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Graue Online-Dokumente: Neues Angebot der Sachdokumentation

Die digitale Revolution betrifft sämtliche Lebensbereiche, und spätestens seit Anbruch des 21. Jahrhunderts haben auch die klassische Broschüre auf Papier, das analoge Flugblatt und der handliche Flyer Konkurrenz durch neue elektronische Informationsformate bekommen. In den letzten fünfzehn Jahren haben dann digitale Online-Dokumente gegenüber herkömmlichen Print-Publikationen zusehends an Terrain gewonnen: Die Information über elektronische Kanäle wurde immer günstiger und das damit adressierte Publikum wuchs markant. Parteien, NGOs, Gewerkschaften, Think-tanks, soziale und politische Bewegungen, Bürgerinitiativen, Abstimmungskomitees etc. publizieren und mobilisieren deshalb heutzutage parallel und komplementär: Viele Broschüren und Flugschriften existieren sowohl in gedruckter als auch in elektronischer Form, manche Dokumente nur als Print, andere jedoch ausschliesslich elektronisch.

Für eine Gedächtnisinstitution wie das Sozialarchiv bedeutet dieser mediale Wandel, dass die Abteilung Dokumentation ihre Sammelstrategie und Speichertechnik den neuen Informationsmedien anpassen musste. Publikationen, die nur elektronisch erscheinen, wurden in den letzten gut zehn Jahren als Übergangslösung auf Papier ausgedruckt und in dieser Form archiviert. Es war aber immer klar, dass es das Ziel sein muss, diese Dokumente in ihrer originären Form zu sammeln und zu archivieren – also elektronisch. Nach einer längeren Projekt- und Entwicklungsphase ist es nun seit Februar 2016 soweit: Im Sozialarchiv können originär elektronische Dokumente im PDF-Format abgespeichert und langzeitarchiviert werden. Die Erschliessung mit Metadaten geschieht entsprechend ebenfalls elektronisch, der Zugang für die Benutzenden erfolgt online über die bereits bestehende Datenbank Sachdokumentation.

Neben den Schachteln mit gedruckten Broschüren/Flugschriften und den Schachteln mit Zeitungsausschnitten gibt es in der Datenbank Sachdokumentation neu also eine dritte Rubrik „Digitale Schriften“ (DS). Darin werden die zu einem Thema gesammelten elektronischen Dokumente gelistet.

  • Zur schnelleren Identifikation der PDF sind von den erfassten Metadaten Urheberschaft und Titel (oder, falls nicht vorhanden, eine aussagekräftige Beschreibung) aufgeführt.
  • In zwei weiteren Kolonnen stehen die Signatur der einzelnen Schriften sowie deren Datierung (Jahr plus – falls bekannt – Monat und Tag).
  • Damit die wachsenden Listen der Digitalen Schriften nicht unübersichtlich werden, lassen sie sich mit einem Zeitraumregler sowie mit einer Suche nach Begriffen filtern.
  • Bei Klick auf Titel/Beschreibung (rot als Link gekennzeichnet) öffnet sich die Detailansicht des Dokuments mit allen dazugehörigen Metadaten links und einer Browser-Vorschau auf das PDF rechts.
  • Beim Download wird vor das Dokument standardmässig ein Deckblatt gehängt, welches das bezogene PDF identifiziert (mit Signatur und Permalink) und Hinweise zu den Nutzungsbestimmungen und zur Zitierweise enthält.

Neu sammelt und archiviert die Dokumentation des Sozialarchivs also ebenfalls parallel und komplementär: einerseits wie bisher gedruckte Broschüren und Flugschriften (Quellenschriften/QS) und andererseits elektronische Dokumente in Form von PDF (Digitale Schriften/DS). Dies gilt beispielsweise auch für die politische Propaganda im Zusammenhang mit eidgenössischen Volksabstimmungen, die sämtlich in der Datenbank Sachdokumentation einzeln ausgewiesen werden. Um sowohl die digitalen als auch die analogen Schriften zu einer Abstimmungsvorlage zu konsultieren, bestellen Benutzer/innen wie bisher online die entsprechende(n) Schachtel(n) in den Lesesaal. Mit einem Klick auf die gewünschte Abstimmung in den Zusatz-Informationen zur Schachtel öffnet sich zusätzlich eine Liste der Digitalen Dokumente zu dieser/diesen eidgenössischen Vorlage/n.

Damit ist das Sozialarchiv bei der Überlieferungssicherung von digitalen Dokumenten sozialer Bewegungen und politischer Organisationen wieder einen Schritt weiter, und wir freuen uns, wenn das neue Angebot grauer Online-Dokumente – vorerst beschränkt auf Dokumente im PDF-Format – auch den Bedürfnissen der Benutzenden entgegenkommt. Es bleibt jedoch nicht zu vergessen, dass viel interessante und brisante Information nach wie vor in den physisch aufbewahrten Quellen schlummert – auch da gibt es immer noch viel zu entdecken!

