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31.10.2022, 19 Uhr: Die Schweiz auf Drogen

Szenen, Politik und Suchthilfe, 1965–2022

Buchvernissage

Drogen waren im späten 20. Jahrhundert ein gesellschaftlicher und politischer Brennpunkt, von den Auseinandersetzungen um 1968 und 1980 über die «offenen Drogenszenen» der 1990er-Jahre bis zum Hin und Her zwischen Schadenminderung und Repression um die Jahrtausendwende. Seit einigen Jahren kommt wieder Bewegung in die Debatte, besonders in Bezug auf die Prohibition.
Das neue Buch von Peter-Paul Bänziger, Michael Herzig, Christian Koller, Jean-Félix Savary und Frank Zobel zieht eine vorläufige Bilanz, zeigt die Konstanten auf, die den Drogendiskurs bis heute prägen, und leistet einen Beitrag zur Versachlichung. Neben den offenen Drogenszenen beleuchten die Autoren die Herausbildung der Problematik in den Jahrzehnten davor und die Veränderungen danach. Sie nehmen nicht nur die grossen Städte der Deutschschweiz in den Blick, sondern auch die Romandie und ländliche Regionen. Dabei wird deutlich, dass Produktion und Handel von Rauschmitteln durch die Räumung der offenen Drogenszenen keine grundlegenden Veränderungen erfuhren und die Repression trotz sozialer und medizinischer Innovationen tragende Säule geblieben ist. Zudem werden die Diskurse dargestellt, welche die Arbeit von Medizin, Sozialarbeit, Polizei und Justiz prägen. Von einer kohärenten Drogenpolitik, so das Fazit, kann nicht die Rede sein.

Buchvernissage in Anwesenheit der Autoren sowie von Peter J. Grob und Felix Gutzwiller. Mit Gesprächen über die Vergangenheit und Zukunft der Drogenthematik und einer Lesung.

Montag, 31. Oktober 2022, 19 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Theater Stadelhofen

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Vor 60 Jahren: Die Welt am Abgrund des Atomkriegs

13 Tage im Oktober 1962

Im Oktober 1962 hielt die Welt den Atem an. In den Monaten zuvor hatte sich in der Karibik eine Krise zusammengebraut, die nun während zweier Wochen einen direkten militärischen Zusammenstoss der beiden Supermächte und einen atomaren Dritten Weltkrieg plötzlich als sehr reale Möglichkeit erscheinen liess. Die Kubakrise, die letztlich einigermassen glimpflich vorbeizog, war eingebettet in verschiedene weltpolitische und regionale Vorgänge.

Seit den späten 1940er Jahren hatte der Kalte Krieg eine Serie von Krisen und bewaffneten Konflikten hervorgebracht – vom Iran über Griechenland, Berlin, Korea und Ungarn (s. SozialarchivInfo 5/2016) erneut nach Berlin. In den Vorjahren der Kubakrise hatte sich die militärtechnologische Position der Sowjetunion verbessert: Mit dem Trägersystem des Sputnik von 1957, R-7, war das Territorium der USA mit atomar bestückten Interkontinentalraketen erreichbar geworden und im Oktober 1961 testete die Sowjetunion die Wasserstoffbombe AN602 («Zar»), die stärkste je gezündete Kernwaffe mit einer etwa 4’000mal so starken Sprengkraft wie die über Hiroshima abgeworfene Bombe. Zugleich schwächten aber verschiedene Entwicklungen die geostrategische Position der östlichen Supermacht. Ende der 1950er Jahre scheiterte Nikita Chruschtschows Versuch, Berlin den Viermächtestatus zu entziehen, und der Bau der Berliner Mauer 1961 bedeutete einen internationalen Prestigeverlust. Zugleich setzte das sowjetisch-chinesische Zerwürfnis ein.

Die vorübergehende Verschiebung der Brennpunkte des Kalten Krieges von Ostmitteleuropa und Ostasien in die Karibik war eine Folge der kubanischen Revolution. Als am 8. Januar 1959 die Rebellenarmee unter Fidel Castro, die seit über zwei Jahren einen Guerillakrieg geführt hatte, in Havanna einzog, bedeutete dies nicht nur das Ende der Diktatur unter Fulgencio Batista, sondern auch den Beginn eines politischen und gesellschaftlichen Experiments, dessen Konturen sich erst allmählich abzeichneten. In den ersten Wochen und Monaten verkündete Castro in seinen Reden immer wieder, er sei kein Kommunist, aber auch gegen den Kapitalismus, und kündigte baldige Wahlen an. Das zunächst unentschiedene Verhältnis zu den USA verschlechterte sich rasch. Im Zuge der Landreform und der Verstaatlichung amerikanischer Vermögenswerte protestierten die USA bereits 1959 und forderten Entschädigungen. Im Februar 1960 nahm Kuba mit der Sowjetunion Handelsbeziehungen auf. Die östliche Supermacht wurde rasch zu einem wichtigen Abnehmer kubanischen Zuckers, Kreditgeber und Lieferanten billigen Öls. Als die amerikanischen Raffinerien auf Kuba sich weigerten, sowjetisches Öl zu verarbeiten, wurden im Juni 1960 alle ausländischen Ölraffinerien verstaatlicht. Bereits einen Monat zuvor hatten die USA ihre jährliche Wirtschaftshilfe an Kuba in Höhe von 200 Millionen Dollar eingestellt. Am 13. Oktober 1960 verhängten sie dann ein Handelsembargo gegen Kuba.

Die Annäherung des revolutionären Kuba an den Kommunismus wurde insbesondere von Che Guevara vorangetrieben, der Leiter der kubanischen Nationalbank und dann auch Industrieminister geworden war. Im Sommer 1960 besuchte Guevara China und unterzeichnete dort einen Handelsvertrag. Obwohl China in den Jahren 1959 bis 1961 als Folge des katastrophal missratenen «Grossen Sprungs nach vorn» eine gravierende Hungersnot erlitt, der geschätzte 15 bis 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen, exportierte es in der Folge massenhaft Getreide nach Kuba. Ende 1960 bereiste Guevara die Tschechoslowakei, die Sowjetunion, wo er gegen den Willen der Führung unter Chruschtschow am Grabe Stalins Blumen niederlegte, Nordkorea, die DDR und Ungarn und schloss auch mit diesen Ländern Handels- und Kreditvereinbarungen ab. Auch das politische System Kubas orientierte sich zunehmend am sowjetischen Modell. Im Juli 1961 verschmolzen Castros «Bewegung des 26. Juli» und die Kommunistische Partei Kubas zu einer Einheitspartei nach dem Vorbild der Ostblockstaaten, die versprochenen freien Wahlen fanden nie statt.

Enttäuscht von der Revolution und begünstigt von einer grosszügigen Immigrationsregelung wanderten in den ersten Jahren nach 1959 etwa 10 Prozent der kubanischen Bevölkerung in die USA aus, darunter nahezu die komplette Oberschicht. Namentlich in Florida bildeten die Exilkubaner:innen bald eine einflussreiche Lobby. Am 17. April 1961 kurz nach Mitternacht landete mit Hilfe von U.S. Army und CIA die «Brigade 2506», eine aus Exilkubanern bestehende, etwa 1’500 Mann starke Einheit, in der Schweinebucht als Vorbereitung für einen «Regime Change», der aber kläglich scheiterte. Diese Aktion festigte die kubanische Revolution, die vorher noch auf wackligen Beinen gestanden hatte. Als Reaktion auf den Invasionsversuch bekannte sich Castro öffentlich zum Sozialismus, wurden die bereits angelaufenen Enteignungen verschärft und sämtliches amerikanisches und sonstiges ausländisches Eigentum auf Kuba entschädigungslos verstaatlicht. Anfang Juni 1962 reiste Raúl Castro nach Moskau und erhielt dort die Zusage der Stationierung sowjetischer Kurzstrecken-Boden-Luft-Raketen für die Verteidigung sowie einiger Mittel- und Langstreckenraketen, die die USA direkt mit Atomsprengköpfen bedrohen konnten. Bereits mehr als eine Woche zuvor hatte der sowjetische Verteidigungsrat eine mögliche Raketenstationierung auf Kuba ins Auge gefasst. Ab dem 10. Juli transportierten sowjetische Schiffe unter dem Decknamen «Operation Anadyr» über 42’000 Soldaten und 230’000 Tonnen Militärausrüstung nach Kuba, darunter 64 Mittelstreckenraketen mit dazugehörigen Atomsprengköpfen. Am 29. August entdeckte ein amerikanisches U2-Aufklärungsflugzeug defensive Kurzstreckenraketen auf Kuba. Präsident Kennedy machte dies am 4. September publik und warnte die Sowjetunion vor der Stationierung offensiver Raketen. Wenige Tage darauf versicherte Chruschtschow in einer persönlichen Nachricht an Kennedy, dies sei unter keinen Umständen geplant.

Bereits am 14. Oktober entdeckte ein weiterer U2-Überflug aber fest installierte Stellungen für Offensivraketen, die, wie sich später herausstellte, neben den USA auch weite Teile Lateinamerikas und Kanadas erreichen konnten. Dies löste im Beraterstab «ExComm» des US-Präsidenten Kontroversen über das weitere Vorgehen aus. Während die «Falken» einen sofortigen Luftschlag gegen die Raketenstellungen forderten, wurden auch die Hinnahme der Raketenstationierung oder eine Seeblockade der Karibikinsel diskutiert. An einem planmässigen Besuch des sowjetischen Aussenministers Andrei Gromyko in Washington am 18. Oktober sprach keine Seite die Kubafrage an. Zwei Tage darauf favorisierte eine Mehrheit im ExComm eine Seeblockade. Am 22. Oktober informierte Kennedy die Weltöffentlichkeit über die Stationierung offensiver Raketen auf Kuba, forderte die Sowjetunion zu deren Abzug auf, drohte für den Fall eines sowjetischen Angriffs auf die USA oder ein anderes Land der westlichen Hemisphäre mit einem atomaren Gegenschlag und kündigte die Verhängung einer (mit dem weniger martialisch klingenden Begriff «Quarantäne» bezeichneten) Seeblockade über Kuba an. Nach der Zustimmung der Organisation amerikanischer Staaten (OAS) nahm am folgenden Tag die Quarantäne-Flotte ihre Arbeit auf. Zeitgleich ordnete die kubanische Regierung die Generalmobilmachung an. Trotz der Ankündigung Chruschtschows, die Blockade nicht zu akzeptieren, änderten sowjetische Schiffe daraufhin ihren Kurs oder blieben auf hoher See liegen.

In den folgenden Tagen schienen die beiden Supermächte auf eine atomare Konfrontation zuzusteuern. Am 25. Oktober präsentierte die US-Delegation an der Sitzung des UNO-Sicherheitsrates Fotos der sowjetischen Raketenstellungen. Am 26. Oktober forderte Castro in einem Schreiben an Chruschtschow für den Fall einer US-Invasion einen atomaren Erstschlag auf amerikanisches Territorium. Am selben Tag erhielt Kennedy einen persönlichen Brief Chruschtschows, der eine Rücknahme der sowjetischen Raketen unter Aufsicht der UNO bei einem amerikanischen Verzicht auf eine zukünftige Invasion Kubas in Aussicht stellte. Am 27. Oktober zwangen amerikanische Zerstörer in internationalen Gewässern ein sowjetisches U-Boot zum Auftauchen. Den Amerikanern war nicht bewusst, dass das U-Boot mit nuklearen Torpedos bestückt war. Einer der drei für einen Feuerbefehl zuständigen Offiziere verweigerte aber die Zustimmung zum Abschuss von Atomwaffen ohne ausdrücklichen Befehl aus Moskau. Am selben Tag ging beim US-Präsidenten, der den Brief vom Vortag noch nicht beantwortet hatte, ein weiteres Schreiben Chruschtschows ein, das zusätzlich auch den Abbau der amerikanischen Basen mit atomar bestückten Mittelstreckenraketen in der Türkei forderte, die 1959 eingerichtet worden waren. Kurz darauf wurde ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug über Kuba abgeschossen. Entgegen der Empfehlung seiner Stabchefs für einen Luftschlag beschloss Kennedy, Chruschtschows zweiten Brief zu ignorieren und das erste Schreiben positiv zu beantworten. Ausserdem kam Kennedys Bruder Robert mit dem sowjetischen Botschafter zu einer geheimen Übereinkunft über einen (später durchzuführenden) Abbau der amerikanischen Raketenbasen in der Türkei. In der Nacht vom 27. zum 28. Oktober gab Chruschtschow daraufhin ohne vorgängige Benachrichtigung Castros den Befehl zum sofortigen Abbau der Raketenbasen. Am 20. November hoben die USA die Seeblockade über Kuba auf.

Insgesamt bedeutete der Ausgang der Kubakrise einen taktischen Erfolg für die Sowjetunion. Da der Abbau der amerikanischen Raketenbasen in der Türkei aber geheim vereinbart worden war und erst im April 1963 ohne grosse Beachtung stattfand, stand in der Weltöffentlichkeit Kennedy als Sieger der Kubakrise da, der dadurch einen Popularitätsschub erhielt. Umgekehrt wurde Chruschtschows Position innen- und aussenpolitisch geschwächt. Castro fühlte sich durch das sowjetische Einlenken brüskiert und Mao kritisierte Chruschtschows Krisenmanagement als Kapitulation. Chruschtschows Gegnerschaft im Politbüro war zwar hauptsächlich innenpolitisch motiviert, nutzte aber auch sein vermeintliches Versagen in der Kubakrise. Zwei Jahre nach der Kubakrise wurde Chruschtschow seiner Ämter enthoben.

Von Hiroshima zur gegenseitigen Vernichtungszusicherung

Die Kubakrise bildete in der Geschichte des atomaren Wettrüstens eine Zäsur. Im August 1945 hatten die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki das atomare Zeitalter eingeläutet. Für vier Jahre verfügten die USA über ein Atomwaffenmonopol, dann testete die Sowjetunion im August 1949 die erste eigene Atombombe. 1952 erlangte auch das Vereinigte Königreich den Status einer Atommacht. Im selben Jahr testeten die USA die erste Wasserstoffbombe, im folgenden Jahr zog die Sowjetunion gleich und 1957 das Vereinigte Königreich. 1960 testete auch Frankreich seine erste Atombombe. Bis in die frühen 1960er Jahre zog die Sowjetunion mit den USA in der Atombewaffnung gleich. 1962 kam im Zusammenhang mit der atomaren Aufrüstung und der von den Atommächten angestrebten Zweitschlagfähigkeit der Begriff der «Mutually Assured Destruction» («MAD») auf. 1964 rückte auch die Volksrepublik China, deren Atomprogramm bis 1960 von der Sowjetunion unterstützt worden war, in den Kreis der Atommächte auf.

Der atomare Wettlauf löste Ängste aus und führte zu Protesten. Eine frühe Antiatomwaffenbewegung entstand in Japan, dem einzigen von Atombombeneinsätzen gegen die Zivilbevölkerung betroffenen Land. 1957 wurde in Grossbritannien die «Campaign for Nuclear Disarmament» (CND) gegründet, die am Karfreitag unter dem Motto «Ban the Bomb» einen Marsch von London zum Atomwaffenforschungszentrum in Aldermaston unternahm. Dieser wurde zum Vorbild für die Ostermärsche in verschiedenen anderen Ländern. Die CND kreierte auch das Friedenslogo, das weltweit bekannt wurde. Zeitgleich entfaltete sich in der Bundesrepublik Deutschland 1957/58 die Kampagne «Kampf dem Atomtod» gegen Pläne der Bundesregierung zur Ausrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen. Am 12. April 1957 veröffentlichten 18 führende deutsche Atomwissenschaftler den «Göttinger Appell», der auf die Zerstörungskraft dieser Waffen hinwies und vor den militärischen und politischen Folgen der Atombewaffnung warnte. In der Folge bildete sich ein breites Bündnis politischer, kirchlicher, gewerkschaftlicher und wissenschaftlicher Kreise gegen die Atombewaffnung.

