16.2. bis 23.3.2026: Teilweiser Bestell-Stopp von ausgelagerten Beständen wegen Zügelarbeiten: Die vom Umzug betroffenen Bestände sind vom 16. Februar bis und mit 23. März 2026 nicht verfügbar. Wir entschuldigen uns für die temporären Umstände und bitten Sie um Verständnis.
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Anna Siemsen 1940 an einer Veranstaltung im Kinderfreundehaus Mösli bei Zürich (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F Fc-0002-14)
Anna Siemsen 1940 an einer Veranstaltung im Kinderfreundehaus Mösli bei Zürich (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F Fc-0002-14)

Buchempfehlungen der Bibliothek

E. J. Gumbel (Hg.): Freie Wissenschaft. Ein Sammelbuch aus der deutschen Emigration. Strasbourg, 1938

In einer Zeit, wo die Wissenschaftsfreiheit wieder in vielen Teilen der Welt bedroht ist, ganze Forschungszweige unterdrückt und ihre Kernbegriffe aus ideologischen Gründen verboten werden und Forscher:innen aus politischen Gründen emigrieren, lohnt sich die Lektüre eines Klassikers aus der Zwischenkriegszeit. Nachdem in Nazi-Deutschland rund ein Sechstel der Hochschullehrer:innen wegen ihrer demokratischen Gesinnung oder ihrer jüdischen Abstammung entlassen worden waren, publizierte der 1933 ausgebürgerte Mathematiker Emil Julius Gumbel 1938 im französischen Exil den Sammelband «Freie Wissenschaft» mit Beiträgen von fünfzehn geflüchteten Wissenschafter:innen, unter ihnen die ehemalige Jenaer Pädagogikprofessorin und sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Anna Siemsen, die 1933 bis 1946 in der Schweiz lebte und deren Nachlass sich im Sozialarchiv befindet, oder der katholisch-pazifistische Philosoph Friedrich Wilhelm Foerster, der bereits 1922 aus Furcht vor rechtsextremen Attentaten aus München in die Schweiz emigriert war und dessen Werke 1933 öffentlich verbrannt wurden.
Die Texte befassen sich beispielsweise mit der «Gleichschaltung» der deutschen Hochschulen ab 1933, der gesellschaftlichen Rolle der Intellektuellen, staatsrechtlichen und finanzpolitischen Aspekten der Nazi-Diktatur, der Aufgabe der Geschichtswissenschaft im Exil oder den Versuchen, eine «arische Naturwissenschaft» auf Basis der rassistischen Ideologie zu schaffen. Der Band ist einer Reihe von Gelehrten gewidmet, die in der frühen Nazi-Zeit durch Mord oder Selbstmord ums Leben gekommen waren.

Yvonne Pesenti Salazar: Ragazze di convitto. Emigrazione femminile e convitti industriali in Svizzera. Locarno, 2024

Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts verlässt eine beträchtliche Anzahl junger Frauen das Tessin, die italienischsprachigen Täler Graubündens und Norditaliens, um in den Textilfabriken der Deutschschweiz zu arbeiten. Da sie minderjährig sind und jahrelang von zu Hause wegbleiben müssen, werden sie in Internaten für Arbeiterinnen – den Arbeiterinnenheimen – untergebracht und der Obhut von Nonnen anvertraut.
Gegründet dank einer Partnerschaft zwischen Unternehmern und der katholischen Kirche, verbinden die Arbeiterinnenheime unternehmerische Bevormundung und religiös motivierte Fürsorge. Abgesehen von den philanthropischen Zielen ihrer Träger sind die Internate jedoch in Wirklichkeit Internierungseinrichtungen: Die jungen Arbeiterinnen leben in völliger Isolation, werden ihrer Autonomie beraubt und einem eisernen Disziplinarregime unterworfen.
Das Buch beleuchtet dieses besondere und lange in Vergessenheit geratene Migrationsphänomen aus verschiedenen Blickwinkeln: die Gründe für die Abwanderung, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen, das in den Internaten umgesetzte Erziehungsprojekt, die zweideutige Rolle der Nonnen und der Industriellen.

