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Wohnen in der Stadt – trautes Heim und Mieterstreik: Filmtournee

Wohnungsnot und horrende Mieten, genossenschaftliche Wohnprojekte und Hausbesetzungen sorgen nicht erst seit gestern für Schlagzeilen. Mit audiovisuellen Dokumenten erkundet «Wohnen in der Stadt» die Geschichte des städtischen Wohnens in der Schweiz.

Wohnbaugenossenschafterinnen, Städteplaner und Historikerinnen mit einem lokalen Bezug kommentieren in verschiedenen Schweizer Städten die einmaligen Zeitdokumente aus Schweizer Archiven.

Stationen der Filmtournee:

Donnerstag, 15.9.2016, 18:00 Uhr, Kino Cameo, Winterthur
Präsentiert von: Wohnbaugenossenschaften Winterthur, 75-Jahre-Jubiläum
Mit: Doris Sutter Gresia, Präsidentin wbg Winterthur, und Verena Rothenbühler, Historikerin

Donnerstag, 22.9.2016, 19:00 Uhr, Kino Xenix, Zürich
Präsentiert von: Wohnbaugenossenschaften Zürich
Mit: Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin, und Andreas Wirz, Architekt und Vorstand wbg Zürich

Mittwoch, 28.9.2016, 20:15 Uhr, LaMarotte, Affoltern am Albis
Präsentiert von: Kulturverein LaMarotte
Mit: Andreas Hofer, Architekt, Mitbegründer und Projektentwickler der Genossenschaft KraftWerk1, und Wilhelm Natrup, Kantonsplaner und Leiter Amt für Raumentwicklung Kanton Zürich

Mittwoch, 19.10.2016, 18:30 Uhr, Bourbaki Kino, Luzern
Präsentiert von: Allgemeine Baugenossenschaft Luzern
Mit: Ruedi Meier, Präsident abl und Alt-Stadtrat, und Dr. Beatrice Schumacher, Historikerin und Autorin von «Kleine Geschichte der Stadt Luzern»

Mittwoch, 9.11.2016, 19:30 Uhr, Royal, Baden
Präsentiert von: Stadtlabor Baden, Teil 5
Mit: Fabian Furter, Historiker, und Lucia Vettori, Architektin BSA und Stiftungsrätin
Wohnbaustiftung Baden

Montag, 14.11.2016, 18:30 Uhr, Stadtkino, Basel
Präsentiert von: Stadtwohnen Basel
Mit: Regula Küng, Leiterin Fachstelle Wohnraumentwicklung, und Prof. em. Dr. Regina Wecker, Historikerin Universität Basel

Mittwoch, 16.11.2016, 20:00 Uhr, Lichtspiel, Bern
Präsentiert von: Wohnbaugenossenschaften Bern-Solothurn
Mit: Daniel Blumer, Kompetenzzentrum gemeinnütziger Wohnbau Bern-Solothurn, und Dr. Sabin Bieri, Centre for Development and Environment, Universität Bern

Erlebte Schweiz ist eine Veranstaltungsreihe von Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz. Die Produktion «Wohnen in der Stadt» entstand in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Sozialarchiv.

