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Besondere Benutzungsbestimmungen

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Der Lesesaal bleibt vom 22. Dezember 2020 bis zum 28. Februar 2021 auf Anordnung des Bundesrates geschlossen. Die Benutzung von nicht für die Heimausleihe freigegebenen Medien (zum Beispiel Material aus dem Archiv und der Sachdokumentation) ist während dieser Zeit nicht möglich.

Für Dokumente aus unseren Archiv- und Dokumentationsbeständen nehmen wir auch weiterhin gerne Scan- oder Kopieraufträge entgegen (kontakt@sozialarchiv.ch), die Bearbeitungsgebühr von CHF 5 bzw. 7.50 pro 20 Seiten entfällt, Sie bezahlen nur die 50 Rappen pro Seite.
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Start geglückt – swisscovery von SLSP ist online

Seit dem 7. Dezember 2020 ist der neue Bibliothekskatalog swisscovery der neuen gesamtschweizerischen Bibliotheksplattform SLSP (Swiss Library Service Platform) in Betrieb und alle eingeschriebenen Benutzer/innen haben nun Zugang zu Medien von rund 475 Bibliotheken in der ganzen Schweiz.

Wenn Sie diesen Text lesen, werden Sie also die neue Suchoberfläche swisscovery von SLSP möglicherweise schon getestet (Kompliment!) und sich hoffentlich auch erfolgreich registriert und eingeloggt haben (herzlich willkommen bei SLSP!). Allenfalls haben Sie sogar schon Bücher aus der Bibliothek des Sozialarchivs ausgeliehen (wir gratulieren!). Falls Sie noch nicht so weit gekommen sind – auch kein Problem: Die Neuregistrierung können Sie jederzeit vornehmen.

Nachfolgend nochmals einige Informationen zur Erinnerung:

  • Registrierung: Bibliothekskund/innen müssen ein SWITCH edu-ID-Konto besitzen, um von den swisscovery-Dienstleistungen Gebrauch machen zu können. Hier können Sie sich registrieren: https://registration.slsp.ch/
    Falls Sie bei der Registrierung Hilfe benötigen, können Sie sich jederzeit telefonisch oder vor Ort an unser Personal wenden, wir unterstützen Sie gerne!
    > Tipp: Nehmen Sie sich etwas Zeit und unterbrechen Sie den Registrierungsvorgang nicht.
  • Ausweise: Bisherige Bibliothekskarten können weiterhin gebraucht werden.
  • „Alte“ Ausleihen: Über den Link recherche.nebis.ch können Sie diejenigen Ausleihen einsehen, welche Sie noch über Ihr NEBIS-Konto getätigt haben. Benützen Sie dafür Ihre bisherigen Login-Daten.
  • „Neue“ Ausleihen“: Ausleihen, die Sie bereits über swisscovery gemacht haben, können Sie in Ihrem neu erstellten SLSP-Konto via SWITCH edu-ID kontrollieren.
  • SLSP-Courier: Der SLSP-Courier ermöglicht Ihnen, sich innerhalb von 48 Stunden Bücher von einer Bibliothek in eine andere liefern zu lassen gegen eine Gebühr von CHF 6.- pro bestelltem Dokument. Gewisse Hochschuleinrichtungen übernehmen diese Gebühr für ihre Angehörigen, klären Sie dies bei Ihrer Hochschule ab.

Wichtig: SLSP beziehungsweise swisscovery löst den bisherigen NEBIS-Katalog ab, jedoch nicht die Sozialarchiv-eigenen Datenbanken der Sachdokumentation (sachdokumentation.ch) und des Archivs (findmittel.ch und bild-video-ton.ch). Archivunterlagen, bewegte und unbewegte Bilder sowie thematische Dossiers mit Broschüren oder Zeitungsausschnitten bestellen Sie unverändert wie bisher.

> Informationen rund um SLSP und swisscovery finden Sie auch hier: nebis.ch/de/swisscovery/
Und natürlich können Sie sich bei Fragen jederzeit an unser Bibliothekspersonal wenden.

Vor 150 bis 30 Jahren: Der lange Weg zum Schweizer Frauenstimmrecht

In den vergangenen Jahren feierten unsere Nachbarländer Deutschland und Österreich Frauenwahlrechtsjubiläen. Ein Jahrhundert nach den demokratischen Revolutionen zu Ende des Ersten Weltkriegs befasste sich eine ganze Reihe von Veranstaltungen und Publikationen mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft der politischen Rechte der Frauen. 2021 ist nun Jubiläum in der Schweiz. Verschiedene Bücher dazu sind bereits erschienen und in der ersten Jahreshälfte öffnen mehrere Ausstellungen, die zum Teil auch Exponate aus dem Schweizerischen Sozialarchiv zeigen. Hierzulande gibt es indessen keine 100 Jahre, sondern erst ein halbes Jahrhundert Frauenstimmrecht zu feiern. Wenn man genau hinsieht, sogar noch weniger: Das erste eidgenössische Parlament, das vollständig nach dem allgemeinen Männer- und Frauenstimmrecht gewählt wurde, trat sein Amt erst im Herbst 1991 an. Das Thema Frauenstimmrecht figurierte zu jenem Zeitpunkt aber auch in der Schweiz seit über einem Jahrhundert auf der politischen Agenda.

Frauenstimmrecht als Forderung und Praxis von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg

Das 19. Jahrhundert war geprägt von Kämpfen zwischen alten Eliten, die an feudalen, ständischen und zünftischen Privilegien der Vormoderne festhalten wollten, und den aufstrebenden Gesellschaftsschichten aus dem Bürgertum und zunehmend auch der Industriearbeiterschaft, die auf Parlamentarisierung und Demokratisierung drängten. In diesem Prozess, der in unterschiedlichen Regionen Europas zeitlich und inhaltlich verschieden ablief, standen auch die politischen Rechte von Frauen zur Disposition. Auf der einen Seite wurden vormoderne Einflussmöglichkeiten von Frauen als „Ersatzmänner“ – von der Meisterwitwe im zünftischen Handwerk über die Grossgrundbesitzerin bis zur Monarchin – durch die am Ideal der gleichberechtigten männlichen Staatsbürger orientierten liberalen Kräfte zurückgedrängt. Auf der anderen Seite erhoben sich früh Stimmen, die eine Ausdehnung des staatsbürgerlichen Gleichheitsideals der Französischen Revolution auch auf die Frauen forderten. Bis zum Ersten Weltkrieg waren ihre Erfolge in Europa bescheiden, hingegen setzte sich das Frauenstimmrecht bereits in mehreren von EuropäerInnen kolonisierten und besiedelten Territorien in Übersee durch.

Auch die Schweiz wurde von diesem Prozess erfasst. Im Europa des 19. Jahrhunderts war sie eine Vorreiterin von Volksherrschaft und allgemeinem Männerwahlrecht, auch wenn bei der Bundesstaatsgründung von 1848 Juden sowie in vielen Kantonen Armengenössige und Steuerschuldner vorerst noch vom Wahlrecht ausgeschlossen blieben. Bei den politischen Rechten der Frauen hingegen tat sich zu jener Zeit wenig. 1833 gewährte das Berner Gemeindegesetz Grundbesitzerinnen Mitbestimmung in der Gemeindeversammlung, wo sie sich jedoch durch einen Mann vertreten lassen mussten. 1852 wurde dieses feudale Mitbestimmungsrecht auf Ledige und Witwen eingeschränkt, 1887 sogar ganz abgeschafft. Im Zuge der demokratischen Verfassungsrevision im Kanton Zürich von 1868/69 forderte eine anonyme Eingabe von „mehreren Frauen aus dem Volk“, die ihren „guten Namen nicht der Spottlust böser Zungen preisgeben“ wollten, die „Wahlberechtigung und Wahlfähigkeit für das weibliche Geschlecht in allen sozialen und politischen Angelegenheiten und Beziehungen“: „Es wäre traurig und beschämend, wenn Jeder von den Männern des Volkes nur die vollste Freiheit für sich, nicht aber für Andere und am wenigsten für uns Frauen in Anspruch nähme.“ Diakon Hirzel aus Zürich setzte sich immerhin dafür ein, dass „in Kirchen- und Schulgemeinde-Versammlungen die in der Gemeinde verbürgerten und niedergelassenen Frauenspersonen (verheirathete und unverheirathete) das Stimmrecht erhalten unter denselben Bedingungen wie die Männer“. Selbst diese moderate Forderung fand aber keinen Eingang in die neue Verfassung, die damals demokratischste der Welt (s. SozialarchivInfo 6/2018).

Im Jahre 1886 reichten 139 Frauen unter Führung der Genfer Frauenrechtlerin Marie Goegg-Pouchoulin eine Frauenpetition an die Eidgenössischen Räte ein. Am 1. Januar 1887 publizierte die „Züricher Post“ den Artikel „Ketzerische Neujahrsgedanken einer Frau“, in dem die Bündnerin Meta von Salis, die im selben Jahr als erste Frau an der Universität Zürich in Geschichte doktorierte, erstmals in der Deutschschweiz öffentlich das Frauenstimmrecht forderte. In den folgenden zwei Jahrzehnten entstanden verschiedene Organisationen, die sich für eine rechtliche Besserstellung der Frauen einsetzten und schliesslich auch die Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts forderten. So gründete Emilie Kempin-Spyri, die erste habilitierte Juristin der Schweiz, 1893 den Zürcher „Frauenrechtsschutzverein“, der mit Petitionen und Referaten an die Öffentlichkeit trat und eine Rechtsberatungsstelle für Frauen einrichtete. 1893 fusionierte der „Frauenrechtsschutzverein“ mit dem „Schweizerischen Verein für Frauenbildungsreform“ zur „Union für Frauenbestrebungen“, die sich dann 1930 in „Frauenstimmrechtsverein Zürich“ umbenennen sollte. 1896 fand im Rahmen der Genfer Landesausstellung der erste „Schweizerische Kongress für Fraueninteressen“ mit rund 300 Delegierten statt, die die Frauenstimmrechtsfrage kontrovers diskutierten. Ein knappes Jahr später publizierte der Staatsrechtsprofessor und freisinnige Nationalrat Carl Hilty im „Politischen Jahrbuch der Schweiz“ einen umfangreichen Artikel zum Frauenstimmrecht, der bei der Einführung ein schrittweises Vorgehen empfahl und in der sich formierenden Frauenbewegung eine breite Resonanz erfuhr.

1900 entstand als Dachverband der bürgerlichen Frauenorganisationen der „Bund Schweizerischer Frauenvereine“ (BSF) unter dem Präsidium der Berner Patrizierin Helene von Mülinen. Den Kampf für das Frauenstimmrecht führte in der Folge aber hauptsächlich eine andere Dachorganisation, der 1909 gegründete „Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht“ (SVF, später: Schweizerischer Verband für Frauenrechte), dessen Archiv heute im Schweizerischen Sozialarchiv lagert. Die ab 1905 entstehenden kantonalen Frauenstimmrechtsvereine, deren zu jener Zeit insgesamt etwa 800 Mitglieder vor allem aus dem protestantisch-liberalen Bürgertum stammten, entfalteten eine rege Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Erfolge waren zunächst aber bescheiden. Immerhin führte 1905 die evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich das passive Frauenwahlrecht ein, 1909 der Kanton Waadt sogar das ganze kirchliche Frauenstimmrecht. Den Frauenstimmrechtsvereinen gehörten auch männliche Mitglieder an. Selbst das Gründungspräsidium des SVF ging mit dem liberalen Grossrat Auguste de Morsier, der 1907 die „Association genevoise pour le suffrage féminin“ gegründet hatte, an einen Mann. Ab 1912 wurde der SVF dann durchgehend von Frauen präsidiert.

Parallel dazu entwickelte sich auch in den Arbeiterorganisationen eine Frauenstimmrechtsbewegung. Der 1890 entstandene „Schweizerische Arbeiterinnenverband“ forderte 1893 erstmals das Frauenstimmrecht. Das SP-Parteiprogramm von 1904 enthielt dann den Punkt „Gleichstellung der Frau mit dem Manne im öffentlichen und Privatrecht; als Anfang: Ausdehnung des aktiven und passiven Wahlrechts der Frau für die Schul-, Kirchen- und Armenbehörden“. 1912 war das Frauenstimmrecht erstmals Gegenstand einer Debatte am SP-Parteitag. Neben den beiden einzigen weiblichen Delegierten ergriffen auch eine Reihe von Parteigrössen zugunsten des Frauenstimmrechts das Wort. Der spätere Kommunist Fritz Platten meldete aber den Vorbehalt an, „über unsere Ideen nicht aufgeklärte“ Proletarierinnen würden den Stimmzettel „im reaktionären Sinne“ gebrauchen und die Frau müsste bei einer Gewährung des Stimmrechts „bei ihrem psychischen Zustand eine Wandlung vollziehen“. Im selben Jahr forderte die SP St. Gallen im Grossen Rat erfolglos das kantonale Frauenstimmrecht. Weitere Vorstösse in anderen Kantonen fruchteten ebenfalls nicht.

Mit dem Erstarken der Frauenstimmrechtsbewegung ab der Jahrhundertwende folgte die Schweiz einem internationalen Trend. Bereits während der Französischen Revolution hatte die Schriftstellerin Olympe de Gouges 1791 in ihrer „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“ die politische und rechtliche Gleichstellung der Geschlechter gefordert. Während des 19. Jahrhunderts wurde das allgemeine Frauenstimmrecht aber nirgends in Kontinentaleuropa verwirklicht. Einzelne Ansätze dazu gab es hingegen in Übersee in jungen Staaten mit noch wenig gefestigten politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Im US-Bundesstaat New Jersey konnten reiche Frauen unter dem Zensuswahlrecht des späten 18. Jahrhunderts wählen, verloren dieses Recht dann aber 1807 bei der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts. Ab 1838 waren in Kentucky steuerzahlende Witwen und weibliche Haushaltsvorstände in Schul- und Steuerangelegenheiten stimmberechtigt. Die Gemeinde Vélez im Nordosten Kolumbiens führte 1853 das Frauenwahlrecht ein. 1862 erhielten in der argentinischen Provinz San Luis Frauen, die lesen und schreiben konnten, das Wahlrecht auf Gemeindeebene.

In den USA gab es in den 1840er Jahren mehrere Petitionen zugunsten des Frauenwahlrechts und ab den 1860er Jahren entstanden verschiedene Frauenwahlrechtsorganisationen. 1872 kandidierte die Frauenrechtlerin Victoria Woodhull für die „Equal Rights Party“ sogar bei den Präsidentschaftswahlen. Dabei nutzte sie die Kuriosität aus, dass Frauen zwar kein aktives Wahlrecht hatten, die Wählbarkeit hingegen nicht ausdrücklich auf die Männer eingeschränkt war. Ihre Stimmen wurden indessen nicht ausgezählt, da sie das erforderliche Wahlalter von 35 Jahren noch nicht erreicht hatte. Nächste weibliche Präsidentschaftskandidatin war 1884 die Rechtsanwältin Belva Lockwood. Sie kam auf 4’194 (männliche) Stimmen (0,05%) und kandidierte vier Jahre darauf erneut. Das „Territory“ Wyoming hatte schon 1867 das aktive Frauenwahlrecht eingeführt und behielt es auch 1890 nach der Erhebung zum US-Bundesstaat bei. Auch in den verschiedenen frühsozialistischen Siedlungsprojekten der USA war das Frauenstimmrecht ein Thema. Die in den frühen 1850er Jahren in Adams County (Iowa) entstandene Gemeinschaft der ikarischen Bewegung nach der Gesellschaftsutopie Etienne Cabets spaltete sich Mitte der 1870er Jahre sogar wegen der Frauenstimmrechtsfrage. Im zur Jahrhundertmitte entstandenen Mormonenstaat Utah wurde das Frauenwahlrecht 1870 eingeführt, 1887 wieder abgeschafft und 1896 erneut eingeführt. Die Einführung des Frauenwahlrechts stand hier im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Mormonen, die vom Kongress bekämpfte Polygamie zu verteidigen. 1893 führte der Bundesstaat Colorado das Frauenwahlrecht ein – als weltweites Novum geschah dies per Volksbeschluss. Bis zum Ersten Weltkrieg folgten Idaho (1896), Washington (1910), Kalifornien (1911), Arizona (1912), Oregon (1912), Kansas (1912), Alaska (1913), Montana (1914) und Nevada (1914). Im Jahre 1910 reichten die Frauenwahlrechtsorganisationen dem Kongress eine Petition ein, die von 400’000 Frauen unterzeichnet war. Die Kunde von diesen Entwicklungen erreichte auch frühzeitig die Schweiz. Dies bezeugt ein Wagen am Zürcher Sechseläuten-Umzug von 1870, auf dem unter dem Motto «Amerikanische Verhältnisse» als Frauen verkleidete Zünfter rauchten, Zeitungen lasen und am Rednerpult gestikulierten.

Auch im Pazifikraum gab es frühe Ansätze. Die Nachfahren der Meuterer der „Bounty“ auf den Pitcairninseln kannten in ihrer rudimentären staatlichen Organisation seit 1838 das Frauenstimmrecht. In Neuseeland gab es ab 1878 eine Reihe von erfolglosen Gesetzesvorlagen für das Frauenwahlrecht. Eingeführt wurde dieses dann 1893, im selben Jahr wie auf den Cookinseln. 1894 führte auch die Kolonie South Australia, wo Grundbesitzerinnen schon seit 1861 wählen durften, das allgemeine Frauenwahlrecht ein, 1899 folgte Western Australia. Ein Jahr nach dem Zusammenschluss der australischen Kolonien wurde 1902 das Frauenwahlrecht im „Commonwealth of Australia“ auch auf Bundesebene verwirklicht.