Vor 80 Jahren: Proteste gegen die Olympischen Spiele in Nazi-Deutschland

Im Jahre 1936 fanden sowohl die Olympischen Winter- als auch die Sommerspiele im nationalsozialistischen Deutschland statt. Die Ausrichtung der Spiele war noch vor der „Machtergreifung“ nach Garmisch-Partenkirchen und Berlin vergeben worden. Die Nazis waren der olympischen Bewegung gegenüber an sich skeptisch, nutzten die Spiele dann aber als Propagandaanlässe, um der Welt das Bild eines modernen und friedliebenden Deutschland zu vermitteln. Nachdem die Fussball-Weltmeisterschaft 1934 in Italien zu einer Propagandabühne des Mussolini-Regimes geworden war, missbrauchte nun ein weiteres Mal eine faschistische Diktatur den internationalen Sport für ihre Zwecke.
Auf dem Berliner „Reichssportfeld“ wurde von 1934 bis 1936 ein Olympiastadion für 100’000 Zuschauer errichtet. Weiter gehörten zum Gelände das Deutsche Sportforum, ein Schwimmstadion, eine Freilichtbühne, ein grosses Aufmarschgelände, die an den Ersten Weltkrieg erinnernde Langemarck-Halle, ein Glockenturm, die Deutschlandhalle, ein Reiterstadion und weitere Sportanlagen. Das Ensemble atmete bereits den Gigantismus der Planungen für die nie realisierte Reichshauptstadt „Germania“ sowie für das ebenfalls von Albert Speer entworfene „Deutsche Stadion“ in Nürnberg, das nach dem Willen Hitlers mit einem Fassungsvermögen von 400’000 Personen sämtliche Olympischen Spiele ab 1944 hätte beherbergen sollen.
Als propagandistischer Erfolg erwies sich der erstmals durchgeführte Fackellauf von Olympia nach Berlin, der den Anspruch des „Dritten Reiches“ symbolisieren sollte, in der Gegenwart eine ebenso herausragende Stellung einzunehmen wie das antike Griechentum in der Vergangenheit. Die Idee stammte wahrscheinlich vom Sportfunktionär Carl Diem, der als Generalsekretär des Organisationskomitees fungierte und den Lauf bis ins kleinste Detail plante. Nachdem am 20. Juli 1936 das olympische Feuer um 12 Uhr mittags in den Ruinen von Olympia entzündet worden war, verlief die Stafette über 3’075 km durch insgesamt sieben Länder. In vielen Städten wurden Volksfeste organisiert. Nur in Prag störten antifaschistische Proteste die „Weihestunde“. Auf einer Waldlichtung in der Nähe von Hellendorf inszenierte das deutsche NOK eine Feierstunde der SA mit vielen Nazi-Flaggen. Am 1. August erreichte die Fackel schliesslich Berlin. Unter der Regie von Reichspropagandaminister Goebbels fanden Veranstaltungen mit 20’000 Hitlerjungen und 40’000 SA-Männern statt. Als krönender Abschluss wurde das Feuer im Olympiastadion auf vier Altären entzündet.
Auch punkto Medialisierung der Olympischen Spiele setzten die Nazis neue Massstäbe. Erstmals wurden die Spiele direkt im Radio in 40 Ländern übertragen. Zudem gab es zum ersten Mal Aufnahmen mit Fernsehkameras, die in rund zwei Dutzend Fernsehstuben in Deutschland ausgestrahlt wurden. Von den Winterspielen fertigte die AGFA I. G. Farbenindustrie AG Berlin im Auftrag des „Reichssportführers“ Hans von Tschammer und Osten einen Film für die Verbreitung im In- und Ausland an. 1938 folgte dann Leni Riefenstahls zweiteiliger Propagandafilm „Olympia“ über die Berliner Sommerspiele, der über dreieinhalb Stunden den nationalsozialistischen Körperkult zelebrierte.
Die Olympischen Spiele in der Hitler-Diktatur stiessen indessen im Vorfeld durchaus auf Kritik. Das Foto eines britischen Reporters, das ein Plakat „Juden Zutritt verboten!“ am Vereinshaus des Ski-Clubs Partenkirchen zeigte, sorgte international für Empörung. Die Vereinigten Staaten erwogen einen Boykott der Winterspiele, falls jüdische AthletInnen diskriminiert würden, und St. Moritz, wo bereits die Winterolympiade 1928 stattgefunden hatte, anerbot sich als Ersatzort. Das Internationale Olympische Komitee hielt indessen an Garmisch-Partenkirchen als Austragungsort fest. Um einen Eklat zu vermeiden, liess die deutsche Regierung in der Umgebung von Garmisch-Partenkirchen die Judenverfolgungen einstweilen einstellen und antisemitische Plakate vorübergehend entfernen. Diese Massnahmen zur Beruhigung der internationalen öffentlichen Meinung stiessen bei den lokalen Nazis in Oberbayern auf wenig Gegenliebe, der Natur des Regimes gemäss mussten sie sich aber fügen.
Eine ähnliche Strategie fuhren die Nazis dann auch vor und während der Sommerspiele in Berlin. Bereits im Sommer 1933 hatte es internationale Proteste gegen Olympischen Spiele in der Hauptstadt des „Dritten Reiches“ gegeben. Im Juni 1933 hatte das IOC über eine mögliche Verlegung der Spiele beraten und dann von der neuen deutschen Regierung eine schriftliche Garantieerklärung eingefordert, die Regeln der „Olympischen Idee“ einzuhalten. Dies wurde vom Nazi-Regime umstandslos zugesichert. Dennoch ging die Protest- und Boykottbewegung weiter. Im Dezember 1935 wurde in Paris das „Comité international pour le respect de l’esprit olympique“ ins Leben gerufen. Es bestand aus deutschen Exil-Intellektuellen sowie Vertretern britischer, französischer, niederländischer, skandinavischer, tschechoslowakischer und schweizerischer Boykottkampagnen. In den USA wirkte ein „Committee on Fair Play in Sports“ im selben Sinne. Im Juni 1936 fand in Paris eine „Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee“ statt, an der der exilierte Schriftsteller Heinrich Mann die Boykottforderung begründete. Seine Rede wurde im Wortlaut unter anderem vom Zürcher „Volksrecht“ abgedruckt. In Amsterdam veranstalteten AntifaschistInnen eine Kunstausstellung mit dem Titel „De olympiade onder dictatuur“. Auch die beiden internationalen Arbeitersportdachverbände, die sozialdemokratische Arbeitersport-Internationale (SASI) und die kommunistische Rote Sportinternationale (RSI), erliessen einen gemeinsamen Aufruf zum Boykott der Spiele.
Die Boykottbestrebungen scheiterten aber daran, dass sich im Unterschied zu den beiden Boykott-Olympiaden 1980 und 1984 keine wichtige Sportnation dazu durchringen wollte, den Spielen in Berlin fernzubleiben. Lediglich Spanien sagte seine Teilnahme ab. In den Vereinigten Staaten war die Boykott-Bewegung zwar relativ stark. Sie wurde unter anderem von wichtigen Sportverbänden sowie vom Gewerkschaftsdachverband AFL getragen. Avery Brundage, der Vorsitzende der „Amateur Athletic Union“ sowie der amerikanischen Olympischen Komitees und nachmalige IOC-Präsident, war aber ein entschiedener Boykottgegner und organisierte für die entscheidende Abstimmung im amerikanischen Olympischen Komitee eine knappe Mehrheit gegen den Boykott. Die Sowjetunion war zu jener Zeit nicht Mitglied der olympischen Bewegung und entsprechend stand ihre Teilnahme wie bei sämtlichen Olympischen Spielen seit dem Ersten Weltkrieg ohnehin nicht zur Debatte.
Auch in der Schweiz gab es Proteste, die Bundesbehörden bewilligten aber schliesslich die Kredite für die Beteiligung der Schweizer Delegation an den Spielen in Berlin. Der freisinnige Bundespräsident Albert Meyer betonte an einer Rede am Eidgenössischen Turnfest 1936 in Winterthur, das wenige Tage vor der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele stattfand, die durch das Turnfest manifestierte „Solidarität der Welt im Kleinen“, gab der Hoffnung Ausdruck, “damit dem Gedanken des Völkerfriedens gerade in der heutigen wirren Zeit einen Dienst zu leisten“, und beklagte, dass „unsere politischen Ideale, die Demokratie […], die Freiheit […] manchenorts an Geltung verloren“ und „der Kultus der Gewalt […] in Europa einen Siegeszug halten“ würde. Expliziter war die Opposition gegen die Spiele in Berlin im schweizerischen Arbeitersport. So verhöhnten etwa SATUS-Vereine die „Hitlerolympiade“ an ihren Veranstaltungen mit theatralischen Darbietungen. Auch plante der SATUS die Beteiligung an der „Olimpiada Popular“ in Barcelona.
Die InitiatorInnen dieser Gegenolympiade stammten aus den Kreisen der katalanischen Linken. Zu den innerhalb von drei Monaten organisierten Spielen, die 17 Sportarten sowie kulturelle Veranstaltungen umfassen sollten, wurden 6’000 AthletInnen aus 23 Staaten und Kolonien erwartet, darunter deutsche und italienische Exilteams. Aus einigen Staaten wie etwa Frankreich hatten sich auch AthletInnen aus „bürgerlichen“ Vereinen und Verbänden angemeldet. Zwei Tage vor der geplanten Eröffnung begann aber der von Deutschland logistisch unterstützte Putsch der in Spanisch-Marokko stationierten Armeeeinheiten unter General Franco gegen die demokratisch gewählte Madrider Volksfrontregierung, der den Spanischen Bürgerkrieg auslöste. Am vorgesehenen Eröffnungstag war Barcelona Schauplatz blutiger Strassenkämpfe zwischen aufständischen Armeeeinheiten auf der einen und zivilen Sicherheitskräften und eilig aufgestellten Arbeitermilizen auf der anderen Seite. Die Volksolympiade, geplant als Fest des Friedens und der Völkerverbrüderung, konnte nicht ausgetragen werden. Zahlreiche AthletInnen blieben trotzdem in Spanien und schlossen sich dem Kampf für die Republik an. Zu ihnen zählte etwa die Basler Anarchistin und Arbeiter-Schwimmerin Clara Thalmann, die den POUM-Milizen beitrat. Erst im folgenden Jahr konnte die dritte Arbeiter-Olympiade in Antwerpen, an der sich im Zeichen der Volksfront-Doktrin erstmals beide internationalen Arbeitersportdachverbände beteiligten, einen wenn auch schwachen Kontrapunkt zu den Olympischen Spielen unter dem Hakenkreuz setzen.