Die atomare Aufrüstung schlug sich auch in kulturellen Verarbeitungen nieder. 1964 kam Stanley Kubricks schwarze Satire «Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb» in die Kinos. Im selben Jahr erschien der Thriller «Fail-Safe», der ebenfalls die Auslösung eines Atomkriegs thematisierte. Wenige Tage vor dem Höhepunkt der Kubakrise, am 5. Oktober 1962, hatte der erste James-Bond-Film «Dr No», der sich um das Thema Radioaktivität drehte, seine Premiere. Von den vier weiteren bis 1967 produzierten 007-Streifen handelten alle ausser einem über Atombomben oder die versuchte Auslösung eines nuklearen Kriegs zwischen den Supermächten, während sich die folgenden Bond-Filme anderen Themen zuwandten und das Thema Atomwaffen in der Filmserie erst in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren wieder zentral wurde.

Dies widerspiegelte realhistorische Entwicklungen, die ihren Ausgangspunkt in der Kubakrise nahmen. Der Schock des Ereignisses führte zu einem stärker dialogischen Verhältnis der beiden Supermächte, das nach einigen Jahren auch handfeste Ergebnisse zeitigte. Bereits 1963 wurde das «Rote Telefon» zur direkten Kommunikation zwischen dem Weissen Haus und dem Kreml eingerichtet und im selben Jahr schlossen die USA, die Sowjetunion und das Vereinigte Königreich einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffentests in der Atmosphäre ab. Auch entzog Kennedy den Militärs die eigenständige Verfügung über die Atomwaffen und führte das System des «Atomkoffers» ein, der die nuklearen Freischaltcodes in die Hand des Präsidenten legt. 1968 ging die Sowjetunion zu einem ähnlichen System über.

1968 initiierten die Atommächte den Atomwaffensperrvertrag, der die weitere Verbreitung von Atomwaffen ausserhalb der fünf Atommächte verbot, und 1972 unterzeichneten die Supermächte als Resultat der seit 1969 laufenden SALT-I-Gespräche («Strategic Arms Limitation Talks») den ABM-Vertrag («Anti-Ballistic Missile Treaty»), der die Anzahl der strategischen Waffen und Abwehrsysteme auf beiden Seiten reglementierte. 1973 schlossen die USA und die Sowjetunion ein Abkommen über die Verhütung von Atomkriegen, das im Falle eines Konflikts sofortige Beratung zwischen den Supermächten vorschrieb, und 1979 unterzeichneten die Supermächte den SALT-II-Vertrag, der auf eine Begrenzung nuklear-strategischer Waffensysteme abzielte.

Allerdings entstanden neben den «offiziellen» Atommächten weitere Staaten mit Atomwaffen ausserhalb des Sperrvertrags. Israel entwickelte bereits in den 1960er Jahren, zunächst mit französischer Unterstützung, Atomwaffen, 1974 folgte Indien und im Verlauf der 1970er Jahre der Apartheidstaat Südafrika. Auch verschlechterte sich Ende der 1970er Jahre das Verhältnis zwischen den Supermächten wieder. Auf die Stationierung sowjetischer SS-20-Mittelstreckenraketen mit Zielen in Westeuropa ab 1976 antwortete die NATO 1979 mit einem Doppelbeschluss, der zugleich bilaterale Verhandlungen der Supermächte über die Begrenzung ihrer atomaren Mittelstreckenraketen verlangte und die Aufstellung neuer mit Atomsprengköpfen bestückter Raketen und Marschflugkörper in Westeuropa ankündigte. Dieser Beschluss stiess auf massive Proteste: In den folgenden Jahren gingen in Westeuropa und Nordamerika Millionen von Menschen gegen den neuen Rüstungswettlauf auf die Strasse.

Im Herbst 1983 schliesslich schrammte die Welt, dieses Mal von der Öffentlichkeit nicht beachtet, ein zweites Mal haarscharf an einem Atomkrieg vorbei. Am 26. September, während des NATO-Grossmanövers «Reforger», zeigte das sowjetische Frühwarnsystem den Start mehrerer nuklearer Interkontinentalraketen der USA an, der wachhabende Offizier erkannte dies aber korrekt als Falschmeldung und unterband die Ingangsetzung eines Gegenschlags. Wenige Wochen später fand die europaweite NATO-Kommandostabsübung «Able Archer 83» statt, die den Beginn eines Atomkriegs simulierte und von sowjetischen Geheimdienstanalysten zum Teil als mögliche Tarnung für den erwarteten atomaren Erstschlag des Westens missverstanden wurde, dem das KGB seit 1981 mit der grossangelegten Spionageoperation «RJaN» auf die Spur zu kommen versuchte.

Erst der Amtsantritt von Michail Gorbatschow im Jahre 1985 führte zu einer neuen Entspannung. 1987 erfolgte die Unterzeichnung des INF-Vertrags («Intermediate Range Nuclear Forces»), der die Beseitigung aller land- und seegestützten Mittelstreckenraketen zwischen 500 und 5’500 Kilometern Reichweite vorsah. Der 1991 nach neunjährigen Verhandlungen unterzeichnete START-I-Vertrag («Strategic Arms Reduction Treaty») reduzierte ab 1995 die strategischen Langstreckenwaffen massiv. Mit dem Zerfall der Sowjetunion entstanden vier neue Atommächte: die Russländische Föderation, die Ukraine, Belarus und Kasachstan. Die letzteren drei bekannten sich zum Atomwaffensperrvertrag und sicherten zu, ihr Kernwaffenarsenal zu vernichten bzw. an Russland abzugeben. In den Budapester Memoranden vom Dezember 1994 gaben Russland, die USA und das Vereinigte Königreich gemeinsam Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien in Verbindung mit deren Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag und als Gegenleistung für die Beseitigung aller Atomwaffen auf ihrem Territorium. Die Ukraine verfügte zu jenem Zeitpunkt über das weltweit drittgrösste Atomwaffenarsenal, hatte darüber aber keine operative Kontrolle, da die Freischaltcodes in russischem Besitz waren. Die im Budapester Memorandum festgehaltene Anerkennung der ukrainischen Souveränität in den bestehenden Grenzen, der territorialen Integrität und des Verzichts auf ökonomischen Zwang, militärische Gewalt und den Einsatz von Atomwaffen wurde neben den unterzeichnenden drei Atommächten in separaten Erklärungen auch von China und Frankreich bekräftigt. Ausserhalb des Atomwaffensperrvertrags stiegen 1998 Pakistan und 2006 Nordkorea zu Atommächten auf. Zudem gab es immer wieder Spekulationen über ein angebliches iranisches Atomwaffenprogramm.

Nachdem das 1993 unterzeichnete START II-Abkommen nie in Kraft getreten war, vereinbarten die USA und Russland 2002 im SORT-Abkommen («Strategic Offensive Reductions Treaty») die Beschränkung der nuklearen Arsenale auf je 1’700 bis 2’200 einsatzfähige Gefechtsköpfe. 2010 wurde das Abkommen durch den START III-Vertrag (New START) ersetzt, der bis 2018 eine Reduktion der Anzahl der Sprengköpfe von 2’200 auf je 1’550 (etwa zwei Drittel weniger als im START I-Vertrag) und der Anzahl der Trägersysteme von 1’600 auf 800 sowie gegenseitige Kontrollen vorsah. Nachdem die Verlängerung des Vertrags von der Trump-Administration mehrfach hintertrieben worden war, wurde New START im Februar 2021 um fünf Jahre verlängert. Im August 2022 sistierte Russland aber die vom Vertrag vorgesehenen Kontrollen.

Daneben gab es nach dem Ende des Kalten Kriegs auch Bemühungen zu multilateralen Ansätzen in der atomaren Abrüstung. 1996 nahm die UNO-Generalversammlung mit grosser Mehrheit den Kernwaffenteststoppvertrag an, der alle Atomwaffentests verbieten möchte. Der Vertrag ist seither von den meisten Staaten unterzeichnet und ratifiziert worden (darunter 1999 von der Schweiz), aber aufgrund noch fehlender Ratifikationen nicht in Kraft getreten. Seit den 1990er Jahren gibt es auch Bestrebungen für eine Konvention zum gänzlichen Verbot von Atomwaffen (analog der völkerrechtlichen Verbote von Bio- und Chemiewaffen, Landminen und Streubomben). 2007 riefen die «ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges» und weitere Organisationen zu diesem Zweck die «International Campaign to Abolish Nuclear Weapons» (ICAN) mit Sitz in Genf ins Leben, die 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr nahm die UNO-Generalversammlung mit grosser Mehrheit den Atomwaffenverbotsvertrag an, der für seine Unterzeichnerstaaten Entwicklung, Produktion, Test, Erwerb, Lagerung, Transport, Stationierung und Einsatz von Atomwaffen sowie die Drohung damit verbietet. Der Vertrag trat am 22. Januar 2021 nach der 50. Ratifizierung in Kraft. Die Schweiz stimmte dem Vertrag in der UNO-Abstimmung zu, verzichtete in der Folge jedoch auf die Ratifizierung.

Atommacht Schweiz?

Neben den offiziellen und inoffiziellen Atommächten verfolgten eine ganze Reihe weiterer Staaten Atomwaffenprogramme. Im Kalten Krieg zählten dazu auch mehrere neutrale oder blockfreie Länder wie Schweden und Jugoslawien. In der Schweiz wurde bereits kurz nach den Atombombenabwürfen über Japan im Eidgenössischen Militärdepartement eine «Studienkommission für Atomenergie» gegründet und eine eigene Atombewaffnung diskutiert, die sich der Bundesrat bis in die 1960er Jahre als Option ausdrücklich offenhielt. In den frühen 1950er Jahren beschaffte die Schweiz in einem Geheimdeal mit Belgien und Grossbritannien zu diesem Zweck mehrere Tonnen Uran. 1957 forderte der Waffenchef der Fliegertruppen Kampfflugzeuge mit der Fähigkeit, «mit Atombomben bis nach Moskau zu fliegen». Ein Jahr darauf hielt der Bundesrat fest, «dass der Armee zur Bewahrung der Unabhängigkeit und zum Schutze unserer Neutralität die wirksamsten Waffen gegeben werden müssen. Dazu gehören Atomwaffen». Neben der abschreckenden Wirkung von Atomwaffen wurden auch Präventiv- und Vergeltungsschläge gegen mögliche Aggressoren sowie der Einsatz taktischer Atombomben auf Schweizer Boden bei einer Invasion des Landes in Betracht gezogen.

Diese Pläne waren nicht unumstritten. Seit den späten 1950er Jahren entfaltete sich auch in der Schweiz eine Bewegung gegen atomare Aufrüstung. Bei deren Organisation spielte, wie die jüngst abgeschlossene, vom Fonds Ellen Rifkin Hill geförderte Dissertation von Lucas Federer gezeigt hat (s. SozialarchivInfo 6/2017), das kleine Grüppchen von Schweizer Nachkriegstrotzkist:innen eine wichtige Rolle. Die Bewegung reichte aber weit über das trotzkistische Milieu hinaus und mobilisierte auch kirchliche, gewerkschaftliche und pazifistische Kreise. Ihren Höhepunkt erreichte die Debatte um eine Schweizer Atombewaffnung just in den Monaten um die Kubakrise herum, als gleich zwei atomwaffenkritische Volksinitiativen zur Abstimmung gelangten.

Die von der Schweizerischen Bewegung gegen atomare Aufrüstung lancierte Initiative «Verbot der Atomwaffen» war im Frühjahr 1959 eingereicht worden und wurde am 1. April 1962 von Volk und Ständen klar verworfen. Von den im Parlament vertretenen Kräften hatte einzig die kommunistische Partei der Arbeit die Ja-Parole herausgegeben, jedoch hatten auch die SP-Kantonalparteien der lateinischen Schweiz von der Nein-Empfehlung der Mutterpartei abweichende Abstimmungsempfehlungen gefasst. Der Bundesrat plädierte in seiner Botschaft vehement für eine Ablehnung der Initiative, unter anderem mit dem Argument, die Entwicklung der Atomwaffen sei «noch keineswegs abgeschlossen» und gehe «u. a. in Richtung kleinkalibriger Atomwaffen mit unbedeutenden radio-aktiven Nebenwirkungen. Solche Waffen würden dann zum unentbehrlichen Bestandteil im Arsenal jeder kampfkräftigen Armee werden.» Den gesamtschweizerischen 65,2 Prozent Nein-Stimmen standen in der Volksabstimmung sehr deutliche Ja-Mehrheiten in den Kantonen Neuchâtel (70,7 Prozent), Waadt (63,7 Prozent) und Genf (60,6 Prozent) sowie eine knappe Zustimmung im Tessin gegenüber.

Wenige Monate nach der Kubakrise gelangte dann im Mai 1963 die moderatere Volksinitiative «Entscheidungsrecht des Volkes über die Ausrüstung der schweizerischen Armee mit Atomwaffen» zur Abstimmung, die ein obligatorisches Referendum für den Fall einer atomaren Bewaffnung der Schweizer Armee forderte. Diese Initiative war von der Sozialdemokratischen Partei hauptsächlich lanciert worden, um innerparteiliche Meinungsdifferenzen in der Atomwaffenfrage zu überbrücken. Auch dieses Volksbegehren erlitt an der Urne mit einer Ablehnung von 62,2 Prozent Schiffbruch. Ja-Mehrheiten gab es indessen erneut in den Kantonen Genf, Waadt, Neuchâtel und Tessin sowie neu auch in Basel-Stadt.

Trotz des Scheiterns der beiden Anti-Atomwaffen-Initiativen konkretisierten sich die helvetischen Nuklearpläne aber nicht. Zwar legte im Frühjahr 1964 eine EMD-interne Arbeitsgruppe einen geheimen Plan für die Beschaffung von mehreren Hundert Atombomben vor und sprach sich auch für Atomwaffenversuche in der Schweiz aus. Der milliardenteure Plan geriet aber in den Strudel des zeitgleich eskalierenden «Mirage-Skandals» um die massiven Kostenüberschreitungen bei einer Kampfflugzeugbeschaffung. Der Bundesrat beerdigte die Atomwaffenpläne zwar offiziell nicht, verweigerte aber immer wieder Kredite für dazu nötige Arbeiten. Nach der Unterzeichnung des Atomsperrvertrags (den die Schweiz erst 1977 ratifizierte) entstand 1969 bei der Generalstabsabteilung ein «Arbeitsausschuss für Atomfragen», der die Schweiz noch bis 1988 im Status einer atomaren Schwellenmacht hielt.