In Grossbritannien konnten im frühen 19. Jahrhundert, als weniger als 3% der Bevölkerung das an ein hohes Vermögen gebundene Wahlrecht zum Parlament besassen, einige reiche Frauen an Wahlen teilnehmen. Mit der Reform von 1832, die das Wahlrecht auf die oberen Mittelschichten ausweitete, wurden Frauen aber ausdrücklich ausgeschlossen. Hingegen räumte das Gemeindewahlgesetz von 1869 alleinstehenden, Steuern zahlenden Frauen das Wahlrecht ein. 1894 wurde dieses auf gewisse verheiratete Frauen ausgedehnt, so dass um die Jahrhundertwende rund eine Million Frauen auf den Wahllisten für Gemeindewahlen registriert waren. Ab den 1860er Jahren entstanden verschiedene Organisationen, die sich für das Frauenwahlrecht ins Parlament stark machten. Nach Jahrzehnten erfolgloser Lobbytätigkeit bei Parlamentsmitgliedern und in der Öffentlichkeit gründeten 1903 Emmeline Pankhurst und ihre Töchter die militante „Women’s Social and Political Union“ (WSPU), deren Mitglieder bald als „Suffragetten“ bekannt wurden. 1908 organisierte die WSPU eine Demonstration im Londoner Hyde Park, an der sich rund 300’000 Menschen beteiligten. Die WSPU setzte aber auch auf Aktionen zivilen Ungehorsams, die sich in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend radikalisierten. Dazu gehörten das Anketten an Zäune im Zentrum von London, Steinewerfen gegen Polizisten und Fensterscheiben, Brandstiftungen gegen Kirchen und Briefkästen und sogar Bombenanschläge, etwa 1913 auf das Landhaus von Schatzkanzler David Lloyd George. Premierminister Herbert Asquith wurde von Aktivistinnen mit Pfeffer und einer toten Katze beworfen. Verhaftete WSPU-Mitglieder traten im Gefängnis in den Hungerstreik und wurden zwangsernährt. 1913 warf sich die Suffragette Emily Davison, eine Absolventin der Oxford University, nach neun Verhaftungen und sieben Hungerstreiks beim Epsom Derby vor das Rennpferd König Georg V. und starb wenige Tage darauf an den dabei erlittenen Verletzungen.

Auch auf internationaler Ebene schloss sich die Frauenstimmrechtsbewegung zusammen. 1902 fand in Washington die erste internationale Frauenstimmrechtskonferenz statt. In Vorbereitung darauf gründeten deutsche Frauenrechtlerinnen den „Deutschen Verband für Frauenstimmrecht“. Auf der zweiten internationalen Frauenstimmrechtskonferenz von 1904 in Berlin wurde dann die „International Woman Suffrage Alliance“ (IWSA) aus der Taufe gehoben. Ihr Präsidium übernahm mit Carrie Chapman Catt die führende Figur der „National American Woman Suffrage Association“. Parallel zu diesen bürgerlich geprägten Organisationen entstand auf dem Kongress der Zweiten Internationale von 1907 die „Sozialistische Fraueninternationale“ mit Clara Zetkin als Sekretärin. Diese Organisation initiierte 1910 den 8. März als Weltfrauentag, der zunächst vor allem der Wahlrechtsforderung Nachdruck verleihen sollte und 1911 auch in 15 Ortschaften der Schweiz erstmals gefeiert wurde.

In Europa hatte die Frauenstimmrechtsbewegung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs indessen noch wenig Erfolg. Immerhin führte das unter russischer Oberhoheit stehende Finnland 1906 zusammen mit dem allgemeinen Männerwahlrecht auch das aktive und passive Frauenwahlrecht ein. Bei den ersten demokratischen Wahlen im folgenden Jahr wurden 19 Frauen ins 200-köpfige finnische Parlament gewählt. In Norwegen durften Grundbesitzerinnen und Ehefrauen von Grundbesitzern ab 1901 auf lokaler, ab 1907 auch auf nationaler Ebene wählen. 1913 wurde dann auch hier das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt.

Aufbruchstimmung und Rückschläge nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg brachte auch für die Frauenstimmrechtsbewegung einen gewaltigen Einschnitt. Die Mobilisation der Männer in die Armeen führte dazu, dass viele „männliche“ Positionen in Industrie und Landwirtschaft von Frauen übernommen wurden. Dies nährte Hoffnungen auf eine Einführung des Frauenstimmrechts als Anerkennung dieser Leistungen. In Grossbritannien führte die Frage, ob die Suffragetten-Bewegung nun mit der Regierung zusammenarbeiten und die Kriegsanstrengungen unterstützen oder eine oppositionell-pazifistische Haltung einnehmen solle, allerdings zu Spaltungen der WSPU und einer dauerhaften Entfremdung zwischen Emmeline Pankhurst, die 1926 der Konservativen Partei beitreten sollte, und ihrer Tochter Sylvia, die zur Rätekommunistin wurde. Während des Kriegs führte 1915 das neutrale Dänemark das Frauenwahlrecht, das auf lokaler Ebene bereits seit 1908 bestand, auch auf nationaler Ebene ein. Die Umbrüche bei Kriegsende gaben dem Frauenstimm- und -wahlrecht dann einen Schub. In mehreren Ländern mündete der Krieg in Revolutionen, in deren Verlauf auch die Frauen politische Rechte erhielten. Dazu gehörten Russland (1917) sowie die Kriegsverlierer Deutschland, Österreich, Ungarn (alle 1918) und, mit einer gewissen Verzögerung, die aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches hervorgegangene Republik Türkei (1934). Auch neu entstandene Staaten wie Polen (1918), die Tschechoslowakei (1920) und Irland (1922) führten das Frauenwahlrecht ein, ebenso Schweden (1919), Luxemburg (1919) und Albanien (1920).

Bei den Siegermächten des Weltkriegs war der Schwung geringer. In Frankreich, das als eines von wenigen Ländern schon im späten 19. Jahrhundert das allgemeine Männerwahlrecht gekannt hatte, verzögerte sich die Einführung des Frauenwahlrechts bis 1944. In den USA war seit 1878 beim Kongress ein nicht behandelter Antrag auf einen Verfassungszusatz anhängig, der die Einschränkung des Wahlrechts aufgrund des Geschlechts verbieten wollte. Im Januar 1915, noch vor dem amerikanischen Kriegseintritt, lehnte das Repräsentantenhaus eine Frauenwahlrechtsvorlage deutlich ab. Hingegen war im November 1917 im Bundesstaat New York ein Referendum zum Frauenwahlrecht erfolgreich und im September 1918 machte sich Präsident Woodrow Wilson vor dem Senat dafür stark, endlich den entsprechenden Verfassungszusatz zu realisieren. Dieser passierte 1918 das Repräsentantenhaus und 1919 im dritten Anlauf auch den Senat und wurde in der Folge bis im August 1920 von den erforderlichen 36 Bundesstaaten ratifiziert. Weiterhin hinderten aber die segregationistischen Südstaaten mit juristischen Tricks und teilweise auch Gewalt die afroamerikanischen Männer und Frauen an der Ausübung des Wahlrechts. Grossbritannien führte im Februar 1918 mit dem „Representation of the People Act“ das allgemeine Männerwahlrecht ein. Das Wahlrecht für Frauen wurde dagegen beschränkt auf über 30-Jährige, die als Alleinstehende mindestens fünf Pfund Steuern bezahlten oder deren Ehemänner dieser Steuerkategorie angehörten, sowie weibliche Haushaltsvorstände und Universitätsabsolventinnen. Erst 1928 fielen diese Einschränkungen weg. Belgien beschloss 1919 das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht, gestand jedoch nur jenen Frauen das Wahlrecht zu, die im Ersten Weltkrieg besonders gelitten hatten. Dazu gehörten Witwen (oder, falls nicht vorhanden, Mütter) von Soldaten oder Zivilisten, die vom Feind getötet worden waren, sowie Frauen, die während der deutschen Besetzung für patriotische Handlungen verurteilt oder inhaftiert worden waren. Erst 1948 führte Belgien das allgemeine Frauenwahlrecht ein. In Italien stimmte 1919 das Abgeordnetenhaus für die Einführung des Frauenwahlrechts, die aber vom Senat blockiert wurde und dann erst nach der faschistischen Ära 1946 zustande kam.

Auch in der Schweiz gab es während und nach dem Ersten Weltkrieg Bestrebungen zur Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler und kantonaler Ebene. Am 17. Juni 1918 durfte nach einer Arbeiterinnendemonstration in Zürich erstmals eine Frauendelegation vor dem Kantonsrat sprechen. Am 6. November skizzierte Robert Grimm an einer Sitzung des Oltener Aktionskomitees ein Agitationsprogramm, das unter anderem die Forderung nach dem Frauenstimmrecht enthielt. Fünf Tage darauf figurierte das Frauenstimmrecht dann im Katalog der Landesstreikforderungen. SVF-Präsidentin Emilie Gourd forderte noch während des Streiks den Bundesrat in einem Telegramm – bei grundsätzlicher Distanzierung vom Landesstreik –auf, dieses Postulat zu erfüllen. Umgekehrt stellte Bundespräsident Felix Calonder während der Landesstreikdebatte im Parlament zwar die Erfüllung einer Reihe von Streikforderungen – so die Regierungsbeteiligung der SP, die rasche Umsetzung des Proporzwahlrechts oder die Einführung der 48-Stunden-Woche und der AHV (s. SozialarchivInfo 3/2017 und 4/2019) – in Aussicht, meinte jedoch, auf das Thema Frauenstimmrecht „wollen wir heute nicht eintreten“.

In der Folge überwies das Parlament zwei Motionen der Nationalräte Herman Greulich (SP) und Emil Göttisheim (FDP) für die Einführung des eidgenössischen Frauenstimmrechts in der abgeschwächten Form von Postulaten. Zu ihrer Unterstützung reichten im Juni 1919 158 Frauenverbände eine Petition ein. Die Postulate verschwanden aber in der Schublade des zuständigen Bundesrats und wurden jahrzehntelang nicht behandelt. Entsprechende Vorstösse auf kantonaler Ebene scheiterten: Zwischen 1919 und 1921 lehnten die männlichen Stimmberechtigten in Genf, Neuchâtel, Basel-Stadt, Zürich, Glarus und St. Gallen Vorlagen zur Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts deutlich ab – mit jeweils 65 bis 80% Nein-Stimmen. Hingegen wurde im Tessin 1919 in den Bürgergemeinden der Landbesitzer („patriziati“) ein Familienstimmrecht eingeführt, das durch Männer wie Frauen ausgeübt werden konnte. Wie Frankreich blieb damit mit der Schweiz ein zweites Pionierland des allgemeinen Männerwahlrechts Nachzügler beim Frauenstimmrecht.

Nach den ernüchternden Resultaten der Umbruchphase bei Kriegsende ging der Kampf um das Frauenstimmrecht weiter. 1923 verlangte eine Gruppe von 23 Frauen erfolglos die Aufnahme ins Stimmregister des Kantons Bern. 1928 demonstrierte an der ersten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Bern ein Schneckenwagen gegen das langsame Tempo bei der politischen Gleichberechtigung der Frauen. Im folgenden Jahr reichte der SVF mit Unterstützung anderer Frauenorganisationen, der SP und der Gewerkschaften bei den Bundesbehörden eine Petition für das Frauenstimmrecht mit einer Viertelmillion Unterschriften (170’397 von Frauen, 78’840 von Männern) ein – ohne Wirkung.

Die Schweiz als frauenpolitischer Sonderfall der Nachkriegszeit

Wie der Erste schien auch der Zweite Weltkrieg der Forderung nach politischer Gleichberechtigung der Frauen Schub zu verleihen. Bereits 1940/41 kamen in Genf und Neuchâtel Vorlagen für das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht vors Volk, wurden aber verworfen. 1945 überwies der Nationalrat ein Postulat von Emil Oprecht (SP) für das Frauenstimmrecht. Seitens der Gegnerschaft gab der Schwyzer Bauernpolitiker Josef Schuler in der Ratsdebatte zu bedenken, auf dem Rütli seien 1291 auch nur Männer dabei gewesen. Im selben Jahr entstand unter Federführung des SVF das „Schweizerische Aktionskomitee für Frauenstimmrecht“. Nach wie vor gab es aber eine starke Gegnerschaft, sogar auch von Frauen, die sich im „Schweizerischen Frauenkreis gegen das Frauenstimmrecht“ organisierten. Eine prominente Figur war Hanna Seiler-Frauchiger, deren Nachlass sich im Sozialarchiv befindet. Seit Kriegsende Mitglied im „Frauenkreis des Zürcher Unterlandes gegen das Frauenstimmrecht“, präsidierte sie in der Folge den bis Ende der 60er Jahre aktiven „Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht“.

Wie nach dem Ersten Weltkrieg setzten auch nach 1945 eine Reihe von kantonalen Abstimmungen der Aufbruchstimmung ein jähes Ende. In den Kantonen Basel-Stadt (1946 und 1954), Basel-Land (1946 und 1955), Genf (1946 und 1953), Tessin (1946), Zürich (1947, 1954 und 1966), Neuchâtel (1948), Solothurn (1948) und Waadt (1951) schickten die männlichen Stimmberechtigten Vorlagen für das kantonale oder kommunale Frauenstimmrecht bachab – zum Teil mit sehr deutlichen Resultaten. Vor diesem Hintergrund gelangte der Bundesrat 1951 in seinem Bericht zum Postulat Oprecht zum Schluss, dass der Zeitpunkt für eine Abstimmung über das eidgenössische Frauenstimmrecht noch nicht gekommen sei. In der Folge fanden in Genf (1952), Basel-Stadt (1954) und Zürich (1955) Frauenbefragungen statt, um dem oft verwendeten Argument, die Frauen wünschten gar keine politischen Rechte, auf den Grund zu gehen. Dabei sprachen sich 85% der Genferinnen, 73% der Baslerinnen und 80% der Zürcherinnen für das Frauenstimmrecht aus.

Ende der 50er Jahre kam das Thema erneut aufs Tapet. Im Jahre 1958 führte die Basler Gemeinde Riehen als erste das kommunale Frauenstimmrecht ein. Zugleich wurde das eidgenössische Frauenstimmrecht im Zusammenhang mit einer Zivilschutzvorlage aktuell. Die in der Atmosphäre des frühen Kalten Krieges entwickelten Pläne des Bundesrates, ein Zivilschutzdienstobligatorium für Frauen einzuführen, stiessen auf erbitterten Widerstand von SVF, BSF und weiteren Frauenorganisationen. Der Bundesrat legte daraufhin einen Abstimmungsentwurf zum eidgenössischen Frauenstimmrecht vor, um die geplanten neuen Pflichten der Frauen mit der Einführung politischer Rechte abzugelten. Die Frauenstimmrechtsvorlage passierte 1958 mit Zweidrittelmehrheiten beide Räte, allerdings auch mit Hilfe von Frauenstimmrechtsgegnern, die auf ein negatives Verdikt in der Volksabstimmung spekulierten. Im selben Jahr fand in Zürich die zweite SAFFA statt und publizierte Iris von Roten ihr kontrovers aufgenommenes Buch „Frauen im Laufgitter“.

Schliesslich scheiterten sowohl das Zivilschutzobligatorium als auch das Frauenstimmrecht an der Urne. Im März 1957 lehnten die Stimmberechtigten die von beiden Räten einstimmig beschlossene und von allen grossen Parteien zur Annahme empfohlene Zivilschutzvorlage mit 51,9% Nein ab. Ausschlaggebend war eine massive Ablehnung in der Romandie. Bei diesem Urnengang liess die Gemeinde Niederdorf (Basel-Land) die Frauen konsultativ abstimmen. Die Walliser Gemeinde Unterbäch nahm sogar die Frauen ins Stimmregister auf und liess sie an der Abstimmung teilnehmen. Ihre separat gesammelten Stimmzettel mussten in der Folge annulliert werden, das Ereignis erfuhr aber landesweite Beachtung. Am 1. Februar 1959 schickten die Stimmberechtigten das eidgenössische Frauenstimmrecht mit 66,9% Nein bachab. Zustimmende Mehrheiten gab es einzig in den Kantonen Genf, Neuchâtel und Waadt, während in Appenzell-Innerrhoden die Vorlage von 95,1% der Stimmenden verworfen wurde. Von den Parteien hatten die SP, der Landesring der Unabhängigen und die Partei der Arbeit Ja-Parolen beschlossen. Freisinn und Katholisch-Konservative gaben Stimmfreigabe, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei gab die Nein-Parole heraus. Nach der Abstimmung organisierten die Lehrerinnen des Basler Töchtergymnasiums einen eintägigen Proteststreik. Immerhin führten 1959 die Kantone Waadt und Neuchâtel als erste das kantonale Frauenstimmrecht ein, gefolgt von Genf (1960), Basel-Stadt (1966), Basel-Land (1968), Tessin (1969), Wallis, Luzern und Zürich (1970). Demgegenüber sprachen sich in Appenzell-Innerrhoden 1969 und 1970 nicht nur die Männer-Landsgemeinde zwei Mal gegen das Frauenstimmrecht aus, sondern 1969 in einer Konsultativabstimmung auch rund 55% der Frauen. 1971 hiess die Innerrhoder Landsgemeinde wenigstens das fakultative Frauenstimmrecht in Kirch- und Schulgemeinden gut.

