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Plakat der RML zur Reichtumssteuer-Initiative der SP, Abstimmung 4.12.1977 (Urheber:in unbekannt/SozArch F Pc-1443)
Plakat der RML zur Reichtumssteuer-Initiative der SP, Abstimmung 4.12.1977 (Urheber:in unbekannt/SozArch F Pc-1443)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Gabriel Zucman: Reichensteuer. Aber richtig! Berlin, 2026

Wie kommt es, dass Ultrareiche in vielen Ländern keine oder fast keine Einkommenssteuern zahlen? Milliardäre beziehen ihr Einkommen hauptsächlich in Form von Dividenden aus Aktien. Die Dividenden können sie thesaurierend in Holdinggesellschaften reinvestieren und der reinvestierte Ertrag erwirtschaftet wiederum Rendite. So wächst ihr Vermögen kontinuierlich an, ohne dass die Dividenden je als Einkommen erscheinen. Das Steuersystem wirkt in der Folge für Ultrareiche regressiv statt progressiv. Dies widerspricht dem steuerlichen Gleichheitsprinzip, wonach sich alle an der nationalen Solidarität beteiligen sollen. In Frankreich besitzen die 500 reichsten Familien inzwischen 42% (!) des BIP (Stand 2024) und damit ein plutokratisches Machtpotenzial, das für eine Demokratie gefährlich ist.
Zur Bekämpfung des Überreichtums schlägt Gabriel Zucman (*1986), Professor für Wirtschaftswissenschaften in Paris und seit 2021 Leiter der Europäischen Beobachtungsstelle zur Steuerpolitik, eine Mindeststeuer vor: Ab einem Vermögen von 100 Millionen Euro müssen Ultrareiche 2% ihres Vermögens als Einkommen versteuern – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bei einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 6%, die Milliardäre auf ihrem Vermögen erzielen, entspricht dieser Steuersatz ca. einem Drittel ihres Vermögensertrags und damit dem durchschnittlichen Einkommenssteuersatz von 33%. In Frankreich wären rund 1’800 Haushalte von dieser Steuer betroffen und sie würde ca. 20 Milliarden Euro Einnahmen pro Jahr generieren. Die Mindesteinkommenssteuer bietet im Gegensatz zu bisherigen Reichensteuern keine steuerrechtlichen Schlupflöcher und Ultrareiche können ihr kaum entgehen, da sie an das Vermögen gekoppelt ist, welches sich (nicht zuletzt dank des Automatischen Informationsaustauschs) schlecht verschleiern lässt.
Wer denkt, das Steuersystem sei zwar ungerecht, aber zu komplex, um es zu verstehen, sollte dieses schmale Bändchen von Gabriel Zucman unbedingt lesen!

Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Ditzingen, 2025

Der Philosoph und Mathematiker Rainer Mühlhoff, Professor für Ethik der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück, warnt eindringlich vor dem antidemokratischen Potenzial der KI als Nährboden eines neuen Faschismus aus der Synergie von Alt-Right-Politik à la Trump und AfD und elitistischen Tech-Ideologien à la Musk und Konsorten, deren Konzerne tagtäglich millionenfach unsere Daten und algorithmische Systeme nutzen, um unser Verhalten zu steuern und Ungleichheit zu verstärken.
Zentrales Kennzeichen der neuen faschistischen Kräfte sei deren Bestreben, die Möglichkeiten von Datenanalyse- und KI-Technologien zu nutzen, um den Rechtsstaat und die demokratische Ordnung zu schwächen und durch ein «schlankes», auf Automatisierung und Algorithmen beruhendes Staatswesen zu ersetzen. Freilich führen gemäss Mühlhoff KI-Technologien nicht zwangsläufig in diese Richtung. Zur Abwehr des Abgleitens in einen KI-unterstützten Faschismus sind seines Erachtens vor allem zwei Punkte wichtig: Die Isolation der antidemokratischen Kräfte nicht nur durch parlamentarische «Brandmauern», sondern etwa auch durch Berichterstattung über deren Sabotageversuche parlamentarischer Abläufe sowie Widerstand gegen deren Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit. Und ein neues Sprechen über KI: An die Stelle technokratischer Heilserwartungen sowie naiver und deterministischer Fortschrittsnarrative sollte insbesondere die Thematisierung und Realisierung der Spielräume für demokratische Mitgestaltung und öffentliche Kontrolle von KI treten.

