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Christiane Brunner hatte an der Organisation des Frauenstreiks wesentlichen Anteil (SozArch F 5032-Fb-0630)
Christiane Brunner hatte an der Organisation des Frauenstreiks wesentlichen Anteil (SozArch F 5032-Fb-0630)

Vor 25 Jahren: Der Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991

Unter dem Motto «Wenn Frau will, steht alles still» beteiligten sich am 14. Juni 1991 Hunderttausende Frauen in der ganzen Schweiz an Protest- und Streikaktionen. Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der Verankerung des Gleichberechtigungsartikels in der Bundesverfassung hatte der Schweizerische Gewerkschaftsbund zum Protest gegen die zögerliche Umsetzung des Verfassungsartikels und anhaltende Ungleichheiten in zahlreichen Bereichen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik aufgerufen. Die meisten Frauenorganisationen des Landes schlossen sich diesem Aufruf an, lediglich der Bund Schweizerischer Frauenvereine scherte aus. Im ganzen Land beteiligten sich am 14. Juni Frauen an vielfältigen Streikaktionen und tauchten Strassen und Plätze in ein Meer von Lila. In Bern wurde mit Trillerpfeifen der abgesperrte Bundesplatz gestürmt, auf dem sich politische Prominenz zu einer Feier der 700-jährigen Eidgenossenschaft versammelt hatte.

Die Idee zum Frauenstreik stammte von einigen Uhrenarbeiterinnen im Vallée de Joux, die sich über die nach wie vor ungleichen Löhne in ihrer Branche empörten. Mit Christiane Brunner fanden die lokalen SMUV-Gewerkschafterinnen eine einflussreiche Verbündete, die sowohl in der Frauenbewegung als auch in den Gewerkschaften gut verankert war. Im Oktober 1990 beschloss der SGB-Kongress auf Antrag der SMUV-Frauen die Durchführung eines landesweiten Frauenstreiks am zehnten Jahrestag der Annahme des Gleichstellungsartikels. Der Streiktag konnte sich an ausländischen Vorbildern orientieren: Am 26. August 1970, ein Jahr, bevor den Schweizer Frauen das Stimm- und Wahlrecht zugestanden wurde, hatte anlässlich des 50-jährigen Jahrestages der Einführung des Frauenwahlrechts in den Vereinigten Staaten ein «Women’s Strike for Equality» stattgefunden. Dieser konzentrierte sich hauptsächlich auf New York, aber auch in anderen Teilen das Landes fanden Aktionen statt, an denen sich insgesamt etwa 20’000 Frauen beteiligten. Eindrücklicher war dann der isländische Frauenstreik vom 24. Oktober 1975, an dem rund 90 Prozent der weiblichen Bevölkerung für einen Tag die Arbeit niederlegten.

Anlass des Streiktages in Island war das von der UNO ausgerufene internationale Jahr der Frau. Im selben Jahr wurde in der Schweiz eine eidgenössische Volksinitiative «Gleiche Rechte für Mann und Frau» lanciert, die dann im Dezember 1976 eingereicht wurde und unter anderem gleiche Rechte und Pflichten in der Familie sowie gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit forderte. Die eidgenössischen Räte empfahlen 1980 die Initiative zur Ablehnung, stellten ihr aber einen Gegenvorschlag gegenüber, der die Forderungen der Initiative in abgeschwächter Form aufnahm und etwa einen einklagbaren Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit vorsah. Im Unterschied zur Initiative verzichtete er aber auf eine Übergangsfrist von fünf Jahren bis zur Umsetzung dieser Anliegen. Kurz nach der Schlussabstimmung in den Räten zogen die Initiantinnen ihr Begehren zugunsten des Gegenvorschlags zurück – das doppelte Ja war damals noch nicht möglich. Am 14. Juni 1981 hiessen rund 60 Prozent der Stimmenden den neuen Gleichstellungsartikel gut. Als weiterer wichtiger Fortschritt nahmen am 22. September 1985 knapp 55 Prozent der Stimmenden das revidierte Eherecht an. Vom damals aufstrebenden SVP-Nationalrat Christoph Blocher als Widerspruch zur biblischen Ordnung bekämpft, beendete das neue Recht die Unterordnung der Frau unter den Mann, der als «Familienoberhaupt» etwa über die Berufstätigkeit seiner Frau bestimmen konnte, und machte die Ehe zu einer Institution gleichberechtigter PartnerInnen.

