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13.9.2026, 11 Uhr: Rosa und ihre Kameradinnen

Lesung

Rosa und ihre Kameradinnen:
Briefe an Freundinnen — über Blumen und Vögelchen
Briefe an Kampfgenossinnen — über Zustände der Revolution
Briefe an beide — über alles, trotz alledem!

Es lesen:
Shabnam Chamani, Hanna Eichel und Lisa Ursula Tschanz
(EnsemblÖ Theater Neumarkt Zürich)

Eine Begleitveranstaltung zur Produktion «In Zukunft nur Rosa» am Theater Neumarkt Zürich.

Sonntag, 13. September 2026, 11 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 227 KB)

Vor 65 Jahren: Bau der Berliner Mauer

«Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort – ‹unverzüglich›.» Mit diesen gestammelten Worten zu den neuen Reisebestimmungen der DDR trat das schlecht vorbereitete SED-Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 ein welthistorisches Ereignis los, das als «Fall der Mauer» ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Obwohl die in den folgenden Stunden unkontrolliert vonstattengehende Öffnung der DDR-Grenzen keineswegs nur die Übergänge zwischen Ost- und Westberlin, sondern auch die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik betraf, konzentrierte sich das mediale Interesse sofort auf die geradezu karnevalesken Szenen an der Berliner Mauer und galt deren Abbruch in der Folgezeit als Symbol für die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas und die Liquidation des Kalten Krieges (s. SozialarchivInfo 5/2019). In der im Herbst 1989 rasch anschwellenden Protestbewegung in der DDR hatte an den Massendemonstrationen neben den Rufen «Wir sind das Volk!», «Keine Gewalt!» und «Freie Wahlen!» der Slogan «Die Mauer muss weg!» zum Standardrepertoire gehört. Ein Demonstrationsplakat brachte die politische und wirtschaftliche Doppelkrise der DDR direkt mit der Berliner Mauer in Zusammenhang: «Bleibt die Mauer, gehn die Leute – fällt die Mauer, ist sie pleite – Ja sie hat es wirklich schwer ‹unsre› arme DDR».

Die Berliner Mauer und der «Eiserne Vorhang» stehen als befestigte Grenzhindernisse in einer langen universalhistorischen Tradition – stellen innerhalb dieser aber durch ihren Zweck, Menschen nicht aus-, sondern einzuschliessen, einen Sonderfall dar, der durch propagandistische Verkehrung ins Gegenteil («Antifaschistischer Schutzwall») nur wenig überzeugend zu übertünchen versucht wurde. Die Geschichte von Mauern und befestigten Grenzanlagen zur Abhaltung militärischer Invasionen reicht von antiken Bauwerken wie beispielsweise den «Langen Mauern», die im 5. Jahrhundert v. Chr. den Verkehrsweg zwischen Athen und seinem Hafen Piräus sicherten, oder dem im 2. Jahrhundert n. Chr. im heutigen Nordengland von den Römern errichteten Hadrianswall über mittelalterliche Stadtmauern und die ab dem 14. Jahrhundert erbaute Chinesische Mauer und ihre Vorläufer oder die französische Maginot-Linie und den deutschen «Westwall» vor bzw. im Zweiten Weltkrieg bis zur seit 2024 von den Kleinstaaten Estland, Lettland und Litauen an den Grenzen zu Russland und Belarus errichteten «Baltic Defence Line». Im 20. und 21. Jahrhundert sind dazu Bauwerke zur Verhinderung von Immigration gekommen, so ab den 1990er Jahren Zäune an einzelnen Abschnitten der amerikanisch-mexikanischen Grenze, deren Ausbau ab 2006 und von 2017 bis 2021 einige Abschnitte von Trumps Prestigeprojekt einer neun Meter hohen Grenzmauer oder die ab 1993 errichteten Zäune um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika. Funktionale Mischformen sind die in den letzten Jahren ausgebauten nordkoreanischen Befestigungen an der Demarkationslinie zu Südkorea, die sowohl der Verhinderung von Fluchten als auch militärischen Zwecken dienen, die indischen Grenzbefestigungen in der umstrittenen Region Kaschmir, die Immigration wie auch die Infiltration bewaffneter Gruppen aus Pakistan verhindern sollen, oder die von Israel errichteten Sperranlagen um den Gazastreifen (erbaut 1994 bis 1996) und entlang der Demarkationslinie zum Westjordanland (Baubeginn 2002), die offiziell der Abwehr von Terroranschlägen dienen, aber auch die Kontrolle der Migration vereinfachen. Auf einer lokaleren Ebene kommen die «Gated Communities» hinzu, geschlossene Wohnkomplexe gehobener Gesellschaftsschichten mit verschiedenen Arten von Zugangsbeschränkungen, die (mit Vorläufern seit dem späten 19. Jahrhundert) ab den 1970er Jahren vor allem in Grossstädten Nord- und Lateinamerikas, aber auch Europas und Asiens entstehen.

Waren der Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges zeitlich und kausal unmittelbar miteinander verknüpft, so stand der Bau der Mauer nicht am Anfang der Teilung Europas, sondern stellte nach anderthalb Jahrzehnten frühem Kalten Krieg deren Höhepunkt und Vollendung dar. Die unter einem besonderen Statut stehende, in vier Besatzungssektoren aufgeteilte ehemalige Reichshauptstadt Berlin hatte bis 1961 als letzte Lücke im «Eisernen Vorhang» gegolten, der den Ostblock hermetisch von Westeuropa abzuschirmen versuchte, und war mehrfach Brennpunkt internationaler und innerdeutscher Krisen und Spannungen gewesen.

Die aus der Theatersprache entlehnte Metapher des «Eisernen Vorhanges» hatte sich mit ihrer Verwendung durch Winston Churchill in seiner Rede «The Sinews of Peace» in Fulton im März 1946 definitiv in der politischen Sprache des entstehenden Kalten Krieges etabliert. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war sie mit verschiedenen Bedeutungen aufgetaucht, darunter schon kurz nach der Oktoberrevolution auch bereits im Zusammenhang mit dem bolschewistischen Russland. Um das Ende des Zweiten Weltkriegs fokussierte sich die Begriffsverwendung auf den Vorstoss der Roten Armee nach Mitteleuropa. Im Winter 1944/45 war in der nationalsozialistischen Propaganda beim Versuch, die Alliierten in letzter Minute zu spalten, mehrfach vom drohenden Niedergehen eines «Eisernen Vorhanges» in Europa die Rede. Bereits ab dem Frühjahr 1945 tauchte die Metapher aber auch in Telegrammen Churchills an US-Präsident Harry Truman sowie in der Presse neutraler Staaten wie der Schweiz und Schwedens auf. In den folgenden Monaten wandelte sich angesichts der Sowjetisierung der von der Roten Armee besetzten Gebiete die Redeweise vom dynamischen «Niedergehen» zum statischen «Vorhandensein» des «Eisernen Vorhangs» und dessen Qualität wurde zunehmend nicht mehr als simple Kommunikationsbarriere, sondern als Systemgrenze gesehen. In seiner Rede in Fulton beklagte dann Churchill, von Stettin bis Triest sei ein «Iron Curtain» über Europa niedergegangen, hinter dem in der sowjetischen Sphäre die wichtigen Metropolen Zentral- und Osteuropas lägen und wo die ehemals kleinen kommunistischen Parteien nun nach totalitärer Kontrolle strebten. Zu den hinter dem «Eisernen Vorhang» liegenden Metropolen zählte er dabei ausdrücklich auch Berlin und Wien, die unter Viermächtebesatzung standen.

Geteilte Städte als Symbole der konfliktbeladenen Nachkriegszeit

Berlin war in der Nachkriegszeit der Inbegriff einer «geteilten Stadt», freilich nicht die einzige Metropole mit einem solchen Schicksal. Während die Teilungen anderer Städte aus regionalen Konflikten mit Wurzeln in religiösen und nationalistischen Gegensätzen resultierten, war der direkt mit dem globalpolitischen Zentralkonflikt der Epoche verbundene, nicht auf soziokulturellen Gegensätzen in der lokalen Bevölkerung beruhende Fall von Berlin aber anders gelagert. Die Stadt Wien, die ab 1945 ebenfalls unter Viermächtebesatzung stand, entging dagegen dank des österreichischen Staatsvertrags von 1955 diesem Schicksal (s. SozialarchivInfo 2/2025). Globalhistorisch war das Phänomen baulich geteilter Städte in der Nachkriegszeit nicht neu. Viele Metropolen in Afrika und Asien wiesen in der Kolonialzeit eine duale Struktur auf, bei der die Wohnquartiere der europäischstämmigen Kolonisator:innen von denjenigen der Kolonisierten strikt getrennt waren und die Abgrenzung durch Mauern, Zäune oder unbebaute Pufferzonen auch baulich sichtbar war – mit Nachwirkungen weit über die Dekolonisation hinaus. Das Motiv geteilter Städte erfuhr vielfältige kulturelle Verarbeitungen. So handelte der Asterix-Band «Le Grand Fossé» von 1980 von einem zwischen den Anhängerschaften zweier verfeindeter Häuptlinge durch einen Graben geteilten keltischen Dorf, dessen Spaltung und zeitweiser Verrat an die Römer in einer Romeo-und-Julia-Geschichte erst durch die unbesiegbaren Gallier überwunden wird.

Durch den ersten arabisch-israelischen Krieg von 1948/49 war Jerusalem, das gemäss dem von der jüdischen Seite akzeptierten, von der arabischen aber abgelehnten UNO-Teilungs- und Konföderationsplan für das Mandatsgebiet Palästina von 1947 neben je einem geplanten jüdischen und arabischen Staat zu einem unter UNO-Verwaltung stehenden, demilitarisierten und neutralen dritten Element hätte werden sollen, entlang der Waffenstillstandslinie geteilt worden: Der Westen der Stadt gelangte unter israelische, der Osten (inklusive das jüdische Viertel der Altstadt, dessen etwa 1’500 Einwohner:innen vertrieben wurden) unter jordanische Herrschaft. Wie vor den Sektorengrenzen Berlins warnten in Jerusalem Schilder vor dem Verlassen des jeweiligen Bereichs. Im dritten arabisch-israelischen Krieg von 1967 griffen jordanische Einheiten Westjerusalem an, im Gegenzug eroberte die israelische Armee aber Ostjerusalem, so dass nun die ganze Stadt unter israelische Herrschaft gelangte. Ihr Status blieb umstritten. Das 1978 von der Carter-Administration vermittelte israelisch-ägyptische Friedensabkommen klammerte die Jerusalem-Frage aus. 1980 beschloss die Knesset das «Jerusalemgesetz», das die Gesamtheit von Jerusalem zur Hauptstadt Israels erklärte, vom UNO-Sicherheitsrat aber umgehend und einstimmig für nichtig erklärt wurde. 1988 gab Jordanien seinen Anspruch auf Ostjerusalem auf, kurz darauf erklärte aber die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) Jerusalem zur Hauptstadt des von ihr ausgerufenen, nur auf dem Papier bestehenden «Staates Palästina». Im Oslo-Friedensprozess der frühen 90er Jahre war die Jerusalem-Frage heftig umstritten und blieb ohne Lösung. 2018 anerkannte die erste Trump-Administration in einem international umstrittenen Entscheid Jerusalem als israelische Hauptstadt und verlegte die US-Botschaft dorthin.

Der Zypernkonflikt führte mit der faktischen Teilung der Insel auch zur Teilung der Hauptstadt Nikosia. 1974 folgte auf einen Putschversuch griechisch-zypriotischer Offiziere, hinter denen die damalige griechische Militärjunta stand und die einen Anschluss an Griechenland erstrebten, eine türkische Militärintervention. Bis 1983 verstand sich die türkisch-zypriotische Administration in den türkisch besetzten Gebieten der Insel noch als Teil einer zukünftigen gesamtzypriotischen Föderation, dann wurde die Unabhängigkeit beanspruchende «Türkische Republik Nordzypern» ausgerufen, die aber international keine Anerkennung fand. Nikosia blieb Hauptstadt der Republik Zypern, der türkisch besetzte Nordteil der Stadt wurde aber als «Nord-Nikosia» zur Hauptstadt der «Türkischen Republik Nordzypern» erklärt. Durch die Stadt zieht sich seither die durch Mauern, Zäune und andere Absperrungen markierte, von UNO-Friedenstruppen überwachte «Grüne Linie», in deren Umfeld verschiedene Graffiti auf die Berliner Mauer verweisen.

Eine weitere «geteilte Stadt» der Nachkriegszeit war Belfast. Anders als Berlin, Jerusalem und Nikosia war die nordirische Kapitale aber nicht entlang einer internationalen Konfliktlinie in zwei Teile gespalten, sondern es akzentuierte sich in den «troubles» eine bereits zuvor bestehende konfessionelle Segregation der Wohnquartiere, bei der es schon in der Zwischenkriegszeit vereinzelte bauliche Einrichtungen zur Trennung der Bevölkerungsgruppen gegeben hatte. 1969 richtete die nordirische Regierung nach schweren Ausschreitungen eines protestantisch-unionistischen Mobs aus der Shankill Road in der Falls Road mit ihrer katholisch-republikanischen und teils gälischsprachigen Bevölkerung, die erst nach einem Armeeeinsatz beendet werden konnten, zwischen den beiden Quartieren eine «peace line» in Gestalt eines durch Polizei und Militär kontrollierten Stacheldrahtzauns ein, der aber explizit keine zweite Berliner Mauer sein sollte. In den folgenden Jahren nahm die konfessionelle Segregation zu. Etwa 60’000 Menschen wurden aus ihren bisherigen Wohnquartieren vertrieben. Es entstanden weitere «peace lines» aus Wellblechzäunen, Mauern, Gittern und Stahlwänden, insbesondere im Norden und Westen von Belfast, aber auch in den Städten Derry/Londonderry und Portadown. Auf dem Höhepunkt des Jurakonflikts in den 1970er Jahren wurde teilweise das Menetekel einer ähnlichen Spaltung Moutiers als «zweites Belfast» an die Wand gemalt (s. SozialarchivInfo 1/2019). Um die Jahrtausendwende betrug die Gesamtlänge der knapp 100 «peace lines» in Belfast 21 Kilometer. Nach dem von den Regierungen des Vereinigten Königsreichs und der Republik Irland vermittelten Karfreitagsabkommen von 1998 setzten Diskussionen über den Abbau der «peace lines» ein, bedeutende Teile der Bevölkerung Belfast halten sie aber nach wie vor für notwendig. Zugleich sind sie in jüngerer Zeit zu Touristenattraktionen geworden.

Von der Kapitulation der Nazis zur ersten Berlinkrise

Die Schlacht um Berlin vom 16. April bis 2. Mai 1945 war die letzte grosse Militäroperation des Zweiten Weltkriegs in Europa, kostete etwa 200’000 Menschenleben und führte zu umfangreichen Zerstörungen von Gebäuden und Verkehrsinfrastruktur. Am 30. April entzog sich Adolf Hitler im «Führerbunker» durch Selbstmord der Verantwortung für seine Verbrechen, am 2. Mai wurde die ganze Reichshauptstadt von der Roten Armee kontrolliert, deren Einheiten beim Sturm auf Berlin von rund 180’000 polnischen Soldaten unterstützt worden waren. Am 8./9. Mai 1945 unterzeichnete die deutsche Militärführung in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation. Am 17. Mai setzte der sowjetische Stadtkommandant eine hauptsächlich aus Kommunisten bestehende Zivilverwaltung unter Oberbürgermeister Arthur Werner ein. Bereits im Februar 1945 hatten die alliierten Mächte auf der Konferenz von Jalta die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen und Berlins, das vollständig von der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) umgeben war, in vier Sektoren beschlossen. Im Juli 1945 trafen die ersten amerikanischen, britischen und französischen Besatzungskontingente in Berlin ein und übernahmen ihre Sektoren.

Als sich in den ersten Nachkriegsjahren Westzonen und SBZ vor dem Hintergrund des einsetzenden Kalten Krieges politisch zunehmend auseinanderentwickelten und 1949 zwei deutsche Staatsgründungen erfolgten, wurde der Status Berlins prekär. Zunächst standen indessen das Überleben und der Wiederaufbau im Zentrum. Rund ein Fünftel der Gebäude Berlins, in der Innenstadt sogar die Hälfte waren zerstört und 1,5 Millionen Menschen obdachlos geworden. Hatte die Reichshauptstadt bei Kriegsbeginn 4,3 Millionen Einwohner:innen gezählt, so war diese Zahl bis im Mai 1945 auf 2,8 Millionen abgesackt. Insbesondere in der Alterskohorte zwischen 20 und 45 Jahren wies die Bevölkerung einen extremen Frauenüberschuss auf – die Männer waren noch auf den diversen Kriegsschauplätzen, in Kriegsgefangenschaft oder gefallen. In den ersten Nachkriegswochen waren Vergewaltigungen durch Rotarmisten ein Massenphänomen – aufgrund von Spitalakten werden für Berlin Zahlen von mindestens 110’000 (in vielen Fällen mehrfach) vergewaltigten Frauen geschätzt. Wegen des Mangels an arbeitsfähigen Männern wurden die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten zunächst vor allem von Frauen ausgeführt. Das Bild der «Trümmerfrauen», die schwere körperliche Arbeit leisteten, wurde dadurch zu einem Symbol des Berlins der unmittelbaren Nachkriegszeit.

In allen Besatzungsgebieten Deutschlands erwachte in der zweiten Jahreshälfte 1945 das politische Leben durch Parteigründungen wieder. Im Wesentlichen entstanden als Wiedergründungen die Sozialdemokratische Partei (SPD) und die Kommunistische Partei (KPD), als Neugründung die überkonfessionelle Christlich Demokratische Union (CDU) sowie unter verschiedenen Namen eine liberale Partei. Während in den westlichen Besatzungszonen die Entwicklung zu einem pluralistisch-demokratischen Konkurrenzmodell tendierte, förderten die sowjetischen Militärbehörden in ihrer Zone ein Blockmodell unter kommunistischer Führung. Bereits im Juli 1945 wurden die vier zugelassenen Parteien in der SBZ im «Block der antifaschistisch demokratischen Parteien» zusammengeschlossen. Erste Wahlen Ende 1945 und Anfang 1946 in einzelnen Ländern der westlichen Besatzungszonen Deutschlands sowie in Österreich zeigten unerwartet schwache Resultate der Kommunist:innen mit Stimmenanteilen unter 10%. Da Ähnliches auch in der SBZ zu erwarten war und damit der kommunistische Führungsanspruch delegitimiert worden wäre, erhöhten die sowjetischen Militärbehörden daraufhin den Druck für einen Zusammenschluss von KPD und SPD.

Anfängliche sozialdemokratische Sympathien für eine Vereinigung und die Überwindung der Spaltung der Arbeiter:innenbewegung, die in der Weimarer Republik den Abwehrkampf gegen die Nazis entscheidend geschwächt hatte, verflogen angesichts des kommunistischen Machtanspruchs. Kurt Schumacher, spiritus rector des Wiederaufbaus der SPD in den westlichen Besatzungszonen, der in der späten Weimarer Republik den kommunistischen Kampf gegen die Sozialdemokratie im Rahmen der «Sozialfaschismus-Theorie» (der wie beim Berliner Verkehrsarbeiterstreik von 1932, der KPD-seitig vom späteren SED-Chef Walter Ulbricht, NSDAP-seitig von Josef Goebbels ausgerufen worden war, sogar zu punktuellen Kooperationen zwischen KPD und Nazis führen konnte) selbst miterlebt hatte, lehnte die Vereinigung strikte ab.

Die Furcht vor schlechten kommunistischen Wahlresultaten führte Anfang 1946 aber zur Forcierung der Vereinigungsbewegung in der SBZ durch sowjetische Behörden und KPD. Sozialdemokratische Vereinigungsskeptiker wurden zum Ziel behördlicher Repressionen, als «Spalter» diffamiert und mit Redeverboten belegt. Am 10./11. Februar 1946 fällte der Zentralausschuss der SPD in der SBZ mit 8 gegen 3 Stimmen bei 4 Enthaltungen den Entscheid für die sofortige Verschmelzung mit der KPD. Widerstand kam aber aus Berlin, wo eine SPD-Funktionärskonferenz sich mit grosser Mehrheit für eine Mitgliederbefragung aussprach. Diese fand am 31. März 1946 statt, allerdings nur in den Westsektoren, während sie im sowjetischen Sektor von der Besatzungsmacht nicht zugelassen wurde. Bei einer Beteiligung von 73% der SPD-Mitglieder sprachen sich 61,7% grundsätzlich für eine Zusammenarbeit mit der KPD aus, aber 82,2% waren gegen den sofortigen Zusammenschluss der beiden Parteien. Am 21./22. April 1946 fand im Admiralspalast im sowjetischen Sektor Berlins der Vereinigungsparteitag zur Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) für die gesamte SBZ statt. In Berlin selbst existierte neben der SED aber weiterhin in allen vier Sektoren auch die SPD. Die anfänglich paritätische Besetzung der SED-Gremien wurde rasch zugunsten ehemaliger KPD-Mitglieder aufgegeben und «Sozialdemokratismus» im Parteijargon zum Schimpfwort.

Am 20. Oktober 1946 fanden in den Ländern der SBZ sowie in Gross-Berlin Wahlen statt. Bei den Landtagswahlen war die Kandidatur einer eigenständigen SPD nicht zugelassen, dennoch blieb die SED in allen fünf Ländern knapp unter 50% und die beiden bürgerlichen Parteien CDU und LDP erzielten beachtliche Resultate von je um die 25%. Bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung Gross-Berlins kam es dagegen zum direkten Duell zwischen SPD und SED, welches eindeutig ausfiel: Die SPD kam auf 48,8% gegenüber nur 19,8% der SED, die noch hinter der CDU (22,2%) landete. Selbst im sowjetischen Sektor lag die behördlich geförderte SED mit 29,8% deutlich hinter der SPD (43,6%). Im Dezember wählte die Stadtverordnetenversammlung einen neuen Magistrat unter dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Otto Ostrowski, der einer Dreierkoalition aus SPD, CDU und LDP vorstand.

Als Ostrowskis Nachfolger wurde im Juni 1947 der Sozialdemokrat Ernst Reuter gewählt, der aber aufgrund eines sowjetischen Vetos in der Alliierten Kommandantur sein Amt zunächst nicht antreten konnte. Reuter war im Ersten Weltkrieg Kriegsgefangener in Russland gewesen und hatte sich 1917/18 aktiv an der bolschewistischen Revolution beteiligt. Nach seiner Rückkehr war er 1919 bis zu seinem Parteiausschluss 1922 KPD-Funktionär gewesen und gelangte dann wieder zur SPD zurück. Bis 1933 war er Kommunalpolitiker in Berlin und Magdeburg, ging dann nach zweimaliger KZ-Haft ins Exil in die Türkei, wo er an der Universität Ankara Stadtplanung unterrichtete, und kehrte 1946 nach Berlin zurück, wo er Stadtrat für Verkehr und Versorgungsbetriebe wurde.

Aufgrund des sowjetischen Vetos gegen Reuter wurde vom Juni 1947 bis Oktober 1948 Louise Schroeder als erste Frau kommissarische Oberbürgermeisterin Berlins. In ihre Amtszeit fiel der Beginn der ersten Berlinkrise. Im Frühjahr 1948 zeichnete sich zunehmend eine wirtschaftspolitische Verschmelzung der drei Westzonen und deren Einbezug in den Marshallplan ab. Zudem scheiterten Bestrebungen für eine einheitliche Währungsreform für alle Besatzungszonen. Ende März stellte die Sowjetunion ihre Mitarbeit im Alliierten Kontrollrat für Deutschland ein und erhöhte, auch in Absprache mit der SED-Führung, die für die im Herbst bevorstehenden Berliner Wahlen ein ähnlich schlechtes Ergebnis wie 1946 befürchtete, den Druck auf die Berliner Westsektoren. Ab dem 1. April gab es Einschränkungen westalliierter Truppentransporte auf den Zufahrtswegen nach Berlin. Am 16. Juni verliess die Sowjetunion die Alliierte Kommandantur Berlins. Am 20. Juni wurde in den westlichen Besatzungszonen die D-Mark eingeführt, drei Tage darauf erfolgte in der SBZ und Berlin die Einführung der Ostmark.

Ab dem 24. Juni 1948 wurde die D-Mark aber auch in den westlichen Sektoren Berlins Zahlungsmittel. Am selben Tag stellten die sowjetischen Behörden die Belieferung der Westsektoren mit Strom aus der SBZ ein, was gewaltige Blackouts verursachte, und blockierte zunehmend den Personen- und Güterverkehr zwischen den westlichen Besatzungszonen und den Westsektoren Berlins auf Strassen, Schienen, Flüssen und Kanälen. Nur der Verkehr zum Ostsektor der Stadt und zur SBZ blieb offen, wobei aber betont wurde, dass eine Versorgung der Westsektoren aus diesen Gebieten nicht erfolgen werde. Da die Westsektoren mit ihren 2,2 Millionen Einwohner:innen zu etwa drei Viertel aus den westlichen Besatzungszonen versorgt wurden, kam dies der Ankündigung einer Aushungerungsstrategie gleich. Am 2. August liess Stalin die Botschafter der westalliierten Mächte wissen, die Blockade könne aufgehoben werden, wenn die auf die Gründung eines provisorischen westdeutschen Staats abzielenden Beschlüsse der Londoner Sechsmächtekonferenz ausgesetzt würden. Diese von Februar bis Anfang Juni 1948 tagende Konferenz war hervorgegangen aus dem Scheitern des Versuchs einer einheitlichen Deutschlandpolitik nach fünf ergebnislosen Aussenministertreffen der vier Hauptsiegermächte.

Ebenso setzten im Ostsektor Berlins Repressionen gegen gewählte Behördenmitglieder und Verwaltungsmitarbeitende, die sich der sowjetischen Linie nicht unterordneten, ein. Anfang September verlegte die Stadtverordnetenversammlung ihre Sitzungen deshalb vom sowjetischen in den britischen Sektor. Am 9. September 1948 demonstrierten 350’000 Menschen auf dem Platz der Republik gegen die Blockade, die Spaltung Berlins und die Repressionen gegen frei gewählte Amtsträger:innen. Ernst Reuter rief in einer international beachteten Rede vor der Ruine des Reichstagsgebäudes aus: «Ihr Völker der Welt, […] schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft!» Nach der Kundgebung erschossen Ostberliner Volkspolizisten einen 15-jährigen Schüler.

Die westalliierten Mächte waren von der Blockade zunächst überrumpelt und reagierten darauf wenig koordiniert, zumal die Möglichkeiten, Westberlin zu halten, sehr kontrovers eingeschätzt wurden. Erst im Februar war in der Tschechoslowakei mit dem Prager Umsturz die letzte Demokratie in der sowjetischen Einflusssphäre, die Churchill 1946 in seiner «Iron Curtain»-Rede noch ausdrücklich als Sonderfall genannt hatte, zerstört worden. Bereits ab dem 26. Juni 1948 startete aber eine Luftbrücke mit Versorgungsflügen der amerikanischen und britischen Luftwaffen. Die täglich 500 Flugzeuge, die im Volksmund als «Rosinenbomber» bezeichnet wurden, transportierten in drei Luftkorridoren Lebensmittel, andere Gebrauchsgüter und vor allem Kohle nach Westberlin. Ebenso untersagten die Westmächte den Export gewisser Produkte und Rohstoffe (u. a. von Steinkohle und Stahl) in die SBZ. Diese Retorsionsmassnahme traf die dortige Wirtschaft umso schmerzhafter, als zuvor bereits zwei Drittel der industriellen Kapazität in die Sowjetunion abtransportiert worden waren.

Am 30. November 1948 erklärte eine von der sowjetischen Militäradministration und der SED inszenierte «ausserordentliche Stadtverordnetenversammlung» mit «Delegierten» aus dem Ostsektor ohne demokratische Legitimation die Stadtregierung für abgesetzt und ernannte einen SED-geführten «provisorischen demokratischen Magistrat», der die Gesamtheit von Berlin zu einem Teil der SBZ erklärte und von den sowjetischen Behörden sofort anerkannt wurde. Damit war die politische Spaltung der Stadt besiegelt. Die ordentlichen Berliner Wahlen am 5. Dezember konnten nur in den Westsektoren stattfinden und endeten mit einem überwältigenden Sieg der SPD, die 64,5% der Stimmen erhielt. Die CDU kam auf 19,4%, die LDP auf 16,1%, die SED trat nicht mehr an. Ernst Reuter wurde daraufhin Oberbürgermeister Westberlins und setzte in der Krisensituation die Koalition mit CDU und LDP fort. In Ostberlin sollte es erst 1953 wieder Wahlen geben, die dann nach dem DDR-System mit Einheitslisten stattfanden. Umgekehrt beteiligte sich die SED ab 1954 wieder an den Westberliner Wahlen (nach dem Bau der Mauer als vorgeblich von der DDR unabhängige, aber massiv von dieser finanzierte SED-W bzw. SEW), blieb aber stets deutlich unter 3%.

Mit dem anbrechenden Winter wurde allgemein mit einer Verschlechterung der Versorgungslage Westberlins gerechnet. Nach dem für Berlin sehr harten «Hungerwinter» 1946/47 war der «Blockadewinter» 1948/49 aber von den Temperaturen her viel milder, so dass die Minimalversorgung mit Nahrungsmitteln und Energie über die Luftbrücke knapp gesichert werden konnte. Damit war das Scheitern der Blockade offenkundig. Ab Februar 1949 verhandelte die Sowjetunion insgeheim mit den Westmächten über die Aufhebung der Blockade und der Gegenmassnahmen und am 4. Mai kam es zu einem entsprechenden Abkommen. Ab Mitternacht vom 11. auf den 12. Mai 1949 wurden die Westsektoren wieder mit Strom versorgt und die Blockade der Verkehrswege zu Wasser und Land aufgehoben. Erst im Herbst waren die Verkehrswege aber wieder wie vor der Blockade benutzbar, weswegen die Luftbrücke bis zum 30. September weiterging. Insgesamt wurden von Juni 1948 bis September 1949 in 277’569 Flügen rund 2,1 Millionen Tonnen Fracht nach Berlin gebracht, davon 1,44 Millionen Tonnen Kohle, 485’000 Tonnen Nahrungsmittel und 160’000 Tonnen Baustoffe. Für die emotionale Westbindung der Westberliner Bevölkerung spielte die Hilfe aus der Luft eine wesentliche Rolle.

Von der politischen Spaltung zur zweiten Berlinkrise

In der Zwischenzeit waren die Gründungsprozesse der beiden deutschen Staaten weiter vorangeschritten. In den Westzonen erarbeitete der von den Landtagen gewählte Parlamentarische Rat vom 1. September 1948 bis 8. Mai 1949 das Grundgesetz, welches am 12. Mai, dem Tag der Beendigung der Berlin-Blockade, von den Militärgouverneuren der drei westlichen Besatzungsmächte genehmigt wurde und nach Annahme durch die Landtage am 23. Mai in Kraft trat. Am 14. August 1949 fanden die ersten Bundestagswahlen statt, welche die Unionsparteien mit 31% knapp vor der SPD (29,2%) gewannen, während die KPD nur auf 5,7% kam. Am 15. September wählte der Bundestag Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler. Obwohl das Grundgesetz «Gross-Berlin» (also alle Sektoren) als Bundesland vorsah, gab es in Westberlin aufgrund des Viermächtestatuts keine Direktwahlen zum Bundestag. Die Berliner Stadtverordnetenversammlung wählte Abgeordnete in den Bundestag, die aber nicht voll stimmberechtigt waren.

In der SBZ war aus der zunächst zonenübergreifenden, die gewählten Behörden konterkarierenden «Volkskongress»-Bewegung, die die SED bereits Ende 1947 initiiert hatte, im März 1948 der nicht gewählte «Erste Deutsche Volksrat» hervorgegangen, der die Verfassung der DDR ausarbeitete. Mitte Mai 1949 wurde der «Dritte Deutsche Volkskongress» mittels Einheitsliste «gewählt». Dieser genehmigte Ende Mai die Verfassung der DDR und wählte den «Zweiten Deutschen Volksrat». Am 7. Oktober 1949 wurde die DDR proklamiert, am selben Tag erklärte sich der «Zweite Deutsche Volksrat» zur provisorischen Volkskammer der DDR. Gemäss der Verfassung der DDR war deren Hauptstadt «Berlin» (de facto Ostberlin), wie im Bundestag hatten aber auch in der Volkskammer die Berliner Abgeordneten kein volles Stimmrecht.

