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Besondere Benutzungsbestimmungen

Unser Ausleihschalter ist für die Abholung von Medien für die Heimausleihe geöffnet (Öffnungszeiten: Mo bis Fr 9:00 bis 19:30, Sa 11:00 bis 16:00). Bitte bestellen Sie vorgängig online von zu Hause aus und beachten Sie bei einem Besuch die am Eingang angeschlagenen Schutzvorschriften.

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Im gesamten Sozialarchiv gilt Maskenpflicht. Der Zutritt zum Lesesaal und zum Trakt mit Recherchestationen, Leselounge und Kopiergerät ist nur mit gültigem Covid-Zertifikat gestattet. Für die Abholung von online bestellten Medien für die Heimausleihe ist das Covid-Zertifikat nicht erforderlich. Die Räumlichkeiten müssen aber nach Entgegennahme der Medien umgehend verlassen werden.

Für Dokumente aus unseren Archiv- und Dokumentationsbeständen nehmen wir auch weiterhin gerne Scan- oder Kopieraufträge entgegen (kontakt@sozialarchiv.ch).
Bildbestellungen nehmen wir wie üblich entgegen.
Für Reproduktionsaufträge aus unseren Bibliotheksbeständen (Monografien, Zeitschriften und Zeitungen) gelten die neuen Tarife von SLSP.

Bei Fragen schicken Sie uns eine E-Mail an kontakt@sozialarchiv.ch oder rufen Sie uns unter 043 268 87 40 an.

Und: Kommen Sie wenn immer möglich zu Fuss oder mit dem Velo ins Sozialarchiv oder meiden Sie im ÖV die Stosszeiten.

Ihr Sozialarchiv-Team

4.11.2021, 18 Uhr: Natürlich, nackt, gesund

Die Lebensreform in der Schweiz nach 1945

Buchpräsentation mit der Autorin Eva Locher

Vegetarische Ernährung, alternative Heilmethoden oder ein ausgeprägter Fitnesskult boomen. Mit ihrem Appell, dass sich jede und jeder selbst optimieren sowie möglichst gesund und natürlich leben müsse, nahm die um 1900 entstandene Lebensreform viele dieser Diskurse und Praktiken vorweg. Der reformerische Ansatz, dass Selbstreform eine Gesellschaftsveränderung nach sich ziehe, blieb über das gesamte 20. Jahrhundert aktuell. Auch nach 1945 propagierten die Reformer*innen die «naturgemässe Lebensweise» zur Überwindung zeitgenössischer Krisen, etwa der Umweltzerstörung, des Massenkonsums oder der Entfremdung des Selbst.

Eva Locher beschreibt in ihrem Buch die Entwicklung der Lebensreform in der Schweiz nach 1945. Sie zeigt auf, dass die Schweiz für die transnationale Lebensreform eine wichtige Drehscheibenfunktion einnahm. Im Zentrum ihrer kultur- und sozialgeschichtlich ausgerichteten Studie stehen Ernährungsreform, Naturheilkunde und Freikörperkultur.

Donnerstag, 4. November 2021, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 283 KB)

> Buchflyer herunterladen (PDF, 2’303 KB)

Aufgrund der Coronasituation müssen wir die Publikumszahl dieser Veranstaltung leider beschränken. Wir bitten Sie deshalb um eine Voranmeldung bis zum 1.11.2021 an basarte@sozarch.uzh.ch. Für die Veranstaltung gilt unser Schutzkonzept, das unter anderem Zertifikatspflicht, Sitzabstände von 1,5 Metern, Maskenpflicht sowie die Angabe von Kontaktdaten für ein eventuelles Contact-Tracing beinhaltet.

Heinz Nigg: „Video: Ich sehe!“ – Lesetour „Mein Zürich“

Lesungen, Gespräche und Präsentationen an Orten in Zürich, die für den Autor prägend waren (31.5. – 6.10.2021)

In „Video: Ich sehe!“ erzählt der Schweizer Ethnologe, Aktivist und Kulturvermittler Heinz Nigg von seinem Werdegang, seinen Entdeckungsreisen in die Welt der Kunst und wie er Pionier und Mitstreiter der alternativen Videobewegung wurde. Es ist eine Collage von Erinnerungen, Briefstellen, Tagebucheinträgen, ethnografischen Feldnotizen und Auszügen aus Zeitungsartikeln – ergänzt durch s/w-Fotos und Dokumente.

Die Lesetour folgt den Buchkapiteln von „Video: Ich sehe!“:

„Aufbruch“
Montag, 31. Mai, 18 Uhr
Café Odeon, Bellevue

„Heranwachsen“
Montag, 7. Juni, 18 Uhr
Haltestelle Hegibachplatz

„Amerika“
Montag, 14. Juni, 18 Uhr
Haltestelle Balgrist

„Wieder in Zürich“
Montag, 21. Juni, 18 Uhr
Obere Mensa der Universität

„Reisetagebuch New York“
Montag, 28. Juni, 18 Uhr
Haltestelle Schwert

„Ankommen in London“
Montag, 5. Juli, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Fotowerkstatt in Waterloo“
Montag, 30. August, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Video in Notting Hill“
Montag, 6. September, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Feldnotizen“
Mittwoch, 15. September, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Jugendunruhen in der Schweiz“
Mittwoch, 22. September, 18 Uhr
Opernhaus

„Video für alle“
Mittwoch, 29. September, 18 Uhr
Limmatplatz

„Familie und Nachbarschaft“
Mittwoch, 6. Oktober, 18 Uhr
Restaurant Nordbrücke, Wipkingen

Flyer zur Lesetour herunterladen (PDF, 999 KB)

„Video: Ich sehe!“ (ISBN: 978-3-753404-50-9, 244 Seiten, CHF 20.-) ist erhältlich in folgenden Buchhandlungen: Volkshaus , Kosmos, sec 52, Hirslanden, Kapitel 10, Orell Füssli oder via: nigg@av-produktionen.ch.

Auf av-produktionen.ch wird jeweils bekannt gegeben, ob der Anlass stattfindet oder wetterbedingt verschoben wird. Die Anzahl der Teilnehmenden ist Covid-bedingt auf 15 Personen beschränkt. Anmeldung an nigg@av-produktionen.ch.

Vor 20 Jahren: Das Swissair-Grounding

Im Herbst 2001 erschütterten verschiedene Ereignisse im In- und Ausland die Schweizer Öffentlichkeit: Am 11. September verursachten vier koordinierte Flugzeugentführungen durch Selbstmordattentäter des Terror-Netzwerks Al-Qaida knapp 3’000 Todesopfer, den Einsturz des World Trade Centers in New York und erhebliche Schäden am Pentagon in Washington. Im Rahmen des daraufhin vom US-Präsidenten George W. Bush ausgerufenen «War on Terror» begann Anfang Oktober das Eingreifen der USA und ihrer Verbündeten in den afghanischen Bürgerkrieg. Am 27. September ermordete im Parlamentsgebäude des Kantons Zug der Attentäter Friedrich Leibacher drei Regierungs- und elf Parlamentsmitglieder. Wenige Tage darauf ereignete sich der spektakulärste Bankrott der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte: Das «Grounding» der nationalen Luftfahrtgesellschaft Swissair.

Aufstieg, Blütezeit und Krisen der Swissair

Nach Anfängen der Schweizer Luftfahrt mit Gasballons in 19. Jahrhundert und Zeppelinen ab der Jahrhundertwende hoben 1910 die ersten Flugzeuge von Schweizer Boden ab und bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs erfolgte der Aufbau einer Luftwaffe. Nach Kriegsende gründeten verschiedene Militärpiloten zivile Fluggesellschaften. Zwei davon, die 1919/20 in Zürich entstandene Ad Astra Aero und die 1925 gegründete Balair fusionierten 1931 zur Swissair. Im ersten Betriebsjahr verfügte die neue Gesellschaft über 13 Maschinen, bedient wurden acht Strecken nach west- und mitteleuropäischen Destinationen. Als Heimbasis fungierte der Flughafen Dübendorf. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam der zivile Flugbetrieb zunächst zum Erliegen. Ab 1940 konnten dann vereinzelte Strecken, insbesondere nach Deutschland, wieder beflogen werden, bevor 1944 der intensivierte Luftkrieg die zivile Luftfahrt erneut lahmlegte.

Ab Sommer 1945 nahm die Swissair verschiedene Strecken nach Süd- und Westeuropa wieder auf, im Dezember gleichen Jahres fand der erste Langstreckenflug nach Kairo statt. Ab 1947 flog die Gesellschaft auch Destinationen in Nord- und Südamerika sowie Südafrika an. Im selben Jahr beteiligte sich die öffentliche Hand, darunter die Bundesregiebetriebe SBB und PTT sowie Kantone und Gemeinden mit rund 30 Prozent am massiv aufgestockten Aktienkapital der Swissair, die dadurch zu einer gemischtwirtschaftlichen «nationalen» Luftfahrtgesellschaft wurde. 1948 erfolgte die Verlegung des Heimatflughafens von Dübendorf nach Kloten. Im folgenden Jahr führte eine Abwertung des britischen Pfund zu dramatischen Einnahmeverlusten, die mit Hilfe des Bundes überbrückt werden konnten.

Die Phase der Hochkonjunktur in den 50er- und 60er-Jahren stand dann im Zeichen eines rasanten Wachstums des Flugverkehrs: Die Swissair-Flotte wurde ausgebaut, neue Destinationen angesteuert und ständig sinkende Flugpreise bei zugleich ansteigenden Reallöhnen machten das Fliegen für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich. In den späten 50er-Jahren stieg die Zahl der Fluggäste jährlich um 10 und 14 Prozent. Im Betriebsjahr 1958 transportierte die Swissair erstmals mehr als eine Million Passagiere. 1960 wurden die ersten Langstreckenjets in Betrieb genommen. Drei Jahre darauf ereignete sich der bis dahin schwerste Unfall in der Geschichte der Swissair, als eine Caravelle auf einem Inlandflug bei Dürrenast abstürzte. Alle 80 Personen an Bord starben, ebenso 43 BewohnerInnen des Dorfes Humlikon. 1971 schlossen sich die beiden geschlechtergetrennten Verbände der Swissair-Hostessen und -Stewards zur Gewerkschaft des Kabinenpersonals «Kapers» zusammen, deren Akten heute im Sozialarchiv lagern. Bereits in ihrem Gründungsjahr verhandelte die Kapers mit der Swissair über den ersten Gesamtarbeitsvertrag.

Ab den späten 60er-Jahren sah sich der zivile Luftverkehr verschiedenen neuen Herausforderungen gegenüber: Zum einen führte die Verschärfung des Nahostkonflikts zum Entstehen des modernen Luftfahrtterrorismus. 1969 beschossen auf dem Flughafen Kloten vier AttentäterInnen der «Volksfront zur Befreiung Palästinas» (PFLP) ein Flugzeug der israelischen Gesellschaft El Al, wobei der Co-Pilot und ein Attentäter ums Leben kamen. 1970 explodierte an Bord eines Swissair-Flugs von Zürich nach Tel Aviv eine Bombe der PFLP. Beim Absturz der Maschine bei Würenlingen kamen alle 47 Personen an Bord ums Leben. Wenige Monate später entführten PFLP-Mitglieder eine Swissair-Maschine und zwangen sie zur Landung im Gaza Airport. Nach tagelangen Verhandlungen wurden die Geiseln freigelassen, die Maschine aber gesprengt. Im Austausch liess die Schweiz die drei überlebenden AttentäterInnen von 1969, die zu je 12 Jahren Zuchthaus verurteilt worden waren, frei.