Trotz dieser Erfolge blieben mannigfaltige Diskriminierungen bestehen, insbesondere auch im Bereich der Lohngleichheit. Auch der Frauenstreik von 1991 führte nicht zu einer raschen Behebung dieses Missstandes. Nichtsdestotrotz waren seine Folgen aber beträchtlich: Mitte der 90er Jahre passierte das Gleichstellungsgesetz die eidgenössischen Räte. Es stellte verbindliche Regeln für die Umsetzung des Gleichstellungsartikels auf und enthielt auch ein Verbot der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz. Im Klima der damaligen Deregulierungseuphorie war dies ein bemerkenswerter Fortschritt. Und 2004 fand nach drei erfolglosen Anläufen die Vorlage für eine Mutterschaftsversicherung eine Volksmehrheit, womit ein Verfassungsartikel aus dem Jahre 1945 endlich umgesetzt wurde.

Noch unmittelbarer zeigten sich die Wirkungen des Frauenstreiks bei der Bundesratsersatzwahl im März 1993. Die Nichtwahl der offiziellen SP-Kandidatin Christiane Brunner wurde von Tausenden auf dem Bundesplatz versammelten Frauen mit lautstarker Empörung zur Kenntnis genommen. Die breite Protestbewegung, die sich in den folgenden Tagen entfaltete, wurde nicht zuletzt durch die Netzwerke ermöglicht, die sich bei der Organisation des Frauenstreiks gebildet hatten. Sie trug wesentlich dazu bei, dass im Unterschied zur Nichtwahl von Liliane Uchtenhagen zehn Jahre zuvor die bürgerliche Strategie zur Verhinderung einer SP-Bundesrätin nicht aufging und eine Woche später Ruth Dreifuss gewählt wurde. Der sogenannte «Brunner-Effekt», der in den folgenden Jahren die Schweizer Politik mitprägte, war damit ebenfalls eine indirekte Folge des Frauenstreiks. Schliesslich hatte der Schweizer Frauenstreik auch eine grenzüberschreitende Ausstrahlung. Nach seinem Vorbild wurde in Deutschland der Weltfrauentag 1994 zu einem «FrauenStreikTag» erhoben, der von über hundert regionalen Komitees organisiert wurde und an dem sich mehr als eine Million Frauen beteiligten. Es fanden Frauenbetriebsversammlungen und vereinzelt sogar Warnstreiks statt, anders als drei Jahre zuvor in der Schweiz hielten sich Gewerkschaften und etablierte Frauenorganisationen aber stark zurück.

Zwei Jahrzehnte nach dem Frauenstreik fand im Juni 2011 der zweite nationale Frauenaktions- und Streiktag statt. Die von rund 50 Organisationen, darunter zum ersten Mal dem Bäuerinnen- und Landfrauenverband, unterstützten Aktionen hatten bei weitem nicht die Mobilisierungskraft des Frauenstreiks von 1991, erinnerten aber daran, dass manche seiner Anliegen, insbesondere im Bereich der Lohngleichheit, immer noch nicht erfüllt sind.

Materialien zum Thema im Sozialarchiv:

Archiv:

  • Ar 1.117.15 SP Frauen Schweiz: Zentrale Frauenkommission (ZFK): Akten Jan.-Okt. 1992
  • Ar 29.92.22 Schweizerischer Verband für Frauenrechte: Handakten Ursula Nakamura-Stoecklin 1981-1992
  • Ar 39.55.3 Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste: Akten der Nationalen VPOD Frauenkommission 1984-1991
  • Ar 55 OFRA Schweiz
  • Ar 90 Frauen macht Politik FraP!
  • Ar 152.10.10 Nachlass Hedi Lang: Biographisches
  • Ar 476.10.5/2 Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich: Akten Frauenkommission, Frauenkonferenz, Frauenstelle 1988-1995
  • Ar 586 Antimilitaristische Frauengruppe Basel/Frauengruppe SAFT
  • Ar SMUV 03E-0021 Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Pressespiegel: Frauenstreiktag Juni 1991
  • Ar SMUV 03E-0050 Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Pressespiegel: Frauenstreiktag Juni 1993, 1994, 1995
  • Ar SMUV 06B-0004 Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Frauenstreik: Auswertung; Aussprachen Bundesrat; Aktionen; Stellungnahme CNG; Reaktionen Arbeitgeber; Persönliche Briefe an C. Brunner; Medienberichte; Erhebung BIGA; Solidaritätsbriefe CFDT, IGM; Gutachten Streikrecht; Fotos
  • Ar SMUV 06B-0005 Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Frauenstreik: Aktionen der Sektionen; Fotos
  • Ar VHTL 09A-0042 Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel: Wir vom Verkauf: Wenn Frau will, steht alles still. 14. Juni 1991. Landesweiter Frauenstreik 1991

Archiv Bild + Ton (Bestände, in denen sich audiovisuelle Dokumente zum Frauenstreik befinden):

  • F 1021 Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen – UNIA Oral History Projekt
  • F 5030 Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel (VHTL)
  • F 5031 Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI)
  • F 5032 Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV) – Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen
  • F 5039 Gewerkschaft Textil, Chemie, Papier (GTCP)
  • F 5069 comedia Zürich
  • F 7000 Sammelbestand Fotografie
  • F 7001 Sammelbestand Druck
  • F 7003 Sammelbestand Objekt
  • F 9013-005 «Der Aufstand gilt dem Patriarchat»: Frauenstreik, 14. Juni 1991. Zürich 2010

Sachdokumentation:

Bibliothek:

  • 93794 Der Frauenstreik in den Medien = Lo sciopero delle donne nei mass media = La grève des femmes dans les mass media. Hg. Medienfrauen der SJU und des SSM. Bern 1992.
  • 95654 Haas, Esther et al. (Hg.): Der Brunner-Effekt. Zürich 1993.
  • 132792 Hetzer, Vita Alix: Männeruni – Frauenfragen! Die Auseinandersetzungen um die Gleichstellung an zwei Hochschulen. Zürich 2015.
  • CD 1 Kaa, Vera: Rien ne va plus: Wenn die Frau will, dann steht alles still = Bras croisés le pays perd pied. Bern 1991.
  • 93750 Schöpf, Elfie: Frauenstreik: Ein Anfang…: Hintergrund, Porträts, Interviews. Bern 1992.
  • 130444 Schulz, Kristina et al.: Frauenbewegung – Die Schweiz seit 1968: Analysen, Dokumente, Archive. Baden 2014.
  • 92915 Wicki, Maja (Hg.): Wenn Frauen wollen, kommt alles ins Rollen: Der Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991. Zürich 1991.

1. Juni 2016, 18.45 Uhr: Referat von Florian Weber

Die amerikanische Verheissung. Schweizer Aussenpolitik im Wirtschaftskrieg 1917-1918

Mit dem Kriegseintritt der Amerikaner im Frühjahr 1917 nahm der Erste Weltkrieg seine entscheidende Wende: Die Machtbalance verschob sich nach Westen und das Deutsche Kaiserreich verlor den «Grossen Krieg». Die Schweiz wurde von dieser Entwicklung direkt erfasst. Erstmals in ihrer Geschichte musste sie sich auf eine aussereuropäische Macht einstellen. Doch der Kleinstaat lernte rasch:  Er wandte sich vom einstmals bewunderten Kaiserreich ab und suchte den Anschluss an die USA als der kommenden Supermacht des 20. Jahrhunderts. Das Referat beleuchtet knapp hundert Jahre später diese bewegte Phase der Schweizer Geschichte und lädt dazu ein, über das Verhältnis des Kleinstaates zur Welt nachzudenken.

Mittwoch, 1. Juni 2016, 18.45 Uhr,
im Anschluss an die Jahresversammlung des Vereins Schweizerisches Sozialarchiv im Theater Stadelhofen

Florian Weber studierte Wirtschaftsgeschichte und Ökonomie in Zürich und Madrid und war Visiting Fellow an der Graduate School of Arts and Sciences der Harvard University. 2016 promovierte er zum obigen Thema an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die schweizerische und europäische Wirtschaftsgeschichte.