Mit den fehlenden politischen Rechten der Frauen stand die Schweiz in Europa nun zunehmend isoliert da. Von den Staaten, die am Ende der Zwischenkriegszeit das Frauenwahlrecht noch nicht kannten, führten es die meisten um 1945 ein. Als Nachzügler folgten Griechenland (1952) und Zypern (1960) sowie die Mikrostaaten San Marino (1958, passives Wahlrecht erst 1973), Monaco (1962) und Andorra (1970, passives Wahlrecht erst 1973). Spanien und Portugal besassen unter den Diktaturen Francos und Salazars ein eingeschränktes Frauenwahlrecht, das erst mit dem Übergang zur Demokratie Mitte der 70er Jahre universalisiert wurde. Einzige europäische Staaten ganz ohne Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene waren zu Beginn der 70er Jahre die Schweiz, das Fürstentum Liechtenstein und der absolutistische Staat der Vatikanstadt. Die Sonderstellung der Schweiz führte zu Problemen bei der Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK).

Die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz – und in Appenzell

Ende der 60er Jahre plante der Bundesrat den Beitritt zur EMRK mit einem Vorbehalt bezüglich des Frauenstimmrechts. Dagegen protestierten die Frauenorganisationen massiv. Neben die traditionellen Frauenstimmrechtsvereine trat zu jener Zeit unter dem Einfluss von „68“ die neue Frauenbewegung mit einem breiteren Verständnis von Feminismus und einem radikaleren Aktionsrepertoire. Wichtigste Organisation dieser Richtung wurde um 1970 die „Frauenbefreiungsbewegung“ (FBB). In Zürich trat die FBB erstmals 1969 öffentlich in Erscheinung, als sie einen Fackelzug des kantonalen Frauenstimmrechtsvereins mit einem improvisierten Strassentheater konkurrenzierte und damit gegen das doch recht traditionelle Rollenverständnis der alten Frauenbewegung protestierte. Am 1. März 1969 kam es mit dem „Marsch nach Bern“ zu einer grossen Demonstration für das Frauenstimmrecht. Emilie Lieberherr, die Präsidentin des Organisationskomitees und im Folgejahr erstes weibliches Mitglied der Zürcher Stadtregierung, hielt bei der Abschlusskundgebung fest: „Wir stehen hier nicht als Bittende, sondern als Fordernde“, und skandierte mit der Menge: „Schtüüre zaale, aber au a d’Wahle!“

Vor diesem Hintergrund arbeitete der Bundesrat eine neue Frauenstimmrechtsvorlage aus, die die Eidgenössischen Räte ohne Gegenstimme passierte und in der Volksabstimmung von sämtlichen Parteien zur Annahme empfohlen wurde. Am 7. Februar 1971 nahmen die stimmberechtigten Männer die Einführung des Frauenstimmrechts mit 65,7% Ja an. Immer noch gab es indessen sechseinhalb ablehnende Stände (St. Gallen, Thurgau, Schwyz, Uri, Glarus, Obwalden und die beiden Appenzell) – am massivsten lehnte erneut Appenzell-Innerrhoden mit 71,1% Nein ab. Demgegenüber betrug die Zustimmung im Kanton Genf 91,1%. Bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober 1971 schafften zehn Frauen den Sprung in den Nationalrat (je drei SP, FDP und CVP und eine PdA). Zudem wurde mit der Genfer Freisinnigen Lisa Girardin die erste Ständerätin gewählt. Girardin war zuvor jeweils als Pionierin 1961 in den Grossen Rat Genf und 1967 in die Genfer Stadtregierung gewählt worden und hatte 1968 als Stadtpräsidentin von Genf amtiert.

In der Folge führten die meisten verbliebenen Kantone 1971/72 auch das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht ein. In den beiden Appenzell erfolgte dieser Schritt aber bis Ende der 80er Jahre nicht. Damit gab es mit den an der Männer-Landsgemeinde gewählten Ständeräten dieser Halbkantone weiterhin Mitglieder der Bundesversammlung, die nicht durch das allgemeine Wahlrecht legitimiert waren. Inzwischen hatte auch das Fürstentum Liechtenstein das Frauenstimmrecht eingeführt. Im Februar 1971, drei Wochen nach der Abstimmung in der Schweiz, war dieses noch knapp mit 51% Nein abgelehnt worden, ebenso in einer weiteren Abstimmung 1973 mit sogar 55,9% Nein. Im dritten Anlauf sagten dann im April 1984 die männlichen Stimmenden im „Ländle“ mit 51,3% knapp Ja zum Frauenstimmrecht. Fünf Jahre später, am 30. April 1989, beschloss die Landsgemeinde von Appenzell-Ausserrhoden in Hundwil mit knappem Handmehr die Einführung des Frauenstimmrechts, nachdem sie diesen Schritt in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten fünf Mal abgelehnt hatte. Im folgenden Jahr lehnten hingegen die Innerrhoder Männer an der Landsgemeinde in Appenzell das Frauenstimmrecht zum fünften Mal deutlich ab. Aufgrund einer bereits 1989 eingereichten Stimmrechtsbeschwerde von Theresia Rohner sowie weiterer Beschwerden nach dem negativen Landsgemeindebeschluss befasste sich nun das Bundesgericht mit der Angelegenheit. Am 27. November 1990 entschied das Gericht, dass eine „zeitgemässe“ (statt einer „grammatikalischen“ oder „historischen“) Auslegung der Innerrhoder Verfassung bei den Formulierungen „Landleute“ und „Schweizer“ die Frauen mitmeinte und damit ohne Verfassungsänderung das Frauenstimmrecht einzuführen sei. An der nächsten Landsgemeinde im April 1991 versammelten sich dann erstmals auch Frauen im Ring in Appenzell. Statt mit dem Seitengewehr legitimierten sie sich, wie im Rest der Schweiz, mit gedruckten Stimmrechtsausweisen.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.117 SP Frauen Schweiz, Femmes Socialistes Suisses, Donne socialiste svizzere
  • Ar 1.130.11 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Frauen- und Jugendbewegung
  • Ar 1.310.6 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Frauenstimmrecht
  • Ar 6 Frauenstimmrechtsverein Zürich
  • Ar 17 SAFFA 1958
  • Ar 27.70.7 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Abstimmungen 1959-1963
  • Ar 27.70.22 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1943-1951
  • Ar 27.70.24 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1965-1966
  • Ar 27.70.25 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Kantonale Abstimmungen 1969
  • Ar 27.85.7 SP Frauen Kanton Zürich: Akten 1918-1970
  • Ar 27.90.1 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Unterschriftenbogen von Volksinitiativen, Referenden und Petitionen 1917-1963
  • Ar 29 Schweizerischer Verband für Frauenrechte, Association suisse pour les droits de la femme
  • Ar 152.30.6 Nachlass Hedi Lang: Nationalratswahlen 1971-1979 und Wahl zur NR-Präsidentin 1981
  • Ar 170.15.20 Nachlass Herman Greulich: Diverses Nationalrat 1899-1924
  • Ar 198.19.3 Nachlass Klara Kaufmann: Zeitungsartikel und Leserbriefe 1945-1989
  • Ar 198.20.1 Nachlass Hanna Seiler-Frauchiger: Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht
  • Ar 201.16 Schweizerischer Arbeiterinnenverband
  • Ar 201.85 Verein Aktiver Staatsbürgerinnen / Verein für Frauenrechte / Frauenstimmrechtsverein / Union für Frauenbestrebungen
  • Ar 437 Frauen/Lesben-Archiv
  • Ar 465 Frauenbefreiungsbewegung Zürich (FBB) / Autonomes Frauenzentrum Zürich
  • Ar SGG A 70 A 1929 a Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Allgemeine Korrespondenz 1929
  • Ar SMUV 01D-0051 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Innenpolitik: Frauenstimmrecht; etc. 1919-1957
  • Ar SMUV 07A-0252 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Frauengruppen der Sektionen: Bienne, St. Imier, Vallorbe, Yverdon; Dokumentation Frauenstimmrecht 1961-1974

Sachdokumentation

  • KS 396/16+17 Frauenstimmrechtsbewegung: Ausland
  • KS 396/18-20 Frauenstimmrechtsbewegung: Schweiz
  • QS 21.5 Frauenstimmrecht
  • ZA 21.5 Frauenstimmrecht: Schweiz & Ausland
  • ZA 21.5 *1 Frauenstimmrecht: Allg. & Ausland
  • ZA 21.5 *2 Frauenstimmrecht: Schweiz

Bibliothek

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  • Bader-Zaar, Birgitta und Mineke Bosch (Hg.): Frauenwahlrecht – umstrittenes Erinnern (= L’Homme 32/1, 2021), D 5501
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  • Kranz, Sabine und Annegret Ritter (Hg.): 100 Frauen und 100 Jahre Frauenwahlrecht. Berlin 2019, 141319
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  • Linnemann, Dorothe (Hg.): Damenwahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht. Frankfurt 2018, in Bearbeitung
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  • Mesmer, Beatrix: Staatsbürgerinnen ohne Stimmrecht: Die Politik der schweizerischen Frauenverbände 1914–1971. Zürich 2007, 117394
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  • Neumayer, Elisabeth: Schweiz und Frauenstimmrecht. O. O. 1932, 8130
  • Newman, Vivien: Suffragism and the Great War. Barnsley 2018, 140765
  • Popp, Eva-Maria et al.: Stimmt! 100 Jahre Frauenwahlrecht: Tausche #metoo gegen Yes, I can. Pfarrkirchen 2018, 143729
  • Pugh, Martin: The march of the women: A revisionist analysis of the campaign for women’s suffrage, 1866–1914. Oxford 2000, 108644
  • Purvis, June: Emmeline Pankhurst: A biography. London 2002, 110227
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  • Richter, Hedwig und Kerstin Wolff (Hg.): Frauenwahlrecht: Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa. Hamburg 2018, 139525
  • Rogger, Franzsika: „Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte!“: Marthe Gosteli, ihr Archiv und der übersehene Kampf ums Frauenstimmrecht. Zürich 2015, 131352
  • Rogger, Franziska: Marthe Gosteli: Wie sie den Schweizerinnen ihre Geschichte rettete. Bern 2017, 136255
  • Rohner, Isabel und Rebecca Beerheide (Hg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht: Ziel erreicht! … und weiter? Sulzbach 2017, 143782
  • Rohner, Isabel und Irène Schäppi (Hg.): 50 Jahre Frauenstimmrecht: 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung. Zürich 2020, 144725
  • Rom, Pierre: Die Frau in der Politik: Der Kampf der Frauen um ihre politischen Rechte aus freisinniger Sicht. Urtenen 2006, 116725
  • Rosenbusch, Uta: Der Weg zum Frauenwahlrecht in Deutschland. Baden-Baden 1998, 104659
  • Roten, Iris von: Frauen im Laufgitter: Offene Worte zur Stellung der Frau. Bern 1958, 24210
  • Roten, Iris von: Frauenstimmrechts-Brevier: Vom schweizerischen Patentmittel gegen das Frauenstimmrecht, den Mitteln gegen das Patentmittel, und wie es mit oder ohne doch noch kommt. Basel 1959, Hf 7539
  • Ruckstuhl, Brigitte und Elisabeth Ryter: Beraten – bewegen – bewirken: Zürcher Frauenzentrale, 1914–2014. Zürich 2014, Gr 13237
  • Ruckstuhl, Lotti: Frauen sprengen Fesseln: Hindernislauf zum Frauenstimmrecht in der Schweiz. Bonstetten 1986, 80886
  • Rüdiger, Tim: Konsumentinnen vor der Wahl: Die Migros auf dem langen Weg zum Frauenstimmrecht in der Schweiz (1925–1971). Basel 2020, Gr 15057
  • Schmid, Denise (Hg.): Jeder Frau ihre Stimme: 50 Jahre Frauengeschichte 1971–2021. Baden 2020, 144655
  • Schulz, Kristina et al.: Frauenbewegung – Die Schweiz seit 1968: Analysen, Dokumente, Archive. Baden 2014, 130444
  • Schwarz, Rudolf: Zwei Dutzend Einwände gegen das Frauenstimmrecht und was ich darauf antworte. O. O. 1928, R 786
  • Schweizerischer Verband für Frauenrechte (Hg.): Der Kampf um gleiche Rechte. Basel 2009, 121128
  • Seitz, Werner: Auf die Wartebank geschoben: Der Kampf um die politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900. Zürich 2020, in Bearbeitung
  • Seler-Sachs, Caecilie: Familie und Frauenstimmrecht: Vortrag. Berlin 2014, Hf 5316
  • Senti, Martin: Geschlecht als politischer Konflikt: Erfolgsbedingungen einer gleichstellungspolitischen Interessendurchsetzung: Eine empirische Untersuchung am Beispiel der Schweiz. Bern 1994, 97903
  • Studer, Brigitte et al. (Hg.): Frauen und Staat: Berichte des Schweizerischen Historikertages in Bern, Oktober 1996. Basel 1998, 105767
  • Taylor Mill, Harriet: Zur Erteilung des Frauenwahlrechts: Essay. Innsbruck 2020, erwartet
  • Trausmuth, Gernot: „Ich fürchte niemanden“: Adelheid Popp und der Kampf für das Frauenwahlrecht. Wien/Berlin 2019, 140927
  • Voegeli, Yvonne: Zwischen Hausrat und Rathaus: Auseinandersetzungen um die politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz 1945–1971. Zürich 1997, 101833
  • Wecker, Regina: Frauen in der Schweiz: Von den Problemen einer Mehrheit. 2 Bde. Zug 1983, 73929: 1+2
  • Wegmüller, Renate: „Die Frau gehört ins Haus“: Frauenstimmrecht und seine Hindernisse in der Schweiz und im Kanton Bern – zugleich ein Beitrag zu Art. 4 Abs. 2 BV. Bern 2000, Gr 10679
  • Weltbund für Frauenstimmrecht (Hg.): Frauenstimmrecht in der Praxis: 1913. Dresden 1913, 85351
  • Wickert, Christl (Hg.): Heraus mit dem Frauenwahlrecht: Die Kämpfe der Frauen in Deutschland und England um die politische Gleichberechtigung. Pfaffenweiler 1990, 92147
  • Woodtli, Susanna: Gleichberechtigung: Der Kampf um die politischen Rechte der Frau in der Schweiz. Frauenfeld 1983, 75125
  • Zetkin, Clara: Zur Frage des Frauenwahlrechts. Berlin 1907, Hf 4705
  • Ziegerhofer, Anita: Ohne Frauenbewegung kein Frauenwahlrecht: „Müht Euch um den Stimmzettel, er ist der Schlüssel zu allen bürgerlichen Rechten!“ Graz 2018, 141694

Periodika

  • Die Bürgerin, D 4571
  • L’Exploitée, GG 60
  • Frauenbestrebungen: Offizielles Organ der Union für Frauenbestrebungen, NN 1070
  • Die Frauenbewegung: Revue für die Interessen der Frauen, NN 1066
  • Frauenrecht, D 2110
  • Frauenstimmrecht: Organ des Frauenstimmrechtsvereins Zürich, NN 314
  • Jahrbuch der Schweizerfrauen, N 215
  • Le Mouvement féministe: Organe officiel des publications de l’Alliance nationale des sociétés féminines suisses, Z 183
  • Die Staatsbürgerin, N 447
  • Die Vorkämpferin, MFB 19
  • Zeitschrift für Frauenstimmrecht, NN 1066

Filme

  • Goël, Stéphane: De la cuisine au parlement. O. O. 2012, DVD 103
  • Volpe, Petra Biondina: Die göttliche Ordnung. Cham 2017, DVD 156

Ausstellungen zum Thema mit Exponaten aus dem Sozialarchiv

  • Hommage 2021: 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht: Bildprojektionen auf dem Bundesplatz (7. – 16. Februar 2021) und in der Berner Altstadt (7. Februar – 30. Juni 2021) sowie Hintergrund-Website.
  • FRAUEN.RECHTE: Landesmuseum Zürich, 5. März – 18. Juli 2021.
  • «Was wollt ihr denn noch?» 50 Jahre Frauenstimmrecht in Zürich: Stadthaus Zürich, 9. April – 9. Oktober 2021.

 

Ein neuer Blick auf die Vollversammlungen der 80er Bewegung

Vor vierzig Jahren rebellierte die Jugend in verschiedenen Schweizer Städten. Die Ereignisse sind bekannt, weil die Auseinandersetzungen in ihrer Intensität das bisher bekannte Mass sprengten. Zudem gibt es für diese Jugendbewegung eine eindrückliche Fülle historischer Quellen. Mit dem Rohmaterial des Videoladens Zürich sind nun fast 200 Stunden Aufnahmen aus einer bewegten Zeit neu im Sozialarchiv zugänglich. Besonders aufschlussreich sind die Vollversammlungen.

Vor bald einem Jahrzehnt lancierte der Videoladen Zürich zusammen mit Memoriav (dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und dem Sozialarchiv das Projekt zur Digitalisierung seines Rohmaterials. Im Zentrum sollten die Aufnahmen stehen, die im Zusammenhang mit der Jugendbewegung der 1980er Jahre entstanden sind. Berücksichtigt wurden aber auch die Vorläufer und Nachwehen, so dass der Bestand die zwei Jahrzehnte zwischen 1976 und 1995 abdeckt. Insgesamt wurden rund 200 Videobänder von Spezialistinnen gereinigt und anschliessend digitalisiert. Inzwischen ist der Bestand online zugänglich: bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_9049.