Zur selben Zeit wurde zunehmend ökologische Kritik an verschiedenen Aspekten des Flugverkehrs laut. Ende 60er-Jahre entstand das «Aktionskomitee gegen den Überschallknall ziviler Luftfahrzeuge», dem es 1971 gelang, das Bundesgesetz über die Luftfahrt in seinem Sinne abändern zu lassen. Das Komitee verbreiterte daraufhin seine Zielsetzung und wandelte sich in die «Schweizerische Gesellschaft für Umweltschutz» um, deren Archiv heute im Sozialarchiv lagert. Im September 1970 stimmten die Kantonalzürcher Stimmberechtigten mit überwältigender Mehrheit einem Gesetz über «Massnahmen gegen die Auswirkungen von Fluglärm und Abgasen in den Randgebieten des Flughafens Kloten» zu, das unter anderem ein Verbot von Starts und Landungen in der Nacht festschrieb. Zur selben Zeit entstand die «Schweizerische Vereinigung gegen die schädlichen Auswirkungen des Luftverkehrs». Das Thema Fluglärm sollte in den folgenden Jahrzehnten ein Dauerbrenner verkehrs- und umweltpolitischer Debatten bleiben. Ab den 80er-Jahren wurde dann der Beitrag des CO2-Ausstosses von Flugzeugen zum menschengemachten Klimawandel, vor dem die Wissenschaft seit den späten 50er-Jahren warnte (s. SozialarchivInfo 6/2019), zunehmend ein Thema. Dies führte unter anderem dazu, dass die Swissair mit ihrem Jahresbericht 1991 als erste Luftfahrtgesellschaft auch eine Ökobilanz publizierte.

1973/74 führte eine Kumulation gleichzeitiger Probleme zu Turbulenzen bei der Swissair: Zum Zusammenbruch des Bretton-Woods-Währungssystems, der auch die Flugtarife durcheinanderbrachte, und der Erdölkrise im Gefolge des arabisch-israelischen Jom-Kippur-Krieges, die die Treibstoffpreise mehr als verdoppelte, kamen Fluglotsenstreiks in Deutschland und Frankreich sowie als Folge der einsetzenden Rezession und des starken Frankens ein Rückgang des Ferienreiseverkehrs in die Schweiz. In der zweiten Hälfte der 70er-Jahre setzte eine erneute Wachstumsphase ein, die allerdings nach wenigen Jahren durch Währungsturbulenzen, wachsenden Konkurrenzdruck im US-Geschäft infolge der Liberalisierung des Luftverkehrs sowie ein neuerliches sprunghaftes Ansteigen der Treibstoffpreise 1979 überschattet wurde. Erst die wirtschaftliche Erholung ab etwa 1984 führte zu einer weiteren Wachstumsphase.

Ein erneuter Einschnitt kam 1990, als infolge einer Konjunkturabschwächung, der Golfkrise nach der irakischen Invasion Kuwaits, steigender Treibstoffpreise und Versicherungsprämien sowie Überkapazitäten viele Fluggesellschaften, so auch die Swissair, die sich mit SAS, Austrian Airlines und Finnair zur European Quality Alliance zusammenschloss, Verluste machten. Hinzu kam Anfang 1991 die Liberalisierung des Luftverkehrs in Europa, die zu einem aggressiven Preiskampf und Verdrängungswettbewerb führte, in dem die Swissair durch die Nichtteilnahme der Schweiz am Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) schlechte Karten hatte. 1992 baute die Swissair erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg 400 Stellen ab. Ein im Zuge der Tendenz zu Allianzen nationaler Fluggesellschaften projektierter Zusammenschluss von Swissair, KLM, SAS und Austrian Airlines scheiterte 1993.

Von der «Hunter-Strategie» zum «Grounding»

Angesichts des schleppenden Verhandlungsverlaufs über die bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU nach der helvetischen EWR-Ablehnung übernahm die Swissair 1995 49,5 Prozent des Aktienkapitals der verschuldeten und chronisch defizitären belgischen Gesellschaft Sabena, um ein Standbein in der EU aufzubauen. Ab 1998 wurde dann die von McKinsey empfohlene «Hunter-Strategie» umgesetzt, der Versuch des Aufbaus einer eigenen Allianz unter Swissair-Führung. Zum Mitmachen in einer solchen Struktur waren aber vor allem kriselnde Gesellschaften bereit. Die Swissair lancierte die Qualiflyer Group als gemeinsame Dachmarke mit Crossair, Sabena, Austrian Airlines, Tyrolean, Lauda Air, Turkish Airlines, TAP Air Portugal, AOM French Airlines und Air Littoral sowie ab 1999 LOT und Portugália. Ausserdem erwarb sie Anteile an mehreren weiteren Fluggesellschaften. 1998 kam es auch zum schlimmsten Unfall der Swissair-Geschichte, als eine Maschine vor Halifax ins Meer stürzte und 229 Menschen ums Leben kamen.

Kurz darauf verdüsterte sich auch der wirtschaftliche Horizont weiter: Im Jahr 2000 kam eine McKinsey-Studie zum Schluss, dass eine Finanzierungslücke bestehe und die Hunter-Strategie wirtschaftlich nicht mehr tragbar sei. Allein Swissair und Sabena fuhren einen Verlust von täglich je einer Million Franken ein. Auch andere Partnergesellschaften waren hochdefizitär. Für eine nachhaltige Sanierung fehlten Zeit, Kapital und Managementkapazitäten. Am 23. Januar 2001 wurde CEO Philippe Bruggisser vom Verwaltungsratspräsidenten, Altregierungsrat Eric Honegger, fristlos entlassen. Zu jenem Zeitpunkt lagen aber weder eine Nachfolgeregelung noch eine neue Strategie vor. Als im März zwei Studien vor einer möglichen Zahlungsunfähigkeit warnten, trat der gesamte Swissair-Verwaltungsrat zurück. Die interimistische Leitung der Swissair ging auf Mario Corti, Finanzchef der Nestlé, über, der im April einen Jahresverlust von 2,9 Milliarden Franken präsentieren musste.

Der letzte Akt in der Geschichte der Swissair begann mit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001, die die gesamte Luftfahrtbranche in die Krise stürzten. Dies verunmöglichte auch den von der Swissair angestrebten Verkauf von Tochtergesellschaften. Am 17. September teilte Corti dem Eidgenössischen Finanzdepartement mit, die SAirGroup könnte binnen zweier Wochen zahlungsunfähig sein, und ersuchte um eine Bundesgarantie von einer Milliarde Franken. Dies lehnte der Bundesrat aus ordnungspolitischen Gründen ab. Am Wochenende vom 29./30. September wurde unter der Regie der Grossbanken UBS und CS das Projekt «Phoenix» erarbeitet, das den Kauf der von der SAirGroup gehaltenen Crossair-Aktien durch die Banken und die Übernahme von Marke und eines Teils der Swissair-Flotte durch die Crossair vorsah. Das Projekt wurde der Öffentlichkeit am 1. Oktober vorgestellt, gleichzeitig beantragte die Swissair für Teile des Konzerns Nachlassstundung.

Am folgenden Tag stieg der Liquiditätsbedarf stark an, da nun die Zulieferer auf Barzahlung und Begleichung offener Rechnungen bestanden. Nach den ersten morgendlichen Flügen waren die Barreserven der Swissair erschöpft und die Treibstofflieferanten weigerten sich, weitere Flugzeuge zu betanken. Die Grossbanken ihrerseits waren nicht bereit, den Verkaufserlös der Crossair-Aktien zu bevorschussen. Um 15:45 Uhr musste Swissair den Flugbetrieb einstellen. Tausende Passiere auf der ganzen Welt strandeten und manche Flugbesatzungen, deren Firmen-Kreditkarten gesperrt worden waren, mussten auf eigene Kosten zurückkehren. Erst am 5. Oktober konnte dank eines Notkredits des Bundes ein Teil des Flugbetriebs wieder aufgenommen werden. In jenen Tagen fanden mehrere Demonstrationen gegen das «Grounding» und die Grossbanken statt. Auch kündigten viele KundInnen ihre Konten bei den Grossbanken.

Zusammenwischen des Scherbenhaufens

Ende Oktober 2001 einigten sich Banken und Behörden über die Finanzierung der neuen Fluggesellschaft. Zugleich sagte der Bund eine A-fonds-perdu-Finanzierung über eine Milliarde Franken zu, um bis zu deren Gründung den Betrieb der Swissair aufrechtzuerhalten.

Im Mai 2002 wurde die vom Bund, einigen Kantonen sowie UBS und CS zur neuen nationalen Fluggesellschaft aufgebaute Crossair in «Swiss International Air Lines» umbenannt. Sie übernahm einen Teil der Flotte und des Personals der Swissair sowie die meisten ihrer Flugverbindungen. Nachdem die neue Gesellschaft in den ersten Jahren defizitär blieb, wurde sie 2005 bis 2007 schrittweise vom Lufthansa-Konzern übernommen.

Parallel dazu beschäftigte das Swissair-Debakel die Gerichte: Im März 2006 erhob die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich nach fünfjähriger Ermittlung Anklage gegen alle Mitglieder des Verwaltungsrates von 2001 (darunter Eric Honegger, Vreni Spoerry, Thomas Schmidheiny und Lukas Mühlemann), die ehemaligen Konzernchefs Philippe Bruggisser und Mario Corti sowie weitere Geschäftsleitungsmitglieder, unter anderem wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, Gläubigerbevorzugung, Gläubigerschädigung, Misswirtschaft, Falschbeurkundung und Urkundenfälschung. Im Sommer 2007 sprach das Bezirksgericht Bülach aber sämtliche Angeklagten frei. Auch weitere Prozesse vor dem Zürcher Obergericht und dem Bundesgericht endeten mit Freisprüchen.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.731.13 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Wirtschaft 1990–2006
  • Ar 1.520.8 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Swissairkrise 1947–1950
  • Ar W 68.1 Schweizerische Gesellschaft für Umweltschutz SGU: Eidgenössisches Aktionskomitee gegen den Ueberschallknall ziviler Luftfahrzeuge
  • Ar 177.11.25 Strahm, Rudolf (*1943): Akten zur Swissair 2001
  • Ar 201.31.1 Komitee gegen noch mehr Flug- und Strassenlärm
  • Ar 476.21.19 Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich GBKZ: Vorstösse KR nach Swissair-Debakel, 2001-2002
  • Ar 617.23.14 kapers Gewerkschaft des Kabinenpersonals, Cabin Crew Union: Dokumentation Swissair Grounding
  • Ar unia 04-0101–0124 unia – Die Dienstleistungsgewerkschaft: United Flight Attendants of Switzerland Ufas

Sachdokumentation

  • KS 380/161 Luftverkehr, Flugverkehr: Schweiz: Allg.
  • KS 380/162 bis /164 Luftverkehr, Flugverkehr: Schweiz
  • QS 98.6 Luftverkehr, Flugverkehr; Fluglärm
  • ZA 19.3 *22 Fluglärm
  • ZA 36.5 *WTC Terrorismus im Ausland: Anschläge vom 11. September 2001
  • ZA 98.6 *2 Luftverkehr, Flugverkehr: Schweiz