> Veranstaltungsflyer herunterladen
> www.erlebteschweiz.ch

Vor 70 Jahren: Take-off der europäischen Integration von der Schweiz aus

Das Ende des Zweiten Weltkriegs war nicht nur der Schlusspunkt eines weltweiten Mordens und der Ära des Faschismus, sondern zugleich eine Zeit politischen Pläneschmiedens. Über die Frage, wie Europa und die Welt in der Zukunft politisch aussehen sollten, herrschten die unterschiedlichsten Vorstellungen. Eine Idee indessen tauchte in zahlreichen Plänen für eine friedlichere Zukunft auf: die Idee von einem geeinten Europa. Überlegungen dazu kamen aus pazifistischen, sozialistischen, christdemokratischen, liberalen und selbst konservativen Kreisen, die im Kampf gegen den Faschismus ihre weltanschaulichen Differenzen vorübergehend zurückgestellt hatten und sich nun schon bald mit der Perspektive einer geostrategischen Konfrontation mit dem erstarkten Kommunismus auseinandersetzten. Die Schweiz war zu jener Zeit Schauplatz einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, die den Take-off der europäischen Integration einleiteten.
Der Grundgedanke, durch gesamteuropäische politische Strukturen den Frieden zu fördern, war nicht neu. Derlei Pläne waren seit Jahrhunderten immer wieder aufgetaucht. So hatte im Zeitalter der Glaubenskriege der Herzog von Sully, ehemaliger Minister des 1610 ermordeten französischen Königs Henri IV., in seinen Memoiren einen Europaplan formuliert, der auf eine Konföderation mit Herstellung eines politischen Gleichgewichts und religiöser Toleranz abzielte. Zur Verhinderung von Kriegen und Bürgerkriegen innerhalb Europas sowie zur Abwehr von Angriffen von aussen sollte ein europäisches Heer aufgebaut werden und über diese Konföderation ein Europarat wachen. Im Jahr 1795 publizierte Immanuel Kant seine Schrift „Vom ewigen Frieden“, in der er einen Weltvölkerbund auf der Basis einer Rechtsstaatlichkeit und die Grundrechte betonenden Normen- und Wertegemeinschaft forderte. Im 19. Jahrhundert waren es etwa der Graf de Saint-Simon, Begründer einer frühsozialistischen Bewegung, oder der Schriftsteller Victor Hugo, die wichtige Europapläne formulierten. Saint-Simon entwarf eine europäische Verfassung, die ein Zweikammerparlament und einen europäischen Monarchen vorsah. Hugo setzte sich auf verschiedenen europäischen Pazifistenkongressen für ein friedliches Europa der brüderlichen Nationen ein. Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 gründete der deutsche Pazifist Eduard Löwenthal in Zürich eine „europäische Unionspartei“.
Mit der Erfahrung des Ersten Weltkriegs intensivierten sich diese Bestrebungen. Pazifistische Zirkel in den kriegführenden Ländern diskutierten intensiv die Grundlagen einer zukünftigen Friedensordnung, die eine Wiederholung der 1914 ausgebrochenen Katastrophe verhindern sollte. Neben der Idee eines globalen Systems kollektiver Sicherheit durch einen Völkerbund spielten dabei zumeist auch Überlegungen zur europäischen Integration eine Rolle. Eine Reihe von Schweizern machten sich in jenen Jahren ähnliche Gedanken. Der Frauenfelder Johannes Erni publizierte 1915 eine Schrift mit dem Titel „Die europäische Union als Bedingung und Grundlage des dauerhaften Friedens“. Eine ähnliche Tendenz hatten etwa auch die in Zürich erschienenen Schriften „Die Vereinigten Staaten von Europa“ von Carl Zimmermann und „Alle Sieger! Ein Vorschlag und ein Aufruf von einem Europäer“. Georg Wettstein interpretierte den Weltkrieg als „Europas Einigungskrieg“ und der Jurist Fritz Funk legte gar einen Verfassungsentwurf für die „Vereinigten Staaten Europas“ vor.
In der Zwischenkriegszeit wurde die Europaidee von der Utopie zum politischen Programm. Vielen erschien es notwendig, neben dem neugegründeten, aber in mancherlei Hinsicht schwachen Völkerbund eine auf Europa konzentrierte Friedensorganisation zu schaffen, die insbesondere auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit begünstigen sollte. Eine treibende Kraft hinter diesen Ideen war der österreichisch-japanische Philosoph und Historiker Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, der 1923 in seinem „Pan-Europäischen Manifest“ geradezu prophetisch vor einem neuen Krieg warnte, der die Grauen des Ersten Weltkriegs noch weit übertreffen würde: „Sein Element wird die Luft sein […] – sein Ziel die Ausrottung der feindlichen Nation. Der Hauptkampf wird sich gegen die Städte des Hinterlandes richten, gegen Frauen und Kinder.“  Zur Abwendung einer solchen Katastrophe propagierte Coudenhove den politischen und wirtschaftlichen Zusammenschluss aller Staaten von Polen bis Portugal zu einer Föderation mit gemeinsamem Parlament und gemeinsamer Exekutive, zu deren Kompetenzen die Aussenpolitik und die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsgebietes gehören sollten.
Die von Coudenhove 1922 ins Leben gerufene „Paneuropa-Union“ wuchs in den folgenden Jahren zu einer eindrucksvollen Bewegung mit Sektionen in den meisten europäischen Ländern und zahlreichen prominenten Mitgliedern heran. Ehrenpräsident wurde der sozialistische französische Aussenminister und Friedensnobelpreisträger Aristide Briand, zu den Mitgliedern zählten etwa Physiknobelpreisträger Albert Einstein, Schriftsteller wie Thomas Mann und Franz Werfel, der Kölner Oberbürgermeister und nachmalige christdemokratische deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer und der Wiener Student und spätere sozialistische österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky. 1925 nahm die SPD einen Artikel ins Parteiprogramm auf, dass Sozialdemokraten sich für eine „Europäische Wirtschaftsunion“ als Weg in die Vereinigten Staaten von Europa einsetzten.
Die paneuropäischen Ideen hatten auch Rückwirkungen auf die Schweiz: 1926 gründete der Basler Ökonom Arnold Ruesch den „Europäer-Bund“ und 1930 entstand die Organisation „Jung-Europa“, die in ihrem Programm eine europäische Freihandelszone zur Verhinderung bewaffneter internationaler Konflikte forderte, sich jedoch ausser in Basel schon nach kurzer Zeit wieder auflöste. 1927 wurde in Zürich die erste Schweizer Sektion von Coudenhoves „Paneuropa-Union“ aus der Taufe gehoben. Die Vereinigung konnte bald prominente Mitglieder aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in ihren Reihen aufnehmen. So gehörte dem Sektionsvorstand 1930 unter anderem Emil Klöti, der Stadtpräsident des „Roten Zürich“, an und auch der demokratische Regierungsratspräsident Oskar Wettstein war der Vereinigung beigetreten. Weitere Regionalgruppen in anderen Landesteilen folgten, deren Zusammenfassung zu einer gesamtschweizerischen Organisation gelang aber nicht. 1934 fusionierten „Jung-Europa“ und die Basler „Paneuropa Gruppe“ zur „Europa-Union – Schweizerische Bewegung für die Einigung Europas“, einer Vorläuferorganisation der heutigen „Neuen Europäischen Bewegung“ (NEBS). Zu ihren Mitgliedern und Unterstützern zählten vor allem Deutschschweizer Intellektuelle, Unternehmer und Pazifisten, aber auch antifaschistische deutsche Exilanten wie Thomas Mann.
Das Wirken Coudenhoves und seiner Anhänger wurde indessen genau so wenig von Erfolg gekrönt wie der 1929/30 von Aristide Briand unternommene Versuch, den europäischen Einigungsprozess durch eine Intensivierung namentlich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit voranzutreiben. Der französische Aussenminister legte dem Völkerbund im Mai 1930 ein entsprechendes Memorandum vor und forderte darin einen „Bund auf der Grundlage des Gedankens der Einigung“ als System kollektiver Sicherheit sowie die Schaffung eines gemeinsamen Marktes im Sinne der Vereinfachung des Güter-, Kapital- und Personenverkehrs.
Zu den erbittertsten Gegnern der paneuropäischen Bestrebungen zählten die faschistischen Bewegungen. So lehnte etwa Adolf Hitler in einem 1928 verfassten Manuskript über aussenpolitische Fragen die Paneuropa-Idee dezidiert ab und forderte stattdessen „ein Europa mit freien und unabhängigen Nationalstaaten, deren Interessengebiete auseinandergehalten und genau begrenzt sind“.  Die paneuropäische Bewegung, so Hitler, beruhe „auf dem fundamentalen Grundirrtum, dass man Menschenwerte durch Menschenzahl ersetzen könnte […]. Diese Auffassung entspricht der Sinnlosigkeit unserer westlichen Demokratie ebenso sehr wie dem feigen Pazifismus unserer Überwirtschaftskreise. Dass sie das Ideal aller minderwertigen oder halbrassischen Bastarde ist, liegt auf der Hand. Ebenso, dass der Jude eine solche Auffassung besonders begrüsst, führt sie doch in ihrer konsequenten Befolgung zu einem Rassenchaos und Durcheinander, zu einer Verbastardung und Verniggerung der Kulturmenschheit und endlich damit zu einer solchen Senkung ihres rassischen Wertes, dass der sich davon freihaltende Hebräer langsam zum Weltherren aufzusteigen vermag.“
Auch das führende Nazi-Blatt „Völkischer Beobachter“ polemisierte heftig gegen die Bestrebungen für eine europäische Integration. So bedauerte es am 5. Juli 1928 in einem Artikel mit dem Titel „Der paneuropäische Schwindel“, „dass man Begriffe wie Landesverrat in der marxistisch und pazifistisch regierten Republik bald überhaupt nicht mehr kennen wird, daher sind wir auch überzeugt, dass Leute wie Coudenhove-Kalergi noch lange in Deutschland frei herumlaufen werden“. Am 17. Juli gleichen Jahres wurde Coudenhove als „Paneuropa-Graf, dessen Mischlingsideal bekanntlich die eurasisch-negroide Zukunftsrasse unter jüdischer Führung ist“, tituliert; der Artikel schloss mit den Worten, es sei „hohe Zeit, dass dem arroganten Mischlingsgrafen sein gefährliches Handwerk gelegt wird. Das geistige Nomadentum ist unter der neudeutschen Intelligenz ohnedies schon grösser, als wir es vertragen können“. Briands Europa-Memorandum verhöhnte der „Völkische Beobachter“ am 20. Mai 1930 als „Rattenfänger-Denkschrift“.