Video-Rohmaterial geniesst keinen allzu hohen Stellenwert in der Forschung. Weder bei Filmwissenschaftlern noch bei Historikerinnen steht es als Quellenmaterial hoch im Kurs. Es gilt als Vorstufe zu einem Werk, ästhetisch unausgereift und inhaltlich wenig aussagekräftig. Hier sei die Prognose gewagt, dass der Bestand des Videoladens diese Einschätzung verändern könnte.

Die Videoladen-Crew war in den «heissen» Jahren von 1980 bis 1982 fast pausenlos unterwegs. So sind viele Stunden Aufnahmen entstanden, die sehr wohl neue Aufschlüsse über die achtziger Ereignisse ermöglichen könnten. Das Bewegtbild gibt zudem Informationen frei, die andere Quellen nicht liefern können: Die Aufnahmen der «Wohn-Demo» vom 30. August 1980 (SozArch F 9049-026 und F 9049-058) zeigen beispielsweise, wie sich die Jugendlichen auf die Demonstration vorbereiten oder welche Diskussionen über Routenwahl und Gewaltbereitschaft geführt werden. An der Demo selbst kommt es zu Konflikten mit der Polizei, die in stundenlange, gewalttätige Scharmützel münden. Jugendliche, die von einem Tränengaseinsatz betroffen sind, werden notversorgt. Passanten beobachten die Vorgänge neugierig und mischen sich teilweise verbal in die Auseinandersetzungen ein. Der Kameramann des Videoladens bekommt die Ladung eines Wasserwerfers ab. Wenige Meter voneinander entfernt finden zeitgleich ein Strassenmusikauftritt und ein Polizeieinsatz statt. Nichts von dem findet sich in der Presseberichterstattung, in den Polizeirapporten oder in Erlebnisberichten von Beteiligten. Das bewegte Bild übertrifft an Informationsdichte alle anderen Quellengattungen.

Natürlich bildet auch dieses Rohmaterial nicht «die Realität» ab. Die Ereignisse der erwähnten Wohn-Demo zogen sich über Stunden hin. Die beiden Bänder decken davon nur rund 60 Minuten ab. Die Kamera wird laufend aus- und eingeschaltet. Längere Phasen (der Ereignislosigkeit?) fehlen ganz. Zudem filmt die Videoladen-Crew nicht neutral, sondern aus der Perspektive der Bewegung. Gewalttätigkeiten der Gegenseite werden nach Möglichkeit genau dokumentiert, zertrümmerte Schaufenster und der Barrikadenbau der Jugendlichen scheinen hingegen eher nur zufällig ins Bild zu geraten. Die Kamera sucht immer wieder eine bisweilen fast aufdringliche Nähe zur Polizei. Man belauert sich gegenseitig und spart nicht mit Provokationen.

Einen besonders intimen Einblick ins Funktionieren der Jugendbewegung bieten die Aufnahmen der Vollversammlungen. Diese Form des Zusammenkommens und Diskutierens hatte sich ab dem ersten Tag der Ereignisse etabliert und wurde von den Bewegten nie in Frage gestellt. Die Vollversammlung galt als einziges Organ mit Entscheidungsgewalt. Die Delegierung an eine Gruppe mit Leitungsfunktionen wurde zwar ansatzweise diskutiert, aber jedes Mal verworfen. Der Widerstand dagegen war wohl nicht zuletzt deshalb so radikal, weil genau dies von den Behörden immer wieder gefordert wurde: Sie waren bereit, mit einer Delegation zu verhandeln, aber sicher nicht mit einer anonymen Menge. Die Vehemenz, mit der die Jugendlichen auf dieser Form beharrten, hatte auch mit dem Vertrauensverlust in gängige politische Abläufe zu tun. Die älteren Jugendlichen mit einem 68er-Hintergrund fühlten sich durch die jahrlange Hinhaltetaktik der Behörden verschaukelt, den jüngeren fehlte jede Geduld, noch Jahre auf die Realisierung ihres Begehrens zu warten. Allen gemeinsam war eine tiefgehende Abneigung gegen einen parteipolitischen Weg: Sowohl den etablierten Parteien als auch den Parteien der Neuen Linken schlug heftige Abwehr entgegen, wenn diese versuchten, sich den Anliegen der Jugendlichen anzunehmen. Die ganze Energie lag im Kollektiv, jeder Versuch einer Vereinnahmung wurde äussert argwöhnisch beäugt. Das musste auch das Aushängeschild der Ausgestossenen und Randständigen, Pfarrer Ernst Sieber, erleben, dessen Einstehen für die Jugendbewegung auf kontroverse Reaktionen stiess, wie Pfeifkonzerte nach seinen Voten an Vollversammlungen belegen.

An den Treffen, die nach dem Opernhaus-Krawall vom 30. Mai 1980 in kurzer Abfolge stattfanden, diskutierten die Jugendlichen also so lange, bis eine Entscheidung über das weitere Vorgehen mittels Abstimmung möglich war – oder die Teilnehmenden vom stundenlangen Hin und Her so zermürbt waren, dass sich die Versammlung ohne Beschluss auflöste. Die Vollversammlungen fanden an verschiedenen Orten statt: im Volkshaus, auf dem Platzspitz und später auch im autonomen Jugendzentrum. Grundsätzlich stand das Mikrofon allen Anwesenden zur freien Meinungsäusserung offen. Als fleissige Redner entpuppten sich aber bald die Männer, Frauen meldeten sich selten. Der Ablauf einer Vollversammlung bestand im Wesentlichen daraus, dass zuerst aus Wortmeldungen eine Art Traktandenliste entstand. Rednerinnen und Redner fanden sich beim Mikrofon ein und warteten in der Regel artig, bis sie an der Reihe waren. Wenn der Austausch der Argumente sich erschöpft hatte, folgte die Abstimmung durch Handerheben im Plenum.

Was bei der blossen Schilderung langweilig und reizlos tönt, war zumindest in der Anfangsphase der Zürcher Jugendbewegung ein überaus mächtiges politisches Instrument. Die Vollversammlung als Forum der Willensbekundung zeigte ihre Stärke und ihr Durchsetzungsvermögen auch darum, weil die Bewegung in erster Linie ein vordringliches Ziel hatte: Die Stadt sollte ihr ein autonomes Jugendzentrum zur Verfügung stellen. Hinter dieser Forderung standen bis zu 10’000 Jugendliche, die dafür auch auf die Strasse gingen. Der Anspruch auf ein autonomes Jugendzentrum war auch für breite Kreise der Bevölkerung nachvollziehbar: Die Benachteiligung alternativer Kultur und das Fehlen nichtkommerzieller Treffpunkte in der Stadt waren augenfällig. Die Behörden hatten es versäumt, dem jahrzehntelang wiederholten Ruf nach einem Jugendhaus nachzukommen. Selbst die Ereignisse von 1968 und das krachend gescheiterte Experiment mit dem Bunker hatten ihnen die Augen nicht geöffnet. Dort hatte man 1970 versucht, die Jugend mit einem fensterlosen Luftschutzbunker unter dem Lindenhof abzuspeisen. Das Fass zum Überlaufen brachte dann bekanntlich die Vorlage, für 60 Millionen das Opernhaus zu renovieren – und die nicht-etablierte Kultur erneut zu ignorieren. Am 30. Mai 1980 demonstrierten die Jugendlichen dagegen und es kam zum berühmt-berüchtigten Opernhaus-Krawall.

Wenige Tage später, am 4. Juni, kam es zur denkwürdigen Vollversammlung im Volkshaus. Sie kann dank der Aufnahmen des Videoladens fast integral nacherlebt werden (SozArch F 9049-003/-014/-021). Die Jugendbewegung war auf einem frühen Höhepunkt ihrer Wirkungsmacht. Der Anlass zog 3’000 Jugendliche an. Der Strom Interessierter an diesem Mittwochabend war aus verschiedenen Gründen enorm: Angekündigt war eine Aufführung eines Videos, das am Opernhaus-Krawall entstanden war und das bereits für Furore gesorgt hatte. Der an der Universität Zürich lehrende Ethnologe Heinz Nigg hatte zusammen mit der Projektgruppe «Community Medien» die Auseinandersetzungen beim Opernhaus und in den angrenzenden Strassenzügen gefilmt, was dem zuständigen Regierungsrat Alfred Gilgen sauer aufstiess. Das Band wurde konfisziert, weitere Aufführungen wenig später verboten.

Ebenfalls gezeigt wurde die Fernsehberichterstattung über den Krawall – die Ereignisse hatten sowohl in den Printmedien als auch im Fernsehen für eine überreizte Berichterstattung gesorgt. Die öffentliche Meinung reagierte schockiert und empört auf den Gewaltausbruch, der hauptsächlich den Jugendlichen angelastet wurde. Die Bewegung sah dies verständlicherweise genau umgekehrt. Der Frontenbezug und die Gewaltbereitschaft (auf beiden Seiten) waren schon nach den ersten Abendstunden am Freitag des Opernhauskrawalls klar und sollten sich während der nächsten zwei Jahre nicht mehr signifikant verschieben. Folgerichtig zeigten deshalb einige Jugendliche in einer Performance auf der Volkshausbühne, wie man sich im Falle einer Verhaftung verhalten sollte. Unterstützt wurden sie dabei von Anwältinnen und Anwälten des Anwaltskollektivs.

Den Höhepunkt dieser Vollversammlung bildete allerdings der Auftritt von Stadträtin Emilie Lieberherr und Stadtpräsident Sigmund Widmer. Weil die Jugendlichen sich geweigert hatten, den umgekehrten Weg zu gehen – nämlich eine Delegation ins Stadthaus zu schicken –, blieb den beiden Stadträt/innen nichts Anderes übrig, als sich einer Diskussion in der Höhle des Löwen zu stellen. Dieser Umstand war verblüffend und zeigt, dass der Druck der Ereignisse auf der Strasse seine Wirkung tat. Der Gang ins Volkshaus war wohl auch ein Eingeständnis, die Entwicklungen in der Jugendpolitik während Jahren vollkommen verschlafen zu haben. Die Debatte zwischen Lieberherr, Widmer und dem Plenum dauerte rund eine Stunde und spielt sich in erstaunlich gesitteter Atmosphäre ab. Es ist förmlich spürbar, dass die Jugendbewegung bereits an diesem Abend ihrem Ziel eines autonomen Jugendzentrums sehr nahe kam. Daran änderte auch nichts, dass sich sowohl Lieberherr als auch Widmer wiederholt mit paternalistisch anmutenden Statements an das jugendliche Publikum wandten – sie wurden mit Pfeifkonzerten quittiert. Auch die Taktik von Lieberherr und Widmer, sich hinter dem politischen Entscheidungsprozess zu verschanzen, der ihre Machtbefugnis begrenzte, erlitt Schiffbruch. Der Abend endete mit einem zweifachen Zugeständnis: Die Stadt stellte den Jugendlichen die Rote Fabrik für ein Fest am kommenden Wochenende zur Verfügung und versprach, sofort Verhandlungen über eine in Frage kommende Liegenschaft aufzunehmen. Weniger als einen Monat später wurde das autonome Jugendzentrum an der Limmatstrasse 18/20 Realität.

Einen solchen Durchbruch hatten wohl nur die Optimistischsten erwartet. Die Vollversammlung als entscheidendes Gremium und Machtinstrument sah sich dadurch bestärkt und legitimiert, und dieser frühe Erfolg dürfte auch dazu beigetragen haben, dass während der nächsten Monate niemand am Instrument der Vollversammlung rüttelte. In dieser Phase gab es bisweilen auch kuriose Momente: So konnte es vorkommen, dass ein ganzer Demonstrationszug zum Stillstand kam, weil – über Megafon – der weitere Verlauf der Route diskutiert werden musste.

Die Mängel der Vollversammlung traten allmählich zu Tage, nachdem das autonome Jugendzentrum am 28. Juni 1980 eröffnet worden war. Die Tage und Wochen des Kampfes auf ein Ziel hin waren vorbei und damit die Schlagkraft der Vollversammlung. Sobald es nichts mehr zu erstreiten galt, waren Konzepte und Strategien gefragt. Doch dafür eignete sich die Vollversammlung nicht. Bereits die Aufnahmen zur AJZ-Eröffnung (SozArch F 9049-047) zeigen, dass Probleme auf die Bewegung zukamen, die sie weder verursacht hatte noch aus eigener Kraft lösen konnte. Wie sollte die baufällige Liegenschaft mit dem lächerlichen Betrag von 40’000 Franken, den die Stadt gesprochen hatte, in Schwung gebracht werden? War das Haus nicht viel zu klein für alle Bedürfnisse, die sich angestaut hatten? Sollte man angesichts der grassierenden Wohnungsnot auch im AJZ übernachten dürfen? Und stimmte das Gerücht, dass die Stadt vorhatte, die Liegenschaft innert Jahresfrist sowieso abzureissen? In der Vollversammlung wurde diese Frage zwar diskutiert, aber statt wie früher Euphorie und Tatendrang machte sich im Plenum nun Ratlosigkeit breit. Die Jugendlichen reagierten zwar sehr schnell mit einer Fülle von Arbeitsgruppen, die sich den einzelnen Problemfeldern annahmen. Der Dampfer AJZ nahm Fahrt auf, lief aber schon nach wenigen Wochen auf Grund. Vor allem Drogenprobleme führten zu einer ersten Schliessung im September 1980. Die Situation war verfahren: Auf der einen Seite die Bewegung, die stur an ihren Wegen der Entscheidungsfindung festhielt und weder Delegationen noch eine Machtaufteilung innerhalb tolerierte. Auf der anderen Seite die Behörden, die sich nach der Übergabe der Liegenschaft nicht mehr in der Pflicht sahen, irgendeinen Beitrag zur Lösung der anstehenden Probleme beizutragen und ihre Aufgabe einzig darin sahen, mit repressiven Mitteln für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Die Videoaufnahmen der Vollversammlungen erweisen sich bei näherem Hinsehen somit als eine reichhaltige Quelle für die Geschichte der Jugendbewegung. Sie geben in erster Linie Auskunft über die Themen, die den Jugendlichen unter den Nägeln brannten: Wann endlich erhalten wir ein Jugendhaus? Ist der Einsatz von Gewalt an Demonstrationen legitim? Was ist zu tun bei einer Verhaftung durch die Polizei oder nach einer Tränengasattacke? Darüber hinaus lassen sich ihnen viele zusätzliche Informationen entnehmen: Welche Jugendlichen ergreifen öfter das Wort? Auf welche Reaktionen stossen die Voten im Publikum? Wie verhalten sich Frauen am Mikrofon? Wie verhält sich das Plenum, wenn die Diskussion ausufert? Was hat es mit der schleppenden Sprechweise vieler Jugendlicher auf sich? Wie sind die Jugendlichen gekleidet? Welche unterschiedlichen Interessen lassen sich bei den versammelten Jugendlichen ausmachen?

Eine Analyse solcher und anderer Fragen kann dazu beitragen, die ausgetretenen Rezeptionspfade der 80er Bewegung zu verlassen. Im Jubiläumsjahr 2020 stand fast ausschliesslich die Erinnerung im Vordergrund: Bewegte erzählten, «wie es damals war». Dies ist zwar sowohl für Zeitzeug/innen als auch für später Geborene interessant, blendet aber aus, dass es neben den individuellen und kollektiven Erlebnissen immer noch unvollständig beantwortete Fragen gibt. Beispielsweise bedarf es der Klärung, ob es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen der Depression, die viele Jugendliche nach dem Abbruch des AJZ erfasst hatte, und dem Absturz in den unkontrollierten Konsum harter Drogen. Ebenfalls im Raum steht die Frage, ob die Bewegungsgeneration tatsächlich so wesentlich für die kreative, kulturelle (nicht nur die Musik betreffend) und gastronomische Aufbruchstimmung der späten 1980er und frühen 1990er Jahre verantwortlich war. Nötig ist in erster Linie ein unverstellter Blick auf die Ereignisse, der sich auch von den Positionsbezügen und ideologischen Abwehrmechanismen zu lösen vermag, die bei vielen Beteiligten auch 40 Jahre danach unverrückbar scheinen.

Die Aufnahmen der Vollversammlungen aus dem Archiv des Videoladens könnten dabei durchaus hilfreich sein. Sie zeigen, welche Macht der Vollversammlung in den ersten Wochen der Bewegung zukam, wie partizipativ und taktisch clever ihre Beschlüsse anfangs waren. Mit der Dauer der Achtziger Unruhen wurde aber zunehmend klar, dass die Jugendbewegung kein homogenes Kollektiv war, sondern mit Post-68ern und Spontis, Radikalen und Pragmatischen, Studierenden und Lehrlingen eine riesige Bandbreite an Altersgruppen, Ideologien und Bedürfnissen hinter dem gemeinsamen Ziel eines AJZ versammelte. Mit der strikten Weigerung der Macht- und Verantwortungsdelegation könnten die Bewegten womöglich selber ihren Beitrag zum Scheitern der Bewegung beigetragen haben.