Bibliothek

  • Berchtold, Walter: Durch Turbulenzen zum Erfolg: 22 Jahre am Steuer der Swissair. Zürich 1981, 69262
  • Fretz, Robert: Swissair im Kampf und Aufstieg. Zürich 1973, 45422
  • Hänzi, Denis: Wir waren die Swissair: Piloten schauen zurück. Bern 2007, 118556
  • Heitz, Hans-Jacob und Rodolfo Keller: Swissair: Agonie, Tod und Klon: Gespräche mit einem betroffenen Aktionär. Lugano 2006, 117754
  • Loepfe, Koni: Als die Swissair noch ein kleines Unternehmen war: Die Flughäfen Dübendorf und Kloten, 1946, 1949 und 1953, in: Christian Koller/Raymond Naef (Hg.): Chronist der sozialen Schweiz: Fotografien von Ernst Koehli 1933–1953. Baden 2019. S. 53-63, Gr 14947
  • Lüchinger René: Swissair-Grounding: Unglaubliches Mass an Unvermögen, in: Rötlisberger, Peter (Hg.): Skandale: Was die Schweiz in den letzten zwanzig Jahren bewegte. Zürich 2005. S. 39-58, 114217
  • Lüchinger, René (Hg.): Swissair: Mythos & Grounding. Zürich 2006, 116751
  • Lüchinger, René: Als die Swissair fliegen lernte: Die Welt des Armin Baltensweiler. Bern 2011, 141861
  • Meyer, Benedikt: Im Flug: Schweizer Airlines und ihre Passagiere, 1919–2002. Zürich 1915, 130862
  • Moser, Sepp: Bruchlandung: Wie die Swissair zugrunde gerichtet wurde. Zürich 2001, 110089
  • Muser, Alfred: Die Swissair 1939–1945: Der Überlebenskampf während des Zweiten Weltkrieges: Ein Bericht. Adliswil 1996, UGr 8
  • Neirynck, Jacques: Marcel Ospel: L’homme qui est allé trop loin. Lausanne 2008, 120887
  • Praxmarer, Werner H.: Die Stellung der nationalen schweizerischen Luftverkehrsgesellschaft im Flugverkehr der Nachkriegszeit: Eine verkehrsstatistisch vergleichende Untersuchung zwischen Swissair und ausländischen Luftverkehrsunternehmen. Winterthur 1954, 22230
  • Ruoss, Hugo: 100 Jahre Luftfahrt in der Schweiz: Die ersten Flugmeetings und die ersten Fluggesellschaften. Kloten 2012, 130456
  • Schroeder, Urs von: Swissair 1931–2002: Aufstieg, Glanz und Ende einer Airline. Frauenfeld etc. 2002, 109595
  • Die Schweizer Filmwochenschau erzählt…: Die Schweiz fliegt: Die Zivilluftfahrt von 1940 bis 1975. Lausanne/Zürich 2005, DVD 31
  • Stucki, Lorenz: Swissair: Das Portrait einer erstaunlichen Fluggesellschaft. Frauenfeld/Stuttgart 1981, 68893
  • Vogt, Werner: Swiss: Die Airline der Schweiz. Zürich 2018, Gr 14679
  • Weidmann, Ruedi: Swissair Souvenirs: Das Fotoarchiv der Swissair. Zürich 2012, Gr 12970
  • Weidmann, Ruedi: Swissair Luftbilder: Das Luftbildarchiv der Swissair. Zürich 2014, Gr 14163
  • Weissberg, Bernhard: Wie die Swissair die UBS rettete. Baden 2019, 142197

Periodika

  • D 6089: Kabine: Zeitschrift der Vereinigung des Kabinenpersonals Kapers
Gewerkschaftsdemonstration, Olten, 8.5.1976 (SozArch F 5069-Na-004-012)
Gewerkschaftsdemonstration, Olten, 8.5.1976 (SozArch F 5069-Na-004-012)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Anina Zahn: Wider die Verunsicherung. Arbeitslosenkomitees in der Schweiz, 1975–2002. Zürich, 2021

1975 steckt die Schweiz in einer Krise. Um den steigenden Arbeitslosenzahlen zu begegnen, wird die obligatorische Arbeitslosenversicherung (ALV) eingeführt. Zur selben Zeit entstehen selbstorganisierte Gruppen von Arbeitslosen, die sich Arbeitslosenkomitees nennen. Beharrlich protestieren sie gegen Verschlechterungen bei der Arbeitslosenversicherung, auch in den folgenden Krisen der 1980er- und 1990er-Jahre.
Die vom Fonds «Forschung Ellen Rifkin Hill» unterstützte Dissertation erzählt die Geschichte der Arbeitslosigkeit und der Arbeitslosenbewegung aus Sicht der Betroffenen während einer entscheidenden Übergangsphase der Industriegesellschaft. Die Beziehung der Arbeitslosen zum Sozialstaat wird am Beispiel von fünf Arbeitslosenkomitees in der Deutschschweiz und der Romandie bis ins Jahr 2002 untersucht. Für ihre Abhandlung hat die Autorin auch zahlreiche Quellen aus dem Sozialarchiv eingesehen.

Bestände zum Thema im Sozialarchiv:

Mélanie Gerber, Sabine Hunziker, Silvio Saxer: Oase in einer Wüste der Ordnung. Die Geschichte einer unbeugsamen Berner Protestgruppe zum Thema Drogenpolitik. Boll, 2021

Nicht nur Studierende, sondern auch Schülerinnen und Schüler bildeten einen wichtigen Teil der 80er-Bewegung: Rund 2’000 traten am 18. November 1987 in Bern in einen Proteststreik, um sich für unabhängige Lebens- und Kulturräume einzusetzen. Die aus der Bewegung entstandene SchülerInnenkoordination Bern (SIKB) setzte sich nicht nur für die Rechte von Schülerinnen und Schülern ein, sondern betrieb ab Winter 1990/91 mehr als 20 Jahre lang eine Gassenküche in den Strassen der Bundesstadt.
Anhand von Gesprächen mit Aktivistinnen und Aktivisten und vielen erstmals erschlossenen Archivquellen wird die Tätigkeit der Gruppe, die sich 2013 schliesslich aufgelöst hat, nacherzählt.

Bestände zum Thema im Sozialarchiv:

Nadina A. Brügger: Helvetias Töchter. Kampf, Streik, Stimmrecht. Acht Frauengeschichten aus der Schweiz von 1846 bis 2019. Embrach, 2021

«Helvetias Töchter» beleuchtet für einmal nicht prominente Vertreterinnen der Schweizer Frauenbewegung, sondern acht «gewöhnliche» Frauen, die den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten entstammen. Es sind zudem fiktive Biografien von Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten leb(t)en und stellvertretend für viele Frauen ihrer Generation stehen.
So beispielsweise diejenige von Luisa: Im November 1918 erlebt die Fabrikarbeiterin den Tag des Landesstreiks als aktive Teilnehmerin in Zürich. Sie eilt durch die von Soldaten besetzte Stadt und schliesst sich schliesslich dem Marsch von Tausenden ArbeiterInnen an. Neun Forderungen hat das Oltener Aktionskomitee dem Bundesrat vorgelegt; Punkt 2 des Programms fordert das aktive und passive Frauenwahlrecht. Viele weitere Forderungen werden allerdings noch folgen (müssen), bis dieses endlich Realität wird.

> Siehe auch die bereits erschienenen Beiträge von Christian Koller zum Thema:
Vor 25 Jahren: Der Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991
Vor 150 bis 30 Jahren: Der lange Weg zum Schweizer Frauenstimmrecht

SLSP/swisscovery: Tipps & Tricks III

Neue und ältere Zeitschriften bestellen

In unserer Rubrik «Tipps & Tricks» möchten wir Ihnen diesmal zeigen, wie Sie Zeitschriftenausgaben und -bände bestellen können, wobei sich der Bestellprozess für ältere Periodika vom Standardprozedere für neuere, laufende Zeitschriften leicht unterscheiden kann. Der Grund liegt darin, dass für ältere Zeitschriften zwar eine vollständige Titelaufnahme in swisscovery vorhanden ist, in vielen Fällen aber die einzelnen physischen Bände (= Bestelleinheiten) nicht erfasst sind.

Neuere bzw. laufende Zeitschriften

Sie möchten zum Beispiel eine Ausgabe des «Spiegel» aus dem Jahr 2020 bestellen. Nachdem Sie sich in swisscovery eingeloggt haben, suchen Sie nach der entsprechenden Titelaufnahme.

Unter «Ausleih- und Bestelloptionen» wählen Sie den Standort «Schweizerisches Sozialarchiv» und klicken auf die spitze Klammer ganz rechts. Dadurch öffnen Sie die Detailansicht der einzelnen Zeitschriftenbände und sehen entsprechend auch die beiden Bestelloptionen («Ausleihe» / «Digitalisierung») pro Band.

Ältere Zeitschriften

Nun möchten Sie noch die ersten vier Jahrgänge der Zeitung «Der Republikaner» bestellen. Hier sehen Sie unter «Ausleih- und Bestelloptionen» bei «Standort-Exemplare» zuunterst unter «Notizen» den Hinweis: «Bestellen via Bestellformular – Ausgelagert: verlängerte Abholfrist».

Scrollen Sie nun hinunter bis zur Rubrik «Links», wo Sie dann mit Klick unser verlinktes Bestellformular (www.sozialarchiv.ch/bibliothek/benutzung/bestellen/bestellung-von-aelteren-periodikabestaenden) öffnen können.

Füllen Sie dieses möglichst präzise aus und schicken es ab.

Gebühren für Scans und Fotokopien von Materialien des Sozialarchivs

Seit der Umstellung auf SLSP/swisscovery im Dezember 2020 gelten im Sozialarchiv für die Bibliothek bzw. für Archiv und Dokumentation zwei unterschiedliche Gebührenordnungen für die Anfertigung von Fotokopien und Scans im Auftrag.

Bibliothek

Mit SLSP wurde das gesamtschweizerische Bibliotheksangebot auch gebührenmässig vereinheitlicht. Fotokopien von Bibliotheksmaterialien, die via swisscovery geordert werden, kosten pauschal CHF 7.50 pro 20 Seiten, Scans CHF 5.- pro 20 Seiten. Diese Gebühren sind auch auf unserer Homepage im Bereich Bibliothek (www.sozialarchiv.ch/bibliothek/benutzung/gebuehren) ersichtlich.

Archiv und Dokumentation

Die Anfertigung von Fotokopien und Scans aus Archiv- und Dokumentationsbeständen ist unsererseits mit einem deutlich höheren Arbeitsaufwand verbunden. Auch hier verrechnen wir als Bearbeitungsgebühr CHF 7.50 pro 20 Seiten für Fotokopien bzw. CHF 5.- pro 20 Seiten für Scans. Allerdings kommt hier noch ein Stückpreis für die einzelne reproduzierte Seite dazu: CHF 0.50 pro Seite.

Bitte kontaktieren Sie uns, wenn Sie beim Bestellprozess oder bei Gebührenfragen unsicher sind.

Vor 115 Jahren: Die Gründung des Sozialarchivs im „Kosakensommer“

Am 27. Juni 1906 wurde im Zürcher Zunfthaus zur Waag die «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz», das heutige Sozialarchiv, gegründet. Am selben Abend ereigneten sich wenige Kilometer entfernt hitzige Szenen zwischen Streikenden und Streikbrechern vor der Fabrik der Automobilwerke Arbenz in Albisrieden. Wie hingen die beiden Ereignisse zusammen?

Streiks und Unruhen im In- und Ausland

Die Unruhen in Albisrieden waren Teil einer Streikwelle, die in den Jahren 1904 bis 1907 ganz Europa erfasste und auch in der Schweiz heftige Ausläufer zeitigte: Hatte es in der Stadt Zürich 1902 und 1903 je 15 Streiks gegeben, so waren es 1904 28 und 1905 38, 1906 aber deren 50. Schweizweit gab es in den Spitzenjahren 1906 265 Streiks mit 25’329 Beteiligten und 1907 sogar 282 Streiks mit 52’777 Beteiligten, etwa viermal so viele wie in den vorangegangenen Jahren. Auch andere Länder verzeichneten Spitzenwerte, die weit über dem Durchschnitt der Vorjahre lagen: 1906 ereigneten sich im Deutschen Reich 3’626 Streiks, in Frankreich 1’309, in der österreichischen Reichshälfte der Donaumonarchie 1’083 und in England 486. Diese Streikwelle erfolgte auf dem Höhepunkt eines Konjunkturzyklus. Die Industrie war seit 1904 rasch gewachsen, die Reallöhne stiegen aber weit weniger stark. Zugleich nahm etwa in der Stadt Zürich die Wohnungsnot zu. Hinzu kamen politische Massenstreiks im Ausland: Während der durch den russisch-japanischen Krieg ausgelösten revolutionären Unruhen in Russland von 1905/06 gab es zahlreiche Arbeitsniederlegungen, die Ende 1905 in einen Generalstreik und den Moskauer Aufstand mündeten. In der Donaumonarchie weiteten sich Bummelstreiks der böhmischen Eisenbahner im November 1905 zu grossen Kundgebungen in Wien und Prag aus, an denen Hunderttausende das allgemeine Männerwahlrecht forderten, das dann in der österreichischen Reichshälfte in der Tat kurz darauf eingeführt wurde. Wie in anderen westeuropäischen Staaten nahm man in der Schweiz an den Vorgängen in Russland und Österreich lebhaften Anteil. In der Arbeiterbewegung intensivierten sich die Diskussionen um den politischen Massenstreik. Daran nahm auch Robert Grimm teil, der dann 1918 die zentrale Figur im schweizerischen Landesstreik wurde.