Ruth Erdt: K12 – Schwamendingen. Ein Randbezirk von Zürich = on the periphery of Zurich. Göttingen, 2024

Schwamendingen haftet als Stadtkreis am Rand der Stadt Zürich der schlechte Ruf eines Problemquartiers an. Selbst Ruth Erdt, die Fotografin des Bildbandes, bezeichnet ihren Wohnort als «hässliches Entlein der Stadt Zürich». Trotzdem wohnt sie seit dreissig Jahren im Kreis 12, da sie dessen diverse Gemeinschaft, tiefe Kriminalität und Entwicklungsmöglichkeiten schätzt. 1934 wurde Schwamendingen in die Stadt Zürich eingemeindet, entwickelte sich zunächst als Gartenstadt und anschliessend zur Industrieansiedelung. Im Mai 2025 wurde die Fertigstellung des Grossprojekts «Einhausung» gefeiert. Nun ist die Autobahnschneise, die Schwamendingen vierzig Jahre lang durchtrennt hat, vom neuen grünen «Ueberlandpark» überdeckt.
Seit 2011 fotografiert und dokumentiert Ruth Erdt im Rahmen eines Langzeitprojekts die Veränderungen und den lebendigen Alltag Schwamendingens. Entstanden sind rund 600’000 Fotografien, welche Einwohner:innen, Baustellen, Wohn-, Arbeits- und Freizeitorte des Stadtkreises zeigen. Nur ein Bruchteil dieser Fotografien kann im Bildband gezeigt werden, dennoch zeichnet das darin versammelte kaleidoskopische Fotomosaik ein wildes und stolzes Porträt vom K12.

Sönke Iwersen/Michael Verfürden: Die Tesla Files. Enthüllungen aus dem Reich von Elon Musk. München, 2025

Im Zentrum des Buches steht der reichste Mann der Welt. Die zwei Investigativjournalisten des «Handelsblatts» charakterisieren Elon Musk als «ersten globalen Oligarchen» und skizzieren einerseits seine Biografie von der Kindheit in Apartheid-Südafrika über erste unternehmerische Gehversuche in Palo Alto, sein kompliziertes Verhältnis zu Frauen und seinen Drogenkonsum bis zu seiner Rolle bei PayPal, Tesla, SpaceX (für das er schon vor einem Jahrzehnt vollmundig baldige Passagierflüge zum Mars angekündigt hatte), Neuralink (das die physische Verschmelzung menschlicher mit künstlicher Intelligenz anstrebt) und Twitter/X.
Andererseits schaut das Buch, gestützt auf geleakte interne Daten, Gerichtsakten sowie Gespräche mit Kund:innen, Ex-Mitarbeiter:innen, Gewerkschafter:innen und Hinterbliebenen von Autopilot-Unfallopfern, auf die Unternehmenskultur von Musks Elektroautokonzern, den die Autoren als von einem skrupellosen Chef geführte «Mitarbeiterhölle» und «Todesfalle» charakterisieren. Ein Epilog befasst sich mit Musk als «Politiker», der nach langjähriger Distanz zu Donald Trump 2024 dessen Wahlkampf mit 260 Millionen Dollar sowie einer grossen Desinformationskampagne auf X wesentlich unterstützte und sich dadurch als rechtslibertär-autokratischer «Schattenpräsident» einkaufte, aber auch durch den dosierten Einsatz von Starlink Einfluss auf den Ukrainekrieg nahm, sich zur Taiwanfrage oder zum Nahostkonflikt äusserte und zugunsten rechtsradikaler Kräfte in die Innenpolitik verschiedener europäischer Länder eingemischt hat.

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl):

  • Amlinger, Carolin und Oliver Nachtwey: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Berlin 2025, erwartet
  • Andree, Martin: Big Tech muss weg! Die Digitalkonzerne zerstören Demokratie und Wirtschaft. Wir werden sie stoppen. Frankfurt/New York 2023, 153180
  • Conger, Kate und Ryan Mac: Elon Musk und die Zerstörung von Twitter. Die Inside-Story. Hamburg 2024, 153498
  • Daub, Adrian: Was das Valley denken nennt. Über die Ideologie der Techbranche. Berlin 2020, 145312
  • Dru, Jean-Marie: Danke für die Disruption! Die Strategien und Philosophien der weltweit führenden Unternehmer. Weinheim 2020, 145276
  • Häring, Norbert: Endspiel des Kapitalismus. Wie die Konzerne die Macht übernahmen und wie wir sie zurückholen. Köln 2022, 150424
  • Isaacson, Walter: Elon Musk. Die Biografie. München 2023, 151039
  • Krysmanski, Hans Jürgen: 0,1 Prozent. Das Imperium der Milliardäre. Frankfurt 2015, 131882
  • Rügemer, Werner: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Gemeinverständlicher Abriss zum Aufstieg der neuen Finanzakteure. 3. erg. Aufl. Köln 2021, 144996
  • Rushkoff, Douglas: Survival of the richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind. Berlin 2025, 153779
  • Varoufakis, Yanis: Technofeudalismus. Was den Kapitalismus tötete. München 2024, 153449
  • Wolff, Michael: Alles oder nichts. Donald Trumps Rückkehr an die Macht. München 2025, 153829