Auch nach dem Scheitern aller Friedensbemühungen lebte die Idee der europäischen Integration indessen weiter, ja sie wurde während des Zweiten Weltkriegs zu einem zentralen Element in antifaschistischen Zukunftsplänen. Im Winter 1939/40 formulierte die schweizerische „Europa-Union“ mit den „Leitsätzen für ein neues Europa“ ihr erstes detailliertes Programm. Zentral war darin die Forderung nach einem europäischen Bundesstaat, der für die Friedenssicherung verantwortlich sein sollte. Die soziale Verantwortung übertrug das Programm der Wirtschaft, die genossenschaftlich organisiert werden sollte. Ausserdem sollte ein übernationales Kulturparlament die Oberhoheit über den Schulunterricht in europäischem und demokratischem Sinne ausüben. Kurz vor Kriegsende publizierte die „Europa-Union“ das Buch „Kampf um Europa“, das zum wirtschaftlichen Wiederaufbau, der Friedenssicherung und der Gewährleistung von Demokratie und Freiheitsrechten im Nachkriegseuropa ein System kollektiver Sicherheit und wirtschaftlicher und politischer Integration vorschlug.
Auch in praktisch allen europäischen Widerstandsbewegungen, sei es die französische Résistance, seien es der Kreis um die Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 und andere deutsche Widerstandsgruppen, sei es die Resistenza in Italien oder seien es belgische, polnische und niederländische Untergrundorganisationen oder deutsche ExilsozialistInnen, wurden europäische Föderationspläne geschmiedet. In konspirativen Zirkeln und faschistischen Kerkern entstanden so jene Konzepte, auf welche nach dem Krieg die europäischen Bewegungen zurückgreifen sollten. Im Sommer 1944 trafen sich Vertreter verschiedener Widerstandsbewegungen unter der Schirmherrschaft des Ökumenischen Weltkirchenrates in Genf und erarbeiteten eine gemeinsame Deklaration zu einer zukünftigen europäischen Föderation. Die deutsche Pädagogin, ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete und Pazifistin Anna Siemsen trug Anfang 1945 in einem heute im Sozialarchiv gelagerten Typoskript mit dem Titel „Neues Deutschland im neuen Europa“ die europapolitischen Positionen der Widerstandsbewegungen verschiedener Länder zusammen. Siemsen hatte sich bereits in der Zwischenkriegszeit für die Überwindung der nationalstaatlichen Ordnung Europas, die sie für die Katastrophe des Ersten Weltkriegs verantwortlich machte, eingesetzt. Ihr 1928 publiziertes Buch „Daheim in Europa“ war ein Reiseführer für Arbeiterinnen und Arbeiter mit internationalistischer Stossrichtung und forderte „ein Europa, das wir lieben können, ein Europa, das unseren Kindern Heimat sein wird“. 1937 veröffentlichte sie im Schweizer Exil die Schrift „Diktaturen – oder europäische Demokratie“.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dauerte es nicht lange, bis Bestrebungen zur Initiierung eines europäischen Integrationsprozesses in Gang kamen. Im September 1946 wurde die Europa-Idee gleich an drei Veranstaltungen prominent zur Sprache gebracht, die allesamt in der Schweiz stattfanden. Vom 2. bis 14. September beherbergte Genf die ersten „Rencontres Internationales“, an denen unter dem Thema „L’esprit européen“ rund 50 Intellektuelle darüber diskutieren, wie das europäische Kulturerbe zur Erneuerung des kriegsversehrten Kontinents beitragen könnte. Unter den Teilnehmern befanden sich etwa Karl Jaspers, György Lukács, Jean-Rodolphe von Salis und Denis de Rougemont. In der Folge gab es bis 1956 jährlich solche Treffen. Vom 15. bis 22. September 1946 kamen in Bern und Hertenstein am Vierwaldstättersee 78 Delegierte aus 13 europäischen Ländern sowie den USA zu einer von der schweizerischen „Europa-Union“ und der niederländischen „Europeesche Actie“ organisierten Konferenz zusammen und verabschiedeten ein 12-Punkte-Programm. Die Konferenz gab den Anstoss für die Gründung der „Union Européenne des Fédéralistes“ (UEF), die dann im August 1947 ihren ersten Kongress in Montreux abhalten sollte.
Gleichzeitig mit der Hertensteiner Konferenz, am 19. September 1946, mahnte Winston Churchill in seiner berühmten Rede „The Tragedy of Europe“ in der Aula der Universität Zürich, wo heute eine Tafel daran erinnert, die Bildung von „a certain kind of United States of Europe“ an. Der britische Kriegspremier beendete seine von Radio Beromünster ausgestrahlte Rede mit dem Ausruf „let Europe arise!“, meinte damit aber ausschliesslich Kontinentaleuropa, das in vereinigter Form und auf der Basis französisch-deutscher Versöhnung ein gleichberechtigter Partner der „Grossen Drei“, der USA, der Sowjetunion und des interkontinentalen britischen Commonwealth, werden sollte. Im Mai 1947 erfolgte die Gründung des eher konservativen „United Europe Movement“, das in seinen Einigungsbestrebungen weniger weit gehen wollte als die UEF. Wenige Monate darauf wurde auf Bestreben Coudenhove-Kalergis in Gstaad die „Europäische Parlamentarier-Union“ als Bewegung europäisch gesinnter Abgeordneter aus unterschiedlichen Ländern ins Leben gerufen, die in der Folge mehrere ihrer Kongresse in der Schweiz abhalten sollte. Im selben Jahr entstanden auch die Bewegung „Sozialistische Vereinigte Staaten von Europa“, die 1961 in Europäischen Linke umbenannt wurde, und die christdemokratischen „Nouvelles Equipes Internationales“.
Das „United Europe Movement“ initiierte im Mai 1948 im Haag einen „Europakongress“, an dem etwa 700 ExponentInnen aus Politik, Wirtschaft und Kultur teilnahmen. Eine führende Rolle spielte abermals Winston Churchill. Gefordert wurde insbesondere die Wahl einer „Europäischen Versammlung“ durch die nationalen Parlamente und die Einrichtung eines europäischen Kulturzentrums, um den Glauben an den Wert des Individuums, das gemeinsame Erbe der Kultur und die demokratischen Prinzipien zu propagieren. Der Haager Kongress gab unmittelbar den Anstoss zur Gründung des Europarates im Jahre 1949 und zur Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) im Jahr darauf. Ebenfalls 1949 bekundeten die „founding fathers“ der Bundesrepublik Deutschland in der Präambel des Grundgesetzes ihren Willen, „in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“. Im Dezember 1949 fand in Lausanne eine „Conférence européenne de la Culture“ statt, die Anstoss gab zur Gründung des „Collège d’Europe“ in Brügge sowie des „Centre Européen de Culture“ und des „Conseil européen pour la recherche nucléaire“ (CERN), beide in Genf domiziliert.
War die Schweiz in der unmittelbaren Nachkriegszeit Schauplatz wesentlicher europapolitischer Konferenzen gewesen, so stand das von den beiden Weltkriegen verschonte Land in der Folge bei der Umsetzung der dabei geschmiedeten Pläne abseits. 1950 schlug der christdemokratische französische Aussenminister Robert Schuman in einer Rede vor, Deutschland und Frankreich sowie jedes weitere beitrittswillige europäische Land sollten ihre Kohle- und Stahlindustrie gemeinsam verwalten. Im Jahr darauf wurde in Paris mit der Unterzeichnung des Vertrags über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) durch Frankreich, die Bundesrepublik, Italien und die Benelux-Staaten das erste supranationale Abkommen geschlossen, das zur Keimzelle der heutigen EU wurde. Die Präambel nannte als Zwecke des Vertrags die Sicherung des Weltfriedens, die wirtschaftliche Entwicklung und die Hebung des Lebensstandards. Grundidee war, „an die Stelle der jahrhundertealten Rivalitäten einen Zusammenschluss ihrer wesentlichen Interessen zu setzen, durch die Errichtung einer wirtschaftlichen Gemeinschaft den ersten Grundstein für eine weitere und vertiefte Gemeinschaft unter Völkern zu legen, die lange Zeit durch blutige Auseinandersetzungen entzweit waren, und die institutionellen Grundlagen zu schaffen, die einem nunmehr allen gemeinsamen Schicksal die Richtung weisen können“.
Sechs Jahre später unterzeichneten die „Sechs“ in Rom zwei weitere Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom), die sogenannten Römischen Verträge. Die drei Europäischen Gemeinschaften besassen zunächst zwei gemeinsame Organe, den Gerichtshof und die Parlamentarische Versammlung. 1967 wurden dann auch die Exekutivorgane fusioniert, so dass die drei Gemeinschaften sich zunehmend zu einer einzigen Europäischen Gemeinschaft (EG) wandelten, aus der wiederum 1994 die Europäische Union (EU) hervorging.
Neben diesen politischen, institutionellen und wirtschaftlichen Integrationsprozessen gab es in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch Bestrebungen zu einer mentalen Integration von unten. Ein Beispiel dafür ist die Theatertournee „Das Spiel vom gleichen Boot“ vom Sommer 1952. Das unter der Federführung des pazifistischen und religiös-sozialistischen Schweizer Pädagogen Gerold Meyer von einem Aktionskomitee „Jugend einigt Europa“ gestartete Projekt warb mit zwei Schleppkähnen auf dem Rhein, sogenannten „Schiffen des guten Willens“, für die Errichtung einer „Cité de la Jeunesse Européenne“ in Strasbourg, das aufgrund seiner französisch-deutschen Geschichte und als Sitz des neugegründeten Europarates als eine Art europäische Hauptstadt galt. Hier sollten Jugendliche nationale Vorurteile abbauen und sich mit der Idee europäischer Integration auseinandersetzen. Text und Regie des mobilen Theaters auf dem Rhein verantwortete Werner Wollenberger, die Musik steuerte Hans Möckel bei. SchauspielerInnen waren 50 Jugendliche aus zehn verschiedenen europäischen Ländern.

