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Mit Aug und Ohr

Audiovisuelle Quellen aus den ersten zehn Tagen der Zürcher Jugendbewegung 1980

Am 30. Mai jährt sich zum 40. Mal der Opernhauskrawall in Zürich. Das Ereignis markiert in der öffentlichen Wahrnehmung den Beginn der Jugendbewegung der 1980er Jahre, in deren Verlauf in verschiedenen Schweizer Städten unzufriedene Jugendliche auf der Strasse lautstark autonome Räume und eine andere Kulturpolitik verlangten. Das Sozialarchiv verfügt zu diesen Ereignissen über umfangreiches Material (siehe auch SozialarchivInfo 1/2020, «Vor 40 Jahren: Züri brännt»). Mit der unlängst erfolgten Übernahme des Archivs des Videoladens Zürich kommen zu den bereits reichen audiovisuellen Beständen zur 80er Bewegung weitere interessante Zeugnisse hinzu.

30./31. Mai 1980, Opernhaus-Krawall

Vor dem Opernhaus Zürich fordern Jugendliche eine angemessene Berücksichtigung der alternativen Kultur. Aus der anfänglich friedlichen Demonstration entwickelt sich ein Krawall bis tief in die Nacht. Die Projektgruppe «Community Media» des an der Universität Zürich lehrenden Ethnologen Heinz Nigg hält die Ereignisse in einem Video («Opernhaus Krawall») fest. Es zeigt einen Teil der Auseinandersetzungen, u.a. wie die Polizei aus dem Opernhaus heraus in das Geschehen eingreift. Die Folgen für den Videomacher Heinz Nigg sind einschneidend: Der damalige kantonale Erziehungsdirektor Alfred Gilgen entzieht ihm die Lehrbewilligung, die Originalbänder werden konfisziert.

Dank der Tonspur wird man Zeuge, wie ein zufällig anwesender Reporter des Schweizer Fernsehens sich bei den Videomachern erkundigt, ob Ausschnitte des Videos für einen Beitrag des Nachrichtenmagazins «Blickpunkt» verwendet werden könnten. Während das Fernsehen hauptsächlich noch mit 16mm-Film drehte, setzten die Jugendlichen auf das damals noch ziemlich junge Medium Video, denn es hatte ein paar unschlagbare Vorteile: Es war in der Anschaffung billiger, in der Handhabung einfacher und konnte gleich nach der Aufnahme gesichtet werden. Diese Unmittelbarkeit sollte sich für die Jugendbewegung in Zukunft als wertvolles Mittel der zeitnahen Selbstvergewisserung und Propaganda erweisen.

Schon am Tag darauf kommt es am gleichen Ort wieder zu einer Demonstration. Das Transparent «Wir sind die Kulturleichen der Stadt», das schon am Abend zuvor im Einsatz war, wird erneut mitgetragen. Der Slogan bringt das Gefühl vieler Jugendlicher auf den Punkt: Stadtbehörden und Politik hatten es trotz jahrelanger Forderungen nicht einmal fertiggebracht, mit den Jugendlichen irgendeine Form des Austauschs zu suchen.

1. Juni 1980, Vollversammlung im Festzelt vor dem Opernhaus

Am 1. Juni besetzen die Demonstrierenden das Informationszelt vor dem Opernhaus und halten dort eine Vollversammlung ab. Die über zwei Stunden dauernde Veranstaltung wurde mitgeschnitten und ist als Audioaufnahme greifbar. Die Vollversammlung formuliert einen Forderungskatalog an die Stadt, der unter anderem die Freigabe der Roten Fabrik als Kulturzentrum für die Jugendlichen verlangt. Ausserdem wird ein Ultimatum an die Stadtregierung verabschiedet, dass die Liegenschaft an der Limmatstrasse 18 als «Autonomes Jugendzentrum» zur Verfügung gestellt werden müsse. Das Zelt ist bis auf den letzten Platz besetzt, neben Jugendlichen sind auch PolitikerInnen und Medienschaffende anwesend.

4. Juni 1980, Vollversammlung im Volkshaus

Am 4. Juni findet im Volkshaus eine weitere Vollversammlung statt. Die Videoaufnahmen zeigen überwiegend die Bühne mit dem Mikrofon und den mit einem karierten Tischtuch bedeckten Rednertisch, an dem im Lauf des Abends auch Stadtpräsident Sigmund Widmer und Stadträtin Emilie Lieberherr Platz nehmen. Es kommt zum ersten Mal zu einem öffentlichen Dialog zwischen den Bewegten und BehördenvertreterInnen. Lieberherr und Widmer nehmen Stellung zu den Forderungen der Jugendlichen. Dass sie auf einer zahlenmässig kleinen Verhandlungsdelegation der Jugendlichen bestehen, löst energische Pfeifkonzerte aus. Die Unstimmigkeit über die Vorgehensweise ist nur eines von vielen Missverständnissen an diesem Abend und zeigt, dass die Positionsbezüge auf beiden Seiten bereits unverrückbar sind. Die Stadt ist nur bereit, Zugeständnisse zu machen, wenn die Jugendlichen eine Reihe von Bedingungen einhalten; die Jugendlichen ihrerseits beharren auf ihren eigenen Spielregeln und zeigen sich kompromisslos.