Die erste Volkskammerwahl fand dann am 15. Oktober 1950 mittels Einheitsliste statt, die auf die in der Folge obligaten 99,7% der Stimmen kam. Seit den Landtagswahlen von 1946 waren in der SED die sozialdemokratischen Elemente weiter ausgeschaltet worden, ebenso bei Ost-CDU und LDPD Persönlichkeiten, die sich der sowjetischen Linie nicht unterwerfen wollten. Die «Blockparteien» unterlagen vielfältigen behördlichen Kontrollen und Repressionen, die von der Anmeldungspflicht selbst interner Veranstaltungen über Verweigerung von Papier und Druckmöglichkeiten sowie Vorzensur von Reden, Publikationen und Parteibeschlüssen bis zur Absetzung und Verhaftung, in einzelnen Fällen sogar Hinrichtung von Funktionär:innen reichten. Zudem wurden zur Schwächung von CDU und LDPD 1948 zwei Retortenparteien ins Leben gerufen, die Demokratische Bauernpartei (DBD) und die National-Demokratische Partei (NDPD). Letztere war als Gefäss für «kleine» Nazis, Wehrmachtoffiziere und Ostvertriebene gedacht und zu ihrer Leitung wurden zuverlässige SED-Genossen abgeordnet. Nur in Ostberlin existierte bis 1961 zudem als klassische Spoilerpartei die SED-nahe «Sozialdemokratische Aktion» (SDA), die sich als Konkurrenz zur «spalterischen» SPD aus «oppositionellen Sozialdemokraten» aufspielte. Neben der SED und diesen Blockparteien gehörten den Einheitslisten auch die sogenannten «Massenorganisationen» an, die ebenfalls stark von der SED kontrolliert wurden.

Mit der doppelten Staatsgründung blieben aber sowohl die Deutschlandfrage als auch der Status von Berlin zunächst noch in der Schwebe. Im März 1952 bot Stalin plötzlich Verhandlungen über eine Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands an. Die Westmächte und die Bundesregierung betrachteten dies als taktisches Manöver, um die zunehmende Westintegration der Bundesrepublik zu torpedieren: 1951 war der westdeutsche Staat Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) geworden, zugleich liefen Verhandlungen über die Bildung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Die Westmächte forderten in ihrer Antwort, dass die Abhaltung gesamtdeutscher Wahlen unter Aufsicht der UNO der Bildung einer gesamtdeutschen Regierung vorangehen müsse, was die Sowjetunion aber ablehnte. Die Initiative verpuffte im September 1952.

Ebenfalls 1952 begann die DDR, die Grenze zur Bundesrepublik mit Zäunen, Alarmvorrichtungen, Bewachung und einer fünf Kilometer breiten Sperrzone abzuriegeln und siedelte in der «Aktion Ungeziefer» Tausende als politisch unzuverlässig betrachtete Menschen aus der Sperrzone aus. In Berlin wurden zwar von 277 Sektorenübergängen 200 gesperrt und bei den restlichen die Kontrollen verschärft, dennoch gab es immer noch eine relative Bewegungsfreiheit, etwa auch mit der S-Bahn. Dadurch konzentrierten sich die Fluchten aus der DDR in der Folge immer mehr auf den Weg über Berlin.

Im folgenden Jahr wurde die DDR von einer von Ostberlin ausgehenden Protest- und Streikwelle erschüttert, die als «Aufstand vom 17. Juni» in die Erinnerung eingegangen ist. Die junge DDR befand sich im Frühjahr 1953 in einer multiplen Krise. Zur politischen Repression kamen starke Probleme bei der Lebensmittelversorgung, ein stetig grösser werdender Wohlstandsrückstand auf die Bundesrepublik und ein Anwachsen der Abwanderungsbewegung nach Westdeutschland via Westberlin. Mitte Mai beschloss das Zentralkomitee der SED eine Erhöhung der Arbeitsnormen um 10%. Bereits im Mai und Anfang Juni kam es in zahlreichen Betrieben zu Streiks. Die Bestätigung der Normerhöhung in mehreren Artikeln der DDR-Presse Mitte Juni wirkte dann als Auslöser weitreichender Proteste in zahlreichen Ortschaften. Am 16. Juni kam es zunächst an Grossbaustellen in Ostberlin zu Arbeitsniederlegungen, aus denen rasch eine grosse Demonstration erwuchs, an der auch der Rücktritt der Regierung und freie Wahlen gefordert und zum Generalstreik aufgerufen wurde. Am folgenden Tag weitete sich die Protestbewegung aus. In über 500 Ortschaften der DDR gab es Streiks und Demonstrationen, an denen sich bis zu 1,5 Millionen Menschen beteiligten.

Die DDR-Regierung flüchtete unter den Schutz der sowjetischen Militärbehörden Ostberlins und gab per Rundfunk die Rücknahme der Normerhöhung bekannt, bezeichnete die Proteste aber als das «Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte». Das Zerrbild eines angeblich vom Westen gesteuerten «faschistischen Putsches» wurde in der Folge im Ostblock zum Standardnarrativ über die Ereignisse von 1953 – und sechs Jahrzehnte später dann von der putinistischen Propaganda fast wörtlich auf die Euromaidan-Proteste in Kyjiw übertragen. Kurz nach Mittag des 17. Juni verhängten die sowjetischen Militärbehörden das Kriegsrecht über Ostberlin und weite Teile der DDR. In Ostberlin rückten bereits ab 10 Uhr sowjetische Truppen und Panzer ein, in anderen Ortschaften einige Stunden später. Insgesamt gelangten etwa 20’000 sowjetische Soldaten nebst 8’000 Angehörigen der Kasernierten Volkspolizei zum Einsatz, die 34 Protestierende erschossen. Die Protestbewegung verlor dadurch rasch an Schwung, vereinzelte Streiks und Demonstrationen gingen aber noch bis Anfang Juli weiter. Erst am 11. Juli wurde das Kriegsrecht aufgehoben. In einer ersten Repressionswelle wurden über 2’000 Personen verhaftet und verurteilten Standgerichte 19 Aufständische zum Tod und Hunderte weitere zur Zwangsarbeitslagerstrafen in Sibirien. Tausende weitere Angeklagte wurden in den folgenden Monaten von DDR-Gerichten zu kürzeren oder längeren Haftstrafen sowie in zwei Fällen zum Tod verurteilt.

In den folgenden Jahren blieb das gespaltene, aber weiterhin durchlässige Berlin ein Hotspot des Kalten Krieges, in dem sich lokale Bewältigungsstrategien der komplexen politischen und wirtschaftlichen Situation mit Geopolitik mischten. Trotz vielfältiger Schikanen und Anti-Grenzgänger-Propaganda durch die DDR-Behörden arbeiteten nach wie vor Zehntausende von Ostberliner:innen in Westberlin oder umgekehrt. Der unmittelbar nach Kriegsende aufgrund der katastrophalen Versorgungssituation florierende Schwarzmarkt war mit den Währungsreformen von 1948 zwar zurückgegangen, setzte sich aber aufgrund der unterschiedlichen Währungen und Wirtschaftssysteme, des Wohlstandsgefälles, der in der DDR bis 1958 anhaltenden Lebensmittelrationierung und der Möglichkeit, sich polizeilicher Verfolgung durch Flucht über die Sektorengrenzen zu entziehen, bis zum Mauerbau fort.

Die Geheimdienste der vier Besatzungsmächte sowie der beiden deutschen Staaten besassen in der geteilten Stadt grosse Netze von Informant:innen und führten zahlreiche verdeckte Operationen durch. Spektakulär war etwa die «Operation Gold» der angelsächsischen Geheimdienste MI6 und CIA. Ab 1954 gruben sie unter der Sektorengrenze hindurch einen Spionagetunnel nach Ostberlin, um die Telefonleitungen des sowjetischen Militärhauptquartiers anzapfen zu können. Im Frühjahr 1955 wurde die Abhörung gestartet, mit deren Übersetzung und wenig ergiebigen Auswertung sich zeitweise über 300 Mitarbeiter:innen befassten. Die sowjetischen Behörden hatten indessen durch den MI6-Mitarbeiter George Blake, der als Kriegsgefangener im Koreakrieg zum «Maulwurf» umgedreht worden war und nach seiner Enttarnung dann 1966 auf spektakuläre Weise aus einem Londoner Gefängnis in die DDR und weiter nach Moskau flüchten sollte, schon vor Baubeginn Kenntnis von der Operation. Im April 1956 inszenierten sie die «Entdeckung» des Tunnels durch sowjetische und ostdeutsche Soldaten und nutzten das Ereignis zur propagandistischen Medialisierung.

Knapp zehn Jahre nach der ersten begann im November 1958 die zweite Berlinkrise. In der Zwischenzeit hatten beide deutsche Staaten wieder Streitkräfte aufgestellt. In der DDR war ab 1952 die Kasernierte Volkspolizei aufgebaut worden, die 1953 auch See- und Luftstreitkräfte erhielt und 1956 in die Nationale Volksarmee (NVA) umgewandelt wurde. In der Bundesrepublik erfolgte, nachdem 1954 der EVG-Plan einer Europa-Armee mit bundesdeutscher Beteiligung an einer «unheiligen» kommunistisch-gaullistischen Allianz im französischen Parlament gescheitert war, 1955 die Gründung der Bundeswehr. 1955 trat die Bundesrepublik der NATO und die DDR dem Warschauer Pakt bei.

Am 27. Oktober 1958 verkündete Ulbricht in einer Rede, ganz Berlin sei von Beginn weg «Bestandteil der Sowjetischen Besatzungszone» gewesen und gehöre nun zum «Hoheitsbereich der Deutschen Demokratischen Republik». Am 27. November 1958 erklärte der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow, der Viermächtestatus Berlins sei nicht mehr in Kraft, und drohte den Westmächten an, dass die Sowjetunion der DDR die Kontrolle über die Verbindungswege zwischen der Bundesrepublik und Westberlin übertragen werde, sollte nicht innerhalb eines halben Jahres eine alliierte Übereinkunft zur Umwandlung Westberlins in eine entmilitarisierte (d. h. von westalliierten Truppen geräumte) und von der Bundesrepublik völlig unabhängige «Freie Stadt» zustande kommen. Die Bundesrepublik, die westlichen Siegermächte und die Aussenministerkonferenz der NATO wiesen dieses «Chruschtschow-Ultimatum» zurück. Im Januar 1959 doppelte Chruschtschow mit der Forderung nach einem Friedensvertrag mit Gesamtdeutschland und dem Ersatz der NATO durch ein nicht weiter beschriebenes gesamteuropäisches Sicherheitssystem unter Einschluss Deutschlands nach. Als Reaktion auf die sowjetischen Pressionen, die eine neuerliche Blockade Westberlins befürchten liessen, gründeten die Westalliierten Anfang 1959 die Organisation «Live Oak», die koordinierte Massnahmen bei Störungen des Zugangs nach Westberlin durch die Luft oder zu Lande plante, an der ab 1961 in eingeschränktem Masse auch die Bundesrepublik beteiligt war und die bis 1990 existieren sollte.

Am 1. Mai 1959 fand am Ort von Reuters «Schaut auf diese Stadt»-Rede unter dem Motto «Berlin bleibt frei» eine grosse Kundgebung mit einer halben Million Teilnehmer:innen statt. Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt begrüsste die Versammlung, die «aus freiem Willen» anwesend sei, und rief Richtung Sektorengrenze: «Der Tag wird kommen, an dem das Brandenburger Tor nicht mehr an der Grenze liegt! […] Macht das Tor auf, macht Schluss mit der widernatürlichen Spaltung!» Auf der anderen Seite der Sektorengrenze paradierten zum Tag der Arbeit NVA-Einheiten im Stechschritt, mit gefällten Bajonetten und gefolgt von Panzerkolonnen an der SED-Spitze vorüber. Die Westberliner UFA Film AG kontrastierte in ihrer Wochenschau die performativen Unterschiede der beiden Mai-Feiern und meinte zur militaristischen Manifestation in Ostberlin: «Es sind Bilder, die keines Kommentars bedürfen.» An der Aussenministerkonferenz der Siegermächte in Genf mit Beobachterdelegationen der beiden deutschen Staaten vom Mai bis August 1959 kam keine Einigung zustande. Am 8. September 1959 benannte Brandt als politische Grundsätze die Zugehörigkeit Westberlins zum freien Teil Deutschlands, das Selbstbestimmungsrecht der Berliner Bevölkerung, die Vier-Mächte-Verantwortung in und für Berlin sowie das Recht auf freien Zugang nach Berlin.

Im Juni 1961 erneuerte Chruschtschow in Wien am ersten und einzigen Treffen mit dem neuen US-Präsidenten John F. Kennedy sein Berlin-Ultimatum. Kennedy konterte darauf Ende Juli 1961 in einer Radio-Ansprache mit den «Three Essentials», dem unantastbaren Recht der Westmächte auf Anwesenheit in ihren jeweiligen Sektoren Westberlins, dem Zugangsrecht der Westmächte nach Berlin und der Wahrung der Sicherheit und der Rechte der Bürger:innen Westberlins durch die westlichen Besatzungsmächte, und verkündete, Westberlin werde notfalls militärisch verteidigt. Aufgrund der Gefahr, dass der Konflikt um Berlin in einen Atomkrieg ausarten könnte, änderte die sowjetische Seite im Anschluss ihre Strategie.

«Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!»

Der erneute sowjetische Druck auf Westberlin ab 1958 hing einerseits mit dem gestiegenen Selbstbewusstsein der östlichen Supermacht zusammen. Ende 1956 hatte sie den ungarischen Volksaufstand unterdrückt, ohne dass der Westen mehr als verbal protestierte (s. SozialarchivInfo 5/2016), ein Jahr darauf versetzte sie mit der ersten Erdumrundung eines Satelliten dem Westen den «Sputnik-Schock». Mit dem Trägersystem des Sputnik, «R-7», war das Territorium der USA mit atomar bestückten Interkontinentalraketen erreichbar geworden. Andererseits und ausschlaggebend war der Druck auf Westberlin die Folge einer anhaltenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisenlage der DDR. 1949 bis 1961 flohen 2,6 Millionen Menschen, darunter besonders viele Junge, aus der DDR und Ostberlin in den Westen. Damit verliessen in den ersten 12 Jahren etwa 14% der DDR-Bevölkerung das Land. Als um 1960 in scharfem Kontrast zum anhaltenden bundesdeutschen «Wirtschaftswunder» die DDR in eine Wirtschaftskrise geriet, die diejenige von 1953 noch übertraf, nahm die Fluchtwelle weiter zu, so dass in Ostberlin etwa 45’000 Arbeitskräfte fehlten. Auch zählten die Behörden 1960 166 Arbeitsniederlegungen. Stimmungsberichte der Stasi zeigten eine wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung. Von März 1960 bis Juni 1961 flohen monatlich zwischen 13’000 und 21’000 Menschen, im Juli 1961 dann sogar über 30’000. Einen Tag vor der Sperrung der Sektorengrenzen übersiedelten am 12. August 1961 3’190 DDR-Bürger:innen und Ostberliner:innen in den Westen.

Ab 1960 galt für die DDR-Grenztruppen in Fällen des «ungesetzlichen Grenzübertritts» der Schiessbefehl. Im März 1961 plädierte Ulbricht an einer Tagung der Warschauer-Pakt-Staaten für eine sofortige Abriegelung der Sektorengrenzen, drang damit bei Chruschtschow aber noch nicht durch. Der Begriff der «Mauer» tauchte im Zusammenhang mit der Spaltung Berlins erstmals prominent an einer internationalen Pressekonferenz in Ostberlin am 15. Juni 1961 auf. Die Journalistin Annamarie Doherr von der «Frankfurter Rundschau» fragte dabei im Zusammenhang mit Chruschtschows Berlin-Ultimatum, ob die geforderte Umwandlung Westberlins in eine «Freie Stadt» die Errichtung einer Staatsgrenze am Brandenburger Tor zur Folge haben würde. Ulbricht stritt daraufhin, ohne explizit danach gefragt worden zu sein, den Plan einer Abriegelung Westberlins ab: «Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Äh, mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!»

Die Entscheidung, genau dies zu tun, fiel dann am 3. August 1961 bei einer Besprechung zwischen Ulbricht und Chruschtschow in Moskau. Eine Tagung der Warschauer-Pakt-Staaten vom 3. bis 5. August bestätigte Pläne zur «Sicherung der Westgrenze». Nach seiner Rückkehr aus Moskau informierte Ulbricht das SED-Politbüro am 7. August über die Abriegelungspläne. Am 11. August stimmte die DDR-Volkskammer der «Sicherung der Westgrenze» zu. Das Ausmass des Plans war streng geheim. Erst am 10. August erhielt der westdeutsche Bundesnachrichtendienst (BND) einen ersten Hinweis. Die Westalliierten hatten bereits zuvor Informationen über die Planung drastischer Massnahmen, wahrscheinlich aber nicht über deren Ausmass und Zeitpunkt. Am 12. August erhielt der BND konkretere Informationen über eine in Bälde geplante Abriegelung der Berliner Sektorengrenzen. Erst am späten Abend desselben Tages informierte Ulbricht den DDR-Ministerrat, den Oberbürgermeister von Ostberlin und die Vorsitzenden der Blockparteien über die unter dem Decknamen «Operation Rose» vom späteren Parteichef Erich Honecker geleitete, unmittelbar bevorstehende Abriegelung der Sektorengrenzen.

Noch in derselben Nacht begannen Tausende von Mitgliedern der NVA, Grenz-, Schutz- und Volkspolizei sowie der paramilitärischen Betriebskampfgruppen mit der Abriegelung von Strassen und Schienenwegen nach Westberlin. Die Ostberliner Stationen der Westberliner S- und U-Bahn-Linien wurden abgesperrt. NVA-Einheiten und sowjetische Truppen waren in erhöhter Gefechtsbereitschaft bei den alliierten Grenzübergängen präsent. Am frühen Morgen des 13. Augusts, einem Sonntag, erfolgte die Sperrung der Sektorengrenzen und begann deren bauliche Abriegelung durch Betonblöcke, Zäune und Stacheldraht. Parallel dazu berief die Ostberliner SED ihre Mitglieder am Vormittag zu ausserordentlichen «Kreisaktivtagungen» zusammen und schwor sie zu argumentativer Beeinflussung von Fragenden, aber gewaltsamem Vorgehen gegen «Provokateure» ein. Bei Gebäuden auf Ostberliner Territorium mit Ausgang auf Westberliner Strassen wurden Hauseingänge und Fenster zugemauert und in den folgenden Wochen die Sperrelemente Schritt für Schritt durch eine Mauer verstärkt. In der Aktion «Blitz kontra NATO-Sender» kletterten Mitglieder der «Freien Deutschen Jugend» (FDJ) Anfang September auf die Ostberliner Dächer und verbogen Antennen, die zum Empfang bundesdeutscher Fernsehsender ausgerichtet waren.

Für die Berliner Bevölkerung kam der Beginn des Mauerbaus als ein Schock und führte zu Wut, Verbitterung und Verzweiflung. Die noch am selben Tag im DDR-Radio zitierten Stimmen von Ostberliner:innen, die die Abriegelung der Sektorengrenzen als überfällig begrüssten, konnten schwerlich Repräsentativität beanspruchen. Allerdings mischten sich in Angst und Unsicherheit bei vielen auch Gleichgültigkeit, Resignation oder die trügerische Hoffnung auf eine Art «Burgfrieden». Grösseren Unmut konstatierte die Stasi insbesondere bei Jugendlichen. Vereinzelt gab es an den Sektorengrenzen Proteste. Am 14. August kam es auch in wenigen DDR-Betrieben zu kleineren Streiks. Massendemonstrationen blieben nach der Erfahrung von 1953 aber aus. Dennoch kam es zu einer Repressionswelle. Allein bis zum 4. September wurden über 3’000 Personen wegen «staatsfeindlicher Hetze» oder «Staatsverleumdung» verhaftet. Waren in der ersten Jahreshälfte 1961 4’500 Personen als «Staatsverbrecher» abgeurteilt worden, so sprang diese Zahl in der zweiten Jahreshälfte auf 20’000. Am 25. August 1961 ordnete der Staatsrat der DDR zudem die Einrichtung von Arbeitslagern für «arbeitsscheue Personen» an.

Zahlreiche Menschen nutzten die noch vorhandenen Schlupflöcher, um sich in letzter Minute nach Westberlin abzusetzen. Bis September 1961 gab es 216 gelungene Fluchtversuche von etwa 400 Menschen, auch desertierten von den eingesetzten Sicherungskräften 85 Personen. Flüchtlinge seilten sich an Bettlaken aus noch nicht zugemauerten Fenstern ab oder sprangen auf Sprungtücher der Westberliner Feuerwehr. Ikonisch wurden die Bilder vom desertierenden Volkspolizisten Conrad Schumann, der am 15. August beim Überspringen einer Stacheldrahtrolle in den Westen fotografiert wurde.

Politischer Protest kam zunächst vor allem von Willy Brandt, der an einer Sondersitzung des Westberliner Abgeordnetenhauses am 13. August den Mauerbau scharf verurteilte: «In Wahrheit hat das kommunistische Regime in den letzten 48 Stunden das Eingeständnis dafür geliefert, dass es selbst schuld ist an der Flucht von Deutschen nach Deutschland. Eine Clique, die sich Regierung nennt, muss versuchen, ihre eigene Bevölkerung einzusperren. Die Betonpfeiler, der Stacheldraht, die Todesstreifen, die Wachtürme und die Maschinenpistolen, das sind die Kennzeichen eines Konzentrationslagers. Es wird keinen Bestand haben. Wir werden in Zukunft noch sehr viel mehr Menschen als früher nach Berlin bringen, aus allen Teilen der Welt, damit sie die kalte, die nackte, die brutale Wirklichkeit eines Systems sehen können, das den Menschen das Paradies auf Erden versprochen hat.»

Drei Tage später sprach Brandt zu einer Protestversammlung von 300’000 Menschen vor dem Rathaus Schöneberg. In seiner von mehreren bundesdeutschen und ausländischen Fernsehstationen live übertragenen Rede, die der Empörung der Bevölkerung Ausdruck verlieh, ohne zusätzliches Öl ins Feuer zu giessen, titulierte er Ulbricht als «Kettenhund» der Sowjetunion, lud den Bundeskanzler zu einem möglichst raschen Besuch in Berlin ein, forderte von den Westalliierten «politische Aktionen», warnte vor einer Politik der Schwäche und Nachgiebigkeit und hielt fest: «Die Moral der Welt wird so viel wert sein, wie die Moral in Berlin wert ist.» In rhetorischer Anlehnung an Reuters Blockaderede von 1948 rief Brandt auch aus: «Wir rufen die Völker der Welt […] auf, hierher nach Berlin zu sehen, wo die blutende Wunde eines Volkes verkrustet werden soll durch Stacheldraht und genagelte Stiefel.» Brandt prägte auch den Begriff «Schandmauer», der rasch in den allgemeinen westdeutschen und Westberliner Sprachgebrauch einging.

Bundeskanzler Adenauer rief am Tag des Mauerbaus die Bevölkerung zu Ruhe und Besonnenheit auf. Dass er erst am 22. August Westberlin besuchte, stiess manchenorts auf Kritik. Seine Rede unweit des Brandenburger Tors wurde von Lautsprechern aus dem Ostsektor übertönt, die zur Melodie von Gus Backus’ wenige Monate zuvor lanciertem Erfolgsschlager «Da sprach der alte Häuptling der Indianer, wild ist der Westen, schwer ist der Beruf» Adenauer und Brandt verhöhnten und sich über den Bundestagswahlkampf zwischen den beiden Spitzenpolitikern lustig machten. Die Wahl fand einen Monat nach dem Mauerbau statt. Adenauer erlitt kurz nach dem 13. August einen Popularitätseinbruch, konnte sich dann aber fangen. Die Unionsparteien verloren mit einem Stimmenrückgang von 4,9% zwar die bisherige absolute Mehrheit, blieben aber stärkste Kraft. Die SPD mit Brandt als Kanzlerkandidaten gewann 4,4%, blieb aber 9% hinter CDU und CSU, die in der Folge eine Koalition mit der FDP eingingen.

Die Westmächte reagierten auf den Mauerbau zögerlich und zurückhaltend. Erst nach zwanzig Stunden erschienen Militärstreifen an der Sektorengrenze und erst nach drei Tagen gingen diplomatische Proteste in Moskau ein. Dies nährte Gerüchte, die Sowjetunion habe den Westalliierten vorgängig zugesichert, ihre Rechte in Westberlin nicht zu verletzen. Aus dieser Perspektive wäre der Mauerbau der Anerkennung des Status quo durch den Ostblock gleichgekommen, die die Gefahr eines Krieges wegen Berlin bannte. Zur Bekräftigung des amerikanischen Engagements für Westberlin schickte Kennedy Vize-Präsident Lyndon B. Johnson sowie General Lucius D. Clay, den «Vater» der Luftbrücke von 1948/49, nach Europa, die am 19. August, noch vor dem Bundeskanzler, in Berlin eintrafen. Zugleich wurden die amerikanischen Truppen in Westberlin um 1’500 Mann verstärkt. Zu einer direkten sowjetisch-amerikanischen Konfrontation, die ikonische Fotografien hervorbrachte, kam es am 27. Oktober 1961 am Checkpoint Charlie. Als die DDR an diesem Grenzübergang Kontrollen für ausländische Diplomaten und Militärs einzuführen versuchte, fuhren je dreissig Kampfpanzer unmittelbar am Grenzstreifen einander gegenüber auf, wurden am nächsten Tag aber wieder abgezogen.

Die DDR-Propaganda stellte den Mauerbau als notwendige Schutzmassnahme gegen «westliche Wühlarbeit», Spionage, Sabotage, Schmuggel und Destabilisierung durch den Westen dar. Am Tag nach der Sperrung der Sektorengrenzen sendete Radio DDR ein neues Lied mit der Anfangsstrophe: «Unser schönes Berlin wird sauber sein, denn wir haben den kalten Kriegern am Rhein, ihre Menschenfalle verriegelt, und mit rotem Wachs versiegelt.» Aufgrund der raschen Verbreitung des von Brandt geprägten Begriffs «Schandmauer» erteilte das SED-Politbüro im Herbst 1961 dem Leiter der Abteilung Agitation und Propaganda beim Zentralkomitee der SED, Horst Sindermann, den Auftrag, eine ideologische Begründung für den Mauerbau zu ersinnen. Resultat war der Begriff «Antifaschistischer Schutzwall», der rasch in den offiziellen DDR-Jargon einging. So erwähnte Ulbricht bereits am 20. Oktober 1961 in seiner Grussansprache an den XXII. Parteitag der KPdSU in Moskau die Errichtung des «Antifaschistischen Schutzwalls» als Beitrag der DDR zum «Friedenskampf». Der von der DDR-Filmgesellschaft DEFA in Zusammenarbeit mit der Pressestelle des Ministeriums für Staatssicherheit produzierte Fernsehfilm «Treffpunkt Genf» (1968) enthielt dann eine Sequenz, in der ein ostdeutscher Chemiker einer als australische Journalistin getarnten CIA-Agentin erläuterte, der Mauerbau sei eine «normale» Reaktion gewesen, wie auch in Australien Menschen ihre Wohnungstür aus Sicherheitsgründen abschlössen, und er habe es der DDR erlaubt, «weltoffener» zu werden.

Die Berliner Mauer und die Schweiz

Der Bau der Mauer führte in der Schweiz zwar nicht zu so heftigen Reaktionen wie fünf Jahre zuvor der sowjetische Einmarsch in Ungarn, er rief aber grosse Empörung hervor. Aufgrund des bundesdeutschen Alleinvertretungsanspruchs («Hallstein-Doktrin») verzichtete die Schweiz bis 1972 auf die diplomatische Anerkennung der DDR. Entsprechende Anfragen der Partei der Arbeit (PdA) im Nationalrat blieben 1951, 1959 und 1968 folgenlos. Die Niederschlagung der Protestbewegung von 1953 war in der Schweizer Presse scharf kritisiert worden. Zum zehnten Jahrestag veranstaltete die «Schweizerische Aktion für das Selbstbestimmungsrecht der Völker» dann 1963 vor dem Hintergrund des inzwischen erfolgten Mauerbaus eine Gedenkfeier im Zürcher Kongresshaus, an der der ehemalige Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen Ernst Lemmer das Hauptreferat hielt, auch Vertreter des von 1956er-Flüchtlingen gegründeten Verbandes der ungarischen christlichen Arbeitnehmer der Schweiz (dessen Archiv sich im Sozialarchiv befindet) sprachen und zu deren Besuch die Sozialdemokratische Partei der Stadt Zürich im «Volksrecht» aufrief.

Der Handel zwischen der Schweiz und der DDR bewegte sich bis in die 1970er Jahre auf einem tiefen Niveau. Die ehemals grosse Schweizer Kolonie auf ostdeutschem Gebiet war nach 1949 stark zurückgegangen, allerdings übersiedelten bis 1966 rund dreissig Schweizer Kommunist:innen in die DDR. Ebenso wirkte ab 1949 der Schweizer Schauspieler und Regisseur Benno Besson in Ostberlin, zunächst bis 1958 in Bertold Brechts «Berliner Ensemble», dann im Theater am Schiffbauerdamm, von 1962 bis 1968 als Chefregisseur am Deutschen Theater Berlin und 1969 bis 1978 als künstlerischer Leiter und dann Intendant der Volksbühne Berlin.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war das Schweizerische Arbeiterhilfswerk, dessen Akten sich im Sozialarchiv befinden, mit Hilfsaktionen der «Schweizer Spende» auch in Berlin tätig gewesen. Zur Zeit der zweiten Berlinkrise organsierte es dann im Rahmen der «Schweizer Europa Hilfe» Ferienlager für tuberkulosegefährdete Berliner Flüchtlingskinder in Malix (GR) und Cavigliano (TI). 1959 wurde am Zürcher Central bei der Bahnhofbrücke ein von Otto Münch geschaffener «Berliner Meilenstein» in Anwesenheit von Stadtpräsident Emil Landolt und einer Delegation des Westberliner Senats unter Leitung von Bürgermeister Franz Amrehn (Brandts Stellvertreter) eingeweiht, dessen Inschrift die Freundschaft zwischen Zürich und Berlin betont und die Distanz zwischen den beiden Metropolen mit 863 Kilometern angibt. Ähnliche Steine, die an das Schicksal Westberlins erinnern sollten, wurden ab 1954 an zahlreichen Orten der Bundesrepublik sowie in einigen Städten im Ausland errichtet. Im September 1959 demonstrierte der legendäre Schweizer «Friedensapostel» Max Daetwyler mit seiner weissen Fahne vor dem Brandenburger Tor.

Fünf Monate vor dem Bau der Mauer traten die deutsch-deutschen Konflikte auch auf Schweizer Boden offen zutage: Bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Genf und Lausanne im März 1961 gab das bundesdeutsche Team die Partie gegen die DDR forfait, um nicht im Fall einer Niederlage bei der Siegerehrung mit Hymne und Flaggenhissung der DDR auf dem Eis anwesend sein zu müssen. Die Schweizer Presse kritisierte trotz Verständnis für das politische Anliegen das bundesdeutsche Verhalten scharf, die Zeitungen der DDR kosteten das Ereignis während über einer Woche aus und Ulbricht nahm einige Tage darauf an seiner Schlussrede zur 12. Tagung des Zentralkomitees der SED den Vorfall als Beleg, «dass nur noch die Deutsche Demokratische Republik die Interessen der ganzen deutschen Nation, des ganzen deutschen Vaterlandes vertritt». Die Schweizer:innen seien «friedfertige Menschen, die auf Vertragstreue, Anstand und Fairness Wert legen. Das unerhörte Vorgehen der Bonner Regierung erinnerte auch sie peinlich an gewisse Praktiken und Methoden der Nazidiktatur. […] Die Völker stellen mit Recht die Frage: So, wie jetzt in Westdeutschland […], so hat es doch schon einmal, damals bei Hitler, begonnen?» Anderthalb Monate vor dem Mauerbau verteilte ein «Aktionskomitee gegen kommunistische Kulturpropaganda» beim Zürcher Leichtathletik-Meeting, an dem eine Delegation aus der DDR teilnahm, Protestflugblätter.

Die Schweizer Presse berichtete dann vom Mauerbau intensiv und mehrheitlich mit grosser Empörung. Die Zeitung «Die Tat» hatte bemerkenswerterweise bereits am 7. Juni 1961, eine Woche vor Ulbrichts «Niemand hat die Absicht»-Statement und über zwei Monate vor der Abriegelung der Sektorengrenze, im Zusammenhang mit einem neuen allgemeinen Reiseverbot für Studierende der DDR einen Artikel mit dem Titel «Eine chinesische Mauer durch Deutschland?» gebracht. Nach dem 13. August schrieben dann etwa die «Neue Zürcher Zeitung» und die «Berner Tagwacht» in seltener semantischer Übereinstimmung von einem «Gewaltstreich Pankows». Eine Ausnahme machte die PdA-Presse, die die DDR-Propaganda multiplizierte. So behauptete der «Vorwärts» am 18. August unter dem Titel «Was geschah in Berlin?», «anständige Menschen» würden von den «Grenzschutzmassnahmen» nicht betroffen und die «einzigen Leidtragenden» seien «Spionageagenten, Wechselkursprofiteure, Schieber und Konzernherren». In der Zeitungsausschnittsammlung des Sozialarchivs wurde zum Bau der Mauer ein Sonderdossier angelegt. Entgegen der Praxis, innerhalb der Dossiers die Artikel ohne weitere inhaltliche Strukturierung chronologisch in Heften einzukleben, unterstrich man die Dramatik des Ereignisses dadurch, dass die einzelnen Hefte eigene Titel erhielten: «Auf dem Weg zur Berliner Mauer», «Die DDR beginnt mit dem Mauerbau», «Kommentare zum Berliner Mauerbau Ulbricht’s» [sic!], «Rund um die Berliner Mauer».

