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Die Broschüre der «Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten» wurde in einer Auflage von 1.5 Millionen Exemplaren verbreitet und stiess auf grosse Resonanz
Die Broschüre der "Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten" wurde in einer Auflage von 1.5 Millionen Exemplaren verbreitet und stiess auf grosse Resonanz

Vor 70 Jahren: Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und die Schweiz

Die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ist in den letzten drei Jahrzehnten Gegenstand intensiver historiographischer Beschäftigung, publizistischer und politischer Debatten gewesen. Die Stichworte Diamant-Feiern, nachrichtenlose Vermögen und Bergier-Kommission mögen dazu als Erinnerungsstützen genügen. Relativ wenig beachtet wurde dabei das Kriegsende. Gerade dazu befinden sich im Sozialarchiv aber sehr interessante Bestände, die Einblicke in verschiedene Aspekte der Zeit vor 70 Jahren gewähren. Im Folgenden sollen davon zwei Punkte herausgegriffen werden: die als "Säuberungen" bezeichneten Aktionen gegen ausländische Nazis und Faschisten sowie inländische Nazi-Sympathisanten und die vielfältigen Hilfsaktionen zugunsten kriegsversehrter Länder.

Ein entschiedenes Vorgehen gegen politisch diskreditierte Mitglieder der deutschen und italienischen Kolonien in der Schweiz forderten, wie die Zeitungsartikelsammlung des Sozialarchivs eindrücklich belegt, bei Kriegsende insbesondere sozialdemokratische, linksliberale und kommunistische Blätter. Bereits am 4. März 1945 bemerkte "Die Nation" unter dem Titel "Die Ratten verlassen das sinkende Schiff" ein zunehmendes Abrücken der deutschen Kolonie in der Schweiz vom Nationalsozialismus, dies, nachdem nicht lange Zeit davor noch grosse propagandistische Anlässe abgehalten worden waren, etwa 1942 ein Sportfest der "Reichsdeutschen Jugend in der Schweiz" im Zürcher Förrlibuck und eine Feier zum Erntedankfest in Anwesenheit des Leiters der NSDAP-Auslandsorganisation im Hallenstadion. Nach der deutschen Kapitulation mehrten sich dann etwa im "Volksrecht" Artikel mit Titeln wie "Hinaus mit den Nazi" (22. Mai), "Use mit ene!" (8. Juni) oder "Auch die Betriebe säubern!" (16. Juni). Bereits am 30. Mai publizierte das "Volksrecht" eine "Erste Liste der ausländischen Feinde der Demokratie in der Schweiz", die die Namen deutscher Nazis in der Schweiz mit Angaben zur Funktion in NS-Organisationen und Schweizer Aufenthaltsort enthielt. Linksparteien und Gewerkschaften organisierten auch verschiedentlich Demonstrationen für die Ausweisung von Nazis und Faschisten und lancierten in mehreren Kantonen "Säuberungspetitionen".
Zudem machten sogenannte  "Säuberungskommissionen" Druck auf die eidgenössischen und kantonalen Behörden. Teilweise handelte es sich dabei um private Aktionsausschüsse, denen vor allem SP- und PdA-Mitglieder angehörten, teilweise um parlamentarische Kommissionen. Begrifflich lehnte man sich an die "commissions d’épuration" an, die in Frankreich kurz nach der Befreiung entstanden waren, um die zunächst unkontrollierten, häufig die Gestalt von Lynchjustiz annehmenden Aktionen gegen Kollaborateurinnen und Kollaborateure in einigermassen rechtsstaatliche Bahnen zu lenken. Auch die mit der Entnazifizierung in der französischen Besatzungszone Deutschlands betrauten Gremien sollten dann den Namen "Säuberungskommission" tragen. In Zürich setzte der Kantonsrat eine parlamentarische Kommission zur Überprüfung der vom Regierungsrat getroffenen Massnahmen hinsichtlich der Ausweisung ausländischer Nationalsozialisten und Faschisten ein. Aktenkopien dieses allgemein als "Säuberungskommission" bezeichneten Gremiums im Dokumentationsbestand des Sozialarchivs zeigen eine intensive Korrespondenz mit der kantonalen Polizeidirektion. Insgesamt wurden im Kanton Zürich knapp 800 Verfahren eingeleitet, die in mehr als der Hälfte der Fälle zu Ausweisungen führten.
In den Akten findet sich dabei auch ein aus anderen Zusammenhängen prominenter Name, derjenige des österreichischen Fussballtrainers Karl Rappan. Rappan wirkte seit den frühen 30er Jahren als Vereinstrainer in der Schweiz, zugleich trainierte er 1937/38 und wieder seit 1942 die Schweizer Nationalmannschaft. Seine ganze Familie engagierte sich während des Zweiten Weltkriegs in NS-Organisationen, selber gehörte er, wie der Bundesanwaltschaft seit 1942 bekannt war, unter anderem der NSDAP an. Nach Kriegsende wurden in der Presse nun Stimmen laut, die seine Entlassung als Nationaltrainer und gar seine Ausweisung forderten. In den Berichten der Zürcher Polizeidirektion an die "Säuberungskommission" wurde dem "Fall Rappan" breiter Raum eingeräumt, statt der üblichen halben Seite pro Fall nicht weniger als fünfeinhalb Seiten. Darin wurde dargelegt, dass sich Rappans nationalsozialistische Gesinnung und insbesondere seine von der Presse kolportierte NSDAP-Mitgliedschaft nicht nachweisen liessen und das Verfahren gegen ihn deshalb eingestellt worden sei. Der "Fall Rappan" war symptomatisch für die Kurzlebigkeit des helvetischen "Säuberungs"-Eifers: Der Österreicher trainierte noch bis 1949 und dann wiederum 1953/54 und von 1960 bis 1963 die Schweizer Fussballnationalmannschaft. Während 1962 auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges Eishockey-Nationaltrainer Reto Delnon wegen seiner PdA-Mitgliedschaft fristlos entlassen wurde, sah man gleichzeitig ein ehemaliges NSDAP-Mitglied als Fussball-Nationaltrainer nicht als Problem an. Rappan amtierte dann von 1970 bis 1975 noch als technischer Direktor des Schweizerischen Fussballverbands, wurde dessen Ehrenmitglied und erwarb die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Eine zweite Facette war, was der "Vorwärts" am 23. Januar 1946 als "innenpolitische Säuberung" anmahnte: die Abrechnung mit schweizerischen Faschisten und Kollaborateuren. Hier konzentrierte sich die Empörung vor allem auf die Unterzeichner der sogenannten "Eingabe der 200". Die von 173 Rechtsbürgerlichen aus akademischen, politischen, wirtschaftlichen und Offiziers-Kreisen unterzeichnete Petition an den Bundesrat hatte im November 1940 eine stärkere Anpassung an Nazi-Deutschland gefordert, insbesondere im Bereich der Pressepolitik. Nazi-kritische Presseorgane sollten "ausgemerzt" und ihre Chefredaktoren "ausgeschaltet" werden. Die Unterzeichner der Petition wurden nach Kriegsende in Anlehnung an Vidkun Quisling, den Führer der norwegischen Faschisten und während des Kriegs Vorsitzenden der Kollaborationsregierung, in der Presse etwa als "Swisslinge" geschmäht. Im Januar 1946 gab der Bundesrat dem Druck in Presse und Parlament nach und veröffentlichte die Eingabe im vollen Wortlaut und mit den Namen der Unterzeichner. Die Konsequenzen waren nicht einheitlich: Während der Aargauer Staatsarchivar Hektor Ammann aus dem Staatsdienst entlassen wurde, kamen etwa die vier Bundesbeamten unter den Unterzeichnern mit mündlichen Ermahnungen davon. Die starke Konzentration des öffentlichen Interesses auf die "200" liess sowohl die Abrechnung mit den Frontisten als auch die Aufarbeitung der zumindest ambivalenten Haltung von Behörden und Wirtschaftseliten in den Hintergrund rücken.

