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Die deutschen Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg (l.) und Lida Gustava Heymann (r.) organisierten im April 1915 einen grossen Frauenfriedenskongress im Haag und lebten von 1933 bis 1943 im Exil in Zürich (Sozarch_F_Fb-0007-08)
Die deutschen Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg (l.) und Lida Gustava Heymann (r.) organisierten im April 1915 einen grossen Frauenfriedenskongress im Haag und lebten von 1933 bis 1943 im Exil in Zürich (Sozarch_F_Fb-0007-08)

Vor 100 Jahren: Konferenzen gegen den Krieg

"Mehr als ein Jahr dauert der Krieg. Millionen von Leichen bedecken die Schlachtfelder, Millionen von Menschen wurden für ihr ganzes Leben zu Krüppeln gemacht. Europa gleicht einem gigantischen Menschenschlachthaus […] Euch allen, die ihr vom Kriege und durch den Krieg leidet, rufen wir zu: Über die Grenzen, über die dampfenden Schlachtfelder, über die zerstörten Städte und Dörfer hinweg, Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Mit diesen Worten wandte sich im Herbst 1915 eine linkssozialistische Gruppierung an die europäische Arbeiterschaft, die bald unter dem Namen "Zimmerwalder Bewegung" bekannt werden sollte, benannt nach dem Dorf im Berner Mittelland, in dem sie sich vom 5. bis 8. September 1915 getroffen hatte. Die als ornithologische Versammlung getarnte Zimmerwalder Konferenz, deren hundertster Jahrestag diesen Herbst mit Anlässen und Publikationen gebührend begangen wurde, war indessen keineswegs der einzige Antikriegskongress des Jahres 1915. Vielmehr fand im Jahr 1 nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges in verschiedenen neutralen Ländern eine ganze Reihe pazifistischer Zusammenkünfte statt, die in der Erinnerung weniger präsent geblieben sind, in den Beständen des Schweizerischen Sozialarchivs indessen ebenfalls ihre Spuren hinterlassen haben. Sie zeugen einerseits von gegenhegemonialem Denken und Handeln in der Kriegssituation, verdeutlichen andererseits aber auch die ideologische Zersplitterung der Friedensbewegungen, die seit ihrer Herausbildung im späten 19. Jahrhundert deren Schlagkraft geschwächt hatte.

Die Zweite Internationale, die sich im Vierteljahrhundert ihres Bestehens immer wieder mit der Frage der Kriegsverhinderung auseinandergesetzt und im November 1912 in Basel einen grossen Friedenskongress abgehalten hatte, brach im August 1914, als die meisten sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien Europas die Kriegsanstrengungen ihrer Regierungen offiziell zu unterstützen begannen, weitgehend zusammen. Allerdings gab es schon wenige Wochen darauf seitens der Arbeiterparteien der neutralen Länder Bestrebungen, die Internationale als Organisation der Völkerverständigung wieder aufzubauen. So fand am 27. September 1914 in Lugano ein Treffen der Geschäftsleitungen der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und des Partito Socialista Italiano statt, das einen Aufruf zur Reanimierung der Internationale und zur Zusammenarbeit der sozialistischen Parteien der neutralen Staaten beim Kampf gegen den Krieg lancierte. Im folgenden Monat führte Pieter Jelles Troelstra, Fraktionsvorsitzender der niederländischen Sozialdemokraten und vor und nach dem Krieg Benutzer des Sozialarchivs, auf einer Reise durch mehrere Länder Gespräche mit deutschen, schwedischen, dänischen, schweizerischen und russischen Genossen über eine Reorganisation des Internationalen Sozialistischen Büros (ISB). Dieses wurde im November 1914 vom kriegsversehrten Belgien in die neutralen Niederlande verlegt. Im Januar 1915 trafen sich in Kopenhagen Vertreter der niederländischen und skandinavischen Arbeiterparteien. Ein Treffen der Arbeiterparteien aller neutralen Länder, wie es auch die SPS für das Frühjahr 1915 in Zürich projektierte, kam aber nicht zustande.

Was den Männern nicht gelang, glückte den Frauen: Vom 26. bis 28. März 1915 fand in Bern die massgeblich von Clara Zetkin organisierte "Internationale Konferenz sozialistischer Frauen gegen den Krieg" statt. Sie ersetzte die dritte sozialistische Frauenkonferenz, die 1914 in Wien im Anschluss an den Kongress der Zweiten Internationale hätte stattfinden sollen und wegen des Kriegsausbruchs abgesagt werden musste. An dem Treffen beteiligten sich 25 Frauen aus Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Russland, Polen, den Niederlanden, Italien und der Schweiz. Damit waren auch Vertreterinnen aus beiden kriegführenden Lagern vertreten, allerdings nicht als offizielle Delegierte ihrer Parteien. An der Konferenz zeigten sich bereits dieselben Differenzen, die dann auch an den Zusammenkünften von Zimmerwald und Kiental wieder zutage treten sollten: Der pazifistischen Mehrheit stand eine revolutionäre Minderheit gegenüber, die den Weltkrieg als Sprungbrett für einen gewaltsamen Umsturz zu benutzen trachtete. Diese im Wesentlichen auf die russischen und polnischen Delegierten beschränkte Fraktion wurde von Lenin dirigiert, der während der ganzen Frauenkonferenz von einem nahen Café aus Instruktionen erteilte. Die Konferenz verabschiedete schliesslich einstimmig ein Manifest, das von den sozialistischen Parteien die Einhaltung der pazifistischen Vorkriegsbeschlüsse der Zweiten Internationale verlangte und die Arbeiterinnen aller Länder zum Kampf gegen den Krieg aufrief: "Die ganze Menschheit blickt auf euch, ihr Proletarierinnen der kriegführenden Länder. Ihr sollt die Heldinnen, ihr sollt die Erlöserinnen werden!"