Die Ereignisse von 1906 in Zürich sollten fünf Jahre später von Max Tobler, dem Präsidenten der Zürcher Arbeiterunion, als «Kosakensommer» bezeichnet werden. Bereits im Februar traten die Gipser und Parkettleger in den Ausstand, im April die Maler und Maurer, im Mai die Bauhandlanger, Steinhauer, Gipser und Zimmerleute. Am 15. Juni begannen 76 Metallarbeiter der Automobilwerke Arbenz in der damals noch selbständigen Vorortsgemeinde Albisrieden zu streiken. Sie forderten die Wiedereinstellung eines Arbeiters, dem wegen seiner Funktion als Werkstattdelegierter gekündigt worden war, die Entlassung zweier Werkmeister sowie 10 Prozent mehr Lohn. Tags darauf entliess der junge Firmeninhaber die gesamte Belegschaft und stellte Streikbrecher ein. Hinter Arbenz stand der kurz zuvor gegründete Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinenindustrieller (ASM), die Streikenden, die zunächst auf eigene Faust gehandelt hatten, wurden von der Metallarbeitergewerkschaft unterstützt. Nach einigen Tagen begann der Arbeitskampf zu eskalieren: Am 27. Juni demonstrierten etwa 500 Arbeiter vor der Fabrik und verfolgten einzelne Streikbrecher. Fünf Tage darauf trafen Steinwürfe das Auto des Firmeninhabers, was zwei Verhaftungen nach sich zog. Daraufhin versetzte die Kantonsregierung militärische Einheiten in Alarmbereitschaft. Wenig später wurden in der Nähe der Kaserne Zürich zahlreiche antimilitaristische Plakate angebracht. Am 5. Juli traten auch die Maurer erneut in den Ausstand. Am folgenden Abend fanden Delegiertenversammlungen der Arbeiterorganisationen statt, die für den Fall eines Truppenaufgebots den Generalstreik androhten. Am 10. Juli legte das neugeschaffene städtische Einigungsamt einen Vergleichsvorschlag für den Bau vor, den die Arbeitgeber jedoch ablehnten.

Am Abend des 16. Juli eskalierte in Albisrieden die Gewalt. Zahlreiche Streikende waren vor die Arbenz-Fabrik gezogen, um die Streikbrecher abzupassen. Als das mit drei Kantonspolizisten bestückte Automobil des Direktors vorfuhr, legten Streikende eine Zementröhre über die Strasse. Inzwischen hatten sich auch zahlreiche Albisrieder auf dem Platz versammelt, die von den Streikenden mit Begriffen wie «Bauernlümmel» beschimpft wurden. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, aus der Nachbargemeinde Altstetten sei ein Zug von mehreren hundert Arbeitern im Anmarsch. Die Albisrieder Bauern statteten sich daraufhin mit Äxten, Knütteln, Mistgabeln, Dreschflegeln, Sensen, Hacken und Peitschen aus. In dieser Situation, als sich die beiden Gruppen feindselig gegenüberstanden, traf eine Einheit der Kantonspolizei ein und führte die Arbeiter nach Zürich ab. Nachdem Polizei und Streikende verschwunden waren, verprügelten die Bauern einen Heizer und versuchten auch eines Gastwirts mit sozialdemokratischen Sympathien habhaft zu werden, der sich aber in seinem Weinkeller versteckte. Als auch noch eine Gruppe von Schlossern und Mechanikern aus Altstetten, die den Streikenden zu Hilfe eilen wollte, an der Gemeindegrenze auftauchte, kam es zu einer Massenschlägerei, bei der etwa 30 Revolverschüsse abgegeben wurden. Schliesslich erschien ein zweites Mal die Polizei und nahm 32 Arbeiter fest.

Zwei Tage später erliess der Regierungsrat ein Verbot des Streikpostenstehens. Regelmässig kam es nun auch im angrenzenden Stadtquartier Aussersihl zu Menschenansammlungen und Attacken auf Streikbrecher. Am 17. Juli zertrümmerte eine Menge, in der sich auch Frauen und Jugendliche befanden, einen Tramwagen. Zwei Tage darauf bot der Regierungsrat 2’500 Mann Infanterie und 111 Kavalleristen aus der Zürcher Landschaft auf und versetzte ein weiteres Bataillon in Alarmbereitschaft. Noch am selben Tag kam es zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Kavallerie, die mit gezogenem Säbel Arbeiter durch die Strassen trieb. Es gab zahlreiche Verletzte. Trotzdem lehnten die Delegiertenversammlungen der Arbeiterunion und der Gewerkschaften mit deutlichem Mehr einen Generalstreik ab. Tags darauf wurden mehrere Personen wegen der Verbreitung antimilitaristischer Pamphlete verhaftet, darunter zwei sozialdemokratische Kantonsräte. Auch kam es erneut zu Zusammenstössen zwischen Militär und Demonstranten. Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, wurden die Truppen am 31. Juli entlassen.

Am 3. August lancierte der rechts von den beiden grossen bürgerlichen Parteien der Demokraten und Freisinnigen stehende «Bürgerverband» eine Volksinitiative für eine bedeutende Verschärfung des kantonalen Strafgesetzbuches bezüglich Streikvergehen. In zwei Monaten wurden dafür 18’776 Unterschriften gesammelt. Anderthalb Jahre später sollte das Zürcher Stimmvolk einen gemässigteren Gegenvorschlag des Kantonsrates gutheissen. Nachdem der Zürcher Stadtrat eine Demonstration der Arbeiterunion verboten hatte, führte diese am 7. August einen kollektiven «Spaziergang» durch, tags darauf «spazierten» die Mitglieder des Holzarbeiterverbandes. Daraufhin erliess der Stadtrat ein Verbot für weitere «Spaziergänge», und der Regierungsrat bot die Kavallerieschwadron 18 auf. Mitte August wurde die Ausweisung von 30 Ausländern verfügt, darunter des seit 13 Jahren in Zürich lebenden «Volksrecht»-Redaktors Emil Hauth. Gleichzeitig erliess der Regierungsrat ein generelles Demonstrationsverbot im Zusammenhang mit den Streiks. Die Arbeiterpresse zog nun allenthalben Parallelen zum Vorgehen des zaristischen Sicherheitsapparates bei den Aufständen von 1905/06.

Am 20. August wurde der Maurerstreik abgebrochen. Vier Tage darauf fand ein Militärgerichtsprozess gegen sechs Personen statt, die der Verbreitung antimilitaristischer Propaganda beschuldigt wurden. Das Gericht verurteilte den sozialdemokratischen Kantonsrat Johannes Sigg wegen «vollendeter Meuterei» zu acht Monaten Gefängnis. Die übrigen Angeklagten, darunter auch eine Frau, wurden freigesprochen. Vom 27. August bis 17. September debattierte der Kantonsrat über den Regierungsbericht zu den Ereignissen, bei denen 165 Personen festgenommen worden waren, sowie über mehrere Interpellationen. Die bürgerliche Ratsmehrheit hiess die Truppenaufgebote, deren Kosten sich auf 75’000 Franken beliefen, sowie die übrigen Massnahmen der Regierung gut. Herman Greulich, der «Vater» der Zürcher Arbeiterbewegung, rief dagegen aus: «Wir haben keine Niederlage erlitten. […] Wir wollen keine Revolution, aber das kann ich Ihnen sagen, wenn Sie unsere jahrzehntelangen Bestrebungen zur Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage noch weiter mit Polizei und Militär unterdrücken, so wird die Zeit nicht mehr ferne sein, wo wir in Zürich die Mehrheit haben.» Tatsächlich entstanden in den folgenden Monaten zahlreiche neue sozialdemokratische Parteisektionen und die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften stiegen massiv an; bis zur «roten» Mehrheit in Stadt- und Gemeinderat sollte es aber noch 22 Jahre dauern.

Schweizweit verzeichnete der Schweizerische Gewerkschaftsbund zwischen 1905 und 1907 eine Verdoppelung seiner Mitgliederzahlen. Auf der anderen Seite gründeten die Unternehmer, die seit dem späten 19. Jahrhundert in verschiedenen Wirtschaftsverbänden zusammengeschlossen waren, von 1905 bis 1907 in den unterschiedlichen Branchen eigentliche Arbeitgeberverbände, die sich spezifisch mit Arbeitsmarktkonflikten befassten und deren Mitgliederzahlen ebenfalls rasch anstiegen. 1908 wurde dann der Zentralverband schweizerischer Arbeitgeberorganisationen aus der Taufe gehoben. Auch auf der politischen Ebene verhärteten sich die Fronten: Nachdem die SP 1904 ein stärker marxistisch geprägtes Parteiprogramm beschlossen hatte, verzichteten die Freisinnigen in den Nationalratswahlen von 1905 auf den bislang zuweilen praktizierten «freiwilligen Proporz». Unter den Bedingungen des Mehrheitswahlrechts hatte dies zur Folge, dass die SP trotz Stimmenzuwachs auf knapp 15 Prozent fünf ihrer bisherigen sieben Mandate verlor, darunter sämtliche Sitze im Kanton Zürich (vgl. Sozialarchiv Info 4/2019).

«Auf dem Boden strenger Neutralität»: Gründung der «Zentralstelle für Soziale Literatur» als überparteiliches Forum

Angesichts dieser gesellschaftlichen Konflikte, zunehmender Klassenkampfrhetorik und politischer Polarisierung war die Gründung einer Institution zum Studium sozialer, wirtschaftlicher und politischer Themen und Probleme mit überparteilicher Trägerschaft umso bemerkenswerter. Sie hatte einen ähnlichen Hintergrund wie zeitgenössische sozialreformerische Bestrebungen auf nationaler und internationaler Ebene, bei denen sich teilweise reformbürgerliche und kirchliche Kräfte, der reformistische Flügel der Arbeiterbewegung und für sozialpolitische Fragen sensibilisierte Nationalökonomen zusammentaten. So fand 1897 in Zürich auf Anregung des schweizerischen Arbeiterbundes eine internationale Konferenz mit Delegierten gemässigt sozialistischer Arbeiterverbände, Vertretern der katholischen Sozialreform und reformbürgerlichen Ökonomen statt, die ein umfassendes Arbeiterschutzprogramm postulierte. Drei Jahre später entstanden die Internationale Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz (IALL) und die Schweizerische Vereinigung zur Förderung des internationalen Arbeiterschutzes. Auf Initiative der IALL beschloss 1906 eine diplomatische Konferenz in Bern Abkommen zu Verboten der industriellen Nachtarbeit für Frauen sowie der Verwendung von weissem Phosphor in der Zündholzindustrie (vgl. Sozialarchiv Info 2/2019).

Die massgebliche Gründerfigur der «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz», der reformierte Pfarrer von Aussersihl und spätere sozialdemokratische Stadt- und Nationalrat Paul Pflüger, liess sich vom «Musée social» inspirieren, einem 1894 entstandenen sozialwissenschaftlichen Think-Tank in Paris mit Museum, Bibliothek und Forschungszentrum. Eine ähnliche Institution sollte auch in der Schweiz Wissen im Bereich der «sozialen Frage» im Dienste reformerischen Handelns bereitstellen und damit zum gesellschaftlichen Ausgleich beitragen. Im Vorfeld der Gründung besuchte der nachmalige erste Vorsteher Gustav Büscher ähnliche Institutionen im Ausland. Pflüger gab dann an der Gründungsversammlung seiner Hoffnung Ausdruck, «dass ein solches Institut nach dem Vorbilde des Musée social auf dem Boden strenger Neutralität einem guten Gedeihen entgegengehen möge».

