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Heinz Nigg: „Video: Ich sehe!“ – Lesetour „Mein Zürich“

Lesungen, Gespräche und Präsentationen an Orten in Zürich, die für den Autor prägend waren (31.5. – 6.10.2021)

In „Video: Ich sehe!“ erzählt der Schweizer Ethnologe, Aktivist und Kulturvermittler Heinz Nigg von seinem Werdegang, seinen Entdeckungsreisen in die Welt der Kunst und wie er Pionier und Mitstreiter der alternativen Videobewegung wurde. Es ist eine Collage von Erinnerungen, Briefstellen, Tagebucheinträgen, ethnografischen Feldnotizen und Auszügen aus Zeitungsartikeln – ergänzt durch s/w-Fotos und Dokumente.

Die Lesetour folgt den Buchkapiteln von „Video: Ich sehe!“:

„Aufbruch“
Montag, 31. Mai, 18 Uhr
Café Odeon, Bellevue

„Heranwachsen“
Montag, 7. Juni, 18 Uhr
Haltestelle Hegibachplatz

„Amerika“
Montag, 14. Juni, 18 Uhr
Haltestelle Balgrist

„Wieder in Zürich“
Montag, 21. Juni, 18 Uhr
Obere Mensa der Universität

„Reisetagebuch New York“
Montag, 28. Juni, 18 Uhr
Haltestelle Schwert

„Ankommen in London“
Montag, 5. Juli, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Fotowerkstatt in Waterloo“
Montag, 30. August, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Video in Notting Hill“
Montag, 6. September, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Feldnotizen“
Mittwoch, 15. September, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv

„Jugendunruhen in der Schweiz“
Mittwoch, 22. September, 18 Uhr
Opernhaus

„Video für alle“
Mittwoch, 29. September, 18 Uhr
Limmatplatz

„Familie und Nachbarschaft“
Mittwoch, 6. Oktober, 18 Uhr
Restaurant Nordbrücke, Wipkingen

Flyer zur Lesetour herunterladen (PDF, 999 KB)

„Video: Ich sehe!“ (ISBN: 978-3-753404-50-9, 244 Seiten, CHF 20.-) ist erhältlich in folgenden Buchhandlungen: Volkshaus , Kosmos, sec 52, Hirslanden, Kapitel 10, Orell Füssli oder via: nigg@av-produktionen.ch.

Auf av-produktionen.ch wird jeweils bekannt gegeben, ob der Anlass stattfindet oder wetterbedingt verschoben wird. Die Anzahl der Teilnehmenden ist Covid-bedingt auf 15 Personen beschränkt. Anmeldung an nigg@av-produktionen.ch.

Vor 115 Jahren: Die Gründung des Sozialarchivs im „Kosakensommer“

Am 27. Juni 1906 wurde im Zürcher Zunfthaus zur Waag die «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz», das heutige Sozialarchiv, gegründet. Am selben Abend ereigneten sich wenige Kilometer entfernt hitzige Szenen zwischen Streikenden und Streikbrechern vor der Fabrik der Automobilwerke Arbenz in Albisrieden. Wie hingen die beiden Ereignisse zusammen?

Streiks und Unruhen im In- und Ausland

Die Unruhen in Albisrieden waren Teil einer Streikwelle, die in den Jahren 1904 bis 1907 ganz Europa erfasste und auch in der Schweiz heftige Ausläufer zeitigte: Hatte es in der Stadt Zürich 1902 und 1903 je 15 Streiks gegeben, so waren es 1904 28 und 1905 38, 1906 aber deren 50. Schweizweit gab es in den Spitzenjahren 1906 265 Streiks mit 25’329 Beteiligten und 1907 sogar 282 Streiks mit 52’777 Beteiligten, etwa viermal so viele wie in den vorangegangenen Jahren. Auch andere Länder verzeichneten Spitzenwerte, die weit über dem Durchschnitt der Vorjahre lagen: 1906 ereigneten sich im Deutschen Reich 3’626 Streiks, in Frankreich 1’309, in der österreichischen Reichshälfte der Donaumonarchie 1’083 und in England 486. Diese Streikwelle erfolgte auf dem Höhepunkt eines Konjunkturzyklus. Die Industrie war seit 1904 rasch gewachsen, die Reallöhne stiegen aber weit weniger stark. Zugleich nahm etwa in der Stadt Zürich die Wohnungsnot zu. Hinzu kamen politische Massenstreiks im Ausland: Während der durch den russisch-japanischen Krieg ausgelösten revolutionären Unruhen in Russland von 1905/06 gab es zahlreiche Arbeitsniederlegungen, die Ende 1905 in einen Generalstreik und den Moskauer Aufstand mündeten. In der Donaumonarchie weiteten sich Bummelstreiks der böhmischen Eisenbahner im November 1905 zu grossen Kundgebungen in Wien und Prag aus, an denen Hunderttausende das allgemeine Männerwahlrecht forderten, das dann in der österreichischen Reichshälfte in der Tat kurz darauf eingeführt wurde. Wie in anderen westeuropäischen Staaten nahm man in der Schweiz an den Vorgängen in Russland und Österreich lebhaften Anteil. In der Arbeiterbewegung intensivierten sich die Diskussionen um den politischen Massenstreik. Daran nahm auch Robert Grimm teil, der dann 1918 die zentrale Figur im schweizerischen Landesstreik wurde.

Die Ereignisse von 1906 in Zürich sollten fünf Jahre später von Max Tobler, dem Präsidenten der Zürcher Arbeiterunion, als «Kosakensommer» bezeichnet werden. Bereits im Februar traten die Gipser und Parkettleger in den Ausstand, im April die Maler und Maurer, im Mai die Bauhandlanger, Steinhauer, Gipser und Zimmerleute. Am 15. Juni begannen 76 Metallarbeiter der Automobilwerke Arbenz in der damals noch selbständigen Vorortsgemeinde Albisrieden zu streiken. Sie forderten die Wiedereinstellung eines Arbeiters, dem wegen seiner Funktion als Werkstattdelegierter gekündigt worden war, die Entlassung zweier Werkmeister sowie 10 Prozent mehr Lohn. Tags darauf entliess der junge Firmeninhaber die gesamte Belegschaft und stellte Streikbrecher ein. Hinter Arbenz stand der kurz zuvor gegründete Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinenindustrieller (ASM), die Streikenden, die zunächst auf eigene Faust gehandelt hatten, wurden von der Metallarbeitergewerkschaft unterstützt. Nach einigen Tagen begann der Arbeitskampf zu eskalieren: Am 27. Juni demonstrierten etwa 500 Arbeiter vor der Fabrik und verfolgten einzelne Streikbrecher. Fünf Tage darauf trafen Steinwürfe das Auto des Firmeninhabers, was zwei Verhaftungen nach sich zog. Daraufhin versetzte die Kantonsregierung militärische Einheiten in Alarmbereitschaft. Wenig später wurden in der Nähe der Kaserne Zürich zahlreiche antimilitaristische Plakate angebracht. Am 5. Juli traten auch die Maurer erneut in den Ausstand. Am folgenden Abend fanden Delegiertenversammlungen der Arbeiterorganisationen statt, die für den Fall eines Truppenaufgebots den Generalstreik androhten. Am 10. Juli legte das neugeschaffene städtische Einigungsamt einen Vergleichsvorschlag für den Bau vor, den die Arbeitgeber jedoch ablehnten.

Am Abend des 16. Juli eskalierte in Albisrieden die Gewalt. Zahlreiche Streikende waren vor die Arbenz-Fabrik gezogen, um die Streikbrecher abzupassen. Als das mit drei Kantonspolizisten bestückte Automobil des Direktors vorfuhr, legten Streikende eine Zementröhre über die Strasse. Inzwischen hatten sich auch zahlreiche Albisrieder auf dem Platz versammelt, die von den Streikenden mit Begriffen wie «Bauernlümmel» beschimpft wurden. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, aus der Nachbargemeinde Altstetten sei ein Zug von mehreren hundert Arbeitern im Anmarsch. Die Albisrieder Bauern statteten sich daraufhin mit Äxten, Knütteln, Mistgabeln, Dreschflegeln, Sensen, Hacken und Peitschen aus. In dieser Situation, als sich die beiden Gruppen feindselig gegenüberstanden, traf eine Einheit der Kantonspolizei ein und führte die Arbeiter nach Zürich ab. Nachdem Polizei und Streikende verschwunden waren, verprügelten die Bauern einen Heizer und versuchten auch eines Gastwirts mit sozialdemokratischen Sympathien habhaft zu werden, der sich aber in seinem Weinkeller versteckte. Als auch noch eine Gruppe von Schlossern und Mechanikern aus Altstetten, die den Streikenden zu Hilfe eilen wollte, an der Gemeindegrenze auftauchte, kam es zu einer Massenschlägerei, bei der etwa 30 Revolverschüsse abgegeben wurden. Schliesslich erschien ein zweites Mal die Polizei und nahm 32 Arbeiter fest.

Zwei Tage später erliess der Regierungsrat ein Verbot des Streikpostenstehens. Regelmässig kam es nun auch im angrenzenden Stadtquartier Aussersihl zu Menschenansammlungen und Attacken auf Streikbrecher. Am 17. Juli zertrümmerte eine Menge, in der sich auch Frauen und Jugendliche befanden, einen Tramwagen. Zwei Tage darauf bot der Regierungsrat 2’500 Mann Infanterie und 111 Kavalleristen aus der Zürcher Landschaft auf und versetzte ein weiteres Bataillon in Alarmbereitschaft. Noch am selben Tag kam es zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Kavallerie, die mit gezogenem Säbel Arbeiter durch die Strassen trieb. Es gab zahlreiche Verletzte. Trotzdem lehnten die Delegiertenversammlungen der Arbeiterunion und der Gewerkschaften mit deutlichem Mehr einen Generalstreik ab. Tags darauf wurden mehrere Personen wegen der Verbreitung antimilitaristischer Pamphlete verhaftet, darunter zwei sozialdemokratische Kantonsräte. Auch kam es erneut zu Zusammenstössen zwischen Militär und Demonstranten. Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, wurden die Truppen am 31. Juli entlassen.

Am 3. August lancierte der rechts von den beiden grossen bürgerlichen Parteien der Demokraten und Freisinnigen stehende «Bürgerverband» eine Volksinitiative für eine bedeutende Verschärfung des kantonalen Strafgesetzbuches bezüglich Streikvergehen. In zwei Monaten wurden dafür 18’776 Unterschriften gesammelt. Anderthalb Jahre später sollte das Zürcher Stimmvolk einen gemässigteren Gegenvorschlag des Kantonsrates gutheissen. Nachdem der Zürcher Stadtrat eine Demonstration der Arbeiterunion verboten hatte, führte diese am 7. August einen kollektiven «Spaziergang» durch, tags darauf «spazierten» die Mitglieder des Holzarbeiterverbandes. Daraufhin erliess der Stadtrat ein Verbot für weitere «Spaziergänge», und der Regierungsrat bot die Kavallerieschwadron 18 auf. Mitte August wurde die Ausweisung von 30 Ausländern verfügt, darunter des seit 13 Jahren in Zürich lebenden «Volksrecht»-Redaktors Emil Hauth. Gleichzeitig erliess der Regierungsrat ein generelles Demonstrationsverbot im Zusammenhang mit den Streiks. Die Arbeiterpresse zog nun allenthalben Parallelen zum Vorgehen des zaristischen Sicherheitsapparates bei den Aufständen von 1905/06.

Am 20. August wurde der Maurerstreik abgebrochen. Vier Tage darauf fand ein Militärgerichtsprozess gegen sechs Personen statt, die der Verbreitung antimilitaristischer Propaganda beschuldigt wurden. Das Gericht verurteilte den sozialdemokratischen Kantonsrat Johannes Sigg wegen «vollendeter Meuterei» zu acht Monaten Gefängnis. Die übrigen Angeklagten, darunter auch eine Frau, wurden freigesprochen. Vom 27. August bis 17. September debattierte der Kantonsrat über den Regierungsbericht zu den Ereignissen, bei denen 165 Personen festgenommen worden waren, sowie über mehrere Interpellationen. Die bürgerliche Ratsmehrheit hiess die Truppenaufgebote, deren Kosten sich auf 75’000 Franken beliefen, sowie die übrigen Massnahmen der Regierung gut. Herman Greulich, der «Vater» der Zürcher Arbeiterbewegung, rief dagegen aus: «Wir haben keine Niederlage erlitten. […] Wir wollen keine Revolution, aber das kann ich Ihnen sagen, wenn Sie unsere jahrzehntelangen Bestrebungen zur Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage noch weiter mit Polizei und Militär unterdrücken, so wird die Zeit nicht mehr ferne sein, wo wir in Zürich die Mehrheit haben.» Tatsächlich entstanden in den folgenden Monaten zahlreiche neue sozialdemokratische Parteisektionen und die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften stiegen massiv an; bis zur «roten» Mehrheit in Stadt- und Gemeinderat sollte es aber noch 22 Jahre dauern.