Bestände zum Thema im Schweizerischen Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv:

  • Ar 1.126.11 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Atombewaffnung Akten
  • Ar 1.126.12 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Atombewaffnung der Schweiz: Zeitungsausschnitte
  • Ar 25.20.7 Schweizerische Zentralstelle für Friedensarbeit: Akten 1950–1956
  • Ar 45.40.1 Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF): Referate, Berichte, etc. 1930–1974
  • Ar 76.110.1 Schweizerischer Friedensrat SFR: Broschüren I
  • Ar 135.40.3 Nachlass Fritz Baumann: Atombewaffnung
  • Ar 138.40.2 Nachlass Max Arnold: Parlamentarische Vorstösse u. Wahlen II
  • Ar 146 Nachlass Hansjörg Braunschweig: Schweizerische Bewegung gegen atomare Aufrüstung
  • Ar 155.16.1 Nachlass Jost von Steiger: Schweizerische Bewegung gegen atomare Aufrüstung
  • Ar 155.16.2 Nachlass Jost von Steiger: Atomare Aufrüstung, Ostermarschbewegung
  • Ar 155.16.3 Nachlass Jost von Steiger: Ostermarsch-Bewegung
  • Ar 160.20.11/1 Nachlass Max Meier: Friedensbewegung und Abrüstung: Teil I 1941–1970
  • Ar 166.13.11 Nachlass Konradin Kreuzer: Atomkrieg: Akten ca. 1973–1985
  • Ar 526 ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges (PSR/IPPNW-Schweiz)
  • Ar 1038.14.3 Nachlass Helmut Hubacher: CH-Atombewaffnung
  • Ar SMUV 01D-0065 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe: Sozialdemokratische Partei Schweiz (SPS): Unterlagen PV; Atombewaffnung; etc.
  • Ar SMUV 08B-0040 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe: Schweizerischer Aufklärungsdienst (SAD): Korrespondenzen (W. Peyer); Tätigkeits-, Lageberichte; Protokolle (darin SMUV an Sowjetbotschaft; Osthandel; Atombewaffnung; Landesverteidigungsrat für geistige Landesverteidigung)

Sachdokumentation:

  • KS 32/208 Atomwaffen: Schweiz
  • KS 32/209 Atomwaffen: diverse Länder
  • KS 335/409a Partido Comunista de Cuba (PCC); Kommunistische Partei Kubas
  • QS 45.5 Atomwaffen; Biologische Waffen; Chemische Waffen
  • QS WMC Cuba, Kuba
  • ZA 45.5 *1 Atomwaffen: Allg.
  • ZA 45.5 *11 Atomwaffen: Atomsperrverträge
  • ZA 45.5 *12 Atomwaffen: Atombewaffnung der Schweiz
  • ZA 45.5 *13 Atomwaffen: Frankreich
  • ZA 45.5 *14 Atomwaffen: China
  • ZA 45.5 *15 Atomwaffen: Schwellenländer
  • ZA 46.0 Entspannungspolitik, Friedenspolitik, Kriegsverhütung
  • ZA 46.3 *1 Abrüstung: Allg.; Rüstungskontrolle
  • ZA 46.3 *2 Abrüstungskonferenzen: SALT-Konferenzen
  • ZA 47.1 Nordatlantikpakt (NATO)
  • ZA 47.2 Warschauer Pakt
  • ZA EMB 4 *A Bundesrepublik Deutschland (BRD): Atomwaffen (bis 1974)
  • ZA WMC Cuba, Kuba

Bibliothek:

  • Abel, Elie: 13 Tage vor dem 3. Weltkrieg: Dokumentation und Hintergründe der Krise, die die Welt an den Rand der atomaren Vernichtung führte. Wien/München 1966, 35064
  • Adomeit, Hannes: Die Sowjetmacht in internationalen Krisen und Konflikten: Verhaltensmuster, Handlungsprinzipien, Bestimmungsfaktoren. Baden-Baden 1983, 75002
  • Akbulut, Hakan (Hg.): Am Rande des Kollapses: Stand und Perspektiven nuklearer Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung. Wiesbaden 2021, 146912
  • Alexis-Martin, Becky: Disarming Doomsday: The human impact of nuclear weapons since Hiroshima. London 2019, 143971
  • Anidjar, Patrick: La bombe iranienne: Israël face à la menace nucléaire. Paris 2008, Hf 6142
  • Arkin, William M. und Richard W. Fieldhouse: «Nuclear battlefields»: Der Atomwaffen-Report. Frankfurt/M 1986, Gr 5156
  • Aron, Raymond: Einführung in die Atomstrategie: Die atlantische Kontroverse. Köln 1964, 32892
  • Atomkriegsfolgen: Der Bericht des «Office of Technology Assessment». Baden-Baden 1983, 75184
  • Back from the Brink: Cuban Missile Crisis: Correspondence Between John F. Kennedy and Nikita S. Khrushchev (= Problems of Communism, Special Edition, Spring 1992), N 943
  • Baggott, Jim: Atomic: The first war of physics and the secret history of the atom bomb: 1939-49. London 2009, Hf 6163
  • Bald, Detlef: Hiroshima, 6. August 1945: Die nukleare Bedrohung. München 1999, Hf 6127
  • Bastian, Gert: Atomtod oder Europäische Sicherheitsgemeinschaft: Abrüstung statt Abschreckung: Reden und Schriften zur Kritik der «Nachrüstung» und zur Friedensbewegung. Köln 1982, 72631
  • Baumann, Gerhard: Der Atomsperrvertrag: Eine Dokumentation. Pfaffenhofen/Ilm 1986, 45151
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  • Perry, William J. und Tom Z. Collina: The button: The new nuclear arms race and presidential power from Truman to Trump. Dallas 2020, 145130
  • Pommerin, Reiner: Die Kubakrise 1962. Ditzingen 2022, 148029
  • Poutko, Alexandre und Boris Poutko: Silence atomique: Les arsenaux nucléaires sur les ruines de l’URSS. Monaco 1994, Hf 6228
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  • Völker aller Länder vereinigt euch zum allseitigen, gründlichen, restlosen und entschiedenen Verbot der Kernwaffen und ihrer Vernichtung! Peking 1963, 36553
  • Voorhees, Theodore: The Silent Guns of Two Octobers: Kennedy and Khrushchev Play the Double Game. Ann Arbor 2020, 145000
  • Wagner, Georg: Der rationale Wahn: Nuklearaggression und Abwehrsystem. Frankfurt/M 1987, 83518
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  • Wildbolz, Eduard: Atomwaffen für die Schweiz? Zollikon 1958, 24168
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  • Zeuske, Michael: Insel der Extreme: Kuba im 20. Jahrhundert. Zürich 2000, 107218

Bild + Ton: Sonos – Filme zur Gehörlosigkeit

Vor fünf Jahren übernahm das Sozialarchiv das Archiv von «Sonos». Nun sind auch die umfangreichen audiovisuellen Bestände online zugänglich, insbesondere die Filme; hinzu kommen mehrere hundert neu erschlossene Fotos.

Sonos hat eine lange und bewegte Verbandsgeschichte. 1911 gründete der gehörlose Dichter und Journalist Eugen Sutermeister (1862-1931) den «Schweizerischen Taubstummenverein» und lancierte damit erste Bestrebungen, gehörlose Menschen schulisch und beruflich zu fördern, um ihnen ein selbständiges Leben zu ermöglichen. Aus dem Verein wurde später ein Verband, der nach mehrfachen Namensänderungen seit 2018 die Bezeichnung «Sonos – Schweizerischer Hörbehindertenverband» trägt (Näheres zum Archivbestand siehe SozialarchivInfo 2/2017).

Das Sonos-Archiv enthält fünf Filme, wobei noch nicht geklärt ist, ob tatsächlich alle Filme auf Initiative des Verbandes entstanden sind. Hinweise darauf fehlen sowohl auf den Verpackungsmaterialien als auch bei den Filmcredits. Ebenso existiert kein eigentliches Kontextmaterial beim Schriftgut wie etwa Drehbücher oder Unterlagen über die Entstehung oder Verbreitung der Filme.

Der älteste der überlieferten Filme entstand 1939 offenbar für die Landesausstellung und trägt den Titel «Taubstumme Kinder in der Anstalt und Berufslehre». In vier Kapiteln dokumentiert der Stummfilm wesentliche Aspekte einer zeitgenössischen gehörlosen Existenz. Zuerst durchlaufen die Zöglinge einer «Taubstummen-Anstalt» ihre Grundausbildung. Sie eignen sich die Lautsprache an und bereiten sich im Handfertigkeitsunterricht auf eine spätere Berufslehre vor. Der zweite Teil widmet sich dem Alltag im Heim, wo der Tag ab frühmorgens von steter Tätigkeit geprägt ist. Ein weiteres Kapitel widmet sich den Freizeit- und Sportaktivitäten von Gehörlosen. Den Abschluss bildet die Berufswahl und damit die «Erziehung zum tüchtigen Arbeiter».

20 Jahre später dreht die renommierte Produktionsfirma Condor-Film AG den Imagefilm «Unsichtbare Schranken» (1959). Deutlich spürbar werden die Emanzipationsbestrebungen der Nachkriegszeit: Fast durchgängig wählt der Filmkommentar jetzt die Selbstbezeichnung «gehörlos» anstelle des allmählich aus der Mode kommenden «taubstumm». Für Kinder im Vorschulalter steht ein Gehörlosen-Kindergarten zur Verfügung; um die Anliegen von Erwachsenen kümmert sich die speziell ausgebildete Fürsorgerin.

1973 entsteht der Film «Auch unsere Stimme soll gehört werden». Im Zentrum steht die Rolle der Sprache. Zum ersten Mal werden in einem Film gehörlose Menschen gezeigt, die sich mit der Gebärdensprache verständigen. An den Schulen war damals der lautsprachliche Unterricht immer noch die Norm, im zwischenmenschlichen Austausch zwischen Gehörlosen setzte sich jedoch die Gebärdensprache immer mehr durch.

Der Film «Ich bin gehörlos – verstehen Sie mich?» (1990) schliesslich setzt pionierhaft vieles von dem in die Tat um, was heute (fast) selbstverständlich ist. «Taubstumm» wird explizit als zu meidendes Wort gebrandmarkt und die Gebärdensprache wird als eigenständige Sprache etabliert, die auch von Hörenden gelernt werden kann und soll. Der Film ist untertitelt und erfüllt damit eine alte Forderung von Hörbehinderten. Ebenfalls vorgestellt werden Gehörlosen-Dolmetscher, damals noch ein Novum.

Der Archivbestand von Sonos im Sozialarchiv:

  • Ar 621 Sonos, Schweizerischer Hörbehindertenverband (Schriftgut)
  • F 5153 Sonos – Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen (Bildarchiv)
    Siehe auch SozialarchivInfo 5/2019; der Bildbestand erfuhr nun nochmals eine wesentliche Erweiterung um Fotos aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
  • F 9070 Sonos – Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen (Filmarchiv)

Sonos hat im Rahmen des Projekts «Schweizerisches Gehörlosenarchiv» in Zusammenarbeit mit der ETH auch die zwei wichtigsten Gehörlosen-Zeitschriften digitalisiert: Rund 30’000 Seiten von «Sonos» (inkl. seiner Vorgänger-Titel) und «Visuell plus» sind nun auf E-Periodica zugänglich.

Die vergessene Schwester des Sozialarchivs: Das Schweizerische Sozialmuseum

Das wesentliche Vorbild bei der Gründung der «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz», des heutigen Sozialarchivs, im Jahre 1906 war das «Musée social» in Paris (s. SozialarchivInfo 3/2021). Der 1894 entstandene sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Think-Tank, dessen zentrale Zielsetzung die friedliche Lösung gesellschaftlicher Probleme und Konflikte war, umfasste ein Museum, eine Bibliothek und ein Forschungszentrum. Ursprünglich ins Leben gerufen, um die Materialien des sozialökonomischen Pavillons der Pariser Weltausstellung von 1889 dauerhaft zu bewahren und zugänglich zu machen, entfaltete es von Beginn weg eine rege Sammel- und Forschungstätigkeit, die sich etwa mit Fragen der Hygiene in städtischen und ländlichen Gebieten, den Sozialversicherungen, Arbeitgeberorganisationen, Genossenschaften, Gewerkschaften und landwirtschaftlichen Themen auseinandersetzte. Die Institution erfuhr rasch eine internationale Beachtung. So widmete ihr der freisinnige Berner «Bund» 1896 auf seiner Titelseite einen dreispaltigen Artikel und lobte sie als «eine edle, grossartige Schöpfung der Neuzeit, entsprungen dem Wunsche, die Arbeiterfrage abzuklären vorab in einem Lande, das mit socialen Versicherungswerken der Arbeiter noch zurücksteht» (Der Bund, 28.8.1896).

Das «Musée social» wirkte auch bei der Vorbereitung verschiedener sozialpolitischer und städteplanerischer Gesetze mit und war Schauplatz zahlreicher Konferenzen gesellschaftlicher Organisationen. Nach dem Ersten Weltkrieg bemühte es sich um Kontakte zwischen der russländischen Emigration und französischen Intellektuellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der politische Einfluss des «Musée social» ab und es kehrte zu seiner ursprünglichen Rolle als Dokumentations- und Forschungszentrum zurück. 1963 fusionierte es mit dem «Office central des œuvres de bienfaisance» zum bis heute bestehenden «Centre d’études, de documentation, d’information et d’action sociales» (CEDIAS – Musée social).

Um die Wende zum 20. Jahrhundert entstand eine Reihe weiterer «Sozialmuseen» in verschiedenen Ländern, so 1889 das «Gewerbehygienische Museum» in Wien, 1899 das niederländische Sozialmuseum in Delft, 1900 das «Königlich Bayrische Arbeiter-Museum» in München, 1902 das «Institut de Sociologie» in Brüssel, 1903 die «Ständige Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt» in Charlottenburg und das staatliche ungarische Sozialmuseum in Budapest, 1904 das staatliche «Sozialhygienische Museum» in Hamburg, 1905 das «Museo sociale» in Mailand, 1906 die «Permanente Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt» in Stockholm und 1909 das «Museo social» in Barcelona. Ebenso veranstaltete das «American Institute of social service» in New York in den 1900ern eine Ausstellung zu den Arbeitsverhältnissen in den USA und entstand zur selben Zeit auch ein Arbeitsmuseum in Moskau. Diese Institutionen waren teilweise reine Ausstellungen, teilweise entsprechend dem Pariser «Musée social» auch sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Dokumentations- und Forschungszentren.

Die Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz deckte bei ihrer Gründung nur einen Teil der Tätigkeitsbereiche des französischen Vorbilds ab. Die massgebliche Gründerfigur Paul Pflüger, Pfarrer von Aussersihl, Stadt- und Nationalrat, bemühte sich denn auch schon bald um die Schaffung einer weiteren, komplementären Institution. Im Juli 1916, ziemlich genau zehn Jahre nach dem Trägerverein der Zentralstelle für Soziale Literatur, erfolgte die Gründung des «Vereins für das Schweizerische Sozialmuseum in Zürich». Zweck des politisch neutralen Vereins war der «Betrieb eines Sozialmuseums, in welchem ein vielseitiges Anschauungsmaterial zur Erweiterung der sozialwissenschaftlichen Bildung des Volkes und der reiferen Jugend gesammelt werden soll. Volkswirtschaftliche Tatsachen, Gesetze und Entwicklungstendenzen, wie die Resultate der sozialen Bewegung und der Sozialpolitik sollen den Besuchern des Museums soweit möglich in Bildern, Modellen und Apparaten vor Augen geführt werden».

Zu diesem Zeitpunkt blickte das Schweizerische Sozialmuseum bereits auf zweieinhalb Jahre Projektierungsphase zurück. Im Jahre 1913 hatte der von Pflüger präsidierte Schweizerische Grütliverein den Beschluss zum Aufbau einer Sammlung für ein Sozialmuseum gefasst. Das daraufhin gebildete Organisationskomitee nahm im folgenden Jahr mit verschiedenen Ausstellern der Landesausstellung in Bern Kontakt auf und bat sie um geschenk- oder leihweise Überlassung von Modellen und Schaubildern für ein künftiges Sozialmuseum. Dieser Aufruf wurde auch in den Medien, etwa der NZZ und dem «Bund», publiziert. Verschiedene Aussteller reagierten positiv, so der Regierungsrat des Kantons Zürich, der allerdings darauf beharrte, die von ihm an der Landesausstellung gezeigten Schautafeln dem Sozialmuseum nur leihweise zur Verfügung stellen zu können. Die dabei zustande gekommene Sammlung wurde provisorisch in einer städtischen Liegenschaft an der Selnaustrasse untergebracht und 1916 vom Grütliverein auf den neu gegründeten Verein für das Schweizerische Sozialmuseum überschrieben.

Die feierliche Eröffnung des Schweizerischen Sozialmuseums erfolgte am 13. März 1917, zu einem Zeitpunkt, als sich die wirtschaftliche Lage breiter Bevölkerungskreise kriegsbedingt zunehmend verschlechterte und die Schweiz von einer Streik- und Protestwelle erfasst wurde, die bis über das Kriegsende hinaus anhalten sollte. Die NZZ schrieb über das neue Museum, es biete «den breitesten Schichten des Volkes einen sozialpolitischen Anschauungsunterricht, der geeignet ist, auch das soziale Gewissen jener zu schärfen, die nur ungenügende Einblicke in die Zusammenhänge und Einzeltatsachen des modernen Wirtschaftslebens haben» (NZZ, 3.5.1917). Zugleich wies sie darauf hin, die Eigenmittel des Trägervereins seien für eine gedeihliche Weiterentwicklung der Institution ungenügend und eine finanzielle Unterstützung durch Stadt und Kanton Zürich sowie den Bund unerlässlich. Tatsächlich setzte rasch eine kontinuierliche Subventionierung der Institution durch die Stadt Zürich ein, hinzu kamen bis 1940 auch Zuwendungen von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Die ursprüngliche Ausstellung umfasste die folgenden Themenbereiche: Bevölkerungsstatistik, Wirtschaftsstatistik, Heimarbeit, soziale Hygiene (Wohnungswesen, Ernährung, Alkoholismus, Seuchenbekämpfung, Säuglingsschutz), Armenpflege und Gemeinnützigkeit sowie Entwicklung von Handwerk und Gewerbe.

