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Leni Robert, ca. 1980 (Foto: Edouard Rieben/SozArch F Fa-0008-15)
Leni Robert, ca. 1980 (Foto: Edouard Rieben/SozArch F Fa-0008-15)

Buchempfehlungen der Bibliothek

Bettina Hahnloser: Leni Robert. Die Unbezähmbare. Zürich, 2025

Leni Robert, die dieses Jahr ihren 90. Geburtstag feiert, gehörte in der Schweiz zu den ersten Frauen, die ein politisches Amt innehatten. Sie setzte sich in ihrer politischen Laufbahn für Gleichberechtigung, Umweltschutz und Bildung ein und prägte in den 1970er und 1980er Jahren als grün und sozial orientierte Politikerin die Stadt und den Kanton Bern. Ihr Vater, Jakob Bächtold, war Umweltschützer und Politiker im LdU. Leni Bächtold wuchs in Bern, Meiringen und Schaffhausen auf. Nach Auslandsaufenthalten in Paris und Warschau studierte sie in Bern und Zürich Slawistik, Germanistik und Journalistik. 1963 heiratet sie Jean Denis Robert. 1966 wird ihr Sohn geboren, 1968 stirbt ihr Mann an Krebs.
1983 führte Roberts Kritik am freisinnigen Berner Polizeidirektor anlässlich eines Polizeieinsatzes gegen Demonstrierende zum Bruch mit der FDP, die sie daraufhin nicht für die Nationalratswahlen nominierte. Robert trat aus der FDP aus und gründete mit Verbündeten die ökologisch ausgerichtete, linksbürgerliche Freie Liste, als deren Vertreterin sie die Wahl in den Nationalrat schaffte. 1986 eroberten Leni Robert und ihr Parteikollege Benjamin Hofstetter im Nachgang zur Aufdeckung eines Finanzskandals in der bernischen Kantonsverwaltung je einen Sitz im Berner Regierungsrat. Robert wurde die erste Regierungsrätin des Kantons Bern und die erste grüne Regierungsrätin der Schweiz.
Es ist beeindruckend, wie Leni Robert als junge alleinerziehende Mutter in einem patriarchal geprägten Umfeld als Politikerin bestehen konnte. 1974 gründete sie den Verein «Bern bleibt grün» und war bis 1986 dessen Präsidentin. Von 1982 bis 1986 sass sie im Vorstand der Frauenzentrale des Kantons Bern sowie von 1984 bis 1994 im Zentralvorstand von Pro Natura und war von 1991 bis 2002 Präsidentin der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi. 1984 erhielt sie den Preis des Schweizerischen Verbands für Frauenrechte.

August Modersohn: In einem neuen Land. Eine deutsche Reportage. Berlin, 2025

Mit seinem Buch «In einem neuen Land» legt der Journalist August Modersohn eine spannend erzählte Reportage über ein Deutschland im Wandel vor. Modersohn reist durch Städte, Milieus und Biografien, die bislang kaum im Mittelpunkt von Betrachtungen standen, und hört genau zu. Etwa bei seinem Besuch in Pforzheim im Bundesland Baden-Württemberg, wo im März 2025 29,3 Prozent der Wahlberechtigten die AfD wählten und wo wirtschaftliche Brüche, Migration und politische Verunsicherung auf engstem Raum zusammentreffen. In Gesprächen mit kritischen Einwohner:innen wird deutlich, wie sich gesellschaftliche Spannungen zuspitzen und warum die AfD längst nicht mehr nur in Ostdeutschland Anhänger:innen gewinnt, sondern eben auch in westdeutschen Städten Fuss fasst.
Ein anderes Kapitel führt zu Cowboys im Bayerischen Wald, zu einer Reenactment-Szene, die auf den ersten Blick hinterwäldlerisch wirkt, aber viel über Sehnsüchte nach Ordnung, Freiheit und Zugehörigkeit erzählt. Komplettiert werden die Reportagen durch ein Interview mit der kürzlich verstorbenen CDU-Politikerin Rita Süssmuth, deren Blick auf Demokratie, Migration und gesellschaftlichen Zusammenhalt dem Buch einen historischen Rahmen verleiht.
Modersohn registriert und schreibt, ohne vorschnell zu verurteilen und durchaus auch mit Humor. Wer wissen will, warum sich das politische Klima in Deutschland verändert, findet hier keine einfachen Antworten, aber viele präzise Beobachtungen.