2. Juni 2016, 18.30 Uhr: Buchvernissage

Gotthard: Der Pass und sein Mythos

Mit Helmut Stalder (Autor)

 

Der Sankt Gotthard ist der Pass schlechthin. Und doch ist er viel mehr als nur ein Pass oder Tunnel. Kein anderer Alpenübergang ist mit so vielfältigen Bildern, Erzählungen und Mythen verbunden, besitzt eine derartige Symbolkraft, ist für das Selbstverständnis der Schweiz von derartiger Bedeutung.
Dieses Buch ist das reich bebilderte Porträt eines sagenumwobenen Berges, der seit Jahrhunderten nicht nur Höchstleistungen der Ingenieurskunst im Tunnel- und Strassenbau hervorbringt und die Künste inspiriert. Er ist der mythische Gründungsort der Schweiz. Der Fels, auf dem die Nation ruht.

Helmut Stalder, Dr. phil., studierte Germanistik, Geschichte und Politische Wissenschaften in Zürich, Frankfurt/M und New York. Als politischer Journalist und Buchautor arbeitete er beim Zürcher Tages-Anzeiger und bei der Zeitschrift Beobachter und ist heute bei der Neuen Zürcher Zeitung tätig. Stalder lebt mit seiner Familie in Winterthur.

Donnerstag, 2. Juni 2016, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum
Mit anschliessendem Apéro

Eintritt frei.

Helmut Stalder: Gotthard – Der Pass und sein Mythos. Zürich: Orell Füssli Verlag 2016.

Foto (Ausschnitt): Bruno Helbling
Foto (Ausschnitt): Bruno Helbling

Buchempfehlungen der Bibliothek

Bruno Helbling (Hrsg.): Olympic Realities: Sechs Städte nach dem Grossanlass. Basel, 2015.

Weltrekorde, Heldengeschichten, Tränen der Verlierer. Für zwei Wochen blickt die Welt auf eine Stadt, Olympische Spiele sind das grösste und wichtigste internationale Sportereignis. Allumfassende Begeisterung und globale Medienpräsenz machen die Spiele zu einem Politikum und Anlass für Milliardeninvestitionen. Stadien werden zu Symbolen der Macht. Doch den Tagen der Euphorie folgt bald Ernüchterung. «Olympic Realities» führt den Betrachter durch Städte, aus denen der olympische Sportzirkus ausgezogen ist.
In Bruno Helblings Fotografien erzählen Rost und Ruinen ganz eigene Geschichten und werfen die Frage nach dem Sinn des monströsen Grossereignisses auf. Begleitet werden die eindrücklichen Bilder von sechs Essays, verfasst von Autoren mit einem Bezug zum jeweiligen Austragungsort. So schreibt beispielsweise der Journalist Werner van Gent über die Olympischen Sommerspiele 2004 in Athen. Schonungslos und kurzweilig werden die Wurzeln des olympischen Systems von Grössenwahn, Korruption und Fehlmanagement freigelegt.

Enno Schmidt, Daniel Straub, Christian Müller: Grundeinkommen von A bis Z. Zürich, 2016.

Am 5. Juni 2016 stimmen wir über die Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» ab. Das Buch «Grundeinkommen von A bis Z» ist eine verständlich geschriebene Vertiefung in das Thema und ein Argumentarium für die Diskussion um eine Idee, die viele irritiert. Es nimmt sich die wichtigsten Fragen rund um ein bedingungsloses Grundeinkommen und auch die Einwände dagegen vor: Wer arbeitet dann noch? Wer soll das bezahlen? Ist es gerecht, wenn man auch ohne Arbeit genug zum Leben hat? Handelt es sich um eine Lohnkostensubvention für private Unternehmen? Kommen dann mehr Migrant/innen? Was ist der Wert, was die Zukunft der Arbeit?
Die Autoren erzählen auch die Geschichte dieser utopisch anmutenden Idee und gehen gründlich auf die Frage der Finanzierung ein.