Nach der ersten Schliessung des AJZ im September 1980 war der Videoladen nur noch vereinzelt vor Ort, wenn Vollversammlungen stattfanden. Die Kritik aus den eigenen Reihen an dieser Diskussionsform wurde lauter, die Teilnehmerzahlen sanken. Allerdings wandte sich die Jugendbewegung nie offiziell von der Vollversammlung ab. Die massgebliche Arbeit fand nun aber in den Arbeitsgruppen des AJZ statt. Die Bewegung kommunizierte über Flugblätter, eigene Zeitungen und Piratenradios – und seit Anbeginn auch mit den Videos des Videoladens. Die Ereignisdichte ergab Material zur Genüge. Rund zwei Drittel des gesamten Videoladen-Archivs stammen aus der Zeit zwischen Opernhauskrawall und der definitiven Schliessung des AJZ weniger als zwei Jahre später. Aus diesem Rohmaterial entstanden mehr als zehn Videoproduktionen und 1981 mit «Züri brännt» auch ein Meilenstein des Bewegungsvideos.

Erstmalig gab es an einer nationalen Ausstellung ein konfessionelles Programm und mit dem «SAFFA-Kirchlein» einen eigens dafür konzipierten Gottesdienstraum (SAFFA 1958, SozArch F Fd-0003-47)
Erstmalig gab es an einer nationalen Ausstellung ein konfessionelles Programm und mit dem "SAFFA-Kirchlein" einen eigens dafür konzipierten Gottesdienstraum (SAFFA 1958, SozArch F Fd-0003-47)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Evelyne Zinsstag und Dolores Zoé Bertschinger: «Aufbruch ist eines, und Weitergehen ist etwas anderes». Frauenräume: von der Saffa 58 über das Tagungszentrum Boldern zum Frauen*Zentrum Zürich. Wettingen, 2020

Die zweite Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1958 in Zürich war nicht einfach «eine hübsche, bunte Schau mit viel traulich-fraulichem Drum und Dran». Die SAFFA 58 war auch der Gründungsort der ökumenischen Frauenbewegung in der Deutschschweiz. Von den Verflechtungen der kirchlichen und der säkularen Frauenbewegung einerseits und den Theologinnen Ruth Epting, Else Kähler und Marga Bührig andererseits handelt der erste Teil dieses Buches.

Das «SAFFA-Kirchlein» war ein Frauenraum, in dem religiöse Frauen eine neue Formensprache für sich entdeckten. Diese Erfahrungen entwickelten Marga Bührig und Else Kähler am Evangelischen Tagungszentrum Boldern weiter, wo sie mit jüngeren Frauen in Austausch traten. Der Frauenbewegung als einer «Tradition der Frauen» und dem intergenerationellen Gespräch, wie es heute im Frauen*Zentrum gepflegt wird, ist der zweite Teil des Buches gewidmet.

Rebecca Hesse [et al.]: Aus erster Hand. Gehörlose, Gebärdensprache und Gehörlosenpädagogik in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert. Zürich, 2020

Gehörlose galten im 19. und 20. Jahrhundert lange als «Behinderte». Zu ihren Eigenheiten gehörte die Gebärdensprache, eine Ausdrucksform, die sie vom Rest der Gesellschaft trennte. Heute verstehen sich Gehörlose als «kulturelle Minderheit». Ihre Identität gründet zu einem wesentlichen Teil auf der Gebärdensprache. Gehörlosigkeit pauschal als Behinderung abzustempeln, lehnen sie ab.

Das neu erschienene Buch beleuchtet die wechselhafte Geschichte der Gehörlosen in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen die Orte, an denen sich die hörende Gesellschaft und die Gehörlosengemeinde begegneten, insbesondere die Taubstummenanstalten und späteren Sprachheilschulen, die bis in die 1980er Jahre nach der Lautsprachmethode unterrichteten. Die Studie stützt sich auf breite Archivbestände und zahlreiche Interviews.

Jacques Picard, Angela Bhend (Hrsg.): Jüdischer Kulturraum Aargau. Baden/Zürich, 2020

Im aargauischen Surbtal zeugt ein reiches Kulturerbe von der jüdischen Geschichte der beiden Dörfer Endingen und Lengnau. Im 18. Jahrhundert war die jüdische Bevölkerung der Schweiz gezwungen, in diesen beiden Gemeinden zu leben. Im Lauf des 19. Jahrhunderts errangen die Schweizer Jüdinnen und Juden nach und nach die gleichen Rechte wie ihre nichtjüdischen Landsleute. Der gesellschaftliche Wandel führte zu einer Abwanderung in Schweizer Städte und ins Ausland.

So weist der jüdische Kulturraum Aargau über sich hinaus in die Welt. Das reich bebilderte Buch schildert auf eindringliche Art die Geschichte und Gegenwart des jüdischen Aargaus, die in weiten Teilen eine Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Schweiz ist. Über 40 Autorinnen und Autoren legen Zeugnis ab vom jüdischen Alltag, der Emanzipation, den Bedrohungen in schwerer Zeit, aber ebenso vom Erfolg der Schweizer Jüdinnen und Juden weltweit.

3.9.2020-17.1.2021: Ausstellung „Zürich 1980“ im ZAZ

Vor 40 Jahren wurde Zürich von einer urbanen Revolte erschüttert. Es war eine Rebellion gegen einen normierten und kontrollierten Alltag, gegen ein biederes, engstirniges und repressives soziales Klima, ein erbitterter und lustvoller Kampf für ein anderes urbanes Leben. Die Revolte hat zwei Jahre angehalten und das gesellschaftliche und kulturelle Leben Zürichs grundlegend verändert, mit Auswirkungen, die bis heute sichtbar sind.

In Zusammenarbeit mit Christian Schmid (Stadtforscher, ETH Zürich) und Silvan Lerch (Kulturjournalist) hat das Sozialarchiv aus diesem Anlass die Ausstellung „Zürich 1980“ im Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) konzipiert. In dieser Ausstellung schauen wir zurück und nach vorn – in eine bewegte Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft.

„Zürich 1980“ besteht im Wesentlichen aus zwei Zugängen zum Thema. Zum einen zeigen wir Fotos von Gertrud Vogler (1936-2018) – sie ist den regelmässigen Leser*innen des SozialarchivInfos inzwischen bestens bekannt. Vogler gehörte zu den wichtigsten zeitgenössischen FotografInnen Zürichs. Sie arbeitete für verschiedene Publikationen und übernahm 1981 die Bildredaktion der WoZ. Vogler konnte Aufnahmen von Orten machen, zu denen anderen der Zutritt verwehrt blieb oder wo sie sich gar nicht erst hin getrauten. Als Chronistin des Alltags und der sozialen Bewegungen schuf sie ein Werk von über 200’000 Fotografien, das heute im Schweizerischen Sozialarchiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die erste grössere Einzelausstellung zeigt Einblicke in bewegte Zeiten zwischen 1977 und 1993.

Zum anderen widmet sich die Ausstellung unter dem Titel «Poetische Provokationen» der Sprache der Bewegung. Mit Zeitschriften, Songtexten, Videos, Tonaufnahmen, Flugblättern und Büchern zeigen wir, wie sich die 80er Bewegung Ausdruck verschaffte. Als Interventionsmedien zur Etablierung einer Gegenöffentlichkeit gedacht, verströmen die Texte bis heute eine besondere Kraft und entwickeln einen eigentlichen Sog. Sie sind oft überraschend, explosiv, radikal und militant und entfalten zugleich sinnliche Verspieltheit, Witz und (Selbst-)Ironie.
Dieser Teil der Ausstellung sollte ursprünglich im Museum Strauhof gezeigt werden, fiel aber wie so vieles der Corona-Pandemie zum Opfer. Verantwortlich für die «Poetischen Provokationen» sind Silvan Lerch und Anja Nora Schulthess („Zürcher Mittelmeerfraktion – Verein für unerhörte Stadtgeschichten“).

3. September 2020 bis 17. Januar 2021
Zentrum Architektur Zürich (ZAZ), Höschgasse 3, 8008 Zürich

> Der Zutritt zu allen Veranstaltungen ist coronabedingt beschränkt. Bitte informieren Sie sich vor Ihrem Besuch auf der Homepage des ZAZ und melden Sie sich über anmeldung@zaz-bellerive.ch zu den jeweiligen Veranstaltungen an.

> Ausstellungsflyer herunterladen (PDF, 2’690 KB)

> Weitere Informationen und Angaben zum umfangreichen Begleitprogramm

SLSP und swisscovery – was für Sie als Bibliotheksbenutzer/in wichtig ist

Am 7. Dezember 2020 um 10 Uhr ist es soweit: swisscovery und die weiteren Dienste von SLSP (Swiss Library Service Platform) lösen die aktuellen Bibliotheksverbünde (u.a. NEBIS) und die bisherigen Rechercheportale schweizweit ab. Als Bibliothekskund/in haben Sie ab dann neu über eine einzige Rechercheplattform namens swisscovery Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Medienbestand der Schweiz.

Das Wichtigste in Kürze:

Was ist swisscovery?
Die neue nationale Rechercheplattform swisscovery verzeichnet insgesamt mehr als 30 Millionen Bücher, Serien, Zeitschriften und Non-Book-Materialien sowie mehr als 3 Milliarden elektronische Artikel. Betrieben wird swisscovery von der Swiss Library Service Platform, kurz SLSP. Die SLSP wurde von 15 Hochschulen ins Leben gerufen. Bis heute haben sich schweizweit 475 Bibliotheken angeschlossen.

Benutzerkonto / Wo kann ich mich registrieren?
Bibliothekskund/innen müssen ein SWITCH edu-ID-Konto besitzen, um von den swisscovery-Dienstleistungen Gebrauch machen zu können. Hier können Sie sich registrieren: https://registration.slsp.ch/

> Bitte beachten Sie:

  • Falls Sie noch kein SWITCH edu-ID-Konto besitzen, können Sie dieses während der Registrierung einrichten.
  • Wir empfehlen Ihnen, den Strichcode Ihres bestehenden Bibliotheksausweises zu erfassen, damit Sie diesen weiterhin verwenden können.
  • Hilfe zur Registrierung finden Sie auf: https://registration.slsp.ch/help/

Nach erfolgreicher Registrierung bei SLSP können Sie Ihr SWITCH edu-ID-Konto schweizweit für alle SLSP-Bibliotheken verwenden (es gibt keine separaten Konten pro Bibliothek oder Verbund mehr).

Kann ich meine aktuelle Bibliothekskarte behalten?
Ja, Sie haben die Möglichkeit, die Nummer (Strichcode) Ihres Bibliotheksausweises bei der Registrierung anzugeben.

Muss ich mich nach der Registrierung am Schalter meiner Bibliothek ausweisen?
Nein, Sie müssen sich nicht ausweisen. Ihre Handynummer wird bei der Registrierung verifiziert.

Wieso funktioniert mein bisheriges Bibliothekskonto nicht mehr?
Die alten Bibliothekskonten sind in swisscovery nicht mehr gültig. Um die Bibliotheksdienstleistungen weiterhin nutzen zu können, müssen Sie ein SWITCH edu-ID-Konto besitzen.

Wo kann ich meine Ausleihen aus dem NEBIS-Verbund noch einsehen?
Ihre Ausleihen können Sie unter https://recherche.nebis.ch/ bis März 2021 einsehen. Verwenden Sie hierfür Ihr bestehendes, bisheriges Bibliothekslogin.

Wieso kann ich meine Ausleihen in meinem NEBIS-Konto nicht mehr verlängern?
Eine Verlängerung ist technisch nicht mehr möglich.

Wieso werden meine Reservationen und meine Ausleihhistorie nicht in swisscovery übernommen?
Eine Migration der Reservationen und Ausleihhistorien in das neue System ist aus technischen und datenschutzrechtlichen Gründen leider nicht möglich. Ab dem 7. Dezember können Sie Dokumente in swisscovery neu reservieren.

Wo kann ich meine Ausleihen in swisscovery einsehen?
Ab dem 7. Dezember 2020 können Sie Ihre Ausleihen in Ihrem Konto im swisscovery-Portal Ihrer Bibliothek einsehen.

Was ist der SLSP-Courier und wer nimmt am SLSP-Courier teil?
Der SLSP-Courier vernetzt wissenschaftliche Bibliotheken aus der ganzen Schweiz miteinander und löst die bisherigen Kurierdienste wie IDS-Kurier und NEBIS-Ausleihverbund ab. Der SLSP-Courier ermöglicht Ihnen, sich innerhalb von 48 Stunden Bücher von einer Bibliothek in eine andere liefern zu lassen gegen eine Gebühr von CHF 6.- pro bestelltem Dokument. Ob eine Bibliothek am SLSP-Courier teilnimmt, sehen Sie bei der Bestellung.

Benutzungsänderungen
Mit dem Start der neuen Rechercheplattform swisscovery am 7. Dezember 2020 gibt es auch Änderungen in der Benutzungsordnung der Bibliotheken (u.a. bei den Gebühren). Bitte informieren Sie sich jeweils direkt auf den Websites der einzelnen Bibliotheken.

> Mehr Informationen rund um SLSP und swisscovery finden Sie auch hier: https://www.nebis.ch/de/swisscovery/

 

Vor 85 Jahren: Krisenlernen in der direkten Demokratie

Krisen sind Situationen, in denen eine gefährliche Entwicklung nach dringendem Handeln und Veränderungen ruft. Neben die unmittelbare Krisenbewältigung treten zumeist auch Aushandlungsprozesse darüber, wie die Situation nach der Krise aussehen soll. Eine simple Rückkehr zur Vorkrisensituation ist häufig keine Option, die Vorstellungen über die Nachkrisenordnung gehen in der Regel aber massiv auseinander. Dies kann zu erheblichen Konflikten, ja gar zu Gewalt und zum Abgleiten in Diktatur und Krieg führen, aber auch zu Innovationsprozessen, die die Nachkrisenordnung auf ein stabileres Fundament stellen. Ein Paradebeispiel für solche Entwicklungen ist die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre, die in verschiedenen Ländern zu ganz unterschiedlichen Krisenbewältigungsstrategien führte. In der Schweiz spielte dabei die direkte Demokratie eine wichtige Rolle, insbesondere im Jahre 1935, als gleich zwei Volksinitiativen mit weitreichenden Veränderungszielen vors männliche Stimmvolk kamen.

Die Grosse Depression

Die Weltwirtschaftskrise ging von den USA aus. Am Ende der „Roaring Twenties“ stürzte im Oktober 1929 ein Börsencrash die unter verschiedenen strukturellen Problemen – Produktionsüberkapazitäten in der Industrie, hohe Privatverschuldung, landwirtschaftliche Überproduktion – leidende amerikanische Volkswirtschaft in eine Abwärtsspirale: Konkurse verschuldeter Firmen führten zu Massenentlassungen. Die steigende Arbeitslosigkeit und die unsichere Wirtschaftslage liessen die Nachfrage nach Konsumgütern sinken. Dadurch verschärfte sich das Problem der Überproduktion. Die Preise gingen zurück, die Produktion wurde eingeschränkt, was weitere Entlassungen zur Folge hatte. Diese wiederum führten zu einem weiteren Nachfragerückgang. Die Folgen dieses deflationären Teufelskreises waren katastrophal: Das Bruttosozialprodukt der USA brach in den Krisenjahren um 28 % ein. Die Arbeitslosigkeit stieg und diejenigen, die noch Arbeit hatten, erlitten grosse Einkommensverluste. Auch die Bauern wurden hart getroffen: Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte gingen von 1929 bis 1933 um 50 % zurück. Zehntausende Farmer konnten ihre Hypotheken nicht mehr bedienen und verloren ihr Land. Das Bankensystem war auf eine solche Katastrophe nicht vorbereitet. Allein in den ersten 10 Monaten des Jahres 1930 gingen 744 amerikanische Banken Konkurs.

Die engen weltwirtschaftlichen Verflechtungen liessen die Krise auch auf Europa und andere Kontinente überspringen. Die europäischen Aktienmärkte brachen ein, wenn auch nicht so dramatisch wie die amerikanischen. Zahlreiche Länder hatten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs Schulden in den USA, die nun ihr Geld zurückzogen. Eine verhängnisvolle Rolle spielte der Reparationenkreislauf: Die Reparationszahlungen, die Deutschland gemäss dem Versailler Friedensvertrag zu entrichten hatte, wurden von den europäischen Siegermächten nicht zuletzt dazu benutzt, um ihre Schulden bei den USA zu bedienen. Die deutschen Zahlungen waren aber ihrerseits nur dank Krediten aus den USA möglich. Mit dem Ausbruch der Krise versiegte aber der Kreditsegen, Deutschland drohte ein Devisenmangel und der Reparationenkreislauf stockte. Weiter verschärft wurde die Krise durch den zunehmenden Protektionismus, der die einheimischen Produzenten schützen sollte. Von 1929 bis 1932 ging der Welthandel um ein Viertel zurück. Die globale Industrieproduktion sank bis 1931 um über ein Drittel. Obwohl weltweit Millionen Menschen hungerten, war es für landwirtschaftliche Produzenten oftmals lukrativer, ihr Getreide als Brennmaterial zu verwerten, als es zu ungünstigen Konditionen auf dem Weltmarkt zu verkaufen.

Die allgemeinen Merkmale der Depression wie die Deflationsspirale und der Anstieg der Arbeitslosigkeit zeigten sich beinahe überall, die einzelnen Länder unterschieden sich aber punkto Beginn, Ausmass und Ende der Krise. Nach den USA am härtesten getroffen wurde Deutschland. Von 1929 bis 1932 halbierte sich die deutsche Industrieproduktion und die Aktien verloren zwei Drittel ihres Wertes. Zahlreiche Banken brachen zusammen. Die Arbeitslosenzahlen explodierten von 1,4 Millionen im September 1929 auf 6,1 Millionen im Februar 1932. Ab 1930 wirkte sich die Krise auch auf die Schweiz aus. Zunächst wurde vor allem die exportorientierte Industrie getroffen, dann auch die Binnenwirtschaft. Die Arbeitslosenzahl, die 1928 unter 9’000 Personen gelegen hatte, verzehnfachte sich bis 1936.