Schweizweit verzeichnete der Schweizerische Gewerkschaftsbund zwischen 1905 und 1907 eine Verdoppelung seiner Mitgliederzahlen. Auf der anderen Seite gründeten die Unternehmer, die seit dem späten 19. Jahrhundert in verschiedenen Wirtschaftsverbänden zusammengeschlossen waren, von 1905 bis 1907 in den unterschiedlichen Branchen eigentliche Arbeitgeberverbände, die sich spezifisch mit Arbeitsmarktkonflikten befassten und deren Mitgliederzahlen ebenfalls rasch anstiegen. 1908 wurde dann der Zentralverband schweizerischer Arbeitgeberorganisationen aus der Taufe gehoben. Auch auf der politischen Ebene verhärteten sich die Fronten: Nachdem die SP 1904 ein stärker marxistisch geprägtes Parteiprogramm beschlossen hatte, verzichteten die Freisinnigen in den Nationalratswahlen von 1905 auf den bislang zuweilen praktizierten «freiwilligen Proporz». Unter den Bedingungen des Mehrheitswahlrechts hatte dies zur Folge, dass die SP trotz Stimmenzuwachs auf knapp 15 Prozent fünf ihrer bisherigen sieben Mandate verlor, darunter sämtliche Sitze im Kanton Zürich (vgl. Sozialarchiv Info 4/2019).

«Auf dem Boden strenger Neutralität»: Gründung der «Zentralstelle für Soziale Literatur» als überparteiliches Forum

Angesichts dieser gesellschaftlichen Konflikte, zunehmender Klassenkampfrhetorik und politischer Polarisierung war die Gründung einer Institution zum Studium sozialer, wirtschaftlicher und politischer Themen und Probleme mit überparteilicher Trägerschaft umso bemerkenswerter. Sie hatte einen ähnlichen Hintergrund wie zeitgenössische sozialreformerische Bestrebungen auf nationaler und internationaler Ebene, bei denen sich teilweise reformbürgerliche und kirchliche Kräfte, der reformistische Flügel der Arbeiterbewegung und für sozialpolitische Fragen sensibilisierte Nationalökonomen zusammentaten. So fand 1897 in Zürich auf Anregung des schweizerischen Arbeiterbundes eine internationale Konferenz mit Delegierten gemässigt sozialistischer Arbeiterverbände, Vertretern der katholischen Sozialreform und reformbürgerlichen Ökonomen statt, die ein umfassendes Arbeiterschutzprogramm postulierte. Drei Jahre später entstanden die Internationale Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz (IALL) und die Schweizerische Vereinigung zur Förderung des internationalen Arbeiterschutzes. Auf Initiative der IALL beschloss 1906 eine diplomatische Konferenz in Bern Abkommen zu Verboten der industriellen Nachtarbeit für Frauen sowie der Verwendung von weissem Phosphor in der Zündholzindustrie (vgl. Sozialarchiv Info 2/2019).

Die massgebliche Gründerfigur der «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz», der reformierte Pfarrer von Aussersihl und spätere sozialdemokratische Stadt- und Nationalrat Paul Pflüger, liess sich vom «Musée social» inspirieren, einem 1894 entstandenen sozialwissenschaftlichen Think-Tank in Paris mit Museum, Bibliothek und Forschungszentrum. Eine ähnliche Institution sollte auch in der Schweiz Wissen im Bereich der «sozialen Frage» im Dienste reformerischen Handelns bereitstellen und damit zum gesellschaftlichen Ausgleich beitragen. Im Vorfeld der Gründung besuchte der nachmalige erste Vorsteher Gustav Büscher ähnliche Institutionen im Ausland. Pflüger gab dann an der Gründungsversammlung seiner Hoffnung Ausdruck, «dass ein solches Institut nach dem Vorbilde des Musée social auf dem Boden strenger Neutralität einem guten Gedeihen entgegengehen möge».

Im Gründungsvorstand und der Bibliothekskommission der Zentralstelle sassen neben Pflüger je ein Vertreter der Stadt Zürich, der Kantons- und Stadtbibliothek, der «Neuen Zürcher Zeitung», der Sozialdemokratischen Partei und der katholischen «Neuen Zürcher Nachrichten» sowie drei Ökonomieprofessoren der Universitäten Zürich und Bern. Zu den Kollektivmitgliedern gehörten in der Gründungsphase unter anderem der Schweizerische Handels- und Industrieverein («Vorort»), der Schweizerische Gewerkschaftsbund, der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein, der Schweizerische Katholische Volksverein, verschiedene sozialdemokratische und christlich-soziale Gewerkschaften, die Arbeitgeberverbände der Maschinen- und Textilindustrie, die Zürcher Handelskammer, der Kaufmännische Verein Zürich, der Zürcher Juristen-Verein, verschiedene Arbeiterinnen- und Arbeitervereine, der Lebensmittelverein Zürich, der Naturheilverein Zürich sowie verschiedene Kantons-, Stadt- und Gemeinderegierungen. Einzelmitglieder waren unter anderem zahlreiche Stadt-, Stände-, National- und Regierungsräte unterschiedlicher Parteien, der Bischof von St. Gallen, der Maschinenindustrielle Eduard Sulzer-Ziegler, der eidgenössische Arbeitersekretär Herman Greulich, ein Bankier, der zum Anarchismus neigende Aussersihler Arbeiterarzt Fritz Brupbacher und wenige Persönlichkeiten aus der Frauenstimmrechtsbewegung.

Aufbauend auf Pflügers privater Literatursammlung erwarb die neue Institution, die 1907 den Betrieb in einer Zweizimmerwohnung am Seilergraben aufnahm, zunächst primär Bücher und Kleinschriften zu gesellschaftlichen und politischen Themen, die in den bestehenden Zürcher Bibliotheken unterrepräsentiert waren. Dazu gehörte auch «graue» Literatur, Traktate und Flugblätter, die nicht über Verlage und den Buchhandel verbreitet und von den Bibliotheken kaum gesammelt wurden. Das rasche Wachstum der Bestände und der nationalen und internationalen Benutzerschaft widerspiegelte die Intensität der politischen und gesellschaftlichen Debatten der Zeit und machte bereits 1919 einen ersten Umzug (ins Erdgeschoss des ehemaligen Chors der Predigerkirche) nötig (vgl. Sozialarchiv Info 1/2016). Nicht abheben konnte dagegen ein verwandtes Projekt Pflügers, das «Schweizerische Sozialmuseum». Die 1916 gegründete, mit dem Statistischen Amt der Stadt Zürich verbundene Institution, die Objekte und Schautafeln zu wirtschaftlichen, demografischen, finanzwissenschaftlichen, sozial- und gesundheitspolitischen Themen präsentierte und die Verbreitung sozialwissenschaftlicher Kenntnisse in breiteren Bevölkerungskreisen bezweckte, war zunächst im Helmhaus untergebracht, dann ab 1928 im Beckenhof, vermochte jedoch nie ein grösseres Publikumsinteresse zu wecken.

Umstrittene Sozialwissenschaften an der Universität

Brachte die neue «Zentralstelle für Soziale Literatur der Schweiz» Interessengruppen und zivilgesellschaftliche Akteure aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kirchen und Wissenschaft zusammen, so waren an den Deutschschweizer Hochschulen die Gesellschaftswissenschaften zu jenem Zeitpunkt erst schwach vertreten. Es waren vor allem einzelne Nationalökonomen wie die in der Zentralstelle engagierten sozialliberalen Zürcher Professoren Heinrich Herkner und Heinrich Sieveking und der sozialdemokratische Berner Professor Naum Reichesberg, die sich mit der «sozialen Frage», Möglichkeiten der «sozialen Reform» sowie der sich herausbildenden Soziologie auseinandersetzten. Daneben befassten sich mit der «sozialen Frage» aber auch Mediziner, Psychiater und Naturwissenschaftler, die der um 1900 rasch aufkommenden Eugenik anhingen und als problematisch betrachtete soziale Phänomene wie Alkoholismus, Prostitution oder Kriminalität auf dem Weg des Eingriffs in die Vererbung bekämpfen zu können glaubten. Auch Paul Pflüger war als Vorsteher das Vormundschaftswesens im Zürcher Stadtrat solchen Ideen nicht abgeneigt. Diese Richtung, die die sozialen Probleme vor dem Hintergrund eines biologistischen Weltbildes angehen wollte, besass vor ihrer Diskreditierung im Nationalsozialismus auch in der Schweiz eine breite gesellschaftliche und politische Akzeptanz. An der Universität Zürich wurde sie ab 1921/22 von der «Julius-Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygiene» gepusht, der bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit Abstand finanzkräftigsten Institution der Forschungsförderung, die universitäre Projekte unterstützte.

Dagegen hatte die in anderen Ländern und auch an den Universitäten der Romandie zeitgleich aufkommende Soziologie in der Deutschschweiz einen schweren Stand. An der Universität Zürich gab es zwar im späten 19. Jahrhundert erste Impulse von Gustav Vogt, der zunächst Direktor des Eidgenössischen Statistischen Amtes gewesen war, seit 1870 den Lehrstuhl für demokratisches Staatsrecht innehatte und zugleich von 1878 bis 1886 als Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» fungierte. Vogt machte sich 1897 in einem Gutachten für die Institutionalisierung der Soziologie stark und hielt dann, nachdem er damit nicht durchgedrungen war, in den Folgejahren selber gelegentlich soziologische Vorlesungen. Danach bot ab 1903 der Philosophie-Privatdozent Abroteles Eleutheropulos regelmässig sozialwissenschaftliche Lehrveranstaltungen an. 1904 publizierte er auch ein 196-seitiges Einführungswerk zur Soziologie, das allerdings die «soziale Frage» nur auf wenigen Seiten ansprach. Seine Bemühungen um Aufwertung des Faches Soziologie und Einrichtung eines Lehrstuhls blieben über Jahrzehnte vergeblich. 1929 wechselte er deshalb an die Universität Saloniki, verlor 1940 aber seine Professur aus politischen Gründen und verbrachte seinen Lebensabend als politisch Verfolgter in bitterer Armut.

Ab 1898 bot an der Universität Zürich auch der aus Odessa stammende Joseph Goldstein als Privatdozent für Statistik und Wirtschaftspolitik Lehrveranstaltungen mit soziologischen, sozialstatistischen, kriminologischen und sozialpolitischen Inhalten an. Just während der Streikwelle nach der Jahrhundertwende geriet er aber deswegen in einen Konflikt mit den Bildungsbehörden. Stein des Anstosses war eine Exkursion Goldsteins mit rund 40 Studierenden nach Winterthur zur Besichtigung der Fabriken der Gebrüder Sulzer im Juni 1904. Ende Oktober erhielt Goldstein einen Brief des Erziehungsdirektors, der ihn aufforderte, zu Klagen der Gebrüder Sulzer unverzüglich Stellung zu nehmen, dass er den Fabrikbesuch zu Zwecken «missbraucht» habe, «die ausserhalb der Bestimmung unserer staatlichen Lehranstalten liegen und die sich nicht einmal mit der Ehre des gewöhnlichen Mannes vertragen würden». Erziehungsdirektor Albert Locher war zuvor von Mitinhaber Eduard Sulzer-Ziegler, freisinnigem Nationalrat und wichtiger Figur in den Verbänden der Maschinenindustriellen, darüber informiert worden, Goldstein habe sich beim Fabrikbesuch «auf eigene Faust herumgetrieben», um die Belegschaft über die Arbeitsverhältnisse auszuhorchen. Weiter kritisierte Sulzer-Ziegler auch, «dass die Besucher bei uns in der Mehrheit aus russischen Studentinnen bestanden». Zwar habe Goldstein angekündigt, dass der Exkursionsgruppe auch Frauen angehören würden; «hätten wir aber gewusst, dass es die Mehrheit sei, hätten wir den Besuch, als nicht ernsthaft, überhaupt nicht zugelassen».

In seiner Antwort wies Goldstein Sulzers Beschuldigungen empört zurück und betonte, dass er beim Fabrikbesuch kaum ein paar Worte mit Arbeitern gewechselt habe und die Exkursionsgruppe lediglich zu einem Drittel weiblich gewesen sei. Auch beantragte er die Einleitung einer öffentlichen Untersuchung über die Angelegenheit. In der Folge wurden in Anwesenheit von Goldstein und Sulzer-Ziegler unter der Leitung des Erziehungsdirektors mehrere Exkursionsteilnehmer einvernommen. Gleich zu Beginn der ersten Sitzung fuhr Sulzer-Ziegler seinen Kontrahenten an, er wisse, dass dieser Sozialist sei, und die Sozialisten hätten ihm gegenüber «wiederholt die grössten Gemeinheiten begangen». Goldstein stellte demgegenüber klar, dass er keiner Partei angehöre. Nachdem die Befragungen der Studenten keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten oder parteiisches Benehmen Goldsteins geliefert und sich Sulzer-Ziegler mündlich entschuldigt hatte, verlangte Goldstein von Sulzer-Ziegler und Locher schriftliche Entschuldigungen und als Wiedergutmachung für seine durch die Affäre verursachte mehrwöchige Arbeitsunfähigkeit eine Spende Sulzer-Zieglers an verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen. Dies lehnten Locher und Sulzer-Ziegler ab.

