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Enge Wohnverhältnisse in einer Arbeiterwohnung in Zürich im Jahr 1909, fotografiert für die Schweizerische Heimarbeiterausstellung (SozArch F 5068)
Enge Wohnverhältnisse in einer Arbeiterwohnung in Zürich im Jahr 1909, fotografiert für die Schweizerische Heimarbeiterausstellung (SozArch F 5068)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Heinz Looser und Lisbeth Herger: Not wenden. Vom Armenverein Winterthur zur Familien- und Jugendhilfe FUJH, 1870–2020. Winterthur, 2020

Der einstige «Freiwillige Armenverein Winterthur» heisst heute «Verein Familien- und Jugendhilfe Winterthur» (FUJH) und legt zu seinem 150-jährigen Jubiläum eine kleine, aber feine Festschrift vor. Lange waren Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit bestimmende Themen in der Stadt: So liest man etwa von Familien, die sich ein einziges Bett teilten, bis es in der feuchten Wohnung irgendwann morsch zusammenbrach. Oder man begegnet einem begabten Arbeiterkind ohne Aussicht auf eine Ausbildung. In beiden Fällen sprang der Armenverein ein: Er ersetzte der Familie das Bett und verhalf dem jungen Mann zu einer Lehrstelle.
Die historische Aufarbeitung der Vereinsgeschichte zeigt auf eindrückliche Art und Weise das Zusammenspiel von Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Stadt Winterthur. Entstanden ist ein attraktiv bebilderter Band (viele Fotos stammen aus dem Sozialarchiv), der zeigt, dass die Probleme der Bevölkerung heutzutage zwar anders gelagert sind, die Institution mit ihren Angeboten wie Familienbegleitung oder Kinderbetreuung in Krisensituationen aber nach wie vor unentbehrlich ist.

Marie-Isabelle Bill: Interniert. Polnisch-schweizerische Familiengeschichten. Herausgegeben von der Interessengemeinschaft der Nachkommen internierter Polen in der Schweiz. Zürich, 2020

Mitte Juni 1940 gewährte die Schweiz 12’500 polnischen Soldaten Schutz als Internierte und nahm während des Krieges auch polnische Zwangsarbeiter oder Flüchtlinge aus Deutschland auf. Die Einheimischen akzeptierten die Internierten bereitwillig. Trotz eines entsprechenden Verbots entstanden viele polnisch­schweizerische Beziehungen und Ehen.
Schweizerinnen verloren bei der Heirat mit einem Ausländer ihr Bürgerrecht – vor den Frischvermählten lag also eine ungewisse Zukunft. Sie mussten ausreisen, suchten ihr Glück in Frankreich, England oder Übersee, manche aber auch in Polen. Einige kehrten in der Folge wieder in die Schweiz zurück. Andere konnten oder wollten nicht heiraten, womit uneheliche Kinder, sogenannte «Polenkinder», geboren wurden. Die Geschichten dieser Familien sind traurig oder glücklich, aufregend oder normal. Sie zeigen die mannigfaltigen Ursprünge polnisch-schweizerischer Verbindungen und die Spuren, die Krieg, Flucht und Internierung im Leben hinterlassen.

Franziska Rogger: «Wir werden auf das Stimmrecht hinarbeiten!» Die Ursprünge der Schweizer Frauenbewegung und ihre Pionierin Julie Ryff (1831–1908). Basel, 2021

Das Buch dokumentiert erstmals und mit neuen Fakten, wie Schweizer Frauen Ende des 19. Jahrhunderts begannen, gegen die patriarchale Ordnung zu kämpfen und sich zu organisieren. Franziska Rogger untersucht, wie sie sich national und international zusammenschlossen – in kaum bekannten Komitees und Gruppen in Genf oder in Bern. Erst baten engagierte Schweizerinnen die Herren in Bittschriften um konkrete Verbesserungen ihrer Lebensumstände. Schliesslich wurde klar, dass dafür Gesetzesänderungen notwendig waren. Als nicht stimmberechtigt waren Frauen von der Gesetzesarbeit indes ausgeschlossen.
Zentrale Figur der Bewegung war die in Basel geborene Julie Ryff (1831–1908). Das Buch stellt mit ihrem Porträt das Leben einer politisch aktiven Frau aus dem späteren 19. Jahrhundert vor und zeigt, wie Schweizerinnen in früheren Jahren ihre Erfahrungen pragmatisch und über viele juristische und vereinspolitische Wege zu politischen Forderungen verdichteten, auf dass hundert Jahre später das Frauenstimm- und -wahlrecht errungen werden konnte.

Benutzte Archivbestände zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl):

  • Ar 6 Frauenstimmrechtsverein Zürich
  • Ar 29 Schweizerischer Verband für Frauenstimmrechte (SVF)
  • Ar 591 Freundinnen junger Mädchen (FJM)
Für die Konsultation von Archivalien, Dokumentationen und Altbeständen im Lesesaal muss nach erfolgter Online-Bestellung telefonisch ein Termin vereinbart werden.
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Vor 150 bis 30 Jahren: Der lange Weg zum Schweizer Frauenstimmrecht

In den vergangenen Jahren feierten unsere Nachbarländer Deutschland und Österreich Frauenwahlrechtsjubiläen. Ein Jahrhundert nach den demokratischen Revolutionen zu Ende des Ersten Weltkriegs befasste sich eine ganze Reihe von Veranstaltungen und Publikationen mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft der politischen Rechte der Frauen. 2021 ist nun Jubiläum in der Schweiz. Verschiedene Bücher dazu sind bereits erschienen und in der ersten Jahreshälfte öffnen mehrere Ausstellungen, die zum Teil auch Exponate aus dem Schweizerischen Sozialarchiv zeigen. Hierzulande gibt es indessen keine 100 Jahre, sondern erst ein halbes Jahrhundert Frauenstimmrecht zu feiern. Wenn man genau hinsieht, sogar noch weniger: Das erste eidgenössische Parlament, das vollständig nach dem allgemeinen Männer- und Frauenstimmrecht gewählt wurde, trat sein Amt erst im Herbst 1991 an. Das Thema Frauenstimmrecht figurierte zu jenem Zeitpunkt aber auch in der Schweiz seit über einem Jahrhundert auf der politischen Agenda.

Frauenstimmrecht als Forderung und Praxis von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg

Das 19. Jahrhundert war geprägt von Kämpfen zwischen alten Eliten, die an feudalen, ständischen und zünftischen Privilegien der Vormoderne festhalten wollten, und den aufstrebenden Gesellschaftsschichten aus dem Bürgertum und zunehmend auch der Industriearbeiterschaft, die auf Parlamentarisierung und Demokratisierung drängten. In diesem Prozess, der in unterschiedlichen Regionen Europas zeitlich und inhaltlich verschieden ablief, standen auch die politischen Rechte von Frauen zur Disposition. Auf der einen Seite wurden vormoderne Einflussmöglichkeiten von Frauen als „Ersatzmänner“ – von der Meisterwitwe im zünftischen Handwerk über die Grossgrundbesitzerin bis zur Monarchin – durch die am Ideal der gleichberechtigten männlichen Staatsbürger orientierten liberalen Kräfte zurückgedrängt. Auf der anderen Seite erhoben sich früh Stimmen, die eine Ausdehnung des staatsbürgerlichen Gleichheitsideals der Französischen Revolution auch auf die Frauen forderten. Bis zum Ersten Weltkrieg waren ihre Erfolge in Europa bescheiden, hingegen setzte sich das Frauenstimmrecht bereits in mehreren von EuropäerInnen kolonisierten und besiedelten Territorien in Übersee durch.

Auch die Schweiz wurde von diesem Prozess erfasst. Im Europa des 19. Jahrhunderts war sie eine Vorreiterin von Volksherrschaft und allgemeinem Männerwahlrecht, auch wenn bei der Bundesstaatsgründung von 1848 Juden sowie in vielen Kantonen Armengenössige und Steuerschuldner vorerst noch vom Wahlrecht ausgeschlossen blieben. Bei den politischen Rechten der Frauen hingegen tat sich zu jener Zeit wenig. 1833 gewährte das Berner Gemeindegesetz Grundbesitzerinnen Mitbestimmung in der Gemeindeversammlung, wo sie sich jedoch durch einen Mann vertreten lassen mussten. 1852 wurde dieses feudale Mitbestimmungsrecht auf Ledige und Witwen eingeschränkt, 1887 sogar ganz abgeschafft. Im Zuge der demokratischen Verfassungsrevision im Kanton Zürich von 1868/69 forderte eine anonyme Eingabe von „mehreren Frauen aus dem Volk“, die ihren „guten Namen nicht der Spottlust böser Zungen preisgeben“ wollten, die „Wahlberechtigung und Wahlfähigkeit für das weibliche Geschlecht in allen sozialen und politischen Angelegenheiten und Beziehungen“: „Es wäre traurig und beschämend, wenn Jeder von den Männern des Volkes nur die vollste Freiheit für sich, nicht aber für Andere und am wenigsten für uns Frauen in Anspruch nähme.“ Diakon Hirzel aus Zürich setzte sich immerhin dafür ein, dass „in Kirchen- und Schulgemeinde-Versammlungen die in der Gemeinde verbürgerten und niedergelassenen Frauenspersonen (verheirathete und unverheirathete) das Stimmrecht erhalten unter denselben Bedingungen wie die Männer“. Selbst diese moderate Forderung fand aber keinen Eingang in die neue Verfassung, die damals demokratischste der Welt (s. SozialarchivInfo 6/2018).

Im Jahre 1886 reichten 139 Frauen unter Führung der Genfer Frauenrechtlerin Marie Goegg-Pouchoulin eine Frauenpetition an die Eidgenössischen Räte ein. Am 1. Januar 1887 publizierte die „Züricher Post“ den Artikel „Ketzerische Neujahrsgedanken einer Frau“, in dem die Bündnerin Meta von Salis, die im selben Jahr als erste Frau an der Universität Zürich in Geschichte doktorierte, erstmals in der Deutschschweiz öffentlich das Frauenstimmrecht forderte. In den folgenden zwei Jahrzehnten entstanden verschiedene Organisationen, die sich für eine rechtliche Besserstellung der Frauen einsetzten und schliesslich auch die Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts forderten. So gründete Emilie Kempin-Spyri, die erste habilitierte Juristin der Schweiz, 1893 den Zürcher „Frauenrechtsschutzverein“, der mit Petitionen und Referaten an die Öffentlichkeit trat und eine Rechtsberatungsstelle für Frauen einrichtete. 1893 fusionierte der „Frauenrechtsschutzverein“ mit dem „Schweizerischen Verein für Frauenbildungsreform“ zur „Union für Frauenbestrebungen“, die sich dann 1930 in „Frauenstimmrechtsverein Zürich“ umbenennen sollte. 1896 fand im Rahmen der Genfer Landesausstellung der erste „Schweizerische Kongress für Fraueninteressen“ mit rund 300 Delegierten statt, die die Frauenstimmrechtsfrage kontrovers diskutierten. Ein knappes Jahr später publizierte der Staatsrechtsprofessor und freisinnige Nationalrat Carl Hilty im „Politischen Jahrbuch der Schweiz“ einen umfangreichen Artikel zum Frauenstimmrecht, der bei der Einführung ein schrittweises Vorgehen empfahl und in der sich formierenden Frauenbewegung eine breite Resonanz erfuhr.

1900 entstand als Dachverband der bürgerlichen Frauenorganisationen der „Bund Schweizerischer Frauenvereine“ (BSF) unter dem Präsidium der Berner Patrizierin Helene von Mülinen. Den Kampf für das Frauenstimmrecht führte in der Folge aber hauptsächlich eine andere Dachorganisation, der 1909 gegründete „Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht“ (SVF, später: Schweizerischer Verband für Frauenrechte), dessen Archiv heute im Schweizerischen Sozialarchiv lagert. Die ab 1905 entstehenden kantonalen Frauenstimmrechtsvereine, deren zu jener Zeit insgesamt etwa 800 Mitglieder vor allem aus dem protestantisch-liberalen Bürgertum stammten, entfalteten eine rege Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Erfolge waren zunächst aber bescheiden. Immerhin führte 1905 die evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich das passive Frauenwahlrecht ein, 1909 der Kanton Waadt sogar das ganze kirchliche Frauenstimmrecht. Den Frauenstimmrechtsvereinen gehörten auch männliche Mitglieder an. Selbst das Gründungspräsidium des SVF ging mit dem liberalen Grossrat Auguste de Morsier, der 1907 die „Association genevoise pour le suffrage féminin“ gegründet hatte, an einen Mann. Ab 1912 wurde der SVF dann durchgehend von Frauen präsidiert.

Parallel dazu entwickelte sich auch in den Arbeiterorganisationen eine Frauenstimmrechtsbewegung. Der 1890 entstandene „Schweizerische Arbeiterinnenverband“ forderte 1893 erstmals das Frauenstimmrecht. Das SP-Parteiprogramm von 1904 enthielt dann den Punkt „Gleichstellung der Frau mit dem Manne im öffentlichen und Privatrecht; als Anfang: Ausdehnung des aktiven und passiven Wahlrechts der Frau für die Schul-, Kirchen- und Armenbehörden“. 1912 war das Frauenstimmrecht erstmals Gegenstand einer Debatte am SP-Parteitag. Neben den beiden einzigen weiblichen Delegierten ergriffen auch eine Reihe von Parteigrössen zugunsten des Frauenstimmrechts das Wort. Der spätere Kommunist Fritz Platten meldete aber den Vorbehalt an, „über unsere Ideen nicht aufgeklärte“ Proletarierinnen würden den Stimmzettel „im reaktionären Sinne“ gebrauchen und die Frau müsste bei einer Gewährung des Stimmrechts „bei ihrem psychischen Zustand eine Wandlung vollziehen“. Im selben Jahr forderte die SP St. Gallen im Grossen Rat erfolglos das kantonale Frauenstimmrecht. Weitere Vorstösse in anderen Kantonen fruchteten ebenfalls nicht.

Mit dem Erstarken der Frauenstimmrechtsbewegung ab der Jahrhundertwende folgte die Schweiz einem internationalen Trend. Bereits während der Französischen Revolution hatte die Schriftstellerin Olympe de Gouges 1791 in ihrer „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“ die politische und rechtliche Gleichstellung der Geschlechter gefordert. Während des 19. Jahrhunderts wurde das allgemeine Frauenstimmrecht aber nirgends in Kontinentaleuropa verwirklicht. Einzelne Ansätze dazu gab es hingegen in Übersee in jungen Staaten mit noch wenig gefestigten politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Im US-Bundesstaat New Jersey konnten reiche Frauen unter dem Zensuswahlrecht des späten 18. Jahrhunderts wählen, verloren dieses Recht dann aber 1807 bei der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts. Ab 1838 waren in Kentucky steuerzahlende Witwen und weibliche Haushaltsvorstände in Schul- und Steuerangelegenheiten stimmberechtigt. Die Gemeinde Vélez im Nordosten Kolumbiens führte 1853 das Frauenwahlrecht ein. 1862 erhielten in der argentinischen Provinz San Luis Frauen, die lesen und schreiben konnten, das Wahlrecht auf Gemeindeebene.