George Orwell: Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch. Ditzingen, 2026

Das Interesse an George Orwell, der vor allem für seine antistalinistische Parabel «Animal Farm» (1945) und den dystopisch-antitotalitären Roman «Nineteen Eighty-Four» (1949) bekannt ist, erlebt zurzeit vor dem Hintergrund von autoritärem Backlash, zunehmender digitaler Überwachung und überbordender Fake-News-Kampagnen eine Renaissance. Diese hat sich nicht nur im Merchandise-Brand «Make Orwell Fiction Again», sondern auch in Neuauflagen seiner Werke sowie gegenwartsbezogener Sekundärliteratur niedergeschlagen.
Zum ersten Mal liegt nun auch eine deutschsprachige Auswahl von Orwells 1943 bis 1949 für die Zeitschrift «Tribune» verfassten Kolumnen vor. Sie decken das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Übergang in den Kalten Krieg, den der 1950 verstorbene Orwell gerade noch erlebte, ab und behandeln feuilletonistisch Themen, die Orwell in seinen zeitgleich verfassten Hauptwerken auch literarisch beschäftigten: Totalitarismus, Krieg, Oligarchie, Propagandatechniken, Verschwörungstheorien, Desinformation. Viele Beobachtungen Orwells erscheinen sehr aktuell, etwa, wenn er Anfang 1944 auf die Auswirkungen der Medialisierung von Kriegsereignissen für die Geografiekenntnisse der Bevölkerung hinweist, wenige Wochen später die Problematik einer von allen politischen Lagern geteilten Faschismusdefinition anspricht, Ende 1945 die Vorstellung vom völkerverbindenden Charakter des Sports in Zweifel zieht oder im Januar 1946 über das Verhältnis totalitärer Systeme zur Geschichte (die aus Sicht totalitären Denkens nicht studiert, sondern geschaffen werden muss) und Vernunft (deren Gesetze von totalitären Politikern missachtet werden können) räsoniert.

Weitere Bücher von und über George Orwell im Sozialarchiv (Auswahl):

  • Atkins, John: George Orwell: A literary study. London 1954, 22318
  • Büthe, Lutz: Auf den Spuren George Orwells: Eine soziale Biographie. Hamburg 1984, 76164
  • Crick, Bernhard: George Orwell: A life. London 1981, 73780
  • Hasselblatt, Dieter (Hg.): Orwells Jahr: Ist die Zukunft von gestern die Gegenwart von heute? Frankfurt 1983, 75135
  • Johansen, Anatol: Orwell im Verhör: Die Befragung des Grossen Bruders. München 1984, 75493
  • Karp, Masha: George Orwell and Russia. London 2023, 150704
  • Lang, Hans-Joachim: George Orwell: Eine Einführung. München 1983, 75305
  • Lewis, Peter: George Orwell: Biographie. Frankfurt 1982, 73241
  • Meyer-Larsen, Werner (Hg.): Der Orwell-Staat 1984: Vision und Wirklichkeit. Reinbek 1983, 74989
  • Neumann, Horst und Heinz Scheer (Hg.): Plus minus 1984: George Orwell Vision in heutiger Sicht. Freiburg i. Br. 1983, 75508
  • Orwell, George: La vache enragée. Paris 1935, Bo 2464
  • Orwell, George: Farm der Tiere: Eine Fabel. Zürich 1946, 14646
  • Orwell, George: Neunzehnhundertvierundachtzig: Roman. Zürich 1950, 17546
  • Orwell, George: Das verschüttete Leben: Roman. Zürich 1953, 19654
  • Orwell, George: Selected Essays. Harmondsworth 1957, 23108
  • Orwell, George: The lion and the unicorn: Socialism and the English genius. London 1962, 42145
  • Orwell, George: Mein Katalonien. München 1964, 32010
  • Orwell, George: Der Weg nach Wigan Pier. Zürich 1982, 73437
  • Orwell, George: Reise durch Ruinen: Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945. München 2021, 146716
  • Plank, Robert: George Orwells «1984»: Eine psychologische Studie. Frankfurt 1983, 75313
  • Rosat, Jean-Jacques: L’esprit du totalitarisme: George Orwell et 1984 face au XXIe siècle. Marseille 2025, 155182
  • Rosenstiel, Francis und Shlomo Giora (Hg.): Big brother, un inconnu familier: Contributions au Colloque George Orwell: 1984, mythes et réalités. Lausanne 1986, 82177
  • Schröder, Hans-Christoph: George Orwell: Eine intellektuelle Biographie. München 1988, 87569
  • Shelden, Michael: George Orwell: Eine Biographie. Zürich 1993, 95465

Silvia Süess: Reden, um nicht zu ersticken. Uschi Waser – die Lebensgeschichte einer Jenischen. Zürich, 2026