In der 1959 vom Schweizerischen Aufklärungsdienst (SAD) lancierten Kampagne gegen den «Osthandel» spielte Berlin als Argument nun rasch eine Rolle. Bereits am 13. August 1961 verteilte der SAD Tausende von Flugblättern. Auch sprangen nach dem Mauerbau vermehrt Mitglieder von DDR-Sport- und Kulturdelegationen bei Wettkämpfen und Gastspielen in der Schweiz ab, so 1963 bei Basketball-Europacupspielen Adelheid Nentwig und Helmut Uhlig, 1965 der Geländeläufer Rainer Bieseke sowie der Fussballer Ingolf Ruhloff (der dann allerdings in die DDR zurückkehrte), 1966 der Eiskunstläufer Ralph Borghard, 1967 der Radballer Wolfgang Lips und 1968 der Nordisch-Kombinierer Ralph Pöhland. Ebenfalls 1968 setzten sich bei einem Gastspiel in Lausanne vier Mitglieder der Ostberliner Oper ab. 1975 verschwand bei einem Wettkampf in Bern der Kunstturner und NVA-Offizier Wolfgang Thüne und fuhr verborgen im Auto seines bundesdeutschen Konkurrenten und späteren CDU-Politikers Eberhard Gienger in die Bundesrepublik. 1984 setzte sich Eishockey-Nationalspieler Guido Hiller in Langenthal (BE) ab, ging aber wegen der bei einem Wechsel in die Bundesrepublik drohenden 18-monatigen Sperre zurück in die DDR, wo er nach umfangreichen Stasi-Verhören wieder bei Dynamo Berlin spielen durfte. Noch dreieinhalb Monate vor dem Fall der Mauer flüchtete Katrin Ranger bei einem Radrennen in Embrach (ZH). 1965 hatte sich aber bei einem Zürcher Fussballklub auch ein schriftenloser Deutscher gemeldet, der angab, ein bedeutender DDR-Fussballer zu sein. Nachforschungen ergaben dann, dass es sich um einen westdeutschen Kleinkriminellen handelte.

Mit der gegenseitigen De-facto Anerkennung der beiden deutschen Staaten im Zuge der «neuen Ostpolitik» der Bundesrepublik nahm dann die Schweiz 1972 diplomatische Beziehungen zur DDR auf. 1975 schlossen die Schweiz und die DDR einen Handelsvertrag, als dessen Folge sich der bilaterale Warenaustausch bis 1989 mehr als verdoppelte. Parallel dazu stieg auch die Bedeutung des Finanz- und Wirtschaftsplatzes Schweiz als Drehscheibe verdeckter Geschäftsaktivitäten des eng mit der Stasi verzahnten, von Alexander Schalck-Golodkowski geleiteten und über unzählige, teils auch von Schweizer Strohmännern geleitete Tarngesellschaften und Briefkastenfirmen verfügenden «Bereichs Kommerzielle Koordinierung» (KoKo) zur Beschaffung von Gütern, deren Export in den Ostblock unter Embargo stand, und zur Erwirtschaftung von Devisen im «kapitalistischen Ausland».

Ebenso gingen DDR-Spionageaktivitäten im militärischen und wirtschaftlichen Bereich weiter. Die Schweizer Behörden deckten 1949 bis 1979 sechzehn solche Fälle auf, im letzten Jahrzehnt der Existenz der DDR dann nochmals sieben. Am spektakulärsten war 1973 die Verhaftung eines Agenten-Duos, das getarnt als zurückgekehrtes Auslandschweizer-Ehepaar «Kälin» seit 1968 eine Residentur aufzubauen versucht hatte. Auf der anderen Seite war seit den späten 1960er Jahren der Zürcher Pelztierzüchter, Schmuggler, Treuhänder, Bordellwirt, Kunst-, Auto- und Waffenhändler Hans Ulrich Lenzlinger als kommerzieller Fluchthelfer aus der DDR und anderen Ostblock-Staaten aktiv und schleuste gegen Gebühren von um die 30’000 D-Mark vermutlich eine dreistellige Zahl von Menschen in den Westen. Seine Aktivitäten brachten ihn auf den Radar der Behörden der DDR, der Bundesrepublik und der Schweiz. Nachdem ein ehemaliger Mitarbeiter seiner Schlepperorganisation «Aramco» zur Stasi übergelaufen war, kidnappte Lenzlinger 1973 einen weiteren Mitarbeiter, den er als Stasi-Agenten verdächtigte, und lieferte ihn auf einen Schubkarren gefesselt im Bundeshaus ab. Für diese Aktion wurde er wegen Freiheitsberaubung verurteilt, floh nach Brasilien, wurde 1976 in Frankreich erneut verhaftet und sass bis 1978 im Gefängnis. 1979 wurde er in seinem Haus in Zürich-Höngg erschossen aufgefunden. Der Verdacht, dass hinter dem Mord die Stasi steckte, die etwa fünfzig Spitzel auf ihn angesetzt hatte, konnte in den nach der Wende zugänglich gewordenen, über 100’000 Seiten umfassenden Stasi-Akten über ihn nicht erhärtet werden.

1976 entstand die «Gesellschaft Schweiz – DDR», deren Akten sich heute im Sozialarchiv befinden. Sie wurde Schweizer Ansprechpartner der 1961 von der DDR gegründeten «Liga für Völkerfreundschaft» und ihrer Unterabteilung «Freundschaftsgesellschaft DDR – Schweiz», befasste sich insbesondere mit dem Ausbau bilateraler Kulturbeziehungen und zählte zu ihren besten Zeiten etwa 150 Mitglieder in zehn Regionalsektionen. War ihre Gründung von der DDR und Persönlichkeiten aus dem Umfeld der PdA vorangetrieben worden, so versuchte sie – anders als die Schweizer «Freundschaftsgesellschaften» mit der Sowjetunion, China oder Nordkorea – durch nichtkommunistische Persönlichkeiten in Führungspositionen in der Öffentlichkeit ein «unpolitisches» Image zu pflegen.

Die eingemauerte Gesellschaft

Der Bau der Mauer war für viele Menschen in Ostberlin ein einschneidendes biografisches Ereignis. Drei prominente Beispiele verdeutlichen dies exemplarisch: Der zum Zeitpunkt des Mauerbaus 23-jährige Radrennfahrer Harry Seidel, mehrfacher Gewinner der Berliner Stadtmeisterschaft und der DDR-Meisterschaft sowie Mitglied der DDR-Bahnradsport-Nationalmannschaft, wurde als Spitzensportler von der Propaganda benutzt, durfte aber 1960, wohl wegen Verweigerung von Doping, nicht zu den Olympischen Spielen nach Rom reisen. Im Frühjahr 1961 beendete er seine Karriere und nahm einen Arbeitsplatz in Westberlin an. Am 13. August war er in Ostberlin, fand ein Schlupfloch in den Westen, kehrte aber zunächst zu seiner Familie zurück und floh in der Nacht erneut. Anfang September holte er seine Frau und seinen Sohn durch eine Lücke im Grenzzaun in den Westen. In der Folge engagierte er sich in der Fluchthilfe und verhalf Dutzenden von Menschen zur Übersiedlung. Im Dezember 1961 nahmen ihn die DDR-Behörden erstmals fest, er konnte aber nach dem Verhör durch Sprung aus einem Fenster in acht Metern Höhe entkommen. Ab Anfang 1962 war er Teil einer Fluchthelfergruppe, die mehrere Tunnels baute. Ende März erfolgte bei einer Fluchtaktion ein Stasi-Zugriff, bei dem Seidel entkommen konnte. Mitte November 1962 wurde er aber verhaftet. Ende Dezember wurde er in einem Schauprozess zu lebenslanger Haft verurteilt, was zu internationalen Protesten führte. Willy Brandt sprach von einem «Schandurteil der modernen Inquisition eines Unrechtsstaates». 1966 konnte die Bundesregierung Seidel freikaufen. In der Folge nahm er seine Sportkarriere im Westen wieder auf und wurde 1973 bundesdeutscher Meister im Mannschaftszeitfahren.

Der 21-jährige Rudi Dutschke war in Brandenburg aufgewachsen und in einer evangelischen Jugendgruppe christlich-sozialistisch geprägt worden. Seine Politisierung kam mit der Ungarnkrise 1956. Nachdem er seinen Schuldirektor informiert hatte, als Pazifist und religiöser Sozialist werde er den Dienst in der NVA verweigern, wurde 1958 seine Abiturnote herabgestuft und statt des Studiums musste er eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolvieren. Um in Westberlin studieren zu können, absolvierte er dort von Oktober 1960 bis Juni 1961 einen Abiturientenkurs. Am 10. August 1961 übersiedelte er nach Westberlin. Als drei Tage darauf die Sektorengrenzen abgeriegelt wurden, liess er sich aus Protest als politischer Flüchtling registrieren. Seine erste politische Aktion war am 14. August 1961 der Versuch, mit einigen Freunden ein Stück Mauer einzureissen; auch warf er Flugblätter in den sowjetischen Sektor. Im Herbst begann er sein Studium an der Freien Universität Berlin. Über die Gruppe «Subversive Aktion» kam er zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und wurde in der Folge in Westberlin und der Bundesrepublik eine zentrale Figur der Ausserparlamentarischen Opposition und der 68er-Bewegung.

Der 18-jährige Rainer Eppelmann wuchs in einer ehemals nationalsozialistischen Familie im Ostsektor Berlins auf, besuchte aber ein Gymnasium in Westberlin. Wegen des Baus der Mauer musste er den Schulbesuch abbrechen. Da er nicht FDJ-Mitglied war, konnte er das Abitur in der DDR nicht ablegen und absolvierte eine Facharbeiterausbildung als Maurer. 1966 verweigerte er den NVA-Dienst an der Waffe und leistete seinen Wehrdienst als Bausoldat ab. Danach studierte er am kirchlichen Seminar Paulinum in Ostberlin Theologie und wurde Pfarrer im Ostberliner Bezirk Friedrichshain. Er engagierte sich in der DDR-Opposition, setzte sich für Wehrdienstverweigerer ein und wurde in den 1980er Jahren zum Ziel zweier gescheiterter, als Autounfälle getarnter Mordversuche der Stasi. Von März bis Oktober 1990 war er in der letzten und einzigen aus freien Wahlen hervorgegangenen DDR-Regierung für die CDU-nahe Kleinpartei «Demokratischer Aufbruch» Minister für Abrüstung und Verteidigung. Nach der Wiedervereinigung wurde er CDU-Bundestagsabgeordneter, Präsident der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) und ab 1998 Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Auch nach dem Bau der Mauer versuchten zahlreiche Menschen, von Ost- nach Westberlin zu fliehen – auf häufig recht abenteuerliche Art und Weise. Neben geläufigen Methoden wie Tunnelbauten, dem Durchbrechen von Sperren mit Autos, dem Weg durch die Kanalisation oder Sprüngen aus Fenstern gab es etwa auch Entführungen von Zügen und Ausflugsschiffen, eine Flucht in einem gestohlenen Schützenpanzer, das Durchtauchen von Grenzgewässern (in mindestens einem Fall mit einem selbstgebauten Mini-U-Boot), das anfänglich noch mögliche Überwinden der Mauer mit Leitern, Fluchtversuche in Motorflugzeugen, Drachen-Gleitern oder Heissluftballonen, Fluchten in Verstecken wie Kabelrollen oder die Grenzüberwindung mit Planierraupen. Eine spektakuläre Massenflucht ereignete sich im Oktober 1964 durch einen 145 Meter langen Tunnel, den Westberliner Studierende an der Bernauer Strasse während eines halben Jahres gegraben hatten und durch den 57 Menschen entkommen konnten. Über 5’000 Fluchten in Berlin waren zwischen 1961 und 1989 erfolgreich, dabei entfielen knapp 600 auf Fahnenfluchten von Grenzsoldaten.

Nach dem Mauerbau erfolgte der grösste Teil der etwa 200’000 Fluchten aus der DDR aber nicht mehr in Berlin, sondern über die innerdeutsche Grenze, durch Absprung bei genehmigten Auslandsreisen oder via Drittstaaten. Ein Beispiel für letztere Form stellte 1972 die Flucht über die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien und Italien in die Schweiz des Leipzigers Rüdiger F. Findeisen dar, der 2023 seine Fluchtmemoiren zusammen mit seiner Schweizer Fluchthelferin und nachmaligen Ehefrau an einer Veranstaltung im Sozialarchiv vorstellte. Hinzu kamen noch etwa 570’000 Menschen, die sich hartnäckig ihre Ausreisegenehmigung erstritten. In derselben Zeitspanne scheiterten geschätzte 75’000 Fluchtversuche.

Nachdem bereits zwischen 1948 und 1961 mindestens 37 Menschen dem DDR-Grenzregime in Berlin zum Opfer gefallen waren, endeten nach dem Mauerbau Fluchtversuche von Ost- nach Westberlin in über 100 Fällen tödlich. Nach aktuellem Forschungsstand verloren an der Berliner Mauer mindestens 140 Menschen ihr Leben, weil sie erschossen wurden, verunglückten oder sich nach einer Entdeckung das Leben nahmen. Davon waren 101 Flüchtlinge, 31 Menschen ohne Fluchtabsichten (darunter 22 Westberliner:innen) und acht Grenzsoldaten. Der quantitative Höhepunkt (78 Opfer) fiel in die Jahre 1961 bis 1966. Bereits wenige Tage nach der Abriegelung der Sektorengrenze waren die ersten Opfer zu beklagen: Am 22. August 1961 verunglückte Ida Siekmann einen Tag vor ihrem 59. Geburtstag bei einem Fluchtversuch tödlich, am 24. August erschossen DDR-Grenztruppen den 24-jährigen Günter Litfin und fünf Tage später den 27-jährigen Roland Hoff. Für besondere Empörung sorgte der Tod von Peter Fechter am 17. August 1962. Der 18-Jährige wurde beim Versuch, die Mauer in der Nähe des Checkpoint Charlie zu überklettern, ohne Vorwarnung angeschossen und fiel verletzt auf Ostberliner Gebiet, wo er eine Stunde lang bewegungsunfähig und laut schreiend liegenblieb. Westberliner Polizisten warfen ihm Verbandspäckchen zu, durften ihm weiter aber nicht helfen. Nach einer Stunde wurde der verblutende Fechter unter empörten Rufen einer immer grösser werdenden Menschenmenge auf der Westseite von DDR-Grenzern abtransportiert und verstarb kurz darauf im Krankenhaus.

Das älteste bekannte Todesopfer war die 80-jährige Olga Segler, die sich im September 1961 bei einem Sprung aus ihrer Wohnung verletzte und am folgenden Tag verstarb. Das jüngste Opfer war der 15 Monate alte Holger H. Er erstickte im Januar 1973 bei der Flucht mit seinen Eltern, die sich in Kisten im Lastwagen von Westberliner Bekannten versteckt hatten. Die letzten bekannten Mauertoten waren der 20-jährige Chris Gueffroy, der am 5. Februar 1989 vor dem Überwinden des letzten Metallgitterzauns der Grenzbefestigung erschossen wurde, und der 32-jährige Winfried Freudenberg, der am 8. März 1989 bei einem Fluchtversuch mit einem Gasballon bereits über Westberliner Gebiet abstürzte. Hinzu kamen noch geschätzte 300 bis 500 Menschen, die 1961 bis 1989 bei Fluchtversuchen über die innerdeutsche Grenze ums Leben kamen.

Die grosse Mehrheit der Ostberliner Bevölkerung reagierte auf den Mauerbau aber eher mit Resignation. Dietrich Müller-Hegemann, ehemaliger Psychiatrieprofessor an der Universität Leipzig und Direktor eines Krankenhauses in Ostberlin, sprach nach seiner Flucht 1971 in einer Publikation gar von psychischen Störungen, die er «Berliner Mauerkrankheit» nannte. Die Spaltung der Stadt und die Einschliessung in der DDR erschienen nun definitiv. Manche reagierten darauf mit einem Rückzug ins Private, andere mit aktivem Mitwirken am DDR-System mit seinen vielfältigen Organisationen und Zeremonien.

Obwohl der Brennpunkt des Kalten Krieges sich schon 1962 mit der Kubakrise weg von Berlin in eine andere Weltregion verschob (s. SozialarchivInfo 3/2022), blieb die Berliner Mauer Symbol und Mahnmal der Ost-West-Konfrontation. Bereits 1963 liess John Le Carré mit seinem Spionagethriller «The Spy Who Came in from the Cold», der in einem komplex verschachtelten Verwirrspiel britischer und ostdeutscher Geheimdienste ein amoralisches Rattenrennen zwischen Ost und West thematisierte, einen Schlüsselroman des Kalten Krieges mit Todesschüssen an der Berliner Mauer beginnen und enden. Die meisten US-Präsidenten bis 1989 statteten als «leader of the free world» dem als Aussenposten der freien Welt betrachteten Westberlin einen Besuch ab. Am 23. Juni 1963 hielt John F. Kennedy vor dem Rathaus Schöneberg eine von bundesdeutschen und amerikanischen Fernseh- und Rundfunkstationen live übertragene Rede, die mit den legendären Worten endete: «All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‹Ich bin ein Berliner›!» Im Februar 1969 besuchte Richard Nixon kurz nach seinem Amtsantritt Westberlin und liess sich auf dem Dach einer Limousine stehend von der Menge bejubeln. Jimmy Carter wurde im Juli 1978 auf dem Kurfürstendamm von 150’000 Menschen begrüsst, besichtigte auf einer Plattform am Potsdamer Platz die Mauer und sagte in einer Rede am Luftbrückendenkmal auf Deutsch: «Was immer sei, Berlin bleibt frei!» Ronald Reagan besuchte Westberlin erstmals im Juni 1982 und fragte in einer Rede: «I’d like to ask the Soviet leaders one question […] Why is the wall there?» Im Juni 1987 forderte er dann in einer Ansprache zur 750-Jahr-Feier Berlins unmittelbar bei der Mauer vor dem Brandenburger Tor: «Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall!»

Bis Mitte der 1960er Jahre tobte entlang der Mauer ein intensiver «Krieg der Lautsprecher». Als Reaktion auf die Störung von Adenauers Rede wenige Tage nach dem Mauerbau richtete die Westberliner Stadtregierung in Zusammenarbeit mit dem Sender RIAS Berlin das «Studio am Stacheldraht» (SaS) ein, bestehend aus mehreren Lautsprecherwagen, die den Osten nicht nur mit westlicher Musik beschallten, sondern auch Nachrichten (inklusive Aussageprotokolle geflüchteter NVA-Soldaten) sendeten und die DDR-Grenztruppen unter Strafandrohung zur Verweigerung des Schiessbefehls gegen Flüchtlinge ermahnten. Im Gegenzug fuhren auf der östlichen Seite der Mauer als «Rote Hugos» bezeichnete Lautsprecherwagen auf, die das SaS zu übertönen versuchten. Das ostdeutsche Pendant zum SaS nannte sich zynischerweise «Studio 13. August» und sendete Propagandawortbeiträge (u. a. Warnungen an die Westberliner:innen vor angeblichen Kriegsplänen der Bundesregierung) sowie häufig satirisch umgetextete Schlager, in denen westliche Politiker (u. a. «Willy-Wein-Brandt») aufs Korn genommen wurden. Am 1. Mai 1962 dröhnten die «Roten Hugos» die Westberliner Feier des Deutschen Gewerkschaftsbundes nieder. Die Westberliner Seite setzte bei besonderen Anlässen vier mit Kränen bestückte Lastkraftwagen ein, deren Lautsprecher bis zu fünf Kilometer weit hörbar waren. Verschiedentlich versuchten entnervte Grenztruppen beider Seiten, die Lautsprecherwagen der Gegenseite mit Wasserwerfern oder Tränengas zu vertreiben. Finaler Höhepunkt war am 7. Oktober 1965 die Störung der Feierlichkeiten zum 16. Gründungstag der DDR durch das SaS – anschliessend endete der «Krieg der Lautsprecher» durch «Kapitulation» der östlichen Seite.

Zur akustischen kam die visuelle Propagandaschlacht. Hatten schon bald nach Kriegsende an Ostberliner Fassaden und Stellwänden kommunistische Symbole und Propagandaparolen geprangt und an den Sektorengrenzen eine umfangreiche Schilder-Signaletik auf das Viermächte-Regime hingewiesen, so rüstete nach dem Mauerbau auch die Westberliner Seite auf. Neben den Lautsprecheraktivitäten sendete das SaS auch durch Plakatwände und riesige Leuchtreklamen Nachrichten nach Ostberlin. Nach Einstellung des Lautsprecherkriegs wurden die vier Kranlastwagen dazu verwendet, in der Nähe der Mauer Plakate in die Höhe zu ziehen. Eine grosse Leuchtschriftanlage am Potsdamer Platz erhielt den Namen «Kino am Stacheldraht» und existierte bis 1974. Darüber hinaus informierten im Osten sichtbare Inschriften über die Zahl der Mauertoten. Mit dem Aufkommen von Farb-Spraydosen wurde die Westseite der Mauer auch zunehmend zur Projektionsfläche urbaner Graffiti-Kultur und kontrastierte visuell immer mehr mit dem Verwendungszweck des Bauwerks und seiner Erscheinung von der Ostseite her.

Eine gewisse, in geopolitische Veränderungen eingebettete Entspannung brachten die frühen 1970er Jahre. 1971 schlossen die USA, die Sowjetunion, das Vereinigte Königreich und Frankreich das Viermächteabkommen über Berlin, das die Grundlagen zum Rechtsstatus Berlins, zum Verhältnis zwischen Westberlin und der Bundesrepublik sowie der Verbindungen nach Westberlin festlegte. Im selben Jahr unterzeichneten im Rahmen der «neuen Ostpolitik» der von Willy Brandt geführten Bundesregierung die Bundesrepublik und die DDR ein Transitabkommen zum Personen- und Güterverkehr zwischen der Bundesrepublik und Westberlin. Im folgenden Jahr erfolgte der Abschluss des Grundlagenvertrags, in dem Bundesrepublik und DDR gutnachbarliche Beziehungen auf gleichberechtigter Basis vereinbarten und de facto diplomatische Beziehungen aufnahmen, den Status von Berlin aber ausklammerten.

Diese Entspannung führte aber nicht zu einer grösseren Durchlässigkeit der Berliner Mauer, vielmehr wurde diese kurz danach noch weiter ausgebaut. Bis zum 9. November 1989 entstanden mehrere «Generationen» der Mauer entlang der 155 Kilometer langen Grenze Westberlins. Die anfänglichen Stacheldrahthindernisse wurden schon ab dem 15. August 1961 durch eine erste Mauer aus Betonelementen und Hohlblocksteinen ergänzt. 1962 kam die sogenannte «Hinterlandmauer» hinzu, 1965 ersetzten zwischen Stahl- oder Betonpfosten eingelassene Betonplatten die bisherigen Bauteile. 1975 wurde als «dritte Generation» nach und nach die aus 3,6 Meter hohen Stützwandelementen bestehende «Grenzmauer 75» errichtet, die das bisherige Grenzbauwerk vollständig ablöste. In ihrem Endausbaustadium der 1980er Jahre bestand die Mauer aus mehreren Elementen: Hinterlandmauer von zwei bis drei Meter Höhe, Zaun mit Stacheldraht und alarmauslösendem Signaldraht, Hundelaufanlagen, Kraftfahrzeugsperrgräben, Panzersperren, Kolonnenweg für die Grenzwachttruppen, Lichttrasse zur Ausleuchtung des Kontrollstreifens, rund 300 Wachttürme mit Suchscheinwerfern, Kontrollstreifen, Streckmetallzaun, Betonmauer von 3,75 Meter Höhe nach Westberlin. Die Gesamtbreite dieser Grenzanlagen betrug 30 bis 500 Meter. Die Vorderlandgrenzanlagen waren insgesamt 267 Kilometer lang, die Hinterlandgrenzanlagen 297 Kilometer. Nahe an der Mauer stehende Gebäude wurden schrittweise gesprengt, so noch 1985 die Versöhnungskirche an der Bernauer Strasse.

Dem für die Bewachung der Mauer zuständigen «Grenzkommando Mitte» gehörten in den 1980er Jahren über 10’000 Soldaten und etwa 1’000 Diensthunde an, es verfügte über 500 Schützenpanzer, 2’400 Kraftfahrzeuge, je etwa 50 Granatwerfer und Panzerabwehrkanonen und über 100 Flammenwerfer. Bau, Unterhalt und stetige Erneuerung der Berliner Mauer sowie der ähnlich umfangreichen Befestigungen an der innerdeutschen Grenze stellten für die Volkswirtschaft der DDR eine enorme finanzielle Belastung dar und hielten das Land im ökonomischen Wettstreit mit der Bundesrepublik weiter zurück. Allerdings waren die finanziellen Kosten für das Grenzregime gemäss späteren Kalkulationen und Schätzungen wohl kleiner als der volkswirtschaftliche Nutzen, den es durch die Unterbindung der Flucht von Arbeitskräften generierte. Aus rein ökonomischer Perspektive «lohnte» sich der Bau der Mauer für die DDR mittelfristig also möglicherweise – allerdings im Rahmen wirtschaftlicher Handlungsdilemmata, die bereits in den frühen 1960er Jahren ersichtlich waren und schliesslich 1989 eine wesentliche Rolle für den Systemzusammenbruch spielen sollten. Ulbricht gestand dies indirekt bereits 1966 ein, als er anlässlich des fünften Jahrestages des Mauerbaus von der Bundesregierung einen Kredit von 30 Milliarden D-Mark forderte, um «wenigstens einen Teil des Schadens» wiedergutzumachen, der der DDR vor Errichtung der Mauer durch «Ausplünderung» seitens des Westens entstanden sei.

Mauer und Grenzbefestigung waren lediglich eine Dimension des Umstandes, dass die DDR, obgleich ihre Verteidigung letztlich in den Händen der Sowjetunion lag, zu den am stärksten militarisierten Gesellschaften der Welt zählte. Bei einer Bevölkerungszahl von zuletzt 16 Millionen Menschen umfassten ihre bewaffneten Organe in den 1980er Jahren neben der NVA (170’000 Aktivsoldaten, 400’000 Reservisten der sofort verfügbaren Kategorie I und weit über eine Million Reservisten der Kategorie II), die performativ bolschewistisches Rotgardistentum mit preussischem Militarismus synthetisierte, die Grenztruppen (47’000 Mann), das Ministerium für Staatssicherheit (91’000 hauptamtliche und 170’000 «inoffizielle» Mitarbeiter:innen, darunter das Wachregiment «Feliks Dzierzynski» mit 11’000 Mann), die Kräfte des Ministeriums des Innern (113’000 Mann und 150’000 «Freiwillige Helfer»), die «Kampftruppen der Arbeiterklasse» bzw. «Betriebskampftruppen» (189’000 Mann), die Zivilverteidigung (491’000 Angehörige) und die paramilitärische «Gesellschaft für Sport und Technik» (640’000 Mitglieder). Hinzu kamen etwa 300 Mitglieder der «Gruppe Ralf Forster», einer dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellten, aus westdeutschen Mitgliedern der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) gebildeten geheimen Militärorganisation, die im Krisenfall in der Bundesrepublik Sabotageakte hätte verüben sollen. Weit grösser als der Aktivbestand der NVA waren aber mit 420’000 Mann die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen. Im Verhältnis zur Grösse des Territoriums und zur Bevölkerungszahl war die Präsenz ausländischer Bündnistruppen in der DDR damit zweieinhalbmal grösser als in der Bundesrepublik.

Erinnerungen an die Mauer

Schon vor dem Fall und dem darauffolgenden weitgehenden Rückbau der Mauer waren auf Privatinitiative hin verschiedene Mahnmale und Gedenkstätten entstanden. So hatte bereits 1963 die Bürgerinitiative «Arbeitsgemeinschaft 13. August e. V.» im «Haus am Checkpoint Charlie» das bis heute existierende Mauermuseum eingerichtet. Nach 1989 intensivierten sich solche Aktivitäten. Über die Art und Weise des Gedenkens und einzelne Gedenkstätten gab es wiederholt öffentliche Kontroversen. 2006 legte der Berliner Senat dann ein integriertes «Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer» vor. Nur wenige Mauerteile blieben am Originalort erhalten und von den ehemals 302 Wachttürmen stehen heute nur noch fünf. Der ehemalige Verlauf der Mauer wurde an manchen Orten der Innenstadt durch eine doppelte Pflastersteinreihe und gusseiserne Tafeln gekennzeichnet. Die Mauer wurde kurz nach ihrer Öffnung auch zum profitablen Souvenirsteinbruch. Scharen sogenannter «Mauerspechte» pickelten tonnenweise Bruchstücke heraus, die in kleinen Portionen in alle Welt verkauft wurden.

Schon bald nach dem Fall der Mauer gab es Initiativen von Umweltschützer:innen und Fahrradverbänden, um die Freiräume am unbebauten Mauerstreifen zu erhalten und zu renaturieren. Daraus entstand nach der Jahrtausendwende der 160 Kilometer lange «Berliner Mauerweg» als Rad- und Fusswanderweg. Auf ihm wird seit 2011 jährlich der unter dem Patronat von Rainer Eppelmann stehende Ultramarathon «100 Meilen Berlin» ausgetragen. An 32 Stationen des Mauerwegs informiert die «Geschichtsmeile Berliner Mauer» über die Geschichte der Teilung Berlins und der Mauer. Im Rahmen der «Gedenkstätte Berliner Mauer» wurde 1998 bei der Bernauer Strasse ein 70 Meter langes originales Stück der Mauer wieder aufgerichtet. Hinzu kamen ein Dokumentationszentrum, die auf dem Fundament der 1985 gesprengten Versöhnungskirche im Jahr 2000 errichtete «Kapelle der Versöhnung» sowie das «Fenster des Gedenkens» mit den Porträts der Mauertoten. 2008 wurde sie zusammen mit der «Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde» in die landeseigene «Stiftung Berliner Mauer» überführt. Bereits im Frühjahr 1990 war in Friedrichshain ein 1’300 Meter langes Teilstück der Mauer von 118 Künstler:innen aus 21 Ländern bemalt worden, das als «East Side Gallery» erhalten blieb.

Auch im virtuellen Raum wird die Erinnerung gepflegt. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) beispielsweise betreibt eine eigene Website zur Geschichte der Berliner Mauer (www.berlin-mauer.de). Ebenso wurde die Mauer Gegenstand zahlreicher filmischer Verarbeitungen, etwa der TV-Serie «Spy City» (2020), die im Sommer 1961 spielt und mit der Abriegelung der Sektorengrenzen endet.

Runde Jahrestage des Falls der Mauer, aber viel weniger von deren Baubeginn, wurden zum Gegenstand von Gedenkveranstaltungen. Zum 40. Jahrestag des Mauerbaus setzten die Bundesländer Berlin und Brandenburg aber am 13. August 2001 zum Gedenken an die Mauertoten ihre Flaggen auf Halbmast. Die Gedenkaktivitäten für diese Opfer hatten schon früh eingesetzt. Bereits 1971 stiftete eine private Initiative den Gedenkort «Weisse Kreuze» am Ufer der Spree neben dem Reichstagsgebäude. Dieser zog 1995 in den Tiergarten um. Zum ersten Jahrestag des Falls der Mauer schuf 1990 der Aktionskünstler Ben Wagin das «Parlament der Bäume», das an die Mauertoten, aber auch an weitere Opfer von Krieg und Gewalt erinnert. Eine Reihe weiterer Mahnmale erinnert an die Mauertoten, darunter fast zwei Dutzend Gedenkorte für einzelne Opfer. Für Kontroversen sorgte der 2006 von Berliner Spitzenexponent:innen der SPD und der SED-Nachfolgerin PDS eingeweihte Gedenkstein «Den Opfern des Stalinismus» in der «Gedenkstätte der Sozialisten» im Zentralfriedhof Friedrichsfelde, der von führenden Mitgliedern der «Kommunistischen Plattform» innerhalb der PDS wie Sahra Wagenknecht abgelehnt wurde.

In diesen Erinnerungskontext gehörten auch die «Mauerschützenprozesse» gegen Angehörige der DDR-Staats- und Parteiführung sowie Grenzsoldaten, die bis 2004 andauerten. Insgesamt kam es zu 112 Verfahren gegen 246 Schützen oder Tatbeteiligte. 132 Angeklagte wurden zu Freiheits- oder Bewährungsstrafen verurteilt, darunter zehn Mitglieder der politischen Führung, 42 führende Militärs und 80 ehemalige Grenzsoldaten. Die Todesschützen erhielten in der Regel Strafen zwischen 6 und 24 Monaten auf Bewährung, während die Befehlshaber mit zunehmender Verantwortung stärker bestraft wurden.