Annette Kehnel: Die sieben Todsünden. Menschheitswissen für das Zeitalter der Krise. Hamburg, 2024

Derzeit ist die Welt durch multiple Krisen herausgefordert. Das Wissen, um ihnen angemessen zu begegnen, wäre vorhanden. Das Problem ist die Umsetzung – unsere Gesellschaften leiden an kognitiver Dissonanz. Offenbar schaffen wir es nicht, unser als destruktiv erkanntes Paradigma des «Immer mehr» zu überwinden. Warum? Diese Ausgangslage ist der Anlass für Kehnels Buch. Statt nun für Antworten darauf das «andere» Erfahrungswissen indigener «Naturvölker» zu appropriieren, entscheidet sich die Mittelalter-Historikerin, die «eigenen» Ressourcen anzuzapfen: Was können die kollektiven Wissenstraditionen des Westens uns heute noch sagen? Kehnels «zukunftsgerichtete Erinnerung» an die Todsündenlehre fördert das darin gespeicherte Erfahrungswissen der abendländischen Kultur zutage.
Von den sieben Todsünden – Gula/Völlerei, Avaritia/Habgier, Luxuria/Ausschweifung, Acedia/Trägheit, Invidia/Neid, Ira/Zorn, Superbia/Hochmut – dominierte während der letzten dreihundert Jahre die Avaritia. Die Habgier, in der rational gezügelten Form des Eigeninteresses, ist perpetuierbar und unerschöpflich, der «Eigennutz» war ein Zentralbegriff der im 18. Jahrhundert neu entstehenden ökonomischen Theorien. Unserer Gegenwartsgesellschaft diagnostiziert Kehnel hingegen Acedia: Unsere beharrliche Trägheit, die Klima- und Biodiversitätskrisen anzuerkennen und zu bewältigen, speist sich aus einer letztlich lebensgefährlichen Mischung von Verlustangst und Besitzstandswahrung. Die sinnbildlichen Geschichten dazu liefern Lots Frau, die sich bei der Flucht aus Sodom zurückwendet, und Orpheus’ Blick zurück bei seinem Aufstieg aus der Unterwelt.
Kehnel untersucht kenntnisreich die epistemischen Stränge, welche sich in den Todsünden bündeln. Sie lässt uns an den Fragen, die sie an mittelalterliche und antike Textquellen stellt, teilhaben. Der Todsündenkanon erweist sich als ein gesellschaftliches Regelsystem, welches auf Balance und Ausgleich abzielte, sowohl was das soziale als auch was das Zusammenleben im Einklang mit der Natur betraf. So könnten uns die «Luxus- und Aufwandsordnungen», die in vielen europäischen Städten des Mittelalters und der frühen Neuzeit den überbordenden Konsum begrenzten, Mut für Regulierungen machen, da, wo der freie Markt für alle längst sichtbar versagt.

22.5.2025, 18.30 Uhr: Solange es noch Tag ist

Walter Trösch: Verleger, Sozialist und Pazifist

Buchpräsentation

Der Name Walter Trösch ist heute weitgehend vergessen, trotz seiner Bedeutung für die Geschichte der Schweizer Presse und Arbeiter:innenbewegung. Trösch gründete 1905 mit der «Neuen Freien Zeitung» die erste Arbeiterzeitung auf dem Platz Olten und betrieb dort im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts einen sozialistischen und pazifistischen Verlag, in dem unter anderem Werke von Herman Greulich, Anny Klawa-Morf und Leonhard Ragaz erschienen. Betrügerische Machenschaften und widrige Umstände trieben jedoch sein Unternehmen bereits 1927 in den Ruin.
Mara Meier zeichnet in «Solange es noch Tag ist» ein faszinierendes Bild des Verlegers und SP-Politikers, der sich bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts für das Frauenstimmrecht, eine AHV und den Achtstundentag engagiert hatte. Stets vertrat Trösch dabei die Ansicht, sozialer Wandel dürfe nur auf gewaltlosem Weg erreicht werden.