Ratlose Regierungen und politische Umbrüche

Die Regierungen reagierten auf die Krise verschieden und unterschiedlich rasch. Gemeinsam war ihnen eine zunächst zögerliche und ratlose Haltung, sah doch die dominierende liberale Wirtschaftstheorie eine Krise dieses Ausmasses schlicht nicht vor. Neben dem Warten auf die Selbstheilungskräfte des Marktes standen Massnahmen, die die Krise noch verschärften, wie die Erhöhung von Schutzzöllen und Einsparungen im öffentlichen Haushalt. Rechtsgerichtete Kreise propagierten zudem den Korporatismus, bei dem Arbeitgeber und -nehmer in Branchenorganisationen, sogenannte „Berufsstände“ oder „Korporationen“, eingegliedert werden sollten. Das faschistische Italien hatte die Arbeitsbeziehungen bereits 1927 mit der „Carta del Lavoro“ einer autoritär-korporatistischen Regulierung unterworfen. Auch in der katholischen Soziallehre spielte der Korporatismus eine zentrale Rolle, etwa in der päpstlichen Enzyklika „Quadragesimo anno“ von 1931. Diesem katholischen Korporatismus folgten in den 30er-Jahren in Portugal der autoritäre „Estado Novo“ Salazars, der 1932/33 aus einer Militärdiktatur hervorgegangen war, sowie der österreichische „Ständestaat“. Letzterer entstand 1933/34, nachdem der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuss im Frühjahr 1933 eine parlamentarische Geschäftsordnungskrise zur Ausschaltung der Volksvertretung genutzt und im Februar 1934 den Widerstand der Arbeiterbewegung gewaltsam gebrochen hatte. Im Mai 1934 wurde eine autoritäre Verfassung mit einer Einheitspartei („Vaterländische Front“) und korporatistischen Strukturen oktroyiert.

Auch in Deutschland verschärfte die Wirtschaftskrise die politischen Probleme massiv. Der ohne parlamentarische Mehrheit regierende Reichskanzler Heinrich Brüning sah als Hauptproblem das Ungleichgewicht des Staatshaushaltes und versuchte der Krise durch Stärkung der Währung und Kürzung der öffentlichen Ausgaben, insbesondere Sozialabbau und Lohnabbau bei den öffentlichen Bediensteten, Herr zu werden. Diese Massnahmen verstärkten indessen den Teufelskreis aus sinkenden Preisen, Produktionseinschränkungen, Arbeitsplatzabbau und sinkender Nachfrage und führten auch zu einem weiteren Rückgang der Steuereinnahmen. Die Folgen waren verhängnisvoll. Die ohnehin instabile Weimarer Demokratie verlor zunehmend an Glaubwürdigkeit. Zwischen 1930 und 1932 stieg die NSDAP, bislang eine Splittergruppe, zur mit Abstand wählerstärksten Partei auf. Auf der Linken vermochte die Kommunistische Partei besonders bei ungelernten Arbeitern und Arbeitslosen zu punkten. Zum Zeitpunkt der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 hatte die Arbeitslosigkeit eine Quote von beinahe 30 % erreicht. Das neue Regime beendete den bisherigen Sparkurs. Unter der Leitung des Bankers Hjalmar Schacht, ab 1933 Reichbankpräsident und ab 1934 auch Reichswirtschaftsminister, ging Deutschland zu einer aktiven Beschäftigungspolitik über, die die Arbeitslosigkeit in den folgenden Jahren fast gegen Null sinken liess. Insbesondere der Bau von Autobahnen und die in Vorbereitung des geplanten Eroberungskrieges forcierte Aufrüstung schufen viele Arbeitsplätze. Finanziert wurden diese Programme einerseits – in Erwartung des zukünftigen Raubkrieges – auf Kredit, andererseits durch einen massiven Abbau der Reallöhne, die zwischen 1933 und 1938 um rund ein Viertel zurückgingen.

Aktive Krisenbekämpfung

Erst allmählich gingen auch demokratische Regierungen zu einer aktiven Krisenbekämpfung über. Ein Vorreiter war Schweden: Nach dem sozialdemokratischen Wahlsieg von 1932 bekämpfte die neue Regierung mit Beschäftigungsprogrammen und Agrarsubventionen die Auswirkungen der Krise. 1936 gingen Sozialdemokraten und Bauernpartei eine Koalition ein und legten ein umfassendes Programm zum Ausbau des Wohlfahrtsstaates vor. In den USA wusste der republikanische Präsident Herbert Hoover der Krise kaum etwas entgegenzusetzen. In den Wahlen Ende 1932 unterlag er in einem politischen Erdrutsch dem demokratischen Kandidaten Franklin Delano Roosevelt. Dieser versuchte mit seinem „New Deal“ den wirtschaftlichen Abwärtstrend zu stoppen und den sozialen Folgen der Depression entgegenzutreten. Zur Wirtschaftsbelebung wurden 122’000 öffentliche Gebäude, eine Million Kilometer Strassen und 77’000 Brücken gebaut. Paradestück dieser öffentlichen Investitionen war die „Tennessee Valley Authority“, die im Tennessee-Tal zwanzig Staudämme errichtete. Ein freiwilliger Arbeitsdienst führte Aufforstungen und Bodenverbesserungen durch. Der Agrarkrise versuchte die Administration Roosevelt durch Mindestpreise und eine Reduktion der landwirtschaftlichen Produktion Herr zu werden. Zur Verhinderung einer Wiederholung des Spekulationscrashs von 1929 wurden die Börsen unter staatliche Aufsicht gestellt. Auch führte die Roosevelt-Regierung eine Reihe sozialpolitischer Reformen durch, die für die USA revolutionär waren. Dazu gehörten die rechtliche Anerkennung der Gewerkschaften, ein formelles Streikrecht, das Verbot der Kinderarbeit, die Einführung eines progressiven Steuersystems, Mindestlöhne für Industriearbeiter, eine staatliche Rente und die 40-Stunden-Woche. Herzstück der Roosevelt’schen Sozialpolitik war der „Social Security Act“ von 1935, der eine Alters-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung einführte. Konjunkturpolitisch war die Bilanz des „New Deal“ durchzogen. Die verschiedenen Massnahmen hatten zunächst eine belebende Wirkung, die jedoch nur kurzzeitige Linderung verschaffte. Als Roosevelt 1937 die Staatsausgaben zur Eindämmung der Staatsverschuldung wieder kürzte, fiel das Land erneut in eine Rezession. Erst die gesteigerte Kriegsproduktion ab 1939 und verstärkt ab 1941 sorgte für die vollständige Erholung der amerikanischen Wirtschaft.

In Auseinandersetzung mit der Weltwirtschaftskrise entstand eine neue ökonomische Denkschule, die die Krisenbekämpfungsmassnahmen theoretisch untermauerte. Der polnische Ökonom Michał Kalecki und der schwedische Finanzminister Ernst Wigforss hatten schon frühzeitig eine antizyklische Konjunkturpolitik des Staates gefordert, der im Aufschwung zur Inflationsbekämpfung Kaufkraft abschöpfen, in der Krise dagegen zur Stützung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage die Ausgaben erhöhen solle. Bedeutendster Vertreter dieses Ansatzes sollte der britische Ökonom John Maynard Keynes werden, der 1936 mit seiner Abhandlung „General Theory of Employment, Interest and Money“ die Grundannahme der klassischen Wirtschaftstheorie, dass sich der freie Markt immer auf ein Gleichgewicht hin bewege, in Frage stellte und zur Überwindung der Deflationsspirale eine schuldenfinanzierte Ankurbelung der Nachfrage durch den Staat („deficit spending“) empfahl. Während in den 30er-Jahren der Keynesianismus in den Wirtschaftswissenschaften noch wenig Anhänger hatte, wurde er nach 1945 bis in die 70er-Jahre zur dominanten Theorie.

Auch der Schweizer Bundesrat verhielt sich in der Krise zunächst passiv. Der Bund vergab zwar ab Ende 1931 Kredite für Exportindustrien, kontingentierte Importe und beschloss verschiedene punktuelle Massnahmen. Die Hauptsorge galt aber dem Bundeshaushalt, der durch krisenverschärfende Sparmassnahmen bei Subventionen und Gehältern ausgeglichen werden sollte. Im Sommer 1933 lehnten die Stimmberechtigten in einer Referendumsabstimmung aber das „Bundesgesetz über die vorübergehende Herabsetzung der Besoldungen, Gehälter und Löhne der im Dienste des Bundes stehenden Personen“ mit knapp 55% Nein-Stimmen ab. Demgegenüber betrieben Kantone und Gemeinde teilweise eine aktive Krisenbekämpfungspolitik. Der sozialdemokratisch dominierte Zürcher Stadtrat führte 1931 eine obligatorische, von der Stadtkasse subventionierte Arbeitslosenversicherung ein. Als Arbeitsbeschaffungsmassnahme wurden Renovationsarbeiten unterstützt. Als die Firma Escher Wyss 1935 nahe am Konkurs stand, kaufte die Stadt ihre Liegenschaft und vermietete sie ihr zu günstigen Konditionen, um die 1’000 Arbeitsplätze zu retten.

Krisenbekämpfungsrezepte von links…

Vor diesem Hintergrund lancierte der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) Ende 1933 ein Projekt zur Überwindung der wirtschaftlichen und politischen Krise. Dieser „Plan der Arbeit“ lehnte sich stark an die Konzepte des belgischen Sozialisten Hendrik de Man an, der zur Bekämpfung der faschistischen Bedrohung und der Wirtschaftskrise eine Allianz von Arbeitern, Angestellten, Bauern, Kleingewerbe und selbständig erwerbendem Mittelstand anstrebte („Het Plan De Man“). Ein kurzfristiges Aktionsprogramm sah die Überführung von Unternehmen mit Monopolstellung sowie international tätigen Industrie- und Finanzfirmen in die öffentliche Hand vor. Im Unterschied zur real existierenden Planwirtschaft der Sowjetunion – deren Industrie in jenen Jahren spektakuläre Wachstumsraten verzeichnete, die allerdings auf einer gnadenlosen Ausbeutung der Arbeiterschaft basierten und 1932/33 einhergingen mit einer grossen Hungersnot infolge der erzwungenen Kollektivierung der Landwirtschaft – sollten aber die demokratischen Rechte und Freiheiten der arbeitenden Bevölkerung nicht angetastet werden. Ab Januar 1934 trieb eine Gruppe von Ökonomen, Gewerkschaftern und Fachleuten aus Industrie und Landwirtschaft als „Planwirtschaftskommission des VPOD“ die Planideen voran und machte sie durch Artikel in der sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Presse, Referate und Konferenzen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Im Januar 1935 sprach sich ein ausserordentlicher SP-Parteitag für den „Plan der Arbeit“ aus, worauf eine „Plankommission“ in Zürich zur weiteren Koordination der Planbewegung geschaffen wurde.

Weniger weit ging die im Mai 1934 vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund lancierte Eidgenössische Volksinitiative „zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise“, zumeist kurz als „Kriseninitiative“ bezeichnet. Sie wollte den Bund zur Abkehr von der krisenverschärfenden Deflationspolitik und einer aktiven Krisenbekämpfung verpflichten, notfalls in Abweichung von der Handels- und Gewerbefreiheit und unter Mitwirkung der Kantone und Wirtschaftsverbände. Dabei sollten ähnliche Massnahmen wie beim „New Deal“ ergriffen werden: Bekämpfung des Abbaus von Löhnen sowie landwirtschaftlichen und gewerblichen Produktepreisen, staatliche Arbeitsbeschaffungsprojekte, Entlastung überschuldeter landwirtschaftlicher und gewerblicher Betriebe, Arbeitslosenversicherung, Förderung von Export und Fremdenverkehr, Kontrolle von Kapitalmarkt, Kapitalexport, Kartellen und Trusts. Dem Initiativkomitee gehörten neben dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund die Verbände der Angestellten und Beamten sowie die sich zunehmend von den Bauern-, Gewerbe- und Bürgerparteien entfremdende Jungbauernbewegung an. Die von rekordverdächtigen 334’699 Stimmberechtigten unterzeichnete „Kriseninitiative“ stand in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zum radikaleren „Plan der Arbeit“, was innerhalb der Linken zu Konflikten führte. Diesen lag nicht zuletzt die Frage zugrunde, ob es sich bei der Grossen Depression um eine System- oder lediglich eine Konjunkturkrise handelte.

Der Abstimmungskampf war heftig. Bundesrat und bürgerliche Parteien lehnten die Initiative ab und malten den Übergang zu einer sozialistischen Diktatur sowie den Staatsbankrott an die Wand. Sogar Bankkunden beim Schalterverkehr wurden auf die Gefahren der „Kriseninitiative“ hingewiesen. Hermann Häberlin vom Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller bezeichnete die Initiative als „trojanisches Pferd“, als „schlauen Schachzug der roten Regisseure, um in die Reihen des bürgerlichen Gegners einzudringen“. Der katholisch-konservative Bundesrat Philipp Etter machte sich als Gegenentwurf für eine „lebendige Ordnung der Wirtschaft durch ihre eigenen Träger, durch die Berufsstände“, also für ein korporatistisches Modell stark. Die Initianten mit der Zeitung „Die Nation“ als Sprachrohr propagierten hingegen eine „Front der Arbeit“, ein Zusammengehen aller Werktätigen der Unter- und Mittelschichten und der sie vertretenden Parteien und Verbände. Der intensive Abstimmungskampf führte zu einer hohen Stimmbeteiligung von 84,4 %. Die „Kriseninitiative“ wurde im Juni 1935 zwar abgelehnt, erzielte mit 42,8 % Ja-Stimmen aber einen Achtungserfolg. Annehmende Mehrheiten gab es in den Kantonen Bern, Solothurn, Basel-Stadt und Basel-Land sowie Schaffhausen. Nach dem Scheitern der „Kriseninitiative“ kam auch die Bewegung für den „Plan der Arbeit“ zum Erliegen.

… und von rechts

Wenige Wochen vor der „Kriseninitiative“ war eine weitere Volksinitiative lanciert worden, die ebenfalls auf die Krisensituation reagierte: die Initiative für eine Totalrevision der Bundesverfassung. Sie verlangte eine Neuwahl des Parlaments sowie die Erarbeitung einer neuen Bundesverfassung. Was vordergründig eine rein staatsrechtliche Vorlage war, zielte effektiv auf eine Umwälzung der politischen Ordnung sowie der Wirtschaftsverfassung und Arbeitsbeziehungen ab. Die Initianten erhofften sich nämlich einen Rechtsrutsch bei den Wahlen und eine neue Verfassung im Sinne eines „Ständestaates“ oder einer „autoritären Demokratie“. Die Vorstellung, die liberale Demokratie aus dem 19. Jahrhundert habe ebenso abgewirtschaftet wie der ungezügelte Marktkapitalismus, war in rechten Kreisen damals weit verbreitet. Als wesentliche Elemente einer neuen Ordnung erstrebten rechtsbürgerliche, rechtskatholische und frontistische Kräfte eine Einschränkung oder gar Abschaffung des Parlamentarismus, eine starke Führerfigur (häufig als „Landammann“ bezeichnet) an der Staatsspitze, die Regulierung der Arbeitsbeziehungen in berufsständischen Körperschaften und die Übertragung wirtschafts- und sozialpolitischer Kompetenzen vom Parlament an einen aus Vertretern der „Berufsstände“ und Wirtschaftsverbände gebildeten „Wirtschaftsrat“. Nach Anfängen im Sozialkatholizismus seit den 1880er-Jahren hatten sich korporatistische Ideen in der Umbruchsphase um 1918 verstärkt. Nach dem Landesstreik geisterte eine Vielzahl von Vorschlägen herum, die Alternativen zum ungezügelten Kapitalismus wie auch zum marxistischen Sozialismus skizzierten. Die katholischen Gewerkschaften machten sich dabei für korporatistische Ideen stark. Eine zentrale Rolle spielte der Fribourger Abbé André Savoy. 1924 bildete sich die Vereinigung „Amis de la corporation“.

Während der Wirtschaftskrise weitete sich diese Diskussion aus und wurde auch Gegenstand konkreter Bestrebungen. Dabei blieb häufig diffus, was mit den Konzepten „Ständestaat“, „Korporationen“ und „Berufsständen“ überhaupt gemeint war. Der freisinnige Wirtschaftsminister Edmund Schulthess sprach denn auch im Oktober 1933 im Nationalrat von „vagen Ideen […], über deren Gestaltung die Meinungen weit auseinandergehen. Unter den Korporationen versteht doch ein jeder etwas anderes.“ Von den grossen Parteien waren die Katholisch-Konservativen und ihr christlichsozialer Flügel Hauptträger des korporatistischen Gedankens. Bereits 1929 nahm die Konservative Volkspartei die berufsständische Ordnung in ihr Wirtschafts- und Sozialprogramm auf. Der führende Jungkonservative Hermann Cavelti jubelte daraufhin: „Mit der Wucht einer geistigen Gegenrevolution tritt dem kapitalistischen und proletarischen Klassenstaat eine Renaissance des Ständegedankens entgegen.“ Der katholisch-konservative Parteitag vom Juli 1933 erliess Richtlinien zur „Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft im Sinne des berufsständischen Aufbaus der Volkswirtschaft“ und setzte eine Kommission zur Vorbereitung einer Revision der Bundesverfassung ein, die eine Stärkung der Staatsautorität, die Verankerung des öffentlichen Lebens im Geist des Christentums und einen berufsständischen Aufbau der Wirtschaft zum Ziel haben sollte. Wenige Tage zuvor hatte der Christlichnationale Gewerkschaftsbund ein berufsständisches Aktions- und Wirtschaftsprogramm verabschiedet.