In den USA gab es in den 1840er Jahren mehrere Petitionen zugunsten des Frauenwahlrechts und ab den 1860er Jahren entstanden verschiedene Frauenwahlrechtsorganisationen. 1872 kandidierte die Frauenrechtlerin Victoria Woodhull für die „Equal Rights Party“ sogar bei den Präsidentschaftswahlen. Dabei nutzte sie die Kuriosität aus, dass Frauen zwar kein aktives Wahlrecht hatten, die Wählbarkeit hingegen nicht ausdrücklich auf die Männer eingeschränkt war. Ihre Stimmen wurden indessen nicht ausgezählt, da sie das erforderliche Wahlalter von 35 Jahren noch nicht erreicht hatte. Nächste weibliche Präsidentschaftskandidatin war 1884 die Rechtsanwältin Belva Lockwood. Sie kam auf 4’194 (männliche) Stimmen (0,05%) und kandidierte vier Jahre darauf erneut. Das „Territory“ Wyoming hatte schon 1867 das aktive Frauenwahlrecht eingeführt und behielt es auch 1890 nach der Erhebung zum US-Bundesstaat bei. Auch in den verschiedenen frühsozialistischen Siedlungsprojekten der USA war das Frauenstimmrecht ein Thema. Die in den frühen 1850er Jahren in Adams County (Iowa) entstandene Gemeinschaft der ikarischen Bewegung nach der Gesellschaftsutopie Etienne Cabets spaltete sich Mitte der 1870er Jahre sogar wegen der Frauenstimmrechtsfrage. Im zur Jahrhundertmitte entstandenen Mormonenstaat Utah wurde das Frauenwahlrecht 1870 eingeführt, 1887 wieder abgeschafft und 1896 erneut eingeführt. Die Einführung des Frauenwahlrechts stand hier im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Mormonen, die vom Kongress bekämpfte Polygamie zu verteidigen. 1893 führte der Bundesstaat Colorado das Frauenwahlrecht ein – als weltweites Novum geschah dies per Volksbeschluss. Bis zum Ersten Weltkrieg folgten Idaho (1896), Washington (1910), Kalifornien (1911), Arizona (1912), Oregon (1912), Kansas (1912), Alaska (1913), Montana (1914) und Nevada (1914). Im Jahre 1910 reichten die Frauenwahlrechtsorganisationen dem Kongress eine Petition ein, die von 400’000 Frauen unterzeichnet war. Die Kunde von diesen Entwicklungen erreichte auch frühzeitig die Schweiz. Dies bezeugt ein Wagen am Zürcher Sechseläuten-Umzug von 1870, auf dem unter dem Motto «Amerikanische Verhältnisse» als Frauen verkleidete Zünfter rauchten, Zeitungen lasen und am Rednerpult gestikulierten.

Auch im Pazifikraum gab es frühe Ansätze. Die Nachfahren der Meuterer der „Bounty“ auf den Pitcairninseln kannten in ihrer rudimentären staatlichen Organisation seit 1838 das Frauenstimmrecht. In Neuseeland gab es ab 1878 eine Reihe von erfolglosen Gesetzesvorlagen für das Frauenwahlrecht. Eingeführt wurde dieses dann 1893, im selben Jahr wie auf den Cookinseln. 1894 führte auch die Kolonie South Australia, wo Grundbesitzerinnen schon seit 1861 wählen durften, das allgemeine Frauenwahlrecht ein, 1899 folgte Western Australia. Ein Jahr nach dem Zusammenschluss der australischen Kolonien wurde 1902 das Frauenwahlrecht im „Commonwealth of Australia“ auch auf Bundesebene verwirklicht.

In Grossbritannien konnten im frühen 19. Jahrhundert, als weniger als 3% der Bevölkerung das an ein hohes Vermögen gebundene Wahlrecht zum Parlament besassen, einige reiche Frauen an Wahlen teilnehmen. Mit der Reform von 1832, die das Wahlrecht auf die oberen Mittelschichten ausweitete, wurden Frauen aber ausdrücklich ausgeschlossen. Hingegen räumte das Gemeindewahlgesetz von 1869 alleinstehenden, Steuern zahlenden Frauen das Wahlrecht ein. 1894 wurde dieses auf gewisse verheiratete Frauen ausgedehnt, so dass um die Jahrhundertwende rund eine Million Frauen auf den Wahllisten für Gemeindewahlen registriert waren. Ab den 1860er Jahren entstanden verschiedene Organisationen, die sich für das Frauenwahlrecht ins Parlament stark machten. Nach Jahrzehnten erfolgloser Lobbytätigkeit bei Parlamentsmitgliedern und in der Öffentlichkeit gründeten 1903 Emmeline Pankhurst und ihre Töchter die militante „Women’s Social and Political Union“ (WSPU), deren Mitglieder bald als „Suffragetten“ bekannt wurden. 1908 organisierte die WSPU eine Demonstration im Londoner Hyde Park, an der sich rund 300’000 Menschen beteiligten. Die WSPU setzte aber auch auf Aktionen zivilen Ungehorsams, die sich in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend radikalisierten. Dazu gehörten das Anketten an Zäune im Zentrum von London, Steinewerfen gegen Polizisten und Fensterscheiben, Brandstiftungen gegen Kirchen und Briefkästen und sogar Bombenanschläge, etwa 1913 auf das Landhaus von Schatzkanzler David Lloyd George. Premierminister Herbert Asquith wurde von Aktivistinnen mit Pfeffer und einer toten Katze beworfen. Verhaftete WSPU-Mitglieder traten im Gefängnis in den Hungerstreik und wurden zwangsernährt. 1913 warf sich die Suffragette Emily Davison, eine Absolventin der Oxford University, nach neun Verhaftungen und sieben Hungerstreiks beim Epsom Derby vor das Rennpferd König Georg V. und starb wenige Tage darauf an den dabei erlittenen Verletzungen.

Auch auf internationaler Ebene schloss sich die Frauenstimmrechtsbewegung zusammen. 1902 fand in Washington die erste internationale Frauenstimmrechtskonferenz statt. In Vorbereitung darauf gründeten deutsche Frauenrechtlerinnen den „Deutschen Verband für Frauenstimmrecht“. Auf der zweiten internationalen Frauenstimmrechtskonferenz von 1904 in Berlin wurde dann die „International Woman Suffrage Alliance“ (IWSA) aus der Taufe gehoben. Ihr Präsidium übernahm mit Carrie Chapman Catt die führende Figur der „National American Woman Suffrage Association“. Parallel zu diesen bürgerlich geprägten Organisationen entstand auf dem Kongress der Zweiten Internationale von 1907 die „Sozialistische Fraueninternationale“ mit Clara Zetkin als Sekretärin. Diese Organisation initiierte 1910 den 8. März als Weltfrauentag, der zunächst vor allem der Wahlrechtsforderung Nachdruck verleihen sollte und 1911 auch in 15 Ortschaften der Schweiz erstmals gefeiert wurde.

In Europa hatte die Frauenstimmrechtsbewegung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs indessen noch wenig Erfolg. Immerhin führte das unter russischer Oberhoheit stehende Finnland 1906 zusammen mit dem allgemeinen Männerwahlrecht auch das aktive und passive Frauenwahlrecht ein. Bei den ersten demokratischen Wahlen im folgenden Jahr wurden 19 Frauen ins 200-köpfige finnische Parlament gewählt. In Norwegen durften Grundbesitzerinnen und Ehefrauen von Grundbesitzern ab 1901 auf lokaler, ab 1907 auch auf nationaler Ebene wählen. 1913 wurde dann auch hier das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt.

Aufbruchstimmung und Rückschläge nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg brachte auch für die Frauenstimmrechtsbewegung einen gewaltigen Einschnitt. Die Mobilisation der Männer in die Armeen führte dazu, dass viele „männliche“ Positionen in Industrie und Landwirtschaft von Frauen übernommen wurden. Dies nährte Hoffnungen auf eine Einführung des Frauenstimmrechts als Anerkennung dieser Leistungen. In Grossbritannien führte die Frage, ob die Suffragetten-Bewegung nun mit der Regierung zusammenarbeiten und die Kriegsanstrengungen unterstützen oder eine oppositionell-pazifistische Haltung einnehmen solle, allerdings zu Spaltungen der WSPU und einer dauerhaften Entfremdung zwischen Emmeline Pankhurst, die 1926 der Konservativen Partei beitreten sollte, und ihrer Tochter Sylvia, die zur Rätekommunistin wurde. Während des Kriegs führte 1915 das neutrale Dänemark das Frauenwahlrecht, das auf lokaler Ebene bereits seit 1908 bestand, auch auf nationaler Ebene ein. Die Umbrüche bei Kriegsende gaben dem Frauenstimm- und -wahlrecht dann einen Schub. In mehreren Ländern mündete der Krieg in Revolutionen, in deren Verlauf auch die Frauen politische Rechte erhielten. Dazu gehörten Russland (1917) sowie die Kriegsverlierer Deutschland, Österreich, Ungarn (alle 1918) und, mit einer gewissen Verzögerung, die aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches hervorgegangene Republik Türkei (1934). Auch neu entstandene Staaten wie Polen (1918), die Tschechoslowakei (1920) und Irland (1922) führten das Frauenwahlrecht ein, ebenso Schweden (1919), Luxemburg (1919) und Albanien (1920).

Bei den Siegermächten des Weltkriegs war der Schwung geringer. In Frankreich, das als eines von wenigen Ländern schon im späten 19. Jahrhundert das allgemeine Männerwahlrecht gekannt hatte, verzögerte sich die Einführung des Frauenwahlrechts bis 1944. In den USA war seit 1878 beim Kongress ein nicht behandelter Antrag auf einen Verfassungszusatz anhängig, der die Einschränkung des Wahlrechts aufgrund des Geschlechts verbieten wollte. Im Januar 1915, noch vor dem amerikanischen Kriegseintritt, lehnte das Repräsentantenhaus eine Frauenwahlrechtsvorlage deutlich ab. Hingegen war im November 1917 im Bundesstaat New York ein Referendum zum Frauenwahlrecht erfolgreich und im September 1918 machte sich Präsident Woodrow Wilson vor dem Senat dafür stark, endlich den entsprechenden Verfassungszusatz zu realisieren. Dieser passierte 1918 das Repräsentantenhaus und 1919 im dritten Anlauf auch den Senat und wurde in der Folge bis im August 1920 von den erforderlichen 36 Bundesstaaten ratifiziert. Weiterhin hinderten aber die segregationistischen Südstaaten mit juristischen Tricks und teilweise auch Gewalt die afroamerikanischen Männer und Frauen an der Ausübung des Wahlrechts. Grossbritannien führte im Februar 1918 mit dem „Representation of the People Act“ das allgemeine Männerwahlrecht ein. Das Wahlrecht für Frauen wurde dagegen beschränkt auf über 30-Jährige, die als Alleinstehende mindestens fünf Pfund Steuern bezahlten oder deren Ehemänner dieser Steuerkategorie angehörten, sowie weibliche Haushaltsvorstände und Universitätsabsolventinnen. Erst 1928 fielen diese Einschränkungen weg. Belgien beschloss 1919 das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht, gestand jedoch nur jenen Frauen das Wahlrecht zu, die im Ersten Weltkrieg besonders gelitten hatten. Dazu gehörten Witwen (oder, falls nicht vorhanden, Mütter) von Soldaten oder Zivilisten, die vom Feind getötet worden waren, sowie Frauen, die während der deutschen Besetzung für patriotische Handlungen verurteilt oder inhaftiert worden waren. Erst 1948 führte Belgien das allgemeine Frauenwahlrecht ein. In Italien stimmte 1919 das Abgeordnetenhaus für die Einführung des Frauenwahlrechts, die aber vom Senat blockiert wurde und dann erst nach der faschistischen Ära 1946 zustande kam.

Auch in der Schweiz gab es während und nach dem Ersten Weltkrieg Bestrebungen zur Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler und kantonaler Ebene. Am 17. Juni 1918 durfte nach einer Arbeiterinnendemonstration in Zürich erstmals eine Frauendelegation vor dem Kantonsrat sprechen. Am 6. November skizzierte Robert Grimm an einer Sitzung des Oltener Aktionskomitees ein Agitationsprogramm, das unter anderem die Forderung nach dem Frauenstimmrecht enthielt. Fünf Tage darauf figurierte das Frauenstimmrecht dann im Katalog der Landesstreikforderungen. SVF-Präsidentin Emilie Gourd forderte noch während des Streiks den Bundesrat in einem Telegramm – bei grundsätzlicher Distanzierung vom Landesstreik –auf, dieses Postulat zu erfüllen. Umgekehrt stellte Bundespräsident Felix Calonder während der Landesstreikdebatte im Parlament zwar die Erfüllung einer Reihe von Streikforderungen – so die Regierungsbeteiligung der SP, die rasche Umsetzung des Proporzwahlrechts oder die Einführung der 48-Stunden-Woche und der AHV (s. SozialarchivInfo 3/2017 und 4/2019) – in Aussicht, meinte jedoch, auf das Thema Frauenstimmrecht „wollen wir heute nicht eintreten“.

In der Folge überwies das Parlament zwei Motionen der Nationalräte Herman Greulich (SP) und Emil Göttisheim (FDP) für die Einführung des eidgenössischen Frauenstimmrechts in der abgeschwächten Form von Postulaten. Zu ihrer Unterstützung reichten im Juni 1919 158 Frauenverbände eine Petition ein. Die Postulate verschwanden aber in der Schublade des zuständigen Bundesrats und wurden jahrzehntelang nicht behandelt. Entsprechende Vorstösse auf kantonaler Ebene scheiterten: Zwischen 1919 und 1921 lehnten die männlichen Stimmberechtigten in Genf, Neuchâtel, Basel-Stadt, Zürich, Glarus und St. Gallen Vorlagen zur Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts deutlich ab – mit jeweils 65 bis 80% Nein-Stimmen. Hingegen wurde im Tessin 1919 in den Bürgergemeinden der Landbesitzer („patriziati“) ein Familienstimmrecht eingeführt, das durch Männer wie Frauen ausgeübt werden konnte. Wie Frankreich blieb damit mit der Schweiz ein zweites Pionierland des allgemeinen Männerwahlrechts Nachzügler beim Frauenstimmrecht.

Nach den ernüchternden Resultaten der Umbruchphase bei Kriegsende ging der Kampf um das Frauenstimmrecht weiter. 1923 verlangte eine Gruppe von 23 Frauen erfolglos die Aufnahme ins Stimmregister des Kantons Bern. 1928 demonstrierte an der ersten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Bern ein Schneckenwagen gegen das langsame Tempo bei der politischen Gleichberechtigung der Frauen. Im folgenden Jahr reichte der SVF mit Unterstützung anderer Frauenorganisationen, der SP und der Gewerkschaften bei den Bundesbehörden eine Petition für das Frauenstimmrecht mit einer Viertelmillion Unterschriften (170’397 von Frauen, 78’840 von Männern) ein – ohne Wirkung.

Die Schweiz als frauenpolitischer Sonderfall der Nachkriegszeit

Wie der Erste schien auch der Zweite Weltkrieg der Forderung nach politischer Gleichberechtigung der Frauen Schub zu verleihen. Bereits 1940/41 kamen in Genf und Neuchâtel Vorlagen für das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht vors Volk, wurden aber verworfen. 1945 überwies der Nationalrat ein Postulat von Emil Oprecht (SP) für das Frauenstimmrecht. Seitens der Gegnerschaft gab der Schwyzer Bauernpolitiker Josef Schuler in der Ratsdebatte zu bedenken, auf dem Rütli seien 1291 auch nur Männer dabei gewesen. Im selben Jahr entstand unter Federführung des SVF das „Schweizerische Aktionskomitee für Frauenstimmrecht“. Nach wie vor gab es aber eine starke Gegnerschaft, sogar auch von Frauen, die sich im „Schweizerischen Frauenkreis gegen das Frauenstimmrecht“ organisierten. Eine prominente Figur war Hanna Seiler-Frauchiger, deren Nachlass sich im Sozialarchiv befindet. Seit Kriegsende Mitglied im „Frauenkreis des Zürcher Unterlandes gegen das Frauenstimmrecht“, präsidierte sie in der Folge den bis Ende der 60er Jahre aktiven „Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht“.