Material zum Thema im Sozialarchiv

Archiv

  • Ar 142.20.2 Nachlass Anna Siemsen: Broschüren
  • Ar 144 Nachlass Gerold Meyer
  • Ar 198.33.1 Dokumente Robert Grimm
  • Ar 201.280.1 Dokumentation Erster Weltkrieg: Friedensbemühungen, Pazifismus

Archiv Bild + Ton

  • F 5092 Meyer, Gerold (1900-1990)

Dokumentation

  • KS 32/137b Europäische Politik
  • KS 32/152 Europäische Einigung
  • KS 32/153 Europäische Einigung
  • KS 32/153a Europäische Einigung
  • KS 32/154 Europäische Einigung
  • KS 32/154a Europäische Einigung
  • KS 32/154b Europäische Einigung
  • KS 32/154c Europäische Einigung
  • KS 32/154d Europäische Einigung
  • KS 32/156 Mouvement Européen
  • ZA 42.0 * 1 Europapolitik, europäische Integration

Bibliothek

  • 13422 Bauer, Hans und H. G. Ritzel (Hg.): Kampf um Europa: Von der Schweiz aus gesehen. Zürich 1945.
  • 129542 Buschak, Willy: Die Vereinigten Staaten von Europa sind unser Ziel: Arbeiterbewegung und Europa im frühen 20. Jahrhundert. Essen 2014.
  • 120188 Clemens, Gabriele et al.: Geschichte der europäischen Integration: Ein Lehrbuch. Paderborn 2008.
  • 10296 Coudenhove-Kalergi, R. N.: Kommen die Vereinigten Staaten von Europa? Glarus 1938.
  • 17010 Coudenhove-Kalergi, Richard: Kampf um Europa: Aus meinem Leben. Zürich 1949.
  • 103152 Coudenhove-Kalergi, Richard N.: Pan-Europa. Genf 1997.
  • BO 1122 De Saint-Simon, Henri und Augustin Thierry: De la réorganisation de la société européenne ou, De la nécessité et des moyens de rassembler les peuples de l’Europe en un seul corps politique en conservant à chacun son indépendance nationale. Lausanne 1967.
  • 131282 Dini, Vittorio et al. (Hg.): The space of crisis: Images and ideas of Europe in the age of crisis, 1914–1945. Brüssel 2013.
  • 120842 Freiburghaus, Dieter: Königsweg oder Sackgasse? Sechzig Jahre schweizerische Europapolitik. Zürich 2009.
  • 112776 Grädel, Markus: Die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg – ein fruchtbarer Boden für europäische Integrationspläne: Europäische Kongresse in der Schweiz 1944–1949. Bern 2004.
  • 132938 Gut, Philipp: Champagner mit Churchill: Der Zürcher Farbenfabrikant Willy Sax und der malende Premierminister. Bern 2016.
  • 105133 Jost, Hans Ulrich: Europa und die Schweiz 1945–1950: Europarat, Supranationalität und schweizerische Unabhängigkeit. Lausanne/Zürich 1999.
  • 118070 Kellerhals, Andreas (Hg.): 60 Jahre Churchill-Rede in Zürich – Europa in der Globalisierung: Referate zu Fragen der Zukunft Europas 2006. Zürich 2007.
  • 130820 Lappenküper, Ulrich et al. (Hg.): Europäische Einigung im 19. und 20. Jahrhundert: Akteure und Antriebskräfte. Paderborn 2013.
  • 44519 Lipgens, Walter (Hg.): Europa-Föderationspläne der Widerstandsbewegungen: 1940–1945: Eine Dokumentation. München 1968.
  • 91389 Loth, Wilfried: Der Weg nach Europa: Geschichte der europäischen Integration 1939–1957. Göttingen 1990.
  • 129479 Loth, Wilfried: Europas Einigung: Eine unvollendete Geschichte. Frankfurt a. M. 2014.
  • 129707 Marcowitz, Reiner et al. (Hg.): Une „Europe des citoyens“: Société civile et identité européenne de 1945 à nos jours. Bern 2014.
  • 121415 Mittag, Jürgen: Kleine Geschichte der Europäischen Union: Von der Europaidee bis zur Gegenwart. Münster 2008.
  • 129497 Pasquinucci, Daniele et al. (Hg.): Communicating Europe: Journals and European integration 1939–1979. Bern 2013.
  • 126160 Perron, Régine et al. (Hg.): Multilateralism and the trente glorieuses in Europe: New perspectives in European integration history. Neuchâtel 2011.
  • 12432 Rotten, Elisabeth (Hg.): Die Einigung Europas: Sammlung von Aussprüchen und Dokumenten zur Versöhnung und Organisation Europas aus eineinhalb Jahrhunderten. Basel 1942.
  • 47041: 1-3 Siegler, Heinrich: Europäische politische Einigung: Dokumentation von Vorschlägen und Stellungnahmen. 3 Bde. Bonn 1968-1977.
  • 51204 Siemsen, Anna: Daheim in Europa: Unliterarische Streifzüge. Jena 1928.
  • 117236 Salzmann, Bernhard: Europa als Thema katholischer Eliten: Das katholische Europa-Netzwerk von 1945 bis Mitte der 1950er Jahre. Fribourg 2006.
  • 101660 Thürer, Daniel et al. (Hg.): Churchill Commemoration 1996: Europe fifty years on: Constitutional, economic and political aspects. Zürich 1997.
  • Z 155 Der Europäer: Organ der Europa-Union, 1935–1945
  • N 227 Pan-Europa: Offizielles Organ der Deutschen Bundesleitung, 1924–1951

Neu im Archiv: Alliance Sud – Einsatz für die Länder des Südens

1969 lancierten die Hilfswerke Brot für Brüder (seit 1991 Brot für alle), Fastenopfer und Swissaid gemeinsam eine Informationskampagne zugunsten des vierten Rahmenkredits für die Entwicklungszusammenarbeit des Bundes. Aus dieser Zusammenarbeit entstand 1971 die „Arbeitsgemeinschaft Swissaid/Fastenopfer/Brot für Brüder/Helvetas“, auch Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke genannt. Später traten dann auch die Caritas und das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) der Arbeitsgemeinschaft bei. 2005 erfolgte die Umbenennung in Alliance Sud. Alliance Sud ist heute das wichtigste Sprachrohr für die politischen Anliegen von privaten Entwicklungsorganisationen und nimmt in der Schweiz eine einzigartige Stellung ein.

In den letzten Monaten konnte das Sozialarchiv die historischen Akten von Alliance Sud übernehmen, womit die Bestände in einem Hauptsammelgebiet, der Solidaritätsbewegung, eine bedeutende Erweiterung erfahren haben. Das Archiv von Alliance Sud umfasst ganz unterschiedliche Aktengruppen: Vorhanden sind die Unterlagen der Führungsgremien bis zum Jahr 2005 (Ausschuss 1971-1985, Generalversammlung 1986-1992, Vorstand 1992-2005, Geschäftsleitung 1991/92-2005) und der wichtigen Ausschüsse und Kommissionen (Informationsausschuss 1972-1985, Informationskommission 1985-1991, Bildungskommission, Entwicklungspolitische Kommission 1985-1991, Kommission Entwicklungspolitik und Medien ab 1991). Neben den Gremien sind auch die Dienststellen sehr gut dokumentiert, insbesondere der Informationsdienst 3. Welt (i3w, ab 1988 InfoSud), die Schulstelle Dritte Welt (Service école Tiers-Monde), die in der Beratung und der Lehrerausbildung tätig war und zahlreiche Unterrichtsmaterialien produzierte und vertrieb, sowie die Entwicklungspolitische Koordination der AG (k3w/c3m), die ab 1981 für das eigentliche Lobbying und die Öffentlichkeitsarbeit der AG verantwortlich zeichnete. Der Fachbereich Dokumentation verfügte über Dokumentationsstellen in Bern, Lausanne und bis 1998 in Lugano (seit 2014 InfoDoc).
Das Archiv von Alliance Sud widerspiegelt darüber hinaus das Wirken von Persönlichkeiten, welche die entwicklungspolitische Debatte in der Schweiz wesentlich mitgeprägt haben: Al Imfeld, Bruno Gurtner, Richard Gerster, Christoph Lanz, Lavinia Sommaruga, Nadine Keim oder Peter Niggli. Auch von den Regionalstellen in Lausanne und Lugano sowie von der Entschuldungsstelle, die zwischen 1991 und 2006 im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco) und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Gegenwertfonds des schweizerischen Entschuldungsprogramms begleitete, sind umfangreiche Aktenbestände vorhanden.
Insgesamt beeindruckt das Archiv von Alliance Sud durch die enorme Themenvielfalt: Fairer Handel, Exportrisikogarantie, GATT, WTO, Entschuldung, Bevölkerungsfragen, Wasser, Migration, Menschenrechte, Giftmüll, Klimapolitik, Sozialcharta – das sind nur einige von vielen Themen, zu denen Alliance Sud Kampagnen lanciert, Tagungen durchgeführt, Medienmitteilungen und Aufrufe verfasst hat.

Die Unterlagen werden zurzeit bearbeitet und stehen nach Abschluss der Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten allen Interessierten ohne Benutzungsbeschränkungen zur Verfügung.

Buchempfehlungen der Bibliothek

Martin Stotzer: … und draussen herrschte Krieg – von Alltag und Allnacht in Büren an der Aare während des Zweiten Weltkriegs. Zürich, 2016

Das Interniertenlager in Büren an der Aare hat seinen Platz in der Geschichtsschreibung gefunden, weniger oder gar nicht bekannt sind der Alltag, die Nöte und Freuden der Menschen der bernischen Kleinstadt in jener schwierigen Zeit. Das Buch trägt dazu bei, diese Lücke zu schliessen, zu einem grossen Teil aus dem Erinnerungsschatz des Autors.
Als Kind eines Vaters, der in der Gemeinde über Jahrzehnte eine Fülle von Ämtern versah und sich in mannigfacher Weise in das Gemeinwesen einzubringen wusste, erhielt der Autor als Jugendlicher Einblick in viele Bereiche des kleinstädtischen Lebens. Dieses war stark geprägt vom Interniertenlager, in welchem Polen, Russen, Juden und Italiener untergebracht waren. Auch im Elternhaus Stotzer gingen Internierte ein und aus.
Arbeitslosigkeit, Rationierung, Kriegswirtschaft und Kriegsangst, der Alltag unter Kriegsrecht, die Hilfe der Bevölkerung an die Internierten, aber auch Vergnügungen und ein vielfältiges Vereinsleben fügen sich in den Erinnerungen des Autors zusammen. Auszüge aus Gesprächen mit Bürener Zeitzeugen und Zeitzeuginnen bereichern das kleinstädtische Panorama, ebenso eine Vielfalt von Dokumenten und Fotografien.

Ben Judah: This is London – Life and Death in the World City. London, 2016

Über ein Drittel der Londoner Bevölkerung wurde im Ausland geboren, die Hälfte davon lebt erst seit dem Jahr 2000 in der britischen Hauptstadt. Der Journalist und Auslandkorrespondent Ben Judah begibt sich auf die Spur der Migranten in der Metropole, die abseits von Luxus und Glanz oft ein Schattendasein fristen. Judah nächtigt etwa mit rumänischen Obdachlosen in armseligen Absteigen oder auf der Strasse und begleitet Bettler und Prostituierte in ihrem Alltag. Ebenfalls zeigt er die Welt von philippinischen Dienstmädchen in den noblen Quartieren, besucht eine arabische Prinzessin in ihrem goldenen Käfig, spricht mit einem Psychiater über die oft psychotischen Patienten von der Strasse oder lässt einen Polizisten dessen eigene Migrationsgeschichte aus Nigeria erzählen.
Judahs in dokumentarisch-literarischem Stil abgefasster Bericht wird begleitet von Fotografien in Schwarzweiss. Ihm gelingt mit „This is London“ ein aufrüttelndes, ungeschöntes Porträt der Stadt aus bislang vernachlässigten Perspektiven.