Lesung aus dem Buch durch die Autorin und historischer Input von Christian Koller (Schweizerisches Sozialarchiv).
Mit anschliessendem Apéro.

Donnerstag, 22. Mai 2025, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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Filmplakat des Frauenkino Xenia, 1989 (Gestaltung: Claudia Labhart/SozArch F Pc-0308)
Filmplakat des Frauenkino Xenia, 1989 (Gestaltung: Claudia Labhart/SozArch F Pc-0308)

5.6.2025, 18.30 Uhr: Frauenkino Xenia: feministisch – autonom – kollaborativ

Das Frauenkino Xenia bestand von 1988 bis 2003 im Herzen von Zürich als «Kino von Frauen für Frauen». Ein feministisches Kollektiv betrieb es jeweils donnerstags, setzte sich für Filme aus Frauenhand und den «weiblichen Blick» ein und zelebrierte Sisterhood.
Im April 1988 eröffnete das Frauenkino mit einem ersten Programm. Eine Gruppe von Aktivistinnen aus dem Filmclub Xenix und dem benachbarten Kulturzentrum Kanzlei rief das Kollektiv Xenia ins Leben, das über fünfzehn Jahre lang ein dezidiert feministisches Filmprogramm mit kollaborativem Ansatz bot. Frauenräume – bereits ein Thema in der zweiten Welle der Frauenbewegung – florierten in den 80er und 90er Jahren in Zürich. Das Xenia war Teil davon und pflegte ein Netzwerk weit über die Landesgrenzen hinaus.
In den fünfzehn Jahren seines Bestehens zeigte das Xenia 1’001 Filme und produzierte rund 120 Programmplakate und -karten. Frauenräume gerieten Ende der 90er Jahre zunehmend unter Druck, 2003 wurde auch das Xenia verdrängt.

Das Buch «Frauenkino Xenia – Zürich» von Doris Senn ist eine Hommage an das Projekt und seine Macherinnen und gibt Einblick in die Fülle der Programmplakate.

Gespräch zum Buch mit Doris Senn.
Anschliessend Apéro.

Donnerstag, 5. Juni 2025, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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5.3.2025, 18 Uhr: Gegenwind

Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz im späten 20. Jahrhundert

Buchpräsentation

Hadrien Buclins neues Buch «Vents contraires. Le Parti socialiste suisse face aux crises économiques et à l’essor du néolibéralisme (1973–1995)» untersucht erstmals die Entwicklung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz im späten 20. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund wiederholter Wirtschaftskrisen und dem internationalen Aufschwung neoliberaler Wirtschaftspolitik traf die SPS auf Gegner, die immer weniger zu Kompromissen bereit waren. Das härtere politische Klima stellte die von der Partei in der Nachkriegszeit angestrebte schrittweise Erringung von sozialem Fortschritt infrage und zwang ihre Führung zur ständigen Vermittlung zwischen Befürworter:innen einer stärkeren Anpassung an die liberale Globalisierung und Verfechter:innen eines starken und interventionistischen Sozialstaates.

Anhand der Untersuchung einer Regierungspartei gibt das Buch detaillierte Einblicke in zwei Jahrzehnte Schweizer Bundespolitik und betrachtet immer noch aktuelle Herausforderungen: von der Altersvorsorge über die Europapolitik bis hin zu den Auswirkungen der sozialen Bewegungen auf das politische Leben.

Bilinguale Buchpräsentation mit dem Autor Hadrien Buclin sowie Silja Häusermann und Matthieu Leimgruber (beide Universität Zürich).
Mit anschliessendem Apéro.

Mittwoch, 5. März 2025, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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12.3.2025, 19 Uhr: Alternativ leben: Natürlich, gesund, autoritär?

Transnational, kolonial, aktuell. Neue Perspektiven auf die Geschichte der Lebensreform

In einer durch Digitalisierung, Klimawandel und Pandemien verunsicherten Welt versuchen immer mehr Menschen, wieder natürlicher, lokaler und gesünder zu leben. Dabei greifen sie oft auf Ideen und Praktiken der Lebensreform um 1900 zurück. Stefan Rindlisbacher, Eva Locher und Damir Skenderovic werfen in ihrem Sammelband einen neuen Blick auf die Geschichte dieser Alternativbewegung avant la lettre: Im Fokus stehen transnationale Netzwerke, koloniale Verstrickungen und Missbrauchsvorwürfe.

