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Termine für die Konsultation von Archivalien und Dokumentationen im Lesesaal müssen nach der Online-Bestellung telefonisch vereinbart werden (SozArch F 5014-Ga-029)
Termine für die Konsultation von Archivalien und Dokumentationen im Lesesaal müssen nach der Online-Bestellung telefonisch vereinbart werden (SozArch F 5014-Ga-029)

Besondere Benutzungsbestimmungen

Unser Ausleihschalter ist für die Abholung von Medien für die Heimausleihe geöffnet (Öffnungszeiten: Mo bis Fr 9:00 bis 19:30, Sa 11:00 bis 16:00). Bitte bestellen Sie vorgängig online von zu Hause aus und beachten Sie bei einem Besuch die Vorgaben der Behörden sowie die am Eingang angeschlagenen Schutzvorschriften des Sozialarchivs. Im gesamten Sozialarchiv gilt für die BenutzerInnen Maskenpflicht.

Für die Konsultation von nicht für die Heimausleihe freigegebenen Medien (Archiv, Dokumentation, Bibliotheks-Altbestände) bestellen Sie bitte online die Dokumente und vereinbaren dann telefonisch (043 268 87 50) einen Lesesaalplatz. Der Zugang zum Lesesaal ist nur mit bestätigter Platzreservation möglich.

Weiterhin nehmen wir auch gerne Scan- oder Kopieraufträge entgegen (kontakt@sozialarchiv.ch), die Bearbeitungsgebühr von 5 Franken pro 20 Seiten entfällt, Sie bezahlen nur die 50 Rappen pro Seite. Bildbestellungen nehmen wir wie üblich entgegen.

Bei Fragen schicken Sie uns eine E-Mail an kontakt@sozialarchiv.ch oder rufen Sie uns unter 043 268 87 40 an.

Und: Kommen Sie wenn immer möglich zu Fuss oder mit dem Velo ins Sozialarchiv oder tragen Sie im ÖV eine Maske und meiden Sie die Stosszeiten.

Ihr Sozialarchiv-Team

SozArch F Ob-0002-200
SozArch F Ob-0002-200

20.10.2020, 18.30 Uhr: Der Streik in den SBB-Werkstätten Bellinzona

Buchpräsentation

Der Plan der SBB-Spitze, die Werkstätten von SBB-Cargo in Bellinzona aufzulösen, führte im Frühjahr 2008 zu einem der grössten Arbeitskämpfe der jüngeren Schweizer Geschichte. Der mehrwöchige Ausstand der 430 Officine-Arbeiter war im Tessin von grossen Mobilisierungen begleitet und endete mit dem Erhalt der Mehrzahl der Arbeitsplätze.

HistorikerInnen der Tessiner Stiftung Pellegrini Canevascini haben die Bewegung nun umfassend aufgearbeitet. Das jetzt auch auf Deutsch vorliegende Buch analysiert u. a. auf der Basis von über 70 Interviews den Streik in den SBB-Werkstätten Bellinzona und ordnet ihn in grössere Zusammenhänge und Entwicklungslinien ein.

Mit den Autoren Gabriele Rossi und Paolo Barcella sowie Christian Koller (Schweizerisches Sozialarchiv) und Andreas Rieger (Gewerkschaft Unia).

Dienstag, 20.10.2020, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Aufgrund der Coronasituation müssen wir die Publikumszahl dieser Veranstaltung leider beschränken. Wir bitten Sie deshalb um eine Voranmeldung bis zum 16.10.2020 an basarte@sozarch.uzh.ch. Für die Veranstaltung gilt unser Schutzkonzept, das unter anderem Sitzabstände von 1,5 Metern, Maskenpflicht sowie die Angabe von Kontaktdaten für ein eventuelles Contact-Tracing beinhaltet.

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 97 KB)

13.11.2020, 18.30 Uhr: Die Moderne als Erlebnis

Eine Geschichte der Konsum- und Arbeitsgesellschaft, 1840-1940

Buchpräsentation

In den Jahrzehnten um 1900 erfuhr das Leben grosser Bevölkerungsteile tiefgreifende Veränderungen. Sie betrafen die Arbeit genauso wie den Konsum. Anhand von rund einhundert Tagebüchern untersucht Peter-Paul Bänziger, wie die Menschen ihren Alltag wahrnahmen. In ihren Augen sollte das Leben vor allem Spass machen und Abwechslung bringen – in der Freizeit genauso wie am Arbeitsplatz. Die Moderne als Erlebnis folgt dem Aufkommen dieser modernen Erlebnisorientierung und zeigt, wie der «bürgerliche Wertehimmel» des 19. Jahrhunderts dabei langsam verblasste.

Begrüssung durch den Autor Peter-Paul Bänziger (Universität Basel),
Lesung mit Bernadett Settele (Zürcher Hochschule der Künste) und
Diskussion mit Eva Brugger und Philipp Sarasin (beide Universität Zürich).
Moderation: Matthias Ruoss (Universität Bern).

Freitag, 13. November 2020, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

Aufgrund der Coronasituation müssen wir die Publikumszahl dieser Veranstaltung leider beschränken. Wir bitten Sie deshalb um eine Voranmeldung bis zum 9.11.2020 an basarte@sozarch.uzh.ch. Für die Veranstaltung gilt unser Schutzkonzept, das unter anderem Sitzabstände von 1,5 Metern, Maskenpflicht sowie die Angabe von Kontaktdaten für ein eventuelles Contact-Tracing beinhaltet.

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 93 KB)

3.9.2020-17.1.2021: Ausstellung „Zürich 1980“ im ZAZ

Vor 40 Jahren wurde Zürich von einer urbanen Revolte erschüttert. Es war eine Rebellion gegen einen normierten und kontrollierten Alltag, gegen ein biederes, engstirniges und repressives soziales Klima, ein erbitterter und lustvoller Kampf für ein anderes urbanes Leben. Die Revolte hat zwei Jahre angehalten und das gesellschaftliche und kulturelle Leben Zürichs grundlegend verändert, mit Auswirkungen, die bis heute sichtbar sind.

In Zusammenarbeit mit Christian Schmid (Stadtforscher, ETH Zürich) und Silvan Lerch (Kulturjournalist) hat das Sozialarchiv aus diesem Anlass die Ausstellung „Zürich 1980“ im Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) konzipiert. In dieser Ausstellung schauen wir zurück und nach vorn – in eine bewegte Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft.

„Zürich 1980“ besteht im Wesentlichen aus zwei Zugängen zum Thema. Zum einen zeigen wir Fotos von Gertrud Vogler (1936-2018) – sie ist den regelmässigen Leser*innen des SozialarchivInfos inzwischen bestens bekannt. Vogler gehörte zu den wichtigsten zeitgenössischen FotografInnen Zürichs. Sie arbeitete für verschiedene Publikationen und übernahm 1981 die Bildredaktion der WoZ. Vogler konnte Aufnahmen von Orten machen, zu denen anderen der Zutritt verwehrt blieb oder wo sie sich gar nicht erst hin getrauten. Als Chronistin des Alltags und der sozialen Bewegungen schuf sie ein Werk von über 200’000 Fotografien, das heute im Schweizerischen Sozialarchiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die erste grössere Einzelausstellung zeigt Einblicke in bewegte Zeiten zwischen 1977 und 1993.

Zum anderen widmet sich die Ausstellung unter dem Titel «Poetische Provokationen» der Sprache der Bewegung. Mit Zeitschriften, Songtexten, Videos, Tonaufnahmen, Flugblättern und Büchern zeigen wir, wie sich die 80er Bewegung Ausdruck verschaffte. Als Interventionsmedien zur Etablierung einer Gegenöffentlichkeit gedacht, verströmen die Texte bis heute eine besondere Kraft und entwickeln einen eigentlichen Sog. Sie sind oft überraschend, explosiv, radikal und militant und entfalten zugleich sinnliche Verspieltheit, Witz und (Selbst-)Ironie.
Dieser Teil der Ausstellung sollte ursprünglich im Museum Strauhof gezeigt werden, fiel aber wie so vieles der Corona-Pandemie zum Opfer. Verantwortlich für die «Poetischen Provokationen» sind Silvan Lerch und Anja Nora Schulthess („Zürcher Mittelmeerfraktion – Verein für unerhörte Stadtgeschichten“).

3. September 2020 bis 17. Januar 2021
Zentrum Architektur Zürich (ZAZ), Höschgasse 3, 8008 Zürich

> Der Zutritt zu allen Veranstaltungen ist coronabedingt beschränkt. Bitte informieren Sie sich vor Ihrem Besuch auf der Homepage des ZAZ und melden Sie sich über anmeldung@zaz-bellerive.ch zu den jeweiligen Veranstaltungen an.

> Ausstellungsflyer herunterladen (PDF, 2’690 KB)

> Weitere Informationen und Angaben zum umfangreichen Begleitprogramm

7. Dezember 2020: SLSP (Swiss Library Service Platform) startet

Vor rund zwei Jahren haben wir an dieser Stelle erstmals über das gesamtschweizerische Bibliotheksprojekt «SLSP» berichtet. Ab dem 7. Dezember 2020 wird SLSP nun auch für die Benutzer*innen Realität.

SLSP verspricht eine Synergienutzung in sämtlichen Bibliotheksbereichen und ein attraktives, an das digitale Zeitalter angepasstes Dienstleistungsangebot, welches sowohl für das Personal als auch für die Endnutzer*innen die Bearbeitung von und den Zugang zu Information möglichst einfach machen soll. Im Wesentlichen führt SLSP die Schweizer Bibliotheken zusammen, die bislang in einer heterogenen Verbundslandschaft mit unterschiedlichen Datensystemen und verschiedenen Katalogen organisiert waren. Für die Benutzer*innen bedeutet dies mehr Übersichtlichkeit und einen vereinheitlichten Zugang zu den Beständen der künftigen SLSP-Bibliotheken.

