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Das Archiv der SGG

Im Sommer 2010 hat das Schweizerische Sozialarchiv die historischen Aktenbestände der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft als Dauerleihgabe übernommen. Abgegeben wurden die Unterlagen aus den ersten 150 Jahren der Gesellschaftsgeschichte, während die neueren Akten ab 1960 weiterhin an der Geschäftsstelle der SGG in Zürich aufbewahrt werden.
Die Übernahme des SGG-Archivs ist für das Schweizerische Sozialarchiv ein Meilenstein. Die Akten der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft bilden den wohl wichtigsten Bestand privater Herkunft für die schweizerische Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Für die sozialgeschichtliche Forschung ist das Archiv der SGG eine beinahe unerschöpfliche Fundgrube.

Modernisierung und christliche Werte

Wie es Hans Ulrich Jost treffend formuliert hat, widerspiegelt die SGG in sich selbst eine veritable schweizerische National- und Sozialgeschichte. An der ersten Zusammenkunft der SGG vom 15. Mai 1810 in Zürich umschrieb ihr eigentlicher Stifter, der Zürcher Stadtarzt Johann Caspar Hirzel (1751-1817), den Zweck der neuen Gesellschaft mit folgenden Worten: "… Jeder Mensch (hat) als Glied der menschlichen Gesellschaft das unveräusserliche Recht und die Pflicht der Selbsterhaltung; aber ebenso unveräusserliche Pflicht auch, für das Wohl seiner Mitmenschen zu arbeiten, wozu besonders die Religion den Christen und die Vaterlandsliebe den Bürger verbinden." Knapp und präzis umreisst das Zitat die wichtigsten Grundsätze der neuen Gesellschaft. Die Gründer waren von einem humanistischen Menschenbild geprägt. Sie vertraten einen sozialverantwortlichen Liberalismus und stellten das Gemeinwohl ins Zentrum. Die Modernisierung von Staat und Gesellschaft sollte durch Erziehung, christliche Werte, Moralität und Mässigung herbeigeführt werden. Rasch profilierte sich die SGG als reformorientiertes Diskussionsforum der politischen, wirtschaftlichen und geistlich-seelsorgerischen Eliten. Da die Mitglieder sowohl reformierter wie katholischer Herkunft waren und sowohl städtische wie ländliche Milieus und überdies auch alle Landesteile repräsentierten, entfaltete die SGG vor allem in den ersten fünfzig Jahren eine national integrierende und im besten Sinne staatstragende Wirkung. Dazu trugen nicht zuletzt die Solidaritätsaktionen und Geldsammlungen bei, von denen meist die Verlierer des politischen und sozioökonomischen Wandels profitierten. Erwähnt seien hier beispielsweise die Sammlungen für die beim Durchmarsch der österreichischen Truppen im Sommer 1815 geplünderten Walliser und für die Hochwassergeschädigten im zentralen Alpenraum 1834 oder die Hilfsaktion für die aus der Lombardei vertriebenen Tessiner im Jahr 1853. Solche Sonderanstrengungen haben im Archiv genauso einen Niederschlag gefunden wie die Kernaktivitäten der SGG.

In den Anfängen standen klar die Gefährdung Einzelner und der Gesellschaft durch Armut, der wirtschaftliche Fortschritt und die Förderung der Volksbildung im Vordergrund. Im Bundesstaat von 1848 rückte die SGG dann mit dem Ankauf der Rütliwiese 1859 und deren Schenkung an die Eidgenossenschaft ins öffentliche Bewusstsein. Daneben betrieb die SGG eigene Erziehungs- und Besserungsanstalten (Bächtelen, Sonnenberg, Richterswil, Turbenthal), und sie richtete ihr Augenmerk auf die Bekämpfung des Alkoholkonsums, des Glückspiels um Geld, auf die Popularisierung von Gesundheits- und Ernährungswissen und die Förderung der Berufsbildung. Im 20. Jahrhundert wurde, dank zahlreicher Legate, die Vergabe von Unterstützungsbeiträgen und Einzelfallhilfe zu einem Schwerpunkt. Gleichzeitig nahm die Bedeutung der SGG als sozialpolitisches Diskussionsforum ab, nicht aber die nach wie vor an praktischen Lösungen orientierte Grundhaltung: Parallel zum Ausbau des Sozialstaates rief die SGG im 20. Jahrhundert private Wohlfahrtswerke ins Leben, so 1912 die Pro Juventute und 1917 die Pro Senectute. 1932 konstituierte die SGG die Schweizerische Landeskonferenz für soziale Arbeit (LAKO), aus der heraus zehn Jahre später die Schweizer Berghilfe gegründet wurde. Ein weiteres Kind der SGG ist die 1934 gegründete Zentralauskunftsstelle für Wohlfahrtsunternehmungen (Zewo).