Materialien zum Thema im Sozialarchiv

 Archiv

Ar 468.61.1 Schweizerischer Arbeiter-Turn- und Sportverband SATUS: Internationale Arbeiter-Olympiaden und -Sporttage, Deutsche Turn- und Sportfeste 1922–1935, Tschechoslowakisches Arbeiter-Turnfest in Prag 1928

Archiv Bild + Ton

F_5046 Schweizerischer Arbeiter Turn- und Sportverband (SATUS)

F_5091 Schweizerischer Arbeiter Turn- und Sportverband (SATUS), Sektion Wiedikon

Sachdokumentation

KS 32/82a Antifaschismus (1933–1939)

KS 70/15 Sport & Sportanlagen (bis 1959)

KS 70/16a Arbeitersport (bis 1959)

Bibliothek

101551 Alkemeyer, Thomas: Körper, Kult und Politik: Von der „Muskelreligion“ Pierre de Coubertins zur Inszenierung von Macht in den Olympischen Spielen von 1936. Frankfurt/M 1996.

131018 Blecking, Diethelm et al. (Hg.): Sportler im „Jahrhundert der Lager“: Profiteure, Widerständler und Opfer. Göttingen 2012.

67014 Blödorn, Manfred: Der olympische Meineid: Idee und Wirklichkeit der Olympischen Spiele. Hamburg 1980.

67172 Bohlen, Friedrich: Die XI. Olympischen Spiele Berlin 1936: Instrument der innen- und aussenpolitischen Propaganda und Systemsicherung des faschistischen Regimes. Köln 1979.

Gr 13805 Helbling, Bruno (Hg.): Olympic realities: Sechs Städte nach dem Grossanlass. Basel 2015.

Gr 8077 Hoffmann, Hilmar: Mythos Olympia: Autonomie und Unterwerfung von Sport und Kultur: Hitlers Olympiade, Olympische Kultur, Riefenstahls Olympia-Film. Berlin 1993.

Gr 13746 Hübner, Emanuel: Das Olympische Dorf von 1936: Planung, Bau und Nutzungsgeschichte. Paderborn 2015.

Hf 9403 Jahnke, Karl Heinz: Gegen den Missbrauch der olympischen Idee 1936: Sportler im antifaschistischen Widerstand. Frankfurt/M 1972.

124412 Koller, Christian: Transnationalität: Netzwerke, Wettbewerbe, Migration, in: ders. und Fabian Brändle (Hg.): Fussball zwischen den Kriegen: Europa 1918–1939. Münster/Wien 2010, S. 37-64.

70108 Krüger, Arnd: Die Olympischen Spiele 1936 und die Weltmeinung: Ihre aussenpolitische Bedeutung unter besonderer Berücksichtigung der USA. Berlin 1972.

67718 Mandell, Richard: Hitlers Olympiade Berlin 1936. München 1980.

100494 Rürup, Reinhard (Hg.): 1936: Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus: Eine Dokumentation. Berlin 1996.

132789 Peiffer, Lorenz: Sport im Nationalsozialismus: Zum aktuellen Stand der sporthistorischen Forschung: Eine kommentierte Bibliografie. Göttingen 2015.

98032 Pujadas, Xavier und Carles Santacana: Le mythe des jeux populaires de Barcelone, in: Arnaud, Pierre (Hg.): Les origines du sport ouvrier en Europe. Paris 1994, S. 267-277.

45161 Surén, Hans: Mensch und Sonne: Arisch-olympischer Geist. Berlin 1936.

52266 Thalmann, Paul: Wo die Freiheit stirbt: Stationen eines politischen Kampfes. Olten/Freiburg 1974.

84097 Tolleneer, Jan et al.: Antwerpen 1937: Die dritte Arbeiter-Olympiade, in: Teichler, Hans-Joachim und Gerhard Hauk (Hg.): Illustrierte Geschichte des Arbeitersports. Bonn 1987, S. 223-225.

109807 Ulmi, Nic: Solidarité avec les „communards“ des Asturies et préparatifs pour l’Olympiade populaire, in: Cerutti, Mauro et al. (Hg.): La Suisse et l’Espagne de la République à Franco (1936–1946). Lausanne 2001, S. 209-227.