Im Gründungsvorstand und der Bibliothekskommission der Zentralstelle sassen neben Pflüger je ein Vertreter der Stadt Zürich, der Kantons- und Stadtbibliothek, der «Neuen Zürcher Zeitung», der Sozialdemokratischen Partei und der katholischen «Neuen Zürcher Nachrichten» sowie drei Ökonomieprofessoren der Universitäten Zürich und Bern. Zu den Kollektivmitgliedern gehörten in der Gründungsphase unter anderem der Schweizerische Handels- und Industrieverein («Vorort»), der Schweizerische Gewerkschaftsbund, der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein, der Schweizerische Katholische Volksverein, verschiedene sozialdemokratische und christlich-soziale Gewerkschaften, die Arbeitgeberverbände der Maschinen- und Textilindustrie, die Zürcher Handelskammer, der Kaufmännische Verein Zürich, der Zürcher Juristen-Verein, verschiedene Arbeiterinnen- und Arbeitervereine, der Lebensmittelverein Zürich, der Naturheilverein Zürich sowie verschiedene Kantons-, Stadt- und Gemeinderegierungen. Einzelmitglieder waren unter anderem zahlreiche Stadt-, Stände-, National- und Regierungsräte unterschiedlicher Parteien, der Bischof von St. Gallen, der Maschinenindustrielle Eduard Sulzer-Ziegler, der eidgenössische Arbeitersekretär Herman Greulich, ein Bankier, der zum Anarchismus neigende Aussersihler Arbeiterarzt Fritz Brupbacher und wenige Persönlichkeiten aus der Frauenstimmrechtsbewegung.

Aufbauend auf Pflügers privater Literatursammlung erwarb die neue Institution, die 1907 den Betrieb in einer Zweizimmerwohnung am Seilergraben aufnahm, zunächst primär Bücher und Kleinschriften zu gesellschaftlichen und politischen Themen, die in den bestehenden Zürcher Bibliotheken unterrepräsentiert waren. Dazu gehörte auch «graue» Literatur, Traktate und Flugblätter, die nicht über Verlage und den Buchhandel verbreitet und von den Bibliotheken kaum gesammelt wurden. Das rasche Wachstum der Bestände und der nationalen und internationalen Benutzerschaft widerspiegelte die Intensität der politischen und gesellschaftlichen Debatten der Zeit und machte bereits 1919 einen ersten Umzug (ins Erdgeschoss des ehemaligen Chors der Predigerkirche) nötig (vgl. Sozialarchiv Info 1/2016). Nicht abheben konnte dagegen ein verwandtes Projekt Pflügers, das «Schweizerische Sozialmuseum». Die 1916 gegründete, mit dem Statistischen Amt der Stadt Zürich verbundene Institution, die Objekte und Schautafeln zu wirtschaftlichen, demografischen, finanzwissenschaftlichen, sozial- und gesundheitspolitischen Themen präsentierte und die Verbreitung sozialwissenschaftlicher Kenntnisse in breiteren Bevölkerungskreisen bezweckte, war zunächst im Helmhaus untergebracht, dann ab 1928 im Beckenhof, vermochte jedoch nie ein grösseres Publikumsinteresse zu wecken.

Umstrittene Sozialwissenschaften an der Universität

Brachte die neue «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz» Interessengruppen und zivilgesellschaftliche Akteure aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kirchen und Wissenschaft zusammen, so waren an den Deutschschweizer Hochschulen die Gesellschaftswissenschaften zu jenem Zeitpunkt erst schwach vertreten. Es waren vor allem einzelne Nationalökonomen wie die in der Zentralstelle engagierten sozialliberalen Zürcher Professoren Heinrich Herkner und Heinrich Sieveking und der sozialdemokratische Berner Professor Naum Reichesberg, die sich mit der «sozialen Frage», Möglichkeiten der «sozialen Reform» sowie der sich herausbildenden Soziologie auseinandersetzten. Daneben befassten sich mit der «sozialen Frage» aber auch Mediziner, Psychiater und Naturwissenschaftler, die der um 1900 rasch aufkommenden Eugenik anhingen und als problematisch betrachtete soziale Phänomene wie Alkoholismus, Prostitution oder Kriminalität auf dem Weg des Eingriffs in die Vererbung bekämpfen zu können glaubten. Auch Paul Pflüger war als Vorsteher das Vormundschaftswesens im Zürcher Stadtrat solchen Ideen nicht abgeneigt. Diese Richtung, die die sozialen Probleme vor dem Hintergrund eines biologistischen Weltbildes angehen wollte, besass vor ihrer Diskreditierung im Nationalsozialismus auch in der Schweiz eine breite gesellschaftliche und politische Akzeptanz. An der Universität Zürich wurde sie ab 1921/22 von der «Julius-Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygiene» gepusht, der bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit Abstand finanzkräftigsten Institution der Forschungsförderung, die universitäre Projekte unterstützte.

Dagegen hatte die in anderen Ländern und auch an den Universitäten der Romandie zeitgleich aufkommende Soziologie in der Deutschschweiz einen schweren Stand. An der Universität Zürich gab es zwar im späten 19. Jahrhundert erste Impulse von Gustav Vogt, der zunächst Direktor des Eidgenössischen Statistischen Amtes gewesen war, seit 1870 den Lehrstuhl für demokratisches Staatsrecht innehatte und zugleich von 1878 bis 1886 als Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» fungierte. Vogt machte sich 1897 in einem Gutachten für die Institutionalisierung der Soziologie stark und hielt dann, nachdem er damit nicht durchgedrungen war, in den Folgejahren selber gelegentlich soziologische Vorlesungen. Danach bot ab 1903 der Philosophie-Privatdozent Abroteles Eleutheropulos regelmässig sozialwissenschaftliche Lehrveranstaltungen an. 1904 publizierte er auch ein 196-seitiges Einführungswerk zur Soziologie, das allerdings die «soziale Frage» nur auf wenigen Seiten ansprach. Seine Bemühungen um Aufwertung des Faches Soziologie und Einrichtung eines Lehrstuhls blieben über Jahrzehnte vergeblich. 1929 wechselte er deshalb an die Universität Saloniki, verlor 1940 aber seine Professur aus politischen Gründen und verbrachte seinen Lebensabend als politisch Verfolgter in bitterer Armut.

Ab 1898 bot an der Universität Zürich auch der aus Odessa stammende Joseph Goldstein als Privatdozent für Statistik und Wirtschaftspolitik Lehrveranstaltungen mit soziologischen, sozialstatistischen, kriminologischen und sozialpolitischen Inhalten an. Just während der Streikwelle nach der Jahrhundertwende geriet er aber deswegen in einen Konflikt mit den Bildungsbehörden. Stein des Anstosses war eine Exkursion Goldsteins mit rund 40 Studierenden nach Winterthur zur Besichtigung der Fabriken der Gebrüder Sulzer im Juni 1904. Ende Oktober erhielt Goldstein einen Brief des Erziehungsdirektors, der ihn aufforderte, zu Klagen der Gebrüder Sulzer unverzüglich Stellung zu nehmen, dass er den Fabrikbesuch zu Zwecken «missbraucht» habe, «die ausserhalb der Bestimmung unserer staatlichen Lehranstalten liegen und die sich nicht einmal mit der Ehre des gewöhnlichen Mannes vertragen würden». Erziehungsdirektor Albert Locher war zuvor von Mitinhaber Eduard Sulzer-Ziegler, freisinnigem Nationalrat und wichtiger Figur in den Verbänden der Maschinenindustriellen, darüber informiert worden, Goldstein habe sich beim Fabrikbesuch «auf eigene Faust herumgetrieben», um die Belegschaft über die Arbeitsverhältnisse auszuhorchen. Weiter kritisierte Sulzer-Ziegler auch, «dass die Besucher bei uns in der Mehrheit aus russischen Studentinnen bestanden». Zwar habe Goldstein angekündigt, dass der Exkursionsgruppe auch Frauen angehören würden; «hätten wir aber gewusst, dass es die Mehrheit sei, hätten wir den Besuch, als nicht ernsthaft, überhaupt nicht zugelassen».

In seiner Antwort wies Goldstein Sulzers Beschuldigungen empört zurück und betonte, dass er beim Fabrikbesuch kaum ein paar Worte mit Arbeitern gewechselt habe und die Exkursionsgruppe lediglich zu einem Drittel weiblich gewesen sei. Auch beantragte er die Einleitung einer öffentlichen Untersuchung über die Angelegenheit. In der Folge wurden in Anwesenheit von Goldstein und Sulzer-Ziegler unter der Leitung des Erziehungsdirektors mehrere Exkursionsteilnehmer einvernommen. Gleich zu Beginn der ersten Sitzung fuhr Sulzer-Ziegler seinen Kontrahenten an, er wisse, dass dieser Sozialist sei, und die Sozialisten hätten ihm gegenüber «wiederholt die grössten Gemeinheiten begangen». Goldstein stellte demgegenüber klar, dass er keiner Partei angehöre. Nachdem die Befragungen der Studenten keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten oder parteiisches Benehmen Goldsteins geliefert und sich Sulzer-Ziegler mündlich entschuldigt hatte, verlangte Goldstein von Sulzer-Ziegler und Locher schriftliche Entschuldigungen und als Wiedergutmachung für seine durch die Affäre verursachte mehrwöchige Arbeitsunfähigkeit eine Spende Sulzer-Zieglers an verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen. Dies lehnten Locher und Sulzer-Ziegler ab.

Was als politisch motivierter Konflikt begonnen hatte, entwickelte sich nun zunehmend zu einem Ehrenhandel. Goldstein, der seine Ehre nicht wiederhergestellt fühlte, wandte sich an die Staatswissenschaftliche Fakultät, deren Dekan Emil Zürcher als Nationalrat Fraktionskollege von Sulzer-Ziegler und Locher war. Als die Fakultät beschloss, die Angelegenheit für abgeschlossen zu betrachten, richtete Goldstein schliesslich eine Beschwerdeschrift an den Kantonsrat, in der er schwere Vorwürfe gegen den Erziehungsdirektor erhob und die Lehrfreiheit in Gefahr sah. Die Presse berichtete nun ausführlich über den «Fall Goldstein». So enthüllten sozialdemokratische Blätter, die Affäre gehe auf die Denunziation durch einen Sohn des freisinnigen Nationalrats Eduard Bally zurück, der im Parlament zusammen mit Sulzer-Ziegler die Interessengruppe der Industriellen anführte. Die konservative «Freitagszeitung» meinte dagegen, Goldstein fehle als «Landesfremdem» zur Appellation an den Kantonsrat «jedes Recht», so dass dieser auf die «leidige und langweilige Geschichte» wohl nicht eintreten werde. Sogar in der Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie «Die Neue Zeit» erschien eine Rezension von Goldsteins Beschwerdeschrift durch den führenden marxistischen Theoretiker Karl Kautsky, welcher meinte, der «Fall Goldstein» beweise bloss, «dass das Protzentum und Philistertum in Zürich borniert genug ist, gegen Leute Misstrauen zu hegen, die in Breslau und München, ja selbst in Berlin als sichere Stützen des Staates betrachtet würden». Der Kantonsrat beschloss im «heissen» Juni 1906 mit 145 zu 60 Stimmen, auf Goldsteins Beschwerde nicht einzutreten. Dieser legte kurz darauf seine Privatdozentur nieder und übernahm eine Professur an der neu gegründeten Handelshochschule Moskau. Daraufhin sollte es noch sechs Jahrzehnte dauern, bis an der Universität Zürich 1966 nach Druck aus dem Kantonsrat endlich ein Lehrstuhl für Soziologie eingerichtet wurde. Dessen erster Inhaber Peter Heintz übernahm dann 1966 auch sofort das Präsidium des Schweizerischen Sozialarchivs, das er bis 1971 innehatte.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 2.20.5 Arbeiterunion Zürich: Vorstandsprotokolle 1905–1908
  • Ar 2.30.3 Arbeiterunion Zürich: Delegierten-Protokolle 1904–1907
  • Ar 22.60.1 Holzarbeiter-Verband Zürich: Protokoll der Sektions-Versammlung, 1904–1907
  • Ar 22.60.21 Holzarbeiter-Verband Zürich, Protokoll der Vorstands-Sitzung 1902–1907
  • Ar 42 Schweizerische Vereinigung für Sozialpolitik
  • Ar 101.20.2 Nachlass Fritz Brupbacher: Briefe 1904–1907
  • Ar 111 Nachlass Paul Pflüger
  • Hausarchiv des Schweizerischen Sozialarchivs VII/1 Historische Akten 1906–1940

Sachdokumentation

  • KS 000/30 Sozialwissenschaftliche Institutionen & Vereine: Frankreich
  • KS 000/33 Sozialwissenschaftliche Institutionen & Vereine: Schweiz
  • KS 335/79 Arbeiterunruhen & Streiks in der Schweiz
  • KS 335/79a Arbeiterunruhen & Streiks in der Schweiz
  • ZA 10.4 *1 Bibliotheken: Schweizerisches Sozialarchiv