Uschi Waser war ein «Kind der Landstrasse» und erzählte Silvia Süess erstmals darüber in einem Interview, das im November 2023 in der Wochenzeitung WOZ in vier Teilen erschien. Die Aktion «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute wurde 1926 gegründet und hatte das Ziel, Kinder jenischer Familien ihren Eltern wegzunehmen und damit die jenische Kultur in der Schweiz systematisch auszulöschen. Das «Hilfswerk» bestand bis 1973.
1989 las Uschi Waser im Alter von 36 Jahren erstmals ihre Pro-Juventute-Akten – ein Moment, der bei ihr einen Zusammenbruch auslöste. Bis dahin hatte sie das Ausmass des staatlichen Unrechts, das sie erfahren hatte, nicht vollständig erkannt. Die Konfrontation wurde zu einem Wendepunkt: Von da an begann sie öffentlich über ihre Biografie zu sprechen – auch stellvertretend für viele andere Betroffene. Im Bundesarchiv sind rund 600 Akten erhalten, tatsächlich dürften jedoch weit mehr Kinder betroffen gewesen sein. Schätzungen von Betroffenenorganisationen gehen von bis zu 2’000 Kindern aus.
Das Erzählen wurde für Uschi Waser zur Überlebensstrategie und ist es bis heute geblieben. Die WOZ-Kulturredakteurin Silvia Süess kam zum Schluss, dass journalistische Artikel allein nicht ausreichen, um Wasers Kampf sichtbar zu machen. Deshalb schrieb sie das nun vorliegende Buch, das in der Schweizer Presse breite Beachtung fand.
Die Verfolgung der Jenischen in der Schweiz wurde im Februar 2025 in einem im Auftrag des Eidgenössischen Departements des Innern erstellten Rechtsgutachten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Uschi Wasers Lebensgeschichte macht sichtbar, wie tiefgreifend die erfahrene Unmenschlichkeit war. Zugleich ermöglicht ihr beharrliches öffentliches Sprechen, dass dieses Unrecht heute nicht vergessen wird.

Im Sozialarchiv befinden sich sowohl die Dokumentation «Kinder der Landstrasse» (SozArch Ar 474) als auch das Archiv von Pro Juventute (SozArch Ar PJ).

Am 22.10.2026 findet im Sozialarchiv im Rahmen des Buchfestivals «Zürich liest» eine Buchpräsentation mit Uschi Waser und Silvia Süess statt.

Hu Anyan: Ich fahr Pakete aus in Peking. Berlin, 2025

Hu Anyan schreibt über seine insgesamt neunzehn Jobs, die er nach seinem Highschool-Abschluss hatte. Er zeichnet Mangas, arbeitet als Fahrradmechaniker, als Verkäufer in einem 24h-Shop, in einem Logistikzentrum, in einer Kantinenküche, an einer Tankstelle und er liefert Pakete in Peking aus. Alles Tätigkeiten im Niedriglohnsektor, zu unguten Bedingungen: 13-Stunden-Schichten ohne Pause, zwei Wochen arbeiten ohne einen einzigen freien Tag, unbezahlte Einarbeitungszeit, Nachtarbeit, schlechte Ausrüstung, arbeiten ohne Krankenversicherung und ohne Urlaubsanspruch, jederzeit kündbar und bei manchen Arbeitsstellen muss er auch da wohnen.
Das titelgebende Kapitel «Ich fahr Pakete aus in Peking» ist das Herzstück des Buchs, in welchem er die unglaublich ineffiziente Vorstellungsprozedur mit Gesundheitsnachweis und langen Wartezeiten beschreibt – nach zwei Wochen kann er für drei Tage zur Probe bei einem Kollegen mitarbeiten, bis er selbst einen schlecht gewarteten Trike (dreirädriges Kraftfahrzeug) abholen darf und auf Stundenlohnbasis eingesetzt wird. Die Kund:innen ordern auch Waren an ihren Arbeitsort. Da ein Kranführer, der ein Paket an seine Baustelle bestellt hat, nicht vom Kran heruntersteigen kann, um es entgegenzunehmen, muss der Kurier das Paket am nächsten Tag erneut anliefern. Aus Angst, ihre genaue Adresse anzugeben, bestellen manche Kund:innen ihre Ware auf einen bestimmten Zeitpunkt an Strassenecken oder öffentliche Plätze, was oft auch nicht funktioniert. Für den Abend wird erwartet, dass man an firmeninternen Kursen teilnimmt.
Bei einem solchen Leben ist es kaum möglich, noch anderen Interessen nachzugehen oder Freundschaften zu pflegen. Hu Anyan schafft es trotzdem, sich immer wieder längere Zeit dem Schreiben und Lesen zu widmen. Seine Eltern schildert er als einfache Menschen, die das heutige China nicht mehr verstehen, aber darauf bedacht sind, alles richtig zu machen. Der ganze Bericht ist merkwürdig emotionslos, lakonisch und zum Teil (wahrscheinlich) unfreiwillig komisch geschrieben.

24. Juni 2026Susanne Brügger zurück