Eine Woche später tagte ebenfalls in Bern eine internationale Konferenz der Sozialistischen Jugend mit Delegationen aus Deutschland, Dänemark, Bulgarien, Italien, Norwegen, Polen, den Niederlanden, Russland, Schweden und der Schweiz. Wiederum instruierte Lenin die Delegierten seiner Fraktion von einem Restaurant aus, aber wiederum blieb seine Position gegenüber den grundsätzlichen Kriegsgegnern in der Minderheit. Die Konferenz initiierte die Publikation der Zeitschrift "Jugend-Internationale", etablierte ein internationales Büro in Zürich und wählte Willi Münzenberg zum Sekretär der Jugend-Internationale.

Zur selben Zeit regte sich auch die nichtsozialistische Friedensbewegung. Im April 1915 fand im Haag ein von der niederländischen Friedensbewegung organisierter internationaler Kongress statt, an dem die "Central Organization for a Durable Peace" entstand, die Mitglieder aus neun europäischen Ländern repräsentierte und Ideen für einen dauerhaften Frieden, eine "neue Diplomatie" und kollektive Sicherheit entwickelte. Diese Vorstellungen sollten 1918 teilweise in das berühmte 14-Punkte-Progamm des US-Präsidenten Woodrow Wilson eingehen und nach Kriegsende dann in die Satzung des neu gegründeten Völkerbunds aufgenommen werden.

Wenige Tage später kam ebenfalls im Haag ein grosser Frauenfriedenskongress mit 1’136 Teilnehmerinnen aus zwölf Ländern zusammen. Zu den Initiatorinnen dieser Konferenz gehörte die deutsche Frauenrechtlerin und Pazifistin Lida Gustava Heymann, die dann von 1933 bis zu ihrem Tod 1943 im Zürcher Exil leben und zu einer regelmässigen Benutzerin des Sozialarchivs werden sollte. Der Frauenfriedenskongress formulierte einen Forderungskatalog, der unter anderem den sofortigen Friedensschluss ohne Annexionen, die Einrichtung eines ständigen internationalen Gerichtshofes und einer internationalen Organisation zur Friedenssicherung, die weltweite Kontrolle des Waffenhandels sowie eine neue Weltwirtschaftsordnung beinhaltete. Im Weiteren gründete der Kongress einen "Internationalen Ausschusses für dauernden Frieden", der 1919 in Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit" (IFFF) umbenannt werden sollte. Die Akten der bis 1998 bestehenden Schweizer Sektion der IFFF befinden sich heute im Sozialarchiv. Nach dem Haager Kongress reisten zwei Frauendelegationen durch Europa und führten Gespräche mit den Vertretern von 13 Regierungen sowie dem Papst. Zwei führende amerikanische Kongressteilnehmerinnen sollten später mit dem Friedensnobelpreis geehrt werden, die Sozialwissenschaftlerin und Journalistin Jane Addams im Jahre 1931 und die Ökonomin Emily Greene Balch im Jahre 1946.

Im sozialistischen Lager gingen die Bestrebungen, einen Antikriegskongress abzuhalten, ebenfalls weiter. Nachdem sich im Mai 1915 das Projekt eines Treffens von Arbeitervertretern der neutralen Staaten zerschlagen hatte, berief Robert Grimm auf den 11. Juli eine Besprechung nach Bern ein, an der neben ihm selbst je zwei Vertreter Italiens, Polens und Russlands teilnahmen. Vom 5. bis 8. September 1915 fand dann in Zimmerwald die Tagung linkssozialistischer Kriegsgegner statt, an der Delegierte aus Deutschland, Frankreich, Italien, Russland, Polen, Rumänien, Bulgarien, Schweden, Norwegen, den Niederlanden und der Schweiz teilnahmen. Die Konferenz wählte eine Internationale Sozialistische Kommission (ISK). Das Schlussmanifest forderte im Sinne der pazifistischen Mehrheit den "Kampf für den Frieden", betonte aber als Zugeständnis an die revolutionäre Minderheit um Lenin auch die Wichtigkeit des "unversöhnlichen proletarischen Klassenkampfes". Lenin und seine Fraktion, die sogenannten "Zimmerwalder Linke", stimmten dem Text schliesslich zwar zu, fügten aber ihre radikaleren Ansichten in einem Zusatzprotokoll bei. In der Schlussabstimmung bat Grimm die Delegierten, ihre Zustimmung durch Erheben von den Sitzen zum Ausdruck zu bringen. Als sich alle erhoben hatten, brach Jubel aus, und es wurde die "Internationale" angestimmt.