450 Bibliotheken sind neu Teil von SLSP, darunter vorwiegend Hochschulbibliotheken und wissenschaftliche Spezialbibliotheken wie die des Schweizerischen Sozialarchivs. Im Zuge der Zusammenführung der verschiedenen bisherigen Verbünde wird auch der seit 1992 bestehende NEBIS-Verbund aufgelöst und der grösste Teil der rund 140 NEBIS-Bibliotheken in SLSP überführt.

Für das Personal dieser Bibliotheken brachte dies in den letzten Monaten aufwändige Vorarbeiten mit sich: Datenbereinigungen, Einarbeitung in die neue, Cloud-basierte Bibliotheks-Software «Alma» (bisher «Aleph») sowie Aufgleisen der Zusammenarbeit in der neuen SLSP-Struktur mit den sogenannten «Institution Zones» (IZ). Das Schweizerische Sozialarchiv wird der IZ «Spezialbibliotheken Region Zürich» angehören, einer Untergruppe von SLSP mit rund zwanzig Bibliotheken, darunter beispielsweise diejenigen des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft und des Schweizerischen Nationalmuseums oder diejenigen der Museumsgesellschaft und der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

Erste spürbare Konsequenz der Umstellung auf SLSP für die Bibliotheksbenutzer*innen wird die notwendige Neueinschreibung sein. Sie ist ab dem 7. Dezember 2020 möglich und kann online vorgenommen werden. Dabei erhalten die Benutzenden ein neues SWITCH-edu-ID-Konto, mit welchem sie sich in den Katalog einloggen können. Genauere Informationen zur Registrierung werden voraussichtlich Ende September folgen.

Die bisherigen Online-Kataloge «Rechercheportal», «NEBIS recherche» und «Suchportal ETH-Bibliothek» werden durch das Suchportal «swisscovery» abgelöst, den neuen Katalog für alle SLSP-Benutzer*innen. Der Zugang zu «swisscovery» an den Recherchestationen im Lesesaal des Sozialarchivs wird dabei sozialarchiv-spezifisch angepasst sein. Die Kurierdienstleistung wird ausgeweitet und neu gesamtschweizerisch angeboten, was für die Benutzer*innen mehr Auwahl bei den Medien und mehr Optionen für den Abholort bedeutet. Allerdings wird der SLSP-Kurierdienst voraussichtlich erst Mitte 2021 seinen Betrieb aufnehmen.

Die Etablierung der verschiedenen Neuerungen wird das Sozialarchiv und seine Benutzer*innen sicherlich noch ein gutes Stück ins Jahr 2021 hinein begleiten, jedoch freuen wir uns auf die damit verbundenen zahlreichen Verbesserungen und die gesamthaft gesteigerte Qualität im schweizerischen Bibliothekswesen. Weitere Informationen zu SLSP werden in den nächsten Wochen folgen. Bei Interesse oder Unklarheiten können Sie sich gerne an unser Bibliothekspersonal wenden oder Ihre Fragen an kontakt@sozialarchiv.ch senden.

Vor 70 Jahren: Der Fall Woog

«Fünf vor Zwölf – Enthüllungen über die Partei der Arbeit». Mit diesen dramatischen Worten warnte im Vorfeld der Stadtzürcher Gemeindewahlen vom Frühjahr 1946 eine bürgerliche Wahlzeitung vor einer Partei, die erst knapp zwei Jahre alt war, und deren Stadtratskandidaten Edgar Woog. Die Ausgangslage der ersten Stadt- und Gemeinderatswahlen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war speziell: In der Stadtregierung besassen die Sozialdemokraten immer noch die seit dem Beginn des «Roten Zürich» 1928 gehaltene Mehrheit von fünf der neun Sitze. Im Gemeinderat hatten sie hingegen 1938 ihre absolute Mehrheit, die sie bei der Eingemeindung 1933 gegen eine Wahlallianz aus Bürgerlichen und Frontisten noch verteidigt hatten (s. SozialarchivInfo 6/2017), verloren und bei den Wahlen von 1942 mit nur noch 48 der 125 Mandate weiter an Terrain eingebüsst. Dafür erlebte eine neue politische Kraft einen kometenhaften Aufstieg: Der von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler ins Leben gerufene Landesring der Unabhängigen war 1938 bei seiner ersten Wahlteilnahme aus dem Stand auf 16 Prozent der Stimmen gekommen und 1942 mit 28,6 Prozent der Stimmen zur zweitgrössten Fraktion aufgestiegen – doppelt so stark wie der Freisinn – und auch in den Stadtrat eingezogen.

Bei den Erneuerungswahlen von 1946 traten acht bisherige Stadträte – fünf Sozialdemokraten und je ein Vertreter der Freisinnigen, des Landesrings und der Christlichsozialen – wieder an, während der zweite Freisinnige sich nicht zur Wiederwahl stellte. Auf der Linken lancierte nun auch die PdA mit Edgar Woog eine Kandidatur. Die Delegiertenversammlung der SP beschloss auf Antrag des Gewerkschaftskartells mit Dreiviertelmehrheit, diese Kandidatur zu unterstützen und mit der PdA eine Listenverbindung einzugehen. Der Entscheid war intern nicht unumstritten und in der Folge verteilte ein «Aktionskomitee gegen das Wahlbündnis mit den Kommunisten» Flugblätter, die zur Stimmenenthaltung aufriefen. Vor allem aber schrillten bei den Bürgerlichen die Alarmglocken. Eine freisinnige Wahlbroschüre malte bereits das Schreckgespenst eines mit Hammer und Sichel beflaggten Grossmünsters an die Wand. Freisinn und Christlichsoziale beschlossen zwar gegenseitige Unterstützung ihrer insgesamt drei Stadtratskandidaten, die Demokraten portierten aber eine vierte, ausserhalb dieses bürgerlichen Tickets stehende Kandidatur. Der sich zwischen den Blöcken sehende Landesring konzentrierte sich auf die Wiederwahl ihres eigenen Stadtrats und gab seinen Anhängern für die Besetzung der übrigen Sitze Stimmfreigabe.

Das Wahlergebnis bestätigte und vertiefte die bisherigen ungleichen Mehrheitsverhältnisse in Regierung und Parlament: Die Stadtratswahlen endeten mit einem durchschlagenden Erfolg der linken Liste. An der Spitze des Tableaus stand mit knapp 54’000 Stimmen der sozialdemokratische Stadtpräsident Adolf Lüchinger, gefolgt von den vier weiteren SP-Kandidaturen mit jeweils um die 45’000 Stimmen und den Kandidaten von Landesring und Freisinn mit je um die 38’000 Stimmen. Im Kampf um den neunten und letzten Platz verdrängte der Kommunist Edgar Woog mit 32’535 Stimmen den bisherigen christlichsozialen Polizeivorstand Anton Higi mit einem minimalen Vorsprung von rund 300 Stimmen. Die Sprengkandidatur der Demokraten blieb chancenlos. Im Gemeinderat gab es grosse Verschiebungen. Die beiden stärksten Parteien erlitten massive Verluste: Die SP kam nur noch auf 29,1 Prozent der Stimmen (minus 7,4 Prozent), der Landesring auf 17,3 Prozent (minus 11,3 Prozent). Die bürgerlichen Parteien verbuchten insgesamt geringfügige Zugewinne. Grosse Gewinnerin war aber die PdA, die aus dem Stand auf 15,3 Prozent der Stimmen und noch vor dem Freisinn auf den dritten Rang kam. Die beiden Linksparteien zusammen, die nun im Stadtrat sechs der neun Mandate innehatten, verpassten im Gemeinderat aber die absolute Mehrheit.

Der neugewählte PdA-Stadtrat Edgar Woog hatte zu diesem Zeitpunkt, wie sein im Schweizerischen Sozialarchiv gelagerter Nachlass zeigt, bereits eine bewegte Biografie hinter sich. Geboren 1898 in eine jüdische Tuchhändlerfamilie in Liestal musste er 1914 eine kaufmännische Lehre in Hamburg wegen Ausbruchs des Ersten Weltkriegs abbrechen und setzte seine Ausbildung in Basel fort. Hier trat er 1916 dem Sozialistischen Abstinentenbund und der Freien Jugend bei. 1920 wanderte er nach Mexiko aus und wurde unter dem Pseudonym Alfred Stirner Mitgründer des dortigen Kommunistischen Jugendverbands und der Kommunistischen Partei. Ab 1922 vertrat er die lateinamerikanischen Kommunisten im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau. Bis 1935 arbeitete er für den Komintern-Apparat in Berlin, Barcelona und Moskau, dann kehrte er in die Schweiz zurück und gründete in Zürich die Buchhandlung Stauffacher. Im selben Jahr heiratete er Klavdia Petrovona Nasarova. 1936 meldete er sich zu den internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Nach seiner Rückkehr wurde er wegen verbotener Werbung für fremde Kriegsdienste zu 14 Monaten Haft verurteilt. Seit 1936 Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Schweiz blieb er auch nach deren Verbot 1940 Teil der illegalen Parteileitung. Im selben Jahr heiratete er zum zweiten Mal, diesmal die Kommunistin Lydia Scherrer. 1942 wurde er wegen illegaler politischer Betätigung zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. 1944 gehörte Woog zu den Gründern der PdA, der sich Mitglieder der illegalen Kommunistischen Partei und der gleichsam verbotenen Fédération socialiste suisse sowie linke SozialdemokratInnen anschlossen, und wurde Mitglied des Zentralkomitees und der Parteileitung.