Schliesslich hat die Erinnerung an die Mauer auch die politisch-gesellschaftliche Sprache geprägt. Seit geraumer Zeit werden anhaltende mentale und kulturelle Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen als «Mauer in den Köpfen» bezeichnet. In den letzten Jahren hat dann in den Social Media der Begriff «Antifaschistischer Schutzwall» eine Renaissance erlebt mit der ironischen Forderung, angesichts des besonders starken Zuwachses der AfD in den Ländern der ehemaligen DDR einen solchen Wall wieder aufzurichten. Besondere Brisanz enthält dieses Wortspiel dadurch, dass die AfD in den neuen Ländern in ihren Strukturen eine bedeutende Zahl ehemaliger hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter aufweist (Recherchen des Medienhauses CORRECTIV identifizierten 2024 deren 34), was mit Ausnahme des ähnlich belasteten BSW in der Parteienlandschaft der neuen Länder einen Sonderfall darstellt.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 20.830.30-34 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Depot Berlin Okt. 1948–Jan. 1950
  • Ar 20.830.35 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Depot Berlin Dankbriefe 1947 u. Russische Zone 1947–1948
  • Ar 20.830.36 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Depot Berlin Dankbriefe 1946–Juli 1948
  • Ar 20.860.14 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: SEH 1959–1960
  • Ar 20.891.29 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Diverse Aktionen: Speyer/Stuttgart/Berlin
  • Ar 20.910.16 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Kinderlager mit ausländischen Kindern
  • Ar 105.30.4 Willi Kobe (1899–1995): Diverse Friedensorganisationen I
  • Ar 123.10 Hugo Kramer (1890–1969): Reisen
  • Ar 197.80.11 Willy Spieler (1937–2016): Broschüren
  • Ar 201.250 Gesellschaft Schweiz – DDR
  • Ar 201.363.8 Rote Fabrik um 1990: Dokumentation D. Siegrist: Veranstaltungen zur DDR und Südafrika
  • Ar 625.10.1 Dokumentation Claude Giger: Weltfestspiele der Jugend und Studenten, Ost-Berlin
  • Ar 1024.20.2 Ueli Wildberger: DDR-Briefe

Archiv Bild + Ton

  • F 1010-MC0229_A Radio LoRa: DDR: Was kommt nach Honecker? I
  • F 1010-MC0230_A Radio LoRa: DDR: Was kommt nach Honecker? III
  • F 1010-MC0231_A Radio LoRa: DDR: Was kommt nach Honecker? II
  • F 1010-MC0231_B Radio LoRa: Umbruch in der DDR und hier? I
  • F 1010-MC0232_A Radio LoRa: DDR: Was kommt nach Honecker? IV
  • F 1010-MC0232_B Radio LoRa: Umbruch in der DDR und hier? II
  • F 1010-MC0240_A Radio LoRa: DDR: Was kommt nach der Ära Honecker? III
  • F 1010-MC0259_B Radio LoRa: Die Agonie der DDR I
  • F 1010-MC0260_B Radio LoRa: Die Agonie der DDR II
  • F 1010-MC0300_A Radio LoRa: Europäisches BürgerInnenforum I
  • F 1010-MC0301_A Radio LoRa: Europäisches BürgerInnenforum II
  • F 1010-MC0391_A Radio LoRa: DDR – ein Jahr danach I
  • F 1010-MC0391_B Radio LoRa: DDR – ein Jahr danach II
  • F 1010-MC0392_A Radio LoRa: DDR – ein Jahr danach III
  • F 1010-MC0392_B Radio LoRa: DDR – ein Jahr danach IV
  • F 1010-MC0646_B Radio LoRa: Neue Frauenbewegung in der DDR I
  • F 1010-MC0647_B Radio LoRa: Neue Frauenbewegung in der DDR II
  • F 5045 Partei der Arbeit (PdA)
  • F 5156 Claude Giger
  • F 9093-069 Ohne Uns Geht Nichts. Gewerkschaften in der DDR (um 1982)
  • F 9093-074 DDR Magazin (1974)
  • F 9093-075 Der Arbeiterpräsident (um 1960)
  • F 9093-077 Jung sein in der DDR (um 1985)
  • F 9093-078 Leben nach dem Ruhm – Weltbekannte Sportler der DDR im Alltag heute (1988)
  • F 9093-079 Die manipulierte Gesellschaft «Kennen Sie Kappler?» (1977)
  • F 9093-085 Leben nach dem Ruhm – Weltbekannte Sportler der DDR im Alltag heute (1988)

Sachdokumentation

  • DS 1414 Liberales Institut: Der Fall der Berliner Mauer und die Tyrannei des Staates (2009)
  • KS 32/21 Nachkriegsdeutschland
  • KS 32/22 Gesamtdeutsche Frage
  • KS 32/22a+b Gesamtdeutsche Frage; Berlin, Berlin-Status
  • KS 32/23a-c DDR: Allg.
  • KS 32/127 Asylpolitik & Flüchtlingswesen: Deutschland
  • KS 335/389a-d Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED): Schriften
  • KS 338/40 Agrarpolitik & Landwirtschaft: DDR, Jugoslawien
  • KS 338/48 Agrarpolitik & Landwirtschaft; Lebensmittelversorgung: Deutschland
  • KS 338/151 Industrie: Deutschland (BRD & DDR)
  • KS 338/265 Wirtschaftspolitik: Berlin (Ost und West)
  • KS 338/266 Wirtschaftspolitik: Deutschland – Ost
  • KS 338/267 Wirtschaft: Deutsche Demokratische Republik (DDR)
  • KS 338/268 Wirtschaft: Deutsche Demokratische Republik (DDR)
  • QS EMB 4 Bundesrepublik Deutschland (BRD): Aussen- & Sicherheitspolitik
  • QS EMD *Berl Deutsch-deutsche Beziehungen: Berlin, Berliner Mauer
  • QS EMD *DtDt Deutsch-deutsche Beziehungen
  • QS KVD Deutsche Demokratische Republik (DDR)
  • QS KVD 0 Deutsche Demokratische Republik (DDR): Gesellschaft, soziale Gruppen & Minderheiten, Religionen
  • QS KVD 1 Deutsche Demokratische Republik (DDR): Kultur, Wissenschaften, Bildung
  • QS KVD 2 Deutsche Demokratische Republik (DDR): Recht, Polizei, Prozesse, Gefängnisse
  • QS KVD 3 Deutsche Demokratische Republik (DDR): Innenpolitik, Sozialpolitik
  • QS KVD 4 Deutsche Demokratische Republik (DDR): Aussen- & Sicherheitspolitik
  • QS KVD 7 Deutsche Demokratische Republik (DDR): Arbeit
  • QS KVD 8 Deutsche Demokratische Republik (DDR): Wirtschaft
  • ZA 58.0 KVD Kommunismus in der DDR; Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED)
  • ZA 58.1 *KVD Kommunismus und Religion in der DDR
  • ZA 91.0 *4 KVD Agrarpolitik & Landwirtschaft in der DDR
  • ZA EMB *1 Deutsch-deutsche Beziehungen
  • ZA EMB *2 Deutsch-deutsche Beziehungen: Berlin-Status
  • ZA EMB *2 F Deutsch-deutsche Beziehungen: Fluchthelfer
  • ZA EMB *2 M Deutsch-deutsche Beziehungen: Berliner Mauer
  • ZA EMB 4 Bundesrepublik Deutschland (BRD): Aussen- & Sicherheitspolitik
  • ZA EMD *DtDt Deutsch-deutsche Beziehungen
  • ZA KVD Sowjetische Besatzungszone (SBZ), Deutsche Demokratische Republik (DDR)

Bibliothek

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  • Albrecht, Vera: Feindberührung: Die russischen Sieger in Berlin: Frauen berichten. Berlin 2013, 131741
  • Allen, Keith R.: Interrogation nation: Refugees and spies in Cold War Germany. Lanham 2017, 140582
  • Anonyma [= Marta Hillers]: Eine Frau in Berlin: Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945. Frankfurt 2003, 111406
  • Apelt, Andreas H. und Jürgen Engert (Hg.): Das historische Gedächtnis und der 17. Juni 1953. Halle 2014, 131437
  • Arndt, Herbert et al.: Die DDR stellt sich vor. Dresden 1969, 45427
  • Auswärtiges Amt (Hg.): Die Bemühungen der deutschen Regierung und ihrer Verbündeten um die Einheit Deutschlands, 1955–1966. Bonn 1966, 39528
  • Bach, Jonathan: Die Spuren der DDR: Von Ostprodukten bis zu den Resten der Berliner Mauer. Ditzingen 2019, 143492
  • Bahl, Holger: Als Banker zwischen Ost und West: Zürich als Drehscheibe für deutsch-deutsche Geschäfte. Zürich 2002, 110928
  • Bahr, Egon: Ostwärts und nichts vergessen! Kooperation statt Konfrontation. Hg. Dietlind Klemm. Hamburg 2012, 126672
  • Barclay, David E.: Schaut auf diese Stadt: Der unbekannte Ernst Reuter. Berlin 2000, 106338
  • Bark, Dennis L.: Die Berlin-Frage 1949–1955: Verhandlungsgrundlagen und Eindämmungspolitik. Berlin (West) 1972, 49027
  • Beetz, Eberhard: Eine Kindheit im Weddinger Hinterhof: Erinnerungen. o. O. u. J. [Berlin 2009?], Hf 6944
  • Beier, Gerhard: Wir wollen freie Menschen sein: Der 17. Juni 1953: Bauleute gingen voran. Köln 1993, Gr 8123
  • Benz, Wolfgang und Michael F. Scholz: Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 22: Deutschland unter alliierter Besatzung 1945–1949 / Die DDR 1949–1990. 10. bearbeit. Aufl. Stuttgart 2009, 121495
  • Bernuth, Ernst-Jörg: Operation Alpenhorn: Wie die STASI 3,8 Milliarden DM in die Schweiz verschob. München 2016, 143361
  • Besson, André: Les 30 jours de Berlin: 8 avril – 8 mai 1945. Paris 1995, 99039
  • Bischof, Erwin: Honeckers Handschlag: Beziehungen Schweiz-DDR, 1960–1990: Demokratie oder Diktatur. Bern 2010, 122485
  • Bischof, Erwin: Verräter und Versager: Wie Stasi-Spione im Kalten Krieg die Schweiz unterwanderten. Bern 2013, 128717
  • Bisky, Jens: Berlin: Biographie einer grossen Stadt. Berlin 2019, 143318
  • Boberg, Jochen et al. (Hg.): Die Metropole: Industriekultur in Berlin im 20. Jahrhundert. München 1986, Gr 5328
  • Bohleber, Wolfgang: Mit Marshallplan und Bundeshilfe: Wohnungsbaupolitik in Berlin 1945 bis 1968. Berlin 1990, 90336
  • Brandt, Peter: 1948 – Jahr der Entscheidungen: Ernst Reuter und der Weg in den Kalten Krieg. Berlin 2012, 126814
  • Brandt, Willy: Ernst Reuter: Ein Leben für die Freiheit: Eine politische Biographie. München 1957, 23446
  • Brandt, Willy: Berlin ma Ville. Paris 1960, 66285
  • Brandt, Willy: Begegnungen mit Kennedy. München 1964, 32014
  • Brandt, Willy: Reden, 1961–1965. Köln 1965, 33781
  • Brandt, Willy: Begegnungen und Einsichten: Die Jahre 1960–1975. Hamburg 1976, 57526
  • Brandt, Willy: Die Spiegel-Gespräche 1959–1992. Hg. Erich Böhme und Klaus Wirtgen. Stuttgart 1993, 94850
  • Brandt, Willy: Berlin bleibt frei: Politik in und für Berlin, 1947–1966. Bearb. von Siegfried Heimann. Bonn 2004, 107419:3
  • Brant, Stefan: Der Aufstand: Vorgeschichte, Geschichte und Deutung des 17. Juni 1953. Stuttgart 1954, 21255
  • Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (Hg.): Das geteilte Berlin und die Stasi: Spionage, Opposition und Alltag. Berlin 2018, Gr 14773
  • Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (Hg.): Die Flucht aus der Sowjetzone und die Sperrmassnahmen des kommunistischen Regimes vom 13. August 1961 in Berlin. Bonn 1961, Gr 1145
  • Buschfort, Wolfgang: Das Ostbüro der SPD: Von der Gründung bis zur Berlin-Krise. München 1991, 92874
  • Caldwell, Peter C. und Karrin Hanshew: Germany since 1945: Politics, culture, and society. London 2018, 140898
  • Catudal, Honoré Marc: Kennedy in der Mauer-Krise: Eine Fallstudie zur Entscheidungsfindung in USA. Berlin (West) 1981, 70139
  • Colin, Nicole et al. (Hg.): Le Mur de Berlin: Histoire, mémoires, représentations. Brüssel 2016, 136471
  • Dalma, Alfons: Hintergründe der Berlin-Krise. Karlsruhe 1962, 33292
  • Darnton, Robert: Der letzte Tanz auf der Mauer: Berliner Journal 1989–1990. München 1991, 91624
  • Dasbach Mallinckrodt, Anita: Propaganda hinter der Mauer: Die Propaganda der Sowjetunion und der DDR als Werkzeug der Aussenpolitik im Jahre 1961. Stuttgart 1971, 47280
  • Defrance, Corine et al. (Hg.): Die Berliner Luftbrücke: Erinnerungsort des Kalten Krieges. Berlin 2018, 139671
  • Der 17. Juni 1953: Der Anfang vom Ende des sowjetischen Imperiums: Deutsche Teil-Vergangenheiten – Aufarbeitung West: Die innerdeutschen Beziehungen und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung in der DDR: Dokumentation: 4. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, 17. bis 18. Juni 1993. Leipzig 1993, 100047
  • Detjen, Marion: Ein Loch in der Mauer: Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland, 1961–1989. München 2005, 118508
  • Diedrich, Torsten: Waffen gegen das Volk: Der 17. Juni 1953 in der DDR. Hg. Militärgeschichtliches Forschungsamt. München 2003, 111564
  • Dierikx, Marc und Sacha Zala (Hg.): When the wall came down: The perception of German reunification in international diplomatic documents 1989–1990. Bern/München 2019, 142017
  • Dollmann, Lydia und Manfred Wichmann (Hg.): Fotografieren verboten! Die Berliner Mauer von Osten gesehen: Mit Aufnahmen und Erinnerungen von Gerd Rücker. Berlin 2015, 134304
  • Domentat, Tamara: Coca-Cola, Jazz & AFN: Berlin und die Amerikaner. Berlin 1995, Gr 8356
  • Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt 1945–1991. München 2004, 113710
  • Dülffer, Jost: Geheimdienst in der Krise: Der BND in den 1960er-Jahren. Berlin 2018, 143577
  • Dulles, Eleanor Lansing: Berlin: The wall is not forever. Chapel Hill 1967, 39241
  • Ebert, Friedrich [Jr.]: Der Sozialismus, die Zukunft Deutschlands: Ausgewählte Reden und Aufsätze, 1959–1964. Hg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Berlin (Ost) 1964, 32649
  • Eckert, Astrid M.: Zonenrandgebiet: Westdeutschland und der Eiserne Vorhang. Berlin 2022, 148121
  • Eckert, Rainer: SED-Diktatur und Erinnerungsarbeit im vereinten Deutschland: Eine Auswahlbibliografie. 2. erw. Aufl. Halle 2019, 143308
  • Ehlert, Hans et al. (Hg.): Der Schatten der Mauer – die zementierte Spaltung: Dokumentation eines Zeitzeugenforums zum 13. August 1961. Berlin 2001, 108937
  • Eisenfeld, Bernd und Roger Engelmann: 13. August 1961: Mauerbau: Fluchtbewegung und Machtsicherung. Bremen 2001, Gr 10427
  • Eisenhuth, Stefanie: Die Schutzmacht: Die Amerikaner in Berlin, 1945–1994. Göttingen 2018, 140114
  • Elo, Kimmo: Die Systemkrise eines totalitären Herrschaftssystems und ihre Folgen: Eine aktualisierte Totalitarismustheorie am Beispiel der Systemkrise in der DDR 1953. Münster 2005, 116119
  • Engel, Helmut und Wolfgang Ribbe (Hg.): Karl-Marx-Allee Magistrale in Berlin: Die Wandlung der sozialistischen Prachtstrasse zur Hauptstrasse des Berliner Ostens. Berlin 1996, 100930
  • Engelmann, Bernt: Berlin: Eine Stadt wie keine andere. Göttingen 1991, 91862
  • Faminsky, Valery: Berlin Mai 1945. Berlin 2018, UGr 201
  • Farber, Paul M.: A wall of our own: An American history of the Berlin Wall. Chapel Hill 2020, 147050
  • Fenemore, Mark: Fighting the Cold War in post-blockade, pre-wall Berlin: Behind enemy lines. London 2020, 143064
  • Fenemore, Mark: Sensual Sirens: Gendering Berlin’s Cold War Telephony, in: Mrozek, Bodo (Hg.): Sensory Warfare in the Global Cold War: Partition, Propaganda, Covert Operations. University Park 2024. S. 73-90, 153958
  • Filmer, Werner und Heribert Schwan (Hg.): Opfer der Mauer: Die geheimen Protokolle des Todes. München 1991, 92145
  • Findeisen, Rüdiger F.: Das Fräulein mit dem roten Koffer: Die Geschichte einer Liebe, die keine Grenzen kannte. Uetikon am See 2022, 149925
  • Flemming, Thomas: Kein Tag der deutschen Einheit: 17. Juni 1953. Berlin 2003, 111569
  • Flemming, Thomas und Hagen Koch: Die Berliner Mauer: Geschichte eines politischen Bauwerks. Berlin 1999, Gr 10049
  • Fleury, Antoine et al. (Hg.): Die Schweiz und Deutschland 1945–1961. München 2004, 113003
  • Föllmer, Moritz: Individuality and modernity in Berlin: Self and society from Weimar to the Wall. Cambridge 2013, 128221
  • Förster, Andreas: Eidgenossen contra Genossen: Wie der Schweizer Nachrichtendienst DDR-Händler und Stasi-Agenten überwachte. Berlin 2016, 135433
  • Fricke, Karl Wilhelm et al. (Hg.): Opposition und Widerstand in der DDR: Politische Lebensbilder. München 2002, 110521
  • Friedmann, Ronald: Die Zentrale: Geschichte des Berliner Karl-Liebknecht-Hauses. Berlin 2011, 124348
  • Gehler, Michael und Rolf Steininger: 17. Juni 1953: Der unterdrückte Volksaufstand: Seine Vor- und Nachgeschichte. Reinbek 2018, 143187
  • Geist, Johann Friedrich und Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus-1945–1989: Eine dokumentarische Geschichte der Ausstellung «Berlin plant/Erster Bericht» 1946 und der Versuche, auf den Trümmern der Hauptstadt des Grossdeutschen Reiches ein NEUES BERLIN zu bauen, aus dem dann zwei geworden sind. München 1989, Gr 7088:3
  • Gieseke, Jens: Mielke-Konzern: Die Geschichte der Stasi 1945–1990. Stuttgart 2001, 108871
  • Gosztony, Peter (Hg.): Der Kampf um Berlin 1945 in Augenzeugenberichten. Düsseldorf 1970, 41354
  • Grabbe, Hans-Jürgen: Unionsparteien, Sozialdemokratie und Vereinigte Staaten von Amerika: 1945–1966. Düsseldorf 1983, 80919
  • Graml, Hermann: Die Alliierten und die Teilung Deutschlands: Konflikte und Entscheidungen 1941–1948. Frankfurt 1985, 80065
  • Grebner, Susanne: Der Telegraf: Entstehung einer SPD-nahen Lizenzzeitung in Berlin 1946 bis 1950. Münster 2002, 111114
  • Gründer, Ralf: Niemand hat die Absicht…: Screenshot-Fotografie aus der Kameraarbeit von Herbert Ernst: Gedreht in den Jahren 1961 und 1962 im geteilten Berlin. Berlin 2016, 134821
  • Grüning, Barbara: Commemorating the Berlin Wall: Forms and Spaces of Collective Memory after the Cold War, in: Pizzi, Katia und Marjatta Hietala (Hg.): Cold War Cities: History, Culture and Memory. Oxford 2016. S. 17-44, 135814
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  • Heidelmeyer, Wolfgang et al. (Hg.): Die Berlin-Frage: Politische Dokumentation 1944–1965. Frankfurt 1965, 34154
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  • Henke, Klaus-Dietmar (Hg.): Die Mauer: Errichtung, Überwindung, Erinnerung. München 2011, 124672
  • Hertle, Hans-Hermann: Chronik des Mauerfalls: Die dramatischen Ereignisse um den 9. November 1989. Berlin 1996, 100439
  • Hertle, Hans-Hermann: Sofort, unverzüglich: Die Chronik des Mauerfalls. Berlin 2019, 142972
  • Hertle, Hans-Hermann et al. (Hg.): Mauerbau und Mauerfall: Ursachen – Verlauf – Auswirkungen. Berlin 2002, 109534
  • Hess, Hans-Jürgen: Innerparteiliche Gruppenbildung: Macht- und Demokratieverlust einer politischen Partei am Beispiel der Berliner SPD in den Jahren von 1963 bis 1981. Bonn 1984, 76421
  • Heym, Stefan: 5 Tage im Juni: Roman. München 1974, 53541
  • Hildebrandt, Alexandra: Die Mauer: Zahlen, Daten. Berlin 2001, 111827
  • Hildebrandt, Dieter: Die Mauer ist keine Grenze: Menschen in Ostberlin. Düsseldorf 1964, 32179
  • Hildebrandt, Rainer: Berlin – von der Frontstadt zur Brücke Europas: Die gemeinsame und die getrennte Geschichte beider Teile der Stadt Berlin vom Kriegsende bis heute. Berlin 1984, Hf 6036
  • Hochmuth, Hanno: Berlin: Das Rom der Zeitgeschichte. Berlin 2024, 153480
  • Hockenos, Paul: Berlin calling: A story of anarchy, music, the Wall, and the birth of the new Berlin. New York 2017, 137138
  • Hohler, Stefan: Hans Ulrich Lenzlinger: Fluchthelfer, Abenteurer und Lebemann. Bern 2013, 136358
  • Honecker, Erich: Aus meinem Leben. Berlin (Ost)/Frankfurt 1980, 69724
  • Horn, Harald: Die Berlin-Krise 1958/61: Zur Funktion der Krise in der internationalen Politik. Frankfurt 1970, 42514
  • Hurwitz, Harold: Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945. 3 Bde. Köln 1983-1990, 76305
  • Institut zur Erforschung der UdSSR (Hg.): Berlin: A compilation of analytical and critical materials. München 1959, Gr 4315
  • Jaenicke, Martin: Der dritte Weg: Die antistalinistische Opposition gegen Ulbricht seit 1953. Köln 1964, 32355
  • Jankowski, Martin: Der Tag, der Deutschland veränderte: 9. Oktober 1989. Leipzig 2015, 133843
  • Jaquet, Beate et al. (Hg.): Vom Träumen und Aufwachen: Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall. Heidelberg 2022, 149104
  • Jarausch, Konrad H. et al. (Hg.): Cold War Berlin: Confrontations, cultures, and identities. London 2021, 146100
  • Kaminsky, Anna (Hg.): Die Berliner Mauer in der Welt. 3. erw. Aufl. Berlin 2021, 154825
  • Kaule, Martin und Stefan Wolle: 100 Orte der DDR-Geschichte. Berlin 2018, Gr 14649
  • Kellerhoff, Sven Felix: Berlin im Krieg: Eine Generation erinnert sich. Berlin 2011, Hf 6920
  • Kimmel, Elke: West-Berlin: Biografie einer Halbstadt. Berlin 2018, 140369
  • Klemm, Barbara: Mauerfall 1989. Wädenswil 2011, Gr 12804
  • Knabe, Hubertus: 17. Juni 1953: Ein deutscher Aufstand. München 2003, 111547
  • Koller, Christian: Der «Eiserne Vorhang»: Zur Genese einer politischen Zentralmetapher in der Epoche des Kalten Krieges, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 54 (2006). S. 366-384, N 2273
  • König, Guntram (Hg.): NVA – die roten Preussen? Zeitzeugenberichte. Aachen 2010, 131452
  • Koop, Volker: Der 17. Juni 1953: Legende und Wirklichkeit. Berlin 2003, 111548
  • Kowalczuk, Ilko-Sascha: 17. Juni 1953. München 2013, 127735
  • Kowalczuk, Ilko-Sascha: Stasi konkret: Überwachung und Repression in der DDR. München 2013, 127752
  • Kowalczuk, Ilko-Sascha: Walter Ulbricht: Der kommunistische Diktator (1945–1973). München 2024, 152061
  • Kowalczuk, Ilko-Sascha et al. (Hg.): Der Tag X – 17. Juni 1953: Die «Innere Staatsgründung» der DDR als Ergebnis der Krise 1952/54. Berlin 1995, 99238
  • Krämer, Martin: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und sein politisches Echo in der Bundesrepublik Deutschland. Bochum 1996, 101180
  • Krause, Scott H.: Bringing Cold War democracy to West Berlin: A shared German-American project, 1940–1972. London 2019, 141179
  • Krenz, Egon: Wenn Mauern fallen: Die friedliche Revolution: Vorgeschichte, Ablauf, Auswirkung. Wien 1990, 89878
  • Krusch, Hans-Joachim: Irrweg oder Alternative? Vereinigungsbestrebungen der Arbeiterparteien 1945/46 und gesellschaftspolitische Forderungen. Bonn 1996, Gr 8844
  • Kühne, Tobias: Das Netzwerk «Neu Beginnen» und die Berliner SPD nach 1945. Berlin 2018, 146489
  • Kundler, Herbert: RIAS Berlin: Eine Radio-Station in einer geteilten Stadt: Programme und Menschen, Texte, Bilder, Dokumente. Berlin 1994, GR 8175
  • Laabs, Hans-Jürgen: Beusselstrasse 23: Kindheit im Berlin der 50er Jahre. Norderstedt 2011, Hf 6457
  • Lapp, Peter Joachim: Grenzregime der DDR. Aachen 2013, 131288
  • Large, David Clay: Berlin: Biographie einer Stadt. München 2002, 109826
  • Lemke, Michael: Die Berlinkrise 1958 bis 1963: Interessen und Handlungsspielräume der SED im Ost-West-Konflikt. Berlin 1995, 98466
  • Lengsfeld, Vera: Ich wollte frei sein: Die Mauer, die Stasi, die Revolution. München 2011, 126035
  • Loth, Wilfried: Die Sowjetunion und die deutsche Frage: Studien zur sowjetischen Deutschlandpolitik von Stalin bis Chruschtschow. Göttingen 2007, 134612
  • Lüthi, Lorenz M.: The Iron Curtain: A Short History of Socialist Borders. Cambridge 2026, erwartet
  • Mächler, Christian: Der Drache: Theater als Staatsaffäre: Thriller mit Benno Besson. Kempten 2022, 152820
  • Mächler, Christian (Hg.): 100 Jahre Benno Besson: Die Macht vom Theater im Kalten Krieg. Zürich 2023, Gr 15833
  • Magistrat von Berlin – Hauptstadt der DDR (Hg.): Berlin: Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik: Grundlinie zur städtebaulich-architektonischen Gestaltung. Berlin (Ost) 1984, UGr 158
  • Mählert, Ulrich (Hg.): Der 17. Juni 1953: Ein Aufstand für Einheit, Recht und Freiheit. Bonn 2003, 111565
  • Marx, Christoph: Politische Presse im Nachkriegsberlin 1945–1953: Erik Reger und Rudolf Herrnstadt. Stuttgart 2016, 143891
  • Mayer, Tilman (Hg.): Im «Wartesaal der Geschichte»: Der 17. Juni als Wegmarke der Freiheit und Einheit. Baden-Baden 2014, 130562
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  • Meyer, Bernhard: Sozialdemokraten in der Entscheidung. Berlin 1994, 102632
  • Mihr, Anja: Amnesty International in der DDR: Der Einsatz für Menschenrechte im Visier der Stasi. Berlin 2002, 109533
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  • Rauh, Robert: «Die Mauer war doch richtig!»: Warum so viele DDR-Bürger den Mauerbau widerstandslos hinnahmen. Berlin 2021, 148214
  • Reif, Heinz und Moritz Feichtinger (Hg.): Ernst Reuter: Kommunalpolitiker und Gesellschaftsreformer, 1921–1953. Bonn 2009, 123099
  • Rein, Heinz (Hg.): Unterm Notdach: Berliner Erzählungen. Berlin 1949, 17644
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  • Richter, Günter et al. (Hg.): Geschichte Berlins, Bd. 2: Von der Märzrevolution bis zur Gegenwart. Berlin (West) 1987, Gr 5810:2
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  • Rottmann, Andrea: Queer lives across the wall: Desire and danger in divided Berlin, 1945–1970. Toronto 2023, 154110
  • Rühle, Jürgen und Gunter Holzweißig: 13. August 1961: Die Mauer von Berlin. Hg. Ilse Spittmann. Köln 1981, 73388
  • Sälter, Gerhard et al.: Die vergessenen Toten: Todesopfer des DDR-Grenzregimes in Berlin von der Teilung bis zum Mauerbau (1948–1961). Berlin 2016, 138073
  • Saunders, Anna: Memorializing the GDR: Monuments and memory after 1989. New York 2018, 142048
  • Schivelbusch, Wolfgang: Vor dem Vorhang: Das geistige Berlin, 1945–1948. München/Wien 1995, 97834
  • Schlögel, Karl: Das russische Berlin: Eine Hauptstadt im Jahrhundert der Extreme. Berlin 2019, 141463
  • Schmidt, Wolfgang: Kalter Krieg, Koexistenz und kleine Schritte: Willy Brandt und die Deutschlandpolitik 1948–1963. Wiesbaden 2001, 108201
  • Scholz, Arno: Berlin ist eine freie Stadt: Beiträge zum politischen Geschehen der Gegenwart. Berlin-Grunewald 1962, 29640
  • Schöne, Jens: Ronald Reagan in Berlin: Der Präsident, die Staatssicherheit und die geteilte Stadt. Berlin 2017, 137883
  • Schroeder, Klaus: Der SED-Staat: Partei, Staat und Gesellschaft 1949–1990. München 1998, 103825
  • Schroeder, Klaus: Kampf der Systeme: Das geteilte und wiedervereinigte Deutschland. Reinbek 2020, 144730
  • Schuller, Wolfgang: Die deutsche Revolution 1989. Berlin 2009, 121274
  • Schweizerische Aktion für das Selbstbestimmungsrecht aller Völker (Hg.): Der Arbeiteraufstand in der DDR am 17. Juni 1953 und seine Wahrnehmung in der Schweiz: Eine Dokumentation. Zürich 2007, Gr 11851
  • Senator für Inneres (Hg.): Östliche Untergrundarbeit gegen Westberlin. Berlin-Wilmersdorf 1960, Gr 1136
  • Smith, Jean Edward: Der Weg ins Dilemma: Preisgabe und Verteidigung der Stadt Berlin. Berlin (West) 1965, 33671
  • Sonnevend, Julia: Stories without borders: The Berlin Wall and the making of a global iconic event. New York 2016, 135856
  • Speier, Hans: Die Bedrohung Berlins: Eine Analyse der Berlin-Krise von 1958 bis heute. Köln 1961, 28142
  • Spittmann, Ilse und Karl Wilhelm Fricke (Hg.): 17. Juni 1953: Arbeiteraufstand in der DDR. Köln 1982, 73391
  • Staadt, Jochen (Hg.): Die deutschen Todesopfer des Eisernen Vorhangs 1948–1989: Ein biografisches Handbuch. Halle 2023, 155957
  • Stadelmann-Wenz, Elke: Widerständiges Verhalten und Herrschaftspraxis in der DDR: Vom Mauerbau bis zum Ende der Ulbricht-Ära. Paderborn 2009, 122042
  • Steffen, Gerber Therese: Das Kreuz mit Hammer, Zirkel, Ährenkranz: Die Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR in den Jahren 1949–1972. Berlin 2002, 113791
  • Steininger, Rolf: Der Mauerbau: Die Westmächte und Adenauer in der Berlinkrise 1958–1963. München 2001, 107954
  • Steininger, Rolf: Von der Teilung zur Einheit: Deutschland 1945–1990: Ein Lesebuch. Innsbruck 2020, 143086
  • Stützle, Walther: Kennedy und Adenauer in der Berlin-Krise, 1961–1962. Bonn/Bad Godesberg 1973, 50035
  • Taliano-des Garets, Françoise: Les capitales européennes et la culture depuis 1945: Berlin, Londres, Madrid, Paris. Paris 2025, 155973
  • Tarli, Ricardo: Operationsgebiet Schweiz: Die dunklen Geschäfte der Stasi. Zürich 2015, 131453
  • Taylor, Frederick: Die Mauer: 13. August 1961 bis 9. November 1989. München 2009, 120900
  • Timmermann, Heiner (Hg.): Dem Gedächtnis eine Erinnerung: Der Mauerfall von 1989 und seine Relevanz für kommende Generationen. Berlin 2016, 133504
  • Tröndle, Ursula: Spionageabwehr und Antikommunismus: Der Fall Wolf alias Kälin (1967–1978), in: Caillat, Michel et al. (Hg.): Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse. Zürich 2009. S. 225-238, 120661
  • Van Nes, Harald: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg: Die Geschichte von Live Oak. Berlin 2021, 145933
  • Veen, Hans-Joachim (Hg.): Die abgeschnittene Revolution: Der 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte. Köln 2004, 113040
  • Veleff, Peter: Spionageziel Schweiz? Die Geheimdienste der DDR und deren Aktivitäten in der Schweiz. Zürich 2006, 116202
  • Voorhees, Theodore: The silent guns of two Octobers: Kennedy and Khrushchev play the double game. Ann Arbor 2020, 145000
  • Weber, Wolfgang: DDR – 40 Jahre Stalinismus: Ein Beitrag zur Geschichte der DDR. Essen 1993, 95079
  • Wettig, Gerhard: Das Vier-Mächte-Abkommen in der Bewährungsprobe: Berlin im Spannungsfeld von Ost und West. Berlin 1981, 70150
  • Wilke, Manfred: Der Weg zur Mauer: Stationen der Teilungsgeschichte. Berlin 2011, 124683
  • Wolff, Frank: Die Mauergesellschaft: Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961–1989. Berlin 2019, 142404
  • Wolfrum, Edgar: Die Mauer: Geschichte einer Teilung. München 2009, 120895
  • Wolle, Stefan: Der grosse Plan: Alltag und Herrschaft in der DDR (1949–1961). Berlin 2013, 128808
  • Zierenberg, Malte: Stadt der Schieber: Der Berliner Schwarzmarkt 1939–1950. Göttingen 2008, 119654
  • Zolling, Hermann und Uwe Bahnsen: Kalter Winter im August: Die Berlin-Krise 1961/1963: Ihre Hintergründe und Folgen. Oldenburg 1967, 41656
  • Zum 40. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer: Erklärung der Historischen Kommission vom 26. Juni 2001, in: Friedmann, Ronald und Jürgen Hofmann (Hg.): Den Sozialismus am humanistischen Ansatz messen: Erklärungen der Historischen Kommission beim Vorstand der Partei Die Linke. Berlin 2020. S. 59-63, 153979

Periodika

  • DDR in Wort und Bild: Journal aus der Deutschen Demokratischen Republik, N 2628
  • DDR-Revue: Magazin aus der DDR, N 2629
  • Deutsche Aussenpolitik, N 2123
  • Freie Welt, NN 1362
  • Hinter dem Eisernen Vorhang: Uebersicht aus Zeitungen und Zeitschriften der Sowjetzone, N 1537
  • Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik, N 2079
  • Probleme der politischen Ökonomie: Jahrbuch des Instituts für Wirtschaftswissenschaften, Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 25911
  • Protokoll der Verhandlungen des … Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, D 5112
  • Revue rund um die Welt, N 805
  • Sonntag: Wochenzeitung für Kulturpolitik, Kunst und Wissenschaft, Z 447
  • Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik, N 801

26.6.2026, 18 Uhr: Ein Netzwerk im Krieg

Moritz Tramer und die «Zeitschrift für Kinderpsychiatrie» 1934–1963

Moritz Tramer war ein Pionier der Kinderpsychiatrie, die als neues Fachgebiet Kinder ins Zentrum wissenschaftlichen Interesses rückte. 1934 gründete Tramer die «Zeitschrift für Kinderpsychiatrie», die in den Kriegsjahren ein Ort internationaler Vernetzung wurde, der auch jüdischen Forscher:innen im Exil eine Plattform bot. Die Zeitschrift war interdisziplinär; sie veröffentlichte auch Beiträge aus der Psychologie, Psychoanalyse, Psychohygiene und (Heil-)Pädagogik. Eine besondere Bedeutung kam Kinderzeichnungen zu, die als eine Sprache verstanden wurden, die Kindern zur Verfügung stand, und zugleich als ein Schema, nach dem sie taxiert werden konnten. Trotz ihrer pionierhaften Leistung erfuhren Moritz Tramer, der 1937 auch die international beachtete Kinderbeobachtungsstation «Gotthelfhaus» in Biberist gründete, und seine Frau, die Psychologin und Pazifistin Franziska Baumgarten, nicht die erwünschte Anerkennung und sind bis heute erstaunlich unbekannt.