Untergebracht war das Sozialmuseum zunächst im alten Vereinshaus des Kaufmännischen Vereins an der Steinmühlegasse 1, bereits 1919 erfolgte aber die Übersiedlung ins Helmhaus. 1924 wurde zudem das Projekt einer Wanderausstellung lanciert, die auch in Fabriken gezeigt werden sollte. Was daraus wurde, geht aus den bekannten Quellen nicht hervor. Der Eintritt ins Sozialmuseum war frei, die Ausstellung jedoch nur am Samstagnachmittag und Sonntagvormittag für jeweils zwei Stunden geöffnet. Damit hatte das Sozialmuseum bedeutend kürzere Öffnungszeiten als seine informelle Schwester, die Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz, die in den 20er Jahren an Werk- und Samstagen jeweils vier Stunden geöffnet war.

Das Schweizerische Sozialmuseum war nicht die einzige Initiative zum Aufbau eines sozialwissenschaftlich und/oder sozialpolitisch ausgerichteten Museums in Zürich im frühen 20. Jahrhundert. Bereits aus der Zürcher Landesausstellung 1883 war eine von den eidgenössischen Fabrikinspektoren angelegte «Gewerbehygienische Sammlung» hervorgegangen, die in der Folge zunächst in Winterthur, dann im Erdgeschoss des ETH-Hauptgebäudes ausgestellt wurde. Ab dem Ersten Weltkrieg entfaltete der Arzt und Privatdozent Gustav Adolf Wehrli eine umfangreiche Sammeltätigkeit im Bereich der Medizingeschichte. Sein privates Museum wurde ab 1928 von Stadt und Kanton Zürich (auch angesichts von Abwerbebemühungen der Städte Bern und Basel) als Beitrag zur medizinischen Volkserziehung subventioniert und 1932 von der Universität Zürich übernommen, wo es bis zu seiner Schliessung im Gefolge der «Mörgeli-Affäre» 2014 als «Medizinhistorisches Museum» weitergeführt wurde und seither einer Neukonzeption harrt. Wehrli warb in der Zwischenkriegszeit auch bei den Sportverbänden für den Aufbau eines schweizerischen Sportmuseums. Ein solches kam aber erst 1945 mit Sitz in Basel zustande und existierte bis 2018. Alle diese Museumsprojekte standen in Zürich im Schatten des 1898 eröffneten Schweizerischen Landesmuseums, das mit seinen Schwerpunkten auf Archäologie, Kunstgewerbe und der Geschichte der vormodernen Schweiz indessen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gesellschaftliche Themen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart kaum berücksichtigte. Die Dominanz des Landesmuseums verhinderte auch die Entstehung eines stadt- oder kantonshistorischen Museums. Erst seit 2019 wird dieses Manko mit dem «Zürcher Schaufenster» im Landesmuseum von «Einfach Zürich» etwas abgemildert.

Auch das Schweizerische Sozialmuseum stand im Buhlen um die Gunst des Publikums im Schatten des übermächtigen Rivalen Landesmuseum. Ende der 20er Jahre erfolgte ein räumlicher und konzeptueller Relaunch: 1928 übersiedelte das Sozialmuseum in den Beckenhof in Zürich-Unterstrass. Damit kam es – nachdem es auch Spekulationen über eine räumliche Zusammenlegung mit der Zentralstelle für Soziale Literatur gegeben hatte – unter ein Dach mit dem Pestalozzianum, das 1875 zunächst als Schulmuseum gegründet worden war, dann aber vor allem zu einer pädagogischen Fachbibliothek und Sammlung von Lernmaterialien geworden war. Inhaltlich weiterentwickelt wurde das Sozialmuseum am neuen Standort von Carl Brüschweiler, dem Leiter des Statistischen Amtes der Stadt Zürich.

Zu den bisherigen Schwerpunkten traten nun in der Dauerausstellung Themen der Humangeografie der Erde, Europas, der Schweiz und der Stadt Zürich. Im Teil über die Erde wurden der Erdball, die Kontinente und die Erdbevölkerung vorgestellt, letztere nach Religionen und «Rassen» gegliedert. Die Ausführungen zu letzteren waren stark in den Diskursen des zeitgenössischen Kolonialrassismus verhaftet, war im Führer durch die Ausstellung doch zu lesen: «Nach den vorliegenden Schätzungen gehört die Hälfte aller Erdbewohner zur sogenannten weissen Rasse (Indogermanen), zu der auch die Indier zählen. Die Weissen im engern Sinne (Westarier) beziffern sich auf über 600 Millionen; sie sind ungefähr gleich stark wie die Mongolen. Die anderen Menschenrassen haben eine untergeordnete Bedeutung.» Der Teil zu Europa konzentrierte sich stark auf die Nachbarländer Deutschland und Frankreich und dabei auf deren demografische Entwicklung vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

Der Ausstellungsteil zur Schweiz umfasste die Themen Areal der Schweiz, Berufsgliederung, Altersaufbau der Bevölkerung, Geburten und Sterbefälle, Ehe, Geburt und Tod, Stadt und Land, Säuglingssterblichkeit, Tuberkulosesterblichkeit und eheliche Fruchtbarkeit. Dieselben Themen standen im Zentrum des Teils zur Stadt Zürich. Dieser umfasste auch ein Schaubild zu «nationalen Mischehen», zu denen der Ausstellungsführer vermerkte: «Wenn die Ausländerin vom Schweizer so begehrt ist, hat dies möglicherweise noch einen besonderen Grund. Unter den heiratenden Ausländerinnen befinden sich nämlich verhältnismässig viel Dienstboten, die der Arbeiter und kleine Angestellte als Hausfrauen vielleicht besonders schätzt!» Daneben zeigte das Sozialmuseum auch immer wieder Sonderausstellungen zu so unterschiedlichen Themen wie Ernährungsfragen, Gewerkschaften, Genossenschaften, Zahnhygiene, Zürcher Stadtverwaltung, Lernmethoden des Zeichnens und Schreibens oder Milch als Zwischenverpflegung.

Nach Brüschweilers Wechsel nach Bern als Leiter des Eidgenössischen Statistischen Amts im Jahre 1931 erfuhr des Schweizerische Sozialmuseum keine inhaltliche Weiterentwicklung mehr. 1941 wurde die Dauerausstellung geräumt, um im Beckenhof Platz für die Schau «mir pflanzed» zu machen. Diese in Zusammenarbeit mit verschiedenen nationalen und kantonalen Akteur:innen ausgerichtete Ausstellung diente der Popularisierung der «Anbauschlacht», des nur teilweise erfolgreichen Versuchs, durch eine massive Ausweitung der landwirtschaftlichen Anbauflächen in der Kriegssituation möglichst unabhängig von Lebensmitteleinfuhren aus dem Ausland zu werden. Bereits 1918 war unter dem Eindruck der Versorgungskrise des Ersten Weltkriegs die «Schweizerische Vereinigung für Innenkolonisation und industrielle Landwirtschaft» entstanden, die die Industrie zum Lebensmittelanbau auf betriebseigenen Geländen motivieren wollte und in den 20er Jahren einen landesweiten Bodenkataster für landwirtschaftliche «Innenkolonisation» erstellt hatte. Ab 1937 bereitete der Agronom und spätere Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen einen nationalen Anbauplan vor, der ab Ende 1940 umgesetzt wurde und den Selbstversorgungsgrad mit Grundnahrungsmitteln von 52 auf 72 Prozent steigerte. Neben der wirtschaftlichen hatten solche Pläne stets auch eine urbanitätskritische Komponente und verfolgten durch die Reagrarisierung der Ballungszentren und ihrer Bevölkerung auch antimodernistische gesellschaftspolitische Ziele.

Nach der Räumung im Jahre 1941 tauchte das Schweizerische Sozialmuseum im folgenden Jahr wieder in den Debatten über die Einrichtung eines neuen städtischen Museums auf. Aufbauend auf der Sammlung des seit 1877 existierenden Baugeschichtlichen Archivs der Stadt Zürich sollte im Helmhaus ein Baugeschichtliches Museum entstehen. Die Idee war etwa so alt wie diejenige des Sozialmuseums, hatte sich doch bereits 1915 eine entsprechende Kommission gebildet. In den Diskussionen über die Umsetzung tauchte die Idee auf, auch das heimatlos gewordene Sozialmuseum wieder ins Helmhaus rückzusiedeln und dadurch die beiden Ausstellungen zu einem Kulturhistorischen Museum zusammenzuführen. Schliesslich begnügte sich die Stadt aber mit dem Baugeschichtlichen Museum, das freilich über die bauliche Entwicklung hinaus auch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur von Zürich berücksichtigen sollte. Das Museum wurde im Februar 1943 eröffnet und stiess von Beginn weg auf einen grossen Publikumszuspruch. In der Folgezeit entwickelte sich das Helmhaus aber zu einer allgemeinen Ausstellungsgalerie ohne bau- oder sozialhistorischen Schwerpunkt.

Das weitere Schicksal des Schweizerischen Sozialmuseums liegt im Dunkeln. Im Geschäftsbericht des Zürcher Stadtrats tauchte die Institution zum letzten Mal 1941 auf und in verschiedenen Zeitungsberichten der 50er Jahre wurde das Sozialmuseum als nicht mehr existierend erwähnt. Allerdings ist ein vermutlich aus den späten 40er Jahren stammendes Konzeptpapier von Eugen Steinemann, dem damaligen Vorsteher des Schweizerischen Sozialarchivs, überliefert für eine Gliederung des Sozialmuseums in die folgenden Themenbereiche: Bevölkerung, Volkswirtschaft, Sozialpolitik, Fürsorgewesen, Staats- und Parteipolitik, Kommunalpolitik. Es ist somit nicht auszuschliessen, dass die Dauerausstellung des Sozialmuseums nach dem Ende der Schau über die «Anbauschlacht» im Pestalozzianum für einige Jahre wieder aufgebaut wurde. Immerhin empfahl die Zeitung der Gewerkschaft SMUV noch 1957 ihren Mitgliedern einen Besuch im Sozialmuseum (SMUV-Zeitung, 17.4.1957). Erst vier Jahrzehnte später gab es erneut einen Anlauf für ein (thematisch und medial allerdings ganz anders projektiertes) Sozialmuseum: Basierend auf dem durch den Fotografen und Aktivisten Roland Gretler in jahrzehntelanger Sammeltätigkeit aufgebauten «Panoptikum zur Sozialgeschichte», das seit den frühen 90er Jahren im Zürcher Kanzleischulhaus beheimatet war, sollte in St. Gallen ein Sozialgeschichtliches Museum entstehen. Das Projekt liess sich 1999 aber nicht realisieren und die Sammlung des Panoptikums kam nach Gretlers Tod 2018 nicht in ein Museum, sondern ins Schweizerische Sozialarchiv, wo sie zurzeit bearbeitet wird (s. SozialarchivInfo 1/2019).

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 42.10.12 Schweizerische Vereinigung für Sozialpolitik: Korrespondenz 1913–1920
  • Ar 111 Nachlass Paul Pflüger
  • Ar 685 Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte: Archivalien
  • Ar SGG A 64 A 1923 e Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Unterstützungsgesuche
  • Ar SGG A 70 A 1929 a Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Allgemeine Korrespondenz
  • Ar SGG A 93 A 1940 e Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Unterstützungen aus den Fonds

Sachdokumentation

  • KS 000/30 Sozialwissenschaftliche Institutionen & Vereine: Frankreich
  • KS 000/33 Sozialwissenschaftliche Institutionen & Vereine: Schweiz
  • KS 000/35:1+2 Schweizerische Landesausstellungen
  • KS 000/37 Permanente Ausstellungen; Museen
  • KS 396/24a Frauenarbeit in der Schweiz: Ausstellungen

Bibliothek

  • Büchler, Max: Zur Frage der Gründung eines schweizerischen Sozialmuseums, in: Schweizerische Blätter für Wirtschafts- und Sozialpolitik 21/13-14 (1913/14). S. 385-393, N 51
  • Dreyer, Hanspeter: Das Schweizerische Landesmuseum Zürich: Bau- und Entwicklungsgeschichte 1889–1998. Zürich 1999, 105864
  • Häusler, Jacqueline: 100 Jahre soziales Wissen: Schweizerisches Sozialarchiv, 1906–2006 Zürich 2006, Gr 11277
  • Horne, Janet R.: A social laboratory for modern France: The Musée social & the rise of the welfare state. Durham, N.C. 2002, 111772
  • Katscher, Leopold: Die sogenannten «Sozial-Museen»: Museen für Arbeiterwohlfahrt und Sozialpolitik und das Pariser «Musée social» als Vorbild. Leipzig 1904, 301/4-7
  • Meyer, Thomas et al.: 125 Jahre Baugeschichtliches Archiv: Das Bauen an Zürich dokumentieren 1877–2002. Zürich 2002, Gr 11172
  • Le Musée social, Fondation de Chambrun, Paris. Paris 1908, 301/4-4
  • Pflüger, Paul: Ein Schweizerisches Sozialmuseum, in: Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit 55/12 (1916), N 39
  • Platten, Fritz N. und Miroslav Tucek: Das Schweizerische Sozialarchiv. Zürich 1971, Hf 2935
  • Schweizerisches Sozialmuseum, in: Gewerkschaftliche Rundschau 20/4 (1928). S. 139, N 59
  • Steinemann, Eugen und Eduard Eichholzer: 50 Jahre Schweizerisches Sozialarchiv 1907–1957: Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen und zur Einweihung des neuen Sitzes des Schweizerischen Sozialarchivs in Zürich. Zürich 1958, Hf 2937
Genossenschaftsdruckerei Zürich (gdz), 1952 (Foto: Ernst Koehli / SozArch F 5144-1043-Nb-001)
Genossenschaftsdruckerei Zürich (gdz), 1952 (Foto: Ernst Koehli / SozArch F 5144-1043-Nb-001)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Adrian Knoepfli: gdz – Am Anfang war die Zeitung. Geschichte der Genossenschaftsdruckerei Zürich 1898–2022. Zürich, 2022

Die Genossenschaftsdruckerei Zürich (gdz) entstand 1898, als sich die aufstrebende Arbeiterbewegung daran machte, eigene Zeitungen und eigene Druckereien zu gründen. Mit der Gründung der gdz erschien am 1. April 1898 auch die erste Ausgabe des «Volksrecht». Die Anfänge gestalteten sich schwierig, doch bald entwickelte sich die gdz zu einem Grossbetrieb mit einem renommierten Namen, in dem zudem gute Arbeitsbedingungen herrschten. Technisch auf der Höhe der Zeit, gehörte die gdz zum Beispiel beim Rollenoffsetdruck und beim Filmsatz zu den Pionieren.
Eine Zäsur stellte in den 1970er Jahren die Einstellung der sozialdemokratischen Tageszeitung «Volksrecht» – zwischenzeitlich hiess sie auch «Zürcher AZ» – dar, die sich nicht mehr finanzieren liess. Die Strukturkrise der 1990er Jahre, die wirtschaftlichen Krisen im neuen Jahrtausend, das Internet, die Digitalisierung und die massive Verlagerung von Druckaufträgen ins Ausland führten schliesslich zum Entscheid, die Produktion 2019 einzustellen und die Firma zu liquidieren.
Der Historiker Adrian Knoepfli zeichnet die Geschichte der gdz nach; zahlreiche Bilder aus dem Nachlass des Zürcher Fotografen Ernst Koehli, der im Sozialarchiv archiviert ist, illustrieren die Untersuchung.

Bestände im Sozialarchiv:

  • Ar 568 Vereinigung der Genossenschaftsdruckereien der Schweiz (VGDS)
  • F 5144 Nachlass Ernst Koehli (1913-1983)

Susan Honegger, Christine K. Gubler: Spinnerei. Glarus, 2022

In den 1970er Jahren lebte die Autorin Susan Honegger als junge Kunst- und Architekturstudentin im Glarner Hinterland in einer alten Textilfabrik und war fasziniert von dieser Gegend, die stark von der Textilindustrie geprägt war. Dabei interessierte sie auch die Rolle der italienischen Fremdarbeiterinnen, deren Geschichte sie nun in der Form einer Graphic Novel erzählt.
Die Hauptrolle spielt Maria Santi, eine fiktive Textilarbeiterin aus Italien. Als billige Arbeitskräfte in die Schweiz gekommen, können die jungen Arbeiterinnen je nach Auftragslage beliebig entlassen und wieder zurückgeholt werden. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind hart, gewohnt wird in einem von Nonnen geführten Mädchenheim. Als Maria schwanger wird, wird sie dazu gedrängt, das Kind zur Adoption freizugeben. Die Geschichte findet dann trotzdem ein überraschendes Happy End – was der Ernsthaftigkeit des Themas aber keinen Abbruch tut.