Erich Hackl (Hrsg.): So weit uns Spaniens Hoffnung trug – Erzählungen und Berichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Zürich, 2016.

Diesen Sommer ist es achtzig Jahre her, dass spanische Militärs unter General Franco ihren Aufstand gegen die Republik begannen und damit den Spanischen Bürgerkrieg vom Zaun brachen. Aus diesem Anlass ist die vorliegende Anthologie entstanden.
Der Band versammelt 46 Texte, Erzählungen und Berichte von deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die Zeitgenossen waren. Der Spanische Bürgerkrieg fiel also in ihre Lebenszeit, wie beispielsweise bei Anna Siemsen, Edwin Gmür oder Arthur Koestler. Die Texte sind chronologisch geordnet und veranschaulichen den Spanischen Bürgerkrieg vom Anfang bis zum Ende in einer einzigen grossen, vielstimmigen Erzählung – und in all seinen Facetten: Sie illustrieren die Hoffnung und die Schrecken des Krieges, die Entschlossenheit des Widerstands gegen den Faschismus und die Solidarität, den Verrat des demokratischen Europa an der spanischen Republik, die Kämpfe innerhalb der Volksfront sowie viele weitere Aspekte des Spanischen Bürgerkriegs.

Bestände zum Spanischen Bürgerkrieg im Sozialarchiv (Auswahl):

Bild + Ton:

  • F 9007 Filmbestand von Robert Risler (1912-2005)
  • F 5077 Agenturfotos aus dem Nachlass von Roger A. Roth (1940-2008)
  • DVD 15 Hans Hutter – ein Schweizer im Spanischen Bürgerkrieg: Ein Dokumentarfilm von Luís M. Calvo Salgado und Christian Koller (Zürich 2006)

Papierarchiv:

  • Ar 20.803 Auslandhilfe des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks SAH
  • Ar 151.11.5 Korrespondenz, Postkarten, Flugblätter, Plakate etc. aus dem Nachlass von Robert Risler
  • Ar 39.30.7 Akten 1936-1939 des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste vpod

Sachdokumentation:

  • KS 335/70 ff. Broschüren und Flugschriften zum Spanischen Bürgerkrieg
  • ZA 39.9 *SpB Schweizer im Spanischen Bürgerkrieg (Zeitungsausschnitte)
Ostschweizerisches Bettagsturnier in Uster. Bettag, den 19. Sept. [19]37.
Ostschweizerisches Bettagsturnier in Uster. Bettag, den 19. Sept. [19]37.

Neu im Archiv: Das Archiv des Schweizerischen Arbeiterschachbundes SASB

In den letzten Monaten konnte das Sozialarchiv wieder eine ganze Reihe interessanter Archivbestände und Nachlässe übernehmen. Erwähnt seien hier beispielsweise das Archiv von Pro Audito Zürich (ehemals: Schwerhörigen-Verein Zürich), der Nachlass von Karl Hofmaier (1897-1988), eine Dokumentation zur Geschichte der Lebensreform von Peter F. Kopp oder das umfangreiche Archiv von Alliance Sud, der wichtigsten Sprecherin für die politischen Anliegen privater Entwicklungsorganisationen (Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Caritas, Helvetas, Heks). Ein weiterer Neuzugang, das Archiv des Schweizerischen Arbeiterschachbundes, soll im Folgenden etwas näher vorgestellt werden.

Die Ursprünge der Arbeiterschachbewegung der Schweiz lagen in Zürich, das mit seinem hohen Ausländeranteil, vorwiegend Deutsche, wesentliche Anregungen aus der europäischen Szene erhielt. 1900 wurde hier der erste Arbeiterschachverein gegründet, der unter dem Namen ASK International die Wirren des Ersten Weltkriegs überstand. 1920 bestanden unabhängige Sektionen in Basel, Bern und Winterthur. Diese Vereine schlossen sich 1922 in Olten zum Schweizerischen Arbeiterschachbund SASB zusammen. Ab 1930 gab der SASB eine eigene Verbandszeitung heraus: die Schweizerische Arbeiter-Schachzeitung (ab 1983: Schweizer Schach-Magazin). Die Mitgliedervereine des SASB sahen sich stets als ein Hort der Kameradschaft, aber auch der Solidarität. Hier wurde nicht nur Schach gespielt, sondern die Mitglieder halfen sich, wo es ging, auch finanziell aus oder vermittelten einander Stellen.