Buchvernissage mit den Herausgeberinnen Katrin Luchsinger und Stefanie Mahrer sowie Gregor Spuhler (Moderation).
Mit anschliessendem Apéro.

Freitag, 26. Juni 2026, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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Verlagsflyer herunterladen (PDF, 4’998 KB)

Jacqueline Badrans Salamitaktik vor der Abstimmung über die Änderung des Bundesgesetzes über die Stempelabgaben am 13.2.2022 (Videostill/SozArch F 9125-20220213-007)
Jacqueline Badrans Salamitaktik vor der Abstimmung über die Änderung des Bundesgesetzes über die Stempelabgaben am 13.2.2022 (Videostill/SozArch F 9125-20220213-007)

Bild + Ton: Politpropaganda auf Social Media

Vania Alleva giesst Blumen in der Stube. Jacqueline Badran schneidet Salamischeiben. Roger Köppel zeigt uns den Inhalt seines Portemonnaies. Die Auftritte mit banalen Handlungen haben ein Ziel: Sie wollen die Stimmberechtigten je nachdem von einem Ja oder einem Nein zu einer Abstimmungsvorlage überzeugen. Videoclips dieser Art sind längst Alltag und aus den medial vermittelten Abstimmungskämpfen nicht mehr wegzudenken. Zeit, sie zu sammeln!

In der Schweiz finden in der Regel vier nationale Abstimmungen pro Jahr statt. Die Abteilung Dokumentation des Sozialarchivs sammelt dazu seit jeher das Propagandamaterial in seinen herkömmlichen Erscheinungsformen (Flyer, Broschüren, Leporellos etc.), seit rund zehn Jahren auch digital. Seit 2022 läuft nun in der Abteilung Bild + Ton ein Versuch, zusätzlich Videoclips, welche im Vorfeld eidgenössischer Volksabstimmungen über Social-Media-Kanäle publiziert werden, zu berücksichtigen. Ausgewertet werden zurzeit die Plattformen Instagram, TikTok, YouTube und Facebook sowie die Websites von Komitees, Allianzen, Parteien, Verbänden und NGOs. Wir möchten diese flüchtigen, nur schwer systematisch erfassbaren Kommunikationsformen zumindest punktuell sammeln und sichern.

Die dokumentarisch angelegte Sammlung «Abstimmungspropaganda Social Media» ist in den letzten vier Jahren auf über 200 Videos angewachsen – selbstredend handelt es sich dabei nur um einen Bruchteil der verbreiteten audiovisuellen Propaganda. Bei der Auswahl wenden wir qualitative Kriterien an, welche die technische Raffinesse, den Informationsgehalt und die Dramaturgie betreffen. Für eine Aufnahme in die Sammlung sprechen ein Mindestmass an performativer Aktion (im Gegensatz zu reinen Talking Heads) und eine kreative Bewältigung des Themas (Inszenierung, Speech, filmische Umsetzung). Uns interessieren zudem wiederkehrende Akteur:innen, die sich zu (fast) jedem Thema äussern, wie beispielsweise die Polit-Urgesteine Jacqueline Badran oder Thomas Matter, aber auch ein Campaigner wie Flavien Gousset mit seinen politischen Erklärvideos oder ein Comedian wie Michael Elsener, der den Stimmberechtigten mit seinen solide recherchierten und aufwändig produzierten Videos eine Entscheidungshilfe anbietet. Berücksichtigt werden auch KI-generierte oder offensichtlich auf Provokation angelegte Videos.

Die Produktion der Videoclips ist kostengünstig, ebenso die Distribution auf den diversen Social-Media-Kanälen, wo die Rezeption eher en passant geschieht. Die Niederschwelligkeit der Sozialen Medien erlaubt es, politische Zielgruppen zu erschliessen, die sonst kaum erreichbar sind. Solche Vorteile lassen vermuten, dass uns diese audiovisuellen Formate wohl noch länger beschäftigen werden.

Über vergangene eidgenössische Abstimmungen kann man sich nicht nur im Sozialarchiv informieren. Seit 2019 kooperiert das Sozialarchiv mit Swissvotes, der umfassendsten Datenbank zu sämtlichen eidgenössischen Volksabstimmungen seit 1848. Swissvotes, die Online-Datenbank von «Année Politique Suisse» am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern, stellt ausführliche Informationen und Daten zu jeder Vorlage zur Verfügung und präsentiert das visuelle Propagandamaterial, u.a. auch aus den Sammlungen des Sozialarchivs.

Papierarchiv: Revisionen und Umzüge

Das Schweizerische Sozialarchiv musste in den letzten Jahrzehnten seine Lagerkapazitäten stetig erweitern und wirtschaftete zuletzt mit zusätzlichen Aussenmagazinen an drei verschiedenen Standorten, was logistisch einigen Aufwand verursachte. Statt für den weiteren Neuzuwachs ein viertes Aussenlager mit Raumvorrat für die nächsten ca. zehn Jahre anzumieten, entschloss sich das Sozialarchiv dazu, in Zukunft mit dem Archivdienstleister Archivsuisse zusammenzuarbeiten und die bisherigen Aussenmagazine gestaffelt aufzulösen. Archivsuisse stellt dem Sozialarchiv geeignete Lagerräumlichkeiten in Bahnhofsnähe in Winterthur zur Verfügung und übernimmt auch die Verantwortung für die Bewirtschaftung und Logistik der dort eingelagerten Bestände. Das Sozialarchiv bezahlt nur so viel Mietkosten, wie es effektiv Platz belegt.

Die ausgelagerten Archivbestände waren auf zwei dieser Aussenmagazine verteilt gewesen. Die Auflösung des kleineren, unweit des Spitals Balgrist an der Forchstrasse 317 befindlichen Lagers war auf März 2026 terminiert. Im Hinblick auf diesen Umzug hatte die Abteilung Archiv im Sommer 2025 eine Revision der dort befindlichen Bestände aufgenommen: Sämtliche Archiv-Dossiers wurden auf ihren Zustand überprüft und mit dem Archivfindmittel abgeglichen; bei Bedarf wurde die Verzeichnung angepasst, wurden die Inhalte besser geordnet oder abgenutzte Behältnisse ersetzt. In einem zweiten Schritt bekam jede Schachtel eine RF-ID und wurden alle darin befindlichen Archiv-Signaturen damit verknüpft. Dies ermöglicht in Zukunft eine Ortung der Schachteln und sämtlicher darin befindlichen Dossiers.

Insgesamt wurden bis Ende Februar 2026 rund 7’500 Dossiers gesichtet bzw. rund 660 Laufmeter Archiv für den Umzug nach Winterthur vorbereitet. Weitere 160 Laufmeter wurden für eine eingehende Revision temporär in die Magazinräumlichkeiten an der Stadelhoferstrasse 12 verschoben. Anfang März erfolgten plangemäss der mehrtägige Umzug der Archivbestände nach Winterthur und anschliessend der Rückbau der Rollgestellanlage an der Forchstrasse 317, eine Eingangskontrolle aller Archiv-Schachteln am neuen Standort sowie eine Bereinigung letzter Unstimmigkeiten bei den IT-System-Schnittstellen. Ende März konnte der Ausleihbetrieb, der für die betroffenen Bestände vom 16. Februar bis am 23. März 2026 ausgesetzt war, wieder hochgefahren werden.

Mit der Auflösung des Aussenlagers an der Forchstrasse 317 per Ende März 2026 hat die Abteilung Archiv die erste Etappe der Zusammenlegung der bisherigen Aussenmagazine am neuen Standort in Winterthur unter Einsatz von sehr viel Manpower erfolgreich hinter sich gebracht. Die zweite, weitaus grössere Etappe schliesst nahtlos daran an: Auf Ende März 2027 wird das etwa viermal so grosse Aussenlager im Verwaltungszentrum Werd aufgelöst – die Revision der dort befindlichen Bestände ist seit März 2026 bereits in vollem Gange.

Plakat der RML zur Reichtumssteuer-Initiative der SP, Abstimmung 4.12.1977 (Urheber:in unbekannt/SozArch F Pc-1443)
Plakat der RML zur Reichtumssteuer-Initiative der SP, Abstimmung 4.12.1977 (Urheber:in unbekannt/SozArch F Pc-1443)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Gabriel Zucman: Reichensteuer. Aber richtig! Berlin, 2026

Wie kommt es, dass Ultrareiche in vielen Ländern keine oder fast keine Einkommenssteuern zahlen? Milliardäre beziehen ihr Einkommen hauptsächlich in Form von Dividenden aus Aktien. Die Dividenden können sie thesaurierend in Holdinggesellschaften reinvestieren und der reinvestierte Ertrag erwirtschaftet wiederum Rendite. So wächst ihr Vermögen kontinuierlich an, ohne dass die Dividenden je als Einkommen erscheinen. Das Steuersystem wirkt in der Folge für Ultrareiche regressiv statt progressiv. Dies widerspricht dem steuerlichen Gleichheitsprinzip, wonach sich alle an der nationalen Solidarität beteiligen sollen. In Frankreich besitzen die 500 reichsten Familien inzwischen 42% (!) des BIP (Stand 2024) und damit ein plutokratisches Machtpotenzial, das für eine Demokratie gefährlich ist.
Zur Bekämpfung des Überreichtums schlägt Gabriel Zucman (*1986), Professor für Wirtschaftswissenschaften in Paris und seit 2021 Leiter der Europäischen Beobachtungsstelle zur Steuerpolitik, eine Mindeststeuer vor: Ab einem Vermögen von 100 Millionen Euro müssen Ultrareiche 2% ihres Vermögens als Einkommen versteuern – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bei einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 6%, die Milliardäre auf ihrem Vermögen erzielen, entspricht dieser Steuersatz ca. einem Drittel ihres Vermögensertrags und damit dem durchschnittlichen Einkommenssteuersatz von 33%. In Frankreich wären rund 1’800 Haushalte von dieser Steuer betroffen und sie würde ca. 20 Milliarden Euro Einnahmen pro Jahr generieren. Die Mindesteinkommenssteuer bietet im Gegensatz zu bisherigen Reichensteuern keine steuerrechtlichen Schlupflöcher und Ultrareiche können ihr kaum entgehen, da sie an das Vermögen gekoppelt ist, welches sich (nicht zuletzt dank des Automatischen Informationsaustauschs) schlecht verschleiern lässt.
Wer denkt, das Steuersystem sei zwar ungerecht, aber zu komplex, um es zu verstehen, sollte dieses schmale Bändchen von Gabriel Zucman unbedingt lesen!

Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Ditzingen, 2025

Der Philosoph und Mathematiker Rainer Mühlhoff, Professor für Ethik der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück, warnt eindringlich vor dem antidemokratischen Potenzial der KI als Nährboden eines neuen Faschismus aus der Synergie von Alt-Right-Politik à la Trump und AfD und elitistischen Tech-Ideologien à la Musk und Konsorten, deren Konzerne tagtäglich millionenfach unsere Daten und algorithmische Systeme nutzen, um unser Verhalten zu steuern und Ungleichheit zu verstärken.
Zentrales Kennzeichen der neuen faschistischen Kräfte sei deren Bestreben, die Möglichkeiten von Datenanalyse- und KI-Technologien zu nutzen, um den Rechtsstaat und die demokratische Ordnung zu schwächen und durch ein «schlankes», auf Automatisierung und Algorithmen beruhendes Staatswesen zu ersetzen. Freilich führen gemäss Mühlhoff KI-Technologien nicht zwangsläufig in diese Richtung. Zur Abwehr des Abgleitens in einen KI-unterstützten Faschismus sind seines Erachtens vor allem zwei Punkte wichtig: Die Isolation der antidemokratischen Kräfte nicht nur durch parlamentarische «Brandmauern», sondern etwa auch durch Berichterstattung über deren Sabotageversuche parlamentarischer Abläufe sowie Widerstand gegen deren Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit. Und ein neues Sprechen über KI: An die Stelle technokratischer Heilserwartungen sowie naiver und deterministischer Fortschrittsnarrative sollte insbesondere die Thematisierung und Realisierung der Spielräume für demokratische Mitgestaltung und öffentliche Kontrolle von KI treten.

George Orwell: Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch. Ditzingen, 2026

Das Interesse an George Orwell, der vor allem für seine antistalinistische Parabel «Animal Farm» (1945) und den dystopisch-antitotalitären Roman «Nineteen Eighty-Four» (1949) bekannt ist, erlebt zurzeit vor dem Hintergrund von autoritärem Backlash, zunehmender digitaler Überwachung und überbordender Fake-News-Kampagnen eine Renaissance. Diese hat sich nicht nur im Merchandise-Brand «Make Orwell Fiction Again», sondern auch in Neuauflagen seiner Werke sowie gegenwartsbezogener Sekundärliteratur niedergeschlagen.
Zum ersten Mal liegt nun auch eine deutschsprachige Auswahl von Orwells 1943 bis 1949 für die Zeitschrift «Tribune» verfassten Kolumnen vor. Sie decken das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Übergang in den Kalten Krieg, den der 1950 verstorbene Orwell gerade noch erlebte, ab und behandeln feuilletonistisch Themen, die Orwell in seinen zeitgleich verfassten Hauptwerken auch literarisch beschäftigten: Totalitarismus, Krieg, Oligarchie, Propagandatechniken, Verschwörungstheorien, Desinformation. Viele Beobachtungen Orwells erscheinen sehr aktuell, etwa, wenn er Anfang 1944 auf die Auswirkungen der Medialisierung von Kriegsereignissen für die Geografiekenntnisse der Bevölkerung hinweist, wenige Wochen später die Problematik einer von allen politischen Lagern geteilten Faschismusdefinition anspricht, Ende 1945 die Vorstellung vom völkerverbindenden Charakter des Sports in Zweifel zieht oder im Januar 1946 über das Verhältnis totalitärer Systeme zur Geschichte (die aus Sicht totalitären Denkens nicht studiert, sondern geschaffen werden muss) und Vernunft (deren Gesetze von totalitären Politikern missachtet werden können) räsoniert.

Weitere Bücher von und über George Orwell im Sozialarchiv (Auswahl):

  • Atkins, John: George Orwell: A literary study. London 1954, 22318
  • Büthe, Lutz: Auf den Spuren George Orwells: Eine soziale Biographie. Hamburg 1984, 76164
  • Crick, Bernhard: George Orwell: A life. London 1981, 73780
  • Hasselblatt, Dieter (Hg.): Orwells Jahr: Ist die Zukunft von gestern die Gegenwart von heute? Frankfurt 1983, 75135
  • Johansen, Anatol: Orwell im Verhör: Die Befragung des Grossen Bruders. München 1984, 75493
  • Karp, Masha: George Orwell and Russia. London 2023, 150704
  • Lang, Hans-Joachim: George Orwell: Eine Einführung. München 1983, 75305
  • Lewis, Peter: George Orwell: Biographie. Frankfurt 1982, 73241
  • Meyer-Larsen, Werner (Hg.): Der Orwell-Staat 1984: Vision und Wirklichkeit. Reinbek 1983, 74989
  • Neumann, Horst und Heinz Scheer (Hg.): Plus minus 1984: George Orwell Vision in heutiger Sicht. Freiburg i. Br. 1983, 75508
  • Orwell, George: La vache enragée. Paris 1935, Bo 2464
  • Orwell, George: Farm der Tiere: Eine Fabel. Zürich 1946, 14646
  • Orwell, George: Neunzehnhundertvierundachtzig: Roman. Zürich 1950, 17546
  • Orwell, George: Das verschüttete Leben: Roman. Zürich 1953, 19654
  • Orwell, George: Selected Essays. Harmondsworth 1957, 23108
  • Orwell, George: The lion and the unicorn: Socialism and the English genius. London 1962, 42145
  • Orwell, George: Mein Katalonien. München 1964, 32010
  • Orwell, George: Der Weg nach Wigan Pier. Zürich 1982, 73437
  • Orwell, George: Reise durch Ruinen: Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945. München 2021, 146716
  • Plank, Robert: George Orwells «1984»: Eine psychologische Studie. Frankfurt 1983, 75313
  • Rosat, Jean-Jacques: L’esprit du totalitarisme: George Orwell et 1984 face au XXIe siècle. Marseille 2025, 155182
  • Rosenstiel, Francis und Shlomo Giora (Hg.): Big brother, un inconnu familier: Contributions au Colloque George Orwell: 1984, mythes et réalités. Lausanne 1986, 82177
  • Schröder, Hans-Christoph: George Orwell: Eine intellektuelle Biographie. München 1988, 87569
  • Shelden, Michael: George Orwell: Eine Biographie. Zürich 1993, 95465

Silvia Süess: Reden, um nicht zu ersticken. Uschi Waser – die Lebensgeschichte einer Jenischen. Zürich, 2026

Uschi Waser war ein «Kind der Landstrasse» und erzählte Silvia Süess erstmals darüber in einem Interview, das im November 2023 in der Wochenzeitung WOZ in vier Teilen erschien. Die Aktion «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute wurde 1926 gegründet und hatte das Ziel, Kinder jenischer Familien ihren Eltern wegzunehmen und damit die jenische Kultur in der Schweiz systematisch auszulöschen. Das «Hilfswerk» bestand bis 1973.
1989 las Uschi Waser im Alter von 36 Jahren erstmals ihre Pro-Juventute-Akten – ein Moment, der bei ihr einen Zusammenbruch auslöste. Bis dahin hatte sie das Ausmass des staatlichen Unrechts, das sie erfahren hatte, nicht vollständig erkannt. Die Konfrontation wurde zu einem Wendepunkt: Von da an begann sie öffentlich über ihre Biografie zu sprechen – auch stellvertretend für viele andere Betroffene. Im Bundesarchiv sind rund 600 Akten erhalten, tatsächlich dürften jedoch weit mehr Kinder betroffen gewesen sein. Schätzungen von Betroffenenorganisationen gehen von bis zu 2’000 Kindern aus.
Das Erzählen wurde für Uschi Waser zur Überlebensstrategie und ist es bis heute geblieben. Die WOZ-Kulturredakteurin Silvia Süess kam zum Schluss, dass journalistische Artikel allein nicht ausreichen, um Wasers Kampf sichtbar zu machen. Deshalb schrieb sie das nun vorliegende Buch, das in der Schweizer Presse breite Beachtung fand.
Die Verfolgung der Jenischen in der Schweiz wurde im Februar 2025 in einem im Auftrag des Eidgenössischen Departements des Innern erstellten Rechtsgutachten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Uschi Wasers Lebensgeschichte macht sichtbar, wie tiefgreifend die erfahrene Unmenschlichkeit war. Zugleich ermöglicht ihr beharrliches öffentliches Sprechen, dass dieses Unrecht heute nicht vergessen wird.

Im Sozialarchiv befinden sich sowohl die Dokumentation «Kinder der Landstrasse» (SozArch Ar 474) als auch das Archiv von Pro Juventute (SozArch Ar PJ).

Am 22.10.2026 findet im Sozialarchiv im Rahmen des Buchfestivals «Zürich liest» eine Buchpräsentation mit Uschi Waser und Silvia Süess statt.

Hu Anyan: Ich fahr Pakete aus in Peking. Berlin, 2025

Hu Anyan schreibt über seine insgesamt neunzehn Jobs, die er nach seinem Highschool-Abschluss hatte. Er zeichnet Mangas, arbeitet als Fahrradmechaniker, als Verkäufer in einem 24h-Shop, in einem Logistikzentrum, in einer Kantinenküche, an einer Tankstelle und er liefert Pakete in Peking aus. Alles Tätigkeiten im Niedriglohnsektor, zu unguten Bedingungen: 13-Stunden-Schichten ohne Pause, zwei Wochen arbeiten ohne einen einzigen freien Tag, unbezahlte Einarbeitungszeit, Nachtarbeit, schlechte Ausrüstung, arbeiten ohne Krankenversicherung und ohne Urlaubsanspruch, jederzeit kündbar und bei manchen Arbeitsstellen muss er auch da wohnen.
Das titelgebende Kapitel «Ich fahr Pakete aus in Peking» ist das Herzstück des Buchs, in welchem er die unglaublich ineffiziente Vorstellungsprozedur mit Gesundheitsnachweis und langen Wartezeiten beschreibt – nach zwei Wochen kann er für drei Tage zur Probe bei einem Kollegen mitarbeiten, bis er selbst einen schlecht gewarteten Trike (dreirädriges Kraftfahrzeug) abholen darf und auf Stundenlohnbasis eingesetzt wird. Die Kund:innen ordern auch Waren an ihren Arbeitsort. Da ein Kranführer, der ein Paket an seine Baustelle bestellt hat, nicht vom Kran heruntersteigen kann, um es entgegenzunehmen, muss der Kurier das Paket am nächsten Tag erneut anliefern. Aus Angst, ihre genaue Adresse anzugeben, bestellen manche Kund:innen ihre Ware auf einen bestimmten Zeitpunkt an Strassenecken oder öffentliche Plätze, was oft auch nicht funktioniert. Für den Abend wird erwartet, dass man an firmeninternen Kursen teilnimmt.
Bei einem solchen Leben ist es kaum möglich, noch anderen Interessen nachzugehen oder Freundschaften zu pflegen. Hu Anyan schafft es trotzdem, sich immer wieder längere Zeit dem Schreiben und Lesen zu widmen. Seine Eltern schildert er als einfache Menschen, die das heutige China nicht mehr verstehen, aber darauf bedacht sind, alles richtig zu machen. Der ganze Bericht ist merkwürdig emotionslos, lakonisch und zum Teil (wahrscheinlich) unfreiwillig komisch geschrieben.

4./5. Juni 2026: Gosteli-Gespräche 2026

«Über Grenzen verbunden: Schweizerische Frauenbewegungen und ihre transnationalen Verflechtungen»

Konferenz des Gosteli-Archivs in Kooperation mit dem Schweizerischen Sozialarchiv
4./5. Juni 2026, Universität Zürich, Rämistrasse 71, KOL-G-217

Anmeldung bis am 31. Mai 2026 unter: anmeldung@gosteli-archiv.ch

Detailprogramm herunterladen (PDF, 141 KB)

Anstecknadel-Verkauf zugunsten der heimkehrenden Russland-Schweizer, um 1918 (SozArch F 5119-Oa-002)
Anstecknadel-Verkauf zugunsten der heimkehrenden Russland-Schweizer, um 1918 (SozArch F 5119-Oa-002)

Der Jahresbericht 2025 des Sozialarchivs liegt vor

Das Wichtigste in Kürze

Neben analogen und digitalen Schriftquellen, stehenden und bewegten Bildern sowie Tonaufnahmen bewahrt das Sozialarchiv auch dreidimensionale Objekte aller Art auf: Fahnen, Wimpel, Transparente, Plaketten, Pins, Gedenk- und Jubiläumsteller, Besteck, Fensterbilder, Skulpturen, Instrumente u. v. a. m., aber auch Gadgets vom Ballon, Bierdeckel und Bonbon über den Teebeutel bis zur Zahnbürste und Zündholzschachtel. Es handelt sich um materiell wenig wertvolle Manifestationen einer bestimmten Organisationskultur (Erkennungszeichen, Auszeichnungen, Geschenke, Werbeartikel, Gebrauchsutensilien usw.) oder um dinghaft gewordene politische Rhetorik. Solche Sammlungsstücke fallen oft zwischen die Sparten: Für Museen sind sie zu wenig kostbar und einmalig, für Archive zu sperrig und ungewohnt. Manchmal sagen diese «Sachquellen» aber fast so viel wie tausend Worte und können andere Quellengattungen pointiert ergänzen. Die Illustrationen des vorliegenden Jahresberichts zeigen eine kleine Auswahl dieser dreidimensionalen Sammelobjekte des Sozialarchivs.

Im Berichtsjahr hat das Sozialarchiv das Angebot an analogen und digitalen, schriftlichen und audiovisuellen Quellen, wissenschaftlicher und grauer Literatur zu seinen Schwerpunktthemen erneut in allen Abteilungen ausgebaut. Das Archiv verzeichnete fast 90 Ablieferungsanfragen. Gegen Ende der Berichtsperiode näherte sich die Zahl der erschlossenen Archivbestände der 1000er-Grenze. Wichtige Übernahmen waren etwa die Archive von Veloland Schweiz/SchweizMobil, Arche Zürich und des Frauenflüchtlingsprojekts FEMIA oder der Nachlass des Radiopioniers Christoph Lindenmaier. Die wachsenden Bestände wollen auch sorgfältig aufbewahrt werden: Während des ganzen Berichtsjahres arbeitete das Sozialarchiv am neuen Magazinkonzept sowie der internen Notfallplanung. Zugleich wurden verschiedene Projekte der digitalen Transformation vorangetrieben.

Die Sammlungen des Sozialarchivs wurden im Berichtsjahr intensiv genutzt. Die Benutzung von Archivbeständen hat von hohem Niveau aus nochmals stark zugenommen. Die Benutzung der analogen Bestände der anderen Abteilungen war nur leicht rückläufig, diejenigen der digitalen Angebote nimmt weiter zu.

Einen hohen Stellenwert hatten auch in diesem Berichtsjahr die Vermittlungsaktivitäten und die Öffentlichkeitsarbeit. Die zahlreichen Buchpräsentationen und weiteren öffentlichen Veranstaltungen sowie Führungen für ganz unterschiedliche Gruppen stiessen auf ein gutes Echo. Der Fonds «Forschung Ellen Rifkin Hill» förderte im Berichtsjahr acht Projekte. Mitarbeitende des Sozialarchivs wirkten in zahlreichen Gremien und Veranstaltungen des Archiv- und Bibliothekswesens, der Forschung und Hochschullehre, der Berufs- und Gymnasialbildung und öffentlichen Vermittlung mit.

Das Schweizerische Sozialarchiv dankt allen, die es 2025 unterstützt haben: den Behörden, den Vereinsmitgliedern, den Partnerinstitutionen und -vereinigungen, den Benutzerinnen und Benutzern sowie allen Personen und Organisationen, die uns Schenkungen und Leihgaben anvertraut haben. Ein besonderer Dank geht an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ohne deren Einsatz das Sozialarchiv seine vielfältigen Aufgaben nicht erfüllen könnte.

Den Jahresbericht 2025 als PDF-Dokument herunterladen (10 MB)

29.4.2026, 18.30 Uhr: Kampfzone Ossola

Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs rückten die Kampfhandlungen immer näher an die Grenzen der Schweiz und überschritten diese teilweise sogar. Besonders spürbar war dies in der Region von Domodossola. Dort entstand im Herbst 1944 kurzzeitig eine freie Partisanenrepublik, welche einen regen Austausch mit der Schweiz pflegte. Obwohl nur einige Kilometer von der Grenze entfernt, ist diese Geschichte in der Deutschschweiz beinahe unbekannt. Das neue Buch von Raphael Rues und Andrej Abplanalp schliesst diese Lücke und entwirrt das komplexe Geflecht zwischen italienischen Partisan:innen, deutschen und faschistischen Truppen sowie den zunehmend involvierten Schweizer Behörden in den Jahren 1943 bis 1945.

Das Buch leistet einen Beitrag zur aktuellen Erinnerungsdebatte und zur Rehabilitation der Schweizer:innen, die im Zweiten Weltkrieg die italienische Resistenza oder französische Résistance unterstützt haben.

Buchpräsentation mit den Autoren Raphael Rues und Andrej Abplanalp sowie Andreas Rieger (Gruppo per la Memoria 1943–1945).
Mit anschliessendem Apéro.

Mittwoch, 29. April 2026, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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Bahnhof Belgrad, 1967 (Foto: Arnold Thiel/SozArch F 5083-Fe-021)
Bahnhof Belgrad, 1967 (Foto: Arnold Thiel/SozArch F 5083-Fe-021)

Vor 35 Jahren: Krieg in Jugoslawien

Am Abend des 27. Juni 1991 konnten Herr und Frau Schweizer in der Tagesschau live den Beginn eines Krieges verfolgen, der sich in verschiedenen Phasen bis zum Ende des Jahrzehnts fortsetzen sollte und den Hoffnungen auf eine friedlichere Zukunft nach dem Ende des Kalten Krieges einen brutalen Dämpfer versetzte. Kamerateams des österreichischen Fernsehens berichteten direkt von der Grenze über die ausgebrochenen Kämpfe zwischen Einheiten der Jugoslawischen Volksarmee und Sicherheitskräften Sloweniens, das zwei Tage zuvor seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Nach einer weit verbreiteten Ansicht brach damit erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder ein Krieg in Europa aus.

Ganz korrekt war dies zwar nicht. Im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg hatte in Griechenland 1946 bis 1949 ein brutaler Bürgerkrieg getobt. Auf Zypern gab es 1955 bis 1959 einen bewaffneten Aufstand gegen die britische Kolonialherrschaft, gefolgt von bürgerkriegsartigen Unruhen zwischen griechischen und türkischen Zypriot:innen 1963/64 und 1974 dann einem griechisch-nationalistischen Putsch mit anschliessender türkischer Invasion, was zur faktischen Teilung der Insel führte. Im Baskenland und in Nordirland eskalierten ab Ende der 1960er Jahre Konflikte in einer Art und Weise, dass oft von Krieg bzw. Bürgerkrieg die Rede war (s. SozialarchivInfo 1/2019). Hinzu kamen sowjetische Militärinterventionen in der DDR 1953, Ungarn 1956, der Tschechoslowakei 1968 sowie Litauen und Lettland Anfang 1991 (s. SozialarchivInfo 5/2016 und 1/2018), ebenso Militärputsche gegen demokratische Regierungen in der Türkei 1960, 1971 und 1980 sowie in Griechenland 1967 und gegen diktatorische Regime in Portugal 1974 und Rumänien 1989 (s. SozialarchivInfo 1/2024).