Bestände im Sozialarchiv (Auswahl):

  • Dossier 02.3 C «Ausländerfrage»; Einwanderung; multikulturelle Gesellschaft: Schweiz
  • Dossier 75.8 C Ausländische Arbeitskräfte, Gastarbeiter/-innen in der Schweiz
  • Ar 108 Nachlass James Schwarzenbach (1911–1994)
  • Ar 40 Federazione Colonie Libere Italiane in Svizzera (FCLIS)

Thomas Färber: Protest mit der Schreibmaschine. «Splitter der Erinnerung» zu Walter Matthias Diggelmann. Zürich, 2021

Thomas Färber zeichnet das Leben dieses streitbaren Schriftstellers und Nonkonformisten nach und liefert zugleich neue Einsichten in das politische und kulturelle Klima der 1960er und 1970er Jahre. Walter Matthias Diggelmann gehörte einer Gruppe von Intellektuellen an, «die sich frevelnd über helvetisches Selbstverständnis hinwegzusetzen pflegen», wie Frank A. Meyer, der heutige Kolumnist des Sonntagblick, es 1968 formulierte. Oder wie es Peter Höltschi, ein Wegbegleiter, beschrieb: «Da war einer, der wild um sich schlagend seine private Wahrheit verbreitete, ohne Rücksicht auf Verluste, wohl wissend, dass es die ganze Wahrheit doch nicht gibt.» Er war ein Berserker mit all seinen Widersprüchen, der sich unter anderem auch immer wieder mit der NZZ anlegte. Diese Querelen kosteten seiner Partnerin, der Journalistin und Schriftstellerin Klara Obermüller, schliesslich ihre Stelle als Feuilletonredakteurin bei der NZZ.
Das Buch, eine überarbeitete Dissertation, zeigt, wie aus dem unehelich geborenen, in bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Walter Matthias Diggelmann ein Schriftsteller, Kolumnist und Schreibhandwerker wurde, der leider zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

Kleine Auswahl der zahlreichen Bücher von Walter Matthias Diggelmann im Sozialarchiv:

Mychailo Wynnyckyj: Ukraine’s Maidan, Russia’s war. A chronicle and analysis of the revolution of dignity. With a foreword by Serhii Plokhy. Stuttgart, 2019

As you are reading this review, Ukraine is bravely fighting for its freedom for the seventh month. Or as they say in Ukraine: «It is the 7th month of a full scale invasion, of the 8-year war, that has been going on for the last 3 hundred centuries.» Such a long-time struggle, unfortunately, but inevitably, creates a large field for speculations, disinformation and simple lies. The shocking reality of war in Europe starts to seem mundane and not clear. Naturally, this state of things does not move us to the end of the aggression. Yet, what we can do is to deepen the knowledge and understanding of the real reasons behind current events.
A great help in this regard is the book of Mychailo Wynnyckyj, a prominent Ukrainian sociologist, historian and professor. As the nowadays invasion and ongoing war is a reaction to Ukraine’s Revolution in 2014, Wynnyckyj does a huge job by not only describing the events of the Revolution of Dignity, but also analysing it and defining its role in European and world history. It is extremely interesting to read this book as it points at phenomena of the Ukrainian Revolution, such as the lack of formal protest leaders, as well as debunking the vast majority of Russian myths that are spread by the propaganda.
Throughout his work, Mychailo Wynnyckyj keeps a constant connection between Ukrainian and Western narratives, comparing the events to European and American Revolutions. As the Russian war continues in Ukraine, we may assume that a big force is needed to fight the big changes. And if you want to discover what’s at stake in Ukraine it is highly recommended to read this book.

Dipesh Chakrabarty: Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter. Berlin, 2022

Die Klimaerwärmung ist nicht nur ein physikalisches Phänomen, die Klimakrise stellt auch unsere «condition humaine» auf den Kopf. Und die Forderung nach «Klimagerechtigkeit» (Wer ist für den Klimawandel verantwortlich? Wer ist am stärksten davon betroffen?) macht evident, dass die Massnahmen, mit denen die Weltgemeinschaft auf die Krise zu reagieren versucht, in höchstem Mass politisch und politisch höchst brisant sind.
Der indische Historiker entwirft in seinem Buch einen geisteswissenschaftlichen Paradigmenwechsel, der es ermöglichen soll, sich den Herausforderungen der Klimakrise mental und politisch zu stellen. Dazu entwickelt er zuerst, in Abgrenzung zum «Globus», die Kategorie des «Planeten». Die beiden nebeneinander existierenden Grössen zwingen zu einer chronologischen Doppelperspektive: Neben das unbefristete Projekt der Moderne mit ihren Zukunftsversprechen tritt das begrenzte Zeitfenster zur Bewältigung der Klimakrise; neben die überlieferte humanozentrische Geschichtsschreibung tritt die Tiefenhistorie der biologischen und geologischen Evolution, die den Menschen dezentriert; neben die Menschen als politische Subjekte und in ihrer internen Pluralität tritt der Mensch als «geologischer Handlungsträger», der als Spezies Verursacher des Anthropozäns ist.
Als Ausgangspunkt wählt Chakrabarty einen Aufsatz, den er bereits 2009 veröffentlicht hatte und der damals im Umfeld der postkolonialen Geschichtswissenschaft für heftige Kontroversen sorgte.

Tanja Polli und Ursula Markus (Fotos): Die Unsichtbaren. Sans-Papiers in der Schweiz. Zürich, 2021

«Viele Sans-Papiers sprechen nicht über die Angst, kontrolliert und ausgewiesen zu werden, doch sie frisst dein Leben auf.» Maria, 62, Hausarbeiterin und Sans-Papiers
Ungefähr 100’000 Sans-Papiers (Migrant:innen ohne geregelten Aufenthaltsstatus) leben und arbeiten in der Schweiz, das sind 1,2 Prozent der Bevölkerung. Die meisten von ihnen arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen: in privaten Haushalten, auf Baustellen, in Restaurants oder bei Bauern – meist zu skandalös tiefen Löhnen und ohne arbeitsrechtlichen Schutz und Sozialversicherungen. Gemäss einer Studie des Migrationsamts des Kantons Zürich und des Amts für Wirtschaft verrichten Sans-Papiers in der Schweiz bis zu 50 Prozent der bezahlten Hausarbeit. Sie sind systemrelevant, der Zugang zu grundlegenden Menschenrechten ist ihnen aber verwehrt.
In 15 Interviews erzählen Frauen und Männer ihre Geschichte – besonders berührt diejenige der Schülerin Haveen, der die Anmeldung zur gymnasialen Eintrittsprüfung verwehrt wurde. Bei der Arbeit an diesem Buch haben sie und ihre Mutter den Ausweis F erhalten und sind damit keine Sans-Papiers mehr, aber auch mit diesem Status ist es fast unmöglich, eine Lehrstelle zu bekommen.
Nebst den Interviews mit Sans-Papiers machen Gespräche mit Expert:innen wie der Leiterin der Sans-Papiers-Anlaufstelle (SPAZ) das Buch zusätzlich lesenswert. Die Fotografin Ursula Markus findet für diejenigen Sans-Papiers, die ihre Identität nicht preisgeben können, eine gelungene diskrete Form des Porträtierens.

Putzfrau in der Textilfabrik Schoeller, Derendingen, 1986 (Foto: Hansjörg Sahli/SozArch F 5031-Fb-0082)
Putzfrau in der Textilfabrik Schoeller, Derendingen, 1986 (Foto: Hansjörg Sahli/SozArch F 5031-Fb-0082)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Marianne Pletscher, Marc Bachmann: Wer putzt die Schweiz. Migrationsgeschichten mit Stolz und Sprühwischer. Zürich, 2022

Von den über 200’000 Menschen, die in der Schweiz Reinigungsarbeiten verrichten, sind die meisten Migrant:innen. Oft nehmen wir sie nicht wahr, sondern stellen höchstens fest, dass unsere Büros am Morgen wieder sauber, die Restauranttoiletten geputzt oder im Spital alles frisch desinfiziert ist. Da die meisten dieser Menschen dauerhaft in der Schweiz bleiben, tut es not, «sie besser kennenzulernen», wie die Autorin im Vorwort treffend schreibt.

In ihren Reportagen porträtieren Marianne Pletscher und Marc Bachmann neun Personen und ein Ehepaar, die in der Tieflohnbranche der Reinigung tätig sind oder waren. Da ist beispielsweise Rosa mit Jahrgang 1956 aus Süditalien, die bereits seit 1974 in der Schweiz lebt und damals als Reinigungskraft mit sieben Franken Stundenlohn begann. Sie kam zu einer Zeit in die Schweiz, in der die Fremdenfeindlichkeit grassierte – die «Überfremdungsinitiative» von James Schwarzenbach war erst vier Jahre zuvor knapp abgelehnt worden. Nura aus Bosnien, die im Buch auch ihre Erlebnisse während des Bosnienkriegs erzählt, kam 2002 in die Schweiz. Sie putzt 15 bis 20 Haushalte und ist inzwischen, nach einer langen Odyssee, bei einer Firma mit fairen Arbeitsbedingungen angestellt.

Noch heute beschäftigen viele private Haushalte Reinigungskräfte «schwarz», also unter illegalen und menschenunwürdigen Konditionen. Auch gegen diesen Missstand möchte das Buch ein Zeichen setzen.

Abstand von Protest oder Protest auf Abstand? Soziale Bewegungen in der Covid-19-Pandemie. Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Band 34, Heft 2. Berlin/Boston, Juni 2021

Die Pandemie als multiple Krise hat Fragen von Vulnerabilität und sozialer Ungleichheit, aber auch von Solidarität wieder ins Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen gerückt. Wie soziale Bewegungen – vornehmlich in Deutschland – auf die Krise reagier(t)en, wie sie ihre Arbeitsweisen und Aktionsformen an die aussergewöhnlichen Umstände anpass(t)en, beleuchtet die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift «Forschungsjournal Soziale Bewegungen».

Zum Beispiel anhand der «Fridays for Future»-Bewegung, die auf digitale Aktionsformen zurückgriff und auf digitalen Plattformen zum Klimastreik vom 25. September 2020 aufrief; oder anhand der rechtspopulistischen PEGIDA, welche durch virtuellen Protest auf sich und ihre Anliegen aufmerksam machte und mitunter den Bogen zur regierungskritischen «Querdenker»-Bewegung schlug. Und schliesslich entstand quasi im Eiltempo eine neue Bewegung, welche sich weltweit gegen die Pandemie-Massnahmen richtete und nicht davor zurückschreckte, sich teilweise die Symbolik der extremen Rechten anzueignen.

Alle Beispiele zeigen die Zusammenhänge zwischen sozialen Bewegungen, Krisensituationen und Mobilisierung auf. Das Heft widerspiegelt den aktuellen Forschungsstand und belegt mit vielen Fallstudien, wie widerstandsfähig soziale Bewegungen auch in Krisenzeiten sind.

Siehe auch:
corona-memory.ch: partizipatives Archiv, das persönliche Momentaufnahmen zur Coronavirus-Pandemie in der Schweiz sammelt
Dossier 64.0 *8 Medizin: Krankheiten in der Sachdokumentation des Sozialarchivs

Mykhailo Minakov, Georgiy Kasianov, Matthew Rojansky (Hrsg.): From «the Ukraine» to Ukraine. A contemporary history, 1991-2021. Stuttgart, 2021

«The history of Ukraine is about losing the article» – that short but in-depth definition was given by the Ukrainian historian Yaroslav Hrytsak.

It was standard in the English-speaking world to refer to this Eastern European country as «The Ukraine» till its independence in 1991. Before this time, Ukraine was never fully an object of international politics. This small change in naming however identifies the development of the country which is now fighting to keep its independence.

Before February 2022, the Russian unleashed war in Ukraine wasn’t well understood in Europe, still, the recent full-scale invasion cleared up the situation. Obviously, Russia’s aggression toward Ukraine aims not only to destroy and annex the neighboring state but also to challenge the democratic world.

As we’re holding our breaths waiting for the outcome, we might as well enjoy reading this book, which can answer an important question: Why is a recent Russian ally now fighting against it to protect European values? The collective of authors made a huge effort to analyze different aspects of Ukraine’s history over the last 30 years. From political development to the shaping of a new Ukrainian national identity. This clearly written book is a toolkit that will help you understand the struggles of modern Ukraine and its perspectives.

Arbeitslosenkomitee der Region Basel (Hrsg): Surprise. Das Strassenmagazin. Basel, 1995-

Seit mehr als zwanzig Jahren gibt das «Surprise»-Magazin aus Basel der Armut im Land eine Stimme. Das Magazin ist vielleicht das landesweit einzige Blatt, das mehr Käufer:innen als Leser:innen hat, denn es wird oft nur aus Solidarität gekauft. Dies ist schade, denn es ist gut recherchierter, anwaltschaftlicher Journalismus mit Tiefgang und Qualität. Das Redaktionsteam setzt Schwerpunkte, die eng mit der Lebensrealität der Verkaufenden zusammenhängen (Schulden, Sucht, Ängste, Ausgrenzung), geht aber auch auf aktuelle Themen ein – spannend, ungewohnt und erfrischend.

So nahm sich das Surprise-Team in der Ausgabe Nr. 515, noch zu Zeiten coronabedingter Einschränkungen, ein sehr schweizerisches Thema vor, den «Konsens». Sechs Personen versuchten, sich über folgende drei Fragestellungen zu einigen: das Stimm- und Wahlrecht für Ausländer:innen, die Klimaveränderung und den politischen Umgang mit psychoaktiven Substanzen. Nicht immer gelang es, einen Konsens zu finden.

Surprise Nr. 517 widmete die Titelgeschichte dem Land «Somalia», nachdem sich Surprise-Verkäufer:innen zunehmend besorgt gezeigt hatten, was in ihrem Land geschah und noch geschehen könnte. Der ausgewiesene Afrika-Kenner Marc Engelhardt schrieb über «Warlords, Islamisten, Investoren». Das gleichnamige Buch befindet sich übrigens in unserer Bibliothek.

Surprise Nr. 521 wiederum brachte Fotoreportagen aus der Ostukraine, eine aus dem regierungskontrollierten Gebiet und eine aus dem prorussischen, separatistischen Gebiet. Sie entstanden in den Jahren 2019 und 2020 und zeigen, dass der Krieg für diese Menschen schon lange vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine begann.

Alle gedruckten Surprise-Ausgaben können Sie bei uns ausleihen, aber noch besser ist es, Sie kaufen ein Exemplar und unterstützen damit die Verkaufenden und das Magazin.

Laura Backes, Margherita Bettoni: Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen. München, 2021

Jeden Tag im Jahr 2019 versuchte in Deutschland ein Mann, seine Frau umzubringen. Alle drei Tage wurde dabei eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Das ist die erschreckende Bilanz einer Statistik, die die Journalistinnen Laura Backes und Margherita Bettoni für den Titel ihres Buches inspiriert hat. Bei diesen Verbrechen handelt es sich nicht um «Ehrenmorde» oder «Beziehungstaten», sondern um Femizide: Morde, verübt an Frauen, weil sie Frauen sind.

Doch wieso wird kaum über dieses Problem gesprochen? Oftmals als Familientragödien verharmlost, bleiben viele dieser Frauenmorde verborgen und die patriarchalen Macht- und Gewaltmuster, die sich tief durch unsere Gesellschaft ziehen, verdeckt.

Laura Backes und Margherita Bettoni brechen das Schweigen und geben in Form von Protokollen vor allem den Femizid-Überlebenden eine Stimme, die sich als roter Faden durch das Buch zieht. Sie gehen zusätzlich analytisch den Fragen nach, weshalb es zu einer solchen Tat kommt, wie sie abläuft, was nach einem Femizid passiert und wie das Umfeld der Opfer damit umgeht. Auf notwendigerweise bestürzende Art klären die Autorinnen über Femizide auf und liefern den Beweis dafür, dass Femizide ein politisches sowie gesamtgesellschaftliches Problem darstellen – bei uns und weltweit. «Alle drei Tage» ist Schock und Aufklärung zugleich.