Franziska Kuschel: Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser – die DDR und die Westmedien. Göttingen, 2016

Die DDR konnte sich nur in geringem Mass gegen die westlichen Medien abschotten. Somit entstand im Arbeiter-und-Bauern-Staat eine komplexe Mediengesellschaft, die Radio und Fernsehen, aber auch Publikationen aus zwei Systemen konsumierte und damit alltäglich die SED-Diktatur herausforderte. Franziska Kuschel untersucht in ihrer Dissertation zum einen die Strategien des Staates, den Konsum westlicher Medien zu verhindern oder wenigstens zu kontrollieren und einzudämmen, was vor allem in den 1950er und 1960er Jahren die Kriminalisierung der sogenannten „geistigen Grenzgänger“ mit einschloss. Zum anderen nimmt sie Strategien der Mediennutzer, diesem Druck zu begegnen und auszuweichen, unter die Lupe. Erstmals wird so das Wechselverhältnis zwischen staatlicher Kontrolle und der eigensinnigen Aneignung der Medien analysiert.

Neu: Thematische Erschliessung älterer Zeitschriften

Nachdem letztes Jahr die thematische Erschliessung der laufenden Zeitschriften beendet werden konnte, sind nun auch rund 400 der abgeschlossenen Zeitschriften mit Schlagwörtern der Gemeinsamen Normdatenbank (GND) versehen. Es handelt sich dabei um den Bestand der NN-Signaturen, der vorwiegend unsere älteren Zeitschriftentitel ab dem Jahr 1870 umfasst. Dies erlaubt ab sofort die Suche nach Zeitschriften nicht nur gemäss formalen Kriterien wie Titel, Herausgeberschaft oder Jahr, sondern auch nach inhaltlichen, thematischen Gesichtspunkten.

Die GND ist eine Normdatei-Datenbank, die ungefähr 11 Millionen Schlagwörter oder eben Normdateien zu Personen, Körperschaften, Kongressen, Geografika, Sachthemen oder Werken enthält. Mit der Vergabe von Schlagwörtern können nun auch Zeitschriften aus unseren älteren Beständen gefunden werden, die oft über wenig aussagekräftige Titel verfügen. So erschliesst sich jetzt beispielsweise die ab 1907 erschienene Schweizer Zeitschrift „Skorpion“ bzw. deren Nachfolger „Der Jungbursche“ auch über die thematische Suche nach „Arbeiterbewegung“, „Arbeiterjugend“ und „Jugendbewegung“. Auch die ab 1877 erschienene satirische Zeitschrift „Der wahre Jakob“, die auf thematischem Weg ebenfalls nur schwer zu ermitteln war, ist nun unter dem Schlagwort „Humoristische Darstellung“ zu finden. – Nebenbei: Das Sozialarchiv verfügt über verschiedene weitere humoristische Blätter aus dem Zeitraum vor Ende des 19. Jahrhunderts, beispielsweise mit den Periodika „Der Postheiri“ oder „Der neue Postillon“.

Analog zu den Monografien – und wie schon die laufenden Zeitschriften – sind die Zeitschriften mit NN-Signatur neu ebenfalls den Sachgruppen auf der Zuwachsliste zugeteilt. Auch diese Erschliessung dient dem Zweck, unsere Zeitschriften thematisch auffindbar zu machen. Bei Fragen dazu hilft Ihnen unser Ausleihpersonal am Informationsschalter gerne weiter.

Ein Vierteljahrhundert politische Kommunikation von rechts

Die Plakate der Werbeagentur GOAL

Vor rund einem Jahr ist die Werbeagentur GOAL von Dübendorf nach Andelfingen umgezogen. Im Vorfeld kontaktierte uns Alexander Segert und offerierte dem Sozialarchiv das Plakatarchiv der Agentur. GOAL? Segert? – Richtig! Die Werbeagentur, die hauptsächlich für die SVP tätig ist, trennte sich von einem Vierteljahrhundert aufsehenerregender politischer Werbung. Fast 500 Wahl- und Abstimmungsplakate sind nun online (Bestand SozArch F 5123).

1994 lancierte die SVP im Wahlkampf den Slogan „Das haben wir den Linken und den ‚Netten‘ zu verdanken: mehr Kriminalität, mehr Drogen, mehr Angst“. Zusammen mit der schemenhaften Illustration einer dunklen Messerstecher-Gestalt, die eine Frau bedroht, gilt das Plakat als Zäsur in der neueren Geschichte helvetischer Politpropaganda. Die SVP (mit ihrem damaligen Werber Hans-Rudolf Abächerli) lotet seither aus, was im politischen Aushandlungsprozess auf Plakatwänden zulässig ist.

1995 erhielt Alexander Segert von der Werbeagentur GOAL den Auftrag, für die SVP zu werben, und pflegt seither in Abächerlis Fussstapfen einen Propagandastil, der regelmässig für rote Köpfe, volle Leserbriefspalten und „Arena“-Diskussionen sorgt und bisweilen sogar zu Gerichtsprozessen führt. Segert perfektionierte die Methode, mit massiver Komplexitätsreduktion und gezielten Tabubrüchen die bis anhin behäbige politische Diskussionskultur in der Schweiz zu pulverisieren. Die Kampagnen seiner Agentur dominieren die politischen Auseinandersetzungen und erreichen mit ihrer markanten Bildsprache auch noch die hintersten Winkel des Landes.

Noch 1985 hatte Willy Rotzler in seinem Standardwerk zum politischen Plakat („Politische und soziale Plakate in der Schweiz“) notiert: „Gerade das politische Plakat ist ein Gradmesser für die Virulenz des politischen Lebens, für die freie Meinungsäusserung und die Fairness oder Rücksichtslosigkeit in der politischen Auseinandersetzung. Wer in der Schweiz vor wichtigen Wahlen oder Abstimmungen die Plakatlandschaft durchwandert, darf sich über die Lebendigkeit, die Intensität, den Aufwand freuen, womit Volksentscheide vorbereitet werden.“ Segert und die SVP vertrieben die Schweiz gründlich aus dieser politischen Komfortzone. Fortan grapschten dunkle Hände nach dem Schweizerpass (2004) oder Minarette überzogen das Land so dicht wie ein Raketenwald (2009).

Im „Schäfli“-Plakat (2010) schliesslich erreicht die Agenturarbeit einen Höhepunkt ihres Schaffens: formal und farblich perfekt vereinfacht und gezeichnet in einer überall verständlichen Bildsprache braucht es nicht mal mehr einen cleveren Slogan. Die weissen Schafe befördern den schwarzen Artgenossen mit einem Tritt aus dem Gehege: „Ausschaffungsinitiative JA“. Das Plakat war dermassen erfolgreich, dass es im Ausland Nachahmer und Kopisten fand – nicht zur Freude der Agentur, die dagegen rechtliche Schritte unternahm. Und wichtiger noch: Die Kampagne überzeugte das Schweizer Stimmvolk, das der Initiative zustimmte.

Die Motivwahl der SVP ist vielerorts eingehend beschrieben und diskutiert worden. Ob gierige rote Ratten (2004) oder destruktive Raben (2009): Die Botschaft ist immer eindeutig und lässt keinen Interpretationsspielraum offen. Die politisch klare Stossrichtung verbunden mit emotionaler Aufladung und einer Abwertung des gegnerischen Standpunkts sind verantwortlich für die enorme Wirkkraft der Plakate. Sind Menschen im Spiel, handelt es sich um den unsympathischen, südländisch inszenierten Proletentypen Ivan S., der dank leichter Untersicht noch bedrohlicher wirkt (2010) oder um die gefährlich mit den Augen blitzende Frau im Nijab (2009). Die Kampagnen schüren Emotionen, stacheln Ressentiments an und spielen mitunter auch auf der xenophoben Klaviatur. Sie reizen mit ihrer Dreistigkeit regelmässig den Spielraum des gesetzlich Erlaubten aus und legitimieren dies, indem sie sich auf die vox populi und diffuse Ängste in der „Schweizer Bevölkerung“ berufen, die sonst vom politischen Establishment ignoriert würden.