Die jugoslawischen Zerfallskriege stellten aber an Intensität und Brutalität alle gewaltsamen Konflikte in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Ausläufern in Griechenland in den Schatten und liessen in der westlichen Publizistik die aus der Jahrhundertwende stammende Metapher vom «Pulverfass Balkan» wieder aufleben. Während das Auseinanderbrechen der Sowjetunion 1991 letztlich eine verspätete (und unvollständige) Dekolonisation darstellte und die Auflösung der Tschechoslowakei im Jahr darauf im Modus einer einvernehmlichen Trennung erfolgte, spielten beim Zerfall Jugoslawiens strukturelle (v. a. wirtschaftliche, soziokulturelle und erinnerungspolitische) Faktoren sowie das unheilvolle Wirken vermeintlicher «Strongmen» vor dem Hintergrund einer geopolitischen Disruption in katastrophaler Art und Weise zusammen.

Vom imperialen Grenzgebiet über den nationalistischen Gewaltraum zum titoistischen Vielvölkerstaat

Mit den Jugoslawienkriegen zerfiel ein Staat, dessen Geschichte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zurückreichte. Das Gebiet des nachmaligen Jugoslawiens hatte sich bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Grenzbereich der Imperien der Habsburger und Osmanen befunden. Bereits im 19. Jahrhundert war mit dem «Jugoslawismus» die Idee einer Vereinigung aller Südslaw:innen in einem Staat aufgekommen. Als Führungsmacht eines solchen Zusammenschlusses erschien zunehmend Serbien, das seit 1830 ein autonomes Fürstentum im Osmanischen Reich bildete, 1878 die Unabhängigkeit erlangte und 1882 zum Königreich wurde. Konkurrierende Konzepte waren der «Illyrismus», der Zusammenschluss der Territorien von Kroatien, Slowenien und Bosnien unter kroatischer Führung im Rahmen des Habsburgerreiches, und der «Panslawismus», die kulturelle und politische Einheit aller slawischen Völker unter russischer Führung. Abseits dieser Gedankenspiele intellektueller und politischer Eliten waren nationale Identifikationen bei der breiten bäuerlichen Bevölkerung Südosteuropas aber bis zur Jahrhundertwende noch sehr fluide. Erst dann erfasste der Nationalismus infolge grösserer gesellschaftlicher Mobilität, der Entwicklung eines national(istisch)en Presse- und Vereinswesens sowie politischer und wirtschaftlicher Modernisierungskrisen und Kriegen immer breitere Bevölkerungsschichten.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts brach die osmanische Herrschaft auf dem Balkan zunehmend zusammen. 1877 eskalierten ein serbisch-osmanischer Krieg und ein Aufstand gegen die osmanische Herrschaft in Bulgarien in einen russisch-osmanischen Krieg, dessen Beilegung auf dem Berliner Kongress 1878 die politische Landkarte Südosteuropas zulasten des Osmanischen Reiches stark veränderte. Unter anderem wurde die Unabhängigkeit von Serbien und Montenegro anerkannt und beide Länder konnten ihre Territorien erweitern. Das Habsburgerreich erhielt zwecks Verhinderung der Bildung eines grossen südslawischen Staates das Recht zur Besetzung und Verwaltung des formal beim Osmanischen Reich verbleibenden Bosnien-Herzegowina, was dort auf starken Widerstand der muslimischen wie auch serbisch-orthodoxen Bevölkerungsteile stiess. 1908 löste die Annexion Bosnien-Herzegowinas durch das Habsburgerreich, mit der Wien nicht nur das Osmanische Reich, sondern auch die unabhängigen Balkanstaaten sowie das sich als Schutzherr der südslawischen Völker aufspielende Russland brüskierte, eine schwere internationale Krise aus. Unter russischer Förderung entstand daraufhin ein Militärbündnis zwischen Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland mit dem Ziel der Vertreibung des Osmanischen Reiches vom Balkan. Nach einem Krieg von Oktober bis Dezember 1912 musste das Osmanische Reich auf fast alle seiner über Jahrhunderte gehaltenen südosteuropäischen Territorien verzichten. Es kam aber sofort zu Konflikten unter den Siegermächten über die Verteilung der eroberten Gebiete, die in den zweiten Balkankrieg von Juni bis August 1913 mündeten, bei dem Serbien, Griechenland, Rumänien und das Osmanische Reich gegen Bulgarien kämpften.

Kurz nach den Balkankriegen, aus denen Serbien politisch gestärkt und mit stark vergrössertem Territorium (einschliesslich des Kosovo) hervorgegangen war, lösten im Sommer 1914 die Ermordung des habsburgischen Thronfolgepaares in Sarajevo durch bosnisch-serbische Nationalisten und die darauffolgende Kriegserklärung des Habsburgerreiches an Serbien den Ersten Weltkrieg aus, in dem Serbien, das während des Krieges zeitweise vollständig von österreich-ungarischen, deutschen und bulgarischen Truppen besetzt war, schliesslich auf der Siegerseite stand. Das am 1. Dezember 1918 gebildete «Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen» unter dem serbischen Königshaus erwarb aus der Konkursmasse des Habsburgerreiches Slowenien, Kroatien-Slawonien, Dalmatien, Bosnien-Herzegowina und die Vojvodina, hinzu kamen noch Montenegro sowie Makedonien, das bis 1912 zum Osmanischen Reich gehört hatte und dann zwischen Serbien, Bulgarien, Griechenland und Albanien umstritten gewesen war. Zeitgenössische Literatur zur Entwicklung vor und nach der Gründung des ersten Jugoslawiens findet sich im Sozialarchiv etwa in der Geschenkbibliothek des Buchbinders und Gewerkschafters Josef Veselic.

Der neue Staat umfasste eine kulturell heterogene Bevölkerung: Neben den Sprecher:innen von Variationen des südslawischen Dialektkontinuums, das eine Abgrenzung von «Nationalsprachen» umstritten machte und in zwei verschiedenen Alphabeten geschrieben wurde, gab es albanische, ungarische, deutsche und weitere sprachliche Minderheiten. In religiöser Hinsicht waren Orthodoxie, Katholizismus, Islam und Judentum präsent. Hinzu kam ein starkes wirtschaftliches Entwicklungsgefälle zwischen ehemals habsburgischen und ehemals osmanischen Landesteilen. Und die unterschiedlichen Vergangenheiten in verschiedenen Imperien hatten in den einzelnen Regionen zur Herausbildung je eigener Nationalmythen (in Serbien insbesondere des ursprünglich religiösen, im 19. Jahrhundert dann nationalisierten Kosovo-Mythos um die Schlacht auf dem Amselfeld von 1389) geführt.

Die serbische Dominanz im zentralistisch verfassten Staat stiess im Verlauf der 1920er Jahre zunehmend auf Opposition, vor allem aus Kroatien. Vor dem Hintergrund dieser Konflikte sowie einer allgemeinen Tendenz zu Autoritarismus im Europa der Zeit setzte König Alexander I 1929 in einem Staatsstreich die Verfassung ausser Kraft, löste das Parlament auf und errichtete eine Königsdiktatur. Die zugleich erfolgende Änderung des Staatsnamens in «Königreich Jugoslawien» erreichte aber ihren Zweck der Festigung einer jugoslawischen Identität nicht. Fünf Jahre darauf fiel Alexander einem Attentat in Marseille, hinter dem eine Verschwörung bulgarisch-makedonischer Nationalisten und kroatischer Faschisten stand, zum Opfer. Die innerjugoslawischen Spannungen hielten an und wurden auch durch Gewährung weitgehender Autonomie an Kroatien 1939 nicht gelöst.

Im Zweiten Weltkrieg ging mit dem Balkanfeldzug der Achsenmächte im Frühjahr 1941 das erste Jugoslawien unter. Sein Territorium wurde von Deutschland, Italien, Ungarn und Bulgarien besetzt, die verschiedene Grenzregionen annektierten. In Kroatien und Bosnien-Herzegowina entstand der von den Achsenmächten abhängige «Unabhängige Staat Kroatien» unter der Diktatur der faschistischen Ustaša, die mit brutaler Gewalt eine homogene kroatische Bevölkerung herstellen wollte und in einem umfangreichen System von Konzentrationslagern Hunderttausende von Serb:innen, Jüdinnen und Juden, Roma und antifaschistischer Oppositioneller ermordete. Vor diesem Hintergrund wurden dann die kroatischen Unabhängigkeitsbestrebungen des späten 20. Jahrhunderts von serbischer Seite häufig als Wiederaufleben des äusserst gewalttätigen Ustaša-Faschismus interpretiert.

In Serbien richteten die deutschen Besatzer eine einheimische Kollaborationsregierung mit Milizen ein, die bei der Aufstandsbekämpfung sowie Ermordung von Jüdinnen, Juden und Roma mithalfen. Auf Seite der Achsenmächte kämpften auch die Slowenische Heimwehr («Domobranzen»), die aus Jugoslawiendeutschen gebildete SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division «Prinz Eugen», die vor allem aus muslimischen Bosniern gebildete, von Mohammed Amin al-Husseini, dem ehemaligen Grossmufti von Jerusalem und späteren politischen Mentor Jassir Arafats, organisierte SS-Waffen-Gebirgs-Division «Handschar», die vor allem aus Kosovo-Albanern gebildete SS-Waffen-Gebirgs-Division «Skanderbeg» und eine Kosaken-Kavallerie-Division in deutschen Diensten. Gegen die Besatzungsmächte und Kollaborateure leistete ab Sommer 1941 die stark kommunistisch beeinflusste, aus allen Teilen Jugoslawiens stammende Partisanenbewegung Titos Widerstand. Daneben existierten serbisch-monarchistische Tschetnik-Verbände, die anfangs im Auftrag der königlichen Exil-Regierung Jugoslawiens handelten und von Grossbritannien unterstützt wurden, sich dann aber zunehmend auf den Kampf gegen die mit den Alliierten verbündeten Partisanen konzentrierten und dabei auch mit den Besatzungsmächten zusammenarbeiteten.

Aus dieser komplexen Konfliktkonstellation mit zahlreichen Kriegsverbrechen von allen Seiten ging die Partisanenarmee, die im Oktober 1944 Belgrad einnahm, als Siegerin hervor. Anders als in anderen Teilen Osteuropas spielte die Sowjetunion bei der Errichtung der kommunistischen Herrschaft in Jugoslawien eine untergeordnete Rolle, was bald eine selbstbewusstere Haltung gegenüber Moskau ermöglichte. Bei Kriegsende und unmittelbar danach kam es zu zahlreichen Massakern an Kollaborateuren und Faschisten (die in der kroatisch-nationalistischen Erinnerungskultur dann teilweise zu einem antikroatischen Genozid umgedeutet werden sollten) sowie zur Verfolgung und Vertreibung der jugoslawiendeutschen Minderheit (s. SozialarchivInfo 2/2025). Die politischen Gruppierungen ausserhalb der kommunistisch geführten Volksfront, die bei den von der Opposition boykottierten Wahlen 1945 auf rund 90% der Stimmen kam, wurden rasch ausgeschaltet. Die am 29. November 1945 proklamierte «Föderative Volksrepublik Jugoslawien» bestand aus den sechs Teilrepubliken Serbien (mit den beiden autonomen Provinzen Vojvodina und Kosovo), Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Makedonien und Montenegro.

In den folgenden Jahren wurde die Wirtschaft nach sowjetischem Vorbild verstaatlicht und zentraler Planung unterworfen. In den ersten Nachkriegsjahren leisteten Kommunist:innen aus anderen Ländern Hilfe beim wirtschaftlichen Aufbau. Der Basler Hans Stebler, dessen Nachlass sich im Sozialarchiv befindet, beteiligte sich 1946 am Bau der Eisenbahnlinie von Brčko nach Banovići. Im folgenden Jahr war er Leiter der 86-köpfigen «Schweizer Arbeitsbrigade» in Jugoslawien. Auch gab es Hilfsaktionen der vom Bundesrat initiierten «Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten» und verschiedener Schweizer Hilfswerke sowie einen vom aus Vukovar stammenden ETH-Professor und Chemie-Nobelpreisträger Leopold Ružička ins Leben gerufenen Schweizerisch-Jugoslawischen Hilfsverein. In jener Zeit kam es zu Gesprächen über einen Beitritt Albaniens zu Jugoslawien oder gar eine Balkanföderation mit Bulgarien sowie als weiteren potenziellen Mitgliedern Griechenland oder Rumänien. Die Konflikte um diese Projekte trugen zum (in der Sachdokumentation des Sozialarchivs mit zahlreichen Kleinschriften vertretenen) Bruch zwischen Tito und Stalin 1948 und zum Ausschluss der jugoslawischen Kommunistischen Partei aus der Kominform bei. Dieser führte dazu, dass die Repression gegen Oppositionelle nun auch auf vermeintliche Stalinist:innen ausgeweitet wurde, die zu Tausenden in Zwangsarbeitslagern landeten.

In der Folge betrieb Jugoslawien eine eigenständige Aussenpolitik und folgte auch in der Organisation der Wirtschaft nicht mehr dem sowjetischen Modell, was beides unter dem Begriff des «Titoismus» subsumiert wurde. Ab den 1950er Jahren verfolgte das Land aussen- und bündnispolitisch einen Sonderweg zwischen den Blöcken von Ost und West. 1961, auf dem Höhepunkt der Dekolonisation (s. SozialarchivInfo 3/2020), gehörte es zusammen mit Indien und Ägypten zu den Initiatoren der Bewegung der Blockfreien Staaten, deren Gründungskonferenz in Belgrad stattfand und der sich zahlreiche Staaten des Globalen Südens anschlossen. Im Inneren wurde ab den frühen 1950ern die zentralistische Planwirtschaft in ein System mit Selbstverwaltung durch Arbeiterräte in den Betrieben und Marktelementen umgebaut, dessen Funktionsweise, wie eine Reihe von Abhandlungen in der Bibliothek des Sozialarchivs zeigt, internationales Interesse auf sich zog. Sowohl linkssozialistische Kreise im Westen (so noch in der Programmrevisionsdebatte der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz um 1980) und Globalen Süden als auch reformkommunistische Kräfte im Ostblock liessen sich vom jugoslawischen Modell inspirieren. Dieses Interesse hat sich beispielsweise in den im Sozialarchiv gelagerten Nachlässen des linkssozialistischen VPOD-Funktionärs Max Arnold (der 1956 eine Studienreise nach Jugoslawien leitete) und des führenden Wirtschaftsreformers des Prager Frühlings und späteren St. Galler Ökonomieprofessors Ota Šik niedergeschlagen. In den Akten des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks im Sozialarchiv finden sich aus jener Phase verschiedene Hilfsprojekte, Schulungen für jugoslawische Fachkräfte sowie Lager für Kinder aus Jugoslawien.

Bis in die 1960er Jahre durchlief Jugoslawien eine Phase rascher Industrialisierung und Urbanisierung und hoher Wachstumsraten, allerdings um den Preis hoher internationaler Kreditaufnahme. Beim Wachstum der Industrieproduktion lag das Land in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre vor Japan weltweit an der Spitze. 1954 bis 1964 stieg das Bruttosozialprodukt im Schnitt um 8,6% pro Jahr, die Industrieproduktion um 12,3% und die Realeinkommen um 5,3%. In der (zumindest rückblickend) «goldenen Zeit» des zweiten Jugoslawiens in den 1960er Jahren ging damit wirtschaftliche Prosperität einher mit einem positiven internationalen Image. Ebenso profitierte das Land von im Vergleich zu den Ostblockstaaten offenen Grenzen. Ab den 1960ern boomte der devisenträchtige Mittelmeertourismus aus dem Westen. Umgekehrt gingen viele Jugoslaw:innen als «Gastarbajteri» nach West- und Mitteleuropa. Ihre Überweisungen in die Heimat glichen ab den späten 1960ern, als der Wirtschaftsmotor ins Stottern kam, zunächst noch einen grossen Teil des jugoslawischen Leistungsbilanzdefizits aus. Ihre grosse Zahl widerspiegelte aber auch die wachsende offizielle und verdeckte Erwerbslosigkeit in Jugoslawien.

Auch die Schweiz, welche mit Jugoslawien 1962 einen bilateralen Sozialversicherungsvertrag abschloss, wurde zum Ziel jugoslawischer Arbeitsmigration auf Basis des Saisonnierstatuts – zunächst vor allem im Gesundheitswesen und der Landwirtschaft, dann schwerpunktmässig in Bauwirtschaft und Tourismus. Betrug der Anteil von Jugoslaw:innen an der ausländischen Wohnbevölkerung in der Schweiz noch 1960 lediglich 0,2%, so stieg er in der Folge rasant von 2,3% (1970) über 6,4% (1980) auf 12,5% (1990), womit die Jugoslaw:innen zur zweitgrössten Ausländer:innengruppe hinter den Italiener:innen wurden. In den Akten der Gewerkschaft Bau und Industrie im Sozialarchiv finden sich aus dieser Phase verschiedene Dossiers zur Integration jugoslawischer Arbeiter:innen.

Zu den wirtschaftlichen Problemen Jugoslawiens um 1970 gehörten nicht nur Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Inflation, sondern auch anhaltende Disparitäten zwischen den Teilrepubliken, die in Verteilungskonflikte mündeten. Im «Kroatischen Frühling» 1970/71 mit Pamphleten und studentischen Demonstrationen wurden sowohl kultur- und sprachpolitische Forderungen erhoben als auch mehr Autonomie der Teilrepubliken und eine Neuaufteilung der zu einem bedeutenden Teil in Kroatien mit seiner langen Adriaküste erwirtschafteten Devisen verlangt. Titos Zentralregierung antwortete darauf unmittelbar mit Repression. 1974 wurde aber eine neue Verfassung erlassen, die die Kompetenzen der Teilrepubliken ausbaute, die 1967 gewährte, sehr weit gehende Autonomie der serbischen Provinzen Vojvodina und Kosovo bestätigte und den Teilrepubliken theoretisch das Recht zum Austritt aus Jugoslawien einräumte.

Der Weg in die Katastrophe

Als am 4. Mai 1980 Tito, der sich 1963 zum Präsidenten auf Lebenszeit gemacht hatte, im Alter von 87 Jahren verstarb, erschien die Zukunft Jugoslawiens ungewiss. Der Vorsitz des kollektiven Bundespräsidiums rotierte nun jährlich zwischen den Teilrepubliken und autonomen Provinzen, die wirtschaftlichen und staatspolitischen Probleme verschlimmerten sich aber weiter. Ein letztes Mal präsentierte sich Jugoslawien 1984 der Weltöffentlichkeit in einem positiven Licht mit den Olympischen Winterspielen in Sarajevo. Mitte der 1980er Jahre betrug die (sehr ungleich über die einzelnen Regionen verteilte) Arbeitslosenquote 16%, die jährlichen Inflationsraten waren dreistellig, das Aussenhandelsbilanzdefizit explodierte und der Dinar wertete sich rasant ab (gegenüber dem Dollar von 1 : 42 im Jahr 1981 über 1 : 457 im Jahr 1986 auf 1 : 1259 Ende 1987). Ende 1988 leitete das Bundesparlament die Privatisierung der Wirtschaft ein und schaffte das Selbstverwaltungssystem ab. Auf Anraten des Internationalen Währungsfonds folgte eine Schocktherapie mit eingefrorenen Löhnen, Subventionsstopps und Ausgabenkürzungen. Dadurch wurde zwar die Währung etwas stabilisiert, die Produktion brach aber ein, viele Arbeitsplätze verschwanden, die Hälfte der Betriebe war vom Bankrott bedroht und die Verteilungskonflikte zwischen den Teilrepubliken verschärften sich noch mehr.

Das ideologische und personelle Vakuum, das mit Titos Tod entstanden war, wurde in der wirtschaftlichen Krisensituation zunehmend von Nationalismen und Nationalisten gefüllt. Aversionen aus der unbewältigten Gewaltgeschichte des Zweiten Weltkriegs und davor, die während vier Jahrzehnten unter dem Deckel gehalten und in der mittleren Tito-Zeit angesichts wirtschaftlicher Prosperität und zahlreicher Mischehen teilweise abgebaut worden waren, gelangten wieder an die Oberfläche und wurden für politische Ambitionen gezielt weiter geschürt. 1981 kam es zu Massenprotesten albanischer Studierender in Priština, bei deren Niederschlagung es zahlreiche Tote gab. Viele Demonstrant:innen forderten, wie schon bei Manifestationen Ende der 1960er Jahre, die Erhebung Kosovos zur Teilrepublik. Der Kosovo, der wirtschaftlich immer mehr zurückfiel, litt damals unter einer Arbeitslosigkeit von über 27%. Das Sozialprodukt pro Person betrug nur noch ein Drittel desjenigen Kernserbiens bzw. Gesamtjugoslawiens und ein Siebtel desjenigen Sloweniens.

1982 sprachen 21 serbisch-orthodoxe Priester und Mönche in einem Aufruf von einem «gut geplanten Genozid» der Albaner:innen an den Kosovo-Serb:innen. 1983 wurde die Beerdigung des berüchtigten Ex-Geheimdienstchefs Aleksandar Ranković, der unter anderem für harte Repressionen im Kosovo verantwortlich gewesen war, in Belgrad zu einer serbisch-nationalistischen Massenkundgebung mit 100’000 Teilnehmenden. Im folgenden Jahr gab es serbische Demonstrationen gegen die kosovarische Autonomie. 1986 veröffentlichte die Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste das «Memorandum zur Lage der serbischen Nation in Jugoslawien», das den Titoismus als «antiserbische Doktrin» kritisierte und eine wirtschaftliche Diskriminierung Serbiens, Unterdrückung der Serb:innen in Kroatien und gar einen Völkermord an den Serb:innen im Kosovo behauptete. Damit etablierte sich der nationalistische Diskurs über einen drohenden «serbophoben» Genozid, dessen angebliche Täterschaft Anfang der 1990er Jahre dann von den Kosovo-Albaner:innen auf die Kroat:innen und gar die internationale Gemeinschaft erweitert wurde. Die gängige Methode populistischer Demagogie, gesellschaftliche Probleme und Konflikte zu einer existenziellen Bedrohungssituation hochzustilisieren und diese zur Mobilisation einer Massenbasis in ein simples «Wir»-vs.-«sie»-Schema zu pressen, wurde dadurch mit katastrophalen Folgen auf die Spitze getrieben.

Auch Slobodan Milošević, ab 1986 Vorsitzender des serbischen Bundes der Kommunisten und ab 1989 Präsident Serbiens, bediente sich zunehmend einer nationalistischen Rhetorik, so 1987 in einer Rede zu Serb:innen im Kosovo («Niemand darf Euch schlagen!») und 1989 bei seiner Ansprache zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld. Im Rahmen der von serbischen Intellektuellen und der Serbisch-Orthodoxen Kirche unterstützten «antibürokratischen Revolution» mit inszenierten Grossdemonstrationen 1987 bis 1989 wurden der Autonomiestatus von Vojvodina und Kosovo auf den Stand von 1963 zurückgestuft und die politischen Schaltstellen in Serbien, Montenegro, Vojvodina und Kosovo mit Gefolgsleuten Miloševićs besetzt. Ebenso erfolgte eine Verdrängung von Albaner:innen aus Verwaltung, Wirtschaft und Bildungswesen, was zur Entstehung von Parallelstrukturen führte. Der Abbau der Autonomierechte stiess bei der albanischen Bevölkerungsmehrheit im Kosovo auf heftigen Widerstand. Es gab Studierendenproteste und Boykotte staatlicher serbischer Einrichtungen. Im Februar 1989 traten Bergarbeiter in Trepča in den Hungerstreik, dann kam es zum Generalstreik und einer Kundgebung mit 300’000 Teilnehmenden. Als das serbische Parlament Ende März die Autonomie faktisch beseitigte, gab es im Kosovo schwere Unruhen mit Dutzenden von Toten. Im Juli 1990 löste Milošević dann Regierung und Parlament des Kosovo auf.

Zu den internen Problemen und Konflikten kam 1989 der Zusammenbruch der kommunistischen Regime im Ostblock (s. SozialarchivInfo 5/2019), der auch in Jugoslawien den Ruf nach freien Wahlen laut werden liess. Im September 1989 verankerte Slowenien in seiner Verfassung das Recht, Jugoslawien zu verlassen. Eine für Dezember geplante Grosskundgebung von Milošević-Anhänger:innen aus ganz Jugoslawien in Ljubljana wurde von slowenischen und kroatischen Polizeikräften verhindert. Daraufhin rief Milošević zu einem Boykott von Waren aus Slowenien auf, fror Guthaben slowenischer Firmen ein und liess ohne Rücksprache mit der jugoslawischen Nationalbank Dinar-Noten drucken, was die Inflation weiter anheizte. Slowenien, die wirtschaftlich stärkste Teilrepublik, reagierte mit dem Stopp von Zahlungen in den Bundesfonds für unterentwickelte Regionen.

Im Januar 1990 zerbrach auf dem 14. Kongress des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens die Partei an den Gegensätzen zwischen den Teilrepubliken. Nachdem sämtliche Anträge der slowenischen Delegation für demokratische Reformen abgelehnt worden waren, verliess diese den Parteitag. Gegen Miloševićs Vorschlag, trotzdem weiter zu tagen, erhob die kroatische Delegation erfolgreich Einspruch. Der Bund der Kommunisten Sloweniens wandelte sich im Anschluss in die sozialdemokratische «Partei der demokratischen Erneuerung» um. Bei den ersten freien Wahlen im April 1990 wurde ihr Vorsitzender Milan Kučan zum Präsidenten gewählt. Bei der Parlamentswahl war sie zwar die stärkste Einzelpartei, unterlag aber dem Parteienbündnis «Demokratische Opposition».

Kurz danach fanden auch in Kroatien freie Wahlen statt, aus der die nationalistische, auch von der Katholischen Kirche unterstützte Partei HDZ von Franjo Tuđman als Siegerin hervorging. Eine Woche nach dem zweiten Wahlgang kam es in Zagreb Mitte Mai zu einer Massenschlägerei zwischen Fussballfans von Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad, die rückblickend häufig als Startschuss zu den Zerfallskriegen gesehen wurde. Einen Tag darauf transportierte die Jugoslawische Volksarmee, bevor die neugewählten Parlamente Sloweniens und Kroatiens zusammengetreten waren, einen grossen Teil der Waffendepots der Territorialverteidigungskräfte der beiden Republiken ab – ausser in den Gebieten Kroatiens mit serbischer Bevölkerungsmehrheit. Ende Mai blieben bei einem Versuch, den 14. Parteikongress wiederaufzunehmen, sämtliche slowenischen sowie die meisten kroatischen und makedonischen Delegierten fern und der Bund der Kommunisten Jugoslawiens löste sich faktisch auf. Ebenso kam es zu keinen freien Wahlen auf jugoslawischer Bundesebene mehr.

Ab Sommer 1990 bereitete Slowenien zielstrebig seinen Austritt aus Jugoslawien vor und kündigte eigene Grenzkontrollen und eine eigenständige Aussen- und Wirtschaftspolitik an. In Kroatien stiess der nationalistische Kurs der neuen HDZ-Regierung, die symbolpolitisch zum Teil an den Ustaša-Staat anknüpfte, auf erbitterten Widerstand des serbischen Bevölkerungsteils, der durch Propaganda aus Belgrad zusätzlich geschürt wurde und bei der serbischen Bevölkerung zu einem Bedeutungsverlust moderater politischer Kräfte und zum Aufstieg radikaler Kreise führte. Im August 1990 kam es im Süden Kroatiens zu Strassenblockaden (sogenannte «Baumstammrevolution»), um die kroatische Tourismusindustrie zu schädigen, und Anfang September zur Ausrufung des «Autonomen Gebiets der Krajina». Im ehemaligen Grenzgebiet zwischen den Imperien der Habsburger und der Osmanen gab es einen hohen serbischen Bevölkerungsanteil aus Nachkommen der Wehrbauern, die von den Habsburgern ab dem 16. Jahrhundert an der «Militärgrenze» angesiedelt worden waren.

In einer im September 1990 erlassenen neuen Verfassung gab sich Serbien die Kompetenzen eigenständiger internationaler Beziehungen und der Verweigerung von Beschlüssen der jugoslawischen Zentralregierung und bestätigte den Abbau der Autonomierechte von Kosovo und Vojvodina. Im November und Dezember 1990 fanden in mehreren Teilrepubliken erstmals Mehrparteienwahlen statt. In Bosnien-Herzegowina splittete sich das Parteienspektrum – trotz anfänglicher Versuche, einen solchen Prozess rechtlich zu unterbinden – entlang ethnischer Linien, so dass aus dem Urnengang je eine muslimische, serbische und kroatische Partei als Sieger hervorgingen. Ähnlich wie die HDZ in Kroatien hatten sie abgesehen von der ethnonationalistischen Mobilisierung kaum politisch-programmatisches Profil. Der neue Präsident Alija Izetbegović bildete daraufhin eine Koalitionsregierung aus diesen drei Parteien. In Serbien errang Milošević einen überwältigenden Wahlsieg. In Kroatien stufte die im Dezember beschlossene neue Verfassung den serbischen Bevölkerungsteil vom «zweiten Staatsvolk» zur «Minderheit» herab. Einen Tag später hielt Slowenien ein Referendum über seine staatliche Zugehörigkeit ab, bei der sich über 95% für die Unabhängigkeit innert einem halben Jahr aussprachen. Verhandlungsversuche Sloweniens zur Umgestaltung Jugoslawiens in einen lockeren Staatenbund blieben in der Folge erfolglos.

Im ersten Halbjahr 1991 hielten die Führungen der sechs jugoslawischen Teilrepubliken zahlreiche bi-, tri- und multilaterale Treffen ab, ohne aber eine Lösung der Staatskrise oder eine friedliche Auflösung Jugoslawiens zu erreichen. Bis heute umstritten ist, ob bei einem Treffen zwischen Milošević und Tuđman in Karađorđevo Ende März über eine Aufteilung Bosniens zwischen Serbien und Kroatien verhandelt wurde. Angesichts des Umstandes, dass etwa ein Drittel der serbischen Bevölkerung Jugoslawiens ausserhalb der Teilrepublik Serbien lebte, kursierten im Hinblick auf das immer wahrscheinlicher werdende Auseinanderfallen des Bundesstaats Gerüchte und Ideen über die Abtrennung serbisch dominierter Gebiete anderer Teilrepubliken und ihren Anschluss an Serbien. Die im Februar 1991 gegründete Radikale Partei, die rasch zur zweitstärksten politischen Kraft Serbiens aufstieg, sprach sich gar für ein Grossserbien aus, dem nebst Montenegro und Makedonien ganz Bosnien-Herzegowina und ein grosser Teil Kroatiens einverleibt werden sollte. Ende März kam es zu einem ersten bewaffneten Zwischenfall zwischen krajina-serbischen Paramilitärs und kroatischer Polizei mit zwei Toten. Am 2. Mai töteten bei einem Scharmützel serbische Paramilitärs ein Dutzend kroatischer Polizisten. Wenige Tage darauf bildete die Jugoslawische Volksarmee in Kroatien Pufferzonen, in denen sich serbische Paramilitärs frei bewegen konnten.

Am 19. Mai 1991 hielt auch Kroatien ein Referendum ab, in dem 93% für die Unabhängigkeit votierten. Im selben Monat verweigerte das kollektive Bundespräsidium Jugoslawiens, in dem Miloševićs Gefolgsleute die Hälfte der Sitze innehatten, dem kroatischen Vertreter Stjepan Mesić die turnusgemässe Wahl zum Vorsitzenden, die erst Anfang Juli auf Druck der EG zustande kam. Am 21. Juni warnte US-Aussenminister James Baker, sein Land würde die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens nicht anerkennen. Ebenso machte die EG die Erhaltung Jugoslawiens zur Voraussetzung für weitere Wirtschaftshilfen. Dennoch proklamierten die Parlamente der beiden Republiken am 25. Juni auf gleichzeitig anberaumten Sitzungen die Unabhängigkeit und anerkannten sich gegenseitig als unabhängige Staaten. Noch in derselben Nacht erklärten das jugoslawische Bundesparlament und die Zentralregierung die Beschlüsse Sloweniens und Kroatiens für nichtig und ermächtigten Bundespolizei und Volksarmee, die Kontrolle über die Aussengrenzen und Grenzregionen zu übernehmen. Am 27. Juni begannen Kampfhandlungen in Slowenien als erste Phase der jugoslawischen Zerfallskriege.

