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Neu online: Dokumentation zum Film «Der grüne Berg»

Im Frühling 1990 war der Kinostart von Fredi M. Murers Film «Der grüne Berg». In dem zweistündigen Dokumentarfilm äussern sich Dutzende von Interviewten zur Frage, ob im Wellenberg radioaktive Abfälle gelagert werden sollen. Nun wurde das Rohmaterial, das Murer damals als Vorbereitung für den Film drehte, digitalisiert und erschlossen. Es ist ab sofort online verfügbar (SozArch F 9103).

Das Problem, wie mit radioaktiven Abfällen verfahren werden soll, ist umstritten und ungelöst. In der Schweiz muss sich die NAGRA, die nationale Genossenschaft zur Beseitigung radioaktiver Abfälle, darum kümmern. Ab Ende 1986 machte sie Probebohrungen im Wellenberg, dem Hausberg von Wolfenschiessen (NW). Dort sollten mittel- und schwachradioaktive Abfälle gelagert werden. Der lokale Widerstand formierte sich zunächst nur zögerlich – aus den Interviews, die später ausschnittweise in «Der grüne Berg» zu sehen sind, wird deutlich, dass die Bevölkerung erst sehr spät informiert wurde und die kantonalen Behörden zuvor teilweise eigenmächtig im Sinne der NAGRA gehandelt hatten.

Der Innerschweizer Regisseur begann 1989 mit den Recherchen für einen Film über das Vorhaben. Er kontaktierte die betroffenen Landwirt:innen, sprach mit Politikern, Gewerbetreibenden, Geologen, Ingenieuren und natürlich auch mit Vertretern der NAGRA. Murer führte nahezu sechzig ausführliche Interviews und montierte Ausschnitte daraus zu einer «filmischen Landsgemeinde», so der Untertitel des Films. Die Interviews wurden im Zusammenhang mit der digitalen Restaurierung von «Der grüne Berg» ebenfalls digitalisiert. Sie stehen nun, ergänzt mit ausführlichen Inhaltsbeschreibungen, der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Die Interviews führen einem in aller Ausführlichkeit die grundsätzlichen Konflikte vor Augen und Ohren. Auf der einen Seite stehen die Bedenken der betroffenen Landwirt:innen, die sich wegen der Landansprüche der NAGRA und den unabsehbaren Langzeitfolgen eines Endlagers um ihre Existenzgrundlage sorgen. Auf der anderen Seite argumentieren die Experten der NAGRA in einer technologischen, mit Fachausdrücken gespickten Sprache und appellieren an die «freundeidgenössische Solidarität», die vonnöten sei, um das Problem der Endlagerung aus der Welt zu schaffen.

Der Widerstand der Bevölkerung formierte sich schliesslich in Gruppierungen wie der «AkW» (Arbeitsgruppe kritisches Wolfenschiessen) oder dem Verein MNA (Mitsprache des Nidwaldner Volkes bei Atomanlagen). Diese Organisationen versuchten mit Informationsveranstaltungen und direktdemokratischen Mitteln wettzumachen, was die Behörden zuvor unterlassen hatten: die ansässige Bevölkerung im Vorfeld der Probebohrungen in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

«Der grüne Berg» kam wenige Monate vor zwei atomstromkritischen Volksabstimmungen in die Schweizer Kinos, im August 1990 strahlte das Schweizer Fernsehen den Film aus. Tatsächlich nahm das Stimmvolk am 23. September 1990 zwar die Moratoriums-Initiative «Stopp dem Atomkraftwerkbau» mit 54.52% Ja-Stimmen an, ein vollständiger Ausstieg aus der Atomenergie wurde allerdings im selben Urnengang mit 47.13% Ja-Stimmen verworfen. Ein direkter Zusammenhang der Abstimmungsresultate mit Murers Film ist natürlich hypothetisch, immerhin aber war der Urnenausgang ein Teilerfolg für diejenigen kritischen Stimmen, die vor allem mit der völlig ungelösten Frage der Lagerung von radioaktiven Abfällen für ein Ja zu den Initiativen geworben hatten.

Der Widerstand gegen den Standort Wellenberg hielt unvermindert an. Die Nidwaldner:innen erstritten sich mit Volksinitiativen und Gerichtsentscheiden ein Mitspracherecht. Bis 2002 kam es zu zwei kantonalen Abstimmungen – beide Male gewann die atomkritische Seite. 2003 schliesslich hob der Bund das Recht der kantonalen Mitbestimmung bei Endlagerfragen auf. Prompt reaktivierte die NAGRA das Projekt Wellenberg. Erst 2024 strich das UVEK den Standort definitiv von der Liste potenzieller Standorte.

«Der grüne Berg» wurde im Rahmen eines Memoriav-Projekts digital restauriert. Die Digitalisierung des Rohmaterials (Ausgangsmedium S-VHS) besorgte Sophia Murer/peakfein-studio, Glarus.

16. Dezember 2025Stefan Länzlinger zurück