Unklar blieb dabei, ob eine berufsständische Ordnung ins institutionelle Gefüge der bestehenden Demokratie eingebaut oder wie in Österreich und Portugal zur Grundlage eines autoritären Staates ohne Parteien und freie Wahlen werden sollte. Exemplarisch zeigt sich dies in Philipp Etters Schriften von 1933/34: Etter bestritt einerseits, dass „die korporative Gliederung der Gesellschaft sich mit einer demokratischen Staatsordnung nicht vereinen lasse“. Die Korporationen würden sich „aus innerer Notwendigkeit“, nicht durch Zwang entwickeln. Die Aufgabe des Staates bestehe darin, „eine gesunde Form des korporativen Gedankens zu fördern und die korporative Ordnung organisch in den neuen Staat einzubauen“. Im selben Abschnitt fuhr er aber weiter: „Mit der liberalen Demokratie freilich verträgt sich die berufsständische Ordnung nicht […]. Dagegen bildet die korporative Gliederung der Gesellschaft gerade eine der Grundlagen der christlichen Demokratie.“ Als deren wesentliches Merkmal betonte er den Einbau von „Autoritätskörpern“ in die Staatsordnung: „Wenn wir eine ‚autoritäre Demokratie’ an die Stelle der liberalen Demokratie setzen […] wollen, dann müssen wir den ersten und letzten, stärksten und mächtigsten Träger der Autorität, den Herrgott, wieder einbauen in den Staat! […] Die autoritäre Demokratie muss eine christliche Demokratie sein und den haltlosen liberalen Freiheitsbegriff durch den christlichen Begriff der Freiheit ersetzen.“ Zur institutionellen Ausgestaltung einer solchen Ordnung mochte er sich nicht äussern: „Das Wesentliche liegt für mich beim Inhalt, nicht der Form. Trotzdem wäre es verfehlt […], wenn man annehmen wollte, dass nicht auch unsere schweizerische Demokratie in ihrer formalen Gestaltung einen Umbruch erfahren wird. Wie dieser Umbruch sich vollziehen und konsolidieren wird, das wissen wir heute noch nicht.“

Vor allem zwei katholische Rechtsintellektuelle leisteten für diese Bestrebungen gedankliche Vorarbeit: Der Freiburger Patrizier und Kulturhistoriker Gonzague de Reynold, der in engem Kontakt mit Etter stand, vertrat seit 1919 ständestaatliche Ideen. 1929 verklärte er im umstrittenen Buch „La Démocratie et la Suisse“ das ständisch gegliederte Ancien Régime zur Blütezeit der Schweiz. Die gegenwärtige liberaldemokratische Staatsform führe zu Mittelmass und werde dem Sozialismus und Internationalismus verfallen. Dagegen träumte er von einer Mischverfassung mit starker Führerfigur, aber ohne gewähltes Bundesparlament. Die Berufsgruppierungen als „organes vitaux de la nation“ sollten Vertretungskörperschaften auf allen Staatsebenen erhalten. Weiters sollten Juden, Freimaurer und Eingebürgerte von politischen Ämtern ausgeschlossen, den Juden das Bürgerrecht entzogen, die Pressefreiheit eingeschränkt und Produktion und Handel gegen Monopole, Trusts, jüdische Warenhäuser und sozialistische Gewerkschaften geschützt werden. Eine wichtige Rolle spielte auch der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Jacob Lorenz, der ab 1935 ebenfalls eine Professur in Fribourg bekleidete. Im Mai 1933 gründete er als katholisch-korporatistische Antwort auf die „Fronten“ die Zeitschrift „Das Aufgebot“, um die sich eine gleichnamige Bewegung formierte. Im Zentrum stand die „Erneuerung“ von Staat und Gesellschaft im christlich-korporatistischen Sinne, begleitet von antiliberalen, antisozialistischen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Tönen.

Forderungen nach einer korporativen Neuordnung kamen auch aus Wirtschaftskreisen, die angesichts der Krise der liberalen Wirtschaftstheorie eine gelenkte Ökonomie jenseits sozialistischer Konzepte anstrebten. Der Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes, der Freisinnige August Schirmer, legte 1933 einen Entwurf für einen schweizerischen Korporationenstaat vor. Gemäss diesem „St. Galler Entwurf“, der von der FDP St. Gallen übernommen wurde, sollten die Wirtschaftsverbände und ein vom Bundesrat aus ihren Reihen zu ernennender Wirtschaftsrat zusammen mit der Landesregierung die Wirtschaft lenken. Im selben Jahr gründeten kantonale Gewerbesekretäre die korporatistische Bewegung „Neue Schweiz“, die dann 1936 in der „Aufgebot“-Bewegung aufging.

Ebenfalls prominent waren korporatistische Forderungen in den Programmen der „Fronten“, die nach Hitlers Machtübernahme im „Frontenfrühling“ einen kurzlebigen Aufschwung erlebten. Robert Tobler und Paul Lang von der im studentischen Milieu entstandenen „Neuen Front“ legten 1932 detaillierte Ideen zum Korporatismus vor. Ihre sich auf den österreichischen Ständetheoretiker Othmar Spann berufenden Abhandlungen forderten eine von den Wirtschaftsverbänden zu bildende „Wirtschaftskammer“, die die wirtschaftspolitischen Kompetenzen des Parlaments übernehmen sollte, und einen vom Volk gewählten „Landammann“. Noch weiter gehen wollte Emil Sonderegger, ehemaliger Generalstabschef der Schweizer Armee und nun in mehreren „Fronten“ aktiv. In seiner Streitschrift „Ordnung im Staat“ forderte er 1933 ein „Loskommen von den Gedanken der französischen Revolution“, insbesondere vom Gleichheitsgedanken, der „auf seltsame und verhängnisvolle Weise beeinflusst“ worden sei „durch den Aufstieg des Judentums“. Ziel müsse die „Ungleichheit ohne Ungerechtigkeit“ sein. Der Kampf gelte der „rot-jüdischen Front“ aus Kommunisten, Sozialdemokraten, religiös-sozialen Pfarrern, Pazifistinnen und Teilen der Freimaurerei. Dazu forderte Sonderegger eine neue Bundesverfassung mit einer „unparlamentarischen Regierung“ unter Leitung eines „Landammanns“, der auch die Gesetzgebung obliegen sollte, einer „beratenden Bundesversammlung“ mit „politischen“ und „wirtschaftlichen“ Abteilungen, die durch das Volk, die Kantonsregierungen, Berufsverbände und Bundesregierung gewählt werden sollte, die staatliche Anerkennung von Berufsverbänden als Standesvertretung, ein Verbot der Einbürgerung von „Angehörigen der jüdischen Rasse“ sowie Einschränkung der Pressefreiheit.

Auch gab es Versuche zur Umsetzung korporatistischer Modelle. Bereits 1919 bis 1924 hatte in der Ostschweiz der von den Arbeitgebern initiierte, auf die Stickereiindustrie konzentrierte „Volkswirtschaftsbund“ als Zusammenschluss von Arbeitgeber- und -nehmerverbänden existiert. In Genf entstand aus der Zusammenarbeit von christlichen Gewerkschaften und Arbeitgebern 1931 die „Fédération genevoise des corporations“, die bis 1946 existierte. Zwei Gesetzesentwürfe für die Errichtung von Korporationen im Kanton Fribourg von 1933/34 traten nicht in Kraft, da die Konservativen ein negatives Gerichtsurteil fürchteten, das zum Präzedenzfall hätte werden können. In den Kantonen Wallis, Solothurn, Luzern, Zürich und St. Gallen wurden zeitgleich konservative Vorstösse für die Einrichtung kantonaler Korporationssysteme eingereicht. Auf Bundesebene unternahm der christlichsoziale Nationalrat Josef Scherer 1931 einen Vorstoss für die „Demokratisierung des Wirtschaftslebens auf der Grundlage der berufsständischen Organisation“. Im März 1934, wenige Wochen nach dem Sieg der ständestaatlichen Kräfte im kurzen österreichischen Bürgerkrieg, verlangte dann der katholisch-konservative Finanzminister Jean-Marie Musy vom Gesamtbundesrat ultimativ, aber erfolglos die Verabschiedung eines Sparprogramms und die Einrichtung einer berufsständischen Ordnung und demissionierte daraufhin.

Im selben Monat lancierte die Nationale Front die Volksinitiative für eine Totalrevision der Bundesverfassung, die zeitgenössisch oft als „Fronteninitiative“ bezeichnet wurde. Mitinitianten waren die katholisch-konservative Jugendorganisation, Jacob Lorenz’ Aufgebot-Bewegung sowie kleinere frontistische Gruppierungen. Über das Lager der Initianten hinaus genoss die Initiative in jungliberalen, liberalkonservativen, katholisch-konservativen, rechtsintellektuellen und militärischen Kreisen Sympathien. Der Arzt und Offizier Eugen Bircher, Politiker der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei und Präsident der Bürgerwehr-Dachorganisation „Schweizerischer Vaterländischer Verband“ (vgl. SozialarchivInfo 3/2019), konstatierte, die Schweiz sei „in Ochlokratie entartet“, und kritisierte das angebliche „Versagen des heutigen Parteiensystems“. Ihr fundamentaler „Grundsatz der natürlichen Gleichheit“ sei „wissenschaftlich unhaltbar“ und widerspreche „allen Erfahrungen des gesunden Menschenverstandes“ – vielmehr gebe es „biologische Differenzen“ zwischen den Individuen wie auch den „Völker[n] und Rassen“. Deshalb müsse die Schweiz „von der ‚quantitativen’ Demokratie zur ‚qualitativen’ übergehen“. Als Elemente nannte er ein „Gildensystem“, die Beschneidung der „Auswüchse der Sozialversicherung“ und Einschränkung der Pressefreiheit. Hans Frick, Ausbildungschef der Armee, meinte, eine revidierte Verfassung müsse dokumentieren, „dass die liberal-demokratische Ära abgelaufen ist und von der autoritären abgelöst wird“. Die „christliche Lehre“ müsse „wieder oberstes Grundgesetz des Staates“ werden, die Presse- und Vereinsfreiheit eingeschränkt, der Nationalrat abgeschafft, der Ständerat in eine geheim tagende Vertretung der Kantonsregierungen mit eingeschränkten Kompetenzen umgewandelt und ein „obligatorisches Schiedsverfahren in allen wirtschaftlichen Konflikten […] durch die beteiligten Wirtschaftsverbände“ eingeführt werden.

Bei der Abstimmung über die Revisionsinitiative empfahlen nebst den Initianten auch die Konservative Volkspartei und kleinere rechte Gruppierungen Zustimmung. Die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei des Kantons Bern gab Stimmfreigabe. Die beiden wählerstärksten Parteien, die Sozialdemokratie und der Freisinn, lehnten das Begehren ab. In Inseraten nannten die Initiativgegner teilweise den österreichischen „Ständestaat“ als abschreckendes Beispiel. SP-Fraktionschef Arthur Schmid warnte vor „den Lobrednern des autoritären christlichen Ständestaates, von dem übrigens kein Mensch weiss, wie er aussieht, ob das österreichische Muster oder das italienische oder deutsche oder das Muster der alten Zunftständeautorität massgebend sein soll.“ Im September 1935, drei Monate nach der Abstimmung über die „Kriseninitiative“, wurde die von 78’050 Stimmberechtigten unterzeichnete Revisionsvorlage mit 72,3 % Nein verworfen. Die Ablehnung war damit weit deutlicher als vier Monate zuvor bei einer ähnlichen Volksinitiative im benachbarten Liechtenstein, die immerhin auf 47,3 % Ja-Stimmen kam. Annehmende Mehrheiten gab es in den katholischen Kantonen Fribourg, Obwalden, Wallis und (mit einer Stimme Differenz!) in Appenzell-Innerrhoden, hingegen scheiterte die Initiative in den Kantonen Zürich und Schaffhausen, die als Hochburgen der Frontenbewegung galten, mit je etwa 80 % Nein-Stimmen massiv. Damit hatte die autoritär-korporatistische Bewegung ihren Zenit überschritten, auch wenn sie 1940 in der Verunsicherung nach der Niederlage Frankreichs nochmals einen gewissen Aufschwung erleben sollte.

Krisenbekämpfung im Wandel nach der Doppelabstimmung von 1935

Nachdem der Souverän 1935 die Rezepte von links und rechts zur Bekämpfung der Krise – in unterschiedlicher Deutlichkeit – abgelehnt hatte, ergaben sich in der Folgezeit Entwicklungen, die punktuell Ansätze beider Richtungen aufgriffen, diese aber in den helvetischen Konsens der „geistigen Landesverteidigung“ einbetteten. Das durch eine Anleihe über 235 Millionen Franken finanzierte ausserordentliche Rüstungsprogramm vom Sommer 1936 war zugleich eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme und ergänzte die Programme von Kantonen und Gemeinden. Im September gleichen Jahres beschloss der Bundesrat die Abwertung des Frankens um 30 % – nachdem noch im Abstimmungskampf über die Kriseninitiative die Initiativgegner den bisherigen Frankenkurs zur Existenzfrage erklärt und die Initianten als „Totengräber des Schweizerfrankens“ kritisiert hatten. Das lange Festhalten an einem zu hohen Wechselkurs belastete die Exportwirtschaft aber schwer und verschärfte die Krise. In den Arbeitsbeziehungen ging die Entwicklung in Richtung eines Modells, das in den Sozialwissenschaften später als „liberaler Korporatismus“ bezeichnet werden sollte. Nach der Frankenabwertung unternahm der Bundesrat zwar einen Schritt zur autoritären Regulierung. Aus Furcht vor einer Streikwelle ermächtigte er das Volkswirtschaftsdepartement zur Zwangsschlichtung, obwohl Arbeitgeber und Gewerkschaften dies mehrheitlich ablehnten. Als Reaktion bemühten sich die Sozialpartner um den Ausbau vertraglicher Beziehungen. Meilensteine waren das „Friedensabkommen“ in der Maschinen- und Metallindustrie von 1937 sowie im folgenden Jahr der erste „Landesmantelvertrag“ im Baugewerbe (vgl. SozialarchivInfo 2/2017).

Auch in die Ende der 30er-Jahre erarbeiteten Wirtschaftsartikel gingen Elemente aus den Krisendiskussionen der Vorjahre ein. Die 1939 von den eidgenössischen Räten verabschiedete Vorlage liess staatliche Massnahmen zum Schutz der Landwirtschaft, wirtschaftlich bedrohter Landesteile und gegen Kartelle zu und sah liberal-korporatistische Elemente wie den Einbezug der Verbände in Gesetzesvorbereitung und -vollzug sowie die Möglichkeit zur Allgemeinverbindlicherklärung von Gesamtarbeitsverträgen vor. Wegen des Zweiten Weltkriegs traten die Bestimmungen nicht in Kraft, sie bildeten dann aber die Grundlage der 1947 vom Volk angenommenen Wirtschaftsartikel der Bundesverfassung.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 1.240.9 (1) Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Kriseninitiative
  • Ar 1.320.1 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Bundesverfassung
  • Ar 27.70.2 Sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich: Abstimmungen 1926–1935
  • Ar 39.10.1-5 Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste vpod: Plan der Arbeit
  • Ar 39.20.5 Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste vpod: Bundesverfassung, Bundespersonal
  • Ar 73.81.5 Christlicher Holz- und Bauarbeiterverband der Schweiz: CAB-Geschichte
  • Ar 103.20.38 Max Weber: Broschüren und Separata
  • Ar 593.10.1 Dokumentation Arbeitskonflikte Ostschweiz: Akten nach Jahren geordnet
  • Ar CNG 05-008 Christlichnationaler Gewerkschaftsbund der Schweiz: Kriseninitiative: Abstimmungsmaterial
  • Ar CNG 05-021 Christlichnationaler Gewerkschaftsbund der Schweiz: Aktions- und Wirtschaftsprogramm des Christlichnationalen Gewerkschaftsbundes
  • Ar SGB G 254/1 Schweizerisches Gewerkschaftsbund: Kriseninitiative
  • Ar SGB G 254/2 Schweizerisches Gewerkschaftsbund: Aktionskomitee (Wirtschaftskrise) 1934–1935
  • Ar SGB G 258/1 Schweizerisches Gewerkschaftsbund: Aktionskomitee (Wirtschaftskrise) 1933–1934
  • Ar SGG A 81 A 1935 e Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft: Kriseninitiative
  • Ar SMUV 01D-0043 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Kriseninitiative
  • Ar SMUV 05G-0020 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Kriseninitiative Aktion Unterschriftensammlung und Mitgliederwerbung
  • Ar SMUV 06A-0002 SMUV Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen: Kriseninitiative: Befürwortendes und gegnerisches Propagandamaterial; Zeitungsausschnitte; Listen Aktionskomitee; Unterschriftensammlung; Korrespondenz
  • Ar VHTL 06A-0001 Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel: Gewerkschaftliche Postulate: Kriseninitiative
  • Ar VSA 04-006 Vereinigung schweizerischer Angestelltenverbände: VSA Dokumentation zur Kriseninitiative