Die Diskussionen, welche die GOAL-Plakate auslösen, sind in der Regel politisch unergiebig. Angesichts der Motivwahl verflüchtigt sich jede inhaltliche Auseinandersetzung über das zur Debatte stehende Thema. Es dominieren Geschmacksfragen und die Debatte, ob dieser Propagandastil auf die Schweizer Plakatwände gehöre. Auffällig ist, dass trotz der durchschlagenden Erfolge der meisten SVP-Kampagnen (wenn auch weniger an der Urne als bei der Dominanz der Debatten im Vorfeld) sich kaum andere Parteien oder Agenturen den an sich einfach zu kopierenden Stil aneignen. Ob Unwillen oder Unfähigkeit dahintersteckt – im Bildgedächtnis der letzten zwei Jahrzehnte blieb kaum ein bürgerliches oder sozialdemokratisches Abstimmungsplakat hängen.

Die GOAL-Plakate ergänzen den Bestand an politischen Plakaten im Sozialarchiv, der seit den 1980er Jahren gepflegt und laufend ergänzt wird. Momentan sind weit über 3‘000 Plakate von 1894 bis in die Gegenwart digitalisiert und erschlossen. Sie stammen von politischen Parteien jeder Couleur, aber natürlich auch von sozialen Bewegungen, Interessengruppen und Verbänden.

Graue Online-Dokumente: Neues Angebot der Sachdokumentation

Die digitale Revolution betrifft sämtliche Lebensbereiche, und spätestens seit Anbruch des 21. Jahrhunderts haben auch die klassische Broschüre auf Papier, das analoge Flugblatt und der handliche Flyer Konkurrenz durch neue elektronische Informationsformate bekommen. In den letzten fünfzehn Jahren haben dann digitale Online-Dokumente gegenüber herkömmlichen Print-Publikationen zusehends an Terrain gewonnen: Die Information über elektronische Kanäle wurde immer günstiger und das damit adressierte Publikum wuchs markant. Parteien, NGOs, Gewerkschaften, Think-tanks, soziale und politische Bewegungen, Bürgerinitiativen, Abstimmungskomitees etc. publizieren und mobilisieren deshalb heutzutage parallel und komplementär: Viele Broschüren und Flugschriften existieren sowohl in gedruckter als auch in elektronischer Form, manche Dokumente nur als Print, andere jedoch ausschliesslich elektronisch.

Für eine Gedächtnisinstitution wie das Sozialarchiv bedeutet dieser mediale Wandel, dass die Abteilung Dokumentation ihre Sammelstrategie und Speichertechnik den neuen Informationsmedien anpassen musste. Publikationen, die nur elektronisch erscheinen, wurden in den letzten gut zehn Jahren als Übergangslösung auf Papier ausgedruckt und in dieser Form archiviert. Es war aber immer klar, dass es das Ziel sein muss, diese Dokumente in ihrer originären Form zu sammeln und zu archivieren – also elektronisch. Nach einer längeren Projekt- und Entwicklungsphase ist es nun seit Februar 2016 soweit: Im Sozialarchiv können originär elektronische Dokumente im PDF-Format abgespeichert und langzeitarchiviert werden. Die Erschliessung mit Metadaten geschieht entsprechend ebenfalls elektronisch, der Zugang für die Benutzenden erfolgt online über die bereits bestehende Datenbank Sachdokumentation.

Neben den Schachteln mit gedruckten Broschüren/Flugschriften und den Schachteln mit Zeitungsausschnitten gibt es in der Datenbank Sachdokumentation neu also eine dritte Rubrik „Digitale Schriften“ (DS). Darin werden die zu einem Thema gesammelten elektronischen Dokumente gelistet.

  • Zur schnelleren Identifikation der PDF sind von den erfassten Metadaten Urheberschaft und Titel (oder, falls nicht vorhanden, eine aussagekräftige Beschreibung) aufgeführt.
  • In zwei weiteren Kolonnen stehen die Signatur der einzelnen Schriften sowie deren Datierung (Jahr plus – falls bekannt – Monat und Tag).
  • Damit die wachsenden Listen der Digitalen Schriften nicht unübersichtlich werden, lassen sie sich mit einem Zeitraumregler sowie mit einer Suche nach Begriffen filtern.
  • Bei Klick auf Titel/Beschreibung (rot als Link gekennzeichnet) öffnet sich die Detailansicht des Dokuments mit allen dazugehörigen Metadaten links und einer Browser-Vorschau auf das PDF rechts.
  • Beim Download wird vor das Dokument standardmässig ein Deckblatt gehängt, welches das bezogene PDF identifiziert (mit Signatur und Permalink) und Hinweise zu den Nutzungsbestimmungen und zur Zitierweise enthält.

Neu sammelt und archiviert die Dokumentation des Sozialarchivs also ebenfalls parallel und komplementär: einerseits wie bisher gedruckte Broschüren und Flugschriften (Quellenschriften/QS) und andererseits elektronische Dokumente in Form von PDF (Digitale Schriften/DS). Dies gilt beispielsweise auch für die politische Propaganda im Zusammenhang mit eidgenössischen Volksabstimmungen, die sämtlich in der Datenbank Sachdokumentation einzeln ausgewiesen werden. Um sowohl die digitalen als auch die analogen Schriften zu einer Abstimmungsvorlage zu konsultieren, bestellen Benutzer/innen wie bisher online die entsprechende(n) Schachtel(n) in den Lesesaal. Mit einem Klick auf die gewünschte Abstimmung in den Zusatz-Informationen zur Schachtel öffnet sich zusätzlich eine Liste der Digitalen Dokumente zu dieser/diesen eidgenössischen Vorlage/n.

Damit ist das Sozialarchiv bei der Überlieferungssicherung von digitalen Dokumenten sozialer Bewegungen und politischer Organisationen wieder einen Schritt weiter, und wir freuen uns, wenn das neue Angebot grauer Online-Dokumente – vorerst beschränkt auf Dokumente im PDF-Format – auch den Bedürfnissen der Benutzenden entgegenkommt. Es bleibt jedoch nicht zu vergessen, dass viel interessante und brisante Information nach wie vor in den physisch aufbewahrten Quellen schlummert – auch da gibt es immer noch viel zu entdecken!