Wie nach dem Ersten Weltkrieg setzten auch nach 1945 eine Reihe von kantonalen Abstimmungen der Aufbruchstimmung ein jähes Ende. In den Kantonen Basel-Stadt (1946 und 1954), Basel-Land (1946 und 1955), Genf (1946 und 1953), Tessin (1946), Zürich (1947, 1954 und 1966), Neuchâtel (1948), Solothurn (1948) und Waadt (1951) schickten die männlichen Stimmberechtigten Vorlagen für das kantonale oder kommunale Frauenstimmrecht bachab – zum Teil mit sehr deutlichen Resultaten. Vor diesem Hintergrund gelangte der Bundesrat 1951 in seinem Bericht zum Postulat Oprecht zum Schluss, dass der Zeitpunkt für eine Abstimmung über das eidgenössische Frauenstimmrecht noch nicht gekommen sei. In der Folge fanden in Genf (1952), Basel-Stadt (1954) und Zürich (1955) Frauenbefragungen statt, um dem oft verwendeten Argument, die Frauen wünschten gar keine politischen Rechte, auf den Grund zu gehen. Dabei sprachen sich 85% der Genferinnen, 73% der Baslerinnen und 80% der Zürcherinnen für das Frauenstimmrecht aus.

Ende der 50er Jahre kam das Thema erneut aufs Tapet. Im Jahre 1958 führte die Basler Gemeinde Riehen als erste das kommunale Frauenstimmrecht ein. Zugleich wurde das eidgenössische Frauenstimmrecht im Zusammenhang mit einer Zivilschutzvorlage aktuell. Die in der Atmosphäre des frühen Kalten Krieges entwickelten Pläne des Bundesrates, ein Zivilschutzdienstobligatorium für Frauen einzuführen, stiessen auf erbitterten Widerstand von SVF, BSF und weiteren Frauenorganisationen. Der Bundesrat legte daraufhin einen Abstimmungsentwurf zum eidgenössischen Frauenstimmrecht vor, um die geplanten neuen Pflichten der Frauen mit der Einführung politischer Rechte abzugelten. Die Frauenstimmrechtsvorlage passierte 1958 mit Zweidrittelmehrheiten beide Räte, allerdings auch mit Hilfe von Frauenstimmrechtsgegnern, die auf ein negatives Verdikt in der Volksabstimmung spekulierten. Im selben Jahr fand in Zürich die zweite SAFFA statt und publizierte Iris von Roten ihr kontrovers aufgenommenes Buch „Frauen im Laufgitter“.

Schliesslich scheiterten sowohl das Zivilschutzobligatorium als auch das Frauenstimmrecht an der Urne. Im März 1957 lehnten die Stimmberechtigten die von beiden Räten einstimmig beschlossene und von allen grossen Parteien zur Annahme empfohlene Zivilschutzvorlage mit 51,9% Nein ab. Ausschlaggebend war eine massive Ablehnung in der Romandie. Bei diesem Urnengang liess die Gemeinde Niederdorf (Basel-Land) die Frauen konsultativ abstimmen. Die Walliser Gemeinde Unterbäch nahm sogar die Frauen ins Stimmregister auf und liess sie an der Abstimmung teilnehmen. Ihre separat gesammelten Stimmzettel mussten in der Folge annulliert werden, das Ereignis erfuhr aber landesweite Beachtung. Am 1. Februar 1959 schickten die Stimmberechtigten das eidgenössische Frauenstimmrecht mit 66,9% Nein bachab. Zustimmende Mehrheiten gab es einzig in den Kantonen Genf, Neuchâtel und Waadt, während in Appenzell-Innerrhoden die Vorlage von 95,1% der Stimmenden verworfen wurde. Von den Parteien hatten die SP, der Landesring der Unabhängigen und die Partei der Arbeit Ja-Parolen beschlossen. Freisinn und Katholisch-Konservative gaben Stimmfreigabe, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei gab die Nein-Parole heraus. Nach der Abstimmung organisierten die Lehrerinnen des Basler Töchtergymnasiums einen eintägigen Proteststreik. Immerhin führten 1959 die Kantone Waadt und Neuchâtel als erste das kantonale Frauenstimmrecht ein, gefolgt von Genf (1960), Basel-Stadt (1966), Basel-Land (1968), Tessin (1969), Wallis, Luzern und Zürich (1970). Demgegenüber sprachen sich in Appenzell-Innerrhoden 1969 und 1970 nicht nur die Männer-Landsgemeinde zwei Mal gegen das Frauenstimmrecht aus, sondern 1969 in einer Konsultativabstimmung auch rund 55% der Frauen. 1971 hiess die Innerrhoder Landsgemeinde wenigstens das fakultative Frauenstimmrecht in Kirch- und Schulgemeinden gut.

Mit den fehlenden politischen Rechten der Frauen stand die Schweiz in Europa nun zunehmend isoliert da. Von den Staaten, die am Ende der Zwischenkriegszeit das Frauenwahlrecht noch nicht kannten, führten es die meisten um 1945 ein. Als Nachzügler folgten Griechenland (1952) und Zypern (1960) sowie die Mikrostaaten San Marino (1958, passives Wahlrecht erst 1973), Monaco (1962) und Andorra (1970, passives Wahlrecht erst 1973). Spanien und Portugal besassen unter den Diktaturen Francos und Salazars ein eingeschränktes Frauenwahlrecht, das erst mit dem Übergang zur Demokratie Mitte der 70er Jahre universalisiert wurde. Einzige europäische Staaten ganz ohne Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene waren zu Beginn der 70er Jahre die Schweiz, das Fürstentum Liechtenstein und der absolutistische Staat der Vatikanstadt. Die Sonderstellung der Schweiz führte zu Problemen bei der Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK).

Die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz – und in Appenzell

Ende der 60er Jahre plante der Bundesrat den Beitritt zur EMRK mit einem Vorbehalt bezüglich des Frauenstimmrechts. Dagegen protestierten die Frauenorganisationen massiv. Neben die traditionellen Frauenstimmrechtsvereine trat zu jener Zeit unter dem Einfluss von „68“ die neue Frauenbewegung mit einem breiteren Verständnis von Feminismus und einem radikaleren Aktionsrepertoire. Wichtigste Organisation dieser Richtung wurde um 1970 die „Frauenbefreiungsbewegung“ (FBB). In Zürich trat die FBB erstmals 1969 öffentlich in Erscheinung, als sie einen Fackelzug des kantonalen Frauenstimmrechtsvereins mit einem improvisierten Strassentheater konkurrenzierte und damit gegen das doch recht traditionelle Rollenverständnis der alten Frauenbewegung protestierte. Am 1. März 1969 kam es mit dem „Marsch nach Bern“ zu einer grossen Demonstration für das Frauenstimmrecht. Emilie Lieberherr, die Präsidentin des Organisationskomitees und im Folgejahr erstes weibliches Mitglied der Zürcher Stadtregierung, hielt bei der Abschlusskundgebung fest: „Wir stehen hier nicht als Bittende, sondern als Fordernde“, und skandierte mit der Menge: „Schtüüre zaale, aber au a d’Wahle!“

Vor diesem Hintergrund arbeitete der Bundesrat eine neue Frauenstimmrechtsvorlage aus, die die Eidgenössischen Räte ohne Gegenstimme passierte und in der Volksabstimmung von sämtlichen Parteien zur Annahme empfohlen wurde. Am 7. Februar 1971 nahmen die stimmberechtigten Männer die Einführung des Frauenstimmrechts mit 65,7% Ja an. Immer noch gab es indessen sechseinhalb ablehnende Stände (St. Gallen, Thurgau, Schwyz, Uri, Glarus, Obwalden und die beiden Appenzell) – am massivsten lehnte erneut Appenzell-Innerrhoden mit 71,1% Nein ab. Demgegenüber betrug die Zustimmung im Kanton Genf 91,1%. Bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober 1971 schafften zehn Frauen den Sprung in den Nationalrat (je drei SP, FDP und CVP und eine PdA). Zudem wurde mit der Genfer Freisinnigen Lisa Girardin die erste Ständerätin gewählt. Girardin war zuvor jeweils als Pionierin 1961 in den Grossen Rat Genf und 1967 in die Genfer Stadtregierung gewählt worden und hatte 1968 als Stadtpräsidentin von Genf amtiert.

In der Folge führten die meisten verbliebenen Kantone 1971/72 auch das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht ein. In den beiden Appenzell erfolgte dieser Schritt aber bis Ende der 80er Jahre nicht. Damit gab es mit den an der Männer-Landsgemeinde gewählten Ständeräten dieser Halbkantone weiterhin Mitglieder der Bundesversammlung, die nicht durch das allgemeine Wahlrecht legitimiert waren. Inzwischen hatte auch das Fürstentum Liechtenstein das Frauenstimmrecht eingeführt. Im Februar 1971, drei Wochen nach der Abstimmung in der Schweiz, war dieses noch knapp mit 51% Nein abgelehnt worden, ebenso in einer weiteren Abstimmung 1973 mit sogar 55,9% Nein. Im dritten Anlauf sagten dann im April 1984 die männlichen Stimmenden im „Ländle“ mit 51,3% knapp Ja zum Frauenstimmrecht. Fünf Jahre später, am 30. April 1989, beschloss die Landsgemeinde von Appenzell-Ausserrhoden in Hundwil mit knappem Handmehr die Einführung des Frauenstimmrechts, nachdem sie diesen Schritt in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten fünf Mal abgelehnt hatte. Im folgenden Jahr lehnten hingegen die Innerrhoder Männer an der Landsgemeinde in Appenzell das Frauenstimmrecht zum fünften Mal deutlich ab. Aufgrund einer bereits 1989 eingereichten Stimmrechtsbeschwerde von Theresia Rohner sowie weiterer Beschwerden nach dem negativen Landsgemeindebeschluss befasste sich nun das Bundesgericht mit der Angelegenheit. Am 27. November 1990 entschied das Gericht, dass eine „zeitgemässe“ (statt einer „grammatikalischen“ oder „historischen“) Auslegung der Innerrhoder Verfassung bei den Formulierungen „Landleute“ und „Schweizer“ die Frauen mitmeinte und damit ohne Verfassungsänderung das Frauenstimmrecht einzuführen sei. An der nächsten Landsgemeinde im April 1991 versammelten sich dann erstmals auch Frauen im Ring in Appenzell. Statt mit dem Seitengewehr legitimierten sie sich, wie im Rest der Schweiz, mit gedruckten Stimmrechtsausweisen.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.117 SP Frauen Schweiz, Femmes Socialistes Suisses, Donne socialiste svizzere
  • Ar 1.130.11 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Frauen- und Jugendbewegung
  • Ar 1.310.6 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Frauenstimmrecht
  • Ar 6 Frauenstimmrechtsverein Zürich
  • Ar 17 SAFFA 1958
  • Ar 27.70.7 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Abstimmungen 1959-1963
  • Ar 27.70.22 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1943-1951
  • Ar 27.70.24 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1965-1966
  • Ar 27.70.25 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1969
  • Ar 27.85.7 SP Frauen Kanton Zürich: Akten 1918-1970
  • Ar 27.90.1 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Unterschriftenbogen von Volksinitiativen, Referenden und Petitionen 1917-1963
  • Ar 29 Schweizerischer Verband für Frauenrechte, Association suisse pour les droits de la femme
  • Ar 152.30.6 Nachlass Hedi Lang: Nationalratswahlen 1971-1979 und Wahl zur NR-Präsidentin 1981
  • Ar 170.15.20 Nachlass Herman Greulich: Diverses Nationalrat 1899-1924
  • Ar 198.19.3 Nachlass Klara Kaufmann: Zeitungsartikel und Leserbriefe 1945-1989
  • Ar 198.20.1 Nachlass Hanna Seiler-Frauchiger: Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht
  • Ar 201.16 Schweizerischer Arbeiterinnenverband
  • Ar 201.85 Verein Aktiver Staatsbürgerinnen / Verein für Frauenrechte / Frauenstimmrechtsverein / Union für Frauenbestrebungen
  • Ar 437 Frauen/Lesben-Archiv
  • Ar 465 Frauenbefreiungsbewegung Zürich (FBB) / Autonomes Frauenzentrum Zürich
  • Ar SGG A 70 A 1929 a Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Allgemeine Korrespondenz 1929
  • Ar SMUV 01D-0051 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Innenpolitik: Frauenstimmrecht; etc. 1919-1957
  • Ar SMUV 07A-0252 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Frauengruppen der Sektionen: Bienne, St. Imier, Vallorbe, Yverdon; Dokumentation Frauenstimmrecht 1961-1974

Sachdokumentation

  • KS 396/16+17 Frauenstimmrechtsbewegung: Ausland
  • KS 396/18-20 Frauenstimmrechtsbewegung: Schweiz
  • QS 21.5 Frauenstimmrecht
  • ZA 21.5 Frauenstimmrecht: Schweiz & Ausland
  • ZA 21.5 *1 Frauenstimmrecht: Allg. & Ausland
  • ZA 21.5 *2 Frauenstimmrecht: Schweiz

Bibliothek

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  • Rohner, Isabel und Rebecca Beerheide (Hg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht: Ziel erreicht! … und weiter? Sulzbach 2017, 143782
  • Rohner, Isabel und Irène Schäppi (Hg.): 50 Jahre Frauenstimmrecht: 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung. Zürich 2020, 144725
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  • Schweizerischer Verband für Frauenrechte (Hg.): Der Kampf um gleiche Rechte. Basel 2009, 121128
  • Seitz, Werner: Auf die Wartebank geschoben: Der Kampf um die politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900. Zürich 2020, in Bearbeitung
  • Seler-Sachs, Caecilie: Familie und Frauenstimmrecht: Vortrag. Berlin 2014, Hf 5316
  • Senti, Martin: Geschlecht als politischer Konflikt: Erfolgsbedingungen einer gleichstellungspolitischen Interessendurchsetzung: Eine empirische Untersuchung am Beispiel der Schweiz. Bern 1994, 97903
  • Studer, Brigitte et al. (Hg.): Frauen und Staat: Berichte des Schweizerischen Historikertages in Bern, Oktober 1996. Basel 1998, 105767
  • Taylor Mill, Harriet: Zur Erteilung des Frauenwahlrechts: Essay. Innsbruck 2020, erwartet
  • Trausmuth, Gernot: „Ich fürchte niemanden“: Adelheid Popp und der Kampf für das Frauenwahlrecht. Wien/Berlin 2019, 140927
  • Voegeli, Yvonne: Zwischen Hausrat und Rathaus: Auseinandersetzungen um die politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz 1945–1971. Zürich 1997, 101833
  • Wecker, Regina: Frauen in der Schweiz: Von den Problemen einer Mehrheit. 2 Bde. Zug 1983, 73929: 1+2
  • Wegmüller, Renate: „Die Frau gehört ins Haus“: Frauenstimmrecht und seine Hindernisse in der Schweiz und im Kanton Bern – zugleich ein Beitrag zu Art. 4 Abs. 2 BV. Bern 2000, Gr 10679
  • Weltbund für Frauenstimmrecht (Hg.): Frauenstimmrecht in der Praxis: 1913. Dresden 1913, 85351
  • Wickert, Christl (Hg.): Heraus mit dem Frauenwahlrecht: Die Kämpfe der Frauen in Deutschland und England um die politische Gleichberechtigung. Pfaffenweiler 1990, 92147
  • Woodtli, Susanna: Gleichberechtigung: Der Kampf um die politischen Rechte der Frau in der Schweiz. Frauenfeld 1983, 75125
  • Zetkin, Clara: Zur Frage des Frauenwahlrechts. Berlin 1907, Hf 4705
  • Ziegerhofer, Anita: Ohne Frauenbewegung kein Frauenwahlrecht: „Müht Euch um den Stimmzettel, er ist der Schlüssel zu allen bürgerlichen Rechten!“ Graz 2018, 141694

Periodika

  • Die Bürgerin, D 4571
  • L’Exploitée, GG 60
  • Frauenbestrebungen: Offizielles Organ der Union für Frauenbestrebungen, NN 1070
  • Die Frauenbewegung: Revue für die Interessen der Frauen, NN 1066
  • Frauenrecht, D 2110
  • Frauenstimmrecht: Organ des Frauenstimmrechtsvereins Zürich, NN 314
  • Jahrbuch der Schweizerfrauen, N 215
  • Le Mouvement féministe: Organe officiel des publications de l’Alliance nationale des sociétés féminines suisses, Z 183
  • Die Staatsbürgerin, N 447
  • Die Vorkämpferin, MFB 19
  • Zeitschrift für Frauenstimmrecht, NN 1066

Filme

  • Goël, Stéphane: De la cuisine au parlement. O. O. 2012, DVD 103
  • Volpe, Petra Biondina: Die göttliche Ordnung. Cham 2017, DVD 156

Ausstellungen zum Thema mit Exponaten aus dem Sozialarchiv

  • 50 Jahre Frauenstimmrecht: Historisches Museum Luzern, 23. Oktober 2020 – 29. August 2021
  • Hommage 2021: 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht: Bildprojektionen auf dem Bundesplatz (7. – 16. Februar 2021) und in der Berner Altstadt (7. Februar – 30. Juni 2021) sowie Hintergrund-Website.
  • FRAUEN.RECHTE: Landesmuseum Zürich, 5. März – 18. Juli 2021.
  • «Was wollt ihr denn noch?» 50 Jahre Frauenstimmrecht in Zürich: Stadthaus Zürich, 9. April – 9. Oktober 2021.

