bus 32 bis Kalkbreite)

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag: 8.00 bis 20.00 Uhr
Samstag: 9.00 bis 11.30 Uhr

Zuwachsliste

Die Bücher und Zeitschriften sind für die Neuerwerbungsliste in 22 Sachgruppen eingeordnet. In jeder Sachgruppe sind historische und aktuelle Darstellungen des jeweiligen Themas zu finden. Geografisch liegt der Schwerpunkt auf der Schweiz, gefolgt von Deutschland und Westeuropa allgemein. Literatur wird in den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch erworben.

Relaunch www.sozialarchiv.ch

Das Schweizerische Sozialarchiv präsentiert sich ab dem 11. Februar 2010 mit einem rundum neuen Webauftritt. Die alte Website wird nach gut zehnjährigem Dienst in Pension geschickt. 
Die neue Website visualisiert mit der Dreigliederung auf der Portalseite die verschiedenen Abteilungen des Sozialarchivs und ermöglicht so je einen separaten Einstieg in die Bestände oder in die Recherche der Bibliothek, der Archivabteilung oder der Dokumentation. Wir hoffen, dass unsere Besucherinnen und Besucher so möglichst schnell den Weg zu den wichtigen Informationen über die Bestände und zum jeweils geeigneten Findmittel oder Katalog finden. Ganz Eilige können via Quicklinks direkt auf die Recherche im Online-Katalog NEBIS und auf die elektronischen Findmittel, Datenbanken und Verzeichnisse zugreifen.
Das aufgeräumte, frisch wirkende Design mit Rot als Leitfarbe setzt auf Klarheit und Übersichtlichkeit und integriert auf allen Ebenen Bilder aus dem Fundus des Bildarchivs des Schweizerischen Sozialarchivs. Dadurch erhält man auch beim virtuellen Besuch im Sozialarchiv einen Eindruck von den Schätzen unserer Sammlungen.
Technisch basiert die neue Website mit Typo3 auf einem Open Source Content Management System (CMS): alle Inhalte können browserbasiert erfasst und somit schnell und ohne Umwege auf der Website publiziert werden. Auch die Navigationsstruktur kann jederzeit den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden.
Zu den Verbesserungen gegenüber der alten Website zählen nicht zuletzt auch die nun leicht zu findenden Service-Informationen wie Adresse, Öffnungszeiten etc. Ein omnipräsentes Suchfeld ermöglicht das Durchsuchen der Website. Und auf der Portalseite können in Zukunft jeweils die Aktualitäten aus den Abteilungen (z.B. wichtige Neuzugänge in den einzelnen Abteilungen) sowie Hinweise auf spezielle Veranstaltungen des Sozialarchivs prominent platziert werden.

Handakten – Unterlagen mit hohem Quellenwert

Unter "Handakten" verstehen Archivarinnen und Archivare Unterlagen, die von einer Funktionsträgerin bzw. von einem Mitarbeiter zum persönlichen Gebrauch geführt werden. Handakten sind also Dokumente, die neben der offiziellen Ablage existieren und meist eigene Notizen, Dokumentationsmaterial oder einfach nur Kopien wichtiger Unterlagen enthalten. Für Handakten charakteristisch ist die Mischung von persönlichen und "offiziellen" Unterlagen. Gerade handschriftliche Ergänzungen oder maschinenschriftliche Aktennotizen können besonders wertvolle Einblicke in die eigene Tätigkeit oder in das Geschehen innerhalb einer Organisation oder einer sozialen Bewegung vermitteln.

Im Jahr 2009 konnte das Sozialarchiv verschiedene Handakten-Bestände aus Privatbesitz übernehmen. Sie eignen sich besonders gut, um den hohen Quellenwert solcher Unterlagen zu illustrieren:

Handakten von Anne-Marie Holenstein, 1975-1984

Im Sommer 2009 erhielt das Schweizerische Sozialarchiv von Anne-Marie Holenstein Unterlagen zu den Aktivitäten der IPRA Food Policy Study Group. Die Aktivitäten dieses von Anne-Marie Holenstein koordinierten Netzwerks gehen zurück auf das Sommerseminar 1975 der IPRA (International Peace Research Association) in Västerhaninge, Schweden. Höhepunkt der Zusammenarbeit war die Gegeninformation zur Weltkonferenz über Agrarreform und ländliche Entwicklung, die 1979 in Rom stattfand. Die vorhandenen Dokumente vermitteln einen ausgezeichneten Einblick in die zum Teil recht kontroversen internen Diskussionen und geben Aufschluss über die personelle Zusammensetzung der internationalen Aktivistengruppe. Aus nahe liegenden Gründen wurden diese Unterlagen in den Archivbestand der Erklärung von Bern (SozArch Ar 430) integriert.