Franco Ruault: «Baummord». Die staatlich organisierten Schweizer Obstbaum-Fällaktionen 1950-1975. Frauenfeld, 2021

Als Alternative zur industriellen Landwirtschaft mit ihren biodiversitätsfeindlichen Monokulturen hört man heute vermehrt (wieder) von der «Agroforstwirtschaft», einer Anbaumethode, bei der Nutzpflanzen wie Getreide oder Gemüse mit Bäumen kombiniert werden, wodurch der Artenreichtum gefördert, der Wasserhaushalt stabilisiert und der Boden vor Erosion und Degradation geschützt werden kann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte man das landwirtschaftliche Heil genau in der entgegengesetzten Richtung, weg von der damals noch «Feldobstbau» genannten Mischkultur: Auf Anordnung des Bundes mussten ab 1950 Hundertausende Hochstammobstbäume gefällt werden. Ziel war die «Umstellung» auf eine «brennlose Obstverwertung» bzw. auf die nachfragegerechte Produktion von marktkonformem Tafelobst in effizient zu bewirtschaftenden Niederstammplantagen. Den Hintergrund bildete das 1932 in Kraft getretene Alkoholgesetz, in dessen Folge der Obstanbau durch die Alkoholverwaltung reguliert wurde. Diese machte mit der neu erhobenen Alkoholsteuer zwar Einnahmen, mit der Übernahmegarantie der Obstüberschüsse im Gegenzug aber Millionenverluste.

Besonders betroffen war das «Obstparadies» Thurgau, an dessen Beispiel Franco Ruault diese martialische staatliche Massnahme genauer untersucht hat. Der Historiker hat schriftliche Quellen ausgewertet, aber auch Interviews mit damaligen Akteuren geführt und dem Text viele Fotos beigefügt, so dass sich dieses noch junge, aber bisher unterbeleuchtete Kapitel der Schweizer Agrargeschichte sehr anschaulich liest.

Ungarische Flüchtlinge lesen 1956 die von den Zürcher Medienhäusern produzierte Zeitung «Hiradó» (Foto: Hermann Freytag/SozArch F 5025-Fc-065)
Ungarische Flüchtlinge lesen 1956 die von den Zürcher Medienhäusern produzierte Zeitung «Hiradó» (Foto: Hermann Freytag/SozArch F 5025-Fc-065)

Hintergrundliteratur zum Krieg in Osteuropa

Der Krieg in Osteuropa dominiert seit Februar die Medien. Neben den aktuellen Berichten, Prognosen und Expert:innenmeinungen dürfen aber auch die vielschichtigen Hintergründe und Kontexte der Tragödie nicht aus dem Blickfeld geraten. Als Hilfestellung zur Orientierung in den umfangreichen relevanten Materialien in unserer Bibliothek (über swisscovery bestellbar) und Sachdokumentation (QS-, ZA- und DS-Signaturen; bestellbar via sachdokumentation.ch) publizieren wir hier eine thematisch gegliederte Auswahlbibliografie zu Sekundärliteratur und Quellen im Sozialarchiv:

Thematisch gegliederte Auswahlbibliografie als PDF (1’006 KB)

Die Stellungnahme des Sozialarchivs zum Überfall auf die Ukraine finden Sie hier.

FKK am Neuenburgersee – wertvolles Material der Stiftung «die neue zeit»

In Thielle liegt in idyllischer Lage direkt am Neuenburgersee das Naturistengelände der Stiftung «die neue zeit». Umgeben von dichtem Buschwerk und Sichtschutzmatten wird hier seit bald 100 Jahren nackt gebadet. Nun ist eine erste Lieferung von Archivmaterialien der Stiftung ins Sozialarchiv gelangt. Sie erlaubt interessante Einblicke in die Geschichte dieser Reformbewegung, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hat.

Lebensreformbewegung

Naturismus, Nacktkultur, Freikörperkultur: Es sind verschiedene Begriffe, die alle etwas Ähnliches bezeichnen und den gleichen Ausgangspunkt haben. Industrialisierung, Verstädterung, beengte und ungesunde Wohnverhältnisse weckten ein zunehmendes Missbehagen. Ende des 19. Jahrhunderts entstand aus der Kritik an den als negativ empfundenen Begleiterscheinungen der Moderne die Lebensreformbewegung, die auf unterschiedlichen Ebenen die Rückbesinnung auf ein ursprünglicheres, natürlicheres Leben suchte. Ein zentraler Begriff war der Naturismus, der eine Hinwendung zu naturheilkundlichen Behandlungsformen, zum Vegetarismus und zur Nacktheit forderte. Die Lebensreform umfasste aber auch eine Verbesserung der Wohnformen oder den Verzicht auf Genussgifte wie Alkohol oder Tabak.

Um 1900 entstanden erste Naturheilinstitutionen und Luft-Licht-Bäder, in denen gemeinsames (und gemischtgeschlechtliches) Nackt- und Sonnenbaden praktiziert wurde. Erste Naturisten-Zeitschriften erschienen in Deutschland, später in skandinavischen und mitteleuropäischen Ländern. Und im Tessin wurde der Monte Verità bei Ascona zu einem internationalen Anziehungspunkt für Aussteiger:innen und Reformwillige.

Für die Freikörperkultur (FKK) in der Schweiz und für die Geschichte des Geländes in Thielle sind drei Personen von herausragender Bedeutung. Werner Zimmermann (1893-1982) war ursprünglich Lehrer, reiste aber schon in jungen Jahren um die halbe Welt und war fasziniert von den Reformbewegungen. 1922 erschien sein Buch «Lichtwärts: Ein Buch erlösender Erziehung», in dem er seine Reiseerlebnisse in den USA und eine Art Programm für eine neue Lebensweise im Einklang mit der Natur und dem Universum darlegte. «Lichtwärts» war enorm erfolgreich, erfuhr mehrere Neuauflagen und wurde zum programmatisch-literarischen Wegbegleiter der Reformbewegung. In den frühen 1920er Jahren lernte Zimmermann den Bieler Eduard Fankhauser (1904-1998) kennen und machte ihn zum Geschäftsführer seiner Verlagsbuchhandlung. Fankhauser gründete 1927 den Schweizerischen Lichtbund (1983 umbenannt in «Organisation der Naturisten in der Schweiz» ONS). Zusammen mit seiner Frau Elsie Fankhauser-Waldkirch (?-1993) kaufte er das Gelände in Thielle.

1928 lancierte Fankhauser die Zeitschrift «die neue zeit», die bis heute erscheint. Er kämpfte an verschiedenen Orten der Schweiz für die Einrichtung von Naturistengeländen – wenn’s sein musste bis vor Bundesgericht. Das Gelände in Thielle am Neuenburgersee wurde unter dem Namen «die neue zeit» 1937 für das Publikum geöffnet und gehört zu den traditionsreichsten FKK-Einrichtungen in der Schweiz. Auch Fankhauser war publizistisch tätig, am bekanntesten ist seine Schrift «Kampf und Sieg der FKK» von 1984, eine Aufarbeitung der jahrzehntelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen um das Recht auf Nacktheit.

Die Stiftung «die neue zeit» wurde 1961 vom Ehepaar Fankhauser zusammen mit Werner Zimmermann gegründet. Im zentralen Artikel der Stiftungsurkunde heisst es: «Die Stiftung bezweckt die Schaffung und Erhaltung geeigneter Voraussetzungen für eine gesunde Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreform. […] Nikotin, Alkohol und Fleisch aller Art sind strikte zu meiden. Im Rahmen der jeweils geltenden Landesgesetze wird nackt oder möglichst wenig bekleidet in Wasser, Luft und Sonne gebadet, gespielt, Gymnastik und Sport betrieben.» Die Stiftungsgründung sicherte der FKK in der Schweiz den Fortbestand des Geländes in Thielle.

2020 beschloss der Stiftungsrat, sukzessive Archivalien von Thielle ins Sozialarchiv zu transferieren. Diese ergänzen nun unsere umfangreichen Bibliotheks-, Dokumentations- und Archivbestände zum Thema Lebensreform.

Die Mitgliederkartei

Herzstück des Archivbestandes ist die Mitgliederkartei des Geländes in Thielle. Es handelt sich eigentlich um einen Fragebogen, mit dem man sich beim Schweizerischen Lichtbund um eine Mitgliedschaft bewerben musste. Nebst der Angabe der Personalien und der bevorzugten Lektüre war die Einstellung gegenüber den (zumindest auf dem Gelände strikt verpönten) Genussgiften Alkohol und Nikotin offenzulegen und zu deklarieren, ob man Vegetarier:in war. Der umfangreiche Fragenkatalog veränderte sich während Jahrzehnten kaum. Die Historikerin Eva Locher («Natürlich, nackt, gesund», 2021) analysierte für ihre Untersuchung zur Lebensreform in der Schweiz nach 1945 die Aufnahmekriterien und kam nach einer Auswertung der Fragebögen zum Schluss, dass laut Selbstdeklaration 76% der Mitglieder nicht rauchten, 45% abstinent waren, aber nur 16% vegetarisch lebten. Diese Bekenntnisse wurden allerdings nur so weit überprüft, als sie das Verhalten auf dem Gelände betrafen. Die Mitgliederkarteikarten sind vorläufig vorhanden für die Jahre 1932-1972 (SozArch Ar 705).

FKK-Zeitschriften

Zu jeder sozialen Bewegung gehört eine Zeitschrift – das ist auch bei den Naturisten um Zimmermann und Fankhauser nicht anders. «die neue zeit – illustrierte für neuzeitliche lebensgestaltung» erscheint seit 1929 (SozArch N 484). Die Hefte enthalten zu etwa gleichen Teilen Text- und Bildbeiträge, wobei die Freizügigkeit letzterer zu einer Auflage beitrug, die weit höher war als der eigentliche Mitgliederbestand der Organisation. Ende der 1950er Jahre zählte der ONS rund 5’500 Mitglieder, die Auflage der Zeitschrift betrug aber 23’000 Exemplare. Jede Nummer wartete auf der Titelseite und im Innern mit zahlreichen Fotografien nackter Körper auf. Dabei gelang es auf eigentümliche Weise, eine Art eigenes Genre zu begründen, das sich ebenso von einer künstlerischen wie von einer pornografischen Darstellung der Nacktheit abgrenzte. Die hauptsächlich weiblichen Models fanden sich auf den Naturistengeländen und wurden von Gleichgesinnten fotografiert. Christine Fankhauser etwa, die zweite Frau von Edi, fotografierte oft für «die neue zeit». Im Zentrum stand die Feier des nackten Naturistenkörpers, der sich dank Genussgiftverzicht, Gymnastik und Kraftübungen meist schlank und rank präsentierte.

Dass diese Bilder auch zweifelhaften Zuspruch fanden und als Erotika konsumiert wurden, wollte oder konnte man nicht vermeiden. Im Kontext der FKK jedenfalls haftete dem nackten Körper nichts Zweideutiges oder sexuell Erregendes an. Nacktheit galt als Urzustand des Menschseins, als Rückeroberung der ursprünglichen Unbefangenheit. Allfälligen Vorwürfen begegnete man mit der Kontextualisierung der Bilder mit programmatischen Texten verschiedener Autoren. Immer wieder äusserten sich auch Zimmermann und Fankhauser in «die neue zeit» zur Nacktheit.

Ergänzt wird «die neue zeit» durch eine umfangreiche Sammlung europäischer, nordamerikanischer und australischer Naturisten-Zeitschriften, die in Thielle seit den 1920er Jahren gesammelt wurden und nun im Sozialarchiv greifbar sind (swisscovery: Suchbegriff «e19thielle»).

Tonaufnahmen von Werner Zimmermann

Werner Zimmermanns Publikationsliste ist beeindruckend. Allein im Sozialarchiv sind über 30 Titel greifbar. Er äusserte sich neben lebensreformerischen Themen auch zur «Befreiung der Frau» und zur Atomkraft, er beantwortete die Frage «Was ist Sozialismus?» und schrieb immer wieder über die Ethik der Ehe. Aus diesem Fundus, kombiniert mit seinen Erfahrungen als Weltenreisender und Lehrer, gestaltete er zwischen 1965 und 1980 Vortragsreihen auf dem Gelände in Thielle. Viele der von ihm gehaltenen Referate wurden aufgenommen, 13 Tonbandkassetten konnten schliesslich digitalisiert werden. Werner Zimmermann geht jeweils von einem Grundthema aus und spricht dann – wie Fotos belegen – frei und ohne schriftliche Unterlagen teilweise bis zu fast zwei Stunden lang zu seinem Publikum, im Hintergrund ist der Badebetrieb hörbar (SozArch F 1055).

Glasdias

Bestandteil der Archivablieferung waren auch rund 30 Glasdias aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (SozArch F 5178). Ihre ursprüngliche Herkunft konnte nicht mehr eruiert werden. Die professionelle Machart, die Motive und die perfekte Inszenierung von nackten Körpern in der Natur lassen aber vermuten, dass es sich um Agenturbilder handelt. Ähnlich wie bei den Naturisten-Zeitschriften entwickelte sich im Bild- und Fotobereich ein internationaler Austausch und damit eine professionelle Produktion. Die Fotografie eroberte sich aus naheliegenden Gründen schnell eine zentrale Rolle in der FKK. Die Bewegung selber setzte massenhaft Bilder von nackten Körpern zu Propagandazwecken in Umlauf. Für die Anhänger:innen des Naturismus waren Nacktfotografien der Beweis, dass ihre Lebensweise zu einem befreiten, selbstbewussten, attraktiven Ich führte. Allen anderen diente die spezielle FKK-Ästhetik der voyeuristischen Befriedigung. Die Theoretiker:innen des Naturismus bemühten sich eifrig, die Nacktheit innerhalb der Bewegung umzudeuten. Wer sich aller Kleider entledigt, befreit sich auch von aller Lust. Die Nacktheit hatte nicht mehr zwangsläufig mit sexuellen Aktivitäten zu tun, sondern stand vielmehr im Dienst eines ästhetischen Programms und wissenschaftlicher Ansprüche.

Vor 90 Jahren: Die «Blutnächte» von Zürich und Genf

Die 1930er Jahre in Europa waren eine Zeit schwerer Krisen und Konflikte. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 führte zu Massenarbeitslosigkeit und gab extremen politischen Kräften Auftrieb. In verschiedenen Ländern führte dies zu latenten oder offenen Bürgerkriegen mit einem hohen Level an politischer Gewalt und zum Zusammenbruch fragiler Demokratien. In der Schweiz kamen diese Tendenzen in abgemilderter Form an: Die Wirtschaftskrise erreichte das Land mit einer gewissen Verzögerung (s. SozialarchivInfo 5/2020), der Zulauf zu antidemokratischen Kräften an den Rändern des politischen Spektrums war geringer und die politische Gewalt hielt sich aufgrund einer schwächeren Paramilitarisierung der politischen Lager in Grenzen (s. SozialarchivInfo 3/2019). Im Jahre 1932 wurde aber auch die Schweiz von zwei Ereignissen erschüttert, die als «Blutnächte» in die Geschichte eingegangen sind.

Wilder Streik, kommunistische Agitation und die «Blutnacht» im «Roten Zürich»

Ausgangspunkt der Zürcher «Blutnacht» vom 15. Juni 1932 war ein «wilder» Streik der Zürcher Heizungsmonteure. Hintergrund waren innerlinke Positionskämpfe im «Roten Zürich». Während die Sozialdemokraten seit 1928 die Mehrheit in der Zürcher Stadtregierung besassen, waren Bedeutung und Wähleranteil der Kommunisten in der Stadt seit der Parteispaltung von 1921 kontinuierlich zurückgegangen. Anfang Mai 1932 lehnte eine vom KP-nahen «Einheitsverband» einberufene Monteurversammlung im Volkshaus eine Übereinkunft zwischen den Heizungsindustriellen und der Gewerkschaft SMUV ab. Diese sah auf der Basis des geltenden Landesvertrags im Zuge der Deflationskrise eine Lohnanpassung vor, die für die Heizungsmonteure einen Nominallohnabbau, faktisch aber aufgrund noch stärker sinkender Preise eine Reallohnerhöhung bedeutete. Einige Tage später beschloss eine weitere Versammlung den Streik, welcher weder vom SMUV noch vom Zürcher Gewerkschaftskartell unterstützt wurde. Sukkurs erhielten die Streikenden aber von den Kommunist:innen, die den Arbeitskampf als Vehikel für die Konfrontation mit der gemäss der «Sozialfaschismus»-Doktrin der Komintern als «Hauptstütze der Bourgeoisie» prioritär zu bekämpfenden Sozialdemokratie und den von ihr dominierten Gewerkschaften sahen.