Was als politisch motivierter Konflikt begonnen hatte, entwickelte sich nun zunehmend zu einem Ehrenhandel. Goldstein, der seine Ehre nicht wiederhergestellt fühlte, wandte sich an die Staatswissenschaftliche Fakultät, deren Dekan Emil Zürcher als Nationalrat Fraktionskollege von Sulzer-Ziegler und Locher war. Als die Fakultät beschloss, die Angelegenheit für abgeschlossen zu betrachten, richtete Goldstein schliesslich eine Beschwerdeschrift an den Kantonsrat, in der er schwere Vorwürfe gegen den Erziehungsdirektor erhob und die Lehrfreiheit in Gefahr sah. Die Presse berichtete nun ausführlich über den «Fall Goldstein». So enthüllten sozialdemokratische Blätter, die Affäre gehe auf die Denunziation durch einen Sohn des freisinnigen Nationalrats Eduard Bally zurück, der im Parlament zusammen mit Sulzer-Ziegler die Interessengruppe der Industriellen anführte. Die konservative «Freitagszeitung» meinte dagegen, Goldstein fehle als «Landesfremdem» zur Appellation an den Kantonsrat «jedes Recht», so dass dieser auf die «leidige und langweilige Geschichte» wohl nicht eintreten werde. Sogar in der Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie «Die Neue Zeit» erschien eine Rezension von Goldsteins Beschwerdeschrift durch den führenden marxistischen Theoretiker Karl Kautsky, welcher meinte, der «Fall Goldstein» beweise bloss, «dass das Protzentum und Philistertum in Zürich borniert genug ist, gegen Leute Misstrauen zu hegen, die in Breslau und München, ja selbst in Berlin als sichere Stützen des Staates betrachtet würden». Der Kantonsrat beschloss im «heissen» Juni 1906 mit 145 zu 60 Stimmen, auf Goldsteins Beschwerde nicht einzutreten. Dieser legte kurz darauf seine Privatdozentur nieder und übernahm eine Professur an der neu gegründeten Handelshochschule Moskau. Daraufhin sollte es noch sechs Jahrzehnte dauern, bis an der Universität Zürich 1966 nach Druck aus dem Kantonsrat endlich ein Lehrstuhl für Soziologie eingerichtet wurde. Dessen erster Inhaber Peter Heintz übernahm dann 1966 auch sofort das Präsidium des Schweizerischen Sozialarchivs, das er bis 1971 innehatte.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Archiv

  • Ar 2.20.5 Arbeiterunion Zürich: Vorstandsprotokolle 1905–1908
  • Ar 2.30.3 Arbeiterunion Zürich: Delegierten-Protokolle 1904–1907
  • Ar 22.60.1 Holzarbeiter-Verband Zürich: Protokoll der Sektions-Versammlung, 1904–1907
  • Ar 22.60.21 Holzarbeiter-Verband Zürich, Protokoll der Vorstands-Sitzung 1902–1907
  • Ar 42 Schweizerische Vereinigung für Sozialpolitik
  • Ar 101.20.2 Nachlass Fritz Brupbacher: Briefe 1904–1907
  • Ar 111 Nachlass Paul Pflüger
  • Hausarchiv des Schweizerischen Sozialarchivs VII/1 Historische Akten 1906–1940

Sachdokumentation

  • KS 000/30 Sozialwissenschaftliche Institutionen & Vereine: Frankreich
  • KS 000/33 Sozialwissenschaftliche Institutionen & Vereine: Schweiz
  • KS 335/79 Arbeiterunruhen & Streiks in der Schweiz
  • KS 335/79a Arbeiterunruhen & Streiks in der Schweiz
  • ZA 10.4 *1 Bibliotheken: Schweizerisches Sozialarchiv

Bibliothek

  • Bericht des Regierungsrates an den h. Kantonsrat betreffend die Streikunruhen in Zürich und Umgebung im Sommer 1906 (Vom 18. August 1906). o. O. u. J. [Zürich 1906], 331/256-16
  • Eleutheropulos, Abroteles: Soziologie. Jena 1904, 3075
  • Germann, Pascal: Laboratorien der Vererbung: Rassenforschung und Humangenetik in der Schweiz, 1900–1970. Göttingen 2016, 134822
  • Goldstein, J.[oseph]: Herr Regierungsrat Dr. A. Locher als Erziehungs-Direktor und die Lehrfreiheit an der Universität Zürich: Eine Beschwerde, dem hohen Kantonsrat des Kantons Zürich überreicht. Zürich 1906, 37/59-1
  • Grimm, Robert: Der politische Massenstreik. Basel 1906, 331/257-15
  • Grunenberg, Antonia (Hg.): Die Massenstreikdebatte. Frankfurt/M 1970, 42416
  • Häusler, Jacqueline: 100 Jahre soziales Wissen: Schweizerisches Sozialarchiv, 1906–2006 Zürich 2006, Gr 11277
  • Hirter, Hans: Die Streiks in der Schweiz in den Jahren 1880–1914: Quantitative Streikanalyse, in: ders. et al. (Hg.): Arbeiterschaft und Wirtschaft in der Schweiz 1880–1914: Soziale Lage, Organisation und Kämpfe von Arbeitern und Unternehmern, politische Organisationen und Sozialpolitik, Bd. II/2. Zürich 1988. S. 837-1008, Gr 5438: 2/2
  • Huonker, Thomas: Diagnose: «moralisch defekt»: Kastration, Sterilisation und Rassenhygiene im Dienst der Schweizer Sozialpolitik und Psychiatrie 1890–1970. Zürich 2003, 111709
  • Kautsky, Karl: Rezension zu: Dr. J. Goldstein, Dozent an der Universität Zürich, Herr Regierungsrat Dr. A. Locher als Erziehungsdirektor und die Lehrfreiheit an der Universität Zürich, in: Die Neue Zeit 24/2 (1905/06). S. 236, NN 154
  • Koller, Christian: «Die russische Revolution ist ein reines Kinderspiel gegenüber derjenigen in Albisrieden!»: Der Arbenzstreik von 1906 in mikro- und kulturhistorischer Perspektive, in: Historische Anthropologie 11 (2003). S. 370-396, D 5365
  • Koller, Christian: Streikkultur: Performanzen und Diskurse des Arbeitskampfes im schweizerisch-österreichischen Vergleich (1860–1950). Münster/Wien 2009, 121626
  • Koller, Christian: Bibliotheksgeschichte als histoire croisée: Das Schweizerische Sozialarchiv und das Phänomen des Exils, in: Ball, Rafael und Stefan Wiederkehr (Hg.): Vernetztes Wissen – Online – Die Bibliothek als Managementaufgabe. Berlin 2015. S. 365-392, 132218
  • Koller, Christian: Die Rückkehr der Kosaken: Ordnungsdiensteinsätze bei Streiks vor und im Ersten Weltkrieg und die Schweizer Arbeiterbewegung, in: Olsansky, Michael (Hg.): Am Rande des Sturms: Das Schweizer Militär im Ersten Weltkrieg. Baden 2018. S. 241-258, 141525
  • Lengwiler, Martin: Undiszipliniert und prägend: Die Sozialgeschichte in der schweizerischen Historiographie des 20. Jahrhunderts, in: Maeder, Pascal et al. (Hg.): Wozu noch Sozialgeschichte? Eine Disziplin im Umbruch: Festschrift für Josef Mooser zum 65. Geburtstag. Göttingen 2012. S. 57-87, 126748
  • Masé, Aline: Naum Reichesberg (1867–1928): Sozialwissenschaftler im Dienst der Arbeiterklasse. Zürich 2019, 142686
  • Platten, Fritz N. und Miroslav Tucek: Das Schweizerische Sozialarchiv. Zürich 1971, Hf 2935
  • Schaffner, Alfred: Wirtschaftslage, gewerkschaftliche Organisation, Streikhäufigkeit und ihre Beziehung zueinander: Eine Untersuchung am Beispiel der Stadt Zürich 1897–1915. Aarau 1977, 55987
  • Schweizerisches Sozialmuseum, in: Gewerkschaftliche Rundschau 20/4 (1928). S. 139, N 59
  • Steinemann, Eugen und Eduard Eichholzer: 50 Jahre Schweizerisches Sozialarchiv 1907–1957: Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen und zur Einweihung des neuen Sitzes des Schweizerischen Sozialarchivs in Zürich. Zürich 1958, Hf 2937
  • Tobler, Max: Ein Stück Klassenkampf in der Schweiz: Das Streikjahr 1906 in Zürich. Zürich o. J. [1911], B 161
  • Zürcher, Markus: Die Anfänge der Soziologie in der Schweiz. Diss. Univ. Bern 1994, Gr 8730

5 x 3 Antworten auf Fragen zum Videoladen-Bestand (SozArch F 9049)

Vor zwölf Jahren sicherte das Sozialarchiv in einem Schreiben an die Geschäftsleitung des Videoladens seine Unterstützung für dessen Archivierungsvorhaben zu. In der Regel werden solche Übernahmen in ein paar Monaten abgewickelt. Beim Videoladen dauerte es ein bisschen länger. Jetzt konnten wir das Projekt erfolgreich abschliessen: Dank Memoriav (Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und der Ausdauer aller Beteiligten verfügt das Sozialarchiv nun über einen für Forschung und Öffentlichkeit gleichermassen interessanten Bestand. Über 200 Stunden Videomaterial aus den späten 1970er bis in die 1990er Jahre stehen online zur Verfügung.

Der Videoladen Zürich entstand im Winter 1976/77. Die erste Produktion «Studenten und Arbeiterklasse» ist leider verschollen, der Titel aber macht klar, wo sich die Genossenschaft ideologisch positionierte. Der Videoladen Zürich war Teil einer weltweiten Bewegung aus einem urbanen, akademischen, politisch links zu verortenden Milieu, welche die Videokamera für sich entdeckte, um damit für ihre Anliegen Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Während der unruhigen Zeit der Jugendbewegung anfangs der 1980er Jahre war die Crew fast ununterbrochen unterwegs. Der Videoladen rutschte in die Rolle des unermüdlichen Chronisten der Ereignisse. Kaum eine Vollversammlung oder Demonstration auf Zürichs Strassen fand ohne Begleitung des Videoladens statt. Aus dieser Phase stammen die aufschlussreichsten und ergiebigsten Quellen. Das Rohmaterial dürfte für die Forschung und für die Aufarbeitung dieser Zeit wertvolle Dienste leisten.

1981 gelang dem Videoladen mit «Züri brännt», einer Art Zwischenbilanz der Jugendbewegung, ein Coup. Das Video war in aller Munde, sogar die NZZ musste darauf reagieren, das Video wurde selbst im Ausland nachgefragt. Nach dem Abbruch des Autonomen Jugendzentrums 1982 verlagerten sich die Aktivitäten der Genossenschaft zuerst auf die Häuserbesetzerbewegung und die Dokumentation des aufblühenden Musik- und Konzertbetriebs in der Stadt Zürich. Dann folgten erste Spielfilmversuche und Musikclips. Namhafte Filmschaffende wie Samir, Martin Witz, Christoph Schaub oder Werner Schweizer starteten ihre Karrieren im Videoladen.

Die Videotechnik ist im Vergleich zum Film günstig in der Anschaffung und relativ einfach in der Handhabung. Die Aufnahmen müssen nicht entwickelt und können zeitnah aufgeführt werden. Ins Gewicht fällt allerdings ein entscheidender Nachteil: Das Videoband altert schnell und kann nur vor dem Zerfall bewahrt werden, wenn man die Videos digitalisiert. Dank Memoriav kam 2009 ein Inventarisierungsprojekt zustande. 2013 startete das Berner Atelier für Videokonservierung die aufwändige Reinigung und Vorbereitung der Bänder für die Digitalisierung. Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen haben die Bänder digitalisiert und erschlossen: Sie sind nun mit ausführlichen Metadaten versehen. Dass der Aktivist Mischa Brutschin kurz zuvor für sein Mammutprojekt «Allein machen sie dich ein» über die Zürcher Besetzerszene mit demselben Material gearbeitet hatte, befruchtete den Arbeitsprozess zusätzlich.