Woogs Wahl in den Zürcher Stadtrat fiel mit einem allgemeinen Aufschwung der PdA in der unmittelbaren Nachkriegszeit zusammen. Knapp ein Jahr nach ihrer Gründung zählte die PdA offiziell bereits über 19’000 Mitglieder und 18 Kantonalparteien mit 229 Sektionen. In verschiedenen Wahlen feierte die Partei teilweise spektakuläre Erfolge. Im Genfer Kantonsparlament wurde sie 1945 mit einem Stimmenanteil von 36 Prozent stärkste Fraktion. Zweistellige Ergebnisse resultierten bei kantonalen Wahlen auch in Basel-Stadt (1944: 13,8 Prozent; 1947: 23,8 Prozent), Neuchâtel (1945: 13,6 Prozent) und in der Waadt (1945: 19,4 Prozent). Bei der Nationalratswahl im Oktober 1947 erlangte die PdA mit einem gesamtschweizerischen Wähleranteil von 5,1 Prozent sieben Mandate und damit Fraktionsstärke. Einer dieser Nationalräte war Edgar Woog. In einzelnen Gewerkschaften, die in den späten 40er Jahren zahlreiche Streiks führten, hatte die PdA vorübergehend erhebliches Gewicht, etwa bei den Basler Chemiearbeitern und den Zürcher Holzarbeitern. Die internationale Lage begünstigte vorerst diesen Höhenflug. Die Sowjetunion hatte durch ihre Rolle als Siegermacht an Prestige gewonnen und 1946 nahm die Schweiz die 1918 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zum kommunistischen Staat wieder auf. In den beiden Nachbarländern Frankreich und Italien feierten die Kommunisten als Anerkennung ihrer führenden Rolle im antifaschistischen Widerstand Wahlresultate von bis zu 26 Prozent und gehörten bis im Mai 1947 den ersten Nachkriegsregierungen an. Auch in der österreichischen Bundesregierung sassen bis 1947 kommunistische Minister.

Der einsetzende Kalte Krieg änderte diese Situation aber rasch. In den Ländern der sowjetischen Einflusssphäre in Ostmittel- und Südeuropa kam es zu einer Sowjetisierung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Auf politischer Ebene erfolgte zumeist ein erzwungener Zusammenschluss der Arbeiterparteien unter kommunistischer Führung, die Degradierung der nichtsozialistischen Kräfte zu «Blockparteien», die zusammen mit der kommunistischen Staatspartei bei Wahlen auf Einheitslisten antraten, und die – teils auch physische – Ausschaltung führender bürgerlicher, sozialdemokratischer und nicht linientreuer kommunistischer Politiker. Die Verurteilung und teilweise Hinrichtung verschiedener bürgerlicher Politiker in Bulgarien und Rumänien im Jahre 1947 wurde von der PdA begrüsst. In der Tschechoslowakei hielt sich der demokratische Parteienpluralismus am längsten und kam schliesslich im Frühjahr 1948 durch den «Februarumsturz» zum Ende – drei Monate darauf fanden auch hier Wahlen mit einer Einheitsliste statt. Dieses Ereignis rief in der Schweiz grosse Empörung hervor mit Protestkundgebungen in Fribourg, Zürich, Bern, Lausanne und Genf. Auf einer Protestversammlung an der Uni Bern rief der Student Peter Sager, später Gründer und jahrzehntelanger Leiter des antikommunistischen «Ost-Instituts», aus: «Was heute vor sich geht, ist nicht mehr die Auseinandersetzung zwischen zwei Systemen, sondern es ist der Kampf des Bösen gegen das Gute.» Die PdA dagegen sandte ein Glückwunschtelegramm an den tschechoslowakischen Ministerpräsidenten und kommunistischen Parteichef Klement Gottwald und veranstaltete in verschiedenen Städten Siegesfeiern.

Bereits im März 1946 popularisierte Winston Churchill, britischer Kriegspremier und nunmehr konservativer Oppositionsführer, an einer Rede in den USA den Begriff des «Eisernen Vorhangs», der sich quer durch Europa ziehe und den Kontinent in zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke teile. Churchill war nicht der Erfinder dieser aus der Theatersprache übernommenen Metapher, die seit der Oktoberrevolution von 1917 gelegentlich aufgetaucht war und dann in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in der Goebbels’schen Propaganda einen wichtigen Platz eingenommen hatte. Mit seiner «Iron Curtain»-Rede von 1946 traf Churchill aber den Nerv des Zeitgeistes im entstehenden Kalten Krieg. Ein halbes Jahr darauf sollte Churchill die Schweiz besuchen, in der Aula der Universität Zürich seine berühmte «Let Europe Arise»-Rede halten (vgl. SozialarchivInfo 4/2016) und bei einem Empfang in der Limmatstadt auch Stadtrat Edgar Woog die Hand schütteln. Die beiden Blöcke verfestigten sich auch wirtschaftlich und militärisch. Im April 1948 startete der amerikanische Marshall-Plan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Westeuropas unter kapitalistischen Vorzeichen, im Januar 1949 gründeten sechs kommunistische Staaten Osteuropas den «Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe» (Comecon). Im April 1949 schlossen sich zwölf westliche Staaten Europas und Nordamerikas zum Verteidigungsbündnis NATO zusammen. Vier Monate darauf fiel mit dem ersten sowjetischen Atomwaffentest das bisherige nukleare Monopol der USA. Im Juni 1955 gründeten die kommunistischen Staaten Europas (ausser Jugoslawien) den Warschauer Pakt.

Wo die Demarkationslinie des «Eisernen Vorhangs» in Europa und anderen Weltregionen noch nicht klar abgesteckt war, kam es in der zweiten Hälfte der 40er Jahre zu eine Kaskade internationaler Krisen: Bereits 1945/46 führte die Frage der Kontrolle über den Iran zu einer ernsthaften Verstimmung unter den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, bei der US-Präsident Harry S. Truman der Sowjetunion den Einsatz von Atomwaffen androhte. Vom März 1946 bis Oktober 1949 tobte in Griechenland ein blutiger Bürgerkrieg zwischen der von Grossbritannien und den USA unterstützten konservativen Regierung und der bewaffneten Organisation der Kommunistischen Partei Griechenlands, der Albanien und Jugoslawien den Rücken stärkten. Im März 1947 verkündete Truman die aussenpolitische Doktrin von der «Eindämmung» des Kommunismus – zeitgleich setzte im Innern der McCarthyismus ein. Von Juni 1948 bis Mai 1949 blockierte die Sowjetunion die Landwege nach Westberlin, so dass der mitten in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands liegende Stadtteil nur durch die westalliierten «Rosinenbomber» aus der Luft versorgt werden konnte. Am 1. Oktober 1949 endete der seit den späten 20er Jahren anhaltende chinesische Bürgerkrieg mit der Ausrufung der Volksrepublik China durch Mao Tse-tung. Im Oktober 1950 gab es in Österreich einen von den Kommunisten und in der Region Linz auch von rechtsradikalen Kräften getragenen Generalstreik, den die Regierungsparteien ÖVP und SPÖ als kommunistischen Putschversuch dramatisierten. Und im Juni 1950 begann mit der Invasion des kommunistischen Nordens in den prowestlichen Süden der Koreakrieg, der drei Jahre dauern und rund vier Millionen Opfer fordern sollte.

All diese Vorgänge hatten auch Rückwirkungen auf die Schweiz. Von 1945 bis 1948 ging die Zahl der PdA-Mitglieder um die Hälfte zurück. 1950 erliess der Bundesrat Weisungen gegen «vertrauensunwürdige Beamte», die insbesondere auf PdA-Mitglieder abzielten. Auch innerhalb der Arbeiterbewegung wurde die PdA zunehmend angefeindet. Die Gewerkschaften säuberten um 1950 ihre Leitungsgremien von PdA-Mitgliedern, ebenso die sozialistische Tourismusorganisation der «Naturfreunde». 1951 billigte die Typographen-Gewerkschaft Entlassungen von Kommunisten als «Zerstörung» von «Infektionsherde[n]». Ein Jahr darauf reichten die Sozialdemokraten im Grossen Rat von Basel-Stadt einen Vorstoss für den Ausschluss von als «Söldner Stalins» gebrandmarkten PdA-Mitgliedern aus dem Staatsdienst ein, der aber von der bürgerlich dominierten Kantonsregierung abgelehnt wurde. Der bei den Nationalratswahlen von 1947 erzielte PdA-Stimmenanteil von 5,1 Prozent fiel 1951 auf unter 3 Prozent und ging dann bis zum Ende des Kalten Krieges kontinuierlich auf unter 1 Prozent zurück. Hinzu kamen interne Konflikte: PdA-Zentralsekretär Karl Hofmaier wurde 1946 wegen Veruntreuung von Parteigeldern abgesetzt und im folgenden Jahr aus der Partei ausgeschlossen. 1951 erfolgte der Ausschluss des legendären Spanienkämpfers Otto Brunner und 1952 derjenige von Gründungspräsident Léon Nicole wegen ideologischer Differenzen. Die PdA wurde zunehmend als «Partei der Affären» und «Partei des Auslands» geschmäht. Mit dem von der PdA begrüssten sowjetischen Einmarsch in Ungarn erreichte die politische Isolierung der Partei dann 1956 ihren Höhepunkt (s. SozialarchivInfo 5/2016).

Auch die weitere Laufbahn von Edgar Woog stand in diesen Kontexten. Am 6. Oktober 1947 wurde der Vorsteher des städtischen Bauamts I verhaftet. Grund war die Veruntreuung von Sammelgeldern der «Koordinationsstelle für Nachkriegshilfe» (KOOST). Im Unterschied zu den anderen Schweizer Hilfswerken, die mit der «Schweizer Spende» vor allem in West-, Zentral- und Nordeuropa wirkten, konzentrierte diese PdA-nahe Organisation ihre Hilfsaktionen auf Länder des kommunistischen Einflussbereichs wie Polen, Jugoslawien, die Tschechoslowakei und Albanien (s. SozialarchivInfo 2/2015). Aus deren Sammlung «für Polens Kinder» hatte Woog einen – in der Buchhaltung als «Darlehen an Albanien» getarnten – Überbrückungskredit von 5’000 Franken für die serbelnde PdA-Zeitung «Vorwärts» abgezweigt, der allerdings zum Zeitpunkt seiner Verhaftung bereits zurückgezahlt war. Ins Rollen gebracht wurde die Affäre vermutlich von einem Whistleblower aus der PdA-Parteileitung. Daraufhin hörte die Zürcher Kantonspolizei mittels eines versteckten Mikrofons Anfang September 1947 eine Vorstandssitzung der KOOST ab.