In den ersten Wochen verlief der Ausstand ruhig. Als es Anfang Juni zum vermehrten Einsatz von Streikbrechern kam, eskalierte aber die Situation zunehmend. Zu Beginn der sechsten Streikwoche gab es auf verschiedenen Bauplätzen in unterschiedlichen Stadtquartieren tätliche Auseinandersetzungen zwischen Streikpatrouillen, die aus 50 bis 70 Mann bestanden, und Streikbrechern sowie der Polizei. Ein Polizist erlitt dabei unter anderem einen Kieferbruch. Die Polizei nahm mehrere Verhaftungen vor, unter anderem diejenige des Streikpräsidenten. In der folgenden Nacht kam es zu einem Sabotageakt: Im Neubau des ETH-Physikgebäudes wurden etwa 50 Zentralheizungskörper zertrümmert. Gegen die Verhaftungen riefen Streikleitung und Kommunist:innen zu einer Protestversammlung am 15. Juni auf, die indessen vom Zürcher Stadtrat verboten wurde. Während daraufhin die Streikleitung die Veranstaltung absagte, hielt das kommunistische Parteiblatt «Der Kämpfer» daran fest.

An der Versammlung auf dem Helvetiaplatz beteiligten sich je nach Quelle 1’000 bis 5’000 Personen. Im Anschluss daran entbrannte zwischen etwa 300 Steine werfenden Demonstrant:innen (darunter etwa zwei Dutzend Frauen) und der 200 Mann starken Polizei eine sich bis in die frühen Morgenstunden hinziehende Strassenschlacht, für deren Ausbruch sich im Anschluss Polizei und Kommunist:innen gegenseitig beschuldigten. Auf der Langstrasse wurde eine Barrikade errichtet und in Brand gesteckt und es kam auch zu Plünderungen mehrerer Geschäfte. Die Bilanz der «Blutnacht» waren ein Toter und 30 Schwerverletzte (davon drei Polizisten). Das Todesopfer, der 29-jährige kommunistische Magaziner und Ausläufer Fritz Meier, verheiratet und Vater von zwei Kindern, war nach einem von der Polizei abgegebenen Schuss noch in derselben Nacht verblutet. Die Polizei nahm mehrere Dutzend Verhaftungen vor und führte eine Razzia in der Parteizentrale der Kommunist:innen durch. 24 Personen wurden in Untersuchungshaft genommen, nach wenigen Tagen aber wieder freigelassen. Unmittelbar nach der «Blutnacht» setzte sich das städtische Polizeiinspektorat mit der kantonalen Militärdirektion in Verbindung und übernahm leihweise 350 Kurzgewehre, 300 Stahlhelme und acht leichte Maschinengewehre. Letztere wurden nach wenigen Tagen wieder zurückgegeben.

In den Medien verliefen die Kommentare streng entlang der Parteilinien. Der kommunistische «Kämpfer», der in den Tagen nach der «Blutnacht» gezielt sich gegen die Sozialdemokratie richtende Briefe angeblicher Augenzeug:innen publizierte, behauptete: «Die sozialdemokratischen Führer wollten dieses Blutbad». Die «Polizeikosaken» hätten «im Auftrage der Lohnabbauer, der herrschenden, kapitalistischen Klasse in Zürich ein ungeheuerliches Blutbad angerichtet. Zürich ist röter geworden, mit Arbeiterblut, mit Blut von Kindern und Frauen» (Kämpfer, 16.6.1932). Sogar die «Pravda» berichtete im fernen Moskau in diesem Sinne von den Zürcher Unruhen (Pravda, 22.6.1932). Zehn Tage nach den Ereignissen äusserte sich auch der vom sowjetischen Geheimdienst gejagte Trotzki aus dem Exil zu den Ereignissen in einem Brief an das kleine Grüppchen Zürcher Trotzkist:innen, den diese in einem Flugblatt mit dem Titel «Trotzki antwortet den Arbeitermördern» verbreiteten. Die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Presse stellte den Heizungsmonteurenstreik dagegen von Beginn weg negativ dar. Nach der «Blutnacht» sprach das «Volksrecht» von einer «Blutschuld der Kommunisten», die die Vorfälle «von langer Hand vorbereitet» hätten (Volksrecht, 16.6.1932). Einige Tage später schrieb das SP-Blatt: «Die Kommunisten sind die allerbesten Helfershelfer des historischen Klassenfeindes der zürcherischen Arbeiterschaft! Je mehr Aktionen der ultralinken Verbrecherclique, um so sicherer und um so gewisser der Triumph der extremen Reaktion» (Volksrecht, 20.6.1932).

Die bürgerliche Presse titulierte die Kommunist:innen als «Moskauer Hetzapostel» (Neue Zürcher Nachrichten, 15.6.1932), «Radaubrüder» (NZZ, 17.6.1932) oder «kommunistische Mordbanden» (Züricher Post, 16.6.1932). Die «Neue Zürcher Zeitung» sah nach der «Blutnacht» aber auch eine «moralische Mitverantwortung der sozialistischen Stadtverwaltung» (NZZ, 17.6.1932). Gemäss dem liberalen Leitmedium war «in dieser schwülen Sommernacht das grellrote Licht der bolschewistischen Umsturzpläne scheinwerferartig auf das Zürcher Arbeiterquartier gefallen»: «Die Zürcher Kommunisten haben in der vergangenen Nacht, die ein ganzes Quartier der Stadt in Aufregung und Schrecken versetzte, die Generalprobe ihres revolutionären Putschprogramms abgehalten» (NZZ, 16.6.1932). Dabei hätten die Kommunist:innen ihre Aktion generalstabmässig geplant: «Die Sturmtruppen des bolschewistischen Lagers waren vom Einbruch des Abends an in höchster Bereitschaft und griffen, von dem in der ‹Sonne› einquartierten unsichtbaren Generalstab geleitet, auch unverzüglich ein, nachdem ein Redner auf dem Helvetiaplatz das Signal gegeben hatte. […] all das ist mit einer beinahe militärisch zu nennenden Taktik ins Werk gesetzt worden. Die Saat des Kommunismus geht auf. Seine Anhänger sind bei jeder Gelegenheit zum Losschlagen bereit» (NZZ, 16.6.1932).

Am 16. Juni besichtigten den ganzen Tag über Gruppen von Neugierigen den Schauplatz der Auseinandersetzungen der vorangegangenen Nacht. Am Abend versammelte sich auf dem Helvetiaplatz eine mehrtausendköpfige Menschenmenge zu einer unbewilligten Kundgebung, bei der der führende Kommunist Marino Bodenmann eine Rede hielt. Obwohl das Demonstrationsverbot weiterhin galt und die Menge den Tramverkehr behinderte sowie zwei Autos beschädigte, griff die Polizei dieses Mal nicht ein. Am Rande der Kundgebung wurde der 52-jährige Zigarettenhändler Ernst Klopfenstein von Demonstrant:innen aus seinem Auto gezerrt und zusammengeschlagen. Dabei erlitt er eine Verletzung der Lunge, der er in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni erlag. Dieser zweite Tote wurde von der kommunistischen Propaganda geflissentlich verschwiegen und ging auch nicht in die Erinnerungskultur ein. Am selben Abend veranstalteten auch die Sozialdemokrat:innen im Limmathaus eine Versammlung, zu der sich etwa 800 Personen einfanden und an der nach einem Referat von Parteipräsident Friedrich Heeb eine dreistündige Diskussion stattfand, an der sich unter anderem Stadtpräsident Emil Klöti und Nationalrat Ernst Nobs beteiligten. Zum Schluss beschloss die Versammlung eine Resolution, die die Kommunist:innen für die Vorfälle verantwortlich machte.

Die Kommunist:innen versuchten in der Folge, die Trauerfeierlichkeiten für Fritz Meier zu einer öffentlichen Demonstration umzufunktionieren. Dies wurde aber von der Polizei weitgehend unterbunden. Nachdem die pfarramtliche Abdankung auf Wunsch der Witwe in der Wohnung erfolgt war, sollte zunächst auch die Kremation im engsten Familienkreis stattfinden. Meiers Bruder, ebenfalls ein kommunistischer Aktivist, drängte die Witwe aber um Zustimmung zur Zulassung von 50 Kommunist:innen, die die Kremation mit «Rotfront!»-Rufen begleiteten. Auf mehreren Kränzen wurde die Sozialdemokratie geschmäht und rund um das Krematorium kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrant:innen und der Polizei.

Im Arbeitskonflikt, der den Ausgangspunkt der Unruhen gebildet hatte, blieben Verhandlungen vor dem Einigungsamt ab dem 22. Juni ergebnislos. Daraufhin schaltete sich die Zürcher Stadtregierung ein und erreichte die Arbeitsaufnahme am 5. Juli. In der unter ihrer Vermittlung erzielten Übereinkunft wurde der Umfang des Nominallohnabbaus nicht verringert, hingegen zeitlich etwas verzögert. Daraufhin beschlossen die Monteure die Beendigung des Streiks. Die Aufarbeitung der Unruhen vom 15. Juni führte dann in den Parlamenten von Stadt und Kanton Zürich zu heftigen Debatten, in denen Sozialdemokraten, Bürgerliche und Kommunisten ihre bereits in der Presse geäusserten Standpunkte wiederholten.

Faschismus, Antifaschismus, Ordnungstruppen und die «fusillade» in Genf

Knapp fünf Monate nach der Zürcher «Blutnacht» fand in Genf ein noch tragischeres Ereignis statt. Anlass war am 9. November 1932 eine Veranstaltung der faschistischen «Union Nationale», gegen die rund 8’000 Personen, hauptsächlich Anhänger:innen der Linksparteien und Gewerkschaften, demonstrierten. Nachdem die überforderte Polizei durch eine Militäreinheit aus der Lausanner Rekrutenschule verstärkt worden war, eskalierte die Situation. Um 21.34 Uhr feuerten die Rekruten auf Befehl und ohne Vorwarnung in die Menge. Es gab 13 Tote und über 60 Verwundete. Als erster wurde mit Henri Fürst der Präsident der Kommunistischen Partei Genf tödlich getroffen. Das älteste der allesamt männlichen Todesopfer war der 57-jährige Bäckermeister Gabriel Loup, das jüngste der 25-jährige Handlungsgehilfe Jean-Pierre Larderaz. Ein Opfer, der 25-jährige Bankangestellte Oscar Maurer, wurde auf dem Nachhauseweg von einem Abendkurs getötet. Es war dies der blutigste Ordnungseinsatz der Schweizer Armee, nachdem die Einsätze während des Basler Generalstreiks von 1919 fünf und während des Landesstreiks von 1918 in Grenchen drei Todesopfer gefordert hatten.

Die politische Situation in Genf unterschied sich von derjenigen Zürichs. Die Stadt war von der Wirtschaftskrise in besonderem Masse betroffen: 1932 waren über 8’000 Personen ohne Arbeit. Die Arbeitskämpfe nahmen an Heftigkeit zu. Die aus dem späten 19. Jahrhundert stammende Allianz zwischen «Radicaux» (Freisinnigen) und Sozialisten zerbrach definitiv. An ihre Stelle trat eine zunehmende Polarisierung zwischen rechts und links. Die SP unter Führung des wortgewaltigen Linkssozialisten Léon Nicole ging aus den kantonalen Wahlen von 1930 zwar als weitaus stärkste Kraft hervor, war aber in der siebenköpfigen Kantonsregierung nicht mehr vertreten. Die Gewerkschaften radikalisierten sich durch Militante wie Lucien Tronchet, der unter dem Dach des Bau– und Holzarbeiterverbandes die etwa hundertköpfige anarchosyndikalistische «Ligue d’action du bâtiment» organisierte, welche in mehreren Arbeitskämpfen zu Sabotageaktionen griff.

Auf der rechten Seite wurden die traditionellen bürgerlichen Parteien durch mehrere politische und Finanzskandale erschüttert, während zugleich autoritäres Gedankengut zunehmende Popularität genoss. 1931 deckte die Linke Unregelmässigkeiten im Zusammenhang mit einer Rettungsaktion zugunsten der «Banque de Genève» auf, der trotz katastrophaler Finanzlage öffentliche Gelder zugeflossen waren. Innerhalb des bürgerlichen Lagers befanden sich die antiliberalen Kräfte auf dem Vormarsch. Arbeitgeber und christliche Gewerkschaften machten sich für eine korporative Neuordnung der Arbeitsbeziehungen stark. Zudem betraten neue, rechtsextreme Kräfte das politische Parkett. 1930 gründete der Antisemit und Mussolini-Bewunderer Georges Oltramare die faschistische Partei «Ordre Politique National», die 1932 mit der rechtsbürgerlichen «Union de défense économique» zur «Union Nationale» fusionierte. Diese hetzte gegen Judentum und Marxismus und wollte an die Stelle der liberalen Demokratie ein autoritär-korporatistisches System setzen. Ihre Parteianhänger paradierten nach ausländischen Vorbildern zu Marschmusik und uniformiert mit Baskenmützen und grauen Hemden durch die Strassen der Calvinstadt.

Für den 9. November 1932 lud die «Union Nationale» in den Gemeindesaal von Plainpalais zu einer als «öffentliche Anklage» gegen die sozialistischen Parteiführer Léon Nicole und Jacques Dicker deklarierten Veranstaltung. Nachdem die Behörden ein Begehren der SP nach Verbot der Kundgebung abgelehnt hatten, organisierte diese eine Gegendemonstration. Die Kantonsregierung wurde im Verlauf des Tages davon unterrichtet, dass diese Demonstration in Unruhen überzugehen drohe, und forderte beim Eidgenössischen Militärdepartment Verstärkung an, worauf über 600 Mann der Lausanner Infanterierekrutenschule, die sich in der sechsten Ausbildungswoche befand, nach Genf beordert wurden. Nach dem Blutvergiessen zogen es die meisten Demonstrant:innen vor, nach Hause zu gehen. Lediglich eine vor allem aus Kommunist:innen und Anarchist:innen bestehende Gruppe von 200 bis 300 Personen zog unter dem Ruf «Assassins!» und Absingen der «Internationale» bis Mitternacht durch die Strassen.

Am Morgen des folgenden Tages waren verschiedene öffentliche Gebäude mit Militär belegt. Léon Nicole und weitere sozialistische Parteiführer wurden verhaftet. Im Lauf des Tages traf der katholisch-konservative Bundespräsident Giuseppe Motta in Genf ein und stellte fest, die Ordnung sei wiederhergestellt. Genauso wie für ihn war auch für die bürgerliche Presse klar, dass die Schuld an den Ereignissen die sozialistischen und kommunistischen «Revolutionsköche» treffe, allen voran den «Hetzer Nicole», der «für seinen berstenden Ueberfluss an Gift und Galle einen Auslass auf die Strasse finden» musste (Der Bund, 11.11.1932). Die «Neue Zürcher Zeitung» benutzte die Ereignisse zu einer generellen Attacke gegen die Demonstrationsfreiheit. In einem Artikel mit dem Titel «Politik der Strasse» verneinte sie die Frage, ob es ein «‹Recht› auf die Strasse» gebe, vehement. In der direktdemokratischen Schweiz habe die «Strassenpolitik», die «von unseren sozialistisch-kommunistischen Parteien ausländischen Vorbildern nachgeahmt worden» sei, keine Berechtigung. Insgesamt war die «Strassenpolitik», wozu «öffentliche Massenversammlungen» und in «roten Terror» ausartende Demonstrationszüge gezählt wurden, für die NZZ ganz klar ein nur von der «marxistischen Bewegung» benutztes Instrument. Rechtsextreme Aufmärsche spielten in ihren Überlegungen keine Rolle (NZZ, 12.11.1932).