Wie die anderen Arbeitersport- und -kultur-Organisationen machte auch der SASB in der Zwischenkriegszeit und vor allem nach 1945 eine recht stürmische Entwicklung durch. An den Delegiertenversammlungen wurde über Richtungsfragen heftig diskutiert. Tendenziell nahm die politische (sozialdemokratische) Ausrichtung kontinuierlich ab, und an die Stelle der schachspielenden Arbeiter traten nun die Angestellten. In den Statuten von 1981 wurde dann erstmals auf jede politische Positionierung verzichtet. Schliesslich kam es 1995 nach längeren Diskussionen zur Fusion mit dem SSV zum Schweizerischen Schachbund.

Das Archiv des SASB enthält Gremienprotokolle, Jahresberichte, Korrespondenzen und weitere Akten. Sehr gut dokumentiert sind der Spielbetrieb und das Umfeld der Schweizer Arbeitersportorganisationen. Einzelne Regionalverbände und Sektionen sind mit Teilbeständen vertreten. Das Archiv des SASB wird zurzeit bearbeitet und kann unter der Signatur SozArch Ar 603 ohne Benutzungsbeschränkungen eingesehen werden.

Demoflyer, Zürich, 21.6.2014
Demoflyer, Zürich, 21.6.2014

SozArch QS 94.8 *G: Gentrifizierung, Stadtteilaufwertung

Der […] Begriff „gentrification“ wurde 1964 von der britischen Stadtsoziologin Ruth Glass zur Kennzeichnung des Sachverhalts verwendet, dass Mittelschichtfamilien in den ursprünglich vor allem von Arbeitern bewohnten Londoner Stadtteil Islington zugezogen waren und den Stadtteil dadurch in seiner sozialen Struktur signifikant verändert hatten. Sie sah dabei eine Analogie zu Vorgängen im 18. Jahrhundert, als Teile des niederen Adels (Gentry) vom Rand der Städte zurück in die Zentren zogen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gentrifizierung)

Das Phänomen der Gentrifizierung ist also nicht vollkommen neu. Der seit den 1990er Jahren in vielen Städten zu beobachtende Prozess lässt sich zusammenfassend so beschreiben: «Pioniere» werten preisgünstige ältere Stadtteile oder ehemalige Industrieareale in Innenstadtnähe auf und verhelfen ihnen zu neuer Lebendigkeit. Mit bescheidenen Mitteln eröffnen sie alternative Betriebe wie Cafés und Bars, Kulturtreffs und Konzertlokale, Läden und kleinere Werkstätten. Den Pionieren folgen nach einer gewissen Zeit die sogenannten «Gentrifier», welche den attraktiv gewordenen Stadtraum als Bühne zur Selbstdarstellung und als Revier für Konsummöglichkeiten abseits vom Mainstream nutzen. Dadurch werden Investoren und Immobiliengesellschaften auf den städtischen Standort aufmerksam und werten den Stadtteil weiter auf, indem sie Häuser sanieren und hochwertigen Wohnraum erstellen. Dies lockt eine einkommensstarke Bewohnerschaft und Klientel in die jeweiligen Quartiere, was die Eröffnung von hochpreisigen Geschäften sowie die Ansiedlung multinationaler Firmen nach sich zieht. In der Folge wird das Quartier zum «Trendquartier», was die Mietpreise in die Höhe treibt. Grosse Teile der alteingesessenen Bewohner/innen  und der Pioniere können sich das Leben in dem Stadtteil nicht mehr leisten und müssen schliesslich wegziehen.