Der Bestand umfasst rund 180 Videobänder. Überwiegend handelt es sich dabei um ungeschnittenes Rohmaterial, das aus dem Videoladen selber stammt. Besonders gut dokumentiert sind die frühen 1980er Jahre. Ergänzt werden diese Eigenproduktionen durch eine Handvoll Fremdproduktionen, die wegen des hohen Informationswerts im Bestand belassen wurden.

Es ist sehr erfreulich, dass sich die Geschichtswissenschaften bereits für die Videos interessieren. So hat das Online-Lernangebot ad fontes der Uni Zürich den Videoladen-Bestand in sein Angebot integriert.

Als Einstieg in den Videoladen-Bestand eignen sich:

  • «Vollversammlung 04.06.1980»: legendäre Vollversammlung der Jugendbewegung in Anwesenheit der Stadträtin Emilie Lieberherr und des Stadtpräsidenten Sigmund Widmer (auf 3 Bändern: SozArch F 9049-003, -014, -021)
  • «AJZ-Eröffnung»: Am 28.6.1980 wird das Autonome Jugendzentrum eröffnet. Verschiedene Aussagen auf diesem Band wirken rückblickend erschreckend prophetisch (SozArch F 9049-047)
  • «No Futter»: Dokumentation zu den besetzten Liegenschaften am Stauffacher (inkl. Spitzköpfe!), 1984 (SozArch F 9049-083)
  • «Videoladen-Portrait für russisches TV»: hervorragende Dokumentation von 1991 (SozArch F 9049-178)

Anlässlich des Projektabschlusses habe ich mich mit vier am Projekt Beteiligten sowie mit Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Uni Zürich, schriftlich unterhalten:

René Baumann, Mitbegründer und Co-Geschäftsleiter Videoladen

1. René, du warst sehr oft hinter der Kamera, wenn der Videoladen unterwegs war. Wo hast du das gelernt?

Ich habe schon als Jugendlicher immer eine Fotokamera mit mir herumgetragen und bei allen möglichen Gelegenheiten fotografiert. Auch habe ich mir ein eigenes kleines Fotolabor eingerichtet, wo ich meine Filme selber entwickelt und die Fotos vergrössert habe. Ich brachte also schon eine gewisse Affinität zur Kameraarbeit mit, als ich später mit anderen die Genossenschaft Videoladen gründete.
Aber das Arbeiten mit der Videoladen-Kamera in den 80er Jahren war eigentlich ein klassisches Learning by Doing. Ich habe an den Demos gedreht, oft gleich nachher das Material in Ruhe angeschaut und mir überlegt, was ich das nächste Mal anders oder besser machen könnte. Dabei habe ich vor allem aus Fehlern gelernt. Zudem haben wir uns unter den Videoladen-Mitgliedern immer ausgetauscht und unsere Arbeitsweisen und filmischen Standpunkte diskutiert, oft stundenlang.
Später, nach dem Film «Züri brännt», habe ich quasi einen Schritt zurück gemacht und zwei Jahre als Kameraassistent gearbeitet. Ich wollte vor allem von der technischen Seite her das Handwerk nochmals von Grund auf neu lernen. Ich habe vor allem auf Sets gearbeitet, wo wir mit analogem Filmmaterial gedreht haben und nicht auf Video. Dieses Wissen und diese Erfahrung hatten mir vorher noch gefehlt. Diese Zeit hat mir für die Zukunft auf meinem späteren Weg als Kameramann sehr viel gebracht.

2. Wenn man das Material in chronologischer Reihenfolge anschaut, bekommt man den Eindruck, dass der Videoladen nach dem Highlife als konstanter Begleiter der Zürcher Jugendbewegung in eine Sinnkrise stürzte. Stimmt das?

Das ist eine gute Beobachtung von dir, das stimmt absolut. Für viele von uns stellte sich nach «Züri brännt» die Frage, wie weiter. Plötzlich konnten wir nicht nur mehr das dokumentieren, was auf der Strasse, an Demos oder im AJZ gerade passierte. Wir mussten selber eigene Ideen entwickeln oder neue Themen finden. Das führte zu einer längeren Suche und unzähligen harten Diskussionen unter uns Videoladen-Mitgliedern. Es war damals eine schwierige Zeit. Wir mussten uns neu oder anders erfinden und vor allem musste das jeder zuerst mal für sich selber definieren, bevor wir wieder als Kollektiv funktionieren konnten.
Auch stellte sich für einige von uns die existenzielle Frage: Wollen wir in Zukunft von dieser Arbeit finanziell leben können? In den Anfangszeiten des Videoladens waren die meisten Videoladen-Mitglieder noch Studenten. Wir hatten entweder Stipendien oder gingen auf der Sihlpost arbeiten, um so unser Studium zu finanzieren.
Ich entschied mich dafür, vom Film leben zu können. Ich habe damals mein Studium abgebrochen und wählte den Weg als Kameramann, um mir so meine Existenz zu finanzieren. Das gab mir schliesslich die finanzielle Unabhängigkeit für zukünftige eigene Projekte.

3. Du machst heute noch Filme. Ist überhaupt irgendetwas gleich geblieben wie im ersten Videoladen-Jahrzehnt, aus dem die meisten Aufnahmen des Bestandes stammen?

Was gleich geblieben ist, ist mein politischer Anspruch. Im Videoladen produzieren wir immer noch Filme, die sich mit sozialen und kulturellen Themen auseinandersetzen und die neue, ungewohnte Einblicke in Zusammenhänge und Strukturen unserer Gesellschaft ermöglichen sollen. Was auch geblieben ist, ist die Zusammenarbeit mit einigen damaligen Freunden. Jeder hat sich auf einem anderen Gebiet weiterentwickelt und wir arbeiten noch heute bei Filmprojekten zusammen.
Der Videoladen hat sich in den 45 Jahren seines Bestehens sehr verändert. Viele Videoladen-Mitglieder arbeiten heute anderswo im Filmbereich. Andere sind neu dazugekommen (oft von der Zürcher Filmschule) und irgendwann wieder weitergezogen. In den Anfangszeiten des Videoladens haben wir alles inhouse produziert, heute arbeiten wir viel mehr projektbezogen mit Freelancern.
Vor allem im technischen Bereich hat sich in dieser Zeit unglaublich viel und in immer schnellerem Tempo verändert, z.B. die Transformation von analog zu digital oder die Entwicklung der Montagearbeit (vom Steenbeck-Schneidetisch mit Klebepresse zum Schnitt zu Hause auf dem Laptop). Zu jedem neuen – noch besseren – Bandformat benötigte man die entsprechende neue Kamera. Die grossen unhandlichen ¾-Zoll-U-Matic-Kassetten von damals schrumpften über mindestens fünf Formatstufen bis zum Speicherchip in der Grösse eines Fingernagels heute.
Was aber immer gleich bleibt, ist die Idee, die Leidenschaft für ein Filmprojekt zu haben. Aber der Weg bis zum Endprodukt ist ein völlig anderer geworden.

Rahel Holenstein, Co-Geschäftsleiterin Videoladen

1. Rahel, du hast mehr als 200 Stunden Video-Rohmaterial visioniert und den ganzen Bestand nach formalen und inhaltlichen Kriterien erschlossen. Was ist das für eine Erfahrung?

Da wir im Prozess des Digitalisierens wirklich alle Bänder von Anfang bis Ende mitschauen mussten bzw. durften, um allfällige technische Probleme sofort zu erkennen, und die Metadaten dazu erfassten, tauchte ich jeweils richtig ein in die Atmosphäre, die Konflikte, die Fragestellungen und die auch witzigen und schrägen Momente, die in diesem Material vorhanden sind. Es war eine ganz besondere Zeitreise, die immer wieder bis heute nicht abgeschlossene Fragestellungen aufwarf. Die Arbeit an diesem Archiv hat meine Überzeugung bestätigt, dass Archive nicht nur Vergangenheit konservieren, sondern auch immer wieder lebendige und interessante Perspektiven für unsere Zukunft bereitstellen. Wenn man denn offen und neugierig genug ist, sich die diversen und spannenden Stimmen aus der Vergangenheit anzuhören bzw. anzuschauen.

2. Welches sind die Highlights? Gibt’s auch Totalausfälle?

Man würde es kaum glauben – aber die endlosen Vollversammlungen und andere Sitzungen waren für mich tatsächlich ein Highlight. Erst durch die Länge, das Chaos, die Unstrukturiertheit dieser Aufzeichnungen habe ich verstanden, dass diese Bewegung etwas Genialisches in sich trug. Da waren zum Beispiel 1’000 Leute in einem Raum, also dem Volkshaus, die versucht haben, sich gemeinsam auf etwas zu einigen: Wann findet die nächste Demo statt? Welche Aktionen sind geplant? Wie soll man mit Polizei und Behörden umgehen? Eine grosse Leistung, finde ich. Man kann niemandem aufzwingen, diese Langatmigkeit zu erdulden. Dennoch würde ich sagen, dass es sich lohnt, sich auf diese Dokumente einzulassen, sich die Zeit zu nehmen, um sehr Essentielles von dieser Bewegung zu begreifen.
Aber auch in den Aufnahmen vor und nach «Züri brännt» gibt es Bänder, die ebenfalls diese lebendige Herangehensweise an gesellschaftliche und soziale Fragen aufzeigen. Viele dieser Dokumente würde ich als «Oral history» bezeichnen. Eine, wie ich finde, so wichtige Art der Geschichtsschreibung.
Als Totalausfall würde ich jetzt wohl nichts bezeichnen wollen. Ich denke, das müssen die Forscherinnen und Generationen nach uns entscheiden.

3. Du gehörst zur Generation, die bei den allermeisten der festgehaltenen Ereignisse «nicht dabei war». Besonders gut dokumentiert sind ja die Jahre 1980 und 1981. Wie würdest du diese Zeit anhand des Gesehenen charakterisieren?

Ich war knapp zu jung, um selber aktiv dabei zu sein. Allerdings habe ich kurioserweise alle wichtigen «Auftritte» der Bewegung tatsächlich am Fernsehen gesehen: «Herr und Frau Müller», Antigone in der Telearena u.v.m. Das hatte auch damit zu tun, dass meine Eltern, insbesondere mein Vater, die Kreativität und das Engagement der «Bewegung» sehr genau beobachteten und wahrnahmen. Beim Nachtessen hat er uns jeweils erzählt, welch witzige neue Sprayereien er auf seinem Arbeitsweg entdeckt hatte. Auch in meiner Schule gab es «die Älteren», die tatsächlich in der Band TNT mitspielten und als Punks die Szene aufmischten.
Als ich viel später – während meiner Ausbildung in der Videofachklasse an der HSLU wieder mit dem Videoladen in Kontakt kam – in Form von Dozentinnen (!) – war es für mich klar, dass ich da arbeiten möchte.

Bonusfrage: Wieso hat das Projekt so lange gedauert?

Zwar sind die audiovisuellen Medien nun digitalisiert und online zugänglich – das Projekt ist aber dennoch nicht abgeschlossen. Es gibt ein sehr interessantes Papier- und Foto-Konvolut, das noch auf seine Aufarbeitung wartet. Um diese Dokumente dem audiovisuellen Konvolut als wichtige Ergänzung hinzufügen zu können, werden wir wiederum auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein.
Da wir im Videoladen als kleines Team arbeiten und nebst der Archiv-Arbeit auch noch andere Projekte hatten, konnten wir nicht einfach durchgehend fünf Tage pro Woche am Archiv arbeiten.
Dazu kamen viele technische Herausforderungen, die mehr Zeit in Anspruch nahmen als ursprünglich vorausgesehen: Der Aufbau der Digitalisierungs-Station, das Reinigen der Originalbänder, das Anpassen der Technik oder die immer wieder auftretenden Probleme in Bezug auf die problematische Qualität der Original-Bänder. Wir mussten unsere Arbeitsweise stetig den Herausforderungen des Materials anpassen. Unter dem Strich möchte ich sagen: Gut Ding will Weile haben! Und das Sozialarchiv ist um einen wertvollen Bestand reicher geworden.

Agathe Jarczyk, Konservatorin-Restauratorin FH, Atelier für Videokonservierung

1. Agathe, du hast die Videobänder für die Nachwelt haltbar gemacht. Welche Schritte braucht es dazu?

Wir haben die Kassetten aufbereitet, d.h. sie dokumentiert und gereinigt, aber die dauerhafte Erhaltung der Inhalte war erst mit der Digitalisierung möglich.
Die meisten Kassetten des Videoladens zeigten das sogenannte „Sticky-Tape-Syndrome“, das heisst, wir konnten sie gar nicht oder nur für einige Sekunden abspielen, bevor sie mit einem lauten Quietschen im Abspielgerät steckenblieben. Gerade in den 1970er und 1980er Jahren waren die Zusammensetzungen der Magnetbandbeschichtungen teilweise unbeständig oder gar etwas experimentell. Das hat zu einer schlechten Alterung geführt und die Magnetbänder zeigen heute Ausblühungen von Gleitmitteln oder eine erhöhte Klebrigkeit der (Rückseiten-)Beschichtung. Häufig sind solche Magnetbänder nach einer Reinigung und Trocknung wieder abspielbar, wenn auch nicht in allen Fällen.
Dass die Inhalte nun weiter zugänglich bleiben und die digitalen Dateien bei Bedarf in Zukunft vielleicht auch mal umformatiert werden, liegt nun in der Zuständigkeit des Sozialarchivs. Wichtig ist, dass wir die Verbindung zwischen dem originalen, physischen Material, nämlich den Bändern und Kassetten mit all ihren Beschriftungen, Kommentaren und Arbeitsspuren, und den nun digital vorliegenden Inhalten in Form von Dateien nicht verlieren. So bleibt nicht nur der Inhalt, sondern auch sein Kontext für die Nachwelt erhalten.