 

Vor 100 Jahren: Die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“

Dieser Tage ist viel von Verschwörungstheorien die Rede. Deren rasante Verbreitung wird vor allem mit den Möglichkeiten der neuen sozialen Medien in Verbindung gebracht. So kursiert seit über einem Jahrzehnt in den internationalen rechtsextremen Szenen die Vorstellung vom «Grossen Austausch», einem angeblichen Geheimplan, die europäischen Bevölkerungen gegen muslimische oder afrikanische ImmigrantInnen «auszutauschen». Verantwortlich für diesen «Plan», an dessen Wahrheitsgehalt auch die Attentäter der Terroranschläge von Oslo und Utøya (2011), Christchurch (2019) und Halle (2019) glaubten und auf den verschiedene AfD-, FPÖ- und FIDESZ-Politiker in Reden und Kampagnen angespielt haben, sollen wahlweise die «Globalisten», die «Elite», «die Juden», die «Multikulturalisten», der Investor und Mäzen George Soros, Bundeskanzlerin Angela Merkel, die UNO oder die Europäische Union sein. Von 2017 bis zu den Präsidentschaftswahlen vom November 2020 verbreitete die anonyme Figur «QAnon» im Internet Meldungen über einen angeblichen Kampf Donald Trumps gegen den auf eine Diktatur hinarbeitenden «Deep State» und eine pädophil-satanistische Verschwörung unter Beteiligung von Spitzenpolitikern der Demokratischen Partei, George Soros, der Rothschild-Familie und anderen «Globalisten» – und trug damit wesentlich zur Mobilisierung für den Sturm auf das United States Capitol vom 6. Januar 2021 und seitherigen Sehnsüchten nach einem Putsch bei. Auch um die Corona-Pandemie ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien. Unter Schlagwörtern wie «Plandemie» oder dem auf eine Initiative des Weltwirtschaftsforums (WEF) anspielenden Begriff «Great Reset» wird in Blogs etwa behauptet, Corona sei absichtlich von «den globalen Eliten» (oder wahlweise von Microsoft-Gründer Bill Gates oder «den Juden») in Umlauf gesetzt worden, um ein totalitäres System mit einer Weltregierung, Abschaffung der Eigentumsverhältnisse, Unterdrückung der Meinungsäusserungsfreiheit und Zwangsimpfungen mit Kontrollchips zu installieren.

Verschwörungstheorien sind indessen keine Neuerung unserer Zeit. In der Tat sind in den letzten zwei Jahrhunderten so viele Verschwörungstheorien zirkuliert, dass es darüber sogar ein (in der Bibliothek des Sozialarchivs greifbares) Lexikon gibt. Die interdisziplinäre Forschung zu Verschwörungstheorien hebt unter den psychologischen, sozialen und politischen Ursachen für die Akzeptanz solcher Phantasmagorien den Faktor Verunsicherung besonders hervor. In diesem Kontext vermittelt die Vorstellung von Verschwörungen und einem «unsichtbaren Regisseur» in als chaotisch empfundenen Zeiten Orientierung, erleichtert das vermeintliche Verständnis komplexer Entwicklungen und schafft durch Abgrenzung gegen «böse Mächte» Zugehörigkeitsgefühle zur Seite des «Guten». Verschwörungstheorien greifen damit drei Grundmotive abendländischer Geschichtsmetaphysik auf: die Teleologie (es gibt einen Masterplan, der auf ein Ziel hinläuft), den Dualismus zwischen Gut und Böse sowie den Okkultismus, also den scheinbaren Zugang zu einer verborgenen Wirklichkeit. Dies macht Verschwörungstheorien insbesondere in Krisenzeiten für ein breiteres Publikum attraktiv und lässt sie zu einem Manipulationsinstrument werden, das zur Rechtfertigung von Herrschafts-, Unterdrückungs- oder im Extremfall gar Vernichtungsmassnahmen dienen kann.

Die Vorstellung von einer «jüdischen Weltverschwörung»

Die wohl langlebigste und sich am hartnäckigsten haltende Verschwörungstheorie ist die Vorstellung von einer jüdischen Weltverschwörung. Sie erlebte in der krisenhaften Zeit der beiden Weltkriege, als sie auch gezielt zu politischen Propagandazwecken eingesetzt wurde, einen Höhepunkt. Bereits im 19. Jahrhundert waren verschiedene Verschwörungstheorien zirkuliert, die sich auf «die Juden» bezogen, deren rechtliche Gleichstellung in zahlreichen europäischen Ländern eine antisemitische Gegenbewegung nach sich zog. Je nach Situation und Standpunkt wurden dieselben Vorstellungen aber etwa auch in Bezug auf Illuminaten, Jesuiten, Freimaurer, Anarchisten oder Sozialisten geäussert. Im Jahre 1879 behauptete der Journalist Wilhelm Marr in seinem Bestseller «Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum», in Deutschland habe eine «jüdische Fremdherrschaft» die Kontrolle übernommen über Presse, liberale Parteien und Finanzinstitutionen, denen sie «den semitischen Dispositions- und Manipulationsgeist eingeimpft» habe. Marr war vermutlich auch der Erfinder des – von ihm als positive Selbstbezeichnung verwendeten – Begriffs «Antisemit». Dabei gingen aus dem Mittelalter stammende antijüdische Stereotypen – wie die im östlichen Europa bis in die Zwischenkriegszeit zu Gerichtsprozessen führende Legende der rituellen Ermordung christlicher Kinder durch die Juden – mit Argumenten des aufkommenden Rassenantisemitismus Hand in Hand. Sowohl der Kapitalismus als auch der Sozialismus und zahlreiche Aspekte der modernen Kultur und Gesellschaft erschienen aus dieser Warte als jüdische Machwerke.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielten diese Verschwörungstheorien einen scheinbaren Beleg durch die sogenannten «Protokolle der Weisen von Zion». Dieser Text erschien erstmals 1903 in der rechtsextremen St. Petersburger Zeitschrift «Snamja». Deren Herausgeber Pavel Kruschevan hatte kurz zuvor bei einem Pogrom im bessarabischen Chișinău, dem etwa fünfzig Menschen zum Opfer fielen, eine führende Rolle gespielt. In den folgenden Jahren erschienen verschiedene russische und polnische Neueditionen der «Protokolle», zuerst 1905 im Anhang eines Buches des antisemitischen Schriftstellers Sergej Nilus. Der mehrere Dutzend Seiten lange, etwa zur Hälfte aus fiktionalen Büchern des 19. Jahrhunderts plagiierte Text gab vor, Reden eines namenlosen jüdischen Führers vor undatierten Versammlungen der «Weisen von Zion» über Taktik und Ziele einer Weltverschwörung zu sein: Durch Unterwanderung aller Lebensbereiche (etwa Presse, Parteien und Freimaurerlogen), Kriege, Revolutionen, Wirtschaftskrisen, Terroranschläge (etwa von zu diesem Zweck gebauten U-Bahn-Tunnels aus), Rationalismus, Materialismus und Atheismus sollten die christlichen Nationen zermürbt und ein jüdisches Weltreich errichtet werden. Über die genaue Entstehungsgeschichte des Textes in den Jahren unmittelbar vor seiner erstmaligen Publikation und eine mögliche Beteiligung der zaristischen Geheimpolizei an der Fälschung existieren in der Forschung verschiedene Thesen, die auf Textvergleichen, der Analyse sprachlicher Eigenheiten und Überlegungen zur möglichen Identität des Fälschers beruhen. Zweifel an der Echtheit der «Protokolle» kamen schon früh auf. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gelangte eine Untersuchung des russischen Innenministeriums zum Schluss, es handle sich um eine Fälschung.

Verbreitung und Entlarvung der «Protokolle» nach dem Ersten Weltkrieg

Zunächst erzielten die «Protokolle» eine eher geringe Resonanz. Dies änderte sich mit der russischen Oktoberrevolution 1917, als sie im anschliessenden Bürgerkrieg von den antibolschewistischen «Weissen», die sich wiederholt antijüdischer Pogrome mit Zehntausenden von Opfern schuldig machten, in grosser Zahl gedruckt und als Propagandamaterial an die eigenen Truppen verteilt wurden. Nach der bolschewistischen Ermordung der ehemaligen Herrscherfamilie im Juli 1918 wurde im Besitz von Zarin Aleksandra Fjodorovna Nilus’ Buch mit dem Text der «Protokolle» gefunden. Russische Exilanten brachten den Text in der Folge nach Mittel- und Westeuropa, um für ihre Sache zu werben. So erschienen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg Übersetzungen in zahlreichen Sprachen. Die Londoner «Times», die die «Protokolle» zunächst für echt gehalten hatte, veröffentlichte dann bereits im Sommer 1921 eine Artikelserie, die den Text als Fälschung und Plagiat entlarvte. Dies tat seiner weiteren Verbreitung aber keinen Abbruch.

In den Vereinigten Staaten sorgte der Industrielle Henry Ford für eine massenhafte Verbreitung der «Protokolle». Nachdem er sich weitgehend aus der Leitung seiner «Ford Motor Company» zurückgezogen hatte, widmete er sich verstärkt publizistischen Tätigkeiten. In der Zeitung «Dearborn Independent», die Ford 1919 kaufte, erschienen regelmässig antisemitische Artikel, die sich auf die «Protokolle» bezogen und vor einer jüdisch-bolschewistischen Gefahr weltweit und in den USA warnten. Diese Artikel wurden von 1920 bis 1922 unter dem Titel «The International Jew – The World’s Foremost Problem» auch in vier Bänden mit einer Auflage von einer halben Million publiziert, die in 16 weitere Sprachen übersetzt wurden.

Dolchstosslegende und Nazi-Propaganda

In Deutschland wurde der Text der «Protokolle» erstmals Anfang 1920 vom antisemitischen Publizisten Ludwig Müller von Hausen veröffentlicht. Im Vorwort behauptete der Herausgeber, die «Protokolle» seien 1897 auf dem ersten Zionistenkongress in Basel entstanden und von einem russischen Spitzel sichergestellt worden. Die Verbreitung der «Protokolle» in Deutschland wurde nach dem Ersten Weltkrieg dadurch begünstigt, dass sie kompatibel waren mit einer anderen damals weitverbreiteten Verschwörungstheorie: der Dolchstosslegende. Nach der Kriegsniederlage setzten Mitglieder der Obersten Heeresleitung die Lüge in Umlauf, das deutsche Heer sei «im Felde unbesiegt» geblieben, aber durch einen «Dolchstoss in den Rücken» von oppositionellen Zivilisten, Demokraten und Sozialisten, zu Fall gebracht worden. In Tat und Wahrheit hatte die Oberste Heeresleitung bereits Ende September 1918, fünf Wochen vor Beginn der Novemberrevolution, erkannt, dass die militärische Lage aussichtslos war, und die Reichsregierung zu einer Beteiligung der demokratischen Parteien an der Regierung gedrängt, um diese dann für die zu erwartenden harten Friedensbedingungen verantwortlich machen zu können. Den Urhebern der Dolchstosslegende ging es also darum, von den Fehlern der militärischen Führung abzulenken und das ihnen unsympathische demokratische System der neuen Weimarer Republik von Beginn weg zu diskreditieren. Tatsächlich griffen deutschnationale, völkische und nationalsozialistische Kreise die Dolchstosslegende rasch auf und benutzten sie nicht nur in der politischen Agitation gegen die als «Novemberverbrecher» geschmähten demokratischen Parteien, sondern auch in der antisemitischen Propaganda, indem sie nun «die Juden» auch oder sogar vornehmlich für den angeblichen «Dolchstoss» verantwortlich machten.

Im Vorfeld der Reichstagswahlen vom Dezember 1924 publizierten die «Süddeutschen Monatshefte» mehrere «Dolchstossnummern». Als ein sozialdemokratischer Journalist daraufhin den Chefredaktor der Monatshefte der «Geschichtsfälschung» zieh, kam es zu einem Ehrverletzungsverfahren, der als «Münchner Dolchstossprozess» in die Geschichte eingegangen ist. Das Gericht befand Ende 1925, bei der Dolchstossbeschuldigung handle es sich um einen «Irrtum», wertete den Vorwurf der «Geschichtsfälschung» aber dennoch als Ehrverletzung und üble Nachrede, da dem Chefredaktor der Monatshefte keine Absicht unterstellt werden könne. Kurz zuvor hatte ein anderer Prozess um die Dolchstosslegende die Republik erschüttert, nachdem ein Redaktor der «Mitteldeutschen Presse» den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert für die Kriegsniederlage mitverantwortlich gemacht hatte. Im Dezember 1924 verurteilte das Amtsgericht Magdeburg den Journalisten wegen Beleidigung, meinte aber in der Urteilsbegründung, die Behauptung, Ebert habe durch Beteiligung an den Massenstreiks vom Januar 1918 Landesverrat begangen, sei im strafrechtlichen Sinne zutreffend. Das von republikfeindlichen Kreisen gefeierte Verdikt wurde zwar 1931 vom Reichsgericht revidiert. Ebert hatte aber wegen des Prozesses eine dringend notwendige Blinddarmoperation verzögert und verstarb am 28. Februar 1925 überraschend an einem Blinddarmdurchbruch. Dies ermöglichte bei der Neuwahl im Frühjahr 1925 der republikfeindlichen Rechten, mit Paul von Hindenburg, der von 1916 bis 1918 als Generalfeldmarschall die Oberste Heeresleitung geführt hatte, das Reichspräsidium zu übernehmen.

Die antisemitisch angereicherte Dolchstosslegende passte mit den «Protokollen der Weisen von Zion» bestens zusammen. Alfred Rosenberg, der 1917 als baltendeutscher Student in Moskau Augenzeuge der Oktoberrevolution gewesen war, dann zu einem glühenden Antisemiten und schliesslich zum Chefideologen der NSDAP wurde, publizierte 1923 einen ausführlichen Kommentar zu den «Protokollen», der die Entwicklung seit dem Ersten Weltkrieg als Resultat der in den «Protokollen» dargelegten Pläne bezeichnete und unter anderem den Vorwurf enthielt, die jüdisch kontrollierten Zeitungen seien extra unterhaltsam gestaltet, damit die Leserschaft die Fähigkeit zum selbstständigen Denken verlöre. Rosenbergs Kommentar, der in Hitlers «Mein Kampf» mehrfach zitiert wurde, avancierte zu einem Bestseller, erlebte 1924, 1933, 1938 und 1941 Neuauflagen und wurde ab 1933 auch im deutschen Schulunterricht verwendet. Ab 1929 erschien die deutsche Übersetzung der «Protokolle» im Parteiverlag der NSDAP. In der Nazi-Propaganda tauchten sie immer wieder auf. So brachte das antisemitische Hetzblatt «Der Stürmer» zwischen 1933 und 1941 nicht weniger als 19 Titelgeschichten, die auf die «Protokolle» Bezug nahmen. In solchen Propagandapublikationen konnten die «Protokolle» nun sowohl mit aus dem Mittelalter stammenden antijüdischen Vorurteilen wie der Ritualmordlegende und der Brunnenvergiftungsbeschuldigung in Zusammenhang gebracht werden als auch mit erschreckend aktuell klingender Polemik gegen das «jüdische» Impfen, das für «Stürmer»-Herausgeber Julius Streicher eine «Rassenschande» darstellte.

