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Across the Universe zum Walgesang

Das Audioarchiv des WWF

Die letzten Nachzügler sind im audiovisuellen Bestand des WWF integriert. Es handelt sich vor allem um Tonträger aus den 1970er und 1980er Jahren.

Der WWF versteht es bekanntlich meisterlich, seine Anliegen einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Das Logo mit dem Pandabären gehört zu den weltweit bekanntesten Brands. Die intensive Öffentlichkeitsarbeit mit Sammelaktionen, eigenen Zeitschriften, Kinowerbung, Briefmarken etc. spricht vor allem Kinder und Jugendliche an. Bis vor wenigen Jahren existierten in der Schweiz in mehreren Städten Panda-Boutiquen, die Plüschtiere, Kleider und Gadgets mit dem Panda-Logo verkauften. Etwas weniger bekannt und massenwirksam waren die Bemühungen des WWF, akustisch auf sich aufmerksam zu machen. Immerhin gelang es aber bis in die 1980er Jahre immer wieder, mehr oder weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler an Bord zu holen, die sich mit ihren Tonträgern in den Dienst des WWF stellten.

Bereits 1969 erschien die LP „No one’s gonna change our world“. Angestossen hatte das Projekt der britische Komiker Spike Milligan. Die LP vereinigt Songs von bekannten Bands wie den Hollies, den Bee Gees oder Cliff Richard. Besonders aufsehenerregend war, dass es Milligan gelungen war, einen bislang unveröffentlichten Song der Beatles als Opener zu präsentieren. Die Lennon-Komposition „Across the Universe“ sollte im Jahr darauf in einer etwas süsslichen Version auf dem letzten Beatles-Album „Let it be“ erneut erscheinen. Der für den US-amerikanischen und europäischen Markt konzipierte Sampler steht am Anfang einer neuen Ära von Benefizanlässen und Charity-Plattenveröffentlichungen. Allgemein gilt das von George Harrison initiierte Concert for Bangla Desh (1971 im Madison Square Garden in New York) als Auftakt für eine Reihe von ähnlichen Veranstaltungen, bei denen sich Musikstars auf die Bühne stellen, um den Hunger in Afrika oder AIDS zu bekämpfen.

Auch der WWF Schweiz sprang – in bescheidenem Ausmass – auf diesen Zug auf. 1970 veröffentlichten die Minstrels eine Single namens „Dodo“, und zwar auf dem neuen, WWF-eigenen Label Panda-Records. Die Minstrels waren die Shooting Stars der Schweizer Pop- und Folkszene, die 1969 mit „Grüezi wohl, Frau Stirnimaa“ ihren ersten und grössten Hit hatten. Die Jazzfreunde bediente der WWF Schweiz mit drei Tonträgern von Roland Fisch’s Wild Life Jazz Band. Zwischen 1970 und 1975 erschienen die drei Platten „Listen to the Tigers“ (Panda Records), „Swinging Dixieland Evergreens“ (Tell Records) und „Roland Fisch’s Wild Life Jazz Band plays for the World Wild Life Found“ (Panda Records). Als Support für die WWF-Kampagne „Das Meer muss leben“ veröffentliche der Bündner Liedermacher Walter Lietha 1977 die Single „Delphin“. Und 1979 nahm der ex-Sauterelles Toni Vescoli die fortschrittskritische Single „s’chunt immer druf aa“ auf. Damit war das Popmusik-aktive Jahrzehnt des WWF aber auch schon wieder vorbei, diesen Schluss legt zumindest die aktuelle Archivsituation nahe. Als Ausklang erschienen 1983 noch der Schlager „Lasst die Tiere Tiere sein“ der mässig populären Sängerin Bea Abrecht und 1986 die LP „Special Session für WWF“ einer Formation namens d’Wöschbrätt Band.

Inhaltlich geben die wenigsten Beiträge etwas her. Wer griffige Parolen, kluge Reflexionen oder eine substanzielle Auseinandersetzung mit ökologischen Themen der 1970er Jahre sucht, wird enttäuscht. Beim Sampler „No one’s gonna change our world“ reichten offenbar Titelreizworte wie „Universe“, „Tiger“ oder „Wings“, damit das Stück berücksichtigt wurde. Die Minstrels setzen sich immerhin mit dem Thema von aussterbenden Tierarten auseinander. Mit dem titelgebenden „Dodo“ fokussieren sie allerdings auf ein Tier, das bereits im 17. Jahrhundert ausgestorben war, und kleiden das Ganze in einen munteren Folksong. Die B-Seite („That Hippo Feeling“) ist ein Instrumental. Die Musik des Jazzers Roland Fisch (mit Unterstützung der Sängerin Sonja Salvis) ist ohne jeden Bezug zu Ökologie; Fisch will nach eigenen Aussagen mit seinen Werken nicht Jazzgeschichte schreiben, sondern „erhalten – durch unterhalten“. Dafür warten die Linernotes mit einem ideellen Bekenntnis auf: „Die Wild Life Jazz Band sind die akustischen Mitstreiter des WWF.“ Umweltschutz sei das Gebot der Stunde, der Einsatz für aussterbende Tierarten dringend nötig. Die Band unternahm sogar eine Tour in Afrika, bei der auch die Unterweisung lokaler Machthaber nicht zu kurz kam: „Auf einer Ostafrika-Tournee erläuterten die weissen Musiker mit den schwarzen Rhythmen Staatspräsident Kenyatta und den Eingeborenen der Tierreservate, was die Erhaltung der natürlichen Umwelt und der Tiere wert ist.“