2. Man weiss, dass in den Räumlichkeiten des Videoladens nie ein Rauchverbot herrschte. Hast du das den Bändern angemerkt?

Einige der Kassetten aus dem Videoladen haben im Laufe der Jahre ihre Schutzhüllen verloren und wurden in der Folge ohne Hüllen aufbewahrt. Die gelbliche Verfärbung dieser Kassetten hatte ich zunächst auf eine Vergilbung durch Sonnenlicht oder Ähnliches zurückgeführt. Erst bei näherer Betrachtung und insbesondere bei der Reinigung der Kassetten kamen wir dem Rätsel der gelben Patina auf die Spur: Vor der Digitalisierung wurden alle U-matic-Kassetten in einem speziellen Gerät gereinigt. Bei diesem Vorgang werden Staub und Schmutz sowie mögliche Ausblühungen aus der Magnetschicht mit Hilfe eines Reinigungsvlieses entfernt. Als wir die vermeintlich vergilbten Kassetten reinigten, blieb ein hartnäckiger gelber Belag auf dem Vlies zurück. Beim Öffnen der Reinigungsmaschine konnten wir das Rätsel „lüften“ und haben herzlich gelacht: Es roch eindeutig nach Aschenbecher. Die Patina war ein Nikotinschleier!

3. Du kümmerst dich sonst vor allem um Videokunst. Hast du während der Konservierung und Digitalisierung überhaupt die Musse, dich um die Inhalte zu kümmern?

Ja! Häufig passiert dies aber erst auf den zweiten oder dritten Blick. Während des Prozesses der Konservierung fokussieren wir uns auf den Zustand der Kassetten und Bänder, auf die optimalen Einstellungen aller Geräte und den besten Digitalisierungsweg. Dabei betrachten wir Bild und Ton oftmals durch verschiedene Messinstrumente und sehen in erster Linie Graphen und Kurven. Ist die Digitalisierung abgeschlossen, gibt es eine abschliessende Qualitätskontrolle. Teil dieser Kontrolle ist auch eine Sichtung des Digitalisats von Anfang bis Ende auf einem Kontrollmonitor. Dann werden die vorher überwachten Kurven von Video- und Audiosignalen wieder zum grossen Ganzen und es gibt einen besonderen Moment der Nähe, wenn wir zum Abschluss jedes Band in voller Länge sehen und hören.

Felix Rauh, Vizedirektor Memoriav

1. Felix, du hast während Jahren das Dossier Videoladen betreut. Auch an dich die Frage: Wieso dauern solche Projekte so lang?

Erhaltungsprojekte mit Partnern, die nicht primär mit der Erhaltung von Kulturgut beauftragt sind, riskieren, länger zu dauern. Bei diesem Projekt spielten die Finanzen und das exklusive Wissen von René Baumann und Rahel Holenstein über diesen Bestand eine Rolle. Memoriav darf höchstens 50% der Projektkosten finanzieren, der Rest muss mit Eigenleistungen oder Drittmitteln gedeckt werden. Das Videoladen-Team kompensierte die fehlenden Geldmittel mit aufwändigen Vorbereitungsarbeiten, die aufgrund von anderen Projekten immer wieder unterbrochen werden mussten.

2. Memoriav unterstützt jährlich mehrere Videoprojekte mit finanziellen Beiträgen. Was ist das Spezielle am Videoladen-Bestand?

Die meisten Videoprojekte konzentrieren sich auf die Erhaltung von fertigen Produkten (Fernsehsendungen, Kunstvideos, Auftragsproduktionen). Hier handelt es sich um eine einmalige Sammlung von Aufnahmen, die als Rohmaterial für Videoproduktionen wie «Züri brännt» dienten oder den Bewegten unmittelbar nach der Produktion zur Dokumentation ihrer Aktionen zur Verfügung standen.

3. Gibt es in der Schweiz vergleichbare Projekte?

Ausser dem Projekt «Stadt in Bewegung», das bereits in den 1990er Jahren eine grosse Sammlung an Bewegungsvideos ins Sozialarchiv spülte, ist mir nichts Vergleichbares bekannt. Zwar gab es gleichzeitig auch in der Romandie Bemühungen, Videos der Jugendbewegung zu finden und zu sichern. Guy Milliard, Leiter des Projekts «Vidéos de Suisse romande 1970-1985», konstatierte im Memoriav-Bulletin Nr. 5 (1999) allerdings, dass keines der Videos von «Lôzanne bouge» überlebt hat. Ich weiss leider zurzeit nicht, ob die anderen Schweizer Videokollektive, die in den 1980er Jahren z.B. in Basel oder Bern aktiv waren, ihre Bänder von damals sicherten. Dieses Interview gibt mir den Anstoss, mich zu erkundigen.

Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit, Uni Zürich

1. Monika, die Geschichte der Medien gehört zu deinen Forschungsschwerpunkten. Welche Rolle spielt Video im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts?

Alexander Kluge und Oskar Negt hatten zu Beginn der 1970er Jahre in ihrem Buch «Öffentlichkeit und Erfahrung» mit Gegenöffentlichkeit einen neuen Begriff etabliert. Mit dem Medium Video stand seit den 1970er Jahren ein neues Medium zur Verfügung, welches das Ideal Kluges und Negts verkörperte und den Neuen sozialen Bewegungen ein audiovisuelles Medium in die Hand gab, mit dem dezentral, schnell und mobil alternative Sichtweisen auf die Welt produziert und distribuiert werden konnten. Das Bewegungsvideo öffnete das Tor zu einer neuen Medienwelt, in der nicht mehr bloss zentrale Medienanstalten über die sozialen Bewegungen berichten, sondern – wie wir fünfzig Jahre später sehen können – Handyvideos quasi live aus den Manifestationen auf der Strasse auf den Social-Media-Kanälen senden.

2. Welche Chancen siehst du für den Videoladen-Bestand in der Lehre? Können Studierende im Jahr 2021 überhaupt etwas damit anfangen?

Die Filme des Videoladens sind dank der Digitalisierung wahrscheinlich populärer und mit Bestimmtheit einfacher zugänglich als in den 1980er Jahren, als sie produziert wurden. Auch deshalb ist die Mediengeschichte so wichtig geworden, weil sie die technischen, ökonomischen, politischen und rechtlichen Umgebungen von verschiedenen Formaten wieder in Erinnerung ruft. Dass ein Medium der Gegenwart fremd geworden ist, ist in diesem Sinne ganz normal, entspricht dem Lauf der Geschichte und ermöglicht neue Sichtweisen auf altes Material. Als wir uns im Sommer 2021 im BA Seminar zur Einführung in die Mediengeschichte durch das neu zugängliche Material des Videoladens wühlten, ist den Studierenden unter anderem die Geschlechterordnung an den Vollversammlungen der Bewegung aufgefallen, wo männliche Redner lautstark und episch lang das Mikrofon okkupierten und das Wort ergriffen.

3. Beim vorliegenden Material handelt es sich um historisches Quellenmaterial. Welchen Gewinn kann es bringen, wenn man sich wissenschaftlich mit bewegten Bildern auseinandersetzt?

Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch hat den Quellencharakter von bewegten Bildern (und zwar diesseits von Gattungsunterscheidungen wie Spiel- oder Dokumentarfilm) in einem Essayband zu den visuellen Konstruktionen des Judentums besonders akzentuiert auf den Punkt gebracht: «Die Einstellung ist die Einstellung.» Die Kamera ist nie neutral, sondern wird eingestellt. Ihre Linse wird präpariert, der Standpunkt bestimmt, Schwenks und Fahrten ermöglichen ihre Bewegung. In diesem Sinn ist das Bewegungsvideo ein hypermobiles, bewegliches Medium, welches sich mitten in der Bewegung selbst befand und die Sicht der Bewegung paradigmatisch zum Ausdruck brachte. Audiovisuelle Quellen vermögen Einstellungen und Blickweisen einer Zeit genauso zu transportieren wie ihr Sound. Das vermag keine schriftliche Quelle.

Ein herzliches Dankeschön an Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen für die Geduld und Ausdauer, an Agathe Jarczyk für die sorgfältige Videokonservierung, an Felix Rauh als Kooperationspartner von Memoriav sowie an Monika Dommann für ihre Würdigung des Videomaterials aus mediengeschichtlicher Sicht.

Filme aus dem Sozialarchiv auf ruralfilms.eu

Seit wenigen Wochen ist das Portal ruralfilms.eu online. Es bietet fast 500 Filme zu landwirtschaftlichen Themen – von Tierkrankheiten über die Mechanisierung bis zur Genderfrage in der Landwirtschaft – als Streaming an. Zugänglich sind auch historische Filme mit einigem Aktualitätsbezug, zum Beispiel über den Einsatz von Pestiziden oder über die Schattenseiten der Obstverwertung. Die inhaltliche Vielfalt ist beeindruckend!

Das Portal ist eine Initiative der «European Rural History Film Association». Dahinter steht u.a. das Archiv für Agrargeschichte in Bern. Das Portal führt Informationen über Filme in europäischen Archiven zusammen und fördert die Erhaltung von historischem Filmmaterial aus dem Bereich der Landwirtschaft.

Das Sozialarchiv partizipiert aktuell mit sechs Filmen, die aus gewerkschaftlichen Beständen stammen.

Werbetafel der «Freundinnen junger Mädchen», um 1950 (SozArch F 5134-Od-003)
Werbetafel der "Freundinnen junger Mädchen", um 1950 (SozArch F 5134-Od-003)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Esther Hürlimann, Ursina Largiadèr, Luzia Schoeck: Das Fräulein vom Bahnhof. Der Verein Freundinnen junger Mädchen in der Schweiz. Zürich, 2021

Der 1886 gegründete Verein «Freundinnen junger Mädchen» war einer der ersten Frauenvereine der Schweiz. Er entstand im Lauf der Industrialisierung, als junge Frauen vermehrt ihre Dörfer verliessen und Arbeit in der Stadt suchten. Dort boten die bürgerlich-protestantischen Frauen im Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution konkrete Lebenshilfe in Form von Schutz und Beratung, Unterkünften und der Vermittlung von Arbeitsstellen. Verbunden war diese Unterstützung allerdings mit moralischen Anliegen.
Der Verein mag mittlerweile «COMPAGNA» heissen, der Gründerinnengeist findet sich aber immer noch in den zahlreichen sozialen Aktivitäten – von der SOS Bahnhofhilfe über Beratungsstellen für Frauen im Sexgewerbe bis hin zu Frauenhotels.

Bestände zum Thema im Sozialarchiv:

  • Ar 591 Freundinnen junger Mädchen (FJM)/COMPAGNA Zürich
  • F 5134 COMPAGNA/Schweizerischer Verein der Freundinnen junger Mädchen
  • K 414 Bericht des Martha-Vereins: Zürcher Sektion des «Vereins der Freundinnen junger Mädchen», ab 1887

> In unserer aktuellen Vitrinenausstellung im Lesesaal zum Thema «Mädchen-/Frauenhandel und Prostitution» sind u.a. auch Objekte aus dem COMPAGNA-Bestand ausgestellt.

Jessica Bruder: Nomaden der Arbeit. Überleben in den USA im 21. Jahrhundert. München, 2021

Die englische Originalausgabe des Buches erschien 2017 unter dem Titel «Nomadland – Surviving America in the Twenty-First Century» und diente dann dem diesjährigen Oscar-preisgekrönten Film «Nomadland» als Vorlage. Jessica Bruder erzählt von Menschen, die in Amerika ohne permanente Wohnadresse unterwegs sind. Ihre Anzahl wird auf Zehntausende geschätzt.
Sie leben in Wohnmobilen, Vans und Anhängern und übernachten auf Supermarkt-Parkplätzen, neben den Highways, in der Wüste. Sie schaufeln Zuckerrüben in North Dakota, reinigen Toiletten in den Nationalparks von Kalifornien oder arbeiten Zwölf-Stunden-Schichten im Amazon-Versandzentrum im winterlichen Texas. Eines haben sie oft gemeinsam: Sie sind meistens schon älter. Und im 21. Jahrhundert, erschüttert von der Finanzkrise der Zehnerjahre, ist ihnen der Boden für den gemeinhin wohlverdienten Ruhestand weggebrochen. Deshalb ziehen sie als Nomaden und Nomadinnen der Arbeit von einem saisonalen Tageslohnjob zum nächsten. Sie bilden eine wachsende Subkultur, die aus der Not heraus den vielzitierten amerikanischen Freiheitsbegriff neu interpretiert.