Krieg und Gewalt in Slowenien, Kroatien und Bosnien

Im slowenischen 10-Tage-Krieg standen sich je etwa 30’000 Personen der slowenischen Territorialverteidigung und Polizei und der Jugoslawischen Volksarmee gegenüber. Letztere bombardierte am ersten Kriegstag den Flughafen Ljubljana und versuchte insbesondere, die Kontrolle über die Grenzübergänge zu Österreich zu erlangen, litt aber unter Sabotage- und Blockadeaktionen im Aufmarschgebiet Kroatien und dem Umstand, dass sich viele kroatische und bosnische Soldaten rasch den slowenischen Einheiten ergaben. Am 3. Juli kam ein Waffenstillstand zustande, am 7. Juli durch Vermittlung von EG, UNO und der österreichischen Regierung das Abkommen von Brioni. Darin verpflichteten sich Slowenien und Kroatien zur Aussetzung ihrer Unabhängigkeit für drei Monate, während derer eine friedliche Konfliktlösung gefunden werden sollte. Der 10-Tage-Krieg kostete 200 bis 300 Menschenleben. Seine kurze Dauer war wesentlich dadurch bedingt, dass in Slowenien keine nennenswerte serbische Minderheit lebte. Während der dreimonatigen Übergangsphase verliessen die Truppen der Jugoslawischen Volksarmee Slowenien und am 8. Oktober 1991 trat die Unabhängigkeit in Kraft.

War das Abkommen von Brioni für Slowenien ein Erfolg, so eskalierte in Kroatien während der Übergangsphase die Situation weiter und führte in einen mehrjährigen Krieg. Im August 1991 kontrollierten die waffentechnisch überlegenen serbischen Paramilitärs etwa ein Drittel des kroatischen Territoriums. In diesen Gebieten kam es zu Vertreibungen von etwa 170’000 Menschen und Massakern, an denen nebst serbischen Paramilitärs auch die Jugoslawische Volksarmee beteiligt war, so dass dort der nichtserbische Bevölkerungsanteil von April 1991 bis Juli 1992 von 48% auf 12% absackte. Am 27. August 1991 setzte der Ministerrat der EG die sogenannte Badinter-Kommission ein, um die völkerrechtlichen Fragen des Jugoslawienkonflikts zu klären. Am 25. September verhängte der UNO-Sicherheitsrat ein Waffenembargo über Jugoslawien, das faktisch aber den Konflikt nicht eindämmte, sondern zunächst das militärische Übergewicht der von der Jugoslawischen Volksarmee unterstützten bzw. auf deren Waffenlager zugreifenden serbischen Seite förderte. Am 7. Oktober, einen Tag vor Ablauf des Unabhängigkeitsmoratoriums, flog die Jugoslawische Volksarmee einen Luftangriff auf ein Regierungsgebäude in Zagreb. Am folgenden Tag brach Kroatien sämtliche staatsrechtlichen Beziehungen zu Jugoslawien ab.

Bereits Mitte September 1991 hatte die Schlacht um die ethnisch gemischte kroatische Grenzstadt Vukovar begonnen, die am 18. November durch die Jugoslawische Volksarmee und serbische Paramilitärs unter grossen Verlusten eingenommen wurde. Die Kämpfe forderten Tausende von Toten, es kam erneut zu Vertreibungen und verschiedenen Massakern, der grösste Teil der Wohngebäude und städtischen Infrastruktur wurde zerstört. Die Schlacht um Vukovar verschaffte aber der kroatischen Regierung Zeit zur Reorganisation ihrer Verteidigungskräfte, die durch Angriffe auf und Belagerungen von anderen Städten unter Druck standen. Ebenso hatten die Kampfhandlungen und Massaker von Vukovar erhebliche Auswirkungen auf die internationale Stimmung, die nun vom anfänglichen Bemühen um den Erhalt Jugoslawiens auf die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens umschwenkte. Am 19. Dezember 1991 wurde in den serbischen Rebellengebieten Kroatiens die «Republik Serbische Krajina» proklamiert, die international keine Anerkennung erlangen konnte. Ebenso führte die kroatische Armee aber gegen Jahresende verschiedene erfolgreiche Operationen durch, was auf der serbisch-jugoslawischen Seite die Verhandlungsbereitschaft erhöhte.

Am 2. Januar 1992 kam auf Initiative von UNO-Vermittler Cyrus Vance ein Waffenstillstand zustande. Die Jugoslawische Volksarmee verpflichtete sich zum Abzug aus Kroatien (übergab dabei aber viele Waffen den serbischen Paramilitärs) und es erfolgten die Stationierung von Truppen der «United Nations Protection Force» (UNPROFOR) und die Einrichtung von vier UNO-Schutzzonen. Am 15. Januar anerkannte die EG (nachdem Deutschland diesen Schritt schon am 23. Dezember 1991 vollzogen hatte) Slowenien und Kroatien (das sich zuvor zur Verbesserung des verfassungsmässigen Minderheitenschutzes hatte verpflichten müssen) und am 22. Mai wurden die beiden Länder in die UNO aufgenommen. Der Konflikt in Kroatien war damit eingefroren, aber keineswegs beigelegt. Die Waffenstillstandslinie wurde faktisch (aber nicht völkerrechtlich) zur Staatsgrenze. Die Verhandlungen über eine Konfliktlösung kamen in der Folge nicht voran und die Vertriebenen konnten bis 1995 nicht zurückkehren. 1992 und 1993 flammten auch verschiedentlich neue Kämpfe auf.

Der Schwerpunkt des Krieges verschob sich nun aber von Kroatien auf Bosnien-Herzegowina. Die Entwicklungen und Ereignisse in den anderen jugoslawischen Teilrepubliken hingen 1990/91 zunehmend als Damoklesschwert über dem Land, das mit seiner multiethnischen Bevölkerung eine Art Jugoslawien im Kleinen darstellte. Die bosnische Hauptstadt Sarajevo war im Sommer 1991 Zentrum der jugoslawischen Friedensbewegung. Höhepunkt war ein Friedenskonzert mit Bands aus ganz Jugoslawien am 28. Juli 1991, für das Hunderttausende aus ganz Jugoslawien angereist waren und das live im Fernsehen übertragen wurde. Am 12. November demonstrierten erneut Zehntausende für ein friedliches Zusammenleben in Bosnien-Herzegowina. Zugleich wuchsen aber die innerbosnischen Spannungen. Die Perspektive auf einen serbisch dominierten restjugoslawischen Staat rief bei den muslimischen und kroatischen Bevölkerungsteilen Unabhängigkeitsbestrebungen hervor, wobei letztere nun teilweise auch mit einem Anschluss an Kroatien liebäugelten. Umgekehrt ventilierten führende serbisch-bosnische Politiker grossserbische Ideen.

Ab Mai 1991 forderte die bosnisch-serbische Regierungspartei unter Radovan Karadžić die Abtretung grosser Teile Nord- und Westbosniens und deren Vereinigung mit der Krajina, erklärte Gebiete mit serbischer Bevölkerungsmehrheit zu «Serbischen Autonomen Regionen» und boykottierte ab August 1991 die Sitzungen des bosnischen Staatspräsidiums. Ab September 1991 wurden in den «Serbischen Autonomen Regionen» Truppen der Jugoslawischen Volksarmee stationiert, die teilweise auch bei militärischen Aktionen gegen Kroatien zum Einsatz kamen. Ab Oktober 1991 verliessen die meisten serbischen Abgeordneten das bosnische Parlament. Am 10./11. November stimmten die bosnischen Serb:innen in einem inoffiziellen Referendum für einen gemeinsamen Staat mit Serbien, Montenegro und der Krajina. Eine Woche darauf proklamierte die Führung der bosnisch-kroatischen Regierungspartei die «Kroatische Gemeinschaft Herceg-Bosna». Am 9. Januar 1992, eine Woche nach dem Waffenstillstand in Kroatien, erfolgte die Ausrufung der bosnischen «Republika Srpska» mit Karadžić als Präsident, die sich zu einem Teilstaat Jugoslawiens erklärte. Vor diesem Hintergrund fand am 1. März 1992 ein bosnisches Unabhängigkeitsreferendum statt, bei dem sich 99% der Stimmenden bzw. zwei Drittel der Stimmberechtigten für die Unabhängigkeit aussprachen, das aber vom serbischen Bevölkerungsteil boykottiert wurde. Die Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas wurde am 5. März proklamiert, am 6. April von der EG und am folgenden Tag von den USA anerkannt.

Ende März 1992 brach der Krieg in Bosnien-Herzegowina offen aus. Am 4. April begann die fast vierjährige serbische Belagerung Sarajevos, die etwa 11’000 Todesopfer fordern sollte. Am folgenden Tag gab es in der bosnischen Kapitale erneut eine grosse Friedensdemonstration mit Zehntausenden von Teilnehmer:innen, die ins Parlamentsgebäude strömten, wo zahlreiche Prominente, darunter Präsident Izetbegović, Reden hielten. Serbische Heckenschützen töteten dabei mit Schüssen in die Menge sechs Demonstrant:innen. Aber auch in Belgrad demonstrierten in der Folge – wie schon zuvor während des 10-Tage-Kriegs in Slowenien, bei der Schlacht um Vukovar oder der Belagerung von Dubrovnik – Zehntausende gegen den Krieg und gegen Milošević und solidarisierten sich mit den Bewohner:innen des eingeschlossenen Sarajevo. Die Antikriegsproteste in Serbien wurden unter anderem von Frauenbewegungen (z. B. «Frauen in Schwarz»), regierungsunabhängigen Medien und Rockbands organisiert und getragen.

Im zweiten Quartal 1992 eroberten bosnisch-serbische Streitkräfte, die am frühesten und stärksten gerüstet waren und von der Jugoslawischen Armee (die bei ihrem offiziellen Abzug im Mai den bosnischen Serben einen Grossteil ihrer Waffen und Ausrüstung sowie 60’000 Soldaten überliess) sowie Freiwilligen aus Serbien, Russland und weiteren Ländern unterstützt wurden, etwa 70% des Landes. Die bosnisch-kroatischen Streitkräfte erhielten insgeheim Unterstützung aus Kroatien. Am 15. Mai 1992 konstituierte sich eine Regierungsarmee von Bosnien-Herzegowina, die von Bosniaken dominiert war. Darüber hinaus wurde die bosniakische Seite von Freiwilligen aus zahlreichen islamisch geprägten Ländern unterstützt, von denen viele einen dschihadistischen Hintergrund (u. a. al-Quaida) hatten. Insgesamt waren an den Kämpfen in Bosnien-Herzegowina mindestens 45 verschiedene paramilitärische Gruppen beteiligt. Sie begannen im Sommer 1992 in den von ihnen kontrollierten Gebieten mit Vertreibungen und Massakern und es wurden auch Internierungslager eingerichtet, in denen zahlreiche Verbrechen (u. a. Massenvergewaltigungen) verübt wurden. Auch gab es sogenannte «Wochenendkrieger», die von Serbien aus Plünderungszüge nach Bosnien unternahmen, sowie offenbar ausländische Kriegstouristen, die dafür bezahlten, als Heckenschützen auf die Zivilbevölkerung von Sarajevo schiessen zu können.

Ebenso komplizierte sich nun die Konfliktkonstellation. Waren kroatische und bosniakische Streitkräfte zunächst verbündet gewesen, so hatten die Führer der serbischen und kroatischen Bosnier:innen am 6. Mai 1992 in Graz ein Abkommen zur territorialen Aufteilung Bosniens geschlossen und im Juni starteten Kämpfe zwischen kroatischen und bosniakischen Einheiten. Dieser «Krieg im Kriege» zwischen den ehemaligen Verbündeten eskalierte im Frühjahr 1993 und erlebte seinen symbolischen Höhepunkt mit der Zerstörung der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Alten Brücke von Mostar durch gezielten kroatischen Granatbeschuss am 9. November 1993. Die kroatisch-bosniakischen Kämpfe endeten erst im März 1994 mit dem auf amerikanischen Druck von den Präsidenten Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens unterzeichneten Washingtoner Abkommen, das zur Gründung der «Föderation Bosnien und Herzegowina» als Entität der hauptsächlich von Bosniak:innen und Kroat:innen bewohnten Teile Bosnien-Herzegowinas führte.

Im Sommer 1995 ereignete sich das grösste Kriegsverbrechen der jugoslawischen Zerfallskriege. Am 11. Juli nahmen bosnisch-serbische Einheiten die Stadt Srebrenica ein, die von der UNO zur Sicherheitszone erklärt worden war und wo sich viele Flüchtlinge aufhielten. In den folgenden Tagen ermordeten die Truppen unter Führung des bosnisch-serbischen Militärchefs Ratko Mladić über 8’000 bosniakische Männer und Knaben. Dieses Massaker, dessen Dimensionen erst in den folgenden Monaten allmählich bekannt wurden, haben später der Internationale Strafgerichtshof und der Internationale Gerichtshof als Völkermord eingestuft, es wurde aber noch lange von serbisch-nationalistischen Kreisen sowie internationalen rechts- und linksextremen Zirkeln (in der Bibliothek des Sozialarchivs etwa repräsentiert durch Schriften von Jürgen Elsässer, s. SozialarchivInfo 1/2024) und später der putinistischen Propaganda relativiert oder gar geleugnet. Die Rolle des schwachen, nur zur Selbstverteidigung ermächtigten und ausgerüsteten niederländischen Blauhelm-Kontingents in Srebrenica ist bis heute umstritten.

Daraufhin wendete sich das militärische Kräfteverhältnis. Im Sommer und Herbst 1995 eroberten bosniakische und bosnisch-kroatische Einheiten weite Gebiete im Westen Bosniens. Im September endete nach dreieinhalb Jahren die Belagerung Sarajevos. Seit Mai 1992 konnte die bosnische Kapitale nur noch durch die Luft versorgt werden. Im Juni 1992 wurde das Mandat der UNPROFOR um die Kontrolle des Flughafens von Sarajevo und im September auf die Sicherstellung der humanitären Versorgung in ganz Bosnien-Herzegowina erweitert. Durchschnittlich wurden während der Belagerungsjahre täglich 329 Granaten auf Sarajevo abgefeuert und Heckenschützen schossen gezielt auf Passant:innen in den Strassen. Der grösste Teil der Gebäude wurde zerstört oder beschädigt. Ende August 1992 wurde die Nationalbibliothek durch Beschuss schwer beschädigt, wobei über 2 Millionen Bücher und Dokumente verbrannten. Im Mai 1993 erklärte der UNO-Sicherheitsrat Sarajevo und die ebenfalls von bosnisch-serbischen Truppen belagerten Städte Bihać, Goražde, Tuzla und Žepa zu Schutzzonen und forderte vergeblich von allen Kriegsparteien, bewaffnete Angriffe und feindselige Akte in diesen Gebieten einzustellen. Zu den Aufgaben der UNPROFOR in Sarajevo gehörten neben der Aufrechterhaltung der Luftbrücke und der Versorgung der Bevölkerung mit Hilfsgütern auch Massnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung und zur Aufrechterhaltung elementarer Infrastrukturen.

Zur Durchsetzung des UNO-Flugverbots über Bosnien und zum Schutz der Blauhelmtruppen hielt sich die NATO seit August 1993 die Option von Luftangriffen offen. Die Strategie wurde im Februar 1994 verschärft mit einem Ultimatum zum Abzug sämtlicher schwerer Waffen aus einer Schutzzone von 20 Kilometern um Sarajevo. Bis Ende Februar wurden die meisten Stellungen innerhalb der Schutzzone durch Luftangriffe zerstört oder die schweren Waffen abgezogen. Im April erfolgte die Errichtung ähnlicher Schutzzonen um andere bosnische Städte und es kam zu verschiedenen Luftkämpfen. Im August 1994 flog die NATO weitere Luftangriffe gegen neuerlich in die Schutzzone um Sarajevo gebrachte schwere Waffen. Im Mai 1995 nahmen serbische Truppen 400 Blauhelmsoldaten als Geiseln und ketteten sie als menschliche Schutzschilde gegen NATO-Luftschläge an Munitions- und Waffenlager. Am 28. August 1995, wenige Wochen nach dem Massaker von Srebrenica, feuerten serbische Truppen fünf Mörsergranaten aus der Schutzzone um Sarajevo auf den Markale-Markt, töteten 37 Personen und verletzten 90 weitere. Zwei Tage darauf starteten UNO und NATO die «Operation Deliberate Force» mit Luftschlägen gegen die serbisch-bosnische Militärinfrastruktur um Sarajevo, Pale, Tuzla und Goražde, die drei Wochen andauerten und unter anderem die Belagerung von Sarajevo beendeten.

Ab Mai 1995 kam es auch wieder zu militärischen Operationen im Kroatienkrieg, die die Lage im seit 1992 eingefrorenen Konflikt radikal veränderten. Anfang 1995 hatte die «Zagreb 4-Gruppe», bestehend aus Vertretungen der USA, Russlands, Frankreichs und Deutschlands, in Zusammenarbeit mit dem UNO-Sicherheitsrat einen Plan für die friedliche Reintegration der abtrünnigen «Republik Serbische Krajina» in den kroatischen Staat unter Gewährung umfangreicher kultureller und teilweiser politischer Autonomie sowie der Rückkehr der 1991/92 Vertriebenen vorgelegt, der von der Führung der Krajina-Serb:innen aber abgelehnt worden war. In der Folge eroberte die mittlerweile von den USA ausgerüstete kroatische Armee Anfang Mai in einer nur 31-stündigen Operation Westslawonien von der «Republik Serbische Krajina» zurück. Als Vergeltung feuerten deren Paramilitärs Boden-Luft-Raketen auf die Zagreber Innenstadt, wobei sieben Menschen getötet wurden. Anfang August erfolgte dann in der viertägigen «Operation Sturm» die kroatische Rückeroberung der Krajina, die das faktische Ende der «Republik Serbische Krajina» bedeutete und zugleich die strategische Situation in Westbosnien zuungunsten der serbischen Streitkräfte veränderte. Die Zerschlagung der «Republik Serbische Krajina» ermöglichte die Rückkehr der 1991/92 Vertriebenen, im Verlauf der Operationen kam es aber seitens kroatischer Kräfte zu Kriegsverbrechen und etwa 200’000 Serb:innen flohen, teilweise dauerhaft, nach Bosnien oder Serbien.

Diese Entwicklungen von Sommer und Herbst 1995 brachten, unter massivem Druck der Clinton-Administration, die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch. Ab Anfang November 1995 weilten die Präsidenten Bosniens, Serbiens und Kroatiens zu Gesprächen auf einer Airforce-Basis bei Dayton (Ohio) unter der Leitung von US-Aussenminister Warren Christopher, US-Chefunterhändler Richard Holbrooke, dem EU-Sonderbeauftragten Carl Bildt und dem stellvertretenden russischen Aussenminister Igor Ivanov. Nach drei Wochen fast ununterbrochener Verhandlungen in Klausur wurde das Dayton-Abkommen zur Beendigung des Bosnienkrieges paraphiert. Die Unterzeichnung durch die Präsidenten Bosniens, Serbiens und Kroatiens erfolgte am 14. Dezember 1995 in Paris. Als Zeugen fungierten die Präsidenten der USA, des Europäischen Rates und Frankreichs, die Ministerpräsidenten Grossbritanniens und Russlands und der deutsche Bundeskanzler. Gemäss dem Dayton-Abkommen blieb Bosnien-Herzegowina in den international anerkannten Grenzen bestehen und wurde von Restjugoslawien und Kroatien als unabhängiger Staat anerkannt. Im Inneren erfolgte eine starke Dezentralisierung zwischen den beiden «Entitäten» Republika Srpska mit 49% des Territoriums und der aus zehn «Kantonen» bestehenden bosniakisch-kroatischen Föderation Bosnien und Herzegowina mit 51% des Territoriums. Zur Überwachung der Waffenstillstandsvereinbarungen und Truppenentflechtungen trat an die Stelle von UNPROFOR die multilaterale Friedenstruppe IFOR unter NATO-Kommando, die dann Ende 1996 ihrerseits durch die bis 2004 präsente Stabilisierungstruppe SFOR abgelöst wurde.

Schätzungen zufolge forderte der Kroatienkrieg 11’000 bis 16’000, der Bosnienkrieg mindestens 100’000 Todesopfer. In Bosnien gab es 2,2 Millionen Vertriebene und über die Hälfte der Bevölkerung musste ihre Wohnorte dauerhaft verlassen. Die Methoden der Vertreibungen und Massaker, für die bald die Bezeichnung «ethnische Säuberungen» aufkam, standen in der Tradition von Gewaltpraktiken zur Herstellung «nationalstaatlicher» Strukturen in einer Region mit religiös und sprachlich heterogenen Bevölkerungen in der Zeit der schrittweisen Verdrängung des Osmanischen Reiches aus Südosteuropa im 19. und frühen 20. Jahrhundert und erneut während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Bosnienkrieg gehörten dazu auch Massenvergewaltigungen an geschätzt 20’000 bis 60’000 bosniakischen Frauen als systematisches Mittel der ethnopolitischen Kriegsführung.

Zur Verfolgung solcher Kriegsverbrechen hatte der UNO-Sicherheitsrat im Mai 1993 den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag eingesetzt, der bis 2017 Anklagen gegen 161 Personen erhob und 83 davon (mit einer Ausnahme alles Männer) verurteilte. Etwa zwei Drittel der Verurteilten waren Serb:innen, etwa ein Fünftel Kroaten, der Rest Bosniaken, Montenegriner, Makedonier oder Kosovo-Albaner. Einige prominente Angeklagte mussten sich erst geraume Zeit nach Kriegsende vor Gericht verantworten: Radovan Karadžić, der unter falschem Namen und mit stark verändertem Aussehen in Belgrad lebte, wurde 2008 festgenommen (und in der Folge zu 40 Jahren Haft verurteilt), Ratko Mladić sogar erst 2011 (und zu lebenslanger Haft verurteilt). Slobodan Milošević wurde 2001 ein halbes Jahr nach seinem Sturz von der neuen serbischen Regierung festgenommen und nach Den Haag überstellt, verstarb aber 2006 vor Abschluss seines Prozesses. Chefanklägerin des Strafgerichtshofs war von 1999 bis 2007 die ehemalige Schweizer Bundesanwältin Carla Del Ponte, deren zwei Memoirenbände in der Bibliothek des Sozialarchivs greifbar sind.

Epilog der jugoslawischen Zerfallskriege im Kosovo

Mit dem Ende der Kriege in Kroatien und Bosnien 1995 bestand die (oft als «Restjugoslawien» bezeichnete) Bundesrepublik Jugoslawien, wie sich der Staat seit 1992 nannte, nur noch aus Serbien und Montenegro. Neben Slowenien und Kroatien hatte im September 1991 auch Makedonien seine Unabhängigkeit verkündet und als einzige Teilrepublik Jugoslawien friedlich verlassen können. Im Kosovo war im September 1991 nach einem inoffiziellen Referendum die «Republik Kosova» ausgerufen worden, die 1992 ein Parlament und einen (Exil-)Präsidenten wählte, aber international nur von Albanien anerkannt wurde. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eskalierte der seit zwei Jahrzehnten anhaltende Konflikt im Kosovo, der kein Gegenstand der Friedensvereinbarungen von 1995 gewesen war, noch mehr und mündete schliesslich in einen weiteren Krieg.

Die 1994 entstandene «Befreiungsarmee des Kosovo» (UÇK) verübte ab 1996 eine Reihe von Attentaten gegen Polizeistationen, tötete aber auch serbische Zivilist:innen und der «Kollaboration» bezichtigte Albaner:innen. Sie rekrutierte sich teilweise aus den geschätzt mehreren Tausend Kosovo-Albanern, die in den Kriegen der frühen 1990er Jahre auf kroatischer oder bosniakischer Seite gekämpft hatten. Parallel dazu verlor die 1989 gegründete liberal-konservative Demokratische Liga des Kosovo, die auf passiven Widerstand setzte, bei der jüngeren kosovo-albanischen Bevölkerung an Rückhalt. Zugleich flohen viele Menschen ins Ausland. Die Zahl der Kosovo-Albaner:innen, die jährlich in der Schweiz Asyl beantragten, stieg von 2’000 im Jahr 1989 über 5’300 im Jahr 1993 auf 30’000 auf dem Höhepunkt des Konflikts im Frühjahr 1999, als zur Unterstützung der zivilen Asylbehörden Teile der Schweizer Armee Assistenzdienst leisteten. Dann gingen die Zahlen stark zurück und in der zweiten Jahreshälfte 1999 sowie 2000 kehrte ein grosser Teil der Flüchtlinge in die Heimat zurück.

Im Frühjahr 1998 eskalierten die Kämpfe zwischen UÇK und serbischen Sicherheitskräften. Ende März verhängte der UNO-Sicherheitsrat deswegen ohne Gegenstimme ein Waffenembargo gegen Jugoslawien, betonte sein Engagement für die territoriale Integrität Jugoslawiens, rief die Kosovo-Albaner:innen zur Verurteilung terroristischer Methoden auf und forderte den Abzug der serbischen Sonderpolizei sowie eine politische Lösung des Konflikts. Als Reaktion liess Milošević Ende April in Serbien ein Referendum über «ausländische Vermittlung» im Kosovo-Konflikt abhalten, die – bei einem Boykott der Kosovo-Albaner:innen – mit 96% abgelehnt wurde. Die UÇK änderte nun ihre Strategie und ging zu einer grossangelegten Offensive über. Zur Jahresmitte kontrollierte sie etwa ein Drittel des kosovarischen Territoriums. Ab Juli eroberten die von serbischen Paramilitärs unterstützten Truppen der serbischen Sonderpolizei und der Jugoslawischen Armee aber die meisten Gebiete wieder zurück. Im Verlauf dieser Operationen kam es von beiden Seiten zu Gewaltexzessen, es wurden Hunderte albanischer Siedlungen zerstört und Zehntausende in die Flucht getrieben.

Mitte Juni 1998 vereinbarte der russische Präsident Boris Jelzin bei einem Treffen mit Milošević die Einrichtung einer internationalen «Kosovo Diplomatic Observer Mission» der aus den USA, Russland, Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien bestehenden «Balkan-Kontaktgruppe» und sicherte zu, dass Russland einen NATO-Einsatz im UNO-Sicherheitsrat blockieren würde. Aufgrund von Lageberichten dieser Mission gab der UNO-Sicherheitsrat Ende August und erneut Ende September seiner Besorgnis über die Eskalation der Kämpfe und die übermässige Gewaltanwendung durch serbische Sicherheitskräfte Ausdruck. Im Oktober forderte die Balkan-Kontaktgruppe ultimativ direkte Verhandlungen zwischen der serbischen Staatsführung und Vertretern der Kosovo-Albaner:innen. Unter internationalem Druck (u.a. Drohung mit NATO-Luftschlägen) stimmte die serbische Führung einem faktischen Waffenstillstand, dem Abzug der schweren Waffen, der Rückkehr der Binnenflüchtlinge und der Zulassung einer unbewaffneten «Kosovo Verification Mission» der OSZE zu.

Nach einer vorübergehenden Beruhigung flammten die Kämpfe Anfang 1999 erneut auf. Sie wurden zunehmend auch Teil eines Propagandakriegs, für den erstmals gezielt das Internet eingesetzt wurde. Besonderes internationales diplomatisches und mediales Aufsehen erregte das Massaker von Račak am 15. Januar 1999, dem 45 Kosovo-Albaner:innen, darunter eine Frau und ein Kind, zum Opfer fielen. Die OSZE-Mission beschuldigte die serbische Seite eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit, während die jugoslawische Führung die aufgefundenen Leichen als von serbischen Polizisten im Kampf getötete UÇK-Angehörige darstellte. Die genauen Umstände des Ereignisses sind bis heute umstritten und Gegenstand propagandistischer Auseinandersetzungen. Zwei Wochen darauf kamen beim Massaker von Rogovo 24 Kosovo-Albaner, die meisten davon UÇK-Mitglieder, ums Leben.

Auf Initiative der Balkan-Kontaktgruppe fanden vom 6. bis 23. Februar 1999 im Schloss Rambouillet bei Paris Gespräche über eine politische Lösung des Kosovo-Konflikts unter Leitung der Aussenminister Frankreichs und Grossbritanniens statt. Verhandlungsparteien waren die Balkan-Kontaktgruppe und je eine jugoslawische und kosovo-albanische Delegation. Die von der Kontaktgruppe vorgelegten Vorschläge, die in Analogie zum Dayton-Abkommen eine weitgehende Autonomie Kosovos im Rahmen der Bundesrepublik Jugoslawien und der Republik Serbien und die Stationierung von NATO-Truppen zur Überwachung des Friedens vorsahen, wurden zunächst von beiden Konfliktparteien abgelehnt. Am 15. März wurden die Gespräche in Paris wieder aufgenommen. Die kosovo-albanische Delegation erklärte sich nun nach massivem Druck durch die US-Diplomatie bereit, die Vorschläge der Kontaktgruppe anzunehmen. Daraufhin stellte die NATO der jugoslawischen Führung ein erfolgloses Ultimatum, das Rambouillet-Abkommen ebenfalls zu unterzeichnen.

Ab dem 24. März 1999 setzte die NATO die seit dem Vorjahr vorbereitete Option eines militärischen Eingreifens in den Kosovo-Konflikt um. Die Luftschläge, an denen sich Kampfflugzeuge von 14 Mitgliedstaaten beteiligten, richteten sich anfänglich vor allem gegen die jugoslawische Militärinfrastruktur, im Verlauf der bis zum 10. Juni dauernden Operation aber zunehmend auch gegen zivile Einrichtungen, etwa die Kommunikations-, Verkehrs- und Energieinfrastruktur und Chemiefabriken. Zum ersten Mal seit Beginn der jugoslawischen Zerfallskriege wurden damit auch Belgrad und andere Gebiete Kernserbiens direkt von Kriegshandlungen betroffen, die auch etwa 500 zivile Todesopfer forderten.

Mit Beginn der Bombardierungen verlegte die Jugoslawische Armee starke Einheiten in den Kosovo, die mit grossangelegten Vertreibungen der albanischen Bevölkerung die Nachbarländer Makedonien und Albanien zu destabilisieren versuchten. Bis Ende Mai waren etwa 90% der kosovo-albanischen Bevölkerung auf der Flucht. Am 17. April ermordeten serbische Einheiten in Poklek 53 albanische Zivilpersonen, darunter 24 Kinder. Aufgrund der Erfahrung der «ethnischen Säuberungen» während der Kriege in Kroatien und Bosnien sowie der Vertreibungen und Massaker der vorangegangenen Monate tauchte in der internationalen Öffentlichkeit die Befürchtung einer längerfristig geplanten und seit Januar umgesetzten Vertreibung der gesamten kosovo-albanischen Bevölkerung auf. Die Existenz eines sogenannten «Hufeisenplans», der von serbischer Seite vehement in Abrede gestellt wurde, konnte aber bislang nicht bewiesen werden. Im Mai kam es zu schweren Bodenkämpfen zwischen von amerikanischen und britischen Militärs und Geheimdiensten vorbereiteten UÇK-Einheiten und der Jugoslawischen Armee, die bis zum 10. Juni die Kontrolle über das ganze kosovarische Territorium aufrechterhalten konnte.

Im Unterschied zu den Luftschlägen im Bosnienkrieg waren diejenigen während des Kosovokriegs nicht durch ein UNO-Mandat gedeckt. Aufgrund des absehbaren Vetos Russlands wurde die Operation nicht vor den UNO-Sicherheitsrat gebracht. Auch war die Bundesrepublik Jugoslawien seit 1992 kein UNO-Mitglied mehr. Zur Legitimation des Einsatzes wurden Menschenrechtsverletzungen durch jugoslawische Sicherheitskräfte vorgebracht, rückwirkend auch eine angeblich geplante «ethnische Säuberung». Nach dieser Argumentation handelte es sich um eine (völkerrechtlich freilich umstrittene, da mit dem Souveränitätsprinzip kollidierende) «humanitäre Intervention» ausserhalb des allgemeinen Gewaltverbots der UNO-Charta. In der rückblickenden völkerrechtlichen Diskussion war und ist die Legalität der Luftschläge umstritten, wobei die Argumentationen im Allgemeinen differenzierter sind als in zeitgenössischen und rückblickenden politischen Debatten.

Am 6. Mai 1999 legten die G-8-Staaten einen Friedensplan vor, dem Parlament und Präsident von Serbien am 3. Juni zustimmten und der nach schwierigen Verhandlungen in die Unterzeichnung des Abkommens von Kumanovo am 9. Juni mündete. Dieses sah die Einstellung der Feindseligkeiten, den Rückzug der Jugoslawischen Armee und serbischen Polizei aus dem Kosovo, die Stationierung einer multinationalen Friedenstruppe (KFOR) mit UNO-Mandat und unter NATO-Kommando im Kosovo und die Entwaffnung der UÇK durch die KFOR vor. Am 10. Juni billigte der UNO-Sicherheitsrat den Friedensplan und das militärische Abkommen. Zwei Tage darauf besetzten russische Einheiten der SFOR-Truppe aus Bosnien überraschend den Flughafen von Priština, um den anmarschierenden KFOR-Truppen zuvorzukommen. Bereitstehende russische Truppenverstärkungen konnten aber wegen einer Luftblockade nicht eingeflogen werden und ab Juli unterstellte Russland der KFOR (bis 2003) Soldaten. Parallel zum Abzug der jugoslawischen Truppen flüchteten nun Zehntausende von Serb:innen, Roma und Angehöriger anderer Minderheiten.

In der Folge wurde Kosovo bei anhaltender völkerrechtlicher Zugehörigkeit zu Jugoslawien ein UNO-Protektorat unter der Zivilverwaltung der «United Nations Interim Administration Mission in Kosovo» (UNMIK), in die die Schweiz Sachverständige entsandte, und militärischer Kontrolle der KFOR, an der ab Oktober 1999 als erster grösserer Einsatz bewaffneter schweizerischer Armeeangehöriger im Ausland auch das etwa 200-köpfige Swisscoy-Kontingent mitwirkte. Im Oktober 2000 fanden im Kosovo die ersten Lokalwahlen statt, im November 2001 Parlamentswahlen.