Martin Andree: Krieg der Medien. Dark Tech und Populisten übernehmen die Macht. Frankfurt/New York, 2025

Die Kampfschrift des Medienwissenschaftlers Martin Andree versteht sich als «Last Call» für die Demokratie. Sie sieht in der Gegenwart einen Kampf um die Medien und einen Kampf in den Medien. Einerseits seien die Tech-Konzerne von Musk, Zuckerberg und Co., über deren Plattformen (mit Ausnahme des – freilich chinesisch kontrollierten – TikTok) fast der gesamte digitale Traffic läuft und «digitale Vielfalt» zur Illusion macht, daran, die klassischen Medien an die Wand zu drücken und die digitale Öffentlichkeit zu übernehmen und zu kontrollieren. Andererseits unterstütze die Koalition aus Tech und Trump (wie auch Putin) rechtspopulistische Kräfte in Europa, um die klassischen Medien (unter anderem mit Zensur-Narrativen) und die demokratischen Parteien zu diskreditieren. Als «simple» Plattformbetreiber geniessen sie dabei gegenüber den klassischen Medien ein Haftungsprivileg. Dies alles geschehe im Bestreben, den wirtschaftlichen und politischen Einfluss maximal auszuweiten und eine autoritär-libertäre Agenda auch in Europa durchzusetzen. Andree sieht die Rettung der Demokratie in einem raschen und entschlossenen, freilich äusserst aufwändigen Effort zur Rückgewinnung digitaler Souveränität in Europa durch Abschaffung von Marktprivilegien und rechtlichen Vorzugsbehandlungen der US-Tech-Konzerne und den Aufbau eigener digitaler Infrastrukturen, Medien und Märkte. Bezüglich der Chancen für ausreichendes Handeln in diese Richtung ist Andree allerdings pessimistisch. Als Alternative sieht er die «Kapitulation» der Demokratie vor der Tech-Trump-Allianz und ein dystopisches Leben in der «digitalokratischen Besatzungszone».

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl):

  • Andree, Martin: Big Tech muss weg! Die Digitalkonzerne zerstören Demokratie und Wirtschaft. Wir werden sie stoppen. Frankfurt/New York 2023, 153180
  • Butter, Michael: Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten. Berlin 2025, 155303
  • Conger, Kate und Ryan Mac: Elon Musk und die Zerstörung von Twitter. Die Inside-Story. Hamburg 2024, 153498
  • Daub, Adrian: Was das Valley denken nennt. Über die Ideologie der Techbranche. Berlin 2020, 145312
  • Foer, Franklin: Welt ohne Geist. Wie das Silicon Valley freies Denken und Selbstbestimmung bedroht. München 2018, 139847
  • Isaacson, Walter: Elon Musk. Die Biografie. München 2023, 151039
  • Jaff, Aya: Broligarchie. Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern. Berlin 2025, erwartet
  • Levy, Steven: Facebook: Weltmacht am Abgrund. Der unzensierte Blick auf den Tech-Giganten. München 2020, 144550
  • Rushkoff, Douglas: Survival of the richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind. Berlin 2025, 153779
  • Wolff, Michael: Alles oder nichts. Donald Trumps Rückkehr an die Macht. München 2025, 153829

Sven Beckert: Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution. Hamburg, 2025

Das monumentale Werk des Harvard-Historikers Sven Beckert analysiert das kapitalistische Wirtschaftssystem aus globalhistorischer Perspektive. Es betrachtet den Kapitalismus nicht als simplen europäischen Export, sondern erfasst seine interkontinentale Vernetzung, in der arabische Kaufleute, indische Weber:innen und versklavte Afrikaner:innen auf amerikanischen Plantagen ebenso zentral sind wie europäische Arbeiter:innen, Industrielle und Financiers. In den Hauptteilen «Den Kapitalismus aufbauen» (Spätmittelalter bis Mitte 18. Jahrhundert), «Der grosse Sprung» (Ende 18. bis Ende 19. Jahrhundert), «Globale Neuordnung» (Ende 19. Jahrhundert bis Ölpreiskrise 1973) und «Die Zukunft des Kapitalismus?» (neoliberaler «Ritt auf dem Tiger» in die Finanzkrise 2008 und bis in die Gegenwart) führt Beckert auf rund 1’000 Seiten durch die kapitalistische «Weltrevolution» und beleuchtet die damit einhergehenden gesellschaftlichen und politischen Transformationen, wirtschaftlichen Wachstums- und Krisenphasen und auch Schattenseiten wie Imperialismus, Kolonialismus, globale Ungleichheit und Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen. Abschliessend weist Beckert auf das Paradox zwischen der Flexibilität des Kapitalismus als Basis seiner Dynamik und dem dogmatischen Zwang zur Expansion als Existenznotwendigkeit hin. Eine Prognose stellt der Autor nicht, hält es indessen für gesichert, dass der Kapitalismus global und – angetrieben durch Krisen und politische Mobilisierungen marginalisierter Gruppen – anpassungsfähig bleiben, «irgendwann» aber ein Ende finden wird.