Im Podiumsgespräch kommen auch die Nachwirkungen der Lebensreform zur Sprache. Insbesondere wird diskutiert, inwieweit alternative Ernährungsweisen, biologischer Landbau, Naturheilkunde oder Reformpädagogik bis heute auch autoritäre und ausgrenzende Züge aufweisen können. Aktuell zeigen sich diese beispielsweise in Teilen der Post-Corona-Bewegung, in völkisch-esoterischen Siedlungsprojekten oder in rechtsalternativen Schulgründungen.

Buchpräsentation mit Eva Locher (Historikerin, Universität Bern) und Podiumsgespräch mit Stefan Rindlisbacher (Historiker, Universität Fribourg), Julia Sulzmann (Psychologin, Relinfo), Sarah Schmalz (Journalistin, WOZ). Moderation: Damir Skenderovic (Historiker, Universität Fribourg).
Mit anschliessendem Apéro.

Mittwoch, 12. März 2025, 19 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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Foto: Roland Gretler/SozArch F 5068-Na-02140
Foto: Roland Gretler/SozArch F 5068-Na-02140

21.3.2025, 19 Uhr: Harald Naegelis Graffiti als Vorboten der 80er Jahre in Zürich

Buchpräsentation

Als Harald Naegeli 1977 zu seinen nächtlichen Sprayaktionen aufbricht, ist er Pionier in mehrfacher Hinsicht: Er geht mit seinem spielerisch-politischen Stil der Zürcher 80er Bewegung um drei Jahre voraus und wird zu einem der ersten Graffitikünstler weltweit. Und dies ausgerechnet vom Zürichberg aus, dem bis dahin nicht grosse Widerspenstigkeit nachgesagt wird. Harald Naegeli bleibt zwei Jahre lang unentdeckt, wird aber schliesslich verhaftet und in der Folge von Polizei und Justiz über Jahrzehnte gnadenlos verfolgt. Er flieht nach Italien und lebt über drei Jahrzehnte in Deutschland. Er sprayt über vierzig Jahre lang weiter, verbringt ein halbes Jahr in Gefängnissen, wird zweimal von Wachleuten verprügelt und mit Hunderttausenden Franken Schadenersatz belangt. 2020 erhält er für seinen Totentanz und sein Gesamtwerk den Zürcher Kunstpreis.

Referat von Res Strehle zur Zeitgeschichte und dem bewegten Leben eines unangepassten Künstlers. Strehle ist Autor der Biografie Harald Naegelis «Nur Fliegen kann er nicht» (Diogenes 2024).
Mit anschliessendem Apéro.

Begleitend zeigt das Sozialarchiv vom 4. bis 31. März im Lesesaal eine Vitrinenausstellung zu Harald Naegeli.

Freitag, 21. März 2025, 19 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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19./20.3.2025: Berufserkundungstage

Das Schweizerische Sozialarchiv bietet am Mittwoch, 19. März 2025, und am Donnerstag, 20. März 2025, je einen Berufserkundungstag an. An dem Tag geben wir Einblick in die Lehre als Fachmann/-frau Information und Dokumentation EFZ.

Die Teilnehmendenzahl ist begrenzt, die Anmeldefrist endet am 10. März 2025.

Anmeldungen bitte mit Geburtsdatum und Namen der aktuellen Schule.

Kontakt und Anmeldung: Andrea Schönholzer, Berufsbildnerin, schoenholzer@sozarch.uzh.ch

14.4.2025, 18.30 Uhr: Arbeit im Wandel

Technische Umbrüche, soziale Konflikte und geopolitische Herausforderungen

Buchvernissage

Neue technische Möglichkeiten wie digitale Plattformen oder Roboter verändern derzeit auf radikale Art und Weise die Bedingungen, die Charakteristiken und die Wahrnehmung von Arbeit. Gleichzeitig hat sich das Verständnis von Arbeit durch feministische Kritik am Konzept der Lohnarbeit oder durch sozial- und globalhistorische Studien über Formen unfreier Arbeit gewandelt. Die historische Migrationsforschung hat gezeigt, dass Arbeitsmigration der historische Normalfall war.

Das neue Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte (SGWSG) orientiert sich an diesen konzeptionellen Debatten. Die historischen Fallstudien untersuchen soziale Konstellationen vom frühen Kolonialismus bis zur digitalen Transformation. Dabei geraten Beziehungen zwischen Menschen und Tieren oder Maschinen und Menschen ebenso ins Blickfeld wie Arbeitskämpfe, Geschlechterverhältnisse und die Rolle von Wissen in Arbeitsprozessen.