Bibliothek

  • Bericht des Regierungsrates an den h. Kantonsrat betreffend die Streikunruhen in Zürich und Umgebung im Sommer 1906 (Vom 18. August 1906). o. O. u. J. [Zürich 1906], 331/256-16
  • Eleutheropulos, Abroteles: Soziologie. Jena 1904, 3075
  • Germann, Pascal: Laboratorien der Vererbung: Rassenforschung und Humangenetik in der Schweiz, 1900–1970. Göttingen 2016, 134822
  • Goldstein, J.[oseph]: Herr Regierungsrat Dr. A. Locher als Erziehungs-Direktor und die Lehrfreiheit an der Universität Zürich: Eine Beschwerde, dem hohen Kantonsrat des Kantons Zürich überreicht. Zürich 1906, 37/59-1
  • Grimm, Robert: Der politische Massenstreik. Basel 1906, 331/257-15
  • Grunenberg, Antonia (Hg.): Die Massenstreikdebatte. Frankfurt/M 1970, 42416
  • Häusler, Jacqueline: 100 Jahre soziales Wissen: Schweizerisches Sozialarchiv, 1906–2006 Zürich 2006, Gr 11277
  • Hirter, Hans: Die Streiks in der Schweiz in den Jahren 1880–1914: Quantitative Streikanalyse, in: ders. et al. (Hg.): Arbeiterschaft und Wirtschaft in der Schweiz 1880–1914: Soziale Lage, Organisation und Kämpfe von Arbeitern und Unternehmern, politische Organisationen und Sozialpolitik, Bd. II/2. Zürich 1988. S. 837-1008, Gr 5438: 2/2
  • Huonker, Thomas: Diagnose: «moralisch defekt»: Kastration, Sterilisation und Rassenhygiene im Dienst der Schweizer Sozialpolitik und Psychiatrie 1890–1970. Zürich 2003, 111709
  • Kautsky, Karl: Rezension zu: Dr. J. Goldstein, Dozent an der Universität Zürich, Herr Regierungsrat Dr. A. Locher als Erziehungsdirektor und die Lehrfreiheit an der Universität Zürich, in: Die Neue Zeit 24/2 (1905/06). S. 236, NN 154
  • Koller, Christian: «Die russische Revolution ist ein reines Kinderspiel gegenüber derjenigen in Albisrieden!»: Der Arbenzstreik von 1906 in mikro- und kulturhistorischer Perspektive, in: Historische Anthropologie 11 (2003). S. 370-396, D 5365
  • Koller, Christian: Streikkultur: Performanzen und Diskurse des Arbeitskampfes im schweizerisch-österreichischen Vergleich (1860–1950). Münster/Wien 2009, 121626
  • Koller, Christian: Bibliotheksgeschichte als histoire croisée: Das Schweizerische Sozialarchiv und das Phänomen des Exils, in: Ball, Rafael und Stefan Wiederkehr (Hg.): Vernetztes Wissen – Online – Die Bibliothek als Managementaufgabe. Berlin 2015. S. 365-392, 132218
  • Koller, Christian: Die Rückkehr der Kosaken: Ordnungsdiensteinsätze bei Streiks vor und im Ersten Weltkrieg und die Schweizer Arbeiterbewegung, in: Olsansky, Michael (Hg.): Am Rande des Sturms: Das Schweizer Militär im Ersten Weltkrieg. Baden 2018. S. 241-258, 141525
  • Lengwiler, Martin: Undiszipliniert und prägend: Die Sozialgeschichte in der schweizerischen Historiographie des 20. Jahrhunderts, in: Maeder, Pascal et al. (Hg.): Wozu noch Sozialgeschichte? Eine Disziplin im Umbruch: Festschrift für Josef Mooser zum 65. Geburtstag. Göttingen 2012. S. 57-87, 126748
  • Masé, Aline: Naum Reichesberg (1867–1928): Sozialwissenschaftler im Dienst der Arbeiterklasse. Zürich 2019, 142686
  • Platten, Fritz N. und Miroslav Tucek: Das Schweizerische Sozialarchiv. Zürich 1971, Hf 2935
  • Schaffner, Alfred: Wirtschaftslage, gewerkschaftliche Organisation, Streikhäufigkeit und ihre Beziehung zueinander: Eine Untersuchung am Beispiel der Stadt Zürich 1897–1915. Aarau 1977, 55987
  • Schweizerisches Sozialmuseum, in: Gewerkschaftliche Rundschau 20/4 (1928). S. 139, N 59
  • Steinemann, Eugen und Eduard Eichholzer: 50 Jahre Schweizerisches Sozialarchiv 1907–1957: Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen und zur Einweihung des neuen Sitzes des Schweizerischen Sozialarchivs in Zürich. Zürich 1958, Hf 2937
  • Tobler, Max: Ein Stück Klassenkampf in der Schweiz: Das Streikjahr 1906 in Zürich. Zürich o. J. [1911], B 161
  • Zürcher, Markus: Die Anfänge der Soziologie in der Schweiz. Diss. Univ. Bern 1994, Gr 8730

5 x 3 Antworten auf Fragen zum Videoladen-Bestand (SozArch F 9049)

Vor zwölf Jahren sicherte das Sozialarchiv in einem Schreiben an die Geschäftsleitung des Videoladens seine Unterstützung für dessen Archivierungsvorhaben zu. In der Regel werden solche Übernahmen in ein paar Monaten abgewickelt. Beim Videoladen dauerte es ein bisschen länger. Jetzt konnten wir das Projekt erfolgreich abschliessen: Dank Memoriav (Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und der Ausdauer aller Beteiligten verfügt das Sozialarchiv nun über einen für Forschung und Öffentlichkeit gleichermassen interessanten Bestand. Über 200 Stunden Videomaterial aus den späten 1970er bis in die 1990er Jahre stehen online zur Verfügung.

Der Videoladen Zürich entstand im Winter 1976/77. Die erste Produktion «Studenten und Arbeiterklasse» ist leider verschollen, der Titel aber macht klar, wo sich die Genossenschaft ideologisch positionierte. Der Videoladen Zürich war Teil einer weltweiten Bewegung aus einem urbanen, akademischen, politisch links zu verortenden Milieu, welche die Videokamera für sich entdeckte, um damit für ihre Anliegen Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Während der unruhigen Zeit der Jugendbewegung anfangs der 1980er Jahre war die Crew fast ununterbrochen unterwegs. Der Videoladen rutschte in die Rolle des unermüdlichen Chronisten der Ereignisse. Kaum eine Vollversammlung oder Demonstration auf Zürichs Strassen fand ohne Begleitung des Videoladens statt. Aus dieser Phase stammen die aufschlussreichsten und ergiebigsten Quellen. Das Rohmaterial dürfte für die Forschung und für die Aufarbeitung dieser Zeit wertvolle Dienste leisten.

1981 gelang dem Videoladen mit «Züri brännt», einer Art Zwischenbilanz der Jugendbewegung, ein Coup. Das Video war in aller Munde, sogar die NZZ musste darauf reagieren, das Video wurde selbst im Ausland nachgefragt. Nach dem Abbruch des Autonomen Jugendzentrums 1982 verlagerten sich die Aktivitäten der Genossenschaft zuerst auf die Häuserbesetzerbewegung und die Dokumentation des aufblühenden Musik- und Konzertbetriebs in der Stadt Zürich. Dann folgten erste Spielfilmversuche und Musikclips. Namhafte Filmschaffende wie Samir, Martin Witz, Christoph Schaub oder Werner Schweizer starteten ihre Karrieren im Videoladen.

Die Videotechnik ist im Vergleich zum Film günstig in der Anschaffung und relativ einfach in der Handhabung. Die Aufnahmen müssen nicht entwickelt und können zeitnah aufgeführt werden. Ins Gewicht fällt allerdings ein entscheidender Nachteil: Das Videoband altert schnell und kann nur vor dem Zerfall bewahrt werden, wenn man die Videos digitalisiert. Dank Memoriav kam 2009 ein Inventarisierungsprojekt zustande. 2013 startete das Berner Atelier für Videokonservierung die aufwändige Reinigung und Vorbereitung der Bänder für die Digitalisierung. Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen haben die Bänder digitalisiert und erschlossen: Sie sind nun mit ausführlichen Metadaten versehen. Dass der Aktivist Mischa Brutschin kurz zuvor für sein Mammutprojekt «Allein machen sie dich ein» über die Zürcher Besetzerszene mit demselben Material gearbeitet hatte, befruchtete den Arbeitsprozess zusätzlich.

Der Bestand umfasst rund 180 Videobänder. Überwiegend handelt es sich dabei um ungeschnittenes Rohmaterial, das aus dem Videoladen selber stammt. Besonders gut dokumentiert sind die frühen 1980er Jahre. Ergänzt werden diese Eigenproduktionen durch eine Handvoll Fremdproduktionen, die wegen des hohen Informationswerts im Bestand belassen wurden.

Es ist sehr erfreulich, dass sich die Geschichtswissenschaften bereits für die Videos interessieren. So hat das Online-Lernangebot ad fontes der Uni Zürich den Videoladen-Bestand in sein Angebot integriert.

Als Einstieg in den Videoladen-Bestand eignen sich:

  • «Vollversammlung 04.06.1980»: legendäre Vollversammlung der Jugendbewegung in Anwesenheit der Stadträtin Emilie Lieberherr und des Stadtpräsidenten Sigmund Widmer (auf 3 Bändern: SozArch F 9049-003, -014, -021)
  • «AJZ-Eröffnung»: Am 28.6.1980 wird das Autonome Jugendzentrum eröffnet. Verschiedene Aussagen auf diesem Band wirken rückblickend erschreckend prophetisch (SozArch F 9049-047)
  • «No Futter»: Dokumentation zu den besetzten Liegenschaften am Stauffacher (inkl. Spitzköpfe!), 1984 (SozArch F 9049-083)
  • «Videoladen-Portrait für russisches TV»: hervorragende Dokumentation von 1991 (SozArch F 9049-178)

Anlässlich des Projektabschlusses habe ich mich mit vier am Projekt Beteiligten sowie mit Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Uni Zürich, schriftlich unterhalten:

René Baumann, Mitbegründer und Co-Geschäftsleiter Videoladen

1. René, du warst sehr oft hinter der Kamera, wenn der Videoladen unterwegs war. Wo hast du das gelernt?

Ich habe schon als Jugendlicher immer eine Fotokamera mit mir herumgetragen und bei allen möglichen Gelegenheiten fotografiert. Auch habe ich mir ein eigenes kleines Fotolabor eingerichtet, wo ich meine Filme selber entwickelt und die Fotos vergrössert habe. Ich brachte also schon eine gewisse Affinität zur Kameraarbeit mit, als ich später mit anderen die Genossenschaft Videoladen gründete.
Aber das Arbeiten mit der Videoladen-Kamera in den 80er Jahren war eigentlich ein klassisches Learning by Doing. Ich habe an den Demos gedreht, oft gleich nachher das Material in Ruhe angeschaut und mir überlegt, was ich das nächste Mal anders oder besser machen könnte. Dabei habe ich vor allem aus Fehlern gelernt. Zudem haben wir uns unter den Videoladen-Mitgliedern immer ausgetauscht und unsere Arbeitsweisen und filmischen Standpunkte diskutiert, oft stundenlang.
Später, nach dem Film «Züri brännt», habe ich quasi einen Schritt zurück gemacht und zwei Jahre als Kameraassistent gearbeitet. Ich wollte vor allem von der technischen Seite her das Handwerk nochmals von Grund auf neu lernen. Ich habe vor allem auf Sets gearbeitet, wo wir mit analogem Filmmaterial gedreht haben und nicht auf Video. Dieses Wissen und diese Erfahrung hatten mir vorher noch gefehlt. Diese Zeit hat mir für die Zukunft auf meinem späteren Weg als Kameramann sehr viel gebracht.

2. Wenn man das Material in chronologischer Reihenfolge anschaut, bekommt man den Eindruck, dass der Videoladen nach dem Highlife als konstanter Begleiter der Zürcher Jugendbewegung in eine Sinnkrise stürzte. Stimmt das?