Walter Liethas Loblied auf die Delphine war perfekt auf die Kampagne „Das Meer muss leben“ abgestimmt. Die Meeressäuger sind „guet und gschied“ und haben gar eine eigene Sprache, um unter Wasser zu kommunizieren. Merkwürdigerweise erschien die Single nicht bei Panda Records, sondern beim Label des Trio Eugster. Toni Vescolis „s’chunt immer druf aa“ vermittelt noch am ehesten die zeitgenössische Öko-Moral: Die Umwelt kann nur genesen, die Tiere nur überleben, wenn alle ihr Verhalten ändern.

Eine der letzten akustischen Veröffentlichungen des WWF Schweiz gelangte 1987 auf den Markt. Kurz vor der Lancierung der Zweitauflage der Kampagne „Das Meer muss leben“ entstand die Kassette „Der Gesang der Wale“. Ursprünglich als Prämie für die Neuanwerbung von Mitgliedern gedacht, konnte die Kassette während der Kampagne im Herbst 1987 auch käuflich erworben werden, als der WWF (wie bereits 1977) wieder zu Ausstellungszwecken mit einem präparierten Finnwal durch die Lande zog. Die Kassette vereint Aufnahmen von Buckelwalen, Pottwalen und Delphinen. Der WWF versuchte damit an den kommerziellen Erfolg anderer Walgesangskonserven anzuknüpfen. Vorbild war insbesondere die LP „Songs of the Humpback Whales“, mit der dem US-amerikanischen Zoologen Roger Payne 1970 ein Bestseller gelungen war: Innert kurzer Zeit wurden über 100‘000 Tonträger verkauft. 2010 wurde die LP sogar ins National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen. Die Faszination für die akustischen Äusserungen von Walen und Delphinen riss auch nach Paynes Grosserfolg nicht ab. Die Gründe dafür sind vielfältig. Paynes Aufnahmen waren eine Sensation, weil man erst seit wenigen Jahren überhaupt Kenntnis von diesen Lauten hatte. Die Walstimmen konnten isoliert aufgenommen werden, es gab keine anderen störenden Laute. Daraus entstanden tatsächlich liedähnliche Strukturen mit einem gewissen Wohlklang, der auch den tiefen Tonfrequenzen geschuldet ist. In den 1970er Jahren lancierte der WWF mehrere grosse Kampagnen zum Schutz von Tierarten, die vom Aussterben bedroht waren. Die Wale standen im Zentrum der Kampagne „Rettet die Meere“ (1977). Im Zuge dieser Aktion wurden neue biologische Erkenntnisse popularisiert: Die grossen Meeressäuger erhielten das Image von klugen, in matriarchalen Familienverbänden lebenden Tieren. Mit ihren Lautäusserungen waren sie ganz offensichtlich fähig, untereinander zu kommunizieren. Ihre Friedfertigkeit zeigte sich auch darin, dass sich die meisten Wale ausschliesslich von Krill ernährten. Früher gebräuchliche Zuschreibungen wie „Killerwal“ für diejenigen Wale, die sich nicht an diesen Speiseplan hielten, wurden mit einem Bann belegt. Akustischer Ausdruck all dieser positiven Attribute war der Walgesang. Dass seine Entzifferung nicht bis in Detail möglich war, tat der Faszination keinen Abbruch, sondern verlieh dem Phänomen noch eine zusätzliche, geheimnisvolle Aura. Der Walgesang gehört bis heute zu den wenigen tierischen Stimmen, die ausschliesslich positiv konnotiert sind.

Der kurze Einblick ins Tonarchiv des WWF Schweiz zeigt, dass populäre Musik offenbar nur bedingt geeignet ist, tierschützerische Anliegen zu transportieren. Was bis heute von den Anstrengungen des WWF auf dem Gebiet bekannt ist, deutet nicht darauf hin, dass man dem Medium (im Gegensatz zu anderen audiovisuellen Propagandamitteln) allzu grosses Entwicklungspotenzial zugestanden hätte. Das eigene Label Panda Records wurde offenbar in den 1980er Jahren wieder eingestellt.

> Das Tonarchiv des WWF Schweiz ist online: https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_1023

Digitalisiert wurden alle Eigen- oder Fremdproduktionen im Auftrag des WWF Schweiz. Auf die Digitalisierung von Eigenproduktionen wurde in den wenigen Fällen verzichtet, wo die Tonträger in den Findmitteln der Fonoteca Nazionale nachgewiesen sind.

Anspieltipps:
> Der Gesang der Wale
> Toni Vescoli: S’chunt immer druf aa

16. Juli 2018Stefan Länzlinger zurück