Ein anderes grosses Thema der Zeit um das Kriegsende stellen die vielfältigen Hilfsaktionen dar, die von Nahrungsmittellieferungen und medizinischer Hilfe über die Einrichtung von Kinderheimen und die vorübergehende Aufnahme von Kindern in der Schweiz bis zur Wiederaufbauhilfe für Bibliotheken – woran sich auch das Sozialarchiv tatkräftig beteiligte – und Vorträgen über demokratisches Zusammenleben reichten. Bereits 1944 hatte der Bundesrat einen Zusammenschluss verschiedener Hilfswerke initiiert, um im kriegsversehrten Europa humanitäre Hilfe zu leisten und den Wiederaufbau zu unterstützen. Die daraus hervorgegangene "Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten" sollte als patriotisches Werk der Schweizer auch dazu beitragen, die aussenpolitische Isolation bei Kriegsende zu überwinden. In einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren wurde eine Broschüre mit dem Titel "Unser Volk will danken" verbreitet. Von Februar 1945 bis März 1946 wurden 46 Millionen Franken gesammelt, hinzu kamen noch über 150 Millionen Franken Bundesmittel. Die operative Leitung der "Schweizer Spende" oblag Rodolfo Olgiati, dessen Nachlass sich heute im Sozialarchiv befindet. Insgesamt leistete die "Schweizer Spende" bis 1948 in 18 Ländern, darunter auch Deutschland, Hilfe.
Ein spezieller Bestand im Sozialarchiv zur Nachkriegshilfe sind die Akten der vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk initiierten und unter dem Patronat der Zürcher Stadtregierung stehenden Aktion "Zürich hilft Wien", die zwischen 1946 und 1948 umfangreiche Hilfsaktionen zugunsten der notleidenden Bevölkerung der österreichischen Kapitale organisierte. Gesammelt wurden sowohl Geldmittel als auch Naturalien wie Lebensmittel und Baumaterial. Innerhalb von drei Jahren wurden mehrere Tausend Tonnen Lebensmittel nach Wien geliefert, Küchenbaracken erstellt und Hilfe beim Wiederaufbau der Infrastruktur geleistet. Im Gegenzug traten etwa im Oktober 1947 die Wiener Symphoniker in Zürich auf.
Die Hilfsaktionen ins ehemalige "Grossdeutsche Reich" waren indessen nicht unumstritten. Die PdA-nahe "Koordinationsstelle für Nachkriegshilfe" kritisierte diese Form der Unterstützung als primär politisch motiviert und konzentrierte ihre Hilfsaktionen – nicht minder politisch motiviert – auf Länder des kommunistischen Einflussbereichs wie Polen, Jugoslawien, die Tschechoslowakei und Albanien. Auch im Bereich der Hilfswerke schlug so der antifaschistische Konsens rasch in den Antagonismus des beginnenden Kalten Krieges um.

8. Mai 2015Christian Koller zurück