Das Lebenswerk des Zürcher Fotografen Ernst Koehli (1913-1983) wurde in den 1980er Jahren im letzten Augenblick vor der Vernichtung gerettet. Im Jahr 2019 erschien ein erstes Buch über Koehlis Fotografie. Nun sind mehrere Tausend weitere Fotos online zugänglich (SozArch F 5144) und erweitern den Blick auf den «Chronisten der sozialen Schweiz».
Während der Corona-Pandemie verlagerten sich auch im Sozialarchiv viele Arbeitsplätze ins Homeoffice. Aufgaben mussten neu definiert oder unter den erschwerten Begleitumständen auch neu gefunden werden. Eine Mitarbeiterin verlegte kurzerhand die Scan-Infrastruktur zu sich nach Hause und widmete sich Ernst Koehlis Nachlass, der seit drei Jahren im Haus und erst teilweise bearbeitet war.
Das im Jahr 2019 erschienene und vom Grafiker Raymond Naef zusammen mit Christian Koller herausgegebene Buch «Chronist der sozialen Schweiz – Fotografien von Ernst Koehli 1933-1953» legte den Schwerpunkt auf diejenigen Fotos, die Koehli für verschiedene Auftraggeber aus der Arbeiterbewegung gemacht hatte. Die Abbildungen im Buch stammten aus einer ersten Auswahl, die Naef aus dem immensen Fundus des Gesamtarchivs getroffen hatte. Naef war es auch gewesen, der Koehlis Nachlass kurz nach dessen Ableben buchstäblich vor der Entsorgung gerettet hatte: 1984 stiess Naef in einem Schaukasten zufällig auf Fotos von Koehli. Er verfolgte die Spur und stiess bei Koehlis Witwe auf offene Ohren – sie wollte die Negative, Glasplatten und Abzüge ihres Mannes sowieso loswerden und übergab sie Naef. Dieser erkannte schnell den sozialdokumentarischen Wert vieler Fotos. Im Jahr 2017 übergab Naef das gesamte Fotoarchiv von Ernst Koehli (rund 16’000 Negative) dem Schweizerischen Sozialarchiv.
Bei diesem Fotoarchiv handelte es sich jedoch nicht um das komplette Werk Koehlis, denn seine Witwe hatte offenbar bereits vor der Kontaktaufnahme durch Naef auszusortieren begonnen und Aktbilder und Pflanzenaufnahmen entsorgt. Glücklicherweise hat aber Koehlis minutiös geführte Auftragskartei überlebt und ebenfalls den Weg ins Sozialarchiv gefunden. Anhand der Karteikarten liess sich nämlich in vielen Fällen nachvollziehen, wann er für welchen Auftraggeber fotografiert hatte, und für die Erschliessung der Negative erwies sich die Kartei als äusserst wertvoll. Es zeigte sich einmal mehr, wie aufschlussreich Auftragsbücher oder -karteien für die archivische Arbeit sind.
Obgleich 16’000 Negative, gemessen am Umfang anderer Nachlässe, keine grosse Dimension darstellen, fehlten für die Aufarbeitung während mehrerer Jahre doch die Kapazitäten. Erst der erzwungene Stillstand während der Pandemie brachte Bewegung in das Koehli-Nachlass-Projekt. Rund ein halbes Jahr lang scannte die Mitarbeiterin die Negative. Mithilfe der Daten in der Auftragskartei konnte danach die Erschliessung in Angriff genommen werden. Nun sind nahezu 15’000 Fotos online verfügbar. (Auf die zahlreichen Passbilder und Fotos von Neugeborenen, für die keine Metadaten eruierbar waren, wurde verzichtet.)
Bei der Bearbeitung von Koehlis Fotoarchiv bestätigte sich im Grossen und Ganzen der Eindruck, den die erste Auswahl von Naef hinterlassen hatte. Koehli war zeitlebens der Arbeiterbewegung und ihren Organisationen verpflichtet. Fotos von gewerkschaftlichen Anlässen und Aktionen, von parteipolitischen Events und Wahlkämpfen der SP sowie von den Aktivitäten des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks sind zahlenmässig stark vertreten. Diese Aufträge garantierten wohl Koehlis Grundeinkommen. Daneben fotografierte Koehli aber auch in vielen anderen Bereichen, die für das Sozialarchiv ebenso zentral sind. Bilder, die er im Auftrag von Warenhäusern, Grossverteilern und Discountern machte, zeigen den wirtschaftlichen Aufschwung und die Konsumfreude der Nachkriegszeit. Globus, Denner und die Migros riefen Koehli, wenn es darum ging, die neue Schaufensterdekoration oder das üppige, wohl geordnete Warensortiment in den Ladenregalen zu dokumentieren.
Die grösste Auftraggeberin war jedoch die städtische Berufsberatung, für welche Koehli insgesamt fast 2’000 Fotos anfertigte. Das Kaleidoskop an Professionen – viele davon längst verschwunden – sollte den Schulabgänger:innen die Berufe bildlich schmackhaft machen. Eine Entdeckung für Technikaffine dürften Koehlis Fotos der «fera» sein. Die «Ausstellung für Fernseh-, Radio-, Phono- und Tonbandgeräte» fand jährlich in den Züspa-Hallen in Oerlikon statt und war ein Publikumsmagnet. Koehli fotografierte dort zwischen 1959 und 1976 so manche Innovation und wich auch ein paar wenige Male von seinem Standardformat ab: Seine einzigen Farbaufnahmen entstanden an den Ständen von Philips, Thorens und Studer-Revox.
Bereits die Fotos im erwähnten Buch aus dem Jahr 2019 zeugten von einer konsequenten ästhetischen Handschrift und von Koehlis solidem handwerklichen Können – schliesslich hatte er an der Kunstgewerbeschule Zürich in der Fachklasse für Fotografie den Unterricht vom renommierten Hans Finsler genossen! Auch die Bilder aus Koehlis opulentem Fotoarchiv bezeugen seine typische Herangehensweise: Er fotografiert aus Distanz, wahrt Abstand, ist nie übergriffig. Koehli bleibt damit seiner Haltung als zurückhaltender Dokumentarist treu. Sein Stil tendiert allerdings auch dazu, dass die Bilder etwas gleichförmig und teilnahmslos wirken. Fotografiert Koehli Menschen, zeigt er sie fokussiert auf ihr Tun. Seine Fotos erzählen keine persönlichen Geschichten und evozieren beim Betrachten kaum Emotionen.
Diese Beschränkung auf das Funktionale mag mit ein Grund sein, warum Koehli weder zeitlebens noch posthum eine nur annähernd vergleichbare Wertschätzung erfuhr wie seine Berufskollegen Jakob Tuggener oder Paul Senn, die weniger als Auftragsfotografen, denn als Künstler wahrgenommen wurden. Koehlis Lebenswerk bleibt nichtsdestotrotz ein herausragendes Zeugnis sozialdokumentarischer Fotografie in der Schweiz. Es umspannt von der späteren Zwischenkriegszeit bis zum Ende der Hochkonjunktur in der Nachkriegszeit eine unglaublich ereignisreiche Zeit, die Koehli gewissenhaft und unbestechlich festgehalten hat.