Elisabeth Joris und Heidi Witzig (Hrsg.): Frauengeschichte(n). Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz. Zürich, 2021

Das Standardwerk zur Schweizer Frauengeschichte ist im Jahr, in welchem sich die Einführung des Frauenstimmrechts zum 50. Mal jährt, in einer letzten, ergänzten 5. Auflage neu erschienen. Parallel zur Neuauflage gibt es nun auch eine Website, die unter anderem zahlreiche Dokumente aus dem Sozialarchiv präsentiert: https://frau-engeschichte-n.ch/.
Den grossen Anfang machten 1986 die beiden Historikerinnen Elisabeth Joris und Heidi Witzig, als sie nach mehrjähriger Arbeit die edierte Quellensammlung «Frauengeschichte(n) ‒ Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz», ein über 550 Seiten umfassendes Buch, im Limmat Verlag herausgaben. 1980 waren sie mit der Entwicklung eines Konzepts gestartet, durchstöberten dann über Jahre grosse und kleine Archive, erstellten Fotokopien, schnitten die interessanten Textstellen heraus, klebten sie auf Blätter, ordneten sie und gaben jeder Quelle einen Titel.
Entscheidende Hilfe erhielten sie nach der ersten Historikerinnentagung von 1983 von anderen Historikerinnen, die sie mit Quellen versorgten, sowie vom Frauentutorat der Universität Zürich, das einen bedeutenden Teil der Dokumente und Texte zum Kapitel «Weiblichkeit als Norm» beisteuerte. Die Gestaltung des Buches und die Auswahl der aussagekräftigen Bilder zu jedem Kapitel übernahm Helen Pinkus Ryman.

SLSP/swisscovery: Tipps & Tricks II

Gebührenfrei bestellen oder den kostenpflichtigen SLSP-Kurier nutzen

Mit der Systemumstellung vom Dezember 2020 hat sich nicht nur die Recherche verändert, sondern auch eine beliebte und viel genutzte Dienstleistung – die Kurierlieferung. Vor SLSP und swisscovery gab es mehrere Verbünde in der Schweiz, jeweils mit unterschiedlichen verbundinternen und verbundübergreifenden Kurierdienstleistungen, teilweise kostenpflichtig, teilweise kostenlos. SLSP hat dieses System vereinheitlicht – die Medien von rund 470 SLSP-Bibliotheken sind nun in der ganzen Schweiz verfügbar, können mit wenigen Klicks überallhin bestellt werden und stehen nach 48 Stunden am gewünschten Ort zur Abholung bereit. Diese erweiterte Kurierdienstleistung ist mit einer kleinen Gebühr versehen: Bei Kurierbestellungen werden neu 6 Franken fällig.

Wie Sie sich anmelden und in swisscovery recherchieren können, haben wir in der letzten Nummer gezeigt. Nehmen wir nun an, Sie möchten das Buch «Lenin» von Milo Rau bestellen:

Tipp Nr. 1: Achten Sie auf die Verfügbarkeit an den verschiedenen Standorten:
Im Beispiel mit «Lenin» von Milo Rau sehen Sie in der Detailansicht, dass das Buch neben dem Sozialarchiv auch noch in zwei anderen Institutionszonen (IZ) erhältlich ist – im Bibliotheksnetz Region Basel und in der UZH bzw. ZB Zürich.
Wenn Sie mit Ihrer Switch edu-ID eingeloggt sind, werden Ihnen zwei Services angeboten: «Ausleihe» und «Digitalisierung» (zur Bestellung von Scans oder Kopien).

Tipp Nr. 2: Gebührenfrei bestellen oder den Kurier nutzen – Sie haben die Wahl:
Mit Klick auf «Ausleihe» eröffnen sich Ihnen verschiedene Bestellmöglichkeiten: Sie können das Buch wahlweise per Post zu sich nach Hause bestellen, vor Ort abholen oder per Kurier an einen anderen Abholort bestellen. Wenn Sie das Exemplar des Sozialarchivs auswählen und dieses bei uns an der Theke abholen möchten, wählen Sie im Feld «Abhol-Institution» die Option «Spezialbibliotheken Region Zürich» und beim «Abholort» «Schweizerisches Sozialarchiv». So bestellen Sie unser Exemplar zur Abholung bei uns und es fallen – trotz orange hinterlegtem Warnhinweis – keine Gebühren an.
> In vereinzelten Fällen kann es leider vorkommen, dass ein Titel im Sozialarchiv zum Zeitpunkt Ihrer Bestellung gerade ausgeliehen, aber in einer der beiden anderen Kurierbibliotheken in der IZ «Spezialbibliotheken Region Zürich» – nämlich in der Mediothek der Pädagogischen Hochschule Graubünden oder in der Bibliothek der Schweizerischen Nationalbank – verfügbar ist. In diesem Fall bestellt das System automatisch das freie Exemplar und löst damit eine kostenpflichtige Kurierbestellung aus. Da die inhaltliche Überschneidung der Bestände des Sozialarchivs mit diesen zwei Bibliotheken nicht allzu gross ist, passiert dies jedoch selten.

Wenn Sie unter «Abhol-Institution» oder «Abholort» eine andere Option auswählen, wird Ihre Bestellung automatisch als Kurierbestellung aufgenommen und es wird bei der Abholung des bestellten Dokuments am gewünschten Abholort eine Kuriergebühr von 6 Franken fällig.

Tipp Nr. 3: Behalten Sie bei Kurierbüchern den Transferschein!
Die Kuriergebühr deckt sowohl die Kurierlieferung an den von Ihnen gewählten Abholort als auch den Rücktransport an die besitzende Bibliothek ab. Entsprechend können Sie ein per Kurierlieferung bestelltes Buch an jeder anderen Kurierbibliothek retournieren, ohne dass Ihnen dafür neue Kosten entstehen. Voraussetzung dafür ist allerdings das Vorweisen des Transferscheins, mit welchem Sie das Buch erhalten haben (oder das Zeigen der entsprechenden E-Mail-Benachrichtigung).
> Selbstverständlich können Sie das Buch auch direkt bei uns retournieren. Dies bedeutet jedoch umgekehrt nicht, dass wir Ihnen dann die Hälfte der Kuriergebühr erlassen können – die Kuriergebühr ist nicht teilbar.

Gut zu wissen:
Die Universitäten und Fachhochschulen übernehmen zum Teil für ihre Mitarbeitenden und Studierenden die Kuriergebühren. Erkundigen Sie sich bei Ihrer Institutsbibliothek über diese Möglichkeit.
Immer gilt:
Kontaktieren Sie uns, wenn Sie beim Bestellprozess oder bei Gebührenfragen unsicher sind.

4. Juni 2021, 18 Uhr: 50 Jahre Frauenstimmrecht

Quellenpräsentation

Am 6. Juni 1971 fand die erste eidgenössische Volksabstimmung mit (offizieller) weiblicher Beteiligung statt. Der jahrzehntelange Kampf um das Frauenstimmrecht ist im Schweizerischen Sozialarchiv durch umfangreiches Quellenmaterial ganz unterschiedlicher Herkunft dokumentiert. Die Veranstaltung präsentiert Bestände, Dokumente und Bildquellen aus einem Jahrhundert Schweizer Demokratiepolitik.

Mit Christian Koller

Freitag, 4. Juni 2021, 18 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Zoom

> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 129 KB)

Aufgrund der Coronasituation findet die Veranstaltung online über Zoom statt. Wir bitten Sie bis zum 1. Juni um eine Voranmeldung an basarte@sozarch.uzh.ch. Sie erhalten dann einen Tag vor der Veranstaltung per E-Mail den Zugangscode.

Vor 150 Jahren: Die Pariser Commune

«Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft», meinte Karl Marx 1871 in seiner Schrift «Der Bürgerkrieg in Frankreich». «Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem grossen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind.» Der Aufstand der Commune von Paris im Frühjahr 1871 stellte für die politischen Eliten in ganz Europa, Konservative wie Liberale, einen ungeheuren Schock dar. Das «Gespenst des Kommunismus», das Marx und Engels schon 1848 in der Einleitung zum «Manifest der Kommunistischen Partei» beschworen hatten, schien plötzlich Gestalt anzunehmen, die proletarische Revolution drohte vom philosophischen Gedankenspiel zur gesellschaftlichen Realität zu werden. Die Rolle der 1863 gegründeten «Internationalen Arbeiterassoziation» (Erste Internationale) wurde dabei stark überschätzt. Der Umstand, dass sich Sozialisten in ganz Europa mit den Aufständischen der Commune solidarisierten und etwa der deutsche Sozialdemokrat August Bebel am 25. Mai 1871 im Reichstag leidenschaftlich für sie Partei ergriff, liess die Phantasien von einer zentral gelenkten sozialistischen Verschwörung in der internationalen Presse ins Kraut schiessen.

Der Deutsch-Französische Krieg und die Commune

Die Ursachen des Commune-Aufstandes lagen aber im Wesentlichen in Paris und in Frankreich selber. Nach der Niederlage der französischen Truppen bei Sedan im Deutsch-Französischen Krieg Anfang September 1870, die zur Gefangennahme Kaiser Napoleons III. führte, war das Zweite Kaiserreich zusammengebrochen. Napoleon III. war am Ende der 1848er-Revolution, in der die Arbeiterschaft in Paris erstmals eine bedeutende Rolle gespielt hatte, überraschend zum Präsidenten der Zweiten Republik gewählt worden und hatte in den folgenden Jahren eine Diktatur und dann 1852 ein Kaisertum nach dem Vorbild seines Onkels errichtet. Nach seinem Sturz wurde Frankreich wieder – wie schon nach den Revolutionen von 1789 und 1848 – eine Republik. Die neue bürgerlich-republikanische Regierung setzte den Krieg gegen die Deutschen fort. Vier Monate lang belagerten deutsche Truppen die Hauptstadt Paris. Die Situation in der eingeschlossenen Metropole wurde dabei immer unerträglicher. Hunger und Epidemien breiteten sich aus. Innerstädtische Aufstände im Oktober 1870 und Januar 1871 schlug die Nationalgarde nieder.

Im Februar 1871 schloss die nach Versailles geflohene Regierung unter dem liberalkonservativen Historiker Louis-Adolphe Thiers einen Vorfrieden mit dem neu gegründeten Deutschen Reich, der Frankreich zur Abtretung von Elsass und Lothringen sowie Reparationszahlungen in der Höhe von fünf Milliarden Francs verpflichtete. Die nach dem Waffenstillstand erfolgte Wahl zur französischen Nationalversammlung ergab eine starke konservative Mehrheit von etwa 430 Monarchisten, denen nur 120 gemässigte und 80 entschiedene Republikaner entgegenstanden. Allerdings waren die Monarchisten aufgespalten in Anhänger der ehemaligen Königshäuser Bourbon (1792 und 1830 gestürzt) und Orléans (1848 gestürzt) sowie der Kaiserdynastie Bonaparte (1814/15 und 1870 gestürzt) und konnten sich deshalb nicht auf einen neuen Monarchen einigen. So blieb die Republik erhalten, wenn auch vorerst von vielen als Provisorium betrachtet. In der Nacht zum 18. März 1871 versuchte die Regierung, die nach wie vor verteidigungsbereite Nationalgarde von Paris zu entwaffnen. Dies war der Auslöser des offenen Aufstands der Hauptstadt gegen die «Capitulards» von Versailles. Besonders Frauen brachten es zustande, dass die Nationalgarde ihre Waffen niederlegte und sich zumindest teilweise dem Aufstand anschloss, da es die Nationalgardisten nicht wagten, auf sie zu schiessen. Diese aktive weibliche Teilnahme an einer Revolution war für konservative Zeitgenossen besonders schockierend. Das Zentralkomitee der Nationalgarde ergriff die Macht in Paris. Auf dem Rathaus wurde die rote Fahne gehisst. Auch in anderen französischen Städten wie Lyon, Marseille, Narbonne, Saint-Etienne und Le Creusot kamen revolutionäre Regierungen an die Macht, die die Umgestaltung Frankreichs in eine Föderation autonomer Gemeinden anstrebten. Sie wurden aber ausser in Lyon jeweils schon nach wenigen Tagen von Regierungstruppen niedergeworfen.