Zamira Abman: Coerced Liberation. Muslim Women in Sowjet Tajikistan. Toronto, 2024

Die Forschung zur sowjetischen Genderpolitik in Zentralasien wird durch Zamira Abmans neue Studie «Coerced Liberation» für Tadschikistan massgeblich bereichert. Auf Basis neuer Archivquellen und Interviews mit Zeitzeuginnen analysiert sie den Zeitraum von 1924 bis 1982. Abman beleuchtet die Paradoxien staatlicher Emanzipationsbestrebungen in einem konservativ-islamischen Umfeld, das durch die räumliche Trennung der Geschlechter geprägt war.
Zwar gelang es den Sowjets, Frauen ins öffentliche Leben zu integrieren, doch blieb dieser Erfolg oft auf eine urbane, hochgebildete Elite beschränkt. Diese «sowjetisierten» Tadschikinnen navigierten fortan zwischen beruflicher Karriere und den traditionellen Erwartungen ihres sozialen Nahraums. Diese neue Klasse stand im Kontrast zu den Frauen in ruralen, agrarischen Gebieten, in denen die sowjetischen Reformen kaum vollumfänglich griffen. Dabei darf man nicht aus den Augen verlieren, dass das sowjetische Ideal der «befreiten Frau» nicht dem entspricht, was wir heute unter Frauenbefreiung verstehen.
Die zentrale Stärke der Arbeit liegt im Fokus auf die Agency: Abman begreift Tadschikinnen nicht als passive Objekte, sondern als Akteurinnen, denen es gelang, sowjetische und muslimische Identitäten produktiv zu verknüpfen. So bietet die Studie neue Einblicke in die Ambivalenzen staatlich gelenkter Emanzipation zwischen Fortschritt und sozialistischer Disziplinierung.

Urner Institut Kulturen der Alpen (Hg.): Sonnenstrom. Alpine Energielandschaften im Umbruch. Zürich, 2025

Der Alpenraum ist durch den Klimawandel doppelt betroffen: direkt etwa durch das rasante Abschmelzen der Gletscher und das Auftauen des Permafrosts; indirekt, indem er angesichts der Dekarbonisierung der Energieversorgung als Stromlieferant die Versorungssicherheit gewährleisten soll. Da sich auch der saisonale Wasserhaushalt verändert sowie angesichts des besonders gravierenden Biodiversitätsverlusts in wassernahen Lebensräumen, stösst die Gewinnung von Strom aus Wasserkraft an ihre Grenzen. Wind und alpine Photovoltaik können die Gewässer entlasten, da sie den entscheidenden Strombeitrag im Winter liefern. Der Sammelband liest sich wie ein Weissbuch für die Aufgaben, die zur Erreichung des Netto-Null-Ziels bis 2050 dringend zu lösen sind. Die Energiewende hat mit dem im Herbst 2022 vom eidgenössischen Parlament lancierten «Solar-Express» und dem im Juni 2024 von der Stimmbevölkerung gutgeheissenen «Mantelerlass Energie» («Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien») ein konsensuelles Fundament bekommen.
Die Nutzung des alpinen Raums als Energiequelle einerseits und der Natur- und Landschaftsschutz andererseits stehen in einem Spannungsfeld. Die Beiträge loten es unter verschiedenen Aspekten aus. Wie fällt die Güterabwägung zwischen drohenden irreversiblen Klima-Kipppunkten und landschaftsverändernden rückbaubaren Solaranlagen aus? Warum werden Staumauern und -seen im Gegensatz zu Solarpanels viel eher als natürlicher Teil der Landschaft wahrgenommen und dementsprechend akzeptiert? Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Agrivoltaik (Photovoltaik in Kombination mit Alpwirtschaft) die alpine Biodiversität fördern und die Vergandung bzw. Übernutzung einzelner Flächen bremsen kann. Wird sich unser ästhetisches Empfinden bald dahingehend verändern, dass wie alpine Energielandschaften «schön» finden? Die grosszügigen Fotografien, welche die gut lesbaren Texte begleiten, stellen unsere Sehgewohnheiten im Blick auf alpine Kulturlandschaften zukunftsweisend auf die Probe.

23. März 2026Susanne Brügger zurück