Gegen diese aggressive Form der Aufwertung unter kommerziellen Vorzeichen, die zur Verdrängung breiter Bevölkerungssegmente aus ganzen Stadtteilen führt, wenden sich seit den 1990er Jahren zahlreiche Protestbewegungen. Im gleichen Zusammenhang stehen das Aufbegehren gegen Wohnungsnot (Dossier 94.0 *W  Wohnungsmarkt) und die – oft illegale – Besetzung noch leerstehender Liegenschaften bzw. der Widerstand gegen die erzwungene Räumung derselben (Dossier 94.5 *21 Häuserkampf, Hausbesetzungen). Der aktivistische Einspruch richtet sich dabei auch gegen die zunehmende Privatisierung von öffentlichem Raum, gegen vermehrte Kontrolle und die Wegweisung unliebsamer Personen durch die Polizei zum Schutz einer für Konsumenten hergerichteten urbanen Wohlfühlumgebung.

In Zürich weisen vor allem die Stadtkreise 4 und 5 (Aussersihl) sowie im Kreis 8 das Seefeld Merkmale von Gentrifizierung auf, aber auch andere Schweizer Städte (z.B. das Lorraine-Quartier in Bern) und insbesondere Stadtbezirke in internationalen Metropolen wie Berlin, London, Istanbul, Chicago oder Mexico Stadt sind von umwälzenden Gentrifizierungsprozessen betroffen.

Die in der Dokumentation des Sozialarchivs vorhandenen Broschüren und Flugschriften zum Thema «Gentrifizierung» wurden nun in einem neuen Sonderdossier 94.8 *G Gentrifizierung, Stadtteilaufwertung zusammengefasst, um den Benutzenden einen direkten Zugang zu ermöglichen. Dokumente zu den allgemeineren Themen Städtebau, Stadtentwicklung, Urbanität sind wie bisher im Dossier 94.8 zu finden.

Ulrike Schelling und Rahel Wagner (Praktikantin)

 

Weiteres Material zum Thema «Gentrifizierung» im Sozialarchiv:

Bibliothek:

  • 95951 Jörg Blasius: Gentrification und Lebensstile. Eine empirische Untersuchung. Wiesbaden, 1993.
  • 95952 Monika Alisch: Frauen und Gentrification. Der Einfluss von Frauen auf die Konkurrenz um den innerstädtischen Wohnraum. Wiesbaden, 1993.
  • 98080 Wilhelm Falk: Städtische Quartiere und Aufwertung. Wo ist Gentrification möglich? Basel, 1994.
  • 103667 StadtRat: Umkämpfte Räume. Hamburg, 1998.
  • 116832 Tomas Stahel: Wo-Wo-Wonige. Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968. Zürich, 2006.
  • 122952 Andrej Holm: Wir bleiben alle! Gentrifizierung – städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung. Münster, 2010.
  • 123313 Christoph Twickel: Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle. Hamburg, 2010.
  • 124694 Thomas Dörfler: Gentrification in Prenzlauer Berg? Milieuwandel eines Berliner Sozialraums seit 1989. Bielefeld, 2010.
  • 126101 Maren Harnack: Rückkehr der Wohnmaschinen. Sozialer Wohnungsbau und Gentrifizierung in London. Bielefeld, 2012.
  • 129442 Katharina Bröcker: Metropolen im Wandel. Gentrification in Berlin und Paris. Darmstadt, 2013.
  • 130453 Florian J. Huber: Stadtviertel im Gentrifizierungsprozess. Aufwertung und Verdrängung in Wien, Chicago und Mexico Stadt. Wien, 2013.
  • [erwartet] Gentrifizierung. Theorien und Forschungsergebnisse. Leverkusen, 2015.

Archiv:

  • Ar 455 Dokumentation Wo-Wo-Wonige. Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968. 1971-2006.
  • Ar 539.10.9a Publikationen zur Entwicklung Zürich-West. 1993-2013.

Archiv Bild + Ton:

  • F 5038 Wo-Wo-Wonige!: Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968

Renovation und Umbau des Lesesaals im Mai

Im Mai 2016 renoviert das Sozialarchiv seinen Lesesaal, damit er auch in Zukunft einladend und ansprechend daherkommt, für Studierende und Forschende individueller nutzbar ist und unseren Gästen und Interessierten eine angenehme Umgebung zum Lesen und Recherchieren bietet.