Die «Protokolle der Weisen von Zion» in der Schweizer Innenpolitik

Auch in der Schweiz stiessen die «Protokolle» auf Resonanz, schienen sie doch die auch hierzulande vorhandene Vorstellung vom «Judeo-Bolschewismus» zu bestätigen. Schon zwei Wochen nach der Oktoberrevolution hatte zum Beispiel der «Walliser Bote» behauptet, in Russland stehe nun «der Jude Lenin an der Spitze» (Walliser Bote, 24.11.1917). Im Frühjahr 1919 zitierten verschiedene Schweizer Blätter zustimmend aus ausländischen Zeitungen wie der «Wiener Reichspost» und der «Deutschen Allgemeinen Zeitung», die einen Zusammenhang zwischen Judentum und Bolschewismus herstellten. Das «Journal de Genève» wies im März 1919 auf das Judentum als angeblich verbindendes Element von Kommunisten und Sozialdemokraten im post-habsburgischen Raum hin, hielt anderthalb Jahre später dann aber fest, die weit verbreitete Vorstellung vom Bolschewismus als jüdische Erfindung sei eine Legende (Journal de Genève, 29.3.1919 und 28.7.1920). Der «Nebelspalter» reimte im August 1919 nach zwei lokalen Generalstreiks in Basel und Zürich: «Was denn bekümmert uns Vaterlands Not? Wer nicht Genosse, den schlagen wir tot, Weib, Kind und Gut – ein gemeinsamer Sud, Wie es geboten der russische Jud’» (Nebelspalter 34/1919). Das «Appenzeller Sonntagsblatt» meinte im Dezember 1919, das «internationale Judentum» habe «in der Person Trotzkis und anderer die Herrschaft in Russland an sich gerissen». Ein Jahr darauf publizierte der «Wehnthaler» eine Serie antisemitischer Karikaturen zur kurzlebigen ungarischen Räterepublik vom Frühjahr 1919. Ähnliche Bilder erschienen noch 1933 unter dem Titel «Les Maîtres de la Révolution judéo-bolchevique» in mehreren Zeitungen der Romandie. Sie waren als Ausdruck der transnationalen Vernetzung des Antisemitismus der britischen Schrift «The Jewish bolshevism» von 1922 entnommen.

Ab dem Sommer 1920 wurden die «Protokolle der Weisen von Zion» auch in der Schweizer Presse bekannt. Der katholisch-konservative Redaktor der Wochenzeitung «Schweizerische Republikanische Blätter», Johann Baptist Rusch, publizierte im August 1920 einen Artikel darüber, der wenige Tage darauf unter dem Titel «Die jüdische Gefahr» auch auf der Frontseite des «Walliser Boten» erschien und die Echtheit der «Protokolle» erwiesen sah: «Juda regiert die Welt. Juda hat den Löwenanteil an der Beute aus dem entsetzlichen Zusammenbruch der europäischen Völkerfamilie davongetragen. Juda steht an der Spitze des Bolschewismus, des revolutionären Sozialismus. Juda bildet das furchtbare Sprengpulver im sozialen, politischen und religiösen Leben der Völker. Juda manövriert als unsichtbarer Regisseur hinter den blutbespritzten Kulissen des schaurigen Völkerkrieges und der aus ihm entsprungenen Weltrevolution» (Walliser Bote, 1.9.1920). Rusch sollte sich später dann von dieser Meinung distanzieren und die «Protokolle» in den 30er-Jahren öffentlich als Fälschung im Dienste antisemitischer Propaganda anprangern.

Im diplomatischen Apparat der Eidgenossenschaft war die Vorstellung vom «Judeo-Bolschewismus» ebenfalls bereits vor der Verbreitung der «Protokolle» im Westen verankert. Am 20. November 1918 mahnte das Eidgenössische Politische Departement die Gesandtschaft in Wien zur Vorsicht bei der Visaerteilung für Diplomaten aus den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie und betonte: «Défiez-vous surtout des Juifs, les expériences russes nous y engagent. De même des femmes.» Ende Februar 1919 schrieb der Gesandte in Wien, Charles-Daniel Bourcart, der Bolschewismus sei augenscheinlich nichts anderes, als die «Beherrschung der Welt durch den jüdischen Intellekt». Nach der Errichtung einer kurzlebigen Räterepublik in Ungarn meldete er dann im April, das Land werde nun «von diesem modernen Typus des Halbgebildeten» regiert, «Kaffeehaustheoretiker, alles Juden, die jahrelang in unproduktiven Theorien unbefriedigtem Machttrieb huldigten». Edouard Odier, bis Ende 1917 Gesandter in Petrograd, behauptete im selben Monat in einem Bericht an Bundesrat Felix Calonder, fast alle bolschewistischen Führer seien Juden, die ihre Herkunft unter russisch klingenden Namen verbergen würden. Einige Wochen früher hatte Konsul Suter aus Warschau geschrieben, es müsse «eine Organisation existieren», die sich zur Aufgabe gestellt habe, «die Weltherrschaft des Judentums auf kommunistischer Grundlage wieder aufzurichten». Ein Bericht des Politischen Departements an die Schweizer Gesandtschaften vom März 1921 nahm dann ausdrücklich auf die «Protokolle» Bezug: «Es ist wichtig festzuhalten, was durch undiskutable Tatsachen bewiesen ist, nämlich, dass ein guter Teil des Programms der ‹Protokolle› im Verlauf der bolschewistischen Revolutionen in Russland und Ungarn ausgeführt worden ist. Es ist übrigens offenkundig, dass die Juden die Weltrevolution leiten […].»

In der Ausländerpolitik hinterliess das Phantasma des «Judeo-Bolschewismus» ebenfalls rasch Spuren. Ende 1918 wurden des Bolschewismus verdächtige RussInnen verhaftet. Im Februar 1919 erfolgte die Abschiebung von fünfzehn Männern und vier Frauen im ersten «Russenzug». Im Verlauf des Jahres 1919 kamen drei weitere «Russenzüge» hinzu, wobei ein grosser Teil dieser Abgeschobenen «Ostjuden» waren. Im Oktober 1919 hiess es in einem Lagebericht der Nachrichtensektion des Generalstabes an die Bundesanwaltschaft: «Es sind gegenwärtig hauptsächlich ausländische Elemente, denen die Ruhe in unserem Lande nicht gefällt […]. Es ist bedauerlich, dass es bis heute nicht gelungen ist, sich des Chefs des Russischen Roten Kreuzes, Herrn Bagotzky, zu entledigen, der […] zweifellos zur Gruppe der ‹indésirables› gehört. Er hat einen Anhang von Juden um sich […], die als notorische Bolschewisten bekannt sind und mit denen mehr oder weniger anständige Russen nichts zu tun haben wollen. […] Zweifellos ist, dass die Judenfrage für unser Land an Bedeutung immer zunimmt.»

Das Phantasma einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung liess sich auch auf den Landesstreik vom November 1918 anwenden. Die Vorstellung einer russischen Steuerung der Schweizer Protestbewegungen war schon Monate vor dem Ereignis durch die Köpfe gegeistert und hatte den Bundesrat – auch auf diplomatischen Druck der Westmächte – am 6. November zum Beschluss veranlasst, die Sowjetmission des Landes zu verweisen. Eine unmittelbar danach begonnene, grossangelegte Untersuchung der Bundesanwaltschaft förderte (wie auch die spätere Sichtung sowjetischer Akten durch die historische Forschung) keine Belege für eine organisatorische Zusammenarbeit zwischen Oltener Aktionskomitee und der Sowjetmission zutage. Im Landesstreikprozess vom Frühjahr 1919 bezeichnete der Auditor denn auch den Vorwurf, beim Streik habe «fremdes Geld» eine Rolle gespielt, als «Legende». Kurz darauf publizierte aber der exilrussische Arzt, Schriftsteller und Übersetzer Serge Persky in der «Gazette de Lausanne» einen angeblichen sowjetischen «plan du terrorisme en Suisse». Persky, der auch Informant des französischen Nachrichtendienstes war, hatte nach der Oktoberrevolution in mehreren Ländern über 170 antibolschewistische Artikel mit «Fake News» publiziert, die teilweise aus von ihm gefälschten «Dokumenten» zitierten. Dazu gehörten Ende Oktober und Anfang November 1918 zwei bis in den Bundesrat und ins britische Aussenministerium diskutierte Artikel in der «Gazette de Lausanne» über einen angeblichen aus Russland gesteuerten anarchistisch-bolschewistischen Terrorkomplott, der Anschläge in aller Welt vorsah, unter anderem gegen das Bundeshaus, das Bundesgericht, die Schweizer Nationalbank und die Genfer Hauptpost.

Ende April 1919 nun veröffentlichte Persky angebliche sowjetische «Instruktionen» von Ende Oktober 1918 für einen Umsturz in der Schweiz und die Errichtung einer Diktatur unter dem galizisch-jüdischen Bolschewisten Karl Radek. Persky wollte seit Ende 1918 im Besitz einer Fotografie dieses Dokumentes sein. Ob das Oltener Aktionskomitee von dem Plan gewusst habe, liess er offen, stellte ihn aber als Beweis dafür dar, «que c’est à Moscou que fut décidée en principe la grève en Suisse» (Gazette de Lausanne, 23.4.1919). Andere Blätter druckten den Text in der Folge ab, ohne seine Authentizität zu hinterfragen. Der Zeitpunkt der Publikation war nicht zufällig: Zum einen war der Landesstreikprozess, an dem der Text einer kritischen Analyse unterzogen worden wäre, vorüber, zum anderen verliehen ihm die gerade errichteten kurzlebigen Räterepubliken in Ungarn und Bayern – die in Wirklichkeit beide ohne das Wissen Moskaus entstanden waren – scheinbare Plausibilität. Das Oltener Aktionskomitee wies die angeblichen «Instruktionen» als von Persky entweder selbst angefertigte oder weiterverbreitete Fälschung zurück und auch der freisinnige Untersuchungsrichter Albert Calame konstatierte nach einer Befragung Perskys in einem Bericht an die Bundesanwaltschaft, es handle sich mit grösster Wahrscheinlichkeit um eine Fälschung aus russischen Exilkreisen.

Dennoch wurden die «Instruktionen» jahrzehntelang als angeblicher Beleg für die revolutionären Absichten des Oltener Aktionskomitees und dessen Steuerung aus Moskau geschichtspolitisch verwendet (vgl. SozialarchivInfo 4/2018). Hatte Persky die jüdischen Wurzeln des angeblich als Diktator der «Sowjetschweiz» vorgesehenen Radek nicht besonders betont, so formulierte die «Gazette de Lausanne» bereits im Oktober 1919 eine umfassende «judeo-bolschewistische» Weltverschwörungstheorie, die die Schweiz einschloss (Gazette de Lausanne, 4.10.1919). Auch der Militärpublizist Paul de Vallière reicherte 1926 seine Broschüre «Les troubles révolutionnaires en Suisse de 1916 à 1919», die sich stark auf das gefälschte Persky-Dokument abstützte, antisemitisch an. Von de Vallières Text nährten sich jahrzehntelang Revolutionserzählungen über den Landesstreik, so noch 1960 ein Artikel des Ex-Nachrichtenchefs Roger Masson, der auch de Vallières antisemitische Passagen übernahm. Emil Sonderegger, im Landesstreik Platzkommandant der Ordnungstruppen in Zürich, dann Generalstabschef der Schweizer Armee und in den frühen 30er-Jahren in verschiedenen rechtsextremen «Fronten» aktiv, sprach 1933 in seiner Streitschrift «Ordnung im Staat» von einer zu bekämpfenden «rot-jüdischen Front» aus Kommunisten, Sozialdemokraten, religiös-sozialen Pfarrern, Pazifistinnen und Teilen der Freimaurerei. Zu diesem Zweck fordert er eine neue Bundesverfassung mit einer «unparlamentarischen Regierung» unter Leitung eines «Landammanns», das Verbot der Einbürgerung von «Angehörigen der jüdischen Rasse» sowie Einschränkung der Pressefreiheit (vgl. SozialarchivInfo 5/2020).

Im Jahre 1938 behauptete der Film «La Peste Rouge», die Authentizität des Persky-Dokumentes sei «incontestable», und zeigte sogar einen dicken Dokumentenband, der angeblich die «Instruktionen» (die bei Persky noch in einem Zeitungsartikel Platz gehabt hatten) darstellte. Der von Kreisen um Altbundesrat Jean-Marie Musy und den nachmaligen SS-Obersturmbannführer Franz Riedweg in deutschen Studios produzierte Streifen stellte den Landesstreik zusammen mit der Oktoberrevolution, den Umbrüchen in verschiedenen Ländern zu Ende des Ersten Weltkriegs, dem spanischen Bürgerkrieg sowie Sozialprotest und Unruhen in aller Welt als Teil einer globalen jüdisch-bolschewistisch-intellektualistischen Verschwörung dar, ohne explizit auf die «Protokolle der Weisen von Zion» zu verweisen.

Der «Berner Prozess»

Die Absenz einer ausdrücklichen Erwähnung der «Protokolle» in der «Roten Pest» mag mit einem Ereignis der Vorjahre zusammenhängen: dem sogenannten «Berner Prozess». Im Sommer 1933 hatten der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die Israelitische Kultusgemeinde Bern Strafanzeige gegen mehrere Mitglieder der rechtsextremen Gruppierungen «Nationalsozialistische Eidgenössische Arbeiterpartei» und «Nationale Front» eingereicht, die an einer Veranstaltung mit Emil Sonderegger antisemitisches Material, darunter die deutsche Übersetzung der «Protokolle der Weisen von Zion», verbreitet hatten. Da beide Seiten Gutachter aus dem Ausland beizogen – im Falle der Angeklagten aus dem nationalsozialistischen Deutschland –, zog sich das Verfahren in die Länge. Im Zusammenhang mit diesem Prozess erschien in der Schweiz und in Deutschland eine Reihe von Flugschriften und Büchern, die das Thema kontrovers behandelten und von denen eine Auswahl in der Sachdokumentation des Sozialarchivs greifbar ist. Von antisemitischer Seite wurde dabei unter anderem auch auf die von Persky gefälschten angeblichen «Instruktionen» Bezug genommen.

Das Berner Gericht stellte schliesslich im Mai 1935 fest: «Irgend ein Beweis dafür, dass die sog. Protokolle, wie sie in der Broschüre Fritsch enthalten sind, irgendwo und irgendwann von einem oder mehreren Juden im Auftrag einer geheimen jüdischen Weltregierung ausgearbeitet, vorgetragen, beraten worden sind, ist nicht erbracht worden.» In erster Instanz wurden mehrere Angeklagte wegen der Verbreitung von Schundliteratur verurteilt. Das Berner Obergericht hob dieses Urteil im November 1937 dann auf, da der Begriff «Schundliteratur» gemäss Berner Strafgesetzbuch auf politische Propaganda ohne pornografische oder obszöne Komponente nicht anwendbar sei, zog jedoch den von der Vorinstanz festgestellten fiktiven Charakter der «Protokolle» nicht in Zweifel und bezeichnete das von den Frontisten verteilte Material als «Hetzartikel gemeinster Sorte».