Innerhalb der Linken diskutierte man am Tag nach der Genfer «Blutnacht» die Proklamation eines lokalen Generalstreiks. Schliesslich wurde für den darauffolgenden Samstag, an dem die Opfer bestattet wurden, zur Arbeitsniederlegung aufgerufen, die aber nur unvollständig befolgt werden sollte. In mehreren Schweizer Städten fanden indessen Solidaritätskundgebungen statt, welche die Behörden mit erneuten militärischen Pikettstellungen beantworteten. Als im folgenden Monat die eidgenössischen Räte über die Erneuerung der Subvention für den Arbeitersportverband SATUS zu befinden hatten, versandte der rechtsbürgerliche «Schweizerische Vaterländische Verband» im Vorfeld an nahe stehende Parlamentarier Briefe, in denen dem SATUS eine wesentliche Rolle bei den Genfer Ereignissen angedichtet wurde. Als die Räte daraufhin beschlossen, die Subvention nicht zu erneuern, wurde von sozialdemokratischer Seite der Verdacht geäussert, die Streichung sei eine «Rache für Genf». Während gegen die beteiligten Armeeangehörigen keine Verfahren eingeleitet wurden, verurteilte ein Bundesschwurgericht 7 der 18 wegen Anstiftung zum Aufruhr Angeklagten. Mit sechs Monaten Gefängnis am härtesten bestraft wurde Léon Nicole.

Nachwirken und Erinnerungskultur

Die beiden «Blutnächte» von 1932 hatten sowohl kurz- als auch längerfristig unterschiedliche Konsequenzen. In Zürich konnten die Kommunist:innen entgegen ihren Erwartungen (und sozialdemokratischen Befürchtungen) keinen politischen Profit aus den Ereignissen des Sommers 1932 ziehen. Bei den kommunalen Erneuerungswahlen im September 1933, die im Zeichen der zweiten Eingemeindung sowie des Grossangriffs einer bürgerlich-frontistischen Wahlallianz auf das «Rote Zürich» standen, behaupteten die Sozialdemokraten ihre absoluten Mehrheiten in Parlament und Stadtregierung, während die Kommunisten vier ihrer sechs Parlamentsmandate einbüssten und mit ihren neun Stadtratskandidaten keinerlei Erfolg hatten (s. SozialarchivInfo 6/2017). In den Arbeiterquartieren erlitten die Sozialdemokraten zwar geringfügige Stimmenverluste, die Kommunisten aber ebenso.

Demgegenüber kam es in Genf zu einem politischen Umschwung. Im November 1933 feierte der soeben aus der Haft entlassene Léon Nicole ein spektakuläres Comeback. Zusammen mit drei weiteren Sozialisten wurde er in den Staatsrat gewählt. Gleichzeitig errang die SP auch die Mehrheit in der Stadtregierung von Lausanne. Damit bestand in Genf als schweizweite Premiere eine mehrheitlich linke Regierung auf kantonaler Ebene – allerdings mit einer rechten Parlamentsmehrheit. Dies führte in den folgenden Jahren zu einer Blockadepolitik und bereits 1936 eroberten die bürgerlichen Parteien mit Unterstützung der «Union Nationale» die Regierungsmehrheit zurück. Diese setzte im Juni 1937 ein kantonales Verbot der Kommunistischen Partei durch. Der daraufhin einsetzende Zustrom von Kommunist:innen zur Genfer SP drängte diese weiter nach links und führte zu immer stärkeren Konflikten mit der nationalen Mutterpartei.

Zum definitiven Bruch kam es im Herbst 1939. Nachdem Léon Nicole, der durch eine Moskaureise im Frühjahr in seinem sowjetfreundlichen Kurs bestärkt worden war, den zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hinführenden Hitler-Stalin-Pakt gutgeheissen hatte, wurde er im September aus der SP ausgeschlossen. Grosse Teile der Genfer und Waadtländer SP-Sektionen schlugen sich aber auf die Seite Nicoles und gründeten die «Fédération socialiste suisse» (FSS), die in Genf die Rest-SP wählermässig bei weitem überflügelte. 1941 wurde die FSS vom Bundesrat verboten, fusionierte daraufhin mit der inzwischen ebenfalls landesweit illegalen Kommunistischen Partei und wurde zu einer Keimzelle der 1944 gegründeten Partei der Arbeit (PdA). Léon Nicole, der während des Zweiten Weltkriegs als Korrespondent der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS wirkte, wurde 1947 für die PdA in den Nationalrat gewählt, bezichtigte aber seine Partei nach dem Bruch zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien «titoistischer» Tendenzen. 1952 aus der PdA ausgeschlossen, gründete er den kurzlebigen «Parti progressiste». Diese Irrungen und Wirrungen innerhalb der Genfer Linken widerspiegelten sich nicht zuletzt in den Gedenkfeiern an die «fusillade» von 1932, die bis in die frühe Nachkriegszeit jährlich abgehalten wurden.

Auch im späten 20. Jahrhundert waren die beiden «Blutnächte» noch nicht vergessen. In den 70er Jahren erschienen aus «neulinken» Kreisen verschiedene Publikationen zu den Zürcher Ereignissen vom Sommer 1932. Anlässlich des 50. Jahrestages organisierten 1982 verschiedene Gruppen links von der SP einen Gedenkanlass, bei dem eine Erinnerungstafel an das «Denkmal der Arbeit» auf dem Helvetiaplatz montiert wurde. Dieses hatte seinerseits eine komplexe Geschichte. Seine Idee ging auf die Landesausstellung 1939 zurück und nach zwei Projektwettbewerben 1942 und 1952 obsiegte Karl Geisers Modell mit einer Menschengruppe aus zwei männlichen Arbeitern, einer Frau mit Tasche und einem Kind. Die Gewerkschaften, denen das Modell zu wenig heroisch war, gaben daraufhin bei Werner F. Kunz die Statue «Prometheus» in Auftrag. Die Stadt liess am 1. Mai 1964 auf dem Helvetiaplatz aber Geisers Modell einweihen, während der heroische «Prometheus» auf den Werdplatz verbannt wurde. 1983 beantragte dann die POCH im Gemeinderat, die Tafel zur Erinnerung an die «Blutnacht» zu verstetigen. Der Vorstoss wurde aber mit den Stimmen der Bürgerlichen bei Enthaltung der Sozialdemokrat:innen abgelehnt. Etwa zwei Jahrzehnte später hing am «Denkmal der Arbeit» indessen erneut ein (anonymes) Täfelchen zur Erinnerung an die «Blutnacht» – versehen mit Hammer und Sichel. Dieses ging möglicherweise auf den «Revolutionären Aufbau Zürich» zurück, der 2012 anlässlich des 80. Jahrestages der «Blutnacht» auch eine entsprechende Schauplatzführung veranstaltete.

In Genf blieb die Erinnerung an das Ereignis von 1932 noch stärker. 1977/78 schilderten eine Fernsehserie und ein Buch die turbulenten 30er Jahre mit einem Fokus auf der «fusillade». Anlässlich des 50. Jahrestages organisierte ein Komitee aus linken und gewerkschaftlichen Kreisen 1982 eine Ausstellung und einen Gedenkanlass. Ebenso errichtete die lokale Bauarbeitergewerkschaft einen Gedenkstein, der von der Regierung nach einigem Hin und Her über den Wortlaut der Inschrift und einem Vandalenakt durch einen Rechtsaussenpolitiker dann rückwirkend offizialisiert wurde. Dass im November 1989 die erste Armeeabschaffungsinitiative im Kanton Genf mit 50,4 Prozent Ja-Stimmen eine knappe Mehrheit erzielte, dürfte ebenfalls eine Langzeitwirkung von «1932» gewesen sein. 2007 fand anlässlich des 75. Jahrestags in Genf eine internationale Tagung über Repression in demokratischen Staaten statt. Im Jahr darauf liess die Kantonsregierung den Gedenkstein verschieben, damit er auf die genaue Stelle der «fusillade» zu stehen kam. 2016 beschloss das Genfer Kantonsparlament mit grosser Mehrheit eine Standesinitiative für die juristische Rehabilitierung der verurteilten Aktivisten von 1932. Der Vorstoss wurde 2018/19 aber von den eidgenössischen Räten abgelehnt.

Darüber hinaus haben die Politikwissenschafter Marco Tackenberg und Dominique Wisler die These formuliert, dass die beiden «Blutnächte» von 1932 auch gegenteilige Auswirkungen auf den langfristigen staatlichen Umgang mit öffentlichem Protest gezeitigt hätten. Zunächst hätten in beiden Städten «law and order»-Vorstellungen dominiert. In Genf habe sich dann nach der Wahlniederlage der Rechten von 1933 aber eine stärker bürgerrechtsorientierte Position auch bei den Bürgerlichen durchgesetzt. Die diskursiven Strategien der 30er Jahre seien sodann zu wichtigen und bindenden symbolischen Ressourcen für die politischen Akteur:innen ab den 70er Jahren geworden, als die Auseinandersetzung um die öffentliche Ordnung mit dem Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen wieder auf die politische Agenda kam. Damit lägen die Wurzeln divergierender politischer Kulturen der beiden Metropolen beim Umgang mit öffentlichem Protest in den 30er Jahren.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.110.21 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Protokolle Geschäftsleitung und Parteivorstand 1931–1934
  • Ar 1.220.34 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Kantonalparteien: Genève 1933–1934
  • Ar 2.20.16 Gewerkschaftskartell Zürich: Gewerkschaftskartell 1930–1933
  • Ar 198.8.2 Hans Bruggmann: Manuskripte: Bemerkungen zur Herausgabe einer Dokumentation über den Streik der Heizungsmonteure, 1971
  • Ar 422.81.1 SMUV Sektion Zürich: Heizungsmonteure 1930–1937
  • Ar 422.82.5 SMUV Sektion Zürich: Sanitär- und Heizungsmonteure 1931–1934
  • Ar 493.10.2 ROPRESS – Sammlung von Auftrags-Lauftaschen mit Belegexemplaren: Die Blutnacht und der Monteurenstreik in Zürich Juni 1932; Broschüre; 22.01.1974
  • Ar 685.10.87 Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte: Adolf Felix Vogel, Fotokopien
  • Ar SMUV 10B-0002 Broschüren, Kleinformat: 1916–1933
  • Ar SMUV 02I-0001 SMUV und Kommunismus: Presseausschnitte; Flugblätter; agitatorische Schriften; Korrespondenz

Sachdokumentation

  • KS 335/79:1 Arbeiterunruhen & Streiks in der Schweiz
  • KS 335/240 Léon Nicole (Parti progressiste)

Bibliothek

  • Batou, Jean: Quand l’esprit de Genève s’embrase: Au-delà de la fusillade du 9 Novembre 1932. Lausanne 2012, 128193
  • Bodenmann, Marino: Zum 40. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz. Zürich/Genf 1961, 38080
  • Borès, Mélanie: Plus jamais ça: Petite histoire de la «Pierre de Plainpalais»: Entretien avec Jacques Robert, in: Cahiers d’histoire du mouvement ouvrier 33 (2017). S. 82-93, D 5037
  • Bruggmann, Lisel: Ich wünsche euch des Weltenalls Erbeben: Gedichte und Erzählungen aus dem Kampf der Schweizer Arbeiterklasse. Zürich o. J. [1974], 54108
  • Conca-Pulli, Pälvi: Soldats au service de l’ordre public: La politique du maintien de l’ordre intérieur au moyen de l’armée en Suisse entre 1914 et 1949. Neuchâtel 2003, 134579
  • Heimann, Erwin: Hetze: Roman. Bern o. J. [1937], 9349
  • Heimann, Erwin: Ein Blick zurück: Mein Leben in meiner Zeit. Ostermundigen-Bern 1974, 52893
  • Heimberg, Charles: Pour une histoire sans trous de mémoire. Genf 1992, 100347
  • Heimberg, Charles et al. (Hg.): Mourir en manifestant: Répressions en démocratie – Le 9 Novembre 1932 en perspective: Actes du Colloque international organisé dans le cadre du 75e anniversaire de la fusillade du 9 novembre 1932 à Plainpalais (Genève). Lausanne 2008, 120877
  • Heimberg, Charles: Ramer à contre-courant: Le fier combat pour l’histoire et les mémoires subalternes, in: Cahiers d’histoire du mouvement ouvrier 33 (2017). S. 126-138, D 5037
  • Huber, Peter: Kommunisten und Sozialdemokraten in der Schweiz 1918–1935: Der Streit um die Einheitsfront in der Zürcher und Basler Arbeiterschaft. Zürich 1986, 80494
  • Humbert-Droz, Jules: Die Strassenkämpfe in Zürich, in: Internationale Presse-Korrespondenz 12/51 (1932). S. 1611f., N 4097
  • Koller, Christian: Demonstrating in Zurich between 1830 and 1940 – From Bourgeois Protest to Proletarian Street Politics, in: Reiss, Matthias (Hg.): The Street as Stage: Protest Marches and Public Rallies since the Nineteenth Century. Oxford 2007. S. 191-211, 140421
  • Koller, Christian: Streikkultur: Performanzen und Diskurse des Arbeitskampfes im schweizerisch-österreichischen Vergleich (1860–1950). Münster/Wien 2009, 121626
  • Kreis, Georg: Zeitzeichen für die Ewigkeit: 300 Jahre Schweizerische Denkmaltopographie. Zürich 2008, 119419
  • Lindig, Steffen: «Der Entscheid fällt an den Urnen»: Sozialdemokratie und Arbeiter im Roten Zürich 1928 bis 1938. Zürich 1979, 65768
  • Die Mobilisierung der Kommunistischen Partei zur Organisierung und Führung der Massenkämpfe: Beschlüsse des 7. erweiterten Plenums des Z. K. der K. P. Schweiz. Zürich 1933, 335/390a-4
  • Rauber, André: Léon Nicole: Le Franc-tireur de la Gauche Suisse (1887–1965). Genf 2007, 118829
  • Studer, Brigitte (Hg.): Sous l’œil de Moscou: Le Parti communiste suisse et l’Internationale 1931–1943. Zürich 1996, 100180
  • Tackenberg, Marco und Dominique Wisler: Die Massaker von 1932: Protest, Diskurs und Öffentlichkeit, in: Schweizerische Zeitschrift für Politische Wissenschaft 4 (1998). S. 51-79, N 953
  • Tackenberg, Marco und Dominique Wisler: Hutlose Bürschchen und halbreife Mädels: Protest und Polizei in der Schweiz. Bern 2007, 118020
  • Torracinta, Claude: Sturm über Genf 1930–1939. Genf 1978, Gr 3506
  • Wandeler, Josef: Die KPS und die Wirtschaftskämpfe 1930–1933: Bauarbeiterstreik Basel, Schuharbeiterstreik Brüttisellen, Heizungsmonteurstreik Zürich, Sanitärmonteurstreik Zürich. Zürich 1978, 63529
  • Wyler, Rebekka: «Ein Chefmonteur streikt doch nicht wie ein gewöhnlicher Prolet»: Der Streik der Zürcher Heizungsmonteure im Sommer 1932 als Arbeitskampf einer gespaltenen Gruppe von Arbeitern. Lizentiatsarbeit, Univ. Zürich 2005, Gr 11584

10.6.2022, 19 Uhr: (K)ein Austrofaschismus?

Studien zum österreichischen Herrschaftssystem 1933-1938

Die Benennung und Qualifizierung des Herrschaftssystems in Österreich zwischen dem Ende der Ersten Republik 1933/34 und dem «Anschluss» an Nazi-Deutschland 1938 war und ist umstritten. Je nachdem, wie die Dollfuss/Schuschnigg-Diktatur beschrieben wird, erscheint sie im Kontext der europäischen Zwischenkriegszeit anders situiert. Ein neuer Sammelband mit über 30 Texten von Vertreter:innen der verschiedenen österreichischen «Schulen» wie auch nichtösterreichischen Historiker:innen zeigt die Vielfalt möglicher Benennungen zwischen dem markanten «Austrofaschismus» und der vorsichtigeren Charakterisierung als «autoritäres Regime». Am Ende skizziert der Herausgeber Wege aus dem Richtungsstreit, die ihn (vielleicht) obsolet werden lassen könnten.

Buchpräsentation mit dem Herausgeber Carlo Moos und Ko-Autor Christian Koller

Freitag, 10. Juni 2022, 19 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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