Das ist eine gute Beobachtung von dir, das stimmt absolut. Für viele von uns stellte sich nach «Züri brännt» die Frage, wie weiter. Plötzlich konnten wir nicht nur mehr das dokumentieren, was auf der Strasse, an Demos oder im AJZ gerade passierte. Wir mussten selber eigene Ideen entwickeln oder neue Themen finden. Das führte zu einer längeren Suche und unzähligen harten Diskussionen unter uns Videoladen-Mitgliedern. Es war damals eine schwierige Zeit. Wir mussten uns neu oder anders erfinden und vor allem musste das jeder zuerst mal für sich selber definieren, bevor wir wieder als Kollektiv funktionieren konnten.
Auch stellte sich für einige von uns die existenzielle Frage: Wollen wir in Zukunft von dieser Arbeit finanziell leben können? In den Anfangszeiten des Videoladens waren die meisten Videoladen-Mitglieder noch Studenten. Wir hatten entweder Stipendien oder gingen auf der Sihlpost arbeiten, um so unser Studium zu finanzieren.
Ich entschied mich dafür, vom Film leben zu können. Ich habe damals mein Studium abgebrochen und wählte den Weg als Kameramann, um mir so meine Existenz zu finanzieren. Das gab mir schliesslich die finanzielle Unabhängigkeit für zukünftige eigene Projekte.

3. Du machst heute noch Filme. Ist überhaupt irgendetwas gleich geblieben wie im ersten Videoladen-Jahrzehnt, aus dem die meisten Aufnahmen des Bestandes stammen?

Was gleich geblieben ist, ist mein politischer Anspruch. Im Videoladen produzieren wir immer noch Filme, die sich mit sozialen und kulturellen Themen auseinandersetzen und die neue, ungewohnte Einblicke in Zusammenhänge und Strukturen unserer Gesellschaft ermöglichen sollen. Was auch geblieben ist, ist die Zusammenarbeit mit einigen damaligen Freunden. Jeder hat sich auf einem anderen Gebiet weiterentwickelt und wir arbeiten noch heute bei Filmprojekten zusammen.
Der Videoladen hat sich in den 45 Jahren seines Bestehens sehr verändert. Viele Videoladen-Mitglieder arbeiten heute anderswo im Filmbereich. Andere sind neu dazugekommen (oft von der Zürcher Filmschule) und irgendwann wieder weitergezogen. In den Anfangszeiten des Videoladens haben wir alles inhouse produziert, heute arbeiten wir viel mehr projektbezogen mit Freelancern.
Vor allem im technischen Bereich hat sich in dieser Zeit unglaublich viel und in immer schnellerem Tempo verändert, z.B. die Transformation von analog zu digital oder die Entwicklung der Montagearbeit (vom Steenbeck-Schneidetisch mit Klebepresse zum Schnitt zu Hause auf dem Laptop). Zu jedem neuen – noch besseren – Bandformat benötigte man die entsprechende neue Kamera. Die grossen unhandlichen ¾-Zoll-U-Matic-Kassetten von damals schrumpften über mindestens fünf Formatstufen bis zum Speicherchip in der Grösse eines Fingernagels heute.
Was aber immer gleich bleibt, ist die Idee, die Leidenschaft für ein Filmprojekt zu haben. Aber der Weg bis zum Endprodukt ist ein völlig anderer geworden.

Rahel Holenstein, Co-Geschäftsleiterin Videoladen

1. Rahel, du hast mehr als 200 Stunden Video-Rohmaterial visioniert und den ganzen Bestand nach formalen und inhaltlichen Kriterien erschlossen. Was ist das für eine Erfahrung?

Da wir im Prozess des Digitalisierens wirklich alle Bänder von Anfang bis Ende mitschauen mussten bzw. durften, um allfällige technische Probleme sofort zu erkennen, und die Metadaten dazu erfassten, tauchte ich jeweils richtig ein in die Atmosphäre, die Konflikte, die Fragestellungen und die auch witzigen und schrägen Momente, die in diesem Material vorhanden sind. Es war eine ganz besondere Zeitreise, die immer wieder bis heute nicht abgeschlossene Fragestellungen aufwarf. Die Arbeit an diesem Archiv hat meine Überzeugung bestätigt, dass Archive nicht nur Vergangenheit konservieren, sondern auch immer wieder lebendige und interessante Perspektiven für unsere Zukunft bereitstellen. Wenn man denn offen und neugierig genug ist, sich die diversen und spannenden Stimmen aus der Vergangenheit anzuhören bzw. anzuschauen.

2. Welches sind die Highlights? Gibt’s auch Totalausfälle?

Man würde es kaum glauben – aber die endlosen Vollversammlungen und andere Sitzungen waren für mich tatsächlich ein Highlight. Erst durch die Länge, das Chaos, die Unstrukturiertheit dieser Aufzeichnungen habe ich verstanden, dass diese Bewegung etwas Genialisches in sich trug. Da waren zum Beispiel 1’000 Leute in einem Raum, also dem Volkshaus, die versucht haben, sich gemeinsam auf etwas zu einigen: Wann findet die nächste Demo statt? Welche Aktionen sind geplant? Wie soll man mit Polizei und Behörden umgehen? Eine grosse Leistung, finde ich. Man kann niemandem aufzwingen, diese Langatmigkeit zu erdulden. Dennoch würde ich sagen, dass es sich lohnt, sich auf diese Dokumente einzulassen, sich die Zeit zu nehmen, um sehr Essentielles von dieser Bewegung zu begreifen.
Aber auch in den Aufnahmen vor und nach «Züri brännt» gibt es Bänder, die ebenfalls diese lebendige Herangehensweise an gesellschaftliche und soziale Fragen aufzeigen. Viele dieser Dokumente würde ich als «Oral history» bezeichnen. Eine, wie ich finde, so wichtige Art der Geschichtsschreibung.
Als Totalausfall würde ich jetzt wohl nichts bezeichnen wollen. Ich denke, das müssen die Forscherinnen und Generationen nach uns entscheiden.

3. Du gehörst zur Generation, die bei den allermeisten der festgehaltenen Ereignisse «nicht dabei war». Besonders gut dokumentiert sind ja die Jahre 1980 und 1981. Wie würdest du diese Zeit anhand des Gesehenen charakterisieren?

Ich war knapp zu jung, um selber aktiv dabei zu sein. Allerdings habe ich kurioserweise alle wichtigen «Auftritte» der Bewegung tatsächlich am Fernsehen gesehen: «Herr und Frau Müller», Antigone in der Telearena u.v.m. Das hatte auch damit zu tun, dass meine Eltern, insbesondere mein Vater, die Kreativität und das Engagement der «Bewegung» sehr genau beobachteten und wahrnahmen. Beim Nachtessen hat er uns jeweils erzählt, welch witzige neue Sprayereien er auf seinem Arbeitsweg entdeckt hatte. Auch in meiner Schule gab es «die Älteren», die tatsächlich in der Band TNT mitspielten und als Punks die Szene aufmischten.
Als ich viel später – während meiner Ausbildung in der Videofachklasse an der HSLU wieder mit dem Videoladen in Kontakt kam – in Form von Dozentinnen (!) – war es für mich klar, dass ich da arbeiten möchte.

Bonusfrage: Wieso hat das Projekt so lange gedauert?

Zwar sind die audiovisuellen Medien nun digitalisiert und online zugänglich – das Projekt ist aber dennoch nicht abgeschlossen. Es gibt ein sehr interessantes Papier- und Foto-Konvolut, das noch auf seine Aufarbeitung wartet. Um diese Dokumente dem audiovisuellen Konvolut als wichtige Ergänzung hinzufügen zu können, werden wir wiederum auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein.
Da wir im Videoladen als kleines Team arbeiten und nebst der Archiv-Arbeit auch noch andere Projekte hatten, konnten wir nicht einfach durchgehend fünf Tage pro Woche am Archiv arbeiten.
Dazu kamen viele technische Herausforderungen, die mehr Zeit in Anspruch nahmen als ursprünglich vorausgesehen: Der Aufbau der Digitalisierungs-Station, das Reinigen der Originalbänder, das Anpassen der Technik oder die immer wieder auftretenden Probleme in Bezug auf die problematische Qualität der Original-Bänder. Wir mussten unsere Arbeitsweise stetig den Herausforderungen des Materials anpassen. Unter dem Strich möchte ich sagen: Gut Ding will Weile haben! Und das Sozialarchiv ist um einen wertvollen Bestand reicher geworden.

Agathe Jarczyk, Konservatorin-Restauratorin FH, Atelier für Videokonservierung

1. Agathe, du hast die Videobänder für die Nachwelt haltbar gemacht. Welche Schritte braucht es dazu?

Wir haben die Kassetten aufbereitet, d.h. sie dokumentiert und gereinigt, aber die dauerhafte Erhaltung der Inhalte war erst mit der Digitalisierung möglich.
Die meisten Kassetten des Videoladens zeigten das sogenannte „Sticky-Tape-Syndrome“, das heisst, wir konnten sie gar nicht oder nur für einige Sekunden abspielen, bevor sie mit einem lauten Quietschen im Abspielgerät steckenblieben. Gerade in den 1970er und 1980er Jahren waren die Zusammensetzungen der Magnetbandbeschichtungen teilweise unbeständig oder gar etwas experimentell. Das hat zu einer schlechten Alterung geführt und die Magnetbänder zeigen heute Ausblühungen von Gleitmitteln oder eine erhöhte Klebrigkeit der (Rückseiten-)Beschichtung. Häufig sind solche Magnetbänder nach einer Reinigung und Trocknung wieder abspielbar, wenn auch nicht in allen Fällen.
Dass die Inhalte nun weiter zugänglich bleiben und die digitalen Dateien bei Bedarf in Zukunft vielleicht auch mal umformatiert werden, liegt nun in der Zuständigkeit des Sozialarchivs. Wichtig ist, dass wir die Verbindung zwischen dem originalen, physischen Material, nämlich den Bändern und Kassetten mit all ihren Beschriftungen, Kommentaren und Arbeitsspuren, und den nun digital vorliegenden Inhalten in Form von Dateien nicht verlieren. So bleibt nicht nur der Inhalt, sondern auch sein Kontext für die Nachwelt erhalten.

2. Man weiss, dass in den Räumlichkeiten des Videoladens nie ein Rauchverbot herrschte. Hast du das den Bändern angemerkt?

Einige der Kassetten aus dem Videoladen haben im Laufe der Jahre ihre Schutzhüllen verloren und wurden in der Folge ohne Hüllen aufbewahrt. Die gelbliche Verfärbung dieser Kassetten hatte ich zunächst auf eine Vergilbung durch Sonnenlicht oder Ähnliches zurückgeführt. Erst bei näherer Betrachtung und insbesondere bei der Reinigung der Kassetten kamen wir dem Rätsel der gelben Patina auf die Spur: Vor der Digitalisierung wurden alle U-matic-Kassetten in einem speziellen Gerät gereinigt. Bei diesem Vorgang werden Staub und Schmutz sowie mögliche Ausblühungen aus der Magnetschicht mit Hilfe eines Reinigungsvlieses entfernt. Als wir die vermeintlich vergilbten Kassetten reinigten, blieb ein hartnäckiger gelber Belag auf dem Vlies zurück. Beim Öffnen der Reinigungsmaschine konnten wir das Rätsel „lüften“ und haben herzlich gelacht: Es roch eindeutig nach Aschenbecher. Die Patina war ein Nikotinschleier!

3. Du kümmerst dich sonst vor allem um Videokunst. Hast du während der Konservierung und Digitalisierung überhaupt die Musse, dich um die Inhalte zu kümmern?

Ja! Häufig passiert dies aber erst auf den zweiten oder dritten Blick. Während des Prozesses der Konservierung fokussieren wir uns auf den Zustand der Kassetten und Bänder, auf die optimalen Einstellungen aller Geräte und den besten Digitalisierungsweg. Dabei betrachten wir Bild und Ton oftmals durch verschiedene Messinstrumente und sehen in erster Linie Graphen und Kurven. Ist die Digitalisierung abgeschlossen, gibt es eine abschliessende Qualitätskontrolle. Teil dieser Kontrolle ist auch eine Sichtung des Digitalisats von Anfang bis Ende auf einem Kontrollmonitor. Dann werden die vorher überwachten Kurven von Video- und Audiosignalen wieder zum grossen Ganzen und es gibt einen besonderen Moment der Nähe, wenn wir zum Abschluss jedes Band in voller Länge sehen und hören.