Weiterleben der «Protokolle» nach dem Zweiten Weltkrieg

Auch nach 1945 verschwanden die «Protokolle» nicht von der Bildfläche. In rechtsextremen und rechtsesoterischen Kreisen wurde ihnen weiterhin Glauben geschenkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges nahmen rechtsextreme Publikationen in Europa, den USA und Russland auf sie Bezug. Der nachmalige baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon, der dann schliesslich aus der AfD ausgeschlossen wurde, führte die «Protokolle» noch im Jahre 2012 in seinem Buch «Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten» als Beleg für angebliches jüdisches Machtstreben an. Im selben Jahr las im griechischen Parlament der Abgeordnete Ilias Kasidiaris von der rechtsextremen Partei «Goldene Morgenröte» aus den «Protokollen» vor. Im arabischen Raum sind sie weit verbreitet und werden von nationalistischen wie auch islamistischen Kräften als Propagandamittel gegen Israel genutzt. Im Iran sind die «Protokolle» in den letzten Jahrzehnten von staatlichen Stellen mehrfach neu herausgegeben worden. Rechtsextreme Milizen in den USA empfehlen sie ebenfalls zur Lektüre. Die QAnon-Bewegung glaubt nicht nur an eine modernisierte Form der mittelalterlichen Ritualmordlegende, sondern es tauchte in den Tweets ihrer Anhängerschaft auch schon die Behauptung auf, die «Protokolle der Weisen von Zion» seien echt. Und auch verschiedene andere der aktuell zirkulierenden, teilweise ineinander verfliessenden Verschwörungstheorien greifen – unter ausdrücklicher oder zumindest impliziter Bezugnahme auf die «Protokolle» – die Idee einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung wieder auf.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.125.4 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Judenverfolgungen: Broschüren, Berichte, Resolutionen und Appelle, Zeitungsausschnitte, Unterlagen betr. Antisemitismus in der Schweiz, 1919–1946

Sachdokumentation

  • KS 200/37 «Judenfrage»; Antisemitismus
  • KS 200/37a «Judenfrage»; Antisemitismus
  • KS 200/37b «Judenfrage»; Antisemitismus

Bibliothek

  • Altermatt, Urs: Katholizismus und Antisemitismus: Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen: Zur Kulturgeschichte der Schweiz 1918–1945. Frauenfeld etc. 1999, 105715
  • Artho, Daniel: Das Revolutionsnarrativ im Kino: Die Rote Pest von 1938, in: Rossfeld, Roman et al. (Hg.): Der Landesstreik: Die Schweiz im November 1918. Baden 2018. S. 427, Gr 14667
  • Artho, Daniel: Revolution und bolschewistischer Terror in der Schweiz? Der Verschwörungspropagandist Serge Persky und die Deutung des schweizerischen Landesstreiks von 1918, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 69/2 (2019). S. 283-301, D 4212
  • Ben-Itto, Hadassa: «Die Protokolle der Weisen von Zion»: Anatomie einer Fälschung. Berlin 1998, 103373
  • Benz, Wolfgang: Die Protokolle der Weisen von Zion: Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung. 3. überarbeit. Aufl. München 2017, 137514
  • Blume, Michael: Warum der Antisemitismus uns alle bedroht: Wie neue Medien alte Verschwörungstheorien befeuern. Ostfildern 2019, 143153
  • Bronner, Stephen Eric: Ein Gerücht über die Juden: Die «Protokolle der Weisen von Zion» und der alltägliche Antisemitismus. Berlin 1998, 105380
  • Bundi, Annetta: Die Schweizerischen Republikanischen Blätter des konservativen Publizisten J. B. Rusch: Eine aufmüpfige Stimme im Schweizer Blätterwald (1918–1945). Fribourg 1999, 106543
  • Butter, Michael: «Nichts ist, wie es scheint»: Über Verschwörungstheorien. Berlin 2018, 138637
  • Caillat, Michel und Jean-François Fayet: Le mythe de l’ingérence bolchevique dans la Grève générale de novembre 1918: Histoire d’une construction franco-suisse, in: Traverse 25/2 (2018). S. 213-229, D 5397
  • Cassam, Quassim: Conspiracy theories. Cambridge 2019, 142624
  • Cohn, Norman: Die Protokolle der Weisen von Zion: Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung. Köln 1969, 41046
  • Einhaus, Hannah: Für Recht und Würde: Georges Brunschvig: Jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot (1908–1973). Zürich 2016, 134053
  • Farbstein, David: Das «Edikt von Konstantinopel». Zürich 1935, 32/222-21
  • Fleischhauer, Ulrich: Die echten Protokolle der Weisen von Zion: Sachverständigengutachten. Erfurt 1935, 8079
  • Ford, Henry (Hg.): Der internationale Jude. 2 Bde. Leipzig 1922, 27626
  • Götz-Votteler, Katrin und Simone Hespers: Alternative Wirklichkeiten? Wie Fake News und Verschwörungstheorien funktionieren und warum sie Aktualität haben. Bielefeld 2019, 142693
  • Gross, Gerhard P.: Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Dolchstosslegende. Ditzingen 2018, 138807
  • Gugenberger, Eduard et al.: Weltverschwörungstheorien: Die neue Gefahr von rechts. Wien 1998, 104119
  • Hagemeister, Michael: Die «Protokolle der Weisen von Zion» vor Gericht: Der Berner Prozess 1933–1937 und die «antisemitische Internationale». Zürich 2017, 136746
  • Hanebrink, Paul: A Specter Haunting Europe: The Myth of Judeo-Bolshevism. Cambridge/Mass. 2018, 142533
  • Hartmann, Christian et al. (Hg.): Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition. 2 Bde. München 2016, Gr 13767
  • Heilbut, Iwan: Die öffentlichen Verleumder: Die «Protokolle der Weisen von Zion» und ihre Anwendung in der heutigen Weltpolitik. Zürich 1937, 28861
  • Herbeck, Ulrich: Das Feindbild vom «jüdischen Bolschewiken»: Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution. Berlin 2009, 137229
  • Horn, Eva et al. (Hg.): Die Fiktion von der jüdischen Weltverschwörung: Zu Text und Kontext der «Protokolle der Weisen von Zion». Göttingen 2012, 126237
  • Jaeggi, Bruno et al.: Die Rote Pest: Antikommunismus in der Schweiz, in: Film 1 (1975). S. 49-86, D 5216
  • Kamis-Müller, Aaron: Antisemitismus in der Schweiz 1900–1930. Zürich 1990, 90992
  • Keil, Lars-Broder und Sven Felix Kellerhoff: Deutsche Legenden: Vom «Dolchstoss» und anderen Mythen der Geschichte. Berlin 2002, 109497
  • Köhler, Peter: Leonardos Fahrrad: Die berühmtesten Fake News von Ramses bis Trump. München 2018, 140372
  • Koller, Christian: «Red Scare» in zwei Schwesterrepubliken: Revolutionsfurcht und Antisozialismus im schweizerisch-amerikanischen Vergleich, 1917–1920, in: Fuhrer, Hans Rudolf (Hg.): Innere Sicherheit – Ordnungsdienst, Teil II: Der Generalstreik im November 1918. Zürich 2018. S. 84-114, Gr 14490:2
  • Koller, Christian: Aufruhr ist unschweizerisch: Fremdenangst und ihre Instrumentalisierung in der Landesstreikzeit, in: Rossfeld, Roman et al. (Hg.): Der Landesstreik: Die Schweiz im November 1918. Baden 2018. S. 368-389, Gr 14667
  • Koller, Christian: «Eine der sonderbarsten Revolutionen, die die Geschichte kennt»: Die Schweiz und die ungarische Räterepublik, in: ders. und Matthias Marschik (Hg.): Die ungarische Räterepublik 1919: Innenansichten – Aussenperspektiven – Folgewirkungen. Wien 2018. S. 229-248, 140123
  • Krumeich, Gerd: Die unbewältigte Niederlage: Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik. Freiburg i. Br. 2018, 139844
  • Kunz, Hans B.: Weltrevolution und Völkerbund: Die schweizerische Aussenpolitik unter dem Eindruck der bolschewistischen Bedrohung, 1918–1923. Bern 1981, 70628
  • Kury, Patrick: Über Fremde reden: Überfremdungsdiskurs und Ausgrenzung in der Schweiz 1900–1945. Zürich o. J. [2003], 112034
  • Loosli, Carl Albert: Die schlimmen Juden! Bern 1927, 30879
  • Loosli, Carl Albert: Die «Geheimen Gesellschaften» und die Schweizerische Demokratie. Bern-Bümpliz 1935, 39089
  • Loosli, Carl Albert: Judenhetze. Hg. Fredi Lerch et al. Zürich 2008, 118916:6
  • Lüthi, Urs: Der Mythos von der Weltverschwörung: Die Hetze der Schweizer Frontisten gegen Juden und Freimaurer – am Beispiel des Berner Prozesses um die «Protokolle der Weisen von Zion». Basel/Frankfurt 1992, 93255
  • Mattioli, Aram (Hg.): Antisemitismus in der Schweiz 1848–1960. Zürich 1998, 104011
  • Metzger, Thomas: Antisemitismus im Deutschschweizer Protestantismus 1870 bis 1950. Berlin 2017, 117040
  • Raas, Emil und Georges Brunschwig: Vernichtung einer Fälschung: Der Prozess um die erfundenen «Weisen von Zion». Zürich 1938, 10225
  • Rogalla von Bieberstein, Johannes: Die These von der Verschwörung: 1776–1945: Philosophen, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer gegen die Sozialordnung. 2. verb. Aufl. Frankfurt 1978, 64852
  • Rohrbacher, Stefan und Michael Schmidt: Judenbilder: Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Hamburg 1991, 92547
  • Roos, Daniel: Julius Streicher und «Der Stürmer», 1923–1945. Paderborn 2014, 134655
  • Rosenberg, Alfred: Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik. 2. Aufl. München 1923, 10071
  • Sammons, Jeffrey L. (Hg.): Die Protokolle der Weisen von Zion: Die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung: Text und Kommentar. Göttingen 1998, 104729
  • Schawinski, Roger: Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt. Zürich 2018, 138748
  • Sonderegger, Emil: Ordnung im Staat. Bern 1933, 6185
  • Spuhler, Gregor (Hg.): Anstaltsfeind und Judenfreund: Carl Albert Looslis Einsatz für die Würde des Menschen. Zürich 2013, 127906
  • Stein, Alexander: Adolf Hitler: Schüler der «Weisen von Zion». Karlsbad 1936, 8918
  • Stumpf, Sören und David Römer (Hg.): Verschwörungstheorien im Diskurs. Weinheim 2020, 144603
  • Vallière, Paul de: Die revolutionären Umtriebe in der Schweiz von 1916–1919, Schaffhausen 1928, 32/96-7
  • Vász, Stephan: Das Berner Fehlurteil über die Protokolle der Weisen von Zion: Eine kritische Betrachtung über das Prozessverfahren. Erfurt 1935, 9007
  • Wilson, Robert Anton und Miriam Joan Hill: Das Lexikon der Verschwörungstheorien: Verschwörungen, Intrigen, Geheimbünde. 2. akt. Aufl. Frankfurt 2016, 135338

Periodika

  • Der eiserne Besen: Kampfblatt der Nationalen Front, ZZ 298
  • Die Front: Zentrales Kampfblatt der Nationalen Front, Z 83
  • Völkischer Beobachter: Kampfblatt der national-sozialistischen Bewegung Grossdeutschlands, Z 39
Zoé Kergomard: Wahlen ohne Kampf? Schweizer Parteien auf Stimmenfang, 1947–1983. Schwabe Verlag, Basel 2020
Zoé Kergomard: Wahlen ohne Kampf? Schweizer Parteien auf Stimmenfang, 1947–1983. Schwabe Verlag, Basel 2020

Wahlen ohne Kampf?

Online-Buchvernissage am Dienstag, 9. Februar 2021, 18 Uhr

Mit der Autorin Zoé Kergomard (Deutsches Historisches Institut Paris) sowie Christian Koller (Schweizerisches Sozialarchiv), Thomas Metzger (PHSG – Pädagogische Hochschule St. Gallen) und Damir Skenderovic (Universität Fribourg).

Lange wurden die Wahlkämpfe in der Schweiz der Nachkriegszeit nicht als markante Ereignisse wahrgenommen. Zoé Kergomard zeigt in ihrem Buch auf, dass sich in ihnen vielmehr eine besondere Spannung zwischen Stillstand und Bewegung manifestierte, zwischen der Abbildung bestehender Kräfteverhältnisse und der Schaffung neuer politischer Handlungsmöglichkeiten, die bis heute nachwirken.

Anmeldung via: zoekergomard.com/sign-up

Eine Veranstaltung des Deutschen Historischen Instituts Paris in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Sozialarchiv.

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 60 KB)

> Bereits am 3. Februar 2021 um 18 Uhr findet die Online-Buchvernissage in französischer Sprache statt, mit der Autorin Zoé Kergomard sowie Irène Herrmann, Thomas Maissen und Bernard Voutat.

Start geglückt – swisscovery von SLSP ist online

Seit dem 7. Dezember 2020 ist der neue Bibliothekskatalog swisscovery der neuen gesamtschweizerischen Bibliotheksplattform SLSP (Swiss Library Service Platform) in Betrieb und alle eingeschriebenen Benutzer/innen haben nun Zugang zu Medien von rund 475 Bibliotheken in der ganzen Schweiz.

Wenn Sie diesen Text lesen, werden Sie also die neue Suchoberfläche swisscovery von SLSP möglicherweise schon getestet (Kompliment!) und sich hoffentlich auch erfolgreich registriert und eingeloggt haben (herzlich willkommen bei SLSP!). Allenfalls haben Sie sogar schon Bücher aus der Bibliothek des Sozialarchivs ausgeliehen (wir gratulieren!). Falls Sie noch nicht so weit gekommen sind – auch kein Problem: Die Neuregistrierung können Sie jederzeit vornehmen.

Nachfolgend nochmals einige Informationen zur Erinnerung:

  • Registrierung: Bibliothekskund/innen müssen ein SWITCH edu-ID-Konto besitzen, um von den swisscovery-Dienstleistungen Gebrauch machen zu können. Hier können Sie sich registrieren: https://registration.slsp.ch/
    Falls Sie bei der Registrierung Hilfe benötigen, können Sie sich jederzeit telefonisch oder vor Ort an unser Personal wenden, wir unterstützen Sie gerne!
    > Tipp: Nehmen Sie sich etwas Zeit und unterbrechen Sie den Registrierungsvorgang nicht.
  • Ausweise: Bisherige Bibliothekskarten können weiterhin gebraucht werden.
  • „Alte“ Ausleihen: Über den Link recherche.nebis.ch können Sie diejenigen Ausleihen einsehen, welche Sie noch über Ihr NEBIS-Konto getätigt haben. Benützen Sie dafür Ihre bisherigen Login-Daten.
  • „Neue“ Ausleihen“: Ausleihen, die Sie bereits über swisscovery gemacht haben, können Sie in Ihrem neu erstellten SLSP-Konto via SWITCH edu-ID kontrollieren.
  • SLSP-Courier: Der SLSP-Courier ermöglicht Ihnen, sich innerhalb von 48 Stunden Bücher von einer Bibliothek in eine andere liefern zu lassen gegen eine Gebühr von CHF 6.- pro bestelltem Dokument. Gewisse Hochschuleinrichtungen übernehmen diese Gebühr für ihre Angehörigen, klären Sie dies bei Ihrer Hochschule ab.

Wichtig: SLSP beziehungsweise swisscovery löst den bisherigen NEBIS-Katalog ab, jedoch nicht die Sozialarchiv-eigenen Datenbanken der Sachdokumentation (sachdokumentation.ch) und des Archivs (findmittel.ch und bild-video-ton.ch). Archivunterlagen, bewegte und unbewegte Bilder sowie thematische Dossiers mit Broschüren oder Zeitungsausschnitten bestellen Sie unverändert wie bisher.