Vor 80 Jahren: Proteste gegen die Olympischen Spiele in Nazi-Deutschland

Im Jahre 1936 fanden sowohl die Olympischen Winter- als auch die Sommerspiele im nationalsozialistischen Deutschland statt. Die Ausrichtung der Spiele war noch vor der „Machtergreifung“ nach Garmisch-Partenkirchen und Berlin vergeben worden. Die Nazis waren der olympischen Bewegung gegenüber an sich skeptisch, nutzten die Spiele dann aber als Propagandaanlässe, um der Welt das Bild eines modernen und friedliebenden Deutschland zu vermitteln. Nachdem die Fussball-Weltmeisterschaft 1934 in Italien zu einer Propagandabühne des Mussolini-Regimes geworden war, missbrauchte nun ein weiteres Mal eine faschistische Diktatur den internationalen Sport für ihre Zwecke.
Auf dem Berliner „Reichssportfeld“ wurde von 1934 bis 1936 ein Olympiastadion für 100’000 Zuschauer errichtet. Weiter gehörten zum Gelände das Deutsche Sportforum, ein Schwimmstadion, eine Freilichtbühne, ein grosses Aufmarschgelände, die an den Ersten Weltkrieg erinnernde Langemarck-Halle, ein Glockenturm, die Deutschlandhalle, ein Reiterstadion und weitere Sportanlagen. Das Ensemble atmete bereits den Gigantismus der Planungen für die nie realisierte Reichshauptstadt „Germania“ sowie für das ebenfalls von Albert Speer entworfene „Deutsche Stadion“ in Nürnberg, das nach dem Willen Hitlers mit einem Fassungsvermögen von 400’000 Personen sämtliche Olympischen Spiele ab 1944 hätte beherbergen sollen.
Als propagandistischer Erfolg erwies sich der erstmals durchgeführte Fackellauf von Olympia nach Berlin, der den Anspruch des „Dritten Reiches“ symbolisieren sollte, in der Gegenwart eine ebenso herausragende Stellung einzunehmen wie das antike Griechentum in der Vergangenheit. Die Idee stammte wahrscheinlich vom Sportfunktionär Carl Diem, der als Generalsekretär des Organisationskomitees fungierte und den Lauf bis ins kleinste Detail plante. Nachdem am 20. Juli 1936 das olympische Feuer um 12 Uhr mittags in den Ruinen von Olympia entzündet worden war, verlief die Stafette über 3’075 km durch insgesamt sieben Länder. In vielen Städten wurden Volksfeste organisiert. Nur in Prag störten antifaschistische Proteste die „Weihestunde“. Auf einer Waldlichtung in der Nähe von Hellendorf inszenierte das deutsche NOK eine Feierstunde der SA mit vielen Nazi-Flaggen. Am 1. August erreichte die Fackel schliesslich Berlin. Unter der Regie von Reichspropagandaminister Goebbels fanden Veranstaltungen mit 20’000 Hitlerjungen und 40’000 SA-Männern statt. Als krönender Abschluss wurde das Feuer im Olympiastadion auf vier Altären entzündet.
Auch punkto Medialisierung der Olympischen Spiele setzten die Nazis neue Massstäbe. Erstmals wurden die Spiele direkt im Radio in 40 Ländern übertragen. Zudem gab es zum ersten Mal Aufnahmen mit Fernsehkameras, die in rund zwei Dutzend Fernsehstuben in Deutschland ausgestrahlt wurden. Von den Winterspielen fertigte die AGFA I. G. Farbenindustrie AG Berlin im Auftrag des „Reichssportführers“ Hans von Tschammer und Osten einen Film für die Verbreitung im In- und Ausland an. 1938 folgte dann Leni Riefenstahls zweiteiliger Propagandafilm „Olympia“ über die Berliner Sommerspiele, der über dreieinhalb Stunden den nationalsozialistischen Körperkult zelebrierte.
Die Olympischen Spiele in der Hitler-Diktatur stiessen indessen im Vorfeld durchaus auf Kritik. Das Foto eines britischen Reporters, das ein Plakat „Juden Zutritt verboten!“ am Vereinshaus des Ski-Clubs Partenkirchen zeigte, sorgte international für Empörung. Die Vereinigten Staaten erwogen einen Boykott der Winterspiele, falls jüdische AthletInnen diskriminiert würden, und St. Moritz, wo bereits die Winterolympiade 1928 stattgefunden hatte, anerbot sich als Ersatzort. Das Internationale Olympische Komitee hielt indessen an Garmisch-Partenkirchen als Austragungsort fest. Um einen Eklat zu vermeiden, liess die deutsche Regierung in der Umgebung von Garmisch-Partenkirchen die Judenverfolgungen einstweilen einstellen und antisemitische Plakate vorübergehend entfernen. Diese Massnahmen zur Beruhigung der internationalen öffentlichen Meinung stiessen bei den lokalen Nazis in Oberbayern auf wenig Gegenliebe, der Natur des Regimes gemäss mussten sie sich aber fügen.
Eine ähnliche Strategie fuhren die Nazis dann auch vor und während der Sommerspiele in Berlin. Bereits im Sommer 1933 hatte es internationale Proteste gegen Olympischen Spiele in der Hauptstadt des „Dritten Reiches“ gegeben. Im Juni 1933 hatte das IOC über eine mögliche Verlegung der Spiele beraten und dann von der neuen deutschen Regierung eine schriftliche Garantieerklärung eingefordert, die Regeln der „Olympischen Idee“ einzuhalten. Dies wurde vom Nazi-Regime umstandslos zugesichert. Dennoch ging die Protest- und Boykottbewegung weiter. Im Dezember 1935 wurde in Paris das „Comité international pour le respect de l’esprit olympique“ ins Leben gerufen. Es bestand aus deutschen Exil-Intellektuellen sowie Vertretern britischer, französischer, niederländischer, skandinavischer, tschechoslowakischer und schweizerischer Boykottkampagnen. In den USA wirkte ein „Committee on Fair Play in Sports“ im selben Sinne. Im Juni 1936 fand in Paris eine „Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee“ statt, an der der exilierte Schriftsteller Heinrich Mann die Boykottforderung begründete. Seine Rede wurde im Wortlaut unter anderem vom Zürcher „Volksrecht“ abgedruckt. In Amsterdam veranstalteten AntifaschistInnen eine Kunstausstellung mit dem Titel „De olympiade onder dictatuur“. Auch die beiden internationalen Arbeitersportdachverbände, die sozialdemokratische Arbeitersport-Internationale (SASI) und die kommunistische Rote Sportinternationale (RSI), erliessen einen gemeinsamen Aufruf zum Boykott der Spiele.
Die Boykottbestrebungen scheiterten aber daran, dass sich im Unterschied zu den beiden Boykott-Olympiaden 1980 und 1984 keine wichtige Sportnation dazu durchringen wollte, den Spielen in Berlin fernzubleiben. Lediglich Spanien sagte seine Teilnahme ab. In den Vereinigten Staaten war die Boykott-Bewegung zwar relativ stark. Sie wurde unter anderem von wichtigen Sportverbänden sowie vom Gewerkschaftsdachverband AFL getragen. Avery Brundage, der Vorsitzende der „Amateur Athletic Union“ sowie der amerikanischen Olympischen Komitees und nachmalige IOC-Präsident, war aber ein entschiedener Boykottgegner und organisierte für die entscheidende Abstimmung im amerikanischen Olympischen Komitee eine knappe Mehrheit gegen den Boykott. Die Sowjetunion war zu jener Zeit nicht Mitglied der olympischen Bewegung und entsprechend stand ihre Teilnahme wie bei sämtlichen Olympischen Spielen seit dem Ersten Weltkrieg ohnehin nicht zur Debatte.
Auch in der Schweiz gab es Proteste, die Bundesbehörden bewilligten aber schliesslich die Kredite für die Beteiligung der Schweizer Delegation an den Spielen in Berlin. Der freisinnige Bundespräsident Albert Meyer betonte an einer Rede am Eidgenössischen Turnfest 1936 in Winterthur, das wenige Tage vor der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele stattfand, die durch das Turnfest manifestierte „Solidarität der Welt im Kleinen“, gab der Hoffnung Ausdruck, “damit dem Gedanken des Völkerfriedens gerade in der heutigen wirren Zeit einen Dienst zu leisten“, und beklagte, dass „unsere politischen Ideale, die Demokratie […], die Freiheit […] manchenorts an Geltung verloren“ und „der Kultus der Gewalt […] in Europa einen Siegeszug halten“ würde. Expliziter war die Opposition gegen die Spiele in Berlin im schweizerischen Arbeitersport. So verhöhnten etwa SATUS-Vereine die „Hitlerolympiade“ an ihren Veranstaltungen mit theatralischen Darbietungen. Auch plante der SATUS die Beteiligung an der „Olimpiada Popular“ in Barcelona.
Die InitiatorInnen dieser Gegenolympiade stammten aus den Kreisen der katalanischen Linken. Zu den innerhalb von drei Monaten organisierten Spielen, die 17 Sportarten sowie kulturelle Veranstaltungen umfassen sollten, wurden 6’000 AthletInnen aus 23 Staaten und Kolonien erwartet, darunter deutsche und italienische Exilteams. Aus einigen Staaten wie etwa Frankreich hatten sich auch AthletInnen aus „bürgerlichen“ Vereinen und Verbänden angemeldet. Zwei Tage vor der geplanten Eröffnung begann aber der von Deutschland logistisch unterstützte Putsch der in Spanisch-Marokko stationierten Armeeeinheiten unter General Franco gegen die demokratisch gewählte Madrider Volksfrontregierung, der den Spanischen Bürgerkrieg auslöste. Am vorgesehenen Eröffnungstag war Barcelona Schauplatz blutiger Strassenkämpfe zwischen aufständischen Armeeeinheiten auf der einen und zivilen Sicherheitskräften und eilig aufgestellten Arbeitermilizen auf der anderen Seite. Die Volksolympiade, geplant als Fest des Friedens und der Völkerverbrüderung, konnte nicht ausgetragen werden. Zahlreiche AthletInnen blieben trotzdem in Spanien und schlossen sich dem Kampf für die Republik an. Zu ihnen zählte etwa die Basler Anarchistin und Arbeiter-Schwimmerin Clara Thalmann, die den POUM-Milizen beitrat. Erst im folgenden Jahr konnte die dritte Arbeiter-Olympiade in Antwerpen, an der sich im Zeichen der Volksfront-Doktrin erstmals beide internationalen Arbeitersportdachverbände beteiligten, einen wenn auch schwachen Kontrapunkt zu den Olympischen Spielen unter dem Hakenkreuz setzen.


Materialien zum Thema im Sozialarchiv

 Archiv

Ar 468.61.1 Schweizerischer Arbeiter-Turn- und Sportverband SATUS: Internationale Arbeiter-Olympiaden und -Sporttage, Deutsche Turn- und Sportfeste 1922–1935, Tschechoslowakisches Arbeiter-Turnfest in Prag 1928

Archiv Bild + Ton

F_5046 Schweizerischer Arbeiter Turn- und Sportverband (SATUS)

F_5091 Schweizerischer Arbeiter Turn- und Sportverband (SATUS), Sektion Wiedikon

Sachdokumentation

KS 32/82a Antifaschismus (1933–1939)

KS 70/15 Sport & Sportanlagen (bis 1959)

KS 70/16a Arbeitersport (bis 1959)

Bibliothek

101551 Alkemeyer, Thomas: Körper, Kult und Politik: Von der „Muskelreligion“ Pierre de Coubertins zur Inszenierung von Macht in den Olympischen Spielen von 1936. Frankfurt/M 1996.

131018 Blecking, Diethelm et al. (Hg.): Sportler im „Jahrhundert der Lager“: Profiteure, Widerständler und Opfer. Göttingen 2012.