Handakten von Vreni Heer, 1975-1998

Die Zürcher Rechtsanwältin Vreni Heer (1945-2009) präsidierte in den 1980-er Jahren die Frauenkommission des VPOD. Gleichzeitig vertrat sie die Frauenkommission auch im Verbandsvorstand des VPOD. Die Unterlagen dokumentieren zum einen das persönliche Engagement von Vreni Heer für die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz, zum anderen aber auch die langsam, aber stetig wachsende Akzeptanz von gleichstellungs- und frauenpolitischen Forderungen innerhalb der schweizerischen Gewerkschaften. Die Handakten von Vreni Heer wurden dem VPOD-Archiv (SozArch Ar 39) einverleibt.

Handakten Verena Lüdi, 1955-1961

Verena Lüdi (* 1923) studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Zürich und Genf. Am 3. Januar 1956 eröffnete sie als erste selbstständige weibliche Anwältin eine Anwaltspraxis. 1958 gehörte sie zu den Mitorganisatorinnen der SAFFA (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit). Die Handakten dokumentieren die Tätigkeit von Verena Lüdi als Präsidentin der Finanzkommission. Nebst einer umfangreichen Korrespondenz sind auch diverse Geschäfts- und Finanzunterlagen der SAFFA 58, Akten zur Ausstellungslotterie und zu diversen Rechtsfällen sowie Unterlagen zur Kinokommission vorhanden. Vor allem die Aktennotizen und die Briefe sind für die Arbeitsweise und das Klima im Organisationskomitee, aber auch ganz allgemein für den damaligen Zeitgeist sehr aufschlussreich. Die Handakten von Verena Lüdi wurden als Bestandteil des Archivbestandes SAFFA 58 (SozArch Ar 17) verzeichnet.

Geschenkbibliothek des Vereins netzwerk-verdingt

Das Sozialarchiv übernimmt die Bibliothek «Verdingkinder, Heim- und Pflegekinder» des Vereins netzwerk-verdingt.

Der Verein netzwerk-verdingt hat als Interessenvertreter von Betroffenen eine Fachbibliothek zum Thema Fremdplatzierung zusammengetragen und dem Schweizerischen Sozialarchiv als Geschenk übergeben. Die Bibliothek, die als Instrument der Bewusstseinsbildung und der Aufarbeitung der Geschichte von Verding- und Pflegekindern dient, erhält dadurch erhöhte Visibilität und eine optimale Zugänglichkeit für die interessierte Öffentlichkeit. Die Bücher können im NEBIS-Katalog bestellt und ausgeliehen werden.

Die Fachbibliothek «Verdingkinder, Heim- und Pflegekinder» wird gegen 400 Werke in den Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch umfassen. Sie enthält neben Werken aus der Schweiz auch zahlreiche Titel aus dem umliegenden Ausland.
Den grössten Anteil nehmen Autobiografien, Reportagen und andere Selbstzeugnisse von Betroffenen ein. Unter den Autorinnen und Autoren sind Peter Surava, Arthur Honegger zu nennen oder die kämpferische Louisette Buchard-Molteni, deren Autobiografie «Le tour de suisse en cage» im Kanton Waadt eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte fremdplatzierter Kinder auslöste. Bedeutend ist die Zahl der autobiografischen Aufzeichnungen und Erinnerungen von Betroffenen, die keine bekannten Namen tragen. Ihre Aufzeichnungen sind wichtige Quellen, um Einblicke in die misslichen Lebensverhältnisse von Verdingkindern zu erhalten. Darüber hinaus erfährt man Einiges über Armut, Ausgrenzung und Gewalt.
Die Fachbibliothek umfasst weiter eine grosse Anzahl Klassiker der Welt- und Jugendliteratur, u. a. von Jeremias Gotthelf und Carl A. Loosli, von Charles Dickens und Hector Malot. Eine Fülle belletristischer Darstellungen, Romane und Erzählungen ergänzen die Sammlung, dazu kommen Bildbände und ein Comic.
Als zweiten Schwerpunkt enthält die Fachbibliothek «Verdingkinder, Heim- und Pflegekinder» wissenschaftliche Publikationen und Standardwerke zu den Themen Verding-, Heim-, Findel-, Pflege- und Adoptivkinder.