Zusammen mit Woog wurden sechs weitere Führungspersonen der KOOST festgenommen, darunter deren Sekretär, der spätere Publizist Alfred A. Häsler. Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft wurde Woog am 8. Oktober 1947 als Stadtrat beurlaubt. Am selben Abend fand zu seiner Unterstützung auf dem Helvetiaplatz und im Volkshaus eine Protestkundgebung statt, an der sich etwa 3’000 Personen beteiligten. Zehn Tage darauf verfügte der Bezirksrat als Aufsichtsbehörde, Woog einstweilen im Amt «einzustellen», das heisst, ihn ohne Bezüge als Stadtrat zu suspendieren. In der folgenden Woche erfolgte Woogs Wahl in den Nationalrat. Im Januar 1949 verurteilte ein Schwurgericht Woog zu einem halben Jahr Gefängnis. Die Strafe wurde wegen Woogs Vorstrafen unbedingt ausgesprochen, während die übrigen Angeklagten mit bedingten Strafen davonkamen. Steffen Lindig, pensionierter Bibliothekar des Sozialarchivs, hat diesen Prozess als Höhepunkt des «Polit-Krimis» um Edgar Woog in einem umfangreichen Manuskript detailliert rekonstruiert. Im April 1949 beschloss der Bezirksrat die definitive Amtsenthebung Woogs als Stadtrat. Dieser in der Stadtzürcher Geschichte einmalige Beschluss wurde im Dezember 1949 vom Regierungsrat und im folgenden Jahr auch vom Bundesgericht geschützt. Während Woogs Haft wurde er im Juni 1949 zum Zentralsekretär der PdA gewählt. Ausweislich der Staatsschutzakten über Woog gab es sogar Überlegungen, ihm das Bürgerrecht zu entziehen. Ende 1949 forderte ein nicht namentlich genannter Herr aus Zürich als Reaktion auf die Geburtstagsgrüsse der PdA für Stalin in einem Brief an Bundesrat Eduard von Steiger die Ausbürgerung der Schweizer Kommunisten. Von Steiger erwiderte, dass dies nur bei Doppelbürgern wie Woog eventuell möglich wäre. Nachforschung der Bundespolizei ergaben dann aber, dass Woog gar keine doppelte Staatsangehörigkeit besass.

Einher mit Woogs Amtsenthebung ging der Zerfall der linken Mehrheit im Zürcher Stadtrat und das Ende des «Roten Zürich». Wenige Monate nach Woogs Absetzung verstarb im Juli 1949 der sozialdemokratische Stadtpräsident Lüchinger. In der Ersatzwahl ging das Stadtpräsidium an den Freisinnigen Emil Landolt und Lüchingers Stadtratssitz an den Landesring, während Woogs Sitz bis zur Gesamterneuerungswahl vom Folgejahr vakant blieb. Die SP beschloss im Januar 1950 mit Blick auf die Gemeinderatsergebnisse von 1946, einstweilen keinen Mehrheitsanspruch mehr zu stellen, nur mit ihren vier bisherigen Stadträten anzutreten, eine eventuelle Kandidatur der PdA nicht zu unterstützen und auch keine Listenverbindungen einzugehen. Die PdA ihrerseits portierte erneut Edgar Woog. In der Wahl vom März 1950 schafften neben den vier Sozialdemokraten die je zwei bisherigen Vertreter des Freisinns und des Landesrings die Wiederwahl. Im Unterschied zu 1946 standen bei den Stimmenzahlen nun die Kandidaten der Bürgerlichen und des Landesrings klar an der Spitze, während die vier Sozialdemokraten noch hinter dem neu antretenden christlichsozialen Kandidaten mit deutlichem Rückstand die Plätze sechs bis neun belegten. Woog folgte weit abgeschlagen auf dem zehnten Rang, wurde aber wenigstens in den Gemeinderat gewählt. Ansonsten erlebte die PdA bei der Wahl ins Stadtparlament mit einem Stimmenanteil von nur noch 6,3 Prozent (minus 9 Prozent) und dem Verlust von 15 der bisherigen 19 Mandate ein Fiasko, während alle anderen Parteien leichte Zugewinne verbuchen konnten.

Woog wurde in der Folge 1951 trotz der Verluste seiner Partei als Nationalrat bestätigt. Sein Amt als PdA-Zentralsekretär behielt er bis 1968. In dieser Funktion war er auch Verbindungsperson zu den Kommunistischen Parteien anderer Länder. 1953 nahm er zusammen mit der Prominenz des Weltkommunismus am Begräbnis Stalins teil und in den 50er und 60er Jahren wohnte er vier Parteikongressen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bei. Von Woogs bewegter Biografie zeugen auch die umfangreichen, im Sozialarchiv als Kopien vorliegenden Staatsschutzakten der Bundespolizei über ihn, die 253 Karteikarten umfassen und ein halbes Jahrhundert von 1924 bis zu Woogs Tod im Jahre 1973 abdecken.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 87.20.7 Sozialdemokratische Partei Zürich 4: Akten 1949–1960
  • Ar 132.40.1 Nachlass Fritz Heeb: Linke SP (Opposition) / PdA
  • Ar 140 Nachlass Edgar Woog
  • Ar 148 Nachlass Marino Bodenmann
  • Ar 189 Nachlass Karl Hofmaier
  • Ar 198.7 Schweizer Kommunisten
  • Ar 198.11 Nachlass Dora Staudinger
  • Ar 198.26 Nachlass Lydia Woog
  • Ar 301.27 Steffen Lindig: Darlehen an Albanien. Der kommunistische Stadtrat Edgar Woog verliert sein Amt – Ein Polit-Krimi aus dem Zürich der Nachkriegszeit
  • Ar 458 Partei der Arbeit des Kantons Zürich
  • Ar 459 Partei der Arbeit der Schweiz
  • Ar 638.10.9 Sammlung Markus Bürgi: Biografische Artikel P–Z

Sachdokumentation

  • KS 32/118 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich
  • KS 32/119 Kommunale Wahlen: Stadt Zürich
  • KS 335/390c Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) bis 1943; Partei der Arbeit (PdA) ab 1944: Opposition
  • KS 335/390f Kommunistische Partei der Schweiz (KPS): illegal in der Deutschschweiz
  • KS 335/390i Kommunistische Partei der Schweiz (KPS): illegal in der Romandie
  • KS 335/391a Partei der Arbeit (PdA): Broschüren
  • KS 335/391b Partei der Arbeit (PdA): Broschüren
  • KS 335/391c Partei der Arbeit (PdA): Zeitschriftenartikel
  • KS 335/391d Partei der Arbeit (PdA): Flugschriften
  • KS 335/391e Beziehungen Schweiz-Sowjetunion
  • ZA 04.9 Biografien: Einzelne Personen: Wol–Wz
  • ZA 38.6 Partei der Arbeit (PdA)
  • ZA 38.6 *K Kommunistische Partei der Schweiz (KPS)

Bibliothek

  • Buclin, Hadrien: Les intellectuels de gauche: Critique et consensus dans la Suisse d’après-guerre (1945–1968). Lausanne 2019, 141454
  • Buomberger, Thomas: Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990. Baden 2017, 135979
  • Caillat, Michel et al. (Hg.): Geschichten des Antikommunismus in der Schweiz. Zürich 2009, 120661
  • Häsler, Alfred A.: Einen Baum pflanzen: Gelebte Zeitgeschichte. Zürich 1996, 100409
  • Historische Kommission der Partei der Arbeit der Schweiz (Hg.): Zur Geschichte der kommunistischen Bewegung in der Schweiz. Zürich 1981, 68831
  • Hofmaier, Karl: Politischer Bericht dem zweiten Parteitag der Partei der Arbeit der Schweiz am 6. Oktober 1945 in Genf. Zürich 1945, Hf 5240
  • Huber, Peter: Stalins Schatten in der Schweiz: Schweizer Kommunisten in Moskau: Verteidiger und Gefangene der Komintern. Zürich 1994, 96335
  • Kunz, Matthias: Aufbruchstimmung und Sonderfall-Rhetorik: Die Schweiz im Übergang von der Kriegs- zur Nachkriegszeit in der Wahrnehmung der Parteipresse 1943–1950. Bern 1998, Gr 9637
  • Lossau, Manfred: Die Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS): Skizze ihrer Geschichte (1944–1968). Marburg 1981, Gr 3751
  • Neval, Daniel A.: „Mit Atombomben bis nach Moskau“: Gegenseitige Wahrnehmung der Schweiz und des Ostblocks im Kalten Krieg, 1945–1968. Zürich 2003, 111356
  • Rauber, André: Formierter Widerstand: Geschichte der kommunistischen Bewegung in der Schweiz 1944–1991. Zürich 2003, 111618
  • Rauber, André: Léon Nicole: Le franc-tireur de la gauche suisse (1887–1965). Genf 2007, 118829
  • Rosenberg-Katzenfuss, Odette: Lydia Woog, eine unbequeme Frau: Schweizer Aktivistin und Kommunistin. Zürich 1991, 91576
  • Späti, Christoph: Die Schweiz und die Tschechoslowakei, 1945–1953: Wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen im Polarisationsfeld des Ost-West-Konflikts. Zürich 2000, 109917
  • Studer, Brigitte: Un Parti sous influence: Le Parti communiste suisse, une section du Komintern 1931 à 1939. Lausanne 1994, 99542

Periodika

  • Information: Mitteilungsblatt des Sekretariates der Partei der Arbeit der Schweiz, ZZ 66
  • Socialisme: Revue mensuelle du Parti Suisse du Travail, N 417
  • Voix Ouvrière, MFB 39
  • Vorwärts, MFB 38
  • Zeitdienst, N 1419

Zeitnah nach dem Pertinenzprinzip dokumentieren

Eine kleine Theorie der Praxis

«Dokumentationen bereiten publizierte Dokumente so auf, dass sie gezielt auffindbar sind.» In diesem Satz ist der Zweck dokumentarischer Arbeit auf die kürzest mögliche Formel gebracht. Aber wie bereitet man Dokumente auf, dass sie für Nutzer/innen «gezielt auffindbar» sind? – Im Folgenden möchte ich als Verantwortliche für die Sachdokumentation im Sozialarchiv schildern, wie das konkret geht, wo die Praxis an die Grenzen der Theorie stösst und was das alles mit Foucault zu tun hat.