Gegen Mädchenhandel und Schundliteratur

Eine Aufzählung wichtiger Tätigkeitsfelder kann vielleicht am besten einen Eindruck von der Reichhaltigkeit und thematischen Breite des Archivbestandes vermitteln. In ihrer mehr als 200-jährigen Geschichte hat die SGG an Versammlungen und in den gedruckten Publikationen eine enorme Fülle sozialer und gesellschaftspolitischer Fragen erörtert. Sie konnte sich dabei auf ein dichtes Netz von Korrespondenten stützen und organisierte eigene Enquêten und Statistiken, beispielsweise zum Armenwesen der Kantone (ab 1810), zur Lehrerbildung (1828), zu den Ersparniskassen (1853), zum Wohnungswesen (1857), zur Presselandschaft (1887), zur Kinderarbeit (1901) und zum Anstaltswesen (1932). Ein typisches Beispiel für solche Erhebungen ist die Umfrage von 1823 zum Fabrikwesen mit folgenden Fragestellungen: "Welches sind die Vorteile und Nachteile des Handels und der Fabriken in der Schweiz in ökonomischer, moralischer und politischer Hinsicht, und auf welche Art könnte man die ersteren befördern, den letztern entgegenarbeiten?" Seit dem frühen 19. Jahrhundert gab es kaum eine sozialpolitische Frage, die in der SGG nicht diskutiert worden wäre. So finden sich Unterlagen zur Blinden- und Taubstummenfürsorge, zum Straf- und Gefängniswesen, zum Mädchenhandel, zum Kampf gegen Prostitution und unsittliche Literatur (später: Schund- und Kitschliteratur), zur Kultur der eidgenössischen Verbandsfeste der Schützen, Turner und Sänger oder zur Frage der Entvölkerung alpiner Gebirgstäler.

Die eigene Geschichte bewahren

Innerhalb der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft war stets ein waches Bewusstsein über den hohen Quellenwert dieser Unterlagen für die schweizerische Sozialgeschichte vorhanden. Zur Bewahrung der eigenen Geschichte wurden bis in die Gegenwart hinein grosse Anstrengungen unternommen. Sie schlugen sich zum einen in den Festschriften zu den SGG-Jubiläen nieder, zum anderen in der Pflege des eigenen Archivs. Zwischen 1883 und 1918 bestand eine Archivkommission, die mit der Erstellung einer Archivsystematik und der Ordnung der Archivalien betraut war. In diesem Zusammenhang besonders interessant ist die damals vorherrschende Sichtweise auf das Gesellschaftsarchiv, die sich von einem modernen Archivverständnis bzw. Archivbegriff wesentlich unterscheidet. Zum Archiv und damit zum Zuständigkeitsbereich der Archivkommission gehörten nicht nur die Aktenstücke der zentralen Gremien und Fachkommissionen, sondern eben auch die Restvorräte von Gesellschaftspublikationen, namentlich der "Schweizerischen Zeitschrift für Gemeinnützigkeit", sowie eine grosse Sammlung von einschlägigen Broschüren, Statuten, Reglementen und Jahresberichten. Der letztgenannte Drucksachenbestand wurde unter der Bezeichnung "Schweizerisches Zentralarchiv für Gemeinnützigkeit" geordnet und katalogisiert. 1887 wurde ein Gesamtkatalog dieser Schriften publiziert und in den folgenden Jahren erschienen mehrere Ergänzungsbände. Auch das eigentliche Gesellschaftsarchiv – Unikate wie Korrespondenzen, Berichte, Protokolle, Verträge und Ähnliches – wurde in den 1880er Jahren erstmals inventarisiert.

Während des Ersten Weltkriegs wurde die Archivierung dem Aufgabenbereich der neu geschaffenen Stelle des Sekretärs der SGG zugeordnet und das Archiv gelangte aus dem Estrich des Wollenhofs in die neuen Sekretariatsräumlichkeiten an der Brandschenkestrasse. 1942/43 war der Historiker Siegfried Viola für die Neuordnung des Archivs besorgt. Damals wurde der ganze Bestand mit einem Kreuzkatalog auf Tausenden von Karteikarten erschlossen. Im Jubiläumsjahr 1960 erfolgte eine Überarbeitung des Archivs durch Walter Rickenbach. Im Hinblick auf das 200-Jahr-Jubiläum der SGG wurden Stephan Holländer und Martin Gabathuler 1994 mit der neuerlichen Aufarbeitung des Archivs beauftragt. Alte Archivschachteln und Schutzumschläge wurden durch alterungsbeständige, säurefreie Behältnisse ersetzt, Metall- und Plastikteile entfernt. Zudem wurde für die inhaltliche Erschliessung des Archivs eine Datenbank konzipiert und umgesetzt. Im Zusammenhang mit der Übernahme des SGG-Archivs durch das Schweizerische Sozialarchiv wurden die Datenbankeinträge mit den Informationen des Kreuzkatalogs verknüpft. Im Ergebnis steht heute für die Benützung erstmals ein detailliertes Archivfindmittel zur Verfügung. Das mehrere hundert Seiten umfassende Verzeichnis kann online konsultiert werden. Die Akten selbst, d.h. die Unterlagen der SGG aus den ersten 150 Jahren der Gesellschaftsgeschichte, stehen im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs allen Interessierten ohne Benutzungsbeschränkungen zur Einsicht offen.

20. April 2011Urs Kälin zurück