Fast zeitgleich trafen sich in Kopenhagen Vertreter der niederländischen und skandinavischen Arbeiterparteien. Sie lehnten die Zimmerwalder Bewegung und das ISK als Konkurrenz zum ISB ab. Der Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen schwelte in den folgenden Jahren ebenso weiter wie der Gegensatz zwischen den beiden Fraktionen der Zimmerwalder Bewegung, die anlässlich der Folgekonferenz von Kiental im April 1916 erneut aufbrachen und bereits auf die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung nach Kriegsende hindeuteten. Umso weniger war an einen internationalen Schulterschluss mit dem nichtsozialistischen Pazifismus zu denken, obgleich sich im Verlauf des Krieges in einzelnen Ländern die sozialistischen und bürgerlichen Friedensorganisationen teilweise annäherten.

Hingegen gewannen unter dem Einfluss der Zimmerwalder Bewegung die Kriegsgegner innerhalb verschiedener sozialdemokratischer Parteien Europas an Gewicht. In Deutschland lehnte der gemässigte linke Parteiflügel um Hugo Haase ab Dezember 1915 weitere Kriegskredite ab. 18 Abgeordnete dieser Gruppierung wurden 1916 aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen und gründeten die "Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft", aus der im April 1917 mit der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei eine neue politische Organisation hervorging. Die radikale Linke um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg bildete 1916 die "Gruppe Internationale", die sich bald den Namen Spartakusbund gab und aus der nach Kriegsende die Kommunistische Partei Deutschlands entstehen sollte.

In der Schweiz stellte sich der Parteitag der SPS bereits im November 1915 hinter die Bestrebungen der Zimmerwalder Bewegung. Auf dem Sonderparteitag vom Juni 1917 wurde dann mit 222 gegen 77 Stimmen ein Antrag gutgeheissen, der die "Verschärfung des grundsätzlichen Kampfes gegen den Militarismus und die ihm Vorspanndienste leistenden nationalistischen und chauvinistischen Bestrebungen" postulierte und die sozialdemokratischen Parlamentarier verpflichtete, "unter grundsätzlicher Motivierung alle Militärforderungen und -kredite abzulehnen". Dies bedeutete einen entscheidenden Erfolg für das linke Zentrum um Robert Grimm, der zwischen der radikalen Linken und dem reformistischen rechten Parteiflügel nun rasch zur dominierenden Figur der schweizerischen Arbeiterbewegung aufstieg.

Bestände zum Thema im Sozialarchiv

Archiv

Ar 1.260.1 Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Friedenskongress Basel 1912; Internationale Korrespondenz 1914-1921; Gremienbeschlüsse 1915-1923
Ar 5.10.6 + 5.10.9 Sozialdemokratische Jugendorganisation der Schweiz: Internationale sozialistische Jugendkonferenz, 4.-6. April 1915 in Bern im Volkshaus
Ar 45 Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF)
Ar 150.10.2 Nachlass Edy Meier: Biographisches, Historisches
Mi 4: 113 Dokumente der Zimmerwalder-Bewegung, 1914-1916

Dokumentation

KS 32/159 Friedensbewegung, Pazifismus, 1914-1918
KS 32/170 Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit
335/31-4 Münzenberg, Willi: Die proletarische Jugendbewegung bis zur Gründung der kommunistischen Jugendinternationale. Berlin 1929.
335/140:1+2 Zweite Internationale: Zusammenbruch; Konferenz von Zimmerwald, 1915; Konferenz von Kiental, 1916

Bibliothek

8462 Balabanoff, Angelica: Die Zimmerwalder Bewegung 1914-1919. Leipzig 1928.
129752 Degen, Bernard und Julia Richers (Hg.): Zimmerwald und Kiental: Weltgeschichte auf dem Dorfe. Zürich 2015.
83509 Evans, Richard J.: Comrades and sisters: Feminism, socialism, and pacifism in Europe, 1870–1945. Sussex 1987.
NN 1072 Jugend-Internationale: Die elf historischen Nummern der Kriegsausgabe 1915-1918. Neudruck hg. vom Exekutivkomitee der Kommunistischen Jugend-Internationale. Berlin 1921.
38819 Lademacher, Horst (Hg.): Die Zimmerwalder Bewegung: Protokolle und Korrespondenz. The Hague 1967.
http://sozarch7.uzh.ch/daten/Friedenskongress_Gesamtwerk.pdf Sandrine Mayoraz, Frithjof Benjamin Schenk und Ueli Mäder (Hg.): Hundert Jahre Basler Friedenskongress (1912-2012): Die erhoffte "Verbrüderung der Völker". Basel/Zürich 2015.
Hf 5155 Nation, R. Craig: War on war: Lenin, the Zimmerwald Left, and the origins of communist internationalism. Durham 1989.

31. Oktober 2015Christian Koller zurück