Sammeln

«Nahe am Puls der Zeit wurden im Berichtsjahr wiederum die gesellschaftlichen und politischen Geschehnisse in der Schweiz dokumentiert, indem die publizierte graue Literatur dazu laufend gesammelt, erschlossen und den Benutzenden zur Verfügung gestellt wurde.» So (2019) oder ähnlich beginnen jeweils die Texte zur Sachdokumentation für den Jahresbericht des Sozialarchivs. Um aktuelle Broschüren/Flugschriften zeitnah zu sammeln, muss man ihren Urhebern auf der Spur sein, denn es gibt keine Verlagskataloge, welche die Publikationen von Parteien, NGOs, Gewerkschaften, Think-Tanks, sozialen Bewegungen, Verbänden oder Abstimmungskomitees vermitteln.

Um graue Literatur zu sammeln, muss man also «an der Quelle» sein, weshalb die Broschüren/Flugschriften ab 1960 im Sozialarchiv auch «Quellenschriften» (QS) heissen. Früher operierte man mit einer Adresskartei der «Lieferanten», aber da war die Welt der Flugschriften noch analog und die Welt generell noch relativ statisch. Mit der Beschleunigung durch die Digitalisierung sind nicht nur viele Flugschriften auf Papier zu Netzschriften im «Portable Document Format» (PDF) mutiert, auch ihre Urheberschaft ist dynamischer geworden. Jede Gruppierung, die in unserem Sammelgebiet als Akteurin auftritt, kann ad hoc und ohne grossen Aufwand eine Website oder einen Social-Media-Kanal betreiben und ihre Positionen publizieren. Das gibt auch kurzlebigen Organisationen und Bewegungen die Chance, im öffentlichen Diskurs mitzuwirken. Also sollte das Sozialarchiv diese Verlautbarungen, sind ein paar formelle Voraussetzungen erfüllt, auch sammeln. Um sowohl traditionsreichen (z.B. Regierungsparteien oder Gewerkschaften) als auch jüngeren Organisationen (z.B. diverse Think-Tanks oder NGOs), sowohl älteren als auch neuen sozialen Bewegungen (z.B. Frauen-, Jugend- oder Friedensbewegung ebenso wie Klimastreik- oder LGBTQ-Bewegung) auf den Fersen zu bleiben, habe ich entweder deren Newsletter abonniert oder ich folge ihnen auf Social Media. Gesammelt wird, was den Sammelkriterien des Sozialarchivs im Allgemeinen und denjenigen der Sachdokumentation im Speziellen entspricht.

Erschliessen

Gedruckte Broschüren/Flugschriften (QS) werden für die Sachdokumentation erschlossen, indem sie datiert (Publikationsjahr) und einem (oder mehreren) der rund 1’200 Sachthemen zugeordnet werden. Bei digitalen Quellenschriften (DS) erfolgt die Datierung wenn möglich bis auf den Tag genau, und es werden noch einige Metadaten zusätzlich erfasst. Die Sacherschliessung folgt dabei dem Pertinenzprinzip: Für die Zuweisung zu einem Sachthema ist das in der Publikation behandelte Thema, nicht der Urheber ausschlaggebend. Ein Factsheet der SVP über die Schweizer Landwirtschaft kommt also ins Dossier «Agrarpolitik & Landwirtschaft in der Schweiz», nicht ins Dossier «Schweizerische Volkspartei (SVP)». Das Faktenblatt der FDP mit dem Titel «Was tut die FDP für KMU? – Vor und während der Corona-Zeit» wird dem Dossier «KMU» zugeordnet.

Oder doch eher dem Dossier «Krankheiten», in welchem alle QS und DS zu COVID-19 versammelt sind? Oder sogar zusätzlich auch dem Dossier «FDP», weil die Liberalen hier über sich selber schreiben? Wo wird ein zukünftiger Nutzer eher nach dem Faktenblatt suchen? Für welche Fragestellung einer zukünftigen Forschung könnte das Dokument von Interesse sein? – Zum Glück können Dokumente auch mehreren Dossiers zugeordnet werden, so dass in der Zukunft verschiedene Recherchepfade zum Ziel führen. Trotzdem stösst das Pertinenzprinzip in der Praxis oft an seine Grenzen.

Im Prinzip das Pertinenzprinzip

Im Sozialarchiv werden die Quellen in der Abteilung Archiv nach dem Provenienzprinzip erschlossen, d.h. die Ordnung der Ablage richtet sich nach der Herkunft der Archivalien, deren Entstehungszusammenhang damit weitestgehend erhalten bleibt. Im Gegensatz dazu ordnet die Abteilung Dokumentation ihre Unterlagen nach dem Pertinenzprinzip (von lateinisch «pertinere», deutsch «dazugehören»). Die Bestandesbildung folgt also der Logik einer vorher festgelegten Sachsystematik und nimmt im Regelfall keine Rücksicht auf den Ursprungskontext oder Urheber. Die Systematik der «Sachdokumentation» im Sozialarchiv basiert auf einer Dezimalklassifikation mit 10 Hauptgruppen, die wiederum in maximal 10 Sachgruppen unterteilt sind. In diese hierarchische Struktur sind rund 1’200 Sachthemen eingebettet, zu denen es «Dossiers» mit Dokumenten gibt.

Keine Regel ohne Ausnahme – dies gilt auch für das Pertinenzprinzip, denn nicht immer ist es sinnvoll, ein Dokument strikt dem Thema zuzuordnen, von dem sein Inhalt handelt. Ein gutes Beispiel hierfür ist der 1. Mai, der Tag der Arbeit (Dossier 50.6). Jedes Jahr sammeln wir von diesem Anlass zahlreiche Flugblätter unterschiedlichster Gruppierungen und Organisationen, die Anliegen reichen dabei von Kurdistan und Strafvollzug in Spanien über Tierrecht und Marxismus bis zu Feminismus und Lohngleichheit. Wenn die Texte mit einem üblichen Solidaritätsaufruf zum 1. Mai verbunden sind, lege ich sie – mindestens zusätzlich zu den anderen Themen – auch im Dossier zum «Ersten Mai» ab. – Weshalb? Den angesprochenen Anliegen wird nicht nur am 1. Mai Gehör verschafft, es gibt dazu auch zahlreiche weitere Dokumente in den entsprechenden Sachdossiers, wo gezielt fündig wird, wer nach diesem Thema sucht. Weil eine zukünftige Forschung vielleicht aber danach fragen könnte, wie sich das Profil des Tages der Arbeit im Lauf der Geschichte verändert hat, sammle und erschliesse ich hier also nicht pertinent, sondern vielmehr anlassbezogen.

Ein jüngeres Beispiel war die «Occupy»-Bewegung, in der Schweiz «Occupy Paradeplatz». Die ziemlich heterogene internationale soziale Bewegung vertrat Positionen in verschiedensten Bereichen: Banken, Wirtschaftssystem, Ökologie, Klimaschutz, Demokratie, Gentrifizierung, Landwirtschaft, Ernährung usw. Der Anlass für die Bewegung war aber eindeutig die globale Finanzkrise, die 2007 in den USA als Subprimekrise begonnen hatte und eigentlich eine Bankenkrise war. Es erschien sinnvoller, die Dokumente – wenn nur ein einziges Exemplar vorhanden war – an einem Ort (Dossier 96.1 C «Banken: Schweiz») zu versammeln, als sie in alle thematischen Winde zu zerstreuen und damit ihren Entstehungszusammenhang zum Verschwinden zu bringen. Es ist wahrscheinlicher, dass eine zukünftige Nutzerin erfahren möchte, welches die Anliegen der Occupy-Bewegung (in der Schweiz) waren, als dass ein anderer Nutzer das eine unter ganz vielen anderen Dokumenten zum Thema Gentrifizierung vermissen wird.

Auch anlässlich der gegenwärtigen Corona-Pandemie wurde und wird von verschiedenster Seite zu unterschiedlichsten Themen publiziert. Indem sie in der Sachdokumentation anlassbezogen immer auch dem Dossier «Krankheiten» (64.0 *8) zugeordnet werden, kann später einmal nachvollzogen werden, welche gesellschaftlichen Fragen dieses neuartige Virus aufgeworfen und welche politischen Reaktionen es provoziert hat.

Zeitphänomene

Die Dezimal-Klassifikation, welche die ca. 1’200 Themen der Sachdokumentation systematisch gruppiert und hierarchisiert, ist der Versuch, alle gesellschaftlichen Fragen, welche von den sozialen Bewegungen aufgeworfen werden, unter ihren verschiedenen Aspekten und in all ihren Dimensionen in eine Ordnung zu bringen, welche einen sachbezogenen Zugang zu diesen diversen Feldern der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ermöglicht, die entsprechenden Dokumente also «gezielt auffindbar» macht. Diese im und spezifisch für das Sammelgebiet des Sozialarchivs entwickelte Systematik mit numerischen Notationen und einem kontrollierten Vokabular für deren natürlichsprachliche Benennungen repräsentiert dabei naturgemäss nicht die Sphäre der Phänomene selbst, sondern nur die Sphäre der Begriffe und Konzepte, mit denen wir Ereignisse und Zeiterscheinungen in ihrem historischen Kontext zu verstehen, «einzuordnen» versuchen. Es ist bei einer solchen kategorialen Systematik nicht unangebracht, an Michel Foucaults Begriff der «Episteme» zu denken, mit welcher dieser die Bedingung der Möglichkeit von Wissen innerhalb einer geschichtlichen Epoche zu fassen versuchte, welche als unartikulierte Voraussetzung allen zeitgenössischen Diskursen vorausgeht und sie grundiert.