> Informationen rund um SLSP und swisscovery finden Sie auch hier: nebis.ch/de/swisscovery/
Und natürlich können Sie sich bei Fragen jederzeit an unser Bibliothekspersonal wenden.

Ein neuer Blick auf die Vollversammlungen der 80er Bewegung

Vor vierzig Jahren rebellierte die Jugend in verschiedenen Schweizer Städten. Die Ereignisse sind bekannt, weil die Auseinandersetzungen in ihrer Intensität das bisher bekannte Mass sprengten. Zudem gibt es für diese Jugendbewegung eine eindrückliche Fülle historischer Quellen. Mit dem Rohmaterial des Videoladens Zürich sind nun fast 200 Stunden Aufnahmen aus einer bewegten Zeit neu im Sozialarchiv zugänglich. Besonders aufschlussreich sind die Vollversammlungen.

Vor bald einem Jahrzehnt lancierte der Videoladen Zürich zusammen mit Memoriav (dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und dem Sozialarchiv das Projekt zur Digitalisierung seines Rohmaterials. Im Zentrum sollten die Aufnahmen stehen, die im Zusammenhang mit der Jugendbewegung der 1980er Jahre entstanden sind. Berücksichtigt wurden aber auch die Vorläufer und Nachwehen, so dass der Bestand die zwei Jahrzehnte zwischen 1976 und 1995 abdeckt. Insgesamt wurden rund 200 Videobänder von Spezialistinnen gereinigt und anschliessend digitalisiert. Inzwischen ist der Bestand online zugänglich: bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_9049.

Video-Rohmaterial geniesst keinen allzu hohen Stellenwert in der Forschung. Weder bei Filmwissenschaftlern noch bei Historikerinnen steht es als Quellenmaterial hoch im Kurs. Es gilt als Vorstufe zu einem Werk, ästhetisch unausgereift und inhaltlich wenig aussagekräftig. Hier sei die Prognose gewagt, dass der Bestand des Videoladens diese Einschätzung verändern könnte.

Die Videoladen-Crew war in den «heissen» Jahren von 1980 bis 1982 fast pausenlos unterwegs. So sind viele Stunden Aufnahmen entstanden, die sehr wohl neue Aufschlüsse über die achtziger Ereignisse ermöglichen könnten. Das Bewegtbild gibt zudem Informationen frei, die andere Quellen nicht liefern können: Die Aufnahmen der «Wohn-Demo» vom 30. August 1980 (SozArch F 9049-026 und F 9049-058) zeigen beispielsweise, wie sich die Jugendlichen auf die Demonstration vorbereiten oder welche Diskussionen über Routenwahl und Gewaltbereitschaft geführt werden. An der Demo selbst kommt es zu Konflikten mit der Polizei, die in stundenlange, gewalttätige Scharmützel münden. Jugendliche, die von einem Tränengaseinsatz betroffen sind, werden notversorgt. Passanten beobachten die Vorgänge neugierig und mischen sich teilweise verbal in die Auseinandersetzungen ein. Der Kameramann des Videoladens bekommt die Ladung eines Wasserwerfers ab. Wenige Meter voneinander entfernt finden zeitgleich ein Strassenmusikauftritt und ein Polizeieinsatz statt. Nichts von dem findet sich in der Presseberichterstattung, in den Polizeirapporten oder in Erlebnisberichten von Beteiligten. Das bewegte Bild übertrifft an Informationsdichte alle anderen Quellengattungen.

Natürlich bildet auch dieses Rohmaterial nicht «die Realität» ab. Die Ereignisse der erwähnten Wohn-Demo zogen sich über Stunden hin. Die beiden Bänder decken davon nur rund 60 Minuten ab. Die Kamera wird laufend aus- und eingeschaltet. Längere Phasen (der Ereignislosigkeit?) fehlen ganz. Zudem filmt die Videoladen-Crew nicht neutral, sondern aus der Perspektive der Bewegung. Gewalttätigkeiten der Gegenseite werden nach Möglichkeit genau dokumentiert, zertrümmerte Schaufenster und der Barrikadenbau der Jugendlichen scheinen hingegen eher nur zufällig ins Bild zu geraten. Die Kamera sucht immer wieder eine bisweilen fast aufdringliche Nähe zur Polizei. Man belauert sich gegenseitig und spart nicht mit Provokationen.

Einen besonders intimen Einblick ins Funktionieren der Jugendbewegung bieten die Aufnahmen der Vollversammlungen. Diese Form des Zusammenkommens und Diskutierens hatte sich ab dem ersten Tag der Ereignisse etabliert und wurde von den Bewegten nie in Frage gestellt. Die Vollversammlung galt als einziges Organ mit Entscheidungsgewalt. Die Delegierung an eine Gruppe mit Leitungsfunktionen wurde zwar ansatzweise diskutiert, aber jedes Mal verworfen. Der Widerstand dagegen war wohl nicht zuletzt deshalb so radikal, weil genau dies von den Behörden immer wieder gefordert wurde: Sie waren bereit, mit einer Delegation zu verhandeln, aber sicher nicht mit einer anonymen Menge. Die Vehemenz, mit der die Jugendlichen auf dieser Form beharrten, hatte auch mit dem Vertrauensverlust in gängige politische Abläufe zu tun. Die älteren Jugendlichen mit einem 68er-Hintergrund fühlten sich durch die jahrlange Hinhaltetaktik der Behörden verschaukelt, den jüngeren fehlte jede Geduld, noch Jahre auf die Realisierung ihres Begehrens zu warten. Allen gemeinsam war eine tiefgehende Abneigung gegen einen parteipolitischen Weg: Sowohl den etablierten Parteien als auch den Parteien der Neuen Linken schlug heftige Abwehr entgegen, wenn diese versuchten, sich den Anliegen der Jugendlichen anzunehmen. Die ganze Energie lag im Kollektiv, jeder Versuch einer Vereinnahmung wurde äussert argwöhnisch beäugt. Das musste auch das Aushängeschild der Ausgestossenen und Randständigen, Pfarrer Ernst Sieber, erleben, dessen Einstehen für die Jugendbewegung auf kontroverse Reaktionen stiess, wie Pfeifkonzerte nach seinen Voten an Vollversammlungen belegen.

An den Treffen, die nach dem Opernhaus-Krawall vom 30. Mai 1980 in kurzer Abfolge stattfanden, diskutierten die Jugendlichen also so lange, bis eine Entscheidung über das weitere Vorgehen mittels Abstimmung möglich war – oder die Teilnehmenden vom stundenlangen Hin und Her so zermürbt waren, dass sich die Versammlung ohne Beschluss auflöste. Die Vollversammlungen fanden an verschiedenen Orten statt: im Volkshaus, auf dem Platzspitz und später auch im autonomen Jugendzentrum. Grundsätzlich stand das Mikrofon allen Anwesenden zur freien Meinungsäusserung offen. Als fleissige Redner entpuppten sich aber bald die Männer, Frauen meldeten sich selten. Der Ablauf einer Vollversammlung bestand im Wesentlichen daraus, dass zuerst aus Wortmeldungen eine Art Traktandenliste entstand. Rednerinnen und Redner fanden sich beim Mikrofon ein und warteten in der Regel artig, bis sie an der Reihe waren. Wenn der Austausch der Argumente sich erschöpft hatte, folgte die Abstimmung durch Handerheben im Plenum.

Was bei der blossen Schilderung langweilig und reizlos tönt, war zumindest in der Anfangsphase der Zürcher Jugendbewegung ein überaus mächtiges politisches Instrument. Die Vollversammlung als Forum der Willensbekundung zeigte ihre Stärke und ihr Durchsetzungsvermögen auch darum, weil die Bewegung in erster Linie ein vordringliches Ziel hatte: Die Stadt sollte ihr ein autonomes Jugendzentrum zur Verfügung stellen. Hinter dieser Forderung standen bis zu 10’000 Jugendliche, die dafür auch auf die Strasse gingen. Der Anspruch auf ein autonomes Jugendzentrum war auch für breite Kreise der Bevölkerung nachvollziehbar: Die Benachteiligung alternativer Kultur und das Fehlen nichtkommerzieller Treffpunkte in der Stadt waren augenfällig. Die Behörden hatten es versäumt, dem jahrzehntelang wiederholten Ruf nach einem Jugendhaus nachzukommen. Selbst die Ereignisse von 1968 und das krachend gescheiterte Experiment mit dem Bunker hatten ihnen die Augen nicht geöffnet. Dort hatte man 1970 versucht, die Jugend mit einem fensterlosen Luftschutzbunker unter dem Lindenhof abzuspeisen. Das Fass zum Überlaufen brachte dann bekanntlich die Vorlage, für 60 Millionen das Opernhaus zu renovieren – und die nicht-etablierte Kultur erneut zu ignorieren. Am 30. Mai 1980 demonstrierten die Jugendlichen dagegen und es kam zum berühmt-berüchtigten Opernhaus-Krawall.

Wenige Tage später, am 4. Juni, kam es zur denkwürdigen Vollversammlung im Volkshaus. Sie kann dank der Aufnahmen des Videoladens fast integral nacherlebt werden (SozArch F 9049-003/-014/-021). Die Jugendbewegung war auf einem frühen Höhepunkt ihrer Wirkungsmacht. Der Anlass zog 3’000 Jugendliche an. Der Strom Interessierter an diesem Mittwochabend war aus verschiedenen Gründen enorm: Angekündigt war eine Aufführung eines Videos, das am Opernhaus-Krawall entstanden war und das bereits für Furore gesorgt hatte. Der an der Universität Zürich lehrende Ethnologe Heinz Nigg hatte zusammen mit der Projektgruppe «Community Medien» die Auseinandersetzungen beim Opernhaus und in den angrenzenden Strassenzügen gefilmt, was dem zuständigen Regierungsrat Alfred Gilgen sauer aufstiess. Das Band wurde konfisziert, weitere Aufführungen wenig später verboten.

Ebenfalls gezeigt wurde die Fernsehberichterstattung über den Krawall – die Ereignisse hatten sowohl in den Printmedien als auch im Fernsehen für eine überreizte Berichterstattung gesorgt. Die öffentliche Meinung reagierte schockiert und empört auf den Gewaltausbruch, der hauptsächlich den Jugendlichen angelastet wurde. Die Bewegung sah dies verständlicherweise genau umgekehrt. Der Frontenbezug und die Gewaltbereitschaft (auf beiden Seiten) waren schon nach den ersten Abendstunden am Freitag des Opernhauskrawalls klar und sollten sich während der nächsten zwei Jahre nicht mehr signifikant verschieben. Folgerichtig zeigten deshalb einige Jugendliche in einer Performance auf der Volkshausbühne, wie man sich im Falle einer Verhaftung verhalten sollte. Unterstützt wurden sie dabei von Anwältinnen und Anwälten des Anwaltskollektivs.

Den Höhepunkt dieser Vollversammlung bildete allerdings der Auftritt von Stadträtin Emilie Lieberherr und Stadtpräsident Sigmund Widmer. Weil die Jugendlichen sich geweigert hatten, den umgekehrten Weg zu gehen – nämlich eine Delegation ins Stadthaus zu schicken –, blieb den beiden Stadträt/innen nichts Anderes übrig, als sich einer Diskussion in der Höhle des Löwen zu stellen. Dieser Umstand war verblüffend und zeigt, dass der Druck der Ereignisse auf der Strasse seine Wirkung tat. Der Gang ins Volkshaus war wohl auch ein Eingeständnis, die Entwicklungen in der Jugendpolitik während Jahren vollkommen verschlafen zu haben. Die Debatte zwischen Lieberherr, Widmer und dem Plenum dauerte rund eine Stunde und spielt sich in erstaunlich gesitteter Atmosphäre ab. Es ist förmlich spürbar, dass die Jugendbewegung bereits an diesem Abend ihrem Ziel eines autonomen Jugendzentrums sehr nahe kam. Daran änderte auch nichts, dass sich sowohl Lieberherr als auch Widmer wiederholt mit paternalistisch anmutenden Statements an das jugendliche Publikum wandten – sie wurden mit Pfeifkonzerten quittiert. Auch die Taktik von Lieberherr und Widmer, sich hinter dem politischen Entscheidungsprozess zu verschanzen, der ihre Machtbefugnis begrenzte, erlitt Schiffbruch. Der Abend endete mit einem zweifachen Zugeständnis: Die Stadt stellte den Jugendlichen die Rote Fabrik für ein Fest am kommenden Wochenende zur Verfügung und versprach, sofort Verhandlungen über eine in Frage kommende Liegenschaft aufzunehmen. Weniger als einen Monat später wurde das autonome Jugendzentrum an der Limmatstrasse 18/20 Realität.

Einen solchen Durchbruch hatten wohl nur die Optimistischsten erwartet. Die Vollversammlung als entscheidendes Gremium und Machtinstrument sah sich dadurch bestärkt und legitimiert, und dieser frühe Erfolg dürfte auch dazu beigetragen haben, dass während der nächsten Monate niemand am Instrument der Vollversammlung rüttelte. In dieser Phase gab es bisweilen auch kuriose Momente: So konnte es vorkommen, dass ein ganzer Demonstrationszug zum Stillstand kam, weil – über Megafon – der weitere Verlauf der Route diskutiert werden musste.

Die Mängel der Vollversammlung traten allmählich zu Tage, nachdem das autonome Jugendzentrum am 28. Juni 1980 eröffnet worden war. Die Tage und Wochen des Kampfes auf ein Ziel hin waren vorbei und damit die Schlagkraft der Vollversammlung. Sobald es nichts mehr zu erstreiten galt, waren Konzepte und Strategien gefragt. Doch dafür eignete sich die Vollversammlung nicht. Bereits die Aufnahmen zur AJZ-Eröffnung (SozArch F 9049-047) zeigen, dass Probleme auf die Bewegung zukamen, die sie weder verursacht hatte noch aus eigener Kraft lösen konnte. Wie sollte die baufällige Liegenschaft mit dem lächerlichen Betrag von 40’000 Franken, den die Stadt gesprochen hatte, in Schwung gebracht werden? War das Haus nicht viel zu klein für alle Bedürfnisse, die sich angestaut hatten? Sollte man angesichts der grassierenden Wohnungsnot auch im AJZ übernachten dürfen? Und stimmte das Gerücht, dass die Stadt vorhatte, die Liegenschaft innert Jahresfrist sowieso abzureissen? In der Vollversammlung wurde diese Frage zwar diskutiert, aber statt wie früher Euphorie und Tatendrang machte sich im Plenum nun Ratlosigkeit breit. Die Jugendlichen reagierten zwar sehr schnell mit einer Fülle von Arbeitsgruppen, die sich den einzelnen Problemfeldern annahmen. Der Dampfer AJZ nahm Fahrt auf, lief aber schon nach wenigen Wochen auf Grund. Vor allem Drogenprobleme führten zu einer ersten Schliessung im September 1980. Die Situation war verfahren: Auf der einen Seite die Bewegung, die stur an ihren Wegen der Entscheidungsfindung festhielt und weder Delegationen noch eine Machtaufteilung innerhalb tolerierte. Auf der anderen Seite die Behörden, die sich nach der Übergabe der Liegenschaft nicht mehr in der Pflicht sahen, irgendeinen Beitrag zur Lösung der anstehenden Probleme beizutragen und ihre Aufgabe einzig darin sahen, mit repressiven Mitteln für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Die Videoaufnahmen der Vollversammlungen erweisen sich bei näherem Hinsehen somit als eine reichhaltige Quelle für die Geschichte der Jugendbewegung. Sie geben in erster Linie Auskunft über die Themen, die den Jugendlichen unter den Nägeln brannten: Wann endlich erhalten wir ein Jugendhaus? Ist der Einsatz von Gewalt an Demonstrationen legitim? Was ist zu tun bei einer Verhaftung durch die Polizei oder nach einer Tränengasattacke? Darüber hinaus lassen sich ihnen viele zusätzliche Informationen entnehmen: Welche Jugendlichen ergreifen öfter das Wort? Auf welche Reaktionen stossen die Voten im Publikum? Wie verhalten sich Frauen am Mikrofon? Wie verhält sich das Plenum, wenn die Diskussion ausufert? Was hat es mit der schleppenden Sprechweise vieler Jugendlicher auf sich? Wie sind die Jugendlichen gekleidet? Welche unterschiedlichen Interessen lassen sich bei den versammelten Jugendlichen ausmachen?