131325 Wahlig, Henry: Sport im Abseits: Die Geschichte der jüdischen Sportbewegung im nationalsozialistischen Deutschland. Göttingen 2015.

102980 Wildmann, Daniel: Begehrte Körper: Konstruktion und Inszenierung des „arischen“ Männerkörpers im „Dritten Reich“. Würzburg 1998.

57697:1 Wohlrath, Gerhart: Als Arbeitersportler zur Volksolympiade nach Barcelona, in: Maassen, Hanns (Hg.): Brigada Internacional ist unser Ehrenname… : Erlebnisse ehemaliger deutscher Spanienkämpfer, Bd. 1. Frankfurt/M 1976. S. 54-59.

Periodika

N 3334 Platten, Fritz N.: Der Kampf gegen die Hitler-Olympiade im Jahre 1936, in: Tages-Anzeiger-Magazin 22 (1980), S. 6-12, 44.

D 3076/S SATUS Sport, 1932–1994.

N 1003 Volksolympiade gegen Hitlerolympiade: Die Volksolympiade von Barcelona, in: Rundschau 5 (1936). S. 1176.

Roberto und Linda Donetta mit ihren Kindern Brigida und Saulle, 1905-1910, Ausschnitt (© Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta, Corzoneso)
Roberto und Linda Donetta mit ihren Kindern Brigida und Saulle, 1905-1910, Ausschnitt (© Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta, Corzoneso)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Peter Pfrunder, Gian Franco Ragno (Hrsg.): Roberto Donetta – Fotograf und Samenhändler aus dem Bleniotal. Zürich 2016.

Die Fotostiftung Schweiz in Winterthur zeigt momentan in einer eindrücklichen Ausstellung die Fotografien des Tessiners Roberto Donetta (1865-1932). Donetta fristete sein Leben während einer Zeitspanne von dreissig Jahren als wandernder Fotograf und Samenhändler und hinterliess nach seinem Tod rund 5‘000 Glasplatten, die nur durch Zufall erhalten sind. Sie dokumentieren auf präzise und einfühlsame Weise das archaische Leben der Menschen im damals noch abgeschotteten Valle di Blenio und den langsamen Einzug der Moderne.
In einer Epoche des Umbruchs wurde Donetta zu einem einzigartigen Chronisten, verstand sich aber gleichzeitig als Künstler. Als Autodidakt experimentierte er mit grosser Freiheit und wusste sein Medium virtuos einzusetzen. Seine Bilder sind eindringlich und humorvoll, heiter und todernst – ob sie nun Kinder, Familien, Hochzeitspaare, Berufsleute, den harten Alltag von Frauen und Männern oder den Fotografen selbst zeigen.
> Die Ausstellung in der Fotostiftung in Winterthur läuft noch bis zum 4. September 2016.

Ben Rawlence: Stadt der Verlorenen – Leben im grössten Flüchtlingslager der Welt. München 2016.

Im Rahmen der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise in Europa wurde im Mai dieses Jahres bekannt, dass die kenianische Regierung das grösste Flüchtlingslager der Welt, Dadaab, schliessen will. Rund 300‘000 Menschen wohnen dort, viele bereits seit der Gründung des Lagers vor 25 Jahren, andere wurden gar dort geboren. Es sind hauptsächlich Somalis, die vor Bürgerkrieg, islamistischen Shabaab-Milizen und Hunger geflohen sind.
Der britische Menschenrechtsaktivist und Autor Ben Rawlence hat sechs Einwohner von Dadaab begleitet und berichtet vom Leben in der Flüchtlingsstadt, in der die Leute neben dem Kampf gegen die Armut auch ein alltägliches Leben führen, Geschäften nachgehen, Schulen besuchen oder Fussball spielen.

Avenue – Das Magazin für Wissenskultur

„Wir Cyborgs“ – so lautet das Thema der ersten Nummer des neuen Schweizer Magazins „Avenue – Das Magazin für Wissenskultur“. Corinna Virchow und Mario Kaiser trotzen der vielbeschworenen Zeitschriftenkrise und wollen in ihrem Organ populärwissenschaftliche Themen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften verhandeln. Aussergewöhnlich ist das Vorgehen des Basler Paars: Die Inhalte des Magazins werden zunächst mit Open Access ins Netz gestellt, wo die Artikel kommentiert und kritisiert werden können; erst danach erscheint deren definitive Version mitsamt Kommentaren im gedruckten Heft.
Der Anfang ist gelungen. Die erste, 124 Seiten starke Nummer vermag zu überzeugen: Das Schwerpunktthema wird in den Rubriken „Leben & Denken“, „Kritiken & Berichte“, „Studium & Uni“ sowie „Forschung“ beleuchtet – neben einem Interview mit Klaus Theweleit über den technologischen Menschen findet sich ein Artikel von Sascha Dickel über die Beziehungsprobleme zwischen Mensch und Maschine oder eine Kritik zu Spike Jonzes Film „Her“. Vielversprechend lauten auch die Themen der nächsten beiden Ausgaben: Hochstapler und Pornografie.

> Website: www.avenue.jetzt

Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität, um 1920 (Ausschnitt)
Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität, um 1920 (Ausschnitt)

30. Juni 2016, 18 Uhr: Öffentliche Präsentation

«Frisch auf!» 100 Jahre Arbeiter-Radfahrer

Vor 100 Jahren schlossen sich velobegeisterte Arbeiter zum Arbeiter-Touring-Bund der Schweiz (heute: ATB Verband für Sport – Freizeit – Verkehr) zusammen. Die wichtige Sportorganisation hat ein bewegtes Jahrhundert hinter sich.

Stefan Länzlinger zeigt Perlen aus dem Archiv, Vertreter des ATB präsentieren die Jubiläumspublikation und stehen Red und Antwort.

Donnerstag, 30. Juni 2016, 18 bis 19 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 2 MB)

Teilnahme kostenlos, Anmeldung nicht nötig.
Alle Interessierten sind herzlich willkommen!

> Öffentliche Präsentationen 2016

Der Katalogsaal nach der Renovation
Der Katalogsaal nach der Renovation

Willkommen im aufgefrischten Lesesaal!

Nach dem Umbau im Mai ist der frisch renovierte Lesesaal im Schweizerischen Sozialarchiv wieder für alle Nutzungen offen, es gelten wieder die üblichen Öffnungszeiten.

Was ist neu, was ist gleich geblieben? – Finden Sie den Unterschied!