In der Dezimal-Klassifikation des Sozialarchivs spiegelt sich aber nicht nur die Episteme ihrer Entstehungszeit – sie wurde in den 1950er Jahren entwickelt und 1960 eingeführt –, sondern Dezimal-Klassifikationen stellen generell ziemlich statische Ordnungen dar und sind viel weniger flexibel als (kontrollierte) Schlagwortsysteme. Und so sind denn die bestehenden Kategorien der Dossiers nicht immer bestens geeignet, um Phänomene aus der jüngsten Zeit unter ihnen zu subsumieren. Beim «Land Grabbing» etwa, bei dem es sich eigentlich um eine neue Form der Kolonialisierung in Zeiten des Neoliberalismus handelt, stellt sich die Frage, bei welchem bestehenden Thema es am besten anschlussfähig ist, denn «Kolonialismus» gibt es als Dossier in der Sachdokumentation des Sozialarchivs gar nicht, da die Schweiz nie eine selbständige Kolonialmacht war und der Fokus der Sammlung auf der Schweiz liegt. Am überzeugendsten schien mir schliesslich das Dossier 91.8 zum «Bodenrecht» im Bereich der Landwirtschaft, was sich aber nicht von selbst versteht, weshalb ich den Begriff als Zusatz-Information zur entsprechenden Schachtel erfassen musste.

Auch auf den «Rohstoffhandel», für den die Schweiz eine der wichtigsten Drehscheiben darstellt, ist die Klassifikation des Sozialarchivs nicht optimal vorbereitet. In der Sachgruppe 83 «Geld, Währung, Preise» befindet sich unter der Notation 83.5 zwar das Dossier «Börse ; Rohstoffmarkt», unter welches man den Handel natürlich subsumieren kann. Jedoch bildet diese Klassierung weder den Charakter der Akteure (multinationale Konzerne) noch ihre Art zu operieren (Erwerb von Abbaulizenzen im Tausch gegen Einmalkredite an Regierungsvertreter korrupter Machtapparate in meist afrikanischen Staaten) ab, obwohl gerade diese beiden Aspekte den eigentlichen Inhalt der neueren Broschüren in diesem Dossier wesentlich bestimmen.

Nicht besser geht es den aktuell virulenten Pestiziden in der Landwirtschaft und der Agrochemie(kritik) insgesamt. Dass das Problem mit wenigen grossen global agierenden Agrochemiekonzernen vor allem darin liegt, dass sie in der internationalen Landwirtschaft zunehmend die gesamte vertikale Wertschöpfungskette beherrschen und damit eine beängstigende Kontrollmacht über alle Aspekte der menschlichen Nahrungsversorgung erhalten haben, wird mit der Ablage im Dossier «Chemische Industrie» (93.5) unzureichend erfasst.

Schliesslich ist auch die hängige «Konzernverantwortungs-Initiative» schwer eindeutig zu verorten: Es geht um Menschenrechte (Dossier 22.0), Nachhaltigkeit (Dossier 19.0 *3), Unternehmensführung (Dossier 86.1) und – vor allem rechtlich relevant – um multinationale Konzerne (Dossier 87.3) mit Sitz in der Schweiz. Insbesondere Print-Dokumente je in vierfacher Ausführung in allen aufgezählten Dossiers abzulegen, ist nicht praktikabel, weshalb Dokumente zur Konzernverantwortungs-Initiative dem zuletzt genannten Dossier zugeordnet werden. – Zum Glück erfahren eidgenössische Volksabstimmungen eine besondere Erschliessung, indem sie zusätzlich erfasst werden, so dass die Benutzenden alle Broschüren/Flugschriften zur Konzernverantwortungs-Initiative «gezielt auffinden» können.

Entwickelt ein neues Zeitphänomen eine gewisse Kontinuität und Beständigkeit, kann die Dezimal-Klassifikation zwar entsprechend erweitert bzw. ausdifferenziert werden. In den letzten Jahren wurden so die Dossiers zu den Sans-Papiers (22.5 *1) und zur Gentrifizierung (94.8 *G) neu eröffnet. Dies will aber gut überlegt sein, denn in einem aufwändigen Arbeitsschritt müssen alle bestehenden Dokumente in den Nachbarthemen gesichtet, aussortiert und bei Neuzuordnung umsigniert werden. Wurden sie mit ihrer alten Signatur in einer früheren Bibliografie erwähnt, stimmt diese Referenz nach der Umklassierung zudem nicht mehr, was ein unschöner Nebeneffekt ist.

Historische Distanz

Eine Dokumentalistin ist auch nur eine Zeitgenossin mit limitierter Übersicht und ein Subjekt (Foucault), das dem herrschenden Diskurs unterworfen ist. Dies wird im Rückblick und mit zunehmender zeitgeschichtlicher Distanz sowohl bei der verwendeten Nomenklatur als auch in der strukturellen Einordnung von Sachthemen auf problematische und aufschlussreiche Weise sichtbar.

Besonders deutlich wird die mangelnde Flughöhe bei einer «zeitnahen Dokumentation» bei den alten Beschriftungen der Zeitungsausschnitt-Mappen. Im Dossier 34.53 zu den nationalsozialistischen Verbrechen gibt es beispielsweise zahlreiche sogenannte ZA-«Sonderdossiers». In ZA 23.8 *VKV waren die einzelnen Mappen u.a. folgendermassen beschriftet: «Die ewige Jagd von Wiesenthal und anderen auf Nazi-Kriegsverbrecher» und «Die unermüdlichen Bemühungen der Nazikriegsverbrecher-Jägerin B. Klarsfeld»; heute heisst die Schachtel «Verfolgung und Enttarnung von Kriegsverbrechern ; Fluchtversuche von Kriegsverbrechern» und die Mappen sind mit «Beate Klarsfeld (1968-1984) ; Simon Wiesenthal (enth. auch: Fahndung nach Joseph Mengele)» beschriftet. Dass hingegen die «Ausländerfrage» (Dossier 02.3 C «Ausländerfrage, Ausländerintegration ; Einwanderung ; multikulturelle Gesellschaft: Schweiz»), die eines der umfangreichsten Dossiers in der Sachdokumentation überhaupt benennt, bis heute überlebt hat, ist nicht nur der Trägheit der Sozialarchiv-Klassifikation, sondern auch dem tatsächlichen Diskurs über Ausländer in der Schweizer Politik geschuldet. Im Gegensatz dazu hiessen die ZA-Sonderdossiers zur «Rassendiskriminierung in den USA» (in den Dossiers 05.3 und WUS 3) «nur» bis zum Jahr 1978 «Negerfrage». Sie wurden umbenannt, nachdem in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre in den Zeitungsartikeln zwar noch von «Negern» zu lesen war, aber statt des Begriffs «Negerfrage» nun der Terminus «Rassenintegration» o.Ä. verwendet wurde, während in den ersten dokumentierten Jahren (1948-58) vom «Aufbau» (15.10.1948) über das «Volksrecht» (27.11.1948 und 25.2.1952) bis zur «Berner Tagwacht» (26.8.1958) in den Überschriften in einer Selbstverständlichkeit von «Negerfrage», «Negerproblem» und «Neger-Krise» die Rede gewesen war.

Gerade dieses letzte Beispiel veranschaulicht, dass auch Sammlungen ihre Geschichte haben bzw. dass sich die Geschichte auch in eine vermeintlich neutrale Pressedokumentation einschreibt. Der Umgang mit solch zwiespältigem Erbe im Sozialarchiv verläuft doppelspurig: Auf den analogen Behältnissen werden die alten Beschriftungen belassen (ausser sie werden sowieso revidiert), die Bezeichnungen in der Online-Datenbank wurden und werden aber im Lauf der Zeit modernisiert.

Problematischer als überholte Begrifflichkeiten in den expliziten Dossier-Benennungen sind allerdings strukturell bedingte, implizite Bedeutungszuweisungen, die nicht mit einer einfachen Umbenennung aus der Welt geschafft werden können. Semantisch wirksam sind nämlich auch die Nachbarschaften bzw. umgekehrt die kategorialen Abgrenzungen, die innerhalb bzw. zwischen den Sachgruppen, zu denen die fraglichen Dossiers gehören, entstehen. Dabei ist dieser ordnende sachsystematische Zusammenhang, in welchen die Themen gestellt werden, selber nicht wertfrei, sondern von der Episteme seiner Entstehungszeit, also von den Diskursen der 1950er/60er Jahren geprägt. So befinden sich «Frauen» (Dossiers 04.5ff.), «Männer» (Dossier 04.7) ebenso wie «Kinder, Jugendliche» (Dossiers 04.1f.) innerhalb der Hauptgruppe 0 in der Sachgruppe «Mensch in der Gesellschaft» (04) in guter Gesellschaft untereinander. Sonderdossiers dazu versammeln Dokumente etwa zur «Gleichberechtigung» von Frau und Mann (04.5 C *1), zu «Gewalt an Frauen» (04.5 *4) oder zu «Jugendkulturen» (04.11). Die Dossiers zu «Feminismus & Frauenbewegung» (04.6ff.) schliessen numerisch an die Frauen an. LGBTQ-Menschen jedoch gehören klassifikatorisch nicht zu den «Mensch(en) in der Gesellschaft», sie sind in der nachfolgenden Hauptgruppe 1 der Sachgruppe «Psychologie, Sexualität» (13) zugewiesen worden (Dossier 13.9). Wie rassistische Diskurse die Hautfarbe (bei nicht-weissen Menschen) zum Hauptkriterium machen, reduziert eine solche klassifikatorische Kontextualisierung LGBTQ-Menschen auf ihre sexuelle Dimension, die, indem sie auf diese Weise hervorgehoben wird, zumindest problematisiert, wenn nicht gar pathologisiert wird. Nach dem gesellschaftlichen Lernprozess der letzten Jahrzehnte, in dessen Verlauf die heterosexuelle Mann-Frau-Matrix erweitert und ein gesellschaftlicher und rechtlicher Integrationsprozess von Nicht-Cis- und Nicht-Hetero-Menschen eingeleitet wurde, würde man Schwule und Lesben ebenso wie die entsprechenden identitätspolitischen Bewegungen wohl eher in Form von Sonderdossiers den «Männern» (Dossier 04.7) und den «Frauen» (Dossiers 04.5ff.) zugesellen. Und die Bisexuellen, Transmenschen und Queeren bekämen die noch unbesetzte Dezimal-Position 04.8 zugewiesen.