Buchvernissage mit den Herausgeber:innen Monika Dommann, Juan Flores, Kristina Schulz und Simon Teuscher.
Auf dem Podium diskutieren Brigitta Bernet, Historikerin (Gewerkschaft Unia und Universität Zürich), Florian Eitel, Historiker (Neues Museum Biel), und Lena Kaufmann, Sozial- und Kulturanthropologin (Universität Fribourg).
Mit anschliessendem Apéro.

Montag, 14. April 2025, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 252 KB)

Frauen geben ihre Stimme ab, 1970er Jahre (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F 5032-Fb-0125)
Frauen geben ihre Stimme ab, 1970er Jahre (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F 5032-Fb-0125)

Buchempfehlungen der Bibliothek

David Hesse, Philipp Loser: Heute Abstimmung! 30 Volksentscheide, die die Schweiz verändert haben. Zürich, 2024

Seit der Gründung des modernen Bundesstaats im Jahr 1848 haben die Stimmberechtigten in der Schweiz mehr als 670 Mal an der Urne über Veränderungen der Nation entschieden – sei es durch ein «Ja», ein «Nein» oder einen leeren Stimmzettel. Lange Zeit waren es jedoch ausschliesslich Männer, die über politische Anliegen mitbestimmen durften. Erst 1971 votierten sie dafür, Frauen den Zugang zu diesem demokratischen Prozess zu gewähren. Und seit 1991 dürfen auch Personen unter 20 Jahren abstimmen, nachdem das Stimmrechtsalter auf 18 Jahre herabgesetzt wurde.
Immer wieder haben Volksentscheide Weichen gestellt. Wir könnten heute in einer Schweiz ohne Armee leben. In einem EU-Staat. In einem Bund von nur 25 Kantonen. In einem Land ohne Frauenstimmrecht. Die Bevölkerung hat dafür gesorgt, dass es anders ist. «Heute Abstimmung» stellt dreissig Urnengänge vor, die bis heute nachwirken und das Land zu dem gemacht haben, das es heute ist. Das Buch ist bebildert mit Originalplakaten aus den Beständen des Sozialarchivs und beleuchtet zugleich die Herausforderungen der direkten Demokratie, denn «Volksabstimmungen sind nicht perfekt».

In der Sachdokumentation des Sozialarchivs findet sich Material zu fast allen eidgenössischen Abstimmungen seit 1848, abgelegt beim jeweiligen Thema.
Die Datenbank Bild + Ton bietet eine grosse Auswahl an digitalisierten Abstimmungsplakaten zum freien Download.

Joe Bürli: Der Bub hat nichts Italienisches an sich. Zürich, 2024

Joe Bürli ist der Besitzer des Kiosks Quellenstrasse in Zürich. In seiner Autobiografie erzählt er seine berührende Geschichte.
Als unehelicher Sohn einer Italienerin und eines Schweizers 1962 geboren, verbringt er die ersten vier Jahre seines Lebens in Kinderheimen. Danach lebt er einige Jahre im Luzernischen bei seinen Grosseltern, die sich liebevoll um ihn kümmern. Als sein Vater heiratet, holt er den inzwischen neunjährigen Josefli zu sich. Das Verhältnis zur Stiefmutter ist für den Jungen schwierig, sie verweigert ihm jegliche Zuneigung. Später kommt er zu einer Pflegefamilie nach Olten. Mit 19 Jahren will er eigentlich nach seiner leiblichen Mutter suchen, doch erst als Joe 35 Jahre alt ist und in Zürich lebt, lernt er seine Mutter und seine zwei Halbschwestern kennen. Die Begegnung mit seiner italienischen Familie ist nicht nur einfach.
Das Buch ist auch eine Geschichte über die 1970er/80er Jahre in Zürich: über die unbeschwerte Zeit in der Schwulenszene vor Aids, über Musik, Partys und Plattenläden. Über Joes Arbeit als Tierpfleger, in einem CD-Vertrieb oder in der Gastrobranche. Mitte der 1990er Jahre wird Bürli Geschäftsführer des Kiosks Quellenstrasse, seit 2007 ist er dessen glücklicher Besitzer. Der Kiosk ist Treffpunkt und Tante-Emma-Laden in einem. Er führt ein breites Angebot an Zeitungen, Zeitschriften, Heftli, Tabakwaren, Getränken, Snacks, Sandwiches und sogar im Quartier hergestellten Ravioli. Die Schaufenster sind legendär, er gestaltet sie oft zusammen mit Kunstschaffenden.