Die Räume: Der Lesesaal des Sozialarchivs wird auf vielfältige Weise genutzt: Zum Lesen, Schreiben und Lernen, für Recherchen und das Quellenstudium sowie als Abhol- und Rückgabeort für ausleihbare Medien. Dem trägt eine neu differenzierter ausgestaltete Raumaufteilung Rechnung: Es gibt Einzelarbeitsplätze fürs stille Studium, einen separierten Gruppenraum für gemeinschaftliches Arbeiten und Lernen, eine bequeme Sitzecke für die Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre, einen grosszügigen Recherchebereich mit PC-Stationen und einen grossen Tisch für die Sichtung besonders grossformatiger Dokumente. Durch eine deutlichere Trennung der verschiedenen Nutzungen sind somit lautere von stilleren Bereichen besser abgegrenzt. – Nehmen Sie da Platz, wo es Ihnen am besten passt!

Das Mobiliar: Unsere alten Stühle waren zwar stilvoll, wurden von den meisten Benutzenden jedoch als unbequem empfunden und häufig durch unsere Hocker und Plastikklappstühle ersetzt. Aus diesem Grund wurden diese breiten Stühle mit Lehne ersetzt, und zwar durch zwei verschiedene neue Stuhlmodelle, so dass die Benutzenden in Zukunft eine Alternative haben, sollte ihnen das eine Modell nicht behagen. Die Holzhocker im alten Stil, die vor allem für die Fensterplätze beliebt sind, haben wir beibehalten – ebenso die Tische, die lediglich etwas aufgefrischt und sämtlich mit Stromanschlüssen ausgestattet wurden, so dass Sie bequem Ihr Laptop anschliessen können.
Die Theke beim Informationsschalter wurde ausgewechselt. Mit der Computerisierung sind viele Arbeitsabläufe papierlos geworden, was weniger Arbeitsfläche nötig macht. Wir haben dies als Chance genutzt, den Schalter neu zu konzipieren und ihn schlanker und einladender zu gestalten. Er ist für Fragen aller Art die erste Anlaufstelle – wir sind für Sie da!

Die Zeitungen und Zeitschriften: Nach wie vor liegen im Lesesaal von den wichtigen schweizerischen und von etlichen ausländischen Zeitungen die aktuelle sowie die Nummer vom Vortag auf. Ebenso ist eine Auswahl der vom Sozialarchiv abonnierten Zeitschriften frei zugänglich. Neu sind die Zeitungen und Zeitschriften nicht mehr nach Thema, sondern alphabetisch nach Titeln eingeordnet. – Falls Sie eine Publikation nicht sogleich (wieder)finden, fragen Sie bitte am Informationsschalter, wir helfen Ihnen gerne. Und natürlich sind wir Ihnen dankbar, wenn Sie die Zeitung nach der Lektüre wieder am richtigen Ort hineinstecken, danke!

Der Katalogsaal: Die meisten Zettelkataloge sind obsolet geworden, weil die Katalogdaten längst elektronisch im NEBIS-Katalog oder in der Datenbank Sachdokumentation erfasst sind. Einzig die Sacherschliessung für die Monografien bis 1992 ist nach wie vor nur über den alten systematischen Zettelkatalog möglich, weil diese Bücher zwar in NEBIS mit Autor, Titel etc. erfasst, aber nicht thematisch beschlagwortet sind. Aus diesem Grund steht im barocken «Prunksaal» mit der roten Seidentapete heute nur noch dieser Teil des Katalogs; die weggeräumten Katalogmöbel haben Platz für einen grosszügigen Arbeitstisch gemacht. Dieses letzte Relikt aus dem analogen Katalogisierungszeitalter im ansonsten modernisierten Lesesaal hat also durchaus noch eine Funktion und macht zugleich sichtbar, dass das Sozialarchiv eine Institution mit Geschichte ist, die Entwicklung in die digitale Zukunft aber schon weitgehend vollzogen hat.

Der Korridor: In den Magazinen des Sozialarchivs lagert einzigartiges, wertvolles und zum Teil verblüffendes Material. In den neuen Vitrinen möchten wir Ihnen wechselnde Einblicke in unsere vielfältigen Bestände geben.
Vielleicht weckt das eine oder andere Dokument Ihre Neugier und Sie möchten mehr zu diesem Thema erfahren? – Nehmen Sie an unseren öffentlichen Präsentationen im Juni teil oder bestellen Sie auf eigene Faust Dokumente aus unseren Sammlungen in den Lesesaal! Wir unterstützen Sie gerne bei Ihren Recherchen.

Insgesamt ist der Lesesaal des Sozialarchivs heller geworden – das liegt an der Glaswand im Korridor, aber auch an den aufgefrischten Holzböden und an den neu gestrichenen Wänden. Wir hoffen, dass Sie sich (weiterhin) wohl fühlen bei uns und dass auch Ihnen beim Lesen hie und da ein neues Licht aufgeht…

Christiane Brunner hatte an der Organisation des Frauenstreiks wesentlichen Anteil (SozArch F 5032-Fb-0630)
Christiane Brunner hatte an der Organisation des Frauenstreiks wesentlichen Anteil (SozArch F 5032-Fb-0630)

Vor 25 Jahren: Der Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991

Unter dem Motto «Wenn Frau will, steht alles still» beteiligten sich am 14. Juni 1991 Hunderttausende Frauen in der ganzen Schweiz an Protest- und Streikaktionen. Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der Verankerung des Gleichberechtigungsartikels in der Bundesverfassung hatte der Schweizerische Gewerkschaftsbund zum Protest gegen die zögerliche Umsetzung des Verfassungsartikels und anhaltende Ungleichheiten in zahlreichen Bereichen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik aufgerufen. Die meisten Frauenorganisationen des Landes schlossen sich diesem Aufruf an, lediglich der Bund Schweizerischer Frauenvereine scherte aus. Im ganzen Land beteiligten sich am 14. Juni Frauen an vielfältigen Streikaktionen und tauchten Strassen und Plätze in ein Meer von Lila. In Bern wurde mit Trillerpfeifen der abgesperrte Bundesplatz gestürmt, auf dem sich politische Prominenz zu einer Feier der 700-jährigen Eidgenossenschaft versammelt hatte.