Eine solche Umklassierung wäre allerdings, wie weiter oben beschrieben, sehr aufwändig – und ist in Zeiten der digitalen Informationsverwaltung auch nicht mehr unbedingt nötig: Klassifikationen als Instrumente der Sacherschliessung stammen noch aus der analogen Welt, aber heutige Benutzer*innen finden nicht mehr über die systematische Baumstruktur, sondern über einfache Begriffssuchen zu den von ihnen gewünschten Dossiers. Und terminologisch sowie mithilfe eines ausgebauten Verweissystems lässt sich die Sachdokumentation des Sozialarchivs datenbanktechnisch einfacher als mit einer Umklassierung modernisieren, und zwar so, dass sie dem zeitgemässen «gezielten Auffinden» von Dokumenten dient. Latent liegt ihr jedoch immer noch eine ordnende Klassifikationsstruktur aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zugrunde, welche ihre eigene Geschichtlichkeit offenbart, wenn man sie auf ihre «Archäologie des Wissens» (Foucault) hin untersucht.

Auf der Spur der „kleinen Leute“

Die Sammlung popularer Selbstzeugnisse im Schweizerischen Sozialarchiv


von Fabian Brändle

Den Alltag und die Kultur der „kleinen Leute“ zu erforschen erweist sich bisweilen als denkbar schwierige Aufgabe. Gerichtsakten geben zwar immerhin Auskunft über kriminalisiertes Verhalten, enthalten jedoch viele strategisch bedingte Aussagen, die nicht immer für bare Münze zu nehmen sind. Angeklagte Frauen und Männer versuchen nämlich, durch mehr oder weniger bewusstes Verfälschen der Tatsachen den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und der zu verhängenden Strafe zu entgehen. So sind wir bei der Rekonstruktion des Alltags und der Volkskultur in der Regel auf Selbstaussagen, auf Egodokumente, angewiesen, wie sie uns in Selbstzeugnissen (Autobiografien, Tagebücher, Kindheitserinnerungen, Briefe etc.) entgegentreten. Handwerker, Bäuerinnen, Bauern, Angestellte, Arbeiterinnen, Arbeiter, aber auch „Ungelernte“ wie Hausierer, Berufssportler, Dienstboten oder Prostituierte haben solche Texte in gar nicht so kleiner Anzahl verfasst, Texte, die freilich nicht frei von Stilisierungen, ja, von Beschönigungen und sogar von Lügen sind. Selbstzeugnisse bedürfen wie sämtliche anderen Quellentypen auch einer sorgfältigen Quellenkritik. Im Grundton sind sie oft nostalgisch, beschwören eine harte, aber schöne Kindheit ohne Computer und Handys und mit nur ganz wenigen Spielsachen.

Es herrscht indessen immer noch Mangel an zuverlässigen, wissenschaftlichen Editionen, die den Wahrheitsgehalt popularer Selbstzeugnisse herausdestillieren würden, indem sie beispielsweise archivalische Quellen wie Kirchenbücher oder Zivilstandsregister kontrollierend hinzuziehen. So liesse sich so manche noch so raffinierte Fälschung relativ schnell enttarnen. Denn vergessen wir nicht: Auf dem Büchermarkt sind populare Selbstzeugnisse durchaus beliebt und gefragt, denken wir nur an die Autobiografien der bayrischen Bäuerin Anna Wimschneider („Herbstmilch“) oder an die Schweizer Aussenseiterin und Hausfrau Rosemarie Buri („Dumm und dick“), die zu veritablen Bestsellern avancierten. Populare Selbstzeugnisse haben eben noch lange nicht jene Lobby wie die Werke bekannter SchriftstellerInnen, die in gebundenen, annotierten Werkausgaben gediegen, vollständig und mehrbändig erscheinen. Eine Ausnahme bilden die gesammelten Werke des Toggenburger Ferggers, Bauern, Salpetersieders und preussischen Söldners Ulrich Bräker, die in mustergültiger Edition vorliegen (Haupt und C. H. Beck).

Jammern hilft indessen wenig, nur selbst machen hilft weiter. So habe ich in den letzten beiden Jahrzehnten fünf populare Selbstzeugnisse aus der Frühen Neuzeit (ca. 1500-1800), aus dem 19. und aus dem frühen 20 Jahrhundert (mit-)ediert und in Buchform herausgegeben. Ich bin mir indessen sicher, dass noch in so manchem Archiv editionswürdige Manuskripte aufzufinden wären, und auch gedruckte Rarissima und Rara wären je nach Qualität eine kommentierte, vollständige Neuausgabe wert. So bietet beispielsweise die im Selbstverlag erschienene Kindheitserinnerung des Aussersihlers Edwin Läser ein Panorama der Freizeitkultur in einem grossstädtischen Arbeiterquartier der 1930er und frühen 1940er Jahre: Eine jedoch keinesfalls einmalige Fundgrube jugendlicher Alltagskultur. Das Deutsche Tagebucharchiv Emmendingen (bei Freiburg im Breisgau) sammelt und verschlagwortet Selbstzeugnisse „kleiner Leute“ und erfreut sich in den letzten Jahren einer wachsenden Beliebtheit nicht nur unter HistorikerInnen, sondern auch unter Geschichtsinteressierten generell und nicht zuletzt unter Schulklassen. Auch in Wien gibt es eine sehr gute Dokumentationsstelle mit eigener Buchreihe („Damit es nicht verlorengeht“, Böhlau, begründet vom Sozialhistoriker Michael Mitterauer).

Mein erster Kontakt mit einem popularen Selbstzeugnis fand im Jahre 1997 an der Universität Basel statt, wo ich wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Selbstzeugnisspezialisten Kaspar von Greyerz war. Meine dortige erste Aufgabe war es, die Autobiografie des calvinistischen Elsässer Kannengiessers Augustin Güntzer (1596-1657?) zu annotieren. Die einwandfreie Transkription der Handschrift aus der Universitätsbibliothek Basel hatte mein Kollege Dominik Sieber in langjähriger Arbeit besorgt. Wir betrieben viel Aufwand für diese Edition (Reihe „Selbstzeugnisse der Neuzeit“, Boehlau Verlag), indem wir zu elsässischen Archiven reisten und versuchten, den komplexen Frömmigkeitsdiskurs Augustin Güntzers zu rekonstruieren, die mannigfachen Intertextualitäten der Autobiografie und die Lektüren des Autors zu ergründen. Der immense Aufwand hatte einen guten Grund: Augustin Güntzers spannendes Selbstzeugnis ist eines der ältesten deutschsprachigen Handwerkerselbstzeugnisse überhaupt. Augustin Güntzer war ein sozialer Absteiger, er endete in den 1650er Jahren verarmt als Hausierer und Glaubensflüchtling vor den Toren Basels in der Alten Eidgenossenschaft. Güntzer war auch ein sozialer Aussenseiter, denn als strenggläubiger Calvinist mied er die „Gastereyen“ (Gastmähler) der Colmarer Zünfter und verachtete die allseits beliebten Wirtshäuser als „Sauffheuser“. Auch manche andere AutorInnen popularer Selbstzeugnisse, wie sie mir in späteren Jahren begegneten, waren gesellschaftliche AussenseiterInnen, auch soziale AbsteigerInnen. Nicht zuletzt schreibend und lesend verarbeiteten sie ihr bisweilen tragisch anmutendes, abwärtsorientiertes Schicksal: Im Leben gescheitert, im Schreiben ohne eigentliches Lesepublikum erfolgreich, könnte man, natürlich sehr verkürzt, behaupten.

Meine nächste wissenschaftliche Reise führte mich wiederum ins schöne, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder französische Elsass, wiederum in die alte Reichsstadt Colmar. Dort haben im späteren 17. Jahrhundert zwei eng miteinander verwandte Schuhmacher, Vater und Sohn Mathias Lauberer, ein „Hausbuch“ geführt und darin auch Rezepte oder eine prinzipielle, mutige Abrechnung mit dem Krieg niedergeschrieben. Die wissenschaftliche Edition erschien in der Basler Reihe „Selbst-Konstruktion“ (Schwabe Verlag), die von den Professoren Kaspar von Greyerz und Alfred Messerli herausgegeben wurde.