67014 Blödorn, Manfred: Der olympische Meineid: Idee und Wirklichkeit der Olympischen Spiele. Hamburg 1980.

67172 Bohlen, Friedrich: Die XI. Olympischen Spiele Berlin 1936: Instrument der innen- und aussenpolitischen Propaganda und Systemsicherung des faschistischen Regimes. Köln 1979.

Gr 13805 Helbling, Bruno (Hg.): Olympic realities: Sechs Städte nach dem Grossanlass. Basel 2015.

Gr 8077 Hoffmann, Hilmar: Mythos Olympia: Autonomie und Unterwerfung von Sport und Kultur: Hitlers Olympiade, Olympische Kultur, Riefenstahls Olympia-Film. Berlin 1993.

Gr 13746 Hübner, Emanuel: Das Olympische Dorf von 1936: Planung, Bau und Nutzungsgeschichte. Paderborn 2015.

Hf 9403 Jahnke, Karl Heinz: Gegen den Missbrauch der olympischen Idee 1936: Sportler im antifaschistischen Widerstand. Frankfurt/M 1972.

124412 Koller, Christian: Transnationalität: Netzwerke, Wettbewerbe, Migration, in: ders. und Fabian Brändle (Hg.): Fussball zwischen den Kriegen: Europa 1918–1939. Münster/Wien 2010, S. 37-64.

70108 Krüger, Arnd: Die Olympischen Spiele 1936 und die Weltmeinung: Ihre aussenpolitische Bedeutung unter besonderer Berücksichtigung der USA. Berlin 1972.

67718 Mandell, Richard: Hitlers Olympiade Berlin 1936. München 1980.

100494 Rürup, Reinhard (Hg.): 1936: Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus: Eine Dokumentation. Berlin 1996.

132789 Peiffer, Lorenz: Sport im Nationalsozialismus: Zum aktuellen Stand der sporthistorischen Forschung: Eine kommentierte Bibliografie. Göttingen 2015.

98032 Pujadas, Xavier und Carles Santacana: Le mythe des jeux populaires de Barcelone, in: Arnaud, Pierre (Hg.): Les origines du sport ouvrier en Europe. Paris 1994, S. 267-277.

45161 Surén, Hans: Mensch und Sonne: Arisch-olympischer Geist. Berlin 1936.

52266 Thalmann, Paul: Wo die Freiheit stirbt: Stationen eines politischen Kampfes. Olten/Freiburg 1974.

84097 Tolleneer, Jan et al.: Antwerpen 1937: Die dritte Arbeiter-Olympiade, in: Teichler, Hans-Joachim und Gerhard Hauk (Hg.): Illustrierte Geschichte des Arbeitersports. Bonn 1987, S. 223-225.

109807 Ulmi, Nic: Solidarité avec les „communards“ des Asturies et préparatifs pour l’Olympiade populaire, in: Cerutti, Mauro et al. (Hg.): La Suisse et l’Espagne de la République à Franco (1936–1946). Lausanne 2001, S. 209-227.

131325 Wahlig, Henry: Sport im Abseits: Die Geschichte der jüdischen Sportbewegung im nationalsozialistischen Deutschland. Göttingen 2015.

102980 Wildmann, Daniel: Begehrte Körper: Konstruktion und Inszenierung des „arischen“ Männerkörpers im „Dritten Reich“. Würzburg 1998.

57697:1 Wohlrath, Gerhart: Als Arbeitersportler zur Volksolympiade nach Barcelona, in: Maassen, Hanns (Hg.): Brigada Internacional ist unser Ehrenname… : Erlebnisse ehemaliger deutscher Spanienkämpfer, Bd. 1. Frankfurt/M 1976. S. 54-59.

Periodika

N 3334 Platten, Fritz N.: Der Kampf gegen die Hitler-Olympiade im Jahre 1936, in: Tages-Anzeiger-Magazin 22 (1980), S. 6-12, 44.

D 3076/S SATUS Sport, 1932–1994.

N 1003 Volksolympiade gegen Hitlerolympiade: Die Volksolympiade von Barcelona, in: Rundschau 5 (1936). S. 1176.

Roberto und Linda Donetta mit ihren Kindern Brigida und Saulle, 1905-1910, Ausschnitt (© Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta, Corzoneso)
Roberto und Linda Donetta mit ihren Kindern Brigida und Saulle, 1905-1910, Ausschnitt (© Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta, Corzoneso)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Peter Pfrunder, Gian Franco Ragno (Hrsg.): Roberto Donetta – Fotograf und Samenhändler aus dem Bleniotal. Zürich 2016.

Die Fotostiftung Schweiz in Winterthur zeigt momentan in einer eindrücklichen Ausstellung die Fotografien des Tessiners Roberto Donetta (1865-1932). Donetta fristete sein Leben während einer Zeitspanne von dreissig Jahren als wandernder Fotograf und Samenhändler und hinterliess nach seinem Tod rund 5‘000 Glasplatten, die nur durch Zufall erhalten sind. Sie dokumentieren auf präzise und einfühlsame Weise das archaische Leben der Menschen im damals noch abgeschotteten Valle di Blenio und den langsamen Einzug der Moderne.
In einer Epoche des Umbruchs wurde Donetta zu einem einzigartigen Chronisten, verstand sich aber gleichzeitig als Künstler. Als Autodidakt experimentierte er mit grosser Freiheit und wusste sein Medium virtuos einzusetzen. Seine Bilder sind eindringlich und humorvoll, heiter und todernst – ob sie nun Kinder, Familien, Hochzeitspaare, Berufsleute, den harten Alltag von Frauen und Männern oder den Fotografen selbst zeigen.
> Die Ausstellung in der Fotostiftung in Winterthur läuft noch bis zum 4. September 2016.

Ben Rawlence: Stadt der Verlorenen – Leben im grössten Flüchtlingslager der Welt. München 2016.

Im Rahmen der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise in Europa wurde im Mai dieses Jahres bekannt, dass die kenianische Regierung das grösste Flüchtlingslager der Welt, Dadaab, schliessen will. Rund 300‘000 Menschen wohnen dort, viele bereits seit der Gründung des Lagers vor 25 Jahren, andere wurden gar dort geboren. Es sind hauptsächlich Somalis, die vor Bürgerkrieg, islamistischen Shabaab-Milizen und Hunger geflohen sind.
Der britische Menschenrechtsaktivist und Autor Ben Rawlence hat sechs Einwohner von Dadaab begleitet und berichtet vom Leben in der Flüchtlingsstadt, in der die Leute neben dem Kampf gegen die Armut auch ein alltägliches Leben führen, Geschäften nachgehen, Schulen besuchen oder Fussball spielen.

Avenue – Das Magazin für Wissenskultur

„Wir Cyborgs“ – so lautet das Thema der ersten Nummer des neuen Schweizer Magazins „Avenue – Das Magazin für Wissenskultur“. Corinna Virchow und Mario Kaiser trotzen der vielbeschworenen Zeitschriftenkrise und wollen in ihrem Organ populärwissenschaftliche Themen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften verhandeln. Aussergewöhnlich ist das Vorgehen des Basler Paars: Die Inhalte des Magazins werden zunächst mit Open Access ins Netz gestellt, wo die Artikel kommentiert und kritisiert werden können; erst danach erscheint deren definitive Version mitsamt Kommentaren im gedruckten Heft.
Der Anfang ist gelungen. Die erste, 124 Seiten starke Nummer vermag zu überzeugen: Das Schwerpunktthema wird in den Rubriken „Leben & Denken“, „Kritiken & Berichte“, „Studium & Uni“ sowie „Forschung“ beleuchtet – neben einem Interview mit Klaus Theweleit über den technologischen Menschen findet sich ein Artikel von Sascha Dickel über die Beziehungsprobleme zwischen Mensch und Maschine oder eine Kritik zu Spike Jonzes Film „Her“. Vielversprechend lauten auch die Themen der nächsten beiden Ausgaben: Hochstapler und Pornografie.

> Website: www.avenue.jetzt

Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität, um 1920 (Ausschnitt)
Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität, um 1920 (Ausschnitt)

30. Juni 2016, 18 Uhr: Öffentliche Präsentation

«Frisch auf!» 100 Jahre Arbeiter-Radfahrer

Vor 100 Jahren schlossen sich velobegeisterte Arbeiter zum Arbeiter-Touring-Bund der Schweiz (heute: ATB Verband für Sport – Freizeit – Verkehr) zusammen. Die wichtige Sportorganisation hat ein bewegtes Jahrhundert hinter sich.

Stefan Länzlinger zeigt Perlen aus dem Archiv, Vertreter des ATB präsentieren die Jubiläumspublikation und stehen Red und Antwort.

Donnerstag, 30. Juni 2016, 18 bis 19 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 2 MB)

Teilnahme kostenlos, Anmeldung nicht nötig.
Alle Interessierten sind herzlich willkommen!

> Öffentliche Präsentationen 2016