7. Juni 1980, Vollversammlung auf dem Platzspitz

Die Vollversammlung auf dem Platzspitz am 7. Juni beschäftigt sich mit dem Angebot der Stadt für die Nutzung der Liegenschaft an der Limmatstrasse, dem späteren AJZ. Das Ritual, dass jedeR sich am offenen Mikrofon aussprechen darf, hat sich mittlerweile eingespielt. Alle Beschlüsse über das weitere Vorgehen werden aufgrund von Vorschlägen gefasst, über die dann im Plenum abgestimmt wird. Diese Vollversammlung beschliesst, die Liegenschaft an der Limmatstrasse zu besichtigen und danach in der Roten Fabrik weiter zu diskutieren. Unterwegs gelingt es dem Videoladen-Kollektiv, einige originelle Stimmen von PassantInnen zu den Unruhen einzufangen.

9. Juni 1980, Kundgebung an der Uni Zürich und NZZ-Demo

Nur zwei Tage später kommt es nach friedlichem Demonstrationsbeginn zur nächsten Eskalation. An der Uni Zürich fordern die Jugendlichen den sofortigen Rücktritt von Regierungsrat Gilgen. Nach einem Demonstrationszug durch die Stadt versuchen die Bewegten, die Auslieferung der NZZ zu verhindern. Ein massiver Polizeieinsatz setzt dem Vorhaben ein Ende. Die am späten Abend entstandenen Videoaufnahmen beim Bellevue und an der Falkenstrasse zeigen auch die Grenzen der damaligen Videotechnik: Die Aufnahmen sind unterbelichtet, helle Lichtquellen sorgten für anhaltende Schlieren im bewegten Bild. Dieser Effekt wurde schnell auch der Polizei bekannt, die mit absichtlichem Blenden die VideoaktivistInnen an Aufnahmen zu hindern suchte.

Einmalige Zeugnisse einer aufregenden Zeit

In jeder Umbruchzeit überschlagen sich zu Beginn die Ereignisse. In Zürich fanden in der ersten Zeit nach dem 30. Mai 1980 fast täglich Demonstrationen mit hohem Eskalationspotenzial statt. Mit der Vollversammlung erfand sich ein Gremium mit einer langwierigen basisdemokratischen Entscheidungsfindung. In den ersten zehn Tagen tagte die Vollversammlung vier Mal. Unter dem Eindruck der gewalttätigen Ereignisse der Strasse änderten die Behörden ihre Taktik und suchten den direkten Dialog mit den Jugendlichen. Forderungskataloge entstanden und Ultimaten wurden gestellt, die mit Bedingungskaskaden beantwortet wurden.

Über diese Vorgänge in den ersten zehn Tagen der Zürcher Jugendbewegung ist dank vielfältiger Bemühungen eine Fülle an audiovisuellem Material erhalten geblieben. Es gibt einen authentischen Einblick in Verhaltens- und Redeweisen und evoziert Stimmungen und Emotionen, die über die Erkenntnisse hinausgehen können, welche aus schriftlichen Quellen zu gewinnen sind. Aus archivarischer Sicht sind die Fotos, Video- und Tonaufnahmen ein Glücksfall, denn es gibt wohl wenige sozialgeschichtliche Ereignisse in der jüngeren Schweizer Geschichte, die audiovisuell so umfassend dokumentiert sind.

Traditionelle schriftliche Quellen, die von Jugendbewegten selber verfasst worden wären, existieren hingegen kaum. Es gibt keine Sitzungs- oder Versammlungsprotokolle, auch korrespondiert wurde kaum. Umso phantasievoller gerieten die Erzeugnisse, die eine Gegenöffentlichkeit zur offiziellen Presse- und Medienlandschaft herstellen wollten: Flugblätter, Bewegungszeitungen, Piratenradios sowie Sprayereien im öffentlichen Raum zeugen von der kreativen Energie, mit der die damaligen Jugendlichen zu einem utopischen Wagnis aufgebrochen sind, das nunmehr ein historisches Ereignis geworden ist. Die Video- und Tonaufnahmen erlauben der Nachwelt einen unmittelbaren Zugang zu dieser aufregenden Zeit.

Audiovisuelle Quellen zu den Zürcher Jugendunruhen online:

8. Mai 2020Stefan Länzlinger zurück