Die Idee zum Frauenstreik stammte von einigen Uhrenarbeiterinnen im Vallée de Joux, die sich über die nach wie vor ungleichen Löhne in ihrer Branche empörten. Mit Christiane Brunner fanden die lokalen SMUV-Gewerkschafterinnen eine einflussreiche Verbündete, die sowohl in der Frauenbewegung als auch in den Gewerkschaften gut verankert war. Im Oktober 1990 beschloss der SGB-Kongress auf Antrag der SMUV-Frauen die Durchführung eines landesweiten Frauenstreiks am zehnten Jahrestag der Annahme des Gleichstellungsartikels. Der Streiktag konnte sich an ausländischen Vorbildern orientieren: Am 26. August 1970, ein Jahr, bevor den Schweizer Frauen das Stimm- und Wahlrecht zugestanden wurde, hatte anlässlich des 50-jährigen Jahrestages der Einführung des Frauenwahlrechts in den Vereinigten Staaten ein «Women’s Strike for Equality» stattgefunden. Dieser konzentrierte sich hauptsächlich auf New York, aber auch in anderen Teilen das Landes fanden Aktionen statt, an denen sich insgesamt etwa 20’000 Frauen beteiligten. Eindrücklicher war dann der isländische Frauenstreik vom 24. Oktober 1975, an dem rund 90 Prozent der weiblichen Bevölkerung für einen Tag die Arbeit niederlegten.

Anlass des Streiktages in Island war das von der UNO ausgerufene internationale Jahr der Frau. Im selben Jahr wurde in der Schweiz eine eidgenössische Volksinitiative «Gleiche Rechte für Mann und Frau» lanciert, die dann im Dezember 1976 eingereicht wurde und unter anderem gleiche Rechte und Pflichten in der Familie sowie gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit forderte. Die eidgenössischen Räte empfahlen 1980 die Initiative zur Ablehnung, stellten ihr aber einen Gegenvorschlag gegenüber, der die Forderungen der Initiative in abgeschwächter Form aufnahm und etwa einen einklagbaren Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit vorsah. Im Unterschied zur Initiative verzichtete er aber auf eine Übergangsfrist von fünf Jahren bis zur Umsetzung dieser Anliegen. Kurz nach der Schlussabstimmung in den Räten zogen die Initiantinnen ihr Begehren zugunsten des Gegenvorschlags zurück – das doppelte Ja war damals noch nicht möglich. Am 14. Juni 1981 hiessen rund 60 Prozent der Stimmenden den neuen Gleichstellungsartikel gut. Als weiterer wichtiger Fortschritt nahmen am 22. September 1985 knapp 55 Prozent der Stimmenden das revidierte Eherecht an. Vom damals aufstrebenden SVP-Nationalrat Christoph Blocher als Widerspruch zur biblischen Ordnung bekämpft, beendete das neue Recht die Unterordnung der Frau unter den Mann, der als «Familienoberhaupt» etwa über die Berufstätigkeit seiner Frau bestimmen konnte, und machte die Ehe zu einer Institution gleichberechtigter PartnerInnen.

Trotz dieser Erfolge blieben mannigfaltige Diskriminierungen bestehen, insbesondere auch im Bereich der Lohngleichheit. Auch der Frauenstreik von 1991 führte nicht zu einer raschen Behebung dieses Missstandes. Nichtsdestotrotz waren seine Folgen aber beträchtlich: Mitte der 90er Jahre passierte das Gleichstellungsgesetz die eidgenössischen Räte. Es stellte verbindliche Regeln für die Umsetzung des Gleichstellungsartikels auf und enthielt auch ein Verbot der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz. Im Klima der damaligen Deregulierungseuphorie war dies ein bemerkenswerter Fortschritt. Und 2004 fand nach drei erfolglosen Anläufen die Vorlage für eine Mutterschaftsversicherung eine Volksmehrheit, womit ein Verfassungsartikel aus dem Jahre 1945 endlich umgesetzt wurde.

Noch unmittelbarer zeigten sich die Wirkungen des Frauenstreiks bei der Bundesratsersatzwahl im März 1993. Die Nichtwahl der offiziellen SP-Kandidatin Christiane Brunner wurde von Tausenden auf dem Bundesplatz versammelten Frauen mit lautstarker Empörung zur Kenntnis genommen. Die breite Protestbewegung, die sich in den folgenden Tagen entfaltete, wurde nicht zuletzt durch die Netzwerke ermöglicht, die sich bei der Organisation des Frauenstreiks gebildet hatten. Sie trug wesentlich dazu bei, dass im Unterschied zur Nichtwahl von Liliane Uchtenhagen zehn Jahre zuvor die bürgerliche Strategie zur Verhinderung einer SP-Bundesrätin nicht aufging und eine Woche später Ruth Dreifuss gewählt wurde. Der sogenannte «Brunner-Effekt», der in den folgenden Jahren die Schweizer Politik mitprägte, war damit ebenfalls eine indirekte Folge des Frauenstreiks. Schliesslich hatte der Schweizer Frauenstreik auch eine grenzüberschreitende Ausstrahlung. Nach seinem Vorbild wurde in Deutschland der Weltfrauentag 1994 zu einem «FrauenStreikTag» erhoben, der von über hundert regionalen Komitees organisiert wurde und an dem sich mehr als eine Million Frauen beteiligten. Es fanden Frauenbetriebsversammlungen und vereinzelt sogar Warnstreiks statt, anders als drei Jahre zuvor in der Schweiz hielten sich Gewerkschaften und etablierte Frauenorganisationen aber stark zurück.

Zwei Jahrzehnte nach dem Frauenstreik fand im Juni 2011 der zweite nationale Frauenaktions- und Streiktag statt. Die von rund 50 Organisationen, darunter zum ersten Mal dem Bäuerinnen- und Landfrauenverband, unterstützten Aktionen hatten bei weitem nicht die Mobilisierungskraft des Frauenstreiks von 1991, erinnerten aber daran, dass manche seiner Anliegen, insbesondere im Bereich der Lohngleichheit, immer noch nicht erfüllt sind.

Materialien zum Thema im Sozialarchiv:

Archiv:

  • Ar 1.117.15 SP Frauen Schweiz: Zentrale Frauenkommission (ZFK): Akten Jan.-Okt. 1992
  • Ar 29.92.22 Schweizerischer Verband für Frauenrechte: Handakten Ursula Nakamura-Stoecklin 1981-1992
  • Ar 39.55.3 Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste: Akten der Nationalen VPOD Frauenkommission 1984-1991
  • Ar 55 OFRA Schweiz
  • Ar 90 Frauen macht Politik FraP!
  • Ar 152.10.10 Nachlass Hedi Lang: Biographisches
  • Ar 476.10.5/2 Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich: Akten Frauenkommission, Frauenkonferenz, Frauenstelle 1988-1995
  • Ar 586 Antimilitaristische Frauengruppe Basel/Frauengruppe SAFT
  • Ar SMUV 03E-0021 Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Pressespiegel: Frauenstreiktag Juni 1991
  • Ar SMUV 03E-0050 Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Pressespiegel: Frauenstreiktag Juni 1993, 1994, 1995
  • Ar SMUV 06B-0004 Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Frauenstreik: Auswertung; Aussprachen Bundesrat; Aktionen; Stellungnahme CNG; Reaktionen Arbeitgeber; Persönliche Briefe an C. Brunner; Medienberichte; Erhebung BIGA; Solidaritätsbriefe CFDT, IGM; Gutachten Streikrecht; Fotos
  • Ar SMUV 06B-0005 Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Frauenstreik: Aktionen der Sektionen; Fotos
  • Ar VHTL 09A-0042 Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel: Wir vom Verkauf: Wenn Frau will, steht alles still. 14. Juni 1991. Landesweiter Frauenstreik 1991