Die gesellschaftliche Basis der Pariser Commune beschränkte sich indessen nicht auf das Proletariat im marxistischen Sinne, also die Industriearbeiterschaft. Auch zahlreiche Gewerbetreibende und Händler aus dem Kleinbürgertum sowie Intellektuelle standen hinter der Erhebung. Der am 26. März gewählte, auf Vorbilder aus der Französischen Revolution rekurrierende Rat der Commune repräsentierte ein breites Spektrum der unteren und mittleren Bevölkerungsschichten. Er bestand aus 30 freiberuflichen Ärzten, Anwälten und Journalisten, 25 Arbeitern, 7 Angestellten, 3 Offizieren und 7 Räten mit unbekannten Berufen. Politisch gehörten sie unterschiedlichen sozialistischen und radikalrepublikanischen Richtungen an: Mitglieder der Ersten Internationale sassen neben kleinbürgerlichen Neo-Jakobinern, die an die radikale Phase der Französischen Revolution anknüpften, Anhängern des Sozialisten Auguste Blanqui und des Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon.

Die Commune schickte sich sofort an, die Gesellschaft umzukrempeln, wobei viele ihrer Massnahmen zugleich kriegswirtschaftlichen Charakter hatten und auf die Verteidigung der Stadt gegen den zu erwartenden Ansturm der Regierungstruppen vorbereiten sollten. Fabriken wurden unter die Kontrolle von Arbeitergenossenschaften gestellt. Die Offiziere wurden von den Soldaten gewählt. Die Mieten wurden gestundet und bürgerliche Wohnungen Arbeiterfamilien zugewiesen. Die Löhne sollten egalisiert und das Bildungswesen demokratisiert werden. Staat und Kirche wurden getrennt. Auch verkündete der Gemeinderat nach dem Vorbild der «levée en masse» während der Französischen Revolution die allgemeine Volksbewaffnung und ordnete die Verteidigung von Paris sowohl gegen die vor den Toren stehenden deutschen Einheiten als auch gegen die französischen Regierungstruppen an. Wie schon in den Revolutionen von 1830 und 1848 wurden in den Strassen Gräben ausgehoben und Barrikaden errichtet. Dazu gab es auch zahlreiche symbolische Aktionen: Am 6. April wurde im Distrikt La Roquette eine Guillotine verbrannt, am 15. Mai als Vergeltung für die Bombardierungen von Paris das Haus von Regierungschef Thiers zerstört und tags darauf die an Napoleon I. erinnernde Säule auf der Place Vendôme gestürzt. In der Öffentlichkeit herrschte eine Mischung aus Orientierungslosigkeit und kollektiver Euphorie. In den Lokalen debattierte man eifrig über politische und gesellschaftliche Reformen. Die Nationalgarde wurde von Freiwilligen regelrecht überflutet, an allen Strassenecken hielten Männer und Frauen flammende Reden, und in den Tuilerien fanden öffentliche Konzerte mit bis zu 15’000 Zuhörerinnen und Zuhörern statt. Auch entstanden mehrere Frauenorganisationen (am wichtigsten die «Union des femmes pour la défense de Paris et les soins aux blessés»), die sich sowohl der Verteidigung der Commune als auch der Frauenemanzipation verschrieben.

Als anfangs April 1871 in den westlichen Vorstädten die ersten Kämpfe zwischen anrückenden Regierungstruppen und «Communards» begannen, wurden diese von grossen Menschenmengen verfolgt, die einen ähnlich leichten Sieg wie am 18. März erwarteten. Ab dem 2. April war die Hauptstadt im Westen von französischen, im Osten von deutschen Truppen eingekreist. Am 21. Mai begannen die über 100’000 Mann starken französischen Regierungstruppen unter den Augen der Deutschen mit dem Sturm auf die Hauptstadt. Dabei gelangte auch – entgegen deren Grundstatut – die Fremdenlegion zum Einsatz. Es folgte die sogenannte «Blutwoche», in der zwischen 7’000 und 30’000 Aufständische getötet wurden. Als Reaktion ermordeten «Communards» am 23./24. Mai vier Dutzend Geiseln, darunter den Erzbischof von Paris, und setzten mehrere öffentliche Gebäude in Brand. Am 28. Mai, 72 Tage nach Beginn des Aufstandes, nahmen die Regierungstruppen die letzte Barrikade. Über 40’000 «Communards» wurden verhaftet und teilweise sofort standrechtlich erschossen. Etwa 7’500 Gefangene wurden deportiert, die meisten zur Zwangsarbeit auf die Pazifik-Inseln von Neukaledonien.

Der Commune-Aufstand und die Schweiz

Die Pariser Commune wurde auch von der Schweizer Öffentlichkeit beachtet. Die Presse folgte dabei parteipolitischen Standpunkten. Katholisch-konservative Blätter lehnten die Commune scharf ab und unterliessen es auch als Seitenhieb gegen die in der Schweiz dominanten Kräfte nicht, auf die angebliche Nähe zwischen Sozialismus und Liberalismus hinzuweisen. Die liberalen Zeitungen standen der Commune ebenfalls feindselig gegenüber. Die «Neue Zürcher Zeitung» polemisierte dabei auch gegen die schweizerischen Anhänger der Ersten Internationale und nahm den Commune-Aufstand als Beleg, dass die Internationale umstürzlerisch und nicht reformistisch sei. In den Vorjahren hatte die Erste Internationale, ausgehend von der 1865 gegründeten Genfer Sektion, in der Schweiz ein stetiges Wachstum verzeichnet und umfasste auf ihrem Höhepunkt 120 Schweizer Sektionen mit etwa 10’000 Mitgliedern. Die der demokratischen Bewegung nahestehenden Blätter zeigten dagegen teilweise Sympathien oder zumindest Verständnis für die Commune und übten Kritik am Vorgehen der französischen Regierung. Die Arbeiterpresse ergriff eindeutig Partei für die Commune. Der «Grütlianer» betonte dabei neben deren sozialrevolutionärer besonders auch die republikanische Stossrichtung. Grosse Sympathien zeigten auch die «Egalité», das Blatt der Westschweizer Sektionen der Ersten Internationale, und die «Tagwacht».

Ab Ende Mai 1871 flohen zahlreiche «Communards» ins Ausland, insbesondere nach Belgien, Grossbritannien und in die Schweiz. Die französische Regierung forderte deren unverzügliche Auslieferung, was die britische Regierung und der Schweizer Bundesrat (im Unterschied zu den Regierungen Belgiens und Spaniens) aber ablehnten und darauf beharrten, die Asylgesuche der Flüchtlinge individuell zu prüfen. In der Schweizer Presse war diese Politik umstritten – besonders konservative Blätter forderten die sofortige Auslieferung aller Flüchtlinge an Frankreich. Zu den in die Schweiz geflohenen «Communards» gehörten etwa die Gemeinderatsmitglieder Charles Beslay, Arthur Arnould, Jean-Louis Pindy und Gustave Lefrançais oder der prominente Anarchist Élisée Reclus. Geflohene «Communards» spielten in der Folge eine Rolle am Kongress von Saint-Imier im September 1872, als sie zusammen mit libertären Uhrmachern der «Fédération Jurassienne», Anarchisten und Revolutionärinnen und Revolutionären aus Russland die antiautoritäre Internationale als Gegenorganisation zur zunehmend von den Anhängern Marx’ dominierten Ersten Internationale bildeten und damit eine anarchistische Massenbewegung mit internationaler Ausstrahlung schufen, die bis etwa 1880 existierte.

Erinnerung und Nachwirkung

Auch international und in der französischen Innenpolitik hatte die Commune Nachwirkungen. Noch auf der Flucht vor den Regierungstruppen dichtete der Gemeinderat und Transportarbeiter Eugène Pottier den Text der «Internationale», der 1888 von Pierre Chrétien Degeyter, dem Dirigenten des Arbeitergesangsvereins von Lille, vertont und schon bald zur Hymne der internationalen Arbeiterbewegung wurde. Zahlreiche «Communards» spielten, nachdem 1880 die gefestigte Republik eine Amnestie erlassen hatte, in den entstehenden sozialistischen Parteien Frankreichs eine wichtige Rolle. Ab 1880 fand alljährlich an der «Mur des Fédérés» des Pariser Friedhofs Père Lachaise eine grosse Gedenkfeier der französischen Linken statt. 1882 gründeten ehemalige «Communards» die Vereinigung «Amis de la Commune de Paris 1871», die bis heute existiert.

Nach dem Ersten Weltkrieg stritten sich Sozialisten und Kommunisten Frankreichs um die legitime Erbschaft der Commune. Die grösste Gedenkfeier sah das Jahr 1936 nach dem Wahlsieg des «Front Populaire», in dem Sozialisten, linksbürgerliche Radikale und Kommunisten zur Verhinderung einer faschistischen Machtübernahme zusammenarbeiteten. Bis heute ist der Commune-Aufstand im kulturellen Gedächtnis der französischen Linken ein zentrales Ereignis. Zudem publizierten im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche nichtfranzösische Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten Zeitungsartikel, Pamphlete und Bücher mit ihren jeweiligen Deutungen der Commune und daraus zu ziehenden Lehren. In der staatsoffiziellen Erinnerungskultur kommunistischer Länder spielte die Commune als angebliches Vorbild der «Diktatur des Proletariats» eine Rolle. 1960/61 benannte sogar eine sowjetische Antarktisexpedition den Parižskaja-Kommuna-Gletscher nach ihr. Darauf konnten in der Endphase des Ostblocks dann auch oppositionelle Kräfte wie das «Neue Forum» in der DDR rekurrieren. Anfang der 1980er Jahre lehnte sich aber auch eine stadtpolitische Protestbewegung in Zürich-Aussersihl in Rhetorik und Symbolik an die Pariser Commune an.

Zahlreiche kulturelle Verarbeitungen erinnern ebenfalls an die Commune. Aus der französischen Literatur zu nennen sind etwa «L’Année terrible» (1872) von Victor Hugo, «Contes du lundi» (1873) von Alphonse Daudet, «La Débâcle» (1892) von Émile Zola oder «La Commune» (1905) von Paul und Victor Margueritte, aus der nichtfranzösischen Literatur «Die Tage der Commune» (1949) von Bertolt Brecht. Eine frühe filmische Verarbeitung war das sowjetische Stummfilmdrama «Novij Vavilon» von 1929. Von 2001 bis 2004 legte der französische Comic-Autor Jacques Tardi das vierbändige Werk «Le Cri du peuple» vor.

Zu den politischen Nachwirkungen der Commune gehörte, dass sie bald als erste praktische Erprobung eines Rätesystems galt. Marx’ Beschreibung der Commune als «wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte», trug zu einer vereinfachenden Vorstellung von der Commune als proletarische Demokratie und zur Verbreitung des Rätegedankens bei. Als Grundprinzipien der Räteidee galten die hierarchische Wahl von unten nach oben (untere Räte wählen die nächsthöheren), die Aufhebung der Gewaltenteilung, die Bindung der Deputierten an Aufträge ihres Elektorats («imperatives Mandat») und dessen jederzeitige Möglichkeit der Abberufung der Deputierten. Diese Idee spielte um die Jahrhundertwende eine bedeutende Rolle im französischen Syndikalismus und bei diversen anarchistischen Unterströmungen. Arbeiterräte tauchten dann in der russischen Revolution von 1905 wieder auf. Ihren Höhepunkt erlebte die Rätebewegung von 1917 bis in die frühen 1920er Jahre, als in etwa 30 Ländern in Europa, Asien und Amerika Arbeiterräte entstanden, die bei den Revolutionen in Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn eine wesentliche Rolle spielten. Nach der Deformation der Räte als Fassade einer Parteidiktatur und der Unterdrückung oppositioneller Rätebewegungen in Sowjetrussland in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution setzte sich die Räteidee vor allem in anarchistischen und dissident-kommunistischen Zirkeln fort. In der ersten Phase des Spanischen Bürgerkriegs wurden 1936/37 weite Teile der Wirtschaft Kataloniens und anderer republikanisch kontrollierter Gebiete durch gewählte Betriebsräte geleitet. Später tauchten Arbeiterräte während des ungarischen Volksaufstands von 1956, der portugiesischen Nelkenrevolution von 1974 oder der iranischen Revolution von 1979 auf und spielte die Räteidee auch eine wichtige Rolle in Hannah Arendts Werk «On Revolution» (1963), bei der 68er-Bewegung sowie verschiedenen Spielarten der «Neuen Linken». In all diesen Zusammenhängen war auch die Pariser Commune von 1871 stets ausdrücklich oder zumindest implizit als Vorbild präsent.