In «Kiosk. Ein Kaleidoskop» (Gr 15895) über Kioske in Zürich, herausgegeben von der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste, kommt auch der Kiosk Quellenstrasse vor.

Anneli Furmark: Roter Winter. Berlin, 2024

Anneli Furmarks Graphic Novel beginnt mit einem heimlichen Treffen eines Liebespaares im Schneegestöber einer nordschwedischen Industriestadt. Es handelt sich um eine geheime Liebe. Der Grund für die Heimlichkeit liegt nicht primär im Altersunterschied der Liebenden. Auch nicht darin, dass ein Partner verheiratet ist und drei Kinder hat. Der schwerwiegendste Grund ist, dass die Verliebten unterschiedlichen ideologischen Lagern angehören. Siv ist Sozialdemokratin, Ulrik ist Maoist. Die Kluft zwischen diesen beiden Lagern scheint im Schweden der ausgehenden 1970er Jahre unüberwindbar.
Die vier Jahrzehnte währende Vormachtstellung der Sozialdemokratie ist zu Ende. Die linken Parteien radikalisieren sich als Reaktion darauf zunehmend, das linke politische Lager zersplittert in Fraktionen, die sich teilweise spinnefeind sind und einander misstrauisch gegenüberstehen. Sivs und Ulriks Zugehörigkeit zu unterschiedlichen politischen Lagern ist in dieser gesellschaftlichen Atmosphäre für ihre Umgebung weit weniger annehmbar als dass das Outing ihrer Liebe zum Zerbrechen einer Ehe führen würde. Wie sich diese Polarisierung unaufhaltsam auf das Liebespaar auswirkt, zeichnet Furmark in düsteren Bildern nach und vermittelt uns die melancholische Stimmung eines Winters nahe dem Polarkreis so, dass sie sich uns visuell einprägt und nachdenklich zurücklässt.

Thomas Knellwolf: Enttarnt. Die grössten Schweizer Spionagefälle. Lachen, 2024

Im Kalten Krieg war die Schweiz ein Hotspot von Geheimdienstaktivitäten. Thomas Knellwolf, Bundeshaus-Korrespondent beim Tages-Anzeiger mit Schwerpunkt Justiz und Nachrichtendienst, zeigt in seinem neuen Buch, dass sich daran nichts geändert hat. Er rekonstruiert sieben Fälle des letzten Vierteljahrhunderts, von einer missglückten Mossad-Operation gegen einen Hisbollah-Aktivisten, bei der sich die von der Berner Kantonspolizei ertappten Agent:innen durch vorgetäuschten Dreiersex aus der Falle zu winden versuchten, über schweizerisch-deutsche Agentenkonfrontationen in der Endphase des Bankgeheimnisses und türkische Geheimdienstaktionen gegen Oppositionelle in der Schweiz bis hin zum «Fall Rössli», als chinesische Agent:innen ein Hotel mit Blick auf den Militärflugplatz Meiringen übernahmen.
Dargestellt wird auch die Rolle Genfs als Operationsbasis des russländischen Militärgeheimdienstes GRU, sei es von Hackerteams, die Cyberattacken auf die Bundesverwaltung, nach Auffliegen des russländischen Staatsdopingprogramms auch gegen das Internationale Olympische Komitee und andere in der Schweiz domizilierte Sportinstitutionen verübten, sei es von Spezialisten für «feuchte» (d.h. blutige) Operationen wie die Annexion der Krim, Destabilisierungskampagnen in Moldawien oder Montenegro oder die Vergiftung des Doppelagenten Sergej Skripal. Knellwolf thematisiert auch die schwache Schweizer Spionageabwehr und lässt offen, ob die Reformen der letzten Jahre eine Stärkung bewirkt haben.

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl):

  • Robert Dover: Hacker, influencer, faker, spy. Intelligence agencies in the digital age. London 2022, 152141
  • Roger Faligot: Les services secrets chinois. De Mao au Covid-19. Paris 2022, 147799
  • Jan Helmig: Nachrichtendienste in der Weltgesellschaft. Systemtheoretische Perspektiven. Wiesbaden 2022, 149806
  • Rhodri Jeffreys-Jones: A question of standing. The history of the CIA. Oxford 2022, 152196
  • Kristie Macrakis: Nothing is beyond our reach. America’s techno-spy empire. Washington DC 2023, 152647
  • Kevin P. Riehle: The Russian FSB. A concise history of the Federal Security Service. Washington DC 2024, in Erwerbung
  • Matthias Uhl: GRU. Die unbekannte Geschichte des sowjetisch-russischen Militärgeheimdienstes von 1918 bis heute. Freiburg i. Br. 2024, 153487
  • Amy B. Zegart: Spies, lies, and algorithms. The history and future of American intelligence. Princeton 2022, 149717