Sachdokumentation

  • KS 32/70:1+2 Ständestaat, Korporationenstaat
  • KS 32/103 Eidgenössische Abstimmungen
  • KS 34/28b Schweizerische Bundesverfassung: Revisionen, Totalrevisionen
  • KS 331/250 Berufsgemeinschaften; Korporationen
  • KS 338/314 Wirtschaftspolitik, Konjunkturpolitik: Schweiz: „Kriseninitiative“: Broschüren, Flugschriften
  • KS 338/315 Wirtschaftspolitik, Konjunkturpolitik: Schweiz: „Kriseninitiative“: Zeitungsartikel

Bibliothek

  • Angst, Kenneth: Von der „alten“ zur „neuen“ Gewerbepolitik: Liberalkorporative Neuorientierung des Schweizerischen Gewerbeverbandes (1930–1942). Bamberg 1992, 95550
  • Baumann, R.: Die Angestellten für die Kriseninitiative, in: Gewerkschaftliche Rundschau 27 (1935). S. 140-144, MFB 31
  • Bircher, Eugen: Totalrevision der Bundesverfassung, in: Neue Schweizer Rundschau 2 (1934/35). S. 132-137, N 211
  • Böhler, E.[ugen]: Korporative Wirtschaft: Eine kritische Würdigung. Erlenbach-Zürich/Leipzig o. J. [1934], 6664
  • Bürgi, Markus und Mario König: Harry Gmür – Bürger, Kommunist, Journalist: Biographie, Reportagen, politische Kommentare. Zürich 2009, 120939
  • David, Thomas et al. (Hg.): La Crise des Années ’30 (= Traverse 1/1997). Zürich 1997, D 5397
  • De Reynold, Gonzague: La Démocratie et la Suisse: Essai d’une philosophie de notre histoire nationale. Bern 1929, 3364
  • De Reynold, Gonzague: Die Schweiz im Kampf um ihre Existenz. Luzern 1934, 7625
  • De Reynold, Gonzague: Selbstbesinnung der Schweiz. Zürich 1939, 10760
  • Etter, Philipp: Die vaterländische Erneuerung und wir. Zug 1933, 32/54a-1
  • Etter, Philipp: Die schweizerische Demokratie. Olten/Konstanz 1934, 32/54c-3
  • Ferrière, Adolphe: Ein überparteilicher Plan der Arbeit dem Schweizervolk: Wirtschaftsordnung auf demokratischer Grundlage: Ein Versuch, reine Soziologie auf die Gegenwart anzuwenden. Zürich 1936, 8939
  • Frick, H.[ans]: Totalrevision der Bundesverfassung, in: Neue Schweizer Rundschau 2 (1934/35). S. 137-141, N 211
  • Für die Kriseninitiative. Bern 1935, 331/171-1
  • Gehrig, Otmar: Das Christlichsoziale in der Politik unter besonderer Berücksichtigung des Christlichsozialen Arbeiterbundes der Schweiz 1919–1939. Winterthur 1969, 41814
  • Glaus, Beat: Die Nationale Front: Eine Schweizer faschistische Bewegung, 1930–1940. Zürich 1969, 40724
  • Gmür, Harry: Zur Diskussion über den „Plan der Arbeit“, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 38-43, N 11
  • Gysin, Arnold: Die Freiburger Entwürfe über die korporative Organisation, in: Gewerkschaftliche Rundschau 26 (1934). S. 142-146, MFB 31
  • Hackhofer, Karl: Berufsständischer Aufbau: Das Arbeitsverhältnis in der berufsständischen Ordnung, Bern o. J. [1934], 8138
  • Imhof, Kurt: Lernen von Aussen? Oder: Die Betrachtung des Irrationalen als Voraussetzung für die Vernunft: Programmatische Mutationen in der Krise der 30er Jahre, in: ders. et al. (Hg.): Zwischen Konflikt und Konkordanz: Analyse von Medienereignissen in der Schweiz der Vor- und Zwischenkriegszeit. Zürich 1993. S. 289-355, 96118: 1
  • Jost, Hans Ulrich: Die reaktionäre Avantgarde: Die Geburt der neuen Rechten in der Schweiz um 1900. Zürich 1992, 94101
  • Kaiser, Chantal: Bundesrat Jean-Marie Musy, 1919–1934. Fribourg 1999, 105414
  • Keller, Paul: Die korporative Idee in der Schweiz. St. Gallen 1934, 6313
  • Keller, Paul et al.: Die korporative Idee: Die Neuordnung der Wirtschaft: Drei Referate gehalten im Rotary Club St. Gallen im Januar und Februar 1934. St. Gallen o. J. [1934], Hg 2019
  • Koller, Christian: „Auf einem Schiffe regiert der Kapitän und kein Matrosenrat“ – Die Mitbestimmungsdebatte nach dem Schweizer Landesstreik, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 69 (2019). S. 49-72, D 6201
  • Eine Kundgebung des Aktionskomitees zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise, in: Gewerkschaftliche Rundschau 27 (1935). 74-83, MFB 31
  • Lang, Otto: Die nationale Erneuerung und die Revision der Bundesverfassung, in: Rote Revue 14 (1935/36). S. 12-22, N 11
  • Lang, Paul: Tote oder lebendige Schweiz? Versuch eines Systems politischer Morphologie, entwickelt an der Dynamik des eidgenössischen Staates. Zürich 1932, 4517
  • Lardelli, Albert: Kriseninitiative und Staatsfinanzen. Aarau o. J., 331/171-3
  • Lepori, Antonio: Le réception de Quadragesimo Anno en Suisse romande, in: Altermatt, Urs (Hg.): Schweizer Katholizismus zwischen den Weltkriegen 1920–1940. Fribourg 1994, S. 57-68, 95435
  • Lorenz, J.[acob]: Korporativer Aufbau: Gedanken und Anregungen. Olten/Konstanz 1932, 331/250-2
  • Maspoli, Philippe: Le corporatisme et la droite en Suisse romande. Lausanne 1993, 95831
  • Mattioli, Aram: Zwischen Demokratie und totalitärer Diktatur: Gonzague de Reynold und die Tradition der autoritären Rechten in der Schweiz. Zürich 1994, 96640
  • Mattioli, Aram (Hg.): Intellektuelle von rechts: Ideologie und Politik in der Schweiz 1918–1939. Zürich 1995, 98854
  • Morandi, Pietro: Krise und Verständigung: Die Richtlinienbewegung und die Entstehung der Konkordanzdemokratie 1933–1939. Zürich 1995, 100304
  • Müller, Philipp: Die Schweiz in der Krise (1929–1936): Währungs-, Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik der Schweizerischen Eidgenossenschaft, in: David, Thomas et al. (Hg.): Krisen: Ursachen, Deutungen und Folgen. Zürich 2012. S. 187-206, 127105
  • Nobs, Ernst: Die Panikmacher siegen, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 313-315, N 11
  • Oprecht, Hans: Das Krisenprogramm der Gewerkschaften, in: Rote Revue 12 (1932/33). S. 94-100, N 11
  • Oprecht, Hans: Plan oder Programm?, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 23-30, N 11
  • Oprecht, Hans: Unsere Totalrevision, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 414-417, N 11
  • Der Plan der Arbeit: Entwurf des Verbandsvorstandes. o. O. 1934, 331/198a-1
  • Der Plan der Arbeit: Nationale Planwirtschaft in der Schweiz. Zürich 1934, 331/197-9
    Der Plan der Arbeit: Ein Ausweg aus Krise und Not: Parteitag der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in Luzern, 26./27. Januar 1935. Luzern 1935, Hf 4975
  • Der Plan der Arbeit: Ein Ausweg aus Krise und Not. Zürich o. J., 85439
  • Ruffieux, Roland: Le Mouvement chrétien-sociale en Suisse romande 1891–1949. Fribourg 1969, 41216
  • Scheiben, Oskar: Krise und Integration: Wandlungen in den politischen Konzeptionen der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz 1928–1936: Ein Beitrag zur Reformismusdebatte. Zürich 1987, 83948
  • Schmid, Arthur: Ein Schicksalstag für die schweizerische Demokratie: Zur Abstimmung vom 8. September 1935, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 393-404, N 11
  • Schmid, Arthur: Ein Sieg der Demokratie: Zur Abstimmung vom 8. September 1935, in: Rote Revue 15 (1935/36). S. 54-60, N 11
  • Schmidlin, Fritz: Korporationen in der Schweiz, in: Rote Revue 14 (1934/35). S. 181-189, N 11
  • Schmidlin, Fritz: Die Methoden des 2. Juni: Rückblick auf einen Abstimmungskampf, in: Gewerkschaftliche Rundschau 27 (1935). S. 241-252, MFB 31
  • Schweizerisches Aktionskomitee zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise (Hg.): Ueberwindung der Krise durch die Kriseninitiative. Bern 1935, 46652
  • Siegenthaler, Hansjörg: Regelvertrauen, Prosperität und Krisen: Die Ungleichmässigkeit wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung als Ergebnis individuellen Handelns und sozialen Lernens. Tübingen 1993, 95438
  • Sonderegger, [Emil]: Ordnung im Staat. Bern o. J. [1933], 6185
  • Spühler, Willy: Kriseninitiative und Plan der Arbeit, in: Rote Revue 13 (1933/34). S. 327-330, N 11
  • Stadler, Peter: Die Diskussion um eine Totalrevision der schweizerischen Bundesverfassung 1933–1935, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 19 (1969). S. 75-169, D 4212
  • Tobler, Robert: Vom Ständestaat der Gegenwart. Zürich 1932, 32/70-12
  • Walter, Emil J.: Zur Kritik des „Plans der Arbeit“, in: Rote Revue 13 (1933/34). S. 363-366, N 11
  • Weber, Max: Korporationen?, in: Gewerkschaftliche Rundschau 25 (1933). S. 315-322, MFB 31
  • Weber, Max: Ueberwindung der Krise, in: Rote Revue 13 (1933/34). S. 289-293, N 11
  • Weber, Max: Zum belgischen Aktionsplan, in: Gewerkschaftliche Rundschau 26 (1934). S. 33-39, MFB 31
  • Weber, Max: Der Kampf um die Neuordnung der Wirtschaft, in: Gewerkschaftliche Rundschau 26 (1934). S. 133-141, MFB 31
  • Weber, Max: Der Kampf um die Bundesverfassung, in: Gewerkschaftliche Rundschau 27 (1935). S. 205-226, MFB 31
  • Weber, Quirin: Korporatismus statt Sozialismus: Die Idee der berufsständischen Ordnung im schweizerischen Katholizismus während der Zwischenkriegszeit. Fribourg 1989, 89426
  • Werner, Christian: Für Wirtschaft und Vaterland: Erneuerungsbewegungen und bürgerliche Interessengruppen in der Deutschschweiz 1928–1947. Zürich 2000, 107845
  • Wirz, Wolf: Lehren und Folgen der Revisionsabstimmung, in: Nationale Hefte 2 (1935/36). S. 309-320, N 237
  • Wolf, Walter: Faschismus in der Schweiz: Die Geschichte der Frontenbewegungen in der deutschen Schweiz, 1930–1945. Zürich 1969, 39590
  • Zaugg, Thomas: Bundesrat Philipp Etter (1891–1977): Eine politische Biografie. Basel 2020, 143561

Periodika

  • Das Aufgebot: Schweizerische Wochenzeitung für jedermann, Z 103
  • Die Nation: Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Z 101
Verkaufsstelle der staatlichen Lebensmittelfürsorge auf dem Marktplatz in Basel, um 1916 (SozArch F Fc-0004-06, Foto: Benziger)
Verkaufsstelle der staatlichen Lebensmittelfürsorge auf dem Marktplatz in Basel, um 1916 (SozArch F Fc-0004-06, Foto: Benziger)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Maria Meier: Von Notstand und Wohlstand. Die Basler Lebensmittelversorgung im Krieg, 1914-1918. Zürich, 2020

Wie wirkte sich der Erste Weltkrieg auf die Lebensmittelversorgung der neutralen Schweiz aus? Dieser Frage geht die Dissertation von Maria Meier am Beispiel von Basel-Stadt nach. Sie zeigt, wie eng verflochten Basel mit dem kriegführenden Ausland war. Wenngleich der Stadtkanton von militärischen Verwüstungen verschont blieb, war er materiell direkt vom Krieg betroffen. Der lokale Lebensmittelmarkt war dabei ein zentraler Ort der Kriegserfahrung, die von Teuerung, Verteilkonflikten und Knappheit geprägt war.

Die Autorin untersucht, wie der Krieg die Nahrungsmittelversorgung einer städtischen Gesellschaft beeinflusste, wie die Behörden auf Versorgungs- und Verteilungsprobleme reagierten und welche Folgen dies für die Ernährung der Zivilbevölkerung hatte. Die Verschiebung der Verhältnisse zeigt sich unter anderem in den Panikkäufen im Sommer 1914, im täglichen Grenzverkehr und in der städtischen «Anbauschlacht». Teuerung und Lebensmittelknappheit stürzten die lohnabhängige Bevölkerung trotz Kriegskonjunktur in grosse Not. Gegen den Versorgungsmissstand reagierte der Staat erst 1916/17: Der Wucherhandel wurde bekämpft, Lebensmittel wurden kontingentiert und rationiert. Für die Bevölkerung wurden Volksküchen eingerichtet, und die Notstandsaktion ermöglichte zahlreichen bedürftigen Familien den Kauf von verbilligten Lebensmitteln.

Agnes Hirschi, Charlotte Schallié (Hrsg.): Unter Schweizer Schutz. Die Rettungsaktion von Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs in Budapest – Zeitzeugen berichten. Zürich, 2020

Zwischen März 1944 und Januar 1945 leitete der Schweizer Vizekonsul Carl Lutz (1895–1975) in Budapest eine umfangreiche Rettungsaktion. Lutz und sein Rettungsteam haben schätzungsweise mehr als 50’000 Schutzbriefe ausgestellt und verfolgte Jüdinnen und Juden in 76 sogenannten Schweizer Schutzhäusern untergebracht, womit sie Zehntausende vor Deportationen, Erschiessungen und Todesmärschen bewahrten.

«Unter Schweizer Schutz» enthält Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Berichte, Briefe und Vorträge von Überlebenden – Dokumente, die über einen Zeitraum von 25 Jahren entstanden. Diese belegen nicht nur die selbstlosen Taten von Carl Lutz, sondern zeigen auch das Handeln vieler anderer Menschen, welche die Rettung von ungarischen Jüdinnen und Juden möglich machten, darunter auch Mitglieder der zionistischen Jugendbewegung.

André Seidenberg: Das blutige Auge des Platzspitzhirschs. Meine Erinnerungen an Menschen, Seuchen und den Drogenkrieg. Zürich, 2020

André Seidenberg hat 1991 die Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen – kurz Arud – mitbegründet und war selbst bis 1996 als Leitender Arzt dort tätig. Mit der Gründung dieser Anlaufstelle für Drogensüchtige wollte man der repressiven Drogenpolitik von damals entgegentreten, um eine weitere Verelendung der Betroffenen zu verhindern.

Im vorliegenden Buch erinnert sich Seidenberg an diese Zeit und vor allem an die Menschen, die damals in der Zürcher Drogenszene verkehrten. Er erzählt beispielsweise von «Pinguin», der an Aids erkrankt war und auf unerwartet positive Weise auf die Therapie ansprach, oder von «Düdü», der immer auf Kokain war und nach einem Aufenthalt in Nigeria an Malaria starb. Die eindringlichen Porträts werden im Anhang durch einige Kapitel zum geschichtlichen und drogenpolitischen Kontext ergänzt.

> Das Sozialarchiv besitzt den Gesamtbestand der 2018 verstorbenen Fotografin Gertrud Vogler (SozArch F 5107). Diese hat die Drogenszenen im Zürich der 1980er und 1990er Jahre visuell in einmaliger Weise dokumentiert.

Verschoben! 13.11.2020, 18.30 Uhr: Die Moderne als Erlebnis

Eine Geschichte der Konsum- und Arbeitsgesellschaft, 1840-1940

Aufgrund der Corona-Situation wird diese Veranstaltung auf die erste Jahreshälfte 2021 verschoben!

Buchpräsentation

In den Jahrzehnten um 1900 erfuhr das Leben grosser Bevölkerungsteile tiefgreifende Veränderungen. Sie betrafen die Arbeit genauso wie den Konsum. Anhand von rund einhundert Tagebüchern untersucht Peter-Paul Bänziger, wie die Menschen ihren Alltag wahrnahmen. In ihren Augen sollte das Leben vor allem Spass machen und Abwechslung bringen – in der Freizeit genauso wie am Arbeitsplatz. Die Moderne als Erlebnis folgt dem Aufkommen dieser modernen Erlebnisorientierung und zeigt, wie der «bürgerliche Wertehimmel» des 19. Jahrhunderts dabei langsam verblasste.

Begrüssung durch den Autor Peter-Paul Bänziger (Universität Basel),
Lesung mit Bernadett Settele (Zürcher Hochschule der Künste) und
Diskussion mit Eva Brugger und Philipp Sarasin (beide Universität Zürich).
Moderation: Matthias Ruoss (Universität Bern).

Freitag, 13. November 2020, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Aufgrund der Coronasituation müssen wir die Publikumszahl dieser Veranstaltung leider beschränken. Wir bitten Sie deshalb um eine Voranmeldung bis zum 9.11.2020 an basarte@sozarch.uzh.ch. Für die Veranstaltung gilt unser Schutzkonzept, das unter anderem Sitzabstände von 1,5 Metern, Maskenpflicht sowie die Angabe von Kontaktdaten für ein eventuelles Contact-Tracing beinhaltet.

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 93 KB)