Eine Analyse solcher und anderer Fragen kann dazu beitragen, die ausgetretenen Rezeptionspfade der 80er Bewegung zu verlassen. Im Jubiläumsjahr 2020 stand fast ausschliesslich die Erinnerung im Vordergrund: Bewegte erzählten, «wie es damals war». Dies ist zwar sowohl für Zeitzeug/innen als auch für später Geborene interessant, blendet aber aus, dass es neben den individuellen und kollektiven Erlebnissen immer noch unvollständig beantwortete Fragen gibt. Beispielsweise bedarf es der Klärung, ob es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen der Depression, die viele Jugendliche nach dem Abbruch des AJZ erfasst hatte, und dem Absturz in den unkontrollierten Konsum harter Drogen. Ebenfalls im Raum steht die Frage, ob die Bewegungsgeneration tatsächlich so wesentlich für die kreative, kulturelle (nicht nur die Musik betreffend) und gastronomische Aufbruchstimmung der späten 1980er und frühen 1990er Jahre verantwortlich war. Nötig ist in erster Linie ein unverstellter Blick auf die Ereignisse, der sich auch von den Positionsbezügen und ideologischen Abwehrmechanismen zu lösen vermag, die bei vielen Beteiligten auch 40 Jahre danach unverrückbar scheinen.

Die Aufnahmen der Vollversammlungen aus dem Archiv des Videoladens könnten dabei durchaus hilfreich sein. Sie zeigen, welche Macht der Vollversammlung in den ersten Wochen der Bewegung zukam, wie partizipativ und taktisch clever ihre Beschlüsse anfangs waren. Mit der Dauer der Achtziger Unruhen wurde aber zunehmend klar, dass die Jugendbewegung kein homogenes Kollektiv war, sondern mit Post-68ern und Spontis, Radikalen und Pragmatischen, Studierenden und Lehrlingen eine riesige Bandbreite an Altersgruppen, Ideologien und Bedürfnissen hinter dem gemeinsamen Ziel eines AJZ versammelte. Mit der strikten Weigerung der Macht- und Verantwortungsdelegation könnten die Bewegten womöglich selber ihren Beitrag zum Scheitern der Bewegung beigetragen haben.

Nach der ersten Schliessung des AJZ im September 1980 war der Videoladen nur noch vereinzelt vor Ort, wenn Vollversammlungen stattfanden. Die Kritik aus den eigenen Reihen an dieser Diskussionsform wurde lauter, die Teilnehmerzahlen sanken. Allerdings wandte sich die Jugendbewegung nie offiziell von der Vollversammlung ab. Die massgebliche Arbeit fand nun aber in den Arbeitsgruppen des AJZ statt. Die Bewegung kommunizierte über Flugblätter, eigene Zeitungen und Piratenradios – und seit Anbeginn auch mit den Videos des Videoladens. Die Ereignisdichte ergab Material zur Genüge. Rund zwei Drittel des gesamten Videoladen-Archivs stammen aus der Zeit zwischen Opernhauskrawall und der definitiven Schliessung des AJZ weniger als zwei Jahre später. Aus diesem Rohmaterial entstanden mehr als zehn Videoproduktionen und 1981 mit «Züri brännt» auch ein Meilenstein des Bewegungsvideos.

Erstmalig gab es an einer nationalen Ausstellung ein konfessionelles Programm und mit dem «SAFFA-Kirchlein» einen eigens dafür konzipierten Gottesdienstraum (SAFFA 1958, SozArch F Fd-0003-47)
Erstmalig gab es an einer nationalen Ausstellung ein konfessionelles Programm und mit dem "SAFFA-Kirchlein" einen eigens dafür konzipierten Gottesdienstraum (SAFFA 1958, SozArch F Fd-0003-47)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Evelyne Zinsstag und Dolores Zoé Bertschinger: «Aufbruch ist eines, und Weitergehen ist etwas anderes». Frauenräume: von der Saffa 58 über das Tagungszentrum Boldern zum Frauen*Zentrum Zürich. Wettingen, 2020

Die zweite Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1958 in Zürich war nicht einfach «eine hübsche, bunte Schau mit viel traulich-fraulichem Drum und Dran». Die SAFFA 58 war auch der Gründungsort der ökumenischen Frauenbewegung in der Deutschschweiz. Von den Verflechtungen der kirchlichen und der säkularen Frauenbewegung einerseits und den Theologinnen Ruth Epting, Else Kähler und Marga Bührig andererseits handelt der erste Teil dieses Buches.

Das «SAFFA-Kirchlein» war ein Frauenraum, in dem religiöse Frauen eine neue Formensprache für sich entdeckten. Diese Erfahrungen entwickelten Marga Bührig und Else Kähler am Evangelischen Tagungszentrum Boldern weiter, wo sie mit jüngeren Frauen in Austausch traten. Der Frauenbewegung als einer «Tradition der Frauen» und dem intergenerationellen Gespräch, wie es heute im Frauen*Zentrum gepflegt wird, ist der zweite Teil des Buches gewidmet.

Rebecca Hesse [et al.]: Aus erster Hand. Gehörlose, Gebärdensprache und Gehörlosenpädagogik in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert. Zürich, 2020

Gehörlose galten im 19. und 20. Jahrhundert lange als «Behinderte». Zu ihren Eigenheiten gehörte die Gebärdensprache, eine Ausdrucksform, die sie vom Rest der Gesellschaft trennte. Heute verstehen sich Gehörlose als «kulturelle Minderheit». Ihre Identität gründet zu einem wesentlichen Teil auf der Gebärdensprache. Gehörlosigkeit pauschal als Behinderung abzustempeln, lehnen sie ab.

Das neu erschienene Buch beleuchtet die wechselhafte Geschichte der Gehörlosen in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen die Orte, an denen sich die hörende Gesellschaft und die Gehörlosengemeinde begegneten, insbesondere die Taubstummenanstalten und späteren Sprachheilschulen, die bis in die 1980er Jahre nach der Lautsprachmethode unterrichteten. Die Studie stützt sich auf breite Archivbestände und zahlreiche Interviews.

Jacques Picard, Angela Bhend (Hrsg.): Jüdischer Kulturraum Aargau. Baden/Zürich, 2020

Im aargauischen Surbtal zeugt ein reiches Kulturerbe von der jüdischen Geschichte der beiden Dörfer Endingen und Lengnau. Im 18. Jahrhundert war die jüdische Bevölkerung der Schweiz gezwungen, in diesen beiden Gemeinden zu leben. Im Lauf des 19. Jahrhunderts errangen die Schweizer Jüdinnen und Juden nach und nach die gleichen Rechte wie ihre nichtjüdischen Landsleute. Der gesellschaftliche Wandel führte zu einer Abwanderung in Schweizer Städte und ins Ausland.

So weist der jüdische Kulturraum Aargau über sich hinaus in die Welt. Das reich bebilderte Buch schildert auf eindringliche Art die Geschichte und Gegenwart des jüdischen Aargaus, die in weiten Teilen eine Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Schweiz ist. Über 40 Autorinnen und Autoren legen Zeugnis ab vom jüdischen Alltag, der Emanzipation, den Bedrohungen in schwerer Zeit, aber ebenso vom Erfolg der Schweizer Jüdinnen und Juden weltweit.

3.9.2020-17.1.2021: Ausstellung „Zürich 1980“ im ZAZ

Vor 40 Jahren wurde Zürich von einer urbanen Revolte erschüttert. Es war eine Rebellion gegen einen normierten und kontrollierten Alltag, gegen ein biederes, engstirniges und repressives soziales Klima, ein erbitterter und lustvoller Kampf für ein anderes urbanes Leben. Die Revolte hat zwei Jahre angehalten und das gesellschaftliche und kulturelle Leben Zürichs grundlegend verändert, mit Auswirkungen, die bis heute sichtbar sind.

In Zusammenarbeit mit Christian Schmid (Stadtforscher, ETH Zürich) und Silvan Lerch (Kulturjournalist) hat das Sozialarchiv aus diesem Anlass die Ausstellung „Zürich 1980“ im Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) konzipiert. In dieser Ausstellung schauen wir zurück und nach vorn – in eine bewegte Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft.

„Zürich 1980“ besteht im Wesentlichen aus zwei Zugängen zum Thema. Zum einen zeigen wir Fotos von Gertrud Vogler (1936-2018) – sie ist den regelmässigen Leser*innen des SozialarchivInfos inzwischen bestens bekannt. Vogler gehörte zu den wichtigsten zeitgenössischen FotografInnen Zürichs. Sie arbeitete für verschiedene Publikationen und übernahm 1981 die Bildredaktion der WoZ. Vogler konnte Aufnahmen von Orten machen, zu denen anderen der Zutritt verwehrt blieb oder wo sie sich gar nicht erst hin getrauten. Als Chronistin des Alltags und der sozialen Bewegungen schuf sie ein Werk von über 200’000 Fotografien, das heute im Schweizerischen Sozialarchiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die erste grössere Einzelausstellung zeigt Einblicke in bewegte Zeiten zwischen 1977 und 1993.

Zum anderen widmet sich die Ausstellung unter dem Titel «Poetische Provokationen» der Sprache der Bewegung. Mit Zeitschriften, Songtexten, Videos, Tonaufnahmen, Flugblättern und Büchern zeigen wir, wie sich die 80er Bewegung Ausdruck verschaffte. Als Interventionsmedien zur Etablierung einer Gegenöffentlichkeit gedacht, verströmen die Texte bis heute eine besondere Kraft und entwickeln einen eigentlichen Sog. Sie sind oft überraschend, explosiv, radikal und militant und entfalten zugleich sinnliche Verspieltheit, Witz und (Selbst-)Ironie.
Dieser Teil der Ausstellung sollte ursprünglich im Museum Strauhof gezeigt werden, fiel aber wie so vieles der Corona-Pandemie zum Opfer. Verantwortlich für die «Poetischen Provokationen» sind Silvan Lerch und Anja Nora Schulthess („Zürcher Mittelmeerfraktion – Verein für unerhörte Stadtgeschichten“).

3. September 2020 bis 17. Januar 2021
Zentrum Architektur Zürich (ZAZ), Höschgasse 3, 8008 Zürich

> Der Zutritt zu allen Veranstaltungen ist coronabedingt beschränkt. Bitte informieren Sie sich vor Ihrem Besuch auf der Homepage des ZAZ und melden Sie sich über anmeldung@zaz-bellerive.ch zu den jeweiligen Veranstaltungen an.

> Ausstellungsflyer herunterladen (PDF, 2’690 KB)

> Weitere Informationen und Angaben zum umfangreichen Begleitprogramm

SLSP und swisscovery – was für Sie als Bibliotheksbenutzer/in wichtig ist

Am 7. Dezember 2020 um 10 Uhr ist es soweit: swisscovery und die weiteren Dienste von SLSP (Swiss Library Service Platform) lösen die aktuellen Bibliotheksverbünde (u.a. NEBIS) und die bisherigen Rechercheportale schweizweit ab. Als Bibliothekskund/in haben Sie ab dann neu über eine einzige Rechercheplattform namens swisscovery Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Medienbestand der Schweiz.

Das Wichtigste in Kürze:

Was ist swisscovery?
Die neue nationale Rechercheplattform swisscovery verzeichnet insgesamt mehr als 30 Millionen Bücher, Serien, Zeitschriften und Non-Book-Materialien sowie mehr als 3 Milliarden elektronische Artikel. Betrieben wird swisscovery von der Swiss Library Service Platform, kurz SLSP. Die SLSP wurde von 15 Hochschulen ins Leben gerufen. Bis heute haben sich schweizweit 475 Bibliotheken angeschlossen.

Benutzerkonto / Wo kann ich mich registrieren?
Bibliothekskund/innen müssen ein SWITCH edu-ID-Konto besitzen, um von den swisscovery-Dienstleistungen Gebrauch machen zu können. Hier können Sie sich registrieren: https://registration.slsp.ch/

> Bitte beachten Sie:

  • Falls Sie noch kein SWITCH edu-ID-Konto besitzen, können Sie dieses während der Registrierung einrichten.
  • Wir empfehlen Ihnen, den Strichcode Ihres bestehenden Bibliotheksausweises zu erfassen, damit Sie diesen weiterhin verwenden können.
  • Hilfe zur Registrierung finden Sie auf: https://registration.slsp.ch/help/

Nach erfolgreicher Registrierung bei SLSP können Sie Ihr SWITCH edu-ID-Konto schweizweit für alle SLSP-Bibliotheken verwenden (es gibt keine separaten Konten pro Bibliothek oder Verbund mehr).

Kann ich meine aktuelle Bibliothekskarte behalten?
Ja, Sie haben die Möglichkeit, die Nummer (Strichcode) Ihres Bibliotheksausweises bei der Registrierung anzugeben.

Muss ich mich nach der Registrierung am Schalter meiner Bibliothek ausweisen?
Nein, Sie müssen sich nicht ausweisen. Ihre Handynummer wird bei der Registrierung verifiziert.

Wieso funktioniert mein bisheriges Bibliothekskonto nicht mehr?
Die alten Bibliothekskonten sind in swisscovery nicht mehr gültig. Um die Bibliotheksdienstleistungen weiterhin nutzen zu können, müssen Sie ein SWITCH edu-ID-Konto besitzen.

Wo kann ich meine Ausleihen aus dem NEBIS-Verbund noch einsehen?
Ihre Ausleihen können Sie unter https://recherche.nebis.ch/ bis März 2021 einsehen. Verwenden Sie hierfür Ihr bestehendes, bisheriges Bibliothekslogin.

Wieso kann ich meine Ausleihen in meinem NEBIS-Konto nicht mehr verlängern?
Eine Verlängerung ist technisch nicht mehr möglich.

Wieso werden meine Reservationen und meine Ausleihhistorie nicht in swisscovery übernommen?
Eine Migration der Reservationen und Ausleihhistorien in das neue System ist aus technischen und datenschutzrechtlichen Gründen leider nicht möglich. Ab dem 7. Dezember können Sie Dokumente in swisscovery neu reservieren.

Wo kann ich meine Ausleihen in swisscovery einsehen?
Ab dem 7. Dezember 2020 können Sie Ihre Ausleihen in Ihrem Konto im swisscovery-Portal Ihrer Bibliothek einsehen.

Was ist der SLSP-Courier und wer nimmt am SLSP-Courier teil?
Der SLSP-Courier vernetzt wissenschaftliche Bibliotheken aus der ganzen Schweiz miteinander und löst die bisherigen Kurierdienste wie IDS-Kurier und NEBIS-Ausleihverbund ab. Der SLSP-Courier ermöglicht Ihnen, sich innerhalb von 48 Stunden Bücher von einer Bibliothek in eine andere liefern zu lassen gegen eine Gebühr von CHF 6.- pro bestelltem Dokument. Ob eine Bibliothek am SLSP-Courier teilnimmt, sehen Sie bei der Bestellung.

Benutzungsänderungen
Mit dem Start der neuen Rechercheplattform swisscovery am 7. Dezember 2020 gibt es auch Änderungen in der Benutzungsordnung der Bibliotheken (u.a. bei den Gebühren). Bitte informieren Sie sich jeweils direkt auf den Websites der einzelnen Bibliotheken.

> Mehr Informationen rund um SLSP und swisscovery finden Sie auch hier: https://www.nebis.ch/de/swisscovery/