Material zum Thema im Sozialarchiv (Auswahl)

Sachdokumentation

  • KS 335/67 Pariser Kommune; Commune de Paris
  • KS 335/67a Pariser Kommune; Commune de Paris

Bibliothek

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Periodika

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  • Le Père Duchêne, NN 492

„Siebenjähriges Mädchen am Spulrad, Schwyz“

Hintergründe eines Bestsellers

Die Aufnahme zeigt ein Mädchen bei der konzentrierten Arbeit an einem Spulrad, offensichtlich in häuslicher Umgebung: Rechts ist ein Kachelofen erkennbar, an der Wand hängt ein Werbegeschenk einer Schuhhandlung. Die Fotografie war Teil der Schweizerischen Heimarbeit-Ausstellung, die 1909 in Zürich stattfand. Sie gehört seit Jahren zu den am meisten bestellten Bildern aus den Beständen des Sozialarchivs und wird in erstaunlich vielfältigen Kontexten verwendet. Wieso wurde aus der schlichten Aufnahme ein Bestseller?

Heimarbeit gehörte seit der Industrialisierung zur wirtschaftlichen Realität. In der Schweiz war sie in vielen Branchen verbreitet: in der Stickerei und Weberei, beim Holzschnitzen, Strohflechten und Bürstenbinden, in der Tabakverarbeitung und in der Uhrenindustrie. Die Mechanisierung verdrängte zwar in gewissen Branchen wie der Spinnerei schon früh die häusliche Produktion. Trotzdem kam die eidgenössische Betriebsstatistik 1905 auf die Zahl von rund 100’000 in der Heimindustrie Beschäftigten. In der Regel handelte es sich um einen Zusatzverdienst, für den häufig auch die Arbeitskraft von Frauen und Kindern mobilisiert wurde. Die tatsächliche Zahl der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter dürfte allerdings um einiges höher gelegen haben. Die Erhebungen für die Betriebsstatistik wurden im Sommer durchgeführt, also ausgerechnet dann, wenn die Heimarbeit wegen saisonaler Beanspruchung durch landwirtschaftliche Arbeiten sowieso eher in den Hintergrund trat. Zudem hatte man darauf verzichtet, unter 14-Jährige mitzuzählen. Die Vernachlässigung der Kinderarbeit führte dazu, dass die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft nachträglich versuchte, diese Zahl zu eruieren. Allerdings verweigerte mehr als die Hälfte der Kantone ihre Zusammenarbeit bei dieser Enquête. Schliesslich legte man sich auf eine Schätzung von 25’000 Kindern fest, die in der Hausindustrie beschäftigt waren. Das entsprach fast 10% aller schulpflichtigen Kinder!

Die weitverbreitete Kinderarbeit war ein zentraler Kritikpunkt an der Heimarbeit. Miserable Löhne, unhygienische Verhältnisse wegen des Zusammenfallens von Wohn- und Arbeitsräumen, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und die fehlenden sozialen Absicherungen bei Arbeitsausfällen waren zwar schon lange bekannt, gerieten aber nach der Jahrhundertwende in den Fokus des öffentlichen Interesses. 1906 fand in Berlin eine erste Ausstellung zur Heimarbeit statt, die europaweit Aufsehen erregte. 1907 richtete die Schweizerische Vereinigung für die Förderung des internationalen Arbeiterschutzes ein Gesuch an den Bundesrat, eine grossangelegte Enquête zur Heimarbeit durchzuführen und endlich für ihre gesetzliche Regulierung zu sorgen. 1908 schliesslich begannen unter der Führung des Schweizerischen Arbeiterbundes die Vorbereitungen für eine Schweizerische Heimarbeit-Ausstellung. Deren Ziel sollte es sein, Arbeitsprodukte auszustellen, das Leben der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter bildlich darzustellen und die Problematik mit statistischen Angaben zu Produktionsbedingungen und Löhnen zu beleuchten.

Dem Arbeiterbund gelang es, die Finanzierung der Ausstellung durch die Eidgenossenschaft sicherzustellen. Im Juli 1909 öffnete die erste Schweizer Heimarbeit-Ausstellung im Zürcher Hirschengraben-Schulhaus ihre Tore. Wie geplant hatte man eine Fülle von Heimarbeit-Produkten zusammengetragen und jedes mit ausführlichen Angaben zum Herstellungsprozess und zur Entlöhnung versehen. Die Turnhalle funktionierte man zur Arbeitshalle um, wo man in kleinen Kojen Seidenbandweberinnen, Holzschnitzlern, Stickerinnen und Tabakarbeitern bei ihren Tätigkeiten zuschauen konnte. Im Rahmen der Ausstellung engagierte sich auch das Sozialarchiv (damals noch «Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz») mit einer Literaturzusammenstellung zum Thema Heimarbeit.

Eine wichtige Rolle spielten die eigens für die Ausstellung hergestellten Fotografien. Über 30 Sujets ermöglichten es den Besucherinnen und Besuchern, Menschen bei der Heimarbeit zu sehen. Das war durchaus ein Novum. Arbeitende Menschen wurden kaum fotografiert, traditionell standen Produkte oder Maschinen im Fokus der Industrie- und Gewerbefotografie. Auf den Fotos war nun aber zu sehen, in welch beengten und oft ärmlichen Verhältnissen die Heimarbeiten verrichtet wurden.

Die Fotos verfehlten ihre Wirkung nicht. Viele Ausstellungsrezensionen der Arbeiterpresse erwähnen sie lobend, etwa auch in der Zeitung «Die Vorkämpferin»: «Gar viel wissen sie zu erzählen dem, der mit warmempfindendem Herzen sich ihrer Betrachtung hergibt.» – Leider sind nur wenige Originalabzüge erhalten geblieben, die einen Rückschluss auf die Urheberschaft erlauben würden. Immerhin ist klar, dass in der Zentralschweiz der Fotograf Adolf Odermatt aus Brunnen für die Ausstellungsmacher unterwegs war. Er fotografierte auch den eingangs erwähnten Sozialarchiv-Besteller, dessen offizielle Bildlegende lautete: «Siebenjähriges Mädchen am Spulrad, Schwyz».

Die Fotografien dienten als Vorlage für eine Postkartenserie, die in einer Auflage von 170’000 Exemplaren produziert wurde. Sie konnte an der Ausstellung erworben werden; eine einzelne Postkarte zum Preis von 20 Rappen galt als Eintrittskarte. Das damals äusserst populäre Kommunikationsmedium als Billett umzufunktionieren erwies sich als kluger Schachzug. Für einen bescheidenen Preis erstand man sich neben dem Eintritt eine Postkarte und verbreitete später per Post das Bild der Heimarbeit in der Schweiz und in der Welt.

Die bis heute anhaltende Beliebtheit des Mädchens am Spulrad liegt vor allem in ihrer vielfältigen Verwendbarkeit. Die Aufnahme dokumentiert einen damals vertrauten Arbeitsvorgang in der Heimweberei: Die Spulen, die später im Webstuhl verwendet werden, müssen auf dem Spulrad mit dem entsprechenden Faden bestückt werden. Dieser Vorgang galt als eher anspruchslos, repetitiv und mühselig, weshalb er oft alten Frauen oder eben Kindern übertragen wurde. Das auf der Aufnahme zentral postierte Mädchen wirkt ernst und konzentriert. Man darf annehmen, dass es aufgrund des Fototermins in gute Kleider gesteckt und frisiert wurde. Der Arbeitsplatz ist lichtdurchflutet und in Nähe einer Wärmequelle. Diese Art der Inszenierung ermöglichte später eine Verwendung auch in anderen Kontexten als der Thematisierung von Kinderarbeit in der Heimindustrie. Die Verharmlosung kann so weit auf die Spitze getrieben werden, dass die Aufnahme «die gute alte Zeit» illustriert, in der auch die jüngsten Familienmitglieder in gemütlicher Umgebung einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen.

Die an der Ausstellung gezeigten Fotos verfolgten grundsätzlich aufklärerische Zwecke: Dank der Detailtreue der Aufnahme sollte der Arbeitsablauf erkenn- und rekonstruierbar werden. Und wegen des Einbezugs des räumlichen Kontextes sollte klar werden, wie miserabel die Arbeitsbedingungen oft waren. In vielen Fällen gelang dies. Im Fall des Mädchens am Spulrad machte die Ästhetik den Absichten vielleicht einen Strich durch die Rechnung. Das gewinnende Aussehen des Mädchens am Spulrad und die an sich heimelige Umgebung machten es möglich, unangenehme Aspekte auszublenden: Sollte ein Kind in diesem Alter nicht eigentlich in der Schule sein? Erhält es einen Lohn? Oder wird seine Arbeitskraft ausgebeutet, um den ohnehin kargen Heimarbeitsverdienst nicht noch mehr zu schmälern? Wenn die Stube gleichzeitig Arbeitsort ist, wo bleibt dann der Platz fürs gemütliche Beisammensein, Essen, Spielen?

Die Wirkung der Fotos an der Ausstellung kann nur noch bruchstückhaft rekonstruiert werden. Immerhin erwähnen alle Rezensionen der vielfältigen Arbeiterpresse den eindrücklichen dokumentarischen Wert der Aufnahmen. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass diese Form der bildlichen Wiedergabe von Arbeitsprozessen unter Einbezug der Arbeitenden neu und höchst willkommen war. Lediglich die Zeitung «Der Textil-Arbeiter» merkte kritisch an: «Was sie freilich nicht zeigen, das ist das Elend. Es sind Künstlerkarten, deren Wert nicht auf agitatorischer Seite, sondern viel mehr darin liegt, dass die Bilder unsere Kenntnisse von der Heimarbeit erweitern und deren Verzweigtheit und Vielseitigkeit aufdecken. Die Karten werden gewiss grossen Absatz finden.»

Im Hirschengraben-Schulhaus wurden die Fotos kombiniert mit Tafeln, auf denen neben der Art der Heimarbeit und Angaben zur ausführenden Person auch der Lohn vermerkt war. Die Stundenlöhne schwankten zwischen 6 und 50 Rappen und waren rot hervorgehoben, um dem Anliegen einer besseren Entlöhnung Nachdruck zu verleihen.

Im Rahmen der Ausstellung fand der erste Schweizerische Heimarbeiterschutzkongress statt. Die vorwiegend männlichen Referenten zählten am zweitägigen Anlass die Hauptkritikpunkte auf: die niedrigen Verdienstmöglichkeiten, die weitverbreitete Kinderarbeit, die durch Heimarbeit bedingten unhygienischen Arbeits- und Wohnformen sowie die fehlende Gesetzgebung. Einer der Redner war übrigens Paul Pflüger, der Gründer des Schweizerischen Sozialarchivs. Er hielt ein flammendes Plädoyer für eine gesetzliche Regelung der Heimarbeit auf eidgenössischer Ebene. Ausserdem sprach er sich dafür aus, die Arbeiterschaft endlich zu organisieren, auch wenn er gewisse Zweifel am Erfolg hegte. Er zweifelte an der Organisierbarkeit von Frauen, die den grössten Teil der Heimarbeit erledigten, weil ihr «Berufs- und Kollegialitätssinn äusserst minim entwickelt» sei.

Nach dem Publikumserfolg in Zürich wurde die Heimarbeit-Ausstellung im Herbst 1909 in Basel gezeigt. Die Bemühungen, auf legislativer Ebene den Missständen einen Riegel zu schieben, wurden 1910 mit einem ersten internationalen Heimarbeit-Kongress in Brüssel weiterverfolgt. 1912 fand in Zürich die zweite Austragung statt. Einem kontinuierlichen Druckaufbau versetzte dann der Erste Weltkrieg – wie so vielen anderen sozialpolitischen Anliegen – einen empfindlichen Dämpfer.

Ein kleiner Teil des Ausstellungsmaterials – u.a. ein paar «Etiquetten» mit wichtigen Daten zur Heimarbeit – landete im Sozialarchiv. Dazu gehört auch ein Originalabzug des Mädchens am Spulrad. Die Postkarte mit demselben Motiv taucht immer wieder in Archivablieferungen auf; die hohe Auflage hatte für eine zuverlässige Verbreitung gesorgt. Vor wenigen Jahren schliesslich haben wir den Archivbestand der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit übernommen. Bestandteil ist eine Serie von 31 Glasdias, die mit «Heimarbeit-Ausstellung» beschriftet sind. Ob an der Ausstellung 1909 in Zürich und Basel noch mehr Fotos gezeigt wurden, lässt sich nicht mehr eruieren. Die 31 Aufnahmen erlauben aber einen einmaligen Einblick in ein düsteres Kapitel Schweizer Industriegeschichte.

Material zum Thema im Sozialarchiv:

  • Sachdokumentation
    KS 331/21a-d: Ausführliche Dokumentation zum Thema Heimarbeit in der Schweiz; enthält u.a. den Führer zur schweizerischen Heimarbeit-Ausstellung 1909 von Jacob Lorenz und die Verhandlungen des ersten allgemeinen Schweizerischen Heimarbeiterschutzkongresses vom 7. und 8. August.
  • Bild + Ton
    F 5099: Der Bestand der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit ist online, darunter auch die 31 Glasdias mit den an der Ausstellung gezeigten Motiven.

Weiteres Bildmaterial ist in der Datenbank Bild + Ton mit einer Abfrage «Heimarbeit 1909» zu finden.