Ich begann nun, mehr oder weniger systematisch in Antiquariaten und im Internet nach popularen schweizerischen Selbstzeugnissen Ausschau zu halten, und wurde oft genug fündig. Allerdings beschränkte ich mich auf gedruckte Texte, so dass Tagebücher und Briefe in meiner Sammlung kaum vorkommen. Der vor einigen Jahren verstorbene Zürcher Volkskundeprofessor Paul Hugger sammelte hingegen Manuskripte sowie Briefe und stellte auch Editionen bereit (Reihe „Das volkskundliche Taschenbuch,“ Limmat Verlag). Ich beschränkte meine Sammlertätigkeit indessen nicht auf die Frühe Neuzeit, wohl aber auf die Schweiz und auf angrenzende Regionen (zum Beispiel Schwarzwald, Schwaben, Tirol, Vorarlberg, Bayern, Elsass), um vergleichend arbeiten zu können. Ich stiess auf eine Schatzkammer popularer Kultur, auf Kinderspiele und angeeignete Sportarten wie Strassenfussball oder auf „Militärlis“, auf oftmals bittere Schulerfahrungen, auf den Umgang mit Krieg oder mit der verheerenden Spanischen Grippe von 1918/19.

Manche Texte erschienen im Selbstverlag und waren lediglich für die Zirkulation innerhalb der Familie oder des Freundeskreises bestimmt. Wie sie den Weg in Antiquariate oder gar ins „Brockenhaus“ fanden, ist ungewiss. Die mitunter schmalen Büchlein, darunter wie gesagt viel „graue Literatur“, waren meistens wohlfeil, denn es existiert noch kein spezifischer Sammlermarkt. Arbeitertexte von Parteigenossen (SP, KPS, PdA) oder Gewerkschaftsfunktionären waren auch darunter, aber deutlich weniger als eigentlich erwartet. Es dominiert vielmehr der „Mittelstand“, Handwerker, Grossbauern, Primarlehrer, Angestellte, kleine Beamte. Aber auch Texte von „ganz unten“ stellten sich ein und sind sogar überrepräsentiert: Ehemalige schweizerische „Verding“- und Heimkinder, die der Staat oft gegen ihren Willen von ihren Eltern trennte und zu harter, oftmals mit Schlägen verbundener Arbeit auf Bauernhöfen anhielt, berichteten über ihre verpfuschte Kindheit und Jugend. Hausiererinnen und Hausierer wie der greise Gregorius Aemisegger (1813-1911) aus dem voralpinen ostschweizerischen Toggenburg erzählten über Strategien, Kundinnen und Kunden zu werben. Und auch ehemalige schweizerische Fremdenlegionäre in französischen Diensten oder sogar mit ihrem Schicksal hadernde (männliche) Sträflinge meldeten sich zu Wort, ganz zu schweigen von ehemaligen Suchtkranken oder an psychischen Krankheiten Leidenden. Hier wird Lebensgeschichte zum „Appell“ (Klaus Bergmann), zum Versuch, ein gewisses Mass an Mitgefühl und Sympathie im „autobiographischen Pakt“ (Philippe Lejeune) zu generieren, Respektabilität zu erzeugen, vom Rand aus in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen. Das Handwerk ist stark repräsentiert, körperlich stark fordernde Berufe wie Färber, Gärtner, Maurer, Schuhmacher oder auch Serviertochter, Magd, Wirtin und Wirt kommen in der Sammlung vor.

Meine Sammlung an Selbstzeugnissen sowie der einschlägigen Forschungsliteratur (James S. Amelang, Bernd-Jürgen Warneken, Margarethe Münchow, Klaus Bergmann, Sigrid Wadauer, Rainer Elkar, Alfred Messerli, Martyn Lyons, Andrea Dörfer etc.) wuchs mittlerweile auf weit über 700 Titel an. Aus Platzgründen beschloss ich daher gegen Ende des Jahres 2017, diese wertvolle und für die Schweiz einmalige Sammlung dem an Literatur „von unten“ interessierten Schweizerischen Sozialarchiv zu schenken, wo sie in besten Händen und ausleihbar vorliegt. Ich wünsche mir natürlich, dass namentlich junge Forschende Freude an der Lektüre dieser Texte gewinnen und sie in ihre Qualifikationsarbeiten einfliessen lassen, denn eine empirisch ergiebige „Erfahrungsgeschichte“ (Andreas Holzhem) „von unten“ ist ohne populare Selbstzeugnisse oder die aufwändige Methode der Oral History kaum zu bewerkstelligen.

> Die vollständige Titelliste kann im NEBIS-Katalog mit dem Code E19Braen aufgerufen werden.

Frauen-Jet-Gruppe, Veranstaltung «Liebt Trudi Erwin?», mit Panzerknackerballett im Münsterhof, 3.9.1975 (SozArch F 5130-Dig-720-001)
Frauen-Jet-Gruppe, Veranstaltung «Liebt Trudi Erwin?», mit Panzerknackerballett im Münsterhof, 3.9.1975 (SozArch F 5130-Dig-720-001)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Bice Curiger, Stefan Zweifel (Hrsg.): Ausbruch & Rausch. Frauen Kunst Punk 1975 – 1980. Zürich, 2020

1975 und 1980 fanden in der Städtischen Galerie zum Strauhof zwei Kulturexperimente statt: die Ausstellungen «Frauen sehen Frauen» und «Saus & Braus». Beide Ausstellungen fanden enormen Zulauf und wurden in der Presse breit diskutiert.
Die 1975 gezeigte Schau «Frauen sehen Frauen» wurde anlässlich des UNO-Jahres der Frau von einem feministischen Kollektiv konzipiert. Eine besondere Attraktion der Ausstellung war das feministische «Panzerknackerballett», welches noch bis 1976 aufgeführt wurde. «Saus & Braus, Stadtkunst» markierte dann 1980 den Aufbruch in bewegte und von Unruhen geprägte Jahre.
Im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Ausstellung im Strauhof «Ausbruch & Rausch: Zürich 1975 – 1980. Frauen Kunst Punk» erscheint auch das Buch als umfangreiche Retrospektive auf diese zwei Schauen, die mit zahlreichen Gesprächs-Transkripten, Essays und umfassendem Dokumentations-Material angereichert ist, darunter auch Bilder, die sich heute im Sozialarchiv befinden.

> Im Strauhof läuft die Ausstellung «Ausbruch & Rausch: Zürich 1975–1980. Frauen Kunst Punk» noch bis zum 4. Oktober.

Peter-Paul Bänziger: Die Moderne als Erlebnis. Eine Geschichte der Konsum- und Arbeitsgesellschaft, 1840 – 1940. Göttingen, 2020

In den Jahrzehnten um 1900 erfuhr der Alltag grosser Bevölkerungsteile tiefgreifende Veränderungen. Sie betrafen die Arbeit genauso wie den Konsum. Anhand von rund hundert Tagebüchern aus dem deutschsprachigen Raum untersucht Peter-Paul Bänziger, wie die Menschen ihren Alltag wahrnahmen. In ihren Augen sollte das Leben vor allem Spass machen und Abwechslung bringen – in der Freizeit genauso wie am Arbeitsplatz. Zusammen mit Kolleg*innen wollte man eine gute Zeit verbringen.
Nur noch eine untergeordnete Rolle spielte hingegen der bürgerliche Wert einer allgemeinen Arbeitsamkeit, von dem so viele Tagebücher des 19. Jahrhunderts geprägt waren. In der Freizeit stand die Intensität des Moments im Zentrum. Man suchte angenehme Unterhaltungen, keine wertvollen Kunstgenüsse.
Bänziger gewährt in seiner Habilitationsschrift Einblicke in das Denken, Handeln und Fühlen von Menschen aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und rückt so die «kleinen» historischen Akteur*innen ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

> Am Freitag, 13. November 2020, findet im Sozialarchiv eine Lesung mit Peter-Paul Bänziger statt.

Jodi Kantor, Megan Twohey: #MeToo. Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung. Stuttgart, 2020

Mit ihren Enthüllungen zum Fall Harvey Weinstein brachten die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey von der «New York Times» im Herbst 2017 eine Bewegung ins Rollen, welche die Welt nachhaltig veränderte. Monatelang recherchierten die beiden, um die Wahrheit über den Filmproduzenten und Hollywood-Magnaten Harvey Weinstein herauszufinden. Sie führten Interviews mit über achtzig Frauen und konnten beweisen, was bereits in Form von Gerüchten kursierte. Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen Weinsteins berichteten von Schweigegeldzahlungen und Geheimhaltungsvereinbarungen, welche die über Jahrzehnte erfolgten Übergriffe systematisch verschleierten. Sexueller Missbrauch und Belästigungen waren im System Weinstein an der Tagesordnung.
Das Hashtag #MeToo, welches auf einen Slogan der amerikanischen Bürgerrechts- und Menschenrechtsaktivistin Tarana Burke aus dem Jahr 2005 zurückgeht, brachte 2017 eine bis heute anhaltende Debatte ins Rollen. Das Buch von Kantor und Twohey, welches nun in deutscher Übersetzung vorliegt, schildert das Aufdecken von Weinsteins Machenschaften, erzählt aber auch, wie daraus eine weltweite Bewegung entstand.

24.9.2020, 18.30 Uhr: Spuren der Arbeit

Stefan Kellers breit angelegte historische Reportage zeigt 200 Jahre Geschichte der Arbeit. Die am Beispiel des Kantons Thurgau dargelegte Entwicklung hat sich so ähnlich an vielen Orten ereignet. Die globalhistorischen Zusammenhänge werden erst in der Betrachtung des einzelnen Geschehens richtig sichtbar: Man erfährt von Stickern und Nachstickerinnen, von Eisengiessern, Knechten und Mägden, von Kinderarbeit, Hungersnot und dem Glück von Textilkaufleuten am anderen Ende der Welt, von jungen Italienerinnen, die in wilde Streiks treten und von der Feuerwehr abgespritzt werden. Erfolgsgeschichten, Rückschläge, Wirtschaftskrisen, revolutionäre Umtriebe, soziale Umwälzungen – ein weit aufgespanntes Panorama, konsequent von den Menschen und ihren Biografien her erzählt.

Buchpräsentation mit dem Autor Stefan Keller

Donnerstag, 24.9.2020, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum

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