Felix Rauh, Vizedirektor Memoriav

1. Felix, du hast während Jahren das Dossier Videoladen betreut. Auch an dich die Frage: Wieso dauern solche Projekte so lang?

Erhaltungsprojekte mit Partnern, die nicht primär mit der Erhaltung von Kulturgut beauftragt sind, riskieren, länger zu dauern. Bei diesem Projekt spielten die Finanzen und das exklusive Wissen von René Baumann und Rahel Holenstein über diesen Bestand eine Rolle. Memoriav darf höchstens 50% der Projektkosten finanzieren, der Rest muss mit Eigenleistungen oder Drittmitteln gedeckt werden. Das Videoladen-Team kompensierte die fehlenden Geldmittel mit aufwändigen Vorbereitungsarbeiten, die aufgrund von anderen Projekten immer wieder unterbrochen werden mussten.

2. Memoriav unterstützt jährlich mehrere Videoprojekte mit finanziellen Beiträgen. Was ist das Spezielle am Videoladen-Bestand?

Die meisten Videoprojekte konzentrieren sich auf die Erhaltung von fertigen Produkten (Fernsehsendungen, Kunstvideos, Auftragsproduktionen). Hier handelt es sich um eine einmalige Sammlung von Aufnahmen, die als Rohmaterial für Videoproduktionen wie «Züri brännt» dienten oder den Bewegten unmittelbar nach der Produktion zur Dokumentation ihrer Aktionen zur Verfügung standen.

3. Gibt es in der Schweiz vergleichbare Projekte?

Ausser dem Projekt «Stadt in Bewegung», das bereits in den 1990er Jahren eine grosse Sammlung an Bewegungsvideos ins Sozialarchiv spülte, ist mir nichts Vergleichbares bekannt. Zwar gab es gleichzeitig auch in der Romandie Bemühungen, Videos der Jugendbewegung zu finden und zu sichern. Guy Milliard, Leiter des Projekts «Vidéos de Suisse romande 1970-1985», konstatierte im Memoriav-Bulletin Nr. 5 (1999) allerdings, dass keines der Videos von «Lôzanne bouge» überlebt hat. Ich weiss leider zurzeit nicht, ob die anderen Schweizer Videokollektive, die in den 1980er Jahren z.B. in Basel oder Bern aktiv waren, ihre Bänder von damals sicherten. Dieses Interview gibt mir den Anstoss, mich zu erkundigen.

Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit, Uni Zürich

1. Monika, die Geschichte der Medien gehört zu deinen Forschungsschwerpunkten. Welche Rolle spielt Video im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts?

Alexander Kluge und Oskar Negt hatten zu Beginn der 1970er Jahre in ihrem Buch «Öffentlichkeit und Erfahrung» mit Gegenöffentlichkeit einen neuen Begriff etabliert. Mit dem Medium Video stand seit den 1970er Jahren ein neues Medium zur Verfügung, welches das Ideal Kluges und Negts verkörperte und den Neuen sozialen Bewegungen ein audiovisuelles Medium in die Hand gab, mit dem dezentral, schnell und mobil alternative Sichtweisen auf die Welt produziert und distribuiert werden konnten. Das Bewegungsvideo öffnete das Tor zu einer neuen Medienwelt, in der nicht mehr bloss zentrale Medienanstalten über die sozialen Bewegungen berichten, sondern – wie wir fünfzig Jahre später sehen können – Handyvideos quasi live aus den Manifestationen auf der Strasse auf den Social-Media-Kanälen senden.

2. Welche Chancen siehst du für den Videoladen-Bestand in der Lehre? Können Studierende im Jahr 2021 überhaupt etwas damit anfangen?

Die Filme des Videoladens sind dank der Digitalisierung wahrscheinlich populärer und mit Bestimmtheit einfacher zugänglich als in den 1980er Jahren, als sie produziert wurden. Auch deshalb ist die Mediengeschichte so wichtig geworden, weil sie die technischen, ökonomischen, politischen und rechtlichen Umgebungen von verschiedenen Formaten wieder in Erinnerung ruft. Dass ein Medium der Gegenwart fremd geworden ist, ist in diesem Sinne ganz normal, entspricht dem Lauf der Geschichte und ermöglicht neue Sichtweisen auf altes Material. Als wir uns im Sommer 2021 im BA Seminar zur Einführung in die Mediengeschichte durch das neu zugängliche Material des Videoladens wühlten, ist den Studierenden unter anderem die Geschlechterordnung an den Vollversammlungen der Bewegung aufgefallen, wo männliche Redner lautstark und episch lang das Mikrofon okkupierten und das Wort ergriffen.

3. Beim vorliegenden Material handelt es sich um historisches Quellenmaterial. Welchen Gewinn kann es bringen, wenn man sich wissenschaftlich mit bewegten Bildern auseinandersetzt?

Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch hat den Quellencharakter von bewegten Bildern (und zwar diesseits von Gattungsunterscheidungen wie Spiel- oder Dokumentarfilm) in einem Essayband zu den visuellen Konstruktionen des Judentums besonders akzentuiert auf den Punkt gebracht: «Die Einstellung ist die Einstellung.» Die Kamera ist nie neutral, sondern wird eingestellt. Ihre Linse wird präpariert, der Standpunkt bestimmt, Schwenks und Fahrten ermöglichen ihre Bewegung. In diesem Sinn ist das Bewegungsvideo ein hypermobiles, bewegliches Medium, welches sich mitten in der Bewegung selbst befand und die Sicht der Bewegung paradigmatisch zum Ausdruck brachte. Audiovisuelle Quellen vermögen Einstellungen und Blickweisen einer Zeit genauso zu transportieren wie ihr Sound. Das vermag keine schriftliche Quelle.

Ein herzliches Dankeschön an Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen für die Geduld und Ausdauer, an Agathe Jarczyk für die sorgfältige Videokonservierung, an Felix Rauh als Kooperationspartner von Memoriav sowie an Monika Dommann für ihre Würdigung des Videomaterials aus mediengeschichtlicher Sicht.

Filme aus dem Sozialarchiv auf ruralfilms.eu

Seit wenigen Wochen ist das Portal ruralfilms.eu online. Es bietet fast 500 Filme zu landwirtschaftlichen Themen – von Tierkrankheiten über die Mechanisierung bis zur Genderfrage in der Landwirtschaft – als Streaming an. Zugänglich sind auch historische Filme mit einigem Aktualitätsbezug, zum Beispiel über den Einsatz von Pestiziden oder über die Schattenseiten der Obstverwertung. Die inhaltliche Vielfalt ist beeindruckend!

Das Portal ist eine Initiative der «European Rural History Film Association». Dahinter steht u.a. das Archiv für Agrargeschichte in Bern. Das Portal führt Informationen über Filme in europäischen Archiven zusammen und fördert die Erhaltung von historischem Filmmaterial aus dem Bereich der Landwirtschaft.

Das Sozialarchiv partizipiert aktuell mit sechs Filmen, die aus gewerkschaftlichen Beständen stammen.

Werbetafel der «Freundinnen junger Mädchen», um 1950 (SozArch F 5134-Od-003)
Werbetafel der "Freundinnen junger Mädchen", um 1950 (SozArch F 5134-Od-003)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Esther Hürlimann, Ursina Largiadèr, Luzia Schoeck: Das Fräulein vom Bahnhof. Der Verein Freundinnen junger Mädchen in der Schweiz. Zürich, 2021

Der 1886 gegründete Verein «Freundinnen junger Mädchen» war einer der ersten Frauenvereine der Schweiz. Er entstand im Lauf der Industrialisierung, als junge Frauen vermehrt ihre Dörfer verliessen und Arbeit in der Stadt suchten. Dort boten die bürgerlich-protestantischen Frauen im Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution konkrete Lebenshilfe in Form von Schutz und Beratung, Unterkünften und der Vermittlung von Arbeitsstellen. Verbunden war diese Unterstützung allerdings mit moralischen Anliegen.
Der Verein mag mittlerweile «COMPAGNA» heissen, der Gründerinnengeist findet sich aber immer noch in den zahlreichen sozialen Aktivitäten – von der SOS Bahnhofhilfe über Beratungsstellen für Frauen im Sexgewerbe bis hin zu Frauenhotels.

Bestände zum Thema im Sozialarchiv:

  • Ar 591 Freundinnen junger Mädchen (FJM)/COMPAGNA Zürich
  • F 5134 COMPAGNA/Schweizerischer Verein der Freundinnen junger Mädchen
  • K 414 Bericht des Martha-Vereins: Zürcher Sektion des «Vereins der Freundinnen junger Mädchen», ab 1887

> In unserer aktuellen Vitrinenausstellung im Lesesaal zum Thema «Mädchen-/Frauenhandel und Prostitution» sind u.a. auch Objekte aus dem COMPAGNA-Bestand ausgestellt.

Jessica Bruder: Nomaden der Arbeit. Überleben in den USA im 21. Jahrhundert. München, 2021

Die englische Originalausgabe des Buches erschien 2017 unter dem Titel «Nomadland – Surviving America in the Twenty-First Century» und diente dann dem diesjährigen Oscar-preisgekrönten Film «Nomadland» als Vorlage. Jessica Bruder erzählt von Menschen, die in Amerika ohne permanente Wohnadresse unterwegs sind. Ihre Anzahl wird auf Zehntausende geschätzt.
Sie leben in Wohnmobilen, Vans und Anhängern und übernachten auf Supermarkt-Parkplätzen, neben den Highways, in der Wüste. Sie schaufeln Zuckerrüben in North Dakota, reinigen Toiletten in den Nationalparks von Kalifornien oder arbeiten Zwölf-Stunden-Schichten im Amazon-Versandzentrum im winterlichen Texas. Eines haben sie oft gemeinsam: Sie sind meistens schon älter. Und im 21. Jahrhundert, erschüttert von der Finanzkrise der Zehnerjahre, ist ihnen der Boden für den gemeinhin wohlverdienten Ruhestand weggebrochen. Deshalb ziehen sie als Nomaden und Nomadinnen der Arbeit von einem saisonalen Tageslohnjob zum nächsten. Sie bilden eine wachsende Subkultur, die aus der Not heraus den vielzitierten amerikanischen Freiheitsbegriff neu interpretiert.

Elisabeth Joris und Heidi Witzig (Hrsg.): Frauengeschichte(n). Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz. Zürich, 2021

Das Standardwerk zur Schweizer Frauengeschichte ist im Jahr, in welchem sich die Einführung des Frauenstimmrechts zum 50. Mal jährt, in einer letzten, ergänzten 5. Auflage neu erschienen. Parallel zur Neuauflage gibt es nun auch eine Website, die unter anderem zahlreiche Dokumente aus dem Sozialarchiv präsentiert: https://frau-engeschichte-n.ch/.
Den grossen Anfang machten 1986 die beiden Historikerinnen Elisabeth Joris und Heidi Witzig, als sie nach mehrjähriger Arbeit die edierte Quellensammlung «Frauengeschichte(n) ‒ Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz», ein über 550 Seiten umfassendes Buch, im Limmat Verlag herausgaben. 1980 waren sie mit der Entwicklung eines Konzepts gestartet, durchstöberten dann über Jahre grosse und kleine Archive, erstellten Fotokopien, schnitten die interessanten Textstellen heraus, klebten sie auf Blätter, ordneten sie und gaben jeder Quelle einen Titel.
Entscheidende Hilfe erhielten sie nach der ersten Historikerinnentagung von 1983 von anderen Historikerinnen, die sie mit Quellen versorgten, sowie vom Frauentutorat der Universität Zürich, das einen bedeutenden Teil der Dokumente und Texte zum Kapitel «Weiblichkeit als Norm» beisteuerte. Die Gestaltung des Buches und die Auswahl der aussagekräftigen Bilder zu jedem Kapitel übernahm Helen Pinkus Ryman.