Archiv Bild + Ton (Bestände, in denen sich audiovisuelle Dokumente zum Frauenstreik befinden):

  • F 1021 Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen erzählen – UNIA Oral History Projekt
  • F 5030 Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel (VHTL)
  • F 5031 Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI)
  • F 5032 Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV) – Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen
  • F 5039 Gewerkschaft Textil, Chemie, Papier (GTCP)
  • F 5069 comedia Zürich
  • F 7000 Sammelbestand Fotografie
  • F 7001 Sammelbestand Druck
  • F 7003 Sammelbestand Objekt
  • F 9013-005 «Der Aufstand gilt dem Patriarchat»: Frauenstreik, 14. Juni 1991. Zürich 2010

Sachdokumentation:

Bibliothek:

  • 93794 Der Frauenstreik in den Medien = Lo sciopero delle donne nei mass media = La grève des femmes dans les mass media. Hg. Medienfrauen der SJU und des SSM. Bern 1992.
  • 95654 Haas, Esther et al. (Hg.): Der Brunner-Effekt. Zürich 1993.
  • 132792 Hetzer, Vita Alix: Männeruni – Frauenfragen! Die Auseinandersetzungen um die Gleichstellung an zwei Hochschulen. Zürich 2015.
  • CD 1 Kaa, Vera: Rien ne va plus: Wenn die Frau will, dann steht alles still = Bras croisés le pays perd pied. Bern 1991.
  • 93750 Schöpf, Elfie: Frauenstreik: Ein Anfang…: Hintergrund, Porträts, Interviews. Bern 1992.
  • 130444 Schulz, Kristina et al.: Frauenbewegung – Die Schweiz seit 1968: Analysen, Dokumente, Archive. Baden 2014.
  • 92915 Wicki, Maja (Hg.): Wenn Frauen wollen, kommt alles ins Rollen: Der Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991. Zürich 1991.

1. Juni 2016, 18.45 Uhr: Referat von Florian Weber

Die amerikanische Verheissung. Schweizer Aussenpolitik im Wirtschaftskrieg 1917-1918

Mit dem Kriegseintritt der Amerikaner im Frühjahr 1917 nahm der Erste Weltkrieg seine entscheidende Wende: Die Machtbalance verschob sich nach Westen und das Deutsche Kaiserreich verlor den «Grossen Krieg». Die Schweiz wurde von dieser Entwicklung direkt erfasst. Erstmals in ihrer Geschichte musste sie sich auf eine aussereuropäische Macht einstellen. Doch der Kleinstaat lernte rasch:  Er wandte sich vom einstmals bewunderten Kaiserreich ab und suchte den Anschluss an die USA als der kommenden Supermacht des 20. Jahrhunderts. Das Referat beleuchtet knapp hundert Jahre später diese bewegte Phase der Schweizer Geschichte und lädt dazu ein, über das Verhältnis des Kleinstaates zur Welt nachzudenken.

Mittwoch, 1. Juni 2016, 18.45 Uhr,
im Anschluss an die Jahresversammlung des Vereins Schweizerisches Sozialarchiv im Theater Stadelhofen

Florian Weber studierte Wirtschaftsgeschichte und Ökonomie in Zürich und Madrid und war Visiting Fellow an der Graduate School of Arts and Sciences der Harvard University. 2016 promovierte er zum obigen Thema an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die schweizerische und europäische Wirtschaftsgeschichte.

2. Juni 2016, 18.30 Uhr: Buchvernissage

Gotthard: Der Pass und sein Mythos

Mit Helmut Stalder (Autor)

 

Der Sankt Gotthard ist der Pass schlechthin. Und doch ist er viel mehr als nur ein Pass oder Tunnel. Kein anderer Alpenübergang ist mit so vielfältigen Bildern, Erzählungen und Mythen verbunden, besitzt eine derartige Symbolkraft, ist für das Selbstverständnis der Schweiz von derartiger Bedeutung.
Dieses Buch ist das reich bebilderte Porträt eines sagenumwobenen Berges, der seit Jahrhunderten nicht nur Höchstleistungen der Ingenieurskunst im Tunnel- und Strassenbau hervorbringt und die Künste inspiriert. Er ist der mythische Gründungsort der Schweiz. Der Fels, auf dem die Nation ruht.

Helmut Stalder, Dr. phil., studierte Germanistik, Geschichte und Politische Wissenschaften in Zürich, Frankfurt/M und New York. Als politischer Journalist und Buchautor arbeitete er beim Zürcher Tages-Anzeiger und bei der Zeitschrift Beobachter und ist heute bei der Neuen Zürcher Zeitung tätig. Stalder lebt mit seiner Familie in Winterthur.

Donnerstag, 2. Juni 2016, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum
Mit anschliessendem Apéro

Eintritt frei.

Helmut Stalder: Gotthard – Der Pass und sein Mythos. Zürich: Orell Füssli Verlag 2016.

Foto (Ausschnitt): Bruno Helbling
Foto (Ausschnitt): Bruno Helbling

Buchempfehlungen der Bibliothek

Bruno Helbling (Hrsg.): Olympic Realities: Sechs Städte nach dem Grossanlass. Basel, 2015.

Weltrekorde, Heldengeschichten, Tränen der Verlierer. Für zwei Wochen blickt die Welt auf eine Stadt, Olympische Spiele sind das grösste und wichtigste internationale Sportereignis. Allumfassende Begeisterung und globale Medienpräsenz machen die Spiele zu einem Politikum und Anlass für Milliardeninvestitionen. Stadien werden zu Symbolen der Macht. Doch den Tagen der Euphorie folgt bald Ernüchterung. «Olympic Realities» führt den Betrachter durch Städte, aus denen der olympische Sportzirkus ausgezogen ist.
In Bruno Helblings Fotografien erzählen Rost und Ruinen ganz eigene Geschichten und werfen die Frage nach dem Sinn des monströsen Grossereignisses auf. Begleitet werden die eindrücklichen Bilder von sechs Essays, verfasst von Autoren mit einem Bezug zum jeweiligen Austragungsort. So schreibt beispielsweise der Journalist Werner van Gent über die Olympischen Sommerspiele 2004 in Athen. Schonungslos und kurzweilig werden die Wurzeln des olympischen Systems von Grössenwahn, Korruption und Fehlmanagement freigelegt.