Claude Calame: Déni d’humanité. Le rejet européen des personnes conduites à l’exil. Vulaines sur Seine, 2024

Im Gegensatz zu den Abteilungen Archiv und Dokumentation erwirbt die Abteilung Bibliothek auch Bücher, die im Ausland publiziert werden, wenn sie zentrale Themen aus unserem Sammelgebiet betreffen. Das Sozialarchiv ist dann oft die einzige Bibliothek im swisscovery-Verbund, die den Titel in ihren Beständen führt. Dies trifft auch auf die rund 60 Seiten dünne Streitschrift von Claude Calame zu. Das Pamphlet des in Lausanne geborenen Altphilologen, Kulturanthropologen und Attac-Aktivisten ist in der Reihe «Carton rouge» der Éditions du Croquant in Frankreich erschienen und zeigt der europäischen Migrationspolitik die «Rote Karte».
Calame prangert das inhumane EU-Grenzregime, das todbringende Agieren von Frontex, die erniedrigende Behandlung und illegalen Pushbacks von Migrant:innen durch Grenzpatrouillen sowie die menschenrechtlich zweifelhaften Migrationsabkommen mit Ländern wie der Türkei oder Libyen an. Die EU-Migrationspolitik, die sich gegen die «irreguläre» Migration, faktisch aber genauso gegen Flüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention von 1951 richtet, brandmarkt er als utilitaristisch. Eindringlich erinnert er daran, dass die Verweigerung, Migrant:innen als Individuen mit einer sozialen und kulturellen Identität anzuerkennen und ihre Menschenwürde zu achten, auf uns selbst zurückfällt: «Vergessen wir nicht, dass […] die Rechte von Migrant:innen zu verteidigen […] auch heisst, die individuellen und sozialen Rechte der ansässigen Bevölkerung zu verteidigen […].» (S. 47)

Eine lesenswerte Besprechung von Calames Anklageschrift findet sich auch im «Bulletin» Nr. 4/2024 von Solidarité sans frontières, verfasst von Sophie Guignard, der politischen Sekretärin von Sosf. Das Sosf-«Bulletin» (SozArch D 6396) liefert vierteljährlich fundiertes und aktuelles Hintergrundwissen zur schweizerischen und europäischen Migrationspolitik, zum Asyl- und Ausländerrecht und zu dessen Anwendung und Umsetzung in der Praxis.

Ungarische Flüchtlinge lesen 1956 die von den Zürcher Medienhäusern produzierte Zeitung «Hiradó» (Foto: Hermann Freytag/SozArch F 5025-Fc-065)
Ungarische Flüchtlinge lesen 1956 die von den Zürcher Medienhäusern produzierte Zeitung «Hiradó» (Foto: Hermann Freytag/SozArch F 5025-Fc-065)

Hintergrundliteratur zum Krieg in Osteuropa, Update Nr. 3

Der Krieg in Osteuropa dominiert seit Februar 2022 die Medien. Neben den aktuellen Berichten, Prognosen und Expert:innenmeinungen dürfen aber auch die vielschichtigen Hintergründe und Kontexte der Tragödie nicht aus dem Blickfeld geraten. Als Hilfestellung zur Orientierung in den umfangreichen relevanten Materialien in unserer Bibliothek (über swisscovery bestellbar) und Sachdokumentation (QS-, ZA- und DS-Signaturen; bestellbar via sachdokumentation.ch) publizierten wir im Juni 2022 eine thematisch gegliederte Auswahlbibliografie zu Sekundärliteratur und Quellen im Sozialarchiv:

Thematisch gegliederte Auswahlbibliografie als PDF (1’006 KB)

Hintergrundliteratur zum Krieg in Osteuropa, Update 24.2.2023 (PDF, 154 KB)

Hintergrundliteratur zum Krieg in Osteuropa, Update 24.2.2024 (PDF, 187 KB)

Hintergrundliteratur zum Krieg in Osteuropa, Update 24.2.2025 (PDF, 186 KB)

Die Stellungnahme des Sozialarchivs zum Überfall auf die Ukraine finden Sie hier.