Während des Umbaus kann man bei reduzierten Öffnungszeiten im Hochparterre (Medienraum) weiterhin Medien ausleihen und zurückbringen. Nicht zur Verfügung stehen werden hingegen die Einzelarbeitsplätze sowie alle anderen üblicherweise im Lesesaal angebotenen Nutzungsmöglichkeiten: das Arbeiten mit Archiv- und Dokumentationsbeständen und mit anderen Dokumenten, die nicht nach Hause ausleihbar sind; die Sichtung von Mikrofilmen; Recherchen an den PC-Stationen; Scannen und Kopieren; die Belegung der Monats- und Tagesfächer.

Wir bitten um Verständnis und freuen uns darauf, ab dem 30. Mai 2016 die Benutzenden wieder während der üblichen Öffnungszeiten bei uns begrüssen zu dürfen – in neuem Ambiente und mit den gewohnten umfassenden Dienstleistungen.

> Zeitraum des Umbaus mit reduziertem Angebot
und reduzierten Öffnungszeiten: 6. Mai bis 28. Mai 2016

27. Mai 2016, 19 Uhr: Buchvernissage

Traverse 2016/1:
Masse, Märkte und Macht in der Geschichte des Sports / Masse, marchés et pouvoir dans l’histoire du sport

Die Traverse untersucht das Thema Sport als Breiten- und Massenphänomen, als marktorientierte Unterhaltungsform und als historische Erscheinung, die sich im Wechselspiel von Politik und Masse situiert. Die Ausgabe vereinigt Beiträge zur Geschichte des Dopings und der Dopingpolitik, zur Entwicklung des modernen Fussballs und zur Korruptionsgeschichte in der FIFA, zur Entstehung des Skisports in der Schweiz und zur Medialisierung und Politisierung des Sports in der schweizerischen Zwischenkriegszeit.

Christian Koller stellt in seinem Beitrag «Sportlergrüsse nach Moskau» ein interessantes Dokument aus den Beständen des Schweizerischen Sozialarchivs vor: Ein Brief der Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion verdeutlicht exemplarisch die Problematik schweizerischer Sportkontakte zum Ostblock im frühen Kalten Krieg. Der Umstand, dass solche Kontakte höchst umstritten waren und auch Politik, Diplomatie, Presse und Geheimdienste involvierten, deutet auf die zentrale gesellschaftliche Bedeutung des Sports schon in jener Epoche hin.

Freitag, 27. Mai 2016, 19 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 173 KB)

Der Eintritt ist frei.

Kolonie Entlisberg I, Filmstill aus «Das genossenschaftliche Zürich» (CH 1928)
Kolonie Entlisberg I, Filmstill aus "Das genossenschaftliche Zürich" (CH 1928)

10. April 2016, 11.30 Uhr: 100 Jahre bewegte Wohngeschichte

Das Kino Riffraff zeigt in der Matinée den Film «100 Jahre bewegte Wohngeschichte» – ein spannender Streifzug durch die Geschichte der ABZ und des Wohnens allgemein.

100 Jahre bewegte Wohngeschichte. Genossenschaftliches Bauen und Wohnen – gestern und heute

Vom 31. März bis 25. Juni 2016 feiert die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) mit verschiedenen Veranstaltungen ihr 100-jähriges Bestehen. In den vergangenen hundert Jahren hat die ABZ zahlreiche Spuren hinterlassen, auch in den Medien Film und Fernsehen. Erlebte Schweiz hebt diese audiovisuellen Schätze und zeigt sie im Zürcher Kino RiffRaff. So tauchen wir ein in die Geschichte der grössten Wohnbaugenossenschaft der Schweiz und erhalten Einblicke in die Geschichte des Wohnens in Schweizer Städten allgemein.

ABZ-Präsident Peter Schmid und Historiker und Architekturpublizist Daniel Kurz
interpretieren und diskutieren die gezeigten Film- und Fernsehausschnitte.

Sonntag, 10. April, 11.30 Uhr im Kino Riffraff, Zürich
(Kassenöffnung um 11 Uhr)

> Mehr Infos auf der Website vom Kino Riffraff