Das Schweizerische Sozialarchiv erhält mit der Geschenkbibliothek eine wertvolle Ergänzung und Vertiefung seiner Bestände zu Themen wie Fremdplatzierung von Kindern, ausserfamiliärer Erziehung, zur Geschichte der Kindheit oder allgemeiner zu gesellschaftlichen Verhältnissen von Armut, Gewalt und Kinderarbeit.

Videos aus dem Gewerkschaftsleben

Ähnlich wie andere soziale Bewegungen entdeckten die Gewerkschaften Ende der 1970er Jahre das Medium Video als Möglichkeit, sich selber zu dokumentieren. Die Videos sind aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Die Verbreitung von Consumerformaten wie U-Matic, VCR und VHS machte die Aufnahme von Videos finanziell erschwinglich und technisch auch für Laien schnell erlernbar.

Im Unterschied aber zur Jugendbewegung etwa, die sich innovativ die verschiedenen Ausdrucksformen des Mediums aneignete und Agitations-, Kunst- und parodistische Videos drehte, beschränkte sich das gewerkschaftliche Videoschaffen in den Pionier- und Experimentierjahren auf rein Dokumentarisches: Aufnahmen existieren vom Kongress der Gewerkschaft Textil Chemie Papier GTCP von 1978 in Luzern (Signatur: F 9013-025ff.), von einer Krisensitzung derselben Gewerkschaft 1977 (F 9013-019ff.) und von einer Jugendkonferenz der Gewerkschaft Bau und Holz (GBH von 1980, F 9013-031).

Die Aufnahmen sind zwar laienhaft, mit Tonstörungen oder -ausfällen behaftet und manchmal kurios lückenhaft oder langatmig. Als Zeitdokumente sind sie trotzdem von Bedeutung. Gerade die Aufnahmen des GTCP-Kongresses von 1978 und der erwähnten Krisensitzung geben einen Eindruck vom Zustand einer Gewerkschaft in schwieriger Zeit: Zum einen sorgten die Absatzeinbrüche in der Textilindustrie der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre und spektakuläre Schliessungen wie die des Firestone-Werks in Pratteln 1977 zu einer Krisenstimmung; die Mitgliederzahlen stiegen nicht etwa, sondern stagnierten oder gingen gar zurück. Zum andern entwickelten sich gewerkschaftsintern Spannungen zwischen der konsensorientierten alten Garde und jungen Kräften, die die bestehenden Verhältnisse mit kämpferischer Einstellung zu verändern trachteten.

Die Kongressaufnahmen sind ein konzentriertes Zeugnis dieser konjunkturell und ideologisch bestimmten Krisenstimmungen der GTPC. Als Bonus können wir auch miterleben, dass der als Festredner engagierte Bundesrat Willy Ritschard nicht nur Reden hielt, die von Wortwitz und träfen Sprüchen sprühten, sondern auch schlechtere Tage hatte.

«Stellen wir diese Waffe in unseren Dienst»

Die Publikation von Thomas Schärer und Stefan Länzlinger beleuchtet den Einsatz von Filmen in der Propaganda der Arbeiterbewegung. Erschienen sind Buch und DVD im Chronos Verlag Zürich.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann die Arbeiterbewegung in der Schweiz, sich mit dem Film auseinanderzusetzen. Schnell eroberte sich das Medium einen festen Platz in der Propagandaarbeit, wenn es darum ging, Wähler zu überzeugen, neue Mitglieder zu gewinnen oder Kampagnen zu lancieren.
Diese (fast vergessenen) Produktionen von Gewerkschaften, Partei und Amateuren sind einzigartige Zeitdokumente. Sie geben Aufschluss über das Selbstverständnis der Organisationen der Arbeiterbewegung und über das Funktionieren helvetischer Polit-Propaganda.

Sämtliche Filme der DVD werden hier erstmals auf einem nicht filmischen Träger herausgegeben. Fünf dieser Filme sind stumm; sie wurden anlässlich dieser Edition von Komponisten neu vertont und bieten neue, faszinierende Hör- und Seherlebnisse.