Enno Schmidt, Daniel Straub, Christian Müller: Grundeinkommen von A bis Z. Zürich, 2016.

Am 5. Juni 2016 stimmen wir über die Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» ab. Das Buch «Grundeinkommen von A bis Z» ist eine verständlich geschriebene Vertiefung in das Thema und ein Argumentarium für die Diskussion um eine Idee, die viele irritiert. Es nimmt sich die wichtigsten Fragen rund um ein bedingungsloses Grundeinkommen und auch die Einwände dagegen vor: Wer arbeitet dann noch? Wer soll das bezahlen? Ist es gerecht, wenn man auch ohne Arbeit genug zum Leben hat? Handelt es sich um eine Lohnkostensubvention für private Unternehmen? Kommen dann mehr Migrant/innen? Was ist der Wert, was die Zukunft der Arbeit?
Die Autoren erzählen auch die Geschichte dieser utopisch anmutenden Idee und gehen gründlich auf die Frage der Finanzierung ein.

Erich Hackl (Hrsg.): So weit uns Spaniens Hoffnung trug – Erzählungen und Berichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Zürich, 2016.

Diesen Sommer ist es achtzig Jahre her, dass spanische Militärs unter General Franco ihren Aufstand gegen die Republik begannen und damit den Spanischen Bürgerkrieg vom Zaun brachen. Aus diesem Anlass ist die vorliegende Anthologie entstanden.
Der Band versammelt 46 Texte, Erzählungen und Berichte von deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die Zeitgenossen waren. Der Spanische Bürgerkrieg fiel also in ihre Lebenszeit, wie beispielsweise bei Anna Siemsen, Edwin Gmür oder Arthur Koestler. Die Texte sind chronologisch geordnet und veranschaulichen den Spanischen Bürgerkrieg vom Anfang bis zum Ende in einer einzigen grossen, vielstimmigen Erzählung – und in all seinen Facetten: Sie illustrieren die Hoffnung und die Schrecken des Krieges, die Entschlossenheit des Widerstands gegen den Faschismus und die Solidarität, den Verrat des demokratischen Europa an der spanischen Republik, die Kämpfe innerhalb der Volksfront sowie viele weitere Aspekte des Spanischen Bürgerkriegs.

Bestände zum Spanischen Bürgerkrieg im Sozialarchiv (Auswahl):

Bild + Ton:

  • F 9007 Filmbestand von Robert Risler (1912-2005)
  • F 5077 Agenturfotos aus dem Nachlass von Roger A. Roth (1940-2008)
  • DVD 15 Hans Hutter – ein Schweizer im Spanischen Bürgerkrieg: Ein Dokumentarfilm von Luís M. Calvo Salgado und Christian Koller (Zürich 2006)

Papierarchiv:

  • Ar 20.803 Auslandhilfe des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks SAH
  • Ar 151.11.5 Korrespondenz, Postkarten, Flugblätter, Plakate etc. aus dem Nachlass von Robert Risler
  • Ar 39.30.7 Akten 1936-1939 des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste vpod

Sachdokumentation:

  • KS 335/70 ff. Broschüren und Flugschriften zum Spanischen Bürgerkrieg
  • ZA 39.9 *SpB Schweizer im Spanischen Bürgerkrieg (Zeitungsausschnitte)
Ostschweizerisches Bettagsturnier in Uster. Bettag, den 19. Sept. [19]37.
Ostschweizerisches Bettagsturnier in Uster. Bettag, den 19. Sept. [19]37.

Neu im Archiv: Das Archiv des Schweizerischen Arbeiterschachbundes SASB

In den letzten Monaten konnte das Sozialarchiv wieder eine ganze Reihe interessanter Archivbestände und Nachlässe übernehmen. Erwähnt seien hier beispielsweise das Archiv von Pro Audito Zürich (ehemals: Schwerhörigen-Verein Zürich), der Nachlass von Karl Hofmaier (1897-1988), eine Dokumentation zur Geschichte der Lebensreform von Peter F. Kopp oder das umfangreiche Archiv von Alliance Sud, der wichtigsten Sprecherin für die politischen Anliegen privater Entwicklungsorganisationen (Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Caritas, Helvetas, Heks). Ein weiterer Neuzugang, das Archiv des Schweizerischen Arbeiterschachbundes, soll im Folgenden etwas näher vorgestellt werden.

Die Ursprünge der Arbeiterschachbewegung der Schweiz lagen in Zürich, das mit seinem hohen Ausländeranteil, vorwiegend Deutsche, wesentliche Anregungen aus der europäischen Szene erhielt. 1900 wurde hier der erste Arbeiterschachverein gegründet, der unter dem Namen ASK International die Wirren des Ersten Weltkriegs überstand. 1920 bestanden unabhängige Sektionen in Basel, Bern und Winterthur. Diese Vereine schlossen sich 1922 in Olten zum Schweizerischen Arbeiterschachbund SASB zusammen. Ab 1930 gab der SASB eine eigene Verbandszeitung heraus: die Schweizerische Arbeiter-Schachzeitung (ab 1983: Schweizer Schach-Magazin). Die Mitgliedervereine des SASB sahen sich stets als ein Hort der Kameradschaft, aber auch der Solidarität. Hier wurde nicht nur Schach gespielt, sondern die Mitglieder halfen sich, wo es ging, auch finanziell aus oder vermittelten einander Stellen.

Wie die anderen Arbeitersport- und -kultur-Organisationen machte auch der SASB in der Zwischenkriegszeit und vor allem nach 1945 eine recht stürmische Entwicklung durch. An den Delegiertenversammlungen wurde über Richtungsfragen heftig diskutiert. Tendenziell nahm die politische (sozialdemokratische) Ausrichtung kontinuierlich ab, und an die Stelle der schachspielenden Arbeiter traten nun die Angestellten. In den Statuten von 1981 wurde dann erstmals auf jede politische Positionierung verzichtet. Schliesslich kam es 1995 nach längeren Diskussionen zur Fusion mit dem SSV zum Schweizerischen Schachbund.

Das Archiv des SASB enthält Gremienprotokolle, Jahresberichte, Korrespondenzen und weitere Akten. Sehr gut dokumentiert sind der Spielbetrieb und das Umfeld der Schweizer Arbeitersportorganisationen. Einzelne Regionalverbände und Sektionen sind mit Teilbeständen vertreten. Das Archiv des SASB wird zurzeit bearbeitet und kann unter der Signatur SozArch Ar 603 ohne Benutzungsbeschränkungen eingesehen werden.