Nach dem Ende des letzten Jugoslawienkrieges war der Zerfallsprozess noch nicht ganz abgeschlossen und auch die politische Gewalt kam zu keinem vollständigen Ende. In der von den Kriegen der 1990er Jahre verschonten Republik Makedonien – die ansonsten von einem bis 2018 anhaltenden Streit mit Griechenland um den Staatsnamen betroffen war – entstand im Herbst 1999 ein Ableger der UÇK, der sich 2001 gewaltsame Auseinandersetzungen mit makedonischen Sicherheitskräften mit mehreren Dutzend Todesopfern lieferte. Der Konflikt mündete im August 2001 in einen Ausbau der albanischen Minderheitenrechte im Rahmenabkommen von Ohrid. 2003 verschwand der Name «Jugoslawien» von der politischen Landkarte, als die Bundesrepublik Jugoslawien sich in «Staatenunion von Serbien und Montenegro» umbenannte. Drei Jahre darauf sprachen sich die stimmberechtigten Montenegriner:innen in einem Referendum mit rund 55% für die Unabhängigkeit von Serbien aus. Im Februar 2008 proklamierte das kosovarische Parlament zum zweiten Mal nach 1992 die Unabhängigkeit von Serbien. Diese wurde in der Folge von einer Mehrheit der UNO-Mitgliedsstaaten anerkannt, bis heute aber weder von Serbien noch von selbst mit Sezessionsbestrebungen konfrontierten Ländern wie Russland, China und Spanien. 2015/16, im Vorfeld des Beitritts Montenegros zur NATO, kam es zu Unruhen sowie einem geplanten Putschversuch am Tag der Parlamentswahlen 2016, in dessen Zusammenhang mehrere serbische und montenegrinische Staatsbürger sowie russische Geheimdienstmitarbeiter verurteilt wurden. In Bosnien-Herzegowina verstärkten sich die seit den Unabhängigkeitserklärungen Montenegros und Kosovos schwelenden Abspaltungsbestrebungen der Republika Srpska ab etwa 2020 unter Förderung von Serbien und Russland.

Schweizerisch-(post)jugoslawische Verflechtungen

Die vielfältige Betroffenheit der Schweiz von den jugoslawischen Zerfallskriegen widerspiegelt sich in zahlreichen Beständen des Sozialarchivs. Die breite und durchaus nicht uniforme mediale Abdeckung zeigt sich in der Zeitungsausschnittsammlung, hinzu kommen verschiedene in der Datenbank Bild + Ton online konsultierbare Beiträge zu Jugoslawien im Sendearchiv von Radio LoRa. Diese Berichterstattung befasste sich auch mit der Rolle der Schweiz in der Diplomatie während der jugoslawischen Zerfallskriege. Von August 1992 bis Januar 1996 war Genf Schauplatz einer Serie von Konferenzen unter gemeinsamer Schirmherrschaft von UNO und EG/EU zur Lösung des Jugoslawienkonflikts («Genfer Jugoslawienkonferenz», s. SozialarchivInfo 3/2025), aus denen verschiedene Friedenspläne hervorgingen, deren Prinzipien schliesslich auch ins Dayton-Abkommen einflossen.

Die Schweiz selbst schloss sich (als damaliges Nichtmitglied) 1992 bis 1995 den UNO-Wirtschaftssanktionen gegen Jugoslawien an. Auch bei der Anerkennung der neuen Staaten folgte sie der internationalen Gemeinschaft und anerkannte 1992 Slowenien, Kroatien und dann Bosnien und 1993 Makedonien im Gleichschritt mit der EG. Im September 1991 stufte der Bundesrat Jugoslawien migrationspolitisch vom «zweiten» in den als «kulturfremd» betrachteten «dritten Kreis» herab und führte die Visumspflicht wieder ein, wodurch Jugoslaw:innen nicht mehr als Saisonniers rekrutiert werden konnten. 1994 verloren die bisherigen jugoslawischen Saisonniers die Möglichkeit, ihren Status zu erneuern und in eine B-Bewilligung umzuwandeln. 1998 bis 2000 beteiligte sich die Schweiz dann als Novität an den von der EU erlassenen Wirtschaftssanktionen gegen Jugoslawien. Am 19./20. April 1999 besuchte Bundespräsidentin Ruth Dreifuss den Kosovo und nahm am Tag nach ihrer Rückkehr, bei der sie 40 Flüchtlinge mitnahm, in einer Parlamentsrede eine Auslegeordnung der Schweizer Kosovo-Politik vor. Zu den verschiedenen Schweizer Hilfsmassnahmen gehörte ab September 1999 die Aktion «Kühe für Kosovo», bei der zur Unterstützung der kosovarischen Landwirtschaft 500 Rinder auf den Balkan geflogen wurden. 2006 sprach sich der Bundesrat für die Unabhängigkeit Kosovos aus und anerkannte diese 2008 als 19. Land zehn Tage nach ihrer Proklamation.

Zur Schweizer Jugoslawiendiplomatie liegen in der Bibliothek des Sozialarchivs etwa die Memoiren von Jean-Daniel Ruch vor, der als OSZE-Wahlbeobachter in Serbien, Montenegro und Kosovo, Schweizer Botschafter in Belgrad und diplomatischer Berater von Carla Del Ponte am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wirkte. Materialien zur Schweizer Beteiligung an der KFOR sind in den sicherheitspolitischen Akten des Archivs der Sozialdemokratischen Partei greifbar. Die Juristin und Altnationalrätin Gret Haller, die von 1996 bis 2000 im Auftrag der OSZE als Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien wirkte, legte 2004 einen kleinen Erfahrungsbericht vor. 2012 beleuchtete sie dann im Buch «Menschenrechte ohne Demokratie?», das sie an einer Veranstaltung zum Tag der Menschenrechte im Soziarchiv vorstellte, unter anderem das Menschenrechtsverständnis ohne demokratische Legitimation bei gleichzeitiger Ethnisierung der Staatsstrukturen im auf dem Dayton-Abkommen beruhenden neuen Bosnien-Herzegowina kritisch.

Aufgrund der starken Arbeitsmigration aus Jugoslawien seit den 1960er Jahren und der zunehmenden Fluchtmigration seit den späten 1980er Jahren lebte während der Zerfallskriege eine grosse und weiterwachsende Zahl von Menschen aus dem (post)jugoslawischen Raum in der Schweiz. Ohne die Eingebürgerten waren es 1990, im letzten Jahr vor Kriegsausbruch, 200’000, 2008, im Jahr der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung, dann 320’000 Menschen. Um die Jahrtausendwende überholte diese Gruppe erstmals die Italiener:innen, die seit dem Zweiten Weltkrieg stets das mit Abstand grösste Ausländer:innenkontingent in der Schweiz gestellt hatten, und machte mehr als 4% der Gesamtbevölkerung der Schweiz aus. In den Beständen des Sozialarchivs finden sich zahlreiche und sehr verschiedene Quellen zu diesen Migrationsbewegungen – von Akten in den Archiven von Flüchtlingshilfsorganisationen und Gewerkschaften über zeitgenössische Diplomarbeiten aus Studiengängen der sozialen Arbeit zum Umgang mit bosnischen und kosovarischen Migrant:innen (s. SozialarchivInfo 1/2016) bis zu den Erlebnisberichten von Basrie Sakiri-Murati oder den «balkan-kids» in der Bibliothek sowie Selbstzeugnissen und Bildmaterial aus der Wanderausstellung «Da und fort», die auf Erzählworkshops mit über 70 Migrant:innen von 1998/99 beruhte, im Archiv und der Datenbank Bild + Ton. Während der 1990er Jahre kam es in Schweizer Städten zu einer Reihe von Demonstrationen serbischer Nationalist:innen, die zum Teil im Werkarchiv von Gertrud Vogler fotografisch dokumentiert sind.

Im Zuge der starken Immigration aus Jugoslawien ab den 1960er Jahren entstanden in der Schweiz auch zahlreiche jugoslawische Institutionen und Vereinigungen. Diese reichten von staatlich kontrollierten «Jugo-Schulen» über Kulturvereine und Sportklubs bis zu Restaurants. Auch gab es einen Dachverband der jugoslawischen Vereinigungen in der Schweiz mit engen Beziehungen zur jugoslawischen Botschaft. Deren Präsident wurde 1987 in Lausanne wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeiten (u.a. Überwachung von Kosovo-Demonstrationen) verurteilt. Mit dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens verschwanden einige dieser Organisationen, andere wandelten sich in serbische Institutionen um und es wurden, beispielsweise im Fussball, neue bosnische, kosovo-albanische oder makedonische Vereinigungen gegründet.

Schon früh waren auch Institutionen und Organisationen mit Distanz oder gar in expliziter Opposition zum titoistischen Staat entstanden. 1955 gründeten ehemalige Tschetniks einen «Club Culturel National Serbe en Suisse». 1960 wurde in Zürich der «Kroatische Verein in der Schweiz» aus der Taufe gehoben. Dessen Präsident Jure Petričević, der 1942 an der ETH in Agronomie doktoriert hatte, dann Landwirtschaftsfunktionär des Ustaša-Staates geworden war, 1945 flüchtete und Mitarbeiter des Schweizerischen Bauernverbandes wurde, veranstaltete während des «Kroatischen Frühlings» 1971 eine Konferenz kroatischer Intellektueller in Luzern und gründete in Brugg den «Adria Verlag», von dem einige Publikationen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen Jugoslawiens aus den 80er Jahren in der Bibliothek des Sozialarchivs vorhanden sind. Ebenso existierte in der Romandie eine von Flüchtlingen ins Leben gerufene «Association d’entreaide des Yougoslaves en Suisse». Ab den 1960er Jahren entstanden in Zürich und Bern serbisch-orthodoxe Kirchgemeinden sowie in Zürich eine katholische Kroatenmission, die alljährliche Wallfahrten nach Einsiedeln veranstaltete. 1982 wurde in Biel das «Mouvement pour la république albanaise du Kosovo en Yougoslavie» gegründet, das zahlreiche Demonstrationen organisierte. Der seit 1954 in der Schweiz lebende Geschäftsmann, ehemalige kommunistische Politiker und liberale Philanthrop Adil Zulfikarpašić gründete Mitte der 80er Jahre in Zürich das Bosnische bzw. Bosniakische Institut als Kultur- und Forschungsinstitution mit umfangreichen landeskundlichen Sammlungen. Einige frühe Publikationen dieses Instituts, das nach Ende des Bosnienkrieges dann nach Sarajevo übersiedelte, sind in der Bibliothek des Sozialarchivs greifbar.

Besonders zahlreich war die Zuwanderung aus dem Kosovo. Ab 1981 hielt sich ein Grossteil der Führung der kosovo-albanischen Nationalbewegung in der Schweiz auf. 1981 wurden am Rande einer kosovarischen Demonstration in Genf zwei jugoslawische UNO-Korrespondenten tätlich angegriffen. 1984 gab es eine grosse Kundgebung in Bern. Auch in Zürich fanden ab den 1980er Jahren zahlreiche Kosovo-Demonstrationen statt, die teilweise in den Fotobeständen des Sozialarchivs dokumentiert sind. Ab 1993 weilte Hashim Thaçi, Mitorganisator der Studierendenproteste von 1989, als Asylant und Geschichtsstudent der Universität Zürich in der Schweiz, nahm dann 1999 als UÇK-Vertreter an den Rambouillet-Verhandlungen teil und wurde später Premierminister (mit einer zentralen Rolle bei der Unabhängigkeitserklärung 2008) und Präsident von Kosovo, bis er 2020 vom Kosovo-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt wurde. Dessen Verdikt wird für diesen Sommer erwartet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebten 10% aller Kosovo-Albaner:innen in der Schweiz und wurden auch Thema helvetischer Migrationsdebatten. Kontroverse Diskussionen riefen 2018 die Schweizer Fussballnationalspieler mit kosovarischen Wurzeln Granit Xhaka (dessen Vater in den späten 1980er Jahren in Jugoslawien längere Zeit inhaftiert gewesen war) und Xherdan Shaqiri hervor, als sie an der Weltmeisterschaft in Russland Tore gegen Serbien, dessen Fans zuvor mit antialbanischen Sprechchören und Porträts von Ratko Mladić provoziert hatten, mit der Handgeste des albanischen Doppeladlers feierten.

In zahlreichen Beständen zivilgesellschaftlicher Organisationen (Hilfswerke, Frauen-, Menschenrechts- und Friedensorganisationen, Gewerkschaften) im Sozialarchiv finden sich Materialien zu umfangreichen Aktivitäten während der Jugoslawienkriege. Sie reichen von Hilfsaktionen und Friedensprojekten vor Ort über Flüchtlingsbetreuung und Unterstützung (post)jugoslawischer Arbeitsmigrant:innen bis zu Informationskampagnen, Sammelaktionen und Antikriegsprotesten in der Schweiz. Dazu zählt das kleine Archiv des «Infokreises Ex-Jugoslawien», eines 1994 entstandenen Zusammenschlusses von Länderbeauftragten für Ex-Jugoslawien verschiedener Schweizer Hilfswerke und Friedensorganisationen.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.260.50 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Jugoslawien
  • Ar 1.734.99 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Internationales: Osteuropa, Kaukasus
  • Ar 1.734.129 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Internationale Vernetzung nach Ländern K-W
  • Ar 1.734.137 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Militär, Sicherheit
  • Ar 1.734.142 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Sicherheitspolitik
  • Ar 20.651 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Ungarn/CSSR/Jugoslawien
  • Ar 20.897.1-6 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Jugoslawien
  • Ar 29.92.22 Schweizerischer Verband für Frauenrechte SVF: Handakten Ursula Nakamura-Stoecklin, Mappe 4: Hilfe für Frauen aus Ex-Jugoslawien
  • Ar 56.15.14 POCH Zürich: Länder II
  • Ar 80.35.6 Peace Brigades International PBI Schweiz: Balkan Peace Project
  • Ar 91.60.5 Arbeitsgemeinschaft für Rüstungskontrolle und ein Waffenausfuhrverbot ARW II: Länderdossiers V
  • Ar 98.20.6 cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit: Aktionen 1991–1993
  • Ar 98.40.5 cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit: Aktivitäten 1988–2002
  • Ar 107.3 Nachlass Rodolfo Olgiati: Schweizer Spende II
  • Ar 134 Nachlass Ota Šik
  • Ar 138.60.3 Nachlass Max Arnold: Nachtrag VPOD: Mappe 1: Studienreise nach Jugoslawien, Juli/August 1956
  • Ar 146 Nachlass Hansjörg Braunschweig: Jugoslawien, Bosnien
  • Ar 160.40.10 Nachlass Max Meier: «Der seit 1945 überwundene Krieg in Europa» 1991
  • Ar 174.10.3 Vorlass Karl Aeschbach: Reden, Artikel: 1989–1996
  • Ar 198.40.2 Nachlass Arnold Thiel: ZAFO Ausstellungen 1970 und 1981
  • Ar 198.60.5 Nachlass René Muntwyler: Proteste: Jugoslawien (Kosovo-Konflikt)
  • Ar 201.158 Da und fort – Wanderausstellung
  • Ar 201.261 Infokreis Ex-Jugoslawien
  • Ar 201.327 Osteuropa-Solidarität, Dokumentation Marc Schaffroth
  • Ar 431.20.8 Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) Zürcher Oberland: Ausländerproblematik (I) ca. 1980–2000
  • Ar 437.20.1-19 Frauen/Lesben-Archiv: Krieg in Ex-Jugoslawien
  • Ar 437.31.3 Frauen/Lesben-Archiv: Bevölkerungspolitik Ex-Jugoslawien (ohne Kroatien) 1992–1995
  • Ar 437.31.4 Frauen/Lesben-Archiv: Bevölkerungspolitik Kroatien ca. 1982–1996
  • Ar 452.42.1+2 Gruppe für eine Schweiz ohne Armee GSoA: Ex-Jugoslawien
  • Ar 452.65.20-23 Gruppe für eine Schweiz ohne Armee GSoA: Para Pacem: Infodienst zu Ex-Jugoslawien
  • Ar 465.20.19 Frauenbefreiungsbewegung Zürich (FBB) / Autonomes Frauenzentrum Zürich: Diverse Frauengruppen gegen Nationalismus, Krieg, Projekte in Jugoslawien
  • Ar 465.20.21 Frauenbefreiungsbewegung Zürich (FBB) / Autonomes Frauenzentrum Zürich: Studienwoche von Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Zürich
  • Ar 507.0186 Greenpeace Schweiz: Atomwaffen: betr. u.a. Afghanistan, Golfkrieg, Nuclear Non Proliferation Treaty (NPT), Kosovo, Star Wars Programm der USA
  • Ar 513.14.3 Frauen für den Frieden: Korrespondenz, Protokolle 1987–1998
  • Ar 513.17.4 Frauen für den Frieden: Akten, Mappe 5: Kosovo 1997–1999 (darin u.a. Unterlagen betr. Frauen in Schwarz [Women in Black])
  • Ar 579 Publ 1 Archiv Schweiz-Osteuropa (ASO): Poezija i proza, broj 122, 1. januar 1988. Kultumo-literarni bilten udruzenja Jugoslovena u Svajcarskoj.
  • Ar 579 Publ 222 Archiv Schweiz-Osteuropa (ASO): Mehrere Presseartikel zum Direktor der Kosovo-Befreiungsarmee UCK, Hashim Thaqi, 1999
  • Ar 579 Publ 246 Archiv Schweiz-Osteuropa (ASO): Kanton Kosovo, Sonntags-Zeitung, 29.10.2000
  • Ar 579 Q 76 Archiv Schweiz-Osteuropa (ASO): Projekt «Kompetenzzentrum Balkan» (KZB): Konzept
  • Ar 579 Q 86 Archiv Schweiz-Osteuropa (ASO): Text von Dr. Derek Müller, DEZA-Beauftragter für Bosnien-Herzegowina, Dezember 2001
  • Ar 644.10.15 Sozialdemokratische Partei Stäfa: Protokolle: Korrespondenzen betreffend der Ausschaffung der Familie R. aus Mazedonien, 1999
  • Ar 658.10.3 Vorlass Thomas Schnyder: Akten betr. Rückkehr nach Bosnien
  • Ar 690.5.1 FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration: Frauenhandel, EU, Balkan: Zeitungs- und Zeitschriftenartikel Frauenhandel
  • Ar 695.10.8 Dokumentation Beat Schaffer: Dokumente 1983
  • Ar 714.10.12 Solidarité sans frontières (Sosf, BODS, AKS): BODS, Thema Kosovo, Ex-Jugoslawien
  • Ar 1024.50.1-3 Nachlass Ueli Wildberger: Balkan Peace Team
  • Ar 1028 Vorlass Jacob Schädelin
  • Ar 1029 Nachlass Hans und Louise Stebler-Keller
  • Ar 1037.11.5 Vorlass Heinz Nigg: Videogespräch mit dem Ethnologen und Psychoanalytiker Paul Parin aus Anlass des Kriegs in Ex-Jugoslawien
  • Ar 1037.12.2 Vorlass Heinz Nigg: Migration in der Schweiz 1945–2000, Projekt «Da und Fort. Leben in zwei Welten»
  • Ar 1037.13.10 Vorlass Heinz Nigg: Ausstellung «Da und fort»
  • Ar 1051 Vorlass Jonathan Sisson
  • Ar AI D 004-022 Amnesty International Schweizer Sektion: Jugoslawien Kampagne Mai-August 1985
  • Ar AI D 004-023 Amnesty International Schweizer Sektion: Ex-Jugoslawien Aktion in Genf 1993
  • Ar AI D 004-024 Amnesty International Schweizer Sektion: Ex Jugoslawien Aktion 1993, Bosnien 1995
  • Ar AI D 004-025 Amnesty International Schweizer Sektion: Kosovo Krise ab Juni 1998, Kampagne Mai/Juni 1999
  • Ar AI Y 001-016 Amnesty International Schweizer Sektion: Bosnien-Aktion «Lichter gegen den Krieg», 1993
  • Ar AI Y 002-001 Amnesty International Schweizer Sektion: Solidaritätsaktion Bosnien 1993
  • Ar GBI 01C-0004 Gewerkschaft Bau und Industrie: Akten des Zentralpräsidenten: Ausländische Arbeitnehmer (Spanien, Jugoslawien, Schwarzarbeit)
  • Ar GBI 04A-0016 (4) Gewerkschaft Bau und Industrie: Hilfsprojekt in Bihac, Bosnien in Kooperation mit der DEZA
  • Ar GBI 04A-0059 Gewerkschaft Bau und Industrie: Baugewerbe: Ausbildungskurse für Saisonarbeiter: Jugoslawien
  • Ar GBI 05C-0003 Gewerkschaft Bau und Industrie: GBH-Kurs für jugoslawische Vertrauensleute
  • Ar GBI 05C-0005 Gewerkschaft Bau und Industrie: Petition für Gleichberechtigung der jugoslawischen Arbeitnehmer
  • Ar GBI 05C-0026 Gewerkschaft Bau und Industrie: Jugoslawische Abteilung
  • Ar GBI 05C-0058 Gewerkschaft Bau und Industrie: Diverse Kursunterlagen (serbokroatisch); darin auch Typoskript «Jugoslawische Emigration in der Schweiz», verf. Komaromi, Mirjana
  • Ar GBI 07A-0023 Gewerkschaft Bau und Industrie: Sektion Zürich (V): Diverse Aktivitäten (darin IG ausl. Arbeitnehmende, Kosovo, Jugendprojekte, Rechtsdienst Wahlen etc.)
  • Ar sabz 125.2 Schweizerische Arbeiterbildungszentrale: Zusammenarbeit nach Ländern: Russland, Jugoslawien, Albanien
  • Ar sabz 274.2 Schweizerische Arbeiterbildungszentrale: Cours pour migrant-e-s à Berne
  • Ar SAH 20.971.9 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Aktionen und Projekte 1979–1993
  • Ar SAH 20.971.17 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Flüchtlingsdienst Zürich
  • Ar SAH 20.971.22 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Flüchtlingsdienst Basel
  • Ar SAH 20.971.26 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Flüchtlinge Balkan
  • Ar SAH 20.971.119 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Reisen, Diverses
  • Ar SAH 20.971.125 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Aktionen, diverse: Teil 1: Jugoslawien 1958–1971
  • Ar SAH 20.971.131 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Diverse Themen und Organisationen
  • Ar SAH 20.972.9 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Spezielle Sammlungen 1939, 1984-1999
  • Ar SAH 20.973.232 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Jugoslawien
  • Ar SAH 20.973.233 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: Kroatien, Bosnien-Herzegowina
  • Ar SAH 20.973.269 SAH Ausland: Diverses
  • Ar SGB G 765/9 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Regroupement familial facilité pour les familles des Balkans 1998–1999
  • Ar SGB G 775/9 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Balkans occidentaux: dialogue social
  • Ar SGB G 389/6 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Korrespondenzen mit Gewerkschaften der Balkanländer
  • Ar SGB G 466/6 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Sekretariat: Korrespondenzen mit Gewerkschaften der Balkanländer
  • Ar SGB G 669/4 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): SAH: Protokolle
  • Ar SGB G 736/3 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Pacte de stabilité pour les Balkans
  • Ar SGB G 763/1 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Sekretariat: Korrespondenzen mit Gewerkschaften der Balkanländer
  • Ar SGB G 767/8 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Serbien
  • Ar SGB G 767/9 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Korrespondenzen mit Gewerkschaften der Balkanländer
  • Ar SGB G 767/7 Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB): Macédoine
  • Ar SMUV 01D-0141 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Geschäftsleitung: Neutralitätsproblematik, Jugoslawischer Gewerkschaftsbund

Archiv Bild + Ton

  • F 1010-MC0353_B Radio LoRa: Kosovo I
  • F 1010-MC0354_B Radio LoRa: Kosovo II
  • F 1010-MC0363_A+B Radio LoRa: Jugoslawien
  • F 1063-028A+B Nachlass Christoph Lindenmaier: Radio LoRa Sonntagsgipfel, 20.12.1987: Wohin treibt Jugoslawien?
  • F 1063-058B Nachlass Christoph Lindenmaier: Andreas Buro spricht zur Friedensbewegung nach der Pershing-Stationierung 1983, das Komitee für Grundrechte und Demokratie, die Friedensbewegung 1990er-Jahren, Krieg in Ex-Jugoslawien
  • F 1063-059A Nachlass Christoph Lindenmaier: Andreas Buro, Mitgründer des Grundrechtekomitees, zum Krieg in Ex-Jugoslawien, Bellizismus Diskussionen in Deutschland, Gefahr des Demokratieabbaus und politische Perspektiven
  • F 1063-065A Nachlass Christoph Lindenmaier: FERL/AIM, 02.02.1994, Bura Nr. 11: Diese monatliche Radiosendung wurde in verschiedenen Radios der Republiken des ehemaligen Jugoslawiens ausgestrahlt
  • F 1063-071 Nachlass Christoph Lindenmaier: In Kosovo entsteht die grösste Militärbasis der USA seit dem Vietnamkrieg: Bondsteel 1999
  • F 1032-CD_RPVERSG2005_01_13+16 Radioschule klipp+klang: Liederwunsch Kroatien
  • F 5021 Da und fort – Leben in zwei Welten
  • F 9035-001 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: «The Devasted City», Erdbeben in Banja Luka, 1969
  • F 9035-004 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH: «Zemljotres u Banjaluci», Erdbeben in Banja Luka, 1969
  • F 9060-23-05 Szenario, Kurs 23, 2007, Video «Balkan connect»
  • F 9083-058 Shedhalle: Vorstellungsrunde vom 25.10.1998 eines einwöchigen Workshops (27.–31.10.1998) mit Radio- und Videoproduzenten aus Ex-Jugoslawien und der Schweiz

Sachdokumentation

  • DS 2660 Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV): Srebrenica – 25 Jahre nach dem Genozid sind Kinder und Frauen marginalisiert und noch einmal traumatisiert
  • KS 32/35 Jugoslawien
  • KS 32/35a + b Jugoslawien
  • KS 335/402:1 + 2 Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ); Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ): Schriften
  • KS 335/402a Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ); Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ): Konflikt mit Stalin und Kominform
  • KS 335/402b:1 + 2 Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ); Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ)
  • KS 335/402c Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ); Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ): Schriften
  • KS 338/40 Agrarpolitik & Landwirtschaft: DDR, Jugoslawien
  • KS 338/286 Wirtschaftspolitik: Jugoslawien
  • QS 23.9 Kriegsverbrechen; Verbrechen gegen die Menschlichkeit
  • QS 69.0 C Asylpolitik & Flüchtlingswesen in der Schweiz
  • QS K Osteuropa: gesamthaft
  • QS KSJ Jugoslawien
  • ZA 23.9 Kriegsverbrechen; Verbrechen gegen die Menschlichkeit
  • ZA 48.1 Konferenzen der Neutralen & Blockfreien Staaten
  • ZA 58.0 KSJ Kommunismus, kommunistische Parteien in Jugoslawien
  • ZA 58.03 Titoismus ausserhalb Jugoslawiens
  • ZA 69.0 C *2 Asylpolitik & Flüchtlingswesen in der Schweiz: Allg.
  • ZA 91.0 *4 KSJ Agrarpolitik & Landwirtschaft in Jugoslawien
  • ZA K Osteuropa: gesamthaft
  • ZA KSJ Jugoslawien
  • ZA KSJ Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien, Montenegro, Kosovo)
  • ZA KSJ *BH Bosnien Herzegowina
  • ZA KSJ *K Kroatien
  • ZA KSJ *Mk Mazedonien
  • ZA KSJ *S Slowenien
  • ZA KSJ *TD Jugoslawien: Sonderdossier: Josip Broz Tito; Milovan Djilas

Bibliothek

  • Aarburg, Hans-Peter von und Sarah Barbara Gretler: Kosova–Schweiz: Die albanische Arbeits- und Asylmigration zwischen Kosovo und der Schweiz (1964–2000). Wien 2008, 119829
  • Akkaya, Gülcan: Nichtregierungsorganisationen als Akteure der Zivilgesellschaft: Eine Fallstudie über die Nachkriegsgesellschaft im Kosovo. Wiesbaden 2012, 128010
  • Amberg, Lorenzo et al.: Pulverfass Balkan. Wettingen 2022, Gr 15510
  • Analis, Dimitri T. et al.: Les Serbes et nous. Lausanne 1996, 101123
  • Arnold, Pascal: Der UNO-Sicherheitsrat und die strafrechtliche Verfolgung von Individuen: Die ad hoc Tribunale zur Verfolgung von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda sowie das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs. Fribourg 1999, 106043
  • The Associated labour act. Belgrad 1977, Hf 6580
  • Association Solidarité Bosnie Genève (Hg.): Guide du chemin de paix: Nezuk – Potocari/Srebrenica, Bosnie-Herzégovine Est. Genf 2015, 134467
  • Aspen Institute Berlin und Carnegie Endowment for International Peace (Hg.): Der trügerische Frieden: Bericht der Internationalen Balkan-Kommission. Reinbek 1997, 102433
  • Bächler, Günther et al. (Hg.): Tod durch Bomben: Wider den Mythos vom ethnischen Konflikt: Ergebnisse der Internationalen State-of-Peace-Konferenz 1994. Chur/Zürich 1995, 100055
  • Bachofner, Hans: Der Krieg ist wieder da – aber wir haben den Respekt verloren: Vortrag, gehalten anlässlich der ordentlichen Generalversammlung der «Schweizerzeit» Verlags AG am 19. Mai 1999 in Zürich. Flaach 1999, D 5578:33
  • Baker, Catherine: Sounds of the borderland: Popular music, war and nationalism in Croatia since 1991. Farnham 2010, 134354
  • Baker, Catherine: The Yugoslav Wars of the 1990s. London 2015, 133738
  • Baković, Nikola: Brotherhood on the move: Ritual mobilities in the Second Yugoslavia. Zagreb 2023, 152829
  • Baleva, Martina und Boris Previšić (Hg.): «Den Balkan gibt es nicht»: Erbschaften im südöstlichen Europa. Köln 2016, 149111
  • Banac, Ivo: The national question in Yugoslavia: Origins, history, politics. Ithaca/London 1984, 79003
  • Barber-Kersovan, Alenka: Vom «Punk-Frühling» zum «Slowenischen Frühling»: Der Beitrag des slowenischen Punk zur Demontage des sozialistischen Wertesystems. Hamburg 2005, 115040
  • Bärlocher, Marianne und Raphael Gägauf: Zwischen Vorurteil und Realität: Kosova-AlbanerInnen in der Schweiz. Zürich 1998, Gr 9623
  • Barriot, Patrick und Eve Crépin: Nos témoignages sur la Serbie. Lausanne 2003, 112260
  • Bartl, Peter: Grundzüge der jugoslawischen Geschichte. Darmstadt 1985, 79787
  • Bartsch, Günter: Milovan Djilas, oder, die Selbstbehauptung des Menschen: Versuch einer Biographie. München 1971, 48360
  • Bataković, Dušan T. et al. (Hg.): Histoire du peuple serbe. Lausanne 2005, 114844
  • Batinić, Jelena: Women and Yugoslav partisans: A history of World War II resistance. New York 2015, 132567
  • Baumberger, Beno: Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Die Bildung der serbischen Community in den 1990er Jahren, in: Niederhäuser, Peter und Anita Ulrich (Hg.): Fremd in Zürich – fremdes Zürich? Migration, Kultur und Identität im 19. und 20. Jahrhundert. Zürich 2005. S. 123-133, 113899
  • Baumgartner, Ilse und Wolfgang Baumgartner: Der Balkan-Krieg der 90er: Fakten, Hintergründe, Analysen, Zukunftsperspektiven. Berlin 1997, 103026
  • Bebler, Anton: The Yugoslav crisis and the «Yugoslav People’s Army». Zürich 1992, Gr 7746
  • Bernecker, Arabelle und Susanne Glass: Schwestern der Revolution: Aktivistinnen im Kampf gegen Diktatur und Unterdrückung. München 2015, 131889
  • Becker, Jörg und Mira Beham: Operation Balkan: Werbung für Krieg und Tod. Baden-Baden 2008, 120047
  • Beganović, Davor und Peter Braun (Hg.): Krieg sichten: Zur medialen Darstellung der Kriege in Jugoslawien. München 2007, 118440
  • Beljo, Ante: Jugoslavija: Genocid: Dokumentarna analiza / Genocide: A Documented Analysis. Sudbury 1985, 80784
  • Bennett, Christopher: Yugoslavia’s bloody collapse: Causes, course and consequences. London 1995, 98200
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Periodika

  • Etudes économiques de l’OCDE: Yougoslavie, 53135:74
  • Sozialistische Theorie und Praxis: Jugoslawische Monatsschrift, D 6216
  • Survey: Periodical for social Studies / Survey Sarajevo, D 5046
  • Yugoslav survey: A record of facts and information: Quarterly / Survey Serbia & Montenegro: A record of facts and information / Survey Republik